Die Beerdigungs-Bluse
von Jutta Dogan (copyright)
“Diese Bluse werde ich bald brauchen,”hatte Tante Else zu einer Nachbarin gesagt.
Daher hatte sie sich eine gekauft, als es gerade mal schwarze Blusen gab. Sie lebte nämlich im Ostsektor Berlins, in Pankow, und man mußte immer zugreifen, wenn es wo mal was zu kaufen gab. Zwar lebten wir nun schon in den 1970er Jahren, aber die wirtschaftliche Lage hatte sich noch immer nicht gebessert, eher im Gegenteil, von der politischen ganz zu schweigen.
Dabei war Else noch gut dran. Denn meine Mutter, ihre Schwester Gertrud, lebte im Westen, und es war erlaubt, ab und zu ein Päckchen hinüber zu schicken und seit einiger Zeit sogar, über bestimmte Kontaktfirmen, größere Artikel, so etwa eine Waschmaschine. Auch durften Menschen über 60 einmal im Jahr für 4 Wochen ausreisen, und so besuchte uns Else im Sommer.
Ja, und bei der Bluse hatte sie an Erhard gedacht. Der lebte in Westberlin mit Lucie, und die hatte Else mitgeteilt, daß es nach Auskunft der Ärzte mit ihm zuende gehe. Zwar war er jünger als Else, aber der Alkohol. Dem hatte er zu reichlich zugesprochen, und ganz eilig war er ins Krankenhaus eingeliefert worden: die Leber. Eigentlich gehörte Erhard gar nicht zur Familie, solche Typen hatte es unter unseren soliden Beamten nie gegeben. Aber der Krieg samt dem noch schlimmeren Nachkrieg hatte eben vieles verändert.
Lucie nämlich war die Frau von Otto gewesen, dem Bruder von Else und Gertrud. Sie war gern in die Familie aufgenommen worden, eine hübsche und gewandte junge Frau. Aber dann war Otto in Rußland gefallen und hinterließ sie mit dem kleinen Jungen, den er erst einmal gesehen hatte.
Lucie hatte vor ihrer Ehe bei einem kleinen Textiljuden gearbeitet und war froh, daß der aus der Emigration heimkehrte, die Firma wieder aufbaute und sie einstellte. Nur für den Jungen hatte sie keine Zeit mehr, Kindergärten wurden erst später wieder eröffnet, es lag ja alles brach. Sie hörte von Schwestern, die ein kleines Waisenhaus führten, und gab ihn dorthin.
An Wochenenden fuhr sie manchmal in die umliegenden Dörfer, in überfüllten Zügen mit lauter verzweifelten Großstädtern, die bei Bauern etwas Eßbares “hamstern” wollten. Zwar gab es Lebensmittelkarten, aber nicht immer konnte man die Abschnitte einlösen, die Läden oft leer. Wenn mal was eingetroffen war, bildeten sich lange Schlangen, und sie hatte ja oft bis abends zu arbeiten. Kriegsrenten wurden erst später ausgezahlt.
Bei einer dieser Fahrten traf Lucie auf Erhard, und fortan wendete sich ihr Schicksal. Er bewunderte die schicke junge Frau, zog bald zu ihr und sorgte für alles. Er war nämlich ein kleiner Schieber und gewandt im Besorgen des Nötigsten. Da er keiner geregelten Tätigkeit nachging, hatte er Zeit, ihre Wohnung zu renovieren, Material fand sich. Wenn sie abends müde heimkam, stand schon ein Essen auf dem Tisch. Denn er war im Krieg Offiziersbursche gewesen und hatte sich schon da nützlich gemacht. Für seinen Obersten hatte er allerlei organisieren müssen, wenn der mal eine kleine Einladung für Kameraden gab: sogar eine Bowle hatte Erhard zu brauen verstanden, sehr zur Zufriedenheit aller. Jetzt wußte er köstlich davon zu erzählen.
Man konnte nun auch Klaus aus dem Heim holen, Erhard versorgte ihn. Daß er deswegen Frau und Kinder in der Provinz, jetzt Ostzone, verlassen hatte, kam erst später heraus. Man nahm in der weiteren Familie dies und anderes mit Befremden zu Kenntnis, schließlich mit Resignation und am Ende gar mit Amusement. Die Zeiten und mit ihnen die Moralvorstellungen hatten sich eben geändert. Sie führten eine der damals häufigen Onkelehen, zumal Lucie inzwischen eine kleine Rente für Otto erhielt und diese sonst verfallen wäre.
Als die Lebensumstände nach der Währungsreform und in Westberlin nach der Luftbrücke 1949 sich besserten und man wieder kleine Familienfeiern veranstalten konnte, so zur Silberhochzeit meiner Eltern, lud man Lucie mit dazu und mußte also wohl oder übel auch Erhard in Kauf nehmen. Wir ahnten schon, daß er sich nicht comme il faut benehmen würde. Er sprach zu laut, trank zuviel, trug aber zur Unterhaltung bei, indem er Episoden aus seiner Zeit als Schieber zum Besten gab.
Erhard war aber schlau genug zu merken, daß sich nach 1950 die Zeiten änderten. Schieber waren nicht mehr gefragt. Er besann sich auf seine kaufmännische Ausbildung, war früher ein kleiner Händler gewesen, bewarb sich nun bei der Stadt und erhielt eine Stelle als Hilfsportier in einem der Berliner Rathäuser. Er wußte ganz gut, daß dies seine letzte Chance war, ins bürgerliche Leben zurückzukehren, und erfüllte mit Eifer die verschiedenen Aufgaben, die ihm dort übertragen wurden.
In der Freizeit und im Urlaub war Erhard kein Kind von Traurigkeit, dem Alkohol durchaus zugetan. Aber mit zunehmendem Alter vertrug er den nicht mehr, die Leber versagte, und Lucie mußte nach seiner Einlieferung ins Krankenhaus mit dem Schlimmsten rechnen. Die Ärzte machten ihr keine Hoffnung, und auch Else, man hat es gehört, traf bereits ihre Vorbereitung in Gestalt der schwarzen Bluse.
Aber da hatten wir alle nicht mit Erhards Energien gerechnet. Nach einiger Zeit im Krankenhaus raffte er sich eines Tages auf, zog sich an und wankte auf den Flur hinaus. Der diensthabende Arzt
sah ihn dort und fragte entgeistert: “Wo wollen Sie denn hin?” “Raus hier!” stieß Erhard hervor, ließ sich draußen in ein Taxi fallen und nach Hause fahren. Lucie traute ihren Augen nicht, pflegte ihn tapfer und hatte Erfolg.
Allmählich wurde Erhard wieder gesund, entsagte künftig dem Alkohol und hatte noch eine hübsche Anzahl von Jahren als Rentner zu leben. Er unternahm Ausflüge und sogar kleine Reisen mit Lucie und war in der Pension im Fichtelgebirge so beliebt,daß sich die selben Gäste dort alle Jahre wieder trafen.
Er starb erst 1984 mit 72 Jahren.
Und Else? Sie verstarb bereits 1976 , war ja auch älter als er; nie hat sie die neue Bluse für seine Beerdigung getragen, von der die Nachbarin meiner Mutter erzählte. Denn Gertrud hatte als letzte Angehörige von Else deren kleinen Nachlaß zu regeln, fuhr nach Berlin und ließ die ostzonale Verwandtschaft wissen, man könne sich Elses Besitztümer abholen. Dort herrschte ja noch Mangel an allem, und da gab es immerhin die Waschmaschine; ferner einen Pelzmantel, den ich ihr überlassen hatte, fast neu; sowie recht gute Möbel. Von Ostberlin konnte man Sachen in die Zone transportieren, in den Westen nicht. Wir brauchten auch nichts, bis auf ein paar Schmuckstücke, die meine Mutter mit sich nahm -
und die Bluse.
Die war ja noch neu, sah gar nicht schlecht aus, schwarzweiß gemustert, und sie paßte mir. Zu einem Schottenrock habe ich sie noch öfter getragen. Jedesmal, wenn ich sie anzog, mußte ich lächeln und an Onkel Erhards – jedenfalls für Else – nicht stattgefundene Beerdigung denken.