Mombasa oder die Welt

Jürgen Jesinghaus
Mombasa oder die Welt
Roman

372 Seiten, gebunden
ISBN 9783905960129
€ 21.50 (D)
€ 22.10 (A)
CHF 39.90

Jürgen Jesinghaus, der Autor des Romans „Nikolaus, der Mann aus Myra“ und des Berlin-Romans „Mauerstreifen“, befasst sich in seinem neuen Werk wiederum mit einem Menschen, der seine Stellung im Leben sucht – das Generalthema des Autors: Wie winde ich mich aus beengten Verhältnissen in einen Raum größerer Freiheit? Wie stehe ich der Welt gegenüber und wie sieht sie mich an? Welche Fesseln bleiben mir auferlegt und welche muss ich abschütteln? Und wer bin ich dann? Solche Fragen trägt der Protagonist Philipp Radebusch nicht auf der Zunge. Ja, er stellt sie nicht einmal, aber er handelt so, als wären sie im gestellt worden.

Philipp Radebusch, zweiter Sohn eines Betriebselektrikers aus dem Rheinland, lernt Kellner in Oplyr (einem fiktiven Ort zwischen Bonn und Brühl). Die ihm zugedachte Lehrstelle genügt ihm nicht. Darum besucht er ein Abendkolleg in Bonn. Nach dem Abitur studiert er Nautik in Bremerhaven. Es verschlägt ihn nach Hamburg in das Büro eines Klarierungsagenten. In Rotterdam beginnt seine abenteuerliche Reise auf einem Seelenverkäufer in den Indischen Ozean, zuerst an die Küste Pakistans, später an die Küste Kenias – nach Mombasa. Er gerät in äußere Verwicklungen um Waffenschieberei und Medikamentenfälschung. Er stürzt in innere Verwicklungen um Pflicht und Liebe. Starke Frauen, denen er begegnet, sind Johanna, die Mutter seines Sohnes, Mwana Mkisi, eine kenianische Ministerin, die in Bonn studiert hat, und Subira Rafiki, genannt „Marp“. Zwischen ihnen und Männern wie Daniel Spielstein, Beat Imhof und Sefu Amiri alias „OTH“ wird er geformt, wie ein Rohling zwischen Walzen gebogen, aber nicht gebrochen.

Warum Mombasa? In Mombasa manifestiert sich die Welt ebenso gut wie in Oplyr, einem rheinischen Kaff. Warum dann nicht Oplyr oder Bonn oder Bremerhaven? Weil es gleichgültig ist. Daniel Spielstein, der atheistische Talmudist, würde sagen: Die Einwohnung der Welt ereignet sich in jedem Menschen und an jedem Ort, also auch in Mombasa, mit dem der Autor (obwohl Realist) romantische Vorstellungen verknüpft, zum Beispiel die Vorstellung friedlichen Zusammenlebens von Menschen unterschiedlicher Herkunft.

Das Josefevangelium

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

Professor F. E. Findeisen, Kenner des Koptischen am Ägyptischen Museum Berlin, entdeckte an einem regnerischen Sonntag in den Archiven seiner Wirkungsstätte einen Text, den er – das fühlte er dunkel – schon einmal gesehen, aber nicht genügend beachtet hatte. Nun, im kalten Lichtkegel einer Energiesparlampe und in der melancholischen Stimmung eines hohen Raumes, an dessen Fensterscheiben der Regen zarte Wasservorhänge hinabwallen ließ, da stach ihm das koptische Wort für Josef in die Augen. Der Name schrie ihn an und bat, die nutzlose Zeit eines Sonntags mit dem Studium dieser Papyrus-Rolle auszufüllen. Findeisen wand sich, denn ihm schwante, dass er, wenn er einmal anfinge, Monate darauf verwenden würde, den Text in ein lesbares Englisch zu übersetzen, damit es die wenigen Experten auf der Welt zu lesen bekämen. Wer hieß nicht alles Josef! Als aber die koptische Vokabel für das griechische „Tekton“ in sein Gesichtsfeld rückte (sie lautet als Fremdwort im Koptischen nicht anders als das griechische Original), da entschloss sich Findeisen, den Rest des Tages darauf zu verwenden, diesen Text eindringlicher als bisher in Augenschein zu nehmen.

Findeisen versuchte, die Schrift auf der beschädigten Papyrus-Rolle wörtlich zu übersetzen, mit allen Auslassungen, die ihm abgeblätterte, herausgerissene oder verbrannte Stellen auferlegten, und er sollte, was die Mühe betraf, Recht behalten. Denn erst Anfang 2011 nahm das Journal for Jewish and Christian Archaeology (JJCA) seine Arbeit an, veröffentlichte sie und löste eine weltweite heftige Diskussion darüber aus, ob es sich um ein echtes oder gefälschtes Evangelium handele, dazu um eines, das der Vater Jesu verfasst haben soll. Findeisen nannte es Codex Josephi Nazareni oder einfach EvJos (das Evangelium Josefs des Herrenvaters, kurz Josefevangelium). Die Publikation im JJCA war für die Wissenschaft erforderlich, aber unleserlich für den interessierten Laien. Darum verfasste er einen Text, der die Lücken schließt (ohne den Sinn des Originals zu entstellen) und den der Leser in einer dem Gegenstand angemessenen, dennoch gewohnten Sprache rezipieren kann. Dieser Text wird hiermit, exklusiv, dem Publikum vorgestellt.

EvJos Anfang

Ich schreibe nieder, was ich nach einer langen Irrfahrt über das Leben meines erstgeborenen Sohnes Jesus gehört habe. Einem Vater widerfährt nichts Schlimmeres, als dass sein Kind vor ihm zu Grabe getragen wird. Er tröstet sich nicht damit, dass ein Gott das Kind zu einem großen Werke ausersehen und mit allen Eigenschaften begabt hat, das Werk erhaben und schnell zu vollenden, um den Vollender alsbald zu sich zu rufen und sich in dessen Vollkommenheit zu spiegeln. Aber wer wischt die Tränen der Mutter fort? Wer lindert den Gram des Vaters? Mir bleibt nur, Erinnerungen aufzurichten, meine eigene Erinnerung an einen Menschen, den ich durch ein unnachsichtiges Schicksal verloren habe, als er an der Schwelle zur Reife stand, und die Erinnerungen anderer, glaubwürdiger Personen, denen die Freude vergönnt war, wenigstens eine kurze Zeit in seiner Gegenwart zu verbringen und seine erstaunlichen Reden zu hören, die auch heute noch, da mich das Alter an den Rand des Grabes ruft, auf Plätzen und in Gebetshäusern verkündet werden, so dass ich mich meiner Unwissenheit schäme. Ich habe in meinem Sohn Jesus einen Meister gefunden und will es gerne eingestehen, um den übergroßen Verlust ertragen zu können, den mir der Tod meiner Frau und meines Erstgeborenen auferlegt hat und der mich schier erdrückt.

Obwohl unwürdig, beginne ich die Erinnerung an meine geliebten Verstorbenen mit mir selbst, um alles in gehöriger Reihenfolge berichten zu können. Ich wurde im vierten Jahr der Regierung des Königs Herodes zu Bethlehem geboren. Mich gebar Esther, die Frau Jakobs, meines Vaters, Mattans Sohn. Und abermals: Obwohl unwürdig, kann ich nicht verhehlen, dass mein Vater und alle Väter davor eine Geschlechterkette bilden bis vor den Thron Davids, des von Gott Geliebten. Ich hätte diesen Umstand verschwiegen, wenn er nicht mit so starker Wirkung mein Leben und das meiner Frau, meines Erstgeborenen und vieler anderer umgebogen hätte in eine Richtung, die ich nicht einschlagen wollte, und zu einem Ziel, das der Heilige Israels alleine versteht und das sich mir in meinem Alter nur schemenhaft erschließt.

Als es an der Zeit war, einen Beruf zu erlernen, zog ich nach Jerusalem, der Stadt, in der König Herodes baute. Dort studierte ich die Kunst der Architekten. So wurde ich Tekton, geschickt, in Stein und Holz zu arbeiten. Der König hatte den Bau des Tempels fast vollendet, als ich einem Beamten der Baubehörde meine Dienste antrug. Da ich, ein Jüngling, mit meiner Abkunft prahlte und meine Fertigkeit im Bearbeiten von Marmor und edlen Hölzern über mein Verdienst herausputzte, so mag der Beamte meine Angeberei als Eifer ausgelegt haben, denn er stellte mich ein, um am Tempel des Ewigen Schlußsteine zu hauen, Dächer zu decken und letzte Schliffe zu vollbringen. Ich wurde ein eifriger und guter Tekton.

Im Innenhof des Tempels, zwischen Baumaschinen, Werkstätten und Arbeiterwohnungen, dort begegnete ich ihr zum ersten Mal, Miriam, meiner Geliebten. Als ich sie sah, da musste ich stehen bleiben, denn der Geist war überfordert, meine Schritte zu lenken und zugleich den Anblick ihrer Gestalt zu umfassen. Mein Begleiter erkannte das Staunen, zog mich am Ärmel und sagte: „Sie arbeitet als Weberin, zuständig für einen Teil der Innendekoration. Ihre Tante ist mit einem Priester verheiratet, sie stammt von Aaron ab, dem Leviten. Miriam darf hier dienen wegen alledem und wegen ihrer Geschicklichkeit und, wie du selbst es erkannt hast, ihrer Schönheit wegen. Komm! Ihr werde ich dich morgen vorstellen. Geduld, du Sohn Davids.“ Ich verbrachte die Nacht schlaflos und konnte den Tag nicht erwarten.

Als Miriam sich umwenden musste, weil ich ihr vorgestellt wurde, und als sie meinen Namen hörte, da blickte sie mich ohne Umschweife an, aber auch ohne Anzüglichkeit, sondern forschend, über eine weite Entfernung hinweg, jedoch MICH meinend, denn es war keiner der verloren gehenden Blicke, wie ich sie oft beim Gang über Baustellen und Märkte erlebe. Seitdem bin ich ihr ausgeliefert. Mein Begleiter verließ uns. Der erste Satz, den Miriam, meine Geliebte, sprach, aber war dieser: „Ich webe Lilien in Salomos Teppich.“ Ich stammelte: „Ich baue Bögen in Salomos Tempel.“ Es klang wie Losungsworte, wie ein Petschaft der Sprache. Da lachte sie versonnen und entgegnete: „Wir bauen und weben.“

Seit dem Tage nannte man uns spöttisch Tochter Aarons und Sohn Davids. Der wohlmeinende Spott wurde weiter getrieben, bis es hieß: „SIE stammt aus dem Priestergeschlecht, ER aus dem Königsgeschlecht – was wäre besser geeignet zur Zeugung des Messias’, der in Israel König sein soll!“ Die Pharisäer aber begannen, das messianische Königtum mit der Regierung des Fürsten Herodes zu vergleichen. Sie flüsterten oder schrien: „Herodes aus Edom ist der Antifürst, er darf kein König in Israel sein!“ Herodes, König von der Römer Gnaden, um Selbstständigkeit bemüht und seinen Willen hervorkehrend, indem er bauen ließ, auch mit meiner, seines dankbaren Tektonen, Hilfe, fürchtete um seine Macht und strafte das freche Mundwerk der Aufsässigen und warf auch manch einen Edlen ins Gefängnis. Das alles, was ich hier in dürren Worten berichte, besprach ich mit Miriam, meiner Geliebten, und wir beschlossen, vorsichtshalber die Nähe des erzürnten Königs zu verlassen. Darum zogen wir nach Norden hinauf bis Galiläa, wo wir in Nazareth eine Bleibe fanden. Dort warfen wir uns in die Arme und wurden nach Gottes Willen eines. Danach traute uns der Priester, um dem Gesetz zu genügen.

Alsbald erreichte uns die Nachricht eines königlichen Beamten. In freundlichen Worten, in verführerischer Sprache, teilte er uns mit, der König bedürfe unser zur Fertigstellung des Tempels, eines nationalen Projektes, an dessen Vollendung alle Patrioten mitwirken müssten. Ferner befahl er meine Anwesenheit zum Zwecke, die Steuerlisten der königlichen Verwaltung auf einen neuen Stand zu bringen. Deswegen sei meine Anwesenheit in Bethlehem erforderlich, wo sich die Liegenschaften meiner inzwischen verstorbenen Eltern befänden. So hörte ich, dass sie gestorben waren, erst meine Mutter, dann aus Schmerz über ihren Verlust der Vater. Trotz mancher Bedenken und obwohl Miriam, meine Geliebte, schwanger war von meiner nie erlöschenden Liebe zu ihr, fassten wir den Entschluss, hinabzuziehen in die Höhle des Löwen, auf Gottes Beistand vertrauend. In Bethlehem, meiner Geburtsstadt, der Stadt Rahels, der Frau Jakobs, unseres Erzvaters, suchte ich ein sicheres Versteck, bevor ich mich nach Jerusalem begeben würde, um zu erfahren, was wahr und was falsch wäre an den Worten des königlichen Beamten.

Meine Geliebte, meine Ehefrau, die Weberin, gebar in dem Versteck, das ich in Bethlehem ausgesucht hatte, den Sohn, den wir Jesus nannten. Wir nannten ihn so, weil wir darauf bauten, der Ewige würde uns wie Josua eine sichere Heimat geben und nicht, wie Moses, nur in Aussicht stellen. Wir wussten nicht, was nun zweckmäßig zu tun wäre. Aber in meiner scheinbaren Ratlosigkeit riet mir eine innere Stimme, mich nicht nach Jerusalem zu begeben, mich nicht der Gegenwart des Königs oder seiner Beamten auszusetzen, sondern südwärts zu fliehen. Nach der Beschneidung unseres Knaben reisten wir, indem wir Edom, des Königs Stammlande, mieden, nach Askalon, wo wir ein Schiff bestiegen, das uns sicher nach Ostrazine in Ägypten trug, in den Herrschaftsbereich des römischen Präfekten Turranius, der nichts von Aaron und David wusste und nichts auf unsere Abstammung gab, der aber bald unsere Fertigkeiten schätzen lernte. Dort sah ich erstmals Balliste und Onager, Widder und Wandeltürme in den Arsenalen, wo ich arbeitete. Da lernte ich ihre Funktionsweise und ihren tödlichen Zweck.

Nach dreijährigem Aufenthalt im Delta erfuhr ich, dass Herodes gestorben war, und seine Nachfolger enger an die Römer gebunden wurden, als jemals der schlaue König, dessen Brot ich gegessen und dessen Zorn ich der Pharisäer wegen gefürchtet hatte. Nun herrschte sein Sohn Antipas über Galiläa, ein halber Römer. Darum entschlossen wir uns, Jerusalem, die Pharisäer und den übel beleumdeten Archelaos meidend, nach Nazareth zurückzukehren. So geschah es, denn Turranius hatte es erlaubt. In den ersten zwei Jahren nach unserer Rückkehr arbeitete ich außerhalb Nazareths, wo meine Familie wohnte, als Tekton in Sepphoris und in den Städten am Harfensee. Ein bescheidener Wohlstand erlaubte es mir dann, die Werkstatt in Nazareth zu kaufen. Ich stellte Handwerker ein, auch Gesinde, das meine Frau unterstützte, die uns im Lauf der Jahre vier weitere Söhne gebar: Jakobus, Josef, Simon und Judas.

Aber nicht von mir und Miriam sei hier die Rede, sondern von unserem ältesten Sohn, dessen kurzes Wirken und früher Tod der Grund für zahlreiche Gerüchte ist, für Berichte über Wunder und Weisheitslehren, so dass ich mir die Augen reibe und mich frage, ob ich träume oder ob mein Same so viel Erstaunliches hätte bewirken können oder ob nicht, wie in verklungenen Tagen, der Heilige Israels selbst in unsere Verhältnisse eingegriffen hätte. Ich bin mir keiner Verdienste um Israel bewusst. Aber Jakobus, mein zweiter Sohn und der einzige, der mir geblieben ist, behauptet, ich hätte den Schlußstein in Israel gesetzt und den Eckstein für eine künftige Welt. Das verursacht mir Rauschen im Kopf, Wirbel vor den Augen und zorniges Aufwallen. Dann setze ich mich unter die Terebinthe im Garten meiner Schwiegertochter, um mein Blut zu dämpfen und mich an Jesus zu erinnern, wie er sich gab, als er noch bei uns wohnte.

Mir war nichts an ihm aufgefallen, was mich hätte vermuten lassen, er werde ein Weiser oder ein König, ein Redner oder Feldherr. Ich hatte gehofft, einen Tektonen aus ihm zu machen. Die Hoffnung war begründet. Rückblickend erkenne ich einen besonderen Wesenszug an ihm: Seine ungeteilte Hinwendung, nicht nur zu Menschen und Tieren, sondern auch zu Gegenständen, zu unseren Werkzeugen und dem Material auf dem Bauhof. Seine rasche Auffassung eignete sich alles an wie im Fluge. Aber diese Aneignung war kein Kaufen. Er betrachtete Dinge und Wesen mit einer gelassenen Strenge, aber wie aus weiter Ferne, wie ein Mensch ohne Geld die Auslagen des Marktes nur betrachtet, oder wie ein Mensch, dem alles gehört und darum nichts mehr begehrt. Dieser Blick, der mich manchmal erschreckte, der nicht anzüglich war, aber eine Beziehung webend, die nicht Besitz ergreift, gemahnt mich an Miriam, als ich ihr vorgestellt wurde. Daher war Jesus der Sohn Miriams, denn er besaß IHREN Blick, den sie auf mich geworfen hatte. MEIN Blick auf die Welt ist einnehmend und zuhauend. Ich erinnere mich nicht, Jesus jemals über Schriftrollen gebeugt wahrgenommen zu haben, so als hätte er keine Zeit mit dem Lernen verbracht. Trotzdem wusste er vieles aus der Schrift, mehr als ich, der ich um der Tradition willen die Thora und die Chroniken der Könige so gut wie auswendig kannte. Auch in praktischen Dingen war er bewandert. Ich brauchte ihm nicht zu erklären, wie man den rechten Winkel mit einer Knotenschnur bemisst. Er wusste es bereits und konnte es begründen.

Ich habe seine Folgsamkeit nie auf die Probe gestellt. Einesteils gab es selten eine Veranlassung, zum anderen wollte es mir scheinen, als hätten väterliche Verbote keine Wirkung auf sein Handeln. Ich belehrte, aber tadelte nicht, auch nicht, wenn er meiner Ansicht nach einen Tadel verdient hatte. Nur einmal bereitete er uns Kummer. Das geschah so. Nach sieben oder acht Jahren zufriedenen Lebens in Nazareth wagten wir es, am Pessachfest in Jerusalem teilzunehmen. Die Jüngsten ließen wir in der Obhut einer Kinderfrau zurück. Miriam, Jesus und ich schlossen uns einer Gesellschaft an und machten uns auf den Weg nach Zion, der Stadt Davids. Die Römer hatten Archelaos vom Thron gestoßen und einen der Ihren, den Coponius, zum Präfekten über Judäa gesetzt. Darum hofften wir auf eine günstige Reise. Miriam hatte Jesus aufgetragen, sich im Gedränge Jerusalems eng an uns zu schließen. Und ich riet ihm, sollte er uns aus den Augen verlieren, am Tor zur Straße nach Joppe, in welcher Stadt wir ein Schiff besteigen würden, auf uns zu warten. Es geschah, wie befürchtet. Ich eilte zum Joppe-Tor, Miriam aber, einer Ahnung folgend, zum Tempel. Dort fand sie Jesus im Innenhof, wie er neben dem Hohenpriester Hannas auf einem Brunnenrand saß und mit der hohen Stimme des Zwölfjährigen rief: Wenn dem Ewigen abermals die Welt nicht gefallen sollte, möge er nicht wieder seine Geschöpfe opfern, sondern sich SELBST. Miriam entsetzte sich. Sie entschuldigte sich und den Knaben bei dem Hohenpriester in demütiger Weise. Dieser entließ gnädig Mutter und Sohn, so dass unsere Reise doch noch ein glückliches Ende nahm, obwohl uns wegen des drohenden Verlustes und der Keckheit unseres Jungen der Schrecken in die Glieder gefahren war.

Mein Lebenslauf steht hier nicht zur Rede, trotzdem muss ich berichten, wie meine Verhältnisse zerrissen wurden, wie ich meine Familie und meinen Besitz verlor und warum ich am Schicksal meines Erstgeborenen keinen Anteil nehmen durfte. So sehr prüfte uns der Ewige, Miriam um ihrer Stärke willen mehr als mich, der ich schwach bin. Unser Fürst begann große Bauvorhaben in Sepphoris, der Stadt, die er zum Sitz seiner Verwaltung bestimmt hatte. Deshalb ereilte mich über die Staffel seiner Beamten der Befehl, in das Land seines Halbbruders zu reisen, des gütigen Fürsten Philippos, um die neue Stadt Caesarea Philippi zu studieren, und bei dieser Gelegenheit die Trachonitis zu bereisen, ob man in der Steinwüste brauchbares und billiges Baumaterial fände, das man über den Jordan in den Harfensee flößen könnte. Ich tat, wie befohlen, und verabschiedete mich von Miriam und meinen Söhnen. Nachdem ich zwei Wochen in Caesarea verbracht hatte, schloss ich mich einer Karawane an. Am Rand der Steinwüste überfielen uns berittene Barbaren, Ismaeliten. Sie hieben alles nieder, was Waffen führte. Die übrigen nahmen sie gefangen, auch mich, und machten uns zu Sklaven. So verbrachte ich fast zwei Jahre in den Zelten der Ismaeliten. Sei es um Abrahams willen oder wegen meiner Geschicklichkeit: Ich fand milde Herren, lernte die Wasserkunst und durfte mich innerhalb enger Grenzen frei bewegen. Dann aber wurde ich in Ketten geschlossen und über verschlungene Pfade nach Tyros an das Meer verschleppt und von dort mit vielen anderen nach Ptolemais. Nie mehr danach, bis zu meinem sechsundsechzigsten Lebensjahr, war ich Nazareth so nah! Aber ich lag in Ketten, und alles Bitten half nichts, denn wer wollte mir glauben, dass ich im Auftrag des Fürsten unterwegs gewesen und einem Überfall der Barbaren zum Opfer gefallen war, einem Verbrechen auch gegen den Kaiser in Rom.

Als Tekton, der ich im Nil-Delta nach römischen Vorgaben gearbeitet hatte, waren mir zwei lateinische Wörter als der Sicherheit auf Baustellen dienlich vertraut geworden: die Wörter ‘Achtung’ und ‘Vorsicht’. Der Ewige mag mein Elend als zu groß erkannt haben, denn er ließ in Ptolemais folgendes geschehen: Der Präfekt in Syrien, Cyrenius Quirinius, hatte sich nach Ptolemais begeben, um von dort über das Meer in seine Heimat zu segeln. Sei es, dass wir als Sklaven schon sein Eigentum waren, sei es, dass wir zufällig in der Nähe seines Schiffes lagerten, jedenfalls hockten wir gefesselt an Händen und Füßen nahe der Brücke zum Schiff. Der Präfekt schritt auf die Stelling zu, als ein Zelot, ein Landsmann von mir, der sich gegen die Fremdherrschaft verschworen hatte, mit gezücktem Schwert gegen ihn springen wollte. Unwillkürlich, ohne Berechnung, schrie ich ‘Achtung’ und ‘Vorsicht’ und wiederholte gellend kurz hintereinander meinen Schrei, so dass sich der Statthalter zu mir drehte und den Angriff gewahrte. Er entwich dem sonst tödlichen Stoß und wurde nur leicht verletzt. Ich aber verursachte durch meine Warnung den grausamen Tod eines Israeliten, rettete aber das Leben eines Römers und wurde, ohne dass ich es wollte, der Balken an der Waage des Schicksals über das Leben zweier Männer und, wie sich erweisen sollte, auch über mein eigenes Leben. Zwar wollte der Präfekt mein Verdienst um seine Rettung nicht so hoch anschlagen, dass er mich auf der Stelle befreit hätte, obwohl ich ihn darum bat, aber ich gewann dennoch sein Wohlwollen, durfte in seinem Gefolge das Schiff ‘Aquila’ betreten und wurde auf hoher See von meinen Fesseln erlöst. So kam ich nach Ostia und Rom.

Ich war Sklave, aber ohne Eisenketten, nur gefesselt durch den strikten Befehl, einen Bannkreis, den Molosser-Hunde hüteten, nicht zu übertreten. Der Statthalter stellte Urkunden für mich aus, die ein beifälliges Urteil über meinen Charakter und meine Kunst bezeugten, und gab mich aus seiner Hand. Ich wechselte meine Herren als gekauft oder verschenkt. Zuerst musste ich grobe Arbeit verrichten, Steine brechen und Straßen pflastern, danach setzte man zunehmend Vertrauen in meine Kunst als Tekton und übertrug mir die Leitung über den Bau von Landhäusern im Norden Italias, bis ich, Eigentum des Kaisers, zu den Soldaten befohlen wurde und mit ihnen als Architekt für Kriegsmaschinen über das Grauen erregende Alpes-Gebirge in die Germania inferior ziehen musste. Ich lebte jahrelang in den Militärlagern an der Grenze des römischen Reiches. Der Kaiser mochte geplant haben, sein Imperium über den Rhein hinaus nach Osten auszudehnen, aber ich erkannte wohl, das nach der Niederlage des Legaten Varus gegen die Barbaren der Offensivplan mehr und mehr ins Stocken geriet. Daraus zog ich Nutzen und bat um meine Verwendung beim zivilen Ausbau der Ubier-Stadt, damit ich aus den Arsenalen entlassen würde, denn jenseits des Stroms, im Grenzgebiet der Barbaren, ließen sich Verteidigungs- und Belagerungskunst, für die ich geschickt war, schwerlich verwenden. So geschah es. Ich wurde, obwohl immer noch Sklave, ein gut bezahlter Tekton in Niedergermanien. Ich heiratete ein zweites Mal und zeugte eine Tochter und einen Sohn. Miriam, meine Geliebte, die Weberin, und der Heilige Israels mögen mir verzeihen und es den Umständen meiner Versklavung und den Strapazen meines Umherziehens anrechnen. Als dem Germanicus, Oberbefehlshaber der Truppen, in der Ubier-Stadt die Tochter Agrippina geboren wurde, da erhielten meine zweite Frau und ich die ersehnten Freibriefe. Trotzdem war ich durch Verträge eng an den Germanicus gebunden. Mein Vorhaben, in die Heimat zurückzukehren, wurde begünstigt durch den Entschluss des Feldherrn, sich nach Syrien zu wenden. So gelangten wir in seinem Gefolge nach Antiochien am Orontes, wo mein Gönner starb im sechsundfünfzigsten Jahr meines Lebens. Es dauerte abermals zehn Jahre, bis meine familiären, finanziellen und rechtlichen Verhältnisse so geordnet waren, dass ich, nun ein römischer Bürger, die Rückkehr nach Galiläa erwägen durfte. Ich ließ den Fürsten wissen, denselben, der mir vor zwanzig Jahren befohlen hatte, die Länder seines Bruders zu bereisen, dass ich zurückgekehrt sei und seinen Befehl ungenügend befolgt hätte, und bat ihn dennoch, als römischer Bürger meiner Bitte Gewicht verleihend, Nazareth und die Städte am Harfensee zu betreten.

Ich reiste inkognito und alleine, meine Familie am Orontes in Sicherheit wissend. In Nazareth hielt ich Umschau und fragte junge Leute, die mich nicht mehr von Angesicht kannten, nach Miriam und Jesus, dem Tektonen, und nach einem gewissen Josef, seinem Vater. Sie kannten einen Jesus, wussten aber nichts Genaues, außer dass er in Kapernaum gelehrt und in Judäa hingerichtet worden sei. Diesen Jesus meinte ich nicht. Trotzdem begab ich mich zum Harfensee, um an seinem Ufer die Suche nach Miriam und dem Erstgeborenen fortzusetzen. Das Nützliche mit dem Angenehmen verbindend, ritt ich zuerst in die neue Stadt meines Fürsten, die er dem Kaiser zuliebe Tiberias genannt hatte. Welch eine Pracht! Was hätte ich hier bewirken können! Und wo, wenn nicht hier, fände ich Spuren meines Sohnes? Einen Jesus kannten die Leute, den Sohn eines Tektonen. Er habe an beiden Ufern des Sees Menschen versammelt, Aufruhr verursacht und sei deshalb geflohen oder umgekommen. Ich eilte nach Magdala. Und wieder sprachen sie von Jesus, einem Galiläer. Er habe Gutes bewirkt, Menschen geheilt und Dämonen vertrieben. Wie beflügelt eilte ich weiter nach Kapernaum. Dort traf ich Jesuaner, Menschen, die sich Jesus aus Nazareth, dem Sohn eines Tektonen, angeschlossen hatten, und die nun, da er gestorben war, aber von den Toten auferstanden sei, auf eine bessere Welt hofften und inzwischen, seiner Lehre treu, gewaltfrei und in Liebe zueinander leben wollten. Sprachen sie von MEINEM Sohn? Sollte ER es sein? Wie viele Männer mit Namen Jesus, deren Väter Architekten sind, gab es in Nazareth? Ich erschrak. Geflohen, hingerichtet, Aufruhr, gestorben, aber lebendig: Ich konnte es nicht fassen! Hoffend, aber auch fürchtend, er möge es nicht sein, zerrissen, wie ich war, fragte ich bei den Jesuanern nach Miriam und meinen anderen Söhnen. Ein kundiger Mann gab mir Gewissheit: Jakobus, der Bruder des Gesalbten, halte sich in Jerusalem auf, um dessen geistige Hinterlassenschaft zu organisieren, desgleichen auch die Frau des Gesalbten, Miriam aus Magdala. Die hochverehrte Mutter Jesu, ebenfalls Miriam mit Namen, sei aus Gram über den Tod ihres Sohnes kurz nach der Hinrichtung gestorben. Von seinem Vater hingegen werde nichts berichtet.

Ich verschwieg, wer ich bin, fragte nach der Adresse des Jakobus’ in Jerusalem und erhielt die hinhaltende Antwort, man könne ihn am Platz der Steinbrüche treffen, ebenso gut wie an anderen Plätzen. Jesuaner müssten vorsichtig sein, damit sie nicht verleumdet würden wie der Stifter ihrer Gemeinde. Ich reiste nach Judäa, in den Herrschaftsbereich des Präfekten Pilatus, dessen Mittäterschaft an der Ermordung meines Ältesten ich bald erfahren sollte. In Jerusalem verprasste ich keine Zeit mit Erinnerungen, sondern suchte den Platz der Steinbrüche auf. Vielleicht, dass mich der Zufall oder Gottes Erbarmen mit meinem Sohn zusammenbrächte. An zwei Tagen stellte ich mich auf den Platz und rief „Josef, Jakob, Mattan“, eine Losung, die derjenige verstehen würde, der darin die Namen seiner Vorfahren erkennt. Am dritten Tag aber schrie ich „Miriam“, und als ich es hinausschrie, da liefen mir die Tränen in den Bart, weil mich die Erinnerung an meine Geliebte, die Weberin, mit solcher Macht überkam, dass ich nicht anders konnte und vor Schmerz auf die Trittsteine fiel. Ein Mann griff mir unter die Arme und zog mich hoch wie der Kran einen schwankenden Balken. Als ich meinem Helfer ins Gesicht sah, erkannte ich mich in ihm. Ich warf mich zu seinen Füßen und bat ihn um Verzeihung dafür, dass ich den Söhnen kein Vater gewesen war und dass ich ihrer Mutter soviel Gram bereitet hatte. Jakobus stellte mich den Seinen vor und drängte mich, als den Vater des Gesalbten, die jesuanische Gemeinschaft zu führen. Entsetzt über sein Vertrauen in meine Fähigkeit, die ich nicht habe, lehnte ich sein Ansinnen ab. Ich selbst bedurfte ja der Belehrung! Und es dauerte viele Tage, bis ich im Bilde war, wie mein Ältester ermordet wurde und um wessentwillen.

Der Sanhedrin lag mit der Lehre Jesu überquer. Darum verleumdete er ihn bei dem Präfekten. Der wollte Händel, Untersuchungen und ein Urteil vermeiden und schickte deshalb meinen Sohn als Gefangenen zur galiläischen Botschaft in Jerusalem, wo zufällig Herodes Antipas in diplomatischer Mission residierte. Der Beschuldigte, so Pilatus, sei Galiläer und falle darum unter die Gerichtsbarkeit des Herodes. Mein Fürst jedoch ließ wissen, dass gegen meinen Sohn nichts vorliege, was eine Anklage rechtfertigt, und sandte ihn zurück. Der Sanhedrin hatte alles schlau eingefädelt und die Anwesenheit meines Fürsten in Jerusalem dazu benutzt, die Regenten in Israel gegeneinander auszuspielen. Warum das alles? Die Priester sahen ihren Einfluss schwinden, den Durchgriff auf das Volk. Mein Sohn habe sich als den Gesalbten in Israel bezeichnet, als Messias, als Menschensohn, Gottesknecht, ja, als den Sohn Gottes, und dadurch die Fackel des Aufruhrs in das Gebälk der Provinzen geschleudert und den Funken an der Wurzel des Reiches angeblasen. Denn Gesalbter, Menschensohn oder Messias sein zu wollen, das heiße, nach der Herrschaft in Israel zu trachten. Der Präfekt, nicht vertraut mit den überlieferten Schriften und nicht willens, der verleumderischen Klage auf den Grund zu gehen, entledigte sich der Angelegenheit, wie jemand einen kläffenden Köter tritt oder eine lästige Mücke zerdrückt. Was bedeutete ihm ein Leben, wenn er nur seine Ruhe in Judäa und vor dem Kaiser hätte? Mein Sohn war ihm nichts mehr als lästig! DARUM ließ er ihn kreuzigen.

Deshalb fing ich an, den Präfekten Pilatus zu hassen. Ich schämte mich als römischer Bürger, und ich bedauerte, dem Cyrenius ein Retter gewesen zu sein, obwohl er mit dem Scheinprozess nichts zu schaffen hatte, und verfluchte den Tag, an dem durch meine Schuld das Blut eines mutigen Israeliten vergossen wurde. Ich war vollgestopft mit Rache und schmiedete Pläne, die Verantwortlichen umzubringen. Ich weihte Jakobus ein und teilte ihm die Absicht mit. Er aber belehrte mich, dass sein Bruder, mein Sohn, keine Rache gewollt, sondern im Gegenteil, seinen Mördern verziehen habe mit dem Wort: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Darin nämlich bestehe der Hauptgedanke seiner Lehre: Nicht zu hassen, sondern seine Nächsten zu lieben. Ich erschauderte und fragte, WEN er als Vater bezeichnet habe, und Jakobus entgegnete zögerlich, wie um meine Enttäuschung zu dämpfen: „Den Heiligen Israels.“ Ob Jesus je von MIR gesprochen habe, wünschte ich zu wissen, und Jakobus antwortete schnell: „Viele Jahre und immer wieder.“

Ich erkundigte mich weiter nach der schriftlichen Hinterlassenschaft, nach einer veröffentlichten Zusammenfassung seiner Lehre, um sie aus erster Hand zu empfangen. Aber mein Sohn Jakobus erklärte, der Gesalbte habe, abgesehen von privater Korrespondenz, nur einmal seine Lehre schriftlich niedergelegt, im wahren Sinne des Wortes, nämlich vor die Füße einer des Ehebruchs beschuldigten Frau. In den Sand, der im Binnenhof des Tempels ausgestreut liegt, habe er mit dem Finger die Worte des Ewigen an Moses gezeichnet, wie sie in den Abschnitten Devarim und Wajikra geschrieben stehen: Du sollst Gott lieben und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Jakobus war Zeuge und wusste vermutlich, was Jesus meinte. Nämlich an die Frau gerichtet: Du sollst Gott lieben, indem du seine Gebote achtest. An die Schriftgelehrten gerichtet: Du sollst deinen Nächsten lieben und nicht steinigen. Ich sagte: „In den Sand geschrieben ist schnell vergessen.“ Jakobus darauf: „Überhaupt nicht geschrieben! In die Herzen geschnitten, DAS hat er gemeint. Wir Geschöpfe haben verschiedene Leiber, aber unsere Seelen sind ein Teil des Ewigen, und darum ist auch Pilatus ein Teil von dir.“

Ich erinnerte mich an das Wort, das Miriam von unserem heranwachsenden Sohn unter Tränen und ahnungsvoll berichtet hatte: Wenn die Welt im Argen liegt, möge der Ewige nicht mehr seine Geschöpfe, sondern sich SELBER opfern. Dieser Satz war für uns das Ende des Denkens gewesen. Wir hatten uns verboten, darüber zu sprechen, weder bei Tisch noch auf den Feldern und Wegen. Der Jüngling aber hatte es zu Ende gedacht und darum geschwiegen. Denn für ihn war damit alles gesagt worden. Wenn die Hinrichtung das Opfer des Menschensohns an Stelle des Ewigen, des Schöpfers Himmels und der Erde, gewesen sein soll, wie vertrug sich damit das Gerücht, der Menschensohn sei von den Toten auferstanden und gen Himmel gefahren? Darüber begehrte ich Auskunft von den Jesuanern. Jakobus sprach: „Wie der Rauch des Brandopfers zum Himmel aufsteigt.“ Ich empörte mich und fragte: „Ihr habt ihn verbrannt?“ Und Jakobus: „Sein Leib wurde nicht verbrannt, sondern verklärt.“ Dann begleitete er mich zu Miriam aus Magdala, der Frau des Gesalbten, den sie auf Griechisch den ‘Christos’ nannten. Abermals begegnete ich dem unverschleierten Blick aus der Ferne, wie ich ihn nur an meiner Geliebten und meinem Ältesten gesehen hatte. Nach einer Zeit des Schauens umarmte sie mich und begann, an meiner Schulter zu weinen. Wir weinten. Dann fasste sie meine Hand und führte mich zum Friedhof nahe dem Schädelberg. Im Felsengrab Josefs aus Ramatajim, der Stadt Samuels, des Königmachers, dort sei mein Sohn bestattet worden. Als wir …

EvJos Ende

Hier endet der Text. Sein Rest war angesengt worden und darum unleserlich. Findeisen vermutet, dass der Papyrus 1981 bei Ausgrabungen in Al-Bahnasa gefunden wurde (die Archiv-Beschriftung erlaubt leider keine eindeutige Zuordnung). Er hält den Papyrus für echt in dem Sinne, dass er keine Produktion der vergangenen zweihundert Jahren ist, und datiert ihn auf das 3. Jahrhundert als eine von etlichen Kopien, deren Urschrift vielleicht von Josef selber stammt oder doch von jemandem aus der Jerusalemer Christengemeinde.

Vermutlich ist Josef an den Orontes zu seiner Familie zurückgekehrt. Die Formulierung im ersten Papyrus-Abschnitt, er habe in seinem Sohn Jesus seinen Meister gefunden, lässt darauf schließen, dass er ein ‘Jesuaner’ geworden ist, die Gemeinde in Antiochien unterstützt und ihr sogar zu ihrer bedeutenden Stellung in der Urchristenheit verholfen hat. Findeisen kündigt an, den Archiv-Bestand systematisch zu durchforschen, um weitere Aufschlüsse über Josef zu erhalten, dessen Wichtigkeit bis zu dieser Veröffentlichung unterschätzt worden sei. Vielleicht muss die Apostelgeschichte neu geschrieben werden.

Adultera

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

I.

Einem alten Menschen brauche ich nicht zu erklären, dass die meisten Erscheinungen flüchtig sind, selbst solche mit einer zeitweisen Beständigkeit erscheinen einem Greisen ephemer, weil ihn sein Gedächtnis verlässt und er deshalb die Fülle nicht mehr fasst. Außerdem ist die Welt, die Gesamtheit aller Vorstellungen und Verhältnisse, viel zu groß, als dass wir uns ein zutreffendes Bild von ihr machen könnten. Diese Tatsache ist, nebenbei bemerkt, die Quelle aller Missverständnisse und Anfeindungen. Aber es gibt auch Dinge – ein unzureichendes Wort für das, was ich ausdrücken will – Verhältnisse, Ereignisse, Bilder, Träume, Wünsche, Erlebnisse, Dinge eben, die uns ein Leben lang begleiten und endlich ein Teil von uns selber werden.

Ich erinnere mich so genau an einen Sommerabend meiner Kindheit, als wäre er gestern gewesen. Auf dem staubigen Weg zur Kirche, wo wir nicht rufen und nicht bolzen durften, traf ich Vorbereitungen für ein Spiel, das wir „Stöckchen“ nannten. Wir zogen mit dem Finger oder einem Span zwei Kreise, nicht größer als unsere Arme reichten, wenn wir auf den Fersen hockten. Dann stellten wir uns hinein und versuchten abwechselnd, ein Stöckchen in den Kreis des anderen zu werfen. Anerkannte Treffer wurden durch radiale Striche am eigenen Kreis markiert, so dass der Sieger dastand wie in einem Strahlenkranz.

Mein Spielkamerad war noch nicht eingetroffen. Ich hatte bereits einen Span gefunden und war dabei, den ersten Kreis auf den Weg zu ziehen, da schritt ein fremder Mann an mir vorüber, zuerst sein Schatten, dann er selbst, und blieb vor dem Hauptportal der Kirche stehen. Er hob seinen Kopf, schaute zum Relief des Tympanons empor, nahm seinen Hut vom Kopf, wischte sich mit dem Rücken der Hand, die den Hut festhielt, über die Stirn und vertiefte sich erneut in den Anblick, der uns vertraut war und an dem wir nichts Besonderes fanden. Dann schüttelte er den Kopf, als wäre er mit etwas nicht einverstanden. Ich entschloss mich, dem Mann Auskunft zu geben, wenn er es wünschte, stellte mich neben ihn und blickte abwechselnd auf ihn und auf das Tympanon.

Der Herr, der seinen Hut in der Hand hielt, schaute zu mir hinab, lächelte und setzte seinen Weg fort. Mich ließ er unangesprochen in Betrachtung des Reliefs alleine zurück. Was ich sah? Am linken Zwickel der dreieckigen Supraporte kniet ein Mann, streckt seinen Arm aus und zeichnet mit dem Zeigefinger auf den Boden, wie wir Kinder, wenn wir einen Kreis in den Staub ziehen oder ein Stenogramm hinterlassen, beispielsweise einen Pfeil, um mitzuteilen, in welcher Richtung wir zu finden wären. Hinter ihm stehen zwei Männer, in mehr oder minder gebückter Haltung, die je einen Stein mit ihrer Faust umkrallen und dem knienden Mann über die Schulter glotzen. In der Mitte eine Frau, die ihren Kopf neigt, als würde sie sonst an den Scheitelpunkt des Dreiecks stoßen. Schräg hinter ihr, kleiner als sie, aber muskulös, ein Kerl, der sie am Arm packt. Am rechten Zwickel liegt eine Frau auf den Knien und betet. Im Hintergrund, perspektivisch verkleinert, in einigem Abstand zu den Menschen vorne, ein Mann mit einer Zipfelmütze oder Kapuze, vielleicht ein Polizist, der auf die Frau zeigt, als hätte man sie eines Verbrechens überführt. Schön. Das alles kannte ich. Was war Besonderes daran, dass der Fremde davor stehen blieb und den Kopf schüttelte?

Der Fremde, das stellte sich bald heraus, war unser neuer Klassenlehrer, der aus einem Grund, den ich viel später erfuhr, an unsere Schule versetzt worden war (strafversetzt). Der Mann erkannte mich wieder als den Knirps, der mit ihm zusammen das Relief studiert hatte, und tat so, als wäre ich es gewesen, der als erster etwas Außergewöhnliches daran entdeckt hätte. Er fragte mich, für was ich das Bildnis hielte, und ich entgegnete: für einen Mann, der vor seiner Frau kniet und etwas auf den Weg zeichnet. Vielleicht malt er ihr ein Herz in den Staub? Vielleicht will er Stöckchen spielen?

In der Grundschule sind Lehrer Generalisten, die für alles zuständig sind, für Kunst, Religion, Deutsch, Naturkunde und Gesellschaftslehre. Und so kam es, dass der Neue uns Schülern erklärte, ohne weit von seinem Lehrplan abzuweichen, was die Szene im Tympanon darstellt, nämlich Jesus und die Sünderin, eine Geschichte, die im 8. Kapitel des Johannes-Evangeliums nachzulesen sei. Dort erführen wir, dass Jesus der Sünderin, die gesteinigt werden soll, vergibt, wenn sie Reue zeigt. In der Geschichte heißt es auch, dass Jesus etwas in den Sand schreibt, dann aufsteht und sagt: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie. Das tut niemand, weil alle Menschen, auch Lehrer, Sünder sind. Die Ankläger und Schergen gehen einer nach dem anderen fort. Jesus beugt sich wieder hinab und schreibt weiter, als wäre nichts gewesen. „Aber was er geschrieben hat, das weiß kein Mensch, das hat uns der Evangelist Johannes nicht verraten.“

Wir sollten Vorschläge machen, selber Texte erfinden, die Christus geschrieben haben könnte. Das wollte der neue Lehrer, von dem wir nun wussten, dass auch er ein Sünder war, über das Wochenende als Hausarbeit aufgeben (damals existierte noch nicht das bildungsfeindliche Verbot der Hausaufgaben als einer unzumutbaren Wochenendarbeit). Wir seien frei in der Wahl unserer Wörter. Auch ein Wort, gut gewählt, genüge. Der beste Text, das beste Wort werde prämiiert und im Kirchenblatt veröffentlicht. „Ihr dürft Jesus spielen. Lasst euch diese Chance nicht entgehen!“

Ich erinnere mich vage an das Ergebnis der häuslichen Arbeiten. Der häufigste Vorschlag besagte, Christus habe seine mündliche Äußerung vom ersten Stein niedergeschrieben. Darin stimmten die meisten Knirpse mit dem Kirchenvater Augustinus überein, der nämlich dasselbe vermutet hatte. Ich hingegen, eines Kirchenvaters unwürdig, behauptete, Christus habe das getan, was viele Menschen, so auch meine Eltern, beim Telefonieren machen, nämlich gekritzelt. Für diese Antwort wurde ich leise getadelt, aber nicht bestraft, denn uns war Meinungsfreiheit zugesichert worden.

Vom künstlerischen Standpunkt, so unser Lehrer, sei die Figurengruppe ein Kuriosum, eigentlich ein Unding, jedenfalls ungewöhnlich und der Ikonografie hohnsprechend. Denn als die wichtigste Figur in der Johannes-Geschichte habe doch Jesus Christus zu gelten und darum hätte er aufrecht in der Mitte des Tympanons stehen müssen, die arme Sünderin ihm zu Füßen! Diese Sichtweise sei die gewöhnliche, die man erwarten dürfe, und darum habe er damals den Kopf geschüttelt, aber auch den Künstler bewundert und über dessen Mut gestaunt, Jesus auf den Knien abzubilden, am Rocksaum einer Sünderin, die aufrecht steht, wenn auch gesenkten Hauptes. Aber vielleicht liegt ja darin der tiefere Sinn, dass sich der Erlöser vor der gequälten Kreatur demütigt? Nun wüssten wir Bescheid und würden das Kirchenportal und sein Tympanon mit anderen Augen sehen und unser Lebtag nicht vergessen.

II.

Die Frage, was Jesus geschrieben haben könnte, beschäftigte manchmal meine Fantasie, auch später noch, als Halbwüchsigen und sogar als Erwachsenen, jedenfalls immer, wenn mich der Zufall oder eine gezielte Gelegenheit vor die Kirche meiner Kindheit führte.

Als junger Dozent an der Technischen Universität in Charlottenburg lernte ich bei einem Besuch im Alten Museum eine Kunsthistorikerin kennen, Benoite, mit der ich glückliche Jahre in Berlin verbrachte. Nach Begegnungen solcher Art, wie bei Benoite und mir, öffnen sich Menschen gegenseitig, sind neugierig aufeinander und saugen alles auf, was der andere über sich und seine Welt berichtet. Bei uns, glücklicherweise, ereignete es sich erst spät, dass wir in unseren Bekenntnissen Wiederholungen entdeckten und die Endlichkeit, ja die Beschränktheit des Kontinents, der für uns der geliebte Mensch ist, erfahren mussten. Zuerst erfüllt uns diese Entdeckung mit Zärtlichkeit, weil wir nun imstande sind, den ganzen Menschen zu begreifen und ihn zu umarmen. Aber im Laufe der Zeit schleicht sich die Langeweile ein. Und das Gefühl der Heimat, der Liebe zu der Insel, auf die wir uns geflüchtet haben, muss sehr groß sein, um ein halbes Menschenleben zu überdauern.

Bald hörte ich, und ich erinnere mich noch an die selige Überraschung, die ich dabei empfunden hatte, dass sich Benoites kunsthistorische Doktorarbeit um mein von Kindheit an vertrautes Thema dreht: „Die Darstellung der Pericope Adulterae in der bildenden Kunst“. Man sollte nicht glauben, dass ein Mensch über diesen Gegenstand ganze 700 Seiten schreiben kann, die Abbildungen, zugegebenermaßen, mitgerechnet. Das Buch erschien in einem großen deutschen Verlag, und ich bin stolz darauf, das 290te Exemplar von Tausend in Druck gegangenen zu besitzen.

Etliche Künstler haben sich Mühe gegeben (darunter Jacopo Tintoretto, Pieter Brueghel der Ältere und Nicolas Poussin), nicht nur den schreibenden Jesus zu malen, den Faltenwurf seines Rocks, seine Sandalen, seine Haare, seine schlanke, zum Klavierspielen wie geschaffene Hand, sondern auch den Text, den sein Zeigefinger in den Staub des Tempels oder in den Sand des Vorhofs zeichnet. Ich will den Leser nicht mit den vielen Erfindungen der Maler strapazieren, sondern nur zwei Beispiele herausgreifen.

Eine ottonische Buchmalerei, um das Jahr 1000 entstanden, zeigt Jesus, wie er den lateinischen Satz schreibt: terra terram accusat. Das zweite ist ein Fenster der Sint-Jans-Kerk in Gouda um das Jahr 1600. Jesus schreibt, auf dem Glas deutlich erkennbar, den berühmten Satz vom ersten Stein: Wie onder u zonder zonde is, die werpe de eerste steen op (aus einem Grund, den Benoite sich auch nicht erklären konnte, fehlt auf dem Fenster das letzte Wörtchen „haar“).

Wir diskutierten viel: über Gott und die Welt, darüber, wer urteilen und wer verurteilen darf und was Schuld, was Gerechtigkeit sei. Terra terram accusat – die Welt klagt die Welt an, das Irdische verklagt das Irdische. Das Himmlische klagt nicht an? Schwebt die Vorstellung eines Jüngsten Gerichts nicht bedrohlich über den Häuptern frommer Christen, solcher, die dazu neigen, die Schrift wörtlich auszulegen? Wir diskutierten bis in die Nächte, gerecht, wie wir waren, selbstgerecht, Verächter der Gesinnungsethik, Verfechter der Verantwortlichkeit und darum auch Anhänger der Politik, einer zwar besseren Politik als die jeweils praktizierte, aber doch des politischen Handelns. Darum war es für uns selbstverständlich, dass es Menschen aufgegeben ist, Recht zu schaffen, Recht zu sprechen und auch Mitmenschen zu verurteilen. Sich das aufzubürden, bedeutete Verantwortungsethik für uns.

Die andere Form der Ethik war uns verächtlich, nämlich so zu tun, als stünde es Menschen nicht zu, Gesetze aufzurichten, Verträge zu schließen, Urteile zu fällen und Strafen zu verhängen. Als ob es Sache nur des Himmels wäre, Gesetzestafeln unter das Volk zu bringen und Sünder zu verurteilen. Als ob sich ein Staat durch 10 Gebote regeln ließe, wovon die Hälfte, die von Gott handelt, uns als unwichtig galt. Christus ein Gesinnungsethiker? Ein Chiliast, jemand, der das Ende aller Tage für gekommen hält, der kann sehr wohl alles dem Himmel überlassen. Wir glaubten zwar nicht an den Sohn Gottes, aber wir sympathisierten mit ihm. Darum war er für uns kein „Gutmensch“, niemand, der mit überbordender Gesinnung anderen auf die Füße tritt. Wir sagten uns: Er war Politiker. Der konnte schlichten, der konnte entscheiden.

Wer weiß, was er in den Sand geschrieben hat! Niemand aus den ersten Jahrhunderten hat es überliefert. Selbst wenn man die Antwort darauf in den Tonkrügen eines Fellachendorfs fände, was würde sie glaubhafter machen als die Erfindungen der vielen Maler, deren Fantasie den Pinsel geführt und die Schriftzüge entworfen hat? Was man nicht wissen kann, darüber soll man schweigen. Dies oder etwas Ähnliches rät uns der Philosoph Wittgenstein. Aber die Kunst ist frei. Der Maler darf auf Niederländisch, Italienisch und Lateinisch in den gemalten Sand eines gemalten Tempels durch eine gemalte Hand schreiben lassen, was er will. Benoite hat mit ihrem kunsthistorischen Buch über die Adultera-Malerei auch ein Gleichnis der Geschichtswissenschaft gestiftet. Über wie Vieles wissen Historiker nicht Bescheid! Und kommentieren doch Ereignisse, über die sie nichts wissen können, teils geistreich, teils blumig, teils propagandistisch – wie die Maler.

III.

Am Ende meines Lebens, von vielen Pflichten befreit, und so gesund, dass ich noch reisen konnte, erfüllte ich mir einen Wunsch, der mich seit der Begegnung mit Benoite begleitet hatte, nämlich ins Veneto zu reisen, die Kunststadt Venedig zu sehen und das Küstengebiet zwischen der Lagune und Triest zu erkunden. In einem Dorf, dessen Namen ich vergessen habe (und den ich aus meinen Aufzeichnungen herausfischen müsste), in einem Ort nicht weit von Portogruaro entdeckte ich eine Kirche „San Giovanni“, die mich an die Pericope de Adultera erinnerte. Ich betrat das dunkle Gemäuer und erkannte nichts, was einen Kunstbeflissenen begeistert hätte. Die Seitenkapellen waren mit Nacht vollgestopft. Aus Enttäuschung darüber blitzte ich mit meiner Digitalkamera in eine der schwarzen Höhlen hinein, um die Dunkelheit zu zerreißen. Ein Akt des Protestes. Ich verließ die Kirche in gedrückter Stimmung und fühlte mich schuldig, als hätte ich etwas getan, was mir nicht zusteht, als hätte ich einen Vorhang zerrissen und nicht nur für den Bruchteil einer Sekunde die stets nachwachsende Dunkelheit, die keine Narben des Lichts hinterlässt. Im Gasthof gewahrte ich bei der Durchsicht der Bilder des Tages das Ergebnis meines barbarischen Angriffs auf die Seitenkapelle: ein Triptychon mit einem gleißenden Kreis, dem Reflex des Blitzlichts, so dass ich die dargestellte Szene nur erahnen konnte. Aber gut erkennbar war ein Schriftzug.

Am nächsten Tag besuchte ich San Giovanni abermals, diesmal in Begleitung des Küsters, der mich schweigend zur Seitenkapelle führte und dort ein spärliches elektrisches Licht anknipste. Da sah ich die Adultera. Auf dem linken Flügelbild erkannte ich Jesus, wie er einen Text schreibt, der für mich schwer zu lesen war (auf den Kopf gestelltes Latein). Im Mittelbild steht Jesus neben der angeklagten Frau und spricht zu den Schriftgelehrten den Satz, der als ein schmaler, geschwungener Wimpel aus dem Mund des Sprechers weht: Chi di voi e senza peccato, scagli per primo la pietra contro di lei. Der Küster brauchte es mir nicht ins Deutsche zu übersetzen (obwohl er es gekonnt hätte, denn er stammt aus dem nördlichen Friaul), weil mir dieser Text in fast jeder europäischen Sprache geläufig ist. Auf dem rechten Flügelbild Jesus wieder in gebückter Haltung, abermals einen lateinischen Satz vollendend (erkennbar an der wie gemeißelten imperialen Schrift). Ich durfte das Altarbild fotografieren, als Ganzes und in Teilen. Ich bedankte mich durch ein (wie ich fand) großzügiges Entgelt, das ich für die Armen bestimmte, zu denen sich nach Belieben auch der Küster rechnen mochte.

Zu Hause habe ich die Früchte meiner Reise sortiert. Die Fotos aus der Kirche San Giovanni sind auf meinem Laptop gespeichert. Sie lassen sich auf dem Monitor vergrößern, hin- und herwenden und auch auf den Kopf stellen, so dass ich bequem entziffern kann, was Jesus schreibt. Links: DILIGES DOMINUM DEUM TUUM IN TOTO CORDE (liebe Gott, deinen Herrn, von ganzem Herzen) und rechts: DILIGES PROXIMUM TUUM SICUT TE IPSUM (Liebe deinen Nächsten wie dich selbst). Das also ist des Rätsels Lösung! Der unbekannte Maler (der Küster konnte mir nichts über ihn berichten) hatte tiefer erfasst als alle Kirchenväter und wir Kinder (und ganz besonders ich), was Christus mit seinem Finger in den Sand schreibt: Die Summe der Lehre. Links: Das ist die Liebe zu Gott, dass wir seine Gebote halten (du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht falsch bezeugen), ein Fingerzeig an die Frau und die Schriftgelehrten gleichermaßen! Und rechts: Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch. Denn (schreibt Paulus an die Galater) das ganze Gesetz ist in einem Wort erfüllt, in dem ‘Liebe deinen Nächsten wie dich selbst’.

Jesus hätte nichts geschrieben? Doch. Dieses eine Mal, Zitate aus der Thora: die Quintessenz seiner Lehre und der des Moses. Mehr brauchte er nicht zu schreiben. Alles andere ist Beiwerk, war bereits geschrieben worden oder würde durch seine Anhänger aufgezeichnet werden. Meine Geliebte Benoite ist tot. Ich musste sie überleben. Wie gerne hätte ich mit ihr über meine Entdeckung gesprochen! Und wie gerne hätte sie zwei, vielleicht zehn Seiten an ihr Buch gehängt, um in einer Neuauflage einen unbekannten Maler und seine geistreiche Interpretation ins rechte Licht zu rücken! Ich brauchte ein siebzigjähriges Leben, um in dem, was ich als Kind für Gekritzel gehalten hatte, die Summe der Lehre zu erkennen.

Aber warum in den Sand geschrieben? Weil alles in den Sand geschrieben ist.

Neu: Flieh zu den Sternen

„Flieh zu den Sternen“ lautet der Titel des Romans, den der Dormagener Autor Eduard Breimann in diesen Tagen vorstellt. Sein Verlag, das Schweizer Unternehmen Universal Frame, hat das Buch als Taschenbuch herausgebracht. Es hat einen Umfang von 376 Seiten und kostet 14,95 Euro. Bestellbar in allen Buchhandlungen mit der ISBN 9783 9523 56289.

„Rund zwei Jahre hat die Arbeit an diesem Buch gedauert“, so der Autor. „Darin steckt natürlich der Zeitaufwand für intensives Recherchieren. Es ist halt meine Maxime: Wenn Fakten in einem fiktiven Roman angeführt werden, dann müssen sie stimmen.“

Der Autor zum Buch: „Missbrauch von und an Kindern und Jugendlichen, ob durch körperliche Gewalt oder in Form von sexuellen Übergriffen, ist ein abscheuliches Vergehen. Diese Kinder und Jugendlichen werden traumatisiert, leiden oft ihr ganzes Leben lang unter den Folgen. Im Jahre 2010 wagten es einige Menschen, den Missbrauch, der ihnen als Kinder angetan worden war, öffentlich zu machen. Sie traten eine wahre Lawine los. Einer nach dem anderen suchte und fand den Weg in die Öffentlichkeit. Und die reagierte, angefacht durch nahezu sämtliche Medien. Dabei, das lag an der Zahl der Opfer aus Klosterschulen, Kirchen und kirchlichen Einrichtungen, schaute alle Welt auf den Missbrauch in der katholischen Kirche. Leider ging dadurch etwas fast total unter: Der Missbrauch in der Familie, im Umfeld dieser „Burg“, in der Kinder eigentlich geschützt, unangreifbar sein sollten. Gerade hier ist die Dunkelziffer enorm hoch. Was sicher seine Gründe hat. Welches Kind verklagt seinen Vater oder Onkel? Welche Familie geht mit der „Schande“ zum Staatsanwalt? Die Betroffenen, die missbrauchten Kinder, haben keine Chance. Sie dürfen keine professionelle Hilfe in Anspruch nehmen, leiden zudem mehr als andere unter dem Trauma der versagenden Familie.“

Breimann betont aber auch: „Es ist kein Zufall, dass dieser Roman den Missbrauch dieser Kinder thematisiert – es ist aber Zufall, dass nach zwei Jahren Vorarbeit das Buch in der Hochphase der Diskussion über den Missbrauch von Kindern erscheint.

Zum Inhalt des Buches: Am Anfang steht der Rat eines Freundes: „Lebensregel: Wenn du diese Scheißangst hast, dann lauf weg.“ Der 13-jährige Nick, ein notorischer Schulschwänzer, rennt nicht nur physisch davon, wenn ihm immer wieder unsägliche Dinge geschehen und er wegen eines an sich belanglosen Körperschadens gekränkt wird, auch sein Geist entflieht der unerträglichen Realität; er sucht Zuflucht auf einem erdachten Stern. Hier findet der Junge Trost durch Freunde und Beschützer, die ihn vor dem Zerbrechen bewahren. Die Verhältnisse in denen er aufwächst sind katastrophal. Seine Mutter trinkt und geht anschaffen, sein Stiefvater, ebenfalls Trinker und arbeitslos, verkauft ihn immer wieder an einen Kinderschänder. Halt findet er später in der Freundschaft zu dem zwei Jahre älteren Janosch, mit dem er sich eine Zuflucht im Keller eines Abbruchhauses schafft.

Als er sich auf drastische Weise seines Peinigers entledigt, tritt eine grundsätzliche Wende in seinem Leben ein. Die Einweisung in ein Heim, vor der er sich immer gefürchtet hatte, bietet ihm aber die Möglichkeit, nicht nur seine Vorurteile abzubauen, sondern auch – trotz zahlreicher Komplikationen – zu einem liebenswürdigen jungen Mann heranzuwachsen, der den richtigen Beruf und wohl auch die Partnerin fürs Leben gefunden hat.

Quelle: Dormago-Portal, 24.0402010

New York, New York

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

I.

Sie heißt Elke. Sie hasste ihren Namen und brachte ihn anagrammatisch mit Ekel in Verbindung. Die Eltern stammten vom Niederrhein, waren katholisch, muteten die Erziehung, die sie selbst ertragen hatten, auch der Tochter zu, „eine bittere Medizin gegen den störrischen Willen, zur Lenkung des Fleisches, zur Ehre Gottes.“ Verspätungen auf dem Schulweg wurden mit Schlägen geahndet. Der Vater schlug mit dem Riemen (sie schämte sich dann ihrer Nacktheit). Die Mutter musste währenddessen das Essen aufwärmen, damit das Kind seine warme Mahlzeit empfinge. Kinobesuche und Gänge ins Freibad waren verboten, denn der Vater litt keine „streunende Katze“. Er wollte sich später nichts vorwerfen lassen. Der Vater. Er wusste nicht, dass auch Mädchen masturbieren, sonst hätte er nächtliche Kontrollen „durchgeführt“. Die Mutter war ein eine Schürze, ein Nichts.

Der Vater, im Krieg Oberfeldwebel, immerhin ein Ober, wenn auch kein Oberst, ist zu besichtigen auf gelbstichigen Fotos mit Büttenrand: Jungentyp vom Aussehen enthäuteter Karnickel, von fern betrachtet eine Made. Er war in Simferopol verwundet worden. Man hatte ihm ein Bein amputiert, was sein Selbstvertrauen minderte. Er fühlte sich seitdem nicht mehr als richtiger Mann. „Die schönste Zeit“, pflegte er zu sagen, „war die Zeit am Schwarzen Meer, die Zeit auf der Krim, wo ich Russisch gelernt habe – oder Ukrainisch. Gegen die wahren Russen habe ich nichts. Der Russe ist ein religiöser Mensch.“ Er klammerte sich an diese Jugend. Nach dem Krieg hatte er sein Leben abgeschlossen und ganz in den Dienst seiner Tochter gestellt. Aus ihr sollte etwas Rechtes werden. Man würde nicht früh genug damit anfangen können. Er verteidigte den Hitler, wo die „Heuchler“ ihn verdammten. War es doch der „frei gewählte Reichskanzler und Führer“, der die Arbeitslosen von der Straße geholt, mit „Pius dem Großen“ Konkordate geschlossen habe und im Sommer 41 den Bolschewiken zuvorgekommen sei, und der sich mit Churchill, dem „schlauen Fuchs von der Themse“, vertragen hätte, wenn die Engländer einsichtiger gewesen wären. „Nur das mit den Juden hätte er sich überlegen sollen, denn die haben ihm das Genick gebrochen.“ Der Vater legte auf Bildung Wert, und so setzte er energisch durch, dass die Tochter das Lyzeum zu Ende besuchte, als sie schon früh, vor der Studentenzeit, vom alternativen Leben träumte und lieber eine Schreinerlehre gemacht hätte.

Einmal sah Elke in Gegenwart ihres Vaters eine TV-Sendung über den Krieg, einen Beitrag über die Schlacht um Kiew und die ersten Tage des Vormarsches: Panzer knicken Birken, Soldaten winken, waschen sich in Trögen, lachen immerzu, zwei Ukrainerinnen entblößen ihre Brüste, sie tanzen, ein Offizier humpelt ins Bild und empfängt ein Blumengewinde, als hätten die Nazis Hawai erobert. Elke kicherte. Sie lachte an unpassender Stelle, wie der Vater meinte, so dass sie darüber in Streit gerieten. Während der Auseinandersetzung um die rechte historische Gesinnung schwang sich der Vater über sein Holzbein, erhob sich schwer aus dem Sessel, griff die Krücke, die an der Armrolle lehnte, und schlug der Tochter auf die Schulter, dass ihr Schlüsselbein brach. In ihrem Schmerz und ihrer die Angst verzehrenden Wut rief sie, dass er moralisch nicht befugt sei, sie zu tadeln, geschweige zu schlagen. Jemand, der sich den Heimatschuss gesetzt habe, möge sich ins Knie ficken. Sie wiederholte es zweimal, damit er es genau verstünde. Der Vater brach daraufhin weinend zusammen und wurde ohnmächtig. Später bestand er auf einer Entschuldigung und sprach wochenlang nicht mit seiner Tochter. Er ließ durch die Mutter ausrichten, dass sein einziges Kind unter seinem Dache wohnen dürfe, obwohl er „sein kleines Mädchen verloren“ habe.

Nach einer dann doch noch zustande gekommenen Versöhnungsfeier (anlässlich ihres Abiturs) verließ sie das Elternhaus und verlor sich – jetzt als ‘Elena’ – in der linken Szene West-Berlins. Sie wurde ‘Elen’ genannt und lebte in WGs am Stutti in Charlottenburg, später in der Kreuzberger Oranienstraße, putzte, spülte, kaufte ein und errang sich so das Wohlwollen der Geistesfürsten, die sich gegenseitig in Theologie und Soziologie abfragten und die Frauen für emanzipiert erklärten. Ob sie sich vorstellen könne, dass ihr Vater sie missbraucht habe. „Aber ja“, antwortete sie, „natürlich hat er das.“ Dann erkannte sie die Bedeutung der Frage und korrigierte sich. DARAN habe sie nie auch nur im Traum gedacht. Aber weil sie bereit sei, alle Tabus zu brechen, wolle sie auch DARÜBER nachdenken. Und eines Tages verkündete sie, dass sie mit Sicherheit überhaupt kein Verhältnis zu ihrem Vater, dem kleinkarierten Nazi-Arschloch, gehabt habe, also auch keine sexuelle Beziehung. Punkt. Der habe nur geschossen und geprügelt. Sie sei wahrscheinlich nicht einmal seine Tochter.

Die 60er. Worte des Vorsitzenden Mao, die Jubelperser und Benno Ohnesorg, unter den Talaren der Muff von tausend Jahren, Che Guevara, verwandelt euren Hass in Energie, das Massaker von My Lai, überhaupt Vietnam, aber auch Woodstock, die Anfänge der Ulrike Meinhof, die Sit-ins, Gretchen Klotz und Rudi Dutschke, die Theologie und der Marxismus. Elen wollte nicht zurückstehen, und darum studierte sie an der FU was Soziales. Sie hielt sich in Frauenzirkeln auf. Sie diskutierte mit Frauen über Frauen, über die Bedeutung des Reaktionszyklusses unter besonderer Berücksichtigung der Refraktärphase für die Befreiung der Frau aus dem Joch männlicher Bevormundung. Dann lernte sie Julian kennen. Sie hörte auf, alle zwei Tage mit ihrer Mutter zu telefonieren, und fing an, über ihren ersten „offiziellen“ Orgasmus zu schwadronieren. Das erregte keine Schwester, bis sie eher beiläufig bekundete, dass ein Mann, ihr Freund, Julian, ein Maler, den Orgasmus bei ihr ausgelöst habe, und dass sie nur von Männern beigebrachte Orgasmen als solche bezeichnen wolle. Du redest wie ein Kerl, du Flittchen! Redet sie nicht wie ein Kerl? Den Film über das Te des Tao nicht gesehen? Eine Stunde über dem Abgrund schweben, selbstreinigende Kontraktionen der Vagina auf dem Pfad zur göttlichen Ruhe? Einzige Bedingung: keine Maschine außer Higo Zuiki. Kein Schwanz, du Flittchen, sonst schneiden wir dir die Klitoris ab! Sie hatte es satt. Die erste depressive Phase setzte ein. Julian bevaterte sie und ließ sie tagsüber bei sich in der Akademie Modell sitzen. Aber er wollte nicht, dass sie sich auch für die ersten Semester feilbot, sie sei schließlich als seine Freundin bekannt! Macho! Scheißkerl. Bevatern, das hat ihr noch gefehlt! Sie wechselte zur Theaterwissenschaft, um ihrer Krise mit künstlerischen Mitteln zu begegnen.

Da bekam Julian ein Stipendium nach New York wegen zweier in Acryl gemalter Bilder, die angeblich die Hintergründigkeit der Technik, ihre Bedrohungspotenziale, aber auch ihr verselbstständigtes Sein als Paradigma menschlicher Existenz unter einer an Mondrian erinnernden funktional gegliederten Oberfläche manifestiere – wie ein Kritiker schrieb. Bei solcher Kritik war die Vergabe des Stipendiums für die akademischen Lehrer an kein Risiko mehr gebunden. Julian könnte die Werke nach New York mitnehmen und es dem Zufall überlassen, ob er sie nur verkaufen oder in einem Potlatch-Happening zu Ehren frühmarxistischer Indianer vernichten würde. Solche Absichtserklärungen gingen ihm glatt von der Zunge, wie auch die Feststellung, er werde das Stipendium mitgehen lassen, obwohl die Bilder nichts taugen könnten, wenn sie ein bürgerlicher Kritiker lobt.

Die Bilder, die Julian verabscheute, weil sie ein Bourgeois gelobt hatte, zeigten vordergründig folgendes: Beim ersten Bild den Längsschnitt durch einen Einzylinder-Stirling-Motor mit Rhombengetriebe auf rosa Untergrund. Lufteinlass und Zerstäuber leuchten wie Gloriolen. Das Lippenstiftrot auf dem Brenner, dick aufgetragen und schmierig, lässt sich mit den Fingern ertasten. Die Farbe des Kühlraums, ein taubes Smaragd, wirkt nichtssagend und darum geheimnisvoll. Dafür erstrahlen Arbeits- und Verdrängerkolben in hellem Silber. Das Rhombengetriebe protzt mit Purpur wie ein Kardinal. Schwarze Linien gleicher Dicke trennen die farbigen Flächen voneinander. Beim zweiten Bild den Grundriss eines Elektronen-Synchrotrons. Der Ringtunnel ist vollgestopft mit sattem Blau, der Radialtunnel mit demselben Lippenstift gezogen (nämlich mit Elens) wie der Brenner des Stirling-Motors, ebenso der Linearbeschleuniger. Die Laborgebäude strotzen vor Lila, der Generator brummt in Rosa und der Kontrollraum prangt in Grün. Die Farbflächen sind wiederum durch sorgfältig gezogene schwarze Linien gegeneinander und gegen den goldgelben Hintergrund abgesetzt.

Die korrespondierenden Farben auf beiden Bildern veranlasste die Kritiker in New Yorker Studentenkreisen, statt von einem Diptychon von einem unvollendeten Triptychon zu sprechen, weil das Werk aus nur zwei Tafeln bestehe und nach der dritten unerschaffenen schreie. So biete es ein Sinnbild des Unvollkommenen, aber auch der Entwicklungsmöglichkeiten. Julian hatte dieser (vermutlich nicht bourgeoisen) Kritik ihren Anteil am schöpferischen Prozess eingeräumt. Da kam ihm ein Zufall zu Hilfe, eines der Ereignisse, die in New York häufig stattfinden. Jemand hatte einen benzingetränkten Lappen angezündet und in ein leerstehendes Haus geworfen (frage einer warum). Nach einer Stunde entschloss sich das Haus, für die Anrainer sichtbar zu brennen. Es brannte lichterloh, und der Eisverkäufer auf dem Parkplatz an der Ecke Fifth Avenue und 131. Street machte den höchsten Stundenumsatz seines Lebens. Die Gaffer kauften bei ihm und leckten schnell, denn der Russ setzte sich auf die Eisbällchen und würzte sie mit Zigarrenaroma. Nachdem die Feuerwehr angerückt, das Haus ertränkt und wieder abgerückt war, erschien Julian in Begleitung zweier Neger, Tänzern einer Straßentheatergruppe, und brach drei noch triefende verkohlte Fensterrahmen aus dem ersten Stock – das Rohmaterial seines Triptychons. In seinem Atelier, nicht weit von der Ruine, stellte er ein Gerüst auf, das aus den drei Rahmen bestand. Den mittleren verankerte er in einer Predella aus Beton. Die Flügel behängte er mit seinen beiden Bildern. Ihre Anordnung überließ er dem Zufall (der seiner Ansicht nach der beste Künstler ist).

Julian entwickelte, inspiriert durch das unvollendete Triptychon (von einem vollendeten Diptychon wollte er nichts wissen), seine Philosophie der Unvollkommenheit, des Unterentwickelten, nach Vollendung Strebenden, aber nie Erreichenden. Darin erblickte er den Sinn von Kunst. Und darum veranstaltete er Happenings, in denen er geometrische Figuren zerschlug, Partituren von Mozart und Abbildungen der Gaußschen Normalverteilung zerriss, sogar ein Bild von Cynthia Myers vor einem Jaguar XJ6 (Sechs-Zylinder-Reihenmotor) – nicht um das Schöne, das Bewährte zu verhöhnen, sondern um das Vollkommene zu erlösen, es aus seinen engen Grenzen, die keine Abweichung erlauben, zu befreien.

II.

Elen war ihrem Julian nach NY gefolgt. Sie wollte dort so lange bleiben, bis ihr das Geld ausgehen würde, also mindestens vier Monate (es langte für zwei Wochen). Sie fand durch Julian Anschluss an Gruppen, die Straßentheater machen. Sie brauchte nicht großartig eingeführt zu werden. Du lernst jemanden kennen, kriegst eine Telefon-Nummer, hallo, komm vorbei. Sie blieb vierzehn Tage in der Gruppe, schlief nachts bei Julian und lebte tagsüber auf der Straße. Das letzte Geld verlor sie – standesgemäß – auf theatralische Weise.

Es stieß ihr das zu, womit jedes Greenhorn in NY ständig rechnet. Nahe dem Haus, aus dem der Rahmen des Triptychons stammte, stellten sich ihr zwei Jungen und zwei Mädchen in den Weg. Die Mädchen befummelten sie und nahmen ihr das Geld fort, gewaltlos, schnell, geschäftsmäßig wie Zollbeamtinnen. Elen bekam kein Messer zu sehen, denn sie wehrte sich nicht. Die Dollars, mit denen sich die Jugendgang zufrieden gab, hätten bestenfalls für eine Woche gereicht. Es lohnte sich nicht, wegen der paar Kröten erstochen zu werden. Ein Unglück kommt selten allein. Julian trennte sich von ihr. Er zog nach Baltimore. Ob es zu seinen künstlerischen Verpflichtungen gehörte oder nicht, darüber machte sich Elen keine Gedanken mehr. Es war ihr egal. Sie hatte ja schon Schlimmeres erlebt, ihren Vater, die Zicken in Berlin und das Verbrechen auf New Yorker Straßen. Sie wollte nicht von Julian abhängen, New York nicht verlassen und auf keinen Fall nach Deutschland zurückkehren. Sie klammerte sich an New York. Es würde noch lange dauern, bis sich das Gefühl einstellt, alles gesehen, alles erlebt zu haben, was sich mit ihrer körperlichen Unversehrtheit noch einigermaßen vertrüge. Außerdem schuldete NY ihr etwas (nicht nur ein paar Dollar).

Julian überließ ihr zum Trost das Triptychon, das zwar über den grünen Klee gelobt worden war, aber niemand gekauft hatte. Elen wollte es als Theaterkulisse verwenden. Sie schrieb dazu einen wirren Text, den die Theatergruppe für spleenig hielt und nicht aufführte, nicht aufführen konnte. Weil das Triptychon nicht vollkommen war, brauchte er nicht zerstört zu werden. Daher blieb es in Julians Wohnung, die sie bezogen hatte, und diente ihr als Paravent. Sie lasierte die verkohlten Rahmen und erneuerte die Lippenstift-Partien. Nach dem Verzehr der knappen Mittel, die Julian ihr zurückgelassen hatte, lehrte sie zwei Stunden pro Woche die Kinder eines jüdischen Immigranten deutsche Literatur (Borchert, etwas Dürrenmatt, etwas Brecht, Kästner, aber nicht Böll, den mochte sie nicht). Das reichte zwei Tage in der Woche zum Essen, darum ging sie in den Haushalten reicher Leute putzen. Dieser Job war anstrengend, wurde aber mit acht Dollar die Stunde gut bezahlt.

Ihre große Chance kam mit dem Angebot, eine Stelle als Table Dance Girl, als Teedeegee, anzunehmen. Jemand aus der Theatergruppe spielte ihr eine Telefon-Nummer zu, und sie rief an. Man fragte sie, ob sie tanzen könne. Sie dachte, tanzen kann jeder, und sagte ja. Sie wusste nicht genau, was ein Teedeegee tun muss, nur ungefähr. Das aufputschende Gogo für mach schon, bring es, du musst kommen, zeig es mir, go on, yeah, weiter, weiter, marschieren, stell dich nicht an, beweg deinen Arsch, du zeigst es mir, lass dich nicht hängen, bring es endlich, genug für heute. Das erinnerte sie an David Hemmings, den Fotografen in Blow Up, dem Film, den sie in einem Kino-Tempel der Houston Street gesehen hatte (Hausten nicht Justen). Sie lernte, es zu bringen und zu kommen. Sie marschierte und machte voran. Das Ausziehen hatte ihr von Anfang an keine Schwierigkeiten gemacht. Der Choreograf war schwul und so fachmännisch wie ein Gynäkologe. Er zeigte nicht die geringste Begehrlichkeit von der Art, wie Elen sie von den Demos kannte, an denen sie einmal (aber nur einmal) nackt teilgenommen hatte. Sie erzählte später: Zuerst habe ich vor mich hin getanzt, dann habe ich mir einiges von den Schwestern abgekuckt und mir selbst Bewegungsabläufe beigebracht, die mir persönlich liegen und bei denen ich mich gut fühle. Dann nahm mich Fag, der Schwule, in die Mangel. Er war der einzige Mann, den ich respektierte. Ich liebte ihn sogar, seiner Disziplin und Professionalität wegen, die mir das Gefühl gaben, eine Künstlerin zu sein. Und verdammt noch mal, wieso war ich keine Künstlerin? Ich konnte mich nicht ans Klavier setzen und spielen, ans Klavier setzen ja, aber nicht spielen, nicht einmal den Flohwalzer. Aber auf den Tisch springen konnte ich und tanzen, dass die Männer ein Rohr kriegten. Ich kam an. Die Männer mochten mich. Sie setzten sich vor mich hin und tranken Bier. Ich brachte ihnen Schluckbeschwerden bei, wenn ich den Zeigefinger zwischen die Beine steckte. Manchmal ging ich mit 500 Dollar pro Abend nach Hause.

Ein halbes Jahr später bezog sie – mit Triptychon – ein Loft in der Bronx. Eine gekälkte Betonsäule quadratischen Querschnitts und eine schwarz lackierte Druckmaschine standen mitten in ihrer Wohnhalle, dem einzigen Raum neben Badezimmer und Toilette. Sie hatte sich etabliert. Nun musste sie ihren Aufenthalt durch Heirat legalisieren. Darum interessierte Elen sich zunehmend für die Männer, die im Tingeltangel vorbeischauten und mit hündischen Blicken um Beachtung warben. Sie würde einen von ihnen heiraten. Elen genoss die Macht über die Kerle, die ihr zu Füßen saßen, ohne die Augen von ihr zu wenden. Sie brauchte nur in den Hüften zu schaukeln, die Hände auf den Po zu klatschen, über den langen Tisch zu schreiten, und die Spanner reagierten mit Geldscheinen. Reagierten, man kann auch sagen ejakulierten. Denn sie würden sie gerne vollspritzen, das spürte sie, das schmierige Papier war nur ein Ersatz. Sie begann damit, ihre Kunden auf die Wohnung zu nehmen. Eine emanzipierte Frau, dachte sie, ist stark genug, Männer zu gängeln, ihnen zu gewähren oder zu versagen, eine emanzipierte Frau braucht ihnen nicht aus dem Weg zu gehen.

Der erste war ein Staatsanwalt, den sie geheiratet hätte, wenn er nicht beim Hochseefischen ertrunken wäre. Der zweite: ein Mann, der lange Haare über sein sanftes Pferdegesicht fallen ließ, ein Vietnam-Veteran, der am Knie verletzt worden war und unter PTSD litt. Ihn hätte sie vermutlich geheiratet. Er brachte einen blinden Hund (keinen Blindenhund) in die Liaison. Das Verhältnis zerbrach, weil der junge Veteran auf der Straße einen mit Junk vollgepumpten Deutschen erstechen musste. Der Dreckskerl hatte den blinden Hund getreten, weil der nicht zur Seite gesprungen war. Dann gab es da plötzlich das Messer. Es ließ sich auf seinem Weg durch die Bauchschwarte nicht mehr aufhalten. Der Deutsche starb am Schock. Der Coroner erklärte, die Wunde selbst sei nicht tödlich gewesen, und das Gericht erkannte auf mildernde Umstände, aber nicht auf Notwehr (ein Deutscher ist allemal mehr wert als ein blinder Hund), es berücksichtigte jedoch die Kampfeinsätze in Vietnam und die daraus resultierende seelische Zerrüttung. Trotzdem, Elens Heiratskandidat musste für fünf Jahre ins Gefängnis.

Der dritte Mann erfüllte zu bald die Gewaltstatistik. Zuerst raspelte er Süßholz, küsste ihr die Hände, kniete vor ihr, dann wurde er allmählich handgreiflich und langte ihr an die Brust. Elen entzog sich und wollte eine Platte auflegen. Das mach nur, Baby, aber beeil dich. Sie legte die Enigma Variations auf, um den Mann zu ernüchtern (wie sie später erzählte). Willst du mich verarschen? Glaubst du, deswegen wär ich hier? Er drehte am Knopf des Lautsprechers, bis er nicht mehr zu verstehen brauchte, was sie rief, nämlich dass er hier nicht den wilden Max markieren solle, sie würde es ihm auch so machen. Der Mann hörte davon nichts, wie gesagt, und warf sie gegen die Druckmaschine, so dass ihr die Luft ausblieb. Sie ließ sich zu Boden gleiten. Verdammtes Dreckschwein. Sie hatte nicht den Mut, ihm die Finger in die Augen zu stechen, aber sie schlug ihn aus unterlegener Position und schrie dabei einen schaurigschönen Diskant. Das hielten die Nerven des Mannes nicht aus, darum würgte er sie. Als sie aufwachte, blutete sie zwischen den Beinen. Der Unterleib schmerzte. Sie schleppte sich aus der Wohnung in einen 24-Stunden-Laden.

Die Vergewaltigung brachte sie abermals in die Krise. Elen konnte nicht mehr in der Teedeegee-Bar arbeiten, weil sie sich vor den Männergesichtern ekelte. Zu ihrer eigenen Sicherheit nahm sie eine Freundin auf die Wohnung, eine Bekannte aus der Theatergruppe, eine Irin, Eileen. Sie hatte unter dem Pseudonym Karin Billed ein S&M-Institut gegründet. Elen durfte einmal zuschauen, geschützt durch einen semipermeablen Spiegel. Sie sah eine gefesselte Frau, wie Andromeda mit hochgereckten Armen, die Brüste preisgebend. Die Dame erregte sich, nach dem Schrei-Stöhnen zu urteilen, während Karin ihr mit einem blitzenden Messer um die Nippel strich, so dass Elen befürchtete, sie würden abgeschnitten und augenblicklich wie Mensch-ärgere-dich-nicht-Figürchen zu Boden fallen. Aber nichts dergleichen geschah. Im Gegenteil. Karin liebkoste ihr Opfer und überzeugte es davon, dass es geborgen sei, dass ihm nichts Grausames geschehe und dass sie, Karin, niemals „die Grenze überschreiten“ werde. Elen brach in Tränen aus. So behütet sein! Beim Italiener in der Kenmare Street erklärte Eileen (alias Karin), dass ihre S&M-Praktiken Religion hätten. „Ist unsere abendländische Bilderwelt nicht voll S&M? Der heilige Sebastian, he? Die heilige Barbara, der sie die Titten abgeschnitten haben? Die Leiden und das Entzücken der Heiligen? Und dann der Super-Cowboy Jesus Christus? Wie er sich am Kreuz windet. O, lass es genug sein! He? Ihr leidet und sollt getröstet werden – das ist die Message. Komm Kleines, mach dir nichts daraus. Ich bin sanftmütig, ich verletze niemanden, ich führe sie an den Abgrund, aber ich halte sie fest. Ich bin stark.“

Eileen war die starke Frau. Sie stammte aus Mayo, war kurze Zeit am Abbey gewesen, hatte Synge und O’Casey gespielt und konnte in einer traurigen, getragenen Stimme Yeats rezitieren. Sie besaß außerdem große, weiche Brüste, und Elen fing an, sie zu lieben, wegen alledem: Dass sie aus Mayo stammte, Schauspielerin war, diese Stimme hatte und wegen der warmen Anlege- und Ruhestelle – und der Religion, dem tieferen Sinn von S&M. Und klang Eileen nicht wie Elen, nur viel, viel schöner? Die Entdeckung ihrer sapphischen Liebe stürzte sie in Selbstzweifel. Sie wollte jetzt keinesfalls NY verlassen. Jetzt gerade nicht. Die Stadt schuldete ihr vieles. Sie klammerte sich an sie und erwartete von ihr weitere Aufschlüsse über sich. Sie musste zunächst das Gefühl der Ohnmacht überwinden und dann mit ihrem Gefühl für Eileen fertig werden.

Elen hatte ja das Geld für eine psychotherapeutische Behandlung. Außerdem war es eine Selbstverständlichkeit, sich psychotherapieren zu lassen – in einem Stadtteil, wo fast jedes Haus einmal brennt, nichts Außergewöhnliches. Originell war nur ihre Idee, gleich selbst Psychotherapie zu studieren. Sie besuchte eine teure Privatschule, die ihr ein anerkanntes Diplom aushändigen würde. Den Unterricht (in der Lexington Avenue) finanzierte sie mit ihren Ersparnissen aus der Teedeegee-Bar, und so fuhr sie zur Lexington viele Monate unbehelligt in den Graffiti-U-Bahnen der Linie 4 von der Woodlawn Station bis zum Grand Central durch eine kühle, verinnerlichte Welt, um zu lernen, wie man zu sich findet, ohne sich zu verletzen. Sie hatte in der ganzen Zeit keinen Kontakt zu Männern, außer mit einem um die 50, der ihr eine milde Form der Religion beibrachte, eine Selbstbespiegelung, in der angeblich auch die Welt erkennbar würde, eine abführende, beruhigende Betrachtungsweise, in der von allem etwas vorkam: Transpersonale Psychologie, populärwissenschaftlich ausgedünnte Quantentheorie, Zen-Buddhismus (um nur drei zu nennen). Er lehrte sie, ihre Angst zu verdinglichen und dann zu zerstören (deshalb zertrümmerte sie das Triptychon). Einmal war es dazu gekommen, in Hui’s Reishaus, dass der Mann seine papierleichte, unberingte Hand auf ihre Knie legte und seufzte. Das hatte sie zugelassen, ohne zur Toilette laufen und kotzen zu müssen. Aber am selben Tag drängte Elen ihre irische Freundin, mit ihr zu schlafen. Eileen gewährte es, stark, geduldig, zärtlich. Als die Irin einen Monat später die gemeinsame Wohnung verließ, um nach LA zu ziehen, schluckte Elen eine halbe Schachtel Schlaftabletten und wachte zwei Tage später hungrig auf. Sie weinte, saß vor dem TV-Gerät, weinte, sah Werbespots, weinte, trank eine Flasche Tullamore Dew, Eileen zu Ehren, und legte sich nackt aufs Bett, die Whisky-Flasche zwischen den Brüsten. Sie verbrachte zwei buddhistische Tage. Dann setzte sie ihre Studien fort, als wäre nichts gewesen.

Nach ihrer Ausbildung erhielt sie eine Stelle als Beraterin in einer katholischen Mädchenschule, wo Kinder schwarzer Einwanderer aus der Karibik unterrichtet wurden. Elen hatte ihre Behauptung, religiös zu empfinden, nicht beweisen müssen, weil die Nonnen sich nur EINE Form der Religiosität vorstellen konnten oder weil sie – im Gegenteil – durch den Umgang mit Fremden gelernt hatten, viele Ausprägungen religiösen Lebens zu dulden. Elen kam sich vor wie Barbarella im Zentrum des KGB. Keiner durfte etwas über ihre Vergangenheit wissen. Sie kleidete sich streng und trug eine Brille. Sie zog in die Nähe der Capuchin Sisters of Cana, in ein Viertel bürgerlicher Armut. Die Kinder, mit denen sie arbeitete, verhielten sich aggressiv, litten unter den Konflikten, die afro- und lateinamerikanische Familien ohne festes Einkommen zu ertragen hatten. Aber sie waren begabte Schauspieler. Elen organisierte Rollenspiele, und die Kinder gaben schreiend und gestikulierend wieder, was ihnen während häuslicher Streitereien zugestoßen war. Sie besaß nun, was sie wollte: die therapeutische Arbeit, das Theater (und mit ihm die Erinnerung an Eileen), etwas Sicherheit, ein ausreichendes Gehalt. Selbstachtung. Sie arbeitete gerne mit den Nonnen. Sie mochte Frauen, die ohne Männer auskommen. Und sie nannte sich wieder Elke – Elkii. Die Schraube der Dialektik hatte sich gedreht, eine Umdrehung nach oben. Elke war angekommen. New York hatte sie nicht ausgespien.

Der Kuppler

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

Was wissen wir über Chinesen? Eben. Darum habe ich die Ausstellung im Alten Museum besucht. Ich erinnere mich nicht genau an das Thema (Schätze der Himmelssöhne oder so ähnlich), aber ich erinnere mich daran, dass ich von einer Gruppe junger Mongolen oder Chinesen empfangen wurde (den Anschein hatte es), denn sie standen im Halbkreis auf dem Rasen im Lustgarten und sangen: „Oaaah“ und „Eiiih“. Beim tiefen Oaaah beugten sich die Sänger nach vorn, beim hohen Eiiih nach hinten. Sie fassten sich an den Schultern, winkelten ihre Beine und gaben mir und anderen Ankömmlingen Proben ihrer Sangeskunst.

Und ich erinnere mich sehr gut an eine Museumsbesucherin, die in Verzückung geriet angesichts eines Bronzegefäßes, dessen Griff die Form eines Drachens hat, der die Außenwand hochklettert und sein lechzendes Gesicht der Höhlung entgegenreckt. Die Dame rief: „O, wie süß! Wie er hochkrabbelt, um auch was zu kriegen!“ Ich wähnte, sie habe es mir zugerufen, weil ich zufällig neben ihr stand. Ich schloss mich ihr an, weil ihre Begeisterung meinem Herzen einen Hupfer, einen Aussetzer und wieder einen Hupfer beschert hatte. Wir drifteten gemeinsam durch die Ausstellung, von der ich nicht mehr viel in Erinnerung behalten habe, nur noch eine Knoblauchknollen-Vase, auf der sich ein roter Drache im blau-grünen Blätterwerk räkelt. Meine Begleiterin: „O, wie süß! Wie er sich räkelt, weil er so glücklich ist!“

Auf der Freitreppe wollte ich ihr einreden, wir müssten das Gesehene noch eingehend besprechen. Die chinesische Kunst eigne sich nicht als Deuterin gesellschaftlicher Veränderungen, zu konservativ – nicht wahr? Oder sei die kaiserliche Sammlung nur einseitig zusammengetragen worden? Wie sie darüber denke. Das buddhistische Sonnenrad habe eine verstörende Wirkung auf mich ausgeübt, und sie dürfe mich jetzt mit den vielen Impressionen nicht alleine lassen!
„Wie auch immer“, sagte sie, „hier haben Sie meine Handy-Nummer. Aber rufen Sie nicht eher an, als bis Sie das chinesische Zimmer im Charlottenburger Schloss besucht haben! Ich will jetzt alleine die vielen Eindrücke verarbeiten. Wenn sich alles gesetzt hat, sehen wir weiter. Okay? Okay?“

Mir blieb nichts anderes übrig, als zum Charlottenburger Schloss zu fahren. Und ich sage Ihnen was: Wenn man kein Auto hat, ist das gar nicht so einfach. Zuerst mit der S-Bahn (wo sie neuerdings nur alle zwei Stunden fährt), dann mit dem Bus. Was soll‘s. Ich nahm also an einer Schlossführung teil. Die Führerin, die häufig „sozusagen“ einstreute, erzählte dies und das, auch einiges Herzergreifende über die Königin Luise, und wir erreichten endlich das Porzellan-Kabinett im Westflügel.

Die Hohenzollern unterhielten verwandtschaftliche Beziehungen zur Seemacht Holland und importierten chinesisches Porzellan aus Amsterdam. Der frischgebackene König in Preußen (wohlgemerkt IN Preußen), Friedrich I., putzte „sozusagen“ seine Sommerresidenz heraus und gab mit dem weißen Gold mächtig an. Soweit so gut. Dann erklärte unsere sozusagen Führerin, dass viel Porzellan im zweiten Weltkrieg zerschlagen worden sei. Ach was! Im wörtlichen Sinne sozusagen. Ich blickte verstohlen zu den chinesischen Touristen hinüber und dachte, eigentlich müsse China Wiedergutmachung einklagen, denn die Deutschen waren schlechte Treuhänder der chinesischen Kunst. Da berichtete unsere Führerin, dass die Kulturrevolution in China einen großen Teil der eigenen Hinterlassenschaften, also der chinesischen, zerstört habe. Beijing (alias Peking) und Berlin versuchten seit Jahren, ihre Keramik-Bestände wieder aufzufüllen und Chinoiserien weltweit einzukaufen. Da half beiden ein denkwürdiger Zufall: Ein Unterwasser-Archäologe entdeckte im Indischen Ozean ein vor 200 Jahren gesunkenes Schiff voller Steinzeug, chinesischen Porzellans. Er barg es und versteigerte es in Amsterdam. Berlin und Beijing boten gegeneinander und deckten sich ein. „So spielt die Geschichte sozusagen.“ Die Deutschen und Chinesen zerschlagen Porzellan, und das Meer sorgt dafür, dass nicht alles verloren geht. Warum ich Ihnen das erzähle? Steckt es nicht voller Ironie? Ich erzähle es aber auch, weil während der Führung zweimal das Wort Amsterdam gefallen ist.

Nach dem Besuch fuhr ich mit dem Bus zum Ernst-Reuter-Platz. Dort stieg ich aus und wanderte die Straße des 17. Juni entlang in Richtung Tiergarten. An jenem Tag war die nördliche Seite mit Verkaufsständen zugestellt: Kunsthandwerker, Trödelhändler, Antiquitätenverkäufer und Antiquare hielten ihre Waren feil. Ein Stand zog mich an. Die Verkäuferin, eine in bunte Wolle gekleidete Italienerin oder Rumänin von etwa 40, pries ihre Steine und Scherben, die vor ihr ausgebreitet lagen. Eine Auslage fiel mir besonders auf, eine in Silber gefasste rundgeschnittene Porzellanscherbe, scheinbar chinesischer Herkunft. Auf das rauchige Porzellan sind mit satter Farbe – preußischblau – in zwei Spalten je zwei Zeichen gepinselt. Der glasierte Untergrund besitzt die Farbe des Himmels, während sich der Nebel lichtet (sagte die Verkäuferin). Die Sonne hat ein centgroßes Loch in den Himmel gebrannt. So sieht es aus. Die weiße Stelle, die wie die Sonne durch den Nebel schimmert, rühre von einer Pfeilspitze her. Die poetische Händlerin erzählte mir dazu die Geschichte von dem mongolischen Krieger, der einen Pfeil durch ein geschlossenes Fenster, dessen Scheibe aus Papier besteht, auf eine Vase abschießt, ohne sie zu zerstören. Er tut es, um einer gefangenen chinesischen Prinzessin, die er heimlich liebt, zu imponieren, ihr seine Treffsicherheit zu beweisen, seine Männlichkeit, seine Tauglichkeit, seine ritterliche Tugend. Und die italienische (oder rumänische) Standbesitzerin erklärte mir ferner, die Scherbe stamme aus der Ming-Zeit und sei infolgedessen ungefähr 500 Jahre alt, wenn man der Schätzung das arithmetische Mittel zwischen Beginn und Ende der Ming-Dynastie zugrunde lege.

Diese Erklärung weckte sofort mein Misstrauen, denn der Begriff Ming-Zeit ist der einzige historische, den man einem Europäer über die Geschichte Chinas abverlangen darf, und wer eine chinesische Antiquität zu verkaufen vorgibt, wird sie aus jener Zeit stammen lassen. Ich fragte, das Medaillon hin- und herwendend, nach der Bedeutung der Schriftzeichen, und sie antwortete, gut vorbereitet auf eine Frage, die jeder Kunde stellt: „Es heißt, ein langes Leben in Gesundheit und Zufriedenheit.“ Ich sah sie von unten her an (obwohl ich größer bin als sie) und meinte: „Es heißt womöglich: zwei Sack Reis und eine Peking-Ente zu zahlen an den Mandarin, der nicht alles glaubt.“ Sie lächelte wissend, so dass zwischen uns eine Kumpanei der Augen entstand. Dann sprach sie den kaufentscheidenden Satz: „Diese Scherbe kommt aus Amsterdam, dort werden echte Scherben gehandelt.“ Das entschied, und ich griff seufzend in die Börse. „Weil Ihr Verkaufsargument so überzeugt“, sagte ich und setzte alles daran, sie glauben zu machen, dass ich nur ihretwegen die gelungene Fälschung kaufte. „Es heißt wirklich das, was ich Ihnen gesagt habe, die Fassung ist aus spanischem Silber.“ Als wäre das eine Garantie für die Echtheit!

Als ich in der U-Bahn saß (für diejenigen, die es genau wissen wollen: in der U6 zum Halleschen Tor) und das Schmuckstück aus meinem Taschentuch wickelte, um es in Ruhe zu studieren (und nicht unter den Augen einer intellektuellen Verkäuferin, einer Arztgattin vielleicht, die nach Selbstverwirklichung strebt, oder einer arbeitslosen Lehrerin), fiel mir ein, dass die Brosche höchstwahrscheinlich unecht ist und darum die Schriftzeichen genau die Bedeutung haben, die sich für Geschenke so gut eignet. Ich fühlte mich im Nachhinein ein bisschen als Opfer meiner eigenen Dummheit.

Jetzt durfte ich meine Museumsbekanntschaft anrufen, jetzt endlich, da ich meine Prüfung in Charlottenburg bestanden hatte und außerdem ein Geschenk für sie parat hielt. Ich lud sie in das China-Restaurant Rathausstraße ein und überreichte ihr feierlich – als Beweis meines ungeheuchelten Interesses an der chinesischen Kultur – die erworbene Brosche, nicht ohne zu erwähnen, dass die IN SPANISCHES SILBER gefasste Scherbe aus der Ming-Zeit stamme und die Schriftzeichen die Bedeutung hätten: Ein langes Leben in Gesundheit oder so ähnlich. Meine neue Flamme war von der Echtheit des Silbers überzeugt und darum auch von der Echtheit der Scherbe (umso mehr als sie weder den Ort des Erwerbs noch den Preis erfahren hatte), so dass sie entschieden die Übersetzung anzweifelte und mich einen charmanten Flunkerer nannte, worauf ich mir was zugute hielt. Benoite (so heißt meine Freundin, sie hat eine französische Großmutter) heftete die Brosche auf ihren Pullover, dort wo sie den Ausschnitt zusammenraffen konnte. Der Pullover passte zufällig gut zu den Blautönen des Porzellans und auch zu der Kette aus schwarz lackierten Holzzylindern, die ihr am Hals baumelte.

Benoite fragte die Bedienung nach dem Sinn der Schriftzeichen und zeigte dabei spitz auf ihren vorgereckten Hals. Das Mädchen wurde rot, und ich vermutete eine Sensation, eine neue, überraschende Übersetzung der kalligraphischen Zeichen, vielleicht etwas Obszönes, aber die junge Frau bekannte nur, sie könne, obwohl Chinesin, die Zeichen nicht deuten, sie sei in Deutschland zur Schule gegangen. Benoite versicherte ihr, dass sie ohne eine fachkundige Übersetzung keinesfalls eine Bestellung aufgeben werde! Das Mädchen eilte in die Küche und kam mit Porzellanschüsselchen voll heißen Reisweins zurück. Es vertröstete uns damit, dass Madame, die das Etablissement leite, nach ihrem Friseurbesuch den Wunsch der Kundin befriedigen werde. Daraufhin bestellte ich die Reistafel für zwei Personen. Benoite verschwand für zehn Minuten oder auch für zwölf, denn die Zeit ihrer Abwesenheit kam mir ziemlich lange vor. Als sie zurückkehrte, erlebte ich eine heitere, frisch geschminkte Benoite, in sich ruhend wie eine Schwangere, göttinnengleich.

Madame erschien nach der Frühlingsrolle, ernst, auf das Schlimmste gefasst, und stellte sich als Geschäftsführerin vor. Sie versprach, ihre geringen Kenntnisse ganz in den Dienst der kostbaren Gäste zu stellen. Benoite wiederholte ihr Ansinnen und blieb die ganze Zeit über, während derer Madame die Brille entfaltete und gegen die Nase drückte, in ihrer die Büste betonenden, vorgestreckten Haltung sitzen. Madame entzifferte: „Sie ist Wunsch nach Gesundheit und bittet langes Leben herbei.“ Danach versteckte Benoite ihre Lämmer unterm Pullover und sagte: „So ein Zufall.“ Wir bedankten uns unisono und Madame entfernte sich lächelnd (hintergründig). Benoite ließ sich nicht davon abbringen, dass ich die Übersetzung nur ihretwegen gut erfunden hätte, und meinte:
„Sie haben entweder verdammtes Glück oder die Geschäftsführerin bestochen, jedenfalls ist Ihnen nicht zu trauen.“
Darauf ich: „a) habe ich Madame heute zum ersten Mal gesehen, b) zum ersten Mal seit langer Zeit, c) stimmt alles, was ich über die Schriftzeichen gesagt habe, und d) stammt es aus zuverlässiger Quelle, nämlich e) aus Amsterdam, wo es f) ein Chinesenviertel gibt.“
„a), b), c), d), e), f) – Sie sind ein pedantischer Lügner, der nicht an Zufälle glaubt. Ich glaube viel lieber an den Zufall, an einen sehr unwahrscheinlichen obendrein, denn er ist ein gutes Omen für die Erfüllung der Segenswünsche, du Dummkopf.“ Es war das erste Mal, dass sie mich duzte.

Zuerst dachte ich: Wahrscheinlich hat meine Verkäuferin mit der Übersetzung des Textes Recht, denn Madame kommt zu demselben Ergebnis – und dann kann es nur eine Fälschung sein. Hoffentlich laufen nicht zu viele mit der gleichen Scherbe und demselben Text durch Berlin! Da dämmerte es mir. Benoite meinte zwar, ICH hätte Madame bestochen. Dabei verhielt es sich genau umgekehrt! Warum war sie so lange fortgeblieben? Eine Frau, und erst recht eine Frau wie sie, kann ruckzuck ihre Lippen und Brauen nachziehen, das dauert keine Ewigkeit, das machen Frauen im Handumdrehen. Nein. Sie hat Madame instruiert, sie möge in etwa den Text wiederholen, den Benoite von mir erfahren hatte! Na warte!

Ich rief sie an: „Ich kenne einen, der kennt einen, der einen Sinologen kennt. Neunzehntes Semester. Ich habe ihn für übermorgen eingeladen und in Aussicht genommen, ihm eine bezaubernde Dame vorzustellen, eine Dame, die sich für chinesische Vasen und dergleichen interessiert und für Kalligraphie, weil ihr alles, was schön ist, am Herzen liegt.“
„Blablabla. Was willst du mir eigentlich damit sagen?“
„Dass du bitte übermorgen zu mir kommst und zwar mit deiner chinesischen Brosche. Der Sinologe, ein reizender Mann, wird sich Mühe geben, den wahren Text darauf zu entziffern.“

Nach einer entnervenden Diskussion willigte Benoite ein zu kommen, weil ich sonst sowieso keine Ruhe gegeben hätte. Meinen Bekannten, einen jungen Dozenten von der TU, habe ich ordentlich ins Bild gesetzt:
„Du machst dich in Wikipedia kundig und lernst alles, was dort über Chinesen steht, die Dynastien, die Schriftarten. Du prägst dir ein, dass Gelb die kaiserliche Farbe ist. Du sagst immer Beijing, niemals Peking! Du holst dir „den letzten Kaiser“ von Bertolucci aus der Videothek. Betone, dass Drachen Glücksbringer sind, und komm mir ja nicht mit dem Heiligen Georg und seiner Drachentöter-Scheiße. Benoite kann Leute nicht ausstehen, die was gegen Drachen haben. Du kennst den Film mit Dennis Quaid? Dragonheart? Daraus darfst du meinetwegen erzählen, wie der Drache gen Himmel gefahren ist, um die Menschen von da oben aus zu beschützen. Das würde ihr gefallen. Kein Wort über deutsche Kolonien, über den Boxer-Aufstand und die gelbe Gefahr, kein Wort über den Germans-to-the-front-Quatsch, kapiert? Dir das einzuprägen, kostet dich einen schlappen Tag. Wenn du das für mich tust, lade ich dich ein, mit Benoite und mir essen zu gehen. Du darfst dir ein Restaurant nach deinem anspruchslosen Geschmack aussuchen. Wir sind weltoffen und gehen notfalls auch in ein bayerisches Lokal, um naturtrübes Bier zu trinken. Also, reiß dich zusammen! Und jetzt kommt das Wichtigste. Du sagst, wenn wir dich nach der Bedeutung der Schriftzeichen fragen: Zwei Sack Reis für den Mandarin. Kannst du dir das merken? Stotter ein bisschen, du musst die Schriftzeichen nicht auf Anhieb entziffern. Tu mir einen Gefallen: Sei einfach gut!“

So wollte ich mich an ihr rächen. Ich wollte ihre List übertrumpfen. Als es aber soweit war, was sagte dieser tiefsinnige Trottel von Schein-Sinologe? Er sagte, nachdem ich ihn hochoffiziell nach der Bedeutung der Schriftzeichen am Hals meiner Freundin gefragt hatte (die nebenbei bemerkt indigniert alles über sich ergehen ließ), er sagte, ohne lange zu überlegen, ohne seine Stirn in Falten zu legen, er sagte: „Ich liebe dich – es heißt eindeutig: ich liebe dich, Be-, äh, Begnadete des Himmels, ja, kein Zweifel, so heißt es: ich liebe dich. Ja.“ Und wie reagierte Benoite? Sie springt auf, umhalst mich und schreit: „O, wie süß! Ich wusste es, ich wusste es“ und küsst mich. Es war das erste Mal, dass sie mich küsste.

Zwei Tage später fragte sie mich, was ich dem jungen Mann versprochen hätte, damit er genau das sagt, was er gesagt hat. Und ich:
„Dass er mit uns essen darf – in einem Restaurant seiner Wahl.“
„Und?“
„Nächste Woche zu einer Zeit, die dir passt – ins Adlon. Diese jungen Leute haben jeglichen Sinn für Bescheidenheit verloren.“

Mauerstreifen (oder Berlin im Herbst 1990)

Neu im Herbst 2009

Von von Jürgen Jesinghaus, “Mauerstreifen (oder Berlin im Herbst 1990)”
Roman

9783952298190


Covertext:
Mauerstreifen – das ist nicht mehr die Berliner Mauer, aber immer noch die erkennbare Schneise in der ehemals geteilten Stadt. Der Roman spielt kurz nach der Wiedervereinigung, also nach einem Ereignis, das mit „Wiedervereinigung“ schlecht umschrieben ist (einer Bezeichnung, die auf juristische, auf finanz- und bündnispolitische Neuerungen hinweist) und besser „Annäherung“ genannt zu werden verdient. In der Handlung, die auch, aber nicht nur eine Kriminalgeschichte ist (in der sich der Kalte Krieg ein letztes Mal offenbart), begegnen sich Menschen voller Vorurteile, reiben sich aneinander, schleifen sich ab und bereiten sich so – mehr getrieben als planmäßig – auf ein Zusammenleben vor. Der „Held“ des Stückes, kein Held, ein Niemand, aber kein Dummkopf, empfindet die vier Tage der Annäherung als Alb und Lust, als Wechselbad der Gefühle – und als Chance zu einer Karriere, die ihm nicht zusteht, aber zufällt. Auch die Erotik kommt nicht zu kurz, weil der Anti-Held sich gelegentlich, wie ein Fisch im Wasser, von seinem Schwanz lenken lässt.

Wachzetteltext:
Jürgen Jesinghaus, der Autor des Nikolaus-Buches (das auch von jemandem handelt, der seine Position im Leben sucht), befasst sich hier erzählerisch mit einer Zeitspanne zwischen der Nachkriegszeit als Ära der Hegemonialmächte USA und UdSSR und einer im Dunkeln liegenden, für die es noch keine Schlagwörter gibt. Die Zwischenzeit wird empfunden als (wie es im Roman heißt) Auge des Orkans, akustischer Schatten, Meer der Stille, Insel der Seligen und Arsch der Welt. Der Autor weiß, worüber er spricht, denn er war zu jener Zeit in Berlin und hat sich auch später mehrere Jahre dort aufgehalten und die Stadt der Widersprüche (die „Stadt ohne Form“, wie ein Architekt sie nennt) lieben gelernt. Der Text ist eine Liebeserklärung an Berlin (aber der Leser wird es kaum bemerken).

von Jürgen Jesinghaus
Mauerstreifen (oder Berlin im Herbst 1990)
Roman
Verlag Universal Frame
September 2009
Gebunden, 395 Seiten
14 x 22 cm
ISBN 978-3-25952298190

Eva und die Physik

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

„Weißt du, Jürgen, …“ Eva ist mein Enkelkind. Sie nennt mich Jürgen, weil ich so heiße und weil ich die Bezeichnung Opa nicht ausstehen kann. Der Titel Großvater ist mir zu altväterlich. Er hört sich an, als trüge ich einen Rauschebart. Dabei trage ich alle drei Tage nur einen Drei-Tage-Bart und bilde mir ein, wie George Clooney auszusehen. Ich habe Eva gestattet, nein, ich habe sie gebeten, sie angefleht, mich bei meinem Vornamen zu nennen und zu vergessen, was ihre Mutter predigt, nämlich mich Opa oder Großpa zu schimpfen (was angeblich respektvoller ist).

„Weißt du, Jürgen, warum ich gestern zu spät zum Gitarren-Unterricht gekommen bin?“
„Es gibt tausend Gründe, zu spät zu kommen. Wenn ich sie jetzt aufzähle, dann wird es der 999. oder 1000. Grund sein, der mir erklärt, warum du gestern zu spät gekommen bist. Da ist es bequemer, du …“
„Weil ich in der Badewanne gelegen und in den Spiegel geschaut habe. Auf der Uhr im Spiegel war es zehn vor sechs, und ich dachte, da hast du noch zehn Minuten Zeit zum Dösen, der Unterricht beginnt ja erst um halb sieben. Als ich dann aus der Wanne gestiegen war und auf die Uhr schaute, was glaubst du, wie viel Uhr hatten wir da?“
„Zwanzig nach sechs?“
„Genau! Und darum bin ich zwanzig Minuten zu spät zum Gitarren-Unterricht gekommen. Weil sich im Spiegel die Uhren nicht im Uhrzeigersinn drehen, sondern im Gegenuhrzeigersinn. Und ich frage mich nun, ob die Zeit rückwärts läuft, solange man in den Spiegel sieht.“
Das fragt sie nicht nur sich, sondern auch mich, denn sie steht vor mir wie ein lebendes Fragezeichen. Ich wäge mein Haupt und antworte in dem Augenblick, als meine Tochter das Zimmer betritt:
„Frauen schauen oft in den Spiegel. Vielleicht tun sie es, um jünger zu werden?“
„Vater, hör auf, solchen Unsinn zu reden!“
„Und warum schauen Männer in den Spiegel, Jürgen?“
„Du sollst Opa nicht Jürgen nennen!“
Ich: „Männer schauen in den Spiegel, um sich zu rasieren.“
Eva: „Und wie oft ist das?“
„Alle drei Tage.“
„Und siehst du dann, ob du etwas jünger geworden bist?“
Ich zögernd:
„Nein. Nein. Nein, ich glaube nicht.“
„Ich habe mich heute morgen vor den Spiegel gestellt und darauf gewartet, dass ich jünger werde.“
„Wenn du nur fünf Minuten hineinschaust, wirst du es nicht erfahren. Du würdest ja auch nicht erkennen, ob du älter geworden bist, wenn die Zeiger sich im Uhrzeigersinn drehen. Dazu braucht es in deinem Alter vielleicht ein Jahr, in Mamas Alter fünf …“
„Vater, erzähl keinen Unsinn, setz dem Kind keine Flausen in den Kopf!“

„Die Uhr im Spiegel hat sich rückwärts gedreht. Richtig?“
„Richtig.“
„Und hat sich die Zeit selbst auch rückwärts bewegt? Denk nach! Bist du nicht wirklich zwanzig Minuten zu spät gekommen? In deiner Zeitwelt war es halb sieben und in der Zeitwelt deines Gitarrenlehrers schon zehn vor sieben. Und darum bist du WIRKLICH zwanzig Minuten jünger geworden – oder nicht?“
„Vater, nun hör endlich auf, das Mädchen zu verunsichern! Eva, mein Schatz, dass du zu spät gekommen bist, hat mit einem Irrtum zu tun, mit einer irrtümlichen Wahrnehmung, das beruht auf Psychologie, nicht auf Physik, wie Opa dir einreden will.“
Noch setze ich nicht meine Lächle-das-Kind-an-Maske auf, sondern bleibe ernst.
„Was glaubst du denn, Ev, was passiert, wenn du in den Spiegel schaust – wirst du jünger oder älter?“
Sie studiert mein Pokergesicht und wartet einen Augenblick, dann lacht sie und sagt hastig:
„Ich werde älter.“
Jetzt erlaube ich mir das Schmunzeln und antworte:
„Du wirst schöner mit jedem Tag, den du in den Spiegel schaust. Das kann ein ganzes Leben lang anhalten. Es gibt Menschen, die immer schöner werden, auch wenn sie sechzig Jahre oder älter sind.“
„Du gehörst aber nicht dazu, Jürgen.“
„Nein, ich gehöre nicht dazu. Es sind nur auserwählte Menschen, die immer schöner werden. Du könntest ein solcher Mensch sein. Ja, das könntest du.“

Bevor ich in die Sentimentalität abrutsche, falle ich in einen sachlichen Ton und doziere:
„Die Zeit spiegelt sich nicht in unseren Spiegeln. Sie läuft nicht rückwärts, auch wenn sich die Zeiger im Spiegel rückwärts drehen. Denn dass Zeiger rechts rotieren sollen, um die Zeit zu messen, ist nur eine Verabredung. Man hätte ebenso gut vereinbaren können, dass sie links rotieren, wie es die Mathematiker gerne hätten und auch die Anden-Indianer, wenn sie gefragt worden wären, denn für sie liegt die Zukunft links. Aber – es bleibt eine kleine Ungewissheit, nicht wahr? Es bleiben Fragen offen?“
Ich schaue in Evas Augen und entdecke, gewissermaßen auf der Retina, nicht Angst, nein, das wäre zu viel behauptet, ich erkenne einen Ernst, wie ich ihn sonst nur bei Erwachsenen finde, einen Zweifel, der sich zunächst in der folgenden Frage äußert:
„Wenn sich die Zeit wirklich rückwärts bewegt, was sie, wie wir alle wissen, nicht tut, nicht tun kann und nicht tun soll, was würde dann mit uns passieren? Wir würden immer jünger und jünger und jünger und jünger und …“
„Eva, nerv Opa nicht!“
„jünger und jünger …“
„Wir würden rückwärts geboren. Das heißt, wir würden sterben. Ja. Ob wir nun immer jünger oder immer älter werden – am Ende müssen wir sterben.“
„Das nennst du rückwärts geboren?“
„Es schoss mir durch den Kopf. Ja. Rückwärts geboren ist ein anderes Wort für sterben.“
„Dann ist es mir doch lieber, die Zeit läuft vorwärts, sonst hätte ich ja nur noch zehn Jahre zu leben. Sie läuft doch hoffentlich nur vorwärts?“
Jetzt lese ich doch so etwas wie Angst in ihren Augen, jedenfalls ein Unbehagen.
„Ja sicher. Keine Angst, du wirst lange leben. Unsere Spiegel auf der Erde reflektieren die Zeit nicht, sie vertauschen nur die Richtung im Raum. Wenn ich vor dem Spiegel von Süden nach Norden schreite, kommt mir jemand entgegen, der mir verdammt ähnlich sieht und von Norden nach Süden humpelt. Aber – hat der Professor Einstein nicht gesagt, dass Raum und Zeit zusammenhängen? Die Raumzeit? Hast du das schon einmal gehört? Ja? Professor Einstein und die Raumzeit?“
„Gibt es denn da draußen, weit, weit, weit da draußen, bei den Klingonen und Romulanern, weit da draußen im Universum hinter den Wurmlöchern, gibt es denn da einen Zeit-Umkehr-Spiegel?“
„Wenn man wie das Raumschiff Enterprise mit Warp-Antrieb fliegt, dann kommt man einem solchen Spiegel relativ nahe – das ist die Relativitätstheorie des Professors Einstein. Darum heißt sie so.“
„Wenn ich so alt bin wie du, Jürgen, dann will ich Wurmlöcher entdecken, und dann habe ich keine Angst vor Spiegeln, die die Zeit umkehren. Darum will ich Psychologie studieren.“
„Nein, Eva, du willst Physik studieren.“

Flugs

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

… kai kathisas tacheos grapson pentekonta. Und setz dich auf deinen Arsch; ´tacheos´, das hattest du schon, das kannst du nicht immer mit ´schnell´ übersetzen, dachte der Junker und ersann ein neues Wort. Als er es erfinderselig niederschreiben wollte, stieß er gegen das Tintenfass. Es kippte um. Die Tinte ergoss sich, aber nicht gänzlich. Dazu kam sie nicht mehr, denn der Junker Jörg ergriff das Fass und schleuderte es gegen die Wand seines Zimmers im Vogteihaus der Wartburg. Nachdem er getobt und geflucht und das Dienstpersonal verrückt gemacht hatte, es möge ihm neue Tinte bringen, in einem neuen Behälter versteht sich, und nachdem das alles geschehen war, da setzte er sich hin und schrieb: … setz dich hin und schreib flugs fünfzig (Lukas 16, 6).

Das ereignete sich im Herbst des Jahres 1521. Später hieß es, Dr. Martin Luther (von keinem anderen ist hier die Rede) habe nach dem Teufel geworfen. Der sei ihm als Versucher erschienen – vielleicht als Verführerin? Denn Luther, damals incognito als Junker, schrieb seinem Freund Spalatin, dass er selbst unter Versuchungen leide, Brunft und Befleckung, „denn nicht nur EIN Satan ist mit mir oder vielmehr gegen mich.“

Luthern fiel also eine neue Übersetzung für das griechische ´tacheos´ ein, das ihm im Neuen Testament noch einige Male begegnen sollte. Denn anders als heute, wo acht Übersetzer innerhalb weniger Tage einen amerikanischen Bestseller ins Deutsche übertragen und elektronische Übersetzungshilfen benutzen, hatte der Wittenberger Doktor den Ehrgeiz, jedesmal einen treffenden deutschen Ausdruck zu finden, notfalls zu erfinden. Und dann das! Im Eifer nicht aufgepasst, die Nerven verloren. Jedenfalls, da war der Fleck. Im Lauf der Zeit wurde er zum Beweis für die Existenz des Leibhaftigen – aber im selben Verlauf verblasste der Klecks, so dass er zunächst aus theologischen, dann aus volkswirtschaftlichen Gründen erneuert werden musste, um das Andenken des Gottesstreiters aufrecht zu erhalten.

Wir haben keine Kunde, wann in den Jahrhunderten vor dem neunzehnten diesbezügliche Malerarbeiten in Auftrag gegeben worden waren, aber wir wissen, dass 1817 ein Malermeister aus Eisenach die Umrisse des verblassenden Flecks nachgezogen und mit dunkelblauer Farbe ausgemalt hat. Wir brauchen den angenehmen Gedanken, es sei aus Anlass des Wartburgfestes geschehen, nicht zu verwerfen, denn die Wahrscheinlichkeit spricht nicht gegen uns. In den Chroniken finden wir eine zweite Übermalung des inzwischen vom Pilz befallenen Flecks: 1883. Dieses Mal dürfen wir behaupten, ohne kühn zu sein, es sei geschehen zur Erinnerung an den Geburtstag des Mannes, der das Tintenfass geworfen hatte.

Im 20. Jahrhundert liegen uns keine einschlägigen Meldungen vor. 400 Jahre nach der Übersetzung des Neuen Testaments brach die Konjunktur ein, die Inflation meldete sich an. Der Dollar kostete bereits das Zehnfache seines Vorkriegswertes. Städte und Kreise druckten Notgeld. Eisenach hatte andere Sorgen als die Renovierung des Vogteihauses und die Restaurierung des historischen Spritzers. Auch in den Jahrzehnten danach ist nichts geschehen, was uns weiterhülfe, eine Chronik des Tintenflecks zu verfassen. 1946 waren die Menschen mit etwas anderem beschäftigt, als Luthers zu gedenken, der im Ringen um die deutsche Sprache das Tintenfass geschleudert hatte. Zum 500. Geburtstag, 1983, wurde viel gesagt, viel geschrieben, aber dass ein drittes Mal der Klecks nachgezogen worden wäre, was vielleicht eine Tradition begründet hätte, davon ist mir nichts bekannt.

Deswegen sind wir der jungen Sprecherin des Landschaftsverbandes West-Thüringen, Dr. Mauritia Moritz, zu Dank verpflichtet, denn sie hat im 21. Jahrhundert die Tintenfass-Bewerfung des Teufels zu einem Spektakel gemacht und außer dem Argument der Tourismusförderung auch ein multikulturelles beigesteuert: Was dem frommen Mohammedaner (deren es einige in der Autostadt Eisenach gibt) die Steinigung des Scheitans sei, das ist dem frommen Lutheraner die Tintenfass-Bewerfung des Teufels, an der sich ruhigen Gewissens auch Katholiken und Atheisten beteiligen dürften. Diese Frau gilt trotz ihrer Jugend als Mutter des „Tintenwurfs“, denn sie organisierte Tintenfass-Festspiele für Touristen, deren Digitalfotos das Internet ´tacheos´ überschwemmten, so dass die Veranstaltung in Osaka, Mumbai, Chicago und in vielen anderen Städten bekannt wurde und daher zwangsläufig die Aufmerksamkeit der Politiker, die nach medialen Plattformen gieren, auf sich zog.

Die Prozession der Politiker aus Erfurt zu den Arbeitnehmern der Automobilindustrie in Eisenach fand wenigstens einmal pro Legislaturperiode statt. Abgeordnete, Regierungsmitglieder und Parteifunktionäre predigten den Arbeitern (wie Luther den Christen), dass ihre Arbeitsplätze (beziehungsweise ihrer Seelen Seligkeit) gesichert seien, nachdem die Adam-Opel-AG an einen chinesisch-ägyptischen Konzern (der auch den ´Wartburg´ wiederbelebt und zu einer Luxus-Karosse für russische Multimilliardäre hatte umbauen lassen) verkauft worden war. Dieser Aufzug begründete die Tradition des politischen „Tintenwurfs“, die nur zu vergleichen ist mit dem britischen State Opening of Parliament und der zeremoniellen Suche nach Sprengstoff in memory of the gunpowder plot.

Zur Erinnerung an die Verabschiedung der thüringischen Verfassung auf der Wartburg im Oktober 1993 und zur Eröffnung des jeweiligen thüringischen Landtages muss beim „Tintenwurf“ die Alterspräsidentin (der Alterspräsident) ein Tintenfass gegen die zuvor geweißte Wand des Vogteihauses werfen. Da einige Würfe nicht den erhofften Erfolg zeitigten und daher als schlechtes Omen aufgefasst wurden, hat es sich eingebürgert, statt der Alterspräsidentin (des Alterspräsidenten) eine verdiente Sportlerin (einen verdienten Sportler) für die traditionelle Aufgabe heranzuziehen. So ist es bis zum heutigen Tag geblieben.

Im Jahre 2039, zur Eröffnung des 11. Landtages und zur Erinnerung an den vor zehn Jahren stattgehabten Beitritt der Türkei zur Europäischen Union (als des 30. Mitgliedstaates) durfte zum ersten Mal ein Mohammedaner, nämlich der türkisch-stämmige deutsche Schachgroßmeister Davut Melik nach sorgfältiger Untersuchung durch einen Amtsarzt (ob er der körperlichen Strapaze gewachsen wäre) das Tintenfass gegen die frisch gekälkte Wand schleudern.

Der Großmeister hielt das Fass in seiner Linken (er war Linkshänder), hob den Arm, zog ihn nach hinten und schnellte ihn dann nach vorn. Das Fass flog – nicht viel anders und schon gar nicht schwächer als in den Jahren zuvor (daran konnten sich viele Beteiligte erinnern). Aber es zerschellte nicht, es verspritzte daher nicht seinen Inhalt, sondern schien durch die Mauer zu fliegen. Jedenfalls war es verschwunden und der Kalk blieb unbefleckt. Melik zuckte die Achseln und äußerte in seinem unverwechselbaren Dialekt: „Allaah is gruuß, ich bin emänd, laweede“, dann sank er ohnmächtig zu Boden. Man rief in der richtigen Reihenfolge zuerst den Notarzt, dann die Polizei, die den Ort des unbegreiflichen Geschehens räumen ließ.

In Regierungskreisen war man sich uneins darüber, wie dieses Ereignis politisch zu werten sei, ob es eine gute oder schlechte Vorbedeutung habe. Man beschloss umsichtig, den Koalitionsvertrag neu auszuhandeln (seit dem Verfall der Volksparteien 2009 hat es keine Ein-Parteien-Regierung mehr gegeben), denn den Volksvertretern kam es so vor, als wäre die weiße Wand ein leeres Versprechen.

Computer-Spezialisten gaben zu bedenken, dass Tintenfässer schon seit 150 Jahren aus der Mode gekommen waren. Man tue gut daran, beim „Tintenwurf“ jeweils die neuesten Microsoft-Laptops gegen die Wand zu schleudern, zum Zeichen dafür, dass der Teufel im Detail stecke und nur durch drastische Maßnahmen zu vertreiben sei. Gegner dieses Vorschlags, insbesondere der Ur- oder Ururenkel von Bill Gates, wiesen zu Recht darauf hin, dass auch mit dem Verschwinden von Microsoft-Rechnern das zur Diskussion stehende Rätsel nicht gelöst werden könne.

Die Theologen bezichtigten sich gegenseitig der Intoleranz, ja der Verteufelung des Islams und einigten sich schließlich im Interesse der inneren Sicherheit darauf, dass der mysteriöse Vorfall beim „Tintenwurf“ von der Boulevard-Presse hochgespielt, vielleicht sogar erfunden worden sei, so dass es von theologischer Warte aus gesehen nichts zu verdammen und nichts zu verteidigen gebe. Theologen sind wundermüde, weil sie mit den kanonischen, von den Evangelisten überlieferten Mirakeln genug Arbeit haben.

Nur ein alter Lutheraner wollte in dem Geschehen auf der Wartburg die zunehmende Präsenz des Teufels erkennen, des Bösen, der sich weiland noch habe vertreiben lassen, nun aber immer dreister werde. Tintenfässer wegzuschnappen, meinte der Moderator vom Bayerischen Rundfunk, habe Luzifer gar nicht nötig. Um seine Existenz zu beweisen, bediene er sich der täglichen Nachrichtensendungen. Auch der hartnäckigste Atheist könne nicht leugnen, dass die Welt böse ist, mithin das Böse die Welt regiere und infolgedessen das Böse der liebe Gott sei, weil der und kein anderer alles lenke und beherrsche, quod erat demonstrandum. Zwar hat der Moderator den Atheisten überzeugt, nicht hingegen seine Vorgesetzten und die bayerische Klerisei (er ist heute Schuhverkäufer in Augsburg).

Ein Parapsychologe von der Universität Blefuscu ließ sich, obwohl gar nicht konsultiert, zu einer Erklärung hinreißen und bemühte die spezielle Relativitätstheorie, indem er die Entmaterialisierung des Tintenfasses behauptete. Es habe sich durch die mentale Anstrengung des Großmeisters vollständig in Energie aufgelöst. Sogar einige Physiker schlossen sich dieser Meinung an. Es seien Blitze gesehen worden, die dafür sprächen, dass sich Fass und Tinte in Strahlung verwandelt hätten. Die Blitze, so hielt man ihnen entgegen, hätten Fotografen verursacht, die den Fasswurf für die Medien festhalten wollten. Die schwache Gegenwehr des Parapsychologen, einer der Blitze im Blitzlichtgewitter sei der bewusste Blitz gewesen, in dem sich der Umwandlungsprozess gemäß der Formel E gleich m mal c Quadrat vollzogen habe, wurde nicht mehr ernst genommen.

Großer Aufmerksamkeit hingegen erfreute sich die These der Physik-Professorin Angelina Merkäll von der Universität Jena, das Tintenfass sei quantentheoretisch gesehen plötzlich in eine Parallelwelt hinübergeflogen. Merkälls Theorie der Dekohärenz postuliert Superpositionszustände auch makroskopischer Objekte (z.B. von Tintenfässern), deren universelle Wellenfunktion sich in tausend und abertausend Welten verzweigt, wenn ein Beobachter wie der Schachgroßmeister Melik in die Quantenkonfiguration eingreife – das Schleudern eines Fasses gleiche einem Messvorgang. Warum dann, bitt schön, der Herr Großmeister nicht zusammen mit dem Objekt seiner Beobachtung aus dieser Welt in eine Parallelwelt verschwunden sei? Das wollte der promovierte Journalist eines physikalischen Fachblattes wissen.
„Ist er das denn nicht??“ fragte die Professorin aus Jena.

In der Aufregung und bei dem Durcheinander auf der Wartburg hatte keiner auf den anderen geachtet, und niemand wusste genau, was wirklich vorgefallen war. Darum entschloss man sich, den Großmeister selbst zu fragen, ob er an dem besagten Tag überhaupt anwesend gewesen, und wenn ja, ob er vor oder nach dem Wurf ohnmächtig geworden sei. Davut Melik entschied unzweifelhaft, an jenem Tag habe er in Berlin-Lichterfelde eine Simultanvorstellung gegeben und blind, also mit dem Rücken zu den Schachbrettern, gegen 117 Gegner gespielt und, nebenbei bemerkt, alle Spiele gewonnen. Das Verschwinden eines Tintenfasses dürfe ihm daher nicht angelastet werden.

Die hohe Intelligenz des Mannes – sein IQ beträgt 278 – gab zu weiteren Spekulationen Anlass. Ob ein so kluger Mensch, der sicherlich die Quantentheorie im allgemeinen und die Viele-Welten-Theorie im besonderen aus dem Effeff beherrscht, nicht auch die Wellenfunktionen aller möglichen Gegenstände manipulieren könne? Vielleicht war er in Eisenach UND in Lichterfelde zur selben Zeit. Vielleicht spielte er in 117 Welten an jedem Brett einzeln, so dass man sich über seine 117 Siege nicht zu wundern braucht! Das verstoße gegen die Orthogonalität der Wellenfunktions-Verzweigungen, daher könne er sich unmöglich am selben Ort in 117 Spieler gleichzeitig verzweigt haben, widersprach Prof. Merkäll. Die Fachwelt hatte gesprochen.

Nach diesem Ereignis – wir wissen nicht, wie lange danach – diskutierten auf dem Planeten Jotquadrat am entgegengesetzten Ende der Milchstraße etliche Professoren der Sternen-Akademie über den Abschlussbericht einer Expedition zum anderen Ende (also zu unserem). Sie hatten dorthin (also zu uns) eine Reise geplant und eine Bahn berechnet, auf der sie sich mit Hilfe des schwarzen Lochs im Zentrum der Galaxis derart hatten herumkatapultieren lassen, dass sie ohne enormen Energieaufwand und – wenigstens dem Effekt nach – mit hyperluminarer Geschwindigkeit in unser Sonnensystem gelangt waren. Sie hatten dann auf Normalflug umgeschaltet (also auf eine Geschwindigkeit von nur 89,3 Mach) und einige Gegenstände aus unserem Sonnensystem in ihr Raumschiff teleportiert (vulgo gebeamt), darunter auch ein Neues Testament und ein Tintenfass. Natürlich wussten sie nicht, dass die Liste von Symbolen das Neue Testament ist. Erst recht wussten sie nicht, dass die Schrift ein Exemplar der Lutherübersetzung von 1521 war und aus dem 17. Jahrhundert stammte. Und sie wussten mit dem Fass nichts Besseres anzufangen, als es nach allen Regeln der chemischen Analytik auseinanderzunehmen. Auch das Buch unterzogen sie einer genauen Prüfung und stießen dabei auf eine Besonderheit: Sie erkannten nämlich, dass ein Wort nur einmal vorkommt, nämlich ´flugs´ (im Lukas-Evangelium, wie der Leser inzwischen gelernt hat).

Offenbar neigen viele galaktische Wesen dazu, Dinge und Sachverhalte, die sie nicht verstehen, dem Religiösen zuzuschreiben. Die Wissenschaftler von Jotquadrat wollten in FLUGS den Gott der Erdlinge (also unseren) erkannt haben, weil sein Name einmalig, darum kostbar und heilig sei. Sie wurden in dieser Annahme darin bestärkt, dass ihnen bei der Erforschung großer Städte wie Leipzig und Berlin (sie haben sich nicht nur über Eisenach aufgehalten) Schilder mit einem großen U aufgefallen waren, dem mittleren Buchstaben von FLUGS. Daraus schlossen sie, dass U-Schilder die Eingänge in die Tempel dieses Gottes bezeichnen (metaphorisch gesehen haben sie ja Recht).

Und eben diesen Punkt diskutierten die Professoren der Sternen-Akademie, als sie unterbrochen wurden, nämlich durch den Schachgroßmeister Melik, der halb Frau und halb Mann als eine geisterhafte Erscheinung (als Superposition der Geschlechter) bei ihnen aufleuchtete, sich im Aufleuchten vom Boden erhob und nach dem Tintenfass, das dem Abschlussbericht beigegeben war, zu greifen schien. Einer der Professoren wandte sich an einen Kollegen (oder eine Kollegin) und sagte:
„Ich wusste gar nicht, dass Professor (hier folgt ein Name, den ich mir nicht merken kann) schon so weit ist. Er hat uns demnach nicht zu viel versprochen! Die FLUGS-Reisen werden in absehbarer Zeit bequemer verlaufen können als bei unserer ersten Expedition, nicht wahr? Hahaha!“

Woher ich das weiß? Von Davut Melik persönlich. Ich hatte einmal – kurz nach meinem hundertsten Geburtstag – gegen ihn ein Remis ertrotzt. Seitdem sind wir Freunde. Davut versuchte, mir die neueste Entwicklung der Quantentheorie beizubringen und bewies durch sich und sein Erlebnis auf Jotquadrat die Richtigkeit der Lehre vom Multiversum. Ich kannte die Arbeiten von Hugh Everett aus den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts und wusste natürlich, dass die Wellenfunktion des Großmeisters auch auf Jotquadrat und darüber hinaus in der intergalaktischen Leere definiert war, aber dass sie so kollabieren oder besser gesagt verzweigen würde, das hätte ich mir nicht träumen lassen! Ich fragte Davut:
„Wie hast du dich auf Jotquadrat gefühlt?“
„Wie Schrödingers Katze, nicht tot und nicht lebendig, halb dies, halb das.“
„Und sonst gehts dir gut?“

Der Hausmeister des Vogteihauses machte als erster die Entdeckung: Auch die Lutherbibel aus dem 17. Jahrhundert war futsch. Das Neue Testament und das Tintenfass des Junkers Jörg – beide fort.
„Wird wohl jemand gestohlen haben, alte Bücher haben Sammlerwert. War sie denn nicht angekettet?“
„Doch! Trotzdem! Waren Profis am Werk.“
„Klar waren Profis am Werk“, sagte das Söhnchen des Hausmeisters, „klar! Außerirdische haben Fass und Bibel weggebeamt!“
„Unsinn!“
Wer hört schon auf Kinder. Ach, da fällt mir ein, mein rechter Socke und eine Druckerkartusche sind mir abhanden gekommen. Für was die Außerirdischen die Socke wohl halten? Für einen Schniedelwärmer?

Das zweite Gebot

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

I.

Mitten in Wuppertal, zwischen Elberfeld und Barmen, erhebt sich die Hardt, ein Bergrücken, teils bewaldet, teils bedeckt mit einem Park. Auf halber Höhe steht das Missionsmuseum in der Missionsstraße. Das Institut nennt sich heute Völkerkundemuseum, vielleicht weil Mission aus der Mode gekommen ist, vielleicht auch, weil man sich ihrer damaligen Absichten und Methoden ein wenig schämt. Die Missionsstraße hat jedenfalls ihren Namen behalten.

Mein Großvater mütterlicherseits diente als Kurator in diesem Museum. Keiner konnte so gut wie er die Exponate erklären, und keiner wusste so viele Geschichten zu erzählen über Massai und Zulu, über Ahnen und Geister, über Speere, Schilde und Gewehre, über Palavertrommeln, Bibeln und Urwaldkapellen. Und er war es auch, der sich um meine religiöse Erziehung kümmerte. Seine Erziehung hat nichts gefruchtet. Denn heute gehöre ich keiner Kirche an (ich zahle längst keine Kirchensteuer mehr). Und dennoch. Dass diese Erziehung gar nichts gebracht hätte, ist auch wieder nicht richtig. Sie hat etwas bewirkt, aber nicht das, was mein Großvater beabsichtigt haben mochte – und dadurch unterschied sich seine Erziehung von keiner anderen.

Ich hörte ihn einmal jemanden rügen, der „Gott verdammt“ gesagt hatte. Ich fragte meinen Großvater, was das heißt, das Gottverdammt. Will jemand Gott verdammen? „Nein“, sagte er, „es heißt: Gott verdamme mich.“ Aber damit konnte ich noch weniger anfangen, denn ich würde doch besser Gott verdammen als mich selbst, weil verdammt zu sein, das wusste ich bereits, etwas ganz Schlechtes ist. „Also genau genommen“, fuhr er in seiner Erklärung fort, „heißt es: Wenn etwas nicht zutrifft, was ich behaupte, oder wenn ich nicht halte, was ich verspreche, dann möge Gott mich verdammen. Es ist eine Bekräftigung der Richtigkeit meiner Behauptung oder“, er sprach jedes Wort artikuliert aus, „eine Bekräftigung dafür, dass ich ein Versprechen halte. Und zwar die kräftigste Bekräftigung, die sich denken lässt. Niemand möchte verdammt werden, am wenigsten von Gott, der über die Hölle und die Ewigkeit verfügt. Daher muss man sich seiner Behauptung oder seines Versprechens sehr sicher sein, wenn man sich selbst für das Nichtzutreffen oder die Nichteinhaltung zur ewigen Verdammnis verurteilt.“ Das leuchtete mir nach kurzem Nachdenken ein. Und eben deshalb hielt ich den Ausspruch auch nicht mehr für so schlimm, wie mein Großvater es offenbar getan hatte.

„Das Schlimme dieses Ausspruchs besteht nicht darin, dass ich ein Versprechen bekräftige, sondern dass ich es tue, indem ich Gott in den Dienst meiner Interessen stelle. DAS ist schlimm. Ich lasse ihn wie einen Diener für mich handeln. Ich befehle ihm, etwas in Abhängigkeit von meinen Behauptungen und Willenserklärungen zu veranlassen. Hast du das ungefähr verstanden?“
Nicht so ganz.
„Dann will ich dir eine Geschichte erzählen. Sie hat sich in Afrika zugetragen, in einem Negerdorf nahe einer Missionsstation.“
Aha, jetzt war mein Großvater in seinem Fahrwasser. Übrigens: Damals hieß es noch Neger, nicht Farbiger. Denn Neger bezeichnet einen Menschen dunkler Hautfarbe, weil das Wort vom lateinischen ‘niger’ herrührt, was schwarz oder dunkel bedeutet. Dagegen hört sich Farbiger so an, als hätte ihn jemand mit Regenbogenfarbe übergossen oder als wäre er mit den Olympischen Ringen tätowiert worden.

Dies nun ist die Geschichte meines Großvaters. Er verzichtete auf eine genaue Ortsbestimmung, und zwar aus Rücksicht auf die vielen Missionsgesellschaften und ihre konfessionelle Herkunft, denn eine unter ihnen hätte sich vielleicht in seiner Erzählung wiedererkannt und verletzt gefühlt. Er wollte die Reformierten nicht gegen die Katholiken ausspielen, die Niederländer nicht gegen die Rheinländer, die Betheler nicht gegen die Baseler. Konfessionelle und nationale Unterschiede waren für meine Belehrung auch nicht erforderlich. Nur soviel: Der Ort der Handlung ist Afrika, die Zeit das 19. Jahrhundert.

II.

Der Häuptling Hekima vom Stamm der Luri, ein hochgewachsener Mann, jung für sein Amt (aber nicht zu jung), leitete Sitzungen seines Ältestenrates, ohne selbst viel zu sprechen. Gelegentlich schüttelte er die Holzringe an seinem Arm, Gehör fordernd, und lenkte das Palaver sanft in eine Richtung, die er wünschte. Durch sein außergewöhnliches Gedächtnis war er im Stande, vergessen geglaubte Einwürfe viele Stunden später wieder aufzugreifen, die Sprecher darüber zu befragen und sie zu einer klaren Begründung oder zum Verlassen ihrer Standpunkte zu bewegen, so dass allmählich die Redner zur Vorsicht erzogen wurden. Er war durch seine adelige Familie in das Amt gerückt und besaß alle Tugenden, es zu verwalten. Er herrschte wie ein Benediktinerabt, der nach der goldenen Satzung jeden, auch den geringsten, im Rate zu Wort kommen lässt und erst spät selber redet, um in Kenntnis aller vorgetragenen Ansichten urteilen zu können.

Hier erlaube ich mir eine Zwischenbemerkung. Ein Kurator, der im Dienst der Rheinischen Missionsgesellschaft stand, war gewiss kein Katholik, und die meisten reformierten oder lutherischen Wuppertaler hätten mit der goldenen Regel des Heiligen Benedikts von Nursia nichts anzufangen gewusst, aber der Kurator und vor allem die Missionare kooperierten mit den katholischen Missionen und kannten daher den Heiligen. Draußen im Veld, im Busch oder an den Urwaldflüssen pflegte man nicht, sich zu bekämpfen, man unterstützte sich, so gut es ging, und lieh sich gegenseitig Bücher aus (ich selbst habe mich, anlässlich eines mathematischen Seminars in einem klösterlichen Kongresszentrum, mit der goldenen Regel vertraut gemacht, nachdem ich sie in der Klosterbuchhandlung unter einem Stapel erbaulicher Heftchen für Touristen entdeckt hatte). Zurück zur Geschichte.

Der Missionar Nobelius lebte bei den Luri (so nannte mein Großvater den Stamm, obwohl ich jetzt bezweifle, dass es ihn gibt oder je gegeben hat) und zehrte von ihrer Gastfreundschaft. Er war zum Befremden vieler Erwachsener und zur Belustigung der Kinder damit beschäftigt, die Menschen vom Glauben an Holzfiguren zu befreien und ihnen (wie er es ausdrückte) das Brot der Wahrheit zu reichen. Nobelius hatte die Gaben Hekimas richtig erkannt. Zuerst schätzte er dessen Intelligenz, später fürchtete er sie. Er war fünfzehn Jahre älter als der Häuptling und hatte sich in ein Verhältnis zu ihm hineingedacht, das ihm ein angenehmes Gefühl der Überlegenheit bescherte. Die schweigsame, freundliche Art des Häuptlings bekräftigte seinen Dünkel, mit ihm wie ein Seniorchef verkehren zu dürfen.

Er bewahrte sich das Gefühl der Überlegenheit, obwohl er seinem Hauptziel, der Taufe aller Stammesangehörigen, keinen Schritt näherkam. Merkwürdigerweise ließ ihn Hekima gewähren, obwohl der Fremde keinen Nutzen stiftete. Die Angriffe des Missionars galten den textilen und hölzernen Idolen. Er versuchte, die Menschen des Dorfs davon zu überzeugen, dass Fetische keine Götter seien, sondern nur Puppen, und dass es sich nicht lohne, sie anzubeten – was die Luri niemals getan hatten. Er stieß jedesmal auf Unverständnis, denn nicht einmal die Kinder glaubten, die Idole hätten die Welt erschaffen oder könnten Vögel vom Himmel fallen lassen.

Nobelius ließ es sich keine Warnung sein, als einmal eine Frau ihre Holzfigur umstieß und auf sie spuckte. Er missverstand die Handlung und glaubte, in dieser Dame eine erste Bekehrte gefunden zu haben. Die Dorfbewohner nahmen es für eine leichte Verrücktheit, dass er soviel Eifer darauf verwandte, sie zu lehren, was sie längst wussten (vielleicht waren sie darum so nachsichtig mit ihm). Er predigte ihnen, dass die Götzen nicht sprechen könnten, um wie viel weniger Wunder vollbringen. Er wurde abermals gewarnt, als ihm Hekima vorhielt, dass die Mutter aus Gips mit dem Gipskind auf dem Arm in der Steinkirche bei den Weißen Vätern auch nicht spreche und seines Wissens auch keine Wunder vollbringe, trotzdem knieten die Gläubigen, sogar die Priester, gerade sie, vor ihr nieder und beteten zu ihr, als könnte sie hören und das Gehörte an die Große Luft vermitteln (Große Luft war ein Luri-Ausdruck für Gott). Der Missionar erklärte ihm eindringlich, dass die Anbetung der Gipsmadonna einem Irrglauben entspringe, den ein König seines eigenen Volkes schon vor Jahrhunderten mit Kanonen bekämpft habe (hier verrät mein Großvater doch, dass Nobelius ein Schwede war, ein Lutheraner, aber damals habe ich mir bei der Bemerkung über die Kanonen nichts gedacht). Allerdings bestehe ein Unterschied zwischen Gipsfigur und Götze. Die Statue in der Kirche der Weißen Väter sei zwar keine Göttin, obwohl viel schöner, reiner und edler als eine Luri-Vogelscheuche, sondern nur ein Symbol, und die Gläubigen sprächen durch sie hindurch zu ihrem unsichtbaren Gott, sie täten es, weil es ihnen so leichter fällt, ihre Sorgen vor der Großen Luft auszubreiten.

Die doppeldeutige Einstellung zu Fetischen der Schwarzen und den Bildstöcken der Weißen, die Verurteilung jener und die Verteidigung einer Figur bei den katholischen Weißen Vätern, veranlasste den jungen Häuptling, ein Konzil einzuberufen, an dem die Stammes-Senatoren und der Missionar teilnahmen. Das Konzil dauerte nur drei Tage, während derer die Teilnehmer das Bier der Freundschaft tranken. Aber statt mäßigend auf Nobelius einzuwirken, stürzte ihn der theologische Disput in Verwirrung, und seine Angriffe auf Idole wurden ungeduldiger.

III.

Eines Abends nutzte Nobelius berechnend die Intelligenz des Häuptlings, um ihm eine Falle zu stellen (denn selbst die Klugheit kann einem Menschen zur Falle werden). Der Missionar eiferte über Talismane, Amulette und Idole. Sie könnten nicht hören, nicht sprechen, nicht handeln, nichts außer brennen, und das einzige, was sie könnten, sollten sie gefälligst tun. Er wagte es, an jenem Abend zum ersten Mal, eine Figur an sich zu reißen und Anstalten zu machen, sie ins Feuer zu schleudern. Er befahl einen Halbwüchsigen zu sich und forderte ihn auf, den Götzen anzurufen und ihn zu bitten, die Flammen auszublasen. Wenn das Feuer erlischt, dann setze er den Götzen auf seinen angestammten Platz zurück und werde ihn anbeten. Der Missionar war im Schein der Flammen bedrohlich anzusehen. Er schien es darauf anzulegen, sein Leben als Märtyrer zu beenden, weil er alle Rücksichten fallengelassen hatte. Er schrie die Statue an, als wäre er der einzige, der an ihre Beseelung glaubte (und vielleicht war er es auch).

Der Häuptling trat zu dem Missionar und berührte seinen Arm. Er forderte den Weißen auf, zu seinem Gott, der Großen Luft, zu beten. Das hatte Nobelius vorhergesehen, zumindest gehofft und darauf gebaut, dass Hekima durch seinen Sinn für Fairness die Gleichheit der Waffen fordern würde: Was Nobelius verlangt, das darf Hikema auch. Der Missionar setzte das Gebilde ab, schloss die Augen und faltete die vor Aufregung zitternden Hände. Nein, laut solle er beten, die Große Luft anrufen und dafür sorgen, dass sie antwortet: „Hier bin ich, und ich bin der wahre Gott“. Der Missionar rief den verlangten Text laut über die Köpfe der Versammelten hinweg, um die Gespräche zu übertönen. Erst als die Antwort aus einiger Entfernung herüberscholl, schwiegen sogar die Kinder. Aus allen Richtungen kreischten die Affen.

Am nächsten Morgen fand man den Hilfsgeistlichen des Missionars tot am Ufer des Flamingo-Sees. Der Medizinmann hatte ihn entdeckt und Hikema benachrichtigt. Der Häuptling stellte fest, dass der weiße Mann keinen Speertod erlitten hatte, das heißt, er war keines gewaltsamen Todes gestorben. Im Dorf galt es für ausgemacht, dass Hikemas Ahnen dem Europäer das Lebenslicht ausgeblasen hätten. Der Häuptling begab sich mit den Ältesten zur Station, ließ die Leiche vor die Füße des Missionars legen und sprach nur das eine Wort: „Geh!“

Nobelius und sein Gefolge hatten die Station verlassen. Nur der Arzt blieb bei den englischen Wissenschaftlern, die in die aufgegebene Missionsstation einziehen durften, um erdmagnetische Messungen vorzunehmen. In der Holzkapelle der Station stellten die Luri ihre Ahnenfiguren auf, so dass sich hier europäische und afrikanische Kultur begegneten und einen Tempel der besonderen Art hervorbrachten. Der Arzt kam gelegentlich zum Beten. Er pflegte auch das Grab des Akoluthen, des Gehilfen, der Gottes Stimme sein wollte. Gott hatte seinen Diener, der das zweite Gebot missachtete, mit dem Tode bestraft (aber er würde ihn nicht in alle Ewigkeit verdammen, denn Gott ist gnädig).

Mein Großvater erklärte mir, der europäische Missionsdiener sei vermutlich an einem Schlaganfall gestorben, hervorgerufen durch die Anstrengung des lauten Rufens, oder an einem Herzinfarkt infolge der Aufregung, in die ihn der Missbrauch des göttlichen Namens versetzt hatte.
„Hast du das jetzt verstanden?“ fragte mein Großvater, der Kurator.
„Nein. Warum wurde der Missionar nicht bestraft, sondern nur sein Diener?“
„Ich weiß nicht, ob er nicht doch bestraft wurde – vielleicht sogar mit einer Gnade, die viele schwere Verpflichtungen auferlegt. Weißt du, Kind, die Gerechtigkeit Gottes ist das schwierigste Kapitel der Theologie.“

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