Der Ausweg

von Eduard Breimann (copyright)
Pater Barnabas, Prior und Leiter der Klosterschule, schaut bedächtig auf die Köpfe, die ihm ihre messerscharf gezeichneten Scheitel zeigen. Die Jungen starren auf ihre Hefte; sie wagen es nicht, die Seiten des Katechismus umzublättern.
Es ist still, lautlos wie sonntags in der altehrwürdigen Klosterkirche, wenn der Abt, Pater Thomas, von der Kanzel auf [...]

New York, New York

Sie heißt Elke. Sie hasste ihren Namen und brachte ihn anagrammatisch mit Ekel in Verbindung. Die Eltern stammten vom Niederrhein, waren katholisch, muteten die Erziehung, die sie selbst ertragen hatten, auch der Tochter zu, „eine bittere Medizin gegen den störrischen Willen, zur Lenkung des Fleisches, zur Ehre Gottes.“ Verspätungen auf dem Schulweg wurden mit Schlägen geahndet. Der Vater schlug mit dem Riemen (sie schämte sich dann ihrer Nacktheit). Die Mutter musste währenddessen das Essen aufwärmen, damit das Kind seine warme Mahlzeit empfinge. Kinobesuche und Gänge ins Freibad waren verboten, denn der Vater litt keine „streunende Katze“. Er wollte sich später nichts vorwerfen lassen. Der Vater. Er wusste nicht, dass auch Mädchen masturbieren, sonst hätte er nächtliche Kontrollen „durchgeführt“. Die Mutter war ein eine Schürze, ein Nichts.

Der Kuppler

Was wissen wir über Chinesen? Eben. Darum habe ich die Ausstellung im Alten Museum besucht. Ich erinnere mich nicht genau an das Thema (Schätze der Himmelssöhne oder so ähnlich), aber ich erinnere mich daran, dass ich von einer Gruppe junger Mongolen oder Chinesen empfangen wurde (den Anschein hatte es), denn sie standen im Halbkreis auf dem Rasen im Lustgarten und sangen: „Oaaah“ und „Eiiih“. Beim tiefen Oaaah beugten sich die Sänger nach vorn, beim hohen Eiiih nach hinten. Sie fassten sich an den Schultern, winkelten ihre Beine und gaben mir und anderen Ankömmlingen Proben ihrer Sangeskunst.

Eva und die Physik

„Weißt du, Jürgen, …“ Eva ist mein Enkelkind. Sie nennt mich Jürgen, weil ich so heiße und weil ich die Bezeichnung Opa nicht ausstehen kann. Der Titel Großvater ist mir zu altväterlich. Er hört sich an, als trüge ich einen Rauschebart. Dabei trage ich alle drei Tage nur einen Drei-Tage-Bart und bilde mir ein, wie George Clooney auszusehen. Ich habe Eva gestattet, nein, ich habe sie gebeten, sie angefleht, mich bei meinem Vornamen zu nennen und zu vergessen, was ihre Mutter predigt, nämlich mich Opa oder Großpa zu schimpfen (was angeblich respektvoller ist).



Flugs

… kai kathisas tacheos grapson pentekonta. Und setz dich auf deinen Arsch; ´tacheos´, das hattest du schon, das kannst du nicht immer mit ´schnell´ übersetzen, dachte der Junker und ersann ein neues Wort. Als er es erfinderselig niederschreiben wollte, stieß er gegen das Tintenfass. Es kippte um. Die Tinte ergoss sich, aber nicht gänzlich. Dazu kam sie nicht mehr, denn der Junker Jörg ergriff das Fass und schleuderte es gegen die Wand seines Zimmers im Vogteihaus der Wartburg. Nachdem er getobt und geflucht und das Dienstpersonal verrückt gemacht hatte, es möge ihm neue Tinte bringen, in einem neuen Behälter versteht sich, und nachdem das alles geschehen war, da setzte er sich hin und schrieb: … setz dich hin und schreib flugs fünfzig (Lukas 16, 6).

Das zweite Gebot

Mitten in Wuppertal, zwischen Elberfeld und Barmen, erhebt sich die Hardt, ein Bergrücken, teils bewaldet, teils bedeckt mit einem Park. Auf halber Höhe steht das Missionsmuseum in der Missionsstraße. Das Institut nennt sich heute Völkerkundemuseum, vielleicht weil Mission aus der Mode gekommen ist, vielleicht auch, weil man sich ihrer damaligen Absichten und Methoden ein wenig schämt. Die Missionsstraße hat jedenfalls ihren Namen behalten.



Ein Seitensprung auf italienisch

von Lina Fehse (copyright)
oder auf deutsch
ein Seitensprung lohnt nicht immer
Endlich wieder im Urlaub. Wir sind in bella Italia in einem Luxushotel.
Am ersten Tag machten wir es uns bequem am Meerwasser-Pool. Die Matrat­zen der Liegen waren weich, die Bedienung perfekt, nur die Handys nervten. Mein Mann las wie immer. Rechts von ihm quakten zwei Italienerinnen, Mitte [...]

Pflaumenbäume sind gefährlich

von Jürgen Jesinghaus (copyright)
I.
Professor Teodoro Dasiger hieß bei seinen Studenten „Quasi Eroico“ – vermutlich wegen seines italienischen Vornamens. Wenn sie ihn ärgern wollten oder sich selbst über ihn geärgert hatten, nannten sie ihn Quasi. Aber wenn sie voller Achtung über ihn sprachen, gebrauchten sie den Ehrentitel Eroico. Wie der Spitzname zustande gekommen war, keiner wusste [...]



Der kopflose Reiter

von Jürgen Jesinghaus (copyright)
1.
Gernot Apostel hat die akademische Welt lächerlich gemacht, weil er ohne Medizinstudium als Arzt auftrat und sogar als Klinikleiter vorgeschlagen wurde. Man ist ihm auf die Schliche gekommen, aber viel zu spät, als dass sich die Gelehrtenrepublik vor dem Spott hätte retten können. Apostel übersetzt man am besten mit „der Kleine von [...]

Die Geschichte einer unendlichen Liebe

von Eduard Breimann (copyright)
Die Tänzer des Meeres
Wir fahren mit einem der flachen Fischerboote entlang der Küste von Kreta. Ich beuge mich über Bord und schaue ins klare Wasser, das den Blick in die Tiefe erlaubt. Wogendes Seegras sehe ich und Fische, große Schwärme, die wie auf Kommando gemeinsam und synchron die Richtung wechseln.
Und dann, still [...]