Der Schlüssel

von Jutta Dogan (copyright)

„Tja, wenn du den Schlüssel zum Fahrradkeller vertrödelt hast, mußt du eben zu Fuß zum Fleischer gehen, um unsere Marken einzulösen”, hatte Tante Hanna gezürnt. Und nun trotte ich auf der Allee entlang, die zum Glück mit Bäumen gesäumt ist. Der Schatten ist willkommen, fängt doch schon der Sommer an, und über Mittag wird es warm. Auch geht es sich beschwerlich, weil die Schuhe schadhaft und allmählich klein geworden sind.
Ich grüble, wie lange muss ich wohl in Theißen bei der Patentante bleiben? Etwa für immer? Wenn wir meine Eltern nicht finden, vielleicht. Ob die die Flucht taus dem Osten wohl geschafft  haben? Noch geht keine Post, die Bahnen auch nur streckenweise, wenn die Geleise nicht kaputt sind. Ab und zu geht eine evakuierte Frau zurück nach Berlin, und dann gibt man ein Briefchen mit. Tante Friedas Adresse haben wir ausgemacht als Treffpunkt, denn wir selbst haben schon zwei Jahre keine Wohnung mehr, ausgebombt. Aber wenn die dann wirklich mal in Berlin eintreffen, diese Frauen mit ihren kleinen Kindern, werden die dann noch herumlaufen in der Stadt, um fremde Briefe auszutragen? Die U-Bahnen fahren dort auch noch nicht, hört man, kein Strom, und Berlin ist groß.
Tante Hanna hat sich schon resignierend auf mein längeres Bleiben eingestellt und in dem Schulhaus, wo sie als Lehrerin wohnt, ein Dachzimmer vom Hausmeister abgemietet. Nun ist es schon ein paar Wochen her, daß ich über Stock und Stein mit einem Köfferchen bei ihr ankam, weil sie unser Internat in Droyßig geschlossen haben, als Brutstätte der alten Elite. Die wenigen von uns, die noch da waren, weil keiner sie nach Hause holen konnte, hatten gehen müssen. Tat mir nicht all zu sehr leid, denn die Wochen nach dem Krieg hatten wir Landarbeit leisten müssen auf den großen Gütern. Für Mädchen von 13 Jahren schwere Arbeit, aber die Felder mußten bestellt werden im Frühjahr 45, seit die polnischen Zwangsarbeiter wieder frei und in ihre Heimat zurückgekehrt waren.
Erobert hatten Sachsen ja die Amerikaner, aber seit die es nach einiger Zeit an die Russen abtreten mußten, Vertrag von Jalta, hatte die Besatzung gewechselt. Bisher hatte ich noch keinen Russen zu sehen bekommen, die lebten in Kasernen und rückten nur truppweise bewacht aus.


Aber da, wer kurvt denn da auf der Straße vor mir herum, auf einem alten deutschen Motorrad, schwankend, der übt wohl erst ? Die Uniform kenne ich nicht, muß wohl ein Russe sein, anscheinend ein junger Offizier. Nun kommt er gar näher, zeigt auf seinen Rücksitz. Erfreut, steige ich auf. Er fährt weiter, auf das Nachbardorf zu. Das trifft sich gut. Vor dem Fleischerladen tippe ich auf seine Schulter, denn ich kann doch kein Russisch, auch knattert das Motorrad so laut. Er hält an, ich steige ab, hole im leeren Laden das Fleisch ab. Ja, zu essen gibt’s in Sachsen noch, auch Kartoffeln und Gemüse bekommt man bei den Bauern zur Genüge, und Tante Hanna als Hauswirtschaftslehrerin kocht gut. Ihre Künste will sie auf mich übertragen, aber mit mäßigem Erfolg. Zeit haben wir nämlich, denn die Schulen haben jetzt, Wochen nach Kriegsende, noch nicht wieder geöffnet. Langsam gehe ich zurück, Richtung Theißen. Am Ortsende des Dorfes, wer hält da für mich? Mein Russe! Hurtig steige ich auf, und – zuerst etwas schwankend, dann flotter – geht die Fahrt zurück. Am Ortseingang von Theißen tippe ich wieder auf seine Schulter, er hält, und ich steige ab. Ich winke zum Dank, und er ergreift einen meiner langen blonden Zöpfe und schüttelt ihn freundlich. Dann fährt er ab.
Tante Hanna empfängt mich gnädig, staunt: „Das ging aber schnelll.“ Ich erzähle ihr die Lösung, warum erschrickt sie nur?
Sie sagt aber nichts. Wenige Tage später stehen meine Eltern vor der Tür, müde, staubig, vor allem hungrig. Sie haben tatsächlich einige meiner Nachrichten erhalten. Sie ruhen sich ein paar Tage aus, essen sich vor allem satt, und dann drängt meine Mutter: „Wir wollen zurück, in Berlin läuft die Schule schon seit Wochen, Du darfst nicht soviel versäumen.“ Das ist weitblickend, denn viele meiner Schulkameraden haben durch späte Rückkehr aus der Verlagerung ein ganzes Jahr versäumt. Mein Vater drängt nicht, der ist erschöpft und flügellahm, sein Weltbild hat einen Riß bekommen. Nicht das von Hitler gelieferte, sondern das preußische, daß nun die alte Ordnung zerstört ist, das begreift der über 60-jährige nicht leicht. In Berlin hausen wir noch lange Zeit in einem Notquartier mit Pappe vor den Fenstern und kaum was zu essen, haben ja nichts zum Tauschen. In der Schule komme ich ganz gut hin, denn die hatten vor Kriegsende wochenlang keinen Unterricht mehr gehabt, das wiegt sich auf. Papier und Schulbücher gibt’s nicht. Also macht die Lehrerin Sprechübungen, jeder soll sich zum nächsten Mal eine spannende oder lustige Geschichte überlegen. Ich erzähle die vom hilfreichen Russen auf der sächsischen Landstraße. Atemlose Stille herrscht. Dann Erleichterung. Die hatten alle irgend einen anderen Schluß erwartet, ich kriege aber nicht raus, was. Überhaupt sehen die Mädchen in meiner Klasse am Kopf so merkwürdig aus, wie mit abgeknabberten Haaren. Nicht wegen der Läuse und der Packung, die manche stinkend einige Tage um den Kopf tragen müssen. Nein, sie trugen zu Kriegsende alle einen Jungen-Haarschnitt. Ich verstehe nicht ganz, warum, sie drucksen so herum. Später höre ich, sie schämen sich, manche mußten ins Krankenhaus. Keiner sagt richtig was. -
Erst viel später, als sich die Zungen lösten, sollte ich erfahren, was sich in Berlin und wohl auch andernorts zugetragen hatte: Mütter hatten versucht, ihre jüngeren Töchter noch als Buben auszugeben, um sie dem Zugriff mancher Besatzungstruppen zu entziehen; in der Karlsruher Gegend hörte ich z.B. von Marokkanern bei den französischen Truppen. Aber die jungen Russen in Berlin fanden das bald heraus, und so manches Mädchen wurde aus seinem Versteck auf dem Dachboden oder im Keller hervorgezerrt. Die Militärbehörden setzten später strenge Strafen ein, und so lernten wir wir Wochen später in Sachsen solche Übergriffe nicht mehr kennen. Arglos hatte ich daher das Motorrad meines Helfers bestiegen.
Ja, und der Schlüssel? Ich wollte doch eine Geschichte vom Schlüssel erzählen. Der hatte sich wenige Tage später in meiner Schürzentasche gefunden. Da hatte ich ihn stecken lassen, als ich aus Tante Hannas Keller kam.

Pariser Seidenwäsche

von Jutta Dogan (copyright)

Bei Bert Brecht gibt es ein Gedicht über den Krieg, in dem der Soldat seiner Frau aus jedem von uns im 2. Weltkrieg eroberten Land etwas schickt, bis schließlich aus Rußland das letzte „Geschenk“ kommt, der Witwenschleier. Aber noch waren wir erst in Frankreich, auf dem Siegeszug. Aus Polen hatte er mir eine wunderschöne Strickjacke gesandt, dunkelgrüne Wolle, rnit dicken Kirschen,, rot, und hellgrünen Blättern  ebenfalls in Wolle, drauf gestickt. Zwar war sie noch etwas groß, aber nach zwei Jahren paßte sie, und ich trug sie, bis die Löcher im Ellbogen gar nicht mehr durch Stopfen zu schließen waren.
Es ist mein neunter Geburtstag, ich öffne ein Päckchen aus Frankreich. Heraus hole ich ein zartes Gebilde, nein zwei. Reine Seide gewirkt, rosa, an den Rändern handgestickte Blümchen mit Ranken in Pastell. Mein Vater scbaut verblüfft, meineMutter sagt begütigend: „Er hat es nicht besser gewußt. Seine Kameraden werden alle so was gekauft haben, um es ihren Frauen zu schicken. Und weil er keine hat, schenkt er es eben seinem Patenkind!“ Es ist nämlich eine Garnitur Seidenwäsche, und der Spender, ein junger preussischer Offizier, der Inbegriff für Askese und Korrektheit in der Kleinstadt, aus der wir alle kommen. Beide scheinen belustigt.


Ich probiere sie an, sie ist um vieles zu groß. Aber das macht nichts, f’ür mich ist die Garnitur ein Traum. Wovon? Ich weiß es nicht. Ein Hauch von Luxus in der karg gewordenen Welt des Krieges. Vielleicht auch eine Ahnung davon, eines Tages begehrenswert zu sein.Und sie ist einfach wunderschön. Nie wieder habe ich eine solche gesehen, zart fliessend, die traumhafte Stickerei, seIbst wenn mir Jahre später andere Männer als ein Patenonkel noch welche schenken werden Überall hin schleppe ich sie mit, erst im Luftschutzköfferchen In Berlin, wo wir jetzt wohnen häufen sich die Fliegerangriffe, später werden wir auch ausgebombt, und ich muß Notwendiges mitnehmen. Und dabei dies, das Überflüssige, meine· Mutter sagt nichts dazu. In die Kinderlandverschickung nach Kärnten geht es mit, ich lagere es nie bei der Wäsche, sondern bei den „Schätzen“, die verbleiben. Auf der Flucht später im Osten wird meine Habe immer dürftiger,
aber die Garnitur ist noch dabei. Eines Tages, lange nach dem Krieg probiere ich sie endlichch mal an, da ist sie zu klein geworden. Irgendwann später verliere ich dann das Interesse, erschenke sie gar. Denn inzwischen ist das eingetroffen, wofür sie mir als Verheißung diente: In meinem Leben ist nun doch ein Hauch von Luxus eingezogen. Nicht für immer, aber doch sporadisch: eine exklusive Essenseinladung, Begegnungen mit interessanten Männern, ein exotisch duftendes Parfum, eine exqusites Schmuckstück, Reisen und zeitweise sogar ein Leben in fremden Ländern.
Nichts davon wird sich als dauerhaft erweisen, aber ich habe doch einen Zipfel von meinem Traum erhascht.
Und er, der Spender? Er hat uns noch einmal besucht im Heimaturlaub. Er betrachtete wohlgefällig meine blonden Zöpfe und hielt mir einen schimmernden Uniformknopf hin: „Nun beweise mal, daß du schon eine kleine deutsche Frau bist und nähe mir den wieder an. „Bestürzt schaue ich drein und meine Mutter rafft seine Offiziersjacke an sich und näht ihn mehr schlecht als recht wieder an. Auch sie ist verlegen, hat sie es doch versäumt, mich im rechten Sinne aufzuziehen. Es bleibt dem Hans-Wilhelm erspart, nach dem Kriege erfahren zu müssen, daß ganze Scharen junger Frauen eigene Wege gehen, ihr Lebensziel nicht mehr darin sehen, dem Manne zu dienen. Denn er kam nicht wieder, das Brechtsche Gedicht hatte ihn eingeholt, in – Rußland.

Nachkriegskarrieren

von Jutta Dogan (copyright)

Da nach dem regelrechten Zusammenbruch des deutschen Reiches beim Kriegsende 1945 die meisten Institutionen nicht mehr arbeiteten, zum Teil zerstört waren, die Wirtschaft nicht funktionierte, waren auch die Berufstätigen, die etwa für Post und Bahn oder Firmen gearbeitet hatten, stellungslos. Finanziell war das zunächst kein Verlust, weil die meisten bei Ende des Krieges allerlei Ersparnisse angesammelt hatten. Man hatte kaum noch etwas ausgeben können mangels Waren, und bis zur Währungsreform 1948 galt das alte Geld, die Mark, noch weiter. Das Leben war billig, wenn man von Schwarzmarktpreisen für Lebensmittel absah. Aber Mieten und Preise für die Waren auf Lebensmittelkarten – soweit es auf die überhaupt etwas gab – waren niedrig. Trotzdem kümmerten sich die meisten Menschen um eine Arbeit,weil man dann die bessere Lebensmittelkarte bekam und ja auch niemand wußte, wie lange dieser Zustand des Chaos, ohne staatliche Autorität, dauern würde. Die Alliierten bemühten sich zwar um Herstellung einer gewissen Ordnung, setzten auch bald provisorisch “unbelastete” Leiter in Ämter, aber ein geplanter Aufbau konnte im Westen vor der Währungsreform 1948 und in Berlin etwas später nach der Luftbrücke 1949 nicht beginnen. Auch um diese Zeit wurde in Bonn eine Regierung unter Bundeskanzler Adenauer genehmigt.
Unsere weit verzweigte Verwandtschaft stammte überwiegend aus Berlin und Umgebung, und so wurden bei gelegentlichen Treffen mit Galgenhumor die neuesten Nachrichten über die Tätigkeiten einzelner Mitglieder ausgetauscht.


1.Tante Else,
die ältere Schwester meiner Mutter, wurde als Postbeamtin noch nicht gebraucht, denn ein Postwesen mußte erst wieder aufgebaut werden. So folgte sie freiwillig einem Aufruf der Russen, sich zum Kohlenschippen zu melden, denn sie wohnte in Pankow. Für eine gepflegte Dame von über 40 war dieser Entschluß kühn, aber weise. Man bekam die Schwerarbeiterkarte für Lebensmittel, einen Eimer Kohle pro Woche als Deputat und durch Diebstahl noch weitere dazu. Nämlich schippte man auf dem Güterbahnhof, auf dem die Waggons in Lastwagen umgeladen wurden, ab und zu etwas über den Zaun und schlich sich nach der Arbeit dorthin, um ein paar Stückchen aufzulesen. In der Dunkelheit des Winters ging das, bis auf die Todesgefahr durch die russischen Bewacher des Geländes, die ohne Warnung schossen. Mit der Kohle konnte man alles Beliebige eintauschen und war gut gestellt. Am meisten störte Else nur, daß sie den feinen Kohlestaub aus den Hautritzen und unter den Nägeln Tag für Tag neu herausschrubben mußte, es gab ja kein warmes Wasser.
Sobald die Post wieder arbeitete und allmählich ihre Leute einstellte, konnte Else an ihren Schalter zurückkehren.

2. Auch Onkel Richard,
ein etwas entfernter Verwandter von Vaters Seite, war bei der Post beschäftigt gewesen, im gehobenen Dienst. Er war ein bereits älterer, würdiger Herr, und wir mußten lachen bei der Vorstellung, daß er jetzt als Roter Radler durch Berlin fuhr, um Waren und Nachrichten auszutragen. Denn einen Fuhrbetrieb gab es auf lange Zeit noch nicht. Später wurde er dann pensioniert, ging in ein Altersheim, weil seine Frau Justine gestorben war. Er sorgte für eine neue Überraschung, da uns eine Verlobungsanzeige erreichte. Er war schon über 80, als er eine zierliche alte Dame kennenlernte. Eine Heirat war nicht beabsichtigt, sie wollten nur aller Welt ihre Verbindung kund tun: immer mit Stil.

3. Achim,
ein ehemaliger Schüler meines Vaters und nun ein Freund geworden, eigentlich Rechtsanwalt, hatte sich als Wachmann bei den Amerikanern verdingt; das war ein begehrter Posten. Man wurde auf Dollarbasis bezahlt, wobei die noch immer sparten, erhielt Essen dort und gelegentlich Zigaretten. Die rauchte man nicht etwa, sie waren ein willkommener Tauschartikel.
Als die Wirtschaft wieder aufblühte, brauchte man Anwälte, aber nicht jedem gelang es, wieder Fuß zu fassen. Seine Frau, eine verwöhnte Dame,war enttäuscht und verließ ihn.

4. Georg
Elegant löste der jüngere Bruder meines Vaters, Georg, ein promovierter Wirtschaftswissenschaftler, das Problem der Arbeitslosigkeit. Denn in seinem Beruf bestanden erst später wieder Aussichten. Er, ohne Familie und mit kulturellen Interessen, schrieb Drehbücher für Herrn Zengerling, einen kleinen Filmproduzenten. Dessen Firma befand sich in Kleinmachnow, einem Vorort von Berlin und schon in der Ostzone, aber vor dem Mauerbau waren die Grenzen durchlässig. Er hatte von den Russen eine Lizenz und etwas Material für Märchenfilme erhalten, anderes war zunächst nicht erlaubt. Als Schneewittchen konnte er gleich seine schöne junge Frau verwenden, ich habe sie noch kennengelernt. Neben dem ältlichen Ehemann machte sie einen resignierten Eindruck. Eines Tages kam Georg feixend zu uns: Schneewittchen war weg! Und zwar gleich, bis nach Rußland hin, mit einem Offizier. Ob sie ihre Flucht im schäbigen Nachkriegsrußland wohl später bedauert hat? Zengerling verlegte sich nun auf Kulturfilme, inzwischen waren die erlaubt. Der über das Kloster Maulbronn, wieder auf Grundlage von Georgs Vorarbeiten, wurde preisgekrönt und lief jahrelang als Vorfilm vor der “Trappfamilie” in den Kinos.
Berlins Oberbürgermeister Reuter wurde aufmerksam gemacht auf den gewandten Georg. Er erteilte ihm den Auftrag, für die Stadt Berlin zu werben auf Reisen durch Westdeutschland. Denn die politische Situation blieb jahrelang im Ungewissen. Fotomaterial wurde ihm gestellt,aber es ergab sich das Problem der Übernachtungen. Hotels gab es kaum zunächst, denn die Alliierten hatten die wenigen intakten Quartiere für sich beschlagnahmt. Erst später bauten sie sich genügend eigene. Aber Georg fand immer einen Ausweg. “Er übernachtet bei den ATVern”, verkündete Frieda, die ältere Schwester, stolz. Er war nämlich als Student im Akademischen Turnverein gewesen, hatte Listen von denen in ganz Deutschland, und sie waren verpflichtet, einander zu helfen, auch wenn sich nicht alle kannten. In mancher Stadt, die auf Georgs Reiseroute lag, waren seine Vereinsbrüder wohl noch nicht mal unglücklich über die Einquartierung, die ja nur kurz dauerte und Unterhaltung bot: Georg war ein glänzender Plauderer. In Westdeutschland war auch mancher – es waren ja Akademiker – nicht so knapp dran wie die Westberliner noch an der Zeit, und konnten ihn bewirten.
Ich habe noch einen Nachruf aus der Zeitung, in der Georg als „Berliner Bär“ gepriesen wird.
Er starb ganz plötzlich an einer harmlosen Operation und konnte seinen Posten in einem der neugegründeten Bonner Ministerien nur kurz wahrnehmen.

5.Ein Schulfreund von mir, Fritz,
bekam in der Ostzone eine Stelle als Kartoffelschäler bei den Russen, womit für den l4jährigen natürlich die Verpflegung gesichert war. Das Dorf, in dem er zum Kriegsende bei Verwandten untergekommen war, hatte kein Gymnasium, geschweige denn ein humanistisches, auf dem er in Berlin gewesen war. Eines Tages merkte er, daß er den schulischen Anschluß verloren hatte, machte Nägel mit Köpfen und ließ sich zum Koch ausbilden. Später gelang es ihm, zu seinem Vater in den Westen zu fliehen,er übernahm ein Restaurant, schließlich ein Hotel. Als wir schon alle älter waren, kam es zu einigen Klassentreffen, wir waren inzwischen über ganz Deutschland verteilt. Eines fand auch bei ihm im Schwarzwald statt, und ich hatte den Eindruck, daß sein Los schwerer war als das der anderen, die nach Studium einen “white collar job” ausübten, und reich ist er offensichtlich dabei auch nicht geworden.

6. Mein Vater
In dem allgemeinen Aufbruch erhob sich sogar mein zunächst deprimierter Vater im Frühjahr 1946 von seiner Lagerstatt, auf der er den kalten Winter verbracht hatte. Er nahm das Angebot unseres Pfarrers an, als Bote für die Gemeinde tätig zu sein, denn er wollte ihm helfen. Andere Arbeit durften ehemalige PGs (Parteigenossen) nicht annehmen. Da auch der inzwischen von den Amerikanern eingesetzte Bürgermeister unseres Bezirks, meinen Vater als früheren Lehrer seines Sohnes kannte und schätzte, ließ er ihn als Boten ins Rathaus überwechseln. Das war eine sichere Stelle, denn man wußte nicht, wie lange dieser Zustand der Unterbeschäftigung andauern würde. Sämtlicher Schriftverkehr zwischen den Ämtern in Berlin wurde per Boten abgewickelt, so lange es noch keinen Wagenpark für sie gab. Die Boten konnten sich dabei, der U-Bahn bedienen, als diese wieder streckenweise in Betrieb genommen wurde, aber es blieben noch weite Laufstrecken übrig. Da mein Vater immer gern gelaufen war, lag ihm diese Tätigkeit, abgesehen von der noch immer knappen Verpflegung und mangelndem Schuhwerk.
Ab Herbst 1946 jedoch wendete sich das Blatt eher, als gedacht. Da allmählich auf Betreiben der Alliierten eine Verwaltung in jeder Hinsicht wieder aufgebaut werden sollte, bis hin zum Schulwesen (es gab nur provisorischen Unterricht) wurden überall die Experten gebraucht, nämlich weitgehend die ehemaligen Parteigenossen. In sogenannten Spruchkammerverfahren wurden diese “entnazifiziert”, nachdem sie ihre Papiere eingereicht und Zeugen benannt hatten, die ihre Harmlosigkeit bestätigen würden. Es erwies sich dabei als lebenswichtig, daß man trotz Ausbombung, Flucht oder Vertreibung niemals seine Papiere verlor!
Mein Vater wurde samt vielen anderen in diesen Monaten als Mitläufer eingestuft und Anfang 1947 wieder in den Schuldienst übernommen.
Nachdem wir 1950 nach Jahren im Notquartier nun eine Wohnung bekamen, ging es mit unserer kleinen Familie wieder bergauf. Meine Eltern waren beide als Lehrer tätig, wir galten als “westliche Doppelverdiener”: der Aufschwung der 50er Jahre hatte auch uns erfaßt!

Die rosa Tasche

von Jutta Dogan (copyright)

Eigentlich war sie ein kleines Scheusal, aber darauf kam es gar nicht an. Bonbonrosa Lack war einfach auf Pappe aufgetragen, was sich dann herausstellte, als sie allmählich zerfiel, viel später. Von Leder keine Spur. Sie war ja auch nur für ein Kind gedacht, ein Ausgehtäschchen. Viel hatte dafür auch kaum einer ausgeben können, damals, in den dreißiger Jahren, und dazu noch in jener Provinzstadt im Nordosten von Deutschland,umgeben von ländlichem Gebiet.
Da lag die Tasche verlockend im Schaufenster von Kaufhaus Radefeldt, dem einzigen im Städtchen, und außerdem gab es noch Läden allerlei Art. Vornan lag sie, zu mir hin, und ich stand da und bewunderte sie. Daß so etwas für mich sein könnte, kam mir kaum in den Sinn. Dies hier wäre Luxus gewesen, und den gab es zuhause nicht. Ja, zu essen und Kleidung war da, in Maßen, und für den Vater ab und zu ein Buch; und das war schon mehr, als andere hatten. “Mutti, sind wir arm oder reich?” hatte ich meine Mutter gefragt, denn beides kannte ich nicht, diese Ausdrücke kamen nur in den Märchen vor, die sie mir vorlas. “Wir sind so in der Mitte”, beruhigte mich meine Mutter, und es stimmte sogar. Ein Studienrat, der lag so in der Mitte, und das war mein Vater.


Im Moment war sein jüngerer Bruder aus Berlin zu Besuch, Onkel Georg. Und mit dem samt meinem viel älteren Bruder Horst war ich unterwegs, von draußen, dem Joachimsthalschen Gymnasium und Internat her, durch den Wald und am See ins Städtchen Templin hinein, unter dem Tor der Stadtmauer und eine der wenigen Einkaufsstraßen entlang. Georg muß sich ja gelangweilt haben, aus Berlin war der anderes gewöhnt, zumal mit der Freiheit eines Junggesellen. Aber er schien den Bummel zu genießen. Er. liebte seinen Neffen Horst, der schon achtzehn war und mit dem man sich gut unterhalten konnte, wie zwei Kumpel.
Ich war erst fünf, und den beiden fiel es auf, daß ich vor dem Schaufenster stehen geblieben war und träumerisch auf die Tasche sah, man konnte noch nicht mal sagen, begehrlich. Es stand auch kein Festtag an, daß man sie hätte als Geschenk bekommen können. Sie neckten mich. Wir trotteten weiter, und einer der beiden hatte wohl an der vorigen Ecke etwas verloren und blieb für kurze Zeit zurück.
Mit genügend Hunger trafen wir später zuhause zum Abendessen wieder ein. Die Dienstvilla meines Vaters war geräumig, und so war am langen Tisch des Eßzimmers für alle gedeckt, wegen des Besuchs mit besserem Geschirr als sonst.
Aber was war das? Mein Teller wackelte, als ich ihn berührte, etwas Sperriges hob ihn an. Ich blickte darunter, die Tischdecke wölbte sich an der Stelle. Meine Großmutter hatte sie bestickt, aber daran lag es nicht. Es war still geworden um den Tisch, und ich lüftete die Decke vorsichtig. Da lag etwas, ich zog an einem Griff, rosa Lack kam hervor – die Tasche vom Schaufefenster! Ich betrachtete sie ungläubig. Wie war sie hierher gekommen? Alle schienen gänzlich ahnungslos. Onkel Georg und mein Bruder Horst saßen mir gegenüber, sahen sich an und waren unbändig froh – soweit man das von Brandenburgern sagen kann. Allmählich begriff ich, daß dies Täschchen nun mir gehörte, auch ohne Geburtstag als Anlaß. Ich hielt es in Ehren und benutzte es nur zu besonderen Anlässen, bei Kinderfesten oder als ich von Tante Frieda, der älteren Schwester meines Vaters, in Potsdam durch die Schlösser mit ihren Parks geführt wurde.
Von der so harmlos-fröhlichen, Tischrunde lebt kaum noch einer. Als erster blieb der Platz meines Bruders leer, der in Frankreich fiel, denn bald darauf war der Krieg ausgebrochen. Ihm folgte Onkel Georg, der unerwartet nach einer leichten Operation verstarb, lange vor seinen älteren Geschwistern. Von meinen Eltern erreichte jeder ein gutes Alter, aber da lebten wir schon nicht mehr in Templin.
Mein Vater war so angetan von diesem historischen Städtchen, daß er ein Buch über dessen Geschichte verfaßte, das großen Anklang fand und für das er nach seinem Tode mit einer Straße geehrt wurde.
Bei der Einweihung traf ich Elfriede wieder, unser ehemaliges Pflichtjahrmädchen, das bei unserer Tafelrunde damals das Essen auftrug. Sie lud mich ein zu sich und erzählte mir ihr Leben.
Und die Tasche? eines Tages fing sie an zu zerfallen, die Pappe sah zu meinem Erstaunen unter dem abbröckelnden Lack hervor. Aber untröstlich war ich wohl nicht, sie hatte ihre Dienste getan. Ich wurde nun älter, wir lebten dann in Berlin, und ich werde trotz Kriegszeiten eine andere bekommen haben, vermutlich aus Plastik. Jetzt, Jahrzehnte später, besitze ich unzählige, aus Leder mit Applikationen, in mehreren Farbgebungen und für allerlei Zwecke. Aber solch freudige Überraschung wie beim Empfang meiner ersten, der mit rosa Lack, habe ich bei keiner mehr empfunden.

Mein erstes selbst verdientes Geld

von Jutta Dogan (copyright)

Ich ging den spärlich beleuchteten Gang zwischen den beiden Internatshäusern 111 und IV entlang, ein Tunnel mit Heizkeller. Am einen Ende lag die Wohnung von Nachtwächter Günther, am andern
die von Hausmeister Laak.
Und da wollte ich jetzt hin. Denn es sollte heute Hochzeit gefeiert werden, der älteste Sohn von seinen sieben Kindern. Rosi, die Jüngste, war mit ihren fünf Jahren meine gleichaltrige Spielgefährtin. Ja, eine Braut zu sehen, lieblich mit Schleier und Myrtenkranz, das war etwas Traumhaftes. Vielleicht würde ich eines Tages, später mal, auch eine sein. Im Moment aber war ich blaß und spillerig, reichlich davon entfernt, und in meinem einfachen Spielkleid auch nicht würdig
angezogen.
Ich klingelte und verlangte schüchtern, die Braut zu sehen. Die wurde gerufen, denn die Laaks kannten mich, nur sie kam von woanders. Ich staunte die junge Frau an, und sie lächelte mir huldvoll zu. Dann fiel ihr etwas ein, sie ging ein paar Schritte zurück und griff in ein Schälchen. Darin befanden sich einige kleine Münzen. Sie drückte mir etwa drei Groschen in die Hand. lch dankte beglückt und ging. Es war nicht wegen des Geldes, dafür hatte ich noch wenig Sinn,aber die mildtätige Zuwendung meiner Fee hatte mich beeindruckt.
Mit Geld konnten wir Kinder noch nicht viel anfangen. Denn, kurz mal über die Straße laufen und vielleicht beim Bäcker ein paar Süßigkeiten erstehen, das ging hier nicht. Das Städtchen Templin lag etwas entfernt, und wenn mich meine Mutter mal mit dahin nahm, kaufte sie mir womöglich eine Zuckerschnecke, ich selber zahlte noch nicht.
Den ganzen Vormittag hielt ich meinen kleinen Geldschatz mit der linken Hand umklammert, während ich noch hierhin und dorthin ging. Allmählich hatte sich aus dem Gemisch vom schmuddelig benutzten Geld und dem Schweiß meiner Handinnenfläche ein bräunlicher Brei gebildet.
Strahlend hielt ich meiner Mutter dieses Gemisch entgegen, als ich gegen Mittag nach Hause kam. Zuhause, das war oben in der Dienstvilla meines Vaters, dem Studienrat und Leiter von Alumnat IV. Ich begriff gar nicht, warum meine Mutter, die sonst so Gütige, über meine Erzählung “not amused” war.
Ihr Kind mit Arme-Leute-Groschen bedacht, wie peinlich. Was sollten die Leute denken?

Janz Berlin is eene Wolke

von Jutta Dogan (copyright)

(Für Unkundige: will sagen, Wohlgefühl,” Heut machen wa ne Sause”, ” Wat kost die Welt?”)

„Wo gehen wa heute ahmt hin?“ „Wie wärsn mit Walterchen, dem Seelentröster?“ „Au ja, da warn wa noch nie.“
50er Jahre, Studentin. Aufm Fasching ‘nen älteren Herrn kennengelernt, der Alfredo genannt werden möchte. Heißt natürlich nur Alfred, Berliner Geschäftsmann. Ob ich nicht noch ‘ne Freundin hätte? Tja, mit zwei hübschen jungen Mädchen am Arm, das schwebt ihm so vor. Warum nicht, er ist bieder und spendabel. Da kommt Marianne gern mit. Mal ausgehn, Wein trinken, süße Lokälchen kennenlernen, so nennt sie das immer. Unsere jungen Freunde können uns solche Abwechslungen der aufblühenden Nachkriegszeit noch nicht bieten.
Wir fragen uns durch, Alfredo hat natürlich schon ein Auto, irgendwo abgelegen soll das Lokal liegen, in der Hasenheide, einem ärmeren Vorstadtviertei. Da, eine rosa Leuchtreklame: „Ball der einsamen Herzen.“ Drin ist schon Betrieb. Solide, gehobener Stil. Empfangsdame weist an, Tische in offenen Nischen. Kellner erscheint, geordert. Die Attraktion des Hauses ist „die Post“. An jedem groß numerierten Tisch befindet sich ein Schreibblock, Stift und eine offene Röhre mit Kapsel daneben. Man erspäht irgendwen an einem anderen Tisch und schreibt dem ein mehr oder weniger geistreiches Briefchen etwa: „Wie wärs mit einem Tänzchen, schöne Frau?“ oder: „Noch so allein heut abend, der Herr?“
“Darf ich …” Die Episteln erreichen den Adressaten nicht etwa gleich, nein, bei Walterchen geht es gesittet zu, das Lokal gibt’s schließlich schon seit Jahrzehnten. Alle Briefchen passieren erst mal eine Kontrollstelle, Schmuddelbriefe werden gleich dort vernichtet. Die anderen werden weiter geleitet zum Empfänger, Absenderdertisch steht drauf.
Wir bringen Alfredo bei, daß diese Kontakte dazu führen könnten, auch mal mit anderen zu tanzen. Bald steht ein junger Schwede vor mir, mich auf die Tanzfläche zu führen. Denn das Lokal ist geräumig, eine Halle mit bekannt guter Kapelle lädt ein zu abendlicher Beschwingtheit. Die Bewegung macht Appetit, Alfredo wird genötigt, ein kleines Essen zu spendieren; ist alles gar nicht so billig hier. Sein Gesicht verzieht sich schmerzlich, als ein Briefchen aus der Röhre auf unseren Tisch katapultiert wird mit dem scherzhaften Inhalt: „Ist der Herr der Vati?“ Marianne und ich glucksen, aber Alfredo findet das gar nicht so komisch und befindet, nun könne man eigentlich gehen. Er kenne da noch ein feines anderes Lokal, in Ku-Damm-Nähe, gehört einem seiner Freunde.
Ein Zug durch die Lokale – auch nicht schlecht.
Eines Tages, Jahre später, ich habe Berlin längst verlassen, lese ich in einer überregionalen Zeitung, dass Walterchens Lokal geschlossen werden mußte. Er selbst ist sowieso schon lange tot. Der Zuspruch hatte in den letzten Jahren nachgelassen. Das gutbürgerliche Publikum, auf diese harmlose Art Bekanntschaft suchend, war mehr und mehr ausgeblieben.
Die Zeiten hatten sich eben geändert.
(Und meine beiden Begleiter von damals? Den Alfredo haben wir noch eine Weile gekannt und manch netten Abend mit ihm verbracht. Auf die Weise lernten wir etliche „süße Lokälchen“ kennen. Aber eben diese wurden meiner Freundin Marianne später zum Verhängnis. Sie ließ sich von wechselnden Kavalieren immer öfter einladen; hat sich später allmählich zu Tode getrunken, mit 50 gestorben.)

Granatsplitter

von Jutta Dogan (copyright)

“Zwei Leichtmetallsplitter gegen einen aus Schwermetall”, schlage ich vor. “Na ja”, sagt Wolfgang, “aber bald werden die nicht mehr so selten sein, die sind billiger: Willst du mal meinen besten Splitter sehen? Neulich, bei dem Alarm bis 4 Uhr früh, so daß am nächsten Tag die Schule ganz ausfiel, da ging er dicht neben mir nieder, als wir über den Hof zum Keller rannten. “Ja, ich weiß, wir rechnen immer, je nach Länge des Alarms fängt die Schule am nächsten Tag früher an. Wolfgang freut sich dann, denn in der Oberschule kommt er nicht so gut mit. Ich bin zwei Jahre jünger und komme jetzt erst hin, aber auf die Rückertschule, für Mädchen. Wir sitzen in seinem Zimmer, das genau unter meinem liegt, sie haben die gleiche Sechszimmerwohnung wie wir. Bis vor kurzem wohnten noch etliche jüdische Familien da, und nur durch die Auswanderung von Dr. Zuckermann in die USA haben wir unsere Wohnung erhalten.
Wolfgang holt eine pappene kleine Schmuckschachtel von seiner Mutter aus der Schublade und öffnet sie. Auf rosa Watte prangt ein zackeriger, grauschwarzer Granatsplitter von der FLAK, den Fliegerabwehrkanonen. “Es ist Phosphor”, sagt er andächtig und streicht mit dem Finger über das herrlich leuchtende Gelb an den Rändern. Erst später werden wir gewarnt, daß es die Haut zerfrißt. “Wieviel willst du für den haben?” frage ich vorsichtig. “Den gebe ich nicht her”, erwidert er bestimmt und packt ihn wieder ein. Währenddessen betrachte ich meinen gelegentlichen Spielgefährten. Eigentlich sieht er nicht ganz so aus wie die Abbildungen auf den Schautafeln im Biologieunterricht in Rassenkunde: Ohren, Nase und Lippen sind nicht so groß, aber er ist ja auch erst 13.
“Seine Mutter war eine Rose Wolf”, hat Tante Frieda zu meiner erschrockenen Mutter gesagt, “wir waren zusammen in der Banklehre. “Und der Blockwart, dessen Praxis seit seiner Entscheidung, der Partei beizutreten, jetzt wieder besser läuft, berichtete meinem Vater bei einem seiner vorgeschriebenen Hausbesuche bei uns: “Sie haben Glück”, hat sein Vorgesetzter zu Herrn Regierungsrat Hardtrodt gesagt, “daß Sie im ersten Weltkrieg einen Arm verloren haben. Als Schwerkriegsbeschädigter werden Sie wegen Ihrer Weigerung, sich von der Frau scheiden zu lassen, nicht entlassen, nur nicht mehr befördert. Er soll noch betont haben, daß seine Frau doch Christin sei, aber das zählt nicht.” Da Frau und Sohn durch ihn in einer sogenannten ‘geschützten’ Ehe leben, dürfen sie auch in den Luftschutzkeller und müssen nicht im Vorflur bleiben, wie es die Vorschrift für Juden bestimmt. Neulich, denke ich, war ich bei seinem Geburtstag eingeladen, mit allerlei Jungen aus seiner Klasse, dabei auch der Sohn vom General Kluge. Dann wird der wohl nächstes Jahr absagen müssen? Aber das Problem erledigt sich von selbst. Da ist Wolfgang schon nicht mehr auf der Oberschule. Meine Mutter sagt verlegen zu mir: “Du, Wolfgang hat die Schule verlassen müssen, weil es doch jetzt neue Regelungen gibt. Er hat eine Lehre bei einer Knopf- und Posamentenfirma begonnen, weil seine Eltern meinen, dann kann er später immer noch Kaufmann werden.” Natürlich habe ich nichts Eiligeres zu tun, als ihn beim nächsten Treffen lauernd zu fragen, warum er denn nicht mehr zur Schule geht. “Och”, sagt er, “ich lerne jetzt etwas, das ist doch viel schöner.” Eifrig zeigt er mir seine Ordner, die im Theorieunterricht der Berufsshule geführt werden. Mir tut es leid, daß ich gefragt habe, gar zu emsig sind meine Bemühungen, Normalität vorzutäuschen.
Neulich, beim Tauschen, das waren übrigens die letzten Granatsplitter, die ich zu sehen bekam. Zu viel Unterricht fiel aus, zu gefährlich wurden die Luftangriffe in Berlin, so daß ich im Frühjahr 1943 in die Kinderlandverschickung (KLV), wie es beschönigend hieß, nach Österreich gelangte. Wolfgang sah ich nie wieder, aber trotzdem ist die Geschichte noch nicht ganz zu Ende. Während unserer Abwesenheit wurde bei einem Luftangriff im Sommer 1943 das ganze Haus zerstört von mehreren Spreng- und Brandbomben, und im Keller wurden dabei einige Bewohner verschüttet und erstickten. Nach dem Kriege wurde dann ein anderes Haus neu erbaut, statt des einst prächtigen Eckhauses am Bayerischen Platz nun ein billigeres der 50er Jahre. Meine Eltern suchten kurz nach dem Kriege im Keller der Ruine nach unserer Kiste, denn jeder hatte eine mit Wertsachen unterstellen können, und wir hatten unseren größten Schatz hinein getan, die Porzellansammlung. Ein Vorfahr meines Vaters nämlich war als taubstummer Maler in der Königlich Preußischen Porzellanmanufaktur tätig gewesen, und so besaßen wir einige wertvolle Stücke. Am meisten bewundert wurde stets die Ahnfrau, die schöne Gemahlin des Künstlerp, die er auf einer riesigen Tasse portraitiert hatte, mit Madonnenscheitel im dunklen Haar und vor einem roten Vorhang prangend. Die Apothekerin unten im Haus hatte ihren Laden notdürftig wieder hergerichtet, und bei ihr fragten meine Eltern an, als sie nichts fanden. Sie hatte ein Gerücht gehört, daß Herr Regierungsrat Hartrodt getönt hätte: “Dies hier hat einem Nazi gehört”, und sich folglich diese Kiste als eine Art privater Wiedergutmachung mitgenommen. Jetzt hatte sich das Blatt gewendet.

Mein Vater, als Studienrat und Erzieher der deutschen Jugend genötigt, in die Partei einzutreten, war nach dem Krieg vorübergehend außer Dienst, zudem hausten wir lange in einem Notquartier. Die Hartrodts dagegen wurden als ODF, Opfer des Faschismus bevorzugt, so mit der begehrten besseren Lebensmittelkarte und einer frei gewordenen ordentlichen Wohnung, sogar in der Nähe. Dort wurden meine Eltern nun vorstellig und wollten sich bedanken, daß sie unsere Kiste ‘in Verwahrung genommen’ hätten. Aber bereits an der Tür wurden sie kühl abgewiesen. Wird sich nun Wolfgang am Bildnis meiner Ahnfrau auf der Prunktasse ergötzen?

Das große Ereignis

von Jutta Dogan (copyright)

Man sollte, liest man jetzt öfter, den großen Tag einer Frau mehr ins Licht rücken, ihn feiern: „Nun bist du in die Gemeinschaft der Frauen aufgenommen.“ Nein, nicht die Hochzeit ist da gemeint und auch nicht Geburt des ersten Kindes. Es geht vielmehr um Initiationsriten anläßlich der ersten Menstruation eines jungen Mäddchens. Allerlei Vorschläge werden da zur Gestaltung eines kleinen Festes gemacht, Blumenkranz im Haar und dergleichen. Jedesmal, wenn ich so etwas lese, unter der Haube beim Frisör oder im Wartezimmer des Zahnarztes, in den Zeitschriften, die da so ausliegen, dann muss ich höhnisch lachen. Wie war denn das bei mir?
Jedenfalls ferne jeder Bekränzung mit Blumen.
Berlin, Winter 1945: irgendwann. Soeben war ich 14 geworden und hauste mit meinen Eltern in einem Notquartier mit selbst gebautem Öfchen und Pappe vor den Fenstern bis auf eine kleine genehmigte Glasscheibe drin. Der Direktor meines Vaters hatte in seine ausgebombte Dienstvilla sowieso Leute mit Berechtigungsschein aufnehmen müssen, und so gab er uns und seiner Sekretärin mit Schwester jeweils zwei Zimmer im Oberstock. Die Küche unten war zu teilen, was bei nur einem Elektro- und Gaszähler für drei Parteien und dabei ganz knapper Rationierung von Strom und Gas fast nicht zu schaffen war und in anderen Haushalten auch zu quälendem Dauerstreit führte. Aber wir, die wir allesamt etwas weltfremd waren und außer unseren knappen Lebensmittelrationen sowieso nichts extra zu kochen hatten, kamen irgendwie damit zurecht und so miteinander aus. Am Ende des Krieges hatte meine Mutter auf unseren Berechtigungsschein als Ausgebombte noch durch Vermittlung meiner Großmutter Möbel für zwei Zimmer erhalten, bei einem kleinen Fabrikanten im Vorort.
Er wies sie noch darauf hin, daß es seine letzten seien, aber das Holz sei nicht ausgetrocknet. Nach dem Krieg wurde der Vorort zur Ostzone geschlagen, während wir uns in Westberlin bei den nachrückenden Amis befanden. Nur mit Mühe wurde ein Spediteur gefunden, kein Benzin, und schwierig war es, die Erlaubnis zur Überführung der Möbel von einem zum andern Besatzungsgebiet zu bekommen. Noch ehe ich auf Umwegen aus der Evakuierung zurück nach Berlin gelangte, waren die Möbel zwar da, aber das feuchte Holz machte sich bemerkbar. Eines Nachts krachten die Betten mit großem Getöse zusammen, und meine Eltern fanden sich inmitten der Bretter leicht lädiert wieder. Die schwachen Füße der Betten waren weggebrochen. Die Lagerstätten wurden nun auf irgendwelche Ziegelsteine gestützt, die man erst hatte organisieren müssen, wie alles damals. Zeit hatten meine Eltern dazu; denn die Schulen an denen beide beschäftigt waren, hatten ihre Tore, sofern man von solchen bei den angeschlagenen Gebäuden noch sprechen konnte, noch nicht wieder geöffnet . Seit ich wieder aufgetaucht war, im Herbst 45, und da wir im Winter nur ein Zimmerchen notdürftig anheizen konnten, verbrachten wir die Nächte zu drei Personen in den zwei Betten. Das war keine Ausnahme, und der am meisten Herumgeschubste in jeder Familie mußte auf der Ritze schlafen. Dies Los nahm geduldig meine Mutter auf sich, und die Ritze war noch nicht einmal gepolstert, kein Material für sowas mehr übrig. Unsere Kleidung fiel uns sowieso bald vom Leibe, kein Ersatz mehr da.
Vor diesem Hintergrund also fand nun das große Ereignis statt. Es war ein Sonntag Morgen, was noch ein Glück war. So hatte man mehr Zeit, sich des großen Ereignisses anzunehmen, wenn auch ohne Feier und Blumenkranz. Inzwischen hatten die Schulen nämlich ihren Unterricht, wegen der Kälte stundenweise, wieder aufgenommen, und meine Mutter hätte schlecht zu spät kommen und auch noch den Grund dafür als Rechtfertigung nennen können. Mein Vater hatte es da in der Hinsicht bequemer, der war bis 1947 zur Entnazifizierung als Parteigenosse vorn Unterrichten ausgeschlossen, wie fast alle seiner verbliebenen, männlichen Kollegen. Die meisten waren ja aus dem Kriege nicht wieder gekommen. Entsprechend provisorisch fiel unser Unterricht aus in den sonst von Herren erteilten Unterweisungen in Mathe, Physik und Latein.
Meine Mutter erhob sich also als erste, krabbelte von der Bettritze her über mich aus dem Bett, um ins Badezimmer zu gehen, was eine beschönigende Umschreibung ist für ein feuchtes, ungeheiztes Gelaß mit eiskaltem Wasser, das alle drei Familien benutzten. Als sie in dem Gewand wieder eintrat, das einmal ein Nachthemd gewesen war, streckte ich die Beine in die Luft, um mit Schwung ebenfalls das Bett in Richtung des besagten Badezimmers zu verlassen. Aber so weit karn es gar nicht mehr. Das Lumpengewirr, das mir als Nachthemd diente, gab den Blick auf die Beine bis zum Oberschenkel frei. Ich stiess einen gellenden Schrei aus; denn auf der Innenseite eines Schenkels zog sich eine breite, breiige Blutbahn hinunter. Auch meine Mutter, die versucht hatte, den Notofen mit dem wenigen Heizmaterial anzuheizen, hatte sich umgedreht und betrachtete sich das Schauspiel erschrocken. Das beste Bild aber bot mein schon ziemlich angejahrter Vater. Durch meinen Schrei aufgeweckt, war er hochgeschreckt, sah in meine Richtung und hatte in fassungslosem Erstaunen den Mund stumm geöffnet. Er stierte auf das rinnende Blut. (Ganz nebenbei, und von heute her bedacht, muß so etwas für einen Mann, egal wie alt, ein einmaliges Schauspiel gewesen sein. So etwas bekam man ja normalerweise und dazu noch damals, nie zu sehen.) Natürlich wußten wir alle blitzschnell, worum es sich da handelte. Sogar ich; denn meine Mutter hatte mich vor dem Eintritt in das Internat in Sachsen 1944 „aufgeklärt“, was in einiger Verlegenheit und nur die Blutung erwähnend, geschehen war; sonstige Zusammenhänge überließen Eltern damals dem Zufall, Schulfreundinnen oder dem späteren Leben selbst. Da meine Mutter nicht gewußt hatte, wann im Leben ihrer damals 12- jährigen Tochter dieses Ereignis eintreten würde, hatte sie mich auf alle Fälle schon mal darauf vorbereitet, auch, daß diese umständliche Situation von da an alle 4 Wochen zu erwarten sei.
Und das war es auch, was uns alle drei, zumindest meine Mutter und mich, so in Bestürzung versetzte: Woher nur sollten wir denn in dieser Nottlage, speziell im Nachkriegsberlin, wenige Monate nach dem Krieg und ohne eigentlichen Haushalt, das mötige Material zur Bewältigung dieser lästigen Angelegenueit bekommen? Die Mittel, die es heute dafür gibt und bis kurz vor Kriegsende wohl auch gegeben hatte, waren nicht mehr zu erhalten. Auch wenn man irgendwelche Stoff-Fetzen auftrieb oder irgendwo bei nicht ausgebombten zusammenbettelte, so gab es ohne Waschmittel und heißes Wasser nur schwer Möglichkeiten, diese wieder aufzubereiten.
Daher bedeutete es etwa zwei Jahre lang jeden Monat neue Bedrückung mit der ungewünschten Lage fertig zu werden, von den Schmerzen an zwei Tagen mal ganz abgesehen. Ich mußte neulich lächeln, beim Lesen des bekannt gewordenen und auch verfilmten Buches „Der Engel an meiner Seite“ einer jungen Frau aus Neuseeland. Die beschrieb ähnliche Qualen, aber dort aus Armut, die es zu verbergen galt. Bei viel zu engen Kleidern musste sie stets zu verhindern suchen, daß man etwas von dem dickeren „Darunter” sah oder gar roch.
Auch hier die Erkenntnis, daß es nicht das große Weltgeschehen ist, das unse Bef’inden bestimmt, sondern vielmehr die kleinen Kümmernisse, wenn sie auch allerdings in diesem Falle von einem Weltgeschehen ausgelöst worden waren, nämlich dem total verlorenen Krieg. Man sprach vom Zusammenbruch, und der trat besonders in den Großstädten, kraß zutage: Die Bahn fuhr nicht mehr, Gleise zerstört, die Post arbeitete nicht. Nahrung konnte nicht hergestellt und befördert werden, die Geschäfte waren leer, Ämter hatten geschlossen, und dies alles für Monate und teilweise noch länger.
Selbst eine Regierung war nicht mehr vorhanden, das erledigten die Besatzungsmächte. Erst nach einigen Jahren hatte sich die lage wieder normalisiert.

Der Volksfeind

von Jutta Dogan (copyright)

“Vati ist ein Volksfeind”, teilte ich meiner überraschten Mutter am Frühstückstisch mit. Er selbst war schon gegangen, zu seinem Unterricht als Studienrat am Arndtgymnasium in Berlin-Dahlem.
“Wie kommst du denn darauf,” erwiderte sie alarmiert, denn Volksfeinde wurden “abgeholt” und kamen ins KZ. So wie meine Klavierlehrerin,weil sie ihren Schülern Hitlerwitze erzählt hatte.
Meine Mutter wandte ein: “Aber Vati ist doch neulich erst in die Partei eingetreten. “Ja, ich erinnerte mich, als Erzieher der Jugend war er dazu aufgefordert worden, schließlich hatten wir bereits den Winter 1942/43, da mußte man Farbe bekennen. Außerdem konnte er dadurch den Verdacht entkräften, er sei noch immer ein Liberaler wie bis 1933, als alle diese Parteien verboten wurden.
“Nun,”berichtete ich, “heute nacht hörte ich ein Geräusch aus Vatis Arbeitszimmer und stand auf. Ich lugte durch die Schiebetür. Er hatte das Ohr dicht am Radio, aus dem ankündigend eine Trommel schlug und dann unter vielen Nebengeräuschen eine Stimme. Hier sei BBC, und sie brächten jetzt Nachrichten von der Lage an den Fronten. Der Sprecher sagte es auf deutsch. Ich ging dann zurück ins Bett. Es ist doch aber verboten,Feindsender zu hören.”
Meine Mutter antwortete ausweichend.
Als ich mittags aus der Schule kam und nach meinem Vater das Essen bekam, nahm meine Mutter den Faden vom Morgen wieder auf. Ich selbst hatte gar nicht mehr daran gedacht … Also Vati, weißt du, mit dem englischen Sender, der BBC, äh, das war nämlich so: Hm, als Lehrer für Geschichte muß er sich das mal anhören, was die so lügen.Dann kann er es mit der Wahrheit aus unserem Heeresbericht vergleichen: Tja,so ist das.”
Ich hatte gelegentlich flüstern hören, daß sie dort andere Fakten angaben als unsere, ungünstigere. Denn um die Zeit waren unsere Truppen bereits überall im Rückzug begriffen. Der wurde in unserem Deutschlandfunk beschönigend als Frontbegradigung dargestellt und die Verlustzahlen vermindert angegeben, oft erst nach Tagen korrigiert. Die Bevölkerung sollte durch die deprimierende Wahrheit nicht beunruhigt werden, denn in der Heimat stiegen die Belastungen durch heftiger werdende Bombenangriffe ebenfalls. Daher war es bei hohen Strafen verboten, “Feindsender” zu hören.
Ich war erst 11 Jahre alt, bemerkte aber die Verlegenheit meiner Mutter , und sie tat mir fast leid. Mein Vater selbst, der sonst so redegewandte, sprach mit mir nicht über seinen “Verrat am deutschen Volk”, aber ich hörte auch die nächtlichen Geräusche aus dem Radio nie wieder.
Es konnte nämlich damals passieren, daß Kinder ihren Eltern Schaden zufügten,indem sie solche Überschreitungen der Verbote woanders berichteten, sei es aus Naivität oder Bosheit (Rache für Strafen etwa).

Der Konfirmationskaffee

von Jutta Dogan (copyright)

Kaffee ist schon mal übertrieben, den gab’s nicht, irgend eine Plurre wohl stattdessen.
Denn meine Konfirmation fand statt im Frühjahr 1946 und dazu noch in Berlin. Was bedeutete, eine unversorgte Großstadt nach dem Krieg.
Zum Konfirmationsunterricht hatten wir den Winter über in Mänteln in der kalten Sakristei der St. Annenkirche in Dahlem gesessen. Zur Feier hatten Verwandte irgendwelche Reste in Schwarz hervorgeholt, so daß Oma daraus ein Kleid für mich zaubern konnte, mit einem Spitzenkragen von Tante Frieda als Krönung. Die Schuhe weiß ich nicht mehr, schwarze nicht, vermutlich die weinroten aus geflicktem Stoff mit drei abgelaufenen Holzleisten als Sohlen, von der letzten Kriegszuteilung.
Zum Nachmittag hatte sich ein kleiner Kreis von Geladenen eingefunden, enge Verwandte. lch sehe uns noch um den ausgezogenen Tisch sitzen, den Direktor Kappus in das halb leere Zimmer gestellt hatte, das er in seiner Dienstvilla nebst einem kleinen als Schlafkammer für uns drei abtreten mußte. Ziemlich dunkel war’s drin trotz des Frühlingstages draußen. Denn die Villa war zwar nicht zerbombt, aber doch angeschlagen, die Fenster zerborsten, die Mauern bröckelnd. Es wurde statt Fenster nur eine Scheibe genehmigt, in die Pappe einzusetzen.
Zwischen zusammengeborgtem Geschirr prangte nun einsam ein kleiner Kuchen, den Oma mitgebracht hatte. Denn in der Ostzone am Rande Berlins, Birkenwerder, wo sie wohnten, gab’s noch eher ein bißchen was. Daß der steinhart war, weil Butter fehlte, störte nicht, er lag mehr symbolisch da. Mutti hatte herausgetüftelt, in wie viele schmale Scheibchen sie den schneiden mußte, damit es für alle reichte. Jeder wußte, man durfte nur einmal zugreifen. Die erste Störung dieser Anordnung trat schon ein, als es unten klingelte und Pfarrer Dreß eintrat, um zu gratulieren. Das ist zwar gut gemeint und üblich, aber hier war er nicht willkommen. Denn man hatte den Eindruck,als wolle er sich bei den zwölf Konfirmanden überall durchessen. Die, die noch Porzellan zum Tauschen hatten, konnten vielleicht auch etwas mehr anbieten. Immerhin ließ er als Geschenk die Bibel da, die ich noch heute habe, mit dem Konfirmationsspruch Joh.l,l: Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Der Pfarrer ging bald wieder. Tante Else hatte auf ihr Stückehen Kuchen für ihn verzichtet. Denn sie arbeitete im Ostsektor als Kohlenschipperin für die Russen, konnte da öfter mal was stibitzen und gegen Essen eintauschen.
Aber der größte Störfaktor war denn doch Onkel Georg, der jüngere Bruder meines Vaters, ein egoistischer Junggeselle. Er kam wie üblich zu spät, griff jedoch hurtig zu seinem Stück Kuchen. So gestärkt, hielt er eine schwungvolle Tischrede. Aber – welche Unverschämtheit! – dann griff er noch mal zu, das letzte Stück! meine Mutter hatte ihres noch drauf gelassen bis dahin. Er schmatzte zufrieden, und – während ihn alle entsetzt anstarrten – brummelte er zu ihr hin:
“Na, freut es dich nicht, wie es mir schmeckt?”

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