Columbo ist tot

von Janek Heinrich (copyright)

Da sehe ich doch letztens, das ist so ungefähr vierzehn Tage her, aus dem Küchenfenster von meinem Leuchtturm.
Es war noch ziemlich früh am Morgen – lass das so halb sechs gewesen sein , aber es war schönes Wetter und da steh ich dann immer ein bisschen früher auf.
Da sehe ich, unten auf dem Poller am Hafenbecken da sitzt einer.
Hein Wernersen – ist ‘n ganz alter Kumpel von mir, wir kennen uns ewig.
Der ist normalerweise für die Strandkörbe zuständig, im Sommer wenigstens.
Ist ein gestandener Bursche, ein Kerl wie ein Großmast, aber jetzt sitzt der da unten so rum, und das macht keinen guten Eindruck – ich kann nicht sagen warum, aber irgendwie…
Na, dann bin ich da mal zu ihm runter.
„Mensch Hein, moin“, sag ich.
„Moin, Janek.“
„Und wie isses, alles gut?“
„Alles Schietkram… irgendwas stimmt nich – ich komm den Deich nicht mehr runter.“
„Wie, du meinst ‘nicht mehr hoch’.“
„Nee nee, ich meine ‘runter’.“
„Wat?“
„Ja“, sagt er, „ich bin heute morgen… also ich bin den Deich rauf und das ging fast gar nicht. Na gut, denk ich, jetzt geht das bergab und dann wird das bestimmt leichter. Aber dann bin ich unten angekommen und fühl mich, als hätte ich einen tausend-Meter-Lauf hinter mir. Mir tat die Brust weh – alles war so eng da… ich hab Sorge, dass das vielleicht die Pumpe is.“
„Ach was“, sag ich, „die Pumpe. Das ist bestimmt nicht die Pumpe, nee, das is was anderes. Das sind verklemmte Blähungen oder so.“
„Tatsächlich?“
„Ja, so was gibt das. Das kannst du haben, da ist der ganze Bauch und alles so voller Luft, und das drückt denn so da hin und da so hoch. Und wenn du das nicht los werden kannst, denn hast du das Gefühl, die Pumpe macht bald schlapp.“
„Sag bloß.“
„Ja“, sag ich, „das Herz ist das nicht – da musst du mal zum Homöopathen hin, der gibt dir da was für.“
„Meinst du?“
„Ja, der Doktor… Sowieso, der is eigentlich kein richtigen Doktor, das is so ein Naturheilfritze, der weiß da was von. Du brauchst dir ja wegen so was nicht gleich die ganze Chemie da in den Kopp zu hauen.“
„Wenn Du das sagst“, sagt Wernersen, „denn versuch ich das doch mal.“

Der Wunderdoktor hat ihn mit ‘Iris-Diagnose’, oder wie das heißt, untersucht und hat ihn auch so überall befühlt und gemeint: „Herr Wernersen da ist alles verbläht und übersäuert. Ich gebe ihnen mal ein paar Tropfen. Dann wird das auch wieder.“
Da war Wernersen ganz fröhlich damit, ist doch klar.
So richtig überzeugt war er allerdings dann doch nicht. Einen Termin beim Hausarzt kann man ja trotzdem mal machen, hat er gedacht, das schadet ja nicht – obwohl… Eigentlich geht unsereins da ja gar nicht hin – ich auch nicht.
Die verschreiben einem doch nur all so einen pharmazeutischen Kram; das ist doch alles Gift. Da nimmst du eine Pille gegen Kopfweh und dann hast du nachher den Skorbut am Mors oder irgend so was – da braucht man nur mal die Packungsbeilage zu beachten.
Hein hat sich einen Termin geben lassen, für ‘ne Woche später.
Er wollte die Tropfen vom Homöopathen nehmen, und denn würde der Doktor da natürlich auch nichts finden. Weil das ja doch alles nur Blähungen sind.
Nun, dann wurde das durch die Tropfen auch ein bisschen besser, und er musste immer so aufstoßen, und das war gut – das klingt nicht vornehm, aber das hilft.

Am nächsten Mittwoch ist er dann zu dem Doktor hin, zu Dr. Kröger.
Der ist wohl ein ganz feiner Kerl, meine Frau geht da ja auch hin, aber Hein meinte der hatte einen Händedruck wie ein Messdiener – so schön zart und wabbelig.
„Da hat der Kröger ja auch schließlich lange für studiert“, hab ich gesagt.

Also Wernersen ist da hin, und dann hat der Doc ihn auch gleich ins Verhör genommen.
„Sie sind ein bisschen zu dick“, hat er gesagt.
„Ich bin doch nicht dick, ich bin kräftig.“
„Rauchen sie denn auch?“
„Jau, rauchen tu ich.“ ( Das war die falsche Antwort.)
„Wie viel?“
„Na, vielleicht so zwanzig Stück. Aber nur ganz dünne Selbstgedrehte.“
„Das ist gefährlich, so in Ihrem Alter…“
„Wieso, ich bin fuffzich.“
„Genau“, sagt der Doktor, „da geht das dann alles los – Risiko, Risiko… zu wenig Bewegung, zu gutes Essen – trinken Sie Alkohol?“
„Oh, Alkohol würde ich das jetzt nicht direkt nennen. Nicht in dem Sinne jedenfalls. Nicht viel und auch nicht regelmäßig.“ (Das war gelogen)
Dann hat der Doktor ihm Blut abgenommen, das konnte Hein ja nun gar nicht ab – das geht mir aber genauso.
Nicht etwa, dass ich da Angst vor hätte, aber wenn die da rein pieken und zapfen dir da das Blut da ab … nee, und vor allem nicht am frühen Morgen; und auf nüchtern Magen schon mal gar nicht.
Dann haben sie ihn an einen Apparat mit solchen Saugnäpfe angeklemmt – EKG heißt das, glaube ich; wieder so eine Abkürzung die keiner versteht. Damit kann man sehen, ob dein Herz auch richtig funktioniert.
Aber da war nichts.
Alles prima, sagt Wernersen, die Sprechstundenhilfe war auch zufrieden mit ihm. Und sie hatte einen sehr kleinen, schwarzen Schlüpfer an, den konnte man durch die weiße Hose sehen – das war wenigstens ein Lichtblick in dieser antiseptischen Stätte.
Ich sah aus, sagt Hein, als hätte mich irgend so ein Krake überfallen – als sie die Saugnäpfe denn wieder abgemacht hatten.
Dann musste er noch zum Ultraschall, aber da war auch alles beisammen da innen drin, und schwanger war er auch nicht.
Nur seine Brust war vollgeschmiert mit so einen Glibber, den man sonst extra beim Erotik – Versand bestellen muss. Da wollten sie ihm aber nichts von mitgeben.

„Gut“, hat der Doktor gesagt, „wir wollen trotzdem lieber nichts riskieren, und darum gehen sie mal nächste Woche noch zum Kardiologen.“
Ein Kardiologe, das ist ein ‘Pumpendoktor’ könnte man sagen.
Wernersen hat ‘ne Überweisung gekriegt und auch schon mal allerhand Medikamente gleich mit.
Ich sag: „Was is das denn alles?“
„Das soll ich jetzt alles hier einnehmen, ich weiß auch nicht – nehm ich ja sonst normalerweise gar nichts von, von dem Zeug …“
„Guck mal“ ,sag ich, „das hier is doch Ameisensäure, oder wie das heißt. Das ist so was wie Aspirin.“
„Ach“, sagt er, „denn is ja gut; denn krieg ich ja auch keine Kopfschmerzen vom Saufen mehr.“ Und grinst.
„Nö“, sag ich, „kannst du ruhig nehmen.“

Er hat immer schön seine Tropfen von dem Homöopathen und das Aspirin genommen und, wollen mal sagen, es ging ihm jetzt nicht wirklich gut; so richtig schlecht aber auch nicht. Zumindest im Halbschatten auf der Terrasse, da hatte er überhaupt keine Probleme.
Nun war eine Woche später den Termin beim Kardiologen, und da war ihm doch schon etwas mulmig. So ein Herzdoktor, da hat man ja noch nie was mit zu tun gehabt .
„Aber“, hat Hein gesagt, „weißt du, ich brauch da eigentlich ja gar keine Angst davor zu haben: Weil, die werden da ja nix finden. Der Kröger hat ja auch nichts gefunden mit sein EKG, und denn wird der andere auch nichts finden. Sind ja nur Blähungen.“
Genau, hab ich gesagt, das denke ich doch auch.
Am Mittwoch Morgen ist er dann um halb zehn da hin. Im Wartezimmer saßen nur alles alte Leute, so Grauköppe.
Gut, ein etwas jüngerer Kerl saß da auch, aber der war so fett, der wog wenigstens hundert-fünfzig Kilo und mehr – da war Wernersen doch erleichtert.
Weil, so alt ist er nicht und so dick ist er auch nicht – und da konnte ihn das alles auch gar nicht betreffen hier.
Die würden gar nichts finden, die Spezialisten.
So nach einer halben Stunde, er hatte die ‘Gala’ kaum ausgelesen, riefen sie ihn auf und er musste zum Doktor rein.
Der fing denn auch den gleichen Quatsch zu fragen an: „Rauchen Sie?… Was wiegen Sie?… Wie groß sind sie?“ – also eben den ganzen Blödsinn nochmal von vorne.
Als ob das irgendwas helfen würde, oder auch nicht.
Na ja, dann musste Hein wieder zum EKG, aber diesmal mit so einem Trimmdich-Fahrrad. Da ist er drauf, und die Sprechstundenhilfe kam dann auch wieder mit den Saugnäpfen an.
Da sollte er jetzt mal strampeln, aber das war kein Problem, das schaffte er so locker wie nur irgendwas, und die junge Dame guckte auch ganz zufrieden auf ihren Monitor. Dann wurde das auf einmal schwerer zu treten, einfach so.
Mensch, denkt Wernersen, komm Junge, das schaffst du – und er hat denn auch mal ‘n bisschen Gas gegeben.
„Moment“, meinte da die Schwester, „mal nicht so übertreiben hier.“
„Ach“, sagt Hein, „das is doch alles kein Problem hier, das schaffen wir doch mit links.“
Dann wurde das Ding wieder schwerer zu treten, ich meine, das war ja nun auch nicht fair.
Als das dann zum vierten mal schwieriger wurde, kriegte er das fast gar nicht mehr gedreht, und sein Herz fing ordentlich an zu wummern – aber das ist ja auch klar bei so einer Belastung.Wir sind solche Bergtouren hier doch gar nicht gewöhnt.
Dann durfte er aufhören und der Doktor kam an, und hat sich das angesehen, und meinte: „Da müssen wir Ihnen wohl mal Blut abnehmen.“
„Nee“, sagt Wernersen, „brauch ich nicht – das hab ich doch letzte Woche erst.“
Da ließ sich der Doktor aber nicht von überzeugen.
Dann durfte Hein sich wieder anziehen.
„Ja Herr Wernersen“, hat der Doktor gesagt, „hier ist der Befund. Da müssen wir was machen, das geht so nicht weiter. Hier, diesen Schein, den müssen Sie mal eben unterschreiben.“
„Wie“, sagt Wernersen, „PTCA,unterschreiben?“
„Mit Ihrem Herzen ist etwas nicht in Ordnung.“
„Was soll damit nicht in Ordnung sein?“
„Das wissen wir eben noch nicht, und darum müssen wir da mal nachsehen.“
„Nachsehehen?“
„Das ist alles nicht weiter wild. Da machen wir einfach einen kleinen Eingriff im Krankenhaus. Sind Sie allergisch gegen Kontrastmittel?“
Wernersen ist allergisch gegen alles, was auch nur im entferntesten mit Krankenhaus zu tun hat.
Der Doktor hatte dann auch schon gleich so einen Zettel parat und da allerhand drauf angekreuzt – Linksherzkatheter, irgendwas mit Konorar… fragmichnich, und denn was von wegen PTCA, und denn noch Stent-Implantation und Laevokardiodingens. Alles, das komplette Programm.
Hein wusste überhaupt nicht, was er davon halten sollte.
Gut, da waren so allerhand bunte Bilder für die Analphabeten drauf; so vom Herzen wie das so aussieht und wo das denn beim Menschen so sitzt – damit man das auch mal weiß…
Und auch so’n paar Querschnitte durch irgendwas; wahrscheinlich durch eine Ader.
Dann kam raus: Die wollten ihm da so einen Draht einführen! Unten von der Leistengegend bis oben zum Herzen hoch. Dahin wo der Dreck die Ader verstopft, und mit ein Ballon wollten sie das da aufblasen, und das sollte denn wohl die Arterie wieder gangbar machen. Und dann sollte da so ein Ding rein, wie ein Hohlraumdübel, damit das dann auch nicht gleich wieder dicht geht; und all so was.
Wernersen war da im Moment völlig überfordert .
„Da muss ich aber erst mal meine Frau nach fragen, was die denn da wohl zu sagt…“
„Ihre Frau fragen? Wenn sie erst mal tot sind, brauchen Sie nicht mehr zu fragen“, meinte da der Doktor. Ein sympathischer Mensch.
Ja, hat Hein da gesagt, denn wollte er sich wieder melden.
„Da brauchen Sie sich nicht wieder melden“, hat der Doktor gesagt, „entweder heute oder morgen.“
„Is das denn so eilig?“
„Ja, das ist so eilig, das muss jetzt passieren.“
„Ich ruf denn an“, hat Wernersen gesagt und fluchtartig den Raum verlassen. Da musste er raus, aus dem Schuppen – erst mal tief Luft holen, eine rauchen.
Er ist nach Hause und war natürlich fertig mit der Welt, kann man sich ja vorstellen. Ich hab ihn dann noch getroffen. Der war ganz blass, hat auch gar nicht viel gesagt.
Wir sind noch ein Bisschen gegangen; Sagt er: „ Weißt du Jan – ich glaub, das machen wir lieber nich, oder?“
Sag ich, ja… das weiß ich jetzt auch nich.
„Ach, ich ruf da an“, sagt er, „und sag das ab, das wird schon. Das is nur ein verklemmtes Bäuerchen, da nehm ich meine Tropfen und denn is gut. Die wollen einen doch nur Angst machen.“
Wenn du meinst, sag ich.

Hein hatte das schon fest beschlossen, da ruft sein Hausarzt ihn an und sagt: „Tja Herr Wernersen, da müssen sie dann ja wohl hin, der Kollege hat mich angerufen.“
Sagt Hein: „Das weiß ich jetzt aber nicht Herr Doktor, ich meine, ich hab noch nich mit meiner Frau gesprochen, wer die Kinder abholt und so. Ich werde mich aber darum kümmern, ganz bestimmt“, und hat dann auch tatsächlich bei dem Kardiologen angerufen.
„Hallo, hier is Hein Wernersen… ich wollte das nur mal eben absagen.“
Ist gut, sagt die Sprechstundenhilfe, dann wissen wir Bescheid – tschüss auch.
Zehn Minuten später ruft der Hausarzt wieder bei ihm an und macht Dampf, macht da richtig Ärger und meint: „Also Herr Wernersen, bei mir brauchen Sie nicht mehr vorbei kommen. Wenn sie übermorgen tot im Garten liegen – denn sind wir beide geschiedene Leute… wenn Sie nicht machen, was man Ihnen sagt.“
Das war ja nun starker Tobak
Gut, also hat Wernersen nochmal angerufen, bei dem anderen Arzt, und sagt: „Ich hab mir das anders überlegt, denn machen wir den Termin eben doch.“
Ja Herr Wernersen, hat die Sprechstundenhilfe gesagt, denn kommen sie man morgen früh, halb zehn, mit nüchternem Magen. Kein Kaffee und kein Tee und kein Nix und so.

Abends hat Hein das seiner Elfriede alles gebeichtet und gesagt: „Hier, pass’ auf, wenn ich morgen nich wieder komm, denn weißt du Bescheid. Ich hab mir das hier mal durchgelesen, so mit den Risiken und Nebenwirkungen – da kannst du so ziemlich alles von kriegen was du dir vorstellen kannst. Wenn ich demnächst im Rollstuhl sitz’ und bisschen blöde aus der Wäsche gucke, dann darfst du dich nich wundern. Dann haben die da Mist gebaut, aber das geht in Ordnung – da hab ich für unterschrieben.“
In dieser Nacht hat Hein gar nicht gut geschlafen. Hat geträumt von langen, gebogenen Drähten, von dicken Schläuchen die vorne so kleine Zähne hatten und die sie ihm überall einführen wollten.Von langen Nadeln und von lüsternen Krankenschwestern, die immer unter sein Nachthemd gepeilt haben – all so was eben.

„Am nächsten Morgen hab ich mein Köfferchen gepackt“, hat Wernersen mir später erzählt, „ noch eben die Kinder zur Schule gebracht, und dann bin ich Richtung Krankenhaus.
Da hab ich auch dummerweise gleich einen Parkplatz gefunden, sonst hätte ich ja noch mal wieder weg fahren können…
Ich bin die Freitreppe rauf zum Eingang hin, und da saß so ein junges Mädel auf einer Bank – und die arme Deern hat geheult wie ein Schlosshund. So was um halb zehn, das war ja schon mal ein schlechtes Omen. Ich meine, ich bin nich abergläubisch, aber ein schlechtes Omen erkenn’ ich trotzdem.
Oben neben dem Haupteingang is die ‘Arme-Sünder-Ecke’, da sitzen die ganzen traurigen Gestalten die sich das Rauchen noch immer nicht abgewöhnt haben.

„Sie brauchen sich nicht anzumelden“, hatte der Kardiologe gesagt, „Sie fahren einfach mit dem Fahrstuhl hoch in den neunten Stock, die wissen da schon Bescheid.“
Also bin ich da hoch gefahren und hab’ geklingelt, und die haben mich da auch gleich rein gelassen. Ich hab meine Papiere vorgezeigt und sollte denn wieder so einen Wisch unterschreiben. Von wegen, dass da wieder keiner an Schuld is, wenn vielleicht doch was schief gehen würde, und so weiter. Das würde ich denen dann auch nicht übel nehmen dürfen, weil das wäre dann ja ‘Künstlerpech’ oder ein ‘künstlerischer Fehler’ oder wie man im Fachjargon dazu sagt.
Dann hat mich eine von den Schwester in ein Krankenzimmer geführt, da standen vier Betten rum, und da waren drei von belegt mit drei alte Kerle.
„Ja“, hat die Schwester gesagt, „dann ziehen Sie sich mal ganz aus, und hier, dieses Hemd, das streifen Sie denn mal über. Ich bin gleich wieder da.“
Das war mir ja doch etwas peinlich.
„Wie, alles ausziehen?“
Ja, haben die anderen Mackers gesagt, alles ausziehen. Nur die Socken darfst du anbehalten.
„Stehen die Weiber hier auf so was, oder wie?“
Da mussten die Burschen ja alle mal Lachen – nur der eine nich, der war noch nicht dran gewesen.
Die andern beiden waren schon durch mit der Untersuchung, und die waren auch ganz fröhlich und erzählten sich was vom Krieg und so – dass der eine bei der Waffen SS damals nich genommen worden war, aber dann doch zur Marine gekommen ist; was ja auch viel besser war. Dann kamen sie auf Afghanistan, und dass das alles da gar kein anständiger Krieg is, und so, und denn auf schwule Politiker, und dass es so was früher nich gegeben hat – da konnte man von Adolf halten was man wollte. Was man sich eben alles so erzählt.
Ich hab mich denn ja auch ausgezogen, und das komische Hemdchen an.
Nee, meinten da die anderen, den Schlitz musst du nach hinten machen, vorne soll das zu. So ein Blödsinn, warum war das hinten offen, da brauchte doch keiner dran.
Das Ding war auch viel zu eng und ein bisschen kurz – ich meine, wer läuft denn schon so rum?
Erst wollte ich ‘n bisschen schummeln und die Unterbüx anbehalten, denn kam aber die Schwester und sagt, nee nee, das muss auch aus da.
Da konnte ich ja nu nichts gegen machen, und hab mich in das freie Bett gelegt.
Dann kam die junge Dame an und hatte einen Rasierapparat dabei. Damit hat sie mir erst mal die Bikinizone rasiert, so was is mir ja noch nie untergekommen.
Ich meine, die war zum Glück nich so wirklich hübsch, sonst hätte das ja man erst richtig peinlich werden können…
Dann wollte sie mir eine Kanüle legen, und meinte, ja – die Adern wären ja auch nicht so richtig gut.
„Wat?“ sag ich, „die Adern die sind prima, die sind noch wie neu. Wenn die mir sonst ‘ne Spritze geben, denn finden die immer sofort eine.“
„Da muss man ja auch immer nur so ein klein bisschen rein“, sagt sie, „aber wir müssen hier ja viel tiefer.“ Dann hat sie mir denn die Nadel gezeigt, und die war bestimmt so lang wie mein Daumen. Mir wurde ein bisschen blümerant, kannst du dir ja wohl vorstellen. Sie hat dann den anderen Arm genommen, weil der eine schon blau wurde, und da einen Anschluss gelegt.
Der Opa neben mir war an der Reihe und wurde raus gefahren, war ‘n bisschen blass der Gute, und hat gesagt: „Wenn ich da heil wieder raus komme, kauf ich mir einen BMW.“ Und ich konnte mir denn erst mal eine halbe Stunde die Decke angucken. Dann brachten sie den Opa wieder und der war erstaunlich gut zu Wege, bei dem war wohl nichts schief gegangen. Aber sie sagen ja auch immer, einer von zehn is dran – weißt du wie viele vor dir waren? Nee, das weißt du nicht.
Dann haben die Schwestern mich da raus gefahren, das war wie im Kino; du liegst platt auf dem Rücken und über dir fährt die Zimmerdecke vorbei. Erst kam eine Leuchtstoffröhre, dann ein Rauchmelder, dann ein Ventilator und wieder eine Leuchtstoffröhre, und so weiter. Dann waren wir beim OP angekommen und die sind da mit einigem Schwung um die Kurve gefahren und fanden das lustig – hatten ja auch keinen Grund bedrückt zu sein.
In dem OP-Saal waren so riesige Apparate aufgebaut, ein paar große Bildschirme und hinter einer Glaswand war wohl die Kommandobrücke, da saßen denn die Ärzte. Dann haben die Schwestern mich ganz ausgezogen – das war dann nicht nur peinlich, dann war das auch noch kalt.
„Herr Wernersen“, sagt eine von den Schwestern, „ Sie sind ja wohl auch ganz schön aufgeregt, ich könnte ihnen da so ein kleines Beruhigungsmittel geben – wenn Sie wollen.“
„Also, wenn das wieder mit ‘ner Spritze zu tun hat“, sag ich, „dann mal lieber nich, dann halten wir das auch so aus. Von wegen: Matrosenherz kennt keine Feigheit…“
„Nee“, sagt die, „Sie haben die Kanüle da ja schon liegen, da können wir Ihnen das einfach so verabreichen.“
Gut, sag ich, denn gib mal ruhig ein Schluck davon, kann ja nicht schaden.
Ich meine, vielleicht war so was ja ganz angenehm. War das auch.
War ein gutes Zeug, muss ich schon sagen, da machte sich bei mir gleich so eine „leck mich am Arsch-Stimmung“ breit. So was müsste man zu Hause haben, wenn die Liebste mal wieder schlechte Laune hat.
Dann kam der Doktor in voller Maskerade, so mit Mundschutz und dicker Brille und hat angefangen da rumzustochern – da hat man aber nichts von gemerkt.
Auf dem Monitor konnte ich richtig das Herz sehen, und im Hintergrund auch die Wirbelsäule, das war interessant. Denn haben sie da immer das Kontrastmittel rein gespritzt und dann hast du das richtig gesehen, wie die olle Pumpe denn pumpt, und die dicken Adern da, wie das alles so arbeitet. Wenn man das Beruhigungsmittel intus hat, kannst du da ganz entspann zusehen. Man sah auch den Draht da rein gehen, und wie der Doktor mit dem Ballon das alles wieder geweitet hat. Denn haben sie diesen Spreizdübel da eingeführt, damit alles auch wieder schön läuft und denn war das damit auch schon erledigt.
Nur noch ein bisschen Blut abwischen, dann haben sie mich zurück in das Zimmer gefahren.
Die anderen Jungs hatten sich schon wieder angezogen – die konnten am gleichen Tag noch nach Hause. Sie sollten nur noch etwas im Zimmer auf und ab gehen um zu sehen, ob das da unten nicht auch wieder aufplatzt. Das kann passieren, und dann ist es natürlich besser, wenn die Schweinerei im Krankenhaus und nicht im Bus passiert – weil, da kann man ja besser aufwischen wegen dem Linoleum und so.
Mich wollten sie da behalten.
Ja, sagte die Schwester, Sie gehen bis morgen auf Station. Sie haben ja den Stent bekommen.
Das fand ich ja nun gar nicht witzig; die ganze Nacht noch im Krankenhaus bleiben – da rumhängen, und auch noch da pennen und so.
Inzwischen hatten sie noch zwei neue Kandidaten gebracht.
Der eine erzählte, er hätte jetzt schon den zweiten Herzinfarkt hinter sich, und den Katheterkram den kennt er schon. Aber er fand das alles gar nicht so schlimm, dann kam er wenigstens mal von zu Hause raus. Seine Frau hatte vor zehn Jahren Hirn-bluten gehabt, und ist seit dem gar nicht mehr ansprechbar, die liegt da nur noch rum und weiß nichts mehr. Er muss sie pflegen, und die Kinder würden sich da auch nicht drum kümmern – da wäre das hier doch mal eine ganz schöne Abwechslung, so im Krankenhaus. Dann nimmt der seine Wasserflasche und ich sehe, dass der Kerl an der rechten Hand nur noch einen Daumen hat – die Finger alle ab. Der hatte wohl auch mal Tischler gelernt.
Der andere hatte so eine große Tätowierung auf der Schulter, ich weiß jetzt nicht wie man so was nennt – war nichts schickes oder so. Mehr so ein Schnörkelkram, so ein „Tribal“; irgendwie barock, wie von Omas Schrankwand abgekupfert. Ansonsten sah der ein bisschen nach Bodybuilder aus, obwohl der auch eigentlich ein alter Sack war. Ganz sportlich und gut in Form, aber siehste ja, hat ihm auch nichts genützt.
Mit dem kam ich dann auch aufs gleiche Zimmer. Hans hieß der, war ein netter Kerl. Da oben auf unserem Zimmer, da war einer, der wohnte da.
Der hatte so eine tiefe und angenehme Stimme, aber das kam von der Kanüle; wo andere Leute einen Kehlkopf haben, da hatte der ein Loch. Es stellte sich raus, der hatte Krebs, und sie hatten ihm schon alles weg genommen, was da weg zu nehmen war.
Ja, sagte der, als nächstes werden die wohl den ganzen Kopf amputieren, wenn da noch mehr Krebs kommt. Er ging nur ab und zu nach Hause um frische Wäsche zu holen, weil Familie hatte er nicht.
Ab nächste Woche kriege ich Bestrahlung, hat er gesagt, und wenn das alles auch nicht hilft, dann kauf ich mir ne Schachtel Kippen und ne Pulle Schnaps und dann gehe ich Aale fangen.

Ich konnte nicht so richtig schlafen, ich meine, ich gehe ja noch nicht mal in ein Hotel oder eine Pension – und denn hier mit zwei fremde Kerle auf einer Bude.
Ich hab mich dann mal runter geschlichen in die Raucherabteilung, da unten neben dem Haupteingang. Das durfte der Oberarzt ja auch nicht sehen – obwohl eigentlich kann dem das doch ganz egal sein. Ich meine, was regen die sich auf – wenn es keine Raucher gäbe, dann würden die ihre komischen Kanülen und Implantate doch gar nicht los werden. Dann würden die doch mit einem Fiesta fahren, oder einem alten Golf; die verdienen doch ein Schweine Geld damit, dass andere Leute krank sind.
Musst du nur mal in die Tiefgarage vom Krankenhaus gehen und gucken was da so alles rum steh – denn weißt du aber Bescheid.
Da unten saßen sie denn, die ganzen armen Mädels und Jungs – das ist denn ja auch schon richtig heftig, wenn du die siehst. Arme ab, Beine ab, keine Haare und solche Beutel hängen da an der Seite raus, und alles…
Da kommt man sich richtig lächerlich vor, mit dem kleinen Draht, den man da an der Pumpe hat. Da gibt es ja ganz andere Fälle – und die saßen da ja auch, die „anderen Fälle“. Nur schmöken taten die alle noch, ganz egal ob Krebs oder Herzinfarkt, oder was weiß ich. Dann fing das an zu regnen, und denn saßen die armen Burschen in der Nässe rum. Könnte man denen nicht mal ein etwas angenehmeres Plätzchen machen? Sterben doch sowieso alle demnächst.
Am nächsten Morgen haben sie uns dann um halb sieben geweckt, was ja auch eigentlich ein ziemlicher Unsinn ist, weil man sich doch erholen soll.
Dann bekam jeder eine Scheibe Graubrot und ein Brötchen, bisschen Butter und Marmelade – aber egal, der Kaffee war gut, und ich wollte nach Hause.
Es kam mir vor, als ob ich wenigstens acht Wochen da gewesen wäre.
So gegen neun musste ich runter in die andere Abteilung und da haben sie mir den Druckverband abgemacht. Da war ich froh, denn das Ding hatte sich wie ein Ziegelstein angefühlt, konnte man kaum mit laufen.
Die Schwester hat ein normales Pflaster aufgeklebt und gesagt, wenn das wieder anfängt zu bluten, dann müssen sie sofort den Krankenwagen anrufen.
Dann durfte ich raus.
Als ich zu Hause angekommen bin, war da keiner. Die Frau auf der Arbeit, die Kinder in der Schule – keine Blumen, kein Empfangskomitee.
Aber ich war noch immer da, damit hatte ich nicht gerechnet.“

Zwei Tage später saßen Hein und ich auf der Bank oben auf dem Deich und sahen uns den Sonnenuntergang an.
„Wusstest du, dass Columbo gestorben ist“, sag ich.
„Nee“, sagt Wernersen, „wie alt ist er denn geworden?“
„Ich weiß nicht genau, aber ein ganzes Stück über achtzig.“
„Der hat doch auch geraucht, oder?“
„Ja, hat er.“
„Siehst du“, sagt Wernersen, „hab ich doch gewusst, dass das da dran nicht liegen kann.

Ein Tunnel nach Amerika

von Janek Heinrich (copyright)

„Seht mal, da drüben“, Tante Gertrud streckte den Arm aus, und ihr kräftiger Zeigefinger deutete über das Meer. „Da hinten, da ist die Ostzone. Da wohnen die… Kommunisten.“ Sie verzog den Mund, als ob sie auf eine faule Miesmuschel gebissen hätte.
Wolli und ich kniffen die Augen zusammen und versuchten etwas zu erkennen, was uns aber nicht gelang.
Wir nickten trotzdem.
„Sind die Kommunisten gefährlich, Tante Gerda?“
Sie beugte sich zu mir herunter. „Oh ja, Janek. Die vergewaltigen Frauen, brennen Häuser nieder und stehlen Wasserhähne. Aber ihr braucht keine Angst zu haben, sie dürfen hier nicht rüber. Die werden sofort erschossen, wenn sie es versuchen.“
„Erschossen? Von uns?“
Sie richtete sich wieder auf, und ihr Schatten breitete eine angenehme Kühle über uns.
„Die erschießen sich gegenseitig.“
Wolli und ich sahen uns an. 
Mit unseren sechs Jahren hatten wir keine Ahnung wovon sie sprach, aber wir waren tief beeindruckt, dass wir in einer so abenteuerlichen Gegend Urlaub machen durften.

Es war im Sommer 1966 und wir waren in Scharbeutz an der Ostsee.
Meine Tante Gertrud, Wolli, der eigentlich Wolfgang hieß, und ich.
Wolli trug eine Kassenbrille, die ihn leicht bescheuert aussehen ließ, und er lebte in Tante Gertruds Kinderheim. Sie war da nur angestellt, aber dass es „ihr“ Kinderheim war, daran hätte niemand zu zweifeln gewagt. 
Sie hatte 15 Kinder in ihrer Obhut, wenigstens zwei (einfache) Erzieherinnen unter sich, und ihr Haar zu einem festen Knoten gebunden.

Wolli war mit drei Jahren vom Jugendamt bei Tante Gertrud einquartiert worden, und im Laufe der Zeit hatte er sich einen besonderen Platz vor dem Fernseher und in ihrem Herzen erkämpft. Darum durfte er auch mit ihr in den Urlaub. 
Mich hatte sie mitgenommen, weil meine Eltern gerade erst ein altes Haus gekauft hatten und jetzt, nach Papas erstem Herzinfarkt, jede Mark zwei mal umdrehen mussten.

In Scharbeutz gab es die Promenade mit ein paar Andenkenbuden und Restaurants. Ein Kino, dass „Tarzan“ mit Johnny Weissmüller zeigte, einige Pensionen und den weißen Steg, der bis heute in die Ostsee ragt.

Wolli und ich bauten enorme Sandburgen, und waren schon nach wenigen Tagen von all den anderen braungebrannten Strandjungs mit strohblonden Haaren nicht mehr zu unterscheiden. 
Wir hatten Freischwimmer-Abzeichen an den Badehosen, der Hosenbund reichte uns hoch über den Nabel und durch die Hosenbeine pfiff der Wind. 
Tante Gerda bewohnte mit Kopftuch, Sonnenbrille und Sommerkleid den Strandkorb. Im Badeanzug habe ich sie leider nie gesehen. 
Sie las anspruchsvolle Boulevardblätter oder döste dem nächsten Milchreis entgegen, während wir Löcher buddelten, die fast bis nach Amerika reichten. 
Wir zerquetschten glibberige Ohrenquallen mit unseren nackten Füßen und hatten Sorge, dass uns eine von ihren berüchtigten Verwandten beim Baden erwischen könnte. „Feuerquallen werden manchmal so groß wie LKW Reifen, und sie mögen blonde Jungen“, hatte uns ein freundlicher Eisverkäufer erklärt.
Eines Tages schlummerte die Tante in ihrem Strandkorb, und ich verwandelte mich in ‘rote Feder’, einen mutigen Strandindianer, der sich unbemerkt anschlich und ihre Sandalen „ausborgte“. 
Ich musste herausfinden, ob das Schuhwerk nicht nur über, sondern auch unter Wasser zu gebrauchen war. Es funktionierte tadellos.
Die Sandalen waren mir zu groß, aber man konnte damit trotzdem prima durchs Wasser waten, und der Sand kitzelte meine Zehen.
Wolli schaute überrascht, sagte aber nichts.
Ich war über meinen gelungenen Versuch hellauf begeistert.
„Tante Gerda“, rief ich. „Hallo, Tante Gerda! Sieh mal, ich hab
Taucherschuhe.“ Wollis Augen wurden groß wie Kamm-Muscheln.
Die Tante schaute auf. 
Sie sah sich auf dem Boden um, stemmte sich dann mit Schwung aus dem Strandkorb hoch und stapfte entschlossen auf uns zu. Wolli verkroch sich in unserer Baustelle.

Der Held des Tages, stand bis zu den Knöcheln im Wasser und sah ihr in freudiger Erwartung entgegen. „Sieh mal Tante, richtige Taucher…“ „KLATSCH!“ 
Die Ohrfeige traf mit einiger Wucht meine linke Wange. Unerwartet, unverdient und schmerzhaft.
„Du spinnst ja wohl,“ sagte sie und fischte meine Erfindung aus dem Wasser. Ohne ein weiteres Wort drehte sie sich um und stampfte mit geschürzten Röcken zurück in Richtung Strandkorb.
Wolli tauchte wie ein Maulwurf aus seiner Kuhle auf.
Ich hielt mir die heiße Backe, aber heulen tat ich nicht.
Er sah mich halb mitfühlend, halb spöttisch von der Seite an.
„Du solltest eigentlich wissen, dass man dem Lieben Gott nicht die Sandalen klaut,“ sagte sein Blick.
Ich nahm meine Schaufel und machte mich wieder an an die Arbeit.
„Unser Tunnel muss fertig werden“, sagte ich, „vielleicht kommen die Kommunisten ja doch hier rüber, dann können wir abhauen.“
„Meinst du echt, die kommen?“
„Ist alles möglich.“
„Der Tunnel ist ganz schön eng, die Tante wird da nicht durchpassen“, sagte Wolli.
Ich sah ihn an und zuckte mit den Schultern.
Wolli lächelte.

Mittags am Golf von Mexico – Eine Sommergeschichte

von Janek Heinrich (copyright)

„iiiiiiiihhh!! Mama, ein Hai!“ der Schrei des Mädchens hätte eine Fensterscheibe zum bersten bringen können, wenn es hier am Strand von Anna Maria Island ein Haus mit Fensterscheiben gegeben hätte.
Natürlich ein „Hai“, dachte Heidi, Heringshai, als sie vorüber schwamm – was denn sonst?
„Mama Hilfe! Mama, Mama…“ das Mädchen versuchte aus dem Wasser zu flüchten, aber obwohl sie einen gewaltigen Wirbel machte, kam sie kaum vorwärts.
„…Mama, er will mich fressen.“
So ein Quatsch, dachte Heidi. Hast du mal auf die Größe meiner Rückenflosse geachtet? Ich bin gerade mal einsfünfundzwanzig lang und wiege kaum dreißig Pfund.
„Er kommt, Mama er kommt. Er frisst mich Mama, er frisst mich auf!“

Wie sollte ich dich wohl auffressen, mit diesen Zähnen? Ich müsste dich lutschen, du blöde Göre. Hör schon auf zu schreien, ich bin nicht der Große Weiße aus dem Kino…
Zwei dicke , bleiche Baumstämme tauchten mit Wucht rechts und links von Heidi ins Wasser.
…und ich fresse keine…AUA! Etwas hatte Heidi mit Wucht am Rücken getroffen und ihre Schwanzflosse wurde gefühllos. Es musste ein Riese sein, der da seine Keule schwang.
„Du Satansbraten! Du willst mein Töchterchen erschrecken?“
Patsch!
„Du blöder Haifisch , Du!“
Watsch!
„Dich werd ich Mores lehren, du mistige Makrele.“
Pusch!
Wie Wasserbomben donnerten die Einschläge um Heidi herum.
„So was machst du nicht mit Edwina Thompson. Und schon gar nicht mit ihrer süßen Petronella.“
Batsch!
Heidi hatte sich bis zu diesem Moment immer für ein besonders flinkes Exemplar ihrer Gattung gehalten, aber sie vermochte es nicht den Schlägen auszuweichen.
Nur ihre empfindliche Nase schützte sie, indem sie den Kopf genau zwischen den Baumstämmen hielt, hierhin fuhr die Keule des Riesen nicht.
Das Wasser um sie herum kochte, brodelte und ihr Angreifer wirbelte so viel Sand auf, dass man die Flosse vor Augen nicht mehr sah.
Auch Edwina konnte nichts mehr erkennen, aber sie wusste, der Fisch war noch da.
Da, genau zwischen ihren Füßen. Sie war außer Atem, aber noch lange nicht am Ende. Konzentriert wie ein Kendo Kämpfer nahm sie den Sonnenschirm und drehte ihn, bis seine Spitze senkrecht nach unten zeigte.
Heidi verhielt sich ganz still, ihr war schwindelig. Die weißen Bäume rechts und links von ihr waren nur verschwommene helle Schatten. Sie sah genauer hin. Da waren blaue und lila Wülste zu erkennen, sie sahen fast aus wie Adern. Adern?
Das sind keine Bäume, dachte Heidi, das sind Beine!
„Ich habe drei Mistkerle von Männern unter die Erde gebracht, und die waren schlimmer als du“, flüsterte Edwina, „und heute Abend“, sie erhob den Schirm zum tödlichen Stoß, “ heute Abend gibt es gegrillten Hai mit KartoffelsalAAAHHH!“
Heidi hatte ihre Zähne in den linken „Baum“ geschlagen.
„Au Verdammt, er hat mich gebissen!“
Heidis Zähne steckten in einer wunderbar weichen, weißen Masse. Keine Knochen, keine Knorpel, keine Sehnen, kein Widerstand – es war ekelhaft.
Edwina riss die Arme in die Höhe, und der Sonnenschirm landete einige Meter weiter in der türkisblauen See. Die Wut über ihre viel zu kleinen Zähne ließen Heidi ihre eigentlich friedliche Gesinnung vergessen – sie setzte nach.
„Ah, du elende Mißgeburt“, fluchte Edwina,“ Petronella hilf mir! Hol den Schirm – schnell.“
Das Mädchen stand am Ufer und rührte sich nicht.
„Petronella, hol den verdammten Schirm. Hörst du !“
Mrs. Thompson hob ihr massiges Bein mitsamt dem Hai aus dem Wasser. Sie wollte das Untier abschütteln, aber Heidi hatte sich an ihr fest gebissen, wie ein Terrier an einem Postboten.
Edwina griff nach Heidis Schwanz.
„Petronella, du unnützes Balg. Ich prügel dich windelweich, wenn du nich sofort herkommst und mir hilfst.“
Das Mädchen bewegte sich nicht.
Heidi hatte eine dicke hellblaue Vene ins Visier genommen. Sie löste ihren Kiefer für einen Moment und schnappte dann mit aller Kraft erneut zu. Ihr Mund füllte sich mit süßem Menschenblut – das war doch schon sehr viel besser.
Mrs. Thompson verlor den Halt und stürzte, wie in Zeitlupe, rückwärts. Ihr mächtiger Hintern teilte die Fluten des Golfes, der sich das allerdings nicht lange gefallen ließ und wieder über ihr zusammen schlug. Edwina schluckte Wasser und verlor ihre Badekappe, aber Heidis Schwanz ließ sie nicht los.
Heidi wand und drehte sich während sich ihre Zähne immer tiefer in den Unterschenkel gruben.
Edwina änderte ihre Strategie. Sie umklammerte den Fischschwanz jetzt nur noch mit der linken Hand, mit der Rechten hämmerte sie auf Heidis Schädel ein.
Heidi hielt fest, und die Wunde an Edwinas Bein wurde größer.
Rote Wolken waberten durchs Wasser. Mrs. Thompson sah das Blut und wurde panisch.
„Petronella! Petronella beweg dich endlich und hilf mir“, rief sie.
Das Mädchen ließ die Schultern sinken und blickte zu Boden.
Ein Mann mit gestreifter Badekappe, krummen Beinen und Nickelbrille war herzu gekommen und stand nur wenige Meter von Petronella entfernt.
Er hatte die Hände hinter dem Rücken verschränkt, den Oberkörper nach vorn gebeugt und blinzelte kurzsichtig in Richtung des Getümmels.
Er wirkte in seiner altmodischen Badehose nicht wie ein Life Guard aus dem Fernsehen, aber Mrs. Thompson hatte keine Wahl.
„He Sie, Sir. Dann helfen sie mir doch bitte mit diesem Mistvieh.“
Sie donnerte eine Rechte aus Heidis Kopf.
Der Mann deutete auf seine kaum behaarte Brust. „Wer, Ich?“
„Natürlich Sie, wer denn sonst? Meine verblödete Tochter rührt sich nicht, und die Jungs von Baywatch sind im Urlaub. Also los Mann, helfen sie mir raus.“
Der Mann scharrte mit den Füßen im Sand und schüttelte den Kopf.
„Ich kann nicht Ma’am, da is ein Hai.“
„Ach, was sie nicht sagen. Da wäre ich alleine ja nie drauf gekommen. Was glauben sie, wer mich hier gerade in die Wade beißt.“
Der Mann sah auf seine Füße und schüttelte noch einmal den Kopf.
„Den meine ich nicht“, sagte er.

„Heidi, Heidi“; sagte Torres Tigerhai und seufzte, „das hätte ich nicht von dir gedacht. Sieh dir bloß mal an, was für eine Schweinerei du hier veranstaltet hast.“
Heidis Kopf dröhnte von den Fausthieben, die sie hatte einstecken müssen.
„Halt`s Maul, Torres“, sagte sie.
Torres sog etwas Wasser durch seine Zahnlücken um die Speisereste zu entfernen.
„Nee nee, alles voll mit ihrem fettigen Blut, und überall schwimmen noch Reste von der Dame herum. Gönn dir was, Mädchen. Einen halben Unterarm habe ich dir noch übrig gelassen.“
„Torres, halt`s Maul.“
„Ihr hässlicher Schädel dümpelt da auch noch irgendwo rum, aber den können sich von mir aus die Aale teilen“, Torres rülpste, „Mann, is mir schlecht.“
Einer von Edwinas dicken Fingern trieb langsam an Heidi vorbei. Sie schnappte danach – er schmeckte nach Sonnencreme.
„Guck mal Heidi, der Alte mit den krummen Beinen. Der ist ganz grün im Gesicht, ich wette zwei zu eins, der macht gleich ein zähflüssiges Bäuerchen. …Siehste, ich hatte recht.“ Torres grinste, „ Bloß gut, dass die Kleine uns nicht in die Quere gekommen ist. Nur Haut und spitze Knochen, da kann man sich übel dran verschlucken, sag ich dir. Ein Vetter von meiner Mutter…“
„Sieh mal Torres“, sagte Heidi.

Petronella, die Tochter der kürzlich verschiedenen Mrs. Thompson, stakste schlafwandlerisch auf das Wasser zu. Bis zu den Knien watete sie in die rötliche Brühe hinein. Sie fischte etwas heraus, das die Größe eines Handballes hatte und von ähnlich bleicher Farbe war.
Die beiden Haie schwammen näher heran, sie waren neugierig.
„Oh hallo Mrs. Thompson“, sagte das Mädchen, „sie sehen heute aber gar nicht gut aus. Was ist ihnen denn bloß widerfahren – sind sie schwimmen gewesen und eine Schiffsschraube hat sie erwischt? Nein?“ Das Mädchen schmunzelte. „Ach so, ein Hai hat sie ins Bein gezwickt. Ein kleiner böser Babyhai“, sie schürzte die Lippen als ob sie zu einem Kleinkind spräche, „Oh, dieses böse, böse Tier. Und Ihre Tochter? Diese nichtsnützige, stumpfsinnige, unbegabte und vor Blödheit stinkende Petronella hat ihnen nicht geholfen? Nein? Sie hat einfach nur da gestanden und keinen Finger gerührt?“ Petronella schüttelte den Kopf, „Nein, das ist wirklich keine Art mit der eigenen Mutter umzugehen. Aber Mrs. Thompson, eigentlich sind sie selbst daran schuld. Wer seine Kinder nicht richtig erzieht, wer zu freundlich und zu milde ist, der darf sich nicht wundern. Das haben sie jetzt von ihrem guten Herzen.“ Das Mädchen seufzte, „ Ach Mrs. Thompson, sie hätten sie öfter schlagen müssen. Mit der Zeitung oder dem Pantoffel auf den Rücken, damit man es nicht sieht. Sie hätten auch viel früher damit anfangen müssen – nicht erst mit drei Jahren.
Und der Kleiderschrank? Viel zu harmlos. Der dunkle Keller hätte es sein müssen, mit dem Hinweis darauf, nicht auf die Spinnen zu treten.“ Petronella zuckte mit den Schultern. „Sie waren zu unentschlossen Mrs. Thompson, ja, ja. In der Kindheit und später in der Jugend erst recht. Sie hätten Petronellas Willen, ihren Stolz und ihr freches Selbstbewusstsein viel früher brechen müssen – nicht erst mit zehn. Sie einfach nur anzuschreien war nicht genug.“ Das Mädchen ließ die Arme sinken und ihr Blick schweifte in die Ferne. Der Schädel tauchte bis zur Hälfte ins Wasser, aber sie hielt ihn an den Haaren fest, damit er nicht fort schwamm.
Heidi verfolgte Petronellas Monolog mit gebannter Spannung, Torres dagegen verdrehte nur gelangweilt die Augen und beschäftigte sich lieber mit seinem Sodbrennen.
Spielerisch zog das Mädchen den Kopf ihrer Mutter aus dem Wasser und ließ ihn dann wieder fast versinken.
„Nein, Mrs. Thompson“, sagte sie, „Sie haben ihre Möglichkeiten an diesem Kind vertan. Und später, in Petronellas Pubertät? Da wäre die Gelegenheit gewesen das Steuer noch einmal herum zu reißen. Sie hätten ihre Tochter viel öfter lächerlich machen müssen, vor allem in Gegenwart Fremder. Aufhänger gab es doch genug. Warum haben sie so selten eine Bemerkung über Petronellas „Silberblick“ gemacht, ihre starke Körperbehaarung bemerkt, oder davon gesprochen wie angenehm ihre Tochter vor der Pubertät gerochen hat? Sicher, sie haben oft für Erheiterung der Gesellschaft gesorgt, wenn sie den „Stacheldraht“ in Petronellas Mund erwähnten, aber war das genug? Nein, Mrs. Thompson, das war es nicht.“
Petronella zog den Kopf ihrer Mutter sanft, ja fast zärtlich an den Haaren durch die Wellen. Das Wasser wurde klarer, das Blut schien ausgewaschen zu sein.
Mit einem Ruck zerrte sie an den Haaren und Edwinas Gesicht tauchte auf.
„Sie haben ihre Chance vertan“ sagte Petronella, „das Schicksal hat ihnen so viele Möglichkeiten gegeben, aber selbst als dieses unnütze Kind nur noch stammelnd und mit heißen Händen durch die Welt ging, haben sie nicht zugeschlagen, den Sack nicht zu gemacht.“ Petronella schnellte unvermittelt hoch und riss Edwinas Kopf an den Haaren aus dem Wasser. Sie schleuderte das bleiche Ding wie ein Hammerwerfer herum und brüllte: „Du hast versagt Mrs. Thompson! Du hast versagt Edwina! Du hast versagt Mutter!“
Bei der letzten Silbe ließ sie los und Edwinas bleicher Schädel flog weit in die Dünung hinaus.
Torres stieß einen anerkennenden Pfiff aus: „ Nicht schlecht Mädchen. Langweiliges Gequatsche, aber ein guter Wurf.“
Petronella sah zu ihm hinüber.
„Bist du das gewesen, hast du meine geliebte Mutter gefressen ?“
„Äh, ja… ich meine“, sagte Torres, „ …ich würde das nicht „gefressen“ nennen, ich habe sie …nur einmal probiert.Genau, eigentlich nur probiert, habe ich sie.“
Das Mädchen stemmte die Hände in die Hüfte, dann legte sie den den Kopf zur Seite und betrachtete den Tigerhai.
„Selber schuld“, sagte sie.

Hubert

von Janek Heinrich (copyright)

Hubert klingelte zweimal.
Er hatte Schlüssel zu ihrer Wohnung, aber er wollte niemanden erschrecken.
Keine Antwort. 
Auf dem Klingelschild fehlte ihr Name, aber das war egal. 
Hubert hatte schöne braune Brötchen geholt, so, wie Mama sie gern hatte.
„Die Blassen sind für Leute, die keine Zähne mehr haben“, sagte sie immer. Mama hatte ihre Zähne seit fünfundachtzig Jahren. 
Fast vollständig – das hatte kaum jemand.

Hubert hatte von Anfang an nur Schrott im Mund gehabt, ein Erbteil seines Vaters. 
Mama hatte die Angst vor den Bomben der Amis erlebt und Hubert den Bohrer von Dr. med. dent. Erlenhaus.
Die Lampe hatte seine Augen geblendet. Der Bohrer wurde von einem Riemen angetrieben, langsam, sehr langsam. Man konnte die Umdrehungen beinahe mitzählen. 
Durch die gelblichen Gardinen sah man auf den Bahndamm, aber das war egal, denn die Spannung galt dem Nerv, den Dr. Erlenhaus jeden Moment treffen würde.
Die Bomben der Amis trafen durch Zufall. Der Bohrer war präzise, auch wenn der Doktor nicht mehr gut sah und zitterte. 
Er traf ihn, er traf ihn jedes Mal. Erlenhaus war ein guter Zahnarzt. „Purzellin“, stand auf einem Plastikspender, der auf einem Tischen stand und an den Hubert sich selbst nach vierzig Jahren noch gut erinnern konnte.
„Es gibt Humanmediziner und es gibt Zahnärzte,“ hatte Papa einmal gesagt, nachdem er wieder lächeln konnte. 
Man hatte ihm die Parodontose mit einem glühenden Draht weg gebrannt und er hatte seinen Mund an diesem Tag lange mit kaltem Doppelkorn spülen müssen, bevor er endlich schlafen konnte. Dentist Bärmann, (nicht einmal ein Dr.), ein Mensch mit Unterarmen wie ein Pferdeschlächter und mit einem Gemüt, dem dieser Vergleich nichts ausgemacht hätte, hatte ihm diese Kur verpasst. 
„Mach’ jetzt das verdammte Maul auf!“ hatte er Hubert einmal angebrüllt. Sie wechselten daraufhin zu Dr. Erlenhaus. „Der ist nett und vorsichtig,“ hatte Mama gesagt.
Papa wechselte nicht. 
Ihm hatten die Russen im Krieg den halben Arsch weg geschossen. Papa konnte eine Menge aushalten.
Von Omas Tod einmal abgesehen, aber das war erst viel später.  Bärmann hatte mit seinem „Fleischerladen“ gutes Geld verdient. 
Er war einer der wenigen, die sich schon damals eine neue Frau, ein rot-weißes Ledersofa und einen Farbfernseher leisten konnten. Huberts Eltern hatten einen Laden für Radios und Fernseher, aber ein eigenes Gerät hatten sie nicht.
Dentist Bärmann war ein guter Kunde, und wem man einen teuren Fernseher verkauft hatte, dem konnte man wahrscheinlich demnächst auch eine neue Musiktruhe liefern. 
Papa hatte Familie und ihm waren die Spielregeln bekannt.

Man hatte ihn mit siebzehn eingezogen. Ein hübscher Junge, Hubert hatte ein Foto von ihm gesehen. 
„Hübsches Menschenmaterial“ für einen kurzbeinigen Österreicher, der mit seinen bekloppten und verkrüppelten Kumpanen eine arische Weltherrschaft angestrebt hatte.
Ein Granatsplitter? Ein Schrapnell? Keine Ahnung!
Papa war in einem italienischen Lazarett aufgewacht und es dauerte lange, bis ihn eine Schwester überreden konnte etwas zu essen und ein bisschen italienisch zu lernen. 
Seine Liebe zu „Bella Italia“ sollte bis ans Ende seiner Tage reichen.
Sein Bruder Heinrich hatte weniger Glück. Er verbrannte in einem Schützenpanzer vor Stalingrad. 
Die Behörden führten ihn als „vermisst“. Das klang besser.

Mama saß immer auf einem Stuhl an der Wand des Behandlungszimmers, hinter Hubert. Sie drückte ihm die Daumen. Dahinten, am Ende der Welt, wo man selbst keine Löcher in den Zähnen hat, tut man das, auch wenn man nicht weiß warum.
„Wenn ich als Kind mal nachmittags Langeweile hatte,“ erzählte Mama oft, „dann bin ich freiwillig zum Zahnarzt gegangen. Der hat dann gefragt, ob mir was wehtut, aber mir tat nie was weh. Ich hatte keine Löcher, oder so was. Der hat mir dann ein paar Bonbons geschenkt und ich bin nach hause gehüpft. Und wenn meine Mama, die Oma, mich dann gefragt hat, wo ich gewesen bin, hab’ ich gesagt : „Bei Dr. von Gahlen.“ 
Mama erzählte diese Geschichte oft.
Mama war nicht bösartig – nur mit Erfahrungslosigkeit gesegnet.
Es gab andere Dinge, die sie schlimm erwischen sollten.
Huberts Zähne erwischte es zum ersten mal in Omas Bett.
Er war fünf und gerade aus dem Winterurlaub mit seinem Vater zurück, und sie machten Zwischenstation bei den Großeltern.
An diesem Morgen hatte Oma nach dem Aufstehen die Fenster weit geöffnet und dann die Federbetten zum lüften über das Fußende des Bettes geworfen. 
Hubert mochte Omas Bett, weil es quietschte und knarrte, wenn man darauf herum sprang. 
Oma mochte „frische Luft“ und „gute Seife“, wie sie sagte. 
Sie sagte auch „gute Butter“, und „Bohnenkaffee“, wenn sie von ganz normalem Kaffee sprach.
Oma hatte etwas gegen Filtertüten. Sie brühte das Kaffeepulver lieber nach guter alter Sitte, der ganze Hausflur duftete danach und gab ihr recht.
Hubert gefielen die Federbetten über dem Fußende. Es wäre bestimmt so, als ob man auf einer Wolke landete. Man musste nur genügend Schwung holen, die Arme ausbreiten und lächeln. Die Betten hatte ein Tischler namens Koschinski aus massiver Eiche gebaut.
Auf seinem Einschulungsfoto sieht man Hubert, und man sieht seine Milchzähne. Alle schwarz. Wäre er berühmt geworden, man hätte das Fußteil mit dem Zahnabdruck bestimmt ausgestellt.
Er lebte mit seinen schwarzen Zähnen. Die würden bald ausfallen, und Platz machen für die Neuen. 
Die anderen Kinder waren neidisch, sie glaubten, es käme von all den Süßigkeiten, die er immer essen durfte. 
Hubert erzählte niemandem die wahre Geschichte, warum auch? 
Die hässlichen kleinen Dinger fielen tatsächlich bald aus. 
Hubert warf sie weg. Es gab niemanden, der sie hätte aufbewahren wollen. Nicht einmal die Zahnfee.

Jemand tippte Hubert auf die Schulter.
„Herr Lehmann? Gut, das ich Sie treffe, ich brauche den Schlüssel.” Hausmeister Krüsel war ein freunlicher Mensch. “Herr Lehmann, sie wissen, dass wir die Wohnung ihrer Mutter geräumt haben? Das wissen sie doch…“ Er drehte Hubert vorsichtig an der Schulter zu sich herum.
„Herr Lehmann, können sie mich verstehen? Ihre Mutter ist vor drei Monaten verstorben, das wissen sie doch, …? Ich brauche den Wohnungsschlüssel. Herr Lehmann…?“
Hubert sah ihn an.

Marlboro und Bauernrosen

von Janek Heinrich (copyright)

Fast geräuschlos gleitet ein Nachtzug aus der Halle. 
Der Bahnsteig ist leer, bis auf mich. 
Ich stecke mir eine Zigarette an, und sehe ihm hinterher, die Schlusslichter werden kleiner. 
Es ist Samstag, der 23. August. Ein warmer Abendwind weht um meine Hosenbeine und spült den Duft von Bauernrosen und alten Zeitungen durch die Bahnhofshalle.
Die roten Lichter verschwinden in Dunst und Dunkelheit. 
Nur ein schabendes Pfeifen ab und zu, und das typische ta-tack ta-tack ist zu hören, wenn die Waggons über die Nahtstellen der Gleise fahren.
Ich rauchte nicht gern, es bekommt mir nicht.
Es macht mir Kopfschmerzen und ein gemeines Kratzen im Hals, aber es muss sein, der Cowboy auf dem Plakat gegenüber raucht schließlich auch.
So sieht ein richtiger Mann aus. Mit kleinen Fältchen um die Augen und kräftigen Händen. Mit breiten Schultern und einem Lächeln, das die Kerle auf Abstand hält, und den Damen Herzklopfen macht.
Die Anzeigentafel über mir rattert die nächsten Abfahrtszeiten herunter.

Es ist 23Uhr18.
Der ICE zeigt sich in der Einfahrt. 
Ein Pfeifen und Surren der Schienen begleitet seinen Auftritt. Ich werfe die Kippe auf den Boden, spurte los und renne einige Meter vor der Schnauze her – der Lokführer soll mich sehen. Der Mann im Führerhaus macht große Augen. Er tritt auf die Bremse, er zieht an den Hebeln, aber es ist zu spät. Noch ein, zwei große Schritte, dann werfe ich mich seitwärts, mitten hinein in das Kreischen der Räder.
Der Express berührt meine Brust nur flüchtig, dann begräbt er mich unter Tonnen von veröltem Stahl.
Ich schlage mit dem Hinterkopf, badambadam gegen die Schwellen – dann der Geruch von Urin und Teer – dann Dunkelheit.
Die Vorderachse zerreißt mir den linken Arm, ich werde quer über die Gleise geschleudert und einer der Radreifen schneidet meinen Oberkörper in zwei ungleiche Hälften – das war´s.

Ich komme jeden Abend hierher – immer pünktlich.
Ich stellte es mir vor, immer und immer wieder.
Dann wird mir schlecht.

„Na du Held? Hast wohl’n schwachen Magen, wie?“
Jemand lacht, aber ich bin allein auf diesem Bahnsteig…
„Du Möchtegern-Selbstmörder. Schaffst es wieder nicht, was?“
„Wer…?“ Ich sehe mich um, kann aber niemanden entdecken.
„Hier drüben, Brillenschlange.“
„Wo?“
„Hier auf deinem Lieblingsplakat, Mensch.“
Es ist der Marlboro-Mann. Er bewegt sich nicht, aber er spricht mit mir.
An der Wand neben ihm lehnt eine Leiter, die wohl jemand vergessen hat. Meine Fantasie ist schuld, ich habe zu viel davon.
„Fantasie? Wenn du Fantasie hättest, dann hättest du Micky Maus erfunden, oder so was“, sagt er.
„Ich verstehe nicht…“
„Wie, du verstehst mich nicht. Soll ich lauter reden, kleiner Mann? Hast wohl außer deinem Hirnschaden auch noch was mit den Ohren, wie?“
„Sie reden mit mir“, sage ich.
„Sehr richtig, gut erkannt. Ich rede mit dir, kleiner Mann. Und willst du auch wissen, warum ich das tue? “
„Ja.“
„Well, ich will es dir sagen, Shorty, oh ja, das will ich. Ich rede mit dir, weil du mich ankotzt! Weil ich mir dein langweiliges Theater hier jeden Abend ansehen muß. Deinen „Sterbender Schwan“- Schwachsinn.
Weil du hier auf meinen Bahnsteig kommst um dich umzubringen, aber zu feige bist, es wirklich zu tun, und…“
„Ich bin nicht…“
„Was bist du nicht?“
„Ich bin nicht feige.“
„Ach nein? Was bist du denn dann?“
„Ich habe nur…“ sage ich.
Sein Lachen weht eine leere Chipstüte auf die Gleise.
„Was hast du? Nichts hast du. Weil du kein Mann bist. Du bist gar nichts. Du bist nicht mal ein Mädchen.“
„Ein Mädchen?“
„Klar mein Freund. Wenn du ein Mann wärst, würdest du tun, was ein Mann tun muss. Wenn du ein Mädchen wärst, dann würdest du sagen: „Pfeif doch drauf“, und machen was du willst, aber so?“
„Ich bin ein Mann“, sage ich.
Er lacht und hustet gleichzeitig.
„Nein.“
„Ich bin ein Mann.“
„Bist du nicht.“
„Ich werde es beweisen.“
„Wie willst du es beweisen?“
„Ich werde es tun.“
„Was willst du tun, dich vor den Zug schmeißen?“
„Ich werde es tun.“
„Wann?“
„Morgen…, Morgen Abend.“
„Morgen Abend?“
„Ja.“
„Gut, Shorty, ich werde hier sein.“

Ich drücke die Zigarette sorgfältig im Aschenbecher aus, dann steige ich mit steifen Knien die Treppe hinunter. Nur wenige Leute mit Koffern und Taschen kommen mir entgegen.
Mein Magen fühlte sich an wie ein Knoten aus rostigem Eisen, und hinter meinen Schläfen wütet ein wahnsinniger Trommler.
Bevor ich den Kiosk betrete, betrachte ich mein Spiegelbild in der Fensterscheibe.
Niemand trägt eine beige Windjacke, braune Hosen und schwarze Schnürschuhe die auf Hochglanz poliert sind, weil man seine Schuhe pflegen muss. Niemand. Der Marlboro Mann hat recht.

„Oh hallo, guten Abend, der Herr. Einen kleinen Jack Daniels und einmal „Freiheit und Abenteuer“ wie üblich?“ Die Dame vom Kiosk ist freundlich, sie ist immer freundlich – zu jedem. Wie die Huren am Hafen.
Zigaretten habe ich noch genug, aber ich will ihr nicht widersprechen. Älteren Damen widerspricht man nicht.
„Ja, bitte.“ sage ich.
„Hier bitteschön, der Herr. Das macht dann neun Euro fünfzig.“
Ich hole mein Portemonnaie aus der Hosentasche, nehme einen neuen Zehner heraus und streiche ihn sorgfältig glatt, bevor ich ihn auf die Theke lege. Die Kasse klingelt.
„So, hier sind fünfzig Cent zurück. Vielen Dank.“
Draußen in der Vorhalle singt ein Straßenmusikant: „Johnny be good…“ und drischt auf seine Gitarre ein. Ich sehe mich in dem Kiosk um.
„Ach, den Filzstift da, den hätte ich gerne auch noch“, sage ich.
„Diesen hier?“
„Nein, den dicken roten da hinten.“
„Diesen?“
„Ja, bitte.“
„Dann sind das nochmal dreifünfzig, der Herr.“
„Hier, bitteschön.“
„Vielen Dank“, sagt die freundliche Dame, „ und einen schönen Abend noch.“
Ich nehme meine Sachen und verlasse den Laden.
„Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss“, geht es mir durch den Kopf. „Go Johnny, go!“
Ich steige die altbekannten 68 Stufen zum Bahnsteig wieder hinauf.

„Nanu, kleiner Mann, du wolltest doch erst Morgen kommen?“
Ich gehe auf das Plakat zu und greife in meine Jacke.
„Was hast du da, Shorty? Was hast du vor?“
Ich nehme die Leiter und steige zu ihm hinauf, jetzt sehe ich direkt in sein strahlend blaues Auge.
„Was soll das werden, nimm die Leiter da weg“, sagt er.
Ich nehme den Filzstift und male ihm eine große, runde, rote Nase.
Sehr sorgfältig, dann steige ich runter und stelle die Leiter zurück.
„Was hast du gemacht? Verdammt, ich kann es nicht sehen. Los du kleine Schwuchtel, rede!“
Ein Lächeln zupft an meinen Mundwinkeln
„Ich bin ein Mädchen“, sage ich,“und ich Pfeif` was drauf!“
Tauben flattern durch die Halle.

Ich habe schon lange nicht mehr so gelacht…

Zwei Spatzen

von Janek Heinrich (copyright)

Seit einigen Tagen hatten sich die Geräusche in unserem Garten verändert.
Zu dem gewohnten Zwitschern und Singen der Amseln war ein lautes Tschilpen und Schimpfen hinzu gekommen, wie ich es schon seit langer Zeit nicht mehr gehört hatte. Es waren Spatzen.
Ein dicker, der wie aufgeplustert wirkte und ein schmaler mit glänzenden Augen und brauner Stirn.
Sie saßen in den Ästen von unserem Haselstrauch und unterhielten die Umgebung. Das heißt, der Dicke tat das.
Er schimpfte und jubelte ohne Unterbrechung in allen Tonlagen, die einem Vogel wie ihm zur Verfügung stehen, während der andere nur ganz ab und zu einen kurzen Einwurf wagte.
Es war schwer zu sagen, welcher von beiden wohl das Männchen und wer das Weibchen war, auch wenn es Leute gibt, die die Gesprächigkeit immer eher den Frauen zuschreiben.
Ich bin mir da nicht so sicher, zumal dann, wenn ich an jemanden wie unseren „Onkel Schweigsam“ denke. Onkel Schweigsam heißt eigentlich Erich und ist auch nicht wirklich ein echter Onkel von uns.
Er hat irgendwann, in einem unbeobachteten Augenblick, eine Cousine meiner Mutter geheiratet. Eine Unachtsamkeit, die wir uns in der Familie nie wirklich vergeben konnten.
Dabei ist der Onkel kein schlechter Kerl, er raucht nicht, er trinkt nicht und ist freundlich zu jedermann. Das einzige Laster, das er ausgiebig pflegt, ist eine unglaublich nervtötende Gesprächigkeit, der kein Thema fremd und keine Formulierung zu umständlich ist.
Ein Mensch, der selbst aus einem einfachen „hallo“ einen abendfüllenden Vortrag über die Amerikanisierung der Deutschen Sprache im Allgemeinen, und deren Auswirkungen auf den Verdauungsapparat vereinsamter Angorakaninchen im Besonderen hat. Kein schlechter Kerl, wie schon gesagt, aber die Pest, wenn man ihm nicht rechtzeitig aus dem Wege geht.
Böse Stimmen, wie die meines Bruders Benjamin behaupten, dass die CIA Onkel Schweigsam als besonders gemeine Foltermethode gegen verschwiegene Terroristen einsetzen wollte, aus humanitären Gründen dann jedoch darauf verzichtet hat.
Ich glaube, dass Benjamin sich das nur ausgedacht hat, aber wer je auf einer Familienfeier in Onkel Schweigsams Fänge geriet, könnte durchaus anderer Meinung sein.
Solch ein Kaliber war auch der dicke Spatz in unserem Haselstrauch, und darum nannte ich ihn „Quatscher“, den anderen nannte ich „Ping“.
Quatscher und Ping lebten sich schnell ein in unserem Garten, und wenn ich morgens um sieben auf die Terrasse ging um meinen Kaffee zu trinken, dann hatten sie schon längst lautstark das Für und Wider, das Auf und Ab und das Hin und Her, aller mehr oder weniger bedeutsamen Angelegenheiten der Weltgeschichte am Wickel.
Einmal streute ich ihnen Brotkrumen hin, weil ich dachte, so für etwas Ruhe sorgen zu können, aber weit gefehlt.
Genau wie Onkel Schweigsam am kalten Buffet, so konnte auch der dicke Spatz essen und trinken, ohne dass es seinen Redefluss im geringsten gestört hätte.
Ich mochte die beiden trotzdem.
Ich mag Spatzen, und hatte noch vor Kurzem festgestellt, dass man sie viel seltener sieht als früher.
Mich erinnern Spatzen irgendwie an Berliner Hinterhöfe im Frühling, wenn die ersten Sonnenstrahlen die dunklen Schluchten der Häuserwände erhellen und die Fensterscheiben zum Blitzen bringen und man durch die hohen Fenster sieht und sich fragt, wie sie wohl heißen mag, die, neben der man gerade aufgewacht ist.
Es ist nicht gut, sich an diese Dinge zu erinnern, es ist zu merkwürdig, zu melancholisch und auch viel zu lange her. Aber es gibt Geräusche und Gerüche, die zaubern alles wieder zurück, ob man will oder nicht, und tschilpende Spatzen gehören dazu, genau wie die muffigen Wellen, die in Hamburg an die Kaje schlagen wenn Fischmarkt ist und man nicht geschlafen hat und ein Fischbrötchen mit Frühstücksbier verzehrt.
Nicht alles war schlecht, denke ich, das meiste schon.
Den Spatzen ging es gut bei uns, und nur die Katze von Schröders, die sich nachts immer auf meinem Campingstuhl niederlässt, machte mir Sorgen. Es war ihr Revier, mein Garten, wie sie zu denken schien, und ich besorgte eine Wasserpistole.
Ein prächtiges Exemplar mit ordentlich Druck und zwanzig Metern Reichweite.
Ich mag keine Katzen – jedenfalls nicht mehr seit Willi.
Aber Willi war ja auch keine normale Katze.
Willi war ein stämmiger, roter Kater mit einem Schmiss über der Nase und an seinem linken Ohr fehlte ein Stück. „Alte Kriegsverletzung“, wie er bestimmt gesagt hätte.
„Den wollen Sie? Sind Sie sicher?“ hatte damals die Dame vom Tierheim gesagt. 
Willi verbrachte seine Tage auf einer Art Regal im Katzenraum. 
Er lag da ganz entspannt, bis eine von den anderen unter ihm hindurchging, dann holte er aus, verpasste ihr eine und ließ die ausgerissenen Haare durch seine Krallen rieseln. Er hatte große Pfoten, und seine Krallen waren durchaus sehenswert.
In unserem Haus gab es damals noch zwei andere Katzen, die moppelige Kitty, die immer einen etwas leidenden Eindruck machte und Luzi aus dem dritten Stock, der man besser nicht zu nahe kam. Ich war gespannt, wie sich mein roter „Kampfkater“ wohl mit ihnen verstehen würde.
Die Fronten waren schnell geklärt.
Die seufzende Kitty wurde seine Freundin, die er sogar zum Essen zu uns einlud, und mit Luzi lieferte er sich jeden Nachmittag zur Kaffeezeit eine lautstarke Prügelei.
Der Kater und ich verstanden uns prächtig, bis auf eine Sache vielleicht.
Willi mochte keinen Besuch, und fremde „Weiber“ schon mal gar nicht. Das störte mein Liebesleben empfindlich, denn wann immer ich spät abends mit einem„Übernachtungsgast“ bei uns auftauchte, der sich zum Bleiben anschickte, schiss mir der Kater vors Bett. Das veranlasste mich dann, ihn übel zu beschimpfen, am Kragen zu packen und aus dem Fenster zu werfen (wir wohnten im Parterre). Damit war die Romantik im Eimer, und wenn ich den Boden fertig gescheuert hatte, war die Dame still und heimlich verschwunden.
Der Abend war hinüber, ich schon fast wieder nüchtern und der Kater grinste durchs Küchenfenster, so war das.
Ich ließ ihn irgendwann wieder rein, und wir versöhnten uns mit Brekkies und Bier, und kamen überein, dass wir unseren Streit eigentlich nur diesem weiblichen Eindringling zu verdanken hatten. Eines Tages verschwand Willi, und ich rief noch wochenlang nach ihm wenn ich abends nach Hause kam.
Seitdem mag ich keine Katzen mehr.
Heute Morgen ging ich mit ein paar Brotkrümeln zum Haselstrauch.
Nur Quatscher hockte da auf seinem Zweig und hielt seine Volksreden, wie er es immer tat. Auf dem Boden fand ich ein paar graue Federn und ein Ding, das wohl eine Vogelgalle war. Die hatte die Katze übriggelassen.
Der dicke Quatscher pickte meine Frühstückskrümel auf und erzählte in einem fort. Dann flatterte er zurück auf seinen Ast, plusterte sich auf und begann ein neues Thema – einfach so.
Manche Leute merken wirklich nichts.

Eisenherzchen

von Janek Heinrich (copyright)

„Deine Oma ist doch nicht ganz von dieser Welt“; sagte Papa, wann immer von seiner Mutter die Rede war.
Deutlicher wurde er nicht, das hätte nicht zu seinem kultivierten Selbstbild gepasst.
Papa hatte fünfzig Paar Schuhe im Schrank, ließ sich sein Rasierwasser aus Finnland schicken und hatte einen Französischkurs besucht. Nur um im Restaurant angemessen bestellen zu können.

Oma war wie eine Butterblume an der Autobahn, wie eine Silberdistel mit sehr weichen Stacheln, und wie eine Laterne im Sturm, die kein Wind der Welt je ausblasen konnte.
Ich besuchte sie jeden Samstag von zwei bis fünf, wenn Papa mit seinem Auto in der Waschanlage war.
“Den Stern auf Hochglanz bringen“, wie er sagte.
An solchen Samstagen waren wir „Mädels“ dann ganz unter uns.
Auch wenn ich erst knapp dreizehn, und Oma schon zweiundsiebzig war.
Papa ließ mich vor ihrem Gartentor aussteigen, und holte mich da auch wieder ab. Er kam nie mit rein.
Oma stand immer schon in der Tür – wie ein runder Felsen mit einer blauen Kittelschürze.
„Hallo Anni“, sagte sie dann, und drückte mich an ihren Busen. Sie roch nach Zimt und reifen Äpfeln.
Manchmal gab es bei Oma Kekse und manchmal Topfkuchen.
An diesem Samstag hatte sie Waffeln für uns gebacken, und dazu gab es natürlich Tee mit Sahnewölkchen.
„Mein Ostfriesentee“, sagte sie, „war das einzige, was ich damals an der Riviera wirklich vermisst habe.“
Wir hatten alte Fotos angesehen und dabei eine Postkarte mit einem Strand-Motiv entdeckt.
„Hiwiera?“ Ich hatte den Mund voller Waffeln und der Puderzucker staubte über den Küchentisch.
„Ja, „Riviera“, das ist in der Toscana, in Italien. Als Opa noch lebte, waren wir da oft im Urlaub. In Bella Italia.“
„Wie ist es in Italien?“
Oma sah einen Moment lang in die Ferne, dann klaubte sie einige Krümel von ihrer Bluse, strich ihre Schürze glatt und erhob sich. „Erklären kann man das schlecht“, sagte sie, “aber ich kann es dir zeigen. Einen Moment.“
Sie stieg die Kellertreppe hinab und kam einige Minuten später mit allerlei Gerätschaften zurück.
„Zuerst“, sagte sie, “brauchen wir mal ganz viel Sonne. Mach mal die Augen zu.“
Oma stellte eine Höhensonne vor mich hin und schaltete sie ein. Es wurde sehr hell, und unglaublich warm auf meiner Haut. „Dann brauchen wir auf jeden Fall Wind. Wind gibt es da nämlich immer.“ Sie ging um den Tisch herum und platzierte einen Ventilator hinter der Lampe, und die Brise kühlte mein Gesicht.
„So, jetzt halt mal diese Muschel an dein Ohr, da ist das Meeresrauschen drin.“
Sie hatte recht, es rauschte, und ich glaubte sogar das Geschrei der Möwen hören zu können.
Oma füllte warmes Wasser in eine Schüssel, dann zog sie mir Schuhe und Strümpfe aus. „Und nun die Füße in den Ozean, aber pass auf, dass dich nicht die Krebse beißen.“
Ich zog erschrocken die Knie an.
„War ein Scherz, mein Schatz. Fehlt noch was? Oh ja, du brauchst unbedingt noch Sonnencreme und etwas Salz auf den Lippen. So, fertig. Jetzt bist du in Sestri Levante.“
Ich lächelte, es war wirklich so, als wäre ich ganz woanders.
Ein warmer Lufthauch strich durch mein Haar und meine Füße plantschten in den Weiten des Atlantik.
Das Meeresrauschen, der Geruch der Sonnenmilch und der salzige Geschmack auf meiner Zunge. Es war perfekt.
“Oma, siehst du auch die großen Schiffe da am Horizont?“
Sie schloss die Augen: „Oh ja, die sehe ich.“
„Und da rechts, die Kinder, die in den Wellen herumtoben?“
„Ja, die auch.“
„Und auch die flachen Häuser, die wie Legosteine aussehen?“ „Ja.“

Am 12. September, es muss am frühen Morgen gewesen sein, kam der Schlaganfall. Er nahm ihre Freiheit, er nahm ihre Sprache und ließ nur ein schräges Lächeln übrig.
Am schlimmsten für mich war der beständige Strom von Tränen, der nicht aufhören wollte.
„Eine ganz normale Folge der Erkrankung, und kein Anzeichen von Traurigkeit“, hatte dieser verlogene Stationsarzt mir erklärt. Ich wusste es besser.
Oma blieb nicht lange in der Gefangenschaft der Bettpfannen und Katheter, das hätte nicht zu ihr gepasst.

Papa hatte recht mit seiner Behauptung, dass Oma nicht von dieser Welt gewesen war, und am 23. Januar machte sie sich auf den Weg.
Bei ihrer Beerdigung gefror mir der Schnupfen an der Backe und ich kann mich nicht erinnern, jemals an einem kälteren Ort gewesen zu sein, aber meine Tränen behielt ich für mich.
Die habe ich ihnen nicht gegönnt.

Papas Geschäfte gingen zu der Zeit nicht besonders gut, und so hatte er Omas „Bruchbude“ schneller verkauft, als die Blumen auf ihrem Grab verwelken konnten.
„Sentimentalitäten muss man sich leisten können“, sagte er.

Gestern ging ich durch die Elektro-Abteilung von unserem Supermarkt, ich brauchte einen neuen Wecker, als ich es plötzlich sah. Ein Sonderverkauf von Höhensonnen und Ventilatoren.
Ich ging darauf zu, und ich konnte nicht anders, als ganz sanft mit dem Zeigefinger über ihren Rand zu streichen.
Sie verkauften hier keine Muscheln mit Meeresrauschen und es roch auch nicht nach Waffeln, aber trotzdem war auf einmal alles wieder da.
„Oma?“; flüsterte ich.
„Ja, mein Schatz.“
„Siehst du die Eisbude da hinten?“
„Ja.“
„Oma?“
„Ja.“
„Kriege ich einen Euro?“

Waffenbrüder

von Janek Heinrich (copyright)

Wer behauptet, ich sei ein Militarist, nur weil ich bei der Bundeswehr gewesen bin, der ist ein Lügner, denn ich habe immerhin einen sehr persönlichen Beitrag zur Abrüstung des Westens geleistet.
Wer mich dagegen als Feigling bezeichnet und sagt, dass ich meinem Vaterland nicht hätte dienen wollen, der lügt ebenfalls.
Gewollt habe ich, soviel steht fest.

Die Jungs vom Kreiswehrersatzamt hatten mir eine freundliche Einladung geschickt mit der Aufschrift „Persönlich“.
Ein sehr offizielles Dokument.
Sie hielten große Stücke von mir und, obwohl sie mich doch gar nicht richtig kannten, waren sie der Meinung, so stand es da geschrieben, ich würde ganz hervorragend zu ihrer Truppe passen und sollte doch mal vorbei schauen.
Ich fand das nett von denen, dass sie an mich gedacht hatten, aber ich war mir nicht sicher, ob ich ihre Erwartungen auch erfüllen konnte.
Ich erkundigte mich erst mal bei meinen Kumpels am Bahnhof, was denn da wohl so alles auf mich zu kommen würde.
Bruno sagte: „ Bundeswehr ist gut. Bundeswehr muss sein – und vor allem, du hast nen lauen Job da. Du läufst ein bisschen durch die Gegend, schmeißt dich ab und zu mal in den Dreck, aber dann ist auch wieder gut – dann ist Mittag.
Dann machst du ein Schläfchen, danach noch zwei, drei Kniebeugen bis zum Kaffetrinken; anschließend schießt du ein paar Löcher in einen Pappkameraden, danach gibts Abendbrot – deine Vorgesetzten klopfen dir auf die Schulter, weil du alles so gut gemacht hast und schon geht es ab ins Bettchen.“
„Genau“, sagte Gerhard, „da kann man nicht meckern, der ‘Bund’ das ist schon eine schöne Zeit. Also wenn ich mich so zurück erinnere,… Am Wochenende wird gesoffen, oder ein bisschen mit dem Zug gefahren nach Hause, wenn man will.
Und wenn man nicht will, bleibt man eben in der Kaserne, da ist auch ein großer Zaun drum, da braucht man keine Angst zu haben, dass man vielleicht überfallen wird oder so.“
Das klang nicht schlecht: Drei Mahlzeiten am Tag, ab und zu mal ein bisschen spazieren gehen oder Turnen, das würde ich schon schaffen – ich bin nicht für Turnen, aber egal, man konnte ja mal guten Willen zeigen.
„Gibt’s da auch Weiber?“ fragte ich.
„Klar“, sagte Bruno, „ jede Menge. Jeden Dienstgrad den du haben willst, und am Wochenende gehst du in die Dorfdisco. Da warten sie schon auf die schicken Kerle in Uniform.“
„Da stehen die drauf“, sagte Gerd und grinste mir mit seinen fehlenden Schneidezähnen entgegen,„ die haben alle „Top Gun“ gesehen.“
„Und Bier?“ sagte ich „ich meine Bier – gibt es da denn auch ordentlich was zu trinken? Ist das im Preis mit drin, oder muss man das selber mitbringen?“
„Ja, also…“ sagte Bruno, „ also Bier gibt es auch,… am Wochenende in der Kneipe. In der Kaserne eigentlich nicht so regelmäßig.“
Das gefiel mir nicht – was soll man mit Mädchen, wenn man kein Bier hat; dann traut man sich doch nicht.
Ich meine, wenn ich schon für mein Vaterland Kniebeugen machen soll und auf Pappkameraden schießen und noch allerhand andere Mätzchen machen, dann können die doch eigentlich auch für Bier sorgen, oder?
Das ist doch nicht zu viel verlangt.
Mir kamen echte Zweifel, ob das denn alles so das richtige für mich sein konnte.
Ich dachte mir: Nein, vielleicht werde ich den hohen Erwartungen dieser Leute ja doch nicht gerecht – und dann? Dann ist es ihnen nachher peinlich, und dann müssen sie eingestehen, dass sie sich mit mir vertan haben.
Der Gedanke war mir unangenehm.
Nee, da wollte doch lieber meinen Platz jemandem überlassen, der weniger Wert auf Bier mit Mädchen legt als ich, und vielleicht auch bessere Liegestütze zustande kriegt und auch noch etwas genauer auf den Pappkameraden schießen kann.
Erst hatte ich gedacht, ich schicke denen eine Karte, wünsche ihnen alles Gute, und versuche zu erklären, dass ich aus persönlichen Gründen lieber doch zu Hause bleiben will.
Aber ich hatte keinen Stift im Haus, und darum ließ ich es sein.
Ich dachte mir es wäre besser, wenn das ganze einfach in Vergessenheit geraten würde.
Weil: „Tote Hunde schlafen nicht“, wie man so sagt.

Eines Tages standen sie vor meiner Tür und hielten mir einen Zettel unter die Nase.
Sie sagten, sie wären die Feldjäger, und ich soll mitkommen.
Das war so gegen halb elf am Morgen, ich meine da ist man ja noch nicht mal wach – aber sie ließen sich nicht erweichen.
Ich fragte mich natürlich, was die Feldjäger eigentlich mitten in der Stadt zu suchen haben, sollen sie doch auf dem Feld jagen, wenn sie denn unbedingt jagen wollen – aber nein, sie wollten mich mitnehmen, darum waren sie hier; und in die Stadt durften sie auch.
Die grünen Männer waren nicht wirklich unfreundlich, ich durfte mich sogar noch anziehen und rasieren und ein paar Kleinigkeiten einpacken.
Sie waren höflich, aber bestimmt – das einzige was mich störte waren die Handschellen; zumal die Nachbarn dann auch alle gleich aus den Fenstern geguckt haben.
Die haben mir hinterher gepfiffen und einer hat gerufen: „Na du versoffener Sack, jetzt ham se dich doch am Arsch gekriegt. Verteidige mal schön unsern Plattenbau, und zeig mal was du drauf hast.“
Ich fand das nicht nett, muss ich ehrlich sagen – zumal ich nicht mehr trinke als jeder andere.
Die Herren, die mich abführten, ließen sich davon nicht weiter beirren und brachten mich in ihrem Lieferwagen zum Stabsarzt.
Der sollte mich auf Herz und Nieren prüfen.
Da hab ich ihm dann gesagt, also das Herz ist gut, die Nieren wüsste ich nicht, das könnte schon sein, die hätten ja auch immer ordentlich zu tun…
Na, dann sollte ich mal eine Urinprobe abgeben, und er gab mir einen kleinen Messbecher und ich dachte – gut, tu ich ihm den Gefallen. Ich meine, man will ja auch niemanden verärgern.
Ich gab mir richtig Mühe, und es war dann nur etwas problematisch das volle Gläschen ohne zu verschütten auf seinem Schreibtisch abzustellen – ging aber.
Der Doktor hatte da schon mehr Schwierigkeiten, das Glas ohne zu kleckern wieder weg zu nehmen, aber da konnte ich ja nichts dafür.
Wenn der am Morgen nicht zittern will, dann soll er am Abend eben nicht so viel saufen, dachte ich.
Er klopfte so an mir herum und prüfte die Reflexe, er guckte mir in den Hals und auch wo anders – das ging mir etwas zu schnell, ich meine, wir waren uns ja kaum vorgestellt worden.
Er stellte fest, dass ich Plattfüße habe und nahm mir Blut ab, was ich übertrieben fand.
„Ein bisschen zu fett“, sagte er dann.„ aber das kriegen wir schon.“
Das war eine Bemerkung, die er sich hätte schenken können.
Dann saß ich auf dem Flur in Unterwäsche und Socken und wartete auf das Ergebnis der Untersuchung.
An einem Schreibtisch gegenüber saß eine süße Maus mit einem weißen Kittel.
Die grinst mich an und sagt: „ Na, wo willst denn du mal hin?“
„Hin?“ sag ich, „ wo soll ich hin wollen, ich will bald wieder nach Hause. Ich muss mal ein Schläfchen machen, die haben mich mitten in der Nacht aus dem Bett geholt.“
„Nein“, sagt sie , „ich meine zu welcher Einheit du willst, zu welcher Waffengattung.“
Darüber hatte ich mir noch nie Gedanken gemacht.
Ich sag: „Ja, was ist denn da so zu empfehlen?“
„Marine“, sagt sie, „die Marine hat die schönsten Uniformen. Die sehen wirklich schmuck aus, die Bengels.“ Sie ließ eine Kaugummiblase zerplatzen.
„Nein“, sag ich, „ Marine, die haben doch mit Schiffen zu tun, oder?“
„Ja“, sagt sie, „Marine hat mit Schiffen zu tun..“
„Nee“, sag ich, „ das is nix für mich, da wird mir schlecht. Das Geschaukel vertrage ich nicht.“
„Na, dann vielleicht U-Boot“, sagt sie, „die schaukeln nicht. Und vor allem jetzt, wo es doch die Neuen mit Atom-Antrieb gibt.“
Ich sag: „ U-Boot? – das ist doch unter Wasser.“
„Ja“, sagt sie, „ U-Boot hat damit zu tun. Das ist auch unter Wasser.“
„Nein, nein“, sag ich, „unter Wasser, da… da kriege ich ja Budenangst. das geht ganz bestimmt nicht. Ich kann ja auch gar nicht schwimmen.“
Und dann zählte sie mir alle Möglichkeiten auf, die man als aufstrebender Waffenträger so haben kann, und jede Ausbildung und wie spannend das doch alles ist. Aber wir kamen nicht so recht überein, denn es gab an allem etwas, das mir nicht so richtig liegen wollte. Am Ende blieben nur noch die Panzer.
Panzerfahrer, sagte sie, das würde es doch sein.
Panzer! damit durch’s Gelände heizen, das war doch abenteuerlich und das konnte sie sich gut für mich vorstellen; so mit dem „Leopard“, oder mit dem „Ozelot“ , oder dem „Tiger“ die Heide verwüsten, das war doch besser als Paris – Dakkar.
Was immer das auch heißen mochte.
Sie lächelte mich so bezaubernd an, dass ich sagte: „ Ja, das könnten wir versuchen.
Doch, doch… das könnte vielleicht was sein.“
Und so unterschrieb ich auf dem Zettel, und kreuzte an: Panzerfahrer.
Ich hatte schon immer ein besonderes Faible für Kettenfahrzeuge gehabt, und „Panzer-Fahrer“ war ja auch etwas, das mit „fahren“ zu tun hatte, und fahren fand ich immer noch besser als „laufen“ oder „schwimmen“.
Allerdings hoffte ich im Stillen immer noch auf ein medizinisches Ergebnis, dass mich für untauglich erklärte – große Maschinen hin oder her.
Aber zu meiner Überraschung war ich tauglich.
Gut, dachte ich, du bist gesund, das ist schon mal nicht schlecht – dann brachten sie mich in die Kaserne.
Da war es eigentlich… auch nicht so schön, wie ich gedacht hatte; ich musste mit noch fünf anderen auf einem Zimmer schlafen und das war ich nicht gewöhnt.
Es gab da gar keine Frauen, wie Bruno gesagt hatte, es gab roten Tee, und vor allem standen diese Leute immer in aller Herrgotts-Frühe auf.
Das ging ja gar nicht.
Ich stellte fest: Mein Kumpel hatten mich belogen.
Es war viel mehr Laufen, als er gesagt hatte. Viel mehr Liegestütze, als er gesagt hatte, und das Essen war auch für die Hose.
Nicht besser als meine Ravioli zu Hause, und nicht mal richtig warm.
Es dauerte vier Tage – doch, so lange gab ich ihnen.
Ich brachte ein paar konstruktive Verbesserungsvorschläge ein, aber es änderte sich nichts, und so ging ich am fünften Tag zu meinem Vorgesetzten und sagte: „ Hallo, Herr Major …“
„Können Sie nicht anständig grüßen?“ sagte der.
Ich sagte: „Moin“, das gefiel ihm aber auch nicht.
Dann versuchte ich es ihm klar zu machen, und sagte: „ Es ist hier leider doch nicht wirklich so schön, wie ich es mir vorgestellt habe, seien sie da nicht beleidigt; aber ich möchte dann doch lieber den Dienst quittieren – die Probezeit ist ja auch noch nicht vorbei…“
Da schnauzt der mich an: „Stellen sie sich mal gerade hin. Was faseln Sie da für einen Unsinn? Sind Sie denn besoffen, Mann?“
Ich sag: „Nein, das ist ja gerade das Problem.“
Gehen Sie sofort auf ihre Stube, sagt er, gleich ist Appell und wenn Sie da nicht pünktlich auftauchen Soldat, dann werde ich mit ihrem Arsch den Boden wischen… und was er nicht noch alles erzählte.
Also, er hörte mir gar nicht wirklich zu – er verstand einfach mein Problem nicht.
Das betrübte mich dann doch.
Und so vergingen die Tage, und wir machten Leibesübungen, krochen durch den Dreck, kletterten über Zäune und machten uns die Hosen kaputt – als ob so was irgendeinen Feind beeindrucken konnte. Vielleicht hätten die sich ja tot gelacht, wenn sie uns gesehen hätten, ich weiß es nicht.
Dann kamen die Schießübungen, die waren auch nicht ganz so erfolgreich, wie es der der Ausbilder gern gesehen hätte, aber das lag ganz klar am Gewehr.
Das musste man jeden Abend auseinander nehmen und auch wieder zusammensetzen; ich meine, welcher Apparat der was taugt braucht so viel Aufmerksamkeit?
Da haben die Chinesen euch aber einen ziemlichen Schrott angedreht, sagte ich zum Spieß – und ging zwei Tage in den Bau.
Danach behauptete ich, dass meine schlechten Ergebnisse bestimmt mit meinen pazifistischen Genen zu tun hatten – unbewusst wollte ich wohl nicht mal dem Pappkameraden weh tun. Der Armeepsychiater glaubte das auch.
Unser bester Schütze war der Peter, Peter Johannsen, der holte mit einem Schuss mehr Ringe, als ich mit dem ganzen Magazin.
Eines Tages sag ich zu ihm: „Johannsen, warum schießt du eigentlich so gut?“
„Das ist ganz einfach“ , sagt er, „ich stelle mir einfach vor, das da ist mein größter Feind. Na, und dann geb ich’s ihm ordentlich.“
„Was für ein Feind?“
„Na, ein Russe vielleicht.“
„Ich hab nichts gegen Russen.“
„Dann ein Chinese, die Rote Gefahr.“
„Ich hab nichts gegen Chinesen.“
„Dann eben der Typ, der deine Schwester geschwängert hat.“
„Ich bin Einzelkind.“
„Vielleicht ist es der Schweinehund, der deine Freundin vergewaltigen wollte.“
„Ich habe keine Freundin.“
„Dann weiß ich nichts mehr“, sagte Peter.
Ich schoss weiterhin daneben.

Eines Tages führte man uns die Panzer vor, man zeigte uns unseren neuen Arbeitsplatz.
So, sagten sie, da steigt mal ein, dann werdet ihr eingewiesen – und dann geht es auch bald los. Und alle waren sehr aufgeregt – ich erst nicht, aber als ich durch die enge Luke sollte, dann doch.
Ich fragte, ob ich nicht vielleicht auch außen mitfahren könnte, weil es doch etwas wenig Platz für so viele Leute da drinnen war – aber nein, ich musste durch die Luke, und ich musste da rein, und da war es dunkel und laut und sehr warm und roch nach Füßen.
Ich konnte mir nicht vorstellen, wie man sich in diesem Ding für längere Zeit wohlfühlen sollte.
Man konnte auch kein Fenster aufmachen, es gab da keine Fenster.
Ein Vorschlag, den ich bei Gelegenheit dann mal meinem Vorgesetzten unterbreiten wollte: Fenster einbauen.
Dann sieht man auch viel mehr, wie soll man denn richtig schießen, wenn man nichts sehen kann? Die Jungs hatten das nicht drauf, die hatten im Detail doch echt gepfuscht.
Von der ganzen Einweisung blieb mir eigentlich nur im Gedächtnis, dass der Ausbilder auf eine große, rote Lampe zeigte und sagte: „ Diese Lampe darf nicht aufleuchten, dann wird der Motor zu heiß. Und wenn der Motor zu heiß wird, dann geht der kaputt. Und ein Gerät wie dieses hier, kostet fünf Millionen, das ist viel Geld – soviel verdient ihr in eurem ganzen Leben nicht. Also Leute, immer schön darauf achten, auf die rote Lampe.“
Ich weiß auch nicht, woran es gelegen hat, ob mein innerer Pazifist da wieder am Werk war, jedenfalls kam vierzehn Tage später das Manöver und wir durften dann auch mit unseren neuen Panzern ins Gelände.
Und ich dachte: Gut, geben wir mal ordentlich Gas, damit wir das hier auch bald mal hinter uns haben. Und tatsächlich, da leuchtete die rote Lampe auf und ich meinte wohl im Eifer des Gefechts, das sei der Hinweis darauf, dass der Motor seine Betriebstemperatur erreicht hatte und man jetzt nochmal richtig beschleunigen durfte – was ich dann auch tat.
Es war eine beachtlich schnelle Runde, die wir da drehten, und dann gab es einen ganz gewaltigen Knall und es war lauter schwarzer Rauch um uns herum.
„Wir sind getroffen!“ rief ich, „wir sind getroffen. Die Scheiß-Russen haben uns erwischt, (oder wer immer der Feind auch gerade war).“
Ach, was für ein Ärger.
Wir zwängten uns durch die Luke nach draußen, husteten und spuckten auf den Boden. Ich schüttelte den Kopf und sagte zu meinem Ausbilder, der im Laufschritt auf uns zu gestakst kam: „Entschuldigen Sie, das war ein Treffer. Das darf nicht vorkommen. Haben unser Bestes getan, sind extra nochmal etwas schneller in die letzte Runde gegangen, hat nichts genützt – Feind hat uns leider trotzdem erwischt. Melde gehorsamst.“
Es gab danach eine Gerichtsverhandlung und man unterstellte mir, ich hätte mit Absicht den Panzer kaputt gemacht, was natürlich in keinster Weise stimmte, aber die anderen waren da anderer Meinung.
Ich durfte also von da an keinen Panzer mehr anfassen, nicht mal mehr in die Nähe eines Panzers kommen, aber man beförderte mich trotzdem.
Ich bekam eine sehr verantwortungsvolle Position: Ich durfte Nachts das Kasernengelände bewachen.
Ich musste aufpassen, dass keine feindliche Armee uns im Schlaf überraschte, oder ein Spion sich einschlich. Ich wusste, dass dies eine sehr viel sinnvollere Aufgabe war, als Panzer fahren. Es war auch viel anspruchsvoller, denn man musste lernen im Stehen zu schlafen ohne umzufallen.
Das war eine ganz beachtliche Fertigkeit, die mir im Späteren noch bestimmt gute Dienste leisten würde.
Wir exerzierten das jede Nacht, und wurden darin schnell ziemlich gut.
Das dumme war nur, dass unser Ausbilder damit nicht einverstanden zu sein schien. Er entwickelte die Angewohnheit sich in die Büsche zu schlagen um uns zu erwischen. Dann bekamen wir Strafen auf gebrummt und Ausgehverbot.
Es schien ihm wirklich Spaß zu machen – was ich nicht verstand.
Ihr sollt hier nicht pennen, ihr sollt aufpassen und wachsam sein, sagte er, wenn ich jetzt ein feindlicher Spion gewesen wäre, was dann? Dann hätte ich sonstwas anstellen können, und ihr hättet es nicht bemerkt. Also seid wachsam – Verstanden?
„Verstanden“, sagte wir und schlugen die Hacken zusammen.
Ich hatte zwar in der ganzen vergangenen Zeit noch nie einen Feind zu Gesicht bekommen, aber ich befolgte seinen Rat und war von jetzt an wachsam und passte auf. Und das war gut so.
Eines Nachts stand ich also wieder auf meinem Posten, da raschelte etwas im Gebüsch. Das war der Fall des Falles, das war der Grund meines Hierseins, darum hatte man mich hierher gestellt. Da war der Feind! da schlich sich jemand an.
Ich musste ihn sofort erschießen, auch ohne Vorwarnung – wer uns an den Kragen wollte hatte es nicht anders verdient. Ich lud das Gewehr durch und zielte auf den Busch der da raschelte. Aber dann war wieder mein innerer Pazifist zugegen und meinte: He Mann, warum denn immer gleich schießen? Kann man das nicht auch anders lösen? Feinde sind doch irgendwie auch nur Menschen die Befehle haben… usw.
Ich senkte das Gewehr und ging auf das Versteck des Feindes zu und rief: „Wer da? Hände hoch, oder ich schieße!“ und im gleichen Moment drehte ich das Gewehr um, und hieb mit dem Kolben herzhaft zu.
Es gab wieder eine Verhandlung, und wieder wurde ich bezichtigt, irgendetwas falsch gemacht zu haben.
Und ich sagte: „Ich konnte doch nicht wissen, dass der Spieß sich nachts in den Büschen herumtreibt. Ich hätte normalerweise schießen müssen, dann hätten wir jetzt einen Ausbilder weniger und eine Ausbilderwitwe mehr.“
Das sahen sie wieder mal nicht ein und meinten, sie würden mich dann doch lieber entlassen, denn sonst hätten die Chinesen demnächst niemanden mehr den sie angreifen konnten. Das war ungerecht.
Ich hatte meine Pflicht getan.
Was kann ich dafür, dass die ihre Panzer in Shanghai auf dem Fischmarkt kaufen und sich unsere Leute im Gebüsch herum treiben?
Ich war mir keiner Schuld bewusst, nein ich fühlte mich gekränkt.
Und dabei hatte ich mich schon so gut eingelebt, dass ich fest entschlossen war, Berufssoldat zu werden.

Pale Sister

von Janek Heinrich (copyright)

Ich steckte das Photo in meine Jackentasche zurück.
Nur ein Junge der im Sonnenschein einen Apfel aß war darauf zu sehen, mehr nicht.
Meine Güte, dachte ich, wie lange war das jetzt her, dass ich selbst einen echten Apfel gegessen hatte – dreißig Jahre, oder mehr?
Ich schloss das Gartentor hinter mir und ging den Kiesweg entlang – der Rasen könnte auch mal wieder geschnitten werden, dachte ich.

„Guten Tag Commander Smith.“ Die Haustür hatte mich identifiziert und schwang lautlos nach innen.
Ich begab mich, an der Küche vorbei, direkt zum Wohnzimmer. „Hallo Mädels, ich habe da was für euch“, sagte ich in den abgedunkelten Raum hinein aber sie hörten mich nicht.

Meine drei Grazien lagen vor dem Bildschirm.
Sie trugen diese dicken Plastikbrillen die für den 3D – Effekt sorgten und Kopfhörer für den Ton in Surround.
Sie waren bleich wie chinesische Gräfinnen – bleich genug, um zu gefallen; kein Sonnenstrahl durfte sie treffen . Man wollte sich auf dem Schulhof schließlich nicht blamieren
Die Augen hatten rot zu sein, die Lider bläulich, und wer es schaffte seine Haut in blasses Pergament zu verwandeln, hatte gute Chancen auf den „Pale Sister“.
Der ‘Pale Sister’ ist mehr als nur eine Auszeichnung für die Besten, es ist ein Award der über die Namenlosen herrscht – der Traum und das Ziel.
Die Mädchen verglichen oft ihre Unterarme, um zu sehen, bei welcher wohl die Adern und Sehnen am deutlichsten hervor traten und ob sie auch die richtige Farbe hatten.
Es war nicht mehr die Frisur die zählte, nicht groß oder klein, und wenn Dünne auch immer gute Chancen hatten, so konnten trotzdem auch Üppige gewinnen wenn nur eine Krampfader in der richtigen Farbe ihren Busen zierte.
Alles hatte sich überholt. Die Piercings, die Brandings und die Tätowierungen sowieso. Wie albern, wer damit herumlief.
Wie reizlos, wie muffig, wie abgeschmackt.

„Kultur ist das Gegenteil von Natur. Kultur kommt von Kunst. Kunst von künstlich. ‘Künstlich’ ist das Wort! Aus dem freien Geist der Freien geboren“, wie W.C. Cult immer so treffend sagt, „frei in dem Streben nach wahrer Schönheit, ohne göttliches Zutun“.
Viele hatten es versucht. Alle waren gescheitert.
Sie hatten sich bis zur Unerträglichkeit Farbe unter die Haut gejagt. Oder Stahlkugeln. Oder Nägel. Die Zunge gespalten, ein Auge ausgestochen oder die Lippen amputiert. Nur um der Wahrheit, der Individualität willen.
Sie waren Helden.
Sie waren lächerliche Helden, aber sie waren unsere Vorkämpfer und Sie hatten die Idee von „Pale Sister“ erst möglich gemacht.
HumART heißt die Gesellschaft, die den begehrten Preis verleiht und ihr Präsident und Vordenker ist: W.C. Cult.
Ein unscheinbarer kleiner Mann, der immer graue Anzüge trägt die keine Taschen haben, als Zeichen für seine Unbestechlichkeit. Er trägt keine goldenen Ringe und nicht einmal eine teure Armbanduhr, aber diese Unauffälligkeit ist es wohl, die seinen machtvollen Status umso mehr unterstreicht.
Der Preis geht an die ARTigen, wie man sagt. Je weniger die Äußere Erscheinung dem Natürlichen ähnelt, desto ARTiger, desto besser. W.C. Cult spricht jeden Tag zu uns auf ARTV und die Sendung wird rund um die Uhr wiederholt; andere Sendungen gibt es nicht.
Alle zehn Minuten gibt es Werbung und da wird alles feilgeboten, was man braucht um das hohe Ziel zu erreichen. Von Implantaten, über entstellte Gliedmaßen, bis hin zu Medikamenten, die alle möglichen Störungen im Organismus verursachen.
„Gelenkte allergische Reaktionen“, waren bis vor kurzem noch auf jedem Wunschzettel zu finden, aber im Moment heißt die oberste Devise: „ Durchscheinende Haut und Adern in leuchtendem Pastell.“
Die Mädchen klebten jede freie Minute in dämmriger Dunkelheit vor dem 3D- Schirm. Ich war besorgt.

Ich berührte den Taster und die Wände des Wohnzimmers wurden langsam hell.
„Hey, was soll das? Bist du verrückt? Mach’ das Licht wieder aus!“
„Ja, Papa, das Bild wird unscharf.“
Ich lächelte. „Nein, setzt mal die Brillen ab, ich will euch etwas zeigen.“
„Etwas zeigen? Hast du uns was mitgebracht?“
Ich nickte.
Sie warfen ihre Brillen beiseite.„Was ist es? Was hast du uns mitgebracht? Blutdruckpillen? Austrocknungscreme? Antivitamin?“
„Nein, ich habe etwas auf dem Dachboden gefunden. Hier, seht mal.“
„Was soll das sein?“
„Das ist ein Photo von eurem Großvater.“
„Was ist ein Photo?“
„Ein Photo, ist ein Bild.“
„ Das ist kein Bild. Es bewegt sich nicht.“
„Früher war das so.“
„Aber das ist kein Großvater, das ist ein Kind. Ein hässliches Naturkind.“
„Oh nein, seht mal, er steht in der Sonne. Er wird eine ekelig braune Hautfarbe bekommen.“
„Er hat keine Augenringe, keine Narben und keine Implantate. Papa, warum zeigst du uns so was? Sollen wir schlecht schlafen, oder wie?“
„So sehen Menschenkinder eigentlich aus. Damals, zu Opas Zeiten jedenfalls“ sagte ich.
„Die Armen. Gut, das wir nicht mehr so gruselig natürlich sein müssen. Was isst der da eigentlich?“
„Das ist,“ ich griff in meine Jackentasche, „das ist ein Apfel – ein echter. Wollt ihr mal probieren?“
Sie wichen zurück, wie Vampire vor einem Kruzifix.
„Iiihh, Papa, nimm das weg!“
„Nimm es weg, bitte!“
„Das ist Natur, es ist ekelhaft!“
„Schon gut, schon gut“, ich steckte den Apfel in meine Tasche zurück und lächelte.
„Ich muss nochmal los“, sagte ich, „aber wenn ich zurück bin, ist erst mal Schluss mit Fernsehen, O.K.?“
Die Mädchen rollten sich zurück auf die Polster und gaben keine Antwort – sie wollten sich wohl nicht festlegen lassen.
Ich verließ den Raum und drückte auf den Taster damit das Licht wieder gedimmt wurde.
Erst nachdem ich das Haus verlassen hatte, öffnete ich die Klappe in meinem Unterarm. „Zentrale? Hier ZKNS2050. Die Mädchen sind sauber. Alles auf Linie. Muss eine Fehlinformation gewesen sein“.
Das Foto kam zurück in die Schutzhülle. Der Apfel in die Klimabox .
Ich ging ein paar Schritte in den Garten, dann schaltete ich die Tarnkappe aus. Ein Prototyp, aber sie funktionierte – ich würde einen Bericht schreiben müssen.
Ich ging langsam über den Kiesweg und schloss das Tor sorgfältig hinter mir.
Der echte Mr. Smith würde frühestens in einer viertel Stunde nach Hause kommen.

Das Josefevangelium

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

Professor F. E. Findeisen, Kenner des Koptischen am Ägyptischen Museum Berlin, entdeckte an einem regnerischen Sonntag in den Archiven seiner Wirkungsstätte einen Text, den er – das fühlte er dunkel – schon einmal gesehen, aber nicht genügend beachtet hatte. Nun, im kalten Lichtkegel einer Energiesparlampe und in der melancholischen Stimmung eines hohen Raumes, an dessen Fensterscheiben der Regen zarte Wasservorhänge hinabwallen ließ, da stach ihm das koptische Wort für Josef in die Augen. Der Name schrie ihn an und bat, die nutzlose Zeit eines Sonntags mit dem Studium dieser Papyrus-Rolle auszufüllen. Findeisen wand sich, denn ihm schwante, dass er, wenn er einmal anfinge, Monate darauf verwenden würde, den Text in ein lesbares Englisch zu übersetzen, damit es die wenigen Experten auf der Welt zu lesen bekämen. Wer hieß nicht alles Josef! Als aber die koptische Vokabel für das griechische „Tekton“ in sein Gesichtsfeld rückte (sie lautet als Fremdwort im Koptischen nicht anders als das griechische Original), da entschloss sich Findeisen, den Rest des Tages darauf zu verwenden, diesen Text eindringlicher als bisher in Augenschein zu nehmen.

Findeisen versuchte, die Schrift auf der beschädigten Papyrus-Rolle wörtlich zu übersetzen, mit allen Auslassungen, die ihm abgeblätterte, herausgerissene oder verbrannte Stellen auferlegten, und er sollte, was die Mühe betraf, Recht behalten. Denn erst Anfang 2011 nahm das Journal for Jewish and Christian Archaeology (JJCA) seine Arbeit an, veröffentlichte sie und löste eine weltweite heftige Diskussion darüber aus, ob es sich um ein echtes oder gefälschtes Evangelium handele, dazu um eines, das der Vater Jesu verfasst haben soll. Findeisen nannte es Codex Josephi Nazareni oder einfach EvJos (das Evangelium Josefs des Herrenvaters, kurz Josefevangelium). Die Publikation im JJCA war für die Wissenschaft erforderlich, aber unleserlich für den interessierten Laien. Darum verfasste er einen Text, der die Lücken schließt (ohne den Sinn des Originals zu entstellen) und den der Leser in einer dem Gegenstand angemessenen, dennoch gewohnten Sprache rezipieren kann. Dieser Text wird hiermit, exklusiv, dem Publikum vorgestellt.

EvJos Anfang

Ich schreibe nieder, was ich nach einer langen Irrfahrt über das Leben meines erstgeborenen Sohnes Jesus gehört habe. Einem Vater widerfährt nichts Schlimmeres, als dass sein Kind vor ihm zu Grabe getragen wird. Er tröstet sich nicht damit, dass ein Gott das Kind zu einem großen Werke ausersehen und mit allen Eigenschaften begabt hat, das Werk erhaben und schnell zu vollenden, um den Vollender alsbald zu sich zu rufen und sich in dessen Vollkommenheit zu spiegeln. Aber wer wischt die Tränen der Mutter fort? Wer lindert den Gram des Vaters? Mir bleibt nur, Erinnerungen aufzurichten, meine eigene Erinnerung an einen Menschen, den ich durch ein unnachsichtiges Schicksal verloren habe, als er an der Schwelle zur Reife stand, und die Erinnerungen anderer, glaubwürdiger Personen, denen die Freude vergönnt war, wenigstens eine kurze Zeit in seiner Gegenwart zu verbringen und seine erstaunlichen Reden zu hören, die auch heute noch, da mich das Alter an den Rand des Grabes ruft, auf Plätzen und in Gebetshäusern verkündet werden, so dass ich mich meiner Unwissenheit schäme. Ich habe in meinem Sohn Jesus einen Meister gefunden und will es gerne eingestehen, um den übergroßen Verlust ertragen zu können, den mir der Tod meiner Frau und meines Erstgeborenen auferlegt hat und der mich schier erdrückt.

Obwohl unwürdig, beginne ich die Erinnerung an meine geliebten Verstorbenen mit mir selbst, um alles in gehöriger Reihenfolge berichten zu können. Ich wurde im vierten Jahr der Regierung des Königs Herodes zu Bethlehem geboren. Mich gebar Esther, die Frau Jakobs, meines Vaters, Mattans Sohn. Und abermals: Obwohl unwürdig, kann ich nicht verhehlen, dass mein Vater und alle Väter davor eine Geschlechterkette bilden bis vor den Thron Davids, des von Gott Geliebten. Ich hätte diesen Umstand verschwiegen, wenn er nicht mit so starker Wirkung mein Leben und das meiner Frau, meines Erstgeborenen und vieler anderer umgebogen hätte in eine Richtung, die ich nicht einschlagen wollte, und zu einem Ziel, das der Heilige Israels alleine versteht und das sich mir in meinem Alter nur schemenhaft erschließt.

Als es an der Zeit war, einen Beruf zu erlernen, zog ich nach Jerusalem, der Stadt, in der König Herodes baute. Dort studierte ich die Kunst der Architekten. So wurde ich Tekton, geschickt, in Stein und Holz zu arbeiten. Der König hatte den Bau des Tempels fast vollendet, als ich einem Beamten der Baubehörde meine Dienste antrug. Da ich, ein Jüngling, mit meiner Abkunft prahlte und meine Fertigkeit im Bearbeiten von Marmor und edlen Hölzern über mein Verdienst herausputzte, so mag der Beamte meine Angeberei als Eifer ausgelegt haben, denn er stellte mich ein, um am Tempel des Ewigen Schlußsteine zu hauen, Dächer zu decken und letzte Schliffe zu vollbringen. Ich wurde ein eifriger und guter Tekton.

Im Innenhof des Tempels, zwischen Baumaschinen, Werkstätten und Arbeiterwohnungen, dort begegnete ich ihr zum ersten Mal, Miriam, meiner Geliebten. Als ich sie sah, da musste ich stehen bleiben, denn der Geist war überfordert, meine Schritte zu lenken und zugleich den Anblick ihrer Gestalt zu umfassen. Mein Begleiter erkannte das Staunen, zog mich am Ärmel und sagte: „Sie arbeitet als Weberin, zuständig für einen Teil der Innendekoration. Ihre Tante ist mit einem Priester verheiratet, sie stammt von Aaron ab, dem Leviten. Miriam darf hier dienen wegen alledem und wegen ihrer Geschicklichkeit und, wie du selbst es erkannt hast, ihrer Schönheit wegen. Komm! Ihr werde ich dich morgen vorstellen. Geduld, du Sohn Davids.“ Ich verbrachte die Nacht schlaflos und konnte den Tag nicht erwarten.

Als Miriam sich umwenden musste, weil ich ihr vorgestellt wurde, und als sie meinen Namen hörte, da blickte sie mich ohne Umschweife an, aber auch ohne Anzüglichkeit, sondern forschend, über eine weite Entfernung hinweg, jedoch MICH meinend, denn es war keiner der verloren gehenden Blicke, wie ich sie oft beim Gang über Baustellen und Märkte erlebe. Seitdem bin ich ihr ausgeliefert. Mein Begleiter verließ uns. Der erste Satz, den Miriam, meine Geliebte, sprach, aber war dieser: „Ich webe Lilien in Salomos Teppich.“ Ich stammelte: „Ich baue Bögen in Salomos Tempel.“ Es klang wie Losungsworte, wie ein Petschaft der Sprache. Da lachte sie versonnen und entgegnete: „Wir bauen und weben.“

Seit dem Tage nannte man uns spöttisch Tochter Aarons und Sohn Davids. Der wohlmeinende Spott wurde weiter getrieben, bis es hieß: „SIE stammt aus dem Priestergeschlecht, ER aus dem Königsgeschlecht – was wäre besser geeignet zur Zeugung des Messias’, der in Israel König sein soll!“ Die Pharisäer aber begannen, das messianische Königtum mit der Regierung des Fürsten Herodes zu vergleichen. Sie flüsterten oder schrien: „Herodes aus Edom ist der Antifürst, er darf kein König in Israel sein!“ Herodes, König von der Römer Gnaden, um Selbstständigkeit bemüht und seinen Willen hervorkehrend, indem er bauen ließ, auch mit meiner, seines dankbaren Tektonen, Hilfe, fürchtete um seine Macht und strafte das freche Mundwerk der Aufsässigen und warf auch manch einen Edlen ins Gefängnis. Das alles, was ich hier in dürren Worten berichte, besprach ich mit Miriam, meiner Geliebten, und wir beschlossen, vorsichtshalber die Nähe des erzürnten Königs zu verlassen. Darum zogen wir nach Norden hinauf bis Galiläa, wo wir in Nazareth eine Bleibe fanden. Dort warfen wir uns in die Arme und wurden nach Gottes Willen eines. Danach traute uns der Priester, um dem Gesetz zu genügen.

Alsbald erreichte uns die Nachricht eines königlichen Beamten. In freundlichen Worten, in verführerischer Sprache, teilte er uns mit, der König bedürfe unser zur Fertigstellung des Tempels, eines nationalen Projektes, an dessen Vollendung alle Patrioten mitwirken müssten. Ferner befahl er meine Anwesenheit zum Zwecke, die Steuerlisten der königlichen Verwaltung auf einen neuen Stand zu bringen. Deswegen sei meine Anwesenheit in Bethlehem erforderlich, wo sich die Liegenschaften meiner inzwischen verstorbenen Eltern befänden. So hörte ich, dass sie gestorben waren, erst meine Mutter, dann aus Schmerz über ihren Verlust der Vater. Trotz mancher Bedenken und obwohl Miriam, meine Geliebte, schwanger war von meiner nie erlöschenden Liebe zu ihr, fassten wir den Entschluss, hinabzuziehen in die Höhle des Löwen, auf Gottes Beistand vertrauend. In Bethlehem, meiner Geburtsstadt, der Stadt Rahels, der Frau Jakobs, unseres Erzvaters, suchte ich ein sicheres Versteck, bevor ich mich nach Jerusalem begeben würde, um zu erfahren, was wahr und was falsch wäre an den Worten des königlichen Beamten.

Meine Geliebte, meine Ehefrau, die Weberin, gebar in dem Versteck, das ich in Bethlehem ausgesucht hatte, den Sohn, den wir Jesus nannten. Wir nannten ihn so, weil wir darauf bauten, der Ewige würde uns wie Josua eine sichere Heimat geben und nicht, wie Moses, nur in Aussicht stellen. Wir wussten nicht, was nun zweckmäßig zu tun wäre. Aber in meiner scheinbaren Ratlosigkeit riet mir eine innere Stimme, mich nicht nach Jerusalem zu begeben, mich nicht der Gegenwart des Königs oder seiner Beamten auszusetzen, sondern südwärts zu fliehen. Nach der Beschneidung unseres Knaben reisten wir, indem wir Edom, des Königs Stammlande, mieden, nach Askalon, wo wir ein Schiff bestiegen, das uns sicher nach Ostrazine in Ägypten trug, in den Herrschaftsbereich des römischen Präfekten Turranius, der nichts von Aaron und David wusste und nichts auf unsere Abstammung gab, der aber bald unsere Fertigkeiten schätzen lernte. Dort sah ich erstmals Balliste und Onager, Widder und Wandeltürme in den Arsenalen, wo ich arbeitete. Da lernte ich ihre Funktionsweise und ihren tödlichen Zweck.

Nach dreijährigem Aufenthalt im Delta erfuhr ich, dass Herodes gestorben war, und seine Nachfolger enger an die Römer gebunden wurden, als jemals der schlaue König, dessen Brot ich gegessen und dessen Zorn ich der Pharisäer wegen gefürchtet hatte. Nun herrschte sein Sohn Antipas über Galiläa, ein halber Römer. Darum entschlossen wir uns, Jerusalem, die Pharisäer und den übel beleumdeten Archelaos meidend, nach Nazareth zurückzukehren. So geschah es, denn Turranius hatte es erlaubt. In den ersten zwei Jahren nach unserer Rückkehr arbeitete ich außerhalb Nazareths, wo meine Familie wohnte, als Tekton in Sepphoris und in den Städten am Harfensee. Ein bescheidener Wohlstand erlaubte es mir dann, die Werkstatt in Nazareth zu kaufen. Ich stellte Handwerker ein, auch Gesinde, das meine Frau unterstützte, die uns im Lauf der Jahre vier weitere Söhne gebar: Jakobus, Josef, Simon und Judas.

Aber nicht von mir und Miriam sei hier die Rede, sondern von unserem ältesten Sohn, dessen kurzes Wirken und früher Tod der Grund für zahlreiche Gerüchte ist, für Berichte über Wunder und Weisheitslehren, so dass ich mir die Augen reibe und mich frage, ob ich träume oder ob mein Same so viel Erstaunliches hätte bewirken können oder ob nicht, wie in verklungenen Tagen, der Heilige Israels selbst in unsere Verhältnisse eingegriffen hätte. Ich bin mir keiner Verdienste um Israel bewusst. Aber Jakobus, mein zweiter Sohn und der einzige, der mir geblieben ist, behauptet, ich hätte den Schlußstein in Israel gesetzt und den Eckstein für eine künftige Welt. Das verursacht mir Rauschen im Kopf, Wirbel vor den Augen und zorniges Aufwallen. Dann setze ich mich unter die Terebinthe im Garten meiner Schwiegertochter, um mein Blut zu dämpfen und mich an Jesus zu erinnern, wie er sich gab, als er noch bei uns wohnte.

Mir war nichts an ihm aufgefallen, was mich hätte vermuten lassen, er werde ein Weiser oder ein König, ein Redner oder Feldherr. Ich hatte gehofft, einen Tektonen aus ihm zu machen. Die Hoffnung war begründet. Rückblickend erkenne ich einen besonderen Wesenszug an ihm: Seine ungeteilte Hinwendung, nicht nur zu Menschen und Tieren, sondern auch zu Gegenständen, zu unseren Werkzeugen und dem Material auf dem Bauhof. Seine rasche Auffassung eignete sich alles an wie im Fluge. Aber diese Aneignung war kein Kaufen. Er betrachtete Dinge und Wesen mit einer gelassenen Strenge, aber wie aus weiter Ferne, wie ein Mensch ohne Geld die Auslagen des Marktes nur betrachtet, oder wie ein Mensch, dem alles gehört und darum nichts mehr begehrt. Dieser Blick, der mich manchmal erschreckte, der nicht anzüglich war, aber eine Beziehung webend, die nicht Besitz ergreift, gemahnt mich an Miriam, als ich ihr vorgestellt wurde. Daher war Jesus der Sohn Miriams, denn er besaß IHREN Blick, den sie auf mich geworfen hatte. MEIN Blick auf die Welt ist einnehmend und zuhauend. Ich erinnere mich nicht, Jesus jemals über Schriftrollen gebeugt wahrgenommen zu haben, so als hätte er keine Zeit mit dem Lernen verbracht. Trotzdem wusste er vieles aus der Schrift, mehr als ich, der ich um der Tradition willen die Thora und die Chroniken der Könige so gut wie auswendig kannte. Auch in praktischen Dingen war er bewandert. Ich brauchte ihm nicht zu erklären, wie man den rechten Winkel mit einer Knotenschnur bemisst. Er wusste es bereits und konnte es begründen.

Ich habe seine Folgsamkeit nie auf die Probe gestellt. Einesteils gab es selten eine Veranlassung, zum anderen wollte es mir scheinen, als hätten väterliche Verbote keine Wirkung auf sein Handeln. Ich belehrte, aber tadelte nicht, auch nicht, wenn er meiner Ansicht nach einen Tadel verdient hatte. Nur einmal bereitete er uns Kummer. Das geschah so. Nach sieben oder acht Jahren zufriedenen Lebens in Nazareth wagten wir es, am Pessachfest in Jerusalem teilzunehmen. Die Jüngsten ließen wir in der Obhut einer Kinderfrau zurück. Miriam, Jesus und ich schlossen uns einer Gesellschaft an und machten uns auf den Weg nach Zion, der Stadt Davids. Die Römer hatten Archelaos vom Thron gestoßen und einen der Ihren, den Coponius, zum Präfekten über Judäa gesetzt. Darum hofften wir auf eine günstige Reise. Miriam hatte Jesus aufgetragen, sich im Gedränge Jerusalems eng an uns zu schließen. Und ich riet ihm, sollte er uns aus den Augen verlieren, am Tor zur Straße nach Joppe, in welcher Stadt wir ein Schiff besteigen würden, auf uns zu warten. Es geschah, wie befürchtet. Ich eilte zum Joppe-Tor, Miriam aber, einer Ahnung folgend, zum Tempel. Dort fand sie Jesus im Innenhof, wie er neben dem Hohenpriester Hannas auf einem Brunnenrand saß und mit der hohen Stimme des Zwölfjährigen rief: Wenn dem Ewigen abermals die Welt nicht gefallen sollte, möge er nicht wieder seine Geschöpfe opfern, sondern sich SELBST. Miriam entsetzte sich. Sie entschuldigte sich und den Knaben bei dem Hohenpriester in demütiger Weise. Dieser entließ gnädig Mutter und Sohn, so dass unsere Reise doch noch ein glückliches Ende nahm, obwohl uns wegen des drohenden Verlustes und der Keckheit unseres Jungen der Schrecken in die Glieder gefahren war.

Mein Lebenslauf steht hier nicht zur Rede, trotzdem muss ich berichten, wie meine Verhältnisse zerrissen wurden, wie ich meine Familie und meinen Besitz verlor und warum ich am Schicksal meines Erstgeborenen keinen Anteil nehmen durfte. So sehr prüfte uns der Ewige, Miriam um ihrer Stärke willen mehr als mich, der ich schwach bin. Unser Fürst begann große Bauvorhaben in Sepphoris, der Stadt, die er zum Sitz seiner Verwaltung bestimmt hatte. Deshalb ereilte mich über die Staffel seiner Beamten der Befehl, in das Land seines Halbbruders zu reisen, des gütigen Fürsten Philippos, um die neue Stadt Caesarea Philippi zu studieren, und bei dieser Gelegenheit die Trachonitis zu bereisen, ob man in der Steinwüste brauchbares und billiges Baumaterial fände, das man über den Jordan in den Harfensee flößen könnte. Ich tat, wie befohlen, und verabschiedete mich von Miriam und meinen Söhnen. Nachdem ich zwei Wochen in Caesarea verbracht hatte, schloss ich mich einer Karawane an. Am Rand der Steinwüste überfielen uns berittene Barbaren, Ismaeliten. Sie hieben alles nieder, was Waffen führte. Die übrigen nahmen sie gefangen, auch mich, und machten uns zu Sklaven. So verbrachte ich fast zwei Jahre in den Zelten der Ismaeliten. Sei es um Abrahams willen oder wegen meiner Geschicklichkeit: Ich fand milde Herren, lernte die Wasserkunst und durfte mich innerhalb enger Grenzen frei bewegen. Dann aber wurde ich in Ketten geschlossen und über verschlungene Pfade nach Tyros an das Meer verschleppt und von dort mit vielen anderen nach Ptolemais. Nie mehr danach, bis zu meinem sechsundsechzigsten Lebensjahr, war ich Nazareth so nah! Aber ich lag in Ketten, und alles Bitten half nichts, denn wer wollte mir glauben, dass ich im Auftrag des Fürsten unterwegs gewesen und einem Überfall der Barbaren zum Opfer gefallen war, einem Verbrechen auch gegen den Kaiser in Rom.

Als Tekton, der ich im Nil-Delta nach römischen Vorgaben gearbeitet hatte, waren mir zwei lateinische Wörter als der Sicherheit auf Baustellen dienlich vertraut geworden: die Wörter ‘Achtung’ und ‘Vorsicht’. Der Ewige mag mein Elend als zu groß erkannt haben, denn er ließ in Ptolemais folgendes geschehen: Der Präfekt in Syrien, Cyrenius Quirinius, hatte sich nach Ptolemais begeben, um von dort über das Meer in seine Heimat zu segeln. Sei es, dass wir als Sklaven schon sein Eigentum waren, sei es, dass wir zufällig in der Nähe seines Schiffes lagerten, jedenfalls hockten wir gefesselt an Händen und Füßen nahe der Brücke zum Schiff. Der Präfekt schritt auf die Stelling zu, als ein Zelot, ein Landsmann von mir, der sich gegen die Fremdherrschaft verschworen hatte, mit gezücktem Schwert gegen ihn springen wollte. Unwillkürlich, ohne Berechnung, schrie ich ‘Achtung’ und ‘Vorsicht’ und wiederholte gellend kurz hintereinander meinen Schrei, so dass sich der Statthalter zu mir drehte und den Angriff gewahrte. Er entwich dem sonst tödlichen Stoß und wurde nur leicht verletzt. Ich aber verursachte durch meine Warnung den grausamen Tod eines Israeliten, rettete aber das Leben eines Römers und wurde, ohne dass ich es wollte, der Balken an der Waage des Schicksals über das Leben zweier Männer und, wie sich erweisen sollte, auch über mein eigenes Leben. Zwar wollte der Präfekt mein Verdienst um seine Rettung nicht so hoch anschlagen, dass er mich auf der Stelle befreit hätte, obwohl ich ihn darum bat, aber ich gewann dennoch sein Wohlwollen, durfte in seinem Gefolge das Schiff ‘Aquila’ betreten und wurde auf hoher See von meinen Fesseln erlöst. So kam ich nach Ostia und Rom.

Ich war Sklave, aber ohne Eisenketten, nur gefesselt durch den strikten Befehl, einen Bannkreis, den Molosser-Hunde hüteten, nicht zu übertreten. Der Statthalter stellte Urkunden für mich aus, die ein beifälliges Urteil über meinen Charakter und meine Kunst bezeugten, und gab mich aus seiner Hand. Ich wechselte meine Herren als gekauft oder verschenkt. Zuerst musste ich grobe Arbeit verrichten, Steine brechen und Straßen pflastern, danach setzte man zunehmend Vertrauen in meine Kunst als Tekton und übertrug mir die Leitung über den Bau von Landhäusern im Norden Italias, bis ich, Eigentum des Kaisers, zu den Soldaten befohlen wurde und mit ihnen als Architekt für Kriegsmaschinen über das Grauen erregende Alpes-Gebirge in die Germania inferior ziehen musste. Ich lebte jahrelang in den Militärlagern an der Grenze des römischen Reiches. Der Kaiser mochte geplant haben, sein Imperium über den Rhein hinaus nach Osten auszudehnen, aber ich erkannte wohl, das nach der Niederlage des Legaten Varus gegen die Barbaren der Offensivplan mehr und mehr ins Stocken geriet. Daraus zog ich Nutzen und bat um meine Verwendung beim zivilen Ausbau der Ubier-Stadt, damit ich aus den Arsenalen entlassen würde, denn jenseits des Stroms, im Grenzgebiet der Barbaren, ließen sich Verteidigungs- und Belagerungskunst, für die ich geschickt war, schwerlich verwenden. So geschah es. Ich wurde, obwohl immer noch Sklave, ein gut bezahlter Tekton in Niedergermanien. Ich heiratete ein zweites Mal und zeugte eine Tochter und einen Sohn. Miriam, meine Geliebte, die Weberin, und der Heilige Israels mögen mir verzeihen und es den Umständen meiner Versklavung und den Strapazen meines Umherziehens anrechnen. Als dem Germanicus, Oberbefehlshaber der Truppen, in der Ubier-Stadt die Tochter Agrippina geboren wurde, da erhielten meine zweite Frau und ich die ersehnten Freibriefe. Trotzdem war ich durch Verträge eng an den Germanicus gebunden. Mein Vorhaben, in die Heimat zurückzukehren, wurde begünstigt durch den Entschluss des Feldherrn, sich nach Syrien zu wenden. So gelangten wir in seinem Gefolge nach Antiochien am Orontes, wo mein Gönner starb im sechsundfünfzigsten Jahr meines Lebens. Es dauerte abermals zehn Jahre, bis meine familiären, finanziellen und rechtlichen Verhältnisse so geordnet waren, dass ich, nun ein römischer Bürger, die Rückkehr nach Galiläa erwägen durfte. Ich ließ den Fürsten wissen, denselben, der mir vor zwanzig Jahren befohlen hatte, die Länder seines Bruders zu bereisen, dass ich zurückgekehrt sei und seinen Befehl ungenügend befolgt hätte, und bat ihn dennoch, als römischer Bürger meiner Bitte Gewicht verleihend, Nazareth und die Städte am Harfensee zu betreten.

Ich reiste inkognito und alleine, meine Familie am Orontes in Sicherheit wissend. In Nazareth hielt ich Umschau und fragte junge Leute, die mich nicht mehr von Angesicht kannten, nach Miriam und Jesus, dem Tektonen, und nach einem gewissen Josef, seinem Vater. Sie kannten einen Jesus, wussten aber nichts Genaues, außer dass er in Kapernaum gelehrt und in Judäa hingerichtet worden sei. Diesen Jesus meinte ich nicht. Trotzdem begab ich mich zum Harfensee, um an seinem Ufer die Suche nach Miriam und dem Erstgeborenen fortzusetzen. Das Nützliche mit dem Angenehmen verbindend, ritt ich zuerst in die neue Stadt meines Fürsten, die er dem Kaiser zuliebe Tiberias genannt hatte. Welch eine Pracht! Was hätte ich hier bewirken können! Und wo, wenn nicht hier, fände ich Spuren meines Sohnes? Einen Jesus kannten die Leute, den Sohn eines Tektonen. Er habe an beiden Ufern des Sees Menschen versammelt, Aufruhr verursacht und sei deshalb geflohen oder umgekommen. Ich eilte nach Magdala. Und wieder sprachen sie von Jesus, einem Galiläer. Er habe Gutes bewirkt, Menschen geheilt und Dämonen vertrieben. Wie beflügelt eilte ich weiter nach Kapernaum. Dort traf ich Jesuaner, Menschen, die sich Jesus aus Nazareth, dem Sohn eines Tektonen, angeschlossen hatten, und die nun, da er gestorben war, aber von den Toten auferstanden sei, auf eine bessere Welt hofften und inzwischen, seiner Lehre treu, gewaltfrei und in Liebe zueinander leben wollten. Sprachen sie von MEINEM Sohn? Sollte ER es sein? Wie viele Männer mit Namen Jesus, deren Väter Architekten sind, gab es in Nazareth? Ich erschrak. Geflohen, hingerichtet, Aufruhr, gestorben, aber lebendig: Ich konnte es nicht fassen! Hoffend, aber auch fürchtend, er möge es nicht sein, zerrissen, wie ich war, fragte ich bei den Jesuanern nach Miriam und meinen anderen Söhnen. Ein kundiger Mann gab mir Gewissheit: Jakobus, der Bruder des Gesalbten, halte sich in Jerusalem auf, um dessen geistige Hinterlassenschaft zu organisieren, desgleichen auch die Frau des Gesalbten, Miriam aus Magdala. Die hochverehrte Mutter Jesu, ebenfalls Miriam mit Namen, sei aus Gram über den Tod ihres Sohnes kurz nach der Hinrichtung gestorben. Von seinem Vater hingegen werde nichts berichtet.

Ich verschwieg, wer ich bin, fragte nach der Adresse des Jakobus’ in Jerusalem und erhielt die hinhaltende Antwort, man könne ihn am Platz der Steinbrüche treffen, ebenso gut wie an anderen Plätzen. Jesuaner müssten vorsichtig sein, damit sie nicht verleumdet würden wie der Stifter ihrer Gemeinde. Ich reiste nach Judäa, in den Herrschaftsbereich des Präfekten Pilatus, dessen Mittäterschaft an der Ermordung meines Ältesten ich bald erfahren sollte. In Jerusalem verprasste ich keine Zeit mit Erinnerungen, sondern suchte den Platz der Steinbrüche auf. Vielleicht, dass mich der Zufall oder Gottes Erbarmen mit meinem Sohn zusammenbrächte. An zwei Tagen stellte ich mich auf den Platz und rief „Josef, Jakob, Mattan“, eine Losung, die derjenige verstehen würde, der darin die Namen seiner Vorfahren erkennt. Am dritten Tag aber schrie ich „Miriam“, und als ich es hinausschrie, da liefen mir die Tränen in den Bart, weil mich die Erinnerung an meine Geliebte, die Weberin, mit solcher Macht überkam, dass ich nicht anders konnte und vor Schmerz auf die Trittsteine fiel. Ein Mann griff mir unter die Arme und zog mich hoch wie der Kran einen schwankenden Balken. Als ich meinem Helfer ins Gesicht sah, erkannte ich mich in ihm. Ich warf mich zu seinen Füßen und bat ihn um Verzeihung dafür, dass ich den Söhnen kein Vater gewesen war und dass ich ihrer Mutter soviel Gram bereitet hatte. Jakobus stellte mich den Seinen vor und drängte mich, als den Vater des Gesalbten, die jesuanische Gemeinschaft zu führen. Entsetzt über sein Vertrauen in meine Fähigkeit, die ich nicht habe, lehnte ich sein Ansinnen ab. Ich selbst bedurfte ja der Belehrung! Und es dauerte viele Tage, bis ich im Bilde war, wie mein Ältester ermordet wurde und um wessentwillen.

Der Sanhedrin lag mit der Lehre Jesu überquer. Darum verleumdete er ihn bei dem Präfekten. Der wollte Händel, Untersuchungen und ein Urteil vermeiden und schickte deshalb meinen Sohn als Gefangenen zur galiläischen Botschaft in Jerusalem, wo zufällig Herodes Antipas in diplomatischer Mission residierte. Der Beschuldigte, so Pilatus, sei Galiläer und falle darum unter die Gerichtsbarkeit des Herodes. Mein Fürst jedoch ließ wissen, dass gegen meinen Sohn nichts vorliege, was eine Anklage rechtfertigt, und sandte ihn zurück. Der Sanhedrin hatte alles schlau eingefädelt und die Anwesenheit meines Fürsten in Jerusalem dazu benutzt, die Regenten in Israel gegeneinander auszuspielen. Warum das alles? Die Priester sahen ihren Einfluss schwinden, den Durchgriff auf das Volk. Mein Sohn habe sich als den Gesalbten in Israel bezeichnet, als Messias, als Menschensohn, Gottesknecht, ja, als den Sohn Gottes, und dadurch die Fackel des Aufruhrs in das Gebälk der Provinzen geschleudert und den Funken an der Wurzel des Reiches angeblasen. Denn Gesalbter, Menschensohn oder Messias sein zu wollen, das heiße, nach der Herrschaft in Israel zu trachten. Der Präfekt, nicht vertraut mit den überlieferten Schriften und nicht willens, der verleumderischen Klage auf den Grund zu gehen, entledigte sich der Angelegenheit, wie jemand einen kläffenden Köter tritt oder eine lästige Mücke zerdrückt. Was bedeutete ihm ein Leben, wenn er nur seine Ruhe in Judäa und vor dem Kaiser hätte? Mein Sohn war ihm nichts mehr als lästig! DARUM ließ er ihn kreuzigen.

Deshalb fing ich an, den Präfekten Pilatus zu hassen. Ich schämte mich als römischer Bürger, und ich bedauerte, dem Cyrenius ein Retter gewesen zu sein, obwohl er mit dem Scheinprozess nichts zu schaffen hatte, und verfluchte den Tag, an dem durch meine Schuld das Blut eines mutigen Israeliten vergossen wurde. Ich war vollgestopft mit Rache und schmiedete Pläne, die Verantwortlichen umzubringen. Ich weihte Jakobus ein und teilte ihm die Absicht mit. Er aber belehrte mich, dass sein Bruder, mein Sohn, keine Rache gewollt, sondern im Gegenteil, seinen Mördern verziehen habe mit dem Wort: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Darin nämlich bestehe der Hauptgedanke seiner Lehre: Nicht zu hassen, sondern seine Nächsten zu lieben. Ich erschauderte und fragte, WEN er als Vater bezeichnet habe, und Jakobus entgegnete zögerlich, wie um meine Enttäuschung zu dämpfen: „Den Heiligen Israels.“ Ob Jesus je von MIR gesprochen habe, wünschte ich zu wissen, und Jakobus antwortete schnell: „Viele Jahre und immer wieder.“

Ich erkundigte mich weiter nach der schriftlichen Hinterlassenschaft, nach einer veröffentlichten Zusammenfassung seiner Lehre, um sie aus erster Hand zu empfangen. Aber mein Sohn Jakobus erklärte, der Gesalbte habe, abgesehen von privater Korrespondenz, nur einmal seine Lehre schriftlich niedergelegt, im wahren Sinne des Wortes, nämlich vor die Füße einer des Ehebruchs beschuldigten Frau. In den Sand, der im Binnenhof des Tempels ausgestreut liegt, habe er mit dem Finger die Worte des Ewigen an Moses gezeichnet, wie sie in den Abschnitten Devarim und Wajikra geschrieben stehen: Du sollst Gott lieben und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Jakobus war Zeuge und wusste vermutlich, was Jesus meinte. Nämlich an die Frau gerichtet: Du sollst Gott lieben, indem du seine Gebote achtest. An die Schriftgelehrten gerichtet: Du sollst deinen Nächsten lieben und nicht steinigen. Ich sagte: „In den Sand geschrieben ist schnell vergessen.“ Jakobus darauf: „Überhaupt nicht geschrieben! In die Herzen geschnitten, DAS hat er gemeint. Wir Geschöpfe haben verschiedene Leiber, aber unsere Seelen sind ein Teil des Ewigen, und darum ist auch Pilatus ein Teil von dir.“

Ich erinnerte mich an das Wort, das Miriam von unserem heranwachsenden Sohn unter Tränen und ahnungsvoll berichtet hatte: Wenn die Welt im Argen liegt, möge der Ewige nicht mehr seine Geschöpfe, sondern sich SELBER opfern. Dieser Satz war für uns das Ende des Denkens gewesen. Wir hatten uns verboten, darüber zu sprechen, weder bei Tisch noch auf den Feldern und Wegen. Der Jüngling aber hatte es zu Ende gedacht und darum geschwiegen. Denn für ihn war damit alles gesagt worden. Wenn die Hinrichtung das Opfer des Menschensohns an Stelle des Ewigen, des Schöpfers Himmels und der Erde, gewesen sein soll, wie vertrug sich damit das Gerücht, der Menschensohn sei von den Toten auferstanden und gen Himmel gefahren? Darüber begehrte ich Auskunft von den Jesuanern. Jakobus sprach: „Wie der Rauch des Brandopfers zum Himmel aufsteigt.“ Ich empörte mich und fragte: „Ihr habt ihn verbrannt?“ Und Jakobus: „Sein Leib wurde nicht verbrannt, sondern verklärt.“ Dann begleitete er mich zu Miriam aus Magdala, der Frau des Gesalbten, den sie auf Griechisch den ‘Christos’ nannten. Abermals begegnete ich dem unverschleierten Blick aus der Ferne, wie ich ihn nur an meiner Geliebten und meinem Ältesten gesehen hatte. Nach einer Zeit des Schauens umarmte sie mich und begann, an meiner Schulter zu weinen. Wir weinten. Dann fasste sie meine Hand und führte mich zum Friedhof nahe dem Schädelberg. Im Felsengrab Josefs aus Ramatajim, der Stadt Samuels, des Königmachers, dort sei mein Sohn bestattet worden. Als wir …

EvJos Ende

Hier endet der Text. Sein Rest war angesengt worden und darum unleserlich. Findeisen vermutet, dass der Papyrus 1981 bei Ausgrabungen in Al-Bahnasa gefunden wurde (die Archiv-Beschriftung erlaubt leider keine eindeutige Zuordnung). Er hält den Papyrus für echt in dem Sinne, dass er keine Produktion der vergangenen zweihundert Jahren ist, und datiert ihn auf das 3. Jahrhundert als eine von etlichen Kopien, deren Urschrift vielleicht von Josef selber stammt oder doch von jemandem aus der Jerusalemer Christengemeinde.

Vermutlich ist Josef an den Orontes zu seiner Familie zurückgekehrt. Die Formulierung im ersten Papyrus-Abschnitt, er habe in seinem Sohn Jesus seinen Meister gefunden, lässt darauf schließen, dass er ein ‘Jesuaner’ geworden ist, die Gemeinde in Antiochien unterstützt und ihr sogar zu ihrer bedeutenden Stellung in der Urchristenheit verholfen hat. Findeisen kündigt an, den Archiv-Bestand systematisch zu durchforschen, um weitere Aufschlüsse über Josef zu erhalten, dessen Wichtigkeit bis zu dieser Veröffentlichung unterschätzt worden sei. Vielleicht muss die Apostelgeschichte neu geschrieben werden.

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