Der Fürst der Meere und seine Liebe
von Barbara Strauss (copyright)
Es war einmal ein Schloß, das stand auf einer Klippe hoch oben über dem Meer. In dem Schloß wohnten ein König und seine Königin. Sie hatten eine kleine Tochter.
Das Mädchen wuchs heran und wurde mit jedem Tag schöner. Am liebsten saß es oben am Fenster seines Gemachs, blickte verträumt über das weite Wasser und sang mit seiner glockenhellen Stimme wunderschöne Melodien, die weithin hallten und jeden entzückten.
So dauerte es nicht lange, bis auch der Fürst der Meere tief unten in seinem nassen Reich die Stimme vernahm. Bald war er so gefesselt von den Klängen, daß er zwei Seepferdchen aussandte nachzusehen, woher die wunderbaren Töne denn kämen. Die beiden Seepferdchen verneigten sich ehrerbietig und schwammen aus der dunklen Tiefe der Sonne entgegen.
Es dauerte eine ganze Weile, bis sie die Klippe mit dem Schloß erreichten. Sie reckten die Hälse aus dem Wasser und blickten den steilen Fels hinauf bis zu dem Gemäuer. Zwar konnten sie wohl hören, daß die Stimme von da oben kam, aber das Schloß war viel zu weit weg, um die Sängerin ausmachen zu können. Da riefen die Seepferdchen eine Möwe herbei, die gerade über ihre Köpfe hinwegsegelte.
„Was wollt ihr von mir?“ schrie die Möwe und kam im Sturzflug auf die Seepferdchen zu, daß diese erschrocken ein Stückchen tiefer tauchten. Die Möwe kicherte und stieg wieder in die Lüfte.
„Kennst du die Stimme?“ riefen die Seepferdchen, die ihre Köpfe wieder mutig aus den Wellen streckten, ihr nach. Noch einmal kicherte die Möwe und kreiste nun in einiger Entfernung über den beiden Wassertierchen, um sie nicht wieder zu vertreiben. Die Möwe verspürte keinen Appetit, denn Seepferdchen mundeten ihr nicht sonderlich, und sie aß sie nur in Notfällen. Und da sie gerader erst einen dicken Fisch verzehrt hatte, bestand kein Notfall. Aber solche Tage gab es nur selten. Ein Möwenleben ist anstrengend.
„Ei, freilich kenne ich die Stimme!“ rief sie zurück. „Dann sag‘ uns doch, von wem sie kommt!“ forderten die Seepferdchen den Vogel auf. Aber die Möwe gab ihr Wissen nicht gerne preis.
„Wer will das denn wissen?“ fragte sie neugierig. „Unser Herr, der Fürst der Meere!“ war die Antwort. Jetzt sah die Möwe ihre Chance auf ein herrliches Leben für alle Zukunft, und die Gier erwachte in dem Tier.
„Dann sagt eurem Herrn“, rief sie, „wenn er mir jeden Tag einen Schwarm dicker Fische zu jenem Felsen dort schickt, werde ich mein Wissen nicht mehr für mich behalten!“ Damit flog die Möwe davon und kicherte lauter als zuvor.
Nun blieb den beiden Seepferdchen nichts weiter übrig, als zurück zum stillen, dunklen Palast ihres Herrn zu schwimmen. Zitternd verneigten sie sich vor dem Thron.
„Nun, was habt ihr zu berichten?“ fragte er ungeduldig, und seine gewaltige Stimme brachte das Wasser in Bewegung und ließ hohe Wellen an die Ufer des Meeres rollen.
„Die Möwe….“, begann zaghaft das eine Seepferdchen, und „die weiß es besser als wir“, setzte das andere fort. „Sie will für ihr Wissen eine Belohnung von dir“, schlossen beide gemeinsam, und ihre Stimmen waren kaum noch zu hören.
„So, so! Nun, wenn sie die Belohnung verdient, dann soll sie sie auch bekommen!“ Damit erhob sich der Fürst von seinem Thron und schickte sich an, selbst an die Oberfläche zu schwimmen. Oben angekommen rief er mit mächtiger Stimme nach der Möwe, und es klang wie lautes Donnergrollen und ließ die Menschen an Land ängstlich nach einem Gewitter Ausschau halten. Die Möwe aber hatte nur darauf gewartet und war im Nu zur Stelle.
„Jetzt sag‘ mir, was du weißt, und du sollst nie mehr Hunger leiden müssen!“ rief der Fürst ihr zu, und seine Stimme ließ riesige Brecher gegen die Küsten prallen.
„Hi, hi, wie du befiehlst, mein Gebieter!“ kicherte die Möwe und schien absolut keine Angst zu haben. „Jeden Tag fliege ich zu den Fenstern des Königsschlosses und sehe das lieblichste Mädchen, das du dir vorstellen kannst. Sie ist es, die diese wundervollen Lieder singt, während sie das Meer betrachtet.“
Von dieser Stunde an konnte der Fürst der Meere an nichts anderes mehr denken als an das Mädchen, dessen Bildnis er vor Augen hatte, ohne es je gesehen zu haben. Er verzehrte sich nach ihm und begehrte nichts so sehr, als das Mädchen zu seiner Frau zu machen. In seiner Verzweiflung wandte er sich an die Sterne um Hilfe. Oft schon hatten die Sterne in langen Nächten seine Einsamkeit gemildert. Voller Mitgefühl versprachen sie auch sofort, ihr bestes zu tun.
In der folgenden Nacht hatten der König und die Königin einen seltsamen Traum: Ein Mann von riesenhafter Gestalt klopfte an ihr Tor. Der Mann war ganz nackt, aber über und über mit Algen bedeckt, und Wasser troff aus seinem langen Haar. Dieses furchterregende Wesen hielt so mir nichts dir nichts um die Hand der Königstochter an und bat, das Mädchen am Morgen zum Meeresufer zu schicken. Er werde das Mädchen reich und mächtig machen.
Vor Schreck erwachten die Königin und der König und waren froh, daß alles nur ein Traum gewesen war. Die Sterne hatten es wirklich gut gemeint, aber das Königspaar wünschte der Tochter weder Reichtum noch Macht, denn das hatte sie ohnehin schon, sondern ein glückliches Leben. Und sie konnten sich gar nicht vorstellen, daß solch ein wilder Kerl ihr Kind glücklich machen könne. Voller Angst versteckten sie ihre Tochter in einer Kammer, die auf der dem Meer abgewandten Seite des Schlosses lag.
Von diesem Tag an war es still über dem weiten Meer, und alle dachten sehnsüchtig an die wunderbaren Melodien. Der Meeresfürst aber wurde unendlich traurig. Die Sterne konnten sich gar nicht oft genug entschuldigen für ihre Tolpatschigkeit und wollten ihren Fehler wieder gut machen. Sie riefen den Wind herbei und berichteten ihm von dem Unglück. Der Wind, der ein verspielter Geselle war, erklärte sich gerne bereit, einen Versuch zu unternehmen.
Erst säuselte er sanft um das Schloß herum, bis er die Prinzessin in ihrer versteckten Kammer ausfindig machen konnte. Dann rüttelte er kräftig an Mauern und Fensterläden, um ins Schloß zu gelangen und die Königstochter davonzutragen. Das dicke Gemäuer jedoch hielt all seinen Bemühungen stand, und er mußte unverrichteter Dinge zu den Sternen zurückkehren.
In der Zwischenzeit hatte sich der Kummer des Meeresfürsten unter seinen Untertanen bis in die dunkelsten Tiefen herumgesprochen. Und obwohl er ein gefürchteter Herrscher war, beschlossen doch alle ihm zu helfen. Denn sie waren der Meinung, daß nur seine Einsamkeit Schuld trage an seinem furchteinflößenden Gehabe. Wenn er endlich eine Gemahlin hätte, so hofften die Meeresbewohner, würde diese ihren Herrn sicher besänftigen.
Also schickten sie eine Robbe los, eine ganz junge mit weißem Pelz. Die schleppte sich die Felsen zum Schloß hoch, bis unter das Fenster der Prinzessin. Dort begann die Robbe jämmerlich zu weinen, daß es der Prinzessin beinahe das Herz brach. Sie öffnete die Fensterläden um nachzusehen, wer denn da so leide. Als sie das weiße pelzige Knäuel tief unten erblickte, erwachte sofort der Wunsch in ihr, das Tier zum Spielgefährten zu haben, denn auch die Prinzessin war einsam. Flugs eilte sie über Stiegen und Gänge, und niemand vermochte sie zurückzuhalten. Draußen griff sie behutsam nach dem zutraulichen Tier, aber im letzten Moment wich die Robbe wieder und wieder ein wenig zurück, bis beide das Meeresufer erreicht hatten.
Blitzschnell sprang die Robbe ins Wasser, daß es nur so aufspritzte. Schon wollte sich die Königstochter enttäuscht auf den Weg zurück ins Schloß machen, da tauchte das lachende Gesicht eines Delphins aus den Fluten. Entzückt klatschte die Prinzessin in die Hände, als er ihr seine Kunststücke vorführte. Um in besser sehen zu können, ging die junge Frau einen Schritt näher ans Wasser. Und sie wußte nicht, ob es der rutschige Fels unter ihren glatten Schuhsohlen war oder die freche Möwe, die sie fast mit ihren Flügeln im Flug streifte, die die Königstochter das Gleichgewicht verlieren und ins Wasser fallen ließen. Die Prinzessin sank tief, fast bis zum Grund. Sie schlug verzweifelt um sich, und dabei wickelte sich ihr Kleid um ihre Beine, so daß sie nicht schwimmen konnte. Aber schon war der Delphin, der nur auf diesen Moment gewartet hatte, zur Stelle. Er stupste die Prinzessin mit seinem schnabelförmigen Maul an, und sie ergriff in höchster Not seine Rückenflosse. Sicher trug das Tier das Mädchen über das Meer davon, weit weg von den Klippen mit dem Schloß. Die Prinzessin, erst froh, daß sie gerettet worden war, begann sich wieder zu fürchten. Sie begann wieder zu zappeln und schrie, der Delphin solle sofort umkehren, aber der trug sie unbeirrt weiter, bis er an einer fruchtbaren kleinen Insel anlangte. Hier setzte er die Prinzessin ab.
Hilflos saß sie nun am Strand. Die Sonne und der warme Wind trockneten ihr Kleid und ihr Haar, während sie wartete, ohne zu wissen, worauf. Da bewegte sich etwas in den Fluten, und heraus stieg der Fürst der Meere. Die junge Frau erkannte sofort, um wen es sich handelte, hatten ihr doch die Eltern von dem Traum erzählt. Der Mann sah genauso aus, wie er ihr beschrieben worden war. Dieses wilde Wesen liebte sie also. Er kam auf sie zu, und sie sah die schleimigen Algen auf seinem Körper und die langen zotteligen Haare und begann sich zu fürchten. Sie sprang auf und wollte wegrennen. Doch nun war er nahe genug, daß sie seine Augen erkennen konnte. Es waren traurige, sanfte Augen, und sie konnte große Einsamkeit in ihnen sehen. Der Fürst blieb vor ihr stehen, und beide blickten sich nur an und sagten kein Wort.
Endlich fand der Meeresfürst seine Sprache wieder und sagte: „Du kennst mich nicht, und ich habe sicher nicht recht getan, dich zu entführen. Aber es gab keinen anderen Weg, dich auf mich aufmerksam zu machen. Ich sehe, du findest mich abstoßend, doch in mich hinein kannst du nicht schauen. Wenn ich dir gar zuwider bin, sag‘ es, und ich lasse dich nach Hause bringen.“
Da entgegnete die Prinzessin: „Du täuscht dich, ich kann in dich hineinschauen, und ich sehe, daß du genauso einsam bist wie ich. Meine Eltern haben es gut mit mir gemeint, aber sie haben mich nicht gefragt, was ich möchte. Ein jeder muß selber erkennen, wo er sein Glück finden kann. Und deshalb werde ich vorerst hier bleiben, um dich kennenzulernen.“
Da war der Fürst der Meere über alles froh, und aus seinen Augen verschwand alle Trauer. Der Mann und die Frau waren bald versunken in den Geschichten, die sie einander erzählten. Die Prinzessin berichtete von ihrem Leben im Schloß, und der Fürst beschrieb ihr sein dunkles Reich. Während sie immer Neues zu berichten wußten, trockneten die Algen auf dem Körper des Fürsten und fielen ab, und seine Haare ringelten sich bald glänzend um seinen Nacken und Schultern. Doch der Prinzessin war diese Wandlung einerlei, denn sie hatte ihn schon liebgewonnen.
Nun schlug der Geliebte vor, sie solle ihm doch in sein Reich folgen und mit ihm dort leben. Er werde sie reich, mächtig und glücklich machen. Sie aber warf ein, daß dies für eine Menschenfrau wohl nicht möglich sein werde, und reich und mächtig sei sie ohnehin. Aber er solle doch einfach mit ihr ins Schloß kommen, dort könnten sie genauso glücklich werden. Doch der Fürst wurde wieder traurig.
„Viel zu weit weg steht dein Schloß“, sagte er, „von meinem Reich. Ich glaube nicht, daß ich so hoch über dem Wasser leben kann.“
Jetzt war guter Rat teuer, und es herrschte wieder Schweigen zwischen den beiden. Die Prinzessin betrachtete die Bäume und Sträucher, auf denen Früchte wuchsen, die sie noch nie gesehen hatte, und das Gras unter ihnen war hoch und saftig.
„Bist du jetzt auch zu weit entfernt von deinem Meer?“ fragte sie den Meeresfürsten. Der schüttelte den Kopf und schien zu verstehen.
„Auf Geld und Macht kann ich leicht verzichten“, sprach die Prinzessin weiter. „Kannst du es auch?“
Er nickte und nahm sie fest in seine Arme. Und fortan lebten sie auf der Insel, und keiner fühlte sich je mehr einsam.