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	<title>The-Short-Story &#187; Märchen</title>
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		<title>Die Sternenprinzessin</title>
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		<pubDate>Thu, 25 Jun 2009 18:43:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner-Kurt</dc:creator>
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		<description><![CDATA[von Paola Reinhardt (copyright) In den hellen Nächten, wenn der Mond sein blasses Licht zur Erde sendet, glänzen am Firmament viele tausend Sterne. Jeder von ihnen hat seinen ganz bestimmten Platz und darf diesen nie verlassen. So sieht es der uralte Himmelsplan vor. Da war einmal ein ganz besonders schönes Sternlein, der überstrahlte mit seinem [...]]]></description>
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<p><em>von <a href="http://www.the-short-story.de//?p=68">Paola Reinhardt</a> (copyright)</em></p>
<p>In den hellen Nächten, wenn der Mond sein blasses Licht zur Erde sendet, glänzen am Firmament viele tausend Sterne. Jeder von ihnen hat seinen ganz bestimmten Platz und darf diesen nie verlassen. So sieht es der uralte Himmelsplan vor. </p>
<p>Da war einmal ein ganz besonders schönes Sternlein, der überstrahlte mit seinem Glanz all die anderen. Jeden Abend schaute es mit großen, sehnsüchtigen Augen hinunter auf die Erde und konnte sich gar nicht satt sehen an den gewaltigen Meeren, den Flüssen und Bächen, stillen Seen, zerklüfteten Bergen und endlosen Sandwüsten.<br />
Es bestaunte auch die grünen Wälder, die lebhaften Städte, die beschaulichen Dörfer, die vielfältigen Tierrassen und die kleinen und großen Menschen, die anscheinend auf dieser Welt das Sagen hatten. </p>
<p> Manchmal konnte der Stern sogar durch die hell erleuchteten Fenster in ihre Wohnungen schauen. Dort saßen die Menschen oft gemütlich beieinander und plauderten, oder schauten gebannt auf einen kleinen Kasten, den sie Fernseher nannten. Ganz besonders interessant sah es bei ihnen zu Weihnachten aus. Zu Anlass schmückten<br />
die Menschen grüne Tannen mit bunten Kugeln, Lametta und Kerzen und beschenkten sich gegenseitig. Und alle waren an diesem Tag besonders nett zueinander. Mütter und Großmütter erzählten den Kindern oft alte Märchen, oder lasen ihnen aus dicken Büchern Geschichten von Huckleberry Finn und Oliver Twist vor. Oder sie sahen sich<br />
gemeinsam den Film vom kleinen Lord an, der mit seiner Mutter von Amerika nach England reiste und dort das harte Herz seines griesgrämigen Lord Großvaters eroberte. Die über Zehnjährigen zogen sich oft mit einem neuen „Harry Potter“ in eine stille Ecke<br />
zurück. </p>
<p> Leider konnte das Sternlein ihre Unterhaltungen und ihre Musik nicht immer verstehen, denn die Entfernung zur Erde betrug schließlich viele, viele Lichtjahre. Doch die Menschen schienen ihm so interessant zu sein, dass sein Wunsch, einmal auf die Erde zu reisen, von Jahr zu Jahr größer. </p>
<p> Eines Abends fasste sich das Sternlein ein Herz und bat den Mond: „Lieber, guter, alter Mond, ich möchte einmal auf die Erde zu den Menschen. Bitte, lass mich reisen!“ </p>
<p>Doch der Mond schüttelte nur unwillig seinen Kopf. Er war so stolz auf sein schönstes Sternlein und wollte es daher nicht verlieren. Außerdem hatte er es in all den Jahren sehr lieb gewonnen. Doch das Sternlein konnte zuweilen sehr hartnäckig sein und wurde immer wieder beim Mond wegen eines Anliegens vorstellig. </p>
<p>„Glitzerchen“, sagte er eines Tages traurig, „hör zu, du weißt doch, dass kein Stern jemals wieder hinauf zum Himmel gelangen kann, wenn er einmal auf der Erde war. Also gibt schon Ruhe und schlag dir deinen Wunsch aus dem Kopf. Du bleibst hier oben bei mir und den anderen Sternenschwestern und strahlst, wie es sich für einen<br />
richtigen Stern gehört. Hast du mich verstanden?“ </p>
<p>Das Sternlein gab keine Antwort und schmollte statt dessen, bevor es sich allmählich in sein Schicksal ergab. Doch eines Nachts erblickte Glitzerchen direkt unter sich ein großes weißes Schloss. Leise betörende Musik klang bis hinauf zum Himmel und zwei nachtdunkle Augen starrten es unentwegt an. Sie gehörten einem jungen Mann, groß<br />
und schlank, der eine weiße Uniform trug, die mit goldenen Kordeln und Litzen verziert war. Sein schwarzes Haar glänzte im Schein der vielen künstlichen Lichter, die den Park und das Schloss illuminierten. Glitzerchen lächelte und glaubte, noch nie einen schöneren Menschen gesehen zu haben. Da sah es, wie der Prinz in Begleitung den Saal verließ und nach draußen auf die Terrasse ging. Da hörte es eine laute Stimme: </p>
<p>„Mein Prinz, warum seid Ihr so traurig und fern dem Fest, das man Euch zu Ehren gibt. Die schönsten Prinzessinnen, die attraktivsten Filmstars und Models wurden von Eurem Vater, dem König eingeladen, damit ihr Euch unter ihnen eine Frau aussuchen sollt. Doch Euch schein keine zu gefallen.“ </p>
<p>„Stimmt, verehrter Minister, obwohl sich der Hof mit der Auswahl der Damen sehr viel Mühe gegeben hat. Aber sie sind mir alle viel zu eitel, pressegeil und oberflächlich. Schönheit allein genügt mir nicht! Ich brauche eine Frau, die gut ist und warmherzig zu unserem Volk, so wie es meine Mutter war.“ Und schwärmerisch fügte er hinzu: „Sie<br />
müsste mein Herz beim ersten Anblick berühren.“ Er machte eine Pause und zeigte dann hinauf zum Himmel. „So wie dieser strahlende Stern dort oben mit seinem warmen Glanz.“ </p>
<p> Das Sternlein errötete und strahlte noch ein wenig wärmer als sonst über dieses wunderschöne Kompliment. Leider tauchte in diesem Augenblick eine Menge Fotografen und Reporter im Park auf mit klickenden und surrenden Kameras, die den Prinzen umlagerten und ihn interviewen wollten. Alle redeten sie durcheinander, so<br />
dass Glitzerchen kein einziges Wort mehr verstehen konnte. Enttäuscht sah es, wie der Prinz vor ihnen ins Schloss flüchtete. Dicke Samt-und Brokatvorhänge versperrten kurz darauf den Blick durch die Fenster. </p>
<p>Der Mond hatte alles mit angehört und machte sich so seine Gedanken. In der nächsten Zeit beobachtete er seinen Lieblingsstern noch sorgfältiger als vorher. Und voller Wehmut sah er, dass wie dieser jeden Abend ein wenig früher am Himmel auftauchte, um Ausschau nach dem Prinzen zu halten. Diese Eigenmächtigkeit brachte allmählich den gesamten Sternenplan durcheinander und die Sterne der Milchstraße und die des großen und kleinen Bären hatten sich schon bei ihm über das eigenmächtige Verhalten seines Lieblingssterns beschwert. Dabei war die Ballmusik doch längst verklungen und das Schloss lag tief verschneit und einsam am Rande der großen Stadt. Im Stillen hoffte der Mond jedoch darauf, dass sich der Prinz inzwischen doch in eine der vielen<br />
schönen Frauen verliebt hatte und bald heiraten würde. Dann hörte sein Lieblingssternlein gewiss endlich damit auf, von diesem Menschen zu träumen!</p>
<p> Doch da hatte er sich gewaltig geirrt! Ohnmächtig musste der Mond mit ansehen, wie seine Sternenprinzessin von Tag zu Tag trauriger wurde. Darüber war er sehr beunruhigt, denn wenn ein Stern traurig ist, wird er blass und blasser, bis er eines Tages ganz erlischt. </p>
<p>Angst, ja fast Panik erfasste den Mond, und er sann angestrengt darüber nach, was er wohl dagegen unternehmen konnte. Leider fiel ihm bei allem Kopfzerbrechen keine Lösung ein. So entschloss er sich eines Abends schweren Herzens den Wunsch des Sternleins zu erfüllen. </p>
<p> „Glitzerchen, ich habe genug von deinem traurigen Gesicht. Los, mach dich fertig für den Flug zur Erde“, brummte er den Tränen nahe. </p>
<p>Da hättet ihr das blasse Sternlein einmal sehen sollen! Sofort begann es wieder wie früher zu leuchten und zu strahlen, ja, er glitzerte und funkelte nur so vor Freude. Und vor lauter Dankbarkeit fiel er dem Mond um den Hals und tanzte übermütig um ihn herum. </p>
<p>Dem Prinzen, der gerade auf die Terrasse hinausgetreten war, fiel dieser seltsame Sternentanz natürlich sofort auf. Wie geblendet starrte er hoch zum Himmel. Plötzlich sah er eine Sternschnuppe direkt auf sich zukommen. Wenn ein Stern vom Himmel fällt, darf man sich etwas wünschen und dieser Wunsch, so heißt es, wird in Erfüllung gehen. Das wusste natürlich auch der Prinz und lächelte voller Vorfreude. </p>
<p>Im nächsten Augenblick stand vor ihm eine wunderschöne junge Frau mit langen blonden Haaren, strahlend blauen Augen, und einer elfengleichen Figur. Sie trug ein glitzerndes goldenes Kleid, das über und über mit Perlen und Edelsteinen bestickt war. Nie zuvor hatte der Prinz ein schöneres Geschöpf gesehen. Gleichzeitig ging von dieser<br />
Frau soviel Liebreiz und Güte aus, dass ihm richtig warm ums Herz wurde. Er neigte sich tief über ihre zarte Hand und küsste sie. </p>
<p>„Prinzessin, niemand hat mir Eure Ankunft gemeldet. Wann seid ihr hier eingetroffen und von woher kommt ihr?“, fragte er verwundert und mit leicht zitternder Stimme. </p>
<p>Da lachte Glitzerchen. „Aber mein Prinz, denkt doch an die Sternschnuppe und an Eueren Wunsch. Er ist gerade in Erfüllung gegangen. Ich bin direkt vom Himmel gefallen.“ Die Sternenprinzessin erzählte dem staunenden Prinzen auch, wie sie ihn an jenem Ballabend belauscht und sich in ihn verliebt hatte. Und von dem guten, alten Mond, der ihr schließlich den Flug zur Erde genehmigte, berichtete sie ebenfalls. Da nahm der Prinz die schöne Sternenprinzessin überglücklich in seine Arme und küsste sie. Eng umschlungen wanderte das Paar danach durch den winterlichen Park und bemerkte weder die Kälte noch die anbrechende Nacht. Und noch bevor die Turmuhr zwölf schlug, hatte der Prinz seiner Traumfrau einen Heiratsantrag gemacht. Und die sagte überglücklich „ja.“ </p>
<p> Schon bald wurde die Hochzeit gefeiert und das Volk jubelte dem jungen Paar begeistert zu. Am Hof und überall im Land wurde natürlich gerätselt, wo und wie der Prinz seine schöne Braut wohl kennen gelernt hatte. Doch die Zwei verrieten ihr Geheimnis nicht. </p>
<p> Nur einer kannte ihre Geschichte. Doch der konnte schweigen. Manchmal, wenn das Paar verliebt durch den Schlosspark wanderte und zum Himmel hochblickte, dann hatten sie für einen Augenblick lang das Gefühl, als würde der gute, alte Mond ihnen verständnisvoll zublinken, bevor er hinter einer Wolke verschwand. </p>
<p>Provided by <a href="http://www.universal-frame.com/" title="Universal Frame GmbH - Marketing und Public Relation">Universal Frame GmbH &#8211; Marketing und Public Relation</a></p>

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		<title>Die Traumfängerin</title>
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		<pubDate>Tue, 22 Aug 2006 19:17:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner-Kurt</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Eine Kindergeschichte für Kinder von fünf bis 12. Ein Indianermädchen, Sonnenblume, macht sich mit ihrem Freund, Einsamer Wolf, auf die Suche nach dem Geist des Träumen von <a href=http://www.the-short-story.de/?p=359>Renate Bornemann</a> ...]]></description>
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<p>von <a href=http://www.the-short-story.de/?p=359>Renate Bornemann</a></p>
<p>für Rebecca</p>
<p>In einer Zeit weit vor der unseren lebte ein kleines Mädchen.<br />
Sie war ein Indianer-Mädchen und lebte mit ihrem Stamm im Wald. Ihr Name war Blume-die-mit-ihrem-Gesicht-die-Sonne-sucht. Ihre Spielkameraden nannten sie jedoch meist Sonnenblume, da ihr richtiger Name ihnen zu lang erschien. Sonnenblume war ein hübsches Mädchen. Sie hatte strahlende grau-blaue Augen und rosige Wangen.<br />
Eigentlich war Sonnenblume ein glückliches Kind. Tagsüber zumindest, &#8230;. doch am Abend, wenn ihre Mutter sie im Tipi in ihre Felldecke einkuschelte und ihr Gute Nacht sagte, das Feuer im Zelt langsam ausging, da kamen sie&#8230;, die bösen Träume. Es waren schreckliche Träume von Ungeheuern und bösen Menschen. Häufig wachte sie nachts auf und hatte furchtbare Angst.<br />
Ihre Mutter und ihr Vater trösteten sie dann, doch einschlafen konnte sie oft lange nicht mehr. Ihre Spielkameraden lachten sie aus. Sie hatten nie schreckliche Träume. Nur einer, der lachte gar nicht, wenn sie von ihren Träumen erzählte. Das war der kleine Einsame Wolf. Er hörte ihr mit großen, weit offenen braunen Augen zu und wurde ganz still.<br />
Als die anderen lärmend und grölend wegliefen, blieb er bei ihr und sagte: ”Weißt du, Sonnenblume, ich kenne solche Träume. Auch ich habe Angst vor dem Einschlafen.”<br />
Aber was können wir denn dagegen machen?”, fragte Sonnenblume. Einsamer Wolf zuckte mit den Schultern und wußte darauf keine Antwort. Als sie so dasaßen, kam die Medizinfrau vorbei und sah die beiden Kinder nachdenklich auf dem Boden vor ihren Zelten sitzen.</p>
<p>Sie mochte Kinder sehr gerne. Da sie aber die Medizinfrau war, durfte sie selbst keine Kinder bekommen. So verbrachte sie ihre freie Zeit gerne mitden Kindern des Stammes. Sonnenblume mochte sie besonders gern, weil sie ein hilfsbereites und wißbegieriges Mädchen war. Sonnenblume hatte ihr oft beim Kräutersammeln geholfen.<br />
Da es ihr seltsam vorkam, die beiden dort so still sitzen zu sehen, sprach sie Sonnenblume und Einsamen Wolf an.<br />
”Was sitzt ihr beide hier denn so schweigend herum? Warum spielt ihr nicht mit den anderen?”<br />
Nach einer kleinen Weile erzählten ihr die beiden Kinder von ihren Träumen. Die Medizinfrau, die sich zu ihnen auf den Boden gesetzt hatte, nickte und sagte leise:<br />
“Ja, ich weiß von diesen Dingen. Auch Erwachsene haben manchmal böse Träume.”<br />
”Weißt du dagegen keine Medizin?” fragte Sonnenblume.<br />
”Das ist gar nicht einfach, liebe Sonnenblume. Es gibt einen Ort, zu dem ihr gehen müsst. Er liegt bei dem Wasserfall. Dort wohnt der Geist des Träumens. Ihn könnt ihr um Hilfe bitten. Doch ob er euere Bitte gewährt, hängt von vielen Dingen ab.”<br />
”Von welchen Dingen?”, fragte Einsamer Wolf aufgeregt .”Ich bin bereit, alles zu tun, um meine bösen Träume fortzuschicken!”</p>
<p>”Nun, zum einen, dürft ihr sieben Tage keinen Honig essen,” entgegnete die Medizinfrau.<br />
”Sieben Tage keinen Honig? ,” rief Einsamer Wolf erschrocken. Den süßen Honig, den sie im Sommer von den Bienen im Wald absammelten, aß er nämlich für sein Leben gerne.<br />
”Jawohl, und außerdem müsst ihr euch vorher gründlich waschen !”<br />
Wiederum war Einsamer Wolf entsetzt. Waschen war für ihn das Allerschlimmste.<br />
Sonnenblume schienen die aufgezählten Bedingungen bisher nicht allzu schlimm. Doch als die Medizinfrau weiter sprach und sagte: “Außerdem müsst ihr sieben Tage morgens und abends die Ziegen melken”, da war es an ihr zu protestieren.<br />
”Sieben Tage morgens und abends?” rief sie entsetzt.<br />
”Ja, und das ist noch nicht alles. Auf dem Weg dorthin werdet ihr allem begegnen wovor ihr Angst habt! Kehrt ihr vorher um, bevor ihr zum Traumgeist gekommen seid, wird euer Wunsch nicht gestattet werden können”, schloss die Medizinfrau.<br />
Jetzt machten beide Kinder betrübte Gesichter. Beiden fiel ein, wovor sie schreckliche Angst hatten. Einsamer Wolf davor, einer Schlange zu begegnen oder einem richtigen Wolf. Sonnenblume fiel ihre Angst vor Spinnen und vor Feuer ein. Verzagt sagte Sonnenblume nach einer Weile:<br />
”Ich glaube nicht, dass ich das schaffen kann!”<br />
”Ich kann euch allerdings eine Hilfe mitgeben. Einen Talisman der bewirkt, das alles was euch begegnet, egal wie schrecklich es euch erscheinen mag, zum Guten wendet. Doch auch dann, ist es ein großes Abenteuer, das ihr bestehen müsst.”<br />
Sonnenblume und Einsamer Wolf sahen sich an. Einsamer Wolf litt sehr darunter, dass die anderen ihn oft einen Feigling nannten. Als er in die strahlenden Augen von Sonnenblume blickte, hatte er nur einen Wunsch: Vor ihr nicht als Angsthase dazustehen. So sprang er mit einmal auf und erklärte mit starker, aber leicht zitternder Stimme:<br />
”Ich werde gehen! Allen großen Ängsten zu begegnen ist nicht halb so schlimm wie jede Nacht schlechte Träume zu haben!”<br />
Sonnenblume war beeindruckt. Dadurch selbst mutig geworden, sprang sie auf und rief: ”Ich werde mit dir gehen, Einsamer Wolf. Wir können uns gegenseitig helfen. Das schaffen wir schon!”</p>
<p>Die Medizinfrau lachte und sagte:<br />
”Ich freue mich, dass ihr euch entschlossen habt, eueren Ängsten mutig entgegenzutreten. Doch bevor ihr losstürmt, gibt es die anderen Aufgaben zu erledigen.”<br />
”Och, muss das wirklich sein?”, fragte Einsamer Wolf murrend und mit den Füßen scharrend.<br />
”Ja, es muss sein”, betonte die Medizinfrau. Damit beweist ihr eure Ernsthaftigkeit.”<br />
”Also gut,” sprach Sonnenblume. “Es ist schon spät. Ich gehe schon mal die Ziegen aus dem Wald zusammentreiben, damit wir sie melken können, Einsamer Wolf.”<br />
Der nickte und machte sich zusammen mit Sonnenblume auf den Weg. Vorher bedankten sie sich bei der Medizinfrau für ihren Rat. Als die Kinder alleine waren, fragte Sonnenblume Einsamer Wolf:<br />
”Glaubst du wir werden es wirklich schaffen, den Traumgeist zu bitten unsere Träume zu verwandeln?”<br />
“Na klar!”, antwortete Einsamer Wolf mit mehr Überzeugung als er eigentlich hatte.<br />
So gingen denn sieben Tage dahin. Morgens und abends molken sie die Ziegen. Sie machten einen großen Bogen um den süßen Saft des Honigs. Das versetzte vor allem die Mutter von Einsamer Wolf in Erstaunen. Sie hatte schon Angst, dass er krank sei, stopfte ihn eines Tages ins Bett und flößte ihm bittere Medizin ein. Doch schließlich und endlich waren die sieben Tage um. Beide Kinder mussten sich nur noch gründlich waschen, was sie auch taten. Die Mutter von Einsamer Wolf war sehr überrascht, dass er diesmal ganz freiwillig sein wöchentliches  Bad im Fluss zu nehmen.<br />
Früh am Morgen des achten Tages, der Tau lag noch auf den Gräsern, schlichen Sonnenblume und Einsamer Wolf sich aus ihren Zelten und suchten das Zelt der Medizinfrau auf. Sie war schon wach und hatte die Kinder erwartet. Sie winkte beide zu sich ins Zelt. Nachdem sie sich davon überzeugt hatte, dass Sonnenblume und Einsamer Wolf ihre Aufgaben erfüllt hatten, übergab sie ihnen feierlich ein Amulett. Sie legte es Sonnenblume um den Hals und beschwor sie, es auf keinen Fall zu verlieren. Sonnenblume sah sie ernst aus ihren blaugrauen Augen an und sagte:<br />
”Ich verspreche, gut darauf aufzupassen!” Einsamer Wolf bekam einen Stab überreicht, der ihnen helfen sollte, den richtigen Weg zu finden. Wie von der Medizinfrau verlangt, versprach er den Stab nur zur Wegsuche zu benutzen und keinem Wesen dem sie unterwegs begegnen würden damit zu schaden.<br />
So ausgerüstet, machten sich beide Kinder auf den Weg. Sonnenblume fröstelte leicht, als sich eine kühle Brise erhob. Sie war noch müde und dachte wehmütig an ihr warmes Fellbett zurück, das sie gerade verlassen hatte. Doch dann fiel ihr wieder der Traum der letzten Nacht ein. Sie umfasste das Amulett an ihrem Hals, schloss für einen Moment die Augen und gab sich innerlich einen Ruck. Einsamer Wolf schien es nicht viel anders zu ergehen. Er trödelte hinter ihr her, währenddem er aufs Genaueste den krummen Stab in seinen Händen untersuchte. Dann gab auch er sich einen Ruck und schloss zu Sonnenblume auf.<br />
”Was meinst du Sonnenblume? Glaubst du, dieser seltsame Stab kann uns im Zweifel den Weg weisen?”<br />
”Die Medizinfrau hat gesagt, dass er es kann, und sie muss es ja wissen. Es ist schließlich ihre Arbeit, sich mit allerlei Arten von Medizin auszukennen. Ich glaube fest daran, dass ihr Zauber uns schützen wird!”<br />
”Na gut, dann lass uns jetzt vorangehen. Wir müssen vor Anbruch der Nacht wieder zu Hause sein”, erwiderte Einsamer Wolf. Wenn jemand entdeckt, dass wir fort sind, werden sie uns suchen, und dann kommen wir nie zum Traumgeist.”<br />
Sonnenblume nickte nur. So liefen sie dann eine Zeitlang nebeneinander her und beobachteten die Landschaft um sich herum. Da sie Indianerkinder waren, kannten sie sich im Wald gut aus. Sie wussten, welche Beeren essbar waren und welche nicht. Sie sahen Spuren von Eichhörnchen und Stinktieren. Sie kannten auch die Stimmen der Vögel um sie herum.<br />
Als sie gerade über eine Waldlichtung gingen, sahen sie vor sich aus dem Gebüsch einen Wolf auftauchen. Sie verharrten in ihren Fußstapfen und wagten nicht zu atmen.</p>
<p>Einsamer Wolf erhob langsam seinen Stab. Doch Sonnenblume hielt seine Hand fest.<br />
”Nicht!” , flüsterte sie zitternd.” Medizinfrau hat gesagt, wir dürfen den Stab so nicht benutzen!”<br />
Der Wolf starrte sie aus seinen grünen Augen an. Er war ein sehr ausgemergeltes Exemplar. Es war offensichtlich, dass er Hunger hatte. Seine Rippen stachen deutlich hervor, und sein Fell war stumpf. Er schlich immer näher auf sie zu. Es sah aus, als würde er jeden Moment zum Sprung ansetzen. Er fletschte die Zähne und knurrte laut.<br />
”Du musst mit ihm sprechen, Einsamer Wolf! Schnell es ist dein Totem-Tier. Das ist unsere einzige Chance!&#8221;<br />
&#8220;Mit ihm sprechen?&#8221;, fragte Einsamer Wolf bebend.<br />
&#8220;Ja! Frag nicht, tue es einfach!&#8221;, entgegnete Sonnenblume bestimmt.<br />
&#8220;Also, hör mal, Wolf. Wir sehen das du Hunger hast, aber du solltest uns trotzdem nicht anspringen, weil wir etwas Wichtiges erledigen müssen.&#8221;<br />
Bevor Einsamer Wolf geendet hatte, ging eine seltsame Verwandlung in dem Wolf vor sich. Er hörte auf zu knurren, setzte sich auf seine Hinterläufe und stellte seinen Kopf schief.<br />
&#8220;Red weiter, Einsamer Wolf!&#8221;, sagte Sonnenblume<br />
&#8220;Wir sind auf dem Weg zum Traumgeist, um ihn zu bitten, unsere schlechten Träume von uns zu nehmen.&#8221;<br />
&#8220;So, so”, sprach der Wolf.” Menschenkinder, die meine Sprache sprechen! Sehr seltsam! Trotzdem wärt ihr beide genau das was ich jetzt bräuchte um meinen knurrenden Magen zu füllen. Aber sagt erst noch, wie ihr heißt, bevor ich euch fresse!&#8221;<br />
Einsamer Wolf konnte kaum noch atmen vor lauter Angst, doch er sagte tapfer:<br />
&#8220;Ich bin Einsamer Wolf”, und auf Sonnenblume deutend,<br />
&#8220;Sie heißt Blume-die-mit-ihrem-Gesicht-die- Sonne-sucht.&#8221;<br />
Der Wolf stutzte, schlich um Einsamer Wolf herum, beschnüffelte ihn und sprach.<br />
&#8220;Du also gehörst zu meinem Clan, und ich darf dich nicht töten. Da das Mädchen mit dir geht, werde ich auch ihr nichts tun. Doch ich habe wirklich furchtbaren Hunger und muss bald fressen, sonst werde ich sterben.”<br />
Sonnenblume griff in ihren Beutel, den sie vorsorglich mitgenommen hatte und bot dem Wolf von dem Dörrfleisch an, das sie als Wegzehrung mitgenommen hatte.<br />
&#8220;Hier, Wolf. Es ist nicht viel; aber wenn du dich ein wenig damit gestärkt hast, kannst du vielleicht einen der Hasen fangen, deren Bau wir unterwegs entdeckt haben.&#8221;<br />
Der Wolf machte sich gierig über das Fleisch her. Dann setzte er sich auf die Hinterläufe und sprach:<br />
&#8220;Ich danke euch für diese Gabe! Als Gegengeschenk gebe ich dem Jungen ein paar Haare aus meinem Schweif. Sie werden ihm die Angst vor allem, was Klauen und Zähne hat, verlieren lassen.”<br />
Sprach&#8217;s und zupfte sich einige wenige Haare aus seinem Schweif. Einsamer Wolf empfing das Büschel, und sie verabschiedeten sich voneinander. Als der Wolf seines Weges gegangen war, seufzten beide Kinder erleichtert auf. Nachdem sie sich ein wenig von dem Schrecken erholt hatten, fragte Einsamer Wolf Sonnenblume:<br />
&#8220;Sag mal, woher wusstest du, dass ich mit ihm reden musste?&#8221;<br />
&#8220;Das kann ich dir nicht sagen. Ich wusste nur plötzlich, dass dies der einzige Weg war uns zu retten. Vielleicht ist es ein Teil des Zaubers den Medizinfrau uns mitgegeben hat.&#8221;<br />
&#8220;Ja, das mag sein&#8221;, antwortete Einsamer Wolf nachdenklich. &#8220;Auf jeden Fall habe ich noch nie in meinem Leben eine solche Angst gehabt&#8221;, sprach Einsamer Wolf. &#8220;Doch jetzt fühle ich mich auf irgendeine Art sehr viel leichter.&#8221;<br />
&#8220;Das freut mich, Einsamer Wolf. Jetzt lass uns weitergehen!&#8221;</p>
<p>Sie kamen an eine tiefe Schlucht.<br />
Von einem Ende zum anderen war eine Hängebrücke gespannt. Als beide in der Mitte angekommen waren, gab die Befestigung auf der anderen Seite nach. Die Kinder klammerten sich angstvoll an ein Seil. Es hing nur noch an einem dünnen Faden und drohte jeden Augenblick zu reißen.</p>
<p>In diesem Augenblick entdeckte Sonnenblume eine riesige Spinne auf der anderen Seite. Sie schrie auf. &#8220;Einsamer Wolf, schau nur!&#8221;, rief sie, auf die Spinne zeigend. Doch Einsamer Wolf blieb ganz ruhig. Er sagte leise zu Sonnenblume: &#8220;Mach der Spinne  Zeichen mit deinen Fingern und sie wird uns ein starkes Seil spinnen!&#8221;<br />
&#8220;Aber, aber, sie ist so schrecklich groß!!&#8221;<br />
&#8220;Tu es einfach!&#8221;, sagte Einsamer Wolf. Sonnenblume nahm eine Hand und, obwohl sie nicht wusste was sie da tat, webte sie mit der Hand Zeichen in die Luft. Die Spinne reagierte sofort und begann ein Tau zu spinnen. Sie verknüpfte es mit dem lose herabhängenden Ende des Seils. Einsamer Wolf nahm die zitternde Sonnenblume an die Hand und führte sie das letzte Stück über die Brücke.<br />
&#8220;Puh, fast wären wir abgestürzt,&#8221; seufzte Einsamer Wolf erleichtert auf. Die Spinne hatte sich in eine Nische zurückgezogen. Sonnenblume starrte auf diese Nische und sagte stockend:<br />
&#8220;Die Spinne, sie &#8211; sie hat uns geholfen!&#8221;<br />
&#8220;Ja, weil du mit ihr gesprochen hast!&#8221;<br />
&#8220;Aber ich habe doch gar nicht gesprochen. Ich habe doch nur Zeichen mit meiner Hand gemacht.&#8221;<br />
&#8220;Ja, natürlich; aber das ist genau die Sprache, die eine Spinne versteht&#8221;, sagte Einsamer Wolf.<br />
&#8220;Schau nur, da liegt etwas auf dem Boden!&#8221; Sonnenblume hob einen glitzernden Faden auf, der alle Farben des Regenbogens in sich zu haben schien. Plötzlich verstand sie, dass dies ein Geschenk der Spinne war. Als sie den Faden in die Hand nahm, spürte sie wie alle Angst vor allem, was kriecht und fliegt, von ihr abfiel. Einsamer Wolf war inzwischen weiter gegangen. Sonnenblume schloss zu ihm auf und erzählte ihm von ihrem wundersamen Erlebnis. Einsamer Wolf reagierte nicht gleich, denn er war in Gedanken vertieft. Doch dann sagte er:<br />
&#8220;Sonnenblume, weißt du eigentlich, wie es hier weitergeht? Ich habe keine Idee mehr, in welche Richtung wir weiter müssen!&#8221;<br />
Sonnenblume blieb stehen und sah sich um. &#8220;Nein, Einsamer Wolf, ich weiß es auch nicht. Doch wir haben ja unseren Stab. Vielleicht kann der uns jetzt helfen.”<br />
Einsamer Wolf sah den Stab in seiner Hand an, und zu seinem Entsetzen verwandelte sich der Stab in eine Schlange. Er ließ das sich windende Etwas sofort mit einem Schrei los und sprang zurück. Die Schlange bewegte sich schnell in eine Richtung. &#8220;Schnell, folge ihr Einsamer Wolf! Sie weist uns den Weg.&#8221;<br />
&#8220;Ich laufe doch keiner Schlange hinterher. Was nur hat uns die Medizinfrau da nur mitgegeben?&#8221;<br />
Sonnenblume ließ Einsamer Wolf stehen und folgte der Schlange.<br />
&#8220;Komm mit Einsamer Wolf. Hier geht&#8217;s lang&#8221;, rief sie über die Schulter. Zögernd kam Einsamer Wolf hinterher.<br />
Nach einer Weile kamen sie der Schlange folgend, an einen Flusslauf. Wenige Meter vor ihnen erstarrte die Schlange und wurde wieder zu dem Stab, der sie gewesen war. Ohne dass Einsamer Wolf gewusst hätte, warum, begriff er die Weisheit aller Schlangen, als er den Lauf des Flusses betrachtete. Er hob den Stab wieder auf und war wie verwandelt. Doch Sonnenblume lief voran und rief:<br />
&#8220;Einsamer Wolf, Einsamer Wolf, ich kann den Wasserfall hören. Komm hier entlang!&#8221; Einsamer Wolf folgte ihr, und tatsächlich, auch er konnte jetzt den Wasserfall hören. Bevor sie jedoch einen weiteren Schritt tun konnten, tat sich vor ihnen eine Feuerwand auf. Sonnenblume wollte schon flüchten, doch Einsamer Wolf hielt sie auf.<br />
“Umfasse das Amulett. Ich bin sicher, es wird uns weiterhelfen.&#8221;<br />
Das Mädchen ergriff bebend das Amulett an ihrem Hals. Sie schloss kurz die Augen und wusste, was zu tun war.<br />
&#8220;Spring in den Fluss, Einsamer Wolf!&#8221; Bevor Einsamer Wolf noch etwas entgegnen konnte, zerrte sie an seiner Hand und riss ihn mit sich. Sie stolperten das Ufer hinunter und befanden sich bald darauf im kühlen Nass. Prustend sagte Sonnenblume: &#8220;So, und nun können wir durch die Wand hindurch gehen.&#8221; Sie sagte das mit solcher Überzeugung, dass er nicht widersprechen konnte.<br />
Gemeinsam gingen sie auf die Feuerwand zu und ¾ durch sie hindurch. Beide Kinder warfen sich dahinter schwer atmend auf den Boden.<br />
&#8220;Oh, Sonnenblume, du bist einfach großartig! Wie bist du darauf gekommen?&#8221;, fragte Einsamer Wolf, als sie wieder zu Atem gekommen waren.<br />
&#8220;Ich weiß es nicht. Es war mir einfach klar, dass wir genau das tun mussten.&#8221;</p>
<p>Inzwischen war der Wasserfall auch zu sehen. Die Kinder setzten sich erschöpft auf einen großen Stein, der von der Sonne beschienen wurde. Eine Zeitlang sagten beide gar nichts, sondern ließen sich von der Sonne trocknen. Beide waren tief in ihren eigenen Gedanken versunken und dachten über ihre letzten Abenteuer nach. Nach einer geraumen Zeit sagte Sonnenblume:<br />
“Weißt du, Einsamer Wolf, ich glaube es gibt kaum noch etwas, wovor ich wirklich Angst habe.&#8221;<br />
&#8220;Genau das wollte ich auch sagen. Doch eins macht mir schon noch Sorgen. Wie sollen wir den Traumgeist herbeirufen, um ihm unsere Bitte vorzutragen?&#8221;, fragte Einsamer Wolf schläfrig.<br />
&#8220;Das weiß ich auch nicht&#8221;, entgegnete Sonnenblume und schlief ein. Sobald beide die Grenze zwischen Wachen und Schlafen überschritten hatten, sahen sie hinter dem Wasser Fall einen uralten Mann mit langen weißen Haaren sitzen. Sein Gesicht war von unzähligen Falten gezeichnet. Er sprach zu ihnen: &#8220;Ich bin der Traumgeist. Was führt euch zu mir?&#8221;<br />
Sonnenblume ergriff das Wort, obwohl ihr das Aussehen als auch die tiefe Stimme des Alten Respekt einflößte.<br />
&#8220;Wir wollen beide von unseren bösen Träumen befreit werden!&#8221;, erklärte sie.<br />
Der Traumgeist lachte schallend.<br />
&#8220;Du, Sonnenblume, die du eben durchs Feuer gegangen bist, dass du so fürchtest. Die von einer Spinne Hilfe bekam, die dir unglaubliche Angst machte, du fürchtest dich vor Träumen? Und du Einsamer Wolf. Bist mutig der Schlange gefolgt, statt vor ihr zu fliehen, hast mit dem hungrigen Wolf gesprochen und ihm euer beider Leben abgehandelt. Was könnt ihr noch von mir wollen? Geht nach Hause zu euren Müttern! Sie ängstigen sich schon um euch. Nehmt von dieser Reise mit, was euch geschenkt wurde, und lasst mich weiter Träume weben!&#8221;<br />
&#8220;Wir möchten doch so gerne schöne, statt schrecklicher Träume haben!&#8221;, protestierte Sonnenblume.<br />
&#8220;Kannst du uns nicht helfen?&#8221;<br />
&#8220;Geh nach Hause, kleines Mädchen, du wirst dort finden was du suchst!&#8221;<br />
Unvermittelt wachten beide Kinder auf. Sie wussten nicht, ob sie geträumt hatten oder wirklich mit dem Traumgeist gesprochen hatten.<br />
&#8220;Hast du auch eben mit dem Traumgeist gesprochen?&#8221;, fragte Einsamer Wolf seine Freundin.<br />
&#8220;Ja, das habe ich. Doch er wollte uns scheinbar nicht helfen&#8221;, schloss Sonnenblume enttäuscht. &#8221; Er sagte, wir sollten nach Hause gehen, und wir würden finden was wir suchten.&#8221;<br />
&#8220;Stimmt, aber wozu sind wir dann diesen weiten gefährlichen Weg gegangen, wenn das, was wir brauchen, zu Hause ist?&#8221;<br />
&#8220;Denk doch nach, Einsamer Wolf! Wir sind auf dem Weg hierher all unseren schlimmsten Ängsten begegnet, und wir haben jetzt keine Angst mehr!&#8221;<br />
&#8220;Das mag ja sein, doch unsere bösen Träume haben wir wohl immer noch!&#8221;<br />
&#8220;Nun, vielleicht&#8230; aber lass uns jetzt nach Hause gehen. Ich habe schrecklichen Hunger.&#8221;</p>
<p>Und so machten sie sich auf den Rückweg. Sie bedankten sich im Geiste bei der Spinne und bei dem Wolf für ihre Hilfe. Gerade als die Sonne am Horizont versank, kamen sie in ihr Dorf zurück. Ihre Mütter waren überglücklich Sonnenblume und Einsamer Wolf wohlbehalten wieder zu sehen. Beide erzählten ihre Geschichte bei einem reichhaltigen Mahl. Danach waren beide Kinder so erschöpft, dass sie sofort einschliefen.</p>
<p>Am nächsten Morgen ging Sonnenblume zu der Medizinfrau, um auch ihr von ihrer Reise zu berichten.<br />
&#8220;Geh ein Stück mit mir!&#8221;, sagte sie. &#8220;Ich muss noch ein paar Kräuter für eine bestimmte Salbe sammeln gehen.&#8221;<br />
&#8220;Ja, gern!&#8221;, erwiderte Sonnenblume. Beim Kräutersammeln erzählte Sonnenblume ihre Geschichte. Währenddessen pflückte sie einige Vogelfedern aus einem Gebüsch, in dem sie hängen geblieben waren.</p>
<p>&#8220;Weißt du nun, was zu tun ist?&#8221;, fragte die Medizinfrau als Sonnenblume geendet hatte.<br />
&#8220;Nein&#8221;, antwortete Sonnenblume. &#8220;Ich glaube, der Traumgeist hat uns nicht ernst genommen. Er wollte uns wohl nicht helfen.&#8221;<br />
“Jeder, der den Traumgeist fragt, erhält eine Antwort, die ihm weiterhilft&#8221;, entgegnete die Medizinfrau. &#8220;Mit der Zeit wirst du es wissen.&#8221;<br />
&#8220;Nun gut, Medizinfrau, ich hoffe, dass das bald sein wird. Hier hast du dein Amulett zurück. Vielen Dank dafür. Es hat uns sehr geholfen.&#8221;<br />
Die Heilerin nahm das Amulett entgegen und schmunzelte. &#8220;Alles was du getan hast, hast du ohne die Hilfe des Amuletts erreicht&#8221;, sprach sie. &#8220;Tief in deiner Seele, wusstest du immer genau, was zu tun war. Der Talisman diente dir nur als Sammlungspunkt.&#8221;<br />
&#8220;Wie aber soll ich ohne ihn wissen, was jetzt zu tun ist?&#8221;, fragte Sonnenblume verwirrt.<br />
&#8220;Werde ruhig und schau in dein Innerstes. Glaub mir, du wirst es wissen!&#8221;</p>
<p>Inzwischen waren beide wieder im Dorf angekommen. Sonnenblume verabschiedete sich von der weisen Frau und ging nachdenklich in ihr Zelt. Sie sah eine Weidenrute an der Zeltwand stehen und hatte plötzlich einen Einfall.<br />
Sie setzte sich hin, nahm die Federn aus ihrer Umhängetasche und knüpfte das, was heute vor dir liegt, liebe &#8230;&#8230;&#8230;.. —<br />
Einen Traumfänger.<br />
Damit hatte sie etwas geschaffen, was nicht nur ihr bei bösen Träumen half, sondern allen Menschen auf der ganzen Welt. </p>

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		<title>Der Riese Zottelbart</title>
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		<pubDate>Tue, 18 Apr 2006 13:41:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner-Kurt</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Vor langer, langer Zeit lebte der Riese Zottelbart in einem großen prunkvollen Schloß mitten im Märchenwald, in dem all` die bekannten Märchen zu Hause waren. Der Riese war ein böser und häßlicher Geselle. Er war stark und hinterlistig. Aber zaubern konnte er nicht ...]]></description>
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<p><em>von <a href="http://www.the-short-story.de/?p=160">Annemie Fetten-Winklhofer</a> (copyright)</em></p>
<p>Vor langer, langer Zeit lebte der Riese Zottelbart in einem großen prunkvollen Schloß mitten im Märchenwald, in dem all` die bekannten Märchen zu Hause waren. Der Riese war ein böser und häßlicher Geselle. Er war stark und hinterlistig. Aber zaubern konnte er nicht.<br />
Oh, wie ihn das ärgerte! Er raufte sich vor Wut seinen schwarzen Zottelbart und rief: &#8220;Ich kann das Lachen, Turteln und Singen nicht mehr anhören! Wenn ich doch einen Zauberstab hätte, ich würde das verflixte kleine Märchenpack aus dem Wald hinauszaubern! Ach, gehörte der Wald doch mir allein!&#8221; Er stampfte und tobte, daß alle Bäume wie Zitterpalmen aussahen.<br />
Die Märchen fürchteten ihn nicht. Sie waren an sein immer wiederkehrendes Toben gewöhnt. Sie hatten stets seinen Antrag abgelehnt, ihn in die Gemeinschaft der Märchen aufzunehmen. Diese ständige Ablehnung brachte ihn erst recht in Wut. Verflixt und zugenäht!<br />
Eines Tages beschloß eine große Anzahl der Märchen, Schneewittchen, das in seinem Schloß am Ende des Waldes lebte, zu besuchen. Es war keine gute Zeit. Die Erwachsenen hatten andere Dinge zu tun, als sich um ihre kleinen Kinder zu kümmern. Sie erzählten ihnen keine bunten Märchen mehr. Darum hatten die Märchenfiguren auch viel Zeit, spazieren zu gehen, sich gegenseitig zu besuchen und Freundschaften zu schließen, die mitunter im Märchen im Märchenbuch gar nicht vorkamen. Es herrschte ein heiteres und sorgloses Leben in diesem Zauberwald.<br />
Rotkäppchen packte Kuchen und Wein ins Körbchen. Dornröschen und sein Prinz pflückten einen Strauß rosaroter Rosen. Die gute Fee nahm einen frommen Wunsch mit. Frau Holle steckte sich ein mit Daunen gefülltes Kopfkissen unter den Arm. Hänsel und Gretel nahmen einen funkelnden Diamantring aus dem Schatzkästchen der Hexe. Und so wollte jeder ein hübsches Gastgeschenk für Schneewittchen haben. Sie trafen sich bei Hans im Glück vor seinem luftigen Bretterhaus, der nur seine gute Laune verschenken konnte. &#8220;Hallo, hallo, hallo!&#8221; Nach freudiger Begrüßung und herzlichen Umarmungen machten sie sich vergnügt auf den Weg und sangen nach einer Weile aus vollen Kehlen Wanderlieder. &#8220;Das Wandern ist der Märchen Lust, das Wandern ist der Märchen Lust, das Wandern, das Wandern . . . . &#8221; klang es vielstimmig durch den Wald. Welch schöne Stimmen!<br />
Als sie sich nach einiger Zeit ein wenig unter den schattigen hohen Bäumen ausruhten und sich an den leckeren Walderdbeeren labten, ertönte plötzlich das höhnische Gelächter des Riesen Zottelbart: &#8220;Ha, ha, ihr dummes Märchenvolk, ich werde euch zeigen, wer der Herr dieses großen Waldes ist!&#8221; Er schimpfte und brüllte, daß es nicht zum Aushalten war. Hänsel und Gretel machten große bange Augen. Das wiederum konnte die gute Fee von Dornröschen nicht ertragen. Sie sagte: &#8220;Sei still, du zotteliger Riese, oder ich verzaubere dich in einen grauen Stein, du garstiger Bösewicht!&#8221; – &#8220;Ha, ha, du arme dumme Fee, hast du vergessen, daß du dein Zauberstäbchen vergeblich gesucht hast in deinem Kämmerlein im Schloß? Ich habe es dir gestohlen, als du nicht zu Hause warst. Warum schließt du auch nie deine Tür ab?&#8221; Der Riese bog sich vor Lachen. Rotkäppchen weinte herzzerreißend. Auch die anderen Märchen waren vor Schreck ganz blaß geworden. </p>
<p>Der Riese beugte sich nieder zu ihnen, knickte dabei zwei hohe Bäume um, rollte mit den Augen und sagte mit seiner tiefen rauhen Stimme: &#8220;So, meine gute Fee. Jetzt verwandle ich euch alle in graue Steine, so wie du es mit mir machen wolltest. Erst wenn ein Menschenkind aus lauter Sehnsucht zu euch den Weg in diesen Wald hier findet, sterbe ich, und ihr seid erlöst. Ha, ha, so ein Kind wird es nie und nimmer geben auf dieser Erde!&#8221; Alles Jammern und Bitten half nichts. Der Riese fuchtelte wild mit dem Zauberstab in der Luft herum, berührte jedes Märchengeschöpf mit dem Stock und schrie: &#8220;Hokus, pokus, malokus, mein Wunsch geh` in Erfüllikus!&#8221;<br />
Im Nu standen traurig aussehende graue Steine dort, wo vorher das lustige Märchenvölkchen gesessen hatte. Schadenfroh machte sich der Riese davon, um auch bei Schneewittchen sein böses Werk zu vollbringen.<br />
Nun seid aber nicht zu traurig, liebe Kinder. Schon vor langer, langer Zeit hatte eines von euch die Märchen befreit. Den Riesen Zottelbart gibt es nicht mehr. Und heute lesen, sehen oder hören doch alle Kinder wieder Märchen. Ihr etwa nicht? Doch! Ach bin ich froh, daß die Märchen befreit wurden!<br />
Aber wie?<br />
Nun paßt auf!</p>
<p>In einem Haus am Rande einer großen Stadt wohnte die kleine Marion mit ihren Eltern. Den ganzen Sommer lang spielte und tollte das Mädchen mit seinen Freundinnen draußen herum. Aber im Winter, wenn die Bäume kahl waren, und die Tage kurz, langweilte sich Marion oft. Es wurde so früh dunkel, und sie mußte immer zeitig ins Bett. &#8220;Bitte, bitte, liebe Mama, erzähl` mir ein Märchen, ich habe schon so viel von ihnen gehört, aber ich kenne keines,&#8221; so bettelte sie immer wieder nach dem Gutenachtkuß, wenn die Mutter sie zugedeckt hatte. Aber eines Abends schob sich die Mutter einen Stuhl ganz nah ans Bett. &#8220;Mein liebes Kind,&#8221; sagte sie, &#8220;es gibt keine Märchen mehr. Die sind vor langer, langer Zeit gestorben nach einem schrecklichen Ereignis im Märchenwald. Schon meine Mutter wußte keine Märchen mehr zu erzählen. Sie wußte nur noch, daß sie alle mit &#8220;Es war einmal&#8221; begannen. Ich erzähl` dir jetzt eine moderne Geschichte, die viel schöner als ein Märchen ist.&#8221; Und sie begann: &#8220;Es wird einmal für jedes Kind einen eisernen Schmetterling geben, mit dem es sich in die Luft heben kann wie mit einem Hubschrauber. Du wirst damit zur Schule fliegen, die Propeller werden schnurren, daß es eine wahre Freude sein wird. Du winkst uns zu und wirst lachend zur Schule fliegen. Das wird lustig sein. Du wirst . . . . .,&#8221; die Mutter hielt erschrocken inne, &#8220;aber Kind, du weinst ja!&#8221; &#8211; &#8220;Ach Mutti, ich finde die Geschichte gar nicht schön! Ich will mir Märchen erzählen lassen, schöne, bunte Märchen mit Prinzessinnen und Prinzen, mit Königinnen und Königen, mit Feen und Elfen und, und, und&#8230;&#8230;.&#8221; Leise vor sich hinweinend schlief Marion ein. Und der sehnsuchtsvolle Traum führte sie einen eigentümlichen und gefahrvollen Weg.<br />
In seinem großen Schloß im Märchenwald wütete der Riese Zottelbart mit sich selbst: &#8220;Hätte ich doch die lustigen munteren ewig jungen Märchen nicht verzaubert! O war ich ein Trottel! Es ist so still geworden im Märchenwald. Es ist niemand mehr da, den ich ärgern und bange machen kann. Ich sterbe noch vor Langeweile!&#8221;</p>
<p>Die einzige Beschäftigung des Riesen Zottelbart war nur noch, seinen dicken, schwarzen Raben &#8220;Sagmiralles&#8221; auszufragen, wenn dieser von seinem täglichen Erkundigungsflug zurückkehrte. Denn jeden Tag in den vielen, vielen Jahren, in denen die Märchen verzaubert waren, schickte er den Raben aus, damit dieser erkundete, ob sich ein Kind auf den Weg zum Märchenwald gemacht hatte. Denn trotz seiner Langeweile hatte er Angst. Er wußte ja, er hatte sein ganzes Elend selbst herbeigezaubert. Aber – wenn die Märchen befreit würden, müßte er sterben, untergehen auf immer und ewig. Nein, das wollte er nicht! Und eines Tages, als der Riese sich seinen zotteligen Bart raufte, aus dem nur so die Funken sprühten und beinahe den Wald in Brand gesteckt hätten, flatterte laut krächzend der fette Rabe auf seine Riesenhand, der vor lauter Aufregung auf dem Handrücken sein Geschäft hinterließ. Nervös war dieser Vogel, nervös, sag` ich euch! Er zeterte in den höchsten Rabentönen los: &#8220;Meister Zottel, Meister Zottel, ein Menschenmädchen ist unterwegs auf dem Weg zu uns und will in unseren Wald! Es kann nicht mehr lange dauern, dann muß es den Märchenwald erreicht haben! Was soll`n wir tun, was soll`n wir tun?&#8221; Beinah` wäre Zottelbart in Ohnmacht gefallen. O Schreck! O Graus! Verzaubern konnte er das Kind nicht. Bei Menschen hatte der Zauberstab keine Kraft. Aber bald hatte er seine Fassung wiedergefunden. Er mußte wohl selbst am besten wissen, wie listig und heimtückisch er war. &#8220;Ich werde schon einen Ausweg finden,&#8221; beruhigte er den auf seinem Handrücken hin- und herhüpfenden Raben. &#8220;Scher` dich weg!&#8221; mit der anderen Riesenhand fegte er den Raben runter. Er fand einen Ausweg, dieser Riese!<br />
Die kleine Marion war im Märchenwald angekommen. Staunend stand sie in ihrem dünnen Nachthemdchen in dem grünen duftenden, sommerlichen Wald. Mitten im Menschenwinter! Woher sollte sie auch wissen, daß im Märchenwald immer Sommer herrscht? War sie doch gestern zu Hause noch Schlitten gefahren! Wie unheimlich still es hier war! Sie ging vorsichtig unter den Bäumen weiter auf einem ausgetretenen Pfad. Ein Glück, daß sie ihre Pantöffelchen noch angezogen hatte! Plötzlich vernahm sie ein gräßliches Gekrächze. Und ehe sie sich versah, wurde sie mit einem dicken schwarzen Band, dessen Ende ein häßlicher Rabe in seinem großen gelben Schnabel hielt, an einen Baum gefesselt. Immer wieder kreiste der Vogel um sie herum, und immer fester wurde sie an den Baum geschnürt. Nach getaner Arbeit flog der Rabe heiser krächzend weg. Ein rauhes lautes Lachen ließ den Wald erbeben. &#8220;Da sieht man, wozu sich meine schwarzen Zottelbarthaare auch noch eignen können! Ha, ha, ha!&#8221; Auch in diesem Wald brach irgendwann die Dunkelheit herein. Marion fürchtete sich fast zu Tode. Dicke Tränen, die sie nicht wegwischen konnte, kollerten ihr über das schmutzige verweinte Gesicht. &#8220;Marion, Marion, so hör doch auf zu weinen! Ich will dir helfen!&#8221; Ein winziges Männchen mit einer großen Zipfelmütze auf dem Kopf stand im Mondschein, der durch die Bäume fiel, vor ihr und stupste sie vertraulich an. Es packte eine kleine scharfe Säge aus und ritsch, ratsch hatte der Zwerg die Riesenbarthaare durchgesäbelt. Marion ließ sich erschöpft herabgleiten und sank ins weiche Moos.</p>
<p>Der Kleine gab ihr zehn Zwergenbutterbrote, die sie heißhungrig aß. Dazu trank sie Walderdbeersaft aus einem Becher, so niedlich wie die Tasse aus ihrer Puppenstube. Dann begann der Zwerg zu erzählen. &#8220;Ich bin der Zwerg &#8220;Huschschnellweg&#8221; der kleinste von Schneewittchens sieben Zwergen,&#8221; er konnte nicht wissen, daß Marion Schneewittchen noch gar nicht kannte, &#8220;ich konnte damals, als der Riese die Märchen verzauberte, schnell in den Berg huschen. Der Schurke hatte gar nicht bemerkt, daß einer fehlte.&#8221; Unter Schluchzen &#8211; die kleinen Schultern bebten nur so &#8211; erzählte er der Marion die ganze traurige Geschichte. &#8220;So viele, viele Jahre mußten wir warten, bis jemand aus Sehnsucht den Weg zu uns fand. O liebe Marion, enttäusche uns nicht! Du mußt tapfer sein. Ich kann mich nur nachts aus meinem Versteck herauswagen. Wenn der gräßliche Rabe Sagmiralles mich entdeckt, ist alles aus und vorbei. Du mußt zwei Tage lang immer geradeaus gehen, dann bist du an der Stelle, an der die Märchen damals rasteten und der böse Unhold sie in graue Steine verwandelte. Wenn du nur einen einzigen Stein berührst, sind alle Märchen befreit und können wieder lachen, tanzen, geliebt und gelesen werden. Und in unserem Märchenwald herrscht wieder frohes Treiben und Leben. Der Zottelbart und sein Rabe werden jetzt wohl erst einmal zechen und feiern und so schnell nicht mitbekommen, daß du nicht mehr am Baum gefesselt bist. Von dir hängt alles ab, mein Kind!&#8221; &#8211; &#8220;O bitte, bitte, Zwerg Huschschnellweg, erzähl` mir ein paar Märchen,&#8221; flehte Marion den kleinen Kerl an.<br />
Der Knirps erzählte und erzählte. Die Stunden zerrannen. Es wurde Nacht und wieder Morgen. Die beiden merkten nicht, daß es heller und heller wurde, so vertieft waren sie. &#8220;Du liebe Zeit, der Rabe, wenn der mich entdeckt!&#8221; schrie der Zwerg entsetzt. Tatsächlich, auch Marion vernahm das heisere Krächzen. &#8220;Jetzt weiß Zottel, daß es mich noch gibt, mich, den kleinsten Zwerg von Schneewittchen. Wiederseh`n Marion, jetzt mußt du alleine fertig werden!&#8221; Er huschte fort, um in seinen Berg zu gelangen, in den ihm niemand folgen konnte. Marion war verzweifelt. Doch bevor der Riese zu einem weiteren Schlag ausholen konnte, geschah etwas Wunderbares.<br />
Ein großer schillernder in unendlich vielen Farben funkelnder Vogel ließ  sich auf dem Waldboden direkt neben Marion nieder. Er breitete seine weiten prächtigen Schwingen aus. &#8220;Komm, Marion, und setze dich auf meine Flügel,&#8221; sagte er mit einer weichen reinen Stimme, die es wirklich nur im Märchen geben kann. Marions Angst verflog im Nu. &#8220;Liebes Mädchen, ich bin die Sehnsucht. Ich komme überall hin. Du hast deine Prüfung bestanden. Jetzt helfe ich dir weiter.&#8221; Marion kletterte auf den rechten großen Flügel und fühlte sich wohlig geborgen auf den herrlichen großen Federn. Der Vogel hielt die Balance. Sie glitten durch die Luft, und Marion jauchzte laut vor Übermut und Freude. Plötzlich vernahmen sie ein Geräusch, als wenn riesige Steine aufeinanderschlugen, und Marions Herzchen schlug wieder rasend schnell vor Angst.</p>
<p> &#8220;Beruhige dich, liebes Kind, das ist nur Zottelbart, der vor Wut mit den Zähnen knirscht.&#8221; Der Vogel flog schneller als ein Flugzeug. Nach ganz kurzer Zeit setzte er Marion mitten zwischen den grauen Steinen ab und schwang sich sofort wieder in die Lüfte. Sie war auf dem Märchenfriedhof angelangt. Marion weinte, so traurig und verlassen sahen die großen grauen Steine aus. Als eine kleine Träne auf einen der großen kalten Brocken fiel, erwachte ein Leben, so bunt und aufregend, wie es das nicht noch einmal geben kann. Marion wurde von allen Seiten geherzt und geküßt. Die Märchenfiguren lachten, weinten und tanztenvor Freude. Und erst einmal der Hans im Glück, der hörte nicht auf, Purzelbäume zu schlagen. Und alle sieben Zwerge von Schneewittchen bildeten einen Kreis um Marion und schrien immer wieder: &#8220;Sie lebe hoch! Sie lebe hoch! Sie lebe hoch!&#8221; Bis die bedächtige Frau Holle sagte: &#8220;Nun aber Schluß! Fragen wir lieber einmal, was sich unsere kleine tapfere Marion als Belohnung wünscht für ihre Tapferkeit und ihre Liebe zu uns. &#8220;Was sollen wir dir schenken?&#8221; erscholl es aus Hunderten von Kehlen. &#8220;Ich habe nur einen einzigen Wunsch,&#8221; sagte die vor lauter Glück fast erschöpfte Marion, &#8220;schenkt mir ein Märchenbuch, in dem ihr alle steht!&#8221;<br />
Aber noch ein letzter Schrecken war angesagt! Was war das? Bleich vor Furcht sahen sich die Märchen um. Donnern, Blitzen und Dröhnen ließen den Waldboden schwanken, die kräftigen Bäume schaukelten hin und her wie Halme im Wind. Dann entdeckten sie, als erster Hans im Glück, der wie ein Äffchen auf einen der sich wiegenden Bäume kletterte, als weit weit hinter ihnen das Riesenschloß in die Erde versank mitsamt dem Riesen Zottelbart und seinem Raben Sagmiralles. Das Fluchen des Riesen Zottelbart ging unter in dem grauenvollen Gekrächze des schwarzen hinterlistigen gefährlichen Raben Sagmiralles. Dann war der Spuk vorbei. Alle atmeten erleichtert auf.<br />
Nun zog die ganze Gesellschaft auf Schneewittchens Schloß. Und sonderbarerweise vertrugen sich alle Märchenfiguren. Aber wartet mal ab, bis sie wieder in die Bücher gelangen!. Marion wurde geehrt und gelobt und auf einen goldenen Stuhl gesetzt, und das tapfere Schneiderlein nähte ihr Nachthemdchen wieder zusammen, das total zerrissen war. . . . und. . . und . . . und . . . !<br />
Als dann die Sehnsucht erschien, um Marion heim zur Mutter zu bringen, preßte sie selig ein dickes Märchenbuch an ihre Brust. Beim Erwachen am Morgen in ihrem verstrampelten Bettchen drückte sie es immer noch glücklich an sich.<br />
Und die Mama, die Mutter &#8211; glaubte sie der Marion, daß die Märchen selbst ihrer kleinen Tochter dieses wunderbare Buch geschenkt hatten? Ich denke schon &#8211; denn wie sonst wären die Märchen wieder in die Herzen der Kinder gelangt?<br />
Und fortan las die Mutter ihrer Marion jeden Abend ein Märchen vor, bis sie sie alle auswendig kannte und eines Tages auch selbst lesen konnte. Aber eines hatte Marion allen anderen Kindern auf dieser Erde voraus: Sie war, ist und bleibt das einzige Menschenkind, daß die Märchen wirklich zum Anfassen gesehen hatte. &#8211; Toll, was?</p>

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		<title>Die blaue Stunde</title>
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		<pubDate>Tue, 18 Apr 2006 13:39:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner-Kurt</dc:creator>
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<p><em>von <a href="http://www.the-short-story.de/?p=160">Annemie Fetten-Winklhofer</a> (copyright)</em></p>
<p>Die blaue Stunde ist  das Fantastischste, das es für einen Menschen  im Leben geben kann.<br />
Der kleine Markus erkämpft sich mutig seine blaue Stunde.</p>
<p>1. Kapitel</p>
<p>Die blaue Stunde </p>
<p>Große Augen und spitze Ohren macht der 10-jährige Markus eines Tages beim Abendbrot, als er eine der vielen Weisheiten seines Vaters anhören muss, die da lautet: „Das Geld liegt auf der Straße, man muss es nur aufheben.“ Die knappe Entgegnung seiner Mutter: „Ja, ja, so einfach ist das eben“, versetzt ihn in ungewohnte Emsigkeit. Er läuft eine ganze Woche lang draußen herum und sucht Bürgersteige und Straßen nach Geld ab. Die Hausaufgaben vernachlässigt er, obwohl er aufs Gymnasium kommt. Der Vater droht mit Stubenarrest.  Stubenarrest? Nur das nicht!<br />
An jenem Abend im April ist er zufrieden mit sich selbst. Sein Zimmer ist aufgeräumt, Hausaufgaben sind fertig.. „Ich geh zu Uwe!“, ruft Markus an der Haustür. „Bleib nicht so lange!“ Seine Taschenlampe nimmt er mit – wer weiß ? Draußen räumt die Dämmerung für die anbrechende Dunkelheit den Himmel auf. Am Firmament erkennt Markus die Milchstraße. Er denkt an die Astronauten und stellt sich vor, wie die das Geld auf der Milchstraße einsammeln.<br />
Schwaden, die unter einer flackernden Straßenlampe aus einem Kanaldeckel herausquellen, wecken seine Neugier. Mit ein paar Sätzen ist er unter der Laterne. Auf der gegenüberliegenden Seite parken Autos. Aus dem weißen Dampf schlüpft ein Männlein heraus, das ihn an Rumpelstilzchen aus seinem Märchenbuch erinnert. „Guten Abend“, sagt der Knirps, „knips‘ die Taschenlampe aus.“ Gesagt, getan. „Was willst du hier?“,  fragt Markus irritiert. „Hallo, hallo! Ich freue mich, dass ich dich endlich treffe. Bist du an einer blauen Stunde in deinem Leben interessiert?“ „Ja sicher“, sagt Markus spontan, der das Ganze spannend findet. Zu Uwe kommt er immer noch. „Ja, dann kannst du ja deine erste blaue Stunde heute „live“ erleben. Du kannst dich glücklich schätzen, dass dir diese Ehre zuteil wird.<br />
Komm mit, ich zeig dir was!“ Im Nu drehen die dünnen Ärmchen den schweren Kanaldeckel zur Seite, sodass das schwarze Loch frei wird. Schwups, ist das Männchen darin verschwunden. Markus springt hinterher. Angst hat er schon. Aber die Abenteuerlust siegt.. Den Kanaldeckel stemmt der kleine Kerl von unten wieder mit einer langen Eisenstange in die Öffnung.  Muss der Kräfte haben! Das Männlein murmelt ein paar unverständliche Worte vor sich hin und zündet den langen Docht einer Petroleumlampe an, die karges Licht verbreitet. „Komm Markus, wir benutzen den geheimen Gang. Hier kann uns keiner begegnen. Wir, die wir hier unten leben sind  Figuren aus Märchen, Träumen, dem Horror und der Wirklichkeit. Wenn du dich bewährst, kannst du unser Ehrenmitglied werden. Lass uns weitergehen. Du willst sicher heute noch einige und einiges kennen lernen.“<br />
Weitergehen! Der ist lustig! Markus robbt sich mühsam durch diesen „geheimen“ dunklen Gang. Das Männlein trippelt behände vor ihm her und leuchtet mit dem Petroleumlampe die glänzenden Felswände ab, von denen unaufhörlich Wasser herabrieselt. Die Luft ist klamm und feucht. „Ja,“ erklärt das Männchen, „wir befinden uns in einer unentdeckten Tropfsteinhöhle. Wenn du öfter kommst, wirst du bald kein Asthma mehr haben!“ Und Markus merkt, dass er trotz  seiner gebückten Haltung gut durchatmen kann. Da wird sich die Mutter aber freuen! „Mach schon, länger als eine Stunde darfst du als Fremder hier unten nicht bleiben!“ Der Gang verbreitet sich, und Markus kann endlich aufrecht gehen. Dann muss er zwangsläufig stehen bleiben, denn die beiden ungleichen Gestalten  sind am Ufer eines Gewässers angelangt. Das Männchen stellt sich endlich vor: „Ich bin Mister Alfons. Ich bin mehr als tausend Jahre alt und sterbe nie. Dass du der Markus bist, weiß ich längst. Ich hab mich halb tot gelacht, als ich dich als Geldsucher unterwegs sah. Dafür, dass du schon 10 Jahre alt bist, hast du aber wenig Verstand! Das ist nur ein Spruch: „Das Geld liegt auf der Straße.“  „Als wenn ich das nicht längst wüsste!“,  entgegnet Markus pikiert. Mister Alfons hat die Petroleumlampe ausgepustet. Das breite Gewässer, dessen Ufer sie erreicht haben, ist blau wie der Himmel über der Erde. Eine angenehme Helligkeit ergießt sich über Markus. Glitzernde große Fische springen mit den Wellen hoch und nieder. Platsch, platsch. Dem Markus ist es nicht mehr geheuer. Ein Riesenkrokodil mit Schuppen so groß wie ein Suppenteller, bewegt sich im Wasser träge hin und her. Ob es Ausschau nach Markus hält? Wie Unterseeboote ziehen Haie ihre Bahnen durch das trügerische blaue Wasser. „Ich will nach Hause!“, kreischt Markus voller Angst und Entsetzen. „So einfach ist das nicht, mein Junge. Jetzt musst du erst mal eine klitzekleine Mutprobe bestehen“,  belehrt Mr. Alfons den wie Espenlaub zitternden Jungen. „Bringe mich zurück!“ kreischt Markus in wilder Panik.  Der Kleine, der doch sein Freund sein will, stört sich nicht daran.  „So mein Guter, jetzt musst beweisen, dass du tapfer bist. Ich verspreche dir, es passiert dir nichts. Du musst durch dieses Wasser an die andere Seite schwimmen. Das schaffst du bestimmt! Du bist dann der Gewinner der „Blauen Stunde“.  Viele Menschen vor dir haben das Ufer nicht erreicht. Ich weiß nicht, wo die geblieben sind. Auf jeden Fall waren’s Feiglinge. Und du bist doch keiner!“  „Ich will nicht, ich will nicht!“ zetert Markus los. „Außerdem habe ich keine Badehose mit!“  „Du kannst getrost deine Klamotten anbehalten, das macht gar nichts. Du hast doch den Rettungsschwimmer in der Schule gemacht. Stell dich nicht so an!“  „Stell dich nicht so an! Stell dich nicht so an!“ schallt es vielstimmig vom gegenüberliegenden Ufer herüber und kommt als mehrfaches Echo wieder zurück. Schaurig schön klingt das. „Du brauchst  nie mehr  auf deine Blaue Stunde zu verzichten, die überall stattfinden kann. Aber – Voraussetzung hierzu ist ja nun, dass du deine Mutprobe bestehst,“ schmeichelt Mr. Alfons. Markus bibbert vor Angst. „Ogottogottogott! Was mach ich nur? Was mach ich nur?“ zermartert er sich verzweifelt seinen Kopf. Das Krokodil peitscht mit dem Riesenschwanz das Wasser zu einer haushohen Fontäne und reißt das große Maul weit auf. </p>
<p>„Da pass ich dreimal rein“, denkt Markus verzweifelt. Die Fische hechten über die Schaumkronen hinweg. Auf der anderen Uferseite fuchteln unzählige Gestalten mit den Armen in der Luft herum. Einige halten ein Mikrofon in der Hand. „Nu mach schon!“ zetert Mister Alfons. „Die da drüben warten schon lange auf deinen Besuch!  Mach schon, sonst stoße ich dich ins Wasser!“ – Da steht der „Geldsucher“ am Ufer dieses unheimlichen Sees. Er klappert vor Angst mit den Zähnen. „Wie kommst du denn rüber?“, fragt er  Mister Alfons mit zitternder Stimme. „Das lass nur meine Sorge sein. Ich bin schneller drüben, als du denken kannst.“ Und schon wachsen in Windeseile zwei Flügel aus seinen Schultern.  Wow, da muss Markus aber staunen. Und schon mir nichts dir nichts  breitet Mr. Alfons seine kleinen starken Flügel aus und zischt wie eine Rakete über das Wasser und landet in Sekundenschnelle wohlbehalten auf der anderen Seite. „Wenn du jemals wieder nach Hause willst, musst du schon rüberkomme!“ schreit er in ein hingehaltenes Mikrofon. „Allein findest du den Rückweg nie!“<br />
„Komm, komm, wir lieben dich!“, schallt das Geschrei der anderen Gestalten herüber. Markus friert plötzlich ganz erbärmlich. Tränen rollen über sein verschmutztes Gesicht. Er ver-sucht, die Entfernung abzuschätzen. Sind’s 100, 200 oder gar 300 Meter? Er kann nicht mehr.  „Was mach ich nur? Was mach ich nur?“, denkt er verzweifelt.<br />
Eine tiefe Stimme aus der  Grotte hinter ihm ertönt: „Mach, dass du ans andre Ufer kommst. Denk an deine arme Mutter. Beeile dich. Wenn deine blaue Stunde abge-laufen ist, bist du verloren. Du wirst elendig sterben! Außerdem wird es hier bald fin-ster sein!“ Eine starker Windstoß packt plötzlich den jammernden Jungen von hinten und schleudert ihn förmlich ins Wasser. Er schwimmt um mein Leben. Das Krokodil taucht vor ihm auf und peitscht das Wasser in die Höhe des Kölner Doms. Trotz sei-ner Kleidung, der blauen Jeans und seinem Lieblings-T-Shirt mit dem aufgedruckten Klassenfoto, fühlt Markus sich  plötzlich hochgehoben und springt beflügelt über das Wasser und dann höher und immer höher und landet  tatsächlich wohlbehalten auf der anderen Seite.  Das Krokodil hat ihn nicht gefressen! Oder doch? Ist er etwa tot? Spielt sich diese Narretei etwa im Bauch des Krokodils ab?  Nein. In seinen Ohren knackt es schauerlich. Irgendwas geschieht. Der Junge packt an seine Lauscher, entdeckt sein Gesicht  im Spiegel des Wassers und staunt nicht schlecht, als zwei  riesengroße Segelohren sich in die normale Größe zurückbilden. Wieso hatte er so große Ohren? Haben die ihn etwa über das Wasser getragen?<br />
Mit Begeisterung empfängt ihn ein buntes Völkchen. Einige Gestalten erkennt er so-gar. Seine Kleidung ist gar nicht mehr nass. Nur in den Schuhen schwappt das Was-ser. „Schelmenohr, Segelohr, Hurra, du bist da!“ Ein Geschrei hebt an, das kaum we-gen des Echos kaum auszuhalten ist.  Pippi Langstrumpf – ja, sie ist es! – löst sich aus der Schar der Schaulustigen und geht auf Markus zu. Sie zieht seine Schuhe aus und schüttet das Wasser heraus. „Du bis ja tapfer,“ lacht sie und dreht an ihren roten Zöpfen. „Schelmenohr, Schelmenohr!“ schreien die anderen. Sie stehen auf einer großen Gänseblümchenwiese um den kleinen Jungen herum, der sich jetzt wie ein Held fühlt. Sie ziehen an seinen Ohren. Mister Alfons weist sie zurecht: „Nun lasst doch mal den tapferen Kerl in Ruhe!“ Er wendet sich an Markus. „Ja“, freut er sich: „Du bist der erste richtige Mensch, der es geschafft hat bis hierher zu kommen. Dieses Mal hat die Windböe dich an unser Ufer geweht, deine Segelohren haben dabei geholfen. Weißt du, vor dir haben schon Verbrecher versucht, in unser spannendes und schönes Domizil einzudringen. Sie kamen in böser Absicht hierher, waren aber zu feige, durch das Wasser zu schwimmen. Diese Bankräuber wollten bei uns ihr Geld verstecken, stell dir vor, hier bei uns! Sie blieben auf der anderen Seite und fanden nie wieder den Weg zurück nach oben zu den Menschen.  Die Windböe hatte sie in die Richtung des Schreckens verjagt. Dort müssen sie hundert Menschenjahre lang Euro-Scheine zählen. Wenn die damit jemals fertig werden sollten, sind die Scheine längst nicht mehr gültig. Sie prügeln sich oft, wenn einer sich wieder mal verzählt hat. Diese Schwachköpfe! Siehst du, das Geld liegt nicht einfach so auf der Straße, sondern steckt fest in der Unterwelt des Schreckens. Markus hockt im Schneidersitz auf der Gänseblümchenrasen und zieht seine Schuhe wieder an, immer noch umringt vom „Volk hinter dem großen Teich“ wie er die bunte Truppe für sich nennt. Mister Alfons wird unruhig und gibt Markus mit den Armen wedelnd zu verstehen, dass seine blaue Stunde bald abgelaufen ist. „Dalli, dalli! Wir müssen weg! Komm, komm, du willst doch wohl nicht für den Rest deines Lebens hier bleiben?“  Markus schüttelt unzählige Hände. Bekannte Gesichter lachen ihn an. Er freut sich jetzt schon auf seine nächste Blaue Stunde. „Beeilung! Beeilung!“, drängelt Mister Alfons.<br />
Aber – alles ist zu spät! Nichts wird gut! Was ist los? O Schreck, o Graus!<br />
Eine geschlossene Front von Ungeheuern nähert sich, aus der Richtung der tausend Ewigkeiten kommend, laut schnaubend den herumstehenden bunten Gestalten.. Eine Herde von riesigen Echsen trabt in weit ausholenden schweren Schritten auf die friedliche Gruppe zu, gemächlich und sich ihrer Sache wohl sicher, dass sie die für sie lächerlichen kleinen  Kröten in aller Ruhe auflesen und verschlingen können.  Aber – die Dinosauer sind doch schon vor mehreren Millionen Jahren ausgestorben!? Sind es überhaupt welche? Oder sind  es nur Monster aus einer Schauergeschichte? Mister Alfons, der sich sonst immer  tapfer verhält,  gibt  mit bebendem Stimmchen zu verstehen: „Hierher haben diese Biester Zugang wie alle Wesen auf dieser Welt, die ausgedachten, die ausgestorbenen und die lebenden. Ich hätte jedoch nie gedacht, dass die riesigen Echsen, die ihr Menschen Dinosaurier nennt, in unsere heimliche Welt kommen können.. Wir sind für sie ein Leckerbissen, den sie noch nicht probiert haben. So wie für euch Menschen Küken, Hähnchen, Schnecken, was du willst. O lieber Gott, hilf uns.“ </p>
<p>Die skurrilen Gestalten am Ufer des Sonnensees sind beinahe zu Tode erschrocken. Sie werfen sich alle platt ins Gras, als der Boden wie bei einem Erdbeben schwankt. Der See ist zu einem stürmischen Gewässer angeschwollen. „O Gott“, murmelt Alfred entsetzt, „jetzt haben sie’s geschafft.“ Der Himmel verfinstert sich mit schwarzem Rauch wie aus unzähligen Fabrikschloten, der aus den Nüstern der Ungeheuer steigt. Pippi Langstrumpf rettet sich auf ihr Pferd und stiebt in rasendem Galopp davon, weiß der Himmel wohin.<br />
Die plumpen riesigen Leiber schleifen ihre zentnerschweren Schwänze hinter sich her. Sie nähern sich stampfend und laut röhrend dem zitternden Völkchen. Was ist zu tun? Wo haben diese mächtigen Kolosse sich in Millionen von Jahren versteckt gehalten? Mister Alfons wendet sich an Harry Potter, der gar nicht mutig wirkt, sondern wie versteinert  auf der Erde liegt: „He, Harry, du kennst diese Monster aus deinen Träumen. Du hast mir erzählt, dass diese Biester Vegetarier sind, die fressen kein Fleisch!“  „Woher soll ich das wissen? Es gab solche und solche, die Pflanzen fressenden und die Vegetarier. Zerstampfen können sie uns allemal!“ „Steht endlich auf, Ihr Jammerlappen!  Verschwindet in eure eigene Behausung!“, befiehlt Alfons mit immer schwächer werdendem Stimmchen, das nur vom Echo getragen wird&#8230; Im Nu verschwinden alle in die verschiedensten Richtungen. „Mach, dass du nach Hause kommst!“, schnauzt Alfons den wie Espenlauf zitternden Markus an. „Beeil dich, bevor deine blaue Stunde abgelaufen ist! Nimm denselben Weg übers Wasser zurück. Auf der anderen Seite des Sees können die Monster dich nicht mehr erreichen. Die Dinos sind wasserscheu. Spute dich!“ Da steht der arme Kerl ganz allein mit Mr. Alfons da. Von wegen!  Dieser hat sich in Luft aufgelöst. Aber erteilt unsichtbar Befehle: „Du musst zurück!  Nimm meine Socke mit, die hilft dir. Wie aus dem Nichts fliegt ein rotes Söckchen, das bis vor kurzem noch einen Fuß von Mr. Alfons bekleidet hat, dem Markus zu, das dieser geschickt auffängt. Und die Socke spricht zu ihm: „Keine Angst, wir schaffen das!“</p>
<p>Der Boden bebt. Die plumpen riesigen Kolosse nähern sich in einer geschlossenen Front zu zehn Tieren beinahe majestätisch, schnaubend und ächzend dem verzweifelten, allein gelassenen  Knaben. Mit dem Mut der Verzweiflung springt er hinein in die tobenden Wellen und kämpft um sein Leben und hält kraulend die rote Socke über Wasser. Wird er das rettende Ufer erreichen? Oder wird er gar von dem grusligen Krokodil wie ein kleiner zappelnder Fisch gefressen? Grelle Blitze zucken.  Die Windböe hilft ihm dieses Mal nicht. In der Mitte des Sees angelangt, wagt er einen Blick zurück. Gewaltige Kolosse bilden eine gefährliche Mauer am verlassenen Ufer.  Ihre Nüstern weiten sich wie riesengroße Saugnäpfe, mit denen sie die im Wasser zappelnde Beute einsaugen wollen. Zu spät! Ermattet erreicht ein kleiner Junge in pitschnassen Jeans das rettende Ufer.<br />
Unter Anleitung der roten Socke erreicht er sehr bald „seinen Kanaldeckel“, stemmt ihn mit letzter Kraft mit der Eisenstange hoch, hangelt sich an der dehnbaren roten Socke nach oben auf „seine“ Erde zurück und lässt sich erschöpft auf den Bürgersteig fallen. Die Kirchturmuhr schlägt zehnmal. „Geschafft“, geht es ihm durch den Sinn. Vor genau einer Stunde bin ich hier verschwunden. Wie mag es meinen neuen Freunden ergehen?“ Da meldet sich die rote Socke zu Wort: „Du musst mich morgen in deiner zweiten Blauen Stunde Mister Alfons wieder zurückbringen. Er ist ohne mich verloren.  Denk dran. Das ist Ehrensache! Zeig mich nicht deinen Eltern. Deine Mutter käme auf die Idee mich in die Waschmaschine zu stecken. Damit würde ich meine Zauberkraft verlieren.“</p>
<p>Markus wankt nach Hause und fällt todmüde ins Bett. Die rote Socke versteckt er noch unter seiner Matratze. Die Mutter, die hereinschaut, wundert sich über die nassen Jeans und darüber, dass Markus keinen Hunger hat.   </p>
<p>2. Kapitel (2. Blaue Stunde)</p>
<p>„Wie komme ich ohne viel Fragerei nach draußen?“,  zermartert Markus sich am folgenden Tag den Kopf. Die morgendliche Strafpredigt  der Mutter beim Frühstück hat er nicht vergessen. In der Schule hat er sich noch nicht getraut, seinem Freund Uwe von seiner ersten Blauen Stunde zu erzählen. Aber beim nächsten Mal, wenn er die rote Socke Mr. Alfons zurückgegeben hat! Als die Mutter spät abends telefoniert und der Vater am Computer sitzt, hat seine Stunde geschlagen. Er schleicht sich davon. Ganz egal, was draus wird. Er muss die rote Socke zurückbringen. Er weiß nur noch nicht, wie er das anstellen soll. Er legt einen Zettel auf sein Bett. „Bin gleich wieder da, spätestens in einer Stunde“, steht drauf. Er weiß, dass er sich weitere Scherereien bereitet. Aber was soll’s? Er schleicht sich aus dem Haus. Draußen bemerkt er, dass an fast allen Häusern die Lichter erloschen sind. Nur ein kleiner Hund, den sein Herrchen abgeleint hat, läuft über die Straße und hebt sein Beinchen an seiner Laterne.. Ein kurzer Pfiff und er schnellt zurück wie aus dem Flitzebogen. Aufatmend erreicht Markus „seine“ Laterne und müht sich ab, den Kanaldeckel hochzuheben. Er schaut sich um. Kein Mensch ist in Sicht. Mit all seinen ihm zur Verfügung stehenden Kräften schafft er es, den Kanaldeckel hochzuheben, und mutig springt er hinunter in das schwarze Loch. </p>

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		<title>Hänschen klein. Ein Märchen aus Schlesien</title>
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		<pubDate>Tue, 18 Apr 2006 13:36:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner-Kurt</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Es war einmal ein armes Elternpaar, das hatte von seinen vielen Kindern nur noch einen kleinen Jungen, das Hänselchen, und ein kleines Mädchen, die Marie, übrig ...]]></description>
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<p><em>von <a href="http://www.the-short-story.de/?p=64">Urte Skaliks</a> (copyright)</em></p>
<p>Es war einmal ein armes Elternpaar, das hatte von seinen vielen Kindern nur noch einen kleinen Jungen, das Hänselchen, und ein kleines Mädchen, die Marie, übrig behalten. Sieben ältere Geschwister waren ihnen schon auf dem Weg in den Himmel vorangegangen. Das wussten die beiden von ihrer verhärmten Mutter, die ihnen über jedes der Kindlein etwas erzählte: Das erste hatte einen ganz schwarzen Schopf gehabt, das zweite so blaue Augen, das dritte ein schelmisches Lächeln, das vierte war schon ganz früh gelaufen, das nächste war dem Hänschen ähnlich gewesen, das sechste hatte genau solche Locken gehabt wie Marie, und das siebte hatte die Mutter immer ganz traurig angesehen, wenn sie ihm nicht mehr zu essen geben konnte.<br />
Da wussten Hänschen und Marie, dass die Mutter die Kinder sehr lieb gehabt hatte, aber sie dachten auch, dass sie selbst wohl auch bald in den Himmel kämen, weil sie soviel Hunger litten. Der Vater und die Mutter mussten bis spät in die Nacht am Webstuhl sitzen, und der karge Lohn aus ihrer Arbeit reichte kaum für das trockene Brot. Die Kinder schauten in die grauen Gesichter ihrer Eltern und wagten kaum noch, nach Essen zu fragen.<br />
Wenn die Familie jeden lieben langen Tag von früh bis spät arbeitete, klagten die Eltern oft über Schmerzen im Rücken und in den Händen, und sie bejammerten ihr schweres Los. Dann erzählte die Großmutter davon, wie es früher doch soviel besser gewesen sei, und malte ihnen zum Trost auch die alten Sagen und Märchen in bunten Farben aus. </p>
<p>Eine Gestalt aus der heimatlichen Sage hatte es Hänschen besonders angetan, weil ihr Herz für die armen Leute schlug und weil sie schon so manchem aus dem Elend herausgeholfen hatte. Es war aber eine seltsame, launische Gestalt, die so manches Mal ganz üblen Schabernack getrieben hatte, wenn ein Mensch anmaßend oder böse war. Ja, ihr habt richtig geraten &#8211; es war der Rübezahl, der geheimnisvolle Geist der schlesischen Berge.<br />
Hänschen glaubte nun ganz fest daran, dass der mächtige Rübezahl seinen armen, rechtschaffenen Eltern helfen würde. Ob er selbst immer brav genug gewesen war, da hatte er so seine Zweifel. Vielleicht würde ihm der merkwürdige Rübezahl deshalb sogar übel mitspielen. Aber er wollte es trotzdem wagen, ihn um Hilfe zu bitten. Schlimmer konnte das Elend in seiner Familie doch kaum noch werden. Und &#8211; jedenfalls würde es aufregend sein, einmal in die Welt hineinzugehen und den großen Berggeist zu treffen.<br />
Aber genau da gab es eine Frage – wo sollte er ihn finden? Die Großmutter konnte ihm nicht sagen, wo der Rübezahl wohnte, und es schien, als sei er überall und nirgends zu Haus. Hänschen aber dachte sich, wenn er einfach in den Wald ginge, würde sich schon alles Weitere finden. Als er dann losgehen wollte, weihte er nur die kleine Marie ein. Das vorsichtige Mädchen versuchte, ihn davon abzuhalten, aber für ihn war es schon beschlossene Sache. Er versicherte ihr, er werde bald zurück sein. </p>
<p>Ihr könnt euch denken, wie die arme Mutter klagte und der Vater schimpfte, als Hänschen verschwunden war, aber sie wussten nun gar nicht, wo sie ihn suchen sollten, und eine Polizei gab es damals noch nicht. Also arbeiteten und webten sie weiter, beteten und hofften, dass der Junge bald wiederkommen möge. Nur Marie war guten Mutes und glaubte, ihr Bruder werde schon das Richtige tun. </p>
<p>Was nun dem Hänschen inzwischen passierte? Das Waldgebirge war ja nahe, und er ist schnell dort gewesen. Es war ein finsterer Wald, und es wurde ihm dort schon bald ein wenig ängstlich zumute, aber er wusste ja, was er suchte, und so ging er immer tiefer hinein. Das Hexenhäuschen ließ er links liegen, auch wenn es noch so gut duftete und die Hexe nicht einmal zu Hause war. Auf dem Rückweg wollte er ein paar Lebkuchen abreißen, falls er mal den Rübezahl nicht finden sollte.<br />
Aber er glaubte ganz fest daran, dass der Geist nicht weit sein konnte. Bald schon sah er in der Ferne ein Lagerfeuer, an dem finstere Gestalten grölend saßen und große Stücke Fleisch am Spieß brieten. Ob das hier schon Rübezahl mit seinen Gefährten war, die bekanntlich immer zechten und prassten? Hänschen näherte sich fast lautlos, und schon stieg ihm mit dem kräftigen Holzrauch ein nie erlebter Bratenduft in die Nase. Alles zusammen trieb ihm die Tränen in die Augen, und fast musste er in seinem Versteck auch noch husten.<br />
Wie sollte er aber Rübezahl herausfinden? Er dachte sich, bloß einfache Räuber könnten das da vorn nicht sein. Aber es waren doch welche, und ihr Fährtensucher rief auch schon:<br />
&#8220;Na, komm raus, du Leichtgewicht – so knurrt doch nur ein Kindermagen, der lange nichts zu essen bekommen hat. Wir hatten heute einen guten Tag. Komm essen!&#8221;<br />
Hänschen traute sich kaum heraus, aber es blieb ihm nichts anderes übrig. Er ging zögernd auf die Männer zu, die ihm gar nicht recht geheuer waren, aber sie begrüßten ihn so freundlich, dass er seine Angst bald vergaß.<br />
&#8220;Du siehst ja fast so aus wie mein kleiner Franjo zu Hause. Aber was machst du hier allein im Wald? Hast du denn gar keine Angst vor dem riesigen Rübezahl?&#8221;, fragte ein jüngerer Räuber und bot ihm einen Platz auf seinem Fell an. Er gab ihm einen großen Fetzen Fleisch zu essen, und sie fragten nach seinem Woher und Wohin.<br />
Hänschen erzählte, dass er beim Rübezahl Hilfe für seine arme Familie erbitten wolle. Als er aber den Namen genannt hatte, kriegten es die Räuber selber mit der Angst zu tun.<br />
&#8220;Hast du denn etwa gehört, dass der hier in der Gegend sein soll? Wir haben doch eben nur einen Scherz damit gemacht.&#8221;<br />
Die Räuber merkten gleich, dass Hänsel keine Ahnung hatte, wo der Rübezahl zu finden sei, und beruhigten sich bald wieder. Sie wurden nach dem guten Essen immer träger, und einige begannen schon zu schnarchen. Hänschen durfte mit bei Franjos Vater auf dem Fell schlafen und vergaß erst einmal sein Vorhaben.<br />
Aber im Traum sah er noch einmal den üppigen Spießbraten, und diesmal saß seine ganze Familie mit am Lagerfeuer und ließ es sich gut sein.<br />
Als in der ersten Morgendämmerung ein Vogel leise zu flöten begann, schreckte Hänschen hoch und sah verstört auf die schnarchenden fremden Männer um sich herum. Sie hatten ihm am Abend noch angeboten, als Kundschafter bei ihnen zu bleiben, und ihn sogar scherzhaft &#8220;König Hänschen&#8221; genannt, aber er wollte doch viel lieber wieder zu seiner Familie zurück.<br />
Er überlegte noch, was er tun sollte, als er auf einmal nicht weit entfernt vom Lager auf einer höher gelegenen Lichtung eine große, sehr alte Frau stehen sah, die ihm winkte mitzukommen. Hänschen erhob sich leise, streckte ein wenig seine klammen Glieder und schlich hinter der ehrwürdigen Alten her. Über Stock und Stein, bergauf und bergab ging es, immer tiefer in den Wald hinein. Der flötende Vogel flog vor ihnen her, und der Weg kam Hänschen unendlich weit vor. </p>
<p>Es wurde ganz langsam heller. Als er so an den Bäumen des Waldes vorbeiging, zeigten sich überall an den Stämmen alle möglichen Gesichter, und manche Astlöcher waren Augen, und alle schienen lächelnd zu dem Wanderer hinzuschauen. Manche Äste sahen aus wie Arme, die freundlich nach ihm greifen wollten. Er wunderte sich sehr und rätselte, was alles dieses wohl bedeuten sollte, und ganz allmählich verstand er die Stimmen der fremdartigen Wesen.<br />
&#8220;Hol uns hier raus, mach uns lebendig, lass uns dir Gesellschaft leisten.&#8221;<br />
Hänschen hatte in einem Märchen schon einmal etwas über verzauberte Menschen gehört, und während er ging und ging, grübelte er, wie er sie wohl aus den Bäumen herausholen könnte. Aber es wollte ihm nicht einfallen. </p>
<p>Die schöne alte Frau war längere Zeit vor ihm hergegangen, dann aber unbemerkt wieder verschwunden. Auf einmal sah er in der Ferne ein kleines Haus, und er wusste, dass dies sein Ziel war.<br />
Hänschen trat in die Hütte ein und sah die Frau an einem hell flimmernden Fensterchen sitzend, durch das man in eine andere Stube hineinblicken konnte. &#8220;Schau einmal, mein Junge&#8221;, sagte sie, &#8220;wie sich deine Mutter zu Hause grämt, und selbst dein Vater kann kaum seine Tränen zurückhalten.&#8221;<br />
Hänschen schaute durch das Fenster und sah wie durch ein Wunder seine Familie zu Hause am Tisch.<br />
&#8220;Aber ich wollte doch nur&#8230;&#8221;<br />
&#8220;Ja, ich weiß.&#8221;<br />
&#8220;Und sie haben nun einen Esser weniger.&#8221;<br />
&#8220;Dein Brot haben sie nicht angerührt, damit du es findest, wenn du wiederkommst.&#8221;<br />
Tränen strömten aus seinen Augen, und er wünschte sich in Gedanken:<br />
&#8220;Wenn ich doch nur schnell wieder nach Hause könnte. Ich bin ja noch ein Kind.&#8221;<br />
Da glaubte er plötzlich zu sehen, wie sein Schwesterchen ihm durch das seltsame Fenster zublinzelte. Er versuchte, es zu öffnen, aber er fand keine Klinke, und da war es auch schon blind und undurchsichtig geworden. </p>
<p>Die alte Frau an dem Fensterchen sagte zu ihm: &#8220;Wenn du wirklich nach Hause willst, kann ich dir helfen, dass du nicht wieder den Räubern begegnest.&#8221;<br />
&#8220;Ach, &#8211; so gefährlich kamen mir die gar nicht mal vor.&#8221;<br />
&#8220;Ja, du bist wohl ein mutiger Junge.&#8221;<br />
&#8220;Ich hab aber auch ein bisschen Angst. Ich fände wohl nicht mehr alleine zurück. Aber, sagt, Muhme, woher wisst ihr denn, dass ich wieder nach Hause will? Ich habe doch gar nichts gesagt.&#8221;<br />
&#8220;Nun, mein Junge, du hast doch hier noch andere seltsame Dinge erlebt.&#8221;<br />
&#8220;Ja, das stimmt, denn wie konnte ich von hier aus meine Eltern in ihrem Häuschen sehen?&#8221;<br />
&#8220;Du bist auch klug, mein Kind. Das wird dir helfen.&#8221;<br />
&#8220;Aber, liebe Muhme, wer seid ihr denn, dass ihr mir dies zeigen konntet? Wisst ihr vielleicht sogar, wo ich den großen Rübezahl finden kann?&#8221;<br />
&#8220;Dazu kann ich dir nicht viel sagen. Wenn du ihn suchst, wird er dich fliehen. Und du wirst ihn gefunden haben, wenn du ihn gerade nicht gesucht hast.&#8221;<br />
&#8220;Seltsam, Muhme, wie ihr mit mir sprecht.&#8221;<br />
&#8220;Ja, das muss dir wohl so scheinen.&#8221;<br />
&#8220;Und wer ihr seid, danach darf ich wohl nicht fragen?&#8221;<br />
&#8220;Ich würde es dir nicht sagen. Bald wirst du es herausfinden.&#8221;<br />
&#8220;Ja? Ach, dann zeigt mir doch jetzt bitte, wie ich den weiten Weg zurück zu meiner Familie finde. Ich werde auch nie wieder einfach so weglaufen.&#8221;<br />
&#8220;Ja, ich weise dir die Richtung. Nun aber sieh hier mein Geschenk, &#8211; ein kleines Messerchen von ganz eigener Art. Nimm es mit und verwahre es gut. Wenn du durch den Wald gehst, wirst du wissen, wozu es dir dienen kann. Eure Not wird bald ein Ende haben, wenn du wieder zu Hause bist.&#8221; </p>
<p>Hänschen nahm das Messer, das nach gar nichts Besonderem aussah, und bedankte sich gar herzlich bei der großen alten Frau.<br />
&#8220;Dreh dich nun einmal um und schau dir den Heimweg an. Geh deinen Weg.&#8221;<br />
Es eröffnete sich ein Pfad, auf den er hinaustrat. Alsbald verschwand die Hütte hinter ihm.<br />
Hans schritt rüstig aus und kam gut voran, während der flötende Vogel wieder eine ganze Weile vor ihm herflog. Plötzlich bemerkte er auf seinem Weg ein altes Stück Holz, das seinen Blick magisch anzog. Alsbald erkannte er darin ein verborgenes Gesicht, und das Messerchen der alten Frau sprang in seine Hand. Da befreite er das Gesicht aus dem verzauberten Holz, und schon hüpfte ein lebendiges Kind neben ihm her. Das bedankte sich herzlich bei ihm, weil er es erlöst habe, und sie gingen zusammen weiter. Hans fand noch viel mehr von solchem Holz und erkannte jetzt auch, was die Stämme der Bäume ihm hatten sagen wollen So hatte er bis zum Abend schon sieben kleine Gesichter herausgeholt. Alle gehörten zu verzauberten Kindern, die bald wieder lebendig herumtanzten und sich auf ihre Heimkehr freuten.<br />
Heiter wanderten sie alle zusammen weiter und immer weiter bis nach Hause zu ihren Familien. Seine Eltern umarmten Hans voller Glück, als er endlich wieder durch die Türe trat. Die kleine Marie freute sich doppelt, weil er unterwegs auch noch eine hübsche Puppe für sie gemacht hatte. </p>
<p>* </p>
<p>Viele Jahre später hatte Hans der Schnitzer einen bescheidenen Wohlstand geschaffen. Auch seine Eltern wohnten in einem besseren Häuschen, und alle lebten zufrieden bis an ihr seliges Ende.<br />
Ach so, ihr wollt wissen, ob er denn jemals noch den großen Rübezahl getroffen hat? Wusstet ihr schon, dass sich der große Rübezahl einfach in alles verwandeln kann, auch in eine alte Frau? Na?</p>

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