In der Nähe der Morde (oder: Die Tote am Baggersee)
von Annemie Fetten-Winklhofer (copyright)
Der erste Tag
Turbulenzen
Mit quietschenden Reifen stoppen um Mitternacht zwei Polizeiautos auf dem Parkplatz vor dem Kaarster Baggersee. Es ist eine laue, gewitterschwüle Sommernacht. Bei den abgestellten PKW auf dem für „Blind-dates“ bekannten Parkplatz sind die Nummernschilder zugehängt und das Abblendlicht ist eingeschaltet als Erkennungszeichen für „Insider“. Beim Herannahen der beiden mit eingeschaltetem Blaulicht versehenen Polizeifahrzeuge flitzten halb bekleidete Männer und Frauen aus irgendwelchen PKW in irgendwelche anderen Autos, geben Gas und entfernen sich ohne Licht mit laut aufheulendem Motoren. Erst auf der B 7 werden die Scheinwerfer wieder eingeschaltet. Keine Polizei verfolgt sie. Was ist denn los? Eine Razzia? Kann sein. Aber warum rennen die Polizisten in blinder Hast ans Ufer, ohne sich um den Parkplatz zu kümmern? Uwe Meyer, 30 Jahre alt, verheiratet, zwei Kinder im Alter von 6 und 4 Jahren, zieht noch seine Hose hinter dem Lenkrad zurecht und hofft, dass man sein Autokennzeichen nicht festgestellt hat. Eine Razzia ist überfällig. Auch Dealer treiben sich auf diesem Platz herum. In welches Auto seine Gespielin geflüchtet ist, weiß er nicht. Das ist ihm auch gleichgültig. Er verflucht seine Sucht nach Sex-Abenteuern. Er weiß, dass seine Ehe gefährdet ist. Seine niedliche blonde Frau reizt ihn kaum noch. Na ja, eine Ausrede muss ihm für heute Abend schon einfallen, warum er wieder so spät nach Hause kommt. Er sagt einfach, dass er bei seinem Freund Max, den seine Frau wegen dessen Undurchsichtigkeit nicht ausstehen kann, gewesen ist. Ja sicher. Daheim angekommen, stellt er den PKW in die Garage des Einfamilienreihenhauses, schließt die Haustür auf und ruft vergeblich nach seiner Frau Angela. Dann entdeckt er den Zettel auf dem Küchentisch: „Wir verlassen dich. Alles Weitere regelt der Anwalt.“ Auch das noch. Dieses Miststück! Die kriegt keinen Pfennig Unterhalt! Bestimmt ist sie bei ihrer Mutter mit den Kindern untergekrochen – wie schon so oft. Na warte! Wütend und hungrig begibt er sich in seine Stammkneipe um die Ecke. Der Wirt Rudolf hält sich an keine Polizeistunde.
Die Verhaftung
Drei Polizisten sind mit schussbereiten Pistolen vom Parkplatz aus keuchend und schwitzend am Ufer des Baggersees angelangt. Eine einsame männliche Gestalt bewegt sich dort unter wolkenverhangenem nächtlichen Himmel, ein paar Schritte hin, ein paar Schritte her, immer wieder zu derselben Stelle hin, an der zwei weiße Frauenarme aus dem Wasser ragen. Eine Frauenleiche hat sich anscheinend im Wurzelwerk eines Haselnussstrauches am Ufer des Baggerloches verfangen. Lange, schwarze, strähnige Haare schaukeln sacht in den Wellen. Plötzlich kommt starker Wind auf. Die Arme recken sich empor, als wollen sie das Strauchwerk umfassen, um sich ans Ufer zu ziehen. Ein Blitz zerreißt das Dunkel der Nacht und zeigt ein schönes bleiches Frauenantlitz. Der Frauenkörper in schwarzer Seidenunterwäsche wird von einer Welle hochgehoben. Der Donner dröhnt. In dieses Szenarium springt einer der Polizeibeamten in grüner Uniform auf den einsamen Spaziergänger zu. „Sie sind verhaftet!“, schreit er und legt in Windeseile dem verdutzten Mann Handschellen an.
„Willi, bist du verrückt?“ ruft der ältere Kollege. „Nein Rolf, bin ich nicht! Das hier ist ein Paradebeispiel aus der Polizeischule. Denn – den Mörder zieht es an den Tatort zurück!“ „Junge, du hast sie ja nicht alle! Mann Gottes, bist du verrückt geworden? Das ist sicherlich ein Unfall und kein Mord!“ Der dritte Polizist aus dem zweiten Einsatzwagen rennt wild mit den Armen fuchtelnd einem Leichenwagen nach, der ans Ufer rumpelt und prompt stecken bleibt.
In diesem Augenblick hält ein dunkler Mercedes oben auf den Parkplatz , direkt neben dem dort abgestellten einzigen Zivilfahrzeug, einem schwarzen BMW mit Neusser Kennzeichen. Vier Kripobeamte in Zivil springen aus dem Mercedes und stürmen mit entsicherten Pistolen den leergefegten Platz. Erschrocken stellen sie fest: „Der ist ja schon da.“ „Verdammter Mist“, zischt der in der schwarzen Lederjacke, „die Vöglein sind heimgeflogen. Hat ihnen wohl jemand ein Liedchen gezwitschert. Es war bestimmt nicht die Nachtigall! Gucken wir uns mal das Schauspiel unten am See an. Was ist da los? Haben die „grünen Uniformierten“ jemanden erwischt?“ Gemäßigten Schrittes, sich ihrer Wichtigkeit bewusst, nähern sie sich dem Ort des Geschehens. Bevor sie das Ufer erreichen, spielt sich ein kleines Drama dort unten am See in der Dunkelheit ab. Die beiden Ordnungshüter erkennen den Mann, dem voreilig Handschellen angelegt worden sind. Fast trifft sie der Schlag. Blitze zucken, der Donner grollt. „Das ist doch . . . . . , das kann nicht wahr sein! Wir bitten tausendfach um Entschuldigung!“ Die Handschellen werden in Windeseile entfernt. Klick macht es. Der so Behandelte reibt sich die Handgelenke. „Das wird für Sie beide ein böses Nachspiel haben“, bringt er zwischen schmalen Lippen hervor. „Ich, ich war das nicht, ich hab damit nichts zu tun, Herr Polizeidirektor!“, verteidigt sich der Ältere der Polizisten. Der jugendlich wirkende Mann winkt genervt ab. „Was haben Sie überhaupt hier verloren?“, fährt er die zwei Männer barsch an. „Wer hat den Leichenwagen herbeigerufen? Ich warte hier auf den Polizeiarzt. Sperren Sie endlich das Gelände ab! Sie, Sie . . . Nieten!“ Plötzlich wimmelt es nur so von Neugierigen und Reportern. Unzählige Taschenlampen und Blitzlichter erhellen die makabre Szene. Fragen über Fragen werden an die schwitzenden Polizisten und den Polizeidirektor gestellt. „Ich weiß noch gar nichts! Wenden Sie sich morgen an unser Pressebüro!“ ist die ständige monotone Antwort. „Gehen Sie nach Hause.“ „Machen Sie Platz!“ Der herbeigerufene Polizeiarzt drängelt sich durch die gaffende Menge. Wie kommen die vielen Menschen nur so schnell hierher? Die Gewitterwolken entladen sich in vollem Umfang. Die Leiche ist auf dem weichen Uferrand gebettet. Der Polizeiarzt stellt Würgemale am Hals der Toten fest. Keine Atmung, kein Pulsschlag. Er stellt den Totenschein aus. Die Todesursache wird die Obduktion zeigen. Der Bestatter und seine Helfer können nun Ihre Arbeit tun. Sie sind nass bis auf die Haut. Alle Anwesenden reiben sich das Wasser aus den Gesichtern.
Die Männer sargen die Leiche ein, tragen den Sarg bis an den Leichenwagen, schieben ihn durch die geöffnete hintere Klappe und schaffen es nicht, das Auto auf dem weichen Sandboden in Gang zu setzen. Die Räder drehen durch, und mindestens 10 Gaffer schieben den Wagen aus dem Dreck. Der Polizeidirektor, der immer noch seine Handgelenke reibt, dem das Wasser in den eleganten Schuhen schwappt, hat die Leiche zur Obduktion freigegeben. Wer ist diese Frau. Vielmehr: Wer war diese Frau? Ein Fischreiher fliegt hoch über dem See mit einem zappelnden Fisch als Beute im Schnabel. Auch nachts wird gejagt.
Der arme Hund
Was ist los? In kurzen Abständen erschreckt die alte Frau immer wieder dieser lang anhaltende Heulton. Brennt es irgendwo? Die allein lebende Dame in der Parterre-Wohnung des 4-Familienhauses in der Goethestraße 13, dreht sich auf die andere Seite. Das laute Heulen nimmt kein Ende. „Das ist doch ein Hund“, regt sie sich auf. Sie steht auf, nicht ohne zu ächzen, zieht den verwaschenen Hausmantel an. Die langen Ärmel des Nachthemdes gucken raus. Sie vernimmt Schritte und laute Stimmen im Hausflur. Sie macht kein Licht in der Wohnung, zieht die Rollläden im Wohnzimmer hoch und schaut nach draußen auf den Vorgarten und Bürgersteig. Ein Polizeiwagen steht halb auf dem Fußgängerweg vor dem Haus. Und schon entdeckt sie zwei Polizeibeamte, die den schwarzen großen Hund des Nachbarn über ihr an einer langen Leine „abführen“ über den Gehweg zum Törchen hin. Das Heulen verstummt. „Der arme Kerl“, denkt sie mitleidig. „Hat sein Herrchen, der Glatzkopf, ihn wieder allein gelassen.“ Zwei Beamte in grüner Uniform befördern das Tier ins Auto. „Wir fahren sofort ins Tierheim. Ich habe schon angerufen.“ Schwarze Wolken können sich jeden Augenblick wieder entladen. In der Ferne grollt ein zurückweichendes Gewitter. „Was ist das nur für eine Nacht, Willi! Erst der Einsatz am Baggersee und nun dies hier. Ich bin noch pudelnass. “ „Bekleckre dich mal nicht mit Ruhm, Rolf. Unser Einsatz war für die Katz. Wir waren gar nicht zuständig.“ „Aber wir mussten doch dem anonymen Anruf nachgehen“, kontert der jüngere der beiden Beamten. „Ach was, wir hätten sofort die Kripo in Neuss benachrichtigen müssen. Es ist ja nur dem Zufall zu verdanken, dass die Kollegen von der Kripo am Baggersee erschienen sind.
Die hatten den Auftrag, den Parkplatz zu inspizieren. Sie sollten Dealer dingfest machen. Ihr Pech ist, dass der Polizeidirektor mit dabei sein wollte und vor ihnen dort war und allein nichts unternehmen konnte. Und wir Idioten haben mit unserem Tatütata die Männlein und Weiblein vertrieben, die dort ihr Unwesen und ihren Rauschgifthandel treiben.“ „Ja, und nun ist die Aufklärung des Mordes Sache der Kripo.“ „Das ist Sache der Mordkommission.“ „Gib endlich Gas, Rolf. Die im Tierheim wollen sich nicht die ganze Nacht um die Ohren schlagen.“ „Und wie hat der Polizeidirektor von dem Mord erfahren?“ „Du Trottel, der hat sich die Beine am Baggersee vertreten, weil die Beamten von der Drogenfahndung noch nicht zur vereinbarten Zeit eingetroffen waren. Das ist reiner Zufall, dass er zuerst die Leiche entdeckt hat!
Er hat sofort per Handy die Mordkommission informiert. Die sind zu vier Leuten angerückt. Hast du das nicht mehr mitgekriegt? Die können doch die Drogenfahnder nicht ausstehen! Hast du nicht bemerkt, dass sie die weggepöbelt haben? Gib endlich Ruhe, Rolf. Das wenigste ist, dass wir unseren schönen warmen Posten in unserer Dienststelle eintauschen müssen gegen Verkehrskontrollen auf den Straßen.“ „Na danke, ich feiere erst mal krank“, kontert Rolf, der Jüngere. Sie liefern den Hund im Tierheim ab. Eine freundliche Frau mittleren Alters führt das Tier in eine leere Box und schon fängt das Gejaule wieder an. „Was für ein schrecklicher Köter! Morgen müssen wir den Nachbarn des Hundehalters, der uns informiert hat, befragen. Der Hundehalter ist kein Unbekannter und schon wegen kleinerer Delikte aufgefallen. Es ist nicht das erste Mal, dass der Hund wegen Lärmbelästigung aus der Wohnung geholt werden muss.“ „Ja, ja, ich bin müde. Gute Nacht, Rolf.“ Der Wagen hält vor dem Mietshaus in der Schillerstraße 20. Rolf Adel steigt aus. „Bis morgen.“ Er verschwindet hinter der Haustür, drückt auf den Knopf für das Dreiminutenlicht und fällt in seiner Wohnung gestresst auf die Couch im Wohnzimmer und entledigt sich seiner nassen Uniform. Seine Frau schaut herein. „Komm doch ins Bett“, sagt sie, hängt die Uniform auf den Bügel zum Trocknen und verschwindet wieder im Schlafzimmer.
„Was soll nur werden?“ denkt Willi Wodaczek, der den Dienstwagen noch zur Wache bringt. Hier steigt er in seinen eigen PKW und fährt nach Hause. Er ist geschieden. Ihn erwartet ein leerer Kühlschrank und eine unaufgeräumte Wohnung. Er zieht sich seinen alten Schlafanzug an und fällt todmüde ins ungemachte Bett. Auch die alte Frau Jansen in der Parterrewohnung in der Goethestr. 13, legt sich hin und kann nicht einschlafen. „Der Hund, der Hund, der arme Hund“, sinniert sie. „Dieser schreckliche Mensch, der immer diese furchtbaren Stiefel trägt, immer wieder schleppt er neue Freundinnen ran. Männer und Frauen gehen bei ihm nachts ein und aus. Das hat`s zu meiner Zeit nicht gegeben. Mein seliger Hugo war der einzige Mann in meinem Leben. Wenigstens ist der Hund ruhig, wenn er nicht allein in der Wohnung ist. Aber das Grölen der Besucher dringt schon durch die dünnen Wände des Mietshauses. „Ach, was geht es mich an“, denkt sie. Die Nachbarn von gegenüber beschweren sich oft genug, wenn sie ihren Fernseher laut stellt. Kein Hausbewohner bemerkt in dieser Nacht, dass eine Gestalt im dunklen Hausflur, die Treppe zwei Stufen auf einmal nehmend, hocheilt und hinter der Wohnungstür in der 1. Etage verschwindet.
„Diese Idioten haben mir meinen Planet, meinen treuen Hund, wieder aus der Wohnung geholt und dieses Mal sogar die Wohnungstür aufgebrochen. Das kann sich auch die Polizei nicht erlauben. Jetzt benötige auch noch ein neues Schloss. Aber heute Nacht nicht mehr. Diese verdammten Bullen. Die können mir gar nichts wollen. Es ist zwangsläufig so spät geworden. Ich musste die Schlampe Tamara zur Vernunft bringen, auch mit harten Bandagen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die mich anzeigt.
Warum hat sie mich um die Einnahmen geprellt?
Hat die um Gnade gefleht, als ich ihr die Fresse polierte! Hätte mein Freund Leo, der kleine Louis, mich nicht festgehallten, ich weiß nicht, was passiert wäre! Ich hätte sie wohl zu Tode gewürgt. Ich bin abgehauen, während Leo sich um die Ohnmächtige kümmerte, die da in ihrer schwarzen Seidenunterwäsche auf dem Teppich lag. Und meinen Fiffi hole ich mir morgen wieder aus dem Tierheim zurück, wie jedes Mal. Letztendlich habe ich ihn ja mal von dort bekommen.“ Er grübelt und grübelt. „Ich habe mir nichts vorzuwerfen. Ich kann keine Betrügereien zulassen. Wie käme ich denn da hin? Das Leben ist teuer!“ Er zieht seine schweren Springerstiefel aus, seine nassen Jeans und den Overall, setzt sich an den Computer und ruft eine Unzahl von Emails ab. Er lacht und lacht und ist wieder guter Dinge. Er ist Computerexperte, Autodidakt. Sein größtes Hobby ist, unzählige Computerviren in Umlauf zu bringen. Er ist sich sicher, dass er nicht auffallen wird. Und jetzt diese verdammte Angelegenheit mit der Schlampe!“ Er wirft sich aufs Bett. Lautes Schnarchen verrät bald, dass er wenigstens Schlaf gefunden hat.
Der Polizeidirektor
Der Polizeidirektor kann sich nicht beruhigen über die zwei törichten Polizeibeamten. „Ich werde dafür sorgen, dass diese Hohlköpfe kein Unheil mehr anrichten. Die beiden sind ja zu nichts fähig. Himmel Herrgott noch einmal, wie ist so was möglich?“, ärgert er sich immer noch, nachdem er am frühen Morgen endlich wieder zu Hause ist in seiner Jugendstil-Villa am Rande der Stadt und sich nachdenklich seine selbst gemalten Bilder anschaut, die im ganzen Haus die Wände zieren. „Schön“, denkt er. Und er freut sich, dass viele seiner großflächigen Gemälde die Räume und Gänge der umliegenden Gemeindeverwaltungen zieren. Er zieht sich seinen nassen Designeranzug aus und geht unter die Dusche. Ha, tut das gut. Ja, wenn er so überlegt, wie seine Verwaltungslaufbahn begonnen hat. Was er geschafft hat in den Jahren seiner Tätigkeit. Alles ohne Abitur, nur mit Protektion und verbissener Zähigkeit. Nun steht er ganz oben auf der Leiter. In seiner Position hat er viel Macht, die er genießt und ausübt. Seine Frau schläft, als er sich, eingehüllt im schneeweißen Bademantel, ins Schlafzimmer schleicht. Er will sie nicht aufwecken. „Meine schöne Frau“, denkt er gerührt. „Sie sieht genau so aus wie meine Ex, als diese noch jung war. Ja, ja, man fällt immer wieder auf denselben Typ rein. Aber sie ist so ganz anders im Wesen.“ Er knipst das Licht aus und nimmt sich im Einschlafen vor, morgen die beiden Nieten von Polizisten vom Dienst zu suspendieren. „Gute Nacht mein Liebling“, sagt eine sanfte Stimme neben ihm. Er nimmt seine Frau noch in die Arme.
Telefonate
Am Morgen danach ruft Uwe, der verlassene Ehemann, seinen Freund Max, den kleinen Kriminellen, an. Er ist noch benommen von der im Amadeus-Stübchen durchzechten Nacht. Er will sich ausweinen über seine Frau, die Schlampe, die ihn mit den Kindern verlassen hat. Einfach so. Wie wir wissen, lebt Max zu Miete in der Goethestraße 13, und Uwe in einem Reihenhaus in der Goethestraße. Die Reihenhaussiedlung grenzt an die in den 60iger-Jahren erstellten Mietshäuser. Etwa 10 Minuten Fußweg macht das aus, mehr nicht. Die beiden haben sich im Amadeus-Stübchen, der kleinen Kneipe um die Ecke, vor Jahren kennen gelernt und sind dick befreundet. Jeder kennt des anderen Vorlieben. Oft genug haben sie eine Nacht durchgezecht und sich in den Armen gelegen und ihre Freundschaft begossen. Ja, Uwe Meyer bleibt heute zu Hause. Er wird nicht zur Arbeit fahren mit Restalkohol im Blut. Er ist erster Verkäufer in einem renommierten Möbelhaus in Neuss. Die kommen auch mal einen Tag ohne mich aus“, denkt er. „Hallo Max“, begrüßt er seinen Freund am Telefon. Hab ich einen Brummschädel! Stell dir vor, meine Frau hat mich verlassen! Und gestern Nacht war Razzia auf dem Kaarster Parkplatz am Baggersee. Du kennst den doch. Du warst schon mal mit. Die bekloppten Bullen kamen mit Sirenegeheul und Blaulicht angerast. Ich und die anderen konnten entwischen. Ha, ha. Stell dir vor, ich habe soeben im Radio gehört, dass am Kaarster Baggersee in der Nacht eine Frauenleiche gefunden wurde. Der Polizeieinsatz war enorm. Die Drogenfahnder fanden einen leeren Parkplatz vor. Und ausgerechnet der Polizeidirektor hat die Leiche entdeckt, als er auf die Ermittler gewartet hat. Die Leiche ist noch nicht identifiziert. Sie soll eine rassige Alte von ca. 30 Jahren sein mit schwarzen langen Haaren und breiten Beckenknochen. Bekleidet war sie nur mit einem schwarzen Seiden-BH und Höschen. Schade, die hätte ich gerne vernascht!“
Das schlägt wie eine Bombe ein, die Uwe Meyer da durchs Telefon dem Max Huber vor die Füße wirft. Seidene schwarze Unterwäsche? Schwarze Haare? Max Huber wird’s schwarz vor den Augen. Er setzt sich auf den Rand seiner Bettcouch. Das um die Hüften geschlungene weiße Frottiertuch, fällt herunter und gibt eine obszöne Tätowierung am linken Oberschenkel frei. „Das muss ich endlich mal wegmachen lassen“, denkt er völlig sinnlos in diesem Augenblick. „Leo, Leo, mein Freund Leo, was hat er mit der Nutte noch angestellt? Das kann doch nicht wahr sein. Die war nicht tot, als ich abgehauen bin. Hab ich sie tatsächlich zu Tode gewürgt und Leo hat sie entsorgt?“ Die Gedanken überstürzen sich in Bruchteilen von Sekunden. „Was ist los, Uwe, eine Leiche am Baggersee?
Dafür der Polizeieinsatz? Hat man sie denn schon identifiziert?“ jappst er nach Luft ringend ins Telefon. „Das weiß ich doch nicht“, vernimmt er die heisere versoffene Stimme seines Freundes am Telefon. „Mach doch das Radio an. Wenn’s was Neues in dieser Sache gibt, berichten die darüber.“ „Ja, ja. Uwe, stell’ dir vor, die verdammten Bullen haben mir meinen Planet in der Nacht aus der verschlossenen Wohnung geholt. Ich muss den Schlüsseldienst kommen lassen. Das wird mir mein Lieblingsnachbar büßen, das sag ich dir. Ich muss heute noch ins Tierheim, meinen Hund abholen. Warum kläfft der Köter auch so? Ich kann den ja nicht immer mitnehmen. Dass deine Frau dich verlassen hat, finde ich unerhört. Zahl ja keinen Unterhalt. Schick die arbeiten, wenn’s sein muss auf den Strich. Ha, ha, ha. So, ich muss los.
Wir treffen uns sicher heute abend im Amadeus-Stübchen. Tschüss!“ Er zieht sich in Windeseile an und wartet auf den Schlüsseldienst. Das neue Schloss ist schnell eingebaut. Ganz schön teuer!
Der Handwerker besteht auf sofortiger Zahlung in bar. Max zieht seine Springerstiefel an, trinkt eine Tasse schwarzen Kaffee mit viel Zucker und verlässt das Haus in der Hoffnung, dass ihm niemand im Hausflur begegnet. Er hat Glück und steigt in seinen roten VW, der vor dem Haus geparkt ist, dreht den Zündschlüssel, schimpft laut vor sich hin, manövriert hin und her, um aus der engen Lücke herauszukommen. Das Autoradio ist mit der Zündung des Motors in Betrieb gesetzt Superstar Küblböck weint in Australien und spielt Gitarre dazu. Die alte Frau aus der Parterrewohnung beobachtet den Mann und sieht ihn fortfahren. „Eigentlich müsste ich die Polizei anrufen“, denkt sie. „Aber was soll’s? Der Hund muss schließlich wieder aus dem Tierheim geholt werden. Das arme Tier.“ Sie schlurft in die Küche und trinkt koffeinfreien Kaffee aus der Henkeltasse mit der Aufschrift „Jupp“. Die Tasse ist alt und hat einen Riss.
Max Huber ist auf dem Weg zum Night Club an der B 7. Noch hat er die Ortschaft nicht verlassen und muss sich dem Verkehrsaufkommen in der Stadt stellen. Er lenkt unkonzentriert seinen VW, überfährt vor lauter Panik beinahe eine rote Ampel, bringt den Wagen aber noch in einer großen von der vergangenen Nacht übrig gebliebenen Regenpfütze abrupt zum Stehen. Ein Fußgänger droht mit dem geschlossenen Regenschirm. „Ja, ja, diese Autofahrer!“ schimpft eine Frau laut und schaut empört in die Richtung des roten PKW. „Dämliches Weib!“ Sie kann es zum Glück nicht hören.
Was ist los? Was für eine Nachricht hat Max Huber so umgehauen? Die Sensationsmeldung aus dem Radio, die ihn beinahe erstarren lässt, lautet: „Tote Frau vom Baggersee atmet wieder. Ein Notarzt hat irrtümlich diese Frau für tot erklärt. Die vermeintliche Leiche wurde in der vergangenen Nacht leblos am Ufer des Kaarster Baggersees vom Polizeidirektor aufgefunden, der eigentlich nur mit einigen Mitarbeitern von der Drogenfahndung eine Razzia auf dem dortigen Parkplatz durchführen und sich am Ufer des Baggersees die Beine vertreten wollte. Es war ein Riesenrummel entstanden. Der herbeigerufene Polizeiarzt konnte keine Herz- und Atemtätigkeit feststellen. Erst den Gerichtsmedizinern, die die Leiche obduzieren sollten, fiel auf, dass die „Leiche“ atmete. Die Frau liegt im Krankenhaus auf der Intensivstation. Dort wird alles Menschenmögliche für sie getan. Die Staatsanwaltschaft ermittelt bereits gegen den Mediziner, der voreilig den Totenschein ausgestellt hat.“ „O Gott, wenn die Schlampe redet, wenn die redet, dann bin ich dran.“ Max, der Gewaltige, ist der Verzweiflung nahe. Er stellt sich vor, wie er im weißen Kittel ins Krankenhaus schleicht, einen Wäschewagen auf die Intensivstation schiebt und der kleinen Hure die Schläuche entfernt. Aber so leicht wird das nicht sein. Er muss unbedingt mit Leo sprechen, ehe die Polizei dort auftaucht. Die Ampel zeigt Grün. Der Himmel über der Stadt ist rein gewaschen. Max, der Mann mit den starken Nerven, betritt dass einsame liegende Haus an der B 7, das etwa 5 Kilometer von der geschlossenen Ortschaft entfernt liegt. Das Neonlicht NIGHT CLUB ist ausgeschaltet. Die Sonne brennt heiß und bringt die nasse Erde zum Dampfen. Max besitzt einen Schlüssel für das Etablissement. „Leo!“, kreischt er in höchster Verzweiflung, als er das Haus betritt.
Ein dicker roter verfleckter Läufer verschluckt die harten Tritte seiner Springerstiefel. „Leo!“ schreit er noch einmal. „Was ist los?“ Leos Stimme ertönt von oben herunter. Unten auf dem düsteren Gang öffnet sich eine Tür. „Du traust dich noch hierher?“ fragt eine attraktive Frau mit langen schwarzen Haaren. Sie trägt eine große dunkle Sonnenbrille. „Ich werde dich anzeigen bei der Polizei, du gemeiner Kerl! Du hast mich beinahe totgeschlagen!“ droht sie, obwohl sie genau weiß, dass sie ohne Papiere überhaupt nichts unternehmen kann. Außerdem hält sie sich illegal in der Bundesrepublik auf. Das hat ihr Leo schon beigebracht. Wäre sie doch nie auf die Versprechungen reingefallen, die ihr dieser nette Mensch vor einem Jahr in Polen gemacht hat. In einer Ballettgruppe im Rheinischen Landestheater in Neuss sollte sie auftreten und tanzen. Stattdessen ist sie im NIGHT CLUB gelandet und muss jeden Cent für erzwungene Liebesdienste an die beiden skrupellosen Männer abliefern. Außerdem soll sie „Koks“ an den Mann, bzw. die Männer verkaufen. Aber Max, aber Max, der kleine Zuhälter, einer ihrer Peiniger, starrt voller Entsetzen auf dieses verquollene und dennoch schöne Gesicht im zerschlissenen roten Morgenmantel. Sie trägt darunter wieder diese elegante schwarze Seidenwäsche. Er kann es nicht fassen. „Wieso bist du hier? Hat Leo deine Leiche nicht zum Kaarster See gebracht?“ röchelt er. Ihm wird schwarz vor Augen. Er fällt um wie ein nasser Sack. Eine gnädige Ohnmacht hält ihn umfangen. Als er wach wird, liegt er auf einer Couch. Leo sitzt auf einem Stuhl neben ihm und zieht das Riechfläschchen weg, das er ihm unter die Nase hält. „Ich dachte, Tamara, die Betrügerin, wäre die Tote vom Baggersee. Nach den Nachrichten im Radio musste ich annehmen, sie sei tot, als ich euch gestern abend verlassen habe. Ich glaubte, du hättest ihre Leiche in den Kaarster See geworfen. „Was spinnst du dir da zusammen?“ fährt ihn Leo wütend an.
Max richtet sich auf. „Hast du denn keine Nachrichten gehört?“, fragt er benommen. „Da hab ich wahrhaftig keine Zeit zu“, bekommt er zur Antwort. „Ich musste erst mal Tamara beruhigen. Die will dich unbedingt anzeigen. Ich denke, das habe ich ihr ausgeredet. Unseren “Hausarzt“ musste ich für deine und seine Behandlung weit über der Gebührenordnung bezahlen, damit er das Maul hält. Das Geld krieg ich von dir zurück, mein Freund.“ „Wenn das alles ist!“ stöhnt Max erleichtert auf. Er holt sein Handy aus der Gesäßtasche und ruft seinen Freund Uwe an. „Uwe, fährst du mit mir zum Tierheim, Planet abholen?“
Ein schwarzer Tag
Für die beiden Polizisten ist dies der schwärzeste Tag ihres Lebens. Sie müssen bei der Kreispolizeibehörde in Neuss vorstellig werden, erklärt ihnen der Vorgesetzte in ihrer örtlichen Dienststelle, als sie voller Mitteilungsbedürfnis am Morgen ihr Büro betreten. Im PKW von Willi fahren sie über die Autobahn nach Neuss.
In der Kreispolizeibehörde herrscht helle Aufregung. Die Sekretärinnen tuscheln in den Gängen.
Die Presseleute laufen geschäftig im Haus hin und her, rauf und runter. Im Vorzimmer des Kreispolizeidirektors fordert der oberste Chef die zwei Männer in der grünen Uniform höchstpersönlich auf, ihre Waffen abzuliefern. „Sie können sich vielleicht vorstellen, dass ich Leute wie sie nicht gebrauchen kann! Gehen Sie mir aus den Augen!“ „Aber, aber, ich habe doch gar nichts damit zu tun.“ „Papperlapp, Sie hätten ihren jungen Kollegen zurückhalten können! RRRaus!“
Der Polizeidirektor rauft sich seine dichten graumelierten Haare und ist sofort wieder umringt von Presseleuten. Aber auch er wird es mal leid. „Wenden Sie sich ans Pressebüro!“, schnauzt er plötzlich und knallt die Tür den verdutzten Reportern vor der Nase zu. „Lieselottchen, Kaffee, Kaffee!“, stöhnt er. Die ältliche tüchtige Sekretärin gießt eine Tasse Kaffee ein und trägt sie in das hinter dem Vorzimmer liegende Büro. „Ich will für die nächste Stunde nicht gestört werden!“ „Das mach ich doch!“ Lieselottchen wieselt zurück an ihren Computer und erledigt die normalen täglich anfallenden Aufgaben. Die Kunde von der Tölpelhaftigkeit der beiden Beamten am Baggersee hat sich wie ein Lauffeuer in der Verwaltung verbreitet. Die Reporter bestürmen die beiden. So schnell wie möglich verlassen sie das Haus, verfolgt von der Meute, die ihnen das Mikrofon unter die Nase hält. Ihr einziger Kommentar lautet: „Wir bringen die Angelegenheit vors Arbeitsgericht!“ Zu allem Überfluss erfahren sie von den Reportern, dass die vermeintliche Leiche vom Kaarster See nicht tot ist. Und – der Polizeidirektor ist der Lebensretter. Hätte er sie nicht entdeckt, wäre sie in ein paar Minuten mausetot gewesen. Sie liegt im Krankenhaus auf der Intensivstation. Ihre Identität ist noch unbekannt. Die lokale Presse, die mit allem nur möglichen Unsinn ihr Sommerloch zustopft, hat einen Aufhänger gefunden. Das wird ja eine wahre Freude für die Leser. Der Polizeidirektor rettet das Leben einer schwerst misshandelten jungen Frau! Aber – was hat er schon dazu getan? Es war alles ein großer Zufall. „Das sehe ich nicht ein, dass ich für deine Unvernunft meinen Kopf hinhalten muss“, zischt der Ältere dem Jüngerem soeben aus dem Polizeidienst entlassenen Beamten zu, als sie endlich, immer noch umringt von Reportern, ins Auto steigen. Ihre Uniformen sollen sie am nächsten Tag in ihrer ehemaligen Dienststelle in Grevenbroich abliefern.
Der zweite Tag
Frau Jansen, die alte Frau
Schon am frühen Morgen brennt die Sonne heiß und durchsticht unbarmherzig mit ihrem Brennglas den Ozonmantel, der die Menschen eigentlich vor ihren Strahlen schützen soll. An die Wärmegewitter der vergangenen Nacht erinnern nur noch die verdunstenden Regenpfützen in den Schlaglöchern der Straße. In der Goethestraße 13 geht es lebhaft zu. Der Selbstschließer an der in hässlichem Braun überstrichenen Haustür funktioniert nicht. Kein Mensch, der das Haus verlässt, hält die Tür an. Laut knallt sie zu.. Die beiden schulpflichtigen Geschwister, Annika und Robert aus der 2. Etage, besuchen die Grundschule und poltern wie immer um 7.30 aus dem Haus. Ihre Eltern sind schon fort zur Arbeit. Das verrostete Vorgartentörchen quietscht. Als sei der Leibhaftige hinter ihnen her, rennen die beiden zur nahe gelegenen Bushaltestelle.
„Nicht so schnell!“, ruft die alte Frau Jansen vom Balkon aus hinterher. „Der Bus kommt doch noch gar nicht!“ Die beiden stieben davon, halten aber im Bus einen Platz für sie frei, als sie einsteigt. Sie muss heute zum Arzt in der Stadt. Mit lautem Hallo werden Geschwister von den übrigen Schulkindern begrüßt. Mit einem Seufzer lässt sich die alte Frau auf einen harten Fensterplatz fallen. Einen ohrenbetäubenden Lärm verbreiten die Schüler. Einige grinsen vor sich hin und tippen fleißig auf ihren Handys herum. Sie verschicken schon am frühen Morgen ihre SMS. Im Bus riecht es nach Schweiß. Frau Jansen öffnet ihre Handtasche und vergewissert sich, dass sie auch den 10-EURO-Schein für die Praxisgebühr passend hat. So früh geht sie ungern zum Arzt. Aber die Blutsenkung ist wieder mal fällig.
Auf der Hauptverkehrsstraße parken die Autos in der 2. Reihe und behindern den Durchgangsverkehr. Gekonnt jongliert der Fahrer seinen Bus durch die enge Gasse, ohne die Geschwindigkeit zu drosseln. Endlich – Haltestelle Schillerschule. Ein Pulk von lärmenden Kindern drängelt sich nach draußen. „Gott sei Dank“, denkt Frau Hansen erleichtert. Sie mag keine Kinder. Sie hat nie welche gehabt. Sie steigt an der übernächsten Haltestelle aus. Sie überquert die Straße neben dem Fußgängerüberweg und stört sich nicht an dem wilden Gehupe der Autos. Sie betritt das Ärztehaus und begibt sich in die Praxis ihres Hausarztes. „Guten Morgen, Frau Jansen“, wird sie freundlich von der Arzthelferin hinter der Theke begrüßt. „Nehmen Sie einen Moment im Wartezimmer Platz.“ Das tut sie. Dort liegt die druckfrische BILD auf dem Tisch. Die Wartenden unterhalten sich aufgeregt über das Geschehen am Baggersee, über die vermeintlich tote Frau, die lebt und noch nicht identifiziert ist. „Lesen Sie mal“, wird sie aufgefordert. Sie setzt sich die Lesebrille auf und überfliegt die fett gedruckte Schlagzeile auf der Titelseite: Unser Kreispolizeidirektor rettet toter Frau am Baggersee das Leben. Die junge schöne Frau liegt noch im Koma. „So ein Quatsch“, ereifert sich Frau Jansen. „Der Polizeidirektor ist doch nicht der Heiland, der Tote zum Leben erwecken kann!“ „Ja, ja, die Bild muss immer übertreiben!“ gibt ihr der neben ihr sitzende Mann recht. Sie wird aufgerufen. Sie hätte so gern diskutiert.. Die übrigen Wartenden unterhalten sich weiter. Die einzige interessante Frage lautet: „Wer mag diese Frau sein? Sollte sie umgebracht werden? Hoffentlich kommt die Ärmste durch!“ Das Foto, das die halbe Titelseite einnimmt, zeigt den Polizeidirektor in Hemdsärmeln wie er sich die Handgelenke reibt. “Ein attraktiver Mann“, sind sich die Wartenden einig. Die beiden Polizisten, die ihn irrtümlich verhaftet haben sollen, werden auch erwähnt, aber ohne Angabe der Namen. Natürlich kippt Frau Jansen wieder vom Stuhl, als die Schwester die Vene nicht finden kann. Sie wird auf die Liege befördert und mit Traubenzucker gefüttert.
Aber dann wird alles gut Abschließend geht sie in die Cafeteria vom Kaufhof, um sich eine Tasse Kaffee zu gönnen. Die Cafes in der Stadt sind um diese Zeit alle geschlossen. Tagesgespräch ist auch in der Cafeteria der Vorfall vom Kaarster See.
Max Huber, der kleine Kriminelle
Max Huber stellt seinen roten VW auf dem Parkplatz vor dem Krankenhaus in der Stadt ab. Sein T-Shirt ist durchgeschwitzt, sein Hund noch im Tierheim. Er hatte Uwe gestern nicht mehr erreicht. Aber heute muss sein Hund abgeholt werden. Eine Mitarbeiterin aus dem Tierheim hat schon in aller Frühe, bevor der Schlüsseldienst da war, angerufen und gefragt, wann er seinen Hund wieder abholt und ob er ihn überhupt noch haben will. Diese Schlampe! Was für eine Frage! Einen gemischten Blumenstrauß kauft er am Kiosk im Krankenhaus. Teuer. Er weiß ja, dass eigentlich alles gut ist. Er spürt immer noch den Druck und dann so was wie Erleichterung, dass sein Freund Leo die von ihm gewürgte Schlampe nicht in den zum Kaarster See befördert hat. Er ist ein wahrer Freund. Er hätte es sicher raffinierter angestellt. Tamara wird ihn nicht anzeigen. Das käme wohl einem Todesurteil gleich. Aber wer ist die gerettete vermeintliche „Tote“ auf der Intensivstation? Er muss sie sehen, wenn ihm nicht alles Geschehen von gestern abend im NIGHT CLUB wie ein böser Traum vorkommen soll. Es ist alles so unwirklich. Er erfährt schon in der Empfangshalle durch das laute Geschwätz zweier Schwesternschülerinnen, dass die Frau vom Baggersee auf die Überwachungsstation verlegt worden ist. Er folgt dem grün aufgezeichneten Strich und amüsiert sich, dass er „auf den Strich“ geht. Reges Leben und Treiben herrscht an diesem Morgen auf den Gängen. Frühstücksgeschirr wird abgeräumt. Immer weiter durch automatisch sich öffnende Türen geht er.
Er ist bemüht, so leise wie möglich mit seinen Springerstiefeln aufzutreten. Niemand fragt ihn, kein Mensch hält ihn auf. Vor dem großen Fenster der Überwachungsstation bleibt er endlich stehen. Der schwere Vorhang ist zurückgezogen. Er hält beide Hände über die Augen und presst sein Gesicht an die Glasscheibe. Mehrere Betten stehen an der Wand. Vor jedem Bett ist ein separater Vorhang angebracht.
Am zweiten Bett in der Reihe ist der Vorhang nicht zugezogen. Er sieht ein blasses Frauengesicht. Die dunklen Augen sind geöffnet. Sogar ein Lächeln meint er zwischen den Schläuchen zu erkennen. Zwei Schwestern laufen vorbei. Wortfetzen, die sie sich zuwerfen, nimmt er auf: „Gott sei Dank, die Frau ist aus dem Koma erwacht. Der Arzt hatte sie schon aufgegeben. Eine wahre Schönheit ist sie. Sie ist eben erst von der Intensivstation auf die Überwachungsstation verlegt worden. Die wird ja später einiges zu erzählen haben.“ „Die hat ja tatsächlich eine unwahrscheinliche Ähnlichkeit mit Tamara“, stellt er schaudernd fest. Ihm wird kalt unter seinem nass geschwitzten T-Shirt. Er kann es immer noch nicht fassen, dass er absolut mit diesem Fall nichts zu tun haben soll. Aber – dem Himmel sei Dank. Ein Ärzteteam rauscht mit wehenden Kitteln heran. „Was haben Sie hier zu suchen?“, wird er angeschnauzt. „Nichts, nichts. Ich habe mich in dem großen Kasten nur verlaufen.“ Die Ärzte bleiben am Bett der jungen Frau stehen. Max Huber, der kleine Kriminelle, hat sich endlich von jeglichem Schuldbewusstsein befreit. Seine Stiefel klopfen die langen Gänge zurück bis hin zum Ausgang. Den Blumenstrauß wirft er im Vorbeigehen in einen Abfallbehälter. Es kann nichts passieren. Beinahe gut gelaunt setzt er sich in sein Auto, gibt Gas und fährt in die Stadt. Er zieht einen Parkschein an der Schranke zum Kaufhofparkplatz, sucht einen Abstellplatz. „Jetzt ist ein Frühstück fällig“, gesteht er sich zu. Böse Blicke folgen ihm, als er zwei Stufen auf einmal nehmend, die Rolltreppe im Kaufhaus hochfährt.
Klapp, klapp krachen die spitzen Springerstiefel auf den frisch geputzten Boden. Ein paar Gäste sitzen in der Cafeteria. Er stellt sich ein reichhaltiges Frühstück zusammen. Am Fenster entdeckt er seine Nachbarin, Frau Janssen, allein am Tisch sitzend mit einem Pott Kaffee vor sich und der Bildzeitung in der Hand. Er jongliert sein Tablett in die Raucherecke. Der Kaffee schwappt über. Er nimmt an einem leeren Tisch Platz und ruft über Handy seinen Freund Uwe Meyer an. Tatsächlich erreicht er ihn. Dieser kommt kurze Zeit später in die Cafeteria. Er ist unrasiert und wirkt übernächtigt. „Tagchen“. Die beiden Freunde klopfen sich auf die Schulter und Uwe schlürft an einem Pott heißen Kaffee. „Verdammt heiß“, meint er. Sein Hemd ist durchnässt von Schweiß. Am Nebentisch der Mann mit Schnauzer spuckt seinen Kautabak einfach auf den Boden. Vier Männer sitzen dort. Die Unterhaltung ist recht laut. „Wie tapfer unser Polizeidirektor ist. Der wird bestimmt mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.“ „Mensch, das hat er doch schon“, Die Männer haben kein anderes Thema. Uwe hält sich die Ohren zu. Die Aufmerksamkeit der Gäste wird plötzlich auf eine männliche Person gelenkt. Breitbeinig steht ein junger Mann in Jeans an dem Kaffeeautomaten und randaliert, belästigt die neben ihm stehende Frau, die vor Schreck die Kaffeetasse fallen lässt. „Ich bin Polizist!“, schreit er. „Hier ist mein Ausweis!“ Er pöbelt weitere Gäste an. Die herbeigerufene Polizeistreife kann ihn kaum beruhigen. „Aha! Das ist ja unser ehemaliger Kollege vom Baggersee!“ erkennen sie ihn. Er attackiert sie mit Fußtritten und beleidigt sie mit deftigen Ausdrücken. Er wird schließlich überwältigt und abgeführt und wird wohl in der Arrestzelle eine völlig andere Wirkungsstätte als früher kennen lernen.
Dann geht alles blitzschnell. Dieser Morgen wird den in der Cafeteria Anwesenden wohl lange im Gedächtnis bleiben. Die Beamten von der Drogenfahndung haben es geschafft, einen Durchsuchungsbefehl für Max Hubers Wohnung und dem Haus von Uwe Meyer durchzusetzen. Beide Männer waren nicht anwesend, als die Kripo die Wohnungen durchsuchte. Beide Male war der Schlüsseldienst der Sesam öffne dich. Sie sind fündig geworden und haben Heroen sichergestellt. Den Tipp haben sie von der Ehefrau von Uwe Meyer erhalten, ebenso den vermutlichen derzeitigen Aufenthaltsort. „Zwei Vögelchen auf einmal für den Käfig“, freut sich der Beamte in der schwarzen Lederjacke. „Der muss aber schwitzen“, denkt Frau Jansen, die gar keine Angst verspürt bei den Schauspielen, die ihr geboten werden. Die Beamten streben auf den Tisch der nichtsahnenden beiden Männer zu. Ehe die sich besinnen können, macht es klick um ihre Handgelenke.
Sie werden abgeführt. „Diese verdammte Schlampe hat mich verraten“, setzt es sich in beiden Köpfen fest. Jeder bezichtigt eine andere Frau. Sie wissen nicht, dass diese Verhaftung „nur“ auf ihren Drogenbesitz zurückzuführen ist. Ihre Straftatenpaillette wird schon noch mit Körperverletzung und Erregung öffentlichen Ärgernisses ergänzt werden. Sie erregen großes Aufsehen, als sie durch das Kaufhaus abgeführt werden. Und wer sitzt wie ein Häufchen Elend hinter den vergitterten Fenstern des Polizeiautos? Freund Leo, der kleine Stenz. Auch in seinem NIGHT CLUB war die Hausdurchsuchung erfolgreich.
Die Auflösung
Was ist eigentlich los? Es ist kein Mord geschehen, nur zwei Beinah-Morde. Tamara, die schöne Polin aus dem NIGHT CLUB , hat ihre Peiniger Max Huber und Leo Malhofer bei der Polizei angezeigt, auch wegen Rauschgiftbesitzes. Alle drei Freunde sitzen in Untersuchungshaft.
Die Aufklärung des Geschehens am Baggersee?
Der Polizeidirektor höchstpersönlich hat die aus dem Koma erwachte junge Frau befragt. Sie kann reden. Sie wollte sich von ihrem gewalttätigen Ehemann trennen. Sie war in ihren Wohnwagen nach Witzhelden geflüchtet. Ihr eifersüchtiger Ehemann hat sie dort spät abends aufgespürt und sie alkoholisiert so zugerichtet und gewürgt, dass sie ohnmächtig wurde. Er musste annehmen, sie sei tot. Er wollte die Leiche in den Tiefen des Baggersees in Kaarst versenken, was Gott sei Dank fehlgeschlagen ist. Pech für ihn ist nur, dass er nach Venlo flüchten wollte und die Zöllner an der holländischen Grenze bei einer Routinekontrolle Heroin bei ihm sichergestellt haben. Für versuchten Totschlag an seiner Frau hat er sich demnächst zu verantworten. Erst einmal ist er in der geschlossenen Psychiatrie gelandet. Seine Frau lässt sich scheiden. Der Polizeidirektor hat ihr eine Stelle als Telefonistin in der Kreisverwaltung versprochen.
So sind alle unter Dach und Fach. Tamara wird nach Polen zurückgehen. Dort wartet ihre kleine Tochter auf sie. Uwes Frau hat die Scheidung eingereicht. Frau Jansen, die alte Dame aus der Goethestraße 13, geht jeden Tag mit einem großen schwarzen Hund spazieren. Der Kaufhof wird zwei frühere Polizisten als Kaufhausdetektive einstellen. Der NIGHT CLUB an der B7 wird für immer geschlossen. Der Parkplatz am Baggersee bleibt unter ständiger Kontrolle der Polizei. Da spielt sich nichts Amouröses mehr ab.
Ende der Geschichte.
Und wenn sie nicht gelogen ist, ist sie auch nicht wahr.