Der Schlüssel
von Jutta Dogan (copyright)
„Tja, wenn du den Schlüssel zum Fahrradkeller vertrödelt hast, mußt du eben zu Fuß zum Fleischer gehen, um unsere Marken einzulösen”, hatte Tante Hanna gezürnt. Und nun trotte ich auf der Allee entlang, die zum Glück mit Bäumen gesäumt ist. Der Schatten ist willkommen, fängt doch schon der Sommer an, und über Mittag wird es warm. Auch geht es sich beschwerlich, weil die Schuhe schadhaft und allmählich klein geworden sind.
Ich grüble, wie lange muss ich wohl in Theißen bei der Patentante bleiben? Etwa für immer? Wenn wir meine Eltern nicht finden, vielleicht. Ob die die Flucht taus dem Osten wohl geschafft haben? Noch geht keine Post, die Bahnen auch nur streckenweise, wenn die Geleise nicht kaputt sind. Ab und zu geht eine evakuierte Frau zurück nach Berlin, und dann gibt man ein Briefchen mit. Tante Friedas Adresse haben wir ausgemacht als Treffpunkt, denn wir selbst haben schon zwei Jahre keine Wohnung mehr, ausgebombt. Aber wenn die dann wirklich mal in Berlin eintreffen, diese Frauen mit ihren kleinen Kindern, werden die dann noch herumlaufen in der Stadt, um fremde Briefe auszutragen? Die U-Bahnen fahren dort auch noch nicht, hört man, kein Strom, und Berlin ist groß.
Tante Hanna hat sich schon resignierend auf mein längeres Bleiben eingestellt und in dem Schulhaus, wo sie als Lehrerin wohnt, ein Dachzimmer vom Hausmeister abgemietet. Nun ist es schon ein paar Wochen her, daß ich über Stock und Stein mit einem Köfferchen bei ihr ankam, weil sie unser Internat in Droyßig geschlossen haben, als Brutstätte der alten Elite. Die wenigen von uns, die noch da waren, weil keiner sie nach Hause holen konnte, hatten gehen müssen. Tat mir nicht all zu sehr leid, denn die Wochen nach dem Krieg hatten wir Landarbeit leisten müssen auf den großen Gütern. Für Mädchen von 13 Jahren schwere Arbeit, aber die Felder mußten bestellt werden im Frühjahr 45, seit die polnischen Zwangsarbeiter wieder frei und in ihre Heimat zurückgekehrt waren.
Erobert hatten Sachsen ja die Amerikaner, aber seit die es nach einiger Zeit an die Russen abtreten mußten, Vertrag von Jalta, hatte die Besatzung gewechselt. Bisher hatte ich noch keinen Russen zu sehen bekommen, die lebten in Kasernen und rückten nur truppweise bewacht aus.
Aber da, wer kurvt denn da auf der Straße vor mir herum, auf einem alten deutschen Motorrad, schwankend, der übt wohl erst ? Die Uniform kenne ich nicht, muß wohl ein Russe sein, anscheinend ein junger Offizier. Nun kommt er gar näher, zeigt auf seinen Rücksitz. Erfreut, steige ich auf. Er fährt weiter, auf das Nachbardorf zu. Das trifft sich gut. Vor dem Fleischerladen tippe ich auf seine Schulter, denn ich kann doch kein Russisch, auch knattert das Motorrad so laut. Er hält an, ich steige ab, hole im leeren Laden das Fleisch ab. Ja, zu essen gibt’s in Sachsen noch, auch Kartoffeln und Gemüse bekommt man bei den Bauern zur Genüge, und Tante Hanna als Hauswirtschaftslehrerin kocht gut. Ihre Künste will sie auf mich übertragen, aber mit mäßigem Erfolg. Zeit haben wir nämlich, denn die Schulen haben jetzt, Wochen nach Kriegsende, noch nicht wieder geöffnet. Langsam gehe ich zurück, Richtung Theißen. Am Ortsende des Dorfes, wer hält da für mich? Mein Russe! Hurtig steige ich auf, und – zuerst etwas schwankend, dann flotter – geht die Fahrt zurück. Am Ortseingang von Theißen tippe ich wieder auf seine Schulter, er hält, und ich steige ab. Ich winke zum Dank, und er ergreift einen meiner langen blonden Zöpfe und schüttelt ihn freundlich. Dann fährt er ab.
Tante Hanna empfängt mich gnädig, staunt: „Das ging aber schnelll.“ Ich erzähle ihr die Lösung, warum erschrickt sie nur?
Sie sagt aber nichts. Wenige Tage später stehen meine Eltern vor der Tür, müde, staubig, vor allem hungrig. Sie haben tatsächlich einige meiner Nachrichten erhalten. Sie ruhen sich ein paar Tage aus, essen sich vor allem satt, und dann drängt meine Mutter: „Wir wollen zurück, in Berlin läuft die Schule schon seit Wochen, Du darfst nicht soviel versäumen.“ Das ist weitblickend, denn viele meiner Schulkameraden haben durch späte Rückkehr aus der Verlagerung ein ganzes Jahr versäumt. Mein Vater drängt nicht, der ist erschöpft und flügellahm, sein Weltbild hat einen Riß bekommen. Nicht das von Hitler gelieferte, sondern das preußische, daß nun die alte Ordnung zerstört ist, das begreift der über 60-jährige nicht leicht. In Berlin hausen wir noch lange Zeit in einem Notquartier mit Pappe vor den Fenstern und kaum was zu essen, haben ja nichts zum Tauschen. In der Schule komme ich ganz gut hin, denn die hatten vor Kriegsende wochenlang keinen Unterricht mehr gehabt, das wiegt sich auf. Papier und Schulbücher gibt’s nicht. Also macht die Lehrerin Sprechübungen, jeder soll sich zum nächsten Mal eine spannende oder lustige Geschichte überlegen. Ich erzähle die vom hilfreichen Russen auf der sächsischen Landstraße. Atemlose Stille herrscht. Dann Erleichterung. Die hatten alle irgend einen anderen Schluß erwartet, ich kriege aber nicht raus, was. Überhaupt sehen die Mädchen in meiner Klasse am Kopf so merkwürdig aus, wie mit abgeknabberten Haaren. Nicht wegen der Läuse und der Packung, die manche stinkend einige Tage um den Kopf tragen müssen. Nein, sie trugen zu Kriegsende alle einen Jungen-Haarschnitt. Ich verstehe nicht ganz, warum, sie drucksen so herum. Später höre ich, sie schämen sich, manche mußten ins Krankenhaus. Keiner sagt richtig was. -
Erst viel später, als sich die Zungen lösten, sollte ich erfahren, was sich in Berlin und wohl auch andernorts zugetragen hatte: Mütter hatten versucht, ihre jüngeren Töchter noch als Buben auszugeben, um sie dem Zugriff mancher Besatzungstruppen zu entziehen; in der Karlsruher Gegend hörte ich z.B. von Marokkanern bei den französischen Truppen. Aber die jungen Russen in Berlin fanden das bald heraus, und so manches Mädchen wurde aus seinem Versteck auf dem Dachboden oder im Keller hervorgezerrt. Die Militärbehörden setzten später strenge Strafen ein, und so lernten wir wir Wochen später in Sachsen solche Übergriffe nicht mehr kennen. Arglos hatte ich daher das Motorrad meines Helfers bestiegen.
Ja, und der Schlüssel? Ich wollte doch eine Geschichte vom Schlüssel erzählen. Der hatte sich wenige Tage später in meiner Schürzentasche gefunden. Da hatte ich ihn stecken lassen, als ich aus Tante Hannas Keller kam.