Die Sternenprinzessin

von Paola Reinhardt (copyright)

In den hellen Nächten, wenn der Mond sein blasses Licht zur Erde sendet, glänzen am Firmament viele tausend Sterne. Jeder von ihnen hat seinen ganz bestimmten Platz und darf diesen nie verlassen. So sieht es der uralte Himmelsplan vor.

Da war einmal ein ganz besonders schönes Sternlein, der überstrahlte mit seinem Glanz all die anderen. Jeden Abend schaute es mit großen, sehnsüchtigen Augen hinunter auf die Erde und konnte sich gar nicht satt sehen an den gewaltigen Meeren, den Flüssen und Bächen, stillen Seen, zerklüfteten Bergen und endlosen Sandwüsten.
Es bestaunte auch die grünen Wälder, die lebhaften Städte, die beschaulichen Dörfer, die vielfältigen Tierrassen und die kleinen und großen Menschen, die anscheinend auf dieser Welt das Sagen hatten.

Manchmal konnte der Stern sogar durch die hell erleuchteten Fenster in ihre Wohnungen schauen. Dort saßen die Menschen oft gemütlich beieinander und plauderten, oder schauten gebannt auf einen kleinen Kasten, den sie Fernseher nannten. Ganz besonders interessant sah es bei ihnen zu Weihnachten aus. Zu Anlass schmückten
die Menschen grüne Tannen mit bunten Kugeln, Lametta und Kerzen und beschenkten sich gegenseitig. Und alle waren an diesem Tag besonders nett zueinander. Mütter und Großmütter erzählten den Kindern oft alte Märchen, oder lasen ihnen aus dicken Büchern Geschichten von Huckleberry Finn und Oliver Twist vor. Oder sie sahen sich
gemeinsam den Film vom kleinen Lord an, der mit seiner Mutter von Amerika nach England reiste und dort das harte Herz seines griesgrämigen Lord Großvaters eroberte. Die über Zehnjährigen zogen sich oft mit einem neuen „Harry Potter“ in eine stille Ecke
zurück.

Leider konnte das Sternlein ihre Unterhaltungen und ihre Musik nicht immer verstehen, denn die Entfernung zur Erde betrug schließlich viele, viele Lichtjahre. Doch die Menschen schienen ihm so interessant zu sein, dass sein Wunsch, einmal auf die Erde zu reisen, von Jahr zu Jahr größer.

Eines Abends fasste sich das Sternlein ein Herz und bat den Mond: „Lieber, guter, alter Mond, ich möchte einmal auf die Erde zu den Menschen. Bitte, lass mich reisen!“

Doch der Mond schüttelte nur unwillig seinen Kopf. Er war so stolz auf sein schönstes Sternlein und wollte es daher nicht verlieren. Außerdem hatte er es in all den Jahren sehr lieb gewonnen. Doch das Sternlein konnte zuweilen sehr hartnäckig sein und wurde immer wieder beim Mond wegen eines Anliegens vorstellig.

„Glitzerchen“, sagte er eines Tages traurig, „hör zu, du weißt doch, dass kein Stern jemals wieder hinauf zum Himmel gelangen kann, wenn er einmal auf der Erde war. Also gibt schon Ruhe und schlag dir deinen Wunsch aus dem Kopf. Du bleibst hier oben bei mir und den anderen Sternenschwestern und strahlst, wie es sich für einen
richtigen Stern gehört. Hast du mich verstanden?“

Das Sternlein gab keine Antwort und schmollte statt dessen, bevor es sich allmählich in sein Schicksal ergab. Doch eines Nachts erblickte Glitzerchen direkt unter sich ein großes weißes Schloss. Leise betörende Musik klang bis hinauf zum Himmel und zwei nachtdunkle Augen starrten es unentwegt an. Sie gehörten einem jungen Mann, groß
und schlank, der eine weiße Uniform trug, die mit goldenen Kordeln und Litzen verziert war. Sein schwarzes Haar glänzte im Schein der vielen künstlichen Lichter, die den Park und das Schloss illuminierten. Glitzerchen lächelte und glaubte, noch nie einen schöneren Menschen gesehen zu haben. Da sah es, wie der Prinz in Begleitung den Saal verließ und nach draußen auf die Terrasse ging. Da hörte es eine laute Stimme:

„Mein Prinz, warum seid Ihr so traurig und fern dem Fest, das man Euch zu Ehren gibt. Die schönsten Prinzessinnen, die attraktivsten Filmstars und Models wurden von Eurem Vater, dem König eingeladen, damit ihr Euch unter ihnen eine Frau aussuchen sollt. Doch Euch schein keine zu gefallen.“

„Stimmt, verehrter Minister, obwohl sich der Hof mit der Auswahl der Damen sehr viel Mühe gegeben hat. Aber sie sind mir alle viel zu eitel, pressegeil und oberflächlich. Schönheit allein genügt mir nicht! Ich brauche eine Frau, die gut ist und warmherzig zu unserem Volk, so wie es meine Mutter war.“ Und schwärmerisch fügte er hinzu: „Sie
müsste mein Herz beim ersten Anblick berühren.“ Er machte eine Pause und zeigte dann hinauf zum Himmel. „So wie dieser strahlende Stern dort oben mit seinem warmen Glanz.“

Das Sternlein errötete und strahlte noch ein wenig wärmer als sonst über dieses wunderschöne Kompliment. Leider tauchte in diesem Augenblick eine Menge Fotografen und Reporter im Park auf mit klickenden und surrenden Kameras, die den Prinzen umlagerten und ihn interviewen wollten. Alle redeten sie durcheinander, so
dass Glitzerchen kein einziges Wort mehr verstehen konnte. Enttäuscht sah es, wie der Prinz vor ihnen ins Schloss flüchtete. Dicke Samt-und Brokatvorhänge versperrten kurz darauf den Blick durch die Fenster.

Der Mond hatte alles mit angehört und machte sich so seine Gedanken. In der nächsten Zeit beobachtete er seinen Lieblingsstern noch sorgfältiger als vorher. Und voller Wehmut sah er, dass wie dieser jeden Abend ein wenig früher am Himmel auftauchte, um Ausschau nach dem Prinzen zu halten. Diese Eigenmächtigkeit brachte allmählich den gesamten Sternenplan durcheinander und die Sterne der Milchstraße und die des großen und kleinen Bären hatten sich schon bei ihm über das eigenmächtige Verhalten seines Lieblingssterns beschwert. Dabei war die Ballmusik doch längst verklungen und das Schloss lag tief verschneit und einsam am Rande der großen Stadt. Im Stillen hoffte der Mond jedoch darauf, dass sich der Prinz inzwischen doch in eine der vielen
schönen Frauen verliebt hatte und bald heiraten würde. Dann hörte sein Lieblingssternlein gewiss endlich damit auf, von diesem Menschen zu träumen!

Doch da hatte er sich gewaltig geirrt! Ohnmächtig musste der Mond mit ansehen, wie seine Sternenprinzessin von Tag zu Tag trauriger wurde. Darüber war er sehr beunruhigt, denn wenn ein Stern traurig ist, wird er blass und blasser, bis er eines Tages ganz erlischt.

Angst, ja fast Panik erfasste den Mond, und er sann angestrengt darüber nach, was er wohl dagegen unternehmen konnte. Leider fiel ihm bei allem Kopfzerbrechen keine Lösung ein. So entschloss er sich eines Abends schweren Herzens den Wunsch des Sternleins zu erfüllen.

„Glitzerchen, ich habe genug von deinem traurigen Gesicht. Los, mach dich fertig für den Flug zur Erde“, brummte er den Tränen nahe.

Da hättet ihr das blasse Sternlein einmal sehen sollen! Sofort begann es wieder wie früher zu leuchten und zu strahlen, ja, er glitzerte und funkelte nur so vor Freude. Und vor lauter Dankbarkeit fiel er dem Mond um den Hals und tanzte übermütig um ihn herum.

Dem Prinzen, der gerade auf die Terrasse hinausgetreten war, fiel dieser seltsame Sternentanz natürlich sofort auf. Wie geblendet starrte er hoch zum Himmel. Plötzlich sah er eine Sternschnuppe direkt auf sich zukommen. Wenn ein Stern vom Himmel fällt, darf man sich etwas wünschen und dieser Wunsch, so heißt es, wird in Erfüllung gehen. Das wusste natürlich auch der Prinz und lächelte voller Vorfreude.

Im nächsten Augenblick stand vor ihm eine wunderschöne junge Frau mit langen blonden Haaren, strahlend blauen Augen, und einer elfengleichen Figur. Sie trug ein glitzerndes goldenes Kleid, das über und über mit Perlen und Edelsteinen bestickt war. Nie zuvor hatte der Prinz ein schöneres Geschöpf gesehen. Gleichzeitig ging von dieser
Frau soviel Liebreiz und Güte aus, dass ihm richtig warm ums Herz wurde. Er neigte sich tief über ihre zarte Hand und küsste sie.

„Prinzessin, niemand hat mir Eure Ankunft gemeldet. Wann seid ihr hier eingetroffen und von woher kommt ihr?“, fragte er verwundert und mit leicht zitternder Stimme.

Da lachte Glitzerchen. „Aber mein Prinz, denkt doch an die Sternschnuppe und an Eueren Wunsch. Er ist gerade in Erfüllung gegangen. Ich bin direkt vom Himmel gefallen.“ Die Sternenprinzessin erzählte dem staunenden Prinzen auch, wie sie ihn an jenem Ballabend belauscht und sich in ihn verliebt hatte. Und von dem guten, alten Mond, der ihr schließlich den Flug zur Erde genehmigte, berichtete sie ebenfalls. Da nahm der Prinz die schöne Sternenprinzessin überglücklich in seine Arme und küsste sie. Eng umschlungen wanderte das Paar danach durch den winterlichen Park und bemerkte weder die Kälte noch die anbrechende Nacht. Und noch bevor die Turmuhr zwölf schlug, hatte der Prinz seiner Traumfrau einen Heiratsantrag gemacht. Und die sagte überglücklich „ja.“

Schon bald wurde die Hochzeit gefeiert und das Volk jubelte dem jungen Paar begeistert zu. Am Hof und überall im Land wurde natürlich gerätselt, wo und wie der Prinz seine schöne Braut wohl kennen gelernt hatte. Doch die Zwei verrieten ihr Geheimnis nicht.

Nur einer kannte ihre Geschichte. Doch der konnte schweigen. Manchmal, wenn das Paar verliebt durch den Schlosspark wanderte und zum Himmel hochblickte, dann hatten sie für einen Augenblick lang das Gefühl, als würde der gute, alte Mond ihnen verständnisvoll zublinken, bevor er hinter einer Wolke verschwand.

Die Traumfängerin

von Renate Bornemann

für Rebecca

In einer Zeit weit vor der unseren lebte ein kleines Mädchen.
Sie war ein Indianer-Mädchen und lebte mit ihrem Stamm im Wald. Ihr Name war Blume-die-mit-ihrem-Gesicht-die-Sonne-sucht. Ihre Spielkameraden nannten sie jedoch meist Sonnenblume, da ihr richtiger Name ihnen zu lang erschien. Sonnenblume war ein hübsches Mädchen. Sie hatte strahlende grau-blaue Augen und rosige Wangen.
Eigentlich war Sonnenblume ein glückliches Kind. Tagsüber zumindest, …. doch am Abend, wenn ihre Mutter sie im Tipi in ihre Felldecke einkuschelte und ihr Gute Nacht sagte, das Feuer im Zelt langsam ausging, da kamen sie…, die bösen Träume. Es waren schreckliche Träume von Ungeheuern und bösen Menschen. Häufig wachte sie nachts auf und hatte furchtbare Angst.
Ihre Mutter und ihr Vater trösteten sie dann, doch einschlafen konnte sie oft lange nicht mehr. Ihre Spielkameraden lachten sie aus. Sie hatten nie schreckliche Träume. Nur einer, der lachte gar nicht, wenn sie von ihren Träumen erzählte. Das war der kleine Einsame Wolf. Er hörte ihr mit großen, weit offenen braunen Augen zu und wurde ganz still.
Als die anderen lärmend und grölend wegliefen, blieb er bei ihr und sagte: ”Weißt du, Sonnenblume, ich kenne solche Träume. Auch ich habe Angst vor dem Einschlafen.”
Aber was können wir denn dagegen machen?”, fragte Sonnenblume. Einsamer Wolf zuckte mit den Schultern und wußte darauf keine Antwort. Als sie so dasaßen, kam die Medizinfrau vorbei und sah die beiden Kinder nachdenklich auf dem Boden vor ihren Zelten sitzen.

Sie mochte Kinder sehr gerne. Da sie aber die Medizinfrau war, durfte sie selbst keine Kinder bekommen. So verbrachte sie ihre freie Zeit gerne mitden Kindern des Stammes. Sonnenblume mochte sie besonders gern, weil sie ein hilfsbereites und wißbegieriges Mädchen war. Sonnenblume hatte ihr oft beim Kräutersammeln geholfen.
Da es ihr seltsam vorkam, die beiden dort so still sitzen zu sehen, sprach sie Sonnenblume und Einsamen Wolf an.
”Was sitzt ihr beide hier denn so schweigend herum? Warum spielt ihr nicht mit den anderen?”
Nach einer kleinen Weile erzählten ihr die beiden Kinder von ihren Träumen. Die Medizinfrau, die sich zu ihnen auf den Boden gesetzt hatte, nickte und sagte leise:
“Ja, ich weiß von diesen Dingen. Auch Erwachsene haben manchmal böse Träume.”
”Weißt du dagegen keine Medizin?” fragte Sonnenblume.
”Das ist gar nicht einfach, liebe Sonnenblume. Es gibt einen Ort, zu dem ihr gehen müsst. Er liegt bei dem Wasserfall. Dort wohnt der Geist des Träumens. Ihn könnt ihr um Hilfe bitten. Doch ob er euere Bitte gewährt, hängt von vielen Dingen ab.”
”Von welchen Dingen?”, fragte Einsamer Wolf aufgeregt .”Ich bin bereit, alles zu tun, um meine bösen Träume fortzuschicken!”

”Nun, zum einen, dürft ihr sieben Tage keinen Honig essen,” entgegnete die Medizinfrau.
”Sieben Tage keinen Honig? ,” rief Einsamer Wolf erschrocken. Den süßen Honig, den sie im Sommer von den Bienen im Wald absammelten, aß er nämlich für sein Leben gerne.
”Jawohl, und außerdem müsst ihr euch vorher gründlich waschen !”
Wiederum war Einsamer Wolf entsetzt. Waschen war für ihn das Allerschlimmste.
Sonnenblume schienen die aufgezählten Bedingungen bisher nicht allzu schlimm. Doch als die Medizinfrau weiter sprach und sagte: “Außerdem müsst ihr sieben Tage morgens und abends die Ziegen melken”, da war es an ihr zu protestieren.
”Sieben Tage morgens und abends?” rief sie entsetzt.
”Ja, und das ist noch nicht alles. Auf dem Weg dorthin werdet ihr allem begegnen wovor ihr Angst habt! Kehrt ihr vorher um, bevor ihr zum Traumgeist gekommen seid, wird euer Wunsch nicht gestattet werden können”, schloss die Medizinfrau.
Jetzt machten beide Kinder betrübte Gesichter. Beiden fiel ein, wovor sie schreckliche Angst hatten. Einsamer Wolf davor, einer Schlange zu begegnen oder einem richtigen Wolf. Sonnenblume fiel ihre Angst vor Spinnen und vor Feuer ein. Verzagt sagte Sonnenblume nach einer Weile:
”Ich glaube nicht, dass ich das schaffen kann!”
”Ich kann euch allerdings eine Hilfe mitgeben. Einen Talisman der bewirkt, das alles was euch begegnet, egal wie schrecklich es euch erscheinen mag, zum Guten wendet. Doch auch dann, ist es ein großes Abenteuer, das ihr bestehen müsst.”
Sonnenblume und Einsamer Wolf sahen sich an. Einsamer Wolf litt sehr darunter, dass die anderen ihn oft einen Feigling nannten. Als er in die strahlenden Augen von Sonnenblume blickte, hatte er nur einen Wunsch: Vor ihr nicht als Angsthase dazustehen. So sprang er mit einmal auf und erklärte mit starker, aber leicht zitternder Stimme:
”Ich werde gehen! Allen großen Ängsten zu begegnen ist nicht halb so schlimm wie jede Nacht schlechte Träume zu haben!”
Sonnenblume war beeindruckt. Dadurch selbst mutig geworden, sprang sie auf und rief: ”Ich werde mit dir gehen, Einsamer Wolf. Wir können uns gegenseitig helfen. Das schaffen wir schon!”

Die Medizinfrau lachte und sagte:
”Ich freue mich, dass ihr euch entschlossen habt, eueren Ängsten mutig entgegenzutreten. Doch bevor ihr losstürmt, gibt es die anderen Aufgaben zu erledigen.”
”Och, muss das wirklich sein?”, fragte Einsamer Wolf murrend und mit den Füßen scharrend.
”Ja, es muss sein”, betonte die Medizinfrau. Damit beweist ihr eure Ernsthaftigkeit.”
”Also gut,” sprach Sonnenblume. “Es ist schon spät. Ich gehe schon mal die Ziegen aus dem Wald zusammentreiben, damit wir sie melken können, Einsamer Wolf.”
Der nickte und machte sich zusammen mit Sonnenblume auf den Weg. Vorher bedankten sie sich bei der Medizinfrau für ihren Rat. Als die Kinder alleine waren, fragte Sonnenblume Einsamer Wolf:
”Glaubst du wir werden es wirklich schaffen, den Traumgeist zu bitten unsere Träume zu verwandeln?”
“Na klar!”, antwortete Einsamer Wolf mit mehr Überzeugung als er eigentlich hatte.
So gingen denn sieben Tage dahin. Morgens und abends molken sie die Ziegen. Sie machten einen großen Bogen um den süßen Saft des Honigs. Das versetzte vor allem die Mutter von Einsamer Wolf in Erstaunen. Sie hatte schon Angst, dass er krank sei, stopfte ihn eines Tages ins Bett und flößte ihm bittere Medizin ein. Doch schließlich und endlich waren die sieben Tage um. Beide Kinder mussten sich nur noch gründlich waschen, was sie auch taten. Die Mutter von Einsamer Wolf war sehr überrascht, dass er diesmal ganz freiwillig sein wöchentliches Bad im Fluss zu nehmen.
Früh am Morgen des achten Tages, der Tau lag noch auf den Gräsern, schlichen Sonnenblume und Einsamer Wolf sich aus ihren Zelten und suchten das Zelt der Medizinfrau auf. Sie war schon wach und hatte die Kinder erwartet. Sie winkte beide zu sich ins Zelt. Nachdem sie sich davon überzeugt hatte, dass Sonnenblume und Einsamer Wolf ihre Aufgaben erfüllt hatten, übergab sie ihnen feierlich ein Amulett. Sie legte es Sonnenblume um den Hals und beschwor sie, es auf keinen Fall zu verlieren. Sonnenblume sah sie ernst aus ihren blaugrauen Augen an und sagte:
”Ich verspreche, gut darauf aufzupassen!” Einsamer Wolf bekam einen Stab überreicht, der ihnen helfen sollte, den richtigen Weg zu finden. Wie von der Medizinfrau verlangt, versprach er den Stab nur zur Wegsuche zu benutzen und keinem Wesen dem sie unterwegs begegnen würden damit zu schaden.
So ausgerüstet, machten sich beide Kinder auf den Weg. Sonnenblume fröstelte leicht, als sich eine kühle Brise erhob. Sie war noch müde und dachte wehmütig an ihr warmes Fellbett zurück, das sie gerade verlassen hatte. Doch dann fiel ihr wieder der Traum der letzten Nacht ein. Sie umfasste das Amulett an ihrem Hals, schloss für einen Moment die Augen und gab sich innerlich einen Ruck. Einsamer Wolf schien es nicht viel anders zu ergehen. Er trödelte hinter ihr her, währenddem er aufs Genaueste den krummen Stab in seinen Händen untersuchte. Dann gab auch er sich einen Ruck und schloss zu Sonnenblume auf.
”Was meinst du Sonnenblume? Glaubst du, dieser seltsame Stab kann uns im Zweifel den Weg weisen?”
”Die Medizinfrau hat gesagt, dass er es kann, und sie muss es ja wissen. Es ist schließlich ihre Arbeit, sich mit allerlei Arten von Medizin auszukennen. Ich glaube fest daran, dass ihr Zauber uns schützen wird!”
”Na gut, dann lass uns jetzt vorangehen. Wir müssen vor Anbruch der Nacht wieder zu Hause sein”, erwiderte Einsamer Wolf. Wenn jemand entdeckt, dass wir fort sind, werden sie uns suchen, und dann kommen wir nie zum Traumgeist.”
Sonnenblume nickte nur. So liefen sie dann eine Zeitlang nebeneinander her und beobachteten die Landschaft um sich herum. Da sie Indianerkinder waren, kannten sie sich im Wald gut aus. Sie wussten, welche Beeren essbar waren und welche nicht. Sie sahen Spuren von Eichhörnchen und Stinktieren. Sie kannten auch die Stimmen der Vögel um sie herum.
Als sie gerade über eine Waldlichtung gingen, sahen sie vor sich aus dem Gebüsch einen Wolf auftauchen. Sie verharrten in ihren Fußstapfen und wagten nicht zu atmen.

Einsamer Wolf erhob langsam seinen Stab. Doch Sonnenblume hielt seine Hand fest.
”Nicht!” , flüsterte sie zitternd.” Medizinfrau hat gesagt, wir dürfen den Stab so nicht benutzen!”
Der Wolf starrte sie aus seinen grünen Augen an. Er war ein sehr ausgemergeltes Exemplar. Es war offensichtlich, dass er Hunger hatte. Seine Rippen stachen deutlich hervor, und sein Fell war stumpf. Er schlich immer näher auf sie zu. Es sah aus, als würde er jeden Moment zum Sprung ansetzen. Er fletschte die Zähne und knurrte laut.
”Du musst mit ihm sprechen, Einsamer Wolf! Schnell es ist dein Totem-Tier. Das ist unsere einzige Chance!”
“Mit ihm sprechen?”, fragte Einsamer Wolf bebend.
“Ja! Frag nicht, tue es einfach!”, entgegnete Sonnenblume bestimmt.
“Also, hör mal, Wolf. Wir sehen das du Hunger hast, aber du solltest uns trotzdem nicht anspringen, weil wir etwas Wichtiges erledigen müssen.”
Bevor Einsamer Wolf geendet hatte, ging eine seltsame Verwandlung in dem Wolf vor sich. Er hörte auf zu knurren, setzte sich auf seine Hinterläufe und stellte seinen Kopf schief.
“Red weiter, Einsamer Wolf!”, sagte Sonnenblume
“Wir sind auf dem Weg zum Traumgeist, um ihn zu bitten, unsere schlechten Träume von uns zu nehmen.”
“So, so”, sprach der Wolf.” Menschenkinder, die meine Sprache sprechen! Sehr seltsam! Trotzdem wärt ihr beide genau das was ich jetzt bräuchte um meinen knurrenden Magen zu füllen. Aber sagt erst noch, wie ihr heißt, bevor ich euch fresse!”
Einsamer Wolf konnte kaum noch atmen vor lauter Angst, doch er sagte tapfer:
“Ich bin Einsamer Wolf”, und auf Sonnenblume deutend,
“Sie heißt Blume-die-mit-ihrem-Gesicht-die- Sonne-sucht.”
Der Wolf stutzte, schlich um Einsamer Wolf herum, beschnüffelte ihn und sprach.
“Du also gehörst zu meinem Clan, und ich darf dich nicht töten. Da das Mädchen mit dir geht, werde ich auch ihr nichts tun. Doch ich habe wirklich furchtbaren Hunger und muss bald fressen, sonst werde ich sterben.”
Sonnenblume griff in ihren Beutel, den sie vorsorglich mitgenommen hatte und bot dem Wolf von dem Dörrfleisch an, das sie als Wegzehrung mitgenommen hatte.
“Hier, Wolf. Es ist nicht viel; aber wenn du dich ein wenig damit gestärkt hast, kannst du vielleicht einen der Hasen fangen, deren Bau wir unterwegs entdeckt haben.”
Der Wolf machte sich gierig über das Fleisch her. Dann setzte er sich auf die Hinterläufe und sprach:
“Ich danke euch für diese Gabe! Als Gegengeschenk gebe ich dem Jungen ein paar Haare aus meinem Schweif. Sie werden ihm die Angst vor allem, was Klauen und Zähne hat, verlieren lassen.”
Sprach’s und zupfte sich einige wenige Haare aus seinem Schweif. Einsamer Wolf empfing das Büschel, und sie verabschiedeten sich voneinander. Als der Wolf seines Weges gegangen war, seufzten beide Kinder erleichtert auf. Nachdem sie sich ein wenig von dem Schrecken erholt hatten, fragte Einsamer Wolf Sonnenblume:
“Sag mal, woher wusstest du, dass ich mit ihm reden musste?”
“Das kann ich dir nicht sagen. Ich wusste nur plötzlich, dass dies der einzige Weg war uns zu retten. Vielleicht ist es ein Teil des Zaubers den Medizinfrau uns mitgegeben hat.”
“Ja, das mag sein”, antwortete Einsamer Wolf nachdenklich. “Auf jeden Fall habe ich noch nie in meinem Leben eine solche Angst gehabt”, sprach Einsamer Wolf. “Doch jetzt fühle ich mich auf irgendeine Art sehr viel leichter.”
“Das freut mich, Einsamer Wolf. Jetzt lass uns weitergehen!”

Sie kamen an eine tiefe Schlucht.
Von einem Ende zum anderen war eine Hängebrücke gespannt. Als beide in der Mitte angekommen waren, gab die Befestigung auf der anderen Seite nach. Die Kinder klammerten sich angstvoll an ein Seil. Es hing nur noch an einem dünnen Faden und drohte jeden Augenblick zu reißen.

In diesem Augenblick entdeckte Sonnenblume eine riesige Spinne auf der anderen Seite. Sie schrie auf. “Einsamer Wolf, schau nur!”, rief sie, auf die Spinne zeigend. Doch Einsamer Wolf blieb ganz ruhig. Er sagte leise zu Sonnenblume: “Mach der Spinne Zeichen mit deinen Fingern und sie wird uns ein starkes Seil spinnen!”
“Aber, aber, sie ist so schrecklich groß!!”
“Tu es einfach!”, sagte Einsamer Wolf. Sonnenblume nahm eine Hand und, obwohl sie nicht wusste was sie da tat, webte sie mit der Hand Zeichen in die Luft. Die Spinne reagierte sofort und begann ein Tau zu spinnen. Sie verknüpfte es mit dem lose herabhängenden Ende des Seils. Einsamer Wolf nahm die zitternde Sonnenblume an die Hand und führte sie das letzte Stück über die Brücke.
“Puh, fast wären wir abgestürzt,” seufzte Einsamer Wolf erleichtert auf. Die Spinne hatte sich in eine Nische zurückgezogen. Sonnenblume starrte auf diese Nische und sagte stockend:
“Die Spinne, sie – sie hat uns geholfen!”
“Ja, weil du mit ihr gesprochen hast!”
“Aber ich habe doch gar nicht gesprochen. Ich habe doch nur Zeichen mit meiner Hand gemacht.”
“Ja, natürlich; aber das ist genau die Sprache, die eine Spinne versteht”, sagte Einsamer Wolf.
“Schau nur, da liegt etwas auf dem Boden!” Sonnenblume hob einen glitzernden Faden auf, der alle Farben des Regenbogens in sich zu haben schien. Plötzlich verstand sie, dass dies ein Geschenk der Spinne war. Als sie den Faden in die Hand nahm, spürte sie wie alle Angst vor allem, was kriecht und fliegt, von ihr abfiel. Einsamer Wolf war inzwischen weiter gegangen. Sonnenblume schloss zu ihm auf und erzählte ihm von ihrem wundersamen Erlebnis. Einsamer Wolf reagierte nicht gleich, denn er war in Gedanken vertieft. Doch dann sagte er:
“Sonnenblume, weißt du eigentlich, wie es hier weitergeht? Ich habe keine Idee mehr, in welche Richtung wir weiter müssen!”
Sonnenblume blieb stehen und sah sich um. “Nein, Einsamer Wolf, ich weiß es auch nicht. Doch wir haben ja unseren Stab. Vielleicht kann der uns jetzt helfen.”
Einsamer Wolf sah den Stab in seiner Hand an, und zu seinem Entsetzen verwandelte sich der Stab in eine Schlange. Er ließ das sich windende Etwas sofort mit einem Schrei los und sprang zurück. Die Schlange bewegte sich schnell in eine Richtung. “Schnell, folge ihr Einsamer Wolf! Sie weist uns den Weg.”
“Ich laufe doch keiner Schlange hinterher. Was nur hat uns die Medizinfrau da nur mitgegeben?”
Sonnenblume ließ Einsamer Wolf stehen und folgte der Schlange.
“Komm mit Einsamer Wolf. Hier geht’s lang”, rief sie über die Schulter. Zögernd kam Einsamer Wolf hinterher.
Nach einer Weile kamen sie der Schlange folgend, an einen Flusslauf. Wenige Meter vor ihnen erstarrte die Schlange und wurde wieder zu dem Stab, der sie gewesen war. Ohne dass Einsamer Wolf gewusst hätte, warum, begriff er die Weisheit aller Schlangen, als er den Lauf des Flusses betrachtete. Er hob den Stab wieder auf und war wie verwandelt. Doch Sonnenblume lief voran und rief:
“Einsamer Wolf, Einsamer Wolf, ich kann den Wasserfall hören. Komm hier entlang!” Einsamer Wolf folgte ihr, und tatsächlich, auch er konnte jetzt den Wasserfall hören. Bevor sie jedoch einen weiteren Schritt tun konnten, tat sich vor ihnen eine Feuerwand auf. Sonnenblume wollte schon flüchten, doch Einsamer Wolf hielt sie auf.
“Umfasse das Amulett. Ich bin sicher, es wird uns weiterhelfen.”
Das Mädchen ergriff bebend das Amulett an ihrem Hals. Sie schloss kurz die Augen und wusste, was zu tun war.
“Spring in den Fluss, Einsamer Wolf!” Bevor Einsamer Wolf noch etwas entgegnen konnte, zerrte sie an seiner Hand und riss ihn mit sich. Sie stolperten das Ufer hinunter und befanden sich bald darauf im kühlen Nass. Prustend sagte Sonnenblume: “So, und nun können wir durch die Wand hindurch gehen.” Sie sagte das mit solcher Überzeugung, dass er nicht widersprechen konnte.
Gemeinsam gingen sie auf die Feuerwand zu und ¾ durch sie hindurch. Beide Kinder warfen sich dahinter schwer atmend auf den Boden.
“Oh, Sonnenblume, du bist einfach großartig! Wie bist du darauf gekommen?”, fragte Einsamer Wolf, als sie wieder zu Atem gekommen waren.
“Ich weiß es nicht. Es war mir einfach klar, dass wir genau das tun mussten.”

Inzwischen war der Wasserfall auch zu sehen. Die Kinder setzten sich erschöpft auf einen großen Stein, der von der Sonne beschienen wurde. Eine Zeitlang sagten beide gar nichts, sondern ließen sich von der Sonne trocknen. Beide waren tief in ihren eigenen Gedanken versunken und dachten über ihre letzten Abenteuer nach. Nach einer geraumen Zeit sagte Sonnenblume:
“Weißt du, Einsamer Wolf, ich glaube es gibt kaum noch etwas, wovor ich wirklich Angst habe.”
“Genau das wollte ich auch sagen. Doch eins macht mir schon noch Sorgen. Wie sollen wir den Traumgeist herbeirufen, um ihm unsere Bitte vorzutragen?”, fragte Einsamer Wolf schläfrig.
“Das weiß ich auch nicht”, entgegnete Sonnenblume und schlief ein. Sobald beide die Grenze zwischen Wachen und Schlafen überschritten hatten, sahen sie hinter dem Wasser Fall einen uralten Mann mit langen weißen Haaren sitzen. Sein Gesicht war von unzähligen Falten gezeichnet. Er sprach zu ihnen: “Ich bin der Traumgeist. Was führt euch zu mir?”
Sonnenblume ergriff das Wort, obwohl ihr das Aussehen als auch die tiefe Stimme des Alten Respekt einflößte.
“Wir wollen beide von unseren bösen Träumen befreit werden!”, erklärte sie.
Der Traumgeist lachte schallend.
“Du, Sonnenblume, die du eben durchs Feuer gegangen bist, dass du so fürchtest. Die von einer Spinne Hilfe bekam, die dir unglaubliche Angst machte, du fürchtest dich vor Träumen? Und du Einsamer Wolf. Bist mutig der Schlange gefolgt, statt vor ihr zu fliehen, hast mit dem hungrigen Wolf gesprochen und ihm euer beider Leben abgehandelt. Was könnt ihr noch von mir wollen? Geht nach Hause zu euren Müttern! Sie ängstigen sich schon um euch. Nehmt von dieser Reise mit, was euch geschenkt wurde, und lasst mich weiter Träume weben!”
“Wir möchten doch so gerne schöne, statt schrecklicher Träume haben!”, protestierte Sonnenblume.
“Kannst du uns nicht helfen?”
“Geh nach Hause, kleines Mädchen, du wirst dort finden was du suchst!”
Unvermittelt wachten beide Kinder auf. Sie wussten nicht, ob sie geträumt hatten oder wirklich mit dem Traumgeist gesprochen hatten.
“Hast du auch eben mit dem Traumgeist gesprochen?”, fragte Einsamer Wolf seine Freundin.
“Ja, das habe ich. Doch er wollte uns scheinbar nicht helfen”, schloss Sonnenblume enttäuscht. ” Er sagte, wir sollten nach Hause gehen, und wir würden finden was wir suchten.”
“Stimmt, aber wozu sind wir dann diesen weiten gefährlichen Weg gegangen, wenn das, was wir brauchen, zu Hause ist?”
“Denk doch nach, Einsamer Wolf! Wir sind auf dem Weg hierher all unseren schlimmsten Ängsten begegnet, und wir haben jetzt keine Angst mehr!”
“Das mag ja sein, doch unsere bösen Träume haben wir wohl immer noch!”
“Nun, vielleicht… aber lass uns jetzt nach Hause gehen. Ich habe schrecklichen Hunger.”

Und so machten sie sich auf den Rückweg. Sie bedankten sich im Geiste bei der Spinne und bei dem Wolf für ihre Hilfe. Gerade als die Sonne am Horizont versank, kamen sie in ihr Dorf zurück. Ihre Mütter waren überglücklich Sonnenblume und Einsamer Wolf wohlbehalten wieder zu sehen. Beide erzählten ihre Geschichte bei einem reichhaltigen Mahl. Danach waren beide Kinder so erschöpft, dass sie sofort einschliefen.

Am nächsten Morgen ging Sonnenblume zu der Medizinfrau, um auch ihr von ihrer Reise zu berichten.
“Geh ein Stück mit mir!”, sagte sie. “Ich muss noch ein paar Kräuter für eine bestimmte Salbe sammeln gehen.”
“Ja, gern!”, erwiderte Sonnenblume. Beim Kräutersammeln erzählte Sonnenblume ihre Geschichte. Währenddessen pflückte sie einige Vogelfedern aus einem Gebüsch, in dem sie hängen geblieben waren.

“Weißt du nun, was zu tun ist?”, fragte die Medizinfrau als Sonnenblume geendet hatte.
“Nein”, antwortete Sonnenblume. “Ich glaube, der Traumgeist hat uns nicht ernst genommen. Er wollte uns wohl nicht helfen.”
“Jeder, der den Traumgeist fragt, erhält eine Antwort, die ihm weiterhilft”, entgegnete die Medizinfrau. “Mit der Zeit wirst du es wissen.”
“Nun gut, Medizinfrau, ich hoffe, dass das bald sein wird. Hier hast du dein Amulett zurück. Vielen Dank dafür. Es hat uns sehr geholfen.”
Die Heilerin nahm das Amulett entgegen und schmunzelte. “Alles was du getan hast, hast du ohne die Hilfe des Amuletts erreicht”, sprach sie. “Tief in deiner Seele, wusstest du immer genau, was zu tun war. Der Talisman diente dir nur als Sammlungspunkt.”
“Wie aber soll ich ohne ihn wissen, was jetzt zu tun ist?”, fragte Sonnenblume verwirrt.
“Werde ruhig und schau in dein Innerstes. Glaub mir, du wirst es wissen!”

Inzwischen waren beide wieder im Dorf angekommen. Sonnenblume verabschiedete sich von der weisen Frau und ging nachdenklich in ihr Zelt. Sie sah eine Weidenrute an der Zeltwand stehen und hatte plötzlich einen Einfall.
Sie setzte sich hin, nahm die Federn aus ihrer Umhängetasche und knüpfte das, was heute vor dir liegt, liebe ……….. —
Einen Traumfänger.
Damit hatte sie etwas geschaffen, was nicht nur ihr bei bösen Träumen half, sondern allen Menschen auf der ganzen Welt.

Der Riese Zottelbart

von Annemie Fetten-Winklhofer (copyright)

Vor langer, langer Zeit lebte der Riese Zottelbart in einem großen prunkvollen Schloß mitten im Märchenwald, in dem all` die bekannten Märchen zu Hause waren. Der Riese war ein böser und häßlicher Geselle. Er war stark und hinterlistig. Aber zaubern konnte er nicht.
Oh, wie ihn das ärgerte! Er raufte sich vor Wut seinen schwarzen Zottelbart und rief: “Ich kann das Lachen, Turteln und Singen nicht mehr anhören! Wenn ich doch einen Zauberstab hätte, ich würde das verflixte kleine Märchenpack aus dem Wald hinauszaubern! Ach, gehörte der Wald doch mir allein!” Er stampfte und tobte, daß alle Bäume wie Zitterpalmen aussahen.
Die Märchen fürchteten ihn nicht. Sie waren an sein immer wiederkehrendes Toben gewöhnt. Sie hatten stets seinen Antrag abgelehnt, ihn in die Gemeinschaft der Märchen aufzunehmen. Diese ständige Ablehnung brachte ihn erst recht in Wut. Verflixt und zugenäht!
Eines Tages beschloß eine große Anzahl der Märchen, Schneewittchen, das in seinem Schloß am Ende des Waldes lebte, zu besuchen. Es war keine gute Zeit. Die Erwachsenen hatten andere Dinge zu tun, als sich um ihre kleinen Kinder zu kümmern. Sie erzählten ihnen keine bunten Märchen mehr. Darum hatten die Märchenfiguren auch viel Zeit, spazieren zu gehen, sich gegenseitig zu besuchen und Freundschaften zu schließen, die mitunter im Märchen im Märchenbuch gar nicht vorkamen. Es herrschte ein heiteres und sorgloses Leben in diesem Zauberwald.
Rotkäppchen packte Kuchen und Wein ins Körbchen. Dornröschen und sein Prinz pflückten einen Strauß rosaroter Rosen. Die gute Fee nahm einen frommen Wunsch mit. Frau Holle steckte sich ein mit Daunen gefülltes Kopfkissen unter den Arm. Hänsel und Gretel nahmen einen funkelnden Diamantring aus dem Schatzkästchen der Hexe. Und so wollte jeder ein hübsches Gastgeschenk für Schneewittchen haben. Sie trafen sich bei Hans im Glück vor seinem luftigen Bretterhaus, der nur seine gute Laune verschenken konnte. “Hallo, hallo, hallo!” Nach freudiger Begrüßung und herzlichen Umarmungen machten sie sich vergnügt auf den Weg und sangen nach einer Weile aus vollen Kehlen Wanderlieder. “Das Wandern ist der Märchen Lust, das Wandern ist der Märchen Lust, das Wandern, das Wandern . . . . ” klang es vielstimmig durch den Wald. Welch schöne Stimmen!
Als sie sich nach einiger Zeit ein wenig unter den schattigen hohen Bäumen ausruhten und sich an den leckeren Walderdbeeren labten, ertönte plötzlich das höhnische Gelächter des Riesen Zottelbart: “Ha, ha, ihr dummes Märchenvolk, ich werde euch zeigen, wer der Herr dieses großen Waldes ist!” Er schimpfte und brüllte, daß es nicht zum Aushalten war. Hänsel und Gretel machten große bange Augen. Das wiederum konnte die gute Fee von Dornröschen nicht ertragen. Sie sagte: “Sei still, du zotteliger Riese, oder ich verzaubere dich in einen grauen Stein, du garstiger Bösewicht!” – “Ha, ha, du arme dumme Fee, hast du vergessen, daß du dein Zauberstäbchen vergeblich gesucht hast in deinem Kämmerlein im Schloß? Ich habe es dir gestohlen, als du nicht zu Hause warst. Warum schließt du auch nie deine Tür ab?” Der Riese bog sich vor Lachen. Rotkäppchen weinte herzzerreißend. Auch die anderen Märchen waren vor Schreck ganz blaß geworden.

Der Riese beugte sich nieder zu ihnen, knickte dabei zwei hohe Bäume um, rollte mit den Augen und sagte mit seiner tiefen rauhen Stimme: “So, meine gute Fee. Jetzt verwandle ich euch alle in graue Steine, so wie du es mit mir machen wolltest. Erst wenn ein Menschenkind aus lauter Sehnsucht zu euch den Weg in diesen Wald hier findet, sterbe ich, und ihr seid erlöst. Ha, ha, so ein Kind wird es nie und nimmer geben auf dieser Erde!” Alles Jammern und Bitten half nichts. Der Riese fuchtelte wild mit dem Zauberstab in der Luft herum, berührte jedes Märchengeschöpf mit dem Stock und schrie: “Hokus, pokus, malokus, mein Wunsch geh` in Erfüllikus!”
Im Nu standen traurig aussehende graue Steine dort, wo vorher das lustige Märchenvölkchen gesessen hatte. Schadenfroh machte sich der Riese davon, um auch bei Schneewittchen sein böses Werk zu vollbringen.
Nun seid aber nicht zu traurig, liebe Kinder. Schon vor langer, langer Zeit hatte eines von euch die Märchen befreit. Den Riesen Zottelbart gibt es nicht mehr. Und heute lesen, sehen oder hören doch alle Kinder wieder Märchen. Ihr etwa nicht? Doch! Ach bin ich froh, daß die Märchen befreit wurden!
Aber wie?
Nun paßt auf!

In einem Haus am Rande einer großen Stadt wohnte die kleine Marion mit ihren Eltern. Den ganzen Sommer lang spielte und tollte das Mädchen mit seinen Freundinnen draußen herum. Aber im Winter, wenn die Bäume kahl waren, und die Tage kurz, langweilte sich Marion oft. Es wurde so früh dunkel, und sie mußte immer zeitig ins Bett. “Bitte, bitte, liebe Mama, erzähl` mir ein Märchen, ich habe schon so viel von ihnen gehört, aber ich kenne keines,” so bettelte sie immer wieder nach dem Gutenachtkuß, wenn die Mutter sie zugedeckt hatte. Aber eines Abends schob sich die Mutter einen Stuhl ganz nah ans Bett. “Mein liebes Kind,” sagte sie, “es gibt keine Märchen mehr. Die sind vor langer, langer Zeit gestorben nach einem schrecklichen Ereignis im Märchenwald. Schon meine Mutter wußte keine Märchen mehr zu erzählen. Sie wußte nur noch, daß sie alle mit “Es war einmal” begannen. Ich erzähl` dir jetzt eine moderne Geschichte, die viel schöner als ein Märchen ist.” Und sie begann: “Es wird einmal für jedes Kind einen eisernen Schmetterling geben, mit dem es sich in die Luft heben kann wie mit einem Hubschrauber. Du wirst damit zur Schule fliegen, die Propeller werden schnurren, daß es eine wahre Freude sein wird. Du winkst uns zu und wirst lachend zur Schule fliegen. Das wird lustig sein. Du wirst . . . . .,” die Mutter hielt erschrocken inne, “aber Kind, du weinst ja!” – “Ach Mutti, ich finde die Geschichte gar nicht schön! Ich will mir Märchen erzählen lassen, schöne, bunte Märchen mit Prinzessinnen und Prinzen, mit Königinnen und Königen, mit Feen und Elfen und, und, und…….” Leise vor sich hinweinend schlief Marion ein. Und der sehnsuchtsvolle Traum führte sie einen eigentümlichen und gefahrvollen Weg.
In seinem großen Schloß im Märchenwald wütete der Riese Zottelbart mit sich selbst: “Hätte ich doch die lustigen munteren ewig jungen Märchen nicht verzaubert! O war ich ein Trottel! Es ist so still geworden im Märchenwald. Es ist niemand mehr da, den ich ärgern und bange machen kann. Ich sterbe noch vor Langeweile!”

Die einzige Beschäftigung des Riesen Zottelbart war nur noch, seinen dicken, schwarzen Raben “Sagmiralles” auszufragen, wenn dieser von seinem täglichen Erkundigungsflug zurückkehrte. Denn jeden Tag in den vielen, vielen Jahren, in denen die Märchen verzaubert waren, schickte er den Raben aus, damit dieser erkundete, ob sich ein Kind auf den Weg zum Märchenwald gemacht hatte. Denn trotz seiner Langeweile hatte er Angst. Er wußte ja, er hatte sein ganzes Elend selbst herbeigezaubert. Aber – wenn die Märchen befreit würden, müßte er sterben, untergehen auf immer und ewig. Nein, das wollte er nicht! Und eines Tages, als der Riese sich seinen zotteligen Bart raufte, aus dem nur so die Funken sprühten und beinahe den Wald in Brand gesteckt hätten, flatterte laut krächzend der fette Rabe auf seine Riesenhand, der vor lauter Aufregung auf dem Handrücken sein Geschäft hinterließ. Nervös war dieser Vogel, nervös, sag` ich euch! Er zeterte in den höchsten Rabentönen los: “Meister Zottel, Meister Zottel, ein Menschenmädchen ist unterwegs auf dem Weg zu uns und will in unseren Wald! Es kann nicht mehr lange dauern, dann muß es den Märchenwald erreicht haben! Was soll`n wir tun, was soll`n wir tun?” Beinah` wäre Zottelbart in Ohnmacht gefallen. O Schreck! O Graus! Verzaubern konnte er das Kind nicht. Bei Menschen hatte der Zauberstab keine Kraft. Aber bald hatte er seine Fassung wiedergefunden. Er mußte wohl selbst am besten wissen, wie listig und heimtückisch er war. “Ich werde schon einen Ausweg finden,” beruhigte er den auf seinem Handrücken hin- und herhüpfenden Raben. “Scher` dich weg!” mit der anderen Riesenhand fegte er den Raben runter. Er fand einen Ausweg, dieser Riese!
Die kleine Marion war im Märchenwald angekommen. Staunend stand sie in ihrem dünnen Nachthemdchen in dem grünen duftenden, sommerlichen Wald. Mitten im Menschenwinter! Woher sollte sie auch wissen, daß im Märchenwald immer Sommer herrscht? War sie doch gestern zu Hause noch Schlitten gefahren! Wie unheimlich still es hier war! Sie ging vorsichtig unter den Bäumen weiter auf einem ausgetretenen Pfad. Ein Glück, daß sie ihre Pantöffelchen noch angezogen hatte! Plötzlich vernahm sie ein gräßliches Gekrächze. Und ehe sie sich versah, wurde sie mit einem dicken schwarzen Band, dessen Ende ein häßlicher Rabe in seinem großen gelben Schnabel hielt, an einen Baum gefesselt. Immer wieder kreiste der Vogel um sie herum, und immer fester wurde sie an den Baum geschnürt. Nach getaner Arbeit flog der Rabe heiser krächzend weg. Ein rauhes lautes Lachen ließ den Wald erbeben. “Da sieht man, wozu sich meine schwarzen Zottelbarthaare auch noch eignen können! Ha, ha, ha!” Auch in diesem Wald brach irgendwann die Dunkelheit herein. Marion fürchtete sich fast zu Tode. Dicke Tränen, die sie nicht wegwischen konnte, kollerten ihr über das schmutzige verweinte Gesicht. “Marion, Marion, so hör doch auf zu weinen! Ich will dir helfen!” Ein winziges Männchen mit einer großen Zipfelmütze auf dem Kopf stand im Mondschein, der durch die Bäume fiel, vor ihr und stupste sie vertraulich an. Es packte eine kleine scharfe Säge aus und ritsch, ratsch hatte der Zwerg die Riesenbarthaare durchgesäbelt. Marion ließ sich erschöpft herabgleiten und sank ins weiche Moos.

Der Kleine gab ihr zehn Zwergenbutterbrote, die sie heißhungrig aß. Dazu trank sie Walderdbeersaft aus einem Becher, so niedlich wie die Tasse aus ihrer Puppenstube. Dann begann der Zwerg zu erzählen. “Ich bin der Zwerg “Huschschnellweg” der kleinste von Schneewittchens sieben Zwergen,” er konnte nicht wissen, daß Marion Schneewittchen noch gar nicht kannte, “ich konnte damals, als der Riese die Märchen verzauberte, schnell in den Berg huschen. Der Schurke hatte gar nicht bemerkt, daß einer fehlte.” Unter Schluchzen – die kleinen Schultern bebten nur so – erzählte er der Marion die ganze traurige Geschichte. “So viele, viele Jahre mußten wir warten, bis jemand aus Sehnsucht den Weg zu uns fand. O liebe Marion, enttäusche uns nicht! Du mußt tapfer sein. Ich kann mich nur nachts aus meinem Versteck herauswagen. Wenn der gräßliche Rabe Sagmiralles mich entdeckt, ist alles aus und vorbei. Du mußt zwei Tage lang immer geradeaus gehen, dann bist du an der Stelle, an der die Märchen damals rasteten und der böse Unhold sie in graue Steine verwandelte. Wenn du nur einen einzigen Stein berührst, sind alle Märchen befreit und können wieder lachen, tanzen, geliebt und gelesen werden. Und in unserem Märchenwald herrscht wieder frohes Treiben und Leben. Der Zottelbart und sein Rabe werden jetzt wohl erst einmal zechen und feiern und so schnell nicht mitbekommen, daß du nicht mehr am Baum gefesselt bist. Von dir hängt alles ab, mein Kind!” – “O bitte, bitte, Zwerg Huschschnellweg, erzähl` mir ein paar Märchen,” flehte Marion den kleinen Kerl an.
Der Knirps erzählte und erzählte. Die Stunden zerrannen. Es wurde Nacht und wieder Morgen. Die beiden merkten nicht, daß es heller und heller wurde, so vertieft waren sie. “Du liebe Zeit, der Rabe, wenn der mich entdeckt!” schrie der Zwerg entsetzt. Tatsächlich, auch Marion vernahm das heisere Krächzen. “Jetzt weiß Zottel, daß es mich noch gibt, mich, den kleinsten Zwerg von Schneewittchen. Wiederseh`n Marion, jetzt mußt du alleine fertig werden!” Er huschte fort, um in seinen Berg zu gelangen, in den ihm niemand folgen konnte. Marion war verzweifelt. Doch bevor der Riese zu einem weiteren Schlag ausholen konnte, geschah etwas Wunderbares.
Ein großer schillernder in unendlich vielen Farben funkelnder Vogel ließ sich auf dem Waldboden direkt neben Marion nieder. Er breitete seine weiten prächtigen Schwingen aus. “Komm, Marion, und setze dich auf meine Flügel,” sagte er mit einer weichen reinen Stimme, die es wirklich nur im Märchen geben kann. Marions Angst verflog im Nu. “Liebes Mädchen, ich bin die Sehnsucht. Ich komme überall hin. Du hast deine Prüfung bestanden. Jetzt helfe ich dir weiter.” Marion kletterte auf den rechten großen Flügel und fühlte sich wohlig geborgen auf den herrlichen großen Federn. Der Vogel hielt die Balance. Sie glitten durch die Luft, und Marion jauchzte laut vor Übermut und Freude. Plötzlich vernahmen sie ein Geräusch, als wenn riesige Steine aufeinanderschlugen, und Marions Herzchen schlug wieder rasend schnell vor Angst.

“Beruhige dich, liebes Kind, das ist nur Zottelbart, der vor Wut mit den Zähnen knirscht.” Der Vogel flog schneller als ein Flugzeug. Nach ganz kurzer Zeit setzte er Marion mitten zwischen den grauen Steinen ab und schwang sich sofort wieder in die Lüfte. Sie war auf dem Märchenfriedhof angelangt. Marion weinte, so traurig und verlassen sahen die großen grauen Steine aus. Als eine kleine Träne auf einen der großen kalten Brocken fiel, erwachte ein Leben, so bunt und aufregend, wie es das nicht noch einmal geben kann. Marion wurde von allen Seiten geherzt und geküßt. Die Märchenfiguren lachten, weinten und tanztenvor Freude. Und erst einmal der Hans im Glück, der hörte nicht auf, Purzelbäume zu schlagen. Und alle sieben Zwerge von Schneewittchen bildeten einen Kreis um Marion und schrien immer wieder: “Sie lebe hoch! Sie lebe hoch! Sie lebe hoch!” Bis die bedächtige Frau Holle sagte: “Nun aber Schluß! Fragen wir lieber einmal, was sich unsere kleine tapfere Marion als Belohnung wünscht für ihre Tapferkeit und ihre Liebe zu uns. “Was sollen wir dir schenken?” erscholl es aus Hunderten von Kehlen. “Ich habe nur einen einzigen Wunsch,” sagte die vor lauter Glück fast erschöpfte Marion, “schenkt mir ein Märchenbuch, in dem ihr alle steht!”
Aber noch ein letzter Schrecken war angesagt! Was war das? Bleich vor Furcht sahen sich die Märchen um. Donnern, Blitzen und Dröhnen ließen den Waldboden schwanken, die kräftigen Bäume schaukelten hin und her wie Halme im Wind. Dann entdeckten sie, als erster Hans im Glück, der wie ein Äffchen auf einen der sich wiegenden Bäume kletterte, als weit weit hinter ihnen das Riesenschloß in die Erde versank mitsamt dem Riesen Zottelbart und seinem Raben Sagmiralles. Das Fluchen des Riesen Zottelbart ging unter in dem grauenvollen Gekrächze des schwarzen hinterlistigen gefährlichen Raben Sagmiralles. Dann war der Spuk vorbei. Alle atmeten erleichtert auf.
Nun zog die ganze Gesellschaft auf Schneewittchens Schloß. Und sonderbarerweise vertrugen sich alle Märchenfiguren. Aber wartet mal ab, bis sie wieder in die Bücher gelangen!. Marion wurde geehrt und gelobt und auf einen goldenen Stuhl gesetzt, und das tapfere Schneiderlein nähte ihr Nachthemdchen wieder zusammen, das total zerrissen war. . . . und. . . und . . . und . . . !
Als dann die Sehnsucht erschien, um Marion heim zur Mutter zu bringen, preßte sie selig ein dickes Märchenbuch an ihre Brust. Beim Erwachen am Morgen in ihrem verstrampelten Bettchen drückte sie es immer noch glücklich an sich.
Und die Mama, die Mutter – glaubte sie der Marion, daß die Märchen selbst ihrer kleinen Tochter dieses wunderbare Buch geschenkt hatten? Ich denke schon – denn wie sonst wären die Märchen wieder in die Herzen der Kinder gelangt?
Und fortan las die Mutter ihrer Marion jeden Abend ein Märchen vor, bis sie sie alle auswendig kannte und eines Tages auch selbst lesen konnte. Aber eines hatte Marion allen anderen Kindern auf dieser Erde voraus: Sie war, ist und bleibt das einzige Menschenkind, daß die Märchen wirklich zum Anfassen gesehen hatte. – Toll, was?

Die blaue Stunde

von Annemie Fetten-Winklhofer (copyright)

Die blaue Stunde ist das Fantastischste, das es für einen Menschen im Leben geben kann.
Der kleine Markus erkämpft sich mutig seine blaue Stunde.

1. Kapitel

Die blaue Stunde

Große Augen und spitze Ohren macht der 10-jährige Markus eines Tages beim Abendbrot, als er eine der vielen Weisheiten seines Vaters anhören muss, die da lautet: „Das Geld liegt auf der Straße, man muss es nur aufheben.“ Die knappe Entgegnung seiner Mutter: „Ja, ja, so einfach ist das eben“, versetzt ihn in ungewohnte Emsigkeit. Er läuft eine ganze Woche lang draußen herum und sucht Bürgersteige und Straßen nach Geld ab. Die Hausaufgaben vernachlässigt er, obwohl er aufs Gymnasium kommt. Der Vater droht mit Stubenarrest. Stubenarrest? Nur das nicht!
An jenem Abend im April ist er zufrieden mit sich selbst. Sein Zimmer ist aufgeräumt, Hausaufgaben sind fertig.. „Ich geh zu Uwe!“, ruft Markus an der Haustür. „Bleib nicht so lange!“ Seine Taschenlampe nimmt er mit – wer weiß ? Draußen räumt die Dämmerung für die anbrechende Dunkelheit den Himmel auf. Am Firmament erkennt Markus die Milchstraße. Er denkt an die Astronauten und stellt sich vor, wie die das Geld auf der Milchstraße einsammeln.
Schwaden, die unter einer flackernden Straßenlampe aus einem Kanaldeckel herausquellen, wecken seine Neugier. Mit ein paar Sätzen ist er unter der Laterne. Auf der gegenüberliegenden Seite parken Autos. Aus dem weißen Dampf schlüpft ein Männlein heraus, das ihn an Rumpelstilzchen aus seinem Märchenbuch erinnert. „Guten Abend“, sagt der Knirps, „knips‘ die Taschenlampe aus.“ Gesagt, getan. „Was willst du hier?“, fragt Markus irritiert. „Hallo, hallo! Ich freue mich, dass ich dich endlich treffe. Bist du an einer blauen Stunde in deinem Leben interessiert?“ „Ja sicher“, sagt Markus spontan, der das Ganze spannend findet. Zu Uwe kommt er immer noch. „Ja, dann kannst du ja deine erste blaue Stunde heute „live“ erleben. Du kannst dich glücklich schätzen, dass dir diese Ehre zuteil wird.
Komm mit, ich zeig dir was!“ Im Nu drehen die dünnen Ärmchen den schweren Kanaldeckel zur Seite, sodass das schwarze Loch frei wird. Schwups, ist das Männchen darin verschwunden. Markus springt hinterher. Angst hat er schon. Aber die Abenteuerlust siegt.. Den Kanaldeckel stemmt der kleine Kerl von unten wieder mit einer langen Eisenstange in die Öffnung. Muss der Kräfte haben! Das Männlein murmelt ein paar unverständliche Worte vor sich hin und zündet den langen Docht einer Petroleumlampe an, die karges Licht verbreitet. „Komm Markus, wir benutzen den geheimen Gang. Hier kann uns keiner begegnen. Wir, die wir hier unten leben sind Figuren aus Märchen, Träumen, dem Horror und der Wirklichkeit. Wenn du dich bewährst, kannst du unser Ehrenmitglied werden. Lass uns weitergehen. Du willst sicher heute noch einige und einiges kennen lernen.“
Weitergehen! Der ist lustig! Markus robbt sich mühsam durch diesen „geheimen“ dunklen Gang. Das Männlein trippelt behände vor ihm her und leuchtet mit dem Petroleumlampe die glänzenden Felswände ab, von denen unaufhörlich Wasser herabrieselt. Die Luft ist klamm und feucht. „Ja,“ erklärt das Männchen, „wir befinden uns in einer unentdeckten Tropfsteinhöhle. Wenn du öfter kommst, wirst du bald kein Asthma mehr haben!“ Und Markus merkt, dass er trotz seiner gebückten Haltung gut durchatmen kann. Da wird sich die Mutter aber freuen! „Mach schon, länger als eine Stunde darfst du als Fremder hier unten nicht bleiben!“ Der Gang verbreitet sich, und Markus kann endlich aufrecht gehen. Dann muss er zwangsläufig stehen bleiben, denn die beiden ungleichen Gestalten sind am Ufer eines Gewässers angelangt. Das Männchen stellt sich endlich vor: „Ich bin Mister Alfons. Ich bin mehr als tausend Jahre alt und sterbe nie. Dass du der Markus bist, weiß ich längst. Ich hab mich halb tot gelacht, als ich dich als Geldsucher unterwegs sah. Dafür, dass du schon 10 Jahre alt bist, hast du aber wenig Verstand! Das ist nur ein Spruch: „Das Geld liegt auf der Straße.“ „Als wenn ich das nicht längst wüsste!“, entgegnet Markus pikiert. Mister Alfons hat die Petroleumlampe ausgepustet. Das breite Gewässer, dessen Ufer sie erreicht haben, ist blau wie der Himmel über der Erde. Eine angenehme Helligkeit ergießt sich über Markus. Glitzernde große Fische springen mit den Wellen hoch und nieder. Platsch, platsch. Dem Markus ist es nicht mehr geheuer. Ein Riesenkrokodil mit Schuppen so groß wie ein Suppenteller, bewegt sich im Wasser träge hin und her. Ob es Ausschau nach Markus hält? Wie Unterseeboote ziehen Haie ihre Bahnen durch das trügerische blaue Wasser. „Ich will nach Hause!“, kreischt Markus voller Angst und Entsetzen. „So einfach ist das nicht, mein Junge. Jetzt musst du erst mal eine klitzekleine Mutprobe bestehen“, belehrt Mr. Alfons den wie Espenlaub zitternden Jungen. „Bringe mich zurück!“ kreischt Markus in wilder Panik. Der Kleine, der doch sein Freund sein will, stört sich nicht daran. „So mein Guter, jetzt musst beweisen, dass du tapfer bist. Ich verspreche dir, es passiert dir nichts. Du musst durch dieses Wasser an die andere Seite schwimmen. Das schaffst du bestimmt! Du bist dann der Gewinner der „Blauen Stunde“. Viele Menschen vor dir haben das Ufer nicht erreicht. Ich weiß nicht, wo die geblieben sind. Auf jeden Fall waren’s Feiglinge. Und du bist doch keiner!“ „Ich will nicht, ich will nicht!“ zetert Markus los. „Außerdem habe ich keine Badehose mit!“ „Du kannst getrost deine Klamotten anbehalten, das macht gar nichts. Du hast doch den Rettungsschwimmer in der Schule gemacht. Stell dich nicht so an!“ „Stell dich nicht so an! Stell dich nicht so an!“ schallt es vielstimmig vom gegenüberliegenden Ufer herüber und kommt als mehrfaches Echo wieder zurück. Schaurig schön klingt das. „Du brauchst nie mehr auf deine Blaue Stunde zu verzichten, die überall stattfinden kann. Aber – Voraussetzung hierzu ist ja nun, dass du deine Mutprobe bestehst,“ schmeichelt Mr. Alfons. Markus bibbert vor Angst. „Ogottogottogott! Was mach ich nur? Was mach ich nur?“ zermartert er sich verzweifelt seinen Kopf. Das Krokodil peitscht mit dem Riesenschwanz das Wasser zu einer haushohen Fontäne und reißt das große Maul weit auf.

„Da pass ich dreimal rein“, denkt Markus verzweifelt. Die Fische hechten über die Schaumkronen hinweg. Auf der anderen Uferseite fuchteln unzählige Gestalten mit den Armen in der Luft herum. Einige halten ein Mikrofon in der Hand. „Nu mach schon!“ zetert Mister Alfons. „Die da drüben warten schon lange auf deinen Besuch! Mach schon, sonst stoße ich dich ins Wasser!“ – Da steht der „Geldsucher“ am Ufer dieses unheimlichen Sees. Er klappert vor Angst mit den Zähnen. „Wie kommst du denn rüber?“, fragt er Mister Alfons mit zitternder Stimme. „Das lass nur meine Sorge sein. Ich bin schneller drüben, als du denken kannst.“ Und schon wachsen in Windeseile zwei Flügel aus seinen Schultern. Wow, da muss Markus aber staunen. Und schon mir nichts dir nichts breitet Mr. Alfons seine kleinen starken Flügel aus und zischt wie eine Rakete über das Wasser und landet in Sekundenschnelle wohlbehalten auf der anderen Seite. „Wenn du jemals wieder nach Hause willst, musst du schon rüberkomme!“ schreit er in ein hingehaltenes Mikrofon. „Allein findest du den Rückweg nie!“
„Komm, komm, wir lieben dich!“, schallt das Geschrei der anderen Gestalten herüber. Markus friert plötzlich ganz erbärmlich. Tränen rollen über sein verschmutztes Gesicht. Er ver-sucht, die Entfernung abzuschätzen. Sind’s 100, 200 oder gar 300 Meter? Er kann nicht mehr. „Was mach ich nur? Was mach ich nur?“, denkt er verzweifelt.
Eine tiefe Stimme aus der Grotte hinter ihm ertönt: „Mach, dass du ans andre Ufer kommst. Denk an deine arme Mutter. Beeile dich. Wenn deine blaue Stunde abge-laufen ist, bist du verloren. Du wirst elendig sterben! Außerdem wird es hier bald fin-ster sein!“ Eine starker Windstoß packt plötzlich den jammernden Jungen von hinten und schleudert ihn förmlich ins Wasser. Er schwimmt um mein Leben. Das Krokodil taucht vor ihm auf und peitscht das Wasser in die Höhe des Kölner Doms. Trotz sei-ner Kleidung, der blauen Jeans und seinem Lieblings-T-Shirt mit dem aufgedruckten Klassenfoto, fühlt Markus sich plötzlich hochgehoben und springt beflügelt über das Wasser und dann höher und immer höher und landet tatsächlich wohlbehalten auf der anderen Seite. Das Krokodil hat ihn nicht gefressen! Oder doch? Ist er etwa tot? Spielt sich diese Narretei etwa im Bauch des Krokodils ab? Nein. In seinen Ohren knackt es schauerlich. Irgendwas geschieht. Der Junge packt an seine Lauscher, entdeckt sein Gesicht im Spiegel des Wassers und staunt nicht schlecht, als zwei riesengroße Segelohren sich in die normale Größe zurückbilden. Wieso hatte er so große Ohren? Haben die ihn etwa über das Wasser getragen?
Mit Begeisterung empfängt ihn ein buntes Völkchen. Einige Gestalten erkennt er so-gar. Seine Kleidung ist gar nicht mehr nass. Nur in den Schuhen schwappt das Was-ser. „Schelmenohr, Segelohr, Hurra, du bist da!“ Ein Geschrei hebt an, das kaum we-gen des Echos kaum auszuhalten ist. Pippi Langstrumpf – ja, sie ist es! – löst sich aus der Schar der Schaulustigen und geht auf Markus zu. Sie zieht seine Schuhe aus und schüttet das Wasser heraus. „Du bis ja tapfer,“ lacht sie und dreht an ihren roten Zöpfen. „Schelmenohr, Schelmenohr!“ schreien die anderen. Sie stehen auf einer großen Gänseblümchenwiese um den kleinen Jungen herum, der sich jetzt wie ein Held fühlt. Sie ziehen an seinen Ohren. Mister Alfons weist sie zurecht: „Nun lasst doch mal den tapferen Kerl in Ruhe!“ Er wendet sich an Markus. „Ja“, freut er sich: „Du bist der erste richtige Mensch, der es geschafft hat bis hierher zu kommen. Dieses Mal hat die Windböe dich an unser Ufer geweht, deine Segelohren haben dabei geholfen. Weißt du, vor dir haben schon Verbrecher versucht, in unser spannendes und schönes Domizil einzudringen. Sie kamen in böser Absicht hierher, waren aber zu feige, durch das Wasser zu schwimmen. Diese Bankräuber wollten bei uns ihr Geld verstecken, stell dir vor, hier bei uns! Sie blieben auf der anderen Seite und fanden nie wieder den Weg zurück nach oben zu den Menschen. Die Windböe hatte sie in die Richtung des Schreckens verjagt. Dort müssen sie hundert Menschenjahre lang Euro-Scheine zählen. Wenn die damit jemals fertig werden sollten, sind die Scheine längst nicht mehr gültig. Sie prügeln sich oft, wenn einer sich wieder mal verzählt hat. Diese Schwachköpfe! Siehst du, das Geld liegt nicht einfach so auf der Straße, sondern steckt fest in der Unterwelt des Schreckens. Markus hockt im Schneidersitz auf der Gänseblümchenrasen und zieht seine Schuhe wieder an, immer noch umringt vom „Volk hinter dem großen Teich“ wie er die bunte Truppe für sich nennt. Mister Alfons wird unruhig und gibt Markus mit den Armen wedelnd zu verstehen, dass seine blaue Stunde bald abgelaufen ist. „Dalli, dalli! Wir müssen weg! Komm, komm, du willst doch wohl nicht für den Rest deines Lebens hier bleiben?“ Markus schüttelt unzählige Hände. Bekannte Gesichter lachen ihn an. Er freut sich jetzt schon auf seine nächste Blaue Stunde. „Beeilung! Beeilung!“, drängelt Mister Alfons.
Aber – alles ist zu spät! Nichts wird gut! Was ist los? O Schreck, o Graus!
Eine geschlossene Front von Ungeheuern nähert sich, aus der Richtung der tausend Ewigkeiten kommend, laut schnaubend den herumstehenden bunten Gestalten.. Eine Herde von riesigen Echsen trabt in weit ausholenden schweren Schritten auf die friedliche Gruppe zu, gemächlich und sich ihrer Sache wohl sicher, dass sie die für sie lächerlichen kleinen Kröten in aller Ruhe auflesen und verschlingen können. Aber – die Dinosauer sind doch schon vor mehreren Millionen Jahren ausgestorben!? Sind es überhaupt welche? Oder sind es nur Monster aus einer Schauergeschichte? Mister Alfons, der sich sonst immer tapfer verhält, gibt mit bebendem Stimmchen zu verstehen: „Hierher haben diese Biester Zugang wie alle Wesen auf dieser Welt, die ausgedachten, die ausgestorbenen und die lebenden. Ich hätte jedoch nie gedacht, dass die riesigen Echsen, die ihr Menschen Dinosaurier nennt, in unsere heimliche Welt kommen können.. Wir sind für sie ein Leckerbissen, den sie noch nicht probiert haben. So wie für euch Menschen Küken, Hähnchen, Schnecken, was du willst. O lieber Gott, hilf uns.“

Die skurrilen Gestalten am Ufer des Sonnensees sind beinahe zu Tode erschrocken. Sie werfen sich alle platt ins Gras, als der Boden wie bei einem Erdbeben schwankt. Der See ist zu einem stürmischen Gewässer angeschwollen. „O Gott“, murmelt Alfred entsetzt, „jetzt haben sie’s geschafft.“ Der Himmel verfinstert sich mit schwarzem Rauch wie aus unzähligen Fabrikschloten, der aus den Nüstern der Ungeheuer steigt. Pippi Langstrumpf rettet sich auf ihr Pferd und stiebt in rasendem Galopp davon, weiß der Himmel wohin.
Die plumpen riesigen Leiber schleifen ihre zentnerschweren Schwänze hinter sich her. Sie nähern sich stampfend und laut röhrend dem zitternden Völkchen. Was ist zu tun? Wo haben diese mächtigen Kolosse sich in Millionen von Jahren versteckt gehalten? Mister Alfons wendet sich an Harry Potter, der gar nicht mutig wirkt, sondern wie versteinert auf der Erde liegt: „He, Harry, du kennst diese Monster aus deinen Träumen. Du hast mir erzählt, dass diese Biester Vegetarier sind, die fressen kein Fleisch!“ „Woher soll ich das wissen? Es gab solche und solche, die Pflanzen fressenden und die Vegetarier. Zerstampfen können sie uns allemal!“ „Steht endlich auf, Ihr Jammerlappen! Verschwindet in eure eigene Behausung!“, befiehlt Alfons mit immer schwächer werdendem Stimmchen, das nur vom Echo getragen wird… Im Nu verschwinden alle in die verschiedensten Richtungen. „Mach, dass du nach Hause kommst!“, schnauzt Alfons den wie Espenlauf zitternden Markus an. „Beeil dich, bevor deine blaue Stunde abgelaufen ist! Nimm denselben Weg übers Wasser zurück. Auf der anderen Seite des Sees können die Monster dich nicht mehr erreichen. Die Dinos sind wasserscheu. Spute dich!“ Da steht der arme Kerl ganz allein mit Mr. Alfons da. Von wegen! Dieser hat sich in Luft aufgelöst. Aber erteilt unsichtbar Befehle: „Du musst zurück! Nimm meine Socke mit, die hilft dir. Wie aus dem Nichts fliegt ein rotes Söckchen, das bis vor kurzem noch einen Fuß von Mr. Alfons bekleidet hat, dem Markus zu, das dieser geschickt auffängt. Und die Socke spricht zu ihm: „Keine Angst, wir schaffen das!“

Der Boden bebt. Die plumpen riesigen Kolosse nähern sich in einer geschlossenen Front zu zehn Tieren beinahe majestätisch, schnaubend und ächzend dem verzweifelten, allein gelassenen Knaben. Mit dem Mut der Verzweiflung springt er hinein in die tobenden Wellen und kämpft um sein Leben und hält kraulend die rote Socke über Wasser. Wird er das rettende Ufer erreichen? Oder wird er gar von dem grusligen Krokodil wie ein kleiner zappelnder Fisch gefressen? Grelle Blitze zucken. Die Windböe hilft ihm dieses Mal nicht. In der Mitte des Sees angelangt, wagt er einen Blick zurück. Gewaltige Kolosse bilden eine gefährliche Mauer am verlassenen Ufer. Ihre Nüstern weiten sich wie riesengroße Saugnäpfe, mit denen sie die im Wasser zappelnde Beute einsaugen wollen. Zu spät! Ermattet erreicht ein kleiner Junge in pitschnassen Jeans das rettende Ufer.
Unter Anleitung der roten Socke erreicht er sehr bald „seinen Kanaldeckel“, stemmt ihn mit letzter Kraft mit der Eisenstange hoch, hangelt sich an der dehnbaren roten Socke nach oben auf „seine“ Erde zurück und lässt sich erschöpft auf den Bürgersteig fallen. Die Kirchturmuhr schlägt zehnmal. „Geschafft“, geht es ihm durch den Sinn. Vor genau einer Stunde bin ich hier verschwunden. Wie mag es meinen neuen Freunden ergehen?“ Da meldet sich die rote Socke zu Wort: „Du musst mich morgen in deiner zweiten Blauen Stunde Mister Alfons wieder zurückbringen. Er ist ohne mich verloren. Denk dran. Das ist Ehrensache! Zeig mich nicht deinen Eltern. Deine Mutter käme auf die Idee mich in die Waschmaschine zu stecken. Damit würde ich meine Zauberkraft verlieren.“

Markus wankt nach Hause und fällt todmüde ins Bett. Die rote Socke versteckt er noch unter seiner Matratze. Die Mutter, die hereinschaut, wundert sich über die nassen Jeans und darüber, dass Markus keinen Hunger hat.

2. Kapitel (2. Blaue Stunde)

„Wie komme ich ohne viel Fragerei nach draußen?“, zermartert Markus sich am folgenden Tag den Kopf. Die morgendliche Strafpredigt der Mutter beim Frühstück hat er nicht vergessen. In der Schule hat er sich noch nicht getraut, seinem Freund Uwe von seiner ersten Blauen Stunde zu erzählen. Aber beim nächsten Mal, wenn er die rote Socke Mr. Alfons zurückgegeben hat! Als die Mutter spät abends telefoniert und der Vater am Computer sitzt, hat seine Stunde geschlagen. Er schleicht sich davon. Ganz egal, was draus wird. Er muss die rote Socke zurückbringen. Er weiß nur noch nicht, wie er das anstellen soll. Er legt einen Zettel auf sein Bett. „Bin gleich wieder da, spätestens in einer Stunde“, steht drauf. Er weiß, dass er sich weitere Scherereien bereitet. Aber was soll’s? Er schleicht sich aus dem Haus. Draußen bemerkt er, dass an fast allen Häusern die Lichter erloschen sind. Nur ein kleiner Hund, den sein Herrchen abgeleint hat, läuft über die Straße und hebt sein Beinchen an seiner Laterne.. Ein kurzer Pfiff und er schnellt zurück wie aus dem Flitzebogen. Aufatmend erreicht Markus „seine“ Laterne und müht sich ab, den Kanaldeckel hochzuheben. Er schaut sich um. Kein Mensch ist in Sicht. Mit all seinen ihm zur Verfügung stehenden Kräften schafft er es, den Kanaldeckel hochzuheben, und mutig springt er hinunter in das schwarze Loch.

Hänschen klein. Ein Märchen aus Schlesien

von Urte Skaliks (copyright)

Es war einmal ein armes Elternpaar, das hatte von seinen vielen Kindern nur noch einen kleinen Jungen, das Hänselchen, und ein kleines Mädchen, die Marie, übrig behalten. Sieben ältere Geschwister waren ihnen schon auf dem Weg in den Himmel vorangegangen. Das wussten die beiden von ihrer verhärmten Mutter, die ihnen über jedes der Kindlein etwas erzählte: Das erste hatte einen ganz schwarzen Schopf gehabt, das zweite so blaue Augen, das dritte ein schelmisches Lächeln, das vierte war schon ganz früh gelaufen, das nächste war dem Hänschen ähnlich gewesen, das sechste hatte genau solche Locken gehabt wie Marie, und das siebte hatte die Mutter immer ganz traurig angesehen, wenn sie ihm nicht mehr zu essen geben konnte.
Da wussten Hänschen und Marie, dass die Mutter die Kinder sehr lieb gehabt hatte, aber sie dachten auch, dass sie selbst wohl auch bald in den Himmel kämen, weil sie soviel Hunger litten. Der Vater und die Mutter mussten bis spät in die Nacht am Webstuhl sitzen, und der karge Lohn aus ihrer Arbeit reichte kaum für das trockene Brot. Die Kinder schauten in die grauen Gesichter ihrer Eltern und wagten kaum noch, nach Essen zu fragen.
Wenn die Familie jeden lieben langen Tag von früh bis spät arbeitete, klagten die Eltern oft über Schmerzen im Rücken und in den Händen, und sie bejammerten ihr schweres Los. Dann erzählte die Großmutter davon, wie es früher doch soviel besser gewesen sei, und malte ihnen zum Trost auch die alten Sagen und Märchen in bunten Farben aus.

Eine Gestalt aus der heimatlichen Sage hatte es Hänschen besonders angetan, weil ihr Herz für die armen Leute schlug und weil sie schon so manchem aus dem Elend herausgeholfen hatte. Es war aber eine seltsame, launische Gestalt, die so manches Mal ganz üblen Schabernack getrieben hatte, wenn ein Mensch anmaßend oder böse war. Ja, ihr habt richtig geraten – es war der Rübezahl, der geheimnisvolle Geist der schlesischen Berge.
Hänschen glaubte nun ganz fest daran, dass der mächtige Rübezahl seinen armen, rechtschaffenen Eltern helfen würde. Ob er selbst immer brav genug gewesen war, da hatte er so seine Zweifel. Vielleicht würde ihm der merkwürdige Rübezahl deshalb sogar übel mitspielen. Aber er wollte es trotzdem wagen, ihn um Hilfe zu bitten. Schlimmer konnte das Elend in seiner Familie doch kaum noch werden. Und – jedenfalls würde es aufregend sein, einmal in die Welt hineinzugehen und den großen Berggeist zu treffen.
Aber genau da gab es eine Frage – wo sollte er ihn finden? Die Großmutter konnte ihm nicht sagen, wo der Rübezahl wohnte, und es schien, als sei er überall und nirgends zu Haus. Hänschen aber dachte sich, wenn er einfach in den Wald ginge, würde sich schon alles Weitere finden. Als er dann losgehen wollte, weihte er nur die kleine Marie ein. Das vorsichtige Mädchen versuchte, ihn davon abzuhalten, aber für ihn war es schon beschlossene Sache. Er versicherte ihr, er werde bald zurück sein.

Ihr könnt euch denken, wie die arme Mutter klagte und der Vater schimpfte, als Hänschen verschwunden war, aber sie wussten nun gar nicht, wo sie ihn suchen sollten, und eine Polizei gab es damals noch nicht. Also arbeiteten und webten sie weiter, beteten und hofften, dass der Junge bald wiederkommen möge. Nur Marie war guten Mutes und glaubte, ihr Bruder werde schon das Richtige tun.

Was nun dem Hänschen inzwischen passierte? Das Waldgebirge war ja nahe, und er ist schnell dort gewesen. Es war ein finsterer Wald, und es wurde ihm dort schon bald ein wenig ängstlich zumute, aber er wusste ja, was er suchte, und so ging er immer tiefer hinein. Das Hexenhäuschen ließ er links liegen, auch wenn es noch so gut duftete und die Hexe nicht einmal zu Hause war. Auf dem Rückweg wollte er ein paar Lebkuchen abreißen, falls er mal den Rübezahl nicht finden sollte.
Aber er glaubte ganz fest daran, dass der Geist nicht weit sein konnte. Bald schon sah er in der Ferne ein Lagerfeuer, an dem finstere Gestalten grölend saßen und große Stücke Fleisch am Spieß brieten. Ob das hier schon Rübezahl mit seinen Gefährten war, die bekanntlich immer zechten und prassten? Hänschen näherte sich fast lautlos, und schon stieg ihm mit dem kräftigen Holzrauch ein nie erlebter Bratenduft in die Nase. Alles zusammen trieb ihm die Tränen in die Augen, und fast musste er in seinem Versteck auch noch husten.
Wie sollte er aber Rübezahl herausfinden? Er dachte sich, bloß einfache Räuber könnten das da vorn nicht sein. Aber es waren doch welche, und ihr Fährtensucher rief auch schon:
“Na, komm raus, du Leichtgewicht – so knurrt doch nur ein Kindermagen, der lange nichts zu essen bekommen hat. Wir hatten heute einen guten Tag. Komm essen!”
Hänschen traute sich kaum heraus, aber es blieb ihm nichts anderes übrig. Er ging zögernd auf die Männer zu, die ihm gar nicht recht geheuer waren, aber sie begrüßten ihn so freundlich, dass er seine Angst bald vergaß.
“Du siehst ja fast so aus wie mein kleiner Franjo zu Hause. Aber was machst du hier allein im Wald? Hast du denn gar keine Angst vor dem riesigen Rübezahl?”, fragte ein jüngerer Räuber und bot ihm einen Platz auf seinem Fell an. Er gab ihm einen großen Fetzen Fleisch zu essen, und sie fragten nach seinem Woher und Wohin.
Hänschen erzählte, dass er beim Rübezahl Hilfe für seine arme Familie erbitten wolle. Als er aber den Namen genannt hatte, kriegten es die Räuber selber mit der Angst zu tun.
“Hast du denn etwa gehört, dass der hier in der Gegend sein soll? Wir haben doch eben nur einen Scherz damit gemacht.”
Die Räuber merkten gleich, dass Hänsel keine Ahnung hatte, wo der Rübezahl zu finden sei, und beruhigten sich bald wieder. Sie wurden nach dem guten Essen immer träger, und einige begannen schon zu schnarchen. Hänschen durfte mit bei Franjos Vater auf dem Fell schlafen und vergaß erst einmal sein Vorhaben.
Aber im Traum sah er noch einmal den üppigen Spießbraten, und diesmal saß seine ganze Familie mit am Lagerfeuer und ließ es sich gut sein.
Als in der ersten Morgendämmerung ein Vogel leise zu flöten begann, schreckte Hänschen hoch und sah verstört auf die schnarchenden fremden Männer um sich herum. Sie hatten ihm am Abend noch angeboten, als Kundschafter bei ihnen zu bleiben, und ihn sogar scherzhaft “König Hänschen” genannt, aber er wollte doch viel lieber wieder zu seiner Familie zurück.
Er überlegte noch, was er tun sollte, als er auf einmal nicht weit entfernt vom Lager auf einer höher gelegenen Lichtung eine große, sehr alte Frau stehen sah, die ihm winkte mitzukommen. Hänschen erhob sich leise, streckte ein wenig seine klammen Glieder und schlich hinter der ehrwürdigen Alten her. Über Stock und Stein, bergauf und bergab ging es, immer tiefer in den Wald hinein. Der flötende Vogel flog vor ihnen her, und der Weg kam Hänschen unendlich weit vor.

Es wurde ganz langsam heller. Als er so an den Bäumen des Waldes vorbeiging, zeigten sich überall an den Stämmen alle möglichen Gesichter, und manche Astlöcher waren Augen, und alle schienen lächelnd zu dem Wanderer hinzuschauen. Manche Äste sahen aus wie Arme, die freundlich nach ihm greifen wollten. Er wunderte sich sehr und rätselte, was alles dieses wohl bedeuten sollte, und ganz allmählich verstand er die Stimmen der fremdartigen Wesen.
“Hol uns hier raus, mach uns lebendig, lass uns dir Gesellschaft leisten.”
Hänschen hatte in einem Märchen schon einmal etwas über verzauberte Menschen gehört, und während er ging und ging, grübelte er, wie er sie wohl aus den Bäumen herausholen könnte. Aber es wollte ihm nicht einfallen.

Die schöne alte Frau war längere Zeit vor ihm hergegangen, dann aber unbemerkt wieder verschwunden. Auf einmal sah er in der Ferne ein kleines Haus, und er wusste, dass dies sein Ziel war.
Hänschen trat in die Hütte ein und sah die Frau an einem hell flimmernden Fensterchen sitzend, durch das man in eine andere Stube hineinblicken konnte. “Schau einmal, mein Junge”, sagte sie, “wie sich deine Mutter zu Hause grämt, und selbst dein Vater kann kaum seine Tränen zurückhalten.”
Hänschen schaute durch das Fenster und sah wie durch ein Wunder seine Familie zu Hause am Tisch.
“Aber ich wollte doch nur…”
“Ja, ich weiß.”
“Und sie haben nun einen Esser weniger.”
“Dein Brot haben sie nicht angerührt, damit du es findest, wenn du wiederkommst.”
Tränen strömten aus seinen Augen, und er wünschte sich in Gedanken:
“Wenn ich doch nur schnell wieder nach Hause könnte. Ich bin ja noch ein Kind.”
Da glaubte er plötzlich zu sehen, wie sein Schwesterchen ihm durch das seltsame Fenster zublinzelte. Er versuchte, es zu öffnen, aber er fand keine Klinke, und da war es auch schon blind und undurchsichtig geworden.

Die alte Frau an dem Fensterchen sagte zu ihm: “Wenn du wirklich nach Hause willst, kann ich dir helfen, dass du nicht wieder den Räubern begegnest.”
“Ach, – so gefährlich kamen mir die gar nicht mal vor.”
“Ja, du bist wohl ein mutiger Junge.”
“Ich hab aber auch ein bisschen Angst. Ich fände wohl nicht mehr alleine zurück. Aber, sagt, Muhme, woher wisst ihr denn, dass ich wieder nach Hause will? Ich habe doch gar nichts gesagt.”
“Nun, mein Junge, du hast doch hier noch andere seltsame Dinge erlebt.”
“Ja, das stimmt, denn wie konnte ich von hier aus meine Eltern in ihrem Häuschen sehen?”
“Du bist auch klug, mein Kind. Das wird dir helfen.”
“Aber, liebe Muhme, wer seid ihr denn, dass ihr mir dies zeigen konntet? Wisst ihr vielleicht sogar, wo ich den großen Rübezahl finden kann?”
“Dazu kann ich dir nicht viel sagen. Wenn du ihn suchst, wird er dich fliehen. Und du wirst ihn gefunden haben, wenn du ihn gerade nicht gesucht hast.”
“Seltsam, Muhme, wie ihr mit mir sprecht.”
“Ja, das muss dir wohl so scheinen.”
“Und wer ihr seid, danach darf ich wohl nicht fragen?”
“Ich würde es dir nicht sagen. Bald wirst du es herausfinden.”
“Ja? Ach, dann zeigt mir doch jetzt bitte, wie ich den weiten Weg zurück zu meiner Familie finde. Ich werde auch nie wieder einfach so weglaufen.”
“Ja, ich weise dir die Richtung. Nun aber sieh hier mein Geschenk, – ein kleines Messerchen von ganz eigener Art. Nimm es mit und verwahre es gut. Wenn du durch den Wald gehst, wirst du wissen, wozu es dir dienen kann. Eure Not wird bald ein Ende haben, wenn du wieder zu Hause bist.”

Hänschen nahm das Messer, das nach gar nichts Besonderem aussah, und bedankte sich gar herzlich bei der großen alten Frau.
“Dreh dich nun einmal um und schau dir den Heimweg an. Geh deinen Weg.”
Es eröffnete sich ein Pfad, auf den er hinaustrat. Alsbald verschwand die Hütte hinter ihm.
Hans schritt rüstig aus und kam gut voran, während der flötende Vogel wieder eine ganze Weile vor ihm herflog. Plötzlich bemerkte er auf seinem Weg ein altes Stück Holz, das seinen Blick magisch anzog. Alsbald erkannte er darin ein verborgenes Gesicht, und das Messerchen der alten Frau sprang in seine Hand. Da befreite er das Gesicht aus dem verzauberten Holz, und schon hüpfte ein lebendiges Kind neben ihm her. Das bedankte sich herzlich bei ihm, weil er es erlöst habe, und sie gingen zusammen weiter. Hans fand noch viel mehr von solchem Holz und erkannte jetzt auch, was die Stämme der Bäume ihm hatten sagen wollen So hatte er bis zum Abend schon sieben kleine Gesichter herausgeholt. Alle gehörten zu verzauberten Kindern, die bald wieder lebendig herumtanzten und sich auf ihre Heimkehr freuten.
Heiter wanderten sie alle zusammen weiter und immer weiter bis nach Hause zu ihren Familien. Seine Eltern umarmten Hans voller Glück, als er endlich wieder durch die Türe trat. Die kleine Marie freute sich doppelt, weil er unterwegs auch noch eine hübsche Puppe für sie gemacht hatte.

*

Viele Jahre später hatte Hans der Schnitzer einen bescheidenen Wohlstand geschaffen. Auch seine Eltern wohnten in einem besseren Häuschen, und alle lebten zufrieden bis an ihr seliges Ende.
Ach so, ihr wollt wissen, ob er denn jemals noch den großen Rübezahl getroffen hat? Wusstet ihr schon, dass sich der große Rübezahl einfach in alles verwandeln kann, auch in eine alte Frau? Na?

Das kleine Mädchen mit den Streichhölzern (frei nach H. C. Andersen)

von Eduard Breimann (copyright)

Es war entsetzlich kalt; es schneite, und es war bereits vollständig dunkel, an diesem letzten Abend im Jahre 1999 – Silvesterabend –, als sie erneut aufbrach. In dieser Kälte und Finsternis ging Poki zaghaft auf die Häuser der Stadt zu, die von versteckten Lampen angestrahlt wurden.
Sie war ein kleines, sehr dürres Mädchen mit langen schwarzen Haaren, in die zwei gelbe Flatterbänder geflochten waren, mit hellbrauner Haut und großen braunen Augen in einem schmalen Gesicht. Mit der hellroten, dünnen Jacke, die sie schon an kühlen Sommerabenden getragen hatte, dem quittegelben Kleid – das an einen sonnenüberfluteten Strand gehörte – und den nackten Füßen, war sie viel zu leicht bekleidet.
Sie fror am ganzen Körper, war völlig verkrampft, zitterte und dachte ständig an ihren Papa, der ärgerlich gegrunzt hatte, als sie am Morgen ihre Winterschuhe und die dicke Jacke anziehen wollte.
„Kannst auch gleich im Pelzmantel gehen! Feine Dame spielen, was? Mitleid musste wecken; musst ärmlich aussehen. Zieh das da an!“, hatte er geschrien und ihr die Sommersachen hingeworfen. „Heut ist Silvester, da geben die Leute, wollen im alten Jahr was gutmachen und sich für das neue Jahr Glück kaufen. Musst traurig ansehen! Verstanden, mein Engel?“, hatte er versöhnlicher – und viel leiser – hinzu gesetzt.
Sie hatte Pantoffel angehabt, als sie am frühen Morgen zum ersten Mal von zu Hause fort ging. Jetzt aber war einer weg. Es waren sehr große Pantoffeln, die früher ihre Großmutter getragen hatte. Man konnte in jedem von ihnen zwei Kinderfüße verstecken, so groß waren sie. Den linken rosafarbenen Pantoffel hatte sie verloren, als sie über die Rheinuferstraße rannte, während zwei Wagen in rasender Eile vorüberjagten. Er war hoch in die Luft geflogen, vom nächsten Auto erfasst worden und dann im Schneegestöber verschwunden. Sie hatte sich nicht noch einmal auf die Straße getraut. Dann hatte sie den zweiten Pantoffel in die Hand genommen, denn mit einem nackten und einem Pantoffelfuß konnte sie nicht laufen.
Der rappelige Wohnwagen ihrer Familie stand unterhalb der Rheinmauer, auf dem Parkplatz eines noblen Restaurants, der Bastei, das jetzt geschlossen hatte, direkt am Rheinufer.
„Ist verboten – na und? Geht´s euch was an?“, hatte Papa mürrisch gesagt, als sich ein Passant beschwerte.
„Ruiniert mit seiner Dreckskiste das ganze schöne Bild unserer Promenade. Drecksvolk!! Zigeunerpack! Macht, dass ihr dahin verschwindet, wo ihr herkommt. Wenn Adolf noch da wäre, dann …“, hatte der Mann zu seiner Frau gesagt, drohend die Hand gehoben und war wütend weggegangen.
Sie waren in der Woche vor Weihnachten angekommen, nach einer langen, ermüdenden Fahrt. Sie kamen aus Süddeutschland, wo sie seit dem Sommer gelebt hatten. Der Mercedes hatte es bis zur Rheinuferstraße geschafft, dann hatte der Motor gerülpst und gestottert und war mitten auf der Fahrbahn stehen geblieben. Papa hatte geflucht und gelenkt, alle anderen hatten den Wagen von der Straße geschoben.

Der Wohnwagen war auch nicht mehr in Ordnung, die Bremsen versagten ständig. Eigentlich hatten sie direkt nach Köln-Ossendorf gewollt, wo viele Sinti und Roma wohnten – auch ihre zahlreichen Verwandten. Aber jetzt mussten sie erst einmal Geld haben, denn, das wusste Poki, ohne Geld gab es kein Essen und keine grüne Flasche für Papa – und eine Weiterfahrt leider auch nicht.
„Musst Geld besorgen, Kind! Wir haben nichts zu essen und Papa muss den Wagen reparieren – Benzin fehlt auch“, hatte ihre Mama am frühen Morgen gesagt. „Musst heut alleine gehen. Weißt ja, Lajos ist noch nicht gesund; ich muss ihn doch pflegen. Kannst du?“ Poki hatte genickt, – sie war stolz darauf, dass man ihr das zutraute.

Sie schlidderte hastig über die glatten Kopfsteinpflaster, in einer Hand den rosaroten Pantoffel und auf dem Rücken einen verschlissenen Rucksack, der ständig von den schmalen Schultern rutschen wollte.
Sie lief immer in Richtung Dom, dessen Doppeltürme sie über alle Häuser hinweg sehen konnte. Hastig überquerte sie die öde große Rheinwiese und als sie endlich zwischen den hohen, hell erleuchteten Häusern war, flaute der böige Ostwind ab.
An einem wuchtigen roten Gebäude blieb sie stehen. Sie hörte Musik, die so schön war, so herrlich melodisch, dass sie gebannt lauschte. Sie liebte jede Musik; diese hier war zwar nicht zum Tanzen, aber trotzdem bewegte sie ihre Zehen, lupfte den riesigen Pantoffel im Takt.
„Steckt dir im Blut! Kommt von meiner Seite!“, hatte Großmutter erkennbar stolz erklärt.
Durch eine große Glastür sah sie eine menschenleere Halle mit prächtigen Blumengebinden. Sie wusste, dass es da drinnen herrlich warm sein musste. An der Wand neben der Tür hing ein großes Plakat mit vielen Namen und einem Bild, dass eine große Musikkapelle zeigte.
„Silvesterkonzert“, las Poki langsam.
Oh ja, sie konnte lesen – ein wenig. Das hatte ihr die Großmutter beigebracht, denn mit Schule war nichts; sie waren ja ständig unterwegs.
„Alles nicht wichtig. Was du kannst, ist gut, mehr muss nicht sein. Wer soll Geld verdienen, he?“, hatte Papa gesagt; und was Papa sagte, war immer richtig.
Poki besann sich, erinnerte sich an ihre Aufgabe. Hier waren alle Leute im Haus, hörten Musik; da konnte man nichts verkaufen. Also stieg sie die steile Treppe neben der Philharmonie hoch, ging vorbei am dunklen Museum und erreichte, völlig außer Atem, den zugigen Domplatz.
Der Dom, ein mächtiger, kunstvoll getürmter Steinhaufen, war wie üblich angestrahlt von Scheinwerfern, die auf den Nachbarhäusern montiert waren. Im Licht tanzten die Schneeflocken, zeigten die genauen Umrisse der Strahlen.
„Da, wo soviel Licht ist“, dachte Poki, „muss auch Wärme sein“. Aber auf der Domplatte pfiff der Ostwind heftig, wirbelte den feinen Schnee hoch, trieb ihn über den Platz. Manchmal spielte er mit dem Schnee, ließ große Kringel auf dem Boden im Kreis tanzen.

Menschen waren keine zu sehen und sie flüchtete in einen beleuchteten Eingang. Sie hockte sich auf den Rucksack und schob ihre eiskalten Füße in den plüschigen Pantoffel. Erst als sie einige Minuten darin steckten, bemerkte sie Füße wieder; sie schmerzten und brannten. Besonders die Zehen taten so weh, dass es ihr das Wasser in die Augen trieb.
Ein großer Junge mit einer dicken Pelzjacke, die Hände in riesigen Handschuhen, sauste mit seinem Skateboard über den Platz. Er flog heran mit ausgebreiteten Armen, machte große Sprünge und scharfe Wendungen. In der Schneestille hallten die heftigen Klickgeräusche des Skateboards wie Pistolenschüsse.
Poki beobachtete ihn, sah ihn in weitem Bogen auf sich zufahren. Plötzlich, als der Wind eine kleine Pause einlegte, als die Schneewolken sich ermattet senkten, da entdeckte der Junge das Mädchen, das mit angezogenen Knien im Eingang des exquisiten Handtaschengeschäftes hockte.
Er stellte sich auf sein Skateboard, rollte mit hohem Tempo auf sie zu. Poki verkrampfte sich, zog automatisch die Füße näher an den Körper. Er hielt unmittelbar vor ihren Füßen und sprang von seinem Brett.
„He! – Was treibst du denn da? Willste klauen? Oder bettelst du die Leute an?“, fragte er mit scharfer, überheblich klingender Stimme.
Poki sagte lieber nichts, schaute aus ihren großen Augen auf den Jungen, der sie höhnisch anlachte.
„Bist von den Zigeunern, was? Kommste aus diesem Scheißlager? Sag was, sonst muss ich dich bei der Polizei melden!“
Poki blieb still, sie starrte den Jungen an und ihre Beine zitterten diesmal vor Angst. Der Junge bückte sich, nahm sein Skateboard hoch, ergriff blitzschnell ihren zweiten Pantoffel und zerrte ihn von ihren Füßen. Er lachte laut, als er die plüschige Umrandung des rosafarbenen Pantoffels sah.
„Zigeunerkram! Klasse! Weißt du was? Den kleb ich mir auf mein Skateboard. Was glaubst du, was meine Kumpel sagen? Die schießen vor Spaß ne Runde Kölsch. Kannste mir glauben.“
Poki streckte beide Hände aus und sah den Jungen verzweifelt an. „Bitte, gib ihn mir. Mir ist kalt. Bitte!“
„Tschüss, Zigeunerin!“, rief der Junge, schwenkte seine Beute und verschwand im Schneegestöber.
Poki blickte auf ihre nackten Füße, die im Schnee noch brauner aussahen als sonst. Sie konnte nicht sehen, dass ihre Zehen schon eine weißblaue Färbung angenommen hatten. Sie mochte ihre Füße, die bei jeder Musik sofort den richtigen Takt fanden und ihren leichten Körper wie eine Feder wirbeln ließen.
Sie tanzte so gerne, konnte lange auf den schmalen, zierlichen Zehen stehen und träumte davon, eines Tages eine gefeierte Tänzerin zu werden, die zu den Liedern ihres Volkes die Hüfte schwang, die Beine im Rhythmus der heißen Melodien so schnell setzte, dass den Zuschauern schwindelig wurde. Sie hatte bei den Festen die brennenden Augen der Männer gesehen, die den Tänzerinnen gierig folgten.

„Hoffentlich erfriere ich mir nicht meine Zehen“, dachte sie ängstlich und rubbelte die Füße mit den Händen.
Dann stand sie entschlossen auf. Sie musste sich beeilen, musste sehen, dass sie ihre Waren los wurde. Sie hatte Angst davor, ihren Papa zu enttäuschen; sie hatte Angst vor den Schlägen, die sie immer bekam, wenn sie faul oder nachlässig gearbeitet hatte.
In ihrem alten Rucksack trug sie eine Menge Schwefelhölzer. Die Döschen waren je zu zehn mit einem kleinen Bändchen zusammengeschnürt. Sie öffnete den Rucksack und nahm ein Bund in die Hand.

Sie war schon am frühen Morgen unterwegs gewesen, hatte an einem Imbisstand auf der Schildergasse zwei weggeworfene Brötchen und ein halbes Würstchen aus dem Abfalleimer geholt. Das Würstchen war sogar noch warm gewesen. Zwischendurch hatte sie sich im Kaufhof gewärmt, war die Rolltreppen rauf und runter gefahren.
Sie vergaß, dass sie verkaufen musste, fand nur Freude an den vielen Sachen, die in dem riesigen Haus auslagen. Am Mittag, als die Geschäfte schlossen, waren die Menschen weg; die Straßen lagen wie verweist.
Sie hatte während des ganzen Tages nur zwei Bündel Streichhölzer an eine alte Frau verkauft – und niemand hatte ihr ein Almosen gegeben.
Durstig und verfroren war sie in der frühen Dunkelheit zum Wohnwagen gegangen, um sich aufzuwärmen und etwas Milch zu trinken. Im Wagen brannte ein kleiner Ofen, an den sich Papa, Mama und ihr kleiner Bruder Lajos wärmten; Lajos hatte gelächelt, als er sie sah.
Lajos war erst drei Jahre alt und brauchte noch nicht alleine raus. Er wurde von Mama immer in einem langen Tuch zum Betteln getragen. Sie setzte sich immer an die Kirchenmauern und bettelte. Lajos musste vorher immer Milch trinken, die komisch schmeckte; die Milch machte ihn müde; er schlief dann während der ganzen Zeit tief und fest.
Als Poki in den warmen Wagen kam und ihre Tasche mit den unverkauften Streichhölzern zeigte, war Papa wütend geworden und hatte sie sofort wieder rausgeschickt. Also war Poki schnell wieder gegangen, denn Papa hatte so richtig böse Augen gemacht. Und in der Hast, mit der sie unbedacht die stark befahrene Rheinuferstraße überquerte, war das Missgeschick mit dem Pantoffel passiert.

Poki war verzagt und unschlüssig; sie wusste nicht recht, wie sie ihre Hölzer verkaufen konnte – sie hatte Angst vor den fremden Menschen, mochte sie nicht ansprechen. Die Blicke der Menschen, die sie ansahen, als wäre sie ein ekeliges Ungeheuer, ängstigten sie.
“He! – Poki, du bist zu weich!”, klagte ihr Papa oft. “Das Leben ist hart! Vertrau keinem Menschen! Sieh zu, dass du überlebst, merk dir das!”, belehrte er sie, wenn er wieder einmal ihre Weichheit und Naivität beklagte.
Die Schneeflocken fielen auf ihr langes schwarzes Haar, das schön gelockt über ihren Nacken hinabfloss; die Flocken blieben auf den Haaren liegen, schmolzen nicht. Aus allen Fenstern strahlte Lichterglanz, aus manchen Küchenventilatoren wirbelte der Geruch von köstlichem Braten.

Es war ja Silvesterabend! Dieser Gedanke erfüllte plötzlich all ihre Sinne und sie dachte an ihre Großmutter. Im vorigen Jahr hatte sie mit ihr das Feuerwerk am Sylvesterabend angesehen.
„Wenn sich das alte müde Jahr ins Totenbett legt, gebiert es das neue Jahr. Es weiß, dass es streben wird, dass die Menschen seinen Tod feiern und nur noch „Hosianna! Es lebe das neue Jahr!“ rufen werden. Aber es tut seine Pflicht, schenkt uns das Neue und lässt uns hoffen, dass es besser wird als es selber war“, hatte sie erklärt.
Ja, Großmutter wusste viel vom Leben, und als sie im letzten Herbst starb, war Pokis Leben ärmer geworden. Sie konnte sich keinen schnellen Trost mehr holen, den sie doch oft so dringend brauchte; Großmutters weiche Hand auf dem Kopf hatte immer die Schläge vergessen lassen.
„Nicht traurig sein, Poki-Mädchen. Denk an die Geschichte vom Jahreswechsel, kleine Poki“, hatte ihre Großmutter auf dem Sterbebett gesagt. „Ich bin wie das alte Jahr, ich muss bald gehen. Hab viele Sachen nicht so gut gemacht, wie ich wollte, aber ein paar Dinge sind doch ganz ordentlich geworden. Ich bin das alte und du bist das neue Jahr. Mach es besser als ich, meine Kleine.“

Poki zuckte zusammen, als die Glocken dumpf anschlugen. Dann, nach der Überraschung, kam die Freude. Die Glockenklänge überschlugen sich, wetteiferten miteinander. Helle und dunkle, leichte und schwere Töne wirbelten durcheinander, spielten ein unbekanntes Lied; Poki war wie berauscht und lief auf den Dom zu. Da waren Menschen; viele Menschen; schwarz gekleidet, dicht vermummt, Hüte ins Gesicht gezogen, Hände in den Manteltaschen, hasteten sie durch den wirbelnden Schnee, eilten auf die rettende Tür im Dom zu.
Poki stellte sich an die breite Pforte, durch die die Menschen eilig verschwanden; sie suchten Wärme und Schutz vor dem Wind. Sie hielt ein Bündel Streichhölzer hoch, sah den Leuten ins Gesicht und rief leise immer wieder den gelernten Spruch: „Bitte! Zehn Döschen Streichhölzer – für fünfzig Cent. Bitte helfen sie mir!“
Aber die Hutränder rutschten noch tiefer, die Mantelkragen wuchsen bis vor die Augen – niemand hielt an. Nur ein ärgerliches „zzzzz!“ erklang einmal, dicht vor Pokis Gesicht.
Dann hörten die Glocken zögernd auf, schwiegen schließlich ganz und sie konnte wieder den Schnee hören, der eigentümlich rauschte. Zwei Männer hasteten an Poki vorbei, verschwanden im Dom, aus dem ein warmer Luftzug, der leicht über ihr Gesicht strich. Sie steckte den Kopf in den Dom, spürte die warme Luft, die nach Weihnachten roch, und trat zwei kleine Schritte vor ins Halbdunkel.
„Na, mein Fräulein? Wo wollen wir den hin?“
Ein riesengroßer Mann mit einem roten, bodenlangen Gewand stand plötzlich vor ihr. Vor seinem vorgestreckten Bauch trug er ein Holztablett, auf dem Heftchen und Blätter lagen. Fast wäre Poki vor Angst und Schreck umgefallen, aber die Augen in dem runden Gesicht lächelten. Da blieb sie stehen und hielt dem Mann ihre blau gefrorene Hand mit den Hölzern entgegen.
„Gehört dir dieses große Haus? Hast du gerade die Glockenmusik gemacht?“

„Oh, nein!“
„Bist du der Papst?“
Da musste der Mann lachen, was seinen Bauch wabbeln und die Prospekte auf seinem Bauchladen tanzen ließ.
„Oh, das wär was! Nein, nein! Ich arbeite hier nur. Kirchenschweizer nennen mich die Leute. Ich muss diese Blätter verkaufen“, sagte er und hielt Poki einen bunten, kleinen Prospekt hin.
„Ich muss auch verkaufen. Hier! Das muss ich verkaufen!“
„Aha! Weißt du was? Wir könnten doch einen Tausch machen. Ich gebe dir so ein schönes buntes Blatt mit dem hl. Christophorus und du gibst mir ein Päckchen Hölzer. Damit zünde ich dann unsere Kerzen im Dom an und denk dabei immer an dich – mit einem guten Gebet.“
Poki nickte und der Tausch war blitzschnell vollzogen. Sie starrte das bunte, glänzende Bild an, das ihr vorkam, als wär es eine heimliche Nachricht – nur für sie.
Ein bärtiger Riese trug ein pummeliges, nacktes Kind auf dem Rücken. Er überquerte, gestützt auf einen Stab, einen Fluss. „Silvester“ war mit schwarzer Schrift in den Fluss geschrieben worden. Am linken Ufer stand auf einer Tafel: 2003. Am anderen zeigte ein zweites Schild die Zahl 2004.
„Der hl. Christophorus soll uns gut vom alten ins neue Jahr bringen. Verstehst du das?“
„Ja, so was hat Großmutter auch immer gesagt. Nur von dem Riesen wusste sie nichts. Sie hat immer gesagt, dass es eine weise Frau wäre, die uns dabei hilft.“
Der Mann sah ihr lange nach, als sie in Gedanken versunken, über den leeren Platz ging. Da erst entdeckte er ihre nackten Füße und wär ihr um ein Haar nachgelaufen.

Von oben, von der Domplatte, hatte der Bahnhof gar nicht so riesig ausgesehen. Aber als sie vor der gläsernen Schwingtür stand, musste sie den Kopf doch weit in den Nacken legen, um die Uhr zu sehen. Noch mehr als zwei Stunden bis Mitternacht.
Vielleicht konnte sie hier ihre Hölzer loswerden und Papa glücklich machen. Sie wünschte sich nichts sehnlicher, als einen lachenden Papa. Im Sommer, als ein Bauer im Allgäu ihnen Unterkunft und Verpflegung gewährt hatte, da hatte sie mit dem glücklich lachenden Papa auf der Blumenwiese getanzt; das würde sie nie vergessen.
Warme Luft schlug ihr ins Gesicht und ihr wurde schwindelig. Die große Eingangshalle und der lange Durchgang zu den Bahnsteigen waren leer und still. Sie schlich vorwärts, schaute in die großen, mit Luftschlangen, Ballons und Konfetti geschmückten Schaufenster, bewunderte die Glückwunschschilder und die überdimensionalen Sektgläser. Alle Geschäfte waren festlich geschmückt, aber menschenleer – die Türen waren geschlossen.
„Na, Kleine? Was machst du hier?“

Diesmal saß Poki aber wirklich auf dem Boden; der Schreck war groß und sie machte einfach die Augen zu.
„Na, na! Keine Angst, mein Mädchen. Ich tue dir nichts. Wer bist du denn? Wie heißt du?“
Die Stimme war nicht böse, deshalb öffnete sie die Augen wieder. Vor ihr stand ein junger Mann. Er trug eine Uniform und eine Mütze auf den langen Haaren. Seine Augen waren gut; sie lächelten und blitzten freundlich.
„Poki! – Ich bin Poki.“
„Aha! Und ich bin Nico. Was machst du alleine hier?“
„Ich will – ich möchte – Streichhölzer verkaufen. Papa und Mama sind im kaputten Wohnwagen – mein Bruder Lajos ist krank.“
Und? Hast du Erfolg?“
„Nein, eigentlich nicht. Ich kann´s nicht gut. Papa wird schimpfen.“
Sie wusste nicht, warum sie das diesem fremden Mann erzählte, aber sie fühlte sich wohl dabei.
„Na, hier wirst du auch nicht viel verkaufen; die Leute wollen lieber in das neue Jahr feiern, als mit einem öden Zug ins Jahr 2004 fahren.“
„Dann geh ich wieder.“
„Du siehst ja schrecklich verfroren aus! Und nackte Füße hast du! Mein Gott! Wie kann man nur so ein kleines Mädchen in diesem eisigen Wetter Barfuß ins Freie schicken? Unmenschen! Warte! Ich schau mal, ob wir nicht ein paar alte Socken in der Wachstube haben.“
Er rannte los und Poki stand auf, lehnte sich an die dicke Säule. Der Mann, der Nico hieß, kam schnell zurück.
„Nichts! Leider nichts da! – Und die Geschäfte sind alle zu, sonst hätten wir dir sicher was besorgen können. Aber warte mal“, sagte er, griff in die Gesäßtasche, zog eine Geldbörse raus und gab ihr einen Schein.
„Sind nur fünf Euro, aber es hilft dir sicher etwas, kleine Poki. Ich hab auch ein kleines Mädchen, ungefähr so alt wie du. Wenn ich daran denke, dass sie Barfuß im Schnee herumlaufen müsste!“
„Danke, Herr Nico“, flüsterte Poki und zuckte zusammen, als eine harte Stimme ertönte.
„Was ist, Herr Brunner? Gibt´s Probleme?“
„Nein, nein! Alles klar, Chef! Hab alles im Griff!“, rief Nico und schob Poki zum Ausgang.
„Mein Boss! Der duldet keine Bettler hier im Bahnhof. Ich muss dich leider wieder in die Kälte jagen, sonst schmeißt der mich raus. Ich brauch doch die Arbeit.“
Als die Tür sich öffnete, blieb Poki die Luft weg. Eisige Kälte schlug ihr entgegen, die jetzt, nach der Wärme im Bahnhof, entsetzlich wirkte als zuvor.

„Noch zwei Stunden! – Die werden wir auch noch schaffen, dann haben wir das Jahr wieder mal gekillt!“, sagte eine männliche Stimme direkt über ihrem Kopf.
Sie saß eng an die Wand gepresst, hatte den Rucksack unter sich geschoben. Die Stimme klang seltsam, wie Papas Stimme, wenn er mit den Tageseinnahmen zufrieden war und sich die grüne Flasche in den Mund gesteckt hatte. Dann konnte er lachen – wie der Mann da oben, am offenen Fenster, aus dem gelbes Licht auf das Pflaster fiel.

Er sprach wie Papa, ganz langsam, als müsse er über jedes Wort nachdenken, es abwiegen, untersuchen und dann erst freigeben für die still sitzenden Zuhörer.
Sie hörte die Stimmen von Frauen; ein lachte grell und etwas klirrte.
„Scherben bringen Glück!“, rief ein Mann, aber dann gab es einen langen Streit und zum Schluss sagte eine Frau: „War wohl nichts mit dem Glück durch Scherben.“
„So ein Quatsch“, dachte Poki. „Wie können Scherben so etwas bei Menschen machen.“
Auf der anderen Seite, etwas tiefer gelegen, erblickte sie ein großes Café, mit sicher mehr als tausend Glasfenstern. Sie konnte tanzende und trinkende Menschen sehen. Wuchtige Leuchter hingen über ihren Köpfen, tauchten alles in glitzerndes Weiß, ließen die Kleiderfarben prächtig leuchten.
Soviel Licht!“, staunte Poki und stellte sich vor, dass es unter ihnen auch warm sein müsste. In ihrem Wohnwagen brannten immer nur eine oder zwei Kerzen, die aber dafür gut dufteten.
Poki war noch nicht ganz sechs Jahre alt. Wenn sie zehn war, brauchte sie das nicht mehr machen, hatte Papa gesagt, dann hätte er was Besseres mit ihr vor. Die Menschen hätten mit einer beinah Erwachsenen nicht mehr genug Mitleid, dann müsse ihr Bruder Lajos ran.
„Lajos“, dachte sie, „Lajos, mein kleiner, zarter Lajos würde eine Nacht in dieser Kälte kaum überleben“.
„Komm, mach das Fenster zu! Es ist saukalt! Da friert uns der Champagner ein!“, rief über ihr eine Frauenstimme und lachte dann lange.
Die Stimme klang warm und ruhig, selbst jetzt, wo sie doch laut gerufen hatte. Der Streit hatte aufgehört; sicher hatten sie das mit den Scherben geklärt, dachte sie.
Mamas Stimme war anders, sie war grell, tat manchmal weh in den Ohren, und wenn sie Poki schlagen musste, weil zu wenig Geld in der Tasche von Poki war, dann überschlug sich ihre rauchige Stimme.
Mama konnte nichts dafür. Sie war zuständig für die Kinder, musste sie zur Arbeit anhalten, ihnen beibringen, wie man etwas „zu Geld machen konnte“, wie Papa sagte. Mama hatte Angst vor Papa, der sie schlug, wenn sie die Kinder nicht streng genug strafte. Es war schon alles richtig so; wie sollte es auch anders gehen? Mama und Papa hatten es nicht leicht. Immer wieder mussten sie Lajos und sie zur Arbeit ermahnen und besonders Lajos war schwierig, wollte lieber spielen.
In der vorigen Woche war es ganz schlimm gewesen. Sie waren gerade einen Tag in Köln und Mama saß mit Lajos am Dom auf der Platte. Sie bettelten schon einige Stunden an diesem ersten eisigen Wintertag, aber in der Zigarrenschachtel waren erst ein paar Groschen und etliche Knöpfe.
Zuerst hatte der eisige Wind Lajos zittern gemacht und er hatte leise gejammert. Dann war er still geworden. Mama hatte ihn quer auf dem Schoß gehabt und nicht gesehen, dass der ganze Unterkörper frei lag. Erst als sie aufstehen wollte, hatte sie erkannt, dass mit Lajos was nicht stimmte. Er hatte kaum noch geatmet und selbst, als sie ihm auf den Kopf geschlagen hatte, war er nicht wach geworden.

Mama hatte ganz laut um Hilfe geschrien und die Leute hatten sie angestarrt. Ein Mann hatte dann mit dem Handy die Polizei gerufen und immer wieder „Rattenpack!“ gesagt.
Lajos war ins Kinderkrankenhaus gekommen und erst gestern, nach einer Woche, durften sie ihn abholen. Die Polizei hatte Mama verhaftet, aber sie war noch am gleichen Tag nach Hause gebracht worden. Sie hatte Prügel vom Papa bekommen – sehr viel Prügel. Es war, weil sie nichts erbettelt hatte, weil sie nicht aufgepasst hatte und weil Lajos durch ihre Unaufmerksamkeit so lange ausfiel. Das war ja auch schlimm. Papa wusste schon, was er tat.
Dann hatte Papa vor Kummer die ganze grüne Flasche ausgetrunken. Und heute war Lajos noch immer etwas krank und sie musste alleine in die Stadt.
„He! Guck dir die da an! Ist die bescheuert oder was?“
Vor ihr standen zwei Leute. Der Junge trug einen langen, hellen Parka, der fast bis zu den Knien reichte, schlenkerte eine geöffnete Bierflasche mit der einen und die Hand des Mädchens mit der andren Hand. Er trug einen flauschigen, durchsichtigen Ziegenbart, der vom Wind geschüttelt wurde. Das Mädchen war sehr blond, hatte einen dicken roten Skianorak an und rauchte hastig.
„Lass die doch in Ruhe. Das ist Zigeunerpack; die sind gefährlich. Nachher sticht dich einer mit dem Messer. Komm, hauen wir ab!“
„Warte! Das kann spaßig werden. – Wie heißt du, he?“
„Poki.“
„Poki und was weiter? Hast du keinen richtigen Namen? Heißt du vielleicht Pokemon?“
„Poki, nur Poki. Möchten Sie Streichhölzer von mir kaufen?“
„Was soll ich von dir kaufen? Hab ich richtig gehört? Hast du das geschnallt? Streichhölzer! Ich krieg die Krise! He, bist du von gestern? Echt! So ´n Scheißzeug kauft dir doch kein Aas ab. Hier! Guck´s dir an! Das ist ein Wegwerffeuerzeug! Das kauft man heute und nicht so´n blödes Hölzerzeug! Na? Haste das schon mal gesehen?“
Er zündete und eine lange, bläulich weiße Zunge schoss heraus, direkt auf Pokis Gesicht zu. Sie starrte in das zischende Feuer und konnte ihre Augen erst lösen, als die Flamme mit einem leisen „Klick“ verlosch.
„Und wieder und wieder!“, rief der Junge und knipste bestimmt zehn Mal sein gelbes Plastikfeuerzeug an.
„Komm, lass das arme Ding in Ruhe. Unsere Leute warten schon – ist doch langweilig hier! Mann! Mach voran oder willste anwachsen?“, fragte das Mädchen, hob fröstelnd die Schultern.
„Halt die Klappe, Alte. Erst bin ich dran!“, sagte er lässig, ließ das Mädchen los und ging auf Poki zu.
Er ließ sich in die Hocke herunter, war nun auf gleicher Höhe mit Poki und konnte sie direkt ansehen. Er grinste, musterte ihre braune Haut, die pechschwarzen Haare und das fremdartig wirkende Gesicht.
„Biste aus Rumänien?“
„Nein, ich wohne im Wohnwagen.“

„Aha! Zigeunerpack, ja? Klaubande? Fresst ihr immer noch Kinder? Kannst du mir mal zeigen, wie man ein Portmonee aus der Tasche zieht? “
Poki schwieg und wünschte sich in den Wohnwagen, an die Füße ihrer Großmutter, wollte die schützende Hand auf dem Kopf fühlen. Sie fror entsetzlich und ihre Füße schmerzten.
„Zeig mal dein Zeug her! – Vielleicht kauf ich dir was ab“, forderte der Junge.
Poki stand langsam auf, öffnete den Rucksack und griff hinein. Bevor sie mit ihren kältesteifen Fingern ein Bündel greifen konnte, hatte der Junge ihr den Rucksack aus der Hand gerissen.
„Lass man! Mach ich selber!“, rief er, hielt den Rucksack mit der Öffnung nach unten, schwenkte ihn wie eine Fahne und schüttelte kräftig.
Die Streichholzschachteln purzelten heraus, flogen, weit verstreut, in den Schnee. Erst als kein Bündel mehr im Rucksack war, warf er ihn vor ihre Füße, hob eines der Päckchen hoch und betrachtete es genauer.
„Zehn Stück – he? Was willste dafür haben, sag!“
„Fünfzig Cent“, flüsterte Poki; sie blickte dabei nur die Streichholzschachteln an, die im Schnee lagen.
„Was? Ich hör wohl nicht richtig? Fünfzig Cent für so einen Scheiß? Willst du mich verarschen, Kleine?“
„Nein, bitte, bitte! Ich muss doch so viel dafür nehmen; Papa hat das gesagt.“
„Gib der Kleinen das Geld und komm. Mir frieren die Füße an!“
Der Junge wühlte in seiner Jackentasche und zog dann einen Geldschein heraus.
„Na gut, is ja Sylvester! Hier! Ich nehm zwei Päckchen. Wenn ich das auf der Party erzähle, bin ich King! Eh, das gibt Spaß! Hier, kannst du den Hunni wechseln?“
„Hunni? Was ist das?“
„Mensch, bist du blöd oder was? Das ist ein glatter, frisch gepresster Hunderter! Hundert Euro! Kannst du den wechseln oder nicht?“
„Hundert Euro? Nein, ich hab kein Geld.“
„Hast kein Geld? Na dann nicht!“, sagte er, grinste, zog den Schein zurück, ließ ihn mit zwei Streichholzpäckchen in der Jacke verschwinden und griff die Hand des Mädchens.
„Prosit Neujahr!“, rief der er, trank mit verdrehten Augen aus der Bierflasche – und das Mädchen lachte, als sie wegliefen.
Poki sah ihnen nach, bis sie im Schneegestöber verschwunden waren. Wie in Zeitlupe bückte sie sich, nahm den Rucksack hoch und sammelte die Streichhölzer ein. Die Reklamepapiere auf den Döschen waren nass; die dünne Pappe der meisten Schachteln wellte sich bereits.
Sie weinte, war todunglücklich und voller Angst. Sie wusste, was sie erwartete. Während sie mit den klammen Händen den Schnee von den Schachteln abwischte, hörte sie gegenüber am Café schnelle, laute Stimmen, übertönt von übermütigem Lachen.
Ein älterer, sehr dicker Mann mit weißen Haaren wischte sich ein paar Schneeflocken von seinem schwarzen Anzug. Er stand vor der Tür des Cafés, schaute in den Schneehimmel und lachte laut. In seiner Hand qualmte eine Zigarre; sie sah aus, wie die langen braunen Dinger, die Großmutter so gerne geraucht hatte.

„Die im Laden stibitzten schmecken besser als alle geschenkten und tausend Mal besser als gekauften Zigarren“, hatte Großmutter oft gesagt und dabei schöne Kringel in die Luft geblasen, damit Poki sie fangen sollte.
Die Frau war viel jünger als der Mann, trug ein langes grünes Kleid und eine Kette, die schnelle weiße Blitze abschoss; alle Lampen des Cafés spiegelten sich in dem glitzernden Schmuck.
Die Frau war schön, fand Poki. Sie verglich sie in Gedanken mit ihrer Mama. Mama war von oben bis unten rund und hatte tausend Falten im Gesicht. Aber ihre Augen waren wunderschön, besonders wenn sie zornig blitzten. Dann flogen auch Blitze, fast so wie von der Kette der Frau.
Poki stapfte auf die beiden Menschen zu, die sie erst im letzten Augenblick bemerkten. Sie lachten und die Frau strich dem Mann eine Schneeflocke aus dem Gesicht. Sie betrachteten Poki neugierig, als die mit kleinen Trippelschritten näher kam.
„Schau dir das an! Wenn jetzt Weihnachten wär, würde ich denken, das Christkind sei vom Himmel gestiegen!“, rief der Mann belustigt.
„Schätzchen! Komm her. Komm zu uns, komm. Wir tun dir nichts!“, rief die Frau, beugte sich vor und hielt Poki die Hand hin, als würde sie einem Hund eine Wurstscheibe anbieten.
„Ist die süß! Schau dir das niedliche Kleid an! Und die wunderschönen Haare. Nein, was hat die Kleine für eine schöne Gesichtsfarbe. Warst du im Süden, Schätzchen?“
„Hör auf Lore! Das ist eine Zigeunerin! Die sind so braun! Und hübsch sehen die Zigeuner nur aus, solange die jung sind“, sagte der Mann und sog an seiner Zigarre. „Musst die aber mal sehen, wenn die älter werden. Dick, faltig, hässlich! Bah“, sagte der Mann und lachte ganz komisch. Das hörte sich an wie bei den Schweinen auf dem Bauernhof, wenn sie im Schlamm stöberten und dabei vor Glück grunzten.
„Ich bin Poki! Ich verkaufe Streichhölzer. Können Sie mir welche abkaufen?“
„Nein!“, schrie die Frau und zeigte auf Pokis Füße. „Karl! Schau dir das an! Das Kind hat keine Schuhe an!“
„Mein Gott! Was soll denn das werden?“
„Karl, tu doch was! Kauf der Kleinen ein paar Stiefel oder Schuhe – oder irgendwas! Das arme Kind!“
„Schätzchen, die Geschäfte sind zu“, erklärte der Mann mit ruhiger Gelassenheit. „Da müssen wir uns schon was andres einfallen lassen. Wir könnten sie mit rein nehmen; wir haben doch Platz genug am Tisch. Hast du Hunger, Schätzchen?“
„Ja, ich habe Hunger und mir ist kalt. Kaufen Sie mir Streichhölzer ab? Zehn Döschen für fünfzig Cent.“
„Hörst du sie Karl? Ist sie nicht süß. Ich könnte sie glatt adoptieren. Hör mal, Kleine! Möchtest du bei uns wohnen? Hättest du Lust in einem riesigen Haus zu wohnen?“
„Ich wohne im Wohnwagen, bei Mama und Papa. Kaufen Sie mir Streichhölzer ab?“

„Lore, sollen wir sie mit rein nehmen? Wenigsten zum Aufwärmen! – Vielleicht trinkt sie mit uns um Mitternacht ein Glas Sekt.“
„Karl! Was sollen Bergers dazu sagen? Und Königs erst! Die mögen doch überhaupt keine Leute von niederem Stand. Vielleicht hat die sogar Läuse! Huuu! Lass die Kleine lieber da, wo sie hingehört. Gib ihr einen Schein, Karl.“
Der Mann fummelte in seiner Rocktasche und zog ein dickes Bündel strubbelig gefaltetes Geld heraus. Er blätterte mit angefeuchtetem Finger und streckte Poki einen Schein hin, nachdem er ihn nochmals befühlt hatte.
„Da, Schätzchen! Kauf dir eine Limo – oder besser einen warmen Kakao dafür.“
„Karl! Du bist und bleibst ein Geizhals! Weißt du, was ein Glas Champus hier kostet? Und da gibst du unserem Schätzchen nur fünf Euro!“, rief die grüne Frau empört, kramte in ihrem silbernen Handtäschchen und gab Poki einen Schein.
„So, Schätzchen! Wir wollen das alte Jahr doch nicht mit schlechtem Gewissen hinter uns lassen. Steck´s schnell weg. Jetzt hast du schon zehn Euro. Grüß deine Mama von uns. – Und wir wünschen dir einen guten Rutsch ins neue Jahr. – Ha! Jetzt geht’s mir gut, Karl. War doch anständig von mir, oder?“
Damit drehten sie weg und verschwanden im Eingang des Cafés, aus dem leise Musik ertönte.

Auf der Hohen Straße blies der Wind so stark, dass er Poki manchmal leicht anheben konnte. Im Eingang eines großen Musikgeschäftes stellte sie sich unter. Sie musste sich einen Augenblick ausruhen und hier war kein Wind.
Sie hockte sich wieder auf den Rucksack und versteckte die steif gefrorenen Füße unter dem dünnen Kleid. Sie wusste nicht, warum sie traurig war; etwas war nicht richtig mit ihr und mit ihren Hölzern. Niemand wollte die Streichhölzer kaufen; lieber schenkten sie ihr Geld. Sie musste mit Papa sprechen, ganz vorsichtig, denn Papa war empfindlich.
„He, Kleine! Na, biste auch alleine unterwegs?“
Der Mann sah verdreckt und schmuddelig aus. Er trug mindestens fünf Röcke übereinander; seine zweite Hose schaute unten raus. Sein Bart war strubbelig, grau und sehr lang. Die kleinen runden Augen erinnerten Poki schon wieder an die Schweine auf dem Bauerhof im Allgäu.
„Möchten Sie Streichhölzer kaufen? Zehn Döschen für fünfzig Cent.“
„He! Du bist Geschäftsfrau? Hast schon etliche Euros in der Tasche, was? Na sag schon!“
„Ganz wenig hab ich. Nicht viel, die meisten Leute wollen nicht kaufen.“
„Zeig mal her! Wir zählen´s mal, dann weißt du gleich, was du verdient hast.“
„Nein!“, sagte Poki entschieden und hielt ängstlich die Hand auf der Jackentasche.
Der Mann griff mit seinen klobigen Fingern blitzschnell in die Tasche ihrer Jacke, zog mit grellem Auflachen die zwei Scheine heraus.
„Lass mal gucken! Also, – das ist ja ganz schön was!“, rief der schmuddelige Penner.

Dann ging alles blitzschnell. Sie bekam einen Stoß vor die Brust, fiel nach hinten und stieß sich den Kopf an der Tür. Sie schrie vor Schreck und Schmerzen auf.
Der Mann war weg und mit ihm ihr Geld. Sie suchte zitternd den ganzen Boden ab, aber da lag nichts. Die Tränen liefen ihr pausenlos herunter; sie fühlte nichts mehr, war wie in einem Traum.
Poki nahm den Rucksack auf und schlich zurück zum Domplatz. Der heftige Eiswind kam jetzt von vorne, ließ die Nasenlöcher zufrieren. Es schneite heftiger. Als sie am Dom ankam, konnten die Scheinwerfer ihr Licht nicht mehr durch den dichten Schnee zwingen – der Dom war dunkel. Sie schlich um die kantigen Mauern herum, bis sie den Platz fand, an dem ihre Mama immer saß, wenn sie mit Lajos bettelte.
Sie setzte sich auf die eisigen Steine, lehnte den Rücken an die Wand. Im selben Augenblick fingen die Glocken wieder an zu leuten; sie klangen so mächtig, so laut und so durchdringend, dass Poki die Wellen in ihrem dünnen Körper fühlen konnte.
Plötzlich barst die Nacht. Durch den dichten Schnee sah Poki die wunderbarsten Lichter zum Himmel hochsteigen. Es rauschte, knallte, zischte, platzte und tausende bunter Sterne flogen umher. Der Dom war in bunte Farben gehüllt, sah ganz neu aus. Gelbes Licht löste rote Flammen ab; blaue Sterne folgten auf kreisende grüne Bälle.
„Sie begrüßen das neue Jahr“, flüsterte Poki und griff in den Rucksack.
Mit klammen Fingern schüttete sie einige Streichholzdöschen in den Schoß und öffnete eines.
„Ich will´s auch begrüßen, Großmutter. Es soll ein schönes Jahr werden. Ich will mit Lajos und Papa tanzen und ich will – ich will dahin, wo es immer warm ist.“
Sie zündete ein Hölzchen nach dem anderen an, hielt es in die Luft und in ihren Augen waren die kleinen Flammen schöner und prächtiger als alle großen Raketenfeuer. Sie spürte die Wärme und wenn sie ihr Gesicht ganz nah an die brennenden Hölzer hielt, war es fast wie im Sonnenschein auf der warmen Wiese im Allgäu. Es wollte nicht aufhören mit dem Knallen und den freudigen Rufen. Und aus allen Ecken hörte sie Stimmen, helles Lachen, laute Rufe und knallende Sektkorken.
Poki hatte das Gefühl zu schweben, wurde leichter und leichter. Ganz langsam schwebte sie in einen großen, weißen Tunnel. Die Stimmen auf dem Domplatz hallten ganz komisch – weit weg und wurden immer leiser. Die bunten Lichter verblassten, aber dafür wurde das Licht im Tunnel immer weißer. Warm war es hier. Poki ließ die Hände mit dem letzten Streichholz langsam in den Schoß fallen.

Als es stiller wurde in dieser Sylvesternacht, als die übermütigen Rufe verhallt waren, als die letzte Rakete verloschen war, als die Menschen wieder zurück in die warmen Gasthäuser und Wohnungen gegangen waren, da saß Poki in einem Meer abgebrannter Hölzer. Ihre dünnen Arme lagen auf dem quittegelben Kleid. Eine dicke Schneeschicht legte sich beschützend über sie. Ihre Augen waren weit geöffnet, blickten in die Nacht, die wieder Dunkel war.

Am Tag nach Neujahr, als die Menschen ihren Kater schon wieder vergessen hatten, schrieen fünf Zentimeter große Buchstaben auf der Titelseite eines Kölner Boulevardblattes die erste Botschaft des neuen Jahres heraus:
„Unbekanntes Kind in der Sylvesternacht erfroren! Wer kennt dieses Mädchen (siehe Foto)? An der Mauer des Doms fanden frühe Kirchgänger ein kleines Mädchen. Sie scheint in der Silvesternacht unbemerkt aus dem Haus gelaufen zu sein und ist im Schneesturm erfroren.
Wieso ist das in unsrer liebenswerten Stadt möglich? Hat niemand dieses Kind gesehen? Oder hatte man keine Zeit, um das Kind nach Hause zu bringen? Wir sollten uns schämen, dass so ein kleines Mädchen alleine und unbemerkt in der Kälte herum irren musste. Wo waren ihr Eltern? Wenn Sie dieses Mädchen kennen, dann rufen Sie bitte die örtliche Polizeistation an.“

Es gab keinen Anruf. Der Parkplatz am Rhein war wieder leer, die Promenade zeigte sich den Spaziergängern wieder ohne Makel. Nur ein hässlicher Ölfleck hatte sich auf dem Platz ausgebreitet, färbte den Schnee in schillernden Farben – etwa an der Stelle, wo auf der gegenüberliegenden Fahrbahn ein schmutziger, unansehnlicher rosafarbener Pantoffel im Schneematsch lag.

Kaninchen und Frosch in Gesellschaft

von Christa Schmid-Lotz (copyright)

Die Feldmaus hatte zu einem Gartenfest fast alle Tiere eingeladen: den Igel, den Iltis, die Eule, den Specht, den Salamander und wie sie alle heißen. Leider waren nur wenige gekommen, so dass ein langweiliger Abend daraus wurde. Das Kaninchen war auch auf dem Fest. Als er sich ein paar Kohlrüben holen wollte, stolperte er über etwas Kleines, Kaltes, Nasses.

„Nanu, das ist ja ein Frosch! Was treibt dich denn hierher?”

Der Frosch ließ nur das breite Maul herunterhängen und sagte: „Quak.”

„Was ist denn das für eine Antwort?”

„Ach, ich bin eigentlich auf der Wanderschaft. Ich suche den Teich, aus dem ich gekommen bin; erst, wenn ich ihn gefunden habe, werde ich Ruhe finden. Ich bin nur zufällig hier. Und du?”

„Das trifft sich gut,” meinte das Kaninchen, „ich suche meine Höhle, aus der man mich herausgeschmissen hat. Dann können wir ja gemeinsam suchen!”

Gesagt, getan. Ohne der Feldmaus etwas zu sagen, verschwanden sie im hohen Gras. Es wurde Nacht, und jeder verkroch sich in einer Mulde aus Laub, weil keiner den anderen wärmen konnte. Als die ersten Sonnenstrahlen auf sie fielen, standen sie auf und gingen weiter, das Kaninchen hoppelnd, der Frosch hüpfend.

Gegen Nachmittag kamen sie auf eine Waldlichtung, die war vollgestellt mit bunten Zelten.

Viele Kaninchen und Frösche liefen hin und her oder saßen in Gruppen beisammen. Ein besonders dicker Frosch lud die beiden ein, sich zu ihnen zu hocken. Jetzt erfuhren sie, warum sie alle zusammengekommen waren. Der alte böse Wolf hatte angekündigt, er werde jetzt endlich die Kaninchen fangen und fressen. Die Frösche hatten zufällig davon erfahren und waren ihnen zu Hilfe geeilt.

So gingen sie ins Bett; zwei Frösche hielten Wache. Mitten in der Nacht, als alle schliefen, fuhr das Kaninchen mit einem Ruck von seinem Matratzenlager hoch: er hörte ein ständiges leises Knacken im Gebüsch. Vorsichtig weckte er die anderen und schaute durch einen Türspalt hinaus. Da – im Dunkeln sah er zwei glühende Augen, er hörte ein unterdrücktes Keuchen und ein scharfer Geruch drang in seine Nase. Sein Herz schlug bis zum Hals. Was sollte er tun, um sie alle zu retten? Da kam ihm eine Idee: er begann vorsichtig, mit seinen Hinterläufen auf den Boden zu trommeln dogdog – dogdog -, dann immer lauter. Plötzlich trommelten wie auf Kommando tausend Kaninchenn und tausend Frösche schrien auf einmal „Quaak!”, so dass es klang wie ein riesiger Donnerschlag. Der Wolf machte sich vor Schreck in die Hose, zog den Schwanz ein und trottete davon. Ihm war für immer die Lust auf Kaninchenbraten vergangen.
Die Geretteten aber fielen sich vor Freude um den Hals und tanzten bis zum frühen Morgen.

Kaninchen und Frosch sagten den neuen Freunden auf Wiedersehen und zogen weiter, dem Unbekannten entgegen. So hoppelten und hüpften sie einen Tag, noch einen Tag, und endlich sagte der Frosch erschöpft:

„Ich glaube, wir finden meinen Teich und deine Höhle nie. Wohin sollen wir uns nur wenden?”

„Gib den Mut nicht auf”, tröstete ihn das Kaninchen, „ denn – wer sucht, der findet, wenn auch nicht immer das, was er sucht!”

Am siebenmal siebten Tag standen sie vor einem tiefen, dunklen Wald, der ihnen Angst einjagte, aber gleichzeitig zu flüstern und zu wispern schien: „ Kommt herein, hier findet ihr das, was ihr sucht!” Sie nahmen allen Mut zusammen und gingen Hand in Hand hinein. Die Bäume sahen aus wie versteinerte Menschen, Bartflechten hingen herunter und streiften ihre Gesichter. Die Sonne war hinter düsteren Wolken verschwunden und sie liefen immer schneller. Plötzlich machten sie halt, denn sie wären fast in einen fauligen Tümpel gefallen, der sich reglos vor ihnen ausdehnte. Mitten drin erhob sich eine kleine Insel. Der Frosch machte einen Riesenhüpfer.

„Das ist mein Teich, so wie ich ihn in meinen Träumen immer gesehen habe! Ich bin am Ende meiner Suche – hier möchte ich leben.”

„Und was wird aus mir?”, fragte traurig das Kaninchen.

„Du kannst doch auf der Insel leben und deine Kohlrüben anbauen. Dann wären wir jeden Tag und immer zusammen.”

Der Frosch hüpfte in hohem Bogen ins Wasser, das Kaninchen nahm einen Anlauf und landete auf der Insel. Aber, oh Schreck – das war ja gar keine! Sie fing an zu schwanken und wurde immer größer. In Wirklichkeit war es ein Krokodil, das jetzt sein grässliches Maul aufsperrte und das Kaninchen fressen wollte. Er klammerte sich mit aller Kraft an diese warzige Schnauze und betete, dass er nicht herunterfalle.
Der Frosch erschrak sehr darüber, dass er seinen Freund in eine solche Lage gebracht hatte. Er schwamm so schnell es seine Pfötchen erlaubten, hinüber, hopste dem Tier in den Rachen hinein und kitzelte es am Gaumen. Das Krokodil begann zu würgen und prustete dann los.

Schnell sprang das Kaninchen ins Wasser und schwamm ans rettende Ufer, der Frosch, den das Krokodil wieder ausgespuckt hatte, hinterdrein. Mit wackeligen Beinen liefen sie weiter.

In jener Nacht schliefen sie nicht gut, sie träumten, dass sie immerfort im Kreise liefen, verfolgt von Wölfen, Krokodilen und Schlangen.

Nach siebenmal sieben Tagen standen sie am Fuß eines Gebirges, das in den Himmel zu ragen schien. Grau, öde und endlos sah es aus.
„Da müssen wir hindurch”, sagten beide wie aus einem Mund und machten sich auf den schweren Weg. Jeden Morgen, den sie erwachten, sahen sie das Gleiche: graue, tote Steine und Berge.
Schließlich entdeckten sie hoch oben eine Höhle. Das Kaninchen wurde ganz nachdenklich.

„Jetzt bin ich am Ziel”, sagte es, „das ist die Höhle, nach der ich mich immer gesehnt habe.”

„Und was mache ich dann ohne dich?”, fragte der Frosch und ließ das Maul hängen.

„Du bleibst natürlich bei mir. Wir stellen eine Wanne mit Wasser auf, dann kannst du täglich baden und immer bei mir sein.”

Also kletterten sie den Berg hinauf und gingen in die Höhle hinein.
„Schau mal,” jubelte der Kaninchen, „da ist ja ein schönes weiches Bett!” Der Frosch, der todmüde war, ließ sich darauf fallen und streckte sich wohlig aus. Doch – oh graus – es fing an, sich zu bewegen und ein furchterregendes Brummen ertönte unter ihm. Diesmal begriffen sie sofort: sie hatten einen riesigen Bären für ein Bett gehalten. Der versperrte jetzt den Ausgang, so dass sie nicht fliehen konnten. Sie rannten immer weiter in die Höhle hinein. Es wurde enger, zu ihrem Glück, denn irgendwann blieb der Bär stecken und konnte weder vor noch zurück. Die beiden zwängten sich weiter durch den Gang, und endlich sahen sie wieder Tageslicht. Sie traten heraus und waren wie geblendet von der Sonne. Unter ihnen lag ein liebliches Tal, ein Bach schlängelte sich durch eine Wiese, Libellen schwirrten umher, es roch nach Tannenholz und ein Stück weiter weg stand ein gemütliches Häuschen. Aus seinem Schornstein kräuselte sich Rauch in den Himmel. Hand in Hand stiegen sie hinunter.
Was uns wohl diesmal erwartet?

Sie klopften an die Tür des Hauses und sie ging wie von selber auf. Durch zwei Räume schritten sie, ohne irgendjemanden zu sehen. Im dritten Raum hingen zwei große Spiegel an der Wand. Als sie darauf zu gingen, sahen sie einen Frosch und ein Kaninchen, die ihnen grinsend entgegenkamen.
„Sind wir das, oder was?”, wunderte sich das Kaninchen. Die Gestalten kamen jedoch immer näher und plötzlich sprangen die Spiegel entzwei und sie standen wirklich und leibhaftig vor ihnen.
„Seid ihr endlich gekommen,” sagte eine Stimme. Das Kaninchen nahm das Kaninchen, der Frosch den Frosch bei der Hand und sie führten sie zu einem Tisch, der mit den köstlichsten Dingen gedeckt war:

Kohlrübensuppe
Fliegenpfannkuchen
Gelberübensalat
Libellenbraten

Sie streckten die Beine unter den Tisch, Ruhe kehrte ein in ihre Herzen und sie wussten, dass sie am Ziel ihrer Reise angekommen waren.

16. Juli 2002

Von dem Fischer un syner Fru

von Philipp Otto Runge

Dar wöör maal eens en Fischer un syne Fru, de waanden tosamen in’n Pißputt, dicht an der See, un de Fischer güng alle Dage hen un angeld – un he angeld un angeld.

So seet he ook eens by de Angel und seeg jümmer in dat blanke Water henin: un he seet un seet.

Do güng de Angel to Grund, deep ünner, un as he se herup haald, so haald he enen grooten Butt heruut. Do säd de Butt to em «hör maal, Fischer, ik bidd dy, laat my lewen, ik bün keen rechten Butt, ik bün’n verwünschten Prins. Wat helpt dy dat, dat du my doot maakst? i würr dy doch nich recht smecken: sett my wedder in dat Water un laat my swemmen.» «Nu,» säd de Mann, «du bruukst nich so veel Wöörd to maken, eenen Butt, de spreken kann, hadd ik doch wol swemmen laten.» Mit des sett’t he em wedder in dat blanke Water, do güng de Butt to Grund und leet enen langen Strypen Bloot achter sik. So stünn de Fischer up un güng nach syne Fru in’n Pißputt.

«Mann,» säd de Fru, «hest du hüüt niks fungen?» «Ne,» säd de Mann, «ik füng enen Butt, de säd, he wöör en verwünschten Prins, da hebb ik em wedder swemmen laten.» «Hest du dy denn niks wünschd?» söd de Fru. «Ne,» säd de Mann, «wat schull ik my wünschen?» «Ach,» säd de Fru, «dat is doch äwel, hyr man jümmer in’n Pißputt to waanen, dat stinkt un is so eeklig: du haddst uns doch ene lüttje Hütt wünschen kunnt. Ga noch hen un roop em: segg em, wy wählt ‘ne lüttje Hütt hebben, he dait dat gewiß.» «Ach,» säd de Mann, «wat schull ich door noch hengaan?» «I,» säd de Fru, «du haddst em doch fungen, un hest em wedder swemmen laten, he dait dat gewiß. Ga glyk hen.» De Mann wull noch nicht recht, wull awerst syn Fru ook nicht to weddern syn un güng hen na der See.

As he door köhm, wöör de See ganß gröön un geel un goor nich meer so blank. So güng he staan und säd

«Manntje, Manntje, Timpe Te,
Buttje, Buttje in der See,
myne Fru de Ilsebill
will nich so, as ik wol will.»

Do köhm de Butt answemmen un säd «na, wat will se denn?» «Ach,» säd de Mann, «ik hebb dy doch fungen hatt, nu säd myn Fru, ik hadd my doch wat wünschen schullt. Se mag nich meer in’n Pißputt wanen, se wull geern ‘ne Hütt.» «Ga man hen,» säd de Butt, «se hett se all.»

Do güng de Mann hen, un syne Fru seet nich meer in’n Pißputt, dar stünn awerst ene lüttje Hütt, un syne Fru seet vor de Döhr up ene Bänk. Da nöhm syne Fru em by de Hand un säd to em «kumm man herin, süh, nu is dar doch veel beter.» Do güngen se henin, un in de Hütt was een lüttjen Vörplatz un ene lüttje herrliche Stuw un Kamer, wo jem eer Beed stünn, un Kääk un Spysekamer, allens up dat beste, mit Gerädschoppen, un up dat schönnste upgefleyt, Tinntrüüg un Mischen, wat sik darin höört. Un achter was ook en lüttjen Hof mit Hönern un Aanten, un en lüttjen Goorn mit Grönigkeiten un Aaft. «Süh,» säd de Fru, «is dat nich nett?» «Ja,» säd de Mann, «so schall’t blywen, nu wähl wy recht vergnöögt lewen.» «Dat wähl wy uns bedenken,» säd de Fru. Mit des eeten se wat un güngen to Bedd.

So güng dat wol ‘n acht oder veertein Dag, do säd de Fru «hör, Mann, de Hütt is ook goor to eng, un de Hof un de Goorn is so kleen: de Butt hadd uns ook wol een grötter Huus schenken kunnt. Ik much woll in enem grooten stenern Slott wanen; ga hen tom Butt, he schall uns en Slott schenken.» «Ach, Fru,» säd de Mann, «de Hütt is jo god noog, wat wähl wy in’n Slott wanen.» «I wat,» säd de Fru, «ga du man hen, de Butt kann dat jümmer doon.» «Ne, Fru,» säd de Mann, «de Butt hett uns eerst de Hütt gewen, ik mag nu nich all wedder kamen, den Butt muchd et vördreten.» «Ga doch,» säd de Fru, «he kann dat recht good und dait dat geern; ga du man hen.» Dem Mann wöör syn Hart so swoor, un wull nich; he säd by sik sülwen «dat is nich recht,» he güng awerst doch hen.

As he an de See köhm, wöör dat Water ganß vigelett un dunkelblau un grau un dick, un goor nich meer so gröön un geel, doch wöör’t noch still. Do güng he staan un säd

«Manntje, Manntje, Timpe Te,
Buttje, Buttje in der See,
myne Fru de Ilsebill
will nich so, as ik wol will.»

«Na wat will se denn?» säd de Butt. «Ach,» säd de Mann half bedrööft, «se will in’n groot stenern Slott wanen.» «Ga man hen, se stait vör der Döhr,» säd de Butt.

Da güng de Mann hen un dachd, he wull na Huus gaan, as he awerst daar köhm, so stünn door ‘n grooten stenern Pallast, un syn Fru stünn ewen up de Trepp und wull henin gaan: do nöhm se em by de Hand und säd «kumm man herein.» Mit des güng he mit ehr henin, un in dem Slott wöör ene grote Dehl mit marmelstenern Asters, und dar wören so veel Bedeenters, de reten de grooten Dören up, un de Wende wören all blank un mit schöne Tapeten, un in de Zimmers luter gollne Stöhl und Dischen, un krystallen Kroonlüchters hüngen an dem Bähn, un so wöör dat in all de Stuwen und Kamers mit Footdeken: un dat Aeten un de allerbeste Wyn stünn up den Dischen, as wenn se breken wullen. Un achter dem Huse wöör ook’n grooten Hof mit Peerd- und Kohstall, un Kutschwagens up dat allerbeste, ook was door en grooten herrlichen Goorn mit de schönnsten Blomen un fyne Aaftbömer, un en Lustholt wol ‘ne halwe Myl lang, door wören Hirschen un Reh un Hasen drin un allens, wat man sik jümmer wünschen mag. «Na,» säd de Fru, «is dat nun nich schön?» «Ach ja,» säd de Mann, «so schallt’t ook blywen, nu wähl wy ook in dat schöne Slott wanen un wähl tofreden syn.» «Dat wähl wy uns bedenken,» säd de Fru, «un wählen’t beslapen.« Mit des güngen se to Bedd.

Den annern Morgen waakd de Fru to eerst up, dat was jüst Dag, un seeg uut jem ehr Bedd dat herrliche Land vör sik liggen. De Mann reckd sik noch, do stödd se em mit dem Ellbagen in de Syd und säd «Mann, sta up un kyk maal uut dem Fenster. Süh, kunnen wy nich König warden äwer all düt Land? Ga hen tom Butt, wy wählt König syn.» «Ach, Fru,» säd de Mann, «wat wähln wy König syn! ik mag nich König syn.» «Na,» sad de Fru, «wult du nich König syn, so will ik König syn. Ga hen tom Butt, ik will König syn.» «Ach, Fru,» säd de Mann, «wat wullst du König syn? dat mag ik em nich seggen.» «Worüm nich?» säd de Fru, «ga stracks hen, ik mutt König syn.» Do güng de Mann hen un wöör ganß bedröft, dat syne Fru König warden wull. «Dat is nich recht un is nicht recht,» dachd de Mann. He wull nich hen gaan, güng awerst doch hen.

Un as he an de See köhm, do wöör de See ganß swartgrau, un dat Water geerd so von ünnen up und stünk ook ganß fuul. Do güng he staan un säd

«Manntje, Manntje, Timpe Te,
Buttje, Buttje in der See,
myne Fru de Ilsebill
will nich so, as ik wol will.»

«Na wat will se denn?» säd de Butt. «Ach,» säd de Mann, «se will König warden.» «Ga man hen, se is’t all,» säd de Butt.

Do güng de Mann hen, und as he na dem Pallast köhm, so wöör dat Slott veel grötter worren, mit enem grooten Toorn un herrlyken Zyraat doran: un de Schildwach stünn vor de Döhr, un dar wören so väle Soldaten un Pauken un Trumpeten. Un as he in dat Huus köhm, so wöör allens von purem Marmelsteen mit Gold, un sammtne Deken un groote gollne Quasten. Do güngen de Dören von dem Saal up, door de ganße Hofstaat wöör, un syne Fru seet up enem hogen Troon von Gold und Demant, un hadd ene groote gollne Kroon up un den Zepter in der Hand von purem Gold un Edelsteen, un up beyden Syden by ehr stünnen ses Jumpfern in ene Reeg, jümmer ene enen Kops lüttjer as de annere. Do güng he staan und säd «ach, Fru, büst du nu König?» «Ja,» säd de Fru, «nu bün ik König.» Do stünn he und seeg se an, un as he do een Flach so ansehn hadd, säd he «ach, Fru, wat lett dat schöön, wenn du König büst! nu wähl wy ook niks meer wünschen.» «Ne, Mann,» säd de Fru un wöör ganß unruhig, «my waart de Tyd un Wyl al lang, ik kann dat nich meer üthollen. Ga hen tom Butt, König bün ik, nu mutt ik ook Kaiser warden.» «Ach, Fru,» säd de Mann, «wat wullst du Kaiser warden?» «Mann,» säd se, «ga tom Butt, ik will Kaiser syn.» «Ach, Fru,» säd de Mann, «Kaiser kann he nich maken, ik mag dem Butt dat nich seggen; Kaiser is man eenmal im Reich: Kaiser kann de Butt jo nich maken, dat kann un kann he nich.» «Wat,» säd de Fru, «ik bünn König, un du büst man myn Mann, wullt du glyk hengaan? glyk ga hen, kann he König maken, kann he ook Kaiser maken, ik will un will Kaiser syn; glyk ga hen.» Do mussd he hengaan. Do de Mann awer hengüng, wöör em ganß bang, un as he so güng, dachd he be sik «düt gait und gait nich good: Kaiser is to uutvörschaamt, de Butt wart am Ende möd.»

Mit des köhm he an de See, do wöör de See noch ganß swart un dick un füng al so von ünnen up to geeren, dat et so Blasen smeet, un et güng so em Keekwind äwer hen, dat et sik so köhrd; un de Mann wurr groen. Do güng he staan un säd

«Manntje, Manntje, Timpe Te,
Buttje, Buttje in der See,
myne Fru de Ilsebill
will nich so, as ik wol will.»

«Na, wat will se denn?» säd de Butt. «Ach Butt,» säd he, «myn Fru will Kaiser warden.» «Ga man hen,» säd de Butt, «se is’t all.»

Do güng de Mann hen, un as he door köhm, so wöör dat ganße Slott von poleertem Marmelsteen mit albasternen Figuren un gollnen Zyraten. Vör de Döhr marscheerden die Soldaten und se blösen Trumpeten und slögen Pauken un Trummeln: awerst in dem Huse, da güngen de Baronen un Grawen un Herzogen man so as Bedeenters herüm: do makten se em de Dören up, de von luter Gold wören. Un as he herinköhm, door seet syne Fru up enem Troon, de wöör von een Stück Gold, un wöör wol twe Myl hoog: un hadd ene groote gollne Kroon up, de wöör dre Elen hoog un mit Briljanten un Karfunkelsteen besett: in de ene Hand hadde se den Zepter un in de annere Hand den Reichsappel, un up beyden Syden by eer, door stünnen de Trabanten so in twe Regen, jümmer en lüttjer as de annere, von dem allergröttesten Rysen, de wöör twe Myl hoog, bet to dem allerlüttjesten Dwaark, de wöör man so groot as min lüttje Finger. Un vör ehr stünnen so vele Fürsten un Herzogen. Door güng de Mann tüschen staan und säd «Fru, büst du nu Kaiser?» «Ja,» säd se, «ik bün Kaiser.» Do güng he staan un beseeg se sik so recht, un as he se so’n Flach ansehen hadd, so säd he «ach, Fru, wat lett dat schöön, wenn du Kaiser büst.» «Mann,» säd se, «wat staist du door? ik bün nu Kaiser, nu will ik awerst ook Paabst warden, ga hen tom Butt.» «Ach, Fru,» säd de Mann, «watt wulst du man nich? Paabst kannst du nich warden, Paabst is man eenmal in der Kristenhait, dat kann he doch nich maken.» «Mann,» säd se, «ik will Paabst warden, ga glyk hen, ik mutt hüüt noch Paabst warden.» «Ne, Fru,» säd de Mann, «dat mag ik em nich seggen, dat gait nich good, dat is to groff, tom Paabst kann de Butt nich maken.» «Mann, wat Snack!» säd de Fru, «kann he Kaiser maken, kann he ook Paabst maken. Ga foorts hen, ik bünn Kaiser, un du büst man myn Mann, wult du wol hengaan?»

Do wurr he bang un güng hen, em wöör awerst ganß flau, un zitterd un beewd, un de Knee un de Waden slakkerden em. Un dar streek so’n Wind äwer dat Land, un de Wolken flögen, as dat düster wurr gegen Awend: de Bläder waiden von den Bömern, und dat Water güng un bruusd, as kaakd dat, un platschd an dat Üver, un von feern seeg he de Schepen, de schöten in der Noot, un danßden un sprüngen up den Bülgen. Doch wöör de Himmel noch so’n bitten blau in de Midd, awerst an den Syden, door toog dat so recht rood up as en swohr Gewitter. Do güng he recht vörzufft staan in de Angst un säd

«Manntje, Manntje, Timpe Te,
Buttje, Buttje in der See,
myne Fru de Ilsebill
will nich so, as ik wol will.»

«Na, wat will se denn?» säd de Butt. «Ach,» säd de Mann, «se will Paabst warden.» «Ga man hen, se is’t all,» säd de Butt.

Do güng he hen, un as he door köhm, so wöör dar as een groote Kirch mit luter Pallastens ümgewen. Door drängd he sik dorch dat Volk: inwendig was awer allens mit dausend un dausend Lichtern erleuchtet, un syne Fru wöör in luter Gold gekledet, un seet noch up enem veel högeren Troon, un hadde dre groote gollne Kronen up, un üm ehr dar wöör so veel von geistlykem Staat, un up beyden Syden by ehr, door stünnen twe Regen Lichter, dat gröttste so dick und groot as de allergröttste Toorn, bet to dem allerkleensten Käkenlicht; un alle de Kaisers un de Königen, de legen vör ehr up de Kne und küßden ehr den Tüffel. «Fru,» säd de Mann und seeg se so recht an, «büst du nun Paabst?» «Ja,» säd se, «ik bün Paabst.» Do güng he staan un seeg se recht an, un dat wöör, as wenn he in de hell Sunn seeg. As he se do en Flach ansehn hadd, so segt he «ach, Fru, wat lett dat schöön, wenn du Paabst büst!» Se seet awerst ganß styf as en Boom, un rüppeld un röhrd sik nich. Do säd he «Fru, nu sy tofreden, nu du Paabst büst, nu kannst du doch niks meer warden.» «Dat will ik my bedenken,» säd de Fru. Mit des güngen se beyde to Bedd, awerst se wöör nich tofreden, un de Girighait leet se nich slapen, se dachd jümmer, wat se noch warden wull.

De Mann sleep recht good un fast, he hadd den Dag veel lopen, de Fru awerst kunn goor nich inslapen, un smeet sik von en Syd to der annern de ganße Nacht un dachd man jümmer, wat se noch wol warden kunn, un kunn sik doch up niks meer besinnen. Mit des wull de Sünn upgan, un as se dat Margenrood seeg, richt’d se sik äwer End im Bedd un seeg door henin, un as se uut dem Fenster de Sünn so herup kamen seeg, «ha,» dachd se, «kunn ik nich ook de Sünn un de Maan upgaan laten?» «Mann,» säd se un stöd em mit dem Ellbagen in de Ribben, «waak up, ga hen tom Butt, ik will warden as de lewe Gott.» De Mann was noch meist in’n Slaap, awerst he vörschrock sik so, dat he uut dem Bedd füll. He meend, he hadd sik vör höörd, un reef sik de Ogen ut un säd «ach, Fru, wat säd’st du?» «Mann,» säd se, «wenn ik nich de Sünn un de Maan kan upgaan laten, un mutt dat so ansehn, dat de Sünn un de Maan upgaan, ik kann dat nich uuthollen, un hebb kene geruhige Stünd meer, dat ik se nich sülwst kann upgaan laten.» Do seeg se em so recht gräsig an, dat em so’n Schudder äwerleep. «Glyk ga hen, ik will warden as de lewe Gott.» «Ach, Fru,» säd de Mann, un füll vör eer up de Knee, dat kann de Butt nich. Kaiser un Paabst kann he maken, ik bidd dy, sla in dy un blyf Paabst.» Do köhm se in de Booshait, de Hoor flögen ehr so wild üm den Kopp, do reet se sik dat Lyfken up un geef em eens mit dem Foot un schreed «ik holl dat nich uut, un holl dat nich länger uut, wult du hengaan?» Do slööpd he sik de Büxen an un leep wech as unsinnig.

Buten awer güng de Storm, und bruusde, dat he kuum up de Föten staan kunn: de Huser un de Bömer waiden um, un de Baarge beewden, un de Felsenstücken rullden in de See, un de Himmel wöör ganß pickswart, un dat dunnerd un blitzd, un de See güng in so hoge swarte Bülgen as Kirchentöörn un as Baarge, un de hadden bawen alle ene witte Kroon von Schuum up. So schre he, un kun syn egen Woord nich hören,

«Manntje, Manntje, Timpe Te,
Buttje, Buttje in der See,
myne Fru de Ilsebill
will nich so, as ik wol will.»

«Na, wat will se denn?» säd de Butt. «Ach,» säd he, «se will warden as de lewe Gott.» «Ga man hen, se sitt all weder in’n Pißputt.»

Door sitten se noch bet up hüüt un düssen Dag.

Der Turm am Ende der Welt

von Barbara Strauss (copyright)

Es war einmal, fast am Ende der Welt, da gelangte Martin an einen hohen Turm, dessen Spitze in den Wolken verschwand. Er ging einmal um den Turm herum, aber er konnte weder Fenster noch Türen entdecken. Und so ging er noch zweimal um das Bauwerk herum in der Hoffnung, doch noch einen Eingang zu finden. Als er die dritte Runde beendet hatte, ertönte von ganz weit oben plötzlich wunderschöne glockenhelle Musik. Verwundert ging Martin abermals um den Turm herum, und als er drei weitere Runden vollendet hatte, vernahm er eine sanfte Frauenstimme, die zu ihm sprach:

„Willst du in den Turm gelangen,
in welchem man mich hält gefangen,
musst du drei Prüfungen bestehen,
dann darf als Braut ich mit dir gehen!”
Noch viel erstaunter suchte Martin nun mit den Augen das Mauerwerk ab, aber er konnte niemanden entdecken. Also fragte er aufs Geratewohl: „Wer bist du, und warum hält man dich gefangen?” Da kam die Antwort von weit oben:
„Das Ungeheuer, das mich zur Frau begehrt,
hat mich hier oben eingesperrt.
Mein Vater ist König, Prinzessin bin ich.
Ich bitte dich sehr, ach, rette mich!”

„Nun denn, dann sag mir, was ich tun soll, um dich aus dieser Festung zu befreien!“ erwiderte da beherzt der Wanderer.
„Durch drei Gefahren musst du gehen,
willst du befreit mich vor dir sehen:
Zuerst dem Vogel mit den drei Köpfen
die Zauberfedern von jedem Kopfe schröpfen,
dann der gefährlichen Nixe im Teich
die Haare abschneiden sogleich,
zuletzt dem vierhörnigen Stier rauben das Stroh,
hast du dies vollbracht, bin ich von Herzen froh!”

Nachdem Martin erfahren hatte, was er wissen wollte, machte er sich auf den Weg zu dem Berg, auf dem der dreiköpfige Vogel sein Nest hatte. Er pfiff vergnügt vor sich hin, denn ihm schienen die Aufgaben der Prinzessin alles andere als gefährlich. Der junge Mann kletterte die Felswand mit Leichtigkeit hoch, fand das Nest und sah, daß der Vogel ausgeflogen war. Da versteckte er sich und wartete auf den Einbruch der Dunkelheit. „Wenn der Vogel dann kommt”, sprach er zu sich, „wird er wohl gleich einschlafen. Und dann brauche ich mir nur die Federn zu greifen und mich davonschleichen. So einfach ist das!”
Als nur noch ein paar Sonnenstrahlen die höchsten Berggipfel erhellten, rauschte es in der Luft über dem Nest, und ein riesiger Vogel landete. Der Jüngling erschrak. Damit hatte er nicht gerechnet, und jetzt erst bemerkte er, dass das Vogelnest eigentlich viel größer war, als alle Vogelnester, die er bisher gesehen hatte. Sogar ein Adlerhorst war klein dagegen. Inzwischen hatte der Vogel es sich bequem gemacht, und der erste Kopf sank müde zur Seite. Auch dem zweiten Kopf fielen die Augen zu. Jetzt muss ich nur noch warten, bis auch der dritte eingeschlafen ist, freute sich Martin, aber da wartete er umsonst. Wachsam drehte und wendete der Vogel seinen dritten Kopf hin und her, sodass kein herankommen möglich war. Ungeduldig starrte Martin auf die purpurroten, im Dunkeln leuchtenden Federn auf den Köpfen des Tieres, das ansonsten ein unscheinbar graubraunes Federkleid hatte. Nun war guter Rat teuer. Doch endlich sank auch der dritte Kopf sachte zur Seite. Martin freute sich und verließ hurtig sein Versteck. Aber gerade als er das Nest erreichte hatte, begann sich der zweite Kopf zu regen. Martin konnte gerade noch in sein Versteck zurückspringen, da hörte er schon ein bedrohliches Zischen. Furchterregend bohrten sich die Augen des soeben erwachten Kopfes in die Dunkelheit, aber zum Glück konnten sie den Burschen nicht entdecken. Nach einer Weile schlief auch dieser Kopf wieder ein, dafür erwachte der dritte, um Wache zu halten. Und als die Sonne aufging, war Martin in seinem Versteck eingeschlafen. Als er wieder munter wurde, stand die Sonne schon hoch am Himmel, und das Nest war leer. Missmutig er den Abstieg. Als er schon fast unten war, hörte er das ihm nun schon bekannte Rauschen der Flügel des riesigen dreiköpfigen Vogels. Hurtig schlüpfte er in eine Felsspalte und sah, wie der Vogel an einem Wasserloch am Fuße des Berges landete, darin badete und seinen Durst löschte.

Jetzt frohlockte der junge Mann, denn er wusste, was er zu tun hatte. Als es Abend wurde und er den Vogel wieder in seinem Nest wusste, ging er zum nächsten Wirtshaus und kaufte dort mit seinem letzten Geld drei große Fässer mit starkem Weißwein und einen Holzeimer. Mit Mühe rollte er die schweren Fässer zum Wasserloch und begann, das Wasser mit dem Eimer herauszuschöpfen. Dazu brauchte er fast die ganze Nacht. Als das Loch endlich leer war, schüttete er den ganzen Wein hinein, sodass es wieder ganz voll wurde. Zufrieden suchte sich Martin ein bequemes Plätzchen zwischen den Felsen und schlief augenblicklich ein. Um die Mittagszeit wurde er wie erwartet vom Flügelschlag des Vogels geweckt, der sich wieder an dem Wasser gütlich tun wollte. Das Tier badete und trank, und es schien ihm heute besonders zu schmecken, denn es hörte gar nicht mehr auf, von dem seltsamen Wasser zu kosten. Es dauerte nicht lange, da begann der Vogel hin- und herzuschwanken und fiel endlich betrunken auf die Erde. Das war der Moment, auf den Martin gewartet hatte. Blitzschnell sprang er hin und riss die drei Federn von den drei Köpfen. Dabei hatte er leichtes Spiel, denn der Vogel war fest eingeschlafen. Vergnügt zog Martin mit seiner Beute weiter.
Gegen Abend erreichte Martin den Teich der Nixe inmitten eines finsteren Waldes. Er setzte sich ans Ufer und dachte: Eine Nixe wird mir doch hoffentlich nicht gefährlich werden!
Zwar bemerkte er, dass sich kein Reh am Ufer des Teiches sehen ließ, um seinen Durst zu stillen, daß kein Schwan auf der spiegelnden Wasserfläche majestätisch seine Bahn zog und sich kein Fischlein in den Tiefen des Gewässers tummelte, aber er dachte sich nichts dabei. In Wahrheit verhielt es sich aber so, dass die Nixe alles Lebendige fraß, was sich zum oder in den Teich wagte, und so kamen schon längst keine Tiere mehr dort hin.
Um die Nixe hervorzulocken, seufzte der Bursche: „Ach, wie sehr verzehre ich mich vor Sehnsucht nach dir, holde Nixe! Ich bitte dich, lass dich doch sehen!” Kaum hatte er diese schmachtenden Worte gesprochen, tauchte auch schon ein hässliches Weib mit langen grünen Haaren aus der Tiefe des Wassers.
„Habe ich endlich einen Liebsten gefunden!” freute sich die Alte und setzte sich zu Martin. Und gerade, als er sich ihre Haare greifen und davonlaufen wollte, sagte sie: „Lass dich umarmen, mein Lieber, ich haben dich zum Fressen gern!” Dabei schlang sie ihre Arme so fest um den Mann, dass ihm fast die Luft wegblieb und er sich nicht mehr befreien konnte. Sie begann schon, ihn in ihr Reich hinabzuziehen, da fiel ihm eine List ein: „Halt, warte, ich habe dir ja meine Brautgeschenke noch nicht überreicht!” Neugierig hielt die Nixe inne: „ So, wo hast du sie denn?” „Nicht fern von hier, da habe ich 99 Rehlein, die sich an deinem Wasser laben und 99 Schwäne, die über deinen Teich schwimmen und 99 goldene Fischlein, die sich dort unten tummeln sollen.” Martin hatte gerade noch rechtzeitig erkannt, warum es hier keine Tiere gab und die Nixe richtig eingeschätzt. Diese forderte ihn nun auf, die Tiere zu holen. Martin aber bedauerte, dass er nichts habe, womit er die Rehe und Schwäne festbinden könne, um sie zur Nixe zu führen. Da schlug ihm das gefräßige Weib, das sich mit den Fischen alleine nicht begnügen wollte, vor, ihr doch die Haare abzuschneiden, denn die würden wohl reichen, die Tiere anzubinden. Martin schnitt ihr also die langen grünen Haare ganz nah an der Kopfhaut ab und versprach, bis zum Morgengrauen mit den Geschenken zurückzusein. Daran dachte er natürlich nicht einmal im Traum sondern zog frohlockend von dannen.
Zu guter letzt machte er sich auf die Suche nach dem Stier mit den vier Hörnern. Alsbald gelangte er zu dessen Stall, worin das mächtige Tier mit seinen wahrlich furchterregenden Hörnern auf einem großen Haufen Stroh schlief. Martin spähte vorsichtig durch einen Spalt in der Tür und entdeckte am anderen Ende des Stalles ein Fenster, das offen stand. Sogleich machte er sich einen Plan zurecht. Er öffnete das Stalltor weit und rief und pfiff, bis der Stier erwachte. Der sprang auf die Beine, schnaubte vor Wut und stürzte auf den Störenfried zu. Martin aber lief so schnell er konnte um das Gebäude herum, sprang durch das Fenster in den Stall und raffte soviel Stroh zusammen, wie er nur zu tragen vermochte. Als der Stier beim Fenster anlangte und sah, dass der Bursche sein Stroh stahl, machte er kehrt und stürmte zurück zum Stalltor. Martin jedoch warf das Stroh aus dem Fenster, sprang hinterher, lief ebenfalls zum Stalltor und schloss es hinter dem Stier, der sich nun wieder im Stall befand und nach dem Strohdieb suchte. Zufrieden machte sich Martin auf den Weg zurück zum Turm.

Dort angelangt, berührte er mit der ersten Zauberfeder das Mauerwerk , und eine Tür erschien. Nun konnte Martin eintreten. Drinnen aber war es so finster, dass er rein gar nichts sehen konnte. Da hielt er die zweite Zauberfeder hoch, und die leuchtete ihm den Weg. Eine schmale Wendeltreppe führte ihn hoch, an deren Ende er an eine verschlossene Tür gelangte. Als er diese mit der dritten Zauberfeder berührte, sprang sie auf. Kaum aber war die Tür offen, sprang ein riesiger schwarzer Hund mit glühenden Augen, der die Gefangene bewachen sollte, auf ihn zu. „Schnell, wirf das Haar der Nixe über den Hund!” Blitzschnell griff Martin zu dem Haar, dass er sich über die Schulter gelegt hatte und warf es über das Ungetüm. Das Haar verwandelte sich in ein kräftiges Netz, und der Hund verwickelte sich ganz und gar darin. Jetzt konnte sich Martin in dem Turmgemach umsehen und erblickte das lieblichste Mädchen, das er je gesehen hatte. Die Prinzessin begrüßte ihren Befreier, dann nahm sie das Stroh, das Martin mitgebracht hatte, formte daraus eine lebensgroße Puppe und legte sie in ihr Bett. Die Strohpuppe sah dem Mädchen so täuschend ähnlich, dass man wirklich meinen konnte, die Prinzessin schliefe in ihrem Bette.
„So wird das Ungeheuer, das mich gefangen hat, wenn es zurückkehrt, nicht merken, dass ich entkommen bin”, erklärte die schöne junge Frau. „Sobald wir den Turm verlassen haben werden, wird auch das Netz den Hund wieder freigeben, und er wird weiter Wache halten, denn er ist genauso dumm wie er gefährlich ist.”
Und so kam es dann auch: Der Hund hielt getreu Wache, als das Ungeheuer zurück in den Turm kam. Es setzte sich an das Bett seiner vermeintlichen Braut um zu warten, dass diese aufwachen möge. Und es wartete noch, als die Prinzessin und Martin schon längst das Königreich ihres Vaters erreicht hatten und Hochzeit feierten. Und wenn es nicht gestorben ist, dann wartet es noch heute.

Der Kirschbaum

von Barbara Strauss (copyright)

Inmitten von Feldern und Hügeln lebte ein Mann weitab von allen Menschen in einem alten Haus, das in einem großen, verwilderten Garten stand. Ein Zaun umgab den Garten, und das Tor zur Einfahrt war stets mit einer Stahlkette und einem Vorhängeschloss gesichert.

Der Mann ging selten aus, denn das meiste, was er brauchte, holte er sich auch seinem Garten. Er zog Gemüse und erntete Früchte von den Bäumen. Nur wenn es ihn nach Fleisch oder Fisch gelüstete, raffte er sich auf, um zum nächsten Markt zu fahren. Die Leute tuschelten hinter vorgehaltner Hand miteinander, wenn sie ihn sahen, obwohl er immer freundlich war und sie ihn mochten, weil er sich freiwillig dem Alleinsein preisgab. Der einzige Gefährte des Mannes, das wussten alle, war ein großer, schwarzer Hund. Doch den Hund nahm der Mann nie mit, wenn er Haus und Garten verließ. Das Tier musste Haus und Garten bewachen. War der Mann zuhause, ließ er stets das Haustor offen, damit das Tier ungehindert aus und ein konnte. Einen Eindringling musste er nicht fürchten, denn der Hund schreckte alle Menschen ab.

Unter den vielen Obstbäumen im Garten des Mannes gab es einen ganz besonderen. Es war ein alter, ausladender Kirschbaum. Den Hund aber hielt der Mann einzig und allein deswegen, um die Früchte dieses Baumes vor Dieben zu schützen. Niemand sollte jemals von den Kirschen essen und somit hinter ihr Geheimnis kommen. Der Baum trug immer reife Früchte, rund ums Jahr. Wann immer es den Mann danach gelüstete, pflückte er eine von den großen, dunkelroten Kirschen. Sobald er sie in der Hand hielt, verwandelte diese sich in eine schöne Frau, die sofort Liebe für den Mann empfand. Sie sei seine Herzkirsche, flüsterte er ihr ins Ohr, vernaschte sie, spuckte hinterher den Kern achtlos zu Boden und verbannte die Frau aus seinen Gedanken.

So ging das über viele Jahre, und der Mann war zufrieden mit diesem Leben. Einmal aber blieb an einem Kern ein klein wenig Fruchtfleisch hängen und mit dem Fruchtfleisch auch ein Stückchen Erinnerung. Der Kirschkern weinte um seine verlorene Liebe, und sein Kummer drang bis zu den Wurzeln des Kirschbaumes in die Tiefe der Erde. Die Wurzeln nahmen die Kunde auf und leiteten sie weiter bis in die zartesten Zweige, sodass die Kirschen, die daran reiften, erfuhren, welches Schicksal sie erwartete. Sie erschraken so sehr, dass die reifen unter ihnen auf der Stelle abfielen und verfaulten und die unreifen nicht mehr rot wurden, sonder nach und nach verkümmerten.

Tag für Tag ging der Mann zum Baum und musste jedes Mal wieder unverrichteter Dinge zurückkehren. Und mit jedem Tag, der verging, litt er mehr unter der Einsamkeit. Schließlich setzte er sich unter den Kirschbaum, lehnte sich an den Stamm und wollte verzweifeln. Seine Tränen aber rührten die letzte Kirsche, die sich noch im Geäst befand, winzig und grün, und sie begann zu wachsen und zu reifen, bis sie prall und rund und rot war. Sie löste sich vom Zweig und fiel dem Mann direkt in den Schoß. Dieser nahm die Kirsche ungläubig in die Hand, und sofort wurde sie zur Frau. Eilig machte sie ein paar Schritte weg von ihm und sagte, dass er sie nicht anrühren dürfe, wolle er sie bei sich behalten. Er, froh, nicht mehr alleine leben zu müssen, nickte erleichtert und gab ihr den Namen Herzkirsche. Noch lange lebten die beiden zusammen wie Bruder und Schwester. Der Kirschbaum aber trug niemals wieder auch nur eine einzige Frucht.

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