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	<title>The-Short-Story &#187; Reisegeschichten</title>
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		<title>Die Hand Gottes</title>
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		<pubDate>Mon, 31 Jul 2006 14:06:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner-Kurt</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p><em>von <a href="http://www.the-short-story.de/?p=333">Tom Delißen</a> (copyright)</em></p>
<p>Aufgeregt, in dem für mich vollkommen unverständlichen regionalen Dialekt, redete der hagere Mann, dessen Gesicht nur der gewaltige Turban etwas Fülle verlieh, auf mich ein. Er zeigte hinunter in den Felsgrund neben der schmalen, gewundenen Straße, die sich unser alterschwacher, überfüllter Reisebus hinauf quälte. Mein Blick folgte seiner ausgestreckten Hand und ich konnte den Grund seiner Erregung verstehen. Da lag das auseinandergebrochene, rußschwarz gefärbte Wrack eines anderen Busses, dessen Fahrer die Serpentinen dieser Straße hier im Himalyavorgebirge nicht gemeistert hatte. Es rauchte noch. Der dünne Mann neben mir strahlte ein zahnloses Grinsen, wies zum Himmel. Er wollte mir wohl bedeuten, dass auch mein Schicksal in den Händen der Götter liege. Ich nickte zustimmend, lächelte, etwas gequält, zurück. Als der Fahrer den Bus auf der anderen Seite des Berges die Haarnadelkurven mit halsbrecherischer Geschwindigkeit, ohne auf die Möglichkeit von Gegenverkehr zu achten, hinunter raste, gab ich meinem Sitznachbarn verzweifelt Recht. Wir erreichten jedoch nach einer 12 stündigen Nerventortur Jammu, verbrachten die Nacht in einem vor Schmutz starrenden Zimmer, das wir mit so vielen Ratten teilten, wie ich sie noch nie vorher in meinem Leben hatte auftreten sehen. Morgens der Bus nach Srinagar, der Hauptstadt Kaschmirs und unser Ziel. Wunderbares Kaschmirtal! Damals, vor gut 20 Jahren, noch in seiner Blüte, das Bayern des Himalayavorgebirges. Der Dal Lake eine große Oase auf dem Wasser, mit tausenden von Wohnungen und Geschäften auf hölzernen Schiffen. Ich war mit zwei Schweizern unterwegs, die ihre Reise bis in das I-Tüpfelchen vorbereitet hatten, landete so auf einem sehr luxuriösen Hausboot, sie hatten die untere Etage komplett gemietet. Damals atmete der See noch trügerischen Frieden, waren Hunderte von Händlerdschunken unterwegs, die von Gemüse und Opium über Blechkessel und gackernden Hühner alles feilboten, das irgendeinen Gewinn versprach. Wir lebten wie die Fürsten, umsorgt von unserem Tea-Boy und der Mutter des Schiffsinhabers, die mit Linsen, Kartoffeln, Eiern und Fleisch für das leibliche Wohl sorgte. In den Räumlichkeiten über uns wohnte ein älterer Engländer, ständig mit einer ledernen Umhängtasche unterwegs, in der sein Gin steckte. Wir bezogen unser geistiges Wohl nicht aus Alkoholika. Kaschmir ist berühmt für andere edle Stoffe, denen wir durchaus ab und an zusprachen.  An diesem denkwürdigen Morgen liehen wir uns das erste Mal das Bötchen unseres Gastgebers, ruderten über den See zu einem in der Mitte fest verankertem Restaurantdampfer, auf dessen Sonnendeck wir den Vormittag verbrachten. Wir fanden Vergnügen daran, vom Rand aus, in das kalte blaugrüne Wasser, etwa drei Meter unterhalb zu hechten. Gegen Mittag schlief ich ein, erwachte eine ganze Zeit später vollkommen durchgeschwitzt, die Sonne brannte. Ich beschloss, noch halb im Schlaf, mich abzukühlen. Ohne weiter nachzudenken lief ich zu der nur 20 Zentimeter hohen Holzreeling und setzte energisch zu einem Hechtsprung an, stieß mich ab. Zu meinem übergroßen Entsetzen sah ich, schon in der Luft, dass in der Zwischenzeit am Bordrand des Dampfers ein schwimmender Markt fest gemacht hatte. Eine Unzahl von Booten lag da, die Wasseroberfläche war versperrt. Ich sprang genau auf das Oberdeck eines großen Kahns zu. Ich wusste, ich würde mir das Genick brechen. Und in diesem Bruchteil der Zeit spürte ich sie, die Hand des Schöpfers. Sie kam aus der Unendlichkeit, aus einem Spiegel der Dimensionen, unendlich sanft und zart. Ihre watteweiche Berührung ging durch Mark und Bein, es war ein ungeheurliches Erlebnis, intensiver als die plötzliche Wirkung einer Droge, es erfüllte mich zur Gänze. Ich fühlte mich aufgelöst in eine Unendlichkeit von Atomen, nicht existent und doch so klar präsent wie niemals in meinem Leben zuvor. Mir war, als ob mich das Universum anhauchte. Dieser überirdische Impuls schob mich etwa zwei Meter nach rechts, so dass ich mit dem Kopf vorran zwischen den Bug zweier der festgezurrten Boote tauchte.  Das ohrenbetäubende Theater, als man mir aus dem Wasser geholfen hatte, war unglaublich. Viele hatten meinem Sprung zugesehen, das Wunder beobachtet. Ich wurde beschimpft, umarmt, scheu berührt, einige fielen sogar auf die Knie.  Auf der Rückfahrt nach Delhi traf mich eine Kugel pakistanischer Widerstandskämpfer in die Schläfe.  </p>
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		<title>Das Geheimnis von Neil Kant</title>
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		<pubDate>Mon, 31 Jul 2006 09:45:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner-Kurt</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Das Geheimnis von Neil Kant<br />
<em>von <a href="http://www.the-short-story.de/?p=333">Tom Delißen</a> (copyright)</em></p>
<p>Ich war so ziemlich am Ende, als ich, aus Haridwar kommend, in Rishikesh aus dem Bus stieg. Fertig in vielerlei Beziehung. Ich befand mich in einem ständigen Erschöpfungszustand, hatte so gut wie keine Barreserven mehr, vor allem aber sehnte ich mich nach Ruhe. Man sollte meinen, in Indien fände man die Ruhe an jeden Laternenpfahl gelehnt, doch die vergangenen drei Monate hatten mich eines Besseren belehrt. In der Gegend von Kaschmir hatte ich mit einem Sikh-Kaufmann zusammen auf sehr subtile Weise durch paar Schweizer eine Menge Geld beim Teppichverkauf verdient, hatte eine aufregende Zeit in der Wüste bei Pushkar erlebt, mit dem Ergebnis, dass ich meine Hasenpaniere zusammen nahm und nach Delhi flüchtete. Eine aufreibende Stadt! Hier im Himalajavorgebirge wollte ich nun die lang vermisste Friedlichkeit einatmen, nicht in einem der vielen Ashrams am Ufer des Ganges, der hier in die Ebene überging, seinen langen Weg quer durch Indien anzutreten. Nein, der Urwald lockte mich, die wüste Berglandschaft. In einer kleinen Touristenkneipe im Paharagansch, so heißt ein bekanntes Geschäftsviertel in der quirligen Metropole Delhi, hatte mir ein heroinabhängiger Engländer in den schönsten Farben von einem kleinen Dörfchen hier in den Bergen erzählt. Neil Kant. Ein Shangrilah der Ruhe und Erholung. Allerdings nur durch einen langen Marsch über die Vorgebirge zu erreichen. Richard, so nannte sich der vielleicht Vierzigjährige, zum Skelett abgemagerte Typ, der mit mir aus Pushkar in die Hauptstadt gereist war, um seine Brüder zu treffen, die ihn heimholen wollten. Wir trafen die zwei in einem Etablissement, dass sich „Old Delhi Muslim Hotel“ nannte, in einer der vielen verwinkelten Gassen von Alt-Delhi.  Sie sahen, im Gegensatz zu uns Beiden, die wir neben langen verfilzten Haaren und buschigen Vollbärten nur Ledersandalen, leichte Baumwollhosen und Hemden trugen, wirklich zivil aus. Doch, wie so oft täuschte das Äußere, sie waren durchaus nicht uneigennützig auf diesen Kontinent gereist, mochte ihr hehres Ansinnen, den Bruder zu retten, auch seine Richtigkeit haben. Am Abend, auf dem Flachdach des Hotelgebäudes, ein wunderbarer Ausblick über das Häusermeer der Altstadt, wohnte ich der Abschiedsparty bei. Am nächsten Tag würden sie Indien schon wieder in Richtung London verlassen.  Als ich die Terrasse betrat, bot sich mir ein seltsamer Anblick. Die Drei saßen im Schneidersitz am Boden, vor sich ein jeder eine Schale mit einer undefinierbaren weißen Masse, daneben ein weißes Leinensäckchen, gefüllt mit brechbohnengroßen schwarzen Knöllchen. Mit offensichtlichem Appetit tauchten sie die schwarzen Teile in die weiße Masse, schluckten sie herunter, lachten, scherzten. Kurz darauf wurde mir die Lösung des Rätsels klar. In den Töpfen befand sich eine Art Joghurt, die schwarzen Knollen waren luftdicht in Präservative gepacktes Haschisch und Heroin. Sie würden es in ihren Gedärmen auf die britische Inseln transportieren. Ich habe keine Ahnung, ob es ihnen gelungen ist. Als ich am nächsten Morgen erwachte, waren sie schon verschwunden.<br />
Ich beschloss, das von Richard beschriebene, geheimnisvolle Fleckchen im Himalaja zu finden und war nun hier am Fuß des Gebirges angelangt, an dem Ort, wo der Ganges, der heilige Fluss, die schützenden Palisaden des Gebirgswaldes und der Felsen hinter sich lässt, sich in die Ebene gießt, um sich in einem breiten fruchtbaren Strom gen Osten nach Uttar Pradesh zu wälzen. Bedeutung und Zweck meiner Flucht nach Asien damals in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends, war die Suche nach Gelassenheit und Sinn in meinem Leben. Einer von Millionen war ich, doch mir selbst deuchte, wie Millionen Mitdenkern ebenfalls, ich sei berufen, erleuchtet, vollkommen anders und durchaus einzigartig. Diese Meinung vertrete ich heute noch, wissend und lächelnd. Ich hatte all meine Habseligkeiten, viele waren es nicht, lediglich eine kleine Tasche, auf der ich meinen Filzschlafsack geschnallt hatte, ein Relikt aus den braun angehauchten Pfadfinderzeiten meines Vaters, in dem Hotel in Delhi gelassen. So stand ich nun, ohne unnötigen Ballast, am Rande des Himalajas. Ein Hohlweg führte den Berg hinauf in den Urwald, der sich schon von hier, am Rande aus, lärmend präsentierte.  Affengekreisch, unzählige Vogelstimmen.  Ich fand einen schattigen Platz unter einem der uralten Bäume am Rande des Weges. Hier saß ich etliche Stunden, ließ die Zeit an mir vorbeifließen. Als ich Hunger und Durst verspürte, geschah es, dass drei Wanderer, ein etwa 30-jähriger Mann mit halbwüchsigem Sohn und Ehefrau oder Tochter, den Weg aus dem Wald entlangkamen, mich dort sitzen bemerkten und mir, sich verbeugend, einer Opfergabe gleich, etliche herrlich anzusehende Äpfel vor die Knie legten. Mit gefalteten Händen vor der Brust und einem Senken des Kopfes sprach ich meinen Dank aus. Ein Lächeln war die einzige Kommunikation.  Ich hatte mich in der Stadt erkundigt, wie man zu jenem Dorf gelange. Die Antwort war deutlich gewesen. Es war dieser Weg, doch man hatte mir dringend davon abgeraten, alleine zu gehen. Der Abend senkte sich über das Land. Kein potentieller Weggefährte, keine Gruppe von Wanderern hatte sich gezeigt. So machte ich mich auf. Etliche Kilometer zurück wusste ich etliche kleine Höhlen in die  Uferböschung gegraben, Pilgerunterkünfte. Eine davon sollte mir als Nachtlager dienen.<br />
Die Höhle, in die ich kroch, als es zusehends kälter wurde, ich befand mich immerhin schon in 900 Meter Höhe, entpuppte sich als belebter Kaninchenbau. Ich fand Platz neben einem hageren Sadhu, der ohne Decke und Kissen, eingehüllt nur in seinen orangefarbenen Umhang, fest schlief. Seine langen Haare, sein geflochtener Bart schimmerten goldblond im flackernden Licht einer Öllampe, die weiter vorne brannte. Später erwachte er, erzählte zögerlich, er sei Norweger, habe sich für ein Leben als Bettelmönch entschieden. Wie zum Beweis zeigte er mir sein Blechgeschirr. Ja, er käme klar, die Leute ließen ihn nicht verhungern. Ich versuchte ein Gespräch anzuknüpfen, doch irgendwie erachtete er mich wohl für nicht würdig, mit ihm zu reden. Im Sonnenaufgang krochen etwa Einhundert Schläfer verschiedenster Stände, Kaufleute, Pilger, Bettler, Tagediebe aus den Höhleneingängen entlang der Uferböschung. Alles strebte über den Kiesstrand zum heiligen Fluss, sich zu waschen. Ich marschierte zurück zu dem Baum am Eingang des Urwaldes, unter dem ich gesessen und vergebens auf einen Weggefährten gewartet hatte. Kaum legte ich mein Pack an den Wurzeln der Magniole ab, wurde ich eines rauschenden, leise singenden Tones im Wipfel des Baumes gewahr. Ich meinte einen Hinweis in dem Geräusch zu erkennen, drehte mich, mehr unbewusst, dem steinigen Pfad zu.  Ein Greis, an seinem langen, schlohweißen Haar als solcher zu erkennen, klomm den Berg hinan. Ich erwartete ihn am Rande des Weges. Als er in meiner Höhe angelangt war, verbeugte ich mich, die Hände in hinduistischer Tradition vor die Brust gefaltet. “Neil Kant?“ fragte ich. Ohne in seinem Schritt innezuhalten lächelte er, nickte, winkte mir mit langen, dünnen Fingern, die aus dem Ärmel seines weiten, hellbeigen Umhanges zu kriechen schienen, ihm zu folgen. Ich lief neben ihm her, versuchte meinen Schritt dem seinen anzupassen, doch er ging sehr langsam.  “Neil Kant?“ bedrängte ich ihn erneut, vielleicht hatte er mich nicht verstanden. Wieder nickte er, lächelte aufs Neue, bewegte einladend seinen Arm. Dann tauchten wir in das schwüle Gespinst des Waldes ein, der sich, rechts und links der schmalen Schneise, des seit Urzeiten ausgetretenen Pfades, machtvoll, undurchdringlich und geheimnisvoll aufbäumte. Wie in einem Tunnel, von der Natur geschaffen, um den überheblichen Menschenwesen ihre Winzigkeit, ihre Bedeutungslosigkeit in dieser Dimension zu vergegenwärtigen, klommen wir stetig bergan. Ich spürte ganz bewusst die ungeheure schaffende und zerstörende Kraft der Mutter Erde, war froh, den schweigsamen alten Mann neben mir zu wissen. Trotz, oder gerade wegen dieser Beklemmung empfand ich die Umgebung gleich einem schillerndem, kreischendem, jubilierendem, sich tausendfach widerspiegelndem Farbenuniversum. Eine ganze Zeit lang begeleitete uns eine agile, neugierige Bande von Affen, die, neben dem Steig, in den Ästen, dem Dickicht der Vegetation, von Baum zu Baum turnten. Als wir erneut in eine Talsenke liefen, verloren sie sich im Grün. Außer zweier kurzer Sätze, am Anfang unserer gemeinsamen Wanderung, hatte der alte Mann, dessen Lebenszeit ich nicht einzuschätzen wusste, den ganzen Weg über geschwiegen. “You go little step by little step“ und „don’t drink“ hatte er gesagt, war mit seinen kleinen Schritten vorwärts marschiert. Ich hatte begriffen und es ihm nachgetan, war jetzt nach Stunden der Lauferei erstaunt, immer noch die Energie zu besitzen, zielstrebig dem Ort meiner Träume näher zu kommen. Stunden später traten wir über einen schmalen Holzsteg in ein prachtvoll blühendes Plateauquart, im Hintergrund ein Flachbau, menschliche Anwesenheit verheißend.<br />
Mein Begleiter beachtete das Gebäude nicht weiter, sondern ließ sich am Rande des kleinen Flüssleins nieder, das wir gerade überquert hatten. Er kramte seine Rauchutensilien hervor, stopfte sich eine Pfeife, von der er mir ebenfalls anbot. Bald darauf verfiel er in ruhigen Schlummer. Betäubt von der bezaubernden Kulisse in der wir rasteten, war ich auch kurz eingenickt. Als ich, es war tatsächlich nur ein Augenblick des Schlafes gewesen, wieder erwachte, fanden meine Augen, in geheimbündlich geschlossener Allianz mit meinen Sinnen, die sonnenglänzende Schönheit des wie ein blühender Pilz sich über den Erdball ergießenden Flecken Landes. Ich war aufgestanden, doch nun senkte ich die Knie in Demut. Mir blieb nichts als Staunen. Hier erlebte ich die frühlingshaft anmutende Szene einer in Schwerelosigkeit verharrenden Biene vor einer Violettschimmernden Blüte, dort die winzigen Fühler einer Ameise auf der Suche nach Leckerbissen für die Mutter des Gebärens eines anderen Millionenvolkes. Ich legte mich neben das gluckernde Bächlein, meinem Kopf in dieses duftende, wirbelnde Miteinander des Daseins am Rande des Baches, nur unsagbar glücklich, ein Teil davon zu sein. Nicht lange und ich fiel in einen beseelten Schlaf voller wunderschöner Bilder. Mit der Vision eines kristallklar nieder rieselnden Wasserfalles schlug ich meine Augen auf, als der alte Mann sich über mich beugte und mit einem sanften Schubser einlud, den Rest der Strecke hinter uns zu bringen. Ehe ich aus meinen Träumen vollends in die Realität zurückkehrte, hatte er schon etliche Schritte von mir weg getan. Ich fuhr auf, beeilte mich, gegen das drängende Durstgefühl mit der Handfläche ein wenig des kristallklaren Nasses zu schöpfen, packte meine Tasche und trabte schließlich wieder, die wunderbaren Bilder Revue passieren lassend, neben meinem Führer.  Kurz vor Beginn der Dämmerung erreichten wir das Dorf, dessen etwa dreißig Einwohner mich zurückhaltend begrüßten. Es herrschte eine trübe, milchige Stimmung. Niemand kümmerte sich nach dem kurzen Auflauf bei meiner Ankunft noch großartig um mich, man wies mir ein Quartier zu, überreichte mir eine Decke gegen die nächtliche Kälte. In der Nacht erwachte ich nach kurzem erschöpften Schlaf mit entsetzlichen Magenkrämpfen und einem Durchfall, der sich bis zu meiner gnädigen Ohnmacht in Wellen durch meinen Körper wühlte. Ich überlebte um Euch zuzurufen:„Haltet ein!“ </p>
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		<title>Lac du Salagou</title>
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		<pubDate>Wed, 19 Apr 2006 07:19:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner-Kurt</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p><em>von <a href="http://www.the-short-story.de/?p=42">Dieter J. Baumgart</a> (copyright)</em></p>
<p>Das Tal des Flüßchens Salagou, gelegen im südfranzösischen Languedoc zwischen Clermont l’Hlt. und Lodève, hat die Form einer 8 km langen und bis zu 3 km breiten Wanne zwischen zwei Bergketten mit einem extrem schmalen Durchlaß im Westen. Bedingt durch diese natürliche Einengung wurden bei den in der Region nicht seltenen schweren Regenfällen nicht nur die Weinfelder im Tal überschwemmt. Das Wasser strömte von den Berghängen und schoß, je höher es im Tal stieg um so schneller, durch die nach oben breiter werdende Öffnung und überforderte das Fassungsvermögen der Lergue, in die der Salagou nach wenigen Kilometern mündet, völlig. Nur 4 km weiter erreicht die Lergue  den Hérault und das geballte Volumen aus zwei kleinen Flüssen ließ auch den Hérault so anschwellen, daß großräumige Überschwemmungen in der Region die Folge waren. Noch heute kann es geschehen, daß der Wasserspiegel nach einem starken Regen innerhalb von zwölf Stunden um fünfundsiebzig Zentimeter steigt. Das entspricht bei der gegebenen Wasseroberfläche von 750 ha einer Zunahme um  mehr als 5,6 Mill. Kubikmeter Wasser  innerhalb eines halben Tages.<br />
So entstand Mitte der fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts die Idee, die natürliche Öffnung des Salagou mit einem Staudamm zu verschließen, um mit den anfallenden Wassermassen die dringend notwendige Bewässerung der tiefergelegenen Ebenen zu verbessern und bei der Gelegenheit auch eine Möglichkeit zur Wasseraufnahme für die zur Waldbrandbekämpfung eingesetzten Löschflugzeuge der Canadair zu schaffen. Befürwortet wurde der Plan aber auch von Meteorologen, die  vermuteten, daß sich eine größere geschlossene Wasserfläche auf die Wetterlage in der Region beruhigend auswirken könnte.<br />
Gegen den großen Widerstand der von diesem Vorhaben betroffenen Bevölkerung, Weinbauern und die Bewohner des Dorfes Celles, das wegen des geplanten Stausees geräumt werden mußte, beschloß der Conseil Général des Departement Hérault im Jahre 1959 den Bau des 70 Millionen neue Franc teuren Staudamms. Im gleichen Jahr ereignete sich der folgenschwere Bruch des Staudamms von Malpasset am Reyran oberhalb der Stadt Fréjus in Südostfrankreich. Dort forderte eine 5 Meter hohe Flutwelle mehr als 400 Todesopfer. Aufwendige geologische Untersuchungen, die nach dem Unglück von Fréjus am Salagou durchgeführt wurden ergaben, daß ein ähnliches Desaster auch hier nicht völlig auszuschließen sei. So entschloß man sich, den geplanten Stausee nur bis zu dreiviertel der vorgesehenen Höhe zu füllen und auch nach der Inbetriebnahme laufend geologische und bautechnische Untersuchungen am Staudamm durchzuführen. Das Dorf Celles hätte angesichts des niedrigeren Pegels möglicherweise erhalten werden können. Doch die Umsiedlung war abgeschlossen, zudem wären kostenträchtige neue Verkehrs- und Versorgungsanbindungen nötig gewesen, da alle bisherigen Zugangsstraßen auch unter der verminderten Wasseroberfläche liegen würden.<br />
Dem letzten Bürgermeister von Celles, Henri Goudal, genannt „Riri“, gelang es schließlich nach jahrelangem Behördenkampf, daß Celles den Status einer selbständigen Gemeinde zurückerhielt. Die ehemaligen Bewohner des Dorfes hatten sich allerdings inzwischen anderswo etabliert und legten, auch weil ihre Weinfelder schließlich unter Wasser standen, keinen Wert auf eine Rückkehr. Lediglich das Rathaus wurde wieder instandgesetzt und diente längere Zeit dem Beauftragten des Gewässerschutzes als Unterkunft. Den Posten versah ein gebürtiger Spanier, der von seinen Freunden nur Bichette genannt wurde. Lange Zeit war er der einzige Bewohner des Geisterdorfes. Doch als er Ende der neunziger Jahre starb, hinterließ er zwar ein größtenteils noch aus Ruinen bestehendes Dorf, das aber nicht mehr dem Verfall preisgegeben war. Die Mauern aller Häuser sind konserviert und umzäunt, um unerwünschte Benutzer fernzuhalten und Unglücksfälle durch herabstürzende Mauer- oder Dachteile zu verhindern. Das weitere Schicksal des Dorfes selbst steht noch heute in den Sternen. Kaufangebote von Kapitalanlegern wurden stets abgelehnt, um eine nicht gewünschte Nutzung für Hotelanlagen oder damit in Verbindung stehende Spekulationen zu verhindern. Die Idee einer ökologisch ausgerichteten Oase für Künstler und Biologen mit Ateliers, Vortragsräumen und Möglichkeiten für Ausstellungen scheitert sowohl an realisierbaren Vorstellungen, wie auch daran, daß finanzielle Mittel nicht zur Verfügung stehen.<br />
Fünfundzwanzig Jahre nach dem Beschluß des Conseil Général, den Stausee einzurichten, zog  Henri Goudal Bilanz: „Vieles von dem, was man wollte, ist nicht erreicht worden. Die Bewässerung im großen Stil funktioniert nicht, weil der Wasserzufluß zu gering ist. Aber auch das Geld für die notwendigen großvolumigen Pumpwerke hätte nicht zur Verfügung gestanden. Der Einfluß der Wasserfläche auf das regionale Klima ist kaum meßbar. Immerhin, die Überschwemmungsschäden sind etwas zurückgegangen. Eines allerdings darf nicht vergessen werden: Im Kampf gegen die Waldbrände ist der Lac du Salagou nicht mehr wegzudenken. Er dient als Löschteich für die ganze Region. Die Löschflugzeuge der Canadair aus Marseille haben dank der idealen Geländeform beste Voraussetzungen für den An- und Abflug.“<br />
Doch es ist noch mehr, was dieser See, dessen Gestade nicht im Entferntesten an einen Stausee erinnern, zu bieten hat. Inzwischen ist er fünfunddreißig Jahre alt. Eine vor einigen Jahren durchgeführte große Inspektion des Staudammes und seiner Verankerung verlief zufriedenstellend. Flora und Fauna haben sich an den Ufern und im Wasser so entwickelt, daß der See als ein Geschenk an die umgebende Natur angesprochen werden kann. Dank konsequent durchgezogener Nutzungsvorschriften zieren weder Hotels und andere „Ferienanlagen“ großen Stils seine Ufer, noch durchpflügen Motorboote seine Wellen. Als Anglerparadies ist er bekannt, Feriengäste aus aller Welt nutzen zwei kommunale und einen privaten Campingplatz. Die gesamte Region um den Lac du Salagou steht unter Naturschutz. Mit seinen an Miniatur-Fjorde erinnernden verschwiegenen, von Schilf und knorrigen Bäumen gesäumten Buchten und den vorgelagerten bizarren, teils flachen, teils steilen Inselchen aus der allgegenwärtigen rotbraunen Ruffe, einer Art Tonmergel, ein Sedimentgestein, daß vor 120 bis 40 Mill. Jahren durch Kontinental-verschiebungen an die Oberfläche gebracht wurde, ist der Lac du Salagou auch für Geologen ein besonderes Ziel. Und selbst der erdkundliche Laie wird durch zahlreiche erloschene Vulkane, deren Basaltsäulen wie Skulpturen an den Ufern stehen oder gleich erstarrten Wasserfällen aus den Felswänden treten, an die Ursprünge dieser Landschaft erinnert. </p>
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		<title>Der Sturm</title>
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		<pubDate>Wed, 19 Apr 2006 07:17:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner-Kurt</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p><em>von <a href="http://www.the-short-story.de/?p=43">Christa Schmid-Lotz</a> (copyright)</em></p>
<p>Seit Tagen hatte der Sturm auf der Insel gewütet.<br />
Als Annette morgens die Hotelhalle betrat, traf sie fast der Schlag.<br />
Hunderte von Menschen hatten sich versammelt, Engländer, Österreicher, Amerikaner und Deutsche. Sie standen wie eine Traube an der Rezeption, saßen auf  Korbstühlen, tranken Martinis, spielten Karten und hatten Unmengen von Gepäck um sich herum gestapelt. Der Lärm war ohrenbetäubend. Sie schob sich mühsam durch die Menge und steuerte das Frühstücksbüffet an. Auch hier drängten sich die Menschen, luden sich Eier, Speck, Toast, Porrigde, Käse, Marmelade , gebackene Bohnen und Tomaten auf ihre Teller. Annette nahm  frische Ananas und ein Croissant und setzte sich neben eine grauhaarige Dame.</p>
<p>„Guten Morgen,“ überschrie sie das Stimmengewirr, „was ist denn heute los hier? Das ist ja wie im Krieg!“<br />
„Es ist wegen diesem Sturm. Die Insel ist im Chaos versunken; der Flughafen von Funchal geschlossen. Die Leute sind sauer, weil sie nicht nach Hause können! Im Norden sind vier Touristen mit ihrem Leihwagen ums Leben gekommen, als Felsbrocken auf die Straße stürzten.“<br />
„Um Gottes Willen, das ist ja furchtbar! So was habe ich noch nie erlebt. Ich wollte doch nur in der Sonne Kaffee trinken, durch Lorbeerwälder zu den Wasserfällen wandern, Orchideen und Drachenbäume sehen &#8230;und jetzt das! So ein Frust! Nicht mal im Pool kann man baden. Schauen Sie mal raus!“</p>
<p>Der Regen trommelte gegen die Scheiben, direkt vor dem Hotel türmten sich die Wellen sechs Meter hoch auf und brachen sich donnernd an dem schwarzen Kieselstrand. Die Gischt kam braungelb mit dem Sturm geflogen und überzog alles mit einem klebrigem Film. Annettes Kleidung fühlte sich feucht an und roch muffig; sie hätte aus der Haut fahren können. Sie knabberte lustlos an ihrem Croissant und stellte einige Zeit später fest, dass Wind und Regen langsam nachließen. Für einen Moment brach ein Sonnenstrahl durch das Bleigrau der Wolken. Sie hielt es jetzt nicht mehr aus, nahm noch einen Schluck Kaffee, verabschiedete sich hastig und lief hinaus ins Freie.<br />
Die Naturgewalten waren noch in Bewegung, sofort waren ihre Haare zerzaust, salzige Luft schlug ihr entgegen. Überall sah sie Spuren der Verwüstung. Steinbrocken lagen auf den Wegen, Zedernäste, Teile von Drachen- und Gummibäumen, Myriaden von Blüten. Auf dem Weg zur Stadt war sie entsetzt über die Betonklötze, die trist in den Nebel ragten. Immer wieder musste sie über Pfützen springen, ihre Schuhe waren nass und quietschten bei jedem Schritt, ihr ganzer Körper dampfte. So musste sich ein begossener Pudel fühlen!</p>
<p>In der Altstadt, die sich das Flair einer südlichen Metropole bewahrt hatte, nahm das Leben schon wieder seinen gewohnten Lauf. Vor der Markthalle eilten  Händler geschäftig hin und her, um die vom Wind verstreute Ware wieder an ihren Platz zu bringen. Hausfrauen strömten mit Einkaufskörben hinein und kamen voll beladen zurück. Annette ging hinein und ließ sich an den  Ständen vorbeitreiben; es duftete nach Safran, Ziegenkäse, Thymian und Rosmarin. Hier lockten Oliven, dort standen  Büschel mit Lorbeerblättern, in der nächsten Abteilung grinste der Metzger hinter seinen Schinken, Knoblauchwürsten und gelben Hähnchen hervor, an denen noch einzelne Federn hingen. Rufe und Lachen schwirrten hin und her.</p>
<p>In einer Halle wurden Fische aller Formen und Größen angeboten, wer weiß, unter welchen Umständen die Männer sie aus dem Meer gezogen hatten. Thunfische, Degenfische, Krabben, Hummer, Knurrhähne, dann eine Treppe höher Körbe, bestickte Decken, Papayas, Süßkartoffeln, Okraschoten, Girlanden aus Peperonis &#8230; eine Frau mit einer Zipfelmütze und bunt gestreiftem Rock hielt ihr ein Messer mit einem Fruchtstück entgegen.“ Cherimoya“, sagte sie lächelnd .Verdammt, die Hälfte landete  natürlich mal wieder auf ihrer Bluse. Aber der Geschmack war so süß, erfrischend und fremd, dass eine Lust in ihr aufstieg, den Frustrationen einmal etwas entgegenzusetzen. Sie dankte der Frau und steuerte zielbewusst auf das Blumenmeer zu, das  ihr entgegenleuchtete. Wie trunken sog sie das Feuerwerk der Farben und Düfte ein, ihr Brustkorb weitete sich, die Augen glänzten, und sie begann, Blumen auszusuchen. Sie kaufte Bougainvilleas, Orchideen, Hibiskus, Strelitzien, Feuersalbei, einen kleinen Leberwurstbaum, warf Purpurkränze, Fetthennen, eine Wolke von Hortensien, Levkojen dazwischen und verstieg sich schließlich zu blaublühenden Glücksbäumchen, Palmen, Lorbeerbüschen und einer Königin der Nacht. Wie rasend packte sie Venusschuhe, Weihnachtssterne, Trompetenbäume, Stechäpfel, Trichterwinden, Zylinderputzer und Wucherblumen dazu.</p>
<p>Dann hielt sie erschöpft inne. Der Schweiß lief ihr in Strömen herunter. Einige Marktbesucher waren stehen geblieben, lachten, diskutierten und luden die Blumenpracht auf mehrere Handwagen. Annette sah verschwommen die Rechnung, die ihr die Blumenhändlerin entgegenhielt. Zweihunderttausend Escudos &#8211;  zweitausend Mark! Das war ihr gesamtes Reisebudget für den Rest der Tage. Wieder nüchtern geworden, zog sie ihre Scheckkarte heraus und ließ den Betrag abbuchen.<br />
„The flowers to Hotel Atlantic Garden, please …” </p>
<p>Als sie nach einer Stunde – mit sich und der Welt hadernd &#8211; im Hotel ankam, waren die Pflanzen schon dort; sie hatten die Rezeption in ein Gewächshaus verwandelt. Einige  flachbrüstige Engländerinnen mit grauen Haaren und Wanderschuhen hatten sich darum versammelt.<br />
„Oh dear, was für herrliche Bäume,“ rief eine ihr entgegen. „Wo haben Sie die gekauft?“<br />
„In der Markthalle von Funchal.“<br />
„ May we buy some of them?“<br />
„Entschuldigen Sie, wenn ich mich einmische,“ sagte ein Herr um die Fünfzig und zog seinen Hut. Er senkte die Stimme:<br />
„Das wäre eine tolle Chance für Sie. Sie könnten Ihre Pflanzen mit Gewinn verkaufen. Ich selbst bin seit einigen Jahren Wanderführer auf dieser Insel und habe mir ein Häuschen am Waldrand gekauft. Sie sind sicher reif für die Insel!“<br />
Sie sah ihn an, und jetzt fiel ihr ein, woher sie ihn kannte. Er hatte den ganzen Abend an der Hotelbar gesessen, immer wieder verstohlen in ihre Richtung geblickt, während die zwei Musiker aus Italien zum dritten Mal „As time goes by“ spielten.<br />
Manchmal hat ein Frustkauf etwas Gutes, und sie hat diesen Schritt nie bereut.</p>
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		<title>Am Bad der Aphrodite</title>
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		<pubDate>Wed, 19 Apr 2006 07:16:17 +0000</pubDate>
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			<content:encoded><![CDATA[<p><em>von <a href="http://www.the-short-story.de/?p=43">Christa Schmid-Lotz</a> (copyright)</em></p>
<p>Der Sand ist grauweiß, grobkörnig, wärmt meinen nackten Bauch, dringt in die Haut meiner Ellenbogen, es kitzelt, es piekt, es beißt, ich spüre das Leben, das in den letzten Monaten wie das Herausschauen aus einem Rahmen gewesen war, wieder in mich hineinströmen. Ein sanfter Wind streicht mir über den Rücken, hebt meine Ponyfransen ein wenig von den Augenbrauen weg, zaust meine Haare, trägt den Duft von Orangenblüten herüber. Ich rieche Thymian, Rosmarin, rieche Ziegenmist und Olivenholzfeuer. Ein Himmel ohne Wolken, die weite Bucht, das Glitzern, schattenferne Berge, die sich wie Wale in den Dunst des Meeres schieben, Gischt sammelt sich, schlangenförmig wabert sie am Ufer, zerplatzt mit leisem Schmatzen, so wie schaumgeschlagene Träume zu platzen pflegen. Von durchsichtig blau verändert sich das Wasser ins Türkise, je weiter ich schaue, ins Dunkel-, ins Tintenblaue. Myriaden von Grillen zirpen vereint, ich rolle mich langsam herum und sehe Ginsterbüsche ihre Blüten auf den Strand gießen, es riecht nach Honig, daneben stehen weiße Riesenanemonen, sie zittern in der Brise und halten sich an ihren  Blättern fest. Diese Bucht ist von Göttern hingeworfen, Zeus selbst hat sein schönstes Kegelspiel aufgebaut, hier müssen sich Aphrodite, die Schaumgeborene und Apollo gesehen, sich unsterblich verliebt, ihre Seelen und Körper in einem Creszendo des Lichts vereinigt haben, hier an diesem Ort und nicht bei jener Grotte, in der täglich Hunderte von Touristen in das eiskalte, verschattete Wasser starren. </p>
<p>Meine Seele wird weit und möchte die ganze Welt in sich schließen, jeden umarmen, umgarnen, jeden Grashalm, jede Blüte, jeden Bauern, der seine Schafe vor sich her treibt, jeden Popen in seiner Ikonenkirche, jeden Fischer in seinem kargen Boot, jeden Kneipenwirt mit seinen Olivenaugen zu den Klängen der Bouzuki küssen. Eine Möwe schreit, ein Jeep hält quietschend an der Auffahrt zum Strand, der an seinem Rand übersät ist mit Zistrosen, ein Mann, er trägt sein Badezeug bei sich, groß, schlank, fast sehnig, er sagt hallo, setzt sich in einiger Entfernung nieder, zieht sich nicht aus, schaut auf s Meer. Ich bleibe eingewickelt in mich selbst, lese in einem Buch. Die Sonne brennt mir auf den Rücken, er ist schon sehr braun, gehe zum Wasser, meine Füße glühen im Sand, hier ist er feuchter, die Zehen bohren sich hinein, schleudern kleine Brocken empor, es quatscht ganz leise, Muschelschalen und  Steine glänzen weiß und marmoriert, eine Welle erreicht mich, ganz flach sind die Zungen des Meeres, es rauscht kühl um meine Beine, ich werfe eine Handvoll dieses durchsichtigen Blaus in die Luft, aufzuckend spüre ich das Nass auf meine Haut spritzen, wate hinein, tauche ein in das Türkis, schwimme, bis ich völlig durchtränkt bin von dem Element, der Klarheit, der Kälte. Ich werfe mich herum, sehe die Bucht in ihrer Totale, sehe die silbrig glänzende Sichel des Strandes, die Berge in der Ferne schweben, höre meine Atemzüge, das Gischteln, wenn meine Hände das samtweiche Wasser zerteilen, schmecke das Salz auf der Zunge. Die flirrende Luft nimmt mir den letzten krummen Gedanken aus dem Hirn, das Wasser hat jede Schwerkraft aufgehoben. Auf dem Scheitelpunkt von Meer und Himmel zieht ein Schiff dahin, als wäre es immer schon so gewesen und als gäbe es nur Frieden und Schönheit auf der Welt.</p>
<p>Zurück laufe ich über heiße Kohlen: wenn ich doch fliegen könnte!, lasse mich aufs Handtuch fallen, fühle mich heil und kühl und ganz und merke, dass der Mann ein Stück nähergerückt ist. Die Sonne steht im Zenit, ich drehe mich auf den Rücken, creme mir den Bauch ein, es riecht milchigsüß, bürste mir die Haare, das ziept ein bisschen, bin mir ganz der Realität dieses Momentes, meines Körpers, meines Daseins bewusst. Die Grillen zirpen viel lauter jetzt, sie schrillen, überkreischen das Plätschern der Wellen. Dann sind sie plötzlich still. Alles hält den Atem an.<br />
Oh Mann, ich liebe dich, ich liebe dich, du kleine, miese, fantastische Welt und selbst wenn es der einzige Moment gewesen wäre, in dem ich wirklich einen Wurf nach dem anderen, dem Leben hin getan hätte, dann hat es sich schon darum gelohnt zu leben.<br />
Aus dem Sand, aus dem Gras, dem Ginster, den Orangenhainen, den Blumenteppichen, den Bergen, dem Meer dampft mir der erste und letzte Schöpfungstag entgegen. </p>
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