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	<title>The-Short-Story &#187; Prosa</title>
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	<description>Kurzgeschichten</description>
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		<item>
		<title>Columbo ist tot</title>
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		<pubDate>Sat, 03 Sep 2011 15:59:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner-Kurt</dc:creator>
				<category><![CDATA[Humor]]></category>
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		<description><![CDATA[von Janek Heinrich (copyright) Da sehe ich doch letztens, das ist so ungefähr vierzehn Tage her, aus dem Küchenfenster von meinem Leuchtturm. Es war noch ziemlich früh am Morgen – lass das so halb sechs gewesen sein , aber es war schönes Wetter und da steh ich dann immer ein bisschen früher auf. Da sehe [...]]]></description>
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<p><em>von <a href="http://www.the-short-story.de/?p=1934">Janek Heinrich</a> (copyright)</em></p>
<p>Da sehe ich doch letztens, das ist so ungefähr vierzehn Tage her, aus dem Küchenfenster von meinem Leuchtturm.<br />
Es war noch ziemlich früh am Morgen – lass das so halb sechs gewesen sein , aber es war schönes Wetter und da steh ich dann immer ein bisschen früher auf.<br />
Da sehe ich, unten auf dem Poller am Hafenbecken da sitzt einer.<br />
Hein Wernersen – ist ‘n ganz alter Kumpel von mir, wir kennen uns ewig.<br />
Der ist normalerweise für die Strandkörbe zuständig, im Sommer wenigstens.<br />
Ist ein gestandener Bursche, ein Kerl wie ein Großmast, aber jetzt sitzt der da unten so rum, und das macht keinen guten Eindruck – ich kann nicht sagen warum, aber irgendwie&#8230;<br />
Na, dann bin ich da mal zu ihm runter.<br />
„Mensch Hein, moin“, sag ich.<br />
„Moin, Janek.“<br />
„Und wie isses, alles gut?“<br />
„Alles Schietkram&#8230; irgendwas stimmt nich &#8211; ich komm den Deich nicht mehr runter.“<br />
„Wie, du meinst ‘nicht mehr hoch’.“<br />
„Nee nee, ich meine ‘runter’.“<br />
„Wat?“<br />
„Ja“, sagt er, „ich bin heute morgen&#8230; also ich bin den Deich rauf und das ging fast gar nicht. Na gut, denk ich, jetzt geht das bergab und dann wird das bestimmt leichter. Aber dann bin ich unten angekommen und fühl mich, als hätte ich einen tausend-Meter-Lauf hinter mir. Mir tat die Brust weh – alles war so eng da&#8230; ich hab Sorge, dass das vielleicht die Pumpe is.“<br />
„Ach was“, sag ich, „die Pumpe. Das ist bestimmt nicht die Pumpe, nee, das is was anderes. Das sind verklemmte Blähungen oder so.“<br />
„Tatsächlich?“<br />
„Ja, so was gibt das. Das kannst du haben, da ist der ganze Bauch und alles so voller Luft, und das drückt denn so da hin und da so hoch. Und wenn du das nicht los werden kannst, denn hast du das Gefühl, die Pumpe macht bald schlapp.“<br />
„Sag bloß.“<br />
„Ja“, sag ich, „das Herz ist das nicht – da musst du mal zum Homöopathen hin, der gibt dir da was für.“<br />
„Meinst du?“<br />
„Ja, der Doktor&#8230; Sowieso, der is eigentlich kein richtigen Doktor, das is so ein Naturheilfritze, der weiß da was von. Du brauchst dir ja wegen so was nicht gleich die ganze Chemie da in den Kopp zu hauen.“<br />
„Wenn Du das sagst“, sagt Wernersen, „denn versuch ich das doch mal.“</p>
<p>Der Wunderdoktor hat ihn mit ‘Iris-Diagnose’, oder wie das heißt, untersucht und hat ihn auch so überall befühlt und gemeint: „Herr Wernersen da ist alles verbläht und übersäuert. Ich gebe ihnen mal ein paar Tropfen. Dann wird das auch wieder.“<br />
Da war Wernersen ganz fröhlich damit, ist doch klar.<br />
So richtig überzeugt war er allerdings dann doch nicht. Einen Termin beim Hausarzt kann man ja trotzdem mal machen, hat er gedacht, das schadet ja nicht – obwohl&#8230; Eigentlich geht unsereins da ja gar nicht hin – ich auch nicht.<br />
Die verschreiben einem doch nur all so einen pharmazeutischen Kram; das ist doch alles Gift. Da nimmst du eine Pille gegen Kopfweh und dann hast du nachher den Skorbut am Mors oder irgend so was – da braucht man nur mal die Packungsbeilage zu beachten.<br />
Hein hat sich einen Termin geben lassen, für ‘ne Woche später.<br />
Er wollte die Tropfen vom Homöopathen nehmen, und denn würde der Doktor da natürlich auch nichts finden. Weil das ja doch alles nur Blähungen sind.<br />
Nun, dann wurde das durch die Tropfen auch ein bisschen besser, und er musste immer so aufstoßen, und das war gut – das klingt nicht vornehm, aber das hilft.</p>
<p>Am nächsten Mittwoch ist er dann zu dem Doktor hin, zu Dr. Kröger.<br />
Der ist wohl ein ganz feiner Kerl, meine Frau geht da ja auch hin, aber Hein meinte der hatte einen Händedruck wie ein Messdiener – so schön zart und wabbelig.<br />
„Da hat der Kröger ja auch schließlich lange für studiert“, hab ich gesagt.</p>
<p>Also Wernersen ist da hin, und dann hat der Doc ihn auch gleich ins Verhör genommen.<br />
„Sie sind ein bisschen zu dick“, hat er gesagt.<br />
„Ich bin doch nicht dick, ich bin kräftig.“<br />
„Rauchen sie denn auch?“<br />
„Jau, rauchen tu ich.“ ( Das war die falsche Antwort.)<br />
„Wie viel?“<br />
„Na, vielleicht so zwanzig Stück. Aber nur ganz dünne Selbstgedrehte.“<br />
„Das ist gefährlich, so in Ihrem Alter&#8230;“<br />
„Wieso, ich bin fuffzich.“<br />
„Genau“, sagt der Doktor, „da geht das dann alles los – Risiko, Risiko&#8230; zu wenig Bewegung, zu gutes Essen – trinken Sie Alkohol?“<br />
„Oh, Alkohol würde ich das jetzt nicht direkt nennen. Nicht in dem Sinne jedenfalls. Nicht viel und auch nicht regelmäßig.“ (Das war gelogen)<br />
Dann hat der Doktor ihm Blut abgenommen, das konnte Hein ja nun gar nicht ab – das geht mir aber genauso.<br />
Nicht etwa, dass ich da Angst vor hätte, aber wenn die da rein pieken und zapfen dir da das Blut da ab &#8230; nee, und vor allem nicht am frühen Morgen; und auf nüchtern Magen schon mal gar nicht.<br />
Dann haben sie ihn an einen Apparat mit solchen Saugnäpfe angeklemmt &#8211; EKG heißt das, glaube ich; wieder so eine Abkürzung die keiner versteht. Damit kann man sehen, ob dein Herz auch richtig funktioniert.<br />
Aber da war nichts.<br />
Alles prima, sagt Wernersen, die Sprechstundenhilfe war auch zufrieden mit ihm. Und sie hatte einen sehr kleinen, schwarzen Schlüpfer an, den konnte man durch die weiße Hose sehen – das war wenigstens ein Lichtblick in dieser antiseptischen Stätte.<br />
Ich sah aus, sagt Hein, als hätte mich irgend so ein Krake überfallen – als sie die Saugnäpfe denn wieder abgemacht hatten.<br />
Dann musste er noch zum Ultraschall, aber da war auch alles beisammen da innen drin, und schwanger war er auch nicht.<br />
Nur seine Brust war vollgeschmiert mit so einen Glibber, den man sonst extra beim Erotik – Versand bestellen muss. Da wollten sie ihm aber nichts von mitgeben.</p>
<p>„Gut“, hat der Doktor gesagt, „wir wollen trotzdem lieber nichts riskieren, und darum gehen sie mal nächste Woche noch zum Kardiologen.“<br />
Ein Kardiologe, das ist ein ‘Pumpendoktor’ könnte man sagen.<br />
Wernersen hat ‘ne Überweisung gekriegt und auch schon mal allerhand Medikamente gleich mit.<br />
Ich sag: „Was is das denn alles?“<br />
„Das soll ich jetzt alles hier einnehmen, ich weiß auch nicht – nehm ich ja sonst normalerweise gar nichts von, von dem Zeug &#8230;“<br />
„Guck mal“ ,sag ich, „das hier is doch Ameisensäure, oder wie das heißt. Das ist so was wie Aspirin.“<br />
„Ach“, sagt er, „denn is ja gut; denn krieg ich ja auch keine Kopfschmerzen vom Saufen mehr.“ Und grinst.<br />
„Nö“, sag ich, „kannst du ruhig nehmen.“</p>
<p>Er hat immer schön seine Tropfen von dem Homöopathen und das Aspirin genommen und, wollen mal sagen, es ging ihm jetzt nicht wirklich gut; so richtig schlecht aber auch nicht. Zumindest im Halbschatten auf der Terrasse, da hatte er überhaupt keine Probleme.<br />
Nun war eine Woche später den Termin beim Kardiologen, und da war ihm doch schon etwas mulmig. So ein Herzdoktor, da hat man ja noch nie was mit zu tun gehabt .<br />
„Aber“, hat Hein gesagt, „weißt du, ich brauch da eigentlich ja gar keine Angst davor zu haben: Weil, die werden da ja nix finden. Der Kröger hat ja auch nichts gefunden mit sein EKG, und denn wird der andere auch nichts finden. Sind ja nur Blähungen.“<br />
Genau, hab ich gesagt, das denke ich doch auch.<br />
Am Mittwoch Morgen ist er dann um halb zehn da hin. Im Wartezimmer saßen nur alles alte Leute, so Grauköppe.<br />
Gut, ein etwas jüngerer Kerl saß da auch, aber der war so fett, der wog wenigstens hundert-fünfzig Kilo und mehr – da war Wernersen doch erleichtert.<br />
Weil, so alt ist er nicht und so dick ist er auch nicht – und da konnte ihn das alles auch gar nicht betreffen hier.<br />
Die würden gar nichts finden, die Spezialisten.<br />
So nach einer halben Stunde, er hatte die ‘Gala’ kaum ausgelesen, riefen sie ihn auf und er musste zum Doktor rein.<br />
Der fing denn auch den gleichen Quatsch zu fragen an: „Rauchen Sie?&#8230; Was wiegen Sie?&#8230; Wie groß sind sie?“ – also eben den ganzen Blödsinn nochmal von vorne.<br />
Als ob das irgendwas helfen würde, oder auch nicht.<br />
Na ja, dann musste Hein wieder zum EKG, aber diesmal mit so einem Trimmdich-Fahrrad. Da ist er drauf, und die Sprechstundenhilfe kam dann auch wieder mit den Saugnäpfen an.<br />
Da sollte er jetzt mal strampeln, aber das war kein Problem, das schaffte er so locker wie nur irgendwas, und die junge Dame guckte auch ganz zufrieden auf ihren Monitor. Dann wurde das auf einmal schwerer zu treten, einfach so.<br />
Mensch, denkt Wernersen, komm Junge, das schaffst du – und er hat denn auch mal ‘n bisschen Gas gegeben.<br />
„Moment“, meinte da die Schwester, „mal nicht so übertreiben hier.“<br />
„Ach“, sagt Hein, „das is doch alles kein Problem hier, das schaffen wir doch mit links.“<br />
Dann wurde das Ding wieder schwerer zu treten, ich meine, das war ja nun auch nicht fair.<br />
Als das dann zum vierten mal schwieriger wurde, kriegte er das fast gar nicht mehr gedreht, und sein Herz fing ordentlich an zu wummern – aber das ist ja auch klar bei so einer Belastung.Wir sind solche Bergtouren hier doch gar nicht gewöhnt.<br />
Dann durfte er aufhören und der Doktor kam an, und hat sich das angesehen, und meinte: „Da müssen wir Ihnen wohl mal Blut abnehmen.“<br />
„Nee“, sagt Wernersen, „brauch ich nicht – das hab ich doch letzte Woche erst.“<br />
Da ließ sich der Doktor aber nicht von überzeugen.<br />
Dann durfte Hein sich wieder anziehen.<br />
„Ja Herr Wernersen“, hat der Doktor gesagt, „hier ist der Befund. Da müssen wir was machen, das geht so nicht weiter. Hier, diesen Schein, den müssen Sie mal eben unterschreiben.“<br />
„Wie“, sagt Wernersen, „PTCA,unterschreiben?“<br />
„Mit Ihrem Herzen ist etwas nicht in Ordnung.“<br />
„Was soll damit nicht in Ordnung sein?“<br />
„Das wissen wir eben noch nicht, und darum müssen wir da mal nachsehen.“<br />
„Nachsehehen?“<br />
„Das ist alles nicht weiter wild. Da machen wir einfach einen kleinen Eingriff im Krankenhaus. Sind Sie allergisch gegen Kontrastmittel?“<br />
Wernersen ist allergisch gegen alles, was auch nur im entferntesten mit Krankenhaus zu tun hat.<br />
Der Doktor hatte dann auch schon gleich so einen Zettel parat und da allerhand drauf angekreuzt – Linksherzkatheter, irgendwas mit Konorar&#8230; fragmichnich, und denn was von wegen PTCA, und denn noch Stent-Implantation und Laevokardiodingens. Alles, das komplette Programm.<br />
Hein wusste überhaupt nicht, was er davon halten sollte.<br />
Gut, da waren so allerhand bunte Bilder für die Analphabeten drauf; so vom Herzen wie das so aussieht und wo das denn beim Menschen so sitzt – damit man das auch mal weiß&#8230;<br />
Und auch so’n paar Querschnitte durch irgendwas; wahrscheinlich durch eine Ader.<br />
Dann kam raus: Die wollten ihm da so einen Draht einführen! Unten von der Leistengegend bis oben zum Herzen hoch. Dahin wo der Dreck die Ader verstopft, und mit ein Ballon wollten sie das da aufblasen, und das sollte denn wohl die Arterie wieder gangbar machen. Und dann sollte da so ein Ding rein, wie ein Hohlraumdübel, damit das dann auch nicht gleich wieder dicht geht; und all so was.<br />
Wernersen war da im Moment völlig überfordert .<br />
„Da muss ich aber erst mal meine Frau nach fragen, was die denn da wohl zu sagt&#8230;“<br />
„Ihre Frau fragen? Wenn sie erst mal tot sind, brauchen Sie nicht mehr zu fragen“, meinte da der Doktor. Ein sympathischer Mensch.<br />
Ja, hat Hein da gesagt, denn wollte er sich wieder melden.<br />
„Da brauchen Sie sich nicht wieder melden“, hat der Doktor gesagt, „entweder heute oder morgen.“<br />
„Is das denn so eilig?“<br />
„Ja, das ist so eilig, das muss jetzt passieren.“<br />
„Ich ruf denn an“, hat Wernersen gesagt und fluchtartig den Raum verlassen. Da musste er raus, aus dem Schuppen – erst mal tief Luft holen, eine rauchen.<br />
Er ist nach Hause und war natürlich fertig mit der Welt, kann man sich ja vorstellen. Ich hab ihn dann noch getroffen. Der war ganz blass, hat auch gar nicht viel gesagt.<br />
Wir sind noch ein Bisschen gegangen; Sagt er: „ Weißt du Jan – ich glaub, das machen wir lieber nich, oder?“<br />
Sag ich, ja&#8230; das weiß ich jetzt auch nich.<br />
„Ach, ich ruf da an“, sagt er, „und sag das ab, das wird schon. Das is nur ein verklemmtes Bäuerchen, da nehm ich meine Tropfen und denn is gut. Die wollen einen doch nur Angst machen.“<br />
Wenn du meinst, sag ich.</p>
<p>Hein hatte das schon fest beschlossen, da ruft sein Hausarzt ihn an und sagt: „Tja Herr Wernersen, da müssen sie dann ja wohl hin, der Kollege hat mich angerufen.“<br />
Sagt Hein: „Das weiß ich jetzt aber nicht Herr Doktor, ich meine, ich hab noch nich mit meiner Frau gesprochen, wer die Kinder abholt und so. Ich werde mich aber darum kümmern, ganz bestimmt“, und hat dann auch tatsächlich bei dem Kardiologen angerufen.<br />
„Hallo, hier is Hein Wernersen&#8230; ich wollte das nur mal eben absagen.“<br />
Ist gut, sagt die Sprechstundenhilfe, dann wissen wir Bescheid – tschüss auch.<br />
Zehn Minuten später ruft der Hausarzt wieder bei ihm an und macht Dampf, macht da richtig Ärger und meint: „Also Herr Wernersen, bei mir brauchen Sie nicht mehr vorbei kommen. Wenn sie übermorgen tot im Garten liegen – denn sind wir beide geschiedene Leute&#8230; wenn Sie nicht machen, was man Ihnen sagt.“<br />
Das war ja nun starker Tobak<br />
Gut, also hat Wernersen nochmal angerufen, bei dem anderen Arzt, und sagt: „Ich hab mir das anders überlegt, denn machen wir den Termin eben doch.“<br />
Ja Herr Wernersen, hat die Sprechstundenhilfe gesagt, denn kommen sie man morgen früh, halb zehn, mit nüchternem Magen. Kein Kaffee und kein Tee und kein Nix und so.</p>
<p>Abends hat Hein das seiner Elfriede alles gebeichtet und gesagt: „Hier, pass’ auf, wenn ich morgen nich wieder komm, denn weißt du Bescheid. Ich hab mir das hier mal durchgelesen, so mit den Risiken und Nebenwirkungen – da kannst du so ziemlich alles von kriegen was du dir vorstellen kannst. Wenn ich demnächst im Rollstuhl sitz’ und bisschen blöde aus der Wäsche gucke, dann darfst du dich nich wundern. Dann haben die da Mist gebaut, aber das geht in Ordnung – da hab ich für unterschrieben.“<br />
In dieser Nacht hat Hein gar nicht gut geschlafen. Hat geträumt von langen, gebogenen Drähten, von dicken Schläuchen die vorne so kleine Zähne hatten und die sie ihm überall einführen wollten.Von langen Nadeln und von lüsternen Krankenschwestern, die immer unter sein Nachthemd gepeilt haben – all so was eben.</p>
<p>„Am nächsten Morgen hab ich mein Köfferchen gepackt“, hat Wernersen mir später erzählt, „ noch eben die Kinder zur Schule gebracht, und dann bin ich Richtung Krankenhaus.<br />
Da hab ich auch dummerweise gleich einen Parkplatz gefunden, sonst hätte ich ja noch mal wieder weg fahren können&#8230;<br />
Ich bin die Freitreppe rauf zum Eingang hin, und da saß so ein junges Mädel auf einer Bank – und die arme Deern hat geheult wie ein Schlosshund. So was um halb zehn, das war ja schon mal ein schlechtes Omen. Ich meine, ich bin nich abergläubisch, aber ein schlechtes Omen erkenn’ ich trotzdem.<br />
Oben neben dem Haupteingang is die ‘Arme-Sünder-Ecke’, da sitzen die ganzen traurigen Gestalten die sich das Rauchen noch immer nicht abgewöhnt haben.</p>
<p>„Sie brauchen sich nicht anzumelden“, hatte der Kardiologe gesagt, „Sie fahren einfach mit dem Fahrstuhl hoch in den neunten Stock, die wissen da schon Bescheid.“<br />
Also bin ich da hoch gefahren und hab’ geklingelt, und die haben mich da auch gleich rein gelassen. Ich hab meine Papiere vorgezeigt und sollte denn wieder so einen Wisch unterschreiben. Von wegen, dass da wieder keiner an Schuld is, wenn vielleicht doch was schief gehen würde, und so weiter. Das würde ich denen dann auch nicht übel nehmen dürfen, weil das wäre dann ja ‘Künstlerpech’ oder ein ‘künstlerischer Fehler’ oder wie man im Fachjargon dazu sagt.<br />
Dann hat mich eine von den Schwester in ein Krankenzimmer geführt, da standen vier Betten rum, und da waren drei von belegt mit drei alte Kerle.<br />
„Ja“, hat die Schwester gesagt, „dann ziehen Sie sich mal ganz aus, und hier, dieses Hemd, das streifen Sie denn mal über. Ich bin gleich wieder da.“<br />
Das war mir ja doch etwas peinlich.<br />
„Wie, alles ausziehen?“<br />
Ja, haben die anderen Mackers gesagt, alles ausziehen. Nur die Socken darfst du anbehalten.<br />
„Stehen die Weiber hier auf so was, oder wie?“<br />
Da mussten die Burschen ja alle mal Lachen – nur der eine nich, der war noch nicht dran gewesen.<br />
Die andern beiden waren schon durch mit der Untersuchung, und die waren auch ganz fröhlich und erzählten sich was vom Krieg und so &#8211; dass der eine bei der Waffen SS damals nich genommen worden war, aber dann doch zur Marine gekommen ist; was ja auch viel besser war. Dann kamen sie auf Afghanistan, und dass das alles da gar kein anständiger Krieg is, und so, und denn auf schwule Politiker, und dass es so was früher nich gegeben hat – da konnte man von Adolf halten was man wollte. Was man sich eben alles so erzählt.<br />
Ich hab mich denn ja auch ausgezogen, und das komische Hemdchen an.<br />
Nee, meinten da die anderen, den Schlitz musst du nach hinten machen, vorne soll das zu. So ein Blödsinn, warum war das hinten offen, da brauchte doch keiner dran.<br />
Das Ding war auch viel zu eng und ein bisschen kurz – ich meine, wer läuft denn schon so rum?<br />
Erst wollte ich ‘n bisschen schummeln und die Unterbüx anbehalten, denn kam aber die Schwester und sagt, nee nee, das muss auch aus da.<br />
Da konnte ich ja nu nichts gegen machen, und hab mich in das freie Bett gelegt.<br />
Dann kam die junge Dame an und hatte einen Rasierapparat dabei. Damit hat sie mir erst mal die Bikinizone rasiert, so was is mir ja noch nie untergekommen.<br />
Ich meine, die war zum Glück nich so wirklich hübsch, sonst hätte das ja man erst richtig peinlich werden können&#8230;<br />
Dann wollte sie mir eine Kanüle legen, und meinte, ja – die Adern wären ja auch nicht so richtig gut.<br />
„Wat?“ sag ich, „die Adern die sind prima, die sind noch wie neu. Wenn die mir sonst ‘ne Spritze geben, denn finden die immer sofort eine.“<br />
„Da muss man ja auch immer nur so ein klein bisschen rein“, sagt sie, „aber wir müssen hier ja viel tiefer.“ Dann hat sie mir denn die Nadel gezeigt, und die war bestimmt so lang wie mein Daumen. Mir wurde ein bisschen blümerant, kannst du dir ja wohl vorstellen. Sie hat dann den anderen Arm genommen, weil der eine schon blau wurde, und da einen Anschluss gelegt.<br />
Der Opa neben mir war an der Reihe und wurde raus gefahren, war ‘n bisschen blass der Gute, und hat gesagt: „Wenn ich da heil wieder raus komme, kauf ich mir einen BMW.“ Und ich konnte mir denn erst mal eine halbe Stunde die Decke angucken. Dann brachten sie den Opa wieder und der war erstaunlich gut zu Wege, bei dem war wohl nichts schief gegangen. Aber sie sagen ja auch immer, einer von zehn is dran – weißt du wie viele vor dir waren? Nee, das weißt du nicht.<br />
Dann haben die Schwestern mich da raus gefahren, das war wie im Kino; du liegst platt auf dem Rücken und über dir fährt die Zimmerdecke vorbei. Erst kam eine Leuchtstoffröhre, dann ein Rauchmelder, dann ein Ventilator und wieder eine Leuchtstoffröhre, und so weiter. Dann waren wir beim OP angekommen und die sind da mit einigem Schwung um die Kurve gefahren und fanden das lustig – hatten ja auch keinen Grund bedrückt zu sein.<br />
In dem OP-Saal waren so riesige Apparate aufgebaut, ein paar große Bildschirme und hinter einer Glaswand war wohl die Kommandobrücke, da saßen denn die Ärzte. Dann haben die Schwestern mich ganz ausgezogen – das war dann nicht nur peinlich, dann war das auch noch kalt.<br />
„Herr Wernersen“, sagt eine von den Schwestern, „ Sie sind ja wohl auch ganz schön aufgeregt, ich könnte ihnen da so ein kleines Beruhigungsmittel geben – wenn Sie wollen.“<br />
„Also, wenn das wieder mit ‘ner Spritze zu tun hat“, sag ich, „dann mal lieber nich, dann halten wir das auch so aus. Von wegen: Matrosenherz kennt keine Feigheit&#8230;“<br />
„Nee“, sagt die, „Sie haben die Kanüle da ja schon liegen, da können wir Ihnen das einfach so verabreichen.“<br />
Gut, sag ich, denn gib mal ruhig ein Schluck davon, kann ja nicht schaden.<br />
Ich meine, vielleicht war so was ja ganz angenehm. War das auch.<br />
War ein gutes Zeug, muss ich schon sagen, da machte sich bei mir gleich so eine „leck mich am Arsch-Stimmung“ breit. So was müsste man zu Hause haben, wenn die Liebste mal wieder schlechte Laune hat.<br />
Dann kam der Doktor in voller Maskerade, so mit Mundschutz und dicker Brille und hat angefangen da rumzustochern – da hat man aber nichts von gemerkt.<br />
Auf dem Monitor konnte ich richtig das Herz sehen, und im Hintergrund auch die Wirbelsäule, das war interessant. Denn haben sie da immer das Kontrastmittel rein gespritzt und dann hast du das richtig gesehen, wie die olle Pumpe denn pumpt, und die dicken Adern da, wie das alles so arbeitet. Wenn man das Beruhigungsmittel intus hat, kannst du da ganz entspann zusehen. Man sah auch den Draht da rein gehen, und wie der Doktor mit dem Ballon das alles wieder geweitet hat. Denn haben sie diesen Spreizdübel da eingeführt, damit alles auch wieder schön läuft und denn war das damit auch schon erledigt.<br />
Nur noch ein bisschen Blut abwischen, dann haben sie mich zurück in das Zimmer gefahren.<br />
Die anderen Jungs hatten sich schon wieder angezogen – die konnten am gleichen Tag noch nach Hause. Sie sollten nur noch etwas im Zimmer auf und ab gehen um zu sehen, ob das da unten nicht auch wieder aufplatzt. Das kann passieren, und dann ist es natürlich besser, wenn die Schweinerei im Krankenhaus und nicht im Bus passiert – weil, da kann man ja besser aufwischen wegen dem Linoleum und so.<br />
Mich wollten sie da behalten.<br />
Ja, sagte die Schwester, Sie gehen bis morgen auf Station. Sie haben ja den Stent bekommen.<br />
Das fand ich ja nun gar nicht witzig; die ganze Nacht noch im Krankenhaus bleiben &#8211; da rumhängen, und auch noch da pennen und so.<br />
Inzwischen hatten sie noch zwei neue Kandidaten gebracht.<br />
Der eine erzählte, er hätte jetzt schon den zweiten Herzinfarkt hinter sich, und den Katheterkram den kennt er schon. Aber er fand das alles gar nicht so schlimm, dann kam er wenigstens mal von zu Hause raus. Seine Frau hatte vor zehn Jahren Hirn-bluten gehabt, und ist seit dem gar nicht mehr ansprechbar, die liegt da nur noch rum und weiß nichts mehr. Er muss sie pflegen, und die Kinder würden sich da auch nicht drum kümmern &#8211; da wäre das hier doch mal eine ganz schöne Abwechslung, so im Krankenhaus. Dann nimmt der seine Wasserflasche und ich sehe, dass der Kerl an der rechten Hand nur noch einen Daumen hat – die Finger alle ab. Der hatte wohl auch mal Tischler gelernt.<br />
Der andere hatte so eine große Tätowierung auf der Schulter, ich weiß jetzt nicht wie man so was nennt – war nichts schickes oder so. Mehr so ein Schnörkelkram, so ein „Tribal“; irgendwie barock, wie von Omas Schrankwand abgekupfert. Ansonsten sah der ein bisschen nach Bodybuilder aus, obwohl der auch eigentlich ein alter Sack war. Ganz sportlich und gut in Form, aber siehste ja, hat ihm auch nichts genützt.<br />
Mit dem kam ich dann auch aufs gleiche Zimmer. Hans hieß der, war ein netter Kerl. Da oben auf unserem Zimmer, da war einer, der wohnte da.<br />
Der hatte so eine tiefe und angenehme Stimme, aber das kam von der Kanüle; wo andere Leute einen Kehlkopf haben, da hatte der ein Loch. Es stellte sich raus, der hatte Krebs, und sie hatten ihm schon alles weg genommen, was da weg zu nehmen war.<br />
Ja, sagte der, als nächstes werden die wohl den ganzen Kopf amputieren, wenn da noch mehr Krebs kommt. Er ging nur ab und zu nach Hause um frische Wäsche zu holen, weil Familie hatte er nicht.<br />
Ab nächste Woche kriege ich Bestrahlung, hat er gesagt, und wenn das alles auch nicht hilft, dann kauf ich mir ne Schachtel Kippen und ne Pulle Schnaps und dann gehe ich Aale fangen.</p>
<p>Ich konnte nicht so richtig schlafen, ich meine, ich gehe ja noch nicht mal in ein Hotel oder eine Pension – und denn hier mit zwei fremde Kerle auf einer Bude.<br />
Ich hab mich dann mal runter geschlichen in die Raucherabteilung, da unten neben dem Haupteingang. Das durfte der Oberarzt ja auch nicht sehen – obwohl eigentlich kann dem das doch ganz egal sein. Ich meine, was regen die sich auf – wenn es keine Raucher gäbe, dann würden die ihre komischen Kanülen und Implantate doch gar nicht los werden. Dann würden die doch mit einem Fiesta fahren, oder einem alten Golf; die verdienen doch ein Schweine Geld damit, dass andere Leute krank sind.<br />
Musst du nur mal in die Tiefgarage vom Krankenhaus gehen und gucken was da so alles rum steh – denn weißt du aber Bescheid.<br />
Da unten saßen sie denn, die ganzen armen Mädels und Jungs – das ist denn ja auch schon richtig heftig, wenn du die siehst. Arme ab, Beine ab, keine Haare und solche Beutel hängen da an der Seite raus, und alles&#8230;<br />
Da kommt man sich richtig lächerlich vor, mit dem kleinen Draht, den man da an der Pumpe hat. Da gibt es ja ganz andere Fälle – und die saßen da ja auch, die „anderen Fälle“. Nur schmöken taten die alle noch, ganz egal ob Krebs oder Herzinfarkt, oder was weiß ich. Dann fing das an zu regnen, und denn saßen die armen Burschen in der Nässe rum. Könnte man denen nicht mal ein etwas angenehmeres Plätzchen machen? Sterben doch sowieso alle demnächst.<br />
Am nächsten Morgen haben sie uns dann um halb sieben geweckt, was ja auch eigentlich ein ziemlicher Unsinn ist, weil man sich doch erholen soll.<br />
Dann bekam jeder eine Scheibe Graubrot und ein Brötchen, bisschen Butter und Marmelade – aber egal, der Kaffee war gut, und ich wollte nach Hause.<br />
Es kam mir vor, als ob ich wenigstens acht Wochen da gewesen wäre.<br />
So gegen neun musste ich runter in die andere Abteilung und da haben sie mir den Druckverband abgemacht. Da war ich froh, denn das Ding hatte sich wie ein Ziegelstein angefühlt, konnte man kaum mit laufen.<br />
Die Schwester hat ein normales Pflaster aufgeklebt und gesagt, wenn das wieder anfängt zu bluten, dann müssen sie sofort den Krankenwagen anrufen.<br />
Dann durfte ich raus.<br />
Als ich zu Hause angekommen bin, war da keiner. Die Frau auf der Arbeit, die Kinder in der Schule – keine Blumen, kein Empfangskomitee.<br />
Aber ich war noch immer da, damit hatte ich nicht gerechnet.“</p>
<p>Zwei Tage später saßen Hein und ich auf der Bank oben auf dem Deich und sahen uns den Sonnenuntergang an.<br />
„Wusstest du, dass Columbo gestorben ist“, sag ich.<br />
„Nee“, sagt Wernersen, „wie alt ist er denn geworden?“<br />
„Ich weiß nicht genau, aber ein ganzes Stück über achtzig.“<br />
„Der hat doch auch geraucht, oder?“<br />
„Ja, hat er.“<br />
„Siehst du“, sagt Wernersen, „hab ich doch gewusst, dass das da dran nicht liegen kann.</p>
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		<title>Ein Tunnel nach Amerika</title>
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		<pubDate>Fri, 02 Sep 2011 17:20:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner-Kurt</dc:creator>
				<category><![CDATA[Humor]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[KInderheim]]></category>
		<category><![CDATA[Kommunisten]]></category>
		<category><![CDATA[Ostzone]]></category>
		<category><![CDATA[Sandalen]]></category>
		<category><![CDATA[Sandburgen]]></category>
		<category><![CDATA[Scharbeutz]]></category>
		<category><![CDATA[Strandkorb]]></category>

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		<description><![CDATA[von Janek Heinrich (copyright) „Seht mal, da drüben“, Tante Gertrud streckte den Arm aus, und ihr kräftiger Zeigefinger deutete über das Meer. „Da hinten, da ist die Ostzone. Da wohnen die&#8230; Kommunisten.“ Sie verzog den Mund, als ob sie auf eine faule Miesmuschel gebissen hätte. Wolli und ich kniffen die Augen zusammen und versuchten etwas [...]]]></description>
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<p><em>von <a href="http://www.the-short-story.de/?p=1934">Janek Heinrich</a> (copyright)</em></p>
<p>„Seht mal, da drüben“, Tante Gertrud streckte den Arm aus, und ihr kräftiger Zeigefinger deutete über das Meer. „Da hinten, da ist die Ostzone. Da wohnen die&#8230; Kommunisten.“ Sie verzog den Mund, als ob sie auf eine faule Miesmuschel gebissen hätte.<br />
Wolli und ich kniffen die Augen zusammen und versuchten etwas zu erkennen, was uns aber nicht gelang.<br />
Wir nickten trotzdem.<br />
„Sind die Kommunisten gefährlich, Tante Gerda?“<br />
Sie beugte sich zu mir herunter. „Oh ja, Janek. Die vergewaltigen Frauen, brennen Häuser nieder und stehlen Wasserhähne. Aber ihr braucht keine Angst zu haben, sie dürfen hier nicht rüber. Die werden sofort erschossen, wenn sie es versuchen.“<br />
„Erschossen? Von uns?“<br />
Sie richtete sich wieder auf, und ihr Schatten breitete eine angenehme Kühle über uns.<br />
„Die erschießen sich gegenseitig.“<br />
Wolli und ich sahen uns an. <br />
Mit unseren sechs Jahren hatten wir keine Ahnung wovon sie sprach, aber wir waren tief beeindruckt, dass wir in einer so abenteuerlichen Gegend Urlaub machen durften.</p>
<p>Es war im Sommer 1966 und wir waren in Scharbeutz an der Ostsee.<br />
Meine Tante Gertrud, Wolli, der eigentlich Wolfgang hieß, und ich.<br />
Wolli trug eine Kassenbrille, die ihn leicht bescheuert aussehen ließ, und er lebte in Tante Gertruds Kinderheim. Sie war da nur angestellt, aber dass es „ihr“ Kinderheim war, daran hätte niemand zu zweifeln gewagt. <br />
Sie hatte 15 Kinder in ihrer Obhut, wenigstens zwei (einfache) Erzieherinnen unter sich, und ihr Haar zu einem festen Knoten gebunden.</p>
<p>Wolli war mit drei Jahren vom Jugendamt bei Tante Gertrud einquartiert worden, und im Laufe der Zeit hatte er sich einen besonderen Platz vor dem Fernseher und in ihrem Herzen erkämpft. Darum durfte er auch mit ihr in den Urlaub. <br />
Mich hatte sie mitgenommen, weil meine Eltern gerade erst ein altes Haus gekauft hatten und jetzt, nach Papas erstem Herzinfarkt, jede Mark zwei mal umdrehen mussten.</p>
<p>In Scharbeutz gab es die Promenade mit ein paar Andenkenbuden und Restaurants. Ein Kino, dass „Tarzan“ mit Johnny Weissmüller zeigte, einige Pensionen und den weißen Steg, der bis heute in die Ostsee ragt.</p>
<p>Wolli und ich bauten enorme Sandburgen, und waren schon nach wenigen Tagen von all den anderen braungebrannten Strandjungs mit strohblonden Haaren nicht mehr zu unterscheiden. <br />
Wir hatten Freischwimmer-Abzeichen an den Badehosen, der Hosenbund reichte uns hoch über den Nabel und durch die Hosenbeine pfiff der Wind. <br />
Tante Gerda bewohnte mit Kopftuch, Sonnenbrille und Sommerkleid den Strandkorb. Im Badeanzug habe ich sie leider nie gesehen. <br />
Sie las anspruchsvolle Boulevardblätter oder döste dem nächsten Milchreis entgegen, während wir Löcher buddelten, die fast bis nach Amerika reichten. <br />
Wir zerquetschten glibberige Ohrenquallen mit unseren nackten Füßen und hatten Sorge, dass uns eine von ihren berüchtigten Verwandten beim Baden erwischen könnte. „Feuerquallen werden manchmal so groß wie LKW Reifen, und sie mögen blonde Jungen“, hatte uns ein freundlicher Eisverkäufer erklärt.<br />
Eines Tages schlummerte die Tante in ihrem Strandkorb, und ich verwandelte mich in ‘rote Feder’, einen mutigen Strandindianer, der sich unbemerkt anschlich und ihre Sandalen „ausborgte“. <br />
Ich musste herausfinden, ob das Schuhwerk nicht nur über, sondern auch unter Wasser zu gebrauchen war. Es funktionierte tadellos.<br />
Die Sandalen waren mir zu groß, aber man konnte damit trotzdem prima durchs Wasser waten, und der Sand kitzelte meine Zehen.<br />
Wolli schaute überrascht, sagte aber nichts.<br />
Ich war über meinen gelungenen Versuch hellauf begeistert.<br />
„Tante Gerda“, rief ich. „Hallo, Tante Gerda! Sieh mal, ich hab<br />
Taucherschuhe.“ Wollis Augen wurden groß wie Kamm-Muscheln.<br />
Die Tante schaute auf. <br />
Sie sah sich auf dem Boden um, stemmte sich dann mit Schwung aus dem Strandkorb hoch und stapfte entschlossen auf uns zu. Wolli verkroch sich in unserer Baustelle.</p>
<p>Der Held des Tages, stand bis zu den Knöcheln im Wasser und sah ihr in freudiger Erwartung entgegen. „Sieh mal Tante, richtige Taucher&#8230;“ „KLATSCH!“ <br />
Die Ohrfeige traf mit einiger Wucht meine linke Wange. Unerwartet, unverdient und schmerzhaft.<br />
„Du spinnst ja wohl,“ sagte sie und fischte meine Erfindung aus dem Wasser. Ohne ein weiteres Wort drehte sie sich um und stampfte mit geschürzten Röcken zurück in Richtung Strandkorb.<br />
Wolli tauchte wie ein Maulwurf aus seiner Kuhle auf.<br />
Ich hielt mir die heiße Backe, aber heulen tat ich nicht.<br />
Er sah mich halb mitfühlend, halb spöttisch von der Seite an.<br />
„Du solltest eigentlich wissen, dass man dem Lieben Gott nicht die Sandalen klaut,“ sagte sein Blick.<br />
Ich nahm meine Schaufel und machte mich wieder an an die Arbeit.<br />
„Unser Tunnel muss fertig werden“, sagte ich, „vielleicht kommen die Kommunisten ja doch hier rüber, dann können wir abhauen.“<br />
„Meinst du echt, die kommen?“<br />
„Ist alles möglich.“<br />
„Der Tunnel ist ganz schön eng, die Tante wird da nicht durchpassen“, sagte Wolli.<br />
Ich sah ihn an und zuckte mit den Schultern.<br />
Wolli lächelte.</p>
<p>Provided by <a href="http://www.universal-frame.com/" title="Universal Frame GmbH - Marketing und Public Relation">Universal Frame GmbH &#8211; Marketing und Public Relation</a></p>

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		<title>Mittags am Golf von Mexico – Eine Sommergeschichte</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Sep 2011 16:18:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner-Kurt</dc:creator>
				<category><![CDATA[Humor]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[1. Mai]]></category>
		<category><![CDATA[Golf von Mexico]]></category>
		<category><![CDATA[Hai]]></category>
		<category><![CDATA[Heringshai]]></category>

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		<description><![CDATA[von Janek Heinrich (copyright) „iiiiiiiihhh!! Mama, ein Hai!“ der Schrei des Mädchens hätte eine Fensterscheibe zum bersten bringen können, wenn es hier am Strand von Anna Maria Island ein Haus mit Fensterscheiben gegeben hätte. Natürlich ein „Hai“, dachte Heidi, Heringshai, als sie vorüber schwamm – was denn sonst? „Mama Hilfe! Mama, Mama&#8230;“ das Mädchen versuchte [...]]]></description>
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<p><em>von <a href="http://www.the-short-story.de/?p=1934">Janek Heinrich</a> (copyright)</em></p>
<p>„iiiiiiiihhh!! Mama, ein Hai!“ der Schrei des Mädchens hätte eine Fensterscheibe zum bersten bringen können, wenn es hier am Strand von Anna Maria Island ein Haus mit Fensterscheiben gegeben hätte.<br />
Natürlich ein „Hai“, dachte Heidi, Heringshai, als sie vorüber schwamm – was denn sonst?<br />
„Mama Hilfe! Mama, Mama&#8230;“ das Mädchen versuchte aus dem Wasser zu flüchten, aber obwohl sie einen gewaltigen Wirbel machte, kam sie kaum vorwärts.<br />
„&#8230;Mama, er will mich fressen.“<br />
So ein Quatsch, dachte Heidi. Hast du mal auf die Größe meiner Rückenflosse geachtet? Ich bin gerade mal einsfünfundzwanzig lang und wiege kaum dreißig Pfund.<br />
„Er kommt, Mama er kommt. Er frisst mich Mama, er frisst mich auf!“</p>
<p>Wie sollte ich dich wohl auffressen, mit diesen Zähnen? Ich müsste dich lutschen, du blöde Göre. Hör schon auf zu schreien, ich bin nicht der Große Weiße aus dem Kino&#8230;<br />
Zwei dicke , bleiche Baumstämme tauchten mit Wucht rechts und links von Heidi ins Wasser.<br />
&#8230;und ich fresse keine&#8230;AUA! Etwas hatte Heidi mit Wucht am Rücken getroffen und ihre Schwanzflosse wurde gefühllos. Es musste ein Riese sein, der da seine Keule schwang.<br />
„Du Satansbraten! Du willst mein Töchterchen erschrecken?“<br />
Patsch!<br />
„Du blöder Haifisch , Du!“<br />
Watsch!<br />
„Dich werd ich Mores lehren, du mistige Makrele.“<br />
Pusch!<br />
Wie Wasserbomben donnerten die Einschläge um Heidi herum.<br />
„So was machst du nicht mit Edwina Thompson. Und schon gar nicht mit ihrer süßen Petronella.“<br />
Batsch!<br />
Heidi hatte sich bis zu diesem Moment immer für ein besonders flinkes Exemplar ihrer Gattung gehalten, aber sie vermochte es nicht den Schlägen auszuweichen.<br />
Nur ihre empfindliche Nase schützte sie, indem sie den Kopf genau zwischen den Baumstämmen hielt, hierhin fuhr die Keule des Riesen nicht.<br />
Das Wasser um sie herum kochte, brodelte und ihr Angreifer wirbelte so viel Sand auf, dass man die Flosse vor Augen nicht mehr sah.<br />
Auch Edwina konnte nichts mehr erkennen, aber sie wusste, der Fisch war noch da.<br />
Da, genau zwischen ihren Füßen. Sie war außer Atem, aber noch lange nicht am Ende. Konzentriert wie ein Kendo Kämpfer nahm sie den Sonnenschirm und drehte ihn, bis seine Spitze senkrecht nach unten zeigte.<br />
Heidi verhielt sich ganz still, ihr war schwindelig. Die weißen Bäume rechts und links von ihr waren nur verschwommene helle Schatten. Sie sah genauer hin. Da waren blaue und lila Wülste zu erkennen, sie sahen fast aus wie Adern. Adern?<br />
Das sind keine Bäume, dachte Heidi, das sind Beine!<br />
„Ich habe drei Mistkerle von Männern unter die Erde gebracht, und die waren schlimmer als du“, flüsterte Edwina, „und heute Abend“, sie erhob den Schirm zum tödlichen Stoß, “ heute Abend gibt es gegrillten Hai mit KartoffelsalAAAHHH!“<br />
Heidi hatte ihre Zähne in den linken „Baum“ geschlagen.<br />
„Au Verdammt, er hat mich gebissen!“<br />
Heidis Zähne steckten in einer wunderbar weichen, weißen Masse. Keine Knochen, keine Knorpel, keine Sehnen, kein Widerstand – es war ekelhaft.<br />
Edwina riss die Arme in die Höhe, und der Sonnenschirm landete einige Meter weiter in der türkisblauen See. Die Wut über ihre viel zu kleinen Zähne ließen Heidi ihre eigentlich friedliche Gesinnung vergessen – sie setzte nach.<br />
„Ah, du elende Mißgeburt“, fluchte Edwina,“ Petronella hilf mir! Hol den Schirm – schnell.“<br />
Das Mädchen stand am Ufer und rührte sich nicht.<br />
„Petronella, hol den verdammten Schirm. Hörst du !“<br />
Mrs. Thompson hob ihr massiges Bein mitsamt dem Hai aus dem Wasser. Sie wollte das Untier abschütteln, aber Heidi hatte sich an ihr fest gebissen, wie ein Terrier an einem Postboten.<br />
Edwina griff nach Heidis Schwanz.<br />
„Petronella, du unnützes Balg. Ich prügel dich windelweich, wenn du nich sofort herkommst und mir hilfst.“<br />
Das Mädchen bewegte sich nicht.<br />
Heidi hatte eine dicke hellblaue Vene ins Visier genommen. Sie löste ihren Kiefer für einen Moment und schnappte dann mit aller Kraft erneut zu. Ihr Mund füllte sich mit süßem Menschenblut – das war doch schon sehr viel besser.<br />
Mrs. Thompson verlor den Halt und stürzte, wie in Zeitlupe, rückwärts. Ihr mächtiger Hintern teilte die Fluten des Golfes, der sich das allerdings nicht lange gefallen ließ und wieder über ihr zusammen schlug. Edwina schluckte Wasser und verlor ihre Badekappe, aber Heidis Schwanz ließ sie nicht los.<br />
Heidi wand und drehte sich während sich ihre Zähne immer tiefer in den Unterschenkel gruben.<br />
Edwina änderte ihre Strategie. Sie umklammerte den Fischschwanz jetzt nur noch mit der linken Hand, mit der Rechten hämmerte sie auf Heidis Schädel ein.<br />
Heidi hielt fest, und die Wunde an Edwinas Bein wurde größer.<br />
Rote Wolken waberten durchs Wasser. Mrs. Thompson sah das Blut und wurde panisch.<br />
„Petronella! Petronella beweg dich endlich und hilf mir“, rief sie.<br />
Das Mädchen ließ die Schultern sinken und blickte zu Boden.<br />
Ein Mann mit gestreifter Badekappe, krummen Beinen und Nickelbrille war herzu gekommen und stand nur wenige Meter von Petronella entfernt.<br />
Er hatte die Hände hinter dem Rücken verschränkt, den Oberkörper nach vorn gebeugt und blinzelte kurzsichtig in Richtung des Getümmels.<br />
Er wirkte in seiner altmodischen Badehose nicht wie ein Life Guard aus dem Fernsehen, aber Mrs. Thompson hatte keine Wahl.<br />
„He Sie, Sir. Dann helfen sie mir doch bitte mit diesem Mistvieh.“<br />
Sie donnerte eine Rechte aus Heidis Kopf.<br />
Der Mann deutete auf seine kaum behaarte Brust. „Wer, Ich?“<br />
„Natürlich Sie, wer denn sonst? Meine verblödete Tochter rührt sich nicht, und die Jungs von Baywatch sind im Urlaub. Also los Mann, helfen sie mir raus.“<br />
Der Mann scharrte mit den Füßen im Sand und schüttelte den Kopf.<br />
„Ich kann nicht Ma’am, da is ein Hai.“<br />
„Ach, was sie nicht sagen. Da wäre ich alleine ja nie drauf gekommen. Was glauben sie, wer mich hier gerade in die Wade beißt.“<br />
Der Mann sah auf seine Füße und schüttelte noch einmal den Kopf.<br />
„Den meine ich nicht“, sagte er.</p>
<p>„Heidi, Heidi“; sagte Torres Tigerhai und seufzte, „das hätte ich nicht von dir gedacht. Sieh dir bloß mal an, was für eine Schweinerei du hier veranstaltet hast.“<br />
Heidis Kopf dröhnte von den Fausthieben, die sie hatte einstecken müssen.<br />
„Halt`s Maul, Torres“, sagte sie.<br />
Torres sog etwas Wasser durch seine Zahnlücken um die Speisereste zu entfernen.<br />
„Nee nee, alles voll mit ihrem fettigen Blut, und überall schwimmen noch Reste von der Dame herum. Gönn dir was, Mädchen. Einen halben Unterarm habe ich dir noch übrig gelassen.“<br />
„Torres, halt`s Maul.“<br />
„Ihr hässlicher Schädel dümpelt da auch noch irgendwo rum, aber den können sich von mir aus die Aale teilen“, Torres rülpste, „Mann, is mir schlecht.“<br />
Einer von Edwinas dicken Fingern trieb langsam an Heidi vorbei. Sie schnappte danach – er schmeckte nach Sonnencreme.<br />
„Guck mal Heidi, der Alte mit den krummen Beinen. Der ist ganz grün im Gesicht, ich wette zwei zu eins, der macht gleich ein zähflüssiges Bäuerchen. &#8230;Siehste, ich hatte recht.“ Torres grinste, „ Bloß gut, dass die Kleine uns nicht in die Quere gekommen ist. Nur Haut und spitze Knochen, da kann man sich übel dran verschlucken, sag ich dir. Ein Vetter von meiner Mutter&#8230;“<br />
„Sieh mal Torres“, sagte Heidi.</p>
<p>Petronella, die Tochter der kürzlich verschiedenen Mrs. Thompson, stakste schlafwandlerisch auf das Wasser zu. Bis zu den Knien watete sie in die rötliche Brühe hinein. Sie fischte etwas heraus, das die Größe eines Handballes hatte und von ähnlich bleicher Farbe war.<br />
Die beiden Haie schwammen näher heran, sie waren neugierig.<br />
„Oh hallo Mrs. Thompson“, sagte das Mädchen, „sie sehen heute aber gar nicht gut aus. Was ist ihnen denn bloß widerfahren – sind sie schwimmen gewesen und eine Schiffsschraube hat sie erwischt? Nein?“ Das Mädchen schmunzelte. „Ach so, ein Hai hat sie ins Bein gezwickt. Ein kleiner böser Babyhai“, sie schürzte die Lippen als ob sie zu einem Kleinkind spräche, „Oh, dieses böse, böse Tier. Und Ihre Tochter? Diese nichtsnützige, stumpfsinnige, unbegabte und vor Blödheit stinkende Petronella hat ihnen nicht geholfen? Nein? Sie hat einfach nur da gestanden und keinen Finger gerührt?“ Petronella schüttelte den Kopf, „Nein, das ist wirklich keine Art mit der eigenen Mutter umzugehen. Aber Mrs. Thompson, eigentlich sind sie selbst daran schuld. Wer seine Kinder nicht richtig erzieht, wer zu freundlich und zu milde ist, der darf sich nicht wundern. Das haben sie jetzt von ihrem guten Herzen.“ Das Mädchen seufzte, „ Ach Mrs. Thompson, sie hätten sie öfter schlagen müssen. Mit der Zeitung oder dem Pantoffel auf den Rücken, damit man es nicht sieht. Sie hätten auch viel früher damit anfangen müssen – nicht erst mit drei Jahren.<br />
Und der Kleiderschrank? Viel zu harmlos. Der dunkle Keller hätte es sein müssen, mit dem Hinweis darauf, nicht auf die Spinnen zu treten.“ Petronella zuckte mit den Schultern. „Sie waren zu unentschlossen Mrs. Thompson, ja, ja. In der Kindheit und später in der Jugend erst recht. Sie hätten Petronellas Willen, ihren Stolz und ihr freches Selbstbewusstsein viel früher brechen müssen – nicht erst mit zehn. Sie einfach nur anzuschreien war nicht genug.“ Das Mädchen ließ die Arme sinken und ihr Blick schweifte in die Ferne. Der Schädel tauchte bis zur Hälfte ins Wasser, aber sie hielt ihn an den Haaren fest, damit er nicht fort schwamm.<br />
Heidi verfolgte Petronellas Monolog mit gebannter Spannung, Torres dagegen verdrehte nur gelangweilt die Augen und beschäftigte sich lieber mit seinem Sodbrennen.<br />
Spielerisch zog das Mädchen den Kopf ihrer Mutter aus dem Wasser und ließ ihn dann wieder fast versinken.<br />
„Nein, Mrs. Thompson“, sagte sie, „Sie haben ihre Möglichkeiten an diesem Kind vertan. Und später, in Petronellas Pubertät? Da wäre die Gelegenheit gewesen das Steuer noch einmal herum zu reißen. Sie hätten ihre Tochter viel öfter lächerlich machen müssen, vor allem in Gegenwart Fremder. Aufhänger gab es doch genug. Warum haben sie so selten eine Bemerkung über Petronellas „Silberblick“ gemacht, ihre starke Körperbehaarung bemerkt, oder davon gesprochen wie angenehm ihre Tochter vor der Pubertät gerochen hat? Sicher, sie haben oft für Erheiterung der Gesellschaft gesorgt, wenn sie den „Stacheldraht“ in Petronellas Mund erwähnten, aber war das genug? Nein, Mrs. Thompson, das war es nicht.“<br />
Petronella zog den Kopf ihrer Mutter sanft, ja fast zärtlich an den Haaren durch die Wellen. Das Wasser wurde klarer, das Blut schien ausgewaschen zu sein.<br />
Mit einem Ruck zerrte sie an den Haaren und Edwinas Gesicht tauchte auf.<br />
„Sie haben ihre Chance vertan“ sagte Petronella, „das Schicksal hat ihnen so viele Möglichkeiten gegeben, aber selbst als dieses unnütze Kind nur noch stammelnd und mit heißen Händen durch die Welt ging, haben sie nicht zugeschlagen, den Sack nicht zu gemacht.“ Petronella schnellte unvermittelt hoch und riss Edwinas Kopf an den Haaren aus dem Wasser. Sie schleuderte das bleiche Ding wie ein Hammerwerfer herum und brüllte: „Du hast versagt Mrs. Thompson! Du hast versagt Edwina! Du hast versagt Mutter!“<br />
Bei der letzten Silbe ließ sie los und Edwinas bleicher Schädel flog weit in die Dünung hinaus.<br />
Torres stieß einen anerkennenden Pfiff aus: „ Nicht schlecht Mädchen. Langweiliges Gequatsche, aber ein guter Wurf.“<br />
Petronella sah zu ihm hinüber.<br />
„Bist du das gewesen, hast du meine geliebte Mutter gefressen ?“<br />
„Äh, ja&#8230; ich meine“, sagte Torres, „ &#8230;ich würde das nicht „gefressen“ nennen, ich habe sie &#8230;nur einmal probiert.Genau, eigentlich nur probiert, habe ich sie.“<br />
Das Mädchen stemmte die Hände in die Hüfte, dann legte sie den den Kopf zur Seite und betrachtete den Tigerhai.<br />
„Selber schuld“, sagte sie.</p>
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		<title>Hubert</title>
		<link>http://www.the-short-story.de/2011/08/31/hubert-2/</link>
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		<pubDate>Wed, 31 Aug 2011 17:47:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner-Kurt</dc:creator>
				<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Bella Italia]]></category>
		<category><![CDATA[Mama]]></category>
		<category><![CDATA[Zahnarzt]]></category>
		<category><![CDATA[Zähne]]></category>

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		<description><![CDATA[von Janek Heinrich (copyright) Hubert klingelte zweimal. Er hatte Schlüssel zu ihrer Wohnung, aber er wollte niemanden erschrecken. Keine Antwort.  Auf dem Klingelschild fehlte ihr Name, aber das war egal.  Hubert hatte schöne braune Brötchen geholt, so, wie Mama sie gern hatte. „Die Blassen sind für Leute, die keine Zähne mehr haben“, sagte sie immer. [...]]]></description>
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<p><em>von <a href="http://www.the-short-story.de/?p=1934">Janek Heinrich</a> (copyright)</em></p>
<p>Hubert klingelte zweimal.<br />
Er hatte Schlüssel zu ihrer Wohnung, aber er wollte niemanden erschrecken.<br />
Keine Antwort. <br />
Auf dem Klingelschild fehlte ihr Name, aber das war egal. <br />
Hubert hatte schöne braune Brötchen geholt, so, wie Mama sie gern hatte.<br />
„Die Blassen sind für Leute, die keine Zähne mehr haben“, sagte sie immer. Mama hatte ihre Zähne seit fünfundachtzig Jahren. <br />
Fast vollständig – das hatte kaum jemand.</p>
<p>Hubert hatte von Anfang an nur Schrott im Mund gehabt, ein Erbteil seines Vaters. <br />
Mama hatte die Angst vor den Bomben der Amis erlebt und Hubert den Bohrer von Dr. med. dent. Erlenhaus.<br />
Die Lampe hatte seine Augen geblendet. Der Bohrer wurde von einem Riemen angetrieben, langsam, sehr langsam. Man konnte die Umdrehungen beinahe mitzählen. <br />
Durch die gelblichen Gardinen sah man auf den Bahndamm, aber das war egal, denn die Spannung galt dem Nerv, den Dr. Erlenhaus jeden Moment treffen würde.<br />
Die Bomben der Amis trafen durch Zufall. Der Bohrer war präzise, auch wenn der Doktor nicht mehr gut sah und zitterte. <br />
Er traf ihn, er traf ihn jedes Mal. Erlenhaus war ein guter Zahnarzt. „Purzellin“, stand auf einem Plastikspender, der auf einem Tischen stand und an den Hubert sich selbst nach vierzig Jahren noch gut erinnern konnte.<br />
„Es gibt Humanmediziner und es gibt Zahnärzte,“ hatte Papa einmal gesagt, nachdem er wieder lächeln konnte. <br />
Man hatte ihm die Parodontose mit einem glühenden Draht weg gebrannt und er hatte seinen Mund an diesem Tag lange mit kaltem Doppelkorn spülen müssen, bevor er endlich schlafen konnte. Dentist Bärmann, (nicht einmal ein Dr.), ein Mensch mit Unterarmen wie ein Pferdeschlächter und mit einem Gemüt, dem dieser Vergleich nichts ausgemacht hätte, hatte ihm diese Kur verpasst. <br />
„Mach’ jetzt das verdammte Maul auf!“ hatte er Hubert einmal angebrüllt. Sie wechselten daraufhin zu Dr. Erlenhaus. „Der ist nett und vorsichtig,“ hatte Mama gesagt.<br />
Papa wechselte nicht. <br />
Ihm hatten die Russen im Krieg den halben Arsch weg geschossen. Papa konnte eine Menge aushalten.<br />
Von Omas Tod einmal abgesehen, aber das war erst viel später.  Bärmann hatte mit seinem „Fleischerladen“ gutes Geld verdient. <br />
Er war einer der wenigen, die sich schon damals eine neue Frau, ein rot-weißes Ledersofa und einen Farbfernseher leisten konnten. Huberts Eltern hatten einen Laden für Radios und Fernseher, aber ein eigenes Gerät hatten sie nicht.<br />
Dentist Bärmann war ein guter Kunde, und wem man einen teuren Fernseher verkauft hatte, dem konnte man wahrscheinlich demnächst auch eine neue Musiktruhe liefern. <br />
Papa hatte Familie und ihm waren die Spielregeln bekannt.</p>
<p>Man hatte ihn mit siebzehn eingezogen. Ein hübscher Junge, Hubert hatte ein Foto von ihm gesehen. <br />
„Hübsches Menschenmaterial“ für einen kurzbeinigen Österreicher, der mit seinen bekloppten und verkrüppelten Kumpanen eine arische Weltherrschaft angestrebt hatte.<br />
Ein Granatsplitter? Ein Schrapnell? Keine Ahnung!<br />
Papa war in einem italienischen Lazarett aufgewacht und es dauerte lange, bis ihn eine Schwester überreden konnte etwas zu essen und ein bisschen italienisch zu lernen. <br />
Seine Liebe zu „Bella Italia“ sollte bis ans Ende seiner Tage reichen.<br />
Sein Bruder Heinrich hatte weniger Glück. Er verbrannte in einem Schützenpanzer vor Stalingrad. <br />
Die Behörden führten ihn als „vermisst“. Das klang besser.</p>
<p>Mama saß immer auf einem Stuhl an der Wand des Behandlungszimmers, hinter Hubert. Sie drückte ihm die Daumen. Dahinten, am Ende der Welt, wo man selbst keine Löcher in den Zähnen hat, tut man das, auch wenn man nicht weiß warum.<br />
„Wenn ich als Kind mal nachmittags Langeweile hatte,“ erzählte Mama oft, „dann bin ich freiwillig zum Zahnarzt gegangen. Der hat dann gefragt, ob mir was wehtut, aber mir tat nie was weh. Ich hatte keine Löcher, oder so was. Der hat mir dann ein paar Bonbons geschenkt und ich bin nach hause gehüpft. Und wenn meine Mama, die Oma, mich dann gefragt hat, wo ich gewesen bin, hab’ ich gesagt : „Bei Dr. von Gahlen.“ <br />
Mama erzählte diese Geschichte oft.<br />
Mama war nicht bösartig – nur mit Erfahrungslosigkeit gesegnet.<br />
Es gab andere Dinge, die sie schlimm erwischen sollten.<br />
Huberts Zähne erwischte es zum ersten mal in Omas Bett.<br />
Er war fünf und gerade aus dem Winterurlaub mit seinem Vater zurück, und sie machten Zwischenstation bei den Großeltern.<br />
An diesem Morgen hatte Oma nach dem Aufstehen die Fenster weit geöffnet und dann die Federbetten zum lüften über das Fußende des Bettes geworfen. <br />
Hubert mochte Omas Bett, weil es quietschte und knarrte, wenn man darauf herum sprang. <br />
Oma mochte „frische Luft“ und „gute Seife“, wie sie sagte. <br />
Sie sagte auch „gute Butter“, und „Bohnenkaffee“, wenn sie von ganz normalem Kaffee sprach.<br />
Oma hatte etwas gegen Filtertüten. Sie brühte das Kaffeepulver lieber nach guter alter Sitte, der ganze Hausflur duftete danach und gab ihr recht.<br />
Hubert gefielen die Federbetten über dem Fußende. Es wäre bestimmt so, als ob man auf einer Wolke landete. Man musste nur genügend Schwung holen, die Arme ausbreiten und lächeln. Die Betten hatte ein Tischler namens Koschinski aus massiver Eiche gebaut.<br />
Auf seinem Einschulungsfoto sieht man Hubert, und man sieht seine Milchzähne. Alle schwarz. Wäre er berühmt geworden, man hätte das Fußteil mit dem Zahnabdruck bestimmt ausgestellt.<br />
Er lebte mit seinen schwarzen Zähnen. Die würden bald ausfallen, und Platz machen für die Neuen. <br />
Die anderen Kinder waren neidisch, sie glaubten, es käme von all den Süßigkeiten, die er immer essen durfte. <br />
Hubert erzählte niemandem die wahre Geschichte, warum auch? <br />
Die hässlichen kleinen Dinger fielen tatsächlich bald aus. <br />
Hubert warf sie weg. Es gab niemanden, der sie hätte aufbewahren wollen. Nicht einmal die Zahnfee.</p>
<p>Jemand tippte Hubert auf die Schulter.<br />
„Herr Lehmann? Gut, das ich Sie treffe, ich brauche den Schlüssel.&#8221; Hausmeister Krüsel war ein freunlicher Mensch. &#8220;Herr Lehmann, sie wissen, dass wir die Wohnung ihrer Mutter geräumt haben? Das wissen sie doch&#8230;“ Er drehte Hubert vorsichtig an der Schulter zu sich herum.<br />
„Herr Lehmann, können sie mich verstehen? Ihre Mutter ist vor drei Monaten verstorben, das wissen sie doch, &#8230;? Ich brauche den Wohnungsschlüssel. Herr Lehmann&#8230;?“<br />
Hubert sah ihn an.</p>
<p>Provided by <a href="http://www.universal-frame.com/" title="Universal Frame GmbH - Marketing und Public Relation">Universal Frame GmbH &#8211; Marketing und Public Relation</a></p>

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		<title>Marlboro und Bauernrosen</title>
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		<pubDate>Mon, 29 Aug 2011 08:28:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner-Kurt</dc:creator>
				<category><![CDATA[ News]]></category>
		<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Bahnhof]]></category>
		<category><![CDATA[ICE]]></category>
		<category><![CDATA[Mädchen]]></category>
		<category><![CDATA[mann]]></category>
		<category><![CDATA[Marlboro]]></category>
		<category><![CDATA[Rauchen]]></category>

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		<description><![CDATA[von Janek Heinrich (copyright) Fast geräuschlos gleitet ein Nachtzug aus der Halle.  Der Bahnsteig ist leer, bis auf mich.  Ich stecke mir eine Zigarette an, und sehe ihm hinterher, die Schlusslichter werden kleiner.  Es ist Samstag, der 23. August. Ein warmer Abendwind weht um meine Hosenbeine und spült den Duft von Bauernrosen und alten Zeitungen [...]]]></description>
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<p><em>von <a href="http://www.the-short-story.de/?p=1934">Janek Heinrich</a> (copyright)</em></p>
<p>Fast geräuschlos gleitet ein Nachtzug aus der Halle. <br />
Der Bahnsteig ist leer, bis auf mich. <br />
Ich stecke mir eine Zigarette an, und sehe ihm hinterher, die Schlusslichter werden kleiner. <br />
Es ist Samstag, der 23. August. Ein warmer Abendwind weht um meine Hosenbeine und spült den Duft von Bauernrosen und alten Zeitungen durch die Bahnhofshalle.<br />
Die roten Lichter verschwinden in Dunst und Dunkelheit. <br />
Nur ein schabendes Pfeifen ab und zu, und das typische ta-tack ta-tack ist zu hören, wenn die Waggons über die Nahtstellen der Gleise fahren.<br />
Ich rauchte nicht gern, es bekommt mir nicht.<br />
Es macht mir Kopfschmerzen und ein gemeines Kratzen im Hals, aber es muss sein, der Cowboy auf dem Plakat gegenüber raucht schließlich auch.<br />
So sieht ein richtiger Mann aus. Mit kleinen Fältchen um die Augen und kräftigen Händen. Mit breiten Schultern und einem Lächeln, das die Kerle auf Abstand hält, und den Damen Herzklopfen macht.<br />
Die Anzeigentafel über mir rattert die nächsten Abfahrtszeiten herunter.</p>
<p>Es ist 23Uhr18.<br />
Der ICE zeigt sich in der Einfahrt. <br />
Ein Pfeifen und Surren der Schienen begleitet seinen Auftritt. Ich werfe die Kippe auf den Boden, spurte los und renne einige Meter vor der Schnauze her – der Lokführer soll mich sehen. Der Mann im Führerhaus macht große Augen. Er tritt auf die Bremse, er zieht an den Hebeln, aber es ist zu spät. Noch ein, zwei große Schritte, dann werfe ich mich seitwärts, mitten hinein in das Kreischen der Räder.<br />
Der Express berührt meine Brust nur flüchtig, dann begräbt er mich unter Tonnen von veröltem Stahl.<br />
Ich schlage mit dem Hinterkopf, badambadam gegen die Schwellen – dann der Geruch von Urin und Teer &#8211; dann Dunkelheit.<br />
Die Vorderachse zerreißt mir den linken Arm, ich werde quer über die Gleise geschleudert und einer der Radreifen schneidet meinen Oberkörper in zwei ungleiche Hälften &#8211; das war´s.</p>
<p>Ich komme jeden Abend hierher – immer pünktlich.<br />
Ich stellte es mir vor, immer und immer wieder.<br />
Dann wird mir schlecht.</p>
<p>„Na du Held? Hast wohl’n schwachen Magen, wie?“<br />
Jemand lacht, aber ich bin allein auf diesem Bahnsteig&#8230;<br />
„Du Möchtegern-Selbstmörder. Schaffst es wieder nicht, was?“<br />
„Wer&#8230;?“ Ich sehe mich um, kann aber niemanden entdecken.<br />
„Hier drüben, Brillenschlange.“<br />
„Wo?“<br />
„Hier auf deinem Lieblingsplakat, Mensch.“<br />
Es ist der Marlboro-Mann. Er bewegt sich nicht, aber er spricht mit mir.<br />
An der Wand neben ihm lehnt eine Leiter, die wohl jemand vergessen hat. Meine Fantasie ist schuld, ich habe zu viel davon.<br />
„Fantasie? Wenn du Fantasie hättest, dann hättest du Micky Maus erfunden, oder so was“, sagt er.<br />
„Ich verstehe nicht&#8230;“<br />
„Wie, du verstehst mich nicht. Soll ich lauter reden, kleiner Mann? Hast wohl außer deinem Hirnschaden auch noch was mit den Ohren, wie?“<br />
„Sie reden mit mir“, sage ich.<br />
„Sehr richtig, gut erkannt. Ich rede mit dir, kleiner Mann. Und willst du auch wissen, warum ich das tue? “<br />
„Ja.“<br />
„Well, ich will es dir sagen, Shorty, oh ja, das will ich. Ich rede mit dir, weil du mich ankotzt! Weil ich mir dein langweiliges Theater hier jeden Abend ansehen muß. Deinen „Sterbender Schwan“- Schwachsinn.<br />
Weil du hier auf meinen Bahnsteig kommst um dich umzubringen, aber zu feige bist, es wirklich zu tun, und&#8230;“<br />
„Ich bin nicht&#8230;“<br />
„Was bist du nicht?“<br />
„Ich bin nicht feige.“<br />
„Ach nein? Was bist du denn dann?“<br />
„Ich habe nur&#8230;“ sage ich.<br />
Sein Lachen weht eine leere Chipstüte auf die Gleise.<br />
„Was hast du? Nichts hast du. Weil du kein Mann bist. Du bist gar nichts. Du bist nicht mal ein Mädchen.“<br />
„Ein Mädchen?“<br />
„Klar mein Freund. Wenn du ein Mann wärst, würdest du tun, was ein Mann tun muss. Wenn du ein Mädchen wärst, dann würdest du sagen: „Pfeif doch drauf“, und machen was du willst, aber so?“<br />
„Ich bin ein Mann“, sage ich.<br />
Er lacht und hustet gleichzeitig.<br />
„Nein.“<br />
„Ich bin ein Mann.“<br />
„Bist du nicht.“<br />
„Ich werde es beweisen.“<br />
„Wie willst du es beweisen?“<br />
„Ich werde es tun.“<br />
„Was willst du tun, dich vor den Zug schmeißen?“<br />
„Ich werde es tun.“<br />
„Wann?“<br />
„Morgen&#8230;, Morgen Abend.“<br />
„Morgen Abend?“<br />
„Ja.“<br />
„Gut, Shorty, ich werde hier sein.“</p>
<p>Ich drücke die Zigarette sorgfältig im Aschenbecher aus, dann steige ich mit steifen Knien die Treppe hinunter. Nur wenige Leute mit Koffern und Taschen kommen mir entgegen.<br />
Mein Magen fühlte sich an wie ein Knoten aus rostigem Eisen, und hinter meinen Schläfen wütet ein wahnsinniger Trommler.<br />
Bevor ich den Kiosk betrete, betrachte ich mein Spiegelbild in der Fensterscheibe.<br />
Niemand trägt eine beige Windjacke, braune Hosen und schwarze Schnürschuhe die auf Hochglanz poliert sind, weil man seine Schuhe pflegen muss. Niemand. Der Marlboro Mann hat recht.</p>
<p>„Oh hallo, guten Abend, der Herr. Einen kleinen Jack Daniels und einmal „Freiheit und Abenteuer“ wie üblich?“ Die Dame vom Kiosk ist freundlich, sie ist immer freundlich – zu jedem. Wie die Huren am Hafen.<br />
Zigaretten habe ich noch genug, aber ich will ihr nicht widersprechen. Älteren Damen widerspricht man nicht.<br />
„Ja, bitte.“ sage ich.<br />
„Hier bitteschön, der Herr. Das macht dann neun Euro fünfzig.“<br />
Ich hole mein Portemonnaie aus der Hosentasche, nehme einen neuen Zehner heraus und streiche ihn sorgfältig glatt, bevor ich ihn auf die Theke lege. Die Kasse klingelt.<br />
„So, hier sind fünfzig Cent zurück. Vielen Dank.“<br />
Draußen in der Vorhalle singt ein Straßenmusikant: „Johnny be good&#8230;“ und drischt auf seine Gitarre ein. Ich sehe mich in dem Kiosk um.<br />
„Ach, den Filzstift da, den hätte ich gerne auch noch“, sage ich.<br />
„Diesen hier?“<br />
„Nein, den dicken roten da hinten.“<br />
„Diesen?“<br />
„Ja, bitte.“<br />
„Dann sind das nochmal dreifünfzig, der Herr.“<br />
„Hier, bitteschön.“<br />
„Vielen Dank“, sagt die freundliche Dame, „ und einen schönen Abend noch.“<br />
Ich nehme meine Sachen und verlasse den Laden.<br />
„Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss“, geht es mir durch den Kopf. „Go Johnny, go!“<br />
Ich steige die altbekannten 68 Stufen zum Bahnsteig wieder hinauf.</p>
<p>„Nanu, kleiner Mann, du wolltest doch erst Morgen kommen?“<br />
Ich gehe auf das Plakat zu und greife in meine Jacke.<br />
„Was hast du da, Shorty? Was hast du vor?“<br />
Ich nehme die Leiter und steige zu ihm hinauf, jetzt sehe ich direkt in sein strahlend blaues Auge.<br />
„Was soll das werden, nimm die Leiter da weg“, sagt er.<br />
Ich nehme den Filzstift und male ihm eine große, runde, rote Nase.<br />
Sehr sorgfältig, dann steige ich runter und stelle die Leiter zurück.<br />
„Was hast du gemacht? Verdammt, ich kann es nicht sehen. Los du kleine Schwuchtel, rede!“<br />
Ein Lächeln zupft an meinen Mundwinkeln<br />
„Ich bin ein Mädchen“, sage ich,“und ich Pfeif` was drauf!“<br />
Tauben flattern durch die Halle.</p>
<p>Ich habe schon lange nicht mehr so gelacht&#8230;</p>
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