Der Ausweg

von Eduard Breimann (copyright)

Pater Barnabas, Prior und Leiter der Klosterschule, schaut bedächtig auf die Köpfe, die ihm ihre messerscharf gezeichneten Scheitel zeigen. Die Jungen starren auf ihre Hefte; sie wagen es nicht, die Seiten des Katechismus umzublättern.
Es ist still, lautlos wie sonntags in der altehrwürdigen Klosterkirche, wenn der Abt, Pater Thomas, von der Kanzel auf seine Gemeinde schaut. In dieser schier endlosen Zeit, bevor er seine Stimme erschallen lässt, wirkt alles wie erstarrt.
Erst der Ausruf „Liebe Gemeinde!“ löst diese Starre. So beginnt regelmäßig die Predigt, die wöchentliche Belehrung. Diese Adresse, „Liebe Gemeinde“, lässt keinen Irrtum möglich erscheinen; sie alleine sind gemeint. Sie, die Dörfler, die seit dem Mittelalter zum Kloster Heiliges Herz Jesu gehören.
Nun wissen sie, die da versammelt sind, dass das, was von der Kanzel kommt, nur an sie gerichtet, nur für sie bestimmt ist. Jetzt schließen sich die unkontrolliert geöffneten Münder, lösen sich die verkrampften Hände, machen sich die Blicke los vom Gesicht des Abtes. Man hört sie atmen, vernimmt ihr Räuspern und das unterdrückte Hüsteln.

Die Kinder der Klosterschule sind all das gewohnt, haben gelernt, die Füße nicht zu bewegen und alle Geräusche zu vermeiden, die den Blick des Priors auf sie ziehen könnten, der jeden mit seinen Blicken erfasst. In der zweiten Bank kann man das von Generationen harter Hosenböden polierte Holz der Schulbank erkennen.
Heinrich Burkes Platz ist leer. Pater Barnabas nickt, ergreift die Kladde und schreibt mit kratzender Feder den fälligen Eintrag.
Die Klassentür öffnet sich langsam; ein Junge windet sich um sie herum, drückt sie geräuschlos hinter sich zu. Er ist zu groß für sein Alter und die Hosenbeine sind zu kurz; das flachsblonde Haar ist nass, klebt streng am Kopf.
Sein Blick schwenkt flüchtig über die Köpfe der Mitschüler, die ihn nicht beachten, angestrengt zum Pult schauen, seitdem der Pater schreibt. Der Junge schaut ebenfalls dort hin, betrachtet den Pater, seine breite Nase, das aufgedunsene Gesicht. Der Mann schlägt die Kladde zu, stiert in die Klasse, beachtet den Neuankömmling nicht. Heinrich Burke weiß, dass er stehen bleiben muss.
„Nun, meine lieben Schüler. Wir werden uns mit dem Verstoß gegen das sechste Gebot und dem Thema Anstand und Sitte in der heutigen Zeit beschäftigen. – Und natürlich mit der Frage: Was können wir tun, damit wir von dieser Todsünde verschont bleiben? – Schlagt im Katechismus die Seite sechsundzwanzig auf.”
Die Stille wird ausgefüllt mit neuen Geräuschen. Es raschelt und knistert. Heinrich Burke saugt die Luft durch die Nase, blickt zum Pater und bewegt sich nicht, während seine Kameraden laut aus dem Katechismus lesen und die Fragen des Paters beantworten.
„Wer keusch bleiben will, muss vor allem schamhaft sein. – Wer ist schamhaft?”
Der Junge an der Tür weiß es, murmelt mit fast geschlossenem Mund die fällige Antwort; es bleibt still in der Klasse.
„Nun, es ist ganz einfach: Schamhaft ist, wer die Teile des Körpers, die bedeckt sein sollen, nicht unnötig entblößt, anschaut oder berührt.”
Die Jungen sind einverstanden, nicken, lernen nun alle Regeln der Sitte und des Anstandes kennen, wissen bald, welch schwere Sünde sie auf sich laden, wenn sie im Fluss hinter dem Kloster baden und sich vor den Mädchen aus dem Dorf die nasse Hose herunter pulen.
Sie hören, dass man auf dem Klo nicht die Größe des sonst bedeckten Teils vergleichen soll. Sie sehen ein, dass man nicht durchs Schlüsselloch guckt, wenn die Schwester nackt in der Wanne sitzt und dass erst die kirchliche Trauung vollzogen sein muss, bevor man ein Kind zeugen darf – und dass man das Kind aus einer außerehelichen Verbindung ‚Kind der Sünde’ nennt.
Der Junge an der Tür starrt Löcher in die Luft, pendelt leicht mit dem Oberkörper. Man kann sehen, wie er unter der Last des Tornisters kleiner wird.
„Zum Abschluss gebe ich euch einen wichtigen Hinweis mit auf den Weg. Wie könnt ihr euch vor dieser Unmoral schützen? – Nun?”
Aber niemand kennt ein Patentrezept, das sich für die gerade betrachteten Fälle anwenden ließe.
„Nun. – Ich will es euch sagen: Wer mit unschamhaften Menschen umgeht, fällt leicht in die Sünde der Unkeuschheit. Meidet daher die Nähe solcher Geschöpfe; spielt nicht mit ihnen, flieht sie – immer!”
So einfach ist das also. Das gibt Erleichterung, das lässt sie zustimmen und nicken. Sie wissen sogleich, wen man für einen solchen Fall als passendes Beispiel heran ziehen kann und die akkuraten Scheitel fast aller Jungen drehen sich – wie an der Schnur gezogen – langsam zur Tür.
Sie erkennen, dass es nicht leicht ist, wenn man fast eine Stunde lang auf der Stelle stehen und dabei einen voll gepackten Tornister tragen muss, in den ein Unsichtbarer scheinbar in jeder Minute ein paar zusätzliche Bücher packt. Die Last hat die Schultern des Heinrich Burke nach vorne gezwungen, hat ihm einen Buckel und eingeknickte Knie gemacht. Endlich, dreht sich auch der Pater zur Tür, nimmt mit hochgezogenen Augenbrauen den Jungen zur Kenntnis.
„Aha! Schon wieder du. Bist du nicht aus dem Bett gekommen? Hast du zu lange geduscht? – Nun, wie auch immer. Lasset die Kindlein zu mir kommen, spricht der Herr. Komm also her zu mir, Burke.”
Heinrich Burke geht langsam; seine Beine wirken steif, die Schritte müssen wohl einzeln angefordert werden. An seinem Platz streift er den Tornister von den Schultern, lässt ihn zu Boden gleiten. Als er, unscheinbar und schmächtig, neben dem Mann in Schwarz steht, kichern einige Jungen in den hinteren Reihen.
„Wir haben gerade gelernt: Meidet den Umgang mit unkeuschen Menschen. Der Herr in seiner Güte hat uns den richtigen Weg gewiesen. Nehmt den Burke als mahnendes Beispiel. Ihr wisst, aus welchem Haus er kommt, wie dort das sechste Gebot des Herrn missachtet und deshalb dieses Kind der Sünde gezeugt wurde. Warum nur musste er in unser ehrwürdiges Haus kommen, warum ließ man das zu? Ich wurde ja leider nicht gefragt.“
Ein tiefer Seufzer, ein Blick zu gekalkten Decke. „Aus diesem Jungen konnte nichts werden. Seine Verfehlungen sind uns bekannt. Wer kommt immer wieder unpünktlich? Wer fehlt am Sonntag im Gottesdienst? – Ihr kennt die Antworten.”
Seine Linke tastet nach hinten und greift den zierlichen Stock, der spielerisch von einer Hand in die andere wechselt. Die Schüler beobachten das Stöckchen, das der Pater den ‚verlängerten Finger des Herrn’ nennt; etliche haben sein Wirken schön am eigenen Leib erfahren dürfen.
„Gib mir deine linke Hand, Burke”, sagte der Pater sanft.
Der Junge hebt den Arm, öffnet die Hand, die sich erkennbar sträubt. Aber er weiß, was passiert, wenn er es nicht tut. Der Pater zieht die Hand und den schmächtigen Körper des Jungen an den Talar, der scharf nach Tabak riecht. Heinrich Burke fühlt den Körper des Mannes, ekelt sich wie immer und ihm wird übel, als ihn die Bilder überfallen.
„Im Namen des gnädigen Herrn. Heinrich Burke – für dich gibt es heute zehn für die Verspätung.”
Das Stöckchen tanzt leicht über die Hand, nimmt Maß, pfeift hell, wenn es die Luft schneidet, zeichnet weiße Striemen, macht nasse Augen – und nach dem sechsten Schlag macht es auch, dass sich die Blase leert. Aber Heinrich Burke weint nicht, schreit nicht, zuckt nicht. – Er ist tot, erstarrt und gefühllos; alles in ihm ist aus Eis.
Er denkt an den Frosch, den er gestern hinter dem Schlafsaal der Klosterschule gefangen hat – und an sein schlechtes Gewissen, das ihn quälte, als er das ängstliche Tier im Einmachglas betrachtet hatte. Die Augen waren es. Diese wässrigen Augen, die ihn anklagend anschauten. Er war in der Nacht aus dem Schlafsaal geschlichen und hatte den Frosch ins Gras gesetzt – und geschworen, nie mehr Frösche einzusperren.
Der Atem des Paters geht stoßweise. Burke spürt das Zittern des Oberschenkels, der Hüfte, an die er gepresst wird.
Dann ist es vorbei. Sein Arm sinkt herunter; die Finger sind dick, weit gespreizt. In der ersten Reihe grinsen sie, blicken auf die Pfütze an seinen Füßen.
„Er hat gepisst, Pater“, ruft einer, dem Burke erst gestern einige seiner Fußballbilder, doppelte, geschenkt hat.
Das Eis verschwindet und eine heiße Welle der Scham überfällt ihn, lässt sein Gesicht rot werden. Er blickt in die lachenden Gesichter seiner Mitschüler und wünscht sich tot zu sein.
„Du kannst dich setzen. Wisch das in der Pause auf. Ich warte hier auf dich und helfe dir.“
Seine Hand zittert noch immer, als er Heinrich Burke mit einer fast zärtlichen Bewegung wegschiebt in Richtung Schulbank.
„Und für euch alle: In der nächsten Stunde werden wir das Thema Nächstenliebe besprechen. Der Herr segne euch und behüte euch, meine Kinder.”
Burke geht zu seinem Platz, wuchtet den Tornister auf den Rücken und schaut dem Pater ins Gesicht. Er weiß so sicher, was er jetzt tun muss, dass keine Angst, keine Bedenken Platz in seinem Kopf haben.
„Jetzt ist Schluss!“, sagte sein verstorbener Großvater, wenn das Maß voll war und er etwas nicht mehr hinnehmen wollte.
„Jetzt ist Schluss!“, sagt Burke in das überrascht aussehende Gesicht des Paters. „Ich geh jetzt hier raus. Und nie, nie, nie mehr komme ich wieder. Ich will das alles nicht mehr.“
Auch später, so viele Tage, Wochen und Monate nach diesen Worten, erinnerte man sich an seine glasklare und helle Stimme. An die Stimme, die im Kinderchor des Klosters nicht zu überhören war. Es war das, was allen, die dabei waren, als er den Weg hinaus aus dem Klassenraum, aus der Klosterschule, und überhaupt aus allem, beschritten hatte, in Erinnerung blieb.
Erst nach Tagen, an denen die Fragen, die alle mit dem Wort „Warum?“ begannen und auf die sie keine Antwort geben wollten, verstummt waren, begriffen sie es, ahnten sie den Teil ihrer Schuld.
Der Platz des Burke blieb bis zum Ende des Schuljahres leer. Es war diese leere Schulbank, die ihre Blicke fesselte, die jede Stille unerträglich machte.

New York, New York

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

I.

Sie heißt Elke. Sie hasste ihren Namen und brachte ihn anagrammatisch mit Ekel in Verbindung. Die Eltern stammten vom Niederrhein, waren katholisch, muteten die Erziehung, die sie selbst ertragen hatten, auch der Tochter zu, „eine bittere Medizin gegen den störrischen Willen, zur Lenkung des Fleisches, zur Ehre Gottes.“ Verspätungen auf dem Schulweg wurden mit Schlägen geahndet. Der Vater schlug mit dem Riemen (sie schämte sich dann ihrer Nacktheit). Die Mutter musste währenddessen das Essen aufwärmen, damit das Kind seine warme Mahlzeit empfinge. Kinobesuche und Gänge ins Freibad waren verboten, denn der Vater litt keine „streunende Katze“. Er wollte sich später nichts vorwerfen lassen. Der Vater. Er wusste nicht, dass auch Mädchen masturbieren, sonst hätte er nächtliche Kontrollen „durchgeführt“. Die Mutter war ein eine Schürze, ein Nichts.

Der Vater, im Krieg Oberfeldwebel, immerhin ein Ober, wenn auch kein Oberst, ist zu besichtigen auf gelbstichigen Fotos mit Büttenrand: Jungentyp vom Aussehen enthäuteter Karnickel, von fern betrachtet eine Made. Er war in Simferopol verwundet worden. Man hatte ihm ein Bein amputiert, was sein Selbstvertrauen minderte. Er fühlte sich seitdem nicht mehr als richtiger Mann. „Die schönste Zeit“, pflegte er zu sagen, „war die Zeit am Schwarzen Meer, die Zeit auf der Krim, wo ich Russisch gelernt habe – oder Ukrainisch. Gegen die wahren Russen habe ich nichts. Der Russe ist ein religiöser Mensch.“ Er klammerte sich an diese Jugend. Nach dem Krieg hatte er sein Leben abgeschlossen und ganz in den Dienst seiner Tochter gestellt. Aus ihr sollte etwas Rechtes werden. Man würde nicht früh genug damit anfangen können. Er verteidigte den Hitler, wo die „Heuchler“ ihn verdammten. War es doch der „frei gewählte Reichskanzler und Führer“, der die Arbeitslosen von der Straße geholt, mit „Pius dem Großen“ Konkordate geschlossen habe und im Sommer 41 den Bolschewiken zuvorgekommen sei, und der sich mit Churchill, dem „schlauen Fuchs von der Themse“, vertragen hätte, wenn die Engländer einsichtiger gewesen wären. „Nur das mit den Juden hätte er sich überlegen sollen, denn die haben ihm das Genick gebrochen.“ Der Vater legte auf Bildung Wert, und so setzte er energisch durch, dass die Tochter das Lyzeum zu Ende besuchte, als sie schon früh, vor der Studentenzeit, vom alternativen Leben träumte und lieber eine Schreinerlehre gemacht hätte.

Einmal sah Elke in Gegenwart ihres Vaters eine TV-Sendung über den Krieg, einen Beitrag über die Schlacht um Kiew und die ersten Tage des Vormarsches: Panzer knicken Birken, Soldaten winken, waschen sich in Trögen, lachen immerzu, zwei Ukrainerinnen entblößen ihre Brüste, sie tanzen, ein Offizier humpelt ins Bild und empfängt ein Blumengewinde, als hätten die Nazis Hawai erobert. Elke kicherte. Sie lachte an unpassender Stelle, wie der Vater meinte, so dass sie darüber in Streit gerieten. Während der Auseinandersetzung um die rechte historische Gesinnung schwang sich der Vater über sein Holzbein, erhob sich schwer aus dem Sessel, griff die Krücke, die an der Armrolle lehnte, und schlug der Tochter auf die Schulter, dass ihr Schlüsselbein brach. In ihrem Schmerz und ihrer die Angst verzehrenden Wut rief sie, dass er moralisch nicht befugt sei, sie zu tadeln, geschweige zu schlagen. Jemand, der sich den Heimatschuss gesetzt habe, möge sich ins Knie ficken. Sie wiederholte es zweimal, damit er es genau verstünde. Der Vater brach daraufhin weinend zusammen und wurde ohnmächtig. Später bestand er auf einer Entschuldigung und sprach wochenlang nicht mit seiner Tochter. Er ließ durch die Mutter ausrichten, dass sein einziges Kind unter seinem Dache wohnen dürfe, obwohl er „sein kleines Mädchen verloren“ habe.

Nach einer dann doch noch zustande gekommenen Versöhnungsfeier (anlässlich ihres Abiturs) verließ sie das Elternhaus und verlor sich – jetzt als ‘Elena’ – in der linken Szene West-Berlins. Sie wurde ‘Elen’ genannt und lebte in WGs am Stutti in Charlottenburg, später in der Kreuzberger Oranienstraße, putzte, spülte, kaufte ein und errang sich so das Wohlwollen der Geistesfürsten, die sich gegenseitig in Theologie und Soziologie abfragten und die Frauen für emanzipiert erklärten. Ob sie sich vorstellen könne, dass ihr Vater sie missbraucht habe. „Aber ja“, antwortete sie, „natürlich hat er das.“ Dann erkannte sie die Bedeutung der Frage und korrigierte sich. DARAN habe sie nie auch nur im Traum gedacht. Aber weil sie bereit sei, alle Tabus zu brechen, wolle sie auch DARÜBER nachdenken. Und eines Tages verkündete sie, dass sie mit Sicherheit überhaupt kein Verhältnis zu ihrem Vater, dem kleinkarierten Nazi-Arschloch, gehabt habe, also auch keine sexuelle Beziehung. Punkt. Der habe nur geschossen und geprügelt. Sie sei wahrscheinlich nicht einmal seine Tochter.

Die 60er. Worte des Vorsitzenden Mao, die Jubelperser und Benno Ohnesorg, unter den Talaren der Muff von tausend Jahren, Che Guevara, verwandelt euren Hass in Energie, das Massaker von My Lai, überhaupt Vietnam, aber auch Woodstock, die Anfänge der Ulrike Meinhof, die Sit-ins, Gretchen Klotz und Rudi Dutschke, die Theologie und der Marxismus. Elen wollte nicht zurückstehen, und darum studierte sie an der FU was Soziales. Sie hielt sich in Frauenzirkeln auf. Sie diskutierte mit Frauen über Frauen, über die Bedeutung des Reaktionszyklusses unter besonderer Berücksichtigung der Refraktärphase für die Befreiung der Frau aus dem Joch männlicher Bevormundung. Dann lernte sie Julian kennen. Sie hörte auf, alle zwei Tage mit ihrer Mutter zu telefonieren, und fing an, über ihren ersten „offiziellen“ Orgasmus zu schwadronieren. Das erregte keine Schwester, bis sie eher beiläufig bekundete, dass ein Mann, ihr Freund, Julian, ein Maler, den Orgasmus bei ihr ausgelöst habe, und dass sie nur von Männern beigebrachte Orgasmen als solche bezeichnen wolle. Du redest wie ein Kerl, du Flittchen! Redet sie nicht wie ein Kerl? Den Film über das Te des Tao nicht gesehen? Eine Stunde über dem Abgrund schweben, selbstreinigende Kontraktionen der Vagina auf dem Pfad zur göttlichen Ruhe? Einzige Bedingung: keine Maschine außer Higo Zuiki. Kein Schwanz, du Flittchen, sonst schneiden wir dir die Klitoris ab! Sie hatte es satt. Die erste depressive Phase setzte ein. Julian bevaterte sie und ließ sie tagsüber bei sich in der Akademie Modell sitzen. Aber er wollte nicht, dass sie sich auch für die ersten Semester feilbot, sie sei schließlich als seine Freundin bekannt! Macho! Scheißkerl. Bevatern, das hat ihr noch gefehlt! Sie wechselte zur Theaterwissenschaft, um ihrer Krise mit künstlerischen Mitteln zu begegnen.

Da bekam Julian ein Stipendium nach New York wegen zweier in Acryl gemalter Bilder, die angeblich die Hintergründigkeit der Technik, ihre Bedrohungspotenziale, aber auch ihr verselbstständigtes Sein als Paradigma menschlicher Existenz unter einer an Mondrian erinnernden funktional gegliederten Oberfläche manifestiere – wie ein Kritiker schrieb. Bei solcher Kritik war die Vergabe des Stipendiums für die akademischen Lehrer an kein Risiko mehr gebunden. Julian könnte die Werke nach New York mitnehmen und es dem Zufall überlassen, ob er sie nur verkaufen oder in einem Potlatch-Happening zu Ehren frühmarxistischer Indianer vernichten würde. Solche Absichtserklärungen gingen ihm glatt von der Zunge, wie auch die Feststellung, er werde das Stipendium mitgehen lassen, obwohl die Bilder nichts taugen könnten, wenn sie ein bürgerlicher Kritiker lobt.

Die Bilder, die Julian verabscheute, weil sie ein Bourgeois gelobt hatte, zeigten vordergründig folgendes: Beim ersten Bild den Längsschnitt durch einen Einzylinder-Stirling-Motor mit Rhombengetriebe auf rosa Untergrund. Lufteinlass und Zerstäuber leuchten wie Gloriolen. Das Lippenstiftrot auf dem Brenner, dick aufgetragen und schmierig, lässt sich mit den Fingern ertasten. Die Farbe des Kühlraums, ein taubes Smaragd, wirkt nichtssagend und darum geheimnisvoll. Dafür erstrahlen Arbeits- und Verdrängerkolben in hellem Silber. Das Rhombengetriebe protzt mit Purpur wie ein Kardinal. Schwarze Linien gleicher Dicke trennen die farbigen Flächen voneinander. Beim zweiten Bild den Grundriss eines Elektronen-Synchrotrons. Der Ringtunnel ist vollgestopft mit sattem Blau, der Radialtunnel mit demselben Lippenstift gezogen (nämlich mit Elens) wie der Brenner des Stirling-Motors, ebenso der Linearbeschleuniger. Die Laborgebäude strotzen vor Lila, der Generator brummt in Rosa und der Kontrollraum prangt in Grün. Die Farbflächen sind wiederum durch sorgfältig gezogene schwarze Linien gegeneinander und gegen den goldgelben Hintergrund abgesetzt.

Die korrespondierenden Farben auf beiden Bildern veranlasste die Kritiker in New Yorker Studentenkreisen, statt von einem Diptychon von einem unvollendeten Triptychon zu sprechen, weil das Werk aus nur zwei Tafeln bestehe und nach der dritten unerschaffenen schreie. So biete es ein Sinnbild des Unvollkommenen, aber auch der Entwicklungsmöglichkeiten. Julian hatte dieser (vermutlich nicht bourgeoisen) Kritik ihren Anteil am schöpferischen Prozess eingeräumt. Da kam ihm ein Zufall zu Hilfe, eines der Ereignisse, die in New York häufig stattfinden. Jemand hatte einen benzingetränkten Lappen angezündet und in ein leerstehendes Haus geworfen (frage einer warum). Nach einer Stunde entschloss sich das Haus, für die Anrainer sichtbar zu brennen. Es brannte lichterloh, und der Eisverkäufer auf dem Parkplatz an der Ecke Fifth Avenue und 131. Street machte den höchsten Stundenumsatz seines Lebens. Die Gaffer kauften bei ihm und leckten schnell, denn der Russ setzte sich auf die Eisbällchen und würzte sie mit Zigarrenaroma. Nachdem die Feuerwehr angerückt, das Haus ertränkt und wieder abgerückt war, erschien Julian in Begleitung zweier Neger, Tänzern einer Straßentheatergruppe, und brach drei noch triefende verkohlte Fensterrahmen aus dem ersten Stock – das Rohmaterial seines Triptychons. In seinem Atelier, nicht weit von der Ruine, stellte er ein Gerüst auf, das aus den drei Rahmen bestand. Den mittleren verankerte er in einer Predella aus Beton. Die Flügel behängte er mit seinen beiden Bildern. Ihre Anordnung überließ er dem Zufall (der seiner Ansicht nach der beste Künstler ist).

Julian entwickelte, inspiriert durch das unvollendete Triptychon (von einem vollendeten Diptychon wollte er nichts wissen), seine Philosophie der Unvollkommenheit, des Unterentwickelten, nach Vollendung Strebenden, aber nie Erreichenden. Darin erblickte er den Sinn von Kunst. Und darum veranstaltete er Happenings, in denen er geometrische Figuren zerschlug, Partituren von Mozart und Abbildungen der Gaußschen Normalverteilung zerriss, sogar ein Bild von Cynthia Myers vor einem Jaguar XJ6 (Sechs-Zylinder-Reihenmotor) – nicht um das Schöne, das Bewährte zu verhöhnen, sondern um das Vollkommene zu erlösen, es aus seinen engen Grenzen, die keine Abweichung erlauben, zu befreien.

II.

Elen war ihrem Julian nach NY gefolgt. Sie wollte dort so lange bleiben, bis ihr das Geld ausgehen würde, also mindestens vier Monate (es langte für zwei Wochen). Sie fand durch Julian Anschluss an Gruppen, die Straßentheater machen. Sie brauchte nicht großartig eingeführt zu werden. Du lernst jemanden kennen, kriegst eine Telefon-Nummer, hallo, komm vorbei. Sie blieb vierzehn Tage in der Gruppe, schlief nachts bei Julian und lebte tagsüber auf der Straße. Das letzte Geld verlor sie – standesgemäß – auf theatralische Weise.

Es stieß ihr das zu, womit jedes Greenhorn in NY ständig rechnet. Nahe dem Haus, aus dem der Rahmen des Triptychons stammte, stellten sich ihr zwei Jungen und zwei Mädchen in den Weg. Die Mädchen befummelten sie und nahmen ihr das Geld fort, gewaltlos, schnell, geschäftsmäßig wie Zollbeamtinnen. Elen bekam kein Messer zu sehen, denn sie wehrte sich nicht. Die Dollars, mit denen sich die Jugendgang zufrieden gab, hätten bestenfalls für eine Woche gereicht. Es lohnte sich nicht, wegen der paar Kröten erstochen zu werden. Ein Unglück kommt selten allein. Julian trennte sich von ihr. Er zog nach Baltimore. Ob es zu seinen künstlerischen Verpflichtungen gehörte oder nicht, darüber machte sich Elen keine Gedanken mehr. Es war ihr egal. Sie hatte ja schon Schlimmeres erlebt, ihren Vater, die Zicken in Berlin und das Verbrechen auf New Yorker Straßen. Sie wollte nicht von Julian abhängen, New York nicht verlassen und auf keinen Fall nach Deutschland zurückkehren. Sie klammerte sich an New York. Es würde noch lange dauern, bis sich das Gefühl einstellt, alles gesehen, alles erlebt zu haben, was sich mit ihrer körperlichen Unversehrtheit noch einigermaßen vertrüge. Außerdem schuldete NY ihr etwas (nicht nur ein paar Dollar).

Julian überließ ihr zum Trost das Triptychon, das zwar über den grünen Klee gelobt worden war, aber niemand gekauft hatte. Elen wollte es als Theaterkulisse verwenden. Sie schrieb dazu einen wirren Text, den die Theatergruppe für spleenig hielt und nicht aufführte, nicht aufführen konnte. Weil das Triptychon nicht vollkommen war, brauchte er nicht zerstört zu werden. Daher blieb es in Julians Wohnung, die sie bezogen hatte, und diente ihr als Paravent. Sie lasierte die verkohlten Rahmen und erneuerte die Lippenstift-Partien. Nach dem Verzehr der knappen Mittel, die Julian ihr zurückgelassen hatte, lehrte sie zwei Stunden pro Woche die Kinder eines jüdischen Immigranten deutsche Literatur (Borchert, etwas Dürrenmatt, etwas Brecht, Kästner, aber nicht Böll, den mochte sie nicht). Das reichte zwei Tage in der Woche zum Essen, darum ging sie in den Haushalten reicher Leute putzen. Dieser Job war anstrengend, wurde aber mit acht Dollar die Stunde gut bezahlt.

Ihre große Chance kam mit dem Angebot, eine Stelle als Table Dance Girl, als Teedeegee, anzunehmen. Jemand aus der Theatergruppe spielte ihr eine Telefon-Nummer zu, und sie rief an. Man fragte sie, ob sie tanzen könne. Sie dachte, tanzen kann jeder, und sagte ja. Sie wusste nicht genau, was ein Teedeegee tun muss, nur ungefähr. Das aufputschende Gogo für mach schon, bring es, du musst kommen, zeig es mir, go on, yeah, weiter, weiter, marschieren, stell dich nicht an, beweg deinen Arsch, du zeigst es mir, lass dich nicht hängen, bring es endlich, genug für heute. Das erinnerte sie an David Hemmings, den Fotografen in Blow Up, dem Film, den sie in einem Kino-Tempel der Houston Street gesehen hatte (Hausten nicht Justen). Sie lernte, es zu bringen und zu kommen. Sie marschierte und machte voran. Das Ausziehen hatte ihr von Anfang an keine Schwierigkeiten gemacht. Der Choreograf war schwul und so fachmännisch wie ein Gynäkologe. Er zeigte nicht die geringste Begehrlichkeit von der Art, wie Elen sie von den Demos kannte, an denen sie einmal (aber nur einmal) nackt teilgenommen hatte. Sie erzählte später: Zuerst habe ich vor mich hin getanzt, dann habe ich mir einiges von den Schwestern abgekuckt und mir selbst Bewegungsabläufe beigebracht, die mir persönlich liegen und bei denen ich mich gut fühle. Dann nahm mich Fag, der Schwule, in die Mangel. Er war der einzige Mann, den ich respektierte. Ich liebte ihn sogar, seiner Disziplin und Professionalität wegen, die mir das Gefühl gaben, eine Künstlerin zu sein. Und verdammt noch mal, wieso war ich keine Künstlerin? Ich konnte mich nicht ans Klavier setzen und spielen, ans Klavier setzen ja, aber nicht spielen, nicht einmal den Flohwalzer. Aber auf den Tisch springen konnte ich und tanzen, dass die Männer ein Rohr kriegten. Ich kam an. Die Männer mochten mich. Sie setzten sich vor mich hin und tranken Bier. Ich brachte ihnen Schluckbeschwerden bei, wenn ich den Zeigefinger zwischen die Beine steckte. Manchmal ging ich mit 500 Dollar pro Abend nach Hause.

Ein halbes Jahr später bezog sie – mit Triptychon – ein Loft in der Bronx. Eine gekälkte Betonsäule quadratischen Querschnitts und eine schwarz lackierte Druckmaschine standen mitten in ihrer Wohnhalle, dem einzigen Raum neben Badezimmer und Toilette. Sie hatte sich etabliert. Nun musste sie ihren Aufenthalt durch Heirat legalisieren. Darum interessierte Elen sich zunehmend für die Männer, die im Tingeltangel vorbeischauten und mit hündischen Blicken um Beachtung warben. Sie würde einen von ihnen heiraten. Elen genoss die Macht über die Kerle, die ihr zu Füßen saßen, ohne die Augen von ihr zu wenden. Sie brauchte nur in den Hüften zu schaukeln, die Hände auf den Po zu klatschen, über den langen Tisch zu schreiten, und die Spanner reagierten mit Geldscheinen. Reagierten, man kann auch sagen ejakulierten. Denn sie würden sie gerne vollspritzen, das spürte sie, das schmierige Papier war nur ein Ersatz. Sie begann damit, ihre Kunden auf die Wohnung zu nehmen. Eine emanzipierte Frau, dachte sie, ist stark genug, Männer zu gängeln, ihnen zu gewähren oder zu versagen, eine emanzipierte Frau braucht ihnen nicht aus dem Weg zu gehen.

Der erste war ein Staatsanwalt, den sie geheiratet hätte, wenn er nicht beim Hochseefischen ertrunken wäre. Der zweite: ein Mann, der lange Haare über sein sanftes Pferdegesicht fallen ließ, ein Vietnam-Veteran, der am Knie verletzt worden war und unter PTSD litt. Ihn hätte sie vermutlich geheiratet. Er brachte einen blinden Hund (keinen Blindenhund) in die Liaison. Das Verhältnis zerbrach, weil der junge Veteran auf der Straße einen mit Junk vollgepumpten Deutschen erstechen musste. Der Dreckskerl hatte den blinden Hund getreten, weil der nicht zur Seite gesprungen war. Dann gab es da plötzlich das Messer. Es ließ sich auf seinem Weg durch die Bauchschwarte nicht mehr aufhalten. Der Deutsche starb am Schock. Der Coroner erklärte, die Wunde selbst sei nicht tödlich gewesen, und das Gericht erkannte auf mildernde Umstände, aber nicht auf Notwehr (ein Deutscher ist allemal mehr wert als ein blinder Hund), es berücksichtigte jedoch die Kampfeinsätze in Vietnam und die daraus resultierende seelische Zerrüttung. Trotzdem, Elens Heiratskandidat musste für fünf Jahre ins Gefängnis.

Der dritte Mann erfüllte zu bald die Gewaltstatistik. Zuerst raspelte er Süßholz, küsste ihr die Hände, kniete vor ihr, dann wurde er allmählich handgreiflich und langte ihr an die Brust. Elen entzog sich und wollte eine Platte auflegen. Das mach nur, Baby, aber beeil dich. Sie legte die Enigma Variations auf, um den Mann zu ernüchtern (wie sie später erzählte). Willst du mich verarschen? Glaubst du, deswegen wär ich hier? Er drehte am Knopf des Lautsprechers, bis er nicht mehr zu verstehen brauchte, was sie rief, nämlich dass er hier nicht den wilden Max markieren solle, sie würde es ihm auch so machen. Der Mann hörte davon nichts, wie gesagt, und warf sie gegen die Druckmaschine, so dass ihr die Luft ausblieb. Sie ließ sich zu Boden gleiten. Verdammtes Dreckschwein. Sie hatte nicht den Mut, ihm die Finger in die Augen zu stechen, aber sie schlug ihn aus unterlegener Position und schrie dabei einen schaurigschönen Diskant. Das hielten die Nerven des Mannes nicht aus, darum würgte er sie. Als sie aufwachte, blutete sie zwischen den Beinen. Der Unterleib schmerzte. Sie schleppte sich aus der Wohnung in einen 24-Stunden-Laden.

Die Vergewaltigung brachte sie abermals in die Krise. Elen konnte nicht mehr in der Teedeegee-Bar arbeiten, weil sie sich vor den Männergesichtern ekelte. Zu ihrer eigenen Sicherheit nahm sie eine Freundin auf die Wohnung, eine Bekannte aus der Theatergruppe, eine Irin, Eileen. Sie hatte unter dem Pseudonym Karin Billed ein S&M-Institut gegründet. Elen durfte einmal zuschauen, geschützt durch einen semipermeablen Spiegel. Sie sah eine gefesselte Frau, wie Andromeda mit hochgereckten Armen, die Brüste preisgebend. Die Dame erregte sich, nach dem Schrei-Stöhnen zu urteilen, während Karin ihr mit einem blitzenden Messer um die Nippel strich, so dass Elen befürchtete, sie würden abgeschnitten und augenblicklich wie Mensch-ärgere-dich-nicht-Figürchen zu Boden fallen. Aber nichts dergleichen geschah. Im Gegenteil. Karin liebkoste ihr Opfer und überzeugte es davon, dass es geborgen sei, dass ihm nichts Grausames geschehe und dass sie, Karin, niemals „die Grenze überschreiten“ werde. Elen brach in Tränen aus. So behütet sein! Beim Italiener in der Kenmare Street erklärte Eileen (alias Karin), dass ihre S&M-Praktiken Religion hätten. „Ist unsere abendländische Bilderwelt nicht voll S&M? Der heilige Sebastian, he? Die heilige Barbara, der sie die Titten abgeschnitten haben? Die Leiden und das Entzücken der Heiligen? Und dann der Super-Cowboy Jesus Christus? Wie er sich am Kreuz windet. O, lass es genug sein! He? Ihr leidet und sollt getröstet werden – das ist die Message. Komm Kleines, mach dir nichts daraus. Ich bin sanftmütig, ich verletze niemanden, ich führe sie an den Abgrund, aber ich halte sie fest. Ich bin stark.“

Eileen war die starke Frau. Sie stammte aus Mayo, war kurze Zeit am Abbey gewesen, hatte Synge und O’Casey gespielt und konnte in einer traurigen, getragenen Stimme Yeats rezitieren. Sie besaß außerdem große, weiche Brüste, und Elen fing an, sie zu lieben, wegen alledem: Dass sie aus Mayo stammte, Schauspielerin war, diese Stimme hatte und wegen der warmen Anlege- und Ruhestelle – und der Religion, dem tieferen Sinn von S&M. Und klang Eileen nicht wie Elen, nur viel, viel schöner? Die Entdeckung ihrer sapphischen Liebe stürzte sie in Selbstzweifel. Sie wollte jetzt keinesfalls NY verlassen. Jetzt gerade nicht. Die Stadt schuldete ihr vieles. Sie klammerte sich an sie und erwartete von ihr weitere Aufschlüsse über sich. Sie musste zunächst das Gefühl der Ohnmacht überwinden und dann mit ihrem Gefühl für Eileen fertig werden.

Elen hatte ja das Geld für eine psychotherapeutische Behandlung. Außerdem war es eine Selbstverständlichkeit, sich psychotherapieren zu lassen – in einem Stadtteil, wo fast jedes Haus einmal brennt, nichts Außergewöhnliches. Originell war nur ihre Idee, gleich selbst Psychotherapie zu studieren. Sie besuchte eine teure Privatschule, die ihr ein anerkanntes Diplom aushändigen würde. Den Unterricht (in der Lexington Avenue) finanzierte sie mit ihren Ersparnissen aus der Teedeegee-Bar, und so fuhr sie zur Lexington viele Monate unbehelligt in den Graffiti-U-Bahnen der Linie 4 von der Woodlawn Station bis zum Grand Central durch eine kühle, verinnerlichte Welt, um zu lernen, wie man zu sich findet, ohne sich zu verletzen. Sie hatte in der ganzen Zeit keinen Kontakt zu Männern, außer mit einem um die 50, der ihr eine milde Form der Religion beibrachte, eine Selbstbespiegelung, in der angeblich auch die Welt erkennbar würde, eine abführende, beruhigende Betrachtungsweise, in der von allem etwas vorkam: Transpersonale Psychologie, populärwissenschaftlich ausgedünnte Quantentheorie, Zen-Buddhismus (um nur drei zu nennen). Er lehrte sie, ihre Angst zu verdinglichen und dann zu zerstören (deshalb zertrümmerte sie das Triptychon). Einmal war es dazu gekommen, in Hui’s Reishaus, dass der Mann seine papierleichte, unberingte Hand auf ihre Knie legte und seufzte. Das hatte sie zugelassen, ohne zur Toilette laufen und kotzen zu müssen. Aber am selben Tag drängte Elen ihre irische Freundin, mit ihr zu schlafen. Eileen gewährte es, stark, geduldig, zärtlich. Als die Irin einen Monat später die gemeinsame Wohnung verließ, um nach LA zu ziehen, schluckte Elen eine halbe Schachtel Schlaftabletten und wachte zwei Tage später hungrig auf. Sie weinte, saß vor dem TV-Gerät, weinte, sah Werbespots, weinte, trank eine Flasche Tullamore Dew, Eileen zu Ehren, und legte sich nackt aufs Bett, die Whisky-Flasche zwischen den Brüsten. Sie verbrachte zwei buddhistische Tage. Dann setzte sie ihre Studien fort, als wäre nichts gewesen.

Nach ihrer Ausbildung erhielt sie eine Stelle als Beraterin in einer katholischen Mädchenschule, wo Kinder schwarzer Einwanderer aus der Karibik unterrichtet wurden. Elen hatte ihre Behauptung, religiös zu empfinden, nicht beweisen müssen, weil die Nonnen sich nur EINE Form der Religiosität vorstellen konnten oder weil sie – im Gegenteil – durch den Umgang mit Fremden gelernt hatten, viele Ausprägungen religiösen Lebens zu dulden. Elen kam sich vor wie Barbarella im Zentrum des KGB. Keiner durfte etwas über ihre Vergangenheit wissen. Sie kleidete sich streng und trug eine Brille. Sie zog in die Nähe der Capuchin Sisters of Cana, in ein Viertel bürgerlicher Armut. Die Kinder, mit denen sie arbeitete, verhielten sich aggressiv, litten unter den Konflikten, die afro- und lateinamerikanische Familien ohne festes Einkommen zu ertragen hatten. Aber sie waren begabte Schauspieler. Elen organisierte Rollenspiele, und die Kinder gaben schreiend und gestikulierend wieder, was ihnen während häuslicher Streitereien zugestoßen war. Sie besaß nun, was sie wollte: die therapeutische Arbeit, das Theater (und mit ihm die Erinnerung an Eileen), etwas Sicherheit, ein ausreichendes Gehalt. Selbstachtung. Sie arbeitete gerne mit den Nonnen. Sie mochte Frauen, die ohne Männer auskommen. Und sie nannte sich wieder Elke – Elkii. Die Schraube der Dialektik hatte sich gedreht, eine Umdrehung nach oben. Elke war angekommen. New York hatte sie nicht ausgespien.

Der Kuppler

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

Was wissen wir über Chinesen? Eben. Darum habe ich die Ausstellung im Alten Museum besucht. Ich erinnere mich nicht genau an das Thema (Schätze der Himmelssöhne oder so ähnlich), aber ich erinnere mich daran, dass ich von einer Gruppe junger Mongolen oder Chinesen empfangen wurde (den Anschein hatte es), denn sie standen im Halbkreis auf dem Rasen im Lustgarten und sangen: „Oaaah“ und „Eiiih“. Beim tiefen Oaaah beugten sich die Sänger nach vorn, beim hohen Eiiih nach hinten. Sie fassten sich an den Schultern, winkelten ihre Beine und gaben mir und anderen Ankömmlingen Proben ihrer Sangeskunst.

Und ich erinnere mich sehr gut an eine Museumsbesucherin, die in Verzückung geriet angesichts eines Bronzegefäßes, dessen Griff die Form eines Drachens hat, der die Außenwand hochklettert und sein lechzendes Gesicht der Höhlung entgegenreckt. Die Dame rief: „O, wie süß! Wie er hochkrabbelt, um auch was zu kriegen!“ Ich wähnte, sie habe es mir zugerufen, weil ich zufällig neben ihr stand. Ich schloss mich ihr an, weil ihre Begeisterung meinem Herzen einen Hupfer, einen Aussetzer und wieder einen Hupfer beschert hatte. Wir drifteten gemeinsam durch die Ausstellung, von der ich nicht mehr viel in Erinnerung behalten habe, nur noch eine Knoblauchknollen-Vase, auf der sich ein roter Drache im blau-grünen Blätterwerk räkelt. Meine Begleiterin: „O, wie süß! Wie er sich räkelt, weil er so glücklich ist!“

Auf der Freitreppe wollte ich ihr einreden, wir müssten das Gesehene noch eingehend besprechen. Die chinesische Kunst eigne sich nicht als Deuterin gesellschaftlicher Veränderungen, zu konservativ – nicht wahr? Oder sei die kaiserliche Sammlung nur einseitig zusammengetragen worden? Wie sie darüber denke. Das buddhistische Sonnenrad habe eine verstörende Wirkung auf mich ausgeübt, und sie dürfe mich jetzt mit den vielen Impressionen nicht alleine lassen!
„Wie auch immer“, sagte sie, „hier haben Sie meine Handy-Nummer. Aber rufen Sie nicht eher an, als bis Sie das chinesische Zimmer im Charlottenburger Schloss besucht haben! Ich will jetzt alleine die vielen Eindrücke verarbeiten. Wenn sich alles gesetzt hat, sehen wir weiter. Okay? Okay?“

Mir blieb nichts anderes übrig, als zum Charlottenburger Schloss zu fahren. Und ich sage Ihnen was: Wenn man kein Auto hat, ist das gar nicht so einfach. Zuerst mit der S-Bahn (wo sie neuerdings nur alle zwei Stunden fährt), dann mit dem Bus. Was soll‘s. Ich nahm also an einer Schlossführung teil. Die Führerin, die häufig „sozusagen“ einstreute, erzählte dies und das, auch einiges Herzergreifende über die Königin Luise, und wir erreichten endlich das Porzellan-Kabinett im Westflügel.

Die Hohenzollern unterhielten verwandtschaftliche Beziehungen zur Seemacht Holland und importierten chinesisches Porzellan aus Amsterdam. Der frischgebackene König in Preußen (wohlgemerkt IN Preußen), Friedrich I., putzte „sozusagen“ seine Sommerresidenz heraus und gab mit dem weißen Gold mächtig an. Soweit so gut. Dann erklärte unsere sozusagen Führerin, dass viel Porzellan im zweiten Weltkrieg zerschlagen worden sei. Ach was! Im wörtlichen Sinne sozusagen. Ich blickte verstohlen zu den chinesischen Touristen hinüber und dachte, eigentlich müsse China Wiedergutmachung einklagen, denn die Deutschen waren schlechte Treuhänder der chinesischen Kunst. Da berichtete unsere Führerin, dass die Kulturrevolution in China einen großen Teil der eigenen Hinterlassenschaften, also der chinesischen, zerstört habe. Beijing (alias Peking) und Berlin versuchten seit Jahren, ihre Keramik-Bestände wieder aufzufüllen und Chinoiserien weltweit einzukaufen. Da half beiden ein denkwürdiger Zufall: Ein Unterwasser-Archäologe entdeckte im Indischen Ozean ein vor 200 Jahren gesunkenes Schiff voller Steinzeug, chinesischen Porzellans. Er barg es und versteigerte es in Amsterdam. Berlin und Beijing boten gegeneinander und deckten sich ein. „So spielt die Geschichte sozusagen.“ Die Deutschen und Chinesen zerschlagen Porzellan, und das Meer sorgt dafür, dass nicht alles verloren geht. Warum ich Ihnen das erzähle? Steckt es nicht voller Ironie? Ich erzähle es aber auch, weil während der Führung zweimal das Wort Amsterdam gefallen ist.

Nach dem Besuch fuhr ich mit dem Bus zum Ernst-Reuter-Platz. Dort stieg ich aus und wanderte die Straße des 17. Juni entlang in Richtung Tiergarten. An jenem Tag war die nördliche Seite mit Verkaufsständen zugestellt: Kunsthandwerker, Trödelhändler, Antiquitätenverkäufer und Antiquare hielten ihre Waren feil. Ein Stand zog mich an. Die Verkäuferin, eine in bunte Wolle gekleidete Italienerin oder Rumänin von etwa 40, pries ihre Steine und Scherben, die vor ihr ausgebreitet lagen. Eine Auslage fiel mir besonders auf, eine in Silber gefasste rundgeschnittene Porzellanscherbe, scheinbar chinesischer Herkunft. Auf das rauchige Porzellan sind mit satter Farbe – preußischblau – in zwei Spalten je zwei Zeichen gepinselt. Der glasierte Untergrund besitzt die Farbe des Himmels, während sich der Nebel lichtet (sagte die Verkäuferin). Die Sonne hat ein centgroßes Loch in den Himmel gebrannt. So sieht es aus. Die weiße Stelle, die wie die Sonne durch den Nebel schimmert, rühre von einer Pfeilspitze her. Die poetische Händlerin erzählte mir dazu die Geschichte von dem mongolischen Krieger, der einen Pfeil durch ein geschlossenes Fenster, dessen Scheibe aus Papier besteht, auf eine Vase abschießt, ohne sie zu zerstören. Er tut es, um einer gefangenen chinesischen Prinzessin, die er heimlich liebt, zu imponieren, ihr seine Treffsicherheit zu beweisen, seine Männlichkeit, seine Tauglichkeit, seine ritterliche Tugend. Und die italienische (oder rumänische) Standbesitzerin erklärte mir ferner, die Scherbe stamme aus der Ming-Zeit und sei infolgedessen ungefähr 500 Jahre alt, wenn man der Schätzung das arithmetische Mittel zwischen Beginn und Ende der Ming-Dynastie zugrunde lege.

Diese Erklärung weckte sofort mein Misstrauen, denn der Begriff Ming-Zeit ist der einzige historische, den man einem Europäer über die Geschichte Chinas abverlangen darf, und wer eine chinesische Antiquität zu verkaufen vorgibt, wird sie aus jener Zeit stammen lassen. Ich fragte, das Medaillon hin- und herwendend, nach der Bedeutung der Schriftzeichen, und sie antwortete, gut vorbereitet auf eine Frage, die jeder Kunde stellt: „Es heißt, ein langes Leben in Gesundheit und Zufriedenheit.“ Ich sah sie von unten her an (obwohl ich größer bin als sie) und meinte: „Es heißt womöglich: zwei Sack Reis und eine Peking-Ente zu zahlen an den Mandarin, der nicht alles glaubt.“ Sie lächelte wissend, so dass zwischen uns eine Kumpanei der Augen entstand. Dann sprach sie den kaufentscheidenden Satz: „Diese Scherbe kommt aus Amsterdam, dort werden echte Scherben gehandelt.“ Das entschied, und ich griff seufzend in die Börse. „Weil Ihr Verkaufsargument so überzeugt“, sagte ich und setzte alles daran, sie glauben zu machen, dass ich nur ihretwegen die gelungene Fälschung kaufte. „Es heißt wirklich das, was ich Ihnen gesagt habe, die Fassung ist aus spanischem Silber.“ Als wäre das eine Garantie für die Echtheit!

Als ich in der U-Bahn saß (für diejenigen, die es genau wissen wollen: in der U6 zum Halleschen Tor) und das Schmuckstück aus meinem Taschentuch wickelte, um es in Ruhe zu studieren (und nicht unter den Augen einer intellektuellen Verkäuferin, einer Arztgattin vielleicht, die nach Selbstverwirklichung strebt, oder einer arbeitslosen Lehrerin), fiel mir ein, dass die Brosche höchstwahrscheinlich unecht ist und darum die Schriftzeichen genau die Bedeutung haben, die sich für Geschenke so gut eignet. Ich fühlte mich im Nachhinein ein bisschen als Opfer meiner eigenen Dummheit.

Jetzt durfte ich meine Museumsbekanntschaft anrufen, jetzt endlich, da ich meine Prüfung in Charlottenburg bestanden hatte und außerdem ein Geschenk für sie parat hielt. Ich lud sie in das China-Restaurant Rathausstraße ein und überreichte ihr feierlich – als Beweis meines ungeheuchelten Interesses an der chinesischen Kultur – die erworbene Brosche, nicht ohne zu erwähnen, dass die IN SPANISCHES SILBER gefasste Scherbe aus der Ming-Zeit stamme und die Schriftzeichen die Bedeutung hätten: Ein langes Leben in Gesundheit oder so ähnlich. Meine neue Flamme war von der Echtheit des Silbers überzeugt und darum auch von der Echtheit der Scherbe (umso mehr als sie weder den Ort des Erwerbs noch den Preis erfahren hatte), so dass sie entschieden die Übersetzung anzweifelte und mich einen charmanten Flunkerer nannte, worauf ich mir was zugute hielt. Benoite (so heißt meine Freundin, sie hat eine französische Großmutter) heftete die Brosche auf ihren Pullover, dort wo sie den Ausschnitt zusammenraffen konnte. Der Pullover passte zufällig gut zu den Blautönen des Porzellans und auch zu der Kette aus schwarz lackierten Holzzylindern, die ihr am Hals baumelte.

Benoite fragte die Bedienung nach dem Sinn der Schriftzeichen und zeigte dabei spitz auf ihren vorgereckten Hals. Das Mädchen wurde rot, und ich vermutete eine Sensation, eine neue, überraschende Übersetzung der kalligraphischen Zeichen, vielleicht etwas Obszönes, aber die junge Frau bekannte nur, sie könne, obwohl Chinesin, die Zeichen nicht deuten, sie sei in Deutschland zur Schule gegangen. Benoite versicherte ihr, dass sie ohne eine fachkundige Übersetzung keinesfalls eine Bestellung aufgeben werde! Das Mädchen eilte in die Küche und kam mit Porzellanschüsselchen voll heißen Reisweins zurück. Es vertröstete uns damit, dass Madame, die das Etablissement leite, nach ihrem Friseurbesuch den Wunsch der Kundin befriedigen werde. Daraufhin bestellte ich die Reistafel für zwei Personen. Benoite verschwand für zehn Minuten oder auch für zwölf, denn die Zeit ihrer Abwesenheit kam mir ziemlich lange vor. Als sie zurückkehrte, erlebte ich eine heitere, frisch geschminkte Benoite, in sich ruhend wie eine Schwangere, göttinnengleich.

Madame erschien nach der Frühlingsrolle, ernst, auf das Schlimmste gefasst, und stellte sich als Geschäftsführerin vor. Sie versprach, ihre geringen Kenntnisse ganz in den Dienst der kostbaren Gäste zu stellen. Benoite wiederholte ihr Ansinnen und blieb die ganze Zeit über, während derer Madame die Brille entfaltete und gegen die Nase drückte, in ihrer die Büste betonenden, vorgestreckten Haltung sitzen. Madame entzifferte: „Sie ist Wunsch nach Gesundheit und bittet langes Leben herbei.“ Danach versteckte Benoite ihre Lämmer unterm Pullover und sagte: „So ein Zufall.“ Wir bedankten uns unisono und Madame entfernte sich lächelnd (hintergründig). Benoite ließ sich nicht davon abbringen, dass ich die Übersetzung nur ihretwegen gut erfunden hätte, und meinte:
„Sie haben entweder verdammtes Glück oder die Geschäftsführerin bestochen, jedenfalls ist Ihnen nicht zu trauen.“
Darauf ich: „a) habe ich Madame heute zum ersten Mal gesehen, b) zum ersten Mal seit langer Zeit, c) stimmt alles, was ich über die Schriftzeichen gesagt habe, und d) stammt es aus zuverlässiger Quelle, nämlich e) aus Amsterdam, wo es f) ein Chinesenviertel gibt.“
„a), b), c), d), e), f) – Sie sind ein pedantischer Lügner, der nicht an Zufälle glaubt. Ich glaube viel lieber an den Zufall, an einen sehr unwahrscheinlichen obendrein, denn er ist ein gutes Omen für die Erfüllung der Segenswünsche, du Dummkopf.“ Es war das erste Mal, dass sie mich duzte.

Zuerst dachte ich: Wahrscheinlich hat meine Verkäuferin mit der Übersetzung des Textes Recht, denn Madame kommt zu demselben Ergebnis – und dann kann es nur eine Fälschung sein. Hoffentlich laufen nicht zu viele mit der gleichen Scherbe und demselben Text durch Berlin! Da dämmerte es mir. Benoite meinte zwar, ICH hätte Madame bestochen. Dabei verhielt es sich genau umgekehrt! Warum war sie so lange fortgeblieben? Eine Frau, und erst recht eine Frau wie sie, kann ruckzuck ihre Lippen und Brauen nachziehen, das dauert keine Ewigkeit, das machen Frauen im Handumdrehen. Nein. Sie hat Madame instruiert, sie möge in etwa den Text wiederholen, den Benoite von mir erfahren hatte! Na warte!

Ich rief sie an: „Ich kenne einen, der kennt einen, der einen Sinologen kennt. Neunzehntes Semester. Ich habe ihn für übermorgen eingeladen und in Aussicht genommen, ihm eine bezaubernde Dame vorzustellen, eine Dame, die sich für chinesische Vasen und dergleichen interessiert und für Kalligraphie, weil ihr alles, was schön ist, am Herzen liegt.“
„Blablabla. Was willst du mir eigentlich damit sagen?“
„Dass du bitte übermorgen zu mir kommst und zwar mit deiner chinesischen Brosche. Der Sinologe, ein reizender Mann, wird sich Mühe geben, den wahren Text darauf zu entziffern.“

Nach einer entnervenden Diskussion willigte Benoite ein zu kommen, weil ich sonst sowieso keine Ruhe gegeben hätte. Meinen Bekannten, einen jungen Dozenten von der TU, habe ich ordentlich ins Bild gesetzt:
„Du machst dich in Wikipedia kundig und lernst alles, was dort über Chinesen steht, die Dynastien, die Schriftarten. Du prägst dir ein, dass Gelb die kaiserliche Farbe ist. Du sagst immer Beijing, niemals Peking! Du holst dir „den letzten Kaiser“ von Bertolucci aus der Videothek. Betone, dass Drachen Glücksbringer sind, und komm mir ja nicht mit dem Heiligen Georg und seiner Drachentöter-Scheiße. Benoite kann Leute nicht ausstehen, die was gegen Drachen haben. Du kennst den Film mit Dennis Quaid? Dragonheart? Daraus darfst du meinetwegen erzählen, wie der Drache gen Himmel gefahren ist, um die Menschen von da oben aus zu beschützen. Das würde ihr gefallen. Kein Wort über deutsche Kolonien, über den Boxer-Aufstand und die gelbe Gefahr, kein Wort über den Germans-to-the-front-Quatsch, kapiert? Dir das einzuprägen, kostet dich einen schlappen Tag. Wenn du das für mich tust, lade ich dich ein, mit Benoite und mir essen zu gehen. Du darfst dir ein Restaurant nach deinem anspruchslosen Geschmack aussuchen. Wir sind weltoffen und gehen notfalls auch in ein bayerisches Lokal, um naturtrübes Bier zu trinken. Also, reiß dich zusammen! Und jetzt kommt das Wichtigste. Du sagst, wenn wir dich nach der Bedeutung der Schriftzeichen fragen: Zwei Sack Reis für den Mandarin. Kannst du dir das merken? Stotter ein bisschen, du musst die Schriftzeichen nicht auf Anhieb entziffern. Tu mir einen Gefallen: Sei einfach gut!“

So wollte ich mich an ihr rächen. Ich wollte ihre List übertrumpfen. Als es aber soweit war, was sagte dieser tiefsinnige Trottel von Schein-Sinologe? Er sagte, nachdem ich ihn hochoffiziell nach der Bedeutung der Schriftzeichen am Hals meiner Freundin gefragt hatte (die nebenbei bemerkt indigniert alles über sich ergehen ließ), er sagte, ohne lange zu überlegen, ohne seine Stirn in Falten zu legen, er sagte: „Ich liebe dich – es heißt eindeutig: ich liebe dich, Be-, äh, Begnadete des Himmels, ja, kein Zweifel, so heißt es: ich liebe dich. Ja.“ Und wie reagierte Benoite? Sie springt auf, umhalst mich und schreit: „O, wie süß! Ich wusste es, ich wusste es“ und küsst mich. Es war das erste Mal, dass sie mich küsste.

Zwei Tage später fragte sie mich, was ich dem jungen Mann versprochen hätte, damit er genau das sagt, was er gesagt hat. Und ich:
„Dass er mit uns essen darf – in einem Restaurant seiner Wahl.“
„Und?“
„Nächste Woche zu einer Zeit, die dir passt – ins Adlon. Diese jungen Leute haben jeglichen Sinn für Bescheidenheit verloren.“

Eva und die Physik

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

„Weißt du, Jürgen, …“ Eva ist mein Enkelkind. Sie nennt mich Jürgen, weil ich so heiße und weil ich die Bezeichnung Opa nicht ausstehen kann. Der Titel Großvater ist mir zu altväterlich. Er hört sich an, als trüge ich einen Rauschebart. Dabei trage ich alle drei Tage nur einen Drei-Tage-Bart und bilde mir ein, wie George Clooney auszusehen. Ich habe Eva gestattet, nein, ich habe sie gebeten, sie angefleht, mich bei meinem Vornamen zu nennen und zu vergessen, was ihre Mutter predigt, nämlich mich Opa oder Großpa zu schimpfen (was angeblich respektvoller ist).

„Weißt du, Jürgen, warum ich gestern zu spät zum Gitarren-Unterricht gekommen bin?“
„Es gibt tausend Gründe, zu spät zu kommen. Wenn ich sie jetzt aufzähle, dann wird es der 999. oder 1000. Grund sein, der mir erklärt, warum du gestern zu spät gekommen bist. Da ist es bequemer, du …“
„Weil ich in der Badewanne gelegen und in den Spiegel geschaut habe. Auf der Uhr im Spiegel war es zehn vor sechs, und ich dachte, da hast du noch zehn Minuten Zeit zum Dösen, der Unterricht beginnt ja erst um halb sieben. Als ich dann aus der Wanne gestiegen war und auf die Uhr schaute, was glaubst du, wie viel Uhr hatten wir da?“
„Zwanzig nach sechs?“
„Genau! Und darum bin ich zwanzig Minuten zu spät zum Gitarren-Unterricht gekommen. Weil sich im Spiegel die Uhren nicht im Uhrzeigersinn drehen, sondern im Gegenuhrzeigersinn. Und ich frage mich nun, ob die Zeit rückwärts läuft, solange man in den Spiegel sieht.“
Das fragt sie nicht nur sich, sondern auch mich, denn sie steht vor mir wie ein lebendes Fragezeichen. Ich wäge mein Haupt und antworte in dem Augenblick, als meine Tochter das Zimmer betritt:
„Frauen schauen oft in den Spiegel. Vielleicht tun sie es, um jünger zu werden?“
„Vater, hör auf, solchen Unsinn zu reden!“
„Und warum schauen Männer in den Spiegel, Jürgen?“
„Du sollst Opa nicht Jürgen nennen!“
Ich: „Männer schauen in den Spiegel, um sich zu rasieren.“
Eva: „Und wie oft ist das?“
„Alle drei Tage.“
„Und siehst du dann, ob du etwas jünger geworden bist?“
Ich zögernd:
„Nein. Nein. Nein, ich glaube nicht.“
„Ich habe mich heute morgen vor den Spiegel gestellt und darauf gewartet, dass ich jünger werde.“
„Wenn du nur fünf Minuten hineinschaust, wirst du es nicht erfahren. Du würdest ja auch nicht erkennen, ob du älter geworden bist, wenn die Zeiger sich im Uhrzeigersinn drehen. Dazu braucht es in deinem Alter vielleicht ein Jahr, in Mamas Alter fünf …“
„Vater, erzähl keinen Unsinn, setz dem Kind keine Flausen in den Kopf!“

„Die Uhr im Spiegel hat sich rückwärts gedreht. Richtig?“
„Richtig.“
„Und hat sich die Zeit selbst auch rückwärts bewegt? Denk nach! Bist du nicht wirklich zwanzig Minuten zu spät gekommen? In deiner Zeitwelt war es halb sieben und in der Zeitwelt deines Gitarrenlehrers schon zehn vor sieben. Und darum bist du WIRKLICH zwanzig Minuten jünger geworden – oder nicht?“
„Vater, nun hör endlich auf, das Mädchen zu verunsichern! Eva, mein Schatz, dass du zu spät gekommen bist, hat mit einem Irrtum zu tun, mit einer irrtümlichen Wahrnehmung, das beruht auf Psychologie, nicht auf Physik, wie Opa dir einreden will.“
Noch setze ich nicht meine Lächle-das-Kind-an-Maske auf, sondern bleibe ernst.
„Was glaubst du denn, Ev, was passiert, wenn du in den Spiegel schaust – wirst du jünger oder älter?“
Sie studiert mein Pokergesicht und wartet einen Augenblick, dann lacht sie und sagt hastig:
„Ich werde älter.“
Jetzt erlaube ich mir das Schmunzeln und antworte:
„Du wirst schöner mit jedem Tag, den du in den Spiegel schaust. Das kann ein ganzes Leben lang anhalten. Es gibt Menschen, die immer schöner werden, auch wenn sie sechzig Jahre oder älter sind.“
„Du gehörst aber nicht dazu, Jürgen.“
„Nein, ich gehöre nicht dazu. Es sind nur auserwählte Menschen, die immer schöner werden. Du könntest ein solcher Mensch sein. Ja, das könntest du.“

Bevor ich in die Sentimentalität abrutsche, falle ich in einen sachlichen Ton und doziere:
„Die Zeit spiegelt sich nicht in unseren Spiegeln. Sie läuft nicht rückwärts, auch wenn sich die Zeiger im Spiegel rückwärts drehen. Denn dass Zeiger rechts rotieren sollen, um die Zeit zu messen, ist nur eine Verabredung. Man hätte ebenso gut vereinbaren können, dass sie links rotieren, wie es die Mathematiker gerne hätten und auch die Anden-Indianer, wenn sie gefragt worden wären, denn für sie liegt die Zukunft links. Aber – es bleibt eine kleine Ungewissheit, nicht wahr? Es bleiben Fragen offen?“
Ich schaue in Evas Augen und entdecke, gewissermaßen auf der Retina, nicht Angst, nein, das wäre zu viel behauptet, ich erkenne einen Ernst, wie ich ihn sonst nur bei Erwachsenen finde, einen Zweifel, der sich zunächst in der folgenden Frage äußert:
„Wenn sich die Zeit wirklich rückwärts bewegt, was sie, wie wir alle wissen, nicht tut, nicht tun kann und nicht tun soll, was würde dann mit uns passieren? Wir würden immer jünger und jünger und jünger und jünger und …“
„Eva, nerv Opa nicht!“
„jünger und jünger …“
„Wir würden rückwärts geboren. Das heißt, wir würden sterben. Ja. Ob wir nun immer jünger oder immer älter werden – am Ende müssen wir sterben.“
„Das nennst du rückwärts geboren?“
„Es schoss mir durch den Kopf. Ja. Rückwärts geboren ist ein anderes Wort für sterben.“
„Dann ist es mir doch lieber, die Zeit läuft vorwärts, sonst hätte ich ja nur noch zehn Jahre zu leben. Sie läuft doch hoffentlich nur vorwärts?“
Jetzt lese ich doch so etwas wie Angst in ihren Augen, jedenfalls ein Unbehagen.
„Ja sicher. Keine Angst, du wirst lange leben. Unsere Spiegel auf der Erde reflektieren die Zeit nicht, sie vertauschen nur die Richtung im Raum. Wenn ich vor dem Spiegel von Süden nach Norden schreite, kommt mir jemand entgegen, der mir verdammt ähnlich sieht und von Norden nach Süden humpelt. Aber – hat der Professor Einstein nicht gesagt, dass Raum und Zeit zusammenhängen? Die Raumzeit? Hast du das schon einmal gehört? Ja? Professor Einstein und die Raumzeit?“
„Gibt es denn da draußen, weit, weit, weit da draußen, bei den Klingonen und Romulanern, weit da draußen im Universum hinter den Wurmlöchern, gibt es denn da einen Zeit-Umkehr-Spiegel?“
„Wenn man wie das Raumschiff Enterprise mit Warp-Antrieb fliegt, dann kommt man einem solchen Spiegel relativ nahe – das ist die Relativitätstheorie des Professors Einstein. Darum heißt sie so.“
„Wenn ich so alt bin wie du, Jürgen, dann will ich Wurmlöcher entdecken, und dann habe ich keine Angst vor Spiegeln, die die Zeit umkehren. Darum will ich Psychologie studieren.“
„Nein, Eva, du willst Physik studieren.“

Flugs

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

… kai kathisas tacheos grapson pentekonta. Und setz dich auf deinen Arsch; ´tacheos´, das hattest du schon, das kannst du nicht immer mit ´schnell´ übersetzen, dachte der Junker und ersann ein neues Wort. Als er es erfinderselig niederschreiben wollte, stieß er gegen das Tintenfass. Es kippte um. Die Tinte ergoss sich, aber nicht gänzlich. Dazu kam sie nicht mehr, denn der Junker Jörg ergriff das Fass und schleuderte es gegen die Wand seines Zimmers im Vogteihaus der Wartburg. Nachdem er getobt und geflucht und das Dienstpersonal verrückt gemacht hatte, es möge ihm neue Tinte bringen, in einem neuen Behälter versteht sich, und nachdem das alles geschehen war, da setzte er sich hin und schrieb: … setz dich hin und schreib flugs fünfzig (Lukas 16, 6).

Das ereignete sich im Herbst des Jahres 1521. Später hieß es, Dr. Martin Luther (von keinem anderen ist hier die Rede) habe nach dem Teufel geworfen. Der sei ihm als Versucher erschienen – vielleicht als Verführerin? Denn Luther, damals incognito als Junker, schrieb seinem Freund Spalatin, dass er selbst unter Versuchungen leide, Brunft und Befleckung, „denn nicht nur EIN Satan ist mit mir oder vielmehr gegen mich.“

Luthern fiel also eine neue Übersetzung für das griechische ´tacheos´ ein, das ihm im Neuen Testament noch einige Male begegnen sollte. Denn anders als heute, wo acht Übersetzer innerhalb weniger Tage einen amerikanischen Bestseller ins Deutsche übertragen und elektronische Übersetzungshilfen benutzen, hatte der Wittenberger Doktor den Ehrgeiz, jedesmal einen treffenden deutschen Ausdruck zu finden, notfalls zu erfinden. Und dann das! Im Eifer nicht aufgepasst, die Nerven verloren. Jedenfalls, da war der Fleck. Im Lauf der Zeit wurde er zum Beweis für die Existenz des Leibhaftigen – aber im selben Verlauf verblasste der Klecks, so dass er zunächst aus theologischen, dann aus volkswirtschaftlichen Gründen erneuert werden musste, um das Andenken des Gottesstreiters aufrecht zu erhalten.

Wir haben keine Kunde, wann in den Jahrhunderten vor dem neunzehnten diesbezügliche Malerarbeiten in Auftrag gegeben worden waren, aber wir wissen, dass 1817 ein Malermeister aus Eisenach die Umrisse des verblassenden Flecks nachgezogen und mit dunkelblauer Farbe ausgemalt hat. Wir brauchen den angenehmen Gedanken, es sei aus Anlass des Wartburgfestes geschehen, nicht zu verwerfen, denn die Wahrscheinlichkeit spricht nicht gegen uns. In den Chroniken finden wir eine zweite Übermalung des inzwischen vom Pilz befallenen Flecks: 1883. Dieses Mal dürfen wir behaupten, ohne kühn zu sein, es sei geschehen zur Erinnerung an den Geburtstag des Mannes, der das Tintenfass geworfen hatte.

Im 20. Jahrhundert liegen uns keine einschlägigen Meldungen vor. 400 Jahre nach der Übersetzung des Neuen Testaments brach die Konjunktur ein, die Inflation meldete sich an. Der Dollar kostete bereits das Zehnfache seines Vorkriegswertes. Städte und Kreise druckten Notgeld. Eisenach hatte andere Sorgen als die Renovierung des Vogteihauses und die Restaurierung des historischen Spritzers. Auch in den Jahrzehnten danach ist nichts geschehen, was uns weiterhülfe, eine Chronik des Tintenflecks zu verfassen. 1946 waren die Menschen mit etwas anderem beschäftigt, als Luthers zu gedenken, der im Ringen um die deutsche Sprache das Tintenfass geschleudert hatte. Zum 500. Geburtstag, 1983, wurde viel gesagt, viel geschrieben, aber dass ein drittes Mal der Klecks nachgezogen worden wäre, was vielleicht eine Tradition begründet hätte, davon ist mir nichts bekannt.

Deswegen sind wir der jungen Sprecherin des Landschaftsverbandes West-Thüringen, Dr. Mauritia Moritz, zu Dank verpflichtet, denn sie hat im 21. Jahrhundert die Tintenfass-Bewerfung des Teufels zu einem Spektakel gemacht und außer dem Argument der Tourismusförderung auch ein multikulturelles beigesteuert: Was dem frommen Mohammedaner (deren es einige in der Autostadt Eisenach gibt) die Steinigung des Scheitans sei, das ist dem frommen Lutheraner die Tintenfass-Bewerfung des Teufels, an der sich ruhigen Gewissens auch Katholiken und Atheisten beteiligen dürften. Diese Frau gilt trotz ihrer Jugend als Mutter des „Tintenwurfs“, denn sie organisierte Tintenfass-Festspiele für Touristen, deren Digitalfotos das Internet ´tacheos´ überschwemmten, so dass die Veranstaltung in Osaka, Mumbai, Chicago und in vielen anderen Städten bekannt wurde und daher zwangsläufig die Aufmerksamkeit der Politiker, die nach medialen Plattformen gieren, auf sich zog.

Die Prozession der Politiker aus Erfurt zu den Arbeitnehmern der Automobilindustrie in Eisenach fand wenigstens einmal pro Legislaturperiode statt. Abgeordnete, Regierungsmitglieder und Parteifunktionäre predigten den Arbeitern (wie Luther den Christen), dass ihre Arbeitsplätze (beziehungsweise ihrer Seelen Seligkeit) gesichert seien, nachdem die Adam-Opel-AG an einen chinesisch-ägyptischen Konzern (der auch den ´Wartburg´ wiederbelebt und zu einer Luxus-Karosse für russische Multimilliardäre hatte umbauen lassen) verkauft worden war. Dieser Aufzug begründete die Tradition des politischen „Tintenwurfs“, die nur zu vergleichen ist mit dem britischen State Opening of Parliament und der zeremoniellen Suche nach Sprengstoff in memory of the gunpowder plot.

Zur Erinnerung an die Verabschiedung der thüringischen Verfassung auf der Wartburg im Oktober 1993 und zur Eröffnung des jeweiligen thüringischen Landtages muss beim „Tintenwurf“ die Alterspräsidentin (der Alterspräsident) ein Tintenfass gegen die zuvor geweißte Wand des Vogteihauses werfen. Da einige Würfe nicht den erhofften Erfolg zeitigten und daher als schlechtes Omen aufgefasst wurden, hat es sich eingebürgert, statt der Alterspräsidentin (des Alterspräsidenten) eine verdiente Sportlerin (einen verdienten Sportler) für die traditionelle Aufgabe heranzuziehen. So ist es bis zum heutigen Tag geblieben.

Im Jahre 2039, zur Eröffnung des 11. Landtages und zur Erinnerung an den vor zehn Jahren stattgehabten Beitritt der Türkei zur Europäischen Union (als des 30. Mitgliedstaates) durfte zum ersten Mal ein Mohammedaner, nämlich der türkisch-stämmige deutsche Schachgroßmeister Davut Melik nach sorgfältiger Untersuchung durch einen Amtsarzt (ob er der körperlichen Strapaze gewachsen wäre) das Tintenfass gegen die frisch gekälkte Wand schleudern.

Der Großmeister hielt das Fass in seiner Linken (er war Linkshänder), hob den Arm, zog ihn nach hinten und schnellte ihn dann nach vorn. Das Fass flog – nicht viel anders und schon gar nicht schwächer als in den Jahren zuvor (daran konnten sich viele Beteiligte erinnern). Aber es zerschellte nicht, es verspritzte daher nicht seinen Inhalt, sondern schien durch die Mauer zu fliegen. Jedenfalls war es verschwunden und der Kalk blieb unbefleckt. Melik zuckte die Achseln und äußerte in seinem unverwechselbaren Dialekt: „Allaah is gruuß, ich bin emänd, laweede“, dann sank er ohnmächtig zu Boden. Man rief in der richtigen Reihenfolge zuerst den Notarzt, dann die Polizei, die den Ort des unbegreiflichen Geschehens räumen ließ.

In Regierungskreisen war man sich uneins darüber, wie dieses Ereignis politisch zu werten sei, ob es eine gute oder schlechte Vorbedeutung habe. Man beschloss umsichtig, den Koalitionsvertrag neu auszuhandeln (seit dem Verfall der Volksparteien 2009 hat es keine Ein-Parteien-Regierung mehr gegeben), denn den Volksvertretern kam es so vor, als wäre die weiße Wand ein leeres Versprechen.

Computer-Spezialisten gaben zu bedenken, dass Tintenfässer schon seit 150 Jahren aus der Mode gekommen waren. Man tue gut daran, beim „Tintenwurf“ jeweils die neuesten Microsoft-Laptops gegen die Wand zu schleudern, zum Zeichen dafür, dass der Teufel im Detail stecke und nur durch drastische Maßnahmen zu vertreiben sei. Gegner dieses Vorschlags, insbesondere der Ur- oder Ururenkel von Bill Gates, wiesen zu Recht darauf hin, dass auch mit dem Verschwinden von Microsoft-Rechnern das zur Diskussion stehende Rätsel nicht gelöst werden könne.

Die Theologen bezichtigten sich gegenseitig der Intoleranz, ja der Verteufelung des Islams und einigten sich schließlich im Interesse der inneren Sicherheit darauf, dass der mysteriöse Vorfall beim „Tintenwurf“ von der Boulevard-Presse hochgespielt, vielleicht sogar erfunden worden sei, so dass es von theologischer Warte aus gesehen nichts zu verdammen und nichts zu verteidigen gebe. Theologen sind wundermüde, weil sie mit den kanonischen, von den Evangelisten überlieferten Mirakeln genug Arbeit haben.

Nur ein alter Lutheraner wollte in dem Geschehen auf der Wartburg die zunehmende Präsenz des Teufels erkennen, des Bösen, der sich weiland noch habe vertreiben lassen, nun aber immer dreister werde. Tintenfässer wegzuschnappen, meinte der Moderator vom Bayerischen Rundfunk, habe Luzifer gar nicht nötig. Um seine Existenz zu beweisen, bediene er sich der täglichen Nachrichtensendungen. Auch der hartnäckigste Atheist könne nicht leugnen, dass die Welt böse ist, mithin das Böse die Welt regiere und infolgedessen das Böse der liebe Gott sei, weil der und kein anderer alles lenke und beherrsche, quod erat demonstrandum. Zwar hat der Moderator den Atheisten überzeugt, nicht hingegen seine Vorgesetzten und die bayerische Klerisei (er ist heute Schuhverkäufer in Augsburg).

Ein Parapsychologe von der Universität Blefuscu ließ sich, obwohl gar nicht konsultiert, zu einer Erklärung hinreißen und bemühte die spezielle Relativitätstheorie, indem er die Entmaterialisierung des Tintenfasses behauptete. Es habe sich durch die mentale Anstrengung des Großmeisters vollständig in Energie aufgelöst. Sogar einige Physiker schlossen sich dieser Meinung an. Es seien Blitze gesehen worden, die dafür sprächen, dass sich Fass und Tinte in Strahlung verwandelt hätten. Die Blitze, so hielt man ihnen entgegen, hätten Fotografen verursacht, die den Fasswurf für die Medien festhalten wollten. Die schwache Gegenwehr des Parapsychologen, einer der Blitze im Blitzlichtgewitter sei der bewusste Blitz gewesen, in dem sich der Umwandlungsprozess gemäß der Formel E gleich m mal c Quadrat vollzogen habe, wurde nicht mehr ernst genommen.

Großer Aufmerksamkeit hingegen erfreute sich die These der Physik-Professorin Angelina Merkäll von der Universität Jena, das Tintenfass sei quantentheoretisch gesehen plötzlich in eine Parallelwelt hinübergeflogen. Merkälls Theorie der Dekohärenz postuliert Superpositionszustände auch makroskopischer Objekte (z.B. von Tintenfässern), deren universelle Wellenfunktion sich in tausend und abertausend Welten verzweigt, wenn ein Beobachter wie der Schachgroßmeister Melik in die Quantenkonfiguration eingreife – das Schleudern eines Fasses gleiche einem Messvorgang. Warum dann, bitt schön, der Herr Großmeister nicht zusammen mit dem Objekt seiner Beobachtung aus dieser Welt in eine Parallelwelt verschwunden sei? Das wollte der promovierte Journalist eines physikalischen Fachblattes wissen.
„Ist er das denn nicht??“ fragte die Professorin aus Jena.

In der Aufregung und bei dem Durcheinander auf der Wartburg hatte keiner auf den anderen geachtet, und niemand wusste genau, was wirklich vorgefallen war. Darum entschloss man sich, den Großmeister selbst zu fragen, ob er an dem besagten Tag überhaupt anwesend gewesen, und wenn ja, ob er vor oder nach dem Wurf ohnmächtig geworden sei. Davut Melik entschied unzweifelhaft, an jenem Tag habe er in Berlin-Lichterfelde eine Simultanvorstellung gegeben und blind, also mit dem Rücken zu den Schachbrettern, gegen 117 Gegner gespielt und, nebenbei bemerkt, alle Spiele gewonnen. Das Verschwinden eines Tintenfasses dürfe ihm daher nicht angelastet werden.

Die hohe Intelligenz des Mannes – sein IQ beträgt 278 – gab zu weiteren Spekulationen Anlass. Ob ein so kluger Mensch, der sicherlich die Quantentheorie im allgemeinen und die Viele-Welten-Theorie im besonderen aus dem Effeff beherrscht, nicht auch die Wellenfunktionen aller möglichen Gegenstände manipulieren könne? Vielleicht war er in Eisenach UND in Lichterfelde zur selben Zeit. Vielleicht spielte er in 117 Welten an jedem Brett einzeln, so dass man sich über seine 117 Siege nicht zu wundern braucht! Das verstoße gegen die Orthogonalität der Wellenfunktions-Verzweigungen, daher könne er sich unmöglich am selben Ort in 117 Spieler gleichzeitig verzweigt haben, widersprach Prof. Merkäll. Die Fachwelt hatte gesprochen.

Nach diesem Ereignis – wir wissen nicht, wie lange danach – diskutierten auf dem Planeten Jotquadrat am entgegengesetzten Ende der Milchstraße etliche Professoren der Sternen-Akademie über den Abschlussbericht einer Expedition zum anderen Ende (also zu unserem). Sie hatten dorthin (also zu uns) eine Reise geplant und eine Bahn berechnet, auf der sie sich mit Hilfe des schwarzen Lochs im Zentrum der Galaxis derart hatten herumkatapultieren lassen, dass sie ohne enormen Energieaufwand und – wenigstens dem Effekt nach – mit hyperluminarer Geschwindigkeit in unser Sonnensystem gelangt waren. Sie hatten dann auf Normalflug umgeschaltet (also auf eine Geschwindigkeit von nur 89,3 Mach) und einige Gegenstände aus unserem Sonnensystem in ihr Raumschiff teleportiert (vulgo gebeamt), darunter auch ein Neues Testament und ein Tintenfass. Natürlich wussten sie nicht, dass die Liste von Symbolen das Neue Testament ist. Erst recht wussten sie nicht, dass die Schrift ein Exemplar der Lutherübersetzung von 1521 war und aus dem 17. Jahrhundert stammte. Und sie wussten mit dem Fass nichts Besseres anzufangen, als es nach allen Regeln der chemischen Analytik auseinanderzunehmen. Auch das Buch unterzogen sie einer genauen Prüfung und stießen dabei auf eine Besonderheit: Sie erkannten nämlich, dass ein Wort nur einmal vorkommt, nämlich ´flugs´ (im Lukas-Evangelium, wie der Leser inzwischen gelernt hat).

Offenbar neigen viele galaktische Wesen dazu, Dinge und Sachverhalte, die sie nicht verstehen, dem Religiösen zuzuschreiben. Die Wissenschaftler von Jotquadrat wollten in FLUGS den Gott der Erdlinge (also unseren) erkannt haben, weil sein Name einmalig, darum kostbar und heilig sei. Sie wurden in dieser Annahme darin bestärkt, dass ihnen bei der Erforschung großer Städte wie Leipzig und Berlin (sie haben sich nicht nur über Eisenach aufgehalten) Schilder mit einem großen U aufgefallen waren, dem mittleren Buchstaben von FLUGS. Daraus schlossen sie, dass U-Schilder die Eingänge in die Tempel dieses Gottes bezeichnen (metaphorisch gesehen haben sie ja Recht).

Und eben diesen Punkt diskutierten die Professoren der Sternen-Akademie, als sie unterbrochen wurden, nämlich durch den Schachgroßmeister Melik, der halb Frau und halb Mann als eine geisterhafte Erscheinung (als Superposition der Geschlechter) bei ihnen aufleuchtete, sich im Aufleuchten vom Boden erhob und nach dem Tintenfass, das dem Abschlussbericht beigegeben war, zu greifen schien. Einer der Professoren wandte sich an einen Kollegen (oder eine Kollegin) und sagte:
„Ich wusste gar nicht, dass Professor (hier folgt ein Name, den ich mir nicht merken kann) schon so weit ist. Er hat uns demnach nicht zu viel versprochen! Die FLUGS-Reisen werden in absehbarer Zeit bequemer verlaufen können als bei unserer ersten Expedition, nicht wahr? Hahaha!“

Woher ich das weiß? Von Davut Melik persönlich. Ich hatte einmal – kurz nach meinem hundertsten Geburtstag – gegen ihn ein Remis ertrotzt. Seitdem sind wir Freunde. Davut versuchte, mir die neueste Entwicklung der Quantentheorie beizubringen und bewies durch sich und sein Erlebnis auf Jotquadrat die Richtigkeit der Lehre vom Multiversum. Ich kannte die Arbeiten von Hugh Everett aus den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts und wusste natürlich, dass die Wellenfunktion des Großmeisters auch auf Jotquadrat und darüber hinaus in der intergalaktischen Leere definiert war, aber dass sie so kollabieren oder besser gesagt verzweigen würde, das hätte ich mir nicht träumen lassen! Ich fragte Davut:
„Wie hast du dich auf Jotquadrat gefühlt?“
„Wie Schrödingers Katze, nicht tot und nicht lebendig, halb dies, halb das.“
„Und sonst gehts dir gut?“

Der Hausmeister des Vogteihauses machte als erster die Entdeckung: Auch die Lutherbibel aus dem 17. Jahrhundert war futsch. Das Neue Testament und das Tintenfass des Junkers Jörg – beide fort.
„Wird wohl jemand gestohlen haben, alte Bücher haben Sammlerwert. War sie denn nicht angekettet?“
„Doch! Trotzdem! Waren Profis am Werk.“
„Klar waren Profis am Werk“, sagte das Söhnchen des Hausmeisters, „klar! Außerirdische haben Fass und Bibel weggebeamt!“
„Unsinn!“
Wer hört schon auf Kinder. Ach, da fällt mir ein, mein rechter Socke und eine Druckerkartusche sind mir abhanden gekommen. Für was die Außerirdischen die Socke wohl halten? Für einen Schniedelwärmer?

Das zweite Gebot

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

I.

Mitten in Wuppertal, zwischen Elberfeld und Barmen, erhebt sich die Hardt, ein Bergrücken, teils bewaldet, teils bedeckt mit einem Park. Auf halber Höhe steht das Missionsmuseum in der Missionsstraße. Das Institut nennt sich heute Völkerkundemuseum, vielleicht weil Mission aus der Mode gekommen ist, vielleicht auch, weil man sich ihrer damaligen Absichten und Methoden ein wenig schämt. Die Missionsstraße hat jedenfalls ihren Namen behalten.

Mein Großvater mütterlicherseits diente als Kurator in diesem Museum. Keiner konnte so gut wie er die Exponate erklären, und keiner wusste so viele Geschichten zu erzählen über Massai und Zulu, über Ahnen und Geister, über Speere, Schilde und Gewehre, über Palavertrommeln, Bibeln und Urwaldkapellen. Und er war es auch, der sich um meine religiöse Erziehung kümmerte. Seine Erziehung hat nichts gefruchtet. Denn heute gehöre ich keiner Kirche an (ich zahle längst keine Kirchensteuer mehr). Und dennoch. Dass diese Erziehung gar nichts gebracht hätte, ist auch wieder nicht richtig. Sie hat etwas bewirkt, aber nicht das, was mein Großvater beabsichtigt haben mochte – und dadurch unterschied sich seine Erziehung von keiner anderen.

Ich hörte ihn einmal jemanden rügen, der „Gott verdammt“ gesagt hatte. Ich fragte meinen Großvater, was das heißt, das Gottverdammt. Will jemand Gott verdammen? „Nein“, sagte er, „es heißt: Gott verdamme mich.“ Aber damit konnte ich noch weniger anfangen, denn ich würde doch besser Gott verdammen als mich selbst, weil verdammt zu sein, das wusste ich bereits, etwas ganz Schlechtes ist. „Also genau genommen“, fuhr er in seiner Erklärung fort, „heißt es: Wenn etwas nicht zutrifft, was ich behaupte, oder wenn ich nicht halte, was ich verspreche, dann möge Gott mich verdammen. Es ist eine Bekräftigung der Richtigkeit meiner Behauptung oder“, er sprach jedes Wort artikuliert aus, „eine Bekräftigung dafür, dass ich ein Versprechen halte. Und zwar die kräftigste Bekräftigung, die sich denken lässt. Niemand möchte verdammt werden, am wenigsten von Gott, der über die Hölle und die Ewigkeit verfügt. Daher muss man sich seiner Behauptung oder seines Versprechens sehr sicher sein, wenn man sich selbst für das Nichtzutreffen oder die Nichteinhaltung zur ewigen Verdammnis verurteilt.“ Das leuchtete mir nach kurzem Nachdenken ein. Und eben deshalb hielt ich den Ausspruch auch nicht mehr für so schlimm, wie mein Großvater es offenbar getan hatte.

„Das Schlimme dieses Ausspruchs besteht nicht darin, dass ich ein Versprechen bekräftige, sondern dass ich es tue, indem ich Gott in den Dienst meiner Interessen stelle. DAS ist schlimm. Ich lasse ihn wie einen Diener für mich handeln. Ich befehle ihm, etwas in Abhängigkeit von meinen Behauptungen und Willenserklärungen zu veranlassen. Hast du das ungefähr verstanden?“
Nicht so ganz.
„Dann will ich dir eine Geschichte erzählen. Sie hat sich in Afrika zugetragen, in einem Negerdorf nahe einer Missionsstation.“
Aha, jetzt war mein Großvater in seinem Fahrwasser. Übrigens: Damals hieß es noch Neger, nicht Farbiger. Denn Neger bezeichnet einen Menschen dunkler Hautfarbe, weil das Wort vom lateinischen ‘niger’ herrührt, was schwarz oder dunkel bedeutet. Dagegen hört sich Farbiger so an, als hätte ihn jemand mit Regenbogenfarbe übergossen oder als wäre er mit den Olympischen Ringen tätowiert worden.

Dies nun ist die Geschichte meines Großvaters. Er verzichtete auf eine genaue Ortsbestimmung, und zwar aus Rücksicht auf die vielen Missionsgesellschaften und ihre konfessionelle Herkunft, denn eine unter ihnen hätte sich vielleicht in seiner Erzählung wiedererkannt und verletzt gefühlt. Er wollte die Reformierten nicht gegen die Katholiken ausspielen, die Niederländer nicht gegen die Rheinländer, die Betheler nicht gegen die Baseler. Konfessionelle und nationale Unterschiede waren für meine Belehrung auch nicht erforderlich. Nur soviel: Der Ort der Handlung ist Afrika, die Zeit das 19. Jahrhundert.

II.

Der Häuptling Hekima vom Stamm der Luri, ein hochgewachsener Mann, jung für sein Amt (aber nicht zu jung), leitete Sitzungen seines Ältestenrates, ohne selbst viel zu sprechen. Gelegentlich schüttelte er die Holzringe an seinem Arm, Gehör fordernd, und lenkte das Palaver sanft in eine Richtung, die er wünschte. Durch sein außergewöhnliches Gedächtnis war er im Stande, vergessen geglaubte Einwürfe viele Stunden später wieder aufzugreifen, die Sprecher darüber zu befragen und sie zu einer klaren Begründung oder zum Verlassen ihrer Standpunkte zu bewegen, so dass allmählich die Redner zur Vorsicht erzogen wurden. Er war durch seine adelige Familie in das Amt gerückt und besaß alle Tugenden, es zu verwalten. Er herrschte wie ein Benediktinerabt, der nach der goldenen Satzung jeden, auch den geringsten, im Rate zu Wort kommen lässt und erst spät selber redet, um in Kenntnis aller vorgetragenen Ansichten urteilen zu können.

Hier erlaube ich mir eine Zwischenbemerkung. Ein Kurator, der im Dienst der Rheinischen Missionsgesellschaft stand, war gewiss kein Katholik, und die meisten reformierten oder lutherischen Wuppertaler hätten mit der goldenen Regel des Heiligen Benedikts von Nursia nichts anzufangen gewusst, aber der Kurator und vor allem die Missionare kooperierten mit den katholischen Missionen und kannten daher den Heiligen. Draußen im Veld, im Busch oder an den Urwaldflüssen pflegte man nicht, sich zu bekämpfen, man unterstützte sich, so gut es ging, und lieh sich gegenseitig Bücher aus (ich selbst habe mich, anlässlich eines mathematischen Seminars in einem klösterlichen Kongresszentrum, mit der goldenen Regel vertraut gemacht, nachdem ich sie in der Klosterbuchhandlung unter einem Stapel erbaulicher Heftchen für Touristen entdeckt hatte). Zurück zur Geschichte.

Der Missionar Nobelius lebte bei den Luri (so nannte mein Großvater den Stamm, obwohl ich jetzt bezweifle, dass es ihn gibt oder je gegeben hat) und zehrte von ihrer Gastfreundschaft. Er war zum Befremden vieler Erwachsener und zur Belustigung der Kinder damit beschäftigt, die Menschen vom Glauben an Holzfiguren zu befreien und ihnen (wie er es ausdrückte) das Brot der Wahrheit zu reichen. Nobelius hatte die Gaben Hekimas richtig erkannt. Zuerst schätzte er dessen Intelligenz, später fürchtete er sie. Er war fünfzehn Jahre älter als der Häuptling und hatte sich in ein Verhältnis zu ihm hineingedacht, das ihm ein angenehmes Gefühl der Überlegenheit bescherte. Die schweigsame, freundliche Art des Häuptlings bekräftigte seinen Dünkel, mit ihm wie ein Seniorchef verkehren zu dürfen.

Er bewahrte sich das Gefühl der Überlegenheit, obwohl er seinem Hauptziel, der Taufe aller Stammesangehörigen, keinen Schritt näherkam. Merkwürdigerweise ließ ihn Hekima gewähren, obwohl der Fremde keinen Nutzen stiftete. Die Angriffe des Missionars galten den textilen und hölzernen Idolen. Er versuchte, die Menschen des Dorfs davon zu überzeugen, dass Fetische keine Götter seien, sondern nur Puppen, und dass es sich nicht lohne, sie anzubeten – was die Luri niemals getan hatten. Er stieß jedesmal auf Unverständnis, denn nicht einmal die Kinder glaubten, die Idole hätten die Welt erschaffen oder könnten Vögel vom Himmel fallen lassen.

Nobelius ließ es sich keine Warnung sein, als einmal eine Frau ihre Holzfigur umstieß und auf sie spuckte. Er missverstand die Handlung und glaubte, in dieser Dame eine erste Bekehrte gefunden zu haben. Die Dorfbewohner nahmen es für eine leichte Verrücktheit, dass er soviel Eifer darauf verwandte, sie zu lehren, was sie längst wussten (vielleicht waren sie darum so nachsichtig mit ihm). Er predigte ihnen, dass die Götzen nicht sprechen könnten, um wie viel weniger Wunder vollbringen. Er wurde abermals gewarnt, als ihm Hekima vorhielt, dass die Mutter aus Gips mit dem Gipskind auf dem Arm in der Steinkirche bei den Weißen Vätern auch nicht spreche und seines Wissens auch keine Wunder vollbringe, trotzdem knieten die Gläubigen, sogar die Priester, gerade sie, vor ihr nieder und beteten zu ihr, als könnte sie hören und das Gehörte an die Große Luft vermitteln (Große Luft war ein Luri-Ausdruck für Gott). Der Missionar erklärte ihm eindringlich, dass die Anbetung der Gipsmadonna einem Irrglauben entspringe, den ein König seines eigenen Volkes schon vor Jahrhunderten mit Kanonen bekämpft habe (hier verrät mein Großvater doch, dass Nobelius ein Schwede war, ein Lutheraner, aber damals habe ich mir bei der Bemerkung über die Kanonen nichts gedacht). Allerdings bestehe ein Unterschied zwischen Gipsfigur und Götze. Die Statue in der Kirche der Weißen Väter sei zwar keine Göttin, obwohl viel schöner, reiner und edler als eine Luri-Vogelscheuche, sondern nur ein Symbol, und die Gläubigen sprächen durch sie hindurch zu ihrem unsichtbaren Gott, sie täten es, weil es ihnen so leichter fällt, ihre Sorgen vor der Großen Luft auszubreiten.

Die doppeldeutige Einstellung zu Fetischen der Schwarzen und den Bildstöcken der Weißen, die Verurteilung jener und die Verteidigung einer Figur bei den katholischen Weißen Vätern, veranlasste den jungen Häuptling, ein Konzil einzuberufen, an dem die Stammes-Senatoren und der Missionar teilnahmen. Das Konzil dauerte nur drei Tage, während derer die Teilnehmer das Bier der Freundschaft tranken. Aber statt mäßigend auf Nobelius einzuwirken, stürzte ihn der theologische Disput in Verwirrung, und seine Angriffe auf Idole wurden ungeduldiger.

III.

Eines Abends nutzte Nobelius berechnend die Intelligenz des Häuptlings, um ihm eine Falle zu stellen (denn selbst die Klugheit kann einem Menschen zur Falle werden). Der Missionar eiferte über Talismane, Amulette und Idole. Sie könnten nicht hören, nicht sprechen, nicht handeln, nichts außer brennen, und das einzige, was sie könnten, sollten sie gefälligst tun. Er wagte es, an jenem Abend zum ersten Mal, eine Figur an sich zu reißen und Anstalten zu machen, sie ins Feuer zu schleudern. Er befahl einen Halbwüchsigen zu sich und forderte ihn auf, den Götzen anzurufen und ihn zu bitten, die Flammen auszublasen. Wenn das Feuer erlischt, dann setze er den Götzen auf seinen angestammten Platz zurück und werde ihn anbeten. Der Missionar war im Schein der Flammen bedrohlich anzusehen. Er schien es darauf anzulegen, sein Leben als Märtyrer zu beenden, weil er alle Rücksichten fallengelassen hatte. Er schrie die Statue an, als wäre er der einzige, der an ihre Beseelung glaubte (und vielleicht war er es auch).

Der Häuptling trat zu dem Missionar und berührte seinen Arm. Er forderte den Weißen auf, zu seinem Gott, der Großen Luft, zu beten. Das hatte Nobelius vorhergesehen, zumindest gehofft und darauf gebaut, dass Hekima durch seinen Sinn für Fairness die Gleichheit der Waffen fordern würde: Was Nobelius verlangt, das darf Hikema auch. Der Missionar setzte das Gebilde ab, schloss die Augen und faltete die vor Aufregung zitternden Hände. Nein, laut solle er beten, die Große Luft anrufen und dafür sorgen, dass sie antwortet: „Hier bin ich, und ich bin der wahre Gott“. Der Missionar rief den verlangten Text laut über die Köpfe der Versammelten hinweg, um die Gespräche zu übertönen. Erst als die Antwort aus einiger Entfernung herüberscholl, schwiegen sogar die Kinder. Aus allen Richtungen kreischten die Affen.

Am nächsten Morgen fand man den Hilfsgeistlichen des Missionars tot am Ufer des Flamingo-Sees. Der Medizinmann hatte ihn entdeckt und Hikema benachrichtigt. Der Häuptling stellte fest, dass der weiße Mann keinen Speertod erlitten hatte, das heißt, er war keines gewaltsamen Todes gestorben. Im Dorf galt es für ausgemacht, dass Hikemas Ahnen dem Europäer das Lebenslicht ausgeblasen hätten. Der Häuptling begab sich mit den Ältesten zur Station, ließ die Leiche vor die Füße des Missionars legen und sprach nur das eine Wort: „Geh!“

Nobelius und sein Gefolge hatten die Station verlassen. Nur der Arzt blieb bei den englischen Wissenschaftlern, die in die aufgegebene Missionsstation einziehen durften, um erdmagnetische Messungen vorzunehmen. In der Holzkapelle der Station stellten die Luri ihre Ahnenfiguren auf, so dass sich hier europäische und afrikanische Kultur begegneten und einen Tempel der besonderen Art hervorbrachten. Der Arzt kam gelegentlich zum Beten. Er pflegte auch das Grab des Akoluthen, des Gehilfen, der Gottes Stimme sein wollte. Gott hatte seinen Diener, der das zweite Gebot missachtete, mit dem Tode bestraft (aber er würde ihn nicht in alle Ewigkeit verdammen, denn Gott ist gnädig).

Mein Großvater erklärte mir, der europäische Missionsdiener sei vermutlich an einem Schlaganfall gestorben, hervorgerufen durch die Anstrengung des lauten Rufens, oder an einem Herzinfarkt infolge der Aufregung, in die ihn der Missbrauch des göttlichen Namens versetzt hatte.
„Hast du das jetzt verstanden?“ fragte mein Großvater, der Kurator.
„Nein. Warum wurde der Missionar nicht bestraft, sondern nur sein Diener?“
„Ich weiß nicht, ob er nicht doch bestraft wurde – vielleicht sogar mit einer Gnade, die viele schwere Verpflichtungen auferlegt. Weißt du, Kind, die Gerechtigkeit Gottes ist das schwierigste Kapitel der Theologie.“

Ein Seitensprung auf italienisch

von Lina Fehse (copyright)

oder auf deutsch
ein Seitensprung lohnt nicht immer

Endlich wieder im Urlaub. Wir sind in bella Italia in einem Luxushotel.

Am ersten Tag machten wir es uns bequem am Meerwasser-Pool. Die Matrat­zen der Liegen waren weich, die Bedienung perfekt, nur die Handys nervten. Mein Mann las wie immer. Rechts von ihm quakten zwei Italienerinnen, Mitte vierzig, und wenn sie nicht gerade laut miteinander quakten, quakten sie in ihre Handys.

Ich genoß den schönen Ausblick, zählte die Möwen und beobachtete die Men­schen. Links von mir lag ein ungleiches Paar, das mit uns zusammen ange­kommen war. Er, ein Mann um die sechzig, kleine, feine Figur, ohne Haare auf dem Kopf, dafür um so mehr auf der Brust. Sie, eine große dunkelhaarige Schönheit, Mitte zwanzig. Die beiden quakten nicht, sie gurrten. Ich war neugie­rig, ich verstehe recht gut italienisch.

Aus ihrem Gespräch wurde mir klar, daß er ein mächtiger Mann war, der alles erreicht hatte, was er wollte. Ihm fehlte nur “amore”, die er mit ihr gefunden zu haben schien. Sie kam aus Tunesien und arbeitete schwer auf dem Flughafen. Sie wollte auch etwas erreichen, dachte ich mir. Und natürlich würde ihr der mächtige Signore den Weg zeigen. Die beiden plauderten ununterbrochen, wenn nur nicht dieses Handy gewesen wäre, das fast jede Stunde bei dem Mann klingelte. Was klar zu verstehen war, seine Ehefrau sorgte sich um ihn.

“Si, si, mir geht es schon viel besser”, erzählte er seiner Frau immer wieder, “si, si, hier ist eine verlassene Gegend, aber kochen können sie gut, si, si, si, ich esse vernünftig, si, si, ich schlafe viel, schlafe und schlafe. Si, si mein Blutdruck ist gut. Si, si, si, ciao, Amore, bis bald!” Ich mußte lachen, seine Ehefrau nannte er auch “Amore” wie seine Geliebte, wie praktisch, keine Namensverwechse­lung möglich.

Am dritten Tag unseres Aufenthaltes rief die Ehefrau Punkt 10 Uhr am Vormittag an, als wir gerade am Pool ankamen. Während das Mädchen an seinen Brust­haaren krabbelte, jammerte der Signore nur. Seine Stimme war schwach, aber sein Wille stark, mit der Geliebten noch ein paar Tage zu bleiben.

“Mir geht’s nicht so gut, Amore, si, si, vielleicht der Blutdruck, ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Si, si, ich bleibe hier noch ein paar Tage, Amore, bis bald, si, si, ciao!” Die nächsten Stunden klingelte sein Handy nicht mehr. Ich wunderte mich, gerade wenn es dem Signore schlecht gehen sollte, meldete sich seine Frau nicht. Die Erklärung kam aber schon nach dem Mittagessen, als es am Pool besonders ruhig war.

Eine Rezeptionsangestellte lief aufgeregt in unsere Richtung und flüsterte laut: “Signor Lusconi, Ihre Frau ist angekommen!” Das Pärchen sprang von den Liegen, das Mädchen schmiß ihre Sachen in die Tasche und der Signore drückte ihr die Zimmerschlüssel in die Hand mit der Bitte, schnell alle Spuren zu verwischen und aus dem Hotel zu verschwinden.

Aber es war schon zu spät. Signora Lusconi, in Begleitung eines Gepäckträ­gers, eilte schon zum Pool. Sie war eine kleine, schlanke, sehr elegant angezo­gene Dame mit einem hübschen Gesicht, in dem sich Wut abzeichnete. Sie blickte durch das Mädchen hindurch, das schon am Abhauen war, und begann ihren Ehemann zu beschimpfen: “Porco, simulatore! Dir soll es schlecht gehen? Du konntest nicht schlafen? Wie ich sehe, konntest Du gut schlafen, und das nicht alleine! Ich machte mir doch Sorgen!”

Und dann zeigte die Signora italienisches Temperament. Sie schlug auf ihren Mann mit ihrem kleinen Louis-Vuitton-Täschchen ein. Er schnappte das rote Badetuch von der Liege und sprang wie ein Torero hin und her, um ihren Schlägen zu entgehen. Plötzlich fiel er wie tot zu Boden. Die Signora bekam einen Schreck und schrie: “Dottore, dottore, gibt es hier einen Arzt?”

Natürlich fand sich in so einer feinen Anlage auch sofort ein Arzt, ein hübscher, braungebrannter, kräftiger, junger Mann. Er hob den Signore wie eine Feder hoch und brachte ihn auf seine Liege, dann versuchte er dessen Puls zu fühlen. “Nun tun sie doch schnell etwas, Dottore!” bat ihn die aufgeregte Signora. “Ich bin ein Dentist,” antwortete ihr ruhig der junge Mann. “Ein Dentist! Gibt es denn hier keinen ‘richtigen’ Doktor?” schrie die Signora verzweifelt.

Der Gepäckträger, der immer noch da stand und auf sein Trinkgeld wartete, lief in die Rezeption, um einen ‘richtigen’ Doktor zu holen.

Signora Lusconi kniete sich zu ihrem Mann und klopfte ihm leicht auf die Wan­gen: “Nicht sterben, amore mio, komm’ zu Dir, ich verzeihe Dir alles.” In diesem Moment öffnete Signor Lusconi die Augen. Er sagte nicht: “Wo bin ich?” denn er wußte genau, wo er war und was er zu tun hatte, um seine Ehefrau umzu­stimmen. “Simulatore!” dachte ich.

Kurz danach war das Ehepaar Lusconi vom Pool verschwunden. Ich fragte meinen Mann: “Wie konnte Signora Lusconi erfahren, wo sich ihr Mann genau aufhielt?” Er lachte: “Ein Land mit dem Handy am Ohr, hat keine Geheimnisse.”

Am Abend sahen wir das Ehepaar Lusconi im Restaurant. Sie aßen feierlich und tranken Champagner. Neben dem Tisch standen mehrere Tragetaschen aus den besten Boutiquen: Gucci, Lucci; Russo, Busso; Moschino, Molino und so fort.

Signora Lusconi sah glücklich aus, der Seitensprung ihres Mannes hatte sich gelohnt.

Pflaumenbäume sind gefährlich

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

I.

Professor Teodoro Dasiger hieß bei seinen Studenten „Quasi Eroico“ – vermutlich wegen seines italienischen Vornamens. Wenn sie ihn ärgern wollten oder sich selbst über ihn geärgert hatten, nannten sie ihn Quasi. Aber wenn sie voller Achtung über ihn sprachen, gebrauchten sie den Ehrentitel Eroico. Wie der Spitzname zustande gekommen war, keiner wusste es mehr. Ich will Professor Dasiger der Kürze halber Quasi nennen, auch deshalb, weil ich mir nicht sicher bin, ob Vieles an ihm zu loben wäre.

Quasi hegte bedeutende Gedanken über Informationen und Maschinen, über Probleme seltener Vorkommnisse und chaotischen Verhaltens. Aber er war auch ein Zahlenmaniak, zwar kein Numerologe, nicht von Aberglauben beherrscht, trotzdem, er liebte absonderliche Zahlenspielereien. Er war ein guter Kopfrechner und dennoch ein ernst zu nehmender Mathematiker, dem allerdings nie ein entscheidender Durchbruch, nie eine wichtige Entdeckung gelang, für die er Priorität beanspruchen durfte, jedenfalls nicht auf dem Feld der reinen Mathematik. In der Informatik galt er jedoch als Kapazität.

Seine Zahlen-Besessenheit tat sich darin kund, dass er jeweils den aktuellen Stand der Kreiszahl-Forschung mitteilte – durch höfliche Zuhörer dazu aufgefordert. Er berichtete dann, bis zu wie viel Stellen hinter dem Komma welcher Computer neuerdings (sagen wir Stichtag 30. Juni) die transzendente Zahl Pi ausgerechnet hatte. Das letzte Mal sprach er in diesem Zusammenhang von über einer Billion Stellen hinter dem Komma. Er drohte manchmal damit, in den nächsten zwei Stunden die ersten fünftausend Nachkomma-Stellen von Pi aufzusagen, und erntete ein erstauntes Entsetzen, so dass er jedesmal darauf verzichtete und es daher nie erwiesen wurde, ob er tatsächlich dazu in der Lage gewesen wäre. Wer hätte die Richtigkeit prüfen sollen? Die Vorbereitungen dazu wären für jeden geselligen Abend unpassend gewesen. Und die geselligen Abende waren es, wo er seine kauzigen Rechen- und Gedächtniskünste zum Besten gab.

Auch über Primzahlen konnte er schwadronieren und darüber zum Philosophen werden, so dass viele Party-Gäste ins Gespräch zurückfanden, denn über Philosophie zu reden, macht Spaß, wenn man schon vier Glas Rotwein intus hat. So berichtete er über die größte bis zu einem Stichtag, zum Beispiel dem Tag der deutschen Einheit 2008, gefundene Primzahl (deren es, wie jedes Schulkind weiß, unendlich viele gibt) und bezifferte ihre Länge auf über vier Millionen Zeichen (das habe ich mir eben noch merken können) und erklärte in seiner schnurrigen Weise, wie man sie durch möglichst wenig Symbole darstellt, wie sie dadurch gewissermaßen einen Namen bekommt und aus der Unbestimmtheit ihrer Existenz heraus vor Augen geführt wird, vergleichbar einem aufgespießten Schmetterling oder einem aus dem Meer an Deck gezogenen Fisch. Er meinte, dass man sich von der Größe dieser monolithischen Zahl kein vollständiges Bild machen könne, noch weniger als von Gott (zu dessen Beschreibung er die Erinnerung an den alten Rektor Dr. Goettlicher heranzog) und ferner, dass man nur eine Eins hinzuzufügen brauche, und dieser Einstein von Monolith (er gefiel sich in solchen Wortspielen) zerfalle in lauter Brocken und verwandle sich in einen Haufen Zahlenmüll.

Er brachte niemals selbst das Gespräch auf seine Leidenschaft, nicht direkt, nur andeutungsweise, um andere zu ermuntern, ihn zu fragen. Bei Zusammenkünften, an denen ich teilnahm, gab es immer mindestens einen Eingeweihten, der ihm Zahlenrätsel zur Lösung vorlegte. Manchmal durchschaute ich Quasi, wenn er bekannte Sätze der Zahlentheorie bemühte, zum Beispiel um behaupten zu können, dass die gigantische Zahl vier hoch 44, um Eins vermindert, durch 89 teilbar sei. Es gebe eine Fülle solcher Kuriositäten, zu deren Verständnis keine tiefe Theorie benötigt werde (das sagte er nicht ohne Koketterie).

Er konnte zu jeder Zahl etwas sagen (für die Mathematiker unter uns: zu jeder natürlichen Zahl, wenn sie nicht allzu groß ist). Jede Zahl habe ihre eigene „Individualität“. Das darf uns nicht überraschen, da sich doch jede Zahl von anderen unterscheidet. Was er aber meinte war, jede Zahl habe außer dem trivialen Unterscheidungsmerkmal auch Eigenschaften, die einem Laien nicht ins Auge springen, zum Beispiel 1729. Schön, das ist das Geburtsjahr von Lessing und Moses Mendelssohn, das sollte auch jeder Nicht-Mathematiker wissen. Aber da existiere auch ein mathematisches Charakteristikum, das dem Inder Ramanujam einmal spontan aufgefallen sei: 1729 ist die kleinste Zahl, die sich auf zwei Arten als Summe zweier Dreierpotenzen darstellen lässt. Solche ungewöhnlichen Dinge wusste er über fast jede Zahl zu berichten.

Der Gesprächsstoff konnte nie ausgehen, denn es gibt ja genug Zahlen. Und wenn alles erforscht sein wird, jedes Atom des Weltalls umgedreht und gezählt, jedes Quark gevierteilt oder in noch kleinere Teile zerhauen, dann werden die wahren Zahlenriesen immer noch im Dunkel der Unwissenheit bereitstehen und vergeblich auf ihre Erlösung warten. Denn gegen sie ist das Universum winzig. Ob man ihn einen modernen Pythagoräer nennen dürfe? Er wies diese Bezeichnung ärgerlich zurück und behauptete zur Überraschung derjenigen, die ihn nicht so gut kannten wie ich, dass er Zahlen keine Bedeutung beimesse, dass sie zwar ein wichtiger Teil der Gedankenwelt seien, aber dass sie die übrige Welt nur unvollkommen erklärten. Seine Neigung sei zwar auch immer von der Hoffnung begleitet, auf ein Geheimnis zu stoßen, auf eine gleichsam kleine freigelegte Stelle einer Marmorgöttin im Schlamm unter Wasser, aber auf keinen Punkt, der unser Schicksal berührt. In dieser Behauptung, scheint mir, liegt ein kleiner Widerspruch zu dem Folgenden.

II.

Seine absonderlichste der bis jetzt bekannt gewordenen Leistungen war eine Statistik, die im Aprilheft der Zeitschrift ‘Man and Nature’ erschien und die sich wissenschaftlich mit der Zahl der im europäischen Mittelalter von Pflaumenbäumen herab zu Tode gestürzten Menschen auseinandersetzt. Er hatte eigens dazu ein mathematisches Modell entworfen, in das er außer der Bevölkerungsentwicklung zwischen 476 und 1453 (gegliedert nach Bauern, Städtern, Mönchen und Adeligen) auch klimatische Schwankungen einbezog, „ablesbar an den Wachstumsringen der Bäume“, ferner den Zyklus der Sonnenflecken, das Auf und Ab der Fruchtbarkeit sowie neue Erfindungen landwirtschaftlicher Maschinen, auch die Ausrottung der Ketzer, die Verödung der Baumkulturen durch Kreuzzüge, durch Kriege im allgemeinen, die Wanderung von den Dörfern in die Städte, die Pest-Epedemien des 14. Jahrhunderts und selbstverständlich die normalverteilte Höhe von Pflaumenbäumen. Alles das und noch vieles mehr.

Die Frage: „Was verstehen Sie unter Europa?“ beantwortete Quasi etwa so:
„Nun, das Gebiet der Europäischen Union (Stichtag Silvester 2008) zuzüglich der Schweiz, Norwegens, Islands, der Balkanstaaten und der assoziierten Kleinstaaten, z. B. des Vatikans. Nicht berücksichtigt habe ich Grönland, obwohl ich annehme, dass auch dort, in den wärmeren Zeiten, als die Großinsel grünte und ihren Namen erhielt, mindestens drei Personen durch Pflaumenbäume ums Leben gekommen sind. Daher will ich anregen, und zwar in der nächsten Aprilausgabe, dass man neben der Erlöserkirche in Nuuk ein Denk- und Mahnmal errichte – zum Gedenken an die unbekannten Opfer und zur Ermahnung an künftige Generationen, die infolge der globalen Erderwärmung leichtfertig Pflaumenbäume in Grönland einführen wollen und darum zur Sorgfalt im Umgang mit ihnen angehalten werden müssen.“ „Und was verstehen Sie unter Mittelalter?“ Seine kryptische Antwort darauf lautete: „Vom Zerfall der westlichen Hauptstadt bis zum Zerfall der östlichen.“ Wegen solcher Äußerungen, die er gelegentlich in Aufsätze oder Gespräche einstreute, wurde er mal des Neo-Marxismus´, mal des Gegenteils geziehen oder einen politischen Chiliasten geschimpft, der in bedenklicher Weise, wie ein gewisser Österreicher, seinen Überlegungen Zeiträume von tausend Jahren zugrundelege.

Das Schwanken des Baums im Wind, der Schwindel beim Hinaufgreifen in ein Nest reifer Früchte, der eingeklemmte Fuß in einer Astgabel, der Verlust des sicheren Halts und der tödliche Absturz. Oder die falsche Berechnung der Äste, die Verletzung des Auges durch dornige Auswüchse, das unkontrollierte Greifen, Absturz und Exitus. Quasi verwandelte diese Unfälle in Zahlen und kam zu dem erschütternden Ergebnis, dass 32.117 Bauern, 19.702 Mönche, nur 857 Soldaten (denn sie haben Bauern und Mönche gezwungen, für sie Pflaumen zu pflücken), drei Herzöge und ein französischer König in dem bewussten Zeitraum zu Tode gestürzt seien (unberücksichtigt blieben das Ersticken an Pflaumenkernen und diejenigen Fälle, in denen Personen von umstürzenden Pflaumenbäumen erschlagen worden oder an den Spätfolgen eines Unfalls, z.B. einer Sepsis, zugrunde gegangen waren). Er verglich die Gesamtzahl der Opfer zum einen mit der Einwohnerzahl von Berlin (Stand 2006) und zum anderen mit der Zahl der seit Entstehen des Homo sapiens bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt gestorbenen Menschen, einer Zahl, die er durch Integration der Exponentialfunktion unter Berücksichtigung eines Sicherheitsfaktors, der die Unwägbarkeit der Geschichtsforschung ausgleicht, ermitteln konnte. Und so kam er zu ganz unterschiedlichen Bewertungen, die einerseits den Pflaumenbaum als tödliche Bedrohung und andererseits als Mittel zur homöopathischen Verabreichung des Todes kennzeichnet. Der Pflaumenbaum, so lautete sein Resümee, sei alles in allem keine ernsthafte Gefahr – wenn man ihn meide.

Auf die Aprilausgabe haben nur wenige Leser reagiert, nämlich die Getreuen, die immer auf Aprilscherze hereinfallen und ihre Empörung hinausschreien. Die Zeitschrift ‘Medieval Life’ verweigerte den Abdruck seines Aufsatzes mit der Begründung, Professor Dasigers Arbeit wirke angesichts der Hekatomben des 20. Jahrhunderts und angesichts des gewalttätigen Todes auch und gerade im Mittelalter zynisch und abstoßend. Das verbiete eine Veröffentlichung, auch dann, wenn die Berechnungsmethoden ihre Richtigkeit hätten (was man bezweifeln müsse).

Jemand soll sogar die Zeitschrift ‘Man and Nature’ abbestellt haben. Einem Gerücht zufolge (auf das ich nichts gebe) war es Quasi Eroico selbst, denn die Redaktion habe eigenmächtig Passagen des Aufsatzes gestrichen (und so die Schuld an seiner moralischen Verurteilung auf sich geladen), z.B. die ausführliche Definition des Begriffs Rosengewächs, seine auf dem Studium der Spezialliteratur über Gartenkunst basierende Ausgrenzung von Renekloden und Mirabellen, die wahrscheinlich erst nach dem Sieg der Türken über Kaiser Konstantinos Dragasis in Europa heimisch geworden seien und demzufolge erst in der Neuzeit ihren tödlichen Einfluss auf eine (trotz des Dreißigjährigen Kriegs) stets wachsende Bevölkerung ausgeübt hätten. Er für seinen Teil (so wird Quasi zitiert) betrachte Renekloden nur mit Argwohn, könne sich ihres Genusses jedoch nicht enthalten und koste sie, der Sucht des Essens einmal ausgeliefert, wie die Japaner das Fleisch des Kugelfisches mit schauderndem Vergnügen. Gestrichen worden sei ferner (und das erbittere ihn besonders) die Schilderung seines Versuchs, den jahrelangen Streit mit seiner Gattin über die Frage, ob Zwetschgen Pflaumen seien oder nicht, für sich zu entscheiden.

Halb im Scherz, halb im Ernst warf man ihm seine lächerliche Akribie vor: die minutiöse Begrenzung des Zeitraums Mittelalter, sozusagen vom Neujahrstag 476 bis zur Silvesternacht 1453, weiter die Zahl der Todesfälle, die er nicht zu Tausenden gebündelt habe, wodurch er eine Genauigkeit vortäusche, die auch ein besseres Modell als seines niemals würde erreichen können. Andererseits schrecke er nicht davor zurück, über Generationen hinweg zu integrieren, aus der Masse der Individuen eine glatte Funktion zu machen – wie mit dem Schmiermesser einen glänzenden Strich durch die Butter. Seine globale Betrachtungsweise vertrage sich nicht mit der atomistischen, die sich auf Einzelheiten berufe, gewissermaßen auf den blauen Staub der Pflaumenschale.

Ja, gebe es etwas Globaleres als die Atomistik? Sei je die Welt als Ganzes einfacher erklärt worden als durch Leukipp und Lukrez? Und der blaue Staub! Bei so viel Individuen, den Staubpartikeln, entstehe da nicht automatisch der Eindruck eines glatten Ganzen, der Bläue? Erstens müsse man alles, was man genau weiß und scharf definieren kann, auch in eben derselben Schärfe berücksichtigen, um der gefährlichen Fehlerfortpflanzung wenig Nahrung zu bieten, zweitens habe sein Respekt vor dem Individuum ihn bewogen, ihren Tod nicht in statistischen Tausender-Kolonnen aufzuzeigen. Hinter jedem Sturz vom Pflaumenbaum verberge sich eine Tragödie, Turbulenzen in der Familie des Verstorbenen, ja weitere Todesfolgen, die er bewusst außer Acht gelassen und dem Pflaumenbaum nicht zugerechnet habe.

In einem Fall verberge sich sogar eine Tragödie von historischem Ausmaß, nämlich im Fall oder besser gesagt im Sturz des Königs, dessen Name sein Rechenmodell verständlicherweise nicht habe auswerfen können, aber dessen Tod wahrscheinlich die Geschicke Frankreichs und damit Europas beeinflusst habe, ob zum Guten oder Schlechten, müsse dahingestellt bleiben. Und ganz abgesehen davon: „Zahlen, ob zu Tausenden zusammengefasst oder nicht, Zahlen bleiben Zahlen. Auf Zahlen kommt es nicht an. Der Sinn eines Modells liegt nicht in seinem numerischen Ergebnis, sondern darin, dass es einen zwingt, die eigene Vorstellung von erklärungsbedürftigen Sachverhalten zu präzisieren und auf Widersprüche zu prüfen, die sich unsichtbar dicht unter dem Blätter- und Blütenteppich der blumenreichen Alltagssprache versteckt halten.“

Auf einem Empfang fragte ich ihn einmal, ob man in dem Modell das katastrophale Ergebnis durch Abwandlung einiger endo- oder exogener Parameter mildern könne, und ich hörte Quasi antworten, fast dröhnend, seine Stimme schien getragen vom Interesse der Umstehenden, die auf mich blickten, teils kühl herablassend, teils lächelnd, andeutend, dass es sich vielleicht um eine gute Frage handele (man müsse nur erst die Antwort abwarten): „Durch Abholzung aller Pflaumenbäume im sechsten Jahrhundert, ferner durch ein striktes, von religiösen Vorschriften untermauertes Verbot ihrer Neuanpflanzung. So hätte man, eingedenk sporadischen Ungehorsams in unwegsamen Bergtälern, die Zahl der Toten auf eine Quantité négligeable reduzieren können. Deshalb wäre es klug gewesen, den Pflaumenbaum als unreines Geschöpf hinzustellen, als ein Gewächs, das Legenden zufolge, die eigens dafür hätten erdichtet werden müssen, der Heiland, als er noch auf Erden wandelte, habe verdorren lassen wie den unschuldigen Feigenbaum im Markus-Evangelium.“

Ich fragte weiter, ob er denn zugebe, dass in sich widerspruchsfreie Modelle existierten, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben? Quasi lächelte mich an wie ein Lehrer, der einen Schüler examiniert und findet, dass er mitarbeitet. Für gute Lehrer sind Einwürfe der Schüler ohnehin willkommener als Antworten, denen man nicht anmerkt, ob sie aus dem Verstand oder nur aus dem Gedächtnis herrühren. „Nein, nein. Denn erstens sind sie selbst ein Stück Wirklichkeit, zweitens werden sie von einem Stück bereits vorhandener Wirklichkeit akzeptiert, von einem Computer nämlich, sonst wären sie nicht lauffähig und erst recht nicht widerspruchsfrei. Ich gebe allerdings zu, dass es widerspruchsfreie Modelle gibt, zu Hauf, die nicht unseren Absichten dienen und nicht unsere Erwartungen erfüllen. Sie erweisen sich gerade deshalb als ein Stück Wirklichkeit, weil die Wirklichkeit etwas ist, was unseren Wünschen nicht dient, sonst würden wir sie als besondere Qualität nicht wahrnehmen. Ohne schmerzliche Erfahrungen müssten wir glauben, die Welt bestehe nur in unserer Einbildung.“

Er präsentierte schließlich sein Pflaumenbaum-Modell als ein didaktisches Vorhaben, das leider missglückt sei, weil die einzige Zeitschrift, die es veröffentlicht hatte, die interessantesten Teile, nämlich die exemplarische Lösung von Riccati-Gleichungen, seine ausführliche Behandlung großer dünnbesetzter Matrizen und seine Bemerkung über Kalmanfilter fortgelassen habe (also war doch etwas an dem Gerücht!). „In welchem Modell, das sage mir einer, kann man so ungeniert so viele Techniken des Modellbaus erörtern wie in meinem? Ein SINNVOLLES Modell biete gar nicht so viele Möglichkeiten wie das meinige, in dem ich große Zeiträume und seltene Vorkommnisse, chaotische Ereignisse, politische Schrecknisse, militärische und soziale Katastrophen habe berücksichtigen dürfen. Mein Pflaumenbaum-Modell ist die Mutter aller anthropo-sozio-biologischer Modelle.“

Quasi Eroico atmete tief und nahm ein Glas aus den Händen eines Adepten, der es die ganze Zeit gehalten und seine Aufmerksamkeit nur dieser Eventualität gewidmet hatte. Quasi führte das Glas in einem Bogen an seinem Gesicht entlang, als wollte er seine Nase nur riechen lassen, was er seinem Gaumen vorenthielt.
„Nehmen Sie die englische Sprache, unsere Umgangssprache. So schlecht ist es nicht, dass wir unsere Beiträge in Englisch publizieren müssen, denn so werden wir gezwungen, unsere Gedanken – noch deutsch in statu nascendi – einer Metasprache zu unterwerfen. Wie oft sind wir nicht Opfer eines bildhaften Ausdrucks, der uns eine Schlussfolgerung nahelegt, die durch die Sache nicht begründet ist, und der in einer Fremdsprache anders lautet und uns eine andere fruchtbare Assoziation verschafft, uns jedenfalls vor einem Irrtum bewahrt. Wir können also sagen, was durch die englische Sprache gefiltert wurde und geläutert herauskommt, hat einen ersten Test bestanden. Aus dem gleichen Grund sollten Angelsachsen ihre Theorien in Deutsch, besser noch in Ungarisch, am besten in Chinesisch veröffentlichen – oder aber, das leuchtet Ihnen, meine Damen und Herren, vermutlich sofort ein, mit Hilfe einer Kunstsprache, also einer Computersprache, z.B. Occams – zu Ehren des Philosophen, der Endgültiges über Theorien und Modelle gesagt hat, nämlich, dass man zu ihrer Entwicklung nicht mehr Annahmen als erforderlich heranziehen soll.“
„Ja, aber, aber, an diesem Anspruch gemessen, ist Ihr Modell, äh, äh …“
„Sie haben völlig Recht.“
„Und wozu denn das Ganze?“
„Ich will Sie lehren, mehr Respekt vor Pflaumen zu haben als vor Statistiken. Eine Statistik, die die Methode ihres Zustandekommens nicht offenlegt, taugt sowieso nicht das Schwarze unter dem Fingernagel eines Chirurgen.“

Der kopflose Reiter

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

1.

Gernot Apostel hat die akademische Welt lächerlich gemacht, weil er ohne Medizinstudium als Arzt auftrat und sogar als Klinikleiter vorgeschlagen wurde. Man ist ihm auf die Schliche gekommen, aber viel zu spät, als dass sich die Gelehrtenrepublik vor dem Spott hätte retten können. Apostel übersetzt man am besten mit „der Kleine von der Post“, weil er Postangestellter war. „Der Kleine“ darf als Koseform verstanden werden, denn Apostel hat nicht nur für Empörung, sondern auch für Erheiterung gesorgt. Hat er jemandem geschadet – außer den akademischen Talar– und Troddelträgern? Ich will das offen lassen, muss aber hinzufügen, dass Gernot Apostel zwar ein Hochstapler, aber kein Ideologe war, kein verrannter Wirrkopf, kein Fundamentalist, keiner wie Rainer Kanberg.

Die Boulevard–Presse und das Fernsehen hatten Apostel herausgestellt und zum Ruhm verholfen. Er war in Talkshows aufgetreten, bevor er sich abermals auf die Anklagebank setzen musste, wo ihm milde Richter gegenüber thronten, denn Apostel war klug genug, deutschen Richtern nicht ohne hieb– und stichfesten Doktortitel und nicht ohne zweites Staatsexamen die Stirn zu bieten, um ihnen Gesetze auszulegen. Er war eitel, ja, gebildet, naja, aber nicht dumm und, wenn er nur wollte, sehr charmant. Apostel hatte (aus Gründen der Strafminderung) einem stationären Aufenthalt in der Psychiatrischen Abteilung der Charité zugestimmt, wo er seiner Leidenschaft, den Doktor zu spielen, nicht gänzlich entsagen konnte.

Er schellte und befahl dem Pfleger, der eintrat:
„Schließen Sie das Fenster – bitte!“
„Sie lassen mich zum dritten Mal rufen. Was hält Sie davon ab, das Fenster selbst zu schließen? Sie sind nicht bettlägerig, Sie sind bestens angezogen, Sie brauchen daher Blicke aus den gegenüberliegenden Fenstern nicht zu fürchten.“
„Ich bin nicht zum Spaß hier!“
„Bin ich es?“
„Ich bin hier, weil man mich verfolgt, weil ich stündlich mit einem Angriff auf meine Person, mit einem Schuss aus dem Hinterhalt rechne – und weil mir alle Welt einreden will, ich litte unter Einbildungen. Gehen Sie jetzt bitte langsam und auffällig durch das Zimmer zum Fenster, so dass man Sie gut erkennt und auf gar keinen Fall mit mir verwechselt. Dann schließen Sie es – bitte!“
„Herr Apostel, Sie simulieren. Sie tun nur so, als hätten Sie nicht alle Tassen im Schrank.“
„So spricht kein Psychiater. Denn kein Psychiater würde sagen, Sie hätten alle Tassen im Schrank! Sie sind keiner. Was sind Sie?“
„Ersatzdienstleister.“
„Das hätte ich mir denken können. Einen Psychiater braucht man nicht lange zu bitten, einem das Fenster zu schließen. Der würde ohne Widerspruch alles schließen, Türen, Fenster und Vorhänge, so dass man nicht einmal mehr hinausschauen könnte. Mir missfällt, dass Sie mich im Glauben lassen wollten, Sie seien jemand, ein Arzt, dabei sind Sie ein Niemand. Sie wischen anderen den Arsch ab.“
„Und schließe Fenster für andere. Die einen fürchten, es fliegt etwas herein, die anderen, sie könnten hinausfallen. Dostojewskij zum Beispiel hatte Angst, es zöge ihn hinaus, wenn er an einem offen Fenster stünde. Er kroch auf dem Bauch zum Fenster, um es von unten zuzustoßen, damit ihn nicht die Sehnsucht packt, hinunterzuspringen und sein Leben dem süßen Augenblick des Fliegens preiszugeben.“

„Sie brauchen mir nicht zu beweisen, dass Sie eine höhere Schulbildung besitzen. Ich war Amtsarzt, ich war Oberarzt, wenn ich wollte, bekäme ich einen Lehrstuhl für Philosophie. Glauben Sie nicht, dass sich jemand beklagen würde, wenn ich auf einem philosophischen Lehrstuhl säße! Mit Sloterdijk und Precht habe ich schon öffentlich diskutiert in der Reihe ‘Philosophie gestern, heute, morgen’. Sie sind leicht impressibel. Ihnen gefällt das Bild von einem Mann, der auf dem Bauch zum Fenster kriecht. Sie haben es erzählen hören, vielleicht auf der Abschlussparty Ihrer Abiturklasse. Der Deutschlehrer hat das siebte Bier intus, jetzt möchte er sich von einer ganz anderen Seite zeigen, jetzt beweist er Ihnen, dass er eine Seele hat, nicht nur ein Notizbuch, nicht nur ein Reclamheftchen und nicht nur einen Heftordner voller Text-Interpretationen, jetzt kehrt er die Tiefe heraus, den russischen Menschen, jetzt zeigt er Ihnen den Hiatus zwischen Philologengeschwätz und Weltliteratur, die Abgründe, die Schizophrenie, die Zerrissenheit des modernen Menschen, Dostojewskij als den modernen Menschen. Zwei Glas später erzählt der Herr Oberstudienrat Ihnen, dass ihn seine Frau mit dem besten Freund betrügt, dem Religionslehrer, und noch ein Glas später fängt er an zu heulen. DAS hat Ihnen gefallen! Und jetzt kommen Sie mir damit, um mich zu beeindrucken. Wissen Sie eigentlich, wem Sie imponieren wollen?“

„Das weiß jeder hier. Sie genießen eine narzißtische Persönlichkeitsstörung.“
„Das Urteil steht Ihnen nicht zu! Sie sind kein Arzt. Ich wollte nicht hierher, es war nicht meine Idee. Meine Psychologen haben mir dazu geraten, nicht weil ich es nötig hätte, sondern um Abstand zu gewinnen, um in Ruhe und Anonymität nachzudenken. Das ist bei Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens wie mir gar nicht so einfach. Die Presse hat meinen Aufenthaltsort verraten und mich den gedungenen Mördern ausgeliefert. Bilde ich mir ein, dass mein Name in den Zeitungen steht? Nein. Bilde ich mir ein, dass ich in der Zeitgeschichte eine Rolle spiele? Nein. Meine Krankheit ist es, verkannt zu werden! Daran sollten Sie arbeiten. Studieren Sie Pharmazie und entwickeln Sie ein Medikament gegen Verkennung! Das würde vielen Menschen helfen, vor allem mir persönlich. Meine Rolle in der Zeitgeschichte ist verkannt worden. Ich sage nur das eine Wort mit P: Politik. Ich bin Geheimnisträger, ich könnte Bände füllen. Soll ich Ihnen Namen nennen? Lieber nicht, damit würde ich Sie gefährden. Es genügt, dass meine Person Gefahren ausgesetzt ist. Als ich aufwachte, sah ich Lichtreflexe auf meinem Bett und dann auf der Wand und dann wieder auf dem Bett, an der Wand, auf dem Bett, an der Wand, auf dem Bett. Ich sehe nach draußen, verdeckt durch den Vorhang, und erkenne eine Frau, die das gegenüberliegende Fenster auf- und zumacht, auf und zu.“
„Das war die Reinigungskraft.“
„So genau sollte es ja aussehen! Wenn etwas genau so aussieht, wie Sie es erwarten, dann seien Sie auf der Hut! Wenn alles hundertprozentig stimmt, dann ist die Gefahr am größten. Wenn alles nach Plan läuft, dann springt der Zug aus dem Gleis.“

2.

Apostel betrat das Ordinationszimmer, stellte sich als „der Neue“ vor und bat den Patienten, einen Herrn namens Wieland Wohlthat, in einen ruhigeren Raum, obwohl der, wo Wohlthat wartete, zum Park der Charité hinaus lag und für großstädtische Verhältnisse nicht ruhiger hätte sein können. Die Herren eilten in Apostels Zimmer. Wieland setzte sich auf einen Wink des vermeintlichen Arztes, der sich auf dem Besucherstuhl niederließ und die Beine übereinanderschlug, in ein Plastiksesselchen am Fenster. Durch das Oberlicht drangen Geräusche der S–Bahn. Apostel fragte seinen Gast nach der Vorgeschichte und den bisherigen Befunden. Dann begann Wieland Wohlthat seinen Bericht über das seelische Leiden, das ihn umtrieb, das ihn nicht schlafen ließ und wie ein Alb mit feurigen Augen über ihm stand, wobei die feurigen Augen nicht im Kopf des Albs zu suchen seien, sondern – am Himmel vielleicht?

„Sie meinen, der Alb hat Augen, aber nicht im Kopf, sondern am Himmel?“
„Der Alb hat keinen Kopf und doch hat er Augen, aber wo? Bevor er sich auf mich setzt, lange davor, nämlich ganz am Anfang, sehe ich einen normalen bedeckten Himmel, und dann eine Landschaft, eine Steppe und dahinter einen Wald. Nun überkommt mich die Ahnung, dass etwas passiert, darin unterscheidet sich die Landschaft von allen anderen, an die ich denke – durch die Ahnung von etwas Unaussprechlichem, Erhabenem, aber auch Fürchterlichem, und dann schaue ich auf den Waldrand. Der Himmel verfinstert sich. Da bricht ein Reiter zwischen den Bäumen hervor. Er hat keinen Kopf. Er sitzt im Sattel wie festgeschnürt, wie der tote Cid, den man auf das Pferd gebunden hat, um den Mauren zu zeigen: der Cid ist noch da, es gibt ihn noch, Ihr habt Grund, euch zu fürchten. Aber mein Reiter lebt und ist kopflos. Er passagiert wie bei einem Dressur-Ritt über die Steppe, deshalb der Eindruck des Erhabenen. Vor meinen Augen reitet er zum Rand des Gesichtsfeldes. Dann sehe ich ihn nicht mehr, aber ich fühle, dass er Kehrt gemacht hat und sich in einem Bogen nähert. Es wird dunkler, und ich spüre, wie er näher und näher kommt und wie mit der Dunkelheit seine Gegenwart wächst, und dann ist er da und springt auf mich, kopflos wie er ist, und sieht mich an. Mit welchen Augen, frage ich Sie?“

„Mit den Augen Ihres Vaters. Ein typischer Fall von Kastrationsangst. Sie haben Angst, Ihren Kopf zu verlieren, Ihr bestes Stück, an das Sie immer denken, daher Kopf, obwohl Sie Penis meinen. Der Anfang ist gemacht – dadurch, dass Sie sich mir geöffnet haben. Nun kann ich Ihnen sagen, dass Ihr Alb nicht so außergewöhnlich ist, wie Sie vielleicht befürchten. Weichen Sie dem Gedanken an den kopflosen Reiter nicht aus. Beim nächsten Mal versuchen Sie, ihn zu rufen, bevor er aus dem Wald kommt. Tun Sie so, als erschiene er auf Ihren Befehl, und wenn er galoppiert, gehen Sie auf ihn zu, greifen Sie nach ihm! Übernehmen Sie die Kontrolle!“ Apostel redete sich in Rage, ein Prediger, der Leuten eintrichtert, wie schön das Leben sei und wie wichtig sie selbst, sie müssten sich nur selber mögen, sich annehmen, sich durchsetzen, „nein“ sagen können, etwas wagen, etwas Außergewöhnliches zustande bringen, positiv denken, kreativ sein – und so in einem fort die Sprüchlein der Ratgeber-Autoren auf den Bestsellerlisten. Apostel war schon besser gewesen (das wusste er selbst), damals als man ihn zum Klinikdirektor hatte machen wollen. Nun fehlte ihm die Übung. Trotzdem. Das Wagen-Sie-etwas und das Seien-Sie-kreativ sollte Folgen haben.

3.

Durch die halboffene Tür eines Saales in der Psychiatrie hörte er Schleifgeräusche und Stimmen von Arbeitern. Wohlthat schlenderte den Gang entlang und blieb erst stehen, als die Geräusche verstummten. Er drehte sich um und sah die Handwerker auf den Flur treten und in die entgegengesetzte Richtung davongehen. Das bewog ihn, seinen Kopf in den Saal zu stecken, um zu erfahren, was in ihm geschähe. Wie erschrak Wohlthat angesichts des Bronzekopfes an der Wand gegenüber dem Podium! Die Büste des Professors Karl Bonhoeffer erschien ihm wie das Gegenteil, nein, wie die Ergänzung seines kopflosen Reiters. Angespornt durch das Gerede Apostels, verzichtete er auf jede Überlegung und folgte der Flex, die noch mit dem Stromkreis verbunden auf dem Boden lag, als einem Fingerzeig der göttlichen Kreativität, hob sie auf und schliff den Eisenstift entzwei, der Professor Bonhoeffers Haupt auf dem Postament festgehalten hatte.

Ohne anzuklopfen drang Wohlthat in Apostels Zimmer, vielleicht weil er glaubte, es sei ein öffentlicher Raum, und warf einen schweren, von einer Textiltasche umhüllten Gegenstand auf das Bett, dass es krachte. Nach einer Verschnaufpause hob er den Gegenstand an, senkte ihn auf den Fußboden und schob ihn unter das Bett.
Dann setzte sich Wohlthat auf denselben Sessel, wo er am Morgen seine Beichte abgelegt hatte, und schlief ein.

Apostel zuckte zusammen beim Betreten seines Zimmers. Er fasste sich schnell, schüttelte den Schläfer, weckte ihn und fragte nach dem Grund des unangemeldeten Besuchs. Wohlthat, zerrissen zwischen Angst und Stolz und begierig nach Anerkennung, erzählte, was er getan hatte. Apostel schalt ihn und befahl, über alles reinen Mund zu halten, auch über das morgendliche Gespräch, dann werde er ihm – vielleicht – helfen können, denn die Entdeckung der Untat könne für Wohlthat üble Folgen haben: Zwangsjacke, Stromstöße! Er möge sich nicht darauf verlassen, dass die Psychiatrie in der ehemaligen DDR das Niveau des Westens erreicht habe, und besser damit rechnen, dass sie auf dem Niveau der Nazizeit stehen geblieben sei – und was das bedeutet, könne sich auch ein geistig „anders befähigter“ Mensch, um nicht zu sagen ein geistig Behinderter, an den fünf Fingern einer Hand abzählen!

4.

Es wurde schon angedeutet, dass Kanberg ein ganz anderer Mensch war als Apostel. Trotzdem hatten sie einen Berührungspunkt, die Psychiatrie, speziell die Kastration (die „Enthauptung“ im Apostolischen Sinne). Kanberg hasste die Psychiatrie, aber darum schätzte er Apostel, weil er glaubte, dass er sie lächerlich gemacht und ihr dadurch geschadet habe. Warum Kanberg die Psychiatrie mit Hass verfolgte? Vielleicht war er Scientologe, vielleicht selbst ein Opfer der Psychiatrie, deren Methoden auch bei rationalen Köpfen manchmal auf Kritik stößt. Aber Kanberg war kein diskursiver Kritiker, er war ein Fanatiker, der jede Meinung, die von seiner abwich, mit Beschimpfungen ahndete und – natürlich – mit Vergleichen, die einen Zweifler seines Glaubens zum Nazi stempelten.

Apostel, dem sich Kanberg schon angedient hatte, machte sich die Bekanntschaft zunutze und wollte ein Fax, möglichst mit offiziellem Kopf (das war er sich schuldig), an Kanberg schicken, um mit ihm – bezüglich einer psychiatrischen Frage von größter Wichtigkeit – einen Termin zu vereinbaren. Dass Apostel an die Adresse und die Fax-Nummer gekommen war, muss niemanden wundern, der mit seiner Karriere halbwegs vertraut ist.

„Schwester Angelika, Sie und ich wissen, dass ich kein Patient im klinischen Sinne bin, sondern ein ruhebedürftiger Mann, der hier Erholung suchen wollte. Daraus ist leider nichts geworden. Die einzige Augenweide in diesem tristen Umfeld sind Sie. Wenn Sie nicht hier wären, würde ich mir das Leben nehmen.“
„Sie brauchen gar kein Süßholz zu raspeln, Herr Apostel! Man hat mich vor Ihnen gewarnt. Ihre Frauengeschichten kann man im Internet nachlesen.“
„Die Presse hat sich an mir versündigt. Schade, dass Sie darauf hereinfallen und mit dazu beitragen, meinen Ruf zu ruinieren. Da gibt es nur eine Wiedergutmachung.“
„Ich gehe abends mit Ihnen essen, das meinen Sie doch.“
„Ich habe etwas ganz anderes gemeint, obwohl ich der Letzte wäre, der Ihr Angebot ausschlagen würde. So direkt komme ich Ihnen nicht. Ich will auf Ihre Freundin hinaus.“
„Du lieber Gott! Ich glaube, ich gehe am besten!“
„Es ist anders als Sie denken, ich bin sowieso ganz anders, als die meisten denken. Das ist mein Schicksal. Die Wiedergutmachung, von der ich sprach, ist nur ein klitzekleiner Gefallen.“
„Ich bin doch keine Kupplerin. Wenn ich auf Sie nicht hereinfalle, soll meine Freundin es auch nicht müssen.“
„Dass Sie immer nur auf das Eine zurückkommen! Frauen scheinen immer nur an das Eine zu denken. Ich glaube, Sie wollen mich nicht verstehen. Lassen wir das.“
„Was ist es denn?“
„Lassen wir das.“
„Nein, sagen Sie. Wenn ich Ihnen helfen kann.“
„Es geht um Liebe. Aber um eine ganz andere, als Sie meinen. Ich müsste nämlich mal vom Büro aus faxen. Ihre Freundin arbeitet im Büro, das weiß ich.“
„Woher denn? Ich habe es Ihnen nicht auf die Nase gebunden.“
„Sie bringen mich in Verlegenheit, aber Sie erfahren es ja doch. Ich habe mich bei Ihrer Freundin nach Ihnen erkundigt, weil Sie mir SEHR sympathisch sind. Aber das gehört jetzt nicht hierher. Nein, meine Mutter. Sie ist das Objekt der Liebe. Sie weiß, dass ich mich hier aufhalte, das hat Sie schon aus der Presse erfahren. Ich habe ihr gesagt, dass ich nicht zur Erholung hier bin, nicht als Patient, wie einige Blätter behaupten, sondern in der Hierarchie zu tun habe. Da möchte ich nun gerne ein Fax an sie schicken, dem man ansieht, dass es aus der Verwaltung kommt, verstehen Sie? Das entspricht in einem höheren Sinne sogar der Wahrheit, wenigstens insofern, als ich kein richtiger Patient bin. Ich wollte Sie nur bitten, bei Ihrer Freundin anzufragen, ob ich ein Fax aus ihrem Büro abschicken darf. Ein bescheidener Wunsch, und gar nicht so großartig wie der, mit Ihnen essen zu gehen. An so etwas wage ich überhaupt nicht zu denken.“
„Dabei bleibt es dann aber!“
„Nur beim Essen?“

5.

„Das vierte Mal. Ich sollte gar nicht mehr zu Ihnen kommen. Wie ich sehe, ist das Fenster geschlossen!“
„Es geht hier nicht um irgendwelche Fenster, mein Lieber. Ich möchte Sie bitten, mir ein Telefon auf das Zimmer zu bringen.“
„Wo soll ich jetzt ein Telefon abklemmen? Ich weiß nicht einmal, ob es sich in diesem Zimmer aufstecken lässt.“
„Schon mal was von Handy gehört?“
„Ich habe keins.“
„Kein Handy, keine Ahnung von Telefonanschlüssen, aber wissen, dass Dostojewskij auf dem Bauch zum Fenster kriecht! Lassen Sie mich dann bitte aus einem der Büroräume heraus anrufen. Sie können meinetwegen daneben stehen bleiben, obwohl es eine vertrauliche Angelegenheit ist, wegen derer ich telefonieren muss.“

„Hier Doktor Apostel. Spreche ich mit Kanberg? Sagen Sie einfach Apostel. Sie erinnern sich? Ein Fax? Aha? Ja! Natürlich. Keine Ursache. Ich schlage vor, dass wir uns hier in der Nähe treffen. Sagen wir morgen gegen eins? Wir sollten uns beim Essen austauschen. Keinen Tisch mehr, um diese Zeit, in Berlin Mitte? Mein Lieber, unterschätzen Sie meinen Einfluss nicht! Nein, ich weiß, Sie haben es nicht so gemeint. Ich lasse einen Tisch reservieren, Platz vor dem Neuen Tor, gegenüber vom Hauptquartier der Grünen Partei. Sie haben was gegen Grüne, gegen die Biologie, gegen Biowissenschaften im Allgemeinen? Doch nicht im Ernst! Die Biologie als Anfang allen Übels? Das müssen Sie mir in Ruhe erklären, von der Seite habe ich es noch gar nicht betrachtet. Ich mache jetzt Schluss. Meine Patienten. Wir sehen uns morgen.“

6.

Apostel war mit der Welt nicht zufrieden, aber mit sich selbst, und besonders heute, weil er gestern ohne aufzufallen über Fax und Fon das Treffen mit Kanberg organisiert hatte, mit einem Mann, der ihm sympathisch war, denn Kanberg bewunderte ihn als den Psychiater neuen Glaubens, als den Feind der „faschistoiden Schulmedizin“. Apostel musste jetzt, kurz vor eins, seinem Pfleger erklären, warum er sich anschickte, das Haus zu verlassen – eine demütigende Prozedur.

„Es gefällt mir nicht, Herr Apostel, dass Sie außer Haus gehen wollen. Zugegeben, Sie sind freiwillig hier, ein freier Mann. Ich kann Sie nicht gewaltsam festhalten. Es ist nur wegen des Versicherungsschutzes. Wenn Ihnen draußen etwas passiert, gibt man uns die Schuld.“
„Dann haben Sie also Angst, dass mir etwas zustoßen könnte? Demnach wäre ich doch hochgradig gefährdet? Gestern haben Sie behauptet, es sei nicht an dem! Draußen rechnet niemand mit mir. Es hat sich, auch dank Ihrer Indiskretion der Presse gegenüber, leider herumgesprochen, dass ich mich in Ihrer Anstalt aufhalte. Hier drinnen fühle ich mich einer größeren Gefahr ausgesetzt als draußen in der Anonymität der Großstadt, unter den vielen Leuten, die sich gegenseitig ignorieren und wo jeder jedem gleichgültig ist.“

Apostel erschien 15 Minuten nach der vereinbarten Zeit, sein „akademisches Viertel“, das ihm zustand. Kanberg wartete vor der Tür des Restaurants auf dem Platz vor dem Neuen Tor. Übrigens, ich brauche das Äußere Kanbergs und Apostels nicht zu schildern, weil es in ihren Physiognomien nichts zu lesen gibt, was dem Verständnis dieser Geschichte weiterhülfe. Nur soviel: Sie haben nichts Bedeutendes an sich, kein Charisma, aber auch nichts Entstellendes, nichts Dunkel-Abstoßendes, nein, sie waren normal. Was heißt das schon – normal? Allerweltsleute, der normale Wahnsinn.

Der Psychiater neuen Glaubens komplimentierte Kanberg in das Innere und setzte sich an einen Tisch neben der Garderobe. Apostel hatte keine Plätze bestellt. Er hatte sich darauf verlassen, dass es welche geben würde, und behielt Recht. Hochstapler werden vom Glück begünstigt. Glück ist eine Eigenschaft von ihnen: das Glück nutzen zu können, es scheinbar anzuziehen, weil sie angehäuftes Wissen richtig zu kombinieren verstehen. Darum wirken Hochstapler angenehmer als Ideologen.

Apostel ließ Kanberg neben sich Platz nehmen und schaute sich um.
„Ein Grünen-Treffpunkt. Glauben Sie bloß nicht, das wären alles Unschuldige. Unter ihnen gibt es welche, die träumen von der Reinheit des Bodens. Nicht jeder meint den Verbraucherschutz, wenn er gegen die Globalisierung und für die lokalen Märkte streitet! Schauen Sie sich um. Mittags kommen manchmal ein paar Obergrüne hierher, und dann achten Sie darauf, wie viel Fleisch sie in sich hineinstopfen. Die glauben auch nicht an das, was sie predigen.“
„AUCH nicht an das? Wer glaubt denn sonst noch nicht, was er predigt? Mich können Sie schwerlich damit meinen.“
„Ich habe Sie auch noch nicht predigen hören – bis auf den Ansatz gestern am Telefon, wo Sie den Biowissenschaften, wenn ich Sie richtig verstanden habe, die Schuld an den Zuständen geben.“
„Biologie ist faschistoid. Was ist nicht im Namen der Biologie alles verbrochen worden. Und im Namen der Medizin!“
„Gibt es irgendeine Wissenschaft, der Sie keine Schuld am Faschismus geben?“
„Ich befinde mich im Besitz von Beweisen, die Sie überzeugen werden, dass die Medizin und vor allem die Psychiatrie Menschen, die von der gesellschaftlichen Norm abweichen, ins Elend stürzen. Sie sind ein Psychiater, der mit seiner Zunft über Kreuz liegt. Ich betrachte Sie nach allem, was ich von Ihnen gehört habe, als einen Wissenschaftler neuen Typs. Ich betreue Menschen, die der Psychiatrie zum Opfer gefallen sind, Menschen, die von Verbrechern entmündigt, zu Objekten gemacht und eingesperrt wurden.“

Nach diesem Erguss hielt Apostel es für angebracht, seine Sache vorzutragen. Er habe Kanberg etwas anzubieten, den Kopf des „weltberühmten Neurologen“ Bonhoeffer. Damit ließen sich Kampagnen machen – GEGEN die faschistoide Heterosexualität, gegen den faschistischen Fußball und die moderne Kunst, aber auch FÜR etwas, z.B. für das königliche Spiel. Denn sei Schach etwas anderes, als im Geiste den Vater zu ermorden, damit man ungestört der Mutter beiwohnen kann? Also ein Kampf gegen Kastration und für die freie Liebe? Allerdings, umsonst könne er die Trophäe nicht besorgen! Die Selbstkosten der gefährlichen Aktion müssten schon dabei herausspringen. Er nannte eine Summe. Darauf ging Kanberg ein. Er ereiferte sich, Bonhoeffer sei ein Nazi gewesen, der Zwangssterilisationen verfügt habe, ein Wissenschaftsgötze, der selbst heute noch verehrt werde. Apostels Angebot komme gerade zur rechten Zeit. Ihm, Kanberg, falle schon etwas ein, er habe da jemanden für ein Happening, ihm schwebe vor, wie die Kunst Hand in Hand mit der wahren Wissenschaft einherschreitet.
„Und deshalb akzeptiere ich Ihr Angebot. Niemand erfährt etwas über die Rolle, die Sie dabei spielen. Ich weiß nicht, wie Sie es anstellen, aber ich weiß, dass es sich um keinen ordinären Diebstahl handeln wird, sondern um ein moralisches Entwenden, eine Korrektur durch das Gute. Diese moralisch gerechtfertigte Aktion, Herr Apostel, wird Ihren Ruhm zementieren. Wir würden gerne die Psychiatrie der Charité nach Ihnen benennen: Gernot-Apostel-Klinik, als Zeichen einer alternativen, einer humanen Psychiatrie im Geiste der …“
„Nach Empfang der Büste zahlen Sie auf ein Konto, das ich Ihnen nennen werde, denken Sie daran!“

7.

Die schwierigste, aber auch wichtigste Persönlichkeit, über die ich hier spreche, ist der Psychiater und Neurologe Karl Bonhoeffer. Von ihm wurden Büsten geformt, nach ihm Kliniken und andere Einrichtungen benannt. Umstritten „schwankt sein Charakterbild in der Geschichte.“ Denn während der Hitler-Diktatur hatte er sich nicht dem Widerstand angeschlossen wie andere Verwandte, wie sein Sohn Dietrich, sondern weiterhin psychiatrische Gutachten erstellt. Darum mochte er mitverantwortlich dafür sein, dass Menschen zwangssterilisiert worden waren, obwohl er, ein Gegner der Zwangssterilisation, keine Menschen verstümmelt hatte. Man wirft ihm vor, er sei Wegbereiter der Nazi-Morde gewesen, weil er vor der Machtergreifung Vokabeln verwendet habe, die zu Recht in Misskredit geraten sind. Das Gleiche wird man eines Tages auch von denen sagen, die heute über Gentechnik diskutieren, über die moderne Variante der Eugenik. Zwar handelt es sich „nur“ um pflanzliches und tierisches Erbgut, in das die Gentechnik wertend eingreift, aber die Welterfahrung lehrt uns, dass eines Tages diese Technik, die uns heute vielversprechend erscheint, missbraucht wird, missbraucht durch die Einteilung der Menschen in „taugliche“ und „untaugliche“, und sei es auch nur im Hinblick auf Studierfähigkeit, die man eines Tages aus dem Genom herauszulesen wähnt. Nach einer Katastrophe werden die Überlebenden leicht erklären können, wer die Wegbereiter waren.

Wie viele Menschen, die nicht die Kraft zum offenen Widerstand gegen ein Verbrecherregime aufbringen, hat 1933 Bonhoeffer, damals bereits 65, eine Form des „Widerstandes“ gewählt, die wohlfeil ist. Er hat Funktionen in der Medizin–Bürokratie beibehalten, „um Schlimmeres zu verhüten“. Diese Form des Mitmachens, um Schlimmeres zu verhüten, führt zu Streitereien über einen Mann, dem man zugute halten darf, dass sein Sicheinlassen dazu diente, Familienangehörige, die sich dem Widerstand angeschlossen hatten, zu schützen.

Das alles berührte Kanberg nicht. Er hatte sein Hass-Objekt. Nun würde er sich in Szene setzen (darin gleichen sich Hochstapler und Ideologe). Kurz nach dem Treffen im Restaurant auf dem Platz vor dem Neuen Tor fuhr er mit einem Kleinlaster durch die Einfahrt zur Mensa auf das Gelände der Charité und nahm eine schwere, bauchige Textiltasche in Empfang, die ihm ein Mann überreichte, der ihn, noch während der Übergabe, laut aufforderte, das Areal zu verlassen, das Auto habe hier nichts verloren, es gefährde die Sicherheit der Patienten. Ein Pfleger musste Apostel beruhigen. Der Transit beliefere doch nur die Mensa, die Melone sei für die Küche bestimmt gewesen!

8.

Fritz Hellental war aus Israel nach Deutschland ausgewandert. Er pflegte zu sagen, es sei sicherer, bei den Nachfahren von Mördern zu leben als mit Selbstmördern (womit er offenbar die Palästinenser meinte). Er war ein bekannter Künstler, einer der malte und bildhauerte. Fritz bevorzugte Schweißapparat und Flex. Den Meißel benutzte er, um mit kräftigen Hieben Bleche zu spalten. Er hatte Skulpturen geschaffen, Denkmäler, die nicht allein der Erinnerung dienen, sondern auch der Ermahnung, darum gab es Kritiker, die seine Kunst als „gut gemeint“ und „politisch korrekt“ diskreditierten. Das hielt Fritz nicht davon ab, ein Denkmal aus Bronze zu entwerfen, eine riesige Pickelhaube, die aussah wie eine Pagode und die sich darum vielseitig deuten ließ, z.B. als Transformation vom Militarismus zur Meditation, von Bellizismus zum Pazifismus. Die Friedrichshain-Kreuzberger Bezirksregierung verhinderte die Aufstellung der Skulptur, weil sich kein geeigneter Platz finden lasse und weil man das Nationaldenkmal auf dem Kreuzberg nicht abreißen wolle, nur um für die Pickelhaubenpagode Platz zu schaffen. Die Neuköllner Bezirksregierung teilte vorsorglich mit, man denke nicht daran, das Jahn-Denkmal in der Hasenheide zu beseitigen, auch für einen Hellental nicht. Das würde sonst bei US-amerikanischen und australischen Turnvereinen einen Tsunami der Proteste auslösen.

Für einen Künstler aus Israel bedurfte es keiner Quellenstudien, um rasch davon überzeugt zu werden, dass ein getaufter Psychiater, dem „die Gnade der späten Geburt“ nicht zuteil geworden war, ein Nazi-Verbrecher zu sein habe. Jedenfalls brauchte Kanberg nicht lange zu drängen, um Hellental dafür zu begeistern, aus der gestohlenen Büste Bonhoeffers eine Anklage gegen das Verbrechen der Zwangssterilisation zu schaffen. Rechtliche Bedenken, hätte Fritz sie gehabt, wären durch den Paragraphen 950 BGB ausgeräumt worden. Der besagt nämlich dem Sinn nach: Wer durch Umbildung eines Stoffes eine neue bewegliche Sache herstellt, erwirbt das Eigentum daran. Fritzen sollte es egal sein, er würde sich im Zweifelsfall an Kanberg halten. Und so sägte, hämmerte und schweißte er eine neue Sache, deren Besitz ihm zufiel. Um erkennbar zu machen, dass die künstlerische Transformation an einem deutschen Professor geschähe, krönte Fritz die umgestaltete Büste mit einer Pickelhaube. Dieses Kunstwerk, „Kastrierungsgedanke kommt mit Pickelhaube“, das Paragraph 950 zufolge ihm gehörte (für das er allerdings gemäß Paragraph 951 noch keine Entschädigung gezahlt hatte), schenkte er Rainer Kanberg und dessem Verein, nicht bedenkend, dass seine Transformation möglicherweise zu einer Wertminderung der alten Sache geführt haben könnte und dadurch dem Schutz des Paragraphen 950 entzogen wäre.

9.

Kanberg wollte die transformierte Büste, die durch juristisches Blendwerk in seinen Besitz übergegangen war, auf einer Wanderausstellung präsentieren. Geldinstitute, Ärztevereinigungen und Bildungseinrichtungen boten Ausstellungsräume an und sagten ihre Teilnahme zu. Kanberg gab nun Presseerklärungen heraus und behauptete, ein ausländischer Geheimdienst habe die Bonhoeffer-Büste aus der Gernot-Apostel-Klinik verschwinden lassen und in den Orient entführt, wo sie in den Strudel der Weltgeschichte geworfen worden war, denn nur so könne er sich erklären, dass sie transformiert und mit einem neuen Rechtstitel versehen in Berlin wieder aufgetaucht sei. Der Ideologe scheute vor keiner Überspanntheit zurück (darin anders als ein Hochstapler, der glaubwürdig zu lügen weiß). Er verleumdete Karl Bonhoeffer als „Nazi-Unrechtsarzt der allerersten Garnitur“ und merkte nicht, dass er über keine Steigerung mehr verfügte, um Verbrecher wie Mengele und Wirths zu beschreiben. Dass die Nazis zwei Söhne und zwei Schwiegersöhne Karl Bonhoeffers ermordet hatten, spielte für Kanberg keine Rolle. Er versteifte sich auf seinen Götzen, nun, da er auch ein – entstelltes – Bildnis von ihm vorzeigen konnte.

Das „Kick-off-Event“ (ohne Englischtümelei ging es auch bei Kanberg nicht) ereignete sich auf einer Bühne in einem Theater, das nicht am Kurfürstendamm steht. Der Zuschauerraum war zu einem Drittel voll, aber im Foyer drängelten sich viele Menschen. Die Menge teilte sich, hereingetragen wurde die transformierte Büste. Ah und Oh! Jemand wuchtete sie auf einen Blumenständer, der auf dem Proszenium bereitstand. Dann trat Kanberg vor den Vorhang und begrüßte sein Publikum, das nach Empörung lechzte und leidenschaftlich dem Guten anhing (das kostete nichts, der Eintritt war frei). Nun predigte er über eine Wissenschaft, die Vernichtungsfeldzüge gegen Devianten führe, wies öfters auf Hellentals Kunstwerk, kritisierte opferbezogene Denkmäler und wünschte sich täterbezogene.

Als er dem Auditorium das Geheimdienst-Märchen auftischen wollte, sprang die Türe auf. Polizisten in Zivil eilten durch den Mittelgang. Ihr Anführer hielt einen Ausweis empor, erklomm die Bühne, drängte den verstummten Kanberg beiseite und gab Fingerzeige. Daraufhin umarmte jemand die entstellte Büste, hob sie vom Blumenständer und reichte sie in den Zuschauerraum hinab, wo sie jemand übernahm. Der Anführer erklärte knapp, er sei vom Landeskriminalamt und beschlagnahme Diebesgut. Er wolle die Veranstaltung nicht weiter stören und wünschte einen guten Tag. Einige im Publikum fingen an zu lachen. Sie hielten es für einen Teil, den weitaus besten, der Kanbergschen Inszenierung. Proteste erhoben sich erst, als die Polizisten den Zuschauerraum verlassen und das Foyer geräumt hatten.

Im Laufe der Tage schwoll die Empörung über die Polizeiaktion und schlug hohe Wellen – bis in die Rechtsanwaltskanzleien, wo die mit dem Fall befassten Anwälte spätestens nach dem Studium der Paragraphen 950 und 951 nasse Füße bekamen. Berliner Zeitungen reagierten verschnupft auf den Eingriff in die Kunst- und Meinungsfreiheit. Sie verkündeten Kanbergs verschrobene Lehre, weil Journalisten wenig Zeit zum Recherchieren und gar keine Zeit zum Nachdenken finden.

Der Intendant mokierte sich über den Theaterdonner der Polizei, erkannte aber schnell das dramaturgische Potenzial des Vorfalls und trägt sich nun mit dem Gedanken, ein Stück über Hochstapelei und Ideologie aufzuführen – über zwei Kräfte, die Netze spinnen, in denen sich Wissenschaftler, Künstler, Journalisten und Beamte verfangen. Das wäre ein Stück nach Schillers Geschmack – in einer Schaubühne als moralischer Anstalt dem eigenen Publikum den Spiegel vorzuhalten: So doof seid Ihr.

Dem Theaterdirektor fehlt nur ein Autor, aber der Titel steht schon fest: „Der Krawattenmörder“. Dieser Titel, so belehrte mich die Inspizientin (mit der ich damals ein Verhältnis hatte), sei doppeldeutig. Einmal spiele er auf das Abschneiden von Krawatten an, auf den Mord an ihnen, also auf die Kastration – dabei sah sie mir tapfer und blank in die Augen – und zum anderen bezeichne Krawattenmörder einen Menschen, der vom Sitzungssaal aus, wo man Krawatten trägt, den Tod von Menschen beschließt. Ob ich mir vielleicht zutraute, einen Text zu schreiben? „Bin ich Thomas Bernhard?“ fragte ich. „Um Ausreden nie verlegen, das bist du!“ „Hitchcock hätte vielleicht einen Film daraus gemacht.“

Sie wollen wissen, wer die Polizei ins Rollen gebracht hat? Apostel, der nicht länger auf seine Aufwandsentschädigung warten wollte. Kanberg konnte schlecht etwas dagegen unternehmen, nachdem er behauptet hatte, ein ausländischer Geheimdienst habe die Büste entwendet und über das Meer ins Morgenland verfrachtet. Wieland Wohlthat wurde bald aus der Psychiatrischen entlassen. Er hat sich zum Schachspieler gemausert und schon zweimal den dritten Platz bei der Vereinsmeisterschaft gewonnen.

Die Geschichte einer unendlichen Liebe

von Eduard Breimann (copyright)

Die Tänzer des Meeres

Wir fahren mit einem der flachen Fischerboote entlang der Küste von Kreta. Ich beuge mich über Bord und schaue ins klare Wasser, das den Blick in die Tiefe erlaubt. Wogendes Seegras sehe ich und Fische, große Schwärme, die wie auf Kommando gemeinsam und synchron die Richtung wechseln.
Und dann, still stehend und ruhig, eine sonderbare Gestalt; farbig schillernd im von der grellen Sonne beleuchteten Wasser. Ein Wesen, so bizarr und schön, dass mir der Atem stockt. Es blickt mich aus riesigen Augen an, sinkt langsam tiefer, verschwindet im Dämmerlicht.
„Halt an!“, rufe ich dem Bootsführer zu und beuge mich tief herab. „Da ist etwas Eigentümliches!“
„Was soll das schon sein“, sagt der Bootsführer. „Ein Hai? Kleiner als ein Hai?“
„Viel kleiner. Ein ganz kleines Tier. Ich weiß wie es heißt. Es ist zauberhaft und geheimnisvoll“, sage ich und möchte ihm am liebsten hinterher springen.
Das Boot schaukelt sanft in den flachen Wellen. Meine Gedanken verharren bei diesem Wesen, das so still im Wasser stand. Ich habe es sofort erkannt. Wer es einmal im Leben gesehen hat, der vergisst es nicht mehr.
Ich beschließe spontan ihm eine Geschichte zu geben. Eine Geschichte, die zu dem passt, was ich empfunden habe, als ich es erblickte. War da nicht eine unendliche Sanftheit, gepaart mit Traurigkeit in den dunklen Augen gewesen? War es das, was „Es“ so geheimnisvoll erscheinen ließ?
„Es“? In meiner Geschichte wird „Es“ ein „Er“ sein. Jawohl, ein männliches Wesen. Damit wir in dieser Geschichte einen Bezug zu ihm aufbauen können, will ich ihm einen Namen geben, ihm, dem Geheimnisvollen, dessen dunkle Augen mich fasziniert haben.
Wie soll ich ihn nennen? Ich könnte natürlich sagen: „Der Langschnauzige“, denn so sah er aus. Es wäre die Bezeichnung die es auf den biologischen Punkt bringen könnte, aber das würde sofort jedes romantische Gefühl töten.
Ähnlich erginge es, würde ich ihn – wie es besonders gebildete Menschen tun – „Hippocampus guttulatus“ oder „Hippocampus ramulosus“ nennen. Auch das vergessen wir mal sofort.
Nun wissen aber alle, die diese Geschichte lesen, dass ich von einem Wesen spreche, das man „Seepferdchen“ nennt. Oder hat das jemand noch nicht begriffen? Sie? Aha! Seepferdchen also. Was auch ein absoluter Blödsinn ist. Das hört sich an wie … na ungefähr wie „Kasperle“. Schuld an diesem Namen sind wohl wieder die ollen Griechen mit ihren Sagen, die nichts ausließen und die Seepferdchen als die Nachfahren jener Rösser ansahen, die Poseidons Streitwagen zogen.
Aber sie sind keine Sagengestalten, es sind echte Lebewesen. Wenn Sie solche Geschöpfe an Ihrem Urlaubsort – etwa am Mittelmeer – getrocknet in Schaufenstern oder Läden sehen, vergessen Sie nicht, woher sie gekommen sind. Aus den Tiefen der Meere. Denken Sie daran, dass sie vom Aussterben bedroht sind, weil sie in Massen aus dem Meer gefischt werden und dabei oder danach grausam getötet werden.

Für diese Geschichte will ich eines dieser Seepferdchen herauspicken, an ihm das Leben und Sterben vieler seiner Artgenossen deutlich werden lassen. Wir nähern uns diesem wunderbaren Lebewesen, dessen Geschichte ich erzählen will, indem ich ihm einen Namen gebe, der zu ihm passt. Es ist natürlich ein Fantasiename, der niemals zuvor – ich kann es beschwören – an die Ohren eines Fisches gekommen ist. Also: „Er“ soll fortan „Karl-Otto!“ heißen. Na, macht das was her?
„Warte noch!“, rufe ich dem Bootsführer zu. „Ich muss erst noch etwas erledigen.“
„Kostet Ihr Geld. Ist also Ihre Zeit, Herr Schriftsteller“, sagt der grantige Kerl und schaut auf seine Uhr.
Ich beuge mich tief über Bord, so tief, dass ich mit dem Mund das Wasser berühre. Mit den Händen forme ich einen Trichter und rufe ins blubbernde Wasser: „Karl-Otto!“ und noch einmal „Karl-Otto!“
Das Seepferdchen Karl-Otto bleibt unsichtbar, hat wohl kein Interesse an der Namensgebung. Das Wasser spritzt in meinen Mund, schmeckt sehr salzig. Ich tauche mit dem Gesicht hinein und rufe noch einmal mit aller Kraft „Karl-Otto!“. Nun hat „Er“ einen Namen und meine Geschichte kann beginnen.
„Touristen“, sagt der Bootsführer abfällig. „Die spinnen, die Touristen!“
„Fahr los!“, sage ich, lehne mich zurück, blicke übers Meer, in den milchigblauen Himmel und meine Gedanken versinken in Wasser des Mittelmeeres.

Seine Heimat ist die endlose Seegrasweide, die ihm Schutz und Nahrung bietet. Natürlich war „Er“ in Wirklichkeit namenlos, das muss uns zunächst einmal klar sein. Niemals in seinem langen Leben von immerhin 370 Hellzeiten hatte ihn einer aus der Tiefe mit Namen angesprochen – nicht einmal „Sie“. Seine Zeiten waren geteilt in Hell- und Dunkelzeiten, die ihm den Rhythmus gaben, nach dem er lebte.
„Sie“, das wusste er, seitdem er sie vor ungefähr 40 Hellzeiten gesehen hatte, war seine Zukunft – wenn er sie jemals wiedersehen würde.
„Sie“ war alles, was er in den Ruhezeiten, wenn er an seinem starken Seegrasstängel ausruhte, im Kopf hatte. „Sie“ machte ihn verrückt, ließ ihn alle Vorsicht vergessen; seine beiden eigenständigen Augen suchten in der Ferne, soweit es die Dämmerung dort unten zuließ und im sanft schwingenden Seegras nach ihr – ohne nach etwaigen Feinden Ausschau zu halten.
Weder interessierten ihn die kleinen Krebschen oder die Schwebegarnelen, die ansonsten seine Lieblingsspeise waren, noch die Jäger, die ihn gerne gefressen hätten. Nicht einmal der Schatten, den das Boot über ihm erzeugte, machte ihn neugierig. Nur Trauer und Leere füllten sein Denken.

Karl-Otto war ein stattlicher Kerl von sage und schreibe 18 Zentimeter Länge, die er natürlich nur bei ausgestrecktem Schwanz erreichte – was selten passierte. Majestätisch schwebte er im Wasser, bewegte den langen Kopf in Zeitlupe. Sein Knochenpanzer, der ihn von „Kopf bis Fuß“ schützend umhüllte, war rosarot, leuchtete prächtig im Halbdunkel, das in seinem Lebensbereich in den Hellzeiten herrschte. Natürlich ist das, was die Farbe seines Panzers betrifft, eine Momentaufnahme, denn als Karl-Otto „Sie“ gesehen hatte, war es um seine Farbe geschehen, wie wir später erfahren werden. Man muss wissen, dass die Farben der Seepferdchen nicht statisch sind, sondern schon mal wechseln können.
„Sie“ dagegen hatte einen knallgelben Panzer. Knallgelb? Ha! „Sie“ war nicht anders als andere Weibchen ihrer Art; nur eine Farbe reichte natürlich nicht.
„Man muss schon was tun, um die Konkurrenz aus dem Wasser zu schlagen“, lautete ihr Wahlspruch.
Rote Punkte zierten ihren Panzer, gaben ihrer zierlichen Figur ein erotisches Aussehen. Und genau darin hatte Karl-Otto sich zuerst verliebt. Zuerst! Denn als er ihr rechtes große Auge sah, mit dem sie ihn beobachtete, während das andere gierig die Flohkrebse – die gerade als Schwarm vorbeihuschten – betrachtete, war es vollends um ihn geschehen. Dieses große dunkle Auge trug die Geheimnisse der ewigen und unergründlichen Meereswelten in sich, ließ seine Seele in Tiefen versinken, in denen er sich verlor.
„Sie“ war kleiner als er, aber nicht sehr viel. Die zierliche Rückenflosse bewegte sich in einer Weise, die ihn elektrisierte; langsam ruderten ihre Brustflossen, drehten den schwebenden Körper in seine Richtung.
Immer hatte er geglaubt, dass er die Wahl hatte, dass er sich für das passende Weib entscheiden würde. Das war absolut klar und sein Selbstbewusstsein ließ nichts anderes zu. Und nun das. Er wusste sofort, dass „Sie“ ihn auserkoren hatte und nicht er „Sie“. Und doch war er bereit.
„Was ist nur mit mir los?“, dachte er ziemlich verwirrt.
Er vergaß alle seine Machogedanken. Noch nie war er so sicher gewesen wie bei ihr. „Sie ist es!“, dachte er nur – und war schon ein wenig verliebt. Wir kennen das ja. Manchmal genügt ein Blick aus dunklen oder blauen Augen und schon ist es geschehen.

„Sie“ verschwand nach dem Morgentanz, den „Sie“ – wie ihre Artgenossen – beim Wechsel von der Dunkel- zur Hellzeit vorführte. Manchmal schwebte „Sie“ weiter hinten über dem Seegras, fast am Rande seines Bereiches. Er suchte „Sie“, pendelte ihr langsam nach, ließ sich von der sanften Strömung, die das Seegrasfeld wogen ließ, treiben. Manchmal verlor er „Sie“ aus den Augen, aber dann tauchte „Sie“ wieder auf, tanzte um ihn herum. So ging das einige Hellzeiten lang. Allmählich hatte er das Gefühl, dass „Sie“ schon immer da gewesen war. Er ließ es zu, dass „Sie“ die fettesten „Schwebegarnelen vor seinem Saugrüssel in sich sog, hatte keinen Neid, nur Liebe für sie übrig.

Dann kam das Verhängnis. So nannte er das, was er nicht näher beschreiben, nicht erklären konnte, was aber schon immer als ein mögliches Unheil in seinem Bewusstsein verankert war. Er hatte sich gerade vom Grasstängel gelöst, schwebte mit kleinen Schlägen der Brustflossen in die Richtung, in der „Sie“ gewöhnlich die Dunkelzeit verbrachte. Weit hinten erblickte er sie, sah, wie sie sich nach oben bewegte, bereit für den allmorgendlichen Tanz.
Ein schwarzer Blitz schoss mit ungeheurer Geschwindigkeit über ihren Köpfen dahin, brüllte ins Wasser und zog einen wirbelnden Schleier hinter sich her.
Karl-Otto verkrampfte in einem angeborenen Reflex seinen langen Greifschwanz um den Seegrasstengel, der gerade neben ihm war, und ließ erst los, als sich das Wasser beruhigt hatte. Seine Augen suchten in Panik die Umgebung ab. „Sie“ war nicht mehr da!
Noch nie war er so schnell, so unüberlegt und hastig über den Grund geschwebt. Geschwebt? Ha! Wie der Blitz flog er dahin – mindestens einen Meter in fünf Minuten; seine Rückenflosse wirbelte nur so. Bis an den Rand seines Bereiches, den ihm kein anderes männliches Seepferdchen streitig machen würde, trieb er. Nur kurz verharrte er dort, umrundete sein ganzes Gebiet auf der Suche nach ihr. Nichts! „Sie“ war fort, weggerissen vom Schleier, der alles Bewegliche mitgenommen hatte.
Das war der Moment, in dem Karl-Otto mehrere Dinge – fast gleichzeitig – feststellte: Erstens begriff er seine große, unendliche Liebe zu der Entschwundenen. Zweitens empfand er eine furchtbare und tiefe Trauer. Drittens entwickelte sich eine tierische Wut auf alle schwarzen Blitze und ihre Schleier. Viertens schwor er denen eine wilde Rache und schließlich wurde ihm klar, dass er „Ihr“ unbedingt einen Namen geben musste. Denn da erging es ihm nicht anders als uns. Wie können wir – unsterblich verliebt – an so ein Wesen denken, wenn wir nicht einmal wissen, wie es heißt?
„Weil ich „Sie“ liebe, muss „Sie“ einen Namen haben“, sagte sich Karl-Otto und nannte „Sie“ fortan „Paulinchen“. Dem schließen wir uns an, denn er hatte die Wahl und wir finden den Namen passend für dieses überirdisch schöne Wesen.

Paulinchen war also verschwunden und so begann die Zeit, in der er trübsinnig über dem Seegras schwebte, unlustig die Beute in seinen Röhrenmund saugte und die Augen dabei in die Ferne schweifen ließ. Eines nach links und das andere nach rechts. Weder das rechte noch das linke Auge entdeckte jemals Paulinchen. Mal war es eine längst vergebene, sogar ziemlich schrullige Seepferdchenfrau, die ihm begegnete, mal eine, die zwar hübsch anzusehen war, aber kein Interesse an ihm zeigte.
Hatte ihn das früher geärgert – „Immerhin bin ich der Schönste weit und breit!“, dachte er dann – so ließ ihn das jetzt kalt.
Sein Tagesablauf war wie immer. Er löste sich vom Seegrasstängel, sobald die Hellzeit begann, die Umgebung sichtbar wurde, ließ sich von den vibrierenden Strömungen tragen und begann seinen Morgentanz. Ohne rechten Hunger saugte er vorbei schwebende Flohkrebse ein, zog den Kopf ein, wenn ein Raubfisch in der Nähe war und ließ sich treiben, bis die Dunkelzeit begann und er sich an seinen Platz begeben musste.

Die Hell- und die Dunkelzeiten gingen vorüber, seine Gefühle für Paulinchen waren und blieben unverändert. Karl-Otto verstand nicht, was passiert war, konnte nicht an ihren Tod glauben, denn dazu hätte er sie da auf dem Seegras liegen sehen müssen. Dann erst hätte er verstanden, hätte mit seiner nie endenden Trauer leben müssen. So aber war er dazu nicht fähig, wusste nur, dass es mit dem schwarzen Blitz zu tun hatte, der sie mitgenommen hatte.
Tief in seinem Gedächtnis hatte er den Schrei seines Vaters verwahrt, der von so einem schwarzen Blitz entführt worden war. Da war er gerade zwanzig Hellzeiten alt gewesen. Die Alten und seine Mutter hatten sich damals schreckliche Geschichten erzählt. Von diesem schwarzen Blitz und dem Schleier, der sie erfasste und mitnahm.
„Wer einmal in diesem Schleier ist, der kommt niemals zurück“, hatte der Bruder seines Vaters erzählt. Er war Witwer, hatte seine geliebte Frau auf solche Weise verloren.
Aber auch er wusste nicht, wohin der Schleier sie brachte. Ob sie dort an anderer Stelle weiterlebten oder von dem schwarzen Blitz gefressen wurde, wie manche behaupteten, das blieb unklar.
„Es wird eine Hellzeit kommen, da sind wir alle wieder zusammen“, versprach damals eine schon ziemlich tüddelige alte Tante, die immer so geheimnisvolle Sachen sprach. Aber das glaubte kaum einer und die Angst war seit dieser Zeit immer in ihm gewesen. Jetzt kam noch die Trauer hinzu; die Trauer um das entführte Paulinchen. Um sein Paulinchen!

Es war eine Hellzeit wie alle andern zuvor – und wie keine danach. Karl-Otto hatte seinen Greifschwanz um den dunklen Seegrasstängel gelegt und träumte mit offenen Augen.
Ein Schwarm Mamorbrassen kam von links und zog an ihm vorbei. Er hatte keines seiner beiden Augen für sie übrig. Auch nicht für den roten Meerbarbenkönig, der ihn abfällig musterte. Nicht einmal die quirligen Zebra-Brassen, die einen wilden Zickzackkurs vor seinem Saugrüssel vorführten, fanden seine Beachtung.
„Paulinchen!“, dachte er wehmütig, als er ihren feinen quittegelben, rot gepunkteten Panzer über der Seegraswiese schweben sah.
„Leider nur ein Traum“, dachte er und saugte mit halber Kraft – und völlig gedankenlos – eine Schwebegarnele ein, die gerade vorbei kam. „Sie wird nie mehr kommen. Nie mehr.“
Karl-Otto drehte seine Augen nach links, dann nach rechts, betrachtete den Schwarm der Goldstrieme, der langsam vorbeizog und schaute wieder rüber zum Seegrasfeld. Es wogte leicht in der sanften Strömung, Halme reckten sich und mitten drin leuchtete ein quittegelber Fleck. Starr schaute er auf diesen Punkt, konnte nichts anderes mehr denken als „Paulinchen“. Der quittegelbe Punkt schwebte langsam näher, unendlich langsam, wurde größer und größer. Rote Punkte sah er und dachte, das käme von seinen schlechten Augen. Aber dann kam der Moment, in dem alle Zweifel zu Wassertropfen wurden, die sich im Mittelmeer auflösten.
„Sie ist es!“
Ja, es war Paulinchen. Langsam trieb sie heran, wedelte spielerisch mit den zierlichen Brustflossen. „Hallo“, sagte sie und hatte nur Augen für ihn.
„Paulinchen“, seufzte Karl-Otto. „Wo warst du nur?“
„Hä? Wer ist denn Paulinchen?“, fragte Paulinchen und drehte sich so, dass ihr rechtes Auge nach hinten schauen konnte. Aber da war nur ein Sägebarsch, der bestimmt nicht Paulinchen hieß.
„Du. Ich meine, du bist Paulinchen. Ich habe dich vermisst.“
„So?“, fragte sie etwas schnippisch. „Und wieso Paulinchen?“
„Nun ja, einfach so. Es passt zu dir“, sagte er und ließ den Seegrasstängel los.
„Ich habe einen Namen? Das gab’s ja noch nie! Und warum dies?“
„Du warst so lange weg. Damit ich an dich denken konnte, so richtig, meine ich, habe ich dir den Namen Paulinchen gegeben. Fiel mir einfach so ein.“
„So, so. Fiel dir einfach so ein. – Und du? Wie soll ich dich nennen? Wenn schon, dann du auch. Soll ich mir etwas aussuchen?“
„Nein, nein! Ich glaube, ich habe schon einen. Ist nur so ein Gefühl, aber ich meine … Ob ich es geträumt habe? Oder hat mich jemand so gerufen? Nun ja, ist ja auch egal. Ich weiß einfach, dass ich Karl-Otto heiße. Gefällt dir der Name?“
„Karl-Otto? Hmm! Nun ja, das spricht sich gut und bei deinem schönen Kranz, den du auf dem Kopfe trägst, da … Also, irgendwie wirkst du besonders, also so passend zu dem Namen.“
„Fein. – Nun sag schon, Paulinchen. Wo, liebes Paulinchen, bist du gewesen? Was ist mit dir passiert?“
„Ach, Karl-Otto, das war schrecklich. Dieser Schleier, du weißt schon, riss mich an sich, zog mich mit sich, dass mir ganz schwindelig wurde. Unzählige unserer Art waren in dem Schleier gefangen, wurden von großen Fischen zerquetscht, erdrückt. Es war ein Jammer. Die Fische, die sonst hier um uns herum leben, die waren wütend, tobten wie du es noch nie gesehen hast. Besonders ein Zackenbarsch, du weißt schon, dieser braune Riese, der war wild und böse. Er biss schließlich ein Loch in den Schleier, sauste hindurch und war verschwunden.
Ein paar unserer Artgenossen fielen gemeinsam mit mir hinterher, purzelten durch das Loch. Ja, so war das. Dann habe ich mich auf den Weg gemacht, zurück zu dir. Ich wollte nur zu dir. Ich hatte dich doch gesehen und wusste …“
„Was, Paulinchen, wusstest du?“
„Ach, ich mag’s nicht sagen“, flüsterte Paulinchen und ihr Panzer wurde für einen Moment ganz rot.
Sie glitt zu ihm hin, verhakte ihren Greifschwanz in seinen, zog ihn also mit sich und er folgte willig. Sie drehten sich, stiegen mühelos empor, ließen sich wieder sinken, bis die Schwanzspitzen das Gras berührten, kreisten langsam um ihre Achse.
Er ließ den Blick nicht von ihr, fühlte eine Schwerelosigkeit, wie er sie noch nie erlebt hatte, glitt mit ihr in die Höhe, bis die Helligkeit den Augen weh tat, fühlte voller Glück ihre Nähe.
„Komm“, sagte er und zog sie mit sich zu seinem dicken und festen Seegrasstängel. „Komm zu mir.“
Sie hakten sich beide am glatten Stängel ein, nutzten ihn als Dreh- und Angelpunkt, um sich in gleichem Rhythmus um ihn zu winden, an ihm auf und ab zu gleiten.
Endlos, schier endlos dauerte dieses Spiel, bis Paulinchen sich löste und langsam mit der sanften Strömung wegtrieb.
„Bleib!“, rief er, aber sie drehte nur das linke Auge zu ihm hin und wieder glaubte er die Geheimnisse des unendlichen Meeres zu sehen.
„Bis morgen“, rief sie leise und er wusste, dass alles gut und richtig war.

Als die Dunkelzeit sich unter die Grasmatten verkroch, die bunten Schuppen des Meerpfaus wieder im Licht glänzten, da war sie ganz dicht bei ihm. Langsam hakte sie sich unter ihm an den Stängel, begann erneut ihren Tanz, dem er synchron folgte.
„Komm“, sagte sie nach einiger Zeit, löste sich und schwebte frei vor ihm
Er folgte ihr und schaute auf seinen lang ausgestreckten Greifschwanz. Erschrocken blickte er zu ihr hin, sah, dass ihr quittegelber Panzer stärker glänzte als zuvor.
„Schau mich an!“, rief er. „Schau dir das an!“
„Ich weiß“, rief Paulinchen zurück. „Dein Panzer sieht genau so aus wie meiner. Das ist das Zeichen, weißt du das nicht?“
Ja, so war es, sein Panzer sah genau so quittegelb aus wie der von Paulinchen, hatte fast an den gleichen Stellen rote Punkte.
„Komm“, rief Paulinchen, „lass uns ein wenig dein Wohngebiet ansehen. Mal sehen, ob Nahrung genug für uns da ist. Wir sind nun ein Paar.“
„Wenn du es sagst“, seufzte er glücklich.
Sie hakten ihre Greifschwänze ineinander und ließen sich treiben. Nur ganz langsam kamen sie voran, öffneten ab und zu ihre Saugrüssel, um Fischlarven einzusaugen. So flanierten sie kreuz und quer durch das Revier.
„Es gefällt mir hier. So viele Larven von Insekten, so viel Plankton und Schwebegarnelen. Du wohnst nicht schlecht – und das ist gut für unsere Kinder.“
„Unsere … Unsere Kinder? – Du meinst?“
„Wenn ich was sage, dann meine ich es auch“, sagte Paulinchen und ihre unergründlichen Augen schossen Blitze. „Oder willst du keine Kinder? Verstehen könnte ich es ja, denn es ist ja schließlich Männersache. Vorbei für lange Hellzeiten mit dem lustigen Leben. Nur noch Kinder, Kinder, Kinder.“
„Oh! Nein, das ist es nicht. Nein, das ist schon gut so. Ich meine nur …“
„Was meinst du nur?“
„Nun ja, wir kennen uns doch erst ein paar Hellzeiten. Du meinst das reicht?“
„Ha! Diese Männer! Wie lange soll ich denn um dich werben? Wie hättest du es denn gerne? 365 Hellzeiten? So lange hast du nun auch nicht mehr zu leben.“
„Oh, du irrst dich. Ich sehe zwar älter aus, aber es sind erst runde 400 Hellzeiten, die mein Panzer auf sich geladen hat. Und da bleiben mir, bei allen Meeresgöttern, immer noch gute 1800 Hellzeiten.“
„Oha! Du kannst aber gut rechnen. Ja, ich habe dich wirklich für älter und reifer gehalten.“
„Ich bin reifer!“
„Gut! Das sage ich doch die ganze Zeit. Also?“
„Frauen! – Ach Paulinchen, du hast ja Recht. Wenn nicht jetzt, wann dann!“
„Ja“, sagte sie und entschwebte, ließ ihn ratlos zurück.

Gerade brach die vierte Hellzeit an, nachdem Paulinchen ihrem Karl-Otto erklärt hatte, dass sie von ihm Kinder haben möchte. In den Dunkelzeiten, wenn sie nicht da war, in ihrem Revier schlief, drehten sich seine Gedanken nur noch um das Eine. Ja, er wollte es mit ihr tun, wollte ihre Kinder gebären. In stiller Lust sehnte er die Hellzeiten herbei, wartete auf Paulinchen, auf ihren morgendlichen graziösen Tanz.
An diesem Morgen kam sie später als sonst, tanzte dicht vor ihm, zog ihn magisch an. Stundenlang tanzten sie, mit ihren Greifschwänzen verhakt, langsam und voller Lust.
Plötzlich stockte Paulinchen, löste sich von ihm reckte die Rüsselschnauze steil nach oben, streckte den Greifschwanz pfeilgerade nach unten. So verharrte sie.
Er blickte sie an, voller Verlangen, und Wellen durchströmten seinen Körper, ließen den Panzer zittern.
„Komm!“, sagte Paulinchen. „Komm jetzt.“
Karl-Otto konnte keinen klaren Gedanken fassen, wusste nur, dass es endlich so weit war. Alle seine Träume der letzten Dunkelzeiten würden sich jetzt erfüllen.
Und er wusste genau, was zu tun war, obschon es ihm niemand gezeigt hatte. Er musste die Brusttasche bereit machen. Mehrfach bewegte er den Schwanz wie die Klinge eines Klappmessers vor und zurück, pumpte auf diese Weise Wasser in seinen Beutel hinein und wieder hinaus. Erst als er wusste, dass der Beutel gesäubert, mit frischem, sauerstoffreichen Wasser ausgespült war, wurde er langsamer, stand schließlich still vor Paulinchen.
„Jetzt!“, sagte er nur und zeigte mit seiner langen Schnauze zur Wasseroberfläche.
Paulinchen näherte sich, dockte an Karl-Ottos Bauchtasche an und begann die Eier hinein zu pressen.
„Ich liebe dich“, sagte sie leise, als alles geschehen war.
„Ja“, seufzte Karl-Otto. „Es ist so. Ich liebe dich auch.“
Sprach’s und löste sich von ihr, blieb nur mit dem Greifschwanz verbunden. Der geheimnisvolle Vorgang der Befruchtung schloss sich sehr schnell in seinem Brustbeutel ab.
„War ich gut?“, fragte Paulinchen.
Karl-Otto nickte. „Hab leider keinen Vergleich“, sagte er.
„Das ist gut. Anders wäre für unsere Art auch ungewöhnlich. – Genau zweihundert waren’s übrigens. Pass gut auf, dass keins verloren geht“, ermahnte ihn Paulinchen.
„Wie schön das war! Herrlich, liebstes Paulinchen“, rief Karl-Otto und vergaß die ganze schöne Unterwasserwelt.

Sie begannen jeden Morgen mit einem Tanz, der sie einstimmte auf die neue Hellzeit. Paulinchen blieb nur während des Tanzes bei ihm, entschwebte dann bald und ließ ihren Karl-Otto alleine. Aber nie war sie weit weg, suchte die Seegraswiesen in seine Nähe nach Futter ab und wenn die Dunkelzeit kam, saß sie an ihrem Stängel.
Karl-Otto wurde behäbiger, löste sich nur noch für den Tanz vom Seegrasstängel. Genau 24 Hellzeiten nach ihrem Geschlechtsakt war es soweit. Die Dunkelzeit war gerade hereingebrochen. Still war es hier am Grund des Meeres und alle Hellzeitfische schliefen bereits. Karl-Otto spürte es, wusste instinktiv, dass der große Moment gekommen war.
„Ich werde Vater“, dachte er und spürte Stolz – aber auch etwas Bange.
Aus den Eiern, die sich in seiner Gebärmutterwand eingenistet hatten, schlüpften genau zweihundert kräftige, wenn auch winzige Seepferdchen. Karl-Otto pumpte mit dem Greifschwanz, zwängte die quirligen Kleinen hinaus, schleuderte sie in die feindliche Unterwasserwelt.
Neugierig schaute sein rechtes Auge nach unten zu seinem Beutel, während das andere die Umgebung beobachtete.
„So klein“, dachte er und wünschte sich Paulinchen herbei, damit sie das Wunder sehen und ihn bewundern könnte.
Aber Paulinchen kam, wie immer, erst als die Hellzeit schon fortgeschritten war. Da war bereits alles geschehen, die zweihundert kleinen Seepferdchen längst im Seegrasbett verschwunden waren.
„Na endlich!“, rief er ihr entgegen, machte keine Anstalten, ihre Tanzbewegungen mitzumachen. „Ich bin fix und fertig! Sie sind gekommen, während du geschlafen hast. Es war soooo anstrengend. Ich hätte deine Nähe gebraucht, Paulinchen.“
„Oh! Alle sind geboren? Sind sie gesund? Hast du sie gezählt? Fehlt auch keins?“
„Andere Sorgen hast du nicht? Frag mich mal wie es mir geht. Mein Greifschwanz hat Muskelkater, meine Brusttasche fühlt sich an, als wenn noch weitere zweihundert drin stecken würden. Ihr Weiber habt es gut. Ich möchte nur, dass ihr einmal – wirklich nur einmal – gebären müsstet. Aber dann würdet ihr wahrscheinlich auf den Geschlechtsakt verzichten. Na ja, die Natur weiß schon, was sie macht.“
„Ach, du Armer! Du tust mir so Leid. Kann ich was für dich tun? Hast du denn schon gefrühstückt?“
„Ja!“, knurrte er, schon wieder versöhnt. „Drei Schwebegarnelen. Alte! Unappetitliche. Aber was sollte ich machen, war ja zu schlapp, um mich weiter weg zu wagen.“
„Komm, mein Liebster. Bewegung wird dir gut tun. Lass uns einmal durch dein Revier flanieren und schauen, was wir als zweites Frühstück erhaschen können. Und morgen sieht die Wasserwelt schon wieder ganz anders aus.“
„Ihr Weiber habt gut reden. Na gut. Lass uns durchs Revier eilen, damit ich schnell wieder an meinem Stängel sitzen kann.“ Sprach’s und schwebte langsam davon.

Die Hell- und Dunkelzeiten wechselten sich ab wie immer. Die Nahrung war reichlich wie stets und es gab nur selten Raubfische, die durchs Revier streiften. Sie waren keine wirkliche Gefahr. Wer von denen einmal einen Panzer wie Karl-Otto und Paulinchen ihn trugen im Maul gehabt hatte, der verzichtete auf diesen Leckerbissen. So lebte es sich also gut und gefahrlos.
An einem besonders hellen Tag entdeckten die beiden bei ihren gemächlichen Streifzügen durchs Revier drei ihrer Jungen. Sie segelten auf sie zu, wollten sie näher betrachten. Aber die tauchten glatt weg, als sie ihnen zu nahe kamen, kümmerten sich nie um sie.
„Typisch!“, seufzte Paulinchen. „Was haben wir nicht auf uns genommen, um sie in die Welt zu setzen. Und nun das. Schau sie dir an! Keine Achtung vor dem Alter. Von Dank einmal ganz zu schweigen.“
„Wenn hier einer ärgerlich sein könnte, dann ich. Wer hat denn die Qualen und Sorgen in der Schwangerschaft gehabt? Na? Das war doch wohl ich. Ärgere ich mich über die Bengel? I wo! Das ist nun mal der Lauf der Unterwasserwelt. Sie leben ihr Leben, werden sich ihr eigenes Revier suchen müssen. Lassen wir sie in Ruhe. Sei froh, dass sie uns nicht das Futter vom Saugrüssel wegfressen“, entgegnete Karl-Otto.
Sie schwebten zurück zu seinem Platz, hängten sich an seinen Seegrasstängel und plötzlich begann Paulinchen mit leichten Schaukelbewegungen den Stängeltanz, wie sie ihn damals getanzt hatte. Zögerlich nur folgte ihr Karl-Otto.
„Du meinst?“, fragte er, schon etwas atemlos.
„Ja, ich meine. Wäre es nicht schön, wenn wir es noch einmal machen würden? Die Lust damals! Hast du vergessen?“
„Ach, Paulinchen, ich bin nicht mehr der Jüngste. Ob ich das noch durchstehen kann?“
Sie drehte sich schneller, zog ihn mit sich, glitt am Stängel auf und ab, drehte sich um ihn herum.
„Ich war dir immer treu. Hab’s nie mit einem anderen Seepferdchen getrieben, das weißt du. Und als Lohn könntest du doch …“
„Und ich? War ich nicht treu?“, fragte Karl-Otto. „Nie war ich in der Nähe eines diese losen Weiber, die ab und zu durchs Revier schweben. Würde mir gar nicht einfallen. Aber deshalb muss man doch nicht …“
„Doch, muss man. Mich hat die Lust gepackt“, rief Paulinchen.
Sie löste ihren Greifschwanz vom Stängel und trieb leicht mit den Brustflossen paddelnd vor ihm her. „Komm!“, rief sie. „Lass es uns beginnen. Es dauert eine Weile bis ich soweit bin.“
Ihre letzten Worte gingen unter im Rauschen und Dröhnen und als der schwarze Blitz über sie hinwegfegte, als der Schleier durchs Wasser rauschte, da wusste Karl-Otto, dass es vorbei war. Diesmal, das spürte er instinktiv, würde kein brauner Zackenbarsch den Lebensretter spielen. Diesmal war einmal zu viel.

Karl-Otto verließ seinen Seegrasstängel nie mehr. Er saugte zufällig vorbeischwebende Nahrung in seinen Rüssel, ohne darauf zu achten, was er erwischt hatte. Die Hell- und Dunkelzeiten kamen und gingen. In seinen Träumen sah er sie, fühlte noch einmal wie sie in seine Brusttasche die Eier legte. Wenn er wach wurde, die grausame Leere verspürte, dann wusste er, dass sein Leben sich dem Ende zuneigte.
„Kinder habe ich genug in die Welt gesetzt“, dachte er. „Ich habe meine Schuldigkeit getan. Ich kann in Ruhe gehen. Und wer weiß, vielleicht kommt etwas danach. Vielleicht hat die alte Tante doch Recht, die immer von einem großen Meer sprach, in dem wir uns alle wiedersehen; in dem sich alle Liebenden treffen und für immer zusammen sein können. Vielleicht.“
Als die Dunkelzeit anbrach, löste sich sein Greifschwanz, streckte sich langsam wie bei der Paarung und sein langer Rüssel zeigte hoch zum letzten Hellzeitschimmer. Langsam, sehr langsam rutsche Karl-Otto herunter, lag reglos im sanft sich bewegenden Seegras und als die neue Hellzeit begann, hatten die Gräser seinen leblosen Körper unter sich begraben.

Am Abend ging ich durch die Altstadt von Iraklio. Wahre Touristenströme bevölkerten die Straßen; ein Sprachengewirr füllte die Abendluft.
In der Nähe der Agios-Titos-Kirche befand sich eines der größten Souvenirgeschäfte der Insel. Draußen vor dem Geschäft hatten sie einen riesigen Baldachin aufgespannt. Da waren sie! Kleine, große, Langschnauzige und Kurzschnauzige. An bunten Bändern hingen sie. Es sah aus, als hätte man sie damit stranguliert, sie aufgehängt, damit sie ersticken.
Langsam schlenderte ich näher, betrachtete die Auslagen. Die Touristen drängten sich im Laden; der Besitzer und sein Gehilfe bedienten die zahlreichen Käufer. Vor mir stand ein Paar mit zwei kleinen Töchtern. Sie sprachen deutsch und die sommerlich gekleideten Kinder befummelten die handgefertigten Puppen. Plötzlich entdeckte eine, die größere, die baumelnden Seepferdchen.
„Papa! So eins will ich haben. Für mein Zimmer. Das hänge ich mir übers Bett.“
„Ich auch. Ich auch“, rief ihre Schwester und zeigte auf ein großes langschnauziges Seepferdchen, dessen Augen aus Glas und tot in die Gegend starrten.
„Kauf sie ihnen doch“, sagte die Frau und der Mann nickte, nahm zwei Seepferdchen aus der Befestigung, ließ sich von seinen Töchtern durch eifriges Nicken bestätigen, dass es die richtigen waren und zwängte sich durch die Menge zur Kasse.
„Wisst ihr, dass sie im Meer ganz friedlich leben? Ungefähr sechs Jahre werden sie alt. Wenn sie einen Partner oder eine Partnern gefunden haben, dann bleiben sie ein Leben Lang zusammen“, sagte ich zu den Töchtern, die mich erstaunt ansahen.
„Was wollen Sie von den Kindern?“, fragte die Frau mit aggressiver, verteidigungsbereiter Stimme.
„Nichts. – Oder doch etwas. Ich wollte ihnen erklären, dass dies keine künstlichen Figuren sind; dass es Lebewesen waren, die glücklich dort unten im Meer gelebt haben. Bis ein Fischer sie mit Netzen einfing. Hunderte und Tausende. Viele wurden dabei zerquetscht und zerrissen. Die Überlebenden wurden anschließend getötet und getrocknet. Für die Touristen.“
„Ach hören Sie doch auf!“, rief die Frau. „Die Fischer und andere wollen auch nur leben. Und von diesem Zeugs gibt es genug da unten im Wasser. Verderben Sie meinen Kindern nicht die Freude an den Dingern.“
„Ja“, sagte ich leise. „Wenn sie begreifen würden, dass es keine Dinger sind, sondern echte, liebenswerte Lebewesen, dann könnte ihnen tatsächlich der Spaß daran vergehen.“
„Was ist hier los?“, fragte der Mann, der es geschafft hatte zu bezahlen; auch er in Sprache und Körperhaltung angriffsbereit.
„Nichts. Nichts“, sagte ich und erst im Wegdrehen schaute ich ihm ins Gesicht. „Ich wollte Ihren Kindern nur erklären, dass die Erde nicht nur den Menschen gehört, dass es auch andere Lebewesen gibt, die ein Recht auf Leben haben.“

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