Der Fürst der Meere und seine Liebe

von Barbara Strauss (copyright)

Es war einmal ein Schloß, das stand auf einer Klippe hoch oben über dem Meer. In dem Schloß wohnten ein König und seine Königin. Sie hatten eine kleine Tochter.
Das Mädchen wuchs heran und wurde mit jedem Tag schöner. Am liebsten saß es oben am Fenster seines Gemachs, blickte verträumt über das weite Wasser und sang mit seiner glockenhellen Stimme wunderschöne Melodien, die weithin hallten und jeden entzückten.
So dauerte es nicht lange, bis auch der Fürst der Meere tief unten in seinem nassen Reich die Stimme vernahm. Bald war er so gefesselt von den Klängen, daß er zwei Seepferdchen aussandte nachzusehen, woher die wunderbaren Töne denn kämen. Die beiden Seepferdchen verneigten sich ehrerbietig und schwammen aus der dunklen Tiefe der Sonne entgegen.
Es dauerte eine ganze Weile, bis sie die Klippe mit dem Schloß erreichten. Sie reckten die Hälse aus dem Wasser und blickten den steilen Fels hinauf bis zu dem Gemäuer. Zwar konnten sie wohl hören, daß die Stimme von da oben kam, aber das Schloß war viel zu weit weg, um die Sängerin ausmachen zu können. Da riefen die Seepferdchen eine Möwe herbei, die gerade über ihre Köpfe hinwegsegelte.
„Was wollt ihr von mir?“ schrie die Möwe und kam im Sturzflug auf die Seepferdchen zu, daß diese erschrocken ein Stückchen tiefer tauchten. Die Möwe kicherte und stieg wieder in die Lüfte.
„Kennst du die Stimme?“ riefen die Seepferdchen, die ihre Köpfe wieder mutig aus den Wellen streckten, ihr nach. Noch einmal kicherte die Möwe und kreiste nun in einiger Entfernung über den beiden Wassertierchen, um sie nicht wieder zu vertreiben. Die Möwe verspürte keinen Appetit, denn Seepferdchen mundeten ihr nicht sonderlich, und sie aß sie nur in Notfällen. Und da sie gerader erst einen dicken Fisch verzehrt hatte, bestand kein Notfall. Aber solche Tage gab es nur selten. Ein Möwenleben ist anstrengend.
„Ei, freilich kenne ich die Stimme!“ rief sie zurück. „Dann sag‘ uns doch, von wem sie kommt!“ forderten die Seepferdchen den Vogel auf. Aber die Möwe gab ihr Wissen nicht gerne preis.
„Wer will das denn wissen?“ fragte sie neugierig. „Unser Herr, der Fürst der Meere!“ war die Antwort. Jetzt sah die Möwe ihre Chance auf ein herrliches Leben für alle Zukunft, und die Gier erwachte in dem Tier.
„Dann sagt eurem Herrn“, rief sie, „wenn er mir jeden Tag einen Schwarm dicker Fische zu jenem Felsen dort schickt, werde ich mein Wissen nicht mehr für mich behalten!“ Damit flog die Möwe davon und kicherte lauter als zuvor.
Nun blieb den beiden Seepferdchen nichts weiter übrig, als zurück zum stillen, dunklen Palast ihres Herrn zu schwimmen. Zitternd verneigten sie sich vor dem Thron.
„Nun, was habt ihr zu berichten?“ fragte er ungeduldig, und seine gewaltige Stimme brachte das Wasser in Bewegung und ließ hohe Wellen an die Ufer des Meeres rollen.
„Die Möwe….“, begann zaghaft das eine Seepferdchen, und „die weiß es besser als wir“, setzte das andere fort. „Sie will für ihr Wissen eine Belohnung von dir“, schlossen beide gemeinsam, und ihre Stimmen waren kaum noch zu hören.
„So, so! Nun, wenn sie die Belohnung verdient, dann soll sie sie auch bekommen!“ Damit erhob sich der Fürst von seinem Thron und schickte sich an, selbst an die Oberfläche zu schwimmen. Oben angekommen rief er mit mächtiger Stimme nach der Möwe, und es klang wie lautes Donnergrollen und ließ die Menschen an Land ängstlich nach einem Gewitter Ausschau halten. Die Möwe aber hatte nur darauf gewartet und war im Nu zur Stelle.
„Jetzt sag‘ mir, was du weißt, und du sollst nie mehr Hunger leiden müssen!“ rief der Fürst ihr zu, und seine Stimme ließ riesige Brecher gegen die Küsten prallen.

„Hi, hi, wie du befiehlst, mein Gebieter!“ kicherte die Möwe und schien absolut keine Angst zu haben. „Jeden Tag fliege ich zu den Fenstern des Königsschlosses und sehe das lieblichste Mädchen, das du dir vorstellen kannst. Sie ist es, die diese wundervollen Lieder singt, während sie das Meer betrachtet.“
Von dieser Stunde an konnte der Fürst der Meere an nichts anderes mehr denken als an das Mädchen, dessen Bildnis er vor Augen hatte, ohne es je gesehen zu haben. Er verzehrte sich nach ihm und begehrte nichts so sehr, als das Mädchen zu seiner Frau zu machen. In seiner Verzweiflung wandte er sich an die Sterne um Hilfe. Oft schon hatten die Sterne in langen Nächten seine Einsamkeit gemildert. Voller Mitgefühl versprachen sie auch sofort, ihr bestes zu tun.
In der folgenden Nacht hatten der König und die Königin einen seltsamen Traum: Ein Mann von riesenhafter Gestalt klopfte an ihr Tor. Der Mann war ganz nackt, aber über und über mit Algen bedeckt, und Wasser troff aus seinem langen Haar. Dieses furchterregende Wesen hielt so mir nichts dir nichts um die Hand der Königstochter an und bat, das Mädchen am Morgen zum Meeresufer zu schicken. Er werde das Mädchen reich und mächtig machen.
Vor Schreck erwachten die Königin und der König und waren froh, daß alles nur ein Traum gewesen war. Die Sterne hatten es wirklich gut gemeint, aber das Königspaar wünschte der Tochter weder Reichtum noch Macht, denn das hatte sie ohnehin schon, sondern ein glückliches Leben. Und sie konnten sich gar nicht vorstellen, daß solch ein wilder Kerl ihr Kind glücklich machen könne. Voller Angst versteckten sie ihre Tochter in einer Kammer, die auf der dem Meer abgewandten Seite des Schlosses lag.
Von diesem Tag an war es still über dem weiten Meer, und alle dachten sehnsüchtig an die wunderbaren Melodien. Der Meeresfürst aber wurde unendlich traurig. Die Sterne konnten sich gar nicht oft genug entschuldigen für ihre Tolpatschigkeit und wollten ihren Fehler wieder gut machen. Sie riefen den Wind herbei und berichteten ihm von dem Unglück. Der Wind, der ein verspielter Geselle war, erklärte sich gerne bereit, einen Versuch zu unternehmen.
Erst säuselte er sanft um das Schloß herum, bis er die Prinzessin in ihrer versteckten Kammer ausfindig machen konnte. Dann rüttelte er kräftig an Mauern und Fensterläden, um ins Schloß zu gelangen und die Königstochter davonzutragen. Das dicke Gemäuer jedoch hielt all seinen Bemühungen stand, und er mußte unverrichteter Dinge zu den Sternen zurückkehren.
In der Zwischenzeit hatte sich der Kummer des Meeresfürsten unter seinen Untertanen bis in die dunkelsten Tiefen herumgesprochen. Und obwohl er ein gefürchteter Herrscher war, beschlossen doch alle ihm zu helfen. Denn sie waren der Meinung, daß nur seine Einsamkeit Schuld trage an seinem furchteinflößenden Gehabe. Wenn er endlich eine Gemahlin hätte, so hofften die Meeresbewohner, würde diese ihren Herrn sicher besänftigen.
Also schickten sie eine Robbe los, eine ganz junge mit weißem Pelz. Die schleppte sich die Felsen zum Schloß hoch, bis unter das Fenster der Prinzessin. Dort begann die Robbe jämmerlich zu weinen, daß es der Prinzessin beinahe das Herz brach. Sie öffnete die Fensterläden um nachzusehen, wer denn da so leide. Als sie das weiße pelzige Knäuel tief unten erblickte, erwachte sofort der Wunsch in ihr, das Tier zum Spielgefährten zu haben, denn auch die Prinzessin war einsam. Flugs eilte sie über Stiegen und Gänge, und niemand vermochte sie zurückzuhalten. Draußen griff sie behutsam nach dem zutraulichen Tier, aber im letzten Moment wich die Robbe wieder und wieder ein wenig zurück, bis beide das Meeresufer erreicht hatten.

Blitzschnell sprang die Robbe ins Wasser, daß es nur so aufspritzte. Schon wollte sich die Königstochter enttäuscht auf den Weg zurück ins Schloß machen, da tauchte das lachende Gesicht eines Delphins aus den Fluten. Entzückt klatschte die Prinzessin in die Hände, als er ihr seine Kunststücke vorführte. Um in besser sehen zu können, ging die junge Frau einen Schritt näher ans Wasser. Und sie wußte nicht, ob es der rutschige Fels unter ihren glatten Schuhsohlen war oder die freche Möwe, die sie fast mit ihren Flügeln im Flug streifte, die die Königstochter das Gleichgewicht verlieren und ins Wasser fallen ließen. Die Prinzessin sank tief, fast bis zum Grund. Sie schlug verzweifelt um sich, und dabei wickelte sich ihr Kleid um ihre Beine, so daß sie nicht schwimmen konnte. Aber schon war der Delphin, der nur auf diesen Moment gewartet hatte, zur Stelle. Er stupste die Prinzessin mit seinem schnabelförmigen Maul an, und sie ergriff in höchster Not seine Rückenflosse. Sicher trug das Tier das Mädchen über das Meer davon, weit weg von den Klippen mit dem Schloß. Die Prinzessin, erst froh, daß sie gerettet worden war, begann sich wieder zu fürchten. Sie begann wieder zu zappeln und schrie, der Delphin solle sofort umkehren, aber der trug sie unbeirrt weiter, bis er an einer fruchtbaren kleinen Insel anlangte. Hier setzte er die Prinzessin ab.
Hilflos saß sie nun am Strand. Die Sonne und der warme Wind trockneten ihr Kleid und ihr Haar, während sie wartete, ohne zu wissen, worauf. Da bewegte sich etwas in den Fluten, und heraus stieg der Fürst der Meere. Die junge Frau erkannte sofort, um wen es sich handelte, hatten ihr doch die Eltern von dem Traum erzählt. Der Mann sah genauso aus, wie er ihr beschrieben worden war. Dieses wilde Wesen liebte sie also. Er kam auf sie zu, und sie sah die schleimigen Algen auf seinem Körper und die langen zotteligen Haare und begann sich zu fürchten. Sie sprang auf und wollte wegrennen. Doch nun war er nahe genug, daß sie seine Augen erkennen konnte. Es waren traurige, sanfte Augen, und sie konnte große Einsamkeit in ihnen sehen. Der Fürst blieb vor ihr stehen, und beide blickten sich nur an und sagten kein Wort.
Endlich fand der Meeresfürst seine Sprache wieder und sagte: „Du kennst mich nicht, und ich habe sicher nicht recht getan, dich zu entführen. Aber es gab keinen anderen Weg, dich auf mich aufmerksam zu machen. Ich sehe, du findest mich abstoßend, doch in mich hinein kannst du nicht schauen. Wenn ich dir gar zuwider bin, sag‘ es, und ich lasse dich nach Hause bringen.“
Da entgegnete die Prinzessin: „Du täuscht dich, ich kann in dich hineinschauen, und ich sehe, daß du genauso einsam bist wie ich. Meine Eltern haben es gut mit mir gemeint, aber sie haben mich nicht gefragt, was ich möchte. Ein jeder muß selber erkennen, wo er sein Glück finden kann. Und deshalb werde ich vorerst hier bleiben, um dich kennenzulernen.“
Da war der Fürst der Meere über alles froh, und aus seinen Augen verschwand alle Trauer. Der Mann und die Frau waren bald versunken in den Geschichten, die sie einander erzählten. Die Prinzessin berichtete von ihrem Leben im Schloß, und der Fürst beschrieb ihr sein dunkles Reich. Während sie immer Neues zu berichten wußten, trockneten die Algen auf dem Körper des Fürsten und fielen ab, und seine Haare ringelten sich bald glänzend um seinen Nacken und Schultern. Doch der Prinzessin war diese Wandlung einerlei, denn sie hatte ihn schon liebgewonnen.
Nun schlug der Geliebte vor, sie solle ihm doch in sein Reich folgen und mit ihm dort leben. Er werde sie reich, mächtig und glücklich machen. Sie aber warf ein, daß dies für eine Menschenfrau wohl nicht möglich sein werde, und reich und mächtig sei sie ohnehin. Aber er solle doch einfach mit ihr ins Schloß kommen, dort könnten sie genauso glücklich werden. Doch der Fürst wurde wieder traurig.
„Viel zu weit weg steht dein Schloß“, sagte er, „von meinem Reich. Ich glaube nicht, daß ich so hoch über dem Wasser leben kann.“
Jetzt war guter Rat teuer, und es herrschte wieder Schweigen zwischen den beiden. Die Prinzessin betrachtete die Bäume und Sträucher, auf denen Früchte wuchsen, die sie noch nie gesehen hatte, und das Gras unter ihnen war hoch und saftig.
„Bist du jetzt auch zu weit entfernt von deinem Meer?“ fragte sie den Meeresfürsten. Der schüttelte den Kopf und schien zu verstehen.
„Auf Geld und Macht kann ich leicht verzichten“, sprach die Prinzessin weiter. „Kannst du es auch?“
Er nickte und nahm sie fest in seine Arme. Und fortan lebten sie auf der Insel, und keiner fühlte sich je mehr einsam.

Das Auge der Macht

von Barbara Strauss (copyright)

Das Auge der Macht hatte sich wieder geöffnet, und alle, die davon erfuhren, wußten, daß nun wieder Zerstörung und Haß die Welt regieren würden. Jeder mied den Turm, von dessen Spitze das Auge herabblickte, weithin sichtbar. Es gab niemanden mehr, der sich noch daran erinnern konnte, wie dieses Auge dort hinauf gekommen war. Nicht einmal die ältesten Überlieferungen und Sagen wußten davon zu berichten. Nur seine Grausamkeit und Selbstherrlichkeit hatten die Jahrtausende überdauert.

„Das Auge, es ist wieder offen!“ flüsterten und raunten sich die Menschen, die nahe am Turm wohnten, ängstlich zu, und die Botschaft wurde weitergetragen, so daß sich die Nachricht bis in die entlegensten Winkel verbreiten konnte. Selbst dort, fernab vom Turm, herrschte große Furcht, denn das Auge – und das wußte jeder – konnte auch die entlegensten Winkel noch einsehen.

Oft schon, wenn das Auge gerade schlief, hatten es einige Verwegene versucht, in den Turm zu gelangen. Das Bauwerk aber hatte weder Fenster noch Tore, bis auf eines, das mit einem Gitter aus armdicken Eisenstäben verschlossen war. Wer jedoch diesem Tor zu nahe kam, wurde durch das Feuer aus den Nüstern eines ungeheuren Stieres, der dahinter Wache hielt, zu Kohle verbrannt. Auch hatten schon beherzte Kletterer versucht, das Gemäuer von außen zu erklimmen, jedoch wurde ein jeder, bevor er auch nur die halbe Höhe erreicht hatte, von einem Schwarm schwarzer Vögel angegriffen, die ihm das Fleisch von den Knochen rissen und die Augen aushackten, sofern er nicht schon vorher in die Tiefe stürzte und starb.

Im Laufe der Zeit hatten die Menschen immer wirksamere Waffen entwickelt, mit denen sie hofften, den Turm erobern zu können. Viele Male hatten die Menschen diese Waffen aneinander erprobt und ihre zerstörende und todbringende Kraft erfahren. Doch der Turm ließ sich durch keine dieser Waffen erschüttern. Vor wenigen Tagen erst hatten Wissenschaftler wieder eine neue Bombe erfunden, die ausreichte, die ganze Welt zu zerstören.

„Gerade rechtzeitig“, lobten die Politiker, „jetzt, da uns das Auge wieder bedroht. Wir wollen sie gleich ausprobieren!“

Und auch jetzt, wie in all den Zeiten zuvor, fiel es keinem auf, daß sich das Auge immer dann öffnete, wenn die Menschen eine neue Waffe gebaut hatten.

So wurde also auch diese Bombe zum Turm gebracht und gezündet. Ihre Wirkung war verheerend. Nirgendwo auf der ganzen Welt blieb auch nur ein Stein auf dem anderen, und Menschen wie Tiere wurden bis auf wenige Ausnahmen getötet. Nur der Turm ragte weiterhin unversehrt in den schwarzen Himmel. Das Auge hatte sich wieder geschlossen.

Staub und Rauch verdunkelten die Erde, so daß die Nacht nicht mehr zu enden schien. Eines Tages erreichte ein Kind, das schon lange durch das finstere trostlose Land geirrt war, den Turm. Da hörte es den Stier brüllen, und das Brüllen schien ihm so jämmerlich, daß es zu sich sagte:

„Das arme Tier! Sicher ist es genauso hungrig wie ich.“ Dann raffte es Ähren, die da und dort noch zwischen den Trümmern zu finden waren, vom Boden auf, stopfte sich die Körner selbst in den Mund und reichte die Halme dem Stier. Der erkannte die gute Absicht des Kindes, ließ es ans Gitter heran und verschlang das Gras.

Während der Stier mit Kauen und Schlucken beschäftigt war, schlüpfte eine Schlange unbemerkt durch das Gitter und glitt leise nach oben. Als sie die Spitze erreichte, sah sie das Auge. Ebenso hungrig wie das Kind und der Stier und immer auf der Suche nach Nahrung, stürzte sich die Schlange auf das schlafende Auge und würgte es mit einem Bissen hinunter.

Fritz, der Regenwurm

von Inga Rothe (copyright)

Fritz war der Älteste aus dem Regenwurmstamm, immerhin schon über zwei Jahre, obwohl das Mindestalter seiner Artgenossen nur zwei Jahre sein sollte.
Er konnte nicht mehr den ganzen Tag graben, aber er passte auf, das alle ihre Arbeit gut machten.
Den ganzen Tag graben, essen, graben, von oben nach unten, das ist ihre Aufgabe, denn wenn sie es nicht tun, wird der Boden nicht durchlüftet, das Wasser sickert nicht ab und die Blumen können nicht wachsen.

Endlich hatte es mal wieder geregnet und da alle Regenwürmer gut gegraben hatten, sickerte das Wasser tief in den Boden.
Fritz kroch an die Oberfläche, schaute sich alles an und freute sich, das alles gut war.
„Ich danke dir!„ hörte er eine zarte Stimme, als er seinen Kopf noch einmal hinaus steckte.
Fritz sah eine Pflanze, die ziemlich braun aussah.
„Nicht zu danken, kleine Pflanze, das ist doch unsere Aufgabe!„
„Ja, das weiß ich, aber ist es nicht auch die Aufgabe des Menschen uns Wasser zu geben, wenn es nicht regnet?„ hauchte die Pflanze.
„Das denke ich schon. Was ist denn mit dir passiert?„ fragte er und schlüpfte zwischen ihrer Wurzel.
Die Pflanze erzählte, das sie auf einem großen Acker stand. Viele ihrer Geschwister standen da, eines schöner als das Andere. Dann kamen Menschen und nahmen sie mit.
„Aber wo sind denn deine Geschwister?„ fragte Fritz erstaunt.
„Sie sind alles verdurstet, nur ich bin noch da und hätte es heute nicht geregnet, dann…Wärt ihr nicht gewesen und hättet den Boden gelockert, dann hätte ich kaum Luft bekommen.„
„Du Arme, ich schaue morgen noch einmal zu dir, jetzt muß ich erst wieder essen.„
und schnell kroch Fritz mit einem zusammengerollten Blatt wieder in seiner Höhle, um es zu verspeisen. (Natürlich fressen Regenwürmer auch andere Sachen, wie getrocknetes Gras, Teile, die die Pflanze nicht mehr braucht.)
Am nächsten Tag wollte er die kleine Pflanze besuchen, aber er sah sie nicht. Erschrocken und traurig zugleich, wollte er wieder verschwinden, als plötzlich jemand rief:
„Hallo Fritz, kennst du mich denn nicht mehr?„ Fritz sah aber nur eine schöne Blume und sagte: „Nein, dich kenne ich nicht! Gestern stand hier noch eine braunes Pflänzchen, sicher ist sie auch gestorben, wie ihre Geschwister.„
„Nein, lieber Fritz, ist sie nicht. Schau mich an, einige Blätter von mir sind noch etwas braun, aber sonst haben sie sich erholt!Ich heisse übrigens Asta.„
Fritz freute sich sehr, und schlängelte sich um ihre Wurzeln.
Die Beiden freundeten sich an und Fritz erzählte aus seinem langen Regenwurmleben.
Noch vor einem Jahr hatte er selbst gegraben, aber seine Zeit ist bald abgelaufen. Das Regenwurmleben besteht nur aus Essen und Graben. Wenn sie viel Essen, müssen sie auch viel zur Toilette und die ist dicht unter dem Boden. Der Kot ist wertvoller Dünger und lässt die Umgebung gesund werden.
„Oh, da habt ihr aber viel zu tun und wann ruht ihr euch denn mal aus?„ fragte Aster.
„Ausruhen können wir, wenn es zu trocken wird und zu kalt.„ . antwortete Fritz.
Plötzlich wurde Aster traurig.
„Wenn es kalt wird, also zum Herbst schon, muss ich sterben. Aber vorher habe ich den Bienen zum Honig verholfen, wenn die Menschen nicht wieder vergessen mir Wasser zu geben.„
„Ach ja, manche Menschen sind ganz schlimm. Da gab es einen Jungen, der nahm einen von uns in seine Hosentasche mit. Der arme ist gestorben. Dann wurde meinem Bruder das Hinterteil abgehackt, aber nachdem er viele Tage im Ruhekrankenbett lag, wurde er beinahe wieder gesund, wenn er nicht eine Pilzerkrankung bekommen hätte.”
„Wissen die Menschen denn nicht, das ihr die wichtigsten Erdbewohner seid?„ fragte Aster entsetzt.
„Manche schon, aber viele denken, es sei nicht so schlimm, wenn man uns teilt, denken wir wachsen wieder weiter! Wie denn? Wer kann mit seinem Hinterteil essen?„

Fritz besuchte Aster öfters und sie erzählten, wann immer er Zeit hatte.
Viel zu schnell wurde es Herbst und eines Tages war sie fort.
Traurig kroch Fritz nun zu den anderen Regenwürmern, die eng beieinander liegend, auf wärmere Tage warteten.

Als es soweit war, gab es keinen Fritz mehr, der befand sich nun im Himmel, vereint mit seiner Freundin, Aster.

Wie die Bremer Stadtmusikanten Weinachten feierten

von Sigrid Kriener (copyright)

Es war einmal.
Der Esel, der Hund, die Katze und der Hahn waren wieder obdachlos. In dem schönen Räuberhaus, wo sie eine Weile in Saus und Braus gelebt hatten, durften sie nicht länger bleiben. Es sollte zu einer Jugendherberge umgebaut werden und Tiere waren dort nicht erlaubt. Auch ihre Arbeit als Stadtmusikanten hatten sie verloren, denn die Kassen der Stadt waren leer. Der Kämmerer sagte es dem Bürgermeister, der Bürgermeister sagte es dem Kulturbeauftragten und dieser sagte es den Stadtmusikanten als sie, wie an jedem Freitag, ihren Lohn abholen wollten. Fortan erklang keine Musik mehr in den Straßen und auf den Plätzen, und die Gesichter der Menschen wurden finsterer von Tag zu Tag. Jeder sorgte sich wegen der schlechten Geschäfte, der schlechten Lage, der schlechten Aussichten, auch wegen des schlechten Wetters und überhaupt. Und jeder hielt seinen Geldbeutel fest verschlossen. Wenn die ehemaligen Stadtmusikanten von einer Hochzeit hörten und dort vor dem Fenster sangen, kam der Brautvater heraus, schüttelte bedauernd den Kopf und kehrte seine leeren Taschen von innen nach außen.
„ Lasst uns überland gehen”, sprach der Esel, als sie eines Morgens mit knurrendem Magen auf dem Marktplatz beisammen saßen, „hier ist für uns nichts mehr zu holen”.
Da verließen sie Bremen und gingen aufs Land hinaus. Es war Herbst. Auf den Stoppelfeldern fanden sie noch reichlich Ähren und Mais und auf den Äckern gab es Rüben. Die Katze fing hin und wieder eine leichtsinnige Maus oder schnorrte beim Bauern ein Tellerchen Milch. Manchmal stahl sie, wenn die Bauersfrau das Fenster aufgelassen hatte, am Sonntag einen Braten aus der Speisekammer. Der Hund stand Schmiere, und wenn es brenzelig wurde, bellte er so laut er konnte, um die Katze zu warnen. Der Hahn mischte sich unter fremdes Hühnervolk und brachte am Abend in seinem Kropf immer etwas heim. Der Esel war von Natur aus genügsam, und nahm auch mit Disteln vorlieb. So kamen sie gut durch den Oktober.
Im November, als es kälter wurde, rückten sie in der Nacht eng zusammen, um einander zu wärmen. Der Hund legte sich dicht neben den Esel, die Katze schmiegte sich an den Hund und der Hahn setzte sich abwechselnd mal auf den einen, mal auf den anderen. Seine Federn wärmten wie ein Daunenbett. Doch Sturm kam und Regen, und als die Tage kürzer wurden, kam Schnee und Frost. Sie fanden immer weniger Nahrung auf den Feldern. Die Fenster der Speisekammern auf den Bauernhöfen blieben wegen der strengen Witterung geschlossen, und wenn die Katze zum Betteln kam, empfing sie der Besen. Die Vorräte der ehemaligen Stadtmusikanten, gingen zur Neige und so setzten sie sich wieder zusammen und beratschlagten, wie es mit ihnen weitergehen sollte.
„ Vielleicht sollten uns trennen”, schlug die Katze vor, denn sie träumte insgeheim von einer warmen Ofenbank. „Wenn wir allein sind, findet vielleicht jeder von uns ein Heim.” “Paperlapp” kollerte der Hahn, „wo ich da lande, weiß ich jetzt schon. Im Suppentopf”. Auch der Hund machte ein bedenkliches Gesicht. Der Esel schwieg und überlegte lange. Dann sagte er: „Wir hatten gute Zeiten miteinander und nun haben wir eine schlechte Zeit. So wollen wir uns denn trennen und jeder wieder für sich selber sorgen. Nur Weihnachten lasst uns noch gemeinsam feiern.” Der Hund und der Hahn waren erleichtert über den Aufschub, und auch die Katze war einverstanden aus alter Freundschaft.
Dann kam der Heilige Abend und die Glocken läuteten. Da machten sie sich auf den Weg zur Kirche. Ein paar Pfeffernüsse erhofften sie und ein warmes Plätzchen für eine Stunde oder etwas länger..
Die große Tür war schon geschlossen, als sie ankamen. Durch die bunten Glasfenster strahlte gedämpftes Licht nach draußen und drinnen fing die Gemeinde gerade an zu singen:

„ Macht hoch die Tür, die Tor macht weit…”

Da fasste der Esel sich ein Herz und drückte mit seinem Vorderhuf die schwere Klinke hinunter. Goldenes Licht goss sich über die vier Kameraden und sie traten in die von unzähligen Kerzen erleuchtete Kirche. Und warm war es darin, wunderbar warm. Die Menschen in ihren Festtagskleidern hatten gerötete Gesichter und glänzende Augen. Ob ihnen nur warm war oder die Feierlichkeit sie so ergriffen hatte, war nicht auszumachen. Der Esel, der Hund, die Katze und der Hahn gingen den breiten Mittelgang hinunter geradewegs auf den Altar zu. Davor standen Maria und Joseph neben der Krippe mit dem Jesuskind, auf der anderen Seite ein Öchslein und ein Eselein, dazu viel gutes Stroh. ‘Wo, wenn nicht hier, sollte unser Platz sein’‚ dachte der Esel und lagerte sich neben das Eselein. Der Hund die Katze und der Hahn taten es ihm gleich. Dann kamen die Engel und verkündeten die Frohe Botschaft:

“Vom Himmel hoch da komm ich her…” ,
und die Gemeinde sang:
„ Es ist ein Ros entsprungen… ” und
„ ….Christ der Retter ist da”

und die drei Könige und brachten dem Kind ihre Gaben dar. Auch Kuchen packten sie aus und Wein und andere Köstlichkeiten, die es nur im Morgenland gibt. Es wurde angebetet und gefeiert, gegessen und getrunken und die ehemaligen Stadtmusikanten waren dabei und erhielten von allem ihren Teil.

Wie es weiterging und was nach Weihnachten aus ihnen aus ihnen geworden ist, wollt Ihr wissen?
Da gibt es zwei Geschichten, eine ist so gut möglich wie die andere. – Eine sagt, dass sie sich trennten. Katze, Hund und Hahn zogen mit den drei Königen. Der Hund ging mit Kaspar, die Katze mit Melchior, und der Hahn mit Balthasar. Der Esel aber ging mit Maria, Joseph und dem Kind. Und jedes Jahr am heiligen Abend treffen sie sich wieder in der kleinen Dorfkirche nicht weit von Worpswede und bleiben bis zum 7. Januar.
Die andere Geschichte berichtet: Sie kamen auf dem Silberstrahl des Mondes direkt in den Himmel. Und als man dort hörte, dass sie Stadtmusikanten in Bremen waren, wurde ihnen sogleich eine Stelle im himmlischen Orchester angeboten. Dort schlägt nun der Esel die Pauke, der Hund bedient mit seinem Schwanze das Schlagzeug, die Katze singt Sopran und der Hahn weckt die Engel, wenn sie eingeschlafen sind.

Welche Geschichte wahr ist, wollt ihr wissen?
Sucht es euch aus, denn es ist ja ein Märchen, und Märchen müssen nicht wahr sein. Hauptsache ist, sie gehen gut aus.

Ludoviko

von Rainer Zuphall (copyright)

Diese Geschichte ist ein Kapitel für sich. Das Ganze hat sich abgespielt vor einigen Jahren, als mit den Vorarbeiten zur Bebauung des Rieselfelds begonnen werden sollte. Geändert wurde nur der Name der Zeitung, der ist frei erfunden, alles andere ist ein Märchen?

Höchst unangenehmer Auftrag, den ich von meiner Redaktion erhalten habe. Ich soll einen Artikel schreiben über ein Wesen, das in den unterirdischen Gängen der Freiburger Rieselfelder sein Unwesen getrieben haben soll.
Dieses Lebewesen soll in früheren Jahren junge Menschen zur Flucht aus dem Elternhaus verführt haben. Die meisten von ihnen waren noch Kinder, und sofern sie überhaupt schreiben konnten, hinterliessen manche von ihnen Abschiedsbriefe, die alle ungefähr gleich lauteten: “Sucht mich nicht, ich bin bei LUDOVIKO um ein gesünderes, freieres, sinnvolleres Leben zu führen!”
Aber – wer war Ludoviko, (oder ist? denn vor einigen Wochen sind angeblich wieder ein paar Kinder auf mysteriöse Weise verschwunden und man bringt “ihn” damit in Verbindung) und von wem und wo kann ich etwas über ihn in Erfahrung bringen?
Ich bin also auf das Rieselfeld geschickt worden und habe die Order, so lange dort zu recherchieren, bis ich genügend Material für eine interessante Story zusammengetragen habe. Und ich soll die Geschichte möglichst spektakulär aufziehen und auch Fotos machen, damit die Redaktion einen richtig reisserischen Sonderbericht, am besten über mehrere Tage verteilt, bringen kann.
Sommer – Sauregurkenzeit, man muss das Blatt füllen!
Ach, ich mag keine abergläubischen Zaubergeschichten, und ich mag schon gar keine rattenfängerähnlichen Sagen, die sich in irgendeiner längst vergangenen Zeit zugetragen haben sollen und die in die heutige Zeit transponiert werden, nur weil irgend etwas geschehen sein soll, das man sich im Augenblick nicht erklären kann. Sollten wir nicht besser der Polizei die Aufklärung überlassen? Und dann dieses Gerede von einem Rieselfeldgeist, von dem keiner weiss ob er je existiert hat und ob er Mensch oder Tier war. Katakomben-Nessie in Freiburg?
Also, ich muss meine Kohle irgendwie verdienen, und ich muss den Auftrag ausführen, und da ich irgendwo anfangen muss, hänge ich meine Fototasche um, packe Recorder, Notizblock und Kugelschreiber ein und fahre mit dem Fahrrad von der Lörracher Strasse durch die Eschholz-, Carl-Kistner-, Opfinger Strasse Richtung Rieselfeld.
Da ist ein weites, unbebautes, teilweise ziemlich verwildertes Brachland, Reste von Kanälen sind zu sehen, Schleusenwerke, Baumstümpfe, ich stehe da neben meinem Fahrrad und mir ist nicht klar, wo anfangen. Niemand ist zu sehen, bis auf einen alten Mann mit einem Korb und einer Sichel, der am Wegrand Brennnesseln sammelt.
“Hallo, Guten Tag. Fangen hier die ehemaligen Rieselfelder von Freiburg an?”
“Zu den Rieselfeldern willst du? So so! Hmm – hmm… und warum?”
Ich denke, was geht den Alten das an und sein eigenartiges Verhalten lässt mich ahnen, dass hier vielleicht doch eine Story beginnt. Der Alte wiegt den Kopf hin und her und her und hin und schaut mich sehr sonderbar an.
“Ist das so aussergewöhnlich, wenn sich jemand das Rieselfeld anschauen möchte? Es fahren doch viele Leute hier her.” sage ich.
“Aber nicht jetzt,” antwortet er,” an deiner Stelle tät´ ich gerade jetzt nicht reingehen!”
” Warum nicht?”
“Weil es leicht sein kann, dass man von dort nicht zurück kommt, es ist schon mancher dort geblieben. Die Bauarbeiten für das neue Wohngebiet haben gerade begonnen und es wird so manches im Untergrund freigelegt. Aber ich will nichts gesagt haben! Gehen Sie rein,” er siezt mich plötzlich,” meinetwegen, alles will hier rumschnüffeln und auf einen alten Mann hört sowieso keiner. Fahren Sie rein! An der nächsten Kreuzung bis zum alten Apfelbaum und dann rechts an den Malvenfeldern vorbei. Mehr sag ich nicht!”
Heimlich macht der Alte ein Zeichen mit der linken Hand aber ich sehe es doch: der Arm hängt herunter, er ballt die Faust und Zeigefinger und kleiner Finger zeigen ausgestreckt nach unten.

Das Zeichen habe ich schon einmal gesehen, es soll vor einem Fluch schützen oder vor Verhexung.
Ich schiebe mein Fahrrad und mich mit Fotoapparat und Recorder, den ich vorher schon ausgepackt hatte, weil ich auch das Gespräch mit dem alten Mann aufzeichnen wollte (später waren nur laut knisternde Geräusche zu hören) ich schiebe uns also einige hundert Meter weiter und treffe einen Jungen, etwa dreizehn Jahre alt, um ihn herum verstreut liegen etliche Tüten von Chips und Gummibärchen, leere Plastikflaschen.
“Hallo!” sage ich, “kannst du mir helfen hier etwas zu finden?” “Haben Sie was verloren – hier? Was haben Sie hier verloren?”
“Nein, ich habe nichts verloren aber ich muss etwas herausfinden, weisst du. Kennst du den Ludoviko, kannst du mir etwas über ihn sagen?”
“Kommt d´rauf an.”
“Worauf kommt es an?”
“Wieviel Sie rüberwachsen lassen.”
“He?”
“Na ja, wieviel Kohle, Knete, was für mich drin ist halt.”
“Ah ja, na gut, was zu dir rüberwächst kommt ganz drauf an, was von dir zu mir an Information rüberwächst.”
Ich krame in der Tasche, der Grösse nach habe ich einen Fünfer in der Hand. Ich zeige ihn dem Knaben:
“Reicht das?”
“Für den Anfang ja!”
“Also, dann fang mal an!”
“Eh, die spinnen alle,” fängt er an zu erzählen,” die spinnen total, die da rumgraben und nach Ludoviko suchen, mein grösserer Bruder ist auch einer von denen, die total daneben sind, voll plemplem! Aber mich freuts!”
“Wieso freut dich das?”
“Ganz einfach, weil ich jetzt alles allein erbe!”
“Weil du was?”
“Mann, kapier doch, weil alle, die Ludoviko suchen, nichts mehr haben wollen, keine Knete, kein Auto, kein Haus, einfach überhaupt nichts mehr, sagt meine Grossmutter.”
Der Junge kaut die ganze Zeit über schmatzend an seinem Kaugummi und lässt dabei riesige Blasen geräuschvoll zerplatzen.
“Für fünf Mark habe ich jetzt genug gesagt.” meint er dann.
“Komm,” sage ich,”für fünf Mark hast du noch nicht genug gesagt! Weshalb haben diese Leute kein Interesse mehr an Geld, Auto und Haus?”
“Es reicht!” Er steht auf und geht und ist verschwunden.
In der Ferne ziehen am Himmel dicke Gewitterwolken auf. Bedrohlich schnell nähern sie sich. Nach dieser Abfuhr, die der Junge mir erteilt hat, kommen mir langsam wieder Bedenken ob ich überhaupt meine Story “Ludoviko” zusammen bringe. Bis jetzt hat jeder – es waren nicht nur die beiden eben, sondern im Vorfeld noch einige andere – höchstens höchst rätselhafte Angaben gemacht oder sich einfach abgewandt oder mich gross und fragend angeschaut und gesagt: “Ludoviko?”
Und jetzt kommt zu allem Unglück noch dieses Unwetter daher, Blitze zucken, Donner grollen immer näher, die Zeitabstände zwischen Blitz und Donner werden immer kürzer. Wind kommt auf.
Ich blicke das weite Feld nach einem Unterstand ab, wo ich mich vor Regen und Blitz in Sicherheit bringen kann; eh, ich arbeite hier als Volontär und das ist mein erster selbständiger Auftrag für die Zeitung, da soll mich doch nicht gleich der Blitz erschlagen. (Der Blitz soll mich beim Scheissen treffen, wenn ich für die paar Mark das Risiko eingehe, wer will schon bei einem Gewitter eingehen!) Also, bevor es anfängt zu schütten und Zeus seine Blitze nach mir schmeisst, brauche ich sichere Deckung.

Und tatsächlich: Ich sehe ein kleines, gemauertes, ehmals weiss-getünchtes Häuschen und wie ich so schnell wie möglich näher gehe, sehe ich die kleinen Fensterhöhlen und die schweren halb-verrosteten Eisenringe, an die man in früheren Jahren als das Rieselfeld noch als Weide diente, das Vieh gebunden hatte. Ich schiebe mein Fahrrad tapfer mehr vor als neben mir her – so langsam bekomme ich ein bisschen Muffensausen, denn ich habe schon oft gehört, dass Menschen auf dem freien Feld vom Blitz erschlagen oder halb angebraten wurden – und erreiche vor den ersten schweren Tropfen das Häuschen. Ich öffne die schwere Eisentüre, die Gott sei Dank nicht verschlossen ist, trete ein und modriges Halbdunkel umfängt mich.
Meine Augen gewöhnen sich nur langsam an das diffuse Licht und ich beginne, schwache Umrisse zu erkennen. Und als sich ein weiterer Blitz, unmittelbar gefolgt von einem gewaltigen Donner, über dem kleinen Häuschen entlädt und das Innere des Raumes hell erleuchtet, bekomme ich einen gewaltigen Schreck,denn ich erkenne eine dunkle Gestalt, die der Tür gegenüber in einem Stuhl sitzt.
Mir gefriert fast das Blut in den Adern und ich frage mich entsetzt, was das für ein Ding sein könnte. Ist es ein Mensch, ist es eine Leiche oder ist es eine Puppe aus alten Lumpen weil – es geht ein fürchterlicher, es geht ein penetrantpetroliger Aas-gestank von ihr aus. Obwohl ein eiskalter Schauer meinen Rücken hinunter fliesst, bewege ich mich zaghaft langsam auf die leblose Gestalt zu und ich meine mich selbst wie in einen Zeitlupenfilm zu sehen. Ich denke, ich habe mich in meinem Leben noch nicht so gefürchtet, aber ich kann nicht anders, ich muss näher gehen. Ist das ER oder ES, was ich suchte? In diesem Moment entlädt sich ein weiterer Blitz, eine riesige Lichterscheinung begleitet von einem gewaltigen Donner, mir scheint, es seien Minuten. In Wahrheit geht alles sehr schnell.
Ich müsste das alles fotografieren, aber der Fotoapparat ist in meiner Tasche, am Kassettenrecorder habe ich zwar schnell die Pausentaste gedrückt und die Aufnahme läuft aber später wird sich zeigen, dass auch diesmal nur lautes Knistern zu hören ist, nichts sonst.
Was ich jetzt erlebe, wenn ich das in meinem Club erzähle…
Mit ruckartigen Bewegungen beginnt die Gestalt sich zu regen und mit einer unnatürlich dumpfen Stimme, wie aus einem Grabe kommend, spricht sie mich an:
“Mir bleibt keine Zeit – keine Zeit – wenn das Gewitter vorbei ist – ist alles vorbei! Ich wurde aus den Kleidern uralter Frauen hergestellt und ausgestopft, aus Lumpen, die sich in den Kloaken und an den Wegrändern fanden und die Leute von der Wagenburg haben mich hier in dieses Haus gesetzt. Immer bei starken Gewittern wie diesem, wenn ich elektrisch geladen bin, kann ich alle Laute der Natur, die Stimmen der Tiere, das Brausen des Sturmes und sogar die unausgesprochenen Gedanken der Menschen verstehen. Aber noch nie hatte ich Gelegenheit, mit einem Menschen von Angesicht zu Angesicht Rede und Antwort zu wechseln. Also beeil dich, frag mich was du willst, aber beeil dich!”
Ich glaub´s nicht! Eine Wahnsinnsgeschichte, denke ich ein Reisser, aber ich glaub´s einfach nicht! In was für einem Traum bin ich da gelandet?
“Kein Traum,” scheppert die Stimme, kümmert sich sonst nicht weiter um meine Gedanken und fährt fort: “Es gibt hier in der Nähe einen Bach, der plötzlich verschwindet, unterirdisch weiter fliesst und nach ein paar hundert Metern wieder zu Tage tritt. An der Stelle, wo er die Erde verlässt, ist der Eingang zu den unterirdischen Gewölben des Drachen Ludoviko. Dort gibt es noch die herrlichen breiten Treppen aus rosafarbenem Marmorstein, Bäder aus weissem Marmor, eingeführt aus der warmen südlichen Heimat ihrer Erbauer, mit vergoldeten Wasserspeiern, Säulen aus poliertem schwarzwälder Granit. Diese Hallen wurden in alten Zeiten gebaut, damals lebten die Menschen noch anders als heute und auch anders als zu der Zeit, da diese Geschichte sich abgespielt hat.
Früher verlangte man von den Eltern, von den Armen, den billigen Arbeitskräften, viele Kinder in die Welt zu setzen und so gab es Frauen, die zehn und mehr Kinder gebaren, bis sie im Kindbett starben und der Mann sich eine neue Frau nahm, die ihm wieder viele Kinder “schenkte”.
Die Kinder waren wie ihre Eltern dreckig, hatten Läuse, stahlen wie die Raben und auf dem Markt war trotz drakonischer Strafen nichts vor ihnen sicher, weil sie erbärmlich Hunger litten.

Wenn sie klein waren, kümmerte sich niemand um sie, sie spielten und balgten sich auf Strassen, die schlammige Rinnen waren, mit fauligen Abfällen und mit Fäkalien von Mensch und Tier vermischt, Ratten breiteten sich aus.
Was Wunder, dass schreckliche Krankheiten in der Stadt ausbrachen, Pest, Typhus und Cholera, viele andere will ich gar nicht nennen, es würde zu weit führen. Die Reichen, sie blieben nicht verschont, obwohl kräftiger, weil sie besser genährt waren, wurden auch sie angesteckt und krank. Viele Menschen starben.
Viel schlimmer empfanden die Bürger aber die kranken und verkrüppelten Armen, vor allem die schwächsten, die Kinder. Sie störten das Bild der sauberen und glatten Stadtteile. Und sie schlugen sie und sie vertrieben sie aus ihren Quartieren.
Ludoviko, der selbst wegen seiner unangepassten Drachengestalt verjagt und zum Ausgestossenen wurde, liess auf den Wegen um die Rieselfelder Wächter aufstellen. Die mussten ihm melden, wenn eines dieser armen vertriebenen Menschenkinder auftauchte. Sie waren gut verborgen, der eine in einem hohlen Baum, ein zweiter in einer Höhle, die getarnt war mit Felsbrocken, der dritte…”
An dieser Stelle unterbrach ich den Redefluss der Lumpenpuppe, denn ich hatte mich wieder gefasst und verspürte eigenartigerweise nicht mehr die geringste Furcht:
“Und du meinst diese verjagten Menschen sind dann von den Wächtern zum Drachen geschleppt worden? Das erinnert doch so ein bisschen an jene trojanische Prinzessin, die als Drachenfutter an den Felsen geschmiedet und dann von Herakles befreit wurde oder an die Geschichte mit dem Minotauros und den Athener Jünglingen und Jungfrauen!”
“Lästere nur,” erwiderte die Alte,” so war es eben nicht, sie sind vielmehr alle freiwillig mitgegangen in diese andere Welt, denn egal wie es auch käme, Schlimmeres als in ihrem bisherigen Leben konnte ihnen nicht geschehen und, du wirst es noch erfahren, Ludoviko hatte die besseren Argumente für sich. Freilich, du kannst über alles eine Reportage machen, aber DU kannst über Ludoviko nicht schreiben.”
“Warum nicht, über alles lässt sich schreiben,” sage ich.
“Du irrst, du kannst nicht über ihn schreiben, weil du wie die meisten Menschen von diesen Dingen nichts verstehst!”
Na danke, denke ich, einer wie ich bekommt über jede Sache, nach der er fragt, hundert verschiedene Antworten: Falsche, halbfalsche und erlogene und jetzt sagt mir dieser stinkende, blitzolektrische Lumpenfranz auch noch, dass ich nichts kapiere! Ich bin zwar nur ein kleiner Volontär bei der FZ, aber bin ich deshalb doof?
“Ö – ö,” kommt es wie Geblöke eines alten Schafbockes von ihm und ich habe den Eindruck, dass er mich auslacht, “nicht Franz, eher Franziska, ich habe dir doch gesagt, dass ich aus den Lumpen armer Frauen gemacht wurde –
(Ich hatte vergessen, sie hatte gesagt, dass sie auch die unausgesprochenen Gedanken der Menschen verstünde)
- aber hier oben” – und sie tippte mit ihren langen Wollfingern leicht an die Stirn ” hier oben kannst du alles sammeln was ich dir sage; aber verstehen kannst du nur mit dem Herzen, hast du das nicht schon einmal gelesen?”
“Hör mir auf mit Anspielungen auf den kleinen Prinz, eh, ich bin Reporter und…”
“Hör du auf mit dem Geschwätz, vorhin dachtest du noch, du seist Volontär, meinst du, ich hätte es nicht gehört”
unterbrach mich die Alte etwas ärgerlich,
” ich rede nicht mit dir weil du Reporter, sondern weil du Mensch bist, junger Mensch!

Vielleicht kann ich dir verständlich machen, was der Drache Ludoviko, der Ausgestossene, den Kindern der Menschen, den anderen Ausgestossenen, seit langen Zeiten Gutes getan und Schönes bereitet hat. Natürlich hat er dafür gesorgt, dass die verjagten und verstossenen Kinder und Kranken geheilt, die Krüppel gepflegt und eingekleidet wurden. Aber das war bei Weitem nicht alles! Viel mehr hat diese Armen erfreut, was Ludoviko ihren Herzen geschenkt hat. Zum ersten Mal in ihrem Leben sahen sie die Blumen , die den Boden in seinem geheimnisvollen Reich bedeckten, sie sahen die Bäume, die im Frühling hellgrüne Blattspitzen trieben, rochen den bezaubernden Duft der blühenden Sommerlinden im Juni, sie lauschten den Liedern der Amseln, die ihre Brutreviere markierten, folgten mit leuchtenden Augen dem Spiel der Schmetterlinge und ergötzten sich im Februar am Taumelflug der Kiebitze, die zu den ersten Heimkehrern des Jahres gehören. Sie erlebten die Wärme, Geborgenheit und Zärtlichkeit, die in diesen alten Marmorhallen zu Hause waren. Bald gab ein Kind dem anderen Geborgenheit und Kraft. Ohne Streit sangen, spielten und tanzten sie mit einander im Ringelreihen. Gelächter, Scherze und Freude erfüllten die Hallen. Die Kinder sangen und tanzten nach ihren kindlichen selbst-gereimten Weisen:

Kommt um euch mit uns zu freun,
kommt wir tanzen Ringelreih´n,
durch die bunten Blumenwiesen
hüpfen wir mit blossen Füssen.
Schläge gibts hier nicht und Schmutz
Ludoviko gibt uns Schutz!

In dieser Atmosphäre der Geborgenheit wurden die Kinder und die anderen Ausgestossenen der Stadt ebenso hilfsbereit gegenüber bedürftigen Neuankömmlingen wie der Drache Ludoviko selbst. Weil aber diese Lieder und das Lachen der Kinder durch die unterirdischen Hallen verstärkt wurden, drangen sie auch durch die Gänge nach oben ins Freie, die Menschen draussen, wenn sie wegen ihrer Arbeiten in der Nähe der Rieselfelder vorbei kamen, sagten dann:” Dort unten spukt es, dort haust ein böser Drache und Feen und Kobolde, die unsere Kinder mit ihren Gesängen ins Verderben locken wollen.”
Eines Abends als Ludoviko und die Kinder wieder einmal zusammensassen, um sich schöne Geschichten zu erzählen, dachten sie an die anderen Menschen in Freiburg, die ständig mit einander stritten und böse aufeinander waren. Die den Gestank und den Dreck in den Gassen einfach hinnahmen und kranke Mitmenschen aus der Stadt jagten. Und sie waren alle sehr traurig, manche fingen an zu weinen, weil sie sich an ihr eigenes Schicksal erinnerten. Sie versuchten, sich gegenseitig zu trösten. Aber dann überlegten sie sich, was man für die Menschen in ihrer Stadt tun könnte, denn es war immer noch und trotz allem ihre Stadt Freiburg. Wir müssen etwas machen, sagten sie sich, dass Freiburg sauberer und gesünder wird, auf den Strassen vor den Häusern, aber auch in den Herzen der Bewohner.
Ludoviko und seine Kinder beschlossen deshalb, auch den Menschen in Freiburg zu helfen und sie machten einen Plan.
Eines Nachts, gerade als es dunkel wurde, schlichen sie sich durch die unterirdischen Gänge und sie gelangten, als der halbe Mond gerade über die Mauern in die engen Gassen lugte, in die Gerberau. Von hier aus verteilten sie sich und arbeiteten die ganze Nacht durch ohne Pause. Nur der Türmer auf dem Münsterturm bemerkte eine seltsame Unruhe in den Strassen und Gassen, wenn er zur vollen Stunde die Zeit ausrief, er fand dafür aber keine Erklärung. Als der neue Tag heraufkam, die Bauern aus dem Umland waren gerade durchs Martinstor in die Stadt gelangt um auf dem Münsterplatz ihre Marktstände aufzubauen, die ersten Mägde und Köchinnen kamen aus den Patrizierhäusern um für den Mittagstisch ihrer Herrschaft einzukaufen, ging ein Raunen durch die Stadt, das sich von Haus zu Haus, von Quartier zu Quartier fortsetzte und alles Volk strömte auf die Strassen und Plätze. Von einem Wunder sprach der eine, von Hexerei und Teufelswerk die andern.
Was war geschehen?

Dort wo gestern noch schlammige Pfühle waren, mit Kot und Müll gemischt, waren jetzt saubere gepflasterte Gassen, aus den Rinnsalen waren über Nacht gerade gemauerte Bächle entstanden, die klares, sauberes Wasser führten und in denen schon die ersten Kinder anfingen zu plantschen.
Der Eine oder Andere musste doch irgendetwas bemerkt haben in der vergangenen Nacht, sei es der Türmer oder ein später Heimkehrer, der sich von einem heimlichen Schäferstündchen mit seiner Liebsten nach Haus gestohlen hatte, denn es sickerte durch, Ludoviko und seine Schar seien die Bauherren der schönen Bächle, die heute noch als Freiburger Attraktion in aller Welt bekannt sind und gerade zur Zeit allerorts kopiert werden. In Bad Krozingen zum Beispiel und Heitersheim.
Die Bürger waren entsetzt!
In der Chronik der Stadt durfte diese Geschichte so nicht niedergeschrieben werden. Du kannst schauen, wo du willst, du wirst sie nicht finden, aber so ist es geschehen.
“Wo kommen wir da hin, wie stehen wir da,” sagten die Ratsherren, der Bischof, die Pröbste, Äbte, Zunftmeister und Lehrer untereinader, “wenn jeder Lump und jedes ausgestossene Bettelkind uns etwas vormachen kann, ein Drache gar, eine Ausgeburt der Hölle!” Aber sie hatten sehr schnell bemerkt, dass nicht nur die Strassen sauberer, die Luft frischer geworden war, nein, auch die Krankheiten, unter denen sie alle so gelitten hatten, nahmen ab. Und so schrieben sich die hohen Herren das Verdienst und die Leistung selbst auf´s Panier, auf die Fahne. Denn wenn denen nichts einfällt und wenn sie nichts Gescheites zustande bringen, dann sind es immer die Anderen, wenn aber den Kleinen was einfällt und sie etwas Vernünftiges tun, dann waren es natürlich die Grossen. Und so ist es bis heute geblieben.
Denn wo kämen wir hin, wenn Kinder und andere Randgruppen sich um das Allgemeinwohl verdient machen würden, während die Verantwortlichen schlafen!”
Die Stimme der Alten war immer stockender geworden und sie war schliesslich ganz verstumt und sass wieder unbeweglich in ihrem Stuhl. Sie war wieder die starre, stinkende Puppe, die ich anfangs angetroffen hatte. Das Gewitter war vorbei.
Manches Geschehen in dieser Stadt wird wohl immer Geheimnis bleiben. Ich aber habe meine Story, die Freiburger ihre schönen, erfrischenden Bächle, in denen heut noch Kinder plantschen, aus denen Hunde trinken und die von japanischen Touristen foto-grafiert werden und alle erzählen immer wieder gerne die alten Märchen und Geschichten von den Freiburger Bächle.

Die Hasen von Osterdorf

von Inga Rothe (copyright)

Ruhig geworden war es in Osterdorf. Alle Hasen hatten einen arbeitsreichen Tag hinter sich. Ihr müsst wissen, während ihr euch schon auf den Osterhasen freut, arbeiten diese ganz fleißig, Wochen vorher. Da müssen die Ostereier angemalt werden und natürlich auch verpackt sein, bevor es so weit ist.
Auch die kleinen Hasenkinder helfen fröhlich mit, denn sie wollen alle mal ein Osterhase werden..
Sicher fragt ihr euch nun, wer wird Osterhase, gibt es viele Osterhasen, oder nur einen?
Osterhase wird der Fleißigste und Schlaueste unter den Hasen.
Die Hasenkinder lernen schon ganz früh, denn jeder will es sein! Aber es gibt in jedem Dorf nur einen! Genau wie es bei uns nur einen Bürgermeister gibt.
Sicher habt ihr auch schon bemerkt, dass die Hasen lange Ohren haben. Warum wohl?
Nein, nicht weil ihnen die Ohren lang gezogen wurden, sondern damit sie besser aufpassen können! Hat zu euch denn noch niemand gesagt, sperrt eure Ohren auf?
Natürlich müssen die Hasenkinder auch zur Schule, aber vier Wochen vor Ostern bekommen sie Ferien. Genau wie das hier bei uns ist, wenn einige Kinder zum Karneval Ferien bekommen. Nun, das ist ja auch nicht überall so.

Ganz früh, wenn die Sonne gerade aufgegangen ist, stehen die Hasen auf. Mutter Hase kocht dann einen Möhrenbrei, der alle stark macht.
Danach gehen alle Hasen in die Ostereierfabrik, um ihr Werk zu beginnen.
Nach ein paar Stunden kann man sehen, was sie alles schon geschafft haben und manche Hasen haben sogar Farbkleckse auf der Nase. Das stört aber niemanden, im Gegenteil, es sieht doch recht lustig aus.
Da stehen riesige Eimer, in denen Farbe gemischt wird und die gekochten Eier darin gefärbt werden. Das dürfen dann die kleinen Hasen machen, die nicht so gut malen können. Nur ein Hasenpapa muss die vielen Eier aus dem Eimer holen, damit da niemand hinein fällt.
Die Hasenkinder und auch viele große Hasen malen dann mit einem Pinsel die Eier an. Die Farben werden aus den ersten Blumen, die es zu dieser Zeit gibt, gemischt.

Schaut euch mal im Garten um, seht euch die Blumen an, da ist der Krokus, die ersten Tulpen und was da sonst noch wächst. Ja, auch das Gras wird für die grüne Farbe gebraucht.

Welch ein lustiges Treiben doch in Osterdorf herrscht. Da wird gesungen, gelacht! Keiner schimpft, keiner schreit oder ist böse. Jeder der Hasen stellt sich beim Malen seiner Eier vor, was wohl die Kinder sagen, wenn sie ihr Ei finden. Sicher werden sie sich freuen und somit macht die Arbeit doppelt Spaß.

Wenn alle Eier fertig sind, das ist meistens am Ostersamstag, werden sie in Bollerwagen verpackt, damit sie ganz früh an ihre Stellen gebracht werden können und der Osterhase sie dann versteckt.

Wie, ihr meint das geht nicht? Ja wisst ihr denn nicht, wie viele Hasen es gibt? Und der Osterhase ist nicht nur der Schlaueste, der Fleißigste, sondern auch der Schnellste!

Manchmal helfen unsere Eltern auch mit, die Ostereier anmalen, weil sie Zeit haben und den Hasen gerne helfen wollen.
Falls Ihr schon vorher in eurem Einkaufsladen angemalte Ostereier seht, das sind die, die die kleinen Hasenkinder zuerst angemalt haben. Schaut euch die mal genauer an, ganz so schön, wie die, die man zu Ostern findet, sind sie nicht, aber schmecken genauso gut.
Nun, irgendwann muss jeder einmal anfangen, oder?

Die Idee war, kleinen Kindern den “Osterhasen” so lange wie möglich zu erhalten. Darum werden auch einige Dinge beantwortet, die die Kinder evtl. beschäftigen…

Die Geschichte von Kalif Storch

von Wilhelm Hauff

Der Kalif Chasid zu Bagdad saß einmal an einem schönen Nachmittag behaglich auf seinem Sofa; er hatte ein wenig geschlafen, denn es war ein heißer Tag, und sah nun nach seinem Schläfchen recht heiter aus. Er rauchte aus einer langen Pfeife von Rosenholz, trank hie und da ein wenig Kaffee, den ihm ein Sklave einschenkte, und strich sich allemal vergnügt den Bart, wenn es ihm geschmeckt hatte. Kurz, man sah dem Kalifen an, daß es ihm recht wohl war. Um diese Stundekonnte man gar gut mit ihm reden, weil er da immer recht mild und leutselig war; deswegen besuchte ihn auch sein Großwesir Mansor alle Tage um diese Zeit. An diesem Nachmittag nun kam er auch, sah aber sehr nachdenklich aus, ganz gegen seine Gewohnheit. Der Kalif tat die Pfeife ein wenig aus dem Mund und sprach: »Warum machst du ein so nachdenkliches Gesicht, Großwesir?«

Der Großwesir schlug seine Arme kreuzweis über die Brust, verneigte sich vor seinem Herrn und antwortete: »Herr, ob ich ein nachdenkliches Gesicht mache, weiß ich nicht; aber da drunten am Schloß steht ein Krämer, der hat so schöne Sachen, daß es mich ärgert, nicht viel überflüssiges Geld zu haben.«

Der Kalif, der seinem Großwesir schon lange gerne eine Freude gemacht hätte, schickte seinen schwarzen Sklaven hinunter, um den Krämer heraufzuholen. Bald kam der Sklave mit dem Krämer zurück. Dieser war ein kleiner, dicker Mann, schwarzbraun im Gesicht und in zerlumptem Anzug. Er trug einen Kasten, in welchem er allerhand Waren hatte, Perlen und Ringe, reichbeschlagene Pistolen, Becher und Kämme. Der Kalif und sein Wesir musterten alles durch, und der Kalif kaufte endlich für sich und Mansor schöne Pistolen, für die Frau des Wesirs aber einen Kamm. Als der Krämer seinen Kasten schon wieder zumachen wollte, sah der Kalif eine kleine Schublade und fragte, ob da auch noch Waren seien. Der Krämer zog die Schublade heraus und zeigte darin eine Dose mit schwärzlichem Pulver und ein Papier mit sonderbarer Schrift, die weder der Kalif noch Mansor lesen konnten. »Ich bekam einmal diese zwei Stücke von einem Kaufmann, der sie in Mekka auf der Straße fand«, sagte der Krämer. »Ich weiß nicht, was sie enthalten; Euch stehen sie um geringen Preis zu Dienst, ich kann doch nichts damit anfangen.« Der Kalif, der in seiner Bibliothek gerne alte Manuskripte hatte, wenn er sie auch nicht lesen konnte, kaufte Schrift und Dose und entließ den Krämer. Der Kalif aber dachte, er möchte gerne wissen, was die Schrift enthalte, und fragte den Wesir, ob er keinen kenne, der es entziffern könnte. »Gnädigster Herr und Gebieter«, antwortete dieser, »an der großen Moschee wohnt ein Mann, er heißt Selim, der Gelehrte, der versteht alle Sprachen, laß ihn kommen, vielleicht kennt er diese geheimnisvollen Züge.«

Der Gelehrte Selim war bald herbeigeholt. »Selim«, sprach zu ihm der Kalif, »Selim, man sagt, du seiest sehr gelehrt; guck’ einmal ein wenig in diese Schrift, ob du sie lesen kannst; kannst du sie lesen, so bekommst du ein neues Festkleid von mir, kannst du es nicht, so bekommst du zwölf Backenstreiche und fünfundzwanzig auf die Fufsohlen, weil man dich dann umsonst Selim, den Gelehrten, nennt.« Selim verneigte sich und sprach: »Dein Wille geschehe, o Herr!« Lange betrachtete er die Schrift; plötzlich aber rief er aus: »Das ist lateinisch, o Herr, oder ich laß mich hängen.« – »Sag’, was drin steht«, befahl der Kalif, »wenn es lateinisch ist.«

Selim fing an zu übersetzen: »Mensch, der du dieses findest, preise Allah für seine Gnade! Wer von dem Pulver in dieser Dose schnupft und dazu spricht: Mutabor, der kann sich in jedes Tier verwandeln und versteht auch die Sprache der Tiere. Will er wieder in seine menschliche Gestalt zurückkehren, so neige er sich dreimal gen Osten und spreche jenes Wort; aber hüte dich, wenn du verwandelt bist, daß du nicht lachest, sonst verschwindet das Zauberwort gänzlich aus deinem Gedächtnis, und du bleibst ein Tier. «

Als Selim, der Gelehrte, also gelesen hatte, war der Kalif über die Maßen vergaügt. Er ließ den Gelehrten schwören, niemand etwas von dem Geheimnis zu sagen, schenkte ihm ein schönes Kleid und entließ ihn. Zu seinem Großwesir aber sagte er: »Das heiß’ ich gut einkaufen, Mansor! Wie freue ich mich, bis ich ein Tier bin. Morgen früh kommst du iu mir; wir gehen dann miteinander aufs Feld, schnupfen etwas weniges aus meiner Dose und belauschen dann, was in der Luft und im Wasser, im Wald und Feld gesprochen wird!«

Kaum hatte am andern Morgen der Kalif Chasid gefrühstückt und sich angekleidet, als schon der Großwesir erschien, ihn, wie er befohlen, auf dem Spaziergang zu begleiten. Der Kalif steckte die Dose mit dem Zauberpulver in den Gürtel, und nachdem er seinem Gefolge befohlen zurückzubleiben, machte er sich mit dem Großwesir ganz allein auf den Weg. Sie gingen zuerst durch die weiten Gärten des Kalifen, spähten aber vergebens nach etwas Lebendigem, um ihr Kunststock zu probieren. Der Wesir schlug endlich vor, weiter hinaus an einen Teich zu gehen, wo er schon oft viele Tiere, namentlich Störche, gesehen habe, die durch ihr gravitätisches Wesen und ihr Geklapper immer seine Aufmerksamkeit erregt haben.

Der Kalif billigte den Vorschlag seines Wesirs und ging mit ihm dem Teich zu. Als sie dort angekomrnen waren, sahen sie einen Storchen ernsthaft auf und ab gehen, Frösche suchend und hie und da etwas vor sich hinklappernd. Zugleich sahen sie auch weit oben in der Luft einen andern Storchen dieser Gegend zuschweben.

»Ich wette meinen Bart, gnädigster Herr«, sagte der Großwesir, wenn nicht diese zwei Langfüßler ein schönes Gespräch miteinander führen werden. Wie wäre es, wenn wir Störche würden?«

»Wohl gesprochen!« antwortete der Kalif. »Aber vorher wollen wir noch einmal betrachten, wie man wieder Mensch wird. – Richtig! Dreimal gen Osten geneigt und Mutabor gesagt, so bin ich wieder Kalif und du Wesir. Aber nur ums Himmels willen nicht gelacht, sonst sind wir verloren!«

Während der Kalif also sprach, sah er den andern Storchen über ihrem Haupte schweben und langsam sich zur Erde lassen. Schnell zog er die Dose aus dem Gürtel, nahm eine gute Prise, bot sie dem Großwesir dar, der gleichfalls schnupfte, und beide riefen: Mutabor! Da schrumpften ihre Beine ein und wurden dünn und rot, die schönen gelben Pantoffel des Kalifen und seines Begleiters wurden unförmliche Storchfüße, die Arme wurden zu Flügeln, der Hals fuhr aus den Achseln und ward eine Elle lang, der Bart war verschwunden, und den Körper bedeckten weiche Federn.

»Ihr habt einen hübschen Schnabel, Herr Großwesir«, sprach nach langem Erstaunen der Kalif. »Beim Bart des Propheten, so etwas habe ich in meinem Leben nicht gesehen.«

»Danke untertänigst«, erwiderte der Großwesir, indem er sich bückte; »aber wenn ich es wagen darf zu behaupten, Eure Hoheit sehen als Storch beinahe noch hübscher aus denn als Kalif. Aber kommt, wenn es Euch gefällig ist, daß wir unsere Kameraden dort belauschen und erfahren, ob wir wirklich Storchisch können.«

Indem war der andere Storch auf der Erde angekommeni er putzte sich mit dem Schnabel seine Füße, legte seine Federn zurecht und ging auf den ersten Storchen zu. Die beiden neuen Störche aber beeilten sich, in ihre Nähe zu kommen und vernahmen zu ihrem Erstaunen folgendes Gespräch:

»Guten Morgen, Frau Langbein, so früh schon auf der Wiese?«

»Schönen Dank, lieber Klapperschnabel! Ich habe mir nur ein kleines Frühstück geholt. Ist Euch vielleicht ein Viertelchen Eidechs gefällig oder ein Froschschenkelein?«

»Danke gehorsamst; habe heute gar keinen Appetit. Ich komme auch wegen etwas ganz anderem auf die Wiese. Ich soll heute vor den Gästen meines Vaters tanzen, und da will ich mich im stillen ein wenig üben.«

Zugleich schritt die junge Störchin in wunderlichen Bewegungen durch das Feld. Der Kalif und Mansor sahen ihr verwundert nach. Als sie aber in malerischer Stellung auf einem Fuß stand und mit den Flügeln anmutig dazu wedelte, da konnten sich die beiden nicht mehr halten; ein unaufhaltsames Gelächter brach aus ihren Schnäbeln hervor, von dem sie sich erst nach langer Zeit erholten. Der Kalif faßte sich zuerst wieder: »Das war einmal ein Spaß«, rief er, »der nicht mit Gold zu bezahlen ist. Schade, daß die dummen Tiere durch unser Gelächter sich haben verscheuchen lassen, sonst hätten sie gewiß auch noch gesungen!«

Aber jetzt fiel es dem Großwesir ein, daß das Lachen während der Verwandlung verboten war. Er teilte seine Angst deswegen dem Kalifen mit. »Potz Mekka und Medina! Das wäre ein schlechter Spaß, wenn ich ein Storch bleiben müßte! Besinne dich doch auf das dumme Wort! Ich bring’ es nicht heraus.«

»Dreimal gen Osten müssen wir uns bücken und dazu sprechen: Mu – Mu – Mu -«

Sie stellten sich gen Osten und bückten sich in einem fort, daß ihre Schnäbel beinahe die Erde berührten. Aber, o Jammer! DasZauberwort war ihnen entfallen, und so oft sich auch der Kalif bückte, so sehnlich auch sein Wesir Mu – Mu dazu rief, jede Erinnerung daran war verschwunden, und der arme Chasid und sein Wesir waren und blieben Störche.

Traurig wandelten die Verzauberten durch die Felder; sie wußten gar nicht, was sie in ihrem Elend anfangen sollten. Aus ihrer Storchenhaut konnten sie nicht heraus, in die Stadt zurück konnten sie auch nicht, um sich zu erkennen zu geben; denn wer häue einem Storchen geglaubt, daß er der Kalif sei, und wenn man es auch geglaubt hätte, würden die Einwohner von Bagdad einen Storchen zum Kalifen gewollt haben?

So schlichen sie mehrere Tage umher und ernährten sich kümmerlich von Feldfrüchten, die sie aber wegen ihrer langen Schnäbel nicht gut verspeisen konnten. Zu Eidechsen und Fröschen hatten sie übrigens keinen Appetit; denn sie befürchteten, mit solchen Leckerbissen sich den Magen zu verderben. Ihr einziges Vergnügen in dieser traurigen Lage war, daß sie fliegen konnten, und so flogen sie oft auf die Dächer von Bagdad, um zu sehen, was darin vorging.

In den ersten Tagen bemerkten sie große Unruhe und Trauer in den Straßen. Aber ungefähr am vierten Tag nach ihrer Verzauberung saßen sie auf dem Palast des Kalifen; da sahen sie unten in der Straße einen prächtigen Aufzug; Trommeln und Pfeifen ertönten, ein Mann in einem goldgeschmückten Scharlachmantel saß auf einem geschmückten Pferd, umgeben von glänzenden Dienern. Halb Bagdad sprang ihm nach, und alle schrien: »Heil Mizra, dem Herrscher von Bagdad!« Da sahen die beiden Störche auf dem Dache des Palastes einander an, und der Kalif Chasid sprach: »Ahnst du jetzt, warum ich verzaubert bin, Großwesir? Dieser Mizra ist der Sohn meines Todfeindes, des mächtigen Zauberers Kaschnur, der mir in einer bösen Stunde Rache schwur. Aber noch gebe ich die Hoffnung nicht auf. Komm mit mir, du treuer Gefährte meines Elends, wir wollen zum Grab des Propheten wandern vielleicht, daß an heiliger Stätte der Zauber gelöst wird.«

Sie erhoben sich vom Dach des Palastes und flogen der Gegend von Medina zu.

Mit dem Fliegen wollte es aber nicht gar gut gehen; denn die beiden Störche hatten noch wenig Ubung. »O Herr«, ächzte nach ein paar Stunden der Großwesir, »ich halte es mit Eurer Erlaubnis nicht mehr lange aus; Ihr fliegt gar zu schnell! Auch ist es schon Abend, und wir täten wohl, ein Unterkommen für die Nacht zu suchen.«

Chasid gab der Bitte seines Dieners Gehör; und da er unten im Tal eine Ruine erblickte, die ein Obdach zu gewähren schien, so flogen sie dahin. Der Ort, wo sie sich für diese Nacht niedergelassen hatten, schien ehemals ein Schloß gewesen zu sein. Schöne Säulen ragten aus den Trümmern hervor, mehrere Gemächer, die noch ziemlich erhalten waren, zeugten von der ehemaligen Pracht des Hauses. Chasid und sein Begleiter gingen durch die Gänge umher, um sich ein trockenes Plätzchen zu suchen; plötzlich blieb der Storch Mansor stehen. »Herr und Gebieter«, flüsterte er leise, »wenn es nur nicht töricht für einen Großwesir, noch mehr aber für einen Storchen wäre, sich vor Gespenstern zu fürchten! Mir ist ganz unheimlich zumut; denn hier neben hat es ganz vernehmlich geseufzt und gestöhnt.« Der Kalif blieb nun auch stehen und hörte ganz deutlich ein leises Weinen, das eher einem Menschen als einem Tiere anzugehören schien. Voll Erwartung wollte er der Gegend zugehen, woher die Klagetöne kamen; der Wesir aber packte ihn mit dem Schnabel am Flügel und bat ihn flehentlich, sich nicht in neue, unbekannte Gefahren zu stürzen. Doch vergebens! Der Kalif, dem auch unter dem Storchenflügel ein tapferes Herz schlug, riß sich mit Verlust einiger Federn los und eilte in einen finstern Gang. Bald war er an einer Tür angelangt, die nur angelehnt schien und woraus er deutliche Senfzer mit ein wenig Geheul vernahm. Er stieß mit dem Schnabel die Türe auf, blieb aber überrascht auf der Schwelle stehen. In dem verfallenen Gemach, das nur durch ein kleines Gitterfenster spärlich erleuchtet war, sah er eine große Nachteule am Boden sitzen. Dicke Tränen rollten ihr aus den großen, runden Augen, und mit heiserer Stimme stieß sie ihre Klagen zu dem krummen Schnabel heraus. Als sie aber den Kalifen und seinen Wesir, der indes auch herbeigeschlichen war, erblickte, erhob sie ein lautes Freudengeschrei. Zierlich wischte sie mit dem braungefleckten Flügel die Tränen aus dem Auge, und zu dem großen Erstaunen der beiden rief sie in gutem menschlichem Arabisch: »Willkommen, ihr Störche! Ihr seid mir ein gutes Zeichen meiner Errettung; denn durch Störche werde mir ein großes Glück kommen, ist mir einst prophezeit worden!«

Als sich der Kalif von seinem Erstaunen erholt hatte, bückte er sich mit seinem langen Hals, brachte seine dünnen Füße in eine zierliche Stellung und sprach: »Nachteule! Deinen Worten nach darf ich glauben, eine Leidensgefährtin in dir zu sehen. Aber ach! Deine Hoffnung, daß durch uns deine Rettung kommen werde, ist vergeblich. Du wirst unsere Hilflosigkeit selbst erkennen, wenn du unsere Geschichte hörst.« Die Nachteule bat ihn zu erzählen; der Kalif aber hub an und erzählte, was wir bereits wissen.

Als der Kalif der Eule seine Geschichte vorgetragen hatte, dankte sie ihm und sagte: »Vernimm auch meine Geschichte und höre, wie ich nicht weniger unglücklich bin als du. Mein Vater ist der König von Indien, ich, seine einzige, unglückliche Tochter, heiße Lusa. Jener Zauberer Kaschnur, der euch verzauberte, hat auch mich ins Unglück gestürzt. Er kam eines Tages zu meinem Vater und begehrte mich zur Frau für seinen Sohn Mizra. Mein Vater aber, der ein hitziger Mann ist, ließ ihn die Treppe hinunterwerfen. Der Elende wußte sich unter einer andern Gestalt wieder in meine Nähe zu schleichen, und als ich einst in meinem Garten Erfrischungen zu mir nehmen wollte, brachte er mir, als Sklave verkleidet, einen Trank bei, der mich in diese abscheuliche Gestalt verwandelte. Vor Schrecken ohnmächtig, brachte er mich hieher und rief mir mit schrecklicher Stimme in die Ohren:
»Da sollst du bleiben, häßlich, selbst von den Tieren verachtet, bis an dein Ende, oder bis einer aus freiem Willen dich, selbst in dieser schrecklichen Gestalt, zur Gattin begehrt. So räche ich mich an dir und deinem stolzen Vater. «

»Seitdem sind viele Monate verilossen. Einsam und traurig lebe ich als Einsiedlerin in diesem Gemäuer, verabscheut von der Welt, selbst den Tieren ein Greuel; die schöne Natur ist vor mir verschlossen; denn ich bin blind am Tage, und nur wenn der Mond sein bleiches Licht über dies Gemäuer ausgießt, fällt der verhüllende Schleier von meinem Auge.« Die Eule hatte geendet und wischte sich mit dem Flügel wieder die Augen aus; denn die Erzählung ihrer Leiden hatte ihr Tränen entlockt.

Der Kalif war bei der Erzählung der Prinzessin in tiefes Nachdenken versunken. »Wenn mich nicht alles täuscht«, sprach er, »so findet zwischen unserem Unglück ein geheimer Zusammenhang statt; aber wo finde ich den Schlüssel zu diesem Rätsel?« Die Eule antwortete ihm: »O Herr! auch mir ahnet dies; denn es ist mir einst in meiner frühesten Jugend von einer weisen Frau prophezeit worden, daß ein Storch mir ein großes Glück bringen werde, und ich wüßte vielleicht, wie wir uns retten könnten.« Der Kalif war sehr erstaunt und fragte, auf welchem Wege sie meine. »Der Zauberer, der uns beide unglücklich gemacht hat«, sagte sie, »kommt alle Monate einmal in diese Ruinen. Nicht weit von diesem Gemach ist ein Saal. Dort pflegt er dann mit vielen Genossen zu schmausen. Schon oft habe ich sie dort belauscht. Sie erzählen dann einander ihre schändlichen Werke; vielleicht, daß er dann das Zauberwort, das ihr vergessen habt, ausspricht.«

»O, teuerste Prinzessin«, rief der Kalif, »sag an, wann kommt er, und wo ist der Saal?«

Die Eule schwieg einen Augenblick und sprach dann: »Nehmet es nicht ungütig, aber nur unter einer Bedingung kann ich Euern Wunsch erfüllen.« – »Sprich aus! Sprich aus!« schrie Chasid. »Befiehl, es ist mir jede recht.

»Nämlich, ich möchte auch gern zugleich frei sein; dies kann aber nur geschehen, wenn einer von euch mir seine Hand reicht.«

Die Störche schienen über den Antrag etwas betroffen zu sein, und der Kalif winkte seinem Diener, ein wenig mit ihm hinauszugehen.

»Großwesir«, sprach vor der Türe der Kalif, »das ist ein dummer Handel; aber Ihr könntet sie schon nehmen.«

»So?« antwortete dieser, »daß mir meine Frau, wenn ich nach Haus komme, die Augen auskratzt? Auch bin ich ein alter Mann, und Ihr seid noch jung und unverheiratet und könnet eher einer jungen, schönen Prinzessin die Hand geben.«

»Das ist es eben«, seufzte der Kalif, indem er traurig die Flügel hängen ließ, »wer sagt dir denn, daß sie jung und schön ist? Das heißt eine Katze im Sack kaufen!«

Sie redeten einander gegenseitig noch lange zu; endlich aber, als der Kalif sah, daß sein Wesir lieber Storch bleiben als die Eule heiraten wollte, entschloß er sich, die Bedingung lieber selbst zu erfüllen. Die Eule war hocherfreut. Sie gestand ihnen, daß sie zu keiner bessern Zeit hätten kommen können, weil wahrscheinlich in dieser Nacht die Zauberer sich versammeln würden.

Sie verließ mit den Störchen das Gemach, um sie in jenen Saal zu führen; sie gingen lange in einem finstern Gang hin; endlich strahlte ihnen aus einer halb verfallenen Mauer ein heller Schein entgegen. Als sie dort angelangt waren, riet ihnen die Eule, sich ganz ruhig zu verhalten. Sie konnten von der Lücke, an welcher sie standen, einen großen Saal übersehen. Er war ringsum mit Säulen geschmückt und prachtvoll verziert. Viele farbige Lampen ersetzten das Licht des Tages. In der Mitte des Saales stand ein runder Tisch, mit vielen und ausgesuchten Speisen besetzt. Rings um den Tisch zog sich ein Sofa, auf welchem acht Männer saßen. In einem dieser Männer erkannten die Störche jenen Krämer wieder, der ihnen das Zauberpulver verkauft hatte. Sein Nebensitzer forderte ihn auf, ihnen seine neuesten Taten zu erzählen. Er erzählte unter andern auch die Geschichte des Kalifen und seines Wesirs.

»Was für ein Wort hast du ihnen denn aufgegeben?« fragte ihn ein anderer Zauberer. »Ein recht schweres lateinisches, es heißt Mutabor.«

Als die Störche an ihrer Mauerlücke dieses hörten, kamen sie vor Freuden beinahe außer sich. Sie liefen auf ihren langen Füßen so schnell dem Tor der Ruine zu, daß die Eule kaum folgen konnte. Dort sprach der Kalif gerührt zu der Eule: »Retterin meines Lebens und des Lebens meines Freundes, nimm zum ewigen Dank für das, was du an uns getan, mich zum Gernahl an!« Dann aber wandte er sich nach Osten. Dreimal bückten die Störche ihre langen Hälse der Sonne entgegen, die soeben hinter dem Gebirge heraufstieg. »Mutabor!« riefen sie; irn Nu waren sie verwandelt, und in der hohen Freude des neugeschenkten Lebens lagen Herr und Diener lachend und weinend einander in den Armen. Wer beschreibt aber ihr Erstaunen, als sie sich umsahen? Eine schöne Dame, herrlich geschmückt, stand vor ihnen. Lächelnd gab sie dem Kalifen die Hand. »Erkennt Ihr Eure Nachteule nicht mehr?« sagte sie. Sie war es; der Kalif war von ihrer Schönheit und Anmut so entzückt, daß er ausrief, es sei sein größtes Glück, daß er Storch geworden sei.

Die drei zogen nun miteinander auf Bagdad zu. Der Kalif fand in seinen Kleidem nicht nur die Dose mit Zauberpulver, sondern auch seinen Geldbeutel. Er kaufte daher im nächsten Dorf, was zu ihrer Reise nötig war, und so kamen sie bald an die Tore von Bagdad. Dort aber erregte die Ankunft des Kalifen großes Erstaunen. Man hatte ihn für tot ausgegeben, und das Volk war daher hocherfreut, seinen geliebten Herrscher wieder zu haben.

Um so mehr aber entbrannte ihr Haß gegen den Betrüger Mizra. Sie zogen in den Palast und nahmen den alten Zauberer und seinen Sohn gefangen. Den Alten schickte der Kalif in dasselbe Gemach der Ruine, das die Prinzessin als Eule bewohnt hatte, und ließ ihn dort aufhängen. Dem Sohn aber, welcher nichts von den Künsten des Vaters verstand, ließ der Kalif die Wahl, ob er sterben oder schnupfen wolle. Als er das letztere wählte, bot ihm der Großwesir die Dose. Eine tüchtige Prise, und das Zauberwort des Kalifen verwandelte ihn in einen Storchen. Der Kalif ließ ihn in ein eisernes Käfig sperren und in seinem Garten aufstellen.

Lange und vergnügt lebte Kalif Chasid mit seiner Frau, der Prinzessin; seine vergnügtesten Stunden waren immer die, wenn ihn der Großwesir nachmittags besuchte; da sprachen sie dann oft von ihrem Storchenabenteuer, und wenn der Kalif recht heiter war, ließ er sich herab, den Großwesir nachzuahmen, wie er als Storch aussah. Er stieg dann ernsthaft mit steifen Füßen im Zimmer auf und ab, klapperte, wedelte mit den Armen, wie mit Flügeln und zeigte, wie jener sich vergeblich nach Osten geneigt und Mu – Mu – dazu gerufen habe. Für die Frau Kalifin und ihre Kinder war diese Vorstellung allemal eine große Freude; wenn aber der Kalif gar zu lange klapperte und nickte und Mu – Mu – schrie, dann drohte ihm lächelnd der Wesir, er wolle das, was vor der Tür der Prinzessin Nachteule verhandelt worden sei, der Frau Kalifin mitteilen.

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