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	<title>The-Short-Story &#187; Geschichten von früher</title>
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		<title>Der Schlüssel</title>
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		<pubDate>Tue, 16 Dec 2008 18:46:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner-Kurt</dc:creator>
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		<description><![CDATA[von Jutta Dogan (copyright) „Tja, wenn du den Schlüssel zum Fahrradkeller vertrödelt hast, mußt du eben zu Fuß zum Fleischer gehen, um unsere Marken einzulösen&#8221;, hatte Tante Hanna gezürnt. Und nun trotte ich auf der Allee entlang, die zum Glück mit Bäumen gesäumt ist. Der Schatten ist willkommen, fängt doch schon der Sommer an, und [...]]]></description>
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<p><em>von <a href="http://www.the-short-story.de//?p=1448">Jutta Dogan</a> (copyright)</em></p>
<p>„Tja, wenn du den Schlüssel zum Fahrradkeller vertrödelt hast, mußt du eben zu Fuß zum Fleischer gehen, um unsere Marken einzulösen&#8221;, hatte Tante Hanna gezürnt. Und nun trotte ich auf der Allee entlang, die zum Glück mit Bäumen gesäumt ist. Der Schatten ist willkommen, fängt doch schon der Sommer an, und über Mittag wird es warm. Auch geht es sich beschwerlich, weil die Schuhe schadhaft und allmählich klein geworden sind.<br />
Ich grüble, wie lange muss ich wohl in Theißen bei der Patentante bleiben? Etwa für immer? Wenn wir meine Eltern nicht finden, vielleicht. Ob die die Flucht taus dem Osten wohl geschafft  haben? Noch geht keine Post, die Bahnen auch nur streckenweise, wenn die Geleise nicht kaputt sind. Ab und zu geht eine evakuierte Frau zurück nach Berlin, und dann gibt man ein Briefchen mit. Tante Friedas Adresse haben wir ausgemacht als Treffpunkt, denn wir selbst haben schon zwei Jahre keine Wohnung mehr, ausgebombt. Aber wenn die dann wirklich mal in Berlin eintreffen, diese Frauen mit ihren kleinen Kindern, werden die dann noch herumlaufen in der Stadt, um fremde Briefe auszutragen? Die U-Bahnen fahren dort auch noch nicht, hört man, kein Strom, und Berlin ist groß.<br />
Tante Hanna hat sich schon resignierend auf mein längeres Bleiben eingestellt und in dem Schulhaus, wo sie als Lehrerin wohnt, ein Dachzimmer vom Hausmeister abgemietet. Nun ist es schon ein paar Wochen her, daß ich über Stock und Stein mit einem Köfferchen bei ihr ankam, weil sie unser Internat in Droyßig geschlossen haben, als Brutstätte der alten Elite. Die wenigen von uns, die noch da waren, weil keiner sie nach Hause holen konnte, hatten gehen müssen. Tat mir nicht all zu sehr leid, denn die Wochen nach dem Krieg hatten wir Landarbeit leisten müssen auf den großen Gütern. Für Mädchen von 13 Jahren schwere Arbeit, aber die Felder mußten bestellt werden im Frühjahr 45, seit die polnischen Zwangsarbeiter wieder frei und in ihre Heimat zurückgekehrt waren.<br />
Erobert hatten Sachsen ja die Amerikaner, aber seit die es nach einiger Zeit an die Russen abtreten mußten, Vertrag von Jalta, hatte die Besatzung gewechselt. Bisher hatte ich noch keinen Russen zu sehen bekommen, die lebten in Kasernen und rückten nur truppweise bewacht aus.<div style="float:left;padding-right:15px;">
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</div><br />
Aber da, wer kurvt denn da auf der Straße vor mir herum, auf einem alten deutschen Motorrad, schwankend, der übt wohl erst ? Die Uniform kenne ich nicht, muß wohl ein Russe sein, anscheinend ein junger Offizier. Nun kommt er gar näher, zeigt auf seinen Rücksitz. Erfreut, steige ich auf. Er fährt weiter, auf das Nachbardorf zu. Das trifft sich gut. Vor dem Fleischerladen tippe ich auf seine Schulter, denn ich kann doch kein Russisch, auch knattert das Motorrad so laut. Er hält an, ich steige ab, hole im leeren Laden das Fleisch ab. Ja, zu essen gibt&#8217;s in Sachsen noch, auch Kartoffeln und Gemüse bekommt man bei den Bauern zur Genüge, und Tante Hanna als Hauswirtschaftslehrerin kocht gut. Ihre Künste will sie auf mich übertragen, aber mit mäßigem Erfolg. Zeit haben wir nämlich, denn die Schulen haben jetzt, Wochen nach Kriegsende, noch nicht wieder geöffnet. Langsam gehe ich zurück, Richtung Theißen. Am Ortsende des Dorfes, wer hält da für mich? Mein Russe! Hurtig steige ich auf, und &#8211; zuerst etwas schwankend, dann flotter &#8211; geht die Fahrt zurück. Am Ortseingang von Theißen tippe ich wieder auf seine Schulter, er hält, und ich steige ab. Ich winke zum Dank, und er ergreift einen meiner langen blonden Zöpfe und schüttelt ihn freundlich. Dann fährt er ab.<br />
Tante Hanna empfängt mich gnädig, staunt: „Das ging aber schnelll.“ Ich erzähle ihr die Lösung, warum erschrickt sie nur?<br />
Sie sagt aber nichts. Wenige Tage später stehen meine Eltern vor der Tür, müde, staubig, vor allem hungrig. Sie haben tatsächlich einige meiner Nachrichten erhalten. Sie ruhen sich ein paar Tage aus, essen sich vor allem satt, und dann drängt meine Mutter: „Wir wollen zurück, in Berlin läuft die Schule schon seit Wochen, Du darfst nicht soviel versäumen.“ Das ist weitblickend, denn viele meiner Schulkameraden haben durch späte Rückkehr aus der Verlagerung ein ganzes Jahr versäumt. Mein Vater drängt nicht, der ist erschöpft und flügellahm, sein Weltbild hat einen Riß bekommen. Nicht das von Hitler gelieferte, sondern das preußische, daß nun die alte Ordnung zerstört ist, das begreift der über 60-jährige nicht leicht. In Berlin hausen wir noch lange Zeit in einem Notquartier mit Pappe vor den Fenstern und kaum was zu essen, haben ja nichts zum Tauschen. In der Schule komme ich ganz gut hin, denn die hatten vor Kriegsende wochenlang keinen Unterricht mehr gehabt, das wiegt sich auf. Papier und Schulbücher gibt&#8217;s nicht. Also macht die Lehrerin Sprechübungen, jeder soll sich zum nächsten Mal eine spannende oder lustige Geschichte überlegen. Ich erzähle die vom hilfreichen Russen auf der sächsischen Landstraße. Atemlose Stille herrscht. Dann Erleichterung. Die hatten alle irgend einen anderen Schluß erwartet, ich kriege aber nicht raus, was. Überhaupt sehen die Mädchen in meiner Klasse am Kopf so merkwürdig aus, wie mit abgeknabberten Haaren. Nicht wegen der Läuse und der Packung, die manche stinkend einige Tage um den Kopf tragen müssen. Nein, sie trugen zu Kriegsende alle einen Jungen-Haarschnitt. Ich verstehe nicht ganz, warum, sie drucksen so herum. Später höre ich, sie schämen sich, manche mußten ins Krankenhaus. Keiner sagt richtig was. -<br />
Erst viel später, als sich die Zungen lösten, sollte ich erfahren, was sich in Berlin und wohl auch andernorts zugetragen hatte: Mütter hatten versucht, ihre jüngeren Töchter noch als Buben auszugeben, um sie dem Zugriff mancher Besatzungstruppen zu entziehen; in der Karlsruher Gegend hörte ich z.B. von Marokkanern bei den französischen Truppen. Aber die jungen Russen in Berlin fanden das bald heraus, und so manches Mädchen wurde aus seinem Versteck auf dem Dachboden oder im Keller hervorgezerrt. Die Militärbehörden setzten später strenge Strafen ein, und so lernten wir wir Wochen später in Sachsen solche Übergriffe nicht mehr kennen. Arglos hatte ich daher das Motorrad meines Helfers bestiegen.<br />
Ja, und der Schlüssel? Ich wollte doch eine Geschichte vom Schlüssel erzählen. Der hatte sich wenige Tage später in meiner Schürzentasche gefunden. Da hatte ich ihn stecken lassen, als ich aus Tante Hannas Keller kam.
<p>Provided by <a href="http://www.universal-frame.com/" title="Universal Frame GmbH - Marketing und Public Relation">Universal Frame GmbH &#8211; Marketing und Public Relation</a></p>

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		<title>Pariser Seidenwäsche</title>
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		<pubDate>Fri, 12 Dec 2008 17:50:44 +0000</pubDate>
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<p><em>von <a href="http://www.the-short-story.de//?p=1448">Jutta Dogan</a> (copyright)</em></p>
<p>Bei Bert Brecht gibt es ein Gedicht über den Krieg, in dem der Soldat seiner Frau aus jedem von uns im 2. Weltkrieg eroberten Land etwas schickt, bis schließlich aus Rußland das letzte „Geschenk“ kommt, der Witwenschleier. Aber noch waren wir erst in Frankreich, auf dem Siegeszug. Aus Polen hatte er mir eine wunderschöne Strickjacke gesandt, dunkelgrüne Wolle, rnit dicken Kirschen,, rot, und hellgrünen Blättern  ebenfalls in Wolle, drauf gestickt. Zwar war sie noch etwas groß, aber nach zwei Jahren paßte sie, und ich trug sie, bis die Löcher im Ellbogen gar nicht mehr durch Stopfen zu schließen waren.<br />
Es ist mein neunter Geburtstag, ich öffne ein Päckchen aus Frankreich. Heraus hole ich ein zartes Gebilde, nein zwei. Reine Seide gewirkt, rosa, an den Rändern handgestickte Blümchen mit Ranken in Pastell. Mein Vater scbaut verblüfft, meineMutter sagt begütigend: „Er hat es nicht besser gewußt. Seine Kameraden werden alle so was gekauft haben, um es ihren Frauen zu schicken. Und weil er keine hat, schenkt er es eben seinem Patenkind!“ Es ist nämlich eine Garnitur Seidenwäsche, und der Spender, ein junger preussischer Offizier, der Inbegriff für Askese und Korrektheit in der Kleinstadt, aus der wir alle kommen. Beide scheinen belustigt.<div style="float:left;padding-right:15px;">
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</div><br />
Ich probiere sie an, sie ist um vieles zu groß. Aber das macht nichts, f&#8217;ür mich ist die Garnitur ein Traum. Wovon? Ich weiß es nicht. Ein Hauch von Luxus in der karg gewordenen Welt des Krieges. Vielleicht auch eine Ahnung davon, eines Tages begehrenswert zu sein.Und sie ist einfach wunderschön. Nie wieder habe ich eine solche gesehen, zart fliessend, die traumhafte Stickerei, seIbst wenn mir Jahre später andere Männer als ein Patenonkel noch welche schenken werden Überall hin schleppe ich sie mit, erst im Luftschutzköfferchen In Berlin, wo wir jetzt wohnen häufen sich die Fliegerangriffe, später werden wir auch ausgebombt, und ich muß Notwendiges mitnehmen. Und dabei dies, das Überflüssige, meine· Mutter sagt nichts dazu. In die Kinderlandverschickung nach Kärnten geht es mit, ich lagere es nie bei der Wäsche, sondern bei den „Schätzen“, die verbleiben. Auf der Flucht später im Osten wird meine Habe immer dürftiger,<br />
aber die Garnitur ist noch dabei. Eines Tages, lange nach dem Krieg probiere ich sie endlichch mal an, da ist sie zu klein geworden. Irgendwann später verliere ich dann das Interesse, erschenke sie gar. Denn inzwischen ist das eingetroffen, wofür sie mir als Verheißung diente: In meinem Leben ist nun doch ein Hauch von Luxus eingezogen. Nicht für immer, aber doch sporadisch: eine exklusive Essenseinladung, Begegnungen mit interessanten Männern, ein exotisch duftendes Parfum, eine exqusites Schmuckstück, Reisen und zeitweise sogar ein Leben in fremden Ländern.<br />
Nichts davon wird sich als dauerhaft erweisen, aber ich habe doch einen Zipfel von meinem Traum erhascht.<br />
Und er, der Spender? Er hat uns noch einmal besucht im Heimaturlaub. Er betrachtete wohlgefällig meine blonden Zöpfe und hielt mir einen schimmernden Uniformknopf hin: „Nun beweise mal, daß du schon eine kleine deutsche Frau bist und nähe mir den wieder an. „Bestürzt schaue ich drein und meine Mutter rafft seine Offiziersjacke an sich und näht ihn mehr schlecht als recht wieder an. Auch sie ist verlegen, hat sie es doch versäumt, mich im rechten Sinne aufzuziehen. Es bleibt dem Hans-Wilhelm erspart, nach dem Kriege erfahren zu müssen, daß ganze Scharen junger Frauen eigene Wege gehen, ihr Lebensziel nicht mehr darin sehen, dem Manne zu dienen. Denn er kam nicht wieder, das Brechtsche Gedicht hatte ihn eingeholt, in – Rußland.
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		<title>Nachkriegskarrieren</title>
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		<pubDate>Fri, 12 Dec 2008 17:50:32 +0000</pubDate>
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<p><em>von <a href="http://www.the-short-story.de//?p=1448">Jutta Dogan</a> (copyright)</em></p>
<p>Da nach dem regelrechten Zusammenbruch des deutschen Reiches beim Kriegsende 1945 die meisten Institutionen nicht mehr arbeiteten, zum Teil zerstört waren, die Wirtschaft nicht funktionierte, waren auch die Berufstätigen, die etwa für Post und Bahn oder Firmen gearbeitet hatten, stellungslos. Finanziell war das zunächst kein Verlust, weil die meisten bei Ende des Krieges allerlei Ersparnisse angesammelt hatten. Man hatte kaum noch etwas ausgeben können mangels Waren, und bis zur Währungsreform 1948 galt das alte Geld, die Mark, noch weiter. Das Leben war billig, wenn man von Schwarzmarktpreisen für Lebensmittel absah. Aber Mieten und Preise für die Waren auf Lebensmittelkarten &#8211; soweit es auf die überhaupt etwas gab &#8211; waren niedrig. Trotzdem kümmerten sich die meisten Menschen um eine Arbeit,weil man dann die bessere Lebensmittelkarte bekam und ja auch niemand wußte, wie lange dieser Zustand des Chaos, ohne staatliche Autorität, dauern würde. Die Alliierten bemühten sich zwar um Herstellung einer gewissen Ordnung, setzten auch bald provisorisch &#8220;unbelastete&#8221; Leiter in Ämter, aber ein geplanter Aufbau konnte im Westen vor der Währungsreform 1948 und in Berlin etwas später nach der Luftbrücke 1949 nicht beginnen. Auch um diese Zeit wurde in Bonn eine Regierung unter Bundeskanzler Adenauer genehmigt.<br />
Unsere weit verzweigte Verwandtschaft stammte überwiegend aus Berlin und Umgebung, und so wurden bei gelegentlichen Treffen mit Galgenhumor die neuesten Nachrichten über die Tätigkeiten einzelner Mitglieder ausgetauscht.<br />
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</div><br />
1.Tante Else,<br />
die ältere Schwester meiner Mutter, wurde als Postbeamtin noch nicht gebraucht, denn ein Postwesen mußte erst wieder aufgebaut werden. So folgte sie freiwillig einem Aufruf der Russen, sich zum Kohlenschippen zu melden, denn sie wohnte in Pankow. Für eine gepflegte Dame von über 40 war dieser Entschluß kühn, aber weise. Man bekam die Schwerarbeiterkarte für Lebensmittel, einen Eimer Kohle pro Woche als Deputat und durch Diebstahl noch weitere dazu. Nämlich schippte man auf dem Güterbahnhof, auf dem die Waggons in Lastwagen umgeladen wurden, ab und zu etwas über den Zaun und schlich sich nach der Arbeit dorthin, um ein paar Stückchen aufzulesen. In der Dunkelheit des Winters ging das, bis auf die Todesgefahr durch die russischen Bewacher des Geländes, die ohne Warnung schossen. Mit der Kohle konnte man alles Beliebige eintauschen und war gut gestellt. Am meisten störte Else nur, daß sie den feinen Kohlestaub aus den Hautritzen und unter den Nägeln Tag für Tag neu herausschrubben mußte, es gab ja kein warmes Wasser.<br />
Sobald die Post wieder arbeitete und allmählich ihre Leute einstellte, konnte Else an ihren Schalter zurückkehren.</p>
<p>2. Auch Onkel Richard,<br />
ein etwas entfernter Verwandter von Vaters Seite, war bei der Post beschäftigt gewesen, im gehobenen Dienst. Er war ein bereits älterer, würdiger Herr, und wir mußten lachen bei der Vorstellung, daß er jetzt als Roter Radler durch Berlin fuhr, um Waren und Nachrichten auszutragen. Denn einen Fuhrbetrieb gab es auf lange Zeit noch nicht. Später wurde er dann pensioniert, ging in ein Altersheim, weil seine Frau Justine gestorben war. Er sorgte für eine neue Überraschung, da uns eine Verlobungsanzeige erreichte. Er war schon über 80, als er eine zierliche alte Dame kennenlernte. Eine Heirat war nicht beabsichtigt, sie wollten nur aller Welt ihre Verbindung kund tun: immer mit Stil.</p>
<p>3. Achim,<br />
ein ehemaliger Schüler meines Vaters und nun ein Freund geworden, eigentlich Rechtsanwalt, hatte sich als Wachmann bei den Amerikanern verdingt; das war ein begehrter Posten. Man wurde auf Dollarbasis bezahlt, wobei die noch immer sparten, erhielt Essen dort und gelegentlich Zigaretten. Die rauchte man nicht etwa, sie waren ein willkommener Tauschartikel.<br />
Als die Wirtschaft wieder aufblühte, brauchte man Anwälte, aber nicht jedem gelang es, wieder Fuß zu fassen. Seine Frau, eine verwöhnte Dame,war enttäuscht und verließ ihn.</p>
<p>4. Georg<br />
Elegant löste der jüngere Bruder meines Vaters, Georg, ein promovierter Wirtschaftswissenschaftler, das Problem der Arbeitslosigkeit. Denn in seinem Beruf bestanden erst später wieder Aussichten. Er, ohne Familie und mit kulturellen Interessen, schrieb Drehbücher für Herrn Zengerling, einen kleinen Filmproduzenten. Dessen Firma befand sich in Kleinmachnow, einem Vorort von Berlin und schon in der Ostzone, aber vor dem Mauerbau waren die Grenzen durchlässig. Er hatte von den Russen eine Lizenz und etwas Material für Märchenfilme erhalten, anderes war zunächst nicht erlaubt. Als Schneewittchen konnte er gleich seine schöne junge Frau verwenden, ich habe sie noch kennengelernt. Neben dem ältlichen Ehemann machte sie einen resignierten Eindruck. Eines Tages kam Georg feixend zu uns: Schneewittchen war weg! Und zwar gleich, bis nach Rußland hin, mit einem Offizier. Ob sie ihre Flucht im schäbigen Nachkriegsrußland wohl später bedauert hat? Zengerling verlegte sich nun auf Kulturfilme, inzwischen waren die erlaubt. Der über das Kloster Maulbronn, wieder auf Grundlage von Georgs Vorarbeiten, wurde preisgekrönt und lief jahrelang als Vorfilm vor der &#8220;Trappfamilie&#8221; in den Kinos.<br />
Berlins Oberbürgermeister Reuter wurde aufmerksam gemacht auf den gewandten Georg. Er erteilte ihm den Auftrag, für die Stadt Berlin zu werben auf Reisen durch Westdeutschland. Denn die politische Situation blieb jahrelang im Ungewissen. Fotomaterial wurde ihm gestellt,aber es ergab sich das Problem der Übernachtungen. Hotels gab es kaum zunächst, denn die Alliierten hatten die wenigen intakten Quartiere für sich beschlagnahmt. Erst später bauten sie sich genügend eigene. Aber Georg fand immer einen Ausweg. &#8220;Er übernachtet bei den ATVern&#8221;, verkündete Frieda, die ältere Schwester, stolz. Er war nämlich als Student im Akademischen Turnverein gewesen, hatte Listen von denen in ganz Deutschland, und sie waren verpflichtet, einander zu helfen, auch wenn sich nicht alle kannten. In mancher Stadt, die auf Georgs Reiseroute lag, waren seine Vereinsbrüder wohl noch nicht mal unglücklich über die Einquartierung, die ja nur kurz dauerte und Unterhaltung bot: Georg war ein glänzender Plauderer. In Westdeutschland war auch mancher &#8211; es waren ja Akademiker &#8211; nicht so knapp dran wie die Westberliner noch an der Zeit, und konnten ihn bewirten.<br />
Ich habe noch einen Nachruf aus der Zeitung, in der Georg als „Berliner Bär“ gepriesen wird.<br />
Er starb ganz plötzlich an einer harmlosen Operation und konnte seinen Posten in einem der  neugegründeten Bonner Ministerien nur kurz wahrnehmen.</p>
<p>5.Ein Schulfreund von mir, Fritz,<br />
bekam in der Ostzone eine Stelle als Kartoffelschäler bei den Russen, womit für den l4jährigen natürlich die Verpflegung gesichert war. Das Dorf, in dem er zum Kriegsende bei Verwandten untergekommen war, hatte kein Gymnasium, geschweige denn ein humanistisches, auf dem er in Berlin gewesen war. Eines Tages merkte er, daß er den schulischen Anschluß verloren hatte, machte Nägel mit Köpfen und ließ sich zum Koch ausbilden. Später gelang es ihm, zu seinem Vater in den Westen zu fliehen,er übernahm ein Restaurant, schließlich ein Hotel. Als wir schon alle älter waren, kam es zu einigen Klassentreffen, wir waren inzwischen über ganz Deutschland verteilt. Eines fand auch bei ihm im Schwarzwald statt, und ich hatte den Eindruck, daß sein Los schwerer war als das der anderen, die nach Studium einen &#8220;white collar job&#8221; ausübten, und reich ist er offensichtlich dabei auch nicht geworden.</p>
<p>6. Mein Vater<br />
In dem allgemeinen Aufbruch erhob sich sogar mein zunächst deprimierter Vater im Frühjahr 1946 von seiner Lagerstatt, auf der er den kalten Winter verbracht hatte. Er nahm das Angebot unseres Pfarrers an, als Bote für die Gemeinde tätig zu sein, denn er wollte ihm helfen. Andere Arbeit durften ehemalige PGs (Parteigenossen) nicht annehmen. Da auch der inzwischen von den Amerikanern eingesetzte Bürgermeister unseres Bezirks, meinen Vater als früheren Lehrer seines Sohnes kannte und schätzte, ließ er ihn als Boten ins Rathaus überwechseln. Das war eine sichere Stelle, denn man wußte nicht, wie lange dieser Zustand der Unterbeschäftigung andauern würde. Sämtlicher Schriftverkehr zwischen den Ämtern in Berlin wurde per Boten abgewickelt, so lange es noch keinen Wagenpark für sie gab. Die Boten konnten sich dabei, der U-Bahn bedienen, als diese wieder streckenweise in Betrieb genommen wurde, aber es blieben noch weite Laufstrecken übrig. Da mein Vater immer gern gelaufen war, lag ihm diese Tätigkeit, abgesehen von der noch immer knappen Verpflegung und mangelndem Schuhwerk.<br />
Ab Herbst 1946 jedoch wendete sich das Blatt eher, als gedacht. Da allmählich auf Betreiben der Alliierten eine Verwaltung in jeder Hinsicht wieder aufgebaut werden sollte, bis hin zum Schulwesen (es gab nur provisorischen Unterricht) wurden überall die Experten gebraucht, nämlich weitgehend die ehemaligen Parteigenossen. In sogenannten Spruchkammerverfahren wurden diese &#8220;entnazifiziert&#8221;, nachdem sie ihre Papiere eingereicht und Zeugen benannt hatten, die ihre Harmlosigkeit bestätigen würden. Es erwies sich dabei als lebenswichtig, daß man trotz Ausbombung, Flucht oder Vertreibung niemals seine Papiere verlor!<br />
Mein Vater wurde samt vielen anderen in diesen Monaten als Mitläufer eingestuft und Anfang 1947 wieder in den Schuldienst übernommen.<br />
Nachdem wir 1950 nach Jahren im Notquartier nun eine Wohnung bekamen, ging es mit unserer kleinen Familie wieder bergauf. Meine Eltern waren beide als Lehrer tätig, wir galten als &#8220;westliche Doppelverdiener&#8221;: der Aufschwung der 50er Jahre hatte auch uns erfaßt!
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		<title>Die rosa Tasche</title>
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		<pubDate>Fri, 12 Dec 2008 17:50:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner-Kurt</dc:creator>
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<p><em>von <a href="http://www.the-short-story.de//?p=1448">Jutta Dogan</a> (copyright)</em></p>
<p>Eigentlich war sie ein kleines Scheusal, aber darauf kam es gar nicht an. Bonbonrosa Lack war einfach auf Pappe aufgetragen, was sich dann herausstellte, als sie allmählich zerfiel, viel später. Von Leder keine Spur. Sie war ja auch nur für ein Kind gedacht, ein Ausgehtäschchen. Viel hatte dafür auch kaum einer ausgeben können, damals, in den dreißiger Jahren, und dazu noch in jener Provinzstadt im Nordosten von Deutschland,umgeben von ländlichem Gebiet.<br />
Da lag die Tasche verlockend im Schaufenster von Kaufhaus Radefeldt, dem einzigen im Städtchen, und außerdem gab es noch Läden allerlei Art. Vornan lag sie, zu mir hin, und ich stand da und bewunderte sie. Daß so etwas für mich sein könnte, kam mir kaum in den Sinn. Dies hier wäre Luxus gewesen, und den gab es zuhause nicht. Ja, zu essen und Kleidung war da, in Maßen, und für den Vater ab und zu ein Buch; und das war schon mehr, als andere hatten. &#8220;Mutti, sind wir arm oder reich?&#8221; hatte ich meine Mutter gefragt, denn beides kannte ich nicht, diese Ausdrücke kamen nur in den Märchen vor, die sie mir vorlas. &#8220;Wir sind so in der Mitte&#8221;, beruhigte mich meine Mutter, und es stimmte sogar. Ein Studienrat, der lag so in der Mitte, und das war mein Vater.<div style="float:left;padding-right:15px;">
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Im Moment war sein jüngerer Bruder aus Berlin zu Besuch, Onkel Georg. Und mit dem samt meinem viel älteren Bruder Horst war ich unterwegs, von draußen, dem Joachimsthalschen Gymnasium und Internat her, durch den Wald und am See ins Städtchen Templin hinein, unter dem Tor der Stadtmauer und eine der wenigen Einkaufsstraßen entlang. Georg muß sich ja gelangweilt haben, aus Berlin war der anderes gewöhnt, zumal mit der Freiheit eines Junggesellen. Aber er schien den Bummel zu genießen. Er. liebte seinen Neffen Horst, der schon achtzehn war und mit dem man sich gut unterhalten konnte, wie zwei Kumpel.<br />
Ich war erst fünf, und den beiden fiel es auf, daß ich vor dem Schaufenster stehen geblieben war und träumerisch auf die Tasche sah, man konnte noch nicht mal sagen, begehrlich. Es stand auch kein Festtag an, daß man sie hätte als Geschenk bekommen können. Sie neckten mich. Wir trotteten weiter, und einer der beiden hatte wohl an der vorigen Ecke etwas verloren und blieb für kurze Zeit zurück.<br />
Mit genügend Hunger trafen wir später zuhause zum Abendessen wieder ein. Die Dienstvilla meines Vaters war geräumig, und so war am langen Tisch des Eßzimmers für alle gedeckt, wegen des Besuchs mit besserem Geschirr als sonst.<br />
Aber was war das? Mein Teller wackelte, als ich ihn berührte, etwas Sperriges hob ihn an. Ich blickte darunter, die Tischdecke wölbte sich an der Stelle. Meine Großmutter hatte sie bestickt, aber daran lag es nicht. Es war still geworden um den Tisch, und ich lüftete die Decke vorsichtig. Da lag etwas, ich zog an einem Griff, rosa Lack kam hervor &#8211; die Tasche vom Schaufefenster! Ich betrachtete sie ungläubig. Wie war sie hierher gekommen? Alle schienen gänzlich ahnungslos. Onkel Georg und mein Bruder Horst saßen mir gegenüber, sahen sich an und waren unbändig froh &#8211; soweit man das von Brandenburgern sagen kann. Allmählich begriff ich, daß dies Täschchen nun mir gehörte, auch ohne Geburtstag als Anlaß. Ich hielt es in Ehren und benutzte es nur zu besonderen Anlässen, bei Kinderfesten oder als ich von Tante Frieda, der älteren Schwester meines Vaters, in Potsdam durch die Schlösser mit ihren Parks geführt wurde.<br />
Von der so harmlos-fröhlichen, Tischrunde lebt kaum noch einer. Als erster blieb der Platz meines Bruders leer, der in Frankreich fiel, denn bald darauf war der Krieg ausgebrochen. Ihm folgte Onkel Georg, der unerwartet nach einer leichten Operation verstarb, lange vor seinen älteren Geschwistern. Von meinen Eltern erreichte jeder ein gutes Alter, aber da lebten wir schon nicht mehr in Templin.<br />
Mein Vater war so angetan von diesem historischen Städtchen, daß er ein Buch über dessen Geschichte verfaßte, das großen Anklang fand und für das er nach seinem Tode mit einer Straße geehrt wurde.<br />
Bei der Einweihung traf ich Elfriede wieder, unser ehemaliges Pflichtjahrmädchen, das bei unserer Tafelrunde damals das Essen auftrug. Sie lud mich ein zu sich und erzählte mir ihr Leben.<br />
Und die Tasche? eines Tages fing sie an zu zerfallen, die Pappe sah zu meinem Erstaunen unter dem abbröckelnden Lack hervor. Aber untröstlich war ich wohl nicht, sie hatte ihre Dienste getan. Ich wurde nun älter, wir lebten dann in Berlin, und ich werde trotz Kriegszeiten eine andere bekommen haben, vermutlich aus Plastik. Jetzt, Jahrzehnte später, besitze ich unzählige, aus Leder mit Applikationen, in mehreren Farbgebungen und für allerlei Zwecke. Aber solch freudige Überraschung wie beim Empfang meiner ersten, der mit rosa Lack, habe ich bei keiner mehr empfunden.
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		<title>Mein erstes selbst verdientes Geld</title>
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		<pubDate>Fri, 12 Dec 2008 17:50:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner-Kurt</dc:creator>
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		<description><![CDATA[von Jutta Dogan (copyright) Ich ging den spärlich beleuchteten Gang zwischen den beiden Internatshäusern 111 und IV entlang, ein Tunnel mit Heizkeller. Am einen Ende lag die Wohnung von Nachtwächter Günther, am andern die von Hausmeister Laak. Und da wollte ich jetzt hin. Denn es sollte heute Hochzeit gefeiert werden, der älteste Sohn von seinen [...]]]></description>
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<p><em>von <a href="http://www.the-short-story.de//?p=1448">Jutta Dogan</a> (copyright)</em></p>
<p>Ich ging den spärlich beleuchteten Gang zwischen den beiden Internatshäusern 111 und IV entlang, ein Tunnel mit Heizkeller. Am einen Ende lag die Wohnung von Nachtwächter Günther, am andern<br />
die von Hausmeister Laak.<br />
Und da wollte ich jetzt hin. Denn es sollte heute Hochzeit gefeiert werden, der älteste Sohn von seinen sieben Kindern. Rosi, die Jüngste, war mit ihren fünf Jahren meine gleichaltrige Spielgefährtin. Ja, eine Braut zu sehen, lieblich mit Schleier und Myrtenkranz, das war etwas Traumhaftes. Vielleicht würde ich eines Tages, später mal, auch eine sein. Im Moment aber war ich blaß und spillerig, reichlich davon entfernt, und in meinem einfachen Spielkleid auch nicht würdig<br />
angezogen.<br />
Ich klingelte und verlangte schüchtern, die Braut zu sehen. Die wurde gerufen, denn die Laaks kannten mich, nur sie kam von woanders. Ich staunte die junge Frau an, und sie lächelte mir huldvoll zu. Dann fiel ihr etwas ein, sie ging ein paar Schritte zurück und griff in ein Schälchen. Darin befanden sich einige kleine Münzen. Sie drückte mir etwa drei Groschen in die Hand. lch dankte beglückt und ging. Es war nicht wegen des Geldes, dafür hatte ich noch wenig Sinn,aber die mildtätige Zuwendung meiner Fee hatte mich beeindruckt.<br />
Mit Geld konnten wir Kinder noch nicht viel anfangen. Denn, kurz mal über die Straße laufen und vielleicht beim Bäcker ein paar Süßigkeiten erstehen, das ging hier nicht. Das Städtchen Templin lag etwas entfernt, und wenn mich meine Mutter mal mit dahin nahm, kaufte sie mir womöglich eine Zuckerschnecke, ich selber zahlte noch nicht.<br />
Den ganzen Vormittag hielt ich meinen kleinen Geldschatz mit der linken Hand umklammert, während ich noch hierhin und dorthin ging. Allmählich hatte sich aus dem Gemisch vom schmuddelig benutzten Geld und dem Schweiß meiner Handinnenfläche ein bräunlicher Brei gebildet.<br />
Strahlend hielt ich meiner Mutter dieses Gemisch entgegen, als ich gegen Mittag nach Hause kam. Zuhause, das war oben in der Dienstvilla meines Vaters, dem Studienrat und Leiter von Alumnat IV. Ich begriff gar nicht, warum meine Mutter, die sonst so Gütige, über meine Erzählung &#8220;not amused&#8221; war.<br />
Ihr Kind mit Arme-Leute-Groschen bedacht, wie peinlich. Was sollten die Leute denken?
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