von Jürgen Jesinghaus (copyright)
Professor F. E. Findeisen, Kenner des Koptischen am Ägyptischen Museum Berlin, entdeckte an einem regnerischen Sonntag in den Archiven seiner Wirkungsstätte einen Text, den er – das fühlte er dunkel – schon einmal gesehen, aber nicht genügend beachtet hatte. Nun, im kalten Lichtkegel einer Energiesparlampe und in der melancholischen Stimmung eines hohen Raumes, an dessen Fensterscheiben der Regen zarte Wasservorhänge hinabwallen ließ, da stach ihm das koptische Wort für Josef in die Augen. Der Name schrie ihn an und bat, die nutzlose Zeit eines Sonntags mit dem Studium dieser Papyrus-Rolle auszufüllen. Findeisen wand sich, denn ihm schwante, dass er, wenn er einmal anfinge, Monate darauf verwenden würde, den Text in ein lesbares Englisch zu übersetzen, damit es die wenigen Experten auf der Welt zu lesen bekämen. Wer hieß nicht alles Josef! Als aber die koptische Vokabel für das griechische „Tekton“ in sein Gesichtsfeld rückte (sie lautet als Fremdwort im Koptischen nicht anders als das griechische Original), da entschloss sich Findeisen, den Rest des Tages darauf zu verwenden, diesen Text eindringlicher als bisher in Augenschein zu nehmen.
Findeisen versuchte, die Schrift auf der beschädigten Papyrus-Rolle wörtlich zu übersetzen, mit allen Auslassungen, die ihm abgeblätterte, herausgerissene oder verbrannte Stellen auferlegten, und er sollte, was die Mühe betraf, Recht behalten. Denn erst Anfang 2011 nahm das Journal for Jewish and Christian Archaeology (JJCA) seine Arbeit an, veröffentlichte sie und löste eine weltweite heftige Diskussion darüber aus, ob es sich um ein echtes oder gefälschtes Evangelium handele, dazu um eines, das der Vater Jesu verfasst haben soll. Findeisen nannte es Codex Josephi Nazareni oder einfach EvJos (das Evangelium Josefs des Herrenvaters, kurz Josefevangelium). Die Publikation im JJCA war für die Wissenschaft erforderlich, aber unleserlich für den interessierten Laien. Darum verfasste er einen Text, der die Lücken schließt (ohne den Sinn des Originals zu entstellen) und den der Leser in einer dem Gegenstand angemessenen, dennoch gewohnten Sprache rezipieren kann. Dieser Text wird hiermit, exklusiv, dem Publikum vorgestellt.
EvJos Anfang
Ich schreibe nieder, was ich nach einer langen Irrfahrt über das Leben meines erstgeborenen Sohnes Jesus gehört habe. Einem Vater widerfährt nichts Schlimmeres, als dass sein Kind vor ihm zu Grabe getragen wird. Er tröstet sich nicht damit, dass ein Gott das Kind zu einem großen Werke ausersehen und mit allen Eigenschaften begabt hat, das Werk erhaben und schnell zu vollenden, um den Vollender alsbald zu sich zu rufen und sich in dessen Vollkommenheit zu spiegeln. Aber wer wischt die Tränen der Mutter fort? Wer lindert den Gram des Vaters? Mir bleibt nur, Erinnerungen aufzurichten, meine eigene Erinnerung an einen Menschen, den ich durch ein unnachsichtiges Schicksal verloren habe, als er an der Schwelle zur Reife stand, und die Erinnerungen anderer, glaubwürdiger Personen, denen die Freude vergönnt war, wenigstens eine kurze Zeit in seiner Gegenwart zu verbringen und seine erstaunlichen Reden zu hören, die auch heute noch, da mich das Alter an den Rand des Grabes ruft, auf Plätzen und in Gebetshäusern verkündet werden, so dass ich mich meiner Unwissenheit schäme. Ich habe in meinem Sohn Jesus einen Meister gefunden und will es gerne eingestehen, um den übergroßen Verlust ertragen zu können, den mir der Tod meiner Frau und meines Erstgeborenen auferlegt hat und der mich schier erdrückt.
Obwohl unwürdig, beginne ich die Erinnerung an meine geliebten Verstorbenen mit mir selbst, um alles in gehöriger Reihenfolge berichten zu können. Ich wurde im vierten Jahr der Regierung des Königs Herodes zu Bethlehem geboren. Mich gebar Esther, die Frau Jakobs, meines Vaters, Mattans Sohn. Und abermals: Obwohl unwürdig, kann ich nicht verhehlen, dass mein Vater und alle Väter davor eine Geschlechterkette bilden bis vor den Thron Davids, des von Gott Geliebten. Ich hätte diesen Umstand verschwiegen, wenn er nicht mit so starker Wirkung mein Leben und das meiner Frau, meines Erstgeborenen und vieler anderer umgebogen hätte in eine Richtung, die ich nicht einschlagen wollte, und zu einem Ziel, das der Heilige Israels alleine versteht und das sich mir in meinem Alter nur schemenhaft erschließt.
Als es an der Zeit war, einen Beruf zu erlernen, zog ich nach Jerusalem, der Stadt, in der König Herodes baute. Dort studierte ich die Kunst der Architekten. So wurde ich Tekton, geschickt, in Stein und Holz zu arbeiten. Der König hatte den Bau des Tempels fast vollendet, als ich einem Beamten der Baubehörde meine Dienste antrug. Da ich, ein Jüngling, mit meiner Abkunft prahlte und meine Fertigkeit im Bearbeiten von Marmor und edlen Hölzern über mein Verdienst herausputzte, so mag der Beamte meine Angeberei als Eifer ausgelegt haben, denn er stellte mich ein, um am Tempel des Ewigen Schlußsteine zu hauen, Dächer zu decken und letzte Schliffe zu vollbringen. Ich wurde ein eifriger und guter Tekton.
Im Innenhof des Tempels, zwischen Baumaschinen, Werkstätten und Arbeiterwohnungen, dort begegnete ich ihr zum ersten Mal, Miriam, meiner Geliebten. Als ich sie sah, da musste ich stehen bleiben, denn der Geist war überfordert, meine Schritte zu lenken und zugleich den Anblick ihrer Gestalt zu umfassen. Mein Begleiter erkannte das Staunen, zog mich am Ärmel und sagte: „Sie arbeitet als Weberin, zuständig für einen Teil der Innendekoration. Ihre Tante ist mit einem Priester verheiratet, sie stammt von Aaron ab, dem Leviten. Miriam darf hier dienen wegen alledem und wegen ihrer Geschicklichkeit und, wie du selbst es erkannt hast, ihrer Schönheit wegen. Komm! Ihr werde ich dich morgen vorstellen. Geduld, du Sohn Davids.“ Ich verbrachte die Nacht schlaflos und konnte den Tag nicht erwarten.
Als Miriam sich umwenden musste, weil ich ihr vorgestellt wurde, und als sie meinen Namen hörte, da blickte sie mich ohne Umschweife an, aber auch ohne Anzüglichkeit, sondern forschend, über eine weite Entfernung hinweg, jedoch MICH meinend, denn es war keiner der verloren gehenden Blicke, wie ich sie oft beim Gang über Baustellen und Märkte erlebe. Seitdem bin ich ihr ausgeliefert. Mein Begleiter verließ uns. Der erste Satz, den Miriam, meine Geliebte, sprach, aber war dieser: „Ich webe Lilien in Salomos Teppich.“ Ich stammelte: „Ich baue Bögen in Salomos Tempel.“ Es klang wie Losungsworte, wie ein Petschaft der Sprache. Da lachte sie versonnen und entgegnete: „Wir bauen und weben.“
Seit dem Tage nannte man uns spöttisch Tochter Aarons und Sohn Davids. Der wohlmeinende Spott wurde weiter getrieben, bis es hieß: „SIE stammt aus dem Priestergeschlecht, ER aus dem Königsgeschlecht – was wäre besser geeignet zur Zeugung des Messias’, der in Israel König sein soll!“ Die Pharisäer aber begannen, das messianische Königtum mit der Regierung des Fürsten Herodes zu vergleichen. Sie flüsterten oder schrien: „Herodes aus Edom ist der Antifürst, er darf kein König in Israel sein!“ Herodes, König von der Römer Gnaden, um Selbstständigkeit bemüht und seinen Willen hervorkehrend, indem er bauen ließ, auch mit meiner, seines dankbaren Tektonen, Hilfe, fürchtete um seine Macht und strafte das freche Mundwerk der Aufsässigen und warf auch manch einen Edlen ins Gefängnis. Das alles, was ich hier in dürren Worten berichte, besprach ich mit Miriam, meiner Geliebten, und wir beschlossen, vorsichtshalber die Nähe des erzürnten Königs zu verlassen. Darum zogen wir nach Norden hinauf bis Galiläa, wo wir in Nazareth eine Bleibe fanden. Dort warfen wir uns in die Arme und wurden nach Gottes Willen eines. Danach traute uns der Priester, um dem Gesetz zu genügen.
Alsbald erreichte uns die Nachricht eines königlichen Beamten. In freundlichen Worten, in verführerischer Sprache, teilte er uns mit, der König bedürfe unser zur Fertigstellung des Tempels, eines nationalen Projektes, an dessen Vollendung alle Patrioten mitwirken müssten. Ferner befahl er meine Anwesenheit zum Zwecke, die Steuerlisten der königlichen Verwaltung auf einen neuen Stand zu bringen. Deswegen sei meine Anwesenheit in Bethlehem erforderlich, wo sich die Liegenschaften meiner inzwischen verstorbenen Eltern befänden. So hörte ich, dass sie gestorben waren, erst meine Mutter, dann aus Schmerz über ihren Verlust der Vater. Trotz mancher Bedenken und obwohl Miriam, meine Geliebte, schwanger war von meiner nie erlöschenden Liebe zu ihr, fassten wir den Entschluss, hinabzuziehen in die Höhle des Löwen, auf Gottes Beistand vertrauend. In Bethlehem, meiner Geburtsstadt, der Stadt Rahels, der Frau Jakobs, unseres Erzvaters, suchte ich ein sicheres Versteck, bevor ich mich nach Jerusalem begeben würde, um zu erfahren, was wahr und was falsch wäre an den Worten des königlichen Beamten.
Meine Geliebte, meine Ehefrau, die Weberin, gebar in dem Versteck, das ich in Bethlehem ausgesucht hatte, den Sohn, den wir Jesus nannten. Wir nannten ihn so, weil wir darauf bauten, der Ewige würde uns wie Josua eine sichere Heimat geben und nicht, wie Moses, nur in Aussicht stellen. Wir wussten nicht, was nun zweckmäßig zu tun wäre. Aber in meiner scheinbaren Ratlosigkeit riet mir eine innere Stimme, mich nicht nach Jerusalem zu begeben, mich nicht der Gegenwart des Königs oder seiner Beamten auszusetzen, sondern südwärts zu fliehen. Nach der Beschneidung unseres Knaben reisten wir, indem wir Edom, des Königs Stammlande, mieden, nach Askalon, wo wir ein Schiff bestiegen, das uns sicher nach Ostrazine in Ägypten trug, in den Herrschaftsbereich des römischen Präfekten Turranius, der nichts von Aaron und David wusste und nichts auf unsere Abstammung gab, der aber bald unsere Fertigkeiten schätzen lernte. Dort sah ich erstmals Balliste und Onager, Widder und Wandeltürme in den Arsenalen, wo ich arbeitete. Da lernte ich ihre Funktionsweise und ihren tödlichen Zweck.
Nach dreijährigem Aufenthalt im Delta erfuhr ich, dass Herodes gestorben war, und seine Nachfolger enger an die Römer gebunden wurden, als jemals der schlaue König, dessen Brot ich gegessen und dessen Zorn ich der Pharisäer wegen gefürchtet hatte. Nun herrschte sein Sohn Antipas über Galiläa, ein halber Römer. Darum entschlossen wir uns, Jerusalem, die Pharisäer und den übel beleumdeten Archelaos meidend, nach Nazareth zurückzukehren. So geschah es, denn Turranius hatte es erlaubt. In den ersten zwei Jahren nach unserer Rückkehr arbeitete ich außerhalb Nazareths, wo meine Familie wohnte, als Tekton in Sepphoris und in den Städten am Harfensee. Ein bescheidener Wohlstand erlaubte es mir dann, die Werkstatt in Nazareth zu kaufen. Ich stellte Handwerker ein, auch Gesinde, das meine Frau unterstützte, die uns im Lauf der Jahre vier weitere Söhne gebar: Jakobus, Josef, Simon und Judas.
Aber nicht von mir und Miriam sei hier die Rede, sondern von unserem ältesten Sohn, dessen kurzes Wirken und früher Tod der Grund für zahlreiche Gerüchte ist, für Berichte über Wunder und Weisheitslehren, so dass ich mir die Augen reibe und mich frage, ob ich träume oder ob mein Same so viel Erstaunliches hätte bewirken können oder ob nicht, wie in verklungenen Tagen, der Heilige Israels selbst in unsere Verhältnisse eingegriffen hätte. Ich bin mir keiner Verdienste um Israel bewusst. Aber Jakobus, mein zweiter Sohn und der einzige, der mir geblieben ist, behauptet, ich hätte den Schlußstein in Israel gesetzt und den Eckstein für eine künftige Welt. Das verursacht mir Rauschen im Kopf, Wirbel vor den Augen und zorniges Aufwallen. Dann setze ich mich unter die Terebinthe im Garten meiner Schwiegertochter, um mein Blut zu dämpfen und mich an Jesus zu erinnern, wie er sich gab, als er noch bei uns wohnte.
Mir war nichts an ihm aufgefallen, was mich hätte vermuten lassen, er werde ein Weiser oder ein König, ein Redner oder Feldherr. Ich hatte gehofft, einen Tektonen aus ihm zu machen. Die Hoffnung war begründet. Rückblickend erkenne ich einen besonderen Wesenszug an ihm: Seine ungeteilte Hinwendung, nicht nur zu Menschen und Tieren, sondern auch zu Gegenständen, zu unseren Werkzeugen und dem Material auf dem Bauhof. Seine rasche Auffassung eignete sich alles an wie im Fluge. Aber diese Aneignung war kein Kaufen. Er betrachtete Dinge und Wesen mit einer gelassenen Strenge, aber wie aus weiter Ferne, wie ein Mensch ohne Geld die Auslagen des Marktes nur betrachtet, oder wie ein Mensch, dem alles gehört und darum nichts mehr begehrt. Dieser Blick, der mich manchmal erschreckte, der nicht anzüglich war, aber eine Beziehung webend, die nicht Besitz ergreift, gemahnt mich an Miriam, als ich ihr vorgestellt wurde. Daher war Jesus der Sohn Miriams, denn er besaß IHREN Blick, den sie auf mich geworfen hatte. MEIN Blick auf die Welt ist einnehmend und zuhauend. Ich erinnere mich nicht, Jesus jemals über Schriftrollen gebeugt wahrgenommen zu haben, so als hätte er keine Zeit mit dem Lernen verbracht. Trotzdem wusste er vieles aus der Schrift, mehr als ich, der ich um der Tradition willen die Thora und die Chroniken der Könige so gut wie auswendig kannte. Auch in praktischen Dingen war er bewandert. Ich brauchte ihm nicht zu erklären, wie man den rechten Winkel mit einer Knotenschnur bemisst. Er wusste es bereits und konnte es begründen.
Ich habe seine Folgsamkeit nie auf die Probe gestellt. Einesteils gab es selten eine Veranlassung, zum anderen wollte es mir scheinen, als hätten väterliche Verbote keine Wirkung auf sein Handeln. Ich belehrte, aber tadelte nicht, auch nicht, wenn er meiner Ansicht nach einen Tadel verdient hatte. Nur einmal bereitete er uns Kummer. Das geschah so. Nach sieben oder acht Jahren zufriedenen Lebens in Nazareth wagten wir es, am Pessachfest in Jerusalem teilzunehmen. Die Jüngsten ließen wir in der Obhut einer Kinderfrau zurück. Miriam, Jesus und ich schlossen uns einer Gesellschaft an und machten uns auf den Weg nach Zion, der Stadt Davids. Die Römer hatten Archelaos vom Thron gestoßen und einen der Ihren, den Coponius, zum Präfekten über Judäa gesetzt. Darum hofften wir auf eine günstige Reise. Miriam hatte Jesus aufgetragen, sich im Gedränge Jerusalems eng an uns zu schließen. Und ich riet ihm, sollte er uns aus den Augen verlieren, am Tor zur Straße nach Joppe, in welcher Stadt wir ein Schiff besteigen würden, auf uns zu warten. Es geschah, wie befürchtet. Ich eilte zum Joppe-Tor, Miriam aber, einer Ahnung folgend, zum Tempel. Dort fand sie Jesus im Innenhof, wie er neben dem Hohenpriester Hannas auf einem Brunnenrand saß und mit der hohen Stimme des Zwölfjährigen rief: Wenn dem Ewigen abermals die Welt nicht gefallen sollte, möge er nicht wieder seine Geschöpfe opfern, sondern sich SELBST. Miriam entsetzte sich. Sie entschuldigte sich und den Knaben bei dem Hohenpriester in demütiger Weise. Dieser entließ gnädig Mutter und Sohn, so dass unsere Reise doch noch ein glückliches Ende nahm, obwohl uns wegen des drohenden Verlustes und der Keckheit unseres Jungen der Schrecken in die Glieder gefahren war.
Mein Lebenslauf steht hier nicht zur Rede, trotzdem muss ich berichten, wie meine Verhältnisse zerrissen wurden, wie ich meine Familie und meinen Besitz verlor und warum ich am Schicksal meines Erstgeborenen keinen Anteil nehmen durfte. So sehr prüfte uns der Ewige, Miriam um ihrer Stärke willen mehr als mich, der ich schwach bin. Unser Fürst begann große Bauvorhaben in Sepphoris, der Stadt, die er zum Sitz seiner Verwaltung bestimmt hatte. Deshalb ereilte mich über die Staffel seiner Beamten der Befehl, in das Land seines Halbbruders zu reisen, des gütigen Fürsten Philippos, um die neue Stadt Caesarea Philippi zu studieren, und bei dieser Gelegenheit die Trachonitis zu bereisen, ob man in der Steinwüste brauchbares und billiges Baumaterial fände, das man über den Jordan in den Harfensee flößen könnte. Ich tat, wie befohlen, und verabschiedete mich von Miriam und meinen Söhnen. Nachdem ich zwei Wochen in Caesarea verbracht hatte, schloss ich mich einer Karawane an. Am Rand der Steinwüste überfielen uns berittene Barbaren, Ismaeliten. Sie hieben alles nieder, was Waffen führte. Die übrigen nahmen sie gefangen, auch mich, und machten uns zu Sklaven. So verbrachte ich fast zwei Jahre in den Zelten der Ismaeliten. Sei es um Abrahams willen oder wegen meiner Geschicklichkeit: Ich fand milde Herren, lernte die Wasserkunst und durfte mich innerhalb enger Grenzen frei bewegen. Dann aber wurde ich in Ketten geschlossen und über verschlungene Pfade nach Tyros an das Meer verschleppt und von dort mit vielen anderen nach Ptolemais. Nie mehr danach, bis zu meinem sechsundsechzigsten Lebensjahr, war ich Nazareth so nah! Aber ich lag in Ketten, und alles Bitten half nichts, denn wer wollte mir glauben, dass ich im Auftrag des Fürsten unterwegs gewesen und einem Überfall der Barbaren zum Opfer gefallen war, einem Verbrechen auch gegen den Kaiser in Rom.
Als Tekton, der ich im Nil-Delta nach römischen Vorgaben gearbeitet hatte, waren mir zwei lateinische Wörter als der Sicherheit auf Baustellen dienlich vertraut geworden: die Wörter ‘Achtung’ und ‘Vorsicht’. Der Ewige mag mein Elend als zu groß erkannt haben, denn er ließ in Ptolemais folgendes geschehen: Der Präfekt in Syrien, Cyrenius Quirinius, hatte sich nach Ptolemais begeben, um von dort über das Meer in seine Heimat zu segeln. Sei es, dass wir als Sklaven schon sein Eigentum waren, sei es, dass wir zufällig in der Nähe seines Schiffes lagerten, jedenfalls hockten wir gefesselt an Händen und Füßen nahe der Brücke zum Schiff. Der Präfekt schritt auf die Stelling zu, als ein Zelot, ein Landsmann von mir, der sich gegen die Fremdherrschaft verschworen hatte, mit gezücktem Schwert gegen ihn springen wollte. Unwillkürlich, ohne Berechnung, schrie ich ‘Achtung’ und ‘Vorsicht’ und wiederholte gellend kurz hintereinander meinen Schrei, so dass sich der Statthalter zu mir drehte und den Angriff gewahrte. Er entwich dem sonst tödlichen Stoß und wurde nur leicht verletzt. Ich aber verursachte durch meine Warnung den grausamen Tod eines Israeliten, rettete aber das Leben eines Römers und wurde, ohne dass ich es wollte, der Balken an der Waage des Schicksals über das Leben zweier Männer und, wie sich erweisen sollte, auch über mein eigenes Leben. Zwar wollte der Präfekt mein Verdienst um seine Rettung nicht so hoch anschlagen, dass er mich auf der Stelle befreit hätte, obwohl ich ihn darum bat, aber ich gewann dennoch sein Wohlwollen, durfte in seinem Gefolge das Schiff ‘Aquila’ betreten und wurde auf hoher See von meinen Fesseln erlöst. So kam ich nach Ostia und Rom.
Ich war Sklave, aber ohne Eisenketten, nur gefesselt durch den strikten Befehl, einen Bannkreis, den Molosser-Hunde hüteten, nicht zu übertreten. Der Statthalter stellte Urkunden für mich aus, die ein beifälliges Urteil über meinen Charakter und meine Kunst bezeugten, und gab mich aus seiner Hand. Ich wechselte meine Herren als gekauft oder verschenkt. Zuerst musste ich grobe Arbeit verrichten, Steine brechen und Straßen pflastern, danach setzte man zunehmend Vertrauen in meine Kunst als Tekton und übertrug mir die Leitung über den Bau von Landhäusern im Norden Italias, bis ich, Eigentum des Kaisers, zu den Soldaten befohlen wurde und mit ihnen als Architekt für Kriegsmaschinen über das Grauen erregende Alpes-Gebirge in die Germania inferior ziehen musste. Ich lebte jahrelang in den Militärlagern an der Grenze des römischen Reiches. Der Kaiser mochte geplant haben, sein Imperium über den Rhein hinaus nach Osten auszudehnen, aber ich erkannte wohl, das nach der Niederlage des Legaten Varus gegen die Barbaren der Offensivplan mehr und mehr ins Stocken geriet. Daraus zog ich Nutzen und bat um meine Verwendung beim zivilen Ausbau der Ubier-Stadt, damit ich aus den Arsenalen entlassen würde, denn jenseits des Stroms, im Grenzgebiet der Barbaren, ließen sich Verteidigungs- und Belagerungskunst, für die ich geschickt war, schwerlich verwenden. So geschah es. Ich wurde, obwohl immer noch Sklave, ein gut bezahlter Tekton in Niedergermanien. Ich heiratete ein zweites Mal und zeugte eine Tochter und einen Sohn. Miriam, meine Geliebte, die Weberin, und der Heilige Israels mögen mir verzeihen und es den Umständen meiner Versklavung und den Strapazen meines Umherziehens anrechnen. Als dem Germanicus, Oberbefehlshaber der Truppen, in der Ubier-Stadt die Tochter Agrippina geboren wurde, da erhielten meine zweite Frau und ich die ersehnten Freibriefe. Trotzdem war ich durch Verträge eng an den Germanicus gebunden. Mein Vorhaben, in die Heimat zurückzukehren, wurde begünstigt durch den Entschluss des Feldherrn, sich nach Syrien zu wenden. So gelangten wir in seinem Gefolge nach Antiochien am Orontes, wo mein Gönner starb im sechsundfünfzigsten Jahr meines Lebens. Es dauerte abermals zehn Jahre, bis meine familiären, finanziellen und rechtlichen Verhältnisse so geordnet waren, dass ich, nun ein römischer Bürger, die Rückkehr nach Galiläa erwägen durfte. Ich ließ den Fürsten wissen, denselben, der mir vor zwanzig Jahren befohlen hatte, die Länder seines Bruders zu bereisen, dass ich zurückgekehrt sei und seinen Befehl ungenügend befolgt hätte, und bat ihn dennoch, als römischer Bürger meiner Bitte Gewicht verleihend, Nazareth und die Städte am Harfensee zu betreten.
Ich reiste inkognito und alleine, meine Familie am Orontes in Sicherheit wissend. In Nazareth hielt ich Umschau und fragte junge Leute, die mich nicht mehr von Angesicht kannten, nach Miriam und Jesus, dem Tektonen, und nach einem gewissen Josef, seinem Vater. Sie kannten einen Jesus, wussten aber nichts Genaues, außer dass er in Kapernaum gelehrt und in Judäa hingerichtet worden sei. Diesen Jesus meinte ich nicht. Trotzdem begab ich mich zum Harfensee, um an seinem Ufer die Suche nach Miriam und dem Erstgeborenen fortzusetzen. Das Nützliche mit dem Angenehmen verbindend, ritt ich zuerst in die neue Stadt meines Fürsten, die er dem Kaiser zuliebe Tiberias genannt hatte. Welch eine Pracht! Was hätte ich hier bewirken können! Und wo, wenn nicht hier, fände ich Spuren meines Sohnes? Einen Jesus kannten die Leute, den Sohn eines Tektonen. Er habe an beiden Ufern des Sees Menschen versammelt, Aufruhr verursacht und sei deshalb geflohen oder umgekommen. Ich eilte nach Magdala. Und wieder sprachen sie von Jesus, einem Galiläer. Er habe Gutes bewirkt, Menschen geheilt und Dämonen vertrieben. Wie beflügelt eilte ich weiter nach Kapernaum. Dort traf ich Jesuaner, Menschen, die sich Jesus aus Nazareth, dem Sohn eines Tektonen, angeschlossen hatten, und die nun, da er gestorben war, aber von den Toten auferstanden sei, auf eine bessere Welt hofften und inzwischen, seiner Lehre treu, gewaltfrei und in Liebe zueinander leben wollten. Sprachen sie von MEINEM Sohn? Sollte ER es sein? Wie viele Männer mit Namen Jesus, deren Väter Architekten sind, gab es in Nazareth? Ich erschrak. Geflohen, hingerichtet, Aufruhr, gestorben, aber lebendig: Ich konnte es nicht fassen! Hoffend, aber auch fürchtend, er möge es nicht sein, zerrissen, wie ich war, fragte ich bei den Jesuanern nach Miriam und meinen anderen Söhnen. Ein kundiger Mann gab mir Gewissheit: Jakobus, der Bruder des Gesalbten, halte sich in Jerusalem auf, um dessen geistige Hinterlassenschaft zu organisieren, desgleichen auch die Frau des Gesalbten, Miriam aus Magdala. Die hochverehrte Mutter Jesu, ebenfalls Miriam mit Namen, sei aus Gram über den Tod ihres Sohnes kurz nach der Hinrichtung gestorben. Von seinem Vater hingegen werde nichts berichtet.
Ich verschwieg, wer ich bin, fragte nach der Adresse des Jakobus’ in Jerusalem und erhielt die hinhaltende Antwort, man könne ihn am Platz der Steinbrüche treffen, ebenso gut wie an anderen Plätzen. Jesuaner müssten vorsichtig sein, damit sie nicht verleumdet würden wie der Stifter ihrer Gemeinde. Ich reiste nach Judäa, in den Herrschaftsbereich des Präfekten Pilatus, dessen Mittäterschaft an der Ermordung meines Ältesten ich bald erfahren sollte. In Jerusalem verprasste ich keine Zeit mit Erinnerungen, sondern suchte den Platz der Steinbrüche auf. Vielleicht, dass mich der Zufall oder Gottes Erbarmen mit meinem Sohn zusammenbrächte. An zwei Tagen stellte ich mich auf den Platz und rief „Josef, Jakob, Mattan“, eine Losung, die derjenige verstehen würde, der darin die Namen seiner Vorfahren erkennt. Am dritten Tag aber schrie ich „Miriam“, und als ich es hinausschrie, da liefen mir die Tränen in den Bart, weil mich die Erinnerung an meine Geliebte, die Weberin, mit solcher Macht überkam, dass ich nicht anders konnte und vor Schmerz auf die Trittsteine fiel. Ein Mann griff mir unter die Arme und zog mich hoch wie der Kran einen schwankenden Balken. Als ich meinem Helfer ins Gesicht sah, erkannte ich mich in ihm. Ich warf mich zu seinen Füßen und bat ihn um Verzeihung dafür, dass ich den Söhnen kein Vater gewesen war und dass ich ihrer Mutter soviel Gram bereitet hatte. Jakobus stellte mich den Seinen vor und drängte mich, als den Vater des Gesalbten, die jesuanische Gemeinschaft zu führen. Entsetzt über sein Vertrauen in meine Fähigkeit, die ich nicht habe, lehnte ich sein Ansinnen ab. Ich selbst bedurfte ja der Belehrung! Und es dauerte viele Tage, bis ich im Bilde war, wie mein Ältester ermordet wurde und um wessentwillen.
Der Sanhedrin lag mit der Lehre Jesu überquer. Darum verleumdete er ihn bei dem Präfekten. Der wollte Händel, Untersuchungen und ein Urteil vermeiden und schickte deshalb meinen Sohn als Gefangenen zur galiläischen Botschaft in Jerusalem, wo zufällig Herodes Antipas in diplomatischer Mission residierte. Der Beschuldigte, so Pilatus, sei Galiläer und falle darum unter die Gerichtsbarkeit des Herodes. Mein Fürst jedoch ließ wissen, dass gegen meinen Sohn nichts vorliege, was eine Anklage rechtfertigt, und sandte ihn zurück. Der Sanhedrin hatte alles schlau eingefädelt und die Anwesenheit meines Fürsten in Jerusalem dazu benutzt, die Regenten in Israel gegeneinander auszuspielen. Warum das alles? Die Priester sahen ihren Einfluss schwinden, den Durchgriff auf das Volk. Mein Sohn habe sich als den Gesalbten in Israel bezeichnet, als Messias, als Menschensohn, Gottesknecht, ja, als den Sohn Gottes, und dadurch die Fackel des Aufruhrs in das Gebälk der Provinzen geschleudert und den Funken an der Wurzel des Reiches angeblasen. Denn Gesalbter, Menschensohn oder Messias sein zu wollen, das heiße, nach der Herrschaft in Israel zu trachten. Der Präfekt, nicht vertraut mit den überlieferten Schriften und nicht willens, der verleumderischen Klage auf den Grund zu gehen, entledigte sich der Angelegenheit, wie jemand einen kläffenden Köter tritt oder eine lästige Mücke zerdrückt. Was bedeutete ihm ein Leben, wenn er nur seine Ruhe in Judäa und vor dem Kaiser hätte? Mein Sohn war ihm nichts mehr als lästig! DARUM ließ er ihn kreuzigen.
Deshalb fing ich an, den Präfekten Pilatus zu hassen. Ich schämte mich als römischer Bürger, und ich bedauerte, dem Cyrenius ein Retter gewesen zu sein, obwohl er mit dem Scheinprozess nichts zu schaffen hatte, und verfluchte den Tag, an dem durch meine Schuld das Blut eines mutigen Israeliten vergossen wurde. Ich war vollgestopft mit Rache und schmiedete Pläne, die Verantwortlichen umzubringen. Ich weihte Jakobus ein und teilte ihm die Absicht mit. Er aber belehrte mich, dass sein Bruder, mein Sohn, keine Rache gewollt, sondern im Gegenteil, seinen Mördern verziehen habe mit dem Wort: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Darin nämlich bestehe der Hauptgedanke seiner Lehre: Nicht zu hassen, sondern seine Nächsten zu lieben. Ich erschauderte und fragte, WEN er als Vater bezeichnet habe, und Jakobus entgegnete zögerlich, wie um meine Enttäuschung zu dämpfen: „Den Heiligen Israels.“ Ob Jesus je von MIR gesprochen habe, wünschte ich zu wissen, und Jakobus antwortete schnell: „Viele Jahre und immer wieder.“
Ich erkundigte mich weiter nach der schriftlichen Hinterlassenschaft, nach einer veröffentlichten Zusammenfassung seiner Lehre, um sie aus erster Hand zu empfangen. Aber mein Sohn Jakobus erklärte, der Gesalbte habe, abgesehen von privater Korrespondenz, nur einmal seine Lehre schriftlich niedergelegt, im wahren Sinne des Wortes, nämlich vor die Füße einer des Ehebruchs beschuldigten Frau. In den Sand, der im Binnenhof des Tempels ausgestreut liegt, habe er mit dem Finger die Worte des Ewigen an Moses gezeichnet, wie sie in den Abschnitten Devarim und Wajikra geschrieben stehen: Du sollst Gott lieben und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Jakobus war Zeuge und wusste vermutlich, was Jesus meinte. Nämlich an die Frau gerichtet: Du sollst Gott lieben, indem du seine Gebote achtest. An die Schriftgelehrten gerichtet: Du sollst deinen Nächsten lieben und nicht steinigen. Ich sagte: „In den Sand geschrieben ist schnell vergessen.“ Jakobus darauf: „Überhaupt nicht geschrieben! In die Herzen geschnitten, DAS hat er gemeint. Wir Geschöpfe haben verschiedene Leiber, aber unsere Seelen sind ein Teil des Ewigen, und darum ist auch Pilatus ein Teil von dir.“
Ich erinnerte mich an das Wort, das Miriam von unserem heranwachsenden Sohn unter Tränen und ahnungsvoll berichtet hatte: Wenn die Welt im Argen liegt, möge der Ewige nicht mehr seine Geschöpfe, sondern sich SELBER opfern. Dieser Satz war für uns das Ende des Denkens gewesen. Wir hatten uns verboten, darüber zu sprechen, weder bei Tisch noch auf den Feldern und Wegen. Der Jüngling aber hatte es zu Ende gedacht und darum geschwiegen. Denn für ihn war damit alles gesagt worden. Wenn die Hinrichtung das Opfer des Menschensohns an Stelle des Ewigen, des Schöpfers Himmels und der Erde, gewesen sein soll, wie vertrug sich damit das Gerücht, der Menschensohn sei von den Toten auferstanden und gen Himmel gefahren? Darüber begehrte ich Auskunft von den Jesuanern. Jakobus sprach: „Wie der Rauch des Brandopfers zum Himmel aufsteigt.“ Ich empörte mich und fragte: „Ihr habt ihn verbrannt?“ Und Jakobus: „Sein Leib wurde nicht verbrannt, sondern verklärt.“ Dann begleitete er mich zu Miriam aus Magdala, der Frau des Gesalbten, den sie auf Griechisch den ‘Christos’ nannten. Abermals begegnete ich dem unverschleierten Blick aus der Ferne, wie ich ihn nur an meiner Geliebten und meinem Ältesten gesehen hatte. Nach einer Zeit des Schauens umarmte sie mich und begann, an meiner Schulter zu weinen. Wir weinten. Dann fasste sie meine Hand und führte mich zum Friedhof nahe dem Schädelberg. Im Felsengrab Josefs aus Ramatajim, der Stadt Samuels, des Königmachers, dort sei mein Sohn bestattet worden. Als wir …
EvJos Ende
Hier endet der Text. Sein Rest war angesengt worden und darum unleserlich. Findeisen vermutet, dass der Papyrus 1981 bei Ausgrabungen in Al-Bahnasa gefunden wurde (die Archiv-Beschriftung erlaubt leider keine eindeutige Zuordnung). Er hält den Papyrus für echt in dem Sinne, dass er keine Produktion der vergangenen zweihundert Jahren ist, und datiert ihn auf das 3. Jahrhundert als eine von etlichen Kopien, deren Urschrift vielleicht von Josef selber stammt oder doch von jemandem aus der Jerusalemer Christengemeinde.
Vermutlich ist Josef an den Orontes zu seiner Familie zurückgekehrt. Die Formulierung im ersten Papyrus-Abschnitt, er habe in seinem Sohn Jesus seinen Meister gefunden, lässt darauf schließen, dass er ein ‘Jesuaner’ geworden ist, die Gemeinde in Antiochien unterstützt und ihr sogar zu ihrer bedeutenden Stellung in der Urchristenheit verholfen hat. Findeisen kündigt an, den Archiv-Bestand systematisch zu durchforschen, um weitere Aufschlüsse über Josef zu erhalten, dessen Wichtigkeit bis zu dieser Veröffentlichung unterschätzt worden sei. Vielleicht muss die Apostelgeschichte neu geschrieben werden.