In der Nähe der Morde (oder: Die Tote am Baggersee)

von Annemie Fetten-Winklhofer (copyright)

Der erste Tag

Turbulenzen
Mit quietschenden Reifen stoppen um Mitternacht zwei Polizeiautos auf dem Parkplatz vor dem Kaarster Baggersee. Es ist eine laue, gewitterschwüle Sommernacht. Bei den abgestellten PKW auf dem für „Blind-dates“ bekannten Parkplatz sind die Nummernschilder zugehängt und das Abblendlicht ist eingeschaltet als Erkennungszeichen für „Insider“. Beim Herannahen der beiden mit eingeschaltetem Blaulicht versehenen Polizeifahrzeuge flitzten halb bekleidete Männer und Frauen aus irgendwelchen PKW in irgendwelche anderen Autos, geben Gas und entfernen sich ohne Licht mit laut aufheulendem Motoren. Erst auf der B 7 werden die Scheinwerfer wieder eingeschaltet. Keine Polizei verfolgt sie. Was ist denn los? Eine Razzia? Kann sein. Aber warum rennen die Polizisten in blinder Hast ans Ufer, ohne sich um den Parkplatz zu kümmern? Uwe Meyer, 30 Jahre alt, verheiratet, zwei Kinder im Alter von 6 und 4 Jahren, zieht noch seine Hose hinter dem Lenkrad zurecht und hofft, dass man sein Autokennzeichen nicht festgestellt hat. Eine Razzia ist überfällig. Auch Dealer treiben sich auf diesem Platz herum. In welches Auto seine Gespielin geflüchtet ist, weiß er nicht. Das ist ihm auch gleichgültig. Er verflucht seine Sucht nach Sex-Abenteuern. Er weiß, dass seine Ehe gefährdet ist. Seine niedliche blonde Frau reizt ihn kaum noch. Na ja, eine Ausrede muss ihm für heute Abend schon einfallen, warum er wieder so spät nach Hause kommt. Er sagt einfach, dass er bei seinem Freund Max, den seine Frau wegen dessen Undurchsichtigkeit nicht ausstehen kann, gewesen ist. Ja sicher. Daheim angekommen, stellt er den PKW in die Garage des Einfamilienreihenhauses, schließt die Haustür auf und ruft vergeblich nach seiner Frau Angela. Dann entdeckt er den Zettel auf dem Küchentisch: „Wir verlassen dich. Alles Weitere regelt der Anwalt.“ Auch das noch. Dieses Miststück! Die kriegt keinen Pfennig Unterhalt! Bestimmt ist sie bei ihrer Mutter mit den Kindern untergekrochen – wie schon so oft. Na warte! Wütend und hungrig begibt er sich in seine Stammkneipe um die Ecke. Der Wirt Rudolf hält sich an keine Polizeistunde.

Die Verhaftung
Drei Polizisten sind mit schussbereiten Pistolen vom Parkplatz aus keuchend und schwitzend am Ufer des Baggersees angelangt. Eine einsame männliche Gestalt bewegt sich dort unter wolkenverhangenem nächtlichen Himmel, ein paar Schritte hin, ein paar Schritte her, immer wieder zu derselben Stelle hin, an der zwei weiße Frauenarme aus dem Wasser ragen. Eine Frauenleiche hat sich anscheinend im Wurzelwerk eines Haselnussstrauches am Ufer des Baggerloches verfangen. Lange, schwarze, strähnige Haare schaukeln sacht in den Wellen. Plötzlich kommt starker Wind auf. Die Arme recken sich empor, als wollen sie das Strauchwerk umfassen, um sich ans Ufer zu ziehen. Ein Blitz zerreißt das Dunkel der Nacht und zeigt ein schönes bleiches Frauenantlitz. Der Frauenkörper in schwarzer Seidenunterwäsche wird von einer Welle hochgehoben. Der Donner dröhnt. In dieses Szenarium springt einer der Polizeibeamten in grüner Uniform auf den einsamen Spaziergänger zu. „Sie sind verhaftet!“, schreit er und legt in Windeseile dem verdutzten Mann Handschellen an.
„Willi, bist du verrückt?“ ruft der ältere Kollege. „Nein Rolf, bin ich nicht! Das hier ist ein Paradebeispiel aus der Polizeischule. Denn – den Mörder zieht es an den Tatort zurück!“ „Junge, du hast sie ja nicht alle! Mann Gottes, bist du verrückt geworden? Das ist sicherlich ein Unfall und kein Mord!“ Der dritte Polizist aus dem zweiten Einsatzwagen rennt wild mit den Armen fuchtelnd einem Leichenwagen nach, der ans Ufer rumpelt und prompt stecken bleibt.
In diesem Augenblick hält ein dunkler Mercedes oben auf den Parkplatz , direkt neben dem dort abgestellten einzigen Zivilfahrzeug, einem schwarzen BMW mit Neusser Kennzeichen. Vier Kripobeamte in Zivil springen aus dem Mercedes und stürmen mit entsicherten Pistolen den leergefegten Platz. Erschrocken stellen sie fest: „Der ist ja schon da.“ „Verdammter Mist“, zischt der in der schwarzen Lederjacke, „die Vöglein sind heimgeflogen. Hat ihnen wohl jemand ein Liedchen gezwitschert. Es war bestimmt nicht die Nachtigall! Gucken wir uns mal das Schauspiel unten am See an. Was ist da los? Haben die „grünen Uniformierten“ jemanden erwischt?“ Gemäßigten Schrittes, sich ihrer Wichtigkeit bewusst, nähern sie sich dem Ort des Geschehens. Bevor sie das Ufer erreichen, spielt sich ein kleines Drama dort unten am See in der Dunkelheit ab. Die beiden Ordnungshüter erkennen den Mann, dem voreilig Handschellen angelegt worden sind. Fast trifft sie der Schlag. Blitze zucken, der Donner grollt. „Das ist doch . . . . . , das kann nicht wahr sein! Wir bitten tausendfach um Entschuldigung!“ Die Handschellen werden in Windeseile entfernt. Klick macht es. Der so Behandelte reibt sich die Handgelenke. „Das wird für Sie beide ein böses Nachspiel haben“, bringt er zwischen schmalen Lippen hervor. „Ich, ich war das nicht, ich hab damit nichts zu tun, Herr Polizeidirektor!“, verteidigt sich der Ältere der Polizisten. Der jugendlich wirkende Mann winkt genervt ab. „Was haben Sie überhaupt hier verloren?“, fährt er die zwei Männer barsch an. „Wer hat den Leichenwagen herbeigerufen? Ich warte hier auf den Polizeiarzt. Sperren Sie endlich das Gelände ab! Sie, Sie . . . Nieten!“ Plötzlich wimmelt es nur so von Neugierigen und Reportern. Unzählige Taschenlampen und Blitzlichter erhellen die makabre Szene. Fragen über Fragen werden an die schwitzenden Polizisten und den Polizeidirektor gestellt. „Ich weiß noch gar nichts! Wenden Sie sich morgen an unser Pressebüro!“ ist die ständige monotone Antwort. „Gehen Sie nach Hause.“ „Machen Sie Platz!“ Der herbeigerufene Polizeiarzt drängelt sich durch die gaffende Menge. Wie kommen die vielen Menschen nur so schnell hierher? Die Gewitterwolken entladen sich in vollem Umfang. Die Leiche ist auf dem weichen Uferrand gebettet. Der Polizeiarzt stellt Würgemale am Hals der Toten fest. Keine Atmung, kein Pulsschlag. Er stellt den Totenschein aus. Die Todesursache wird die Obduktion zeigen. Der Bestatter und seine Helfer können nun Ihre Arbeit tun. Sie sind nass bis auf die Haut. Alle Anwesenden reiben sich das Wasser aus den Gesichtern.

Die Männer sargen die Leiche ein, tragen den Sarg bis an den Leichenwagen, schieben ihn durch die geöffnete hintere Klappe und schaffen es nicht, das Auto auf dem weichen Sandboden in Gang zu setzen. Die Räder drehen durch, und mindestens 10 Gaffer schieben den Wagen aus dem Dreck. Der Polizeidirektor, der immer noch seine Handgelenke reibt, dem das Wasser in den eleganten Schuhen schwappt, hat die Leiche zur Obduktion freigegeben. Wer ist diese Frau. Vielmehr: Wer war diese Frau? Ein Fischreiher fliegt hoch über dem See mit einem zappelnden Fisch als Beute im Schnabel. Auch nachts wird gejagt.
Der arme Hund
Was ist los? In kurzen Abständen erschreckt die alte Frau immer wieder dieser lang anhaltende Heulton. Brennt es irgendwo? Die allein lebende Dame in der Parterre-Wohnung des 4-Familienhauses in der Goethestraße 13, dreht sich auf die andere Seite. Das laute Heulen nimmt kein Ende. „Das ist doch ein Hund“, regt sie sich auf. Sie steht auf, nicht ohne zu ächzen, zieht den verwaschenen Hausmantel an. Die langen Ärmel des Nachthemdes gucken raus. Sie vernimmt Schritte und laute Stimmen im Hausflur. Sie macht kein Licht in der Wohnung, zieht die Rollläden im Wohnzimmer hoch und schaut nach draußen auf den Vorgarten und Bürgersteig. Ein Polizeiwagen steht halb auf dem Fußgängerweg vor dem Haus. Und schon entdeckt sie zwei Polizeibeamte, die den schwarzen großen Hund des Nachbarn über ihr an einer langen Leine „abführen“ über den Gehweg zum Törchen hin. Das Heulen verstummt. „Der arme Kerl“, denkt sie mitleidig. „Hat sein Herrchen, der Glatzkopf, ihn wieder allein gelassen.“ Zwei Beamte in grüner Uniform befördern das Tier ins Auto. „Wir fahren sofort ins Tierheim. Ich habe schon angerufen.“ Schwarze Wolken können sich jeden Augenblick wieder entladen. In der Ferne grollt ein zurückweichendes Gewitter. „Was ist das nur für eine Nacht, Willi! Erst der Einsatz am Baggersee und nun dies hier. Ich bin noch pudelnass. “ „Bekleckre dich mal nicht mit Ruhm, Rolf. Unser Einsatz war für die Katz. Wir waren gar nicht zuständig.“ „Aber wir mussten doch dem anonymen Anruf nachgehen“, kontert der jüngere der beiden Beamten. „Ach was, wir hätten sofort die Kripo in Neuss benachrichtigen müssen. Es ist ja nur dem Zufall zu verdanken, dass die Kollegen von der Kripo am Baggersee erschienen sind.
Die hatten den Auftrag, den Parkplatz zu inspizieren. Sie sollten Dealer dingfest machen. Ihr Pech ist, dass der Polizeidirektor mit dabei sein wollte und vor ihnen dort war und allein nichts unternehmen konnte. Und wir Idioten haben mit unserem Tatütata die Männlein und Weiblein vertrieben, die dort ihr Unwesen und ihren Rauschgifthandel treiben.“ „Ja, und nun ist die Aufklärung des Mordes Sache der Kripo.“ „Das ist Sache der Mordkommission.“ „Gib endlich Gas, Rolf. Die im Tierheim wollen sich nicht die ganze Nacht um die Ohren schlagen.“ „Und wie hat der Polizeidirektor von dem Mord erfahren?“ „Du Trottel, der hat sich die Beine am Baggersee vertreten, weil die Beamten von der Drogenfahndung noch nicht zur vereinbarten Zeit eingetroffen waren. Das ist reiner Zufall, dass er zuerst die Leiche entdeckt hat!
Er hat sofort per Handy die Mordkommission informiert. Die sind zu vier Leuten angerückt. Hast du das nicht mehr mitgekriegt? Die können doch die Drogenfahnder nicht ausstehen! Hast du nicht bemerkt, dass sie die weggepöbelt haben? Gib endlich Ruhe, Rolf. Das wenigste ist, dass wir unseren schönen warmen Posten in unserer Dienststelle eintauschen müssen gegen Verkehrskontrollen auf den Straßen.“ „Na danke, ich feiere erst mal krank“, kontert Rolf, der Jüngere. Sie liefern den Hund im Tierheim ab. Eine freundliche Frau mittleren Alters führt das Tier in eine leere Box und schon fängt das Gejaule wieder an. „Was für ein schrecklicher Köter! Morgen müssen wir den Nachbarn des Hundehalters, der uns informiert hat, befragen. Der Hundehalter ist kein Unbekannter und schon wegen kleinerer Delikte aufgefallen. Es ist nicht das erste Mal, dass der Hund wegen Lärmbelästigung aus der Wohnung geholt werden muss.“ „Ja, ja, ich bin müde. Gute Nacht, Rolf.“ Der Wagen hält vor dem Mietshaus in der Schillerstraße 20. Rolf Adel steigt aus. „Bis morgen.“ Er verschwindet hinter der Haustür, drückt auf den Knopf für das Dreiminutenlicht und fällt in seiner Wohnung gestresst auf die Couch im Wohnzimmer und entledigt sich seiner nassen Uniform. Seine Frau schaut herein. „Komm doch ins Bett“, sagt sie, hängt die Uniform auf den Bügel zum Trocknen und verschwindet wieder im Schlafzimmer.
„Was soll nur werden?“ denkt Willi Wodaczek, der den Dienstwagen noch zur Wache bringt. Hier steigt er in seinen eigen PKW und fährt nach Hause. Er ist geschieden. Ihn erwartet ein leerer Kühlschrank und eine unaufgeräumte Wohnung. Er zieht sich seinen alten Schlafanzug an und fällt todmüde ins ungemachte Bett. Auch die alte Frau Jansen in der Parterrewohnung in der Goethestr. 13, legt sich hin und kann nicht einschlafen. „Der Hund, der Hund, der arme Hund“, sinniert sie. „Dieser schreckliche Mensch, der immer diese furchtbaren Stiefel trägt, immer wieder schleppt er neue Freundinnen ran. Männer und Frauen gehen bei ihm nachts ein und aus. Das hat`s zu meiner Zeit nicht gegeben. Mein seliger Hugo war der einzige Mann in meinem Leben. Wenigstens ist der Hund ruhig, wenn er nicht allein in der Wohnung ist. Aber das Grölen der Besucher dringt schon durch die dünnen Wände des Mietshauses. „Ach, was geht es mich an“, denkt sie. Die Nachbarn von gegenüber beschweren sich oft genug, wenn sie ihren Fernseher laut stellt. Kein Hausbewohner bemerkt in dieser Nacht, dass eine Gestalt im dunklen Hausflur, die Treppe zwei Stufen auf einmal nehmend, hocheilt und hinter der Wohnungstür in der 1. Etage verschwindet.
„Diese Idioten haben mir meinen Planet, meinen treuen Hund, wieder aus der Wohnung geholt und dieses Mal sogar die Wohnungstür aufgebrochen. Das kann sich auch die Polizei nicht erlauben. Jetzt benötige auch noch ein neues Schloss. Aber heute Nacht nicht mehr. Diese verdammten Bullen. Die können mir gar nichts wollen. Es ist zwangsläufig so spät geworden. Ich musste die Schlampe Tamara zur Vernunft bringen, auch mit harten Bandagen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die mich anzeigt.
Warum hat sie mich um die Einnahmen geprellt?

Hat die um Gnade gefleht, als ich ihr die Fresse polierte! Hätte mein Freund Leo, der kleine Louis, mich nicht festgehallten, ich weiß nicht, was passiert wäre! Ich hätte sie wohl zu Tode gewürgt. Ich bin abgehauen, während Leo sich um die Ohnmächtige kümmerte, die da in ihrer schwarzen Seidenunterwäsche auf dem Teppich lag. Und meinen Fiffi hole ich mir morgen wieder aus dem Tierheim zurück, wie jedes Mal. Letztendlich habe ich ihn ja mal von dort bekommen.“ Er grübelt und grübelt. „Ich habe mir nichts vorzuwerfen. Ich kann keine Betrügereien zulassen. Wie käme ich denn da hin? Das Leben ist teuer!“ Er zieht seine schweren Springerstiefel aus, seine nassen Jeans und den Overall, setzt sich an den Computer und ruft eine Unzahl von Emails ab. Er lacht und lacht und ist wieder guter Dinge. Er ist Computerexperte, Autodidakt. Sein größtes Hobby ist, unzählige Computerviren in Umlauf zu bringen. Er ist sich sicher, dass er nicht auffallen wird. Und jetzt diese verdammte Angelegenheit mit der Schlampe!“ Er wirft sich aufs Bett. Lautes Schnarchen verrät bald, dass er wenigstens Schlaf gefunden hat.

Der Polizeidirektor
Der Polizeidirektor kann sich nicht beruhigen über die zwei törichten Polizeibeamten. „Ich werde dafür sorgen, dass diese Hohlköpfe kein Unheil mehr anrichten. Die beiden sind ja zu nichts fähig. Himmel Herrgott noch einmal, wie ist so was möglich?“, ärgert er sich immer noch, nachdem er am frühen Morgen endlich wieder zu Hause ist in seiner Jugendstil-Villa am Rande der Stadt und sich nachdenklich seine selbst gemalten Bilder anschaut, die im ganzen Haus die Wände zieren. „Schön“, denkt er. Und er freut sich, dass viele seiner großflächigen Gemälde die Räume und Gänge der umliegenden Gemeindeverwaltungen zieren. Er zieht sich seinen nassen Designeranzug aus und geht unter die Dusche. Ha, tut das gut. Ja, wenn er so überlegt, wie seine Verwaltungslaufbahn begonnen hat. Was er geschafft hat in den Jahren seiner Tätigkeit. Alles ohne Abitur, nur mit Protektion und verbissener Zähigkeit. Nun steht er ganz oben auf der Leiter. In seiner Position hat er viel Macht, die er genießt und ausübt. Seine Frau schläft, als er sich, eingehüllt im schneeweißen Bademantel, ins Schlafzimmer schleicht. Er will sie nicht aufwecken. „Meine schöne Frau“, denkt er gerührt. „Sie sieht genau so aus wie meine Ex, als diese noch jung war. Ja, ja, man fällt immer wieder auf denselben Typ rein. Aber sie ist so ganz anders im Wesen.“ Er knipst das Licht aus und nimmt sich im Einschlafen vor, morgen die beiden Nieten von Polizisten vom Dienst zu suspendieren. „Gute Nacht mein Liebling“, sagt eine sanfte Stimme neben ihm. Er nimmt seine Frau noch in die Arme.
Telefonate
Am Morgen danach ruft Uwe, der verlassene Ehemann, seinen Freund Max, den kleinen Kriminellen, an. Er ist noch benommen von der im Amadeus-Stübchen durchzechten Nacht. Er will sich ausweinen über seine Frau, die Schlampe, die ihn mit den Kindern verlassen hat. Einfach so. Wie wir wissen, lebt Max zu Miete in der Goethestraße 13, und Uwe in einem Reihenhaus in der Goethestraße. Die Reihenhaussiedlung grenzt an die in den 60iger-Jahren erstellten Mietshäuser. Etwa 10 Minuten Fußweg macht das aus, mehr nicht. Die beiden haben sich im Amadeus-Stübchen, der kleinen Kneipe um die Ecke, vor Jahren kennen gelernt und sind dick befreundet. Jeder kennt des anderen Vorlieben. Oft genug haben sie eine Nacht durchgezecht und sich in den Armen gelegen und ihre Freundschaft begossen. Ja, Uwe Meyer bleibt heute zu Hause. Er wird nicht zur Arbeit fahren mit Restalkohol im Blut. Er ist erster Verkäufer in einem renommierten Möbelhaus in Neuss. Die kommen auch mal einen Tag ohne mich aus“, denkt er. „Hallo Max“, begrüßt er seinen Freund am Telefon. Hab ich einen Brummschädel! Stell dir vor, meine Frau hat mich verlassen! Und gestern Nacht war Razzia auf dem Kaarster Parkplatz am Baggersee. Du kennst den doch. Du warst schon mal mit. Die bekloppten Bullen kamen mit Sirenegeheul und Blaulicht angerast. Ich und die anderen konnten entwischen. Ha, ha. Stell dir vor, ich habe soeben im Radio gehört, dass am Kaarster Baggersee in der Nacht eine Frauenleiche gefunden wurde. Der Polizeieinsatz war enorm. Die Drogenfahnder fanden einen leeren Parkplatz vor. Und ausgerechnet der Polizeidirektor hat die Leiche entdeckt, als er auf die Ermittler gewartet hat. Die Leiche ist noch nicht identifiziert. Sie soll eine rassige Alte von ca. 30 Jahren sein mit schwarzen langen Haaren und breiten Beckenknochen. Bekleidet war sie nur mit einem schwarzen Seiden-BH und Höschen. Schade, die hätte ich gerne vernascht!“
Das schlägt wie eine Bombe ein, die Uwe Meyer da durchs Telefon dem Max Huber vor die Füße wirft. Seidene schwarze Unterwäsche? Schwarze Haare? Max Huber wird’s schwarz vor den Augen. Er setzt sich auf den Rand seiner Bettcouch. Das um die Hüften geschlungene weiße Frottiertuch, fällt herunter und gibt eine obszöne Tätowierung am linken Oberschenkel frei. „Das muss ich endlich mal wegmachen lassen“, denkt er völlig sinnlos in diesem Augenblick. „Leo, Leo, mein Freund Leo, was hat er mit der Nutte noch angestellt? Das kann doch nicht wahr sein. Die war nicht tot, als ich abgehauen bin. Hab ich sie tatsächlich zu Tode gewürgt und Leo hat sie entsorgt?“ Die Gedanken überstürzen sich in Bruchteilen von Sekunden. „Was ist los, Uwe, eine Leiche am Baggersee?
Dafür der Polizeieinsatz? Hat man sie denn schon identifiziert?“ jappst er nach Luft ringend ins Telefon. „Das weiß ich doch nicht“, vernimmt er die heisere versoffene Stimme seines Freundes am Telefon. „Mach doch das Radio an. Wenn’s was Neues in dieser Sache gibt, berichten die darüber.“ „Ja, ja. Uwe, stell’ dir vor, die verdammten Bullen haben mir meinen Planet in der Nacht aus der verschlossenen Wohnung geholt. Ich muss den Schlüsseldienst kommen lassen. Das wird mir mein Lieblingsnachbar büßen, das sag ich dir. Ich muss heute noch ins Tierheim, meinen Hund abholen. Warum kläfft der Köter auch so? Ich kann den ja nicht immer mitnehmen. Dass deine Frau dich verlassen hat, finde ich unerhört. Zahl ja keinen Unterhalt. Schick die arbeiten, wenn’s sein muss auf den Strich. Ha, ha, ha. So, ich muss los.
Wir treffen uns sicher heute abend im Amadeus-Stübchen. Tschüss!“ Er zieht sich in Windeseile an und wartet auf den Schlüsseldienst. Das neue Schloss ist schnell eingebaut. Ganz schön teuer!

Der Handwerker besteht auf sofortiger Zahlung in bar. Max zieht seine Springerstiefel an, trinkt eine Tasse schwarzen Kaffee mit viel Zucker und verlässt das Haus in der Hoffnung, dass ihm niemand im Hausflur begegnet. Er hat Glück und steigt in seinen roten VW, der vor dem Haus geparkt ist, dreht den Zündschlüssel, schimpft laut vor sich hin, manövriert hin und her, um aus der engen Lücke herauszukommen. Das Autoradio ist mit der Zündung des Motors in Betrieb gesetzt Superstar Küblböck weint in Australien und spielt Gitarre dazu. Die alte Frau aus der Parterrewohnung beobachtet den Mann und sieht ihn fortfahren. „Eigentlich müsste ich die Polizei anrufen“, denkt sie. „Aber was soll’s? Der Hund muss schließlich wieder aus dem Tierheim geholt werden. Das arme Tier.“ Sie schlurft in die Küche und trinkt koffeinfreien Kaffee aus der Henkeltasse mit der Aufschrift „Jupp“. Die Tasse ist alt und hat einen Riss.
Max Huber ist auf dem Weg zum Night Club an der B 7. Noch hat er die Ortschaft nicht verlassen und muss sich dem Verkehrsaufkommen in der Stadt stellen. Er lenkt unkonzentriert seinen VW, überfährt vor lauter Panik beinahe eine rote Ampel, bringt den Wagen aber noch in einer großen von der vergangenen Nacht übrig gebliebenen Regenpfütze abrupt zum Stehen. Ein Fußgänger droht mit dem geschlossenen Regenschirm. „Ja, ja, diese Autofahrer!“ schimpft eine Frau laut und schaut empört in die Richtung des roten PKW. „Dämliches Weib!“ Sie kann es zum Glück nicht hören.

Was ist los? Was für eine Nachricht hat Max Huber so umgehauen? Die Sensationsmeldung aus dem Radio, die ihn beinahe erstarren lässt, lautet: „Tote Frau vom Baggersee atmet wieder. Ein Notarzt hat irrtümlich diese Frau für tot erklärt. Die vermeintliche Leiche wurde in der vergangenen Nacht leblos am Ufer des Kaarster Baggersees vom Polizeidirektor aufgefunden, der eigentlich nur mit einigen Mitarbeitern von der Drogenfahndung eine Razzia auf dem dortigen Parkplatz durchführen und sich am Ufer des Baggersees die Beine vertreten wollte. Es war ein Riesenrummel entstanden. Der herbeigerufene Polizeiarzt konnte keine Herz- und Atemtätigkeit feststellen. Erst den Gerichtsmedizinern, die die Leiche obduzieren sollten, fiel auf, dass die „Leiche“ atmete. Die Frau liegt im Krankenhaus auf der Intensivstation. Dort wird alles Menschenmögliche für sie getan. Die Staatsanwaltschaft ermittelt bereits gegen den Mediziner, der voreilig den Totenschein ausgestellt hat.“ „O Gott, wenn die Schlampe redet, wenn die redet, dann bin ich dran.“ Max, der Gewaltige, ist der Verzweiflung nahe. Er stellt sich vor, wie er im weißen Kittel ins Krankenhaus schleicht, einen Wäschewagen auf die Intensivstation schiebt und der kleinen Hure die Schläuche entfernt. Aber so leicht wird das nicht sein. Er muss unbedingt mit Leo sprechen, ehe die Polizei dort auftaucht. Die Ampel zeigt Grün. Der Himmel über der Stadt ist rein gewaschen. Max, der Mann mit den starken Nerven, betritt dass einsame liegende Haus an der B 7, das etwa 5 Kilometer von der geschlossenen Ortschaft entfernt liegt. Das Neonlicht NIGHT CLUB ist ausgeschaltet. Die Sonne brennt heiß und bringt die nasse Erde zum Dampfen. Max besitzt einen Schlüssel für das Etablissement. „Leo!“, kreischt er in höchster Verzweiflung, als er das Haus betritt.

Ein dicker roter verfleckter Läufer verschluckt die harten Tritte seiner Springerstiefel. „Leo!“ schreit er noch einmal. „Was ist los?“ Leos Stimme ertönt von oben herunter. Unten auf dem düsteren Gang öffnet sich eine Tür. „Du traust dich noch hierher?“ fragt eine attraktive Frau mit langen schwarzen Haaren. Sie trägt eine große dunkle Sonnenbrille. „Ich werde dich anzeigen bei der Polizei, du gemeiner Kerl! Du hast mich beinahe totgeschlagen!“ droht sie, obwohl sie genau weiß, dass sie ohne Papiere überhaupt nichts unternehmen kann. Außerdem hält sie sich illegal in der Bundesrepublik auf. Das hat ihr Leo schon beigebracht. Wäre sie doch nie auf die Versprechungen reingefallen, die ihr dieser nette Mensch vor einem Jahr in Polen gemacht hat. In einer Ballettgruppe im Rheinischen Landestheater in Neuss sollte sie auftreten und tanzen. Stattdessen ist sie im NIGHT CLUB gelandet und muss jeden Cent für erzwungene Liebesdienste an die beiden skrupellosen Männer abliefern. Außerdem soll sie „Koks“ an den Mann, bzw. die Männer verkaufen. Aber Max, aber Max, der kleine Zuhälter, einer ihrer Peiniger, starrt voller Entsetzen auf dieses verquollene und dennoch schöne Gesicht im zerschlissenen roten Morgenmantel. Sie trägt darunter wieder diese elegante schwarze Seidenwäsche. Er kann es nicht fassen. „Wieso bist du hier? Hat Leo deine Leiche nicht zum Kaarster See gebracht?“ röchelt er. Ihm wird schwarz vor Augen. Er fällt um wie ein nasser Sack. Eine gnädige Ohnmacht hält ihn umfangen. Als er wach wird, liegt er auf einer Couch. Leo sitzt auf einem Stuhl neben ihm und zieht das Riechfläschchen weg, das er ihm unter die Nase hält. „Ich dachte, Tamara, die Betrügerin, wäre die Tote vom Baggersee. Nach den Nachrichten im Radio musste ich annehmen, sie sei tot, als ich euch gestern abend verlassen habe. Ich glaubte, du hättest ihre Leiche in den Kaarster See geworfen. „Was spinnst du dir da zusammen?“ fährt ihn Leo wütend an.
Max richtet sich auf. „Hast du denn keine Nachrichten gehört?“, fragt er benommen. „Da hab ich wahrhaftig keine Zeit zu“, bekommt er zur Antwort. „Ich musste erst mal Tamara beruhigen. Die will dich unbedingt anzeigen. Ich denke, das habe ich ihr ausgeredet. Unseren “Hausarzt“ musste ich für deine und seine Behandlung weit über der Gebührenordnung bezahlen, damit er das Maul hält. Das Geld krieg ich von dir zurück, mein Freund.“ „Wenn das alles ist!“ stöhnt Max erleichtert auf. Er holt sein Handy aus der Gesäßtasche und ruft seinen Freund Uwe an. „Uwe, fährst du mit mir zum Tierheim, Planet abholen?“

Ein schwarzer Tag
Für die beiden Polizisten ist dies der schwärzeste Tag ihres Lebens. Sie müssen bei der Kreispolizeibehörde in Neuss vorstellig werden, erklärt ihnen der Vorgesetzte in ihrer örtlichen Dienststelle, als sie voller Mitteilungsbedürfnis am Morgen ihr Büro betreten. Im PKW von Willi fahren sie über die Autobahn nach Neuss.

In der Kreispolizeibehörde herrscht helle Aufregung. Die Sekretärinnen tuscheln in den Gängen.

Die Presseleute laufen geschäftig im Haus hin und her, rauf und runter. Im Vorzimmer des Kreispolizeidirektors fordert der oberste Chef die zwei Männer in der grünen Uniform höchstpersönlich auf, ihre Waffen abzuliefern. „Sie können sich vielleicht vorstellen, dass ich Leute wie sie nicht gebrauchen kann! Gehen Sie mir aus den Augen!“ „Aber, aber, ich habe doch gar nichts damit zu tun.“ „Papperlapp, Sie hätten ihren jungen Kollegen zurückhalten können! RRRaus!“
Der Polizeidirektor rauft sich seine dichten graumelierten Haare und ist sofort wieder umringt von Presseleuten. Aber auch er wird es mal leid. „Wenden Sie sich ans Pressebüro!“, schnauzt er plötzlich und knallt die Tür den verdutzten Reportern vor der Nase zu. „Lieselottchen, Kaffee, Kaffee!“, stöhnt er. Die ältliche tüchtige Sekretärin gießt eine Tasse Kaffee ein und trägt sie in das hinter dem Vorzimmer liegende Büro. „Ich will für die nächste Stunde nicht gestört werden!“ „Das mach ich doch!“ Lieselottchen wieselt zurück an ihren Computer und erledigt die normalen täglich anfallenden Aufgaben. Die Kunde von der Tölpelhaftigkeit der beiden Beamten am Baggersee hat sich wie ein Lauffeuer in der Verwaltung verbreitet. Die Reporter bestürmen die beiden. So schnell wie möglich verlassen sie das Haus, verfolgt von der Meute, die ihnen das Mikrofon unter die Nase hält. Ihr einziger Kommentar lautet: „Wir bringen die Angelegenheit vors Arbeitsgericht!“ Zu allem Überfluss erfahren sie von den Reportern, dass die vermeintliche Leiche vom Kaarster See nicht tot ist. Und – der Polizeidirektor ist der Lebensretter. Hätte er sie nicht entdeckt, wäre sie in ein paar Minuten mausetot gewesen. Sie liegt im Krankenhaus auf der Intensivstation. Ihre Identität ist noch unbekannt. Die lokale Presse, die mit allem nur möglichen Unsinn ihr Sommerloch zustopft, hat einen Aufhänger gefunden. Das wird ja eine wahre Freude für die Leser. Der Polizeidirektor rettet das Leben einer schwerst misshandelten jungen Frau! Aber – was hat er schon dazu getan? Es war alles ein großer Zufall. „Das sehe ich nicht ein, dass ich für deine Unvernunft meinen Kopf hinhalten muss“, zischt der Ältere dem Jüngerem soeben aus dem Polizeidienst entlassenen Beamten zu, als sie endlich, immer noch umringt von Reportern, ins Auto steigen. Ihre Uniformen sollen sie am nächsten Tag in ihrer ehemaligen Dienststelle in Grevenbroich abliefern.

Der zweite Tag

Frau Jansen, die alte Frau
Schon am frühen Morgen brennt die Sonne heiß und durchsticht unbarmherzig mit ihrem Brennglas den Ozonmantel, der die Menschen eigentlich vor ihren Strahlen schützen soll. An die Wärmegewitter der vergangenen Nacht erinnern nur noch die verdunstenden Regenpfützen in den Schlaglöchern der Straße. In der Goethestraße 13 geht es lebhaft zu. Der Selbstschließer an der in hässlichem Braun überstrichenen Haustür funktioniert nicht. Kein Mensch, der das Haus verlässt, hält die Tür an. Laut knallt sie zu.. Die beiden schulpflichtigen Geschwister, Annika und Robert aus der 2. Etage, besuchen die Grundschule und poltern wie immer um 7.30 aus dem Haus. Ihre Eltern sind schon fort zur Arbeit. Das verrostete Vorgartentörchen quietscht. Als sei der Leibhaftige hinter ihnen her, rennen die beiden zur nahe gelegenen Bushaltestelle.
„Nicht so schnell!“, ruft die alte Frau Jansen vom Balkon aus hinterher. „Der Bus kommt doch noch gar nicht!“ Die beiden stieben davon, halten aber im Bus einen Platz für sie frei, als sie einsteigt. Sie muss heute zum Arzt in der Stadt. Mit lautem Hallo werden Geschwister von den übrigen Schulkindern begrüßt. Mit einem Seufzer lässt sich die alte Frau auf einen harten Fensterplatz fallen. Einen ohrenbetäubenden Lärm verbreiten die Schüler. Einige grinsen vor sich hin und tippen fleißig auf ihren Handys herum. Sie verschicken schon am frühen Morgen ihre SMS. Im Bus riecht es nach Schweiß. Frau Jansen öffnet ihre Handtasche und vergewissert sich, dass sie auch den 10-EURO-Schein für die Praxisgebühr passend hat. So früh geht sie ungern zum Arzt. Aber die Blutsenkung ist wieder mal fällig.
Auf der Hauptverkehrsstraße parken die Autos in der 2. Reihe und behindern den Durchgangsverkehr. Gekonnt jongliert der Fahrer seinen Bus durch die enge Gasse, ohne die Geschwindigkeit zu drosseln. Endlich – Haltestelle Schillerschule. Ein Pulk von lärmenden Kindern drängelt sich nach draußen. „Gott sei Dank“, denkt Frau Hansen erleichtert. Sie mag keine Kinder. Sie hat nie welche gehabt. Sie steigt an der übernächsten Haltestelle aus. Sie überquert die Straße neben dem Fußgängerüberweg und stört sich nicht an dem wilden Gehupe der Autos. Sie betritt das Ärztehaus und begibt sich in die Praxis ihres Hausarztes. „Guten Morgen, Frau Jansen“, wird sie freundlich von der Arzthelferin hinter der Theke begrüßt. „Nehmen Sie einen Moment im Wartezimmer Platz.“ Das tut sie. Dort liegt die druckfrische BILD auf dem Tisch. Die Wartenden unterhalten sich aufgeregt über das Geschehen am Baggersee, über die vermeintlich tote Frau, die lebt und noch nicht identifiziert ist. „Lesen Sie mal“, wird sie aufgefordert. Sie setzt sich die Lesebrille auf und überfliegt die fett gedruckte Schlagzeile auf der Titelseite: Unser Kreispolizeidirektor rettet toter Frau am Baggersee das Leben. Die junge schöne Frau liegt noch im Koma. „So ein Quatsch“, ereifert sich Frau Jansen. „Der Polizeidirektor ist doch nicht der Heiland, der Tote zum Leben erwecken kann!“ „Ja, ja, die Bild muss immer übertreiben!“ gibt ihr der neben ihr sitzende Mann recht. Sie wird aufgerufen. Sie hätte so gern diskutiert.. Die übrigen Wartenden unterhalten sich weiter. Die einzige interessante Frage lautet: „Wer mag diese Frau sein? Sollte sie umgebracht werden? Hoffentlich kommt die Ärmste durch!“ Das Foto, das die halbe Titelseite einnimmt, zeigt den Polizeidirektor in Hemdsärmeln wie er sich die Handgelenke reibt. “Ein attraktiver Mann“, sind sich die Wartenden einig. Die beiden Polizisten, die ihn irrtümlich verhaftet haben sollen, werden auch erwähnt, aber ohne Angabe der Namen. Natürlich kippt Frau Jansen wieder vom Stuhl, als die Schwester die Vene nicht finden kann. Sie wird auf die Liege befördert und mit Traubenzucker gefüttert.

Aber dann wird alles gut Abschließend geht sie in die Cafeteria vom Kaufhof, um sich eine Tasse Kaffee zu gönnen. Die Cafes in der Stadt sind um diese Zeit alle geschlossen. Tagesgespräch ist auch in der Cafeteria der Vorfall vom Kaarster See.

Max Huber, der kleine Kriminelle
Max Huber stellt seinen roten VW auf dem Parkplatz vor dem Krankenhaus in der Stadt ab. Sein T-Shirt ist durchgeschwitzt, sein Hund noch im Tierheim. Er hatte Uwe gestern nicht mehr erreicht. Aber heute muss sein Hund abgeholt werden. Eine Mitarbeiterin aus dem Tierheim hat schon in aller Frühe, bevor der Schlüsseldienst da war, angerufen und gefragt, wann er seinen Hund wieder abholt und ob er ihn überhupt noch haben will. Diese Schlampe! Was für eine Frage! Einen gemischten Blumenstrauß kauft er am Kiosk im Krankenhaus. Teuer. Er weiß ja, dass eigentlich alles gut ist. Er spürt immer noch den Druck und dann so was wie Erleichterung, dass sein Freund Leo die von ihm gewürgte Schlampe nicht in den zum Kaarster See befördert hat. Er ist ein wahrer Freund. Er hätte es sicher raffinierter angestellt. Tamara wird ihn nicht anzeigen. Das käme wohl einem Todesurteil gleich. Aber wer ist die gerettete vermeintliche „Tote“ auf der Intensivstation? Er muss sie sehen, wenn ihm nicht alles Geschehen von gestern abend im NIGHT CLUB wie ein böser Traum vorkommen soll. Es ist alles so unwirklich. Er erfährt schon in der Empfangshalle durch das laute Geschwätz zweier Schwesternschülerinnen, dass die Frau vom Baggersee auf die Überwachungsstation verlegt worden ist. Er folgt dem grün aufgezeichneten Strich und amüsiert sich, dass er „auf den Strich“ geht. Reges Leben und Treiben herrscht an diesem Morgen auf den Gängen. Frühstücksgeschirr wird abgeräumt. Immer weiter durch automatisch sich öffnende Türen geht er.

Er ist bemüht, so leise wie möglich mit seinen Springerstiefeln aufzutreten. Niemand fragt ihn, kein Mensch hält ihn auf. Vor dem großen Fenster der Überwachungsstation bleibt er endlich stehen. Der schwere Vorhang ist zurückgezogen. Er hält beide Hände über die Augen und presst sein Gesicht an die Glasscheibe. Mehrere Betten stehen an der Wand. Vor jedem Bett ist ein separater Vorhang angebracht.
Am zweiten Bett in der Reihe ist der Vorhang nicht zugezogen. Er sieht ein blasses Frauengesicht. Die dunklen Augen sind geöffnet. Sogar ein Lächeln meint er zwischen den Schläuchen zu erkennen. Zwei Schwestern laufen vorbei. Wortfetzen, die sie sich zuwerfen, nimmt er auf: „Gott sei Dank, die Frau ist aus dem Koma erwacht. Der Arzt hatte sie schon aufgegeben. Eine wahre Schönheit ist sie. Sie ist eben erst von der Intensivstation auf die Überwachungsstation verlegt worden. Die wird ja später einiges zu erzählen haben.“ „Die hat ja tatsächlich eine unwahrscheinliche Ähnlichkeit mit Tamara“, stellt er schaudernd fest. Ihm wird kalt unter seinem nass geschwitzten T-Shirt. Er kann es immer noch nicht fassen, dass er absolut mit diesem Fall nichts zu tun haben soll. Aber – dem Himmel sei Dank. Ein Ärzteteam rauscht mit wehenden Kitteln heran. „Was haben Sie hier zu suchen?“, wird er angeschnauzt. „Nichts, nichts. Ich habe mich in dem großen Kasten nur verlaufen.“ Die Ärzte bleiben am Bett der jungen Frau stehen. Max Huber, der kleine Kriminelle, hat sich endlich von jeglichem Schuldbewusstsein befreit. Seine Stiefel klopfen die langen Gänge zurück bis hin zum Ausgang. Den Blumenstrauß wirft er im Vorbeigehen in einen Abfallbehälter. Es kann nichts passieren. Beinahe gut gelaunt setzt er sich in sein Auto, gibt Gas und fährt in die Stadt. Er zieht einen Parkschein an der Schranke zum Kaufhofparkplatz, sucht einen Abstellplatz. „Jetzt ist ein Frühstück fällig“, gesteht er sich zu. Böse Blicke folgen ihm, als er zwei Stufen auf einmal nehmend, die Rolltreppe im Kaufhaus hochfährt.
Klapp, klapp krachen die spitzen Springerstiefel auf den frisch geputzten Boden. Ein paar Gäste sitzen in der Cafeteria. Er stellt sich ein reichhaltiges Frühstück zusammen. Am Fenster entdeckt er seine Nachbarin, Frau Janssen, allein am Tisch sitzend mit einem Pott Kaffee vor sich und der Bildzeitung in der Hand. Er jongliert sein Tablett in die Raucherecke. Der Kaffee schwappt über. Er nimmt an einem leeren Tisch Platz und ruft über Handy seinen Freund Uwe Meyer an. Tatsächlich erreicht er ihn. Dieser kommt kurze Zeit später in die Cafeteria. Er ist unrasiert und wirkt übernächtigt. „Tagchen“. Die beiden Freunde klopfen sich auf die Schulter und Uwe schlürft an einem Pott heißen Kaffee. „Verdammt heiß“, meint er. Sein Hemd ist durchnässt von Schweiß. Am Nebentisch der Mann mit Schnauzer spuckt seinen Kautabak einfach auf den Boden. Vier Männer sitzen dort. Die Unterhaltung ist recht laut. „Wie tapfer unser Polizeidirektor ist. Der wird bestimmt mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.“ „Mensch, das hat er doch schon“, Die Männer haben kein anderes Thema. Uwe hält sich die Ohren zu. Die Aufmerksamkeit der Gäste wird plötzlich auf eine männliche Person gelenkt. Breitbeinig steht ein junger Mann in Jeans an dem Kaffeeautomaten und randaliert, belästigt die neben ihm stehende Frau, die vor Schreck die Kaffeetasse fallen lässt. „Ich bin Polizist!“, schreit er. „Hier ist mein Ausweis!“ Er pöbelt weitere Gäste an. Die herbeigerufene Polizeistreife kann ihn kaum beruhigen. „Aha! Das ist ja unser ehemaliger Kollege vom Baggersee!“ erkennen sie ihn. Er attackiert sie mit Fußtritten und beleidigt sie mit deftigen Ausdrücken. Er wird schließlich überwältigt und abgeführt und wird wohl in der Arrestzelle eine völlig andere Wirkungsstätte als früher kennen lernen.

Dann geht alles blitzschnell. Dieser Morgen wird den in der Cafeteria Anwesenden wohl lange im Gedächtnis bleiben. Die Beamten von der Drogenfahndung haben es geschafft, einen Durchsuchungsbefehl für Max Hubers Wohnung und dem Haus von Uwe Meyer durchzusetzen. Beide Männer waren nicht anwesend, als die Kripo die Wohnungen durchsuchte. Beide Male war der Schlüsseldienst der Sesam öffne dich. Sie sind fündig geworden und haben Heroen sichergestellt. Den Tipp haben sie von der Ehefrau von Uwe Meyer erhalten, ebenso den vermutlichen derzeitigen Aufenthaltsort. „Zwei Vögelchen auf einmal für den Käfig“, freut sich der Beamte in der schwarzen Lederjacke. „Der muss aber schwitzen“, denkt Frau Jansen, die gar keine Angst verspürt bei den Schauspielen, die ihr geboten werden. Die Beamten streben auf den Tisch der nichtsahnenden beiden Männer zu. Ehe die sich besinnen können, macht es klick um ihre Handgelenke.

Sie werden abgeführt. „Diese verdammte Schlampe hat mich verraten“, setzt es sich in beiden Köpfen fest. Jeder bezichtigt eine andere Frau. Sie wissen nicht, dass diese Verhaftung „nur“ auf ihren Drogenbesitz zurückzuführen ist. Ihre Straftatenpaillette wird schon noch mit Körperverletzung und Erregung öffentlichen Ärgernisses ergänzt werden. Sie erregen großes Aufsehen, als sie durch das Kaufhaus abgeführt werden. Und wer sitzt wie ein Häufchen Elend hinter den vergitterten Fenstern des Polizeiautos? Freund Leo, der kleine Stenz. Auch in seinem NIGHT CLUB war die Hausdurchsuchung erfolgreich.

Die Auflösung
Was ist eigentlich los? Es ist kein Mord geschehen, nur zwei Beinah-Morde. Tamara, die schöne Polin aus dem NIGHT CLUB , hat ihre Peiniger Max Huber und Leo Malhofer bei der Polizei angezeigt, auch wegen Rauschgiftbesitzes. Alle drei Freunde sitzen in Untersuchungshaft.

Die Aufklärung des Geschehens am Baggersee?
Der Polizeidirektor höchstpersönlich hat die aus dem Koma erwachte junge Frau befragt. Sie kann reden. Sie wollte sich von ihrem gewalttätigen Ehemann trennen. Sie war in ihren Wohnwagen nach Witzhelden geflüchtet. Ihr eifersüchtiger Ehemann hat sie dort spät abends aufgespürt und sie alkoholisiert so zugerichtet und gewürgt, dass sie ohnmächtig wurde. Er musste annehmen, sie sei tot. Er wollte die Leiche in den Tiefen des Baggersees in Kaarst versenken, was Gott sei Dank fehlgeschlagen ist. Pech für ihn ist nur, dass er nach Venlo flüchten wollte und die Zöllner an der holländischen Grenze bei einer Routinekontrolle Heroin bei ihm sichergestellt haben. Für versuchten Totschlag an seiner Frau hat er sich demnächst zu verantworten. Erst einmal ist er in der geschlossenen Psychiatrie gelandet. Seine Frau lässt sich scheiden. Der Polizeidirektor hat ihr eine Stelle als Telefonistin in der Kreisverwaltung versprochen.

So sind alle unter Dach und Fach. Tamara wird nach Polen zurückgehen. Dort wartet ihre kleine Tochter auf sie. Uwes Frau hat die Scheidung eingereicht. Frau Jansen, die alte Dame aus der Goethestraße 13, geht jeden Tag mit einem großen schwarzen Hund spazieren. Der Kaufhof wird zwei frühere Polizisten als Kaufhausdetektive einstellen. Der NIGHT CLUB an der B7 wird für immer geschlossen. Der Parkplatz am Baggersee bleibt unter ständiger Kontrolle der Polizei. Da spielt sich nichts Amouröses mehr ab.

Ende der Geschichte.
Und wenn sie nicht gelogen ist, ist sie auch nicht wahr.

Ein todsicheres Gespür

von Susanne Henke (copyright)

Die Welt drehte sich noch. Zumindest bei “Global Entertainment”. Allein 40
Zeitschriften, vom Ratgeber für die Hausfrau bis zum Nachrichtenmagazin für
den Entscheider, wurden hier produziert. Kurz nach Mitternacht klafften
bereits große schwarze Lücken in der erleuchteten Fensterfront. Der Globus
auf dem Dach drehte sich unermüdlich und sandte sein Licht in die Stadt.

Stefan saß schon seit Stunden an seinem Schreibtisch. Der Rücken krumm, die
Augen gerötet, der Aschenbecher übervoll, die rote Lockenpracht zerzaust.
Außer dem Schein seines Laptops kämpfte nur eine kleine Halogenfunzel gegen
die Nacht, die sich langsam in das mönchszellengleiche Zimmer fraß, und ihn
zu verschlingen drohte. Auf dem Flur brannte nur noch die Notbeleuchtung.
Die hektische Betriebsamkeit war einer einlullenden, nur vom Summen der
Drucker unterbrochenen Stille gewichen.
Mit einem Ping spuckte der Fahrstuhl wieder einen Boten auf dem Stockwerk
aus. Zu erkennen am provokativ langsamen Schritt, begleitet vom leichten
Rascheln der Korrekturabzüge.

Er zündete sich seine letzte Zigarette an, zerknüllte die Packung und
beförderte sie mit einem gezielten Wurf in den Papierkorb. In Zeiten
schrumpfender Anzeigenmärkte wurde auch der “Globus” immer dünner. Einige
Ressorts hatten schon Stellen eingebüßt. Die Themenkonferenzen hätten den
Titel “Fight Club” verdient. Sechsmal hintereinander hatte er den Kampf um
einen Platz im Heft verloren. Er ging nur noch mit Magenschmerzen in die
Redaktion. Welcher Teufel hatte ihn vor vier Monaten bloß geritten, eine
Eigentumswohnung zu kaufen? Aber Sabine hatte ganz leuchtende Augen
bekommen, als sie den Garten gesehen hatte. Sabine war weg und der Sommer
buchstäblich ins Wasser gefallen. Den Garten hatte er nur durch die Scheibe
der Terrassentür gesehen.
Die Geschichte über SAW würde ihm Aufschub gewähren. Wenn doch das Okay aus
der Chefredaktion endlich käme.

Stefan hörte Schritte und drehte sich um.
Tadeus von Haren, sein bestgehasster Kollege, Liebling des Ressortleiters,
neuer Star des “Globus” und zufällig auch der neue Freund von Sabine, lehnte
lässig im Türrahmen.
“Ich glaube, du hast mal wieder für den Papierkorb gearbeitet.”

Stefan steppte im Stakkatoschritt über den schmalen Flur. An der Tür zu
Ebenwalds Drei-Achsen-Chefbüro prallte er beinahe mit Sekretärin Annegret
zusammen. Mit ihren 1,75 konnte sie locker auf ihn herabsehen. Unwillkürlich
wich er einen Schritt zurück. Sein Teint passte sich seiner Haarfarbe an.
“Nicht gleich heulen! Heute abend fliegt nur deine Geschichte raus.”
Ebenwald lag mit den Füßen auf dem Tisch in seinem Sessel. Nur sein Kopf
ragte über die Schreibtischkante hinaus.
“Tut mir Leid, Stefan. Entscheidung von Berner.”
Stefans Magen schien sich nach außen zu wölben und über seinem Kopf
zusammenzuziehen.
“Warum?”
“Er will Tadeus Schönheits-OP als Aufmacher.”
“Silicon statt Sklavenarbeit?”
Ebenwalds Mundwinkel zuckten.
“Er glaubt, an der SAW-Geschichte ist etwas faul.”
“Da ist nichts faul, das weißt du genau.”
“Berner sieht das anders.”

Stefan schlich zurück in seine Zelle. Sollte er sich auf dem Arbeitsamt in
die lange Schlange der arbeitslosen Journalisten einreihen oder aus dem
Fenster springen? Vorm Springen hatte er Angst – er war nicht schwindelfrei
und würde es gar nicht schaffen, an die Brüstung zu kommen, ohne sich zu
übergeben. Er malte sich eine trostlose Karriere als Meldungsschreiber bei
den St. Pauli Nachrichten aus. Und das hämische Grinsen seiner Eltern “Haben
wir dir doch gleich gesagt – hättest lieber was Anständiges lernen sollen.”
Er schaltete den Rechner aus, nahm seine Jacke und trat auf den Gang hinaus.
Auf dem Weg zum Fahrstuhl streifte er eines der gerahmten Titelbilder Ein
Containerschiff mitten auf dem Ozean, das eine Spur gelber Giftmülltonnen
hinter sich herzog. “Verklappt” – war einer der größten Umweltskandale
weltweit, den Globus aufgedeckt hatte. Daneben Spendenskandale,
Abhöraffären, Menschenhandel. Die SAW-Story würde sich nahtlos in diese
Reihe einfügen. “Wer nicht wirklich für den Journalismus brennt, sollte es
lassen!” hatte sein Professor ihm geraten.

Stefan stieg in den leeren Fahrstuhl. Statt auf E drückte er auf den
obersten Knopf. Das letzte Stockwerk musste er zu Fuß gehen. Berner achtete
streng auf die Abschottung seines Refugiums. Mit seinen Redakteuren traf er
sich im Produktionsraum oder in ihren Büros. Sein Heiligtum im 25. Stock
bekamen nur ganz wenige Auserwählte jemals zu Gesicht.
Das Vorzimmer war so einladend wie der Schalter einer Bank, aber der
Schalter war verwaist. Keine Spur von Eleonora Dragowitsch, Berners
persönlicher Sekretärin und Leibgardistin.
Die dicke Polsterung der letzten Barriere machte ein Anklopfen sinnlos.
Berners Residenz war kleiner als er sich vorgestellt hatte. Französische
Fenster links und rechts boten einen schwindelerregenden Panoramablick über
die Stadt. Ein Granittisch mit kreuzfeindlichen Designerstühlen lud mehr zum
Bestaunen, denn zum Setzen. Berner, dessen Hemdsärmeligkeit nicht so recht
zu der futuristischen Einrichtung passen wollte, stand mit dem Rücken zu ihm
vor der Bücherwand am anderen Ende des Raumes. Eine kleine Lücke klaffte
zwischen den Regalen.
Stefan räusperte sich. Blitzschnell drehte Berner sich um.
“Wie sind Sie hier reingekommen?”
“Frau Dragowitsch war so freundlich…”
Berner ging um seinen Tisch auf Stefan zu.
“Kommen Sie wegen der SAW-Geschichte?”
“Es gibt keine Zweifel an der Echtheit der Unterlagen. Mehrere Informanten,
bestätigen die Angaben. Die Geschichte ist heiß.”
Berner zog die Augenbrauen hoch
“Wollen Sie meine Entscheidungsfähigkeit anzweifeln?”
Stefan schwitzte.
“Aber Sie selbst haben das Thema doch abgesegnet!”
“Mayer, Sie haben als einer der besten Ihres Jahrgangs abgeschlossen und in
der Vergangenheit ein sicheres Gespür für Themen bewiesen.”
Er legte den Arm um Stefans Schulter und führte ihn zu der Lücke in der
Regalwand.
“Was Ihnen noch fehlt, ist das richtige Gefühl für Zusammenhänge.”

Berner tippte das Regal an. Lautlos glitt es zur Seite und gab den Blick auf
einen fensterlosen Raum frei. Eine militärische Kommandozentrale im
Miniaturformat: fünfzehn Computerbildschirme auf einem halbrunden Terminal,
dahinter eine Wand voller Monitore, die den jeweils aktuellen Titel der
“Global Entertainment”-Objekte anzeigten. Über dem “Globus” blinkte eine
rote Signallampe. Ein schlaksiger, junger Mann in Jeans und Sweatshirt
herrschte allein über dieses Imperium. Ohne sich umzudrehen, sagte er:
“Die “Schönheit” kommt gerade auf den Schirm!”
Berner legte ihm die Hand auf die Schulter:
“Ben, ich habe dir den Autor der “Sklavenarbeit” mitgebracht!”
“Ah, ein wahrer Journalist, der den Dingen auf den Grund geht!”
Er zog einen zweiten Stuhl heran:
“Sie werden sehen, wir überlassen nichts dem Zufall!”
Ben holte Tadeus Schönheits-Geschichte “Karriere durch Kurven nach Maß” auf
den Monitor und startete ein Programm namens MafoGen. Nach zwei Minuten
sprang eine Maske auf:
“55 Prozent der Frauen zwischen 25 und 30 mit einem Einkommen unter 30.000
Euro pro Jahr fühlen sich durch diesen Titel angesprochen.
85 Prozent der Männer zwischen 30 und 45 mit einem Einkommen über 100.000 Euro pro Jahr
fühlen sich von dieser Aussage bedroht. Vorschlag: Thema in “Die globale
Frau” schieben oder Titel ändern in “Markantes Managergesicht nach Maß”.
“Markantes Managergesicht ist in Ordnung!”, sagte Berner.
Ben markierte den neuen Titel und leitete den Artikel mit dem Vermerk “Bitte
entsprechend anpassen” weiter.
Stefan brachte keinen Ton heraus.
Berner bot Stefan eine Schale mit Süßigkeiten an:
“Jeder Schokoriegel wird bis zum Exzess am Kunden getestet, bevor er auf den
Markt kommt.”
Wie in Trance griff Stefan nach einem Riegel.
“Mit dem Marktforschungsgenerator haben wir endlich ein adäquates Instrument
zur zeitnahen Analyse des Leserverhaltens zur Hand.”
Ben hatte inzwischen die Auswertung der SAW-Geschichte auf den Schirm
geholt.
“‚Sklavenarbeit bei SAW‘ – 60 Prozent der abhängig Beschäftigten mit einem
Einkommen unter 20.000 Euro pro Jahr fühlen sich durch den Titel bestätigt.
85 Prozent der Entscheider stimmen den Methoden von SAW zu, fühlen sich
jedoch durch den negativ belegten Begriff abgeschreckt. Ändern in
‚Mehrarbeit bei SAW‘.”

Berner beugte sich zu Stefan hinunter:
“Und kein Nahrungsmittelhersteller würde seine wichtigsten
Rohstofflieferanten öffentlich diskriminieren.”
Ben scrollte die Auswertungstabelle weiter runter.
“Anzeigenwarnung: SAW bucht sechs farbige Doppelseiten für die nächsten vier
Ausgaben – Titel ändern in ‚SAW sichert zehntausend Arbeitsplätze‘.”
“Anzeigenwarnung: SAW-Konkurrent DEBA droht mit Anzeigenstorno SAW-Story
streichen. Alternativvorschlag aus Themenliste ‚Wachstumsbranche
Schönheits-OP‘.”

Stefan zerdrückte den Schokoriegel in seiner Hand. Ungläubig starrte er auf
den Monitor. Mit einem schrillen Signalton sprang eine neue Meldung auf:
“Achtung! Letzte Seite aus der Politik!”
Ben startete den Marktforschungsgenerator.
Berner stellte die Schale ab, rieb die Hände aneinander:
“Sie sehen ein bisschen blass aus, Mayer. Gehen Sie nach Hause und schlafen
sich mal richtig aus!”
Stefan stand langsam auf. Der Boden schien genauso aufgeweicht wie die
Schokolade in seiner Hand. Berner fasste seinen Arm.
“Ich bringe Sie nach unten. Hier entlang geht es schneller!”
Er öffnete Stefan eine Tür am anderen Ende des Raumes. Eine eiskalte Böe
schlug ihm entgegen.

Die Blaulichter von Polizei und Krankenwagen erloschen schnell. Der Globus
auf dem Dach drehte sich unermüdlich weiter und sandte sein Licht in die
Stadt.

Stets zu Diensten

von Susanne Henke (copyright)

Die starke Dünung bringt Leben in das undurchdringliche Schwarz der See.
Weiße Gischtkronen sammeln sich zum Wellenballett. Eine große, gleichmäßige
Bugwelle markiert den Weg der “Star of the Seas”. Noch 500 Seemeilen bis
Valencia.
Die meisten Passagiere liegen bereits in ihren frisch bezogenen Betten und
lassen sich vom Dröhnen der Motoren in den Schlaf singen. Ich dagegen stecke
noch in meiner Galauniform. 24 Stunden Dienst am Gast, der Berufsalltag
eines Hoteldirektors an Bord eines Luxuskreuzers. Ich hatte auch mal ein
eigenes Hotel. Das gehört jetzt Lisa, genau wie das Haus und der größte Teil
meines Gehalts. Hier brauche ich ja auch nicht viel. Sieben Tage Dienst in
Vierstundenschichten rund um die Uhr, Kost und Logis inklusive. Auf
Landurlaub will ich nur noch eines: Ausschlafen. Und dafür reicht ein
Einzimmerappartement vollkommen aus. Aber vor allem habe ich endlich meine
Aufgabe gefunden.
Janine Dabelsteins Schal flattert im Wind. Für sie habe ich die Knöpfe
meiner Uniform heute abend blank poliert.

Als Lisa mich das erste Mal darin sah, fragte sie: “Gehst du jetzt auf
Witwenfang?”. Auswahl hätte ich an Bord genug. Frau Garenthien zum Beispiel.
Ihre Kinder haben sie persönlich im Hafen abgeliefert. Ihr gequältes
Abschiedslächeln verriet deutlich ihre Angst, dass Mama ihr ganzes Erbe
verjubelt.
Janine Dabelstein wäre bestimmt nicht so dumm, die Verwalterin ihres
zukünftigen Vermögens allein auf eine Kreuzfahrt zu schicken.
Sie hat ihrem Mann die Idee zu dieser Reise eingeflößt. Verspätete
Flitterwochen zur Feier des Millionenauftrags, den er gerade an Land gezogen
hat. Natürlich glaubt er, dass er ganz von selbst darauf gekommen ist und
hofft auf die therapeutische Wirkung von romantischen
Mondscheinspaziergängen an Deck.

In Limassol schifften sie sich ein. Die Kabinenstewards wischten noch mit
Hochdruck die Spuren der letzten Gäste aus den Kabinen, während die
Neuzugänge sich schon verschwitzt und zerknittert aus den Bussen schälten.
Janine Dabelstein schritt perfekt gestylt wie die Drei-Wetter-Taft-Frau auf
die Gangway zu. Ihr Mann trottete zerzaust und übernächtigt hinter ihr her.

Sie hatten die Hochzeitssuite gebucht, also brachte ich sie persönlich zu
ihrer Kabine. Madame komplimentierte mich mit einem kühlen Lächeln hinaus:
“Vielen Dank. Wir brauchen nichts mehr. Und lassen Sie das hier abräumen.
Ich hasse Champagner!”
Dirk Dabelstein zuckte zusammen.
Um kurz nach acht rauschte sie in aufwändiger Robe in den Speisesaal. Ihr
Mann, inzwischen frisch geduscht und im faltenfreien Dinerjacket, an ihrer
Seite. Aber es war kein Platz mehr frei. Dabelstein hatte versehentlich für
die erste Tischzeit reserviert.
“Zur Kinder- und Rentnerabfütterung kannst du alleine gehen!”
Mit einem exquisiten Candle-Light-Diner in der Hochzeitssuite und einem
Umarrangieren der Reservierung für die kommenden Abende, unterstützten der
Maître und ich den unglücklichen Dabelstein bei seinem Versuch, die Wogen zu
glätten.
Am Morgen brachen sie sehr früh nach Jerusalem auf. Acht Stunden Busfahrt
für einen vierstündigen Schnelldurchgang durch die Heilige Stadt. Abends
speiste Madame allein. Ihr Mann lag mit einem schweren Sonnenstich in der
Kabine.
Die nächsten Tage sah man ihn meistens mit seinem Laptop an einem schattigen
Tisch der Pool-Bar. Sie führte ihre Bademodenkollektion vor, scheuchte das
Personal und suchte Kontakt zu vermeintlichen VIPs. Unser Hemingway hatte es
ihr besonders angetan. Am liebsten erzählt er von seiner Farm in Afrika, der
Massai, mit der er verheiratet war und der Diamantmine, auf die er nach
ihrem Tod gestoßen ist. Tatsächlich ist er ein pensionierter Beamter aus
Bonn, der sein Leben lang vom großen Abenteuer geträumt hat, und sich jetzt
einmal im Jahr eine Reise auf der “Star of the Seas” gönnt.
Zum Galadiner am Kapitänstisch erschien Janine Dabelstein in einem
blassgoldenen Seidenanzug, das Haar zu einer aufwendigen Hochfrisur
aufgesteckt und mit Geschmeide für mindestens zwei Abende behangen. Pikiert
registrierte sie, dass auch Herbert und Karina Luchs, die beiden
Preisauschreibengewinner, eingeladen waren.
“Was für ein entzückendes Kleid! Meine Putzfrau hat ein ganz ähnliches.”
Dabelstein ließ sich neben der errötenden Frau Luchs nieder.
“Sie studiert Modedesign. Die Putzfrau, nicht meine Frau.”
Der Blick, den Janine ihm zuwarf, hätte einen aktiven Vulkan zum Einfrieren
gebracht. In ihre perfekt artikulierten Nichtigkeiten, die sie anschließend
im Maschinengewehrtempo auf den Kapitän los ließ, mischte sich ein leichter
Hamburger Slang.

Den Slang erkannte ich sofort wieder, als sie auf dem Gang vor meiner
Kabine, einem der wenigen Orte an Bord, an denen Handys Empfang haben, ein
telefonisches Schäferstündchen hielt: “Kopper, jetzt haben wir es fast
geschafft. Ich wünschte, du wärst hier!” Der Rest war nicht jugendfrei. Mit
ihrem Vokabular hätte sie mühelos jeder professionellen Flirtline-Frau
Konkurrenz gemacht.
Das Anlegemanöver in La Goulette störte ihr Tête-à-tête. Die Passagiere
strömten an Deck. Auf der Pier standen die Busse für die Landausflüge
bereit. Janine Dabelstein stolzierte die Gangway hinunter. Ihr Mann holte
sie ein und versuchte, den Arm um sie zu legen. Sie schüttelte ihn unwillig
ab.

Es überraschte mich nicht, ihn wenig später allein an seinem Lieblingsplatz
im Schatten der Pool-Bar zu treffen. Die Seeluft hatte ihm zwar einen
frischen Teint verpasst, aber nicht die Traurigkeit aus seinem Blick
vertrieben.
“Meine Frau kann die Souks von Sousse viel besser ohne mich leer kaufen!”
Er klappte sein Laptop zu.
“Trinken Sie einen Kaffee mit mir?”
Als Pedro den Kaffee gebracht hatte, rührte Dabelstein in seiner Tasse
herum, als wollte er mit dem Löffel zum Erdmittelpunkt vorstoßen.
“Janine fühlt sich zu Recht vernachlässigt. Sie sehen ja, ich habe meine
Arbeit immer dabei. Das Konzept für einen neuen Kunden. Ein Jahr lang sind
wir hinter diesem Auftrag her gewesen. Ohne Kopper, meinen Juniorpartner,
könnte ich überhaupt nicht hier sein.”
Er hatte offensichtlich keine Ahnung, dass Kopper sich nicht nur um seine
Firma kümmerte. Ich wusste nur zu gut, was auf ihn zukommen würde. Ich hatte
auch mal so einen Kopper. Er hat mir mein Hotel mit meinem eigenen Geld
abgekauft, dem Geld, das ich Lisa bei der Scheidung auszahlen musste.
Dirk Dabelstein hatte das nicht verdient.

Um acht hieß es “Alle Mann an Bord!”. 560 Seemeilen, zwei Nächte und ein Tag
auf See, lagen vor uns. Kurz vor Mitternacht schwebte Janine Dabelstein in
meinen Armen übers Parkett.
“Kommen Sie um halb eins auf das Vorderdeck!”
Für den Bruchteil einer Sekunde versteifte sich ihr Rücken, ihr Lächeln
wurde um eine Nuance spöttischer:
“Mit dem größten Vergnügen!”
Nach dem Tanz hauchte sie ihrem Mann einen Kuss auf die Wange:
“Ich muss mich hinlegen. Meine Migräne.”
Dabelstein war nur allzu bereit, auf ein Bier in die Piano-Bar umzuziehen.
“Ich darf mich frühestens in drei Stunden in der Kabine sehen lassen. Wenn
Janine ihre Migräne hat, kann sie niemanden in ihrer Nähe ertragen.”
Hemingway schloss sich uns an. Der Fanclub des Pianisten war noch vollzählig
versammelt und das Ehepaar Luchs winkte uns zu sich an den Tisch. Nach dem
ersten Bier entschuldigte ich mich.
“Aber Sie müssen wiederkommen!” bat Dabelstein
“Stets zu Diensten!”

Seit Mitternacht hatten Stoever und Ment Dienst auf der Brücke. Die “Star of
the Seas” müsste schon auf einen Eisberg auflaufen, um sie von ihrem Ritual,
um halb eins einen Tee zu trinken, abzubringen. Nicht einen Blick würden sie
auf das Vorderdeck werfen. Mindestens 60 Seemeilen trennten uns inzwischen
von der tunesischen Küste.

Janine erwartete mich schon. Herausfordernd lehnte sie an der Reling, ihr
weißer Schal flatterte im Wind. Sie ignorierte den Wein, den ich ihr
reichte.
Stattdessen kletterte sie auf die Reling:
“Kommen Sie, ich will fliegen wie Kate Winslet in Titanic!”
Mit der linken Hand hielt sie sich an der Spitze fest, das rechte Bein hatte
sie schon über die Reling gesetzt.
“Und wie du fliegen wirst!”, dachte ich und stieg hinter ihr hinauf. Ihr
Schal wehte mir ins Gesicht.
“Wussten Sie nicht, dass Lauschen sich nicht gehört, Herr Pelker?”
Mit ihrer rechten Hand packte sie mich am Revers. Sie setzte den Hebel
blitzschnell und präzise an. Ich bekam nur noch ihren Schal zu fassen, der
widerstandslos von ihrem Hals glitt. Ihr metallisches Lachen verhöhnte mich.

Ich kann die Positionslichter nicht mehr sehen. Meine Arme werden immer
schwerer. Viel zu schwer.

Sport ist Mord

von Susanne Henke (copyright)

Rhythmisch schwingt dein sorgfältig gesträhntes Pferdeschwänzchen vor meinen Augen hin und her. Beide spiegeln wir uns im Fenster. Du mit deinem makellosen Figürchen in einem rot-weißen Sportdress, ein schmales Handtuch um den Nacken geschlungen. Ich, ein grober, unförmiger Klotz, ganz in Schwarz gehüllt. Rot ist nur mein Gesicht. Gleichmäßig setzt du deine zierlichen Füßchen eins vor dem anderen auf das Laufband. Wie ein Hamster. Auf deinem Rücken bildet sich bereits ein dunkles Dreieck.
Ja, lauf du nur, du kleines Flittchen. Egal wie schnell du bist, du kannst mir nicht entkommen. Du hast mir meinen Mann gestohlen. Hat deine Mutter dir nicht beigebracht, dass man das nicht tut?
Nach dreißig Minuten hältst du das Laufband an. Du wischst ordentlich die Griffe ab, nimmst einen Schluck aus deiner Designerflasche und setzt dich auf ein gynäkologenstuhlähnliches Gerät. Fünfzig Kilo legst du auf, presst die Beine zusammen und wieder auseinander. Das ganze dreißig Mal.
Armer Harald, hat er gar keine Angst, wenn er zwischen diesen gestählten Schenkeln liegt?
Als wäre es noch nicht genug, stemmst du jetzt siebzig Kilo auf der Beinpresse. Dein Gesicht ist schon leicht gerötet. Ein metallisches Pling verrät, dass du dir wohl ein bisschen viel zugemutet hast. Das dunkelrote Dreieck auf deinem Rücken breitet sich aus – wie geronnenes Blut sieht es aus.
Ja, Schätzchen. An diese Farbe kannst du dich schon einmal gewöhnen. Das hier wird deine letzte Fitnessrunde sein. Mein Messer wartet schon auf dich.
Du legst dich auf die Bank und wuchtest die Langhantel nach oben. Mit diesen angeschwollenen Halsmuskeln siehst du gar nicht mehr so schwanengleich aus. Und das liebreizende Antlitz zu einer Grimasse verzerrt. Wenn Harald dich so sehen könnte!
Nebeneinander liegen wir auf zwei Bauchtrainern. Du würdigst mich keines Blickes. Hochkonzentriert absolvierst du deine Situps. Wie ein Käfer auf dem Rücken siehst du aus. Alle Viere nach oben gestreckt, in hilflosem Zucken erstarrt. Blutrot ist jetzt dein ganzes Hemdchen. Als hätte man dir dein strammes Bäuchlein schon aufgeschlitzt.
Du setzt dich auf, wischst dir den Schweiß aus dem Gesicht, trinkst wieder einen Schluck und wirfst einen Blick auf die große Studiouhr.
Deine Zeit ist abgelaufen. Ende der stürmischen Romanze zwischen Barbie und ihrem alternden Liebhaber. Und glaub ja nicht, dass Harald untröstlich sein wird. Reumütig wird er zu meinen weichen, untrainierten Schenkeln zurückkehren.
Du stehst auf und gehst zu dem Studio, vor dem sich schon ein paar Artgenossinnen versammelt haben.
Power Workout steht hier auf dem Programm. Power dich nur aus, umso leichter werde ich es nachher mit dir haben. Ich werde dich nicht aus den Augen lassen.
Zu den hämmernden, schnellen Beats bellt die Trainerin ihre Kommandos. Die Kursteilnehmer schleudern ihre Gliedmaßen im Takt hin und her. Du beherrschst die Choreographie perfekt.
Wieder wippt dein sorgfältig gesträhntes Pferdeschwänzchen vor meinen Augen hin und her. Ich bekomme keine Luft mehr. Mein Gesichtsfeld engt sich ein. Ich sehe nur noch deinen Pferdeschwanz. Dann wird alles schwarz.
Der herbeigerufene Notarzt beugt sich über die am Boden liegende, massige Gestalt. Er kann nur noch den Totenschein ausfüllen: Herzversagen infolge akuter Überanstrengung.

Der Stellvertreter

von Susanne Henke (copyright)

Es war die übliche Verabschiedungs-Stehparty. Die ganze Redaktion hatte sich im großen Konferenzraum versammelt, den Prosecco in der einen, das Fingerfood in der anderen Hand. Verlagsleiter Cohn beendete gerade seine schwungvolle Lobeshymne auf den scheidenden Chefredakteur als Stefan Mahn, der Stellvertreter, etwas abgehetzt den Raum betrat.
“Tschuldigung, der Titel musste noch raus.“
„Aber ich bitte Sie“, sagte Cohn, „Ihr unermüdlicher Einsatz und Ihr Engagement haben Ihren jeweiligen Chefredakteuren ja erst den nötigen Freiraum verschafft. Und ich bin zuversichtlich, dass Sie auch den Nachfolger von Andreas Leichtenfeld mit der gleichen Effizienz unterstützen werden.“
Nachfolger? Stefan Mahn wurde noch eine Nuance blasser als sonst. Er musste sich an dem Stehtisch festhalten, um nicht umzukippen. Die Reden waren beendet, das Stimmengewirr schwoll an. Den Nachfolger unterstützen. Cohn hatte ihm fest versprochen, dass er auf den Posten des Chefredakteurs nachrücken würde. Leichtenfeld kam auf ihn zu und bedankte sich noch einmal artig und formvollendet für die gute Zusammenarbeit. Mahn hörte kaum, was er sagte. Warum erfuhr er erst jetzt von diesem Nachfolger? Und noch dazu auf diese demütigende Art und Weise? Plötzlich stand Cohn neben ihm. An seiner Seite Gero Wilder, der Macher des erfolgreichen Konkurrenzblattes.
„Herr Wilder, darf ich Ihnen Stefan Mahn, Ihren zukünftigen Stellvertreter vorstellen. Herr Mahn, Gero Wilder wird ab sofort die Position von Herrn Leichtenfeld übernehmen. Ich bin sicher, dass Sie beide hervorragend zusammenarbeiten werden.“

„Und das willst Du Dir gefallen lassen?“, Annabelle knallte die Kühlschranktür zu und ging ohne ihn eines weiteren Blicks zu würdigen hinauf ins Schlafzimmer. Resigniert schenkte Mahn sich noch einen Whisky ein. Als er Annabelle kennen lernte, war sie die Freundin seines älteren Bruders Alexander. Die beiden schienen wie füreinander geschaffen: schön, intelligent, lebens- und abenteuerlustig. Doch eines Tages kostete Alexander die Abenteuerlust das Leben. Beim Versuch einer Einhand-Weltumsegelung kenterte sein Boot und er ertrank irgendwo vor dem Kap der Guten Hoffnung. Stefan Mahn übernahm die Rolle des ritterlichen Trostspenders, und nach zwei Jahren hatte Annabelle sich so seine fürsorgliche und zärtliche Anwesenheit gewöhnt, dass sie einwilligte, seine Frau zu werden. Damals hatte er gerade bei dem Blatt angefangen und man sagte ihm eine glänzende Karriere voraus. Ein Jahr später war er bereits stellvertretender Chefredakteur. Doch das war jetzt mehr als fünf Jahre her. Mahn löschte das Licht und ging die Treppe hinauf. Er öffnete die Schlafzimmertür ganz leise. Annabelle stellte sich schlafend. Das Mondlicht schien direkt auf ihr Kopfkissen, und er sah ihre Augenlider zucken. Als er sich neben sie legte und versuchte, sie zu berühren, rückte sie von ihm weg. Mahn drehte sich auf den Rücken und versuchte, sich zu konzentrieren. Als er um sechs Uhr aufstand hatte er zwar keine Sekunde geschlafen, aber er fühlte sich ungewöhnlich frisch, denn sein Plan stand fest.
Zwei Monate später hatte Wilder längst sein Büro bezogen und mit der klassischen „Neue Besen kehren gut“-Mentalitität die Hälfte der Redaktion in Angst und Schrecken versetzt. Die andere Hälfte lebte eher nach dem Motto „Ich habe schon sieben Chefredakteure überlebt – den hier schaffe ich auch noch.“ Langsam kehrte wieder Routine ein. Mahn hatte seinen Job mit gewohnter Perfektion erledigt und dabei die Zeit genutzt, um Wilders Lebensgewohnheiten zu studieren. Der Mann war erschreckend langweilig. War er nicht gerade auf einer Dienstreise, rollte seine Limousine jeden Morgen um Punkt neun Uhr in die Tiefgarage. Sein Mittagessen nahm er grundsätzlich beim gleichen Italiener ein. Der Donnerstagabend gehörte seiner Frau – Theaterbesuch mit anschließendem Essen beim Franzosen. Der Montag war für die Geliebte, eine junge Journalistin mit Ambitionen, reserviert. An den übrigen Abenden drehte er nach vollbrachtem Tagewerk noch ein paar Runden im firmeneigenen Schwimmbad, Saunagang inklusive. Da die meisten Mitarbeiter lieber auf ihren Sport verzichteten, als ihrem Chef in Badehose gegenüberzutreten, hatte er das Bad für sich allein.
Heute war Dienstag. Um viertel vor sieben schaltete Mahn den Rechner aus, packte seine Sachen zusammen, verabschiedete sich von Wilder und rief der Sekretärin zu:
„Ich gehe jetzt zu dem Empfang im Grand Hotel. Wenn etwas ist, bin ich übers Handy zu erreichen.“
Um sieben betrat Mahn den Blauen Salon des Grand Hotels, in dem 400 Gäste den 75. Geburtstag des Filmproduzenten Dieter Trollenkamp feierten. Er begrüßte ein paar Kollegen, gratulierte Trollenkamp persönlich und verschwand um zwanzig Uhr unbemerkt durch einen Seiteneingang. Zu Fuß ging er zurück zum Verlag, nahm den Eingang durch die Tiefgarage und erreichte um halb neun das Schwimmbad. Wie erwartet war Wilder da. Er saß auf der Saunabank, die Augen in kindlichem Erstaunen aufgerissen. Das Handtuch um seine Hüfte war verrutscht, seine Stirn durch ein hässliches Loch verunstaltet. Wider besseres Wissen hob Mahn die Waffe, die neben Wilder auf der Bank lag, auf. Während er noch fieberhaft überlegte er, was er tun sollte, näherten sich Schritte. Als er sich umdrehte, stand er Cohn direkt gegenüber. Der Anblick erschreckte ihn mehr als Wilders Leiche: Für den Bruchteil einer Sekunde flackerten unverhohlener Triumph und Schadenfreude in Cohns Augen auf. Doch er hatte sich schnell wieder unter Kontrolle:
„Mahn, lassen Sie die Waffe fallen! Machen Sie es nicht noch schlimmer.“
Zwanzig Minuten später erschienen zwei Beamte von der Mordkommission, lasen Mahn seine Rechte vor, legten ihm Handschellen an und führten ihn ab.

Drei Monate später erging das Urteil gegen Mahn: lebenslänglich wegen vorsätzlichen Mordes an Gero Wilder. Nach der Überführung vom Untersuchungsgefängnis in die Vollzugsanstalt, überreichte ihm der diensthabende Beamte einen Brief von Cohn:
„Lieber Mahn, für mich bleiben Sie der beste Stellvertreter, den ich je hatte.“

Warte, warte nur ein Weilchen

von Christa Schmid-Lotz (copyright)

Eine Fahrradbremse quietschte. Sabine, die ihrer Freundin gegenüber im Eiscafé saß, draußen in der Sonne, einen Cappuccino vor sich, zuckte zusammen. Sie wandte den Kopf in Richtung des Geräusches. Der Blick des Mannes traf sie bis ins Mark, sie begann trotz der Hitze zu frieren.
„Was ist denn mit dir?“, fragte ihre Freundin.
„Was soll sein?“
„Du siehst aus, als wärest du einem Gespenst begegnet.“
„Ach, es ist nichts, ich habe nur ein bisschen viel gearbeitet in letzter Zeit.“
Der Mann war inzwischen verschwunden. Doch Sabine konnte sich nicht mehr auf das Gespräch konzentrieren. Ständig hatte sie das Gefühl, beobachtet zu werden, seine Gestalt wieder aus der Menge auftauchen zu sehen. Ziemlich bald verabschiedete sie sich von Ulrike. Nach Erledigung ihrer Einkäufe fuhr Sabine mit dem Fahrrad nach Hause. Aufatmend erreichte sie ihre Wohnung. Sie stellte den Korb mit Brot, Parmaschinken, Oliven und Trauben in eine Ecke. Obwohl die Schatten schon länger wurden, war es noch drückend heiß. Sie öffnete die Tür zur Terrasse, goss ihre Kübelpflanzen und hackte die Erde rund um die Bohnen und Tomaten.
Sie ging hinein, holte die Zeitung und setzte sich an den Terrassentisch. Ein Artikel auf der Lokalseite fiel ihr ins Auge. „Der Fahrrad-Mörder.“
„In der Umgebung von Eltenheim.“, las sie, „hat der Fahrradmörder jetzt schon zum drittenmal zugeschlagen. Er dringt nachts in die Wohnungen alleinstehender Frauen ein und bringt sie auf bestialische Weise um. Sein letztes Opfer, eine 38jährige Buchhändlerin, wurde gestern morgen mit durchgeschnittener Kehle gefunden. Die Obduktion wird ergeben, ob sie auch sexuell missbraucht wurde.“
Erschüttert legte Sabine die Zeitung auf den Tisch. Ihre Sinne waren zum Zerreißen gespannt; der Hunger war ihr vergangen. Sie ging ins Wohnzimmer und schloss die Tür. Das Fenster kippte sie, um frische Luft hereinzulassen. Sabine war nervös. Sollte sie nicht lieber zu ihrer Freundin Ulrike ziehen, bis dieser Mörder geschnappt war? Ach, das ging ja nicht, die hatte doch erst ein Baby bekommen und die Schwiegermutter im Haus und alle Hände voll zu tun … jetzt reiß dich zusammen, dachte sie. Warum sollte der sich ausgerechnet dich, eine unscheinbare Sekretärin heraussuchen? Was war die Frau gewesen – Buchhändlerin? Sabine hatte auch mit Büchern zu tun. Sie schrieb welche. Heute Abend sollte sie noch ihren Verleger anrufen wegen des Manuskriptes „Der Mörder kam im Morgengrauen“. Sie nahm das Telefon, stellte sich ans Fenster und schaute hinaus. Alles ruhig. Die Luft stand, kein Grashalm bewegte sich; der Himmel war bleigelb. In der Ferne begann es zu donnern. Sabine zog sich hastig aus und legte sich ins Bett. Sie löschte das Licht, schloss die Augen, aber der Schlaf wollte und wollte nicht kommen. Sie hatte ständig diese Bilder vor Augen, stellte sich vor, was die Frauen in ihrer letzten Minute gedacht hatten, sah den Mörder in seiner abgrundtiefen Lebensverachtung über sie gebeugt.
Ein Geräusch auf der Straße ließ sie aufschrecken. War das nicht eine Fahrradbremse? Der Schweiß brach ihr am ganzen Körper aus, sie begann zu zittern, fühlte sich wie gelähmt. Steh auf, dachte sie, steh auf, er wird hereinkommen. Hatte sie in ihrem Tran vielleicht vergessen, die Terrassentür zu schließen? Ein Knacken ließ sie zusammenfahren. Oh Gott, er kommt wirklich herein, die Tür war offen. Ihr Herz begann zu rasen. Das passiert nur im Fernsehen oder im Kino, dachte sie. Es ist einfach nicht wahr. Eine Fahrradbremse hat gequietscht, na und? Es ist bestimmt die Katze der Nachbarin gewesen, die ist doch schon mal hereingekommen und hat in der Küche nach Essbarem gesucht. Jetzt hörte sie Schritte im Flur. Es war also doch … Sie wälzte sich aus dem Bett und suchte panisch nach einem Versteck. Mit zitternden Fingern schloss sie den Kleiderschrank auf und zwängte sich herein, zog die Tür hinter sich zu. Ganz deutlich war das Knacken der Türklinke zu hören. Schritte wanderten im Zimmer herum. Dann war es still. War er vielleicht wieder gegangen? Plötzlich wurde die Schranktür aufgerissen, eine Taschenlampe blendete Sabines Augen. Instinktiv legte sie die Hände vors Gesicht. Sie wurden ihr weggerissen. Eine Gestalt stand im Türrahmen. Über dem Lichtkegel spiegelten seine Brillengläser.
„Du Schöne, die Zeit für uns ist gekommen“, sagte er.
Sie hatte keine Gelegenheit mehr zu fliehen. Er stürzte sich auf sie. Seine Hand legte sich wie eine Tatze auf ihre Brust. Sie versuchte zu schreien, aber es kam nur ein Röcheln über ihre Lippen. Sie wurde aufs Bett gedrängt, zwei Hände legten sich um ihren Hals und drückten ihr die Kehle zu. Alles begann sich um sie zu drehen. Sie versuchte, ihm das Knie in die Hoden zu rammen, aber er war zu dicht dran. Mit letzter Kraft griff sie zu einer Sprudelflasche, die auf dem Nachttisch stand und schlug sie ihm über den Kopf. Das Wasser spritzte nach allen Seiten, die Brille rutschte ihm von der Nase. Der Würgegriff lockerte sich etwas. Noch einmal ließ sie die Flasche auf seinem Schädel nieder krachen. Endlich sackte er über ihr zusammen.
Tränen liefen über ihr Gesicht, ihr war übel und die Haut am Hals brannte wie Feuer. Mühsam wälzte sie den Körper des Mannes zur Seite und tastete sich zur Tür. Nur raus hier, weg aus dieser Hölle! Draußen spürte sie die Kühle der Nacht. Sie drückte auf die Klingel der Nachbarwohnung und sah mit Erleichterung ein Licht angehen. Das Zittern ließ allmählich nach.
„Frau Frank, ich bin überfallen worden! Bitte kommen sie schnell, er liegt noch in meinem Schlafzimmer. Nein, rufen sie die Polizei!“
„Jesses, hat der sie zugerichtet! Sie sind ja ganz nass! Kommen Sie rein und setzen Sie sich.“
Dankbar ließ Sabine sich in einen Sessel fallen. Sie hörte die Nachbarin aufgeregt telefonieren. Zwanzig Minuten später klingelten zwei Beamte in Zivil. Sabine schilderte kurz den Tathergang und führte die Polizisten in ihre Wohnung. Als sie das Licht anmachte, war kein Täter mehr zu sehen.
„Erstaunlich, dass er so einen harten Schädel hat. Aber wir können jetzt nichts machen. Kommen Sie morgen aufs Revier, geben Sie eine Personenbeschreibung ab und erstatten Sie Anzeige gegen Unbekannt. Und machen Sie in Zukunft Ihre Terrassentür zu!“
„Aber sie können mich doch jetzt nicht allein lassen! Der Mann wird wiederkommen, um mich zu erledigen!“
„ Sie lesen zu viele Kriminalromane. Gute Nacht, schlafen Sie gut und ziehen sie morgen zu einer Freundin. Wir werden der Sache nachgehen.“
Sabine blieb enttäuscht zurück. Hatte ihr die Phantasie einen Streich gespielt? War alles vielleicht harmloser, als sie es empfunden hatte? Sie schloss die Terrassentür und ging wieder ins Bett. Hellwach lag sie auf dem Rücken und sah den Morgen durch das Fenster dämmern. Sie hörte, wie die Nachbarin zur Arbeit fuhr. Dann hörte sie eine Fahrradbremse quietschen.

Der Weg hinaus geht durch die Tür

von Christa Schmid-Lotz (copyright)

Dieser Mistkerl! Stand schon wieder vor dem Beerdigungsinstitut gegenüber ihrer Wohnung und wartete auf sie. Was sollte das? War es ein Detektiv, der sie beschatten wollte? Und warum? War er an ihr interessiert? Warum sonst folgte er ihr jeden Tag bis zum Büro und wieder zurück? So übel sah er gar nicht aus. Es machte sie ganz nervös; sie konnte nicht mehr richtig schlafen, weil sie dauernd über den Kerl nachdenken musste. Aber heute würde sie den Spieß einfach umdrehen und ihn verfolgen.
Sonja trat vom Fenster zurück, rief im Büro an und trank hastig ihren Kaffee. Dann schlüpfte sie in ihre Jacke und lief die Treppe hinunter zum Hinterausgang. Der Morgennebel schlug ihr feucht entgegen. Vorsichtig spähte sie um die Ecke.
Sie sah ihn auf die Uhr schauen. Um acht komme ich sonst immer heraus, dachte Sonja. Er setzte sich in Bewegung. Sie folgte ihm in größerem Abstand. An der zweiten Straßenkreuzung bog er links ab. Es waren nur wenige Menschen unterwegs. Die Häuser waren hier ärmlicher, der Putz bröckelte, Papier und ketchupverschmierte Pommes lagen auf dem Gehsteig. Knatternd wurde eine Jalousie hochgezogen. Er verschwand in einem der Gebäude. Ihr Herz klopfte wie verrückt, aber dann besiegte ihre Neugier die Angst und sie öffnete die Tür, die sich quietschend in den Angeln drehte. Ein langer, dunkler Gang, es roch nach Kohl und Katzen. Die Klinke der zweiten Tür gab nach. Im Halbdunkel erkannte sie einen Raum, der mit dunklen englischen Möbeln ausgestattet war. Er war vom kalten Licht einer Halogenlampe beleuchtet. In einem Sessel saß der Unbekannte. Aus der Nähe wirkte er noch attraktiver – dunkles Haar, braune Augen, den schlanken, proportionierten Körper in einer lasziven Haltung hingeräkelt.
„Ich habe auf dich gewartet“, sagte er mit heiserer Stimme. „und ich freue mich, dass du gekommen bist!“
„Was wollen Sie von mir? Warum haben Sie mich tagelang verfolgt?“
„Ich will gar nichts von dir. Du willst etwas von m i r . Du suchst einen Kick in deinem öden, ereignislosen Leben. Den kannst du haben. Du wirst nicht die erste sein, der ich einen aufregenden Abgang verschaffe.“
Ihr Herz setzte aus, um dann doppelt so schnell weiterzurasen. Sie schlug sich mit der Hand an die Stirn, die ganz feucht war.
„Was soll das alles, was für ein Spiel spielen Sie?“
„Du hast wohl gedacht, ich wolle ein Nümmerchen mit dir schieben? Oh ja, das wird die Glanznummer deines Lebens!“

„Warum gerade ich?“

„Das haben die anderen drei auch gesagt.“
Sonja fiel es siedend heiß ein. Sie hatte es in der Zeitung gelesen. Drei Frauen waren in kurzem zeitlichen Abstand im Wald gefunden worden, nur lose mit Blättern bedeckt, bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Voller Panik wandte sie sich zur Tür.
„Wozu willst du wegrennen? Du entkommst mir nicht.“
Sonja spürte eine würgende Übelkeit vom Magen her aufsteigen. Sie stammelte:

„Meine Kollegen werden nach mir suchen. Ich habe Bescheid gesagt.“

„Die wissen nicht, wo du bist. Du hast es ja heute Morgen selbst noch nicht gewusst!“
Er kam auf sie zu.
„Wenn Sie mich anfassen, schreie ich!“

„Hier kannst du so viel schreien, wie du willst.“
Sonja stand mit dem Rücken zur Wand. Sie öffnete den Mund, aber es kam nur ein halblautes „Hilfe!“ über ihre Lippen. Ein dumpfer Schlag traf ihre Schläfe. Ihr Kopf dröhnte, Sterne funkelten vor ihren Augen, dann verlor sie das Bewusstsein.
Als sie wieder zu sich kam, lag sie auf dem Sofa. Ihr tat alles weh. Es war niemand außer ihr im Raum. Aber er musste jeden Augenblick zurückkommen. Gehetzt schaute sie zu den zwei Türen….durch die andere musste er verschwunden sein, vielleicht in die Küche. Jetzt oder nie, dachte sie und lief zur Außentür hinüber. Sie rüttelte an der Klinke, doch sie war verschlossen. Mit zwei Sätzen war sie am Fenster. Es war ebenfalls zu.
Eine Hand legte sich auf ihre Schulter. Sonja drehte sich nicht um, sie war wie gelähmt. Sie hörte ihn sagen:
„Du wusstest doch, dass du mir nicht entkommst.“
Der Mann packte sie und warf sie aufs Sofa. Mit einem Strick fesselte er sie so, dass die Seile in ihre Haut schnitten. Dann stopfte er ihr einen Knebel in den Mund; sie bekam kaum noch Luft.
Er sagte: „Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um. Ich werde noch etwas für uns besorgen; in der Zwischenzeit kannst du darüber nachdenken, was du vor deinem Abgang noch für mich tun kannst.“
Damit ging der Unbekannte zur Tür, schloss sie auf und verließ das Zimmer. Knirschend drehte sich der Schlüssel im Schloss.
Ihr Herz begann etwas gleichmäßiger zu klopfen. Ein unbändiger Lebenswille erwachte in ihr. Auf diese Art wollte sie nicht sterben; sie hatte doch nur etwas an ihrem Leben ändern wollen. Sonja ließ sich vom Sofa gleiten und ihr Blick fiel auf die Beine des zierlichen Tischchens. Sie wälzte sich so herum, dass sich die auf dem Rücken gefesselten Hände neben dem scharfkantigen Holz befanden. Sonja begann die Hände zu bewegen. Sie biss die Zähne zusammen und die Tränen liefen ihr übers Gesicht; nach ein paar Minuten hatte sie es geschafft. Sie riss sich den Knebel aus dem Mund und sah sich fieberhaft um. Es gab nichts, womit sie die Fußfessel hätte lösen können. Sonja sah einen Spiegel an der Wand hängen und hüpfte keuchend hinüber. Sie warf ihn auf den Boden, wo er in Scherben zerspellte. Das Klirren ließ ihr Herz wieder schneller klopfen. Sie säbelte hastig mit einer Scherbe an dem Strick, bis er von ihren Füßen fiel.
Er musste jeden Moment zurückkommen!
Sonja hinkte zur Tür und stellte sich daneben, so, dass er sie nicht gleich sehen konnte, wenn er hereinkam. Sie merkte, dass sie den Rahmen des Spiegels noch in der Hand hatte. Ihre feuchten Hände krampften sich daran fest. Da…der Schlüssel knirschte wieder im Schloss! Ihre Beine knickten fast ein.
Als sie ihn eintreten sah, hob sie den Rahmen und schlug mit aller Macht zu. Sie hörte, wie eine Flasche auf den Boden klirrte. Sonja ließ ihre Waffe fallen und rannte durch die Tür hinaus. Sie vermeinte schnelle Schritte zu hören und lief panisch weiter. Menschengesichter flogen an ihr vorbei. Endlich, da war das Haus, in dem sie wohnte! Mit zittrigen Fingern fischte sie ihren Schlüssel aus der Jackentasche, drehte ihn um. Die Treppe hinauf, die Wohnungstür öffnen. Sie schlug die Tür zu, schloss zweimal ab und lehnte sich mit dem Rücken dagegen.
Sonja schleppte sich ins Bad. Ihre Augen starrten ihr weit aufgerissen aus dem Spiegel entgegen. Die Polizei anrufen…
Sie nahm das Mobilteil aus seiner Halterung und blätterte nervös im Telefonbuch.
„Hallo“, stieß sie atemlos hervor, „ich werde von einem Mörder verfolgt!“

„Nun mal langsam, junge Frau. Woher wissen Sie, dass es ein Mörder ist?“
„Er hat es mir gestanden! Nachdem er mich niedergeschlagen und gefesselt hatte. Bitte kommen Sie sofort!“
„Wo sind Sie denn jetzt?“ Die Stimme des Polizisten klang besorgt.
„In meiner Wohnung.“
„Straße?“
„Lenaustraße 20.“
„ Ihnen wird nichts passieren, wenn Sie in der Wohnung bleiben. Aber wir kommen zur Sicherheit vorbei…in etwa zwanzig Minuten.“
Sonja stöhnte auf: „Nein, kommen Sie sofort, bitte!“
In der Leitung knackte es.
Sie legte den Hörer auf die Gabel. Gleich darauf klingelte es wieder. Sie zuckte zusammen und hielt ihn ans Ohr.
„Sonja,“ flüsterte eine Stimme,“ ich stehe unten vor dem Haus und warte auf dich.“
Entsetzt lief sie zum Fenster. Da stand er neben dem Beerdigungsinstitut und starrte ungeniert zu ihr herauf. Der Hörer fiel polternd zu Boden. Panisch sah sie um sich. Die Polizei musste bald da sein.
Sonja setzte sich auf den Boden. Sah immer wieder auf die Uhr. Die zwanzig Minuten waren um.
Es läutete an der Wohnungstür. Sonja ging mit klopfendem Herzen hinüber und fragte:
„Wer ist da?“
„Die Polizei. Sie haben uns vorhin angerufen.“
Sonja atmete auf und öffnete. Ihr Herz blieb fast stehen. Er drängte sie herein, packte sie mit beiden Armen, zog sie ins Schlafzimmer und warf sie aufs Bett. Gierig glitten seine Hände an ihrem Körper entlang. Dann zog er ein Nylonseil aus der Tasche. Sonja wehrte sich, sie versuchte zu beißen, zu kratzen, ihm ihr Knie in die Hoden zu rammen.
Während er das Seil um ihren Hals zuzog, sie keine Luft mehr bekam und spürte, dass ihr die Augen aus den Höhlen traten, hörte sie ganz in der Ferne eine Türglocke, dann das Geräusch splitternden Holzes.

Veilchenduft

von Eduard Breimann (copyright)

„Haben Sie so etwas schon erlebt, Hensel? Da spinnt einer“, sagte Hauptkommissar Jansen und wackelte mit dem Kopf.
„Ist schon das fünfte Mal – und wir wissen so viel wie am Anfang“, seufzte Hensel.
„Wir kriegen ihn. Den Idioten packen wir uns schon noch. Wär doch gelacht. Bisher …“
Die Türglocke spielte ‚Wer soll das bezahlen?’, als die Kriminalbeamten die Boutique ‚Sandra’ betraten.
„Hallo, Frau Börger – Sie haben angerufen?“
„Ja! – Guten Tag Herr Kommissar Jansen; Herr …“
„Hauptkommissar! Seid letztem Jahr schon. Aber sagen Sie einfach Jansen, ohne Titel, das reicht. Übrigens, das hier ist Herr Hensel, mein Mitarbeiter. Spezialist für Sachbeschädigung, Betrug und Diebstahl.“
„Tag!“, sagte Hensel und betrachtete genüsslich die gut gebaute Boutiquechefin, die in ihrem modischen Top den gepiercten Bauchnabel zeigte. „Wie bisher? Der gleiche Vorgang?“
„Ja, er hat es schon wieder getan! Kommen Sie, kommen Sie, meine Herren. Sehen Sie? Hier! Sauber rausgetrennt; Futternaht geöffnet; Etikett raus geschnitten. Immer das Gleiche. Das ist übelste Sachbeschädigung. Was sollen meine Kunden bloß denken?“
Mit zornigem Blick hielt sie ihnen eine Übergangsjacke entgegen. Hensel ergriff einen Ärmel, hob ihn an die Nase und schnupperte.
„Haben Sie eigentlich auch Männer als Kunden? Ich meine, nicht diese Trans… Transdingsbums, sondern die, die was für ihre Freundin oder so kaufen“, fragte Jansen.
Hensel hielt das Innenfutter vors Gesicht und zog geräuschvoll die Luft durch die Nase. „Veilchen!“
„Männer? – Meine Boutique ist … Wie soll ich es sagen? – Nicht für Männer geeignet!“
„Keine Männer?“, fragte Jansen. „Sie sagen aber immer: Er hat schon wieder.“
„Wer sonst? Aber als Kunden? Keine Männer. Wir beraten jede Frau entsprechend ihrem Typ. – Männer? – Nein!“
„Verstehe! Männer scheiden also aus. Das engt den Kreis der Verdächtigen – sagen wir mal so grob – um fünfzig Prozent ein.“
„Eindeutig! Ganz klar Veilchen“, murmelte Hensel.
„Hensel, was machen Sie da? Was erzählen Sie von Veilchen?“, sagte Hauptkommissar Jansen und blickte seinen Kollegen an, der noch immer das Gesicht in der Übergangsjacke stecken hatte.
„Hier, riechen Sie selber. Ganz klar Veilchen.“
Jansen zog die Jacke vors Gesicht und schnupperte. „Hm. Stimmt. – Und? Was sagt uns das, Hensel?“
„Die Täterin hat Veilchenduft getragen. Na? Ist das ’ne Spur?“, fragte Kommissar Hensel und schaute die Boutiquechefin an. „Haben Sie einen Verdacht, Frau Börger?“, fragte Hensel.
„Verdacht? Wollen sie von mir verlangen, dass ich eine meiner Stammkundinnen verdächtige? – Ich bitte Sie!“
„Jedenfalls“, sagte Jansen zufrieden, „engt das den Kreis der Verdächtigen um …“, er überlegt, zog die Stirn kraus, „… jedenfalls ganz wesentlich ein.“
„Genau! Das ergibt eine ganz einfache Frage: Wer von ihren ‚Stammkundinnen’ benutzt Veilchenparfüm?“, fragte Hensel und ließ seine Augen auf dem tiefen Ausschnitt des Tops ausruhen.
„Was denken Sie von mir? Bin ich Sherlock Holmes? Ich schnuppere nicht an meinen Kundinnen. Das sind Damen!“
„Und Ihre Aushilfe?“
„Annette? Sind Sie noch bei Trost? Ich …“
„Na, na!“
„Entschuldigen Sie, aber sie arbeitet seit fünf Jahren hier.“
„Tja! Was dann? Sollen wir uns im Laden auf die Lauer legen?“, fragte Hensel und löste den Blick von den zarten Rundungen, die der Ausschnitt freilegte. „Ich wär schon bereit. So nach Dienstschluss …“
„Also, ich …“ Die Boutiquechefin stierte Hensel empört an. „Was sollen die Damen denken?“
„War ein Scherz! – Eine Kamera einbauen?“
„Ich verbitte mir Spionagegeräte. Machen Sie Ihre Arbeit wie immer, nur mit viel, viel mehr Rücksicht – und baldigem Erfolg, wenn ich bitten darf.“
*
„Wie gefalle ich dir, Liebling?“ Paula Hansen drehte sich auf den Zehenspitzen, hatte mit den Händen neckisch den Kragen der Übergangsjacke gepackt und warf dabei neckisch den Kopf in den Nacken.
„Äh – ganz gut“, sagte Erwin Hansen. Er schielte über den Rand der Lesebrille auf den breiten Rücken der Jacke.
„Was heißt das denn?“
„Nichts, Paula, nichts. Nur … Also gut, du siehst so unförmig aus in dem Ding.“
„Ich sehe was aus?“
„Unf… Entschuldige, es liegt vielleicht an deiner Figur – ich meine … Ach, mein Gott! Was rede ich herum; du bist einfach zu stark für so eine Jacke. Kannst du dir nicht einfach einen weiten Hänger …“
„Also! Das ist doch! Zunächst nehme ich mal den Liebling zurück. Dann muss ich dir sagen, dass dein Bauch … Ach, lassen wir das.“
„Bei Frauen ist das was ganz …“
„Ha! Wieso dann nicht bei allen Frauen? Als Gundi am Samstag hier war – und die hatte fast das gleiche Modell an – da hast du gesäuselt: ‚Nein, wie sexy du aussiehst.’ Immer lobst du deren Figur. Und die hat 42! Größe 42, genau wie ich! Schon seit der Schulzeit haben wir die gleiche Figur.“
„Äh, ich kenn mich ja mit so was nicht so aus, aber bist du sicher?“
„Was soll das denn schon wieder heißen, Erwin?“
„Na ja, wenn die Gundi Größe 42 hat, dann … Was weiß ich, was du hast? – Vielleicht 46? – Oder 48?“
„Bist du wahnsinnig? Das ist eine Unverschämtheit, mir so eine Größe anzudichten.“ Sie schluchzte, zog die Jacke aus und schleuderte sie auf Erwins Schoß. „Ich würde mich schämen, so eine Jacke in einem Restaurant dem Ober in die Hand zu drücken, wenn ich eine 48 da drin stehen hätte. Was der von mir denken würde!“
„Aber … Man kann doch nicht dafür, wenn man …“
„Doch! Aber ich hab das Problem ja zum Glück nicht. Da, sieh doch selber!“
„Was soll ich sehen?“
„Du willst doch meine Größe wissen. Lies! Was steht da? – Na? 42! Na?“
„Stimmt! Eine 42er … tatsächlich. Hm, komisch.“
„Was ist daran komisch, Erwin?“
„Ich weiß vom Karl, dass seine Gundi 42er und manchmal sogar 40er Sachen trägt – aber du? Was hat die aber auch für eine Taille!“
„Also, das ist doch … Worüber sprecht ihr Männer? Was hast du mit Gundis Taille zu tun? Was für eine Körbchengröße hat sie, he? Ihr Lüstlinge! Habt ihr wieder Männerwitze gemacht? Über Dicke und so?“
Sie riss die Jacke von seinem Schoß, warf sie über die Schulter, den Kopf in den Nacken, schleuderte einen verächtlichen Blick auf den geknickt da sitzenden Ehemann und knallte die Wohnzimmertür mit aller Kraft ins Schloss.

„Wir haben was vergessen, Jansen! Die Größe! Ist es immer dieselbe Größe? Das wär doch was! – Veilchen und eine bestimmte Größe. Das würde ja nochmals eingrenzen – den Täterkreis, meine ich.“
„Mensch, Hensel! Du schaffst es noch zum BKA! Ruf an, schnell!“
„Ok! Soll ich nicht lieber hingehen?“
„Was? Nee. Ich hab deinen Blick gesehen. Dir sind ja fast die Augen aus dem Kopf gefallen, bei dem, was die Börger nicht verpackt hatte.“
„Ich kann’s mir erlauben. Schließlich bin ich ja noch … Ah! Hallo? – Ja, hier ist Hensel; Kripo Großenbodden. – Fein. Sagen Sie mal, Frau Börger, welche Größe hatten diese geschändeten, äh, beschnittenen -St… – Aha! 42er? – Alle? – Wunderbar! Fällt Ihnen dazu nichts ein? – 42er Größe hat doch nicht jeder, oder? – Doch? So oft? – Und Veilchend… – Entschuldigen Sie, ich wollte nicht … Sie melden sich sofort? – Ja? – Bis dann.“
„Wer hat denn vorgestern 42er Sachen anprobiert, Annette? Und wer von denen hat Veilchenparfüm? Fällt Ihnen dazu wirklich nichts ein?“
„Ich weiß nicht … Da waren drei, glaube ich. Die Frau Krüger, die … Oh, mein Gott! Einen Moment! – Genau! Die hat dieses aufdringliche Parfüm – die Frau Hansen!“
„Ist das wahr, Annette?“
„Ja sicher! Wir haben nur eine Stammkundin mit diesem ‚Bernadottes Violette’.“
„Das Sie das kennen! – Ach, Gottchen. Furchtbar!“
„Na, ja. Furchtbar? Mein Geschmack ist es zwar …“
„Quatsch! Furchtbar ist das mit der Hansen. Warum macht sie das? Halt! Das kann nicht sein – sie ist eine 48erin! Manchmal sogar eine … Oh, mein Gott!“
„Das hieße ja … – Moment, aber sie sagt immer, sie müsse auch die kleineren Größen probieren – besonders 42er.“
„Sagt sie? Oh. mein Gott! Was machen wir bloß, Annette?“
„Die Polizei anrufen? Diesen Herrn Hensel, der immer in Ihren Ausschnitt linst?“
„Auf gar keinen Fall! Wir müssen die Anzeige zurückziehen, Annette. Und noch was: Sie müssen sich opfern. Wird Ihr Schaden nicht sein.“
„Jansen; Kripo Großenbodden.“ Er zog die Füße vom Tisch und blickte Hensel an, der auf der Wandtafel mit Kreide die Zahlen 42, 44, 46 und 48 aufgemalt hatte und sie gerade mit dem Wort ‚Veilchenparfüm’ verband. „Ah, die Boutique Sandra. – Wie? – Sind Sie sicher? – Und warum? – Irrtum? – Nicht? – Ach so! Ihre Annette hat gestanden? – Ein Scherz? – Nun ja, wenn Sie meinen. – Keine Anzeige? – Aha, treue Seele? – Na, gut, Frau Börger – Ja, da kann man nichts machen. Ja, ja. Gutes Personal ist knapp. – Ihnen auch. Tschüss.“
„Hensel, Sie glauben es nicht! Diese Annette hat gestanden und sie haben die Anzeige zurückgezogen.“
„Kam mir gleich verdächtig vor, diese Annette. Haben Sie gesehen, wie zugeknöpft die war? Kleidmäßig, meine ich. Schade. War mal ein angenehmer Tatort, diese Boutique.“
*
In Erwin Hansens Kopf kreisten die Zahlen: „42er? 46er? 48er? Da stimmt doch was nicht!“
Er schloss die Augen, sah Gundi neben seiner Paula, verglich ihre Figuren, schüttelte den Kopf – und dann musste er es klären. Die Kleiderstange im begehbaren Kleiderschrank war mit Zetteln unterteilt.
„Für Kleidersammlung“, „Anschaffungen 2002“, „Anschaffung 2003“, „Anschaffung 2004“.
Er riss wahllos Kleider und Jacken heraus, suchte hastig nach den Etiketten, lehnte sich an die Wand und schüttelte den Kopf.
„Alles 42er! Verdammt, hab ich mich so vertan?“
Auf dem Boden lag eine Plastiktüte mit einem Aufkleber: „In den Mülleimer“. Ein Tütchen lugte unter dem Sack hervor, klein und unbedeutend, halb verdeckt vom Sack und einigen Kleiderbügeln. Mit dem Fuß zog er die Tüte heraus und schüttete den Inhalt auf den Boden.
„Etiketten! – 48 und 48, 48, 48 … Ich fass es nicht! Wieso … So ist das also! Hochstaplerin! Nee, Tiefstaplerin. So ein Etikettenschwindel!“

Kaffee mit Cognac

von Eduard Breimann (copyright)

Wochenende und Bereitschaftsdienst! Bettina hasste diese Stunden, in denen alle Menschen, die sie kannte, tief und fest schliefen.
Andere taten das leider nicht; die verzogen das Gesicht vor Schmerzen oder blickten voller Panik auf ihren schwer atmenden Nachwuchs, rasten mitten in der Nacht zum diensthabenden Arzt, tauchten wenig später an der Apotheke auf und verlangten aufgeregt die verordneten Medikamente.
Es musste, da war sich Bettina sicher, einen besonderen Typ Mensch geben, der nur noch nicht genügend beschrieben, ausgeforscht und definiert war. Diese Leute bekam das Fieber, die Koliken, die Migräne und sonst was, immer dann, wenn alle normalen Menschen schliefen oder feierten.
Sie arbeitete schon mehr als acht Jahre in der Rathaus-Apotheke, die in der Fußgängerzone lag, hatte Spaß an ihrem Beruf und an den Gesprächen mit den Kunden – mit den meisten wenigstens. Mit manchen allerdings weniger – das waren die, deren Ärger über Zuzahlungen oder Verschreibungspflicht auf ihrem Haupt landete.
Da konnte sie schnippisch werden und das Gespräch so gestalten, dass der Kunde sich vornahm, beim nächsten Mal eine andere Apotheke oder wenigstens eine verständnisvollere Apothekenhelferin anzusteuern. Das war ihr egal – oder sogar ihr Recht.
Es war bereits dunkel und der Regen, der seit dem Morgen herunter rauschte und an dem großen Schaufenster ablief, hatte sie heute ausnahmsweise mal nicht gestört; sie war fast den ganzen Tag im Bett geblieben.
Die ausgelassene Geburtstagsfeier vom Vorabend steckte ihr in den Knochen. Sie war neunundzwanzig geworden und ihr Freund Günther hatte die Idee gehabt, diesen letzten „Zwanziger“, wie er sagte, vor dem „Zwangsumtausch“ richtig zu feiern. Das hatten sie dann auch gemacht.
„Dreißig feiert jeder; alles Quatsch – und schlaf gut auf deiner Pritsche“, hatte er gesagt, als sie missmutig die Wohnung verließ.
Jetzt freute sie sich tatsächlich auf die bequeme Liege im Hinterzimmer.
Sie hängte den Mantel in den Schrank, warf sich den Kittel über, ohne ihn zuzuknöpfen, was sie sich nur beim Bereitschaftsdienst erlaubte. Sie trug während des Nachtdienstes gerne weite Pullover und Jeans; damit konnte sie sich auf die Liege im Hinterzimmer werfen und brauchte keine Knitterfalten zu fürchten.
Sie drehte den Dimmschalter, bis die Lampen nur noch matt leuchteten, reckte sich und gähnte ausgiebig. Die mit Mahagoniholz ausgekleideten Wände, die indirekte Beleuchtung und die kaum wirksamen Reklamelichter erzeugten ein diffuses Dämmerlicht, das alle Kanten und Ecken der Theken und Schränke auflöste.
Sie fasste prüfend die Türklinke der Glastür an – verschlossen. Die Klappe für die Bedienung während des Bereitschaftsdienstes – verschlossen. Die Lampe, „Bereitschaftsdienst“, flackerte leicht; sie würde es am Montag dem Chef melden.

Im hinteren Raum, neben der winzigen Küche mit Kaffeeautomat und Waschbecken, stand ein niedriger Rollwagen mit der Lieferung, die ihre Kolleginnen am Tage nicht mehr ausgepackt hatten. Sie schob ihn an die Seite, legte den Kittel ab und warf ihn auf die Pakete.
Es war still, bis auf das Rauschen auf dem Flachdach. Die kleine Lampe, die neben der Liege auf einem Tischchen stand, beleuchtete den Radiowecker. Es war gerade 20:00 Uhr, als sie sich setzte; eine lange Nacht lag vor ihr. Langsam ließ sie sich fallen und schloss die Augen.
„Wenn ich Glück habe, schlaf ich gleich ein und wach erst wieder auf, wenn meine Ablösung kommt“, dachte sie und dämmerte schon rüber in einen Halbschlaf, bei dem ihre Sinne aus Gewohnheit wach blieben.
Die Klingel an der Tür schrillte; sie schlug die Augen auf und blickte zunächst auf die Uhr. „21:09“. Hastig strich sie sich die Haare aus dem Gesicht, schwang die Beine von der Liege und griff nach dem Kittel.
Der Mann hinter der gläsernen Tür schien noch jung zu sein. „Höchstens Anfang zwanzig“, dachte sie. In seinem Gesicht leuchteten rote Flecken; er wippte ungeduldig auf den Zehenspitzen und versuchte durch das Glas der Tür zu sehen.
Sie drehte das Licht voll auf und öffnete die Klappe. Sein Hemdkragen schaute spitz aus dem Anorak und gekämmt hatte er sich bestimmt nicht.
„Guten Abend. – Bitte?“ Sie blickte ihn freundlich an und lächelte
„Ich dachte schon, es wär keiner da.“
„So? War ich nicht schnell genug für Sie?“ Ihr Lächeln verschwand und die Stimme wurde rau wie eine Eisenfeile. Das war immer so, wenn sie sich ärgerte.
„Entschuldigen Sie; war nicht so gemeint. Sie ist ganz plötzlich so heiß geworden, hat schon vierzig Fieber. Vorher hat sie noch ganz normal gegessen – jetzt bricht sie alles aus. Äh – die Ärztin, also die vom Notdienst, meinte, unsere Kleine müsste die Medizin sehr schnell bekommen. Macht es Ihnen was aus, sich zu beeilen?“
„Kaum. Haben Sie kein Rezept?“
„Oh, doch! – Steht alles drauf.“ Er suchte in seinen Hemdtaschen, öffnete den Anorak, lächelte sie nervös an, suchte weiter und sagte „Aha! Ja, hier.“, als er fündig wurde. Hastig schob er das Rezept durch das Loch, glättete es auf dem Klappentischchen und sie konnte seine zitternden Hände sehen.
„Warten Sie bitte“, sagte sie mit weicher Stimme und dachte: „Was red’ ich für einen Quatsch! Als wenn der weglaufen würde.“
Sie wusste genau, wo jedes Medikament lag. Sicher half ihr dabei eine ausgeklügelte Ablagetechnik, aber sie brauchte auch so kaum darüber nachzudenken. Ohne Zögern fasste sie in der vierten Reihe, nach dem fünften Schubladengriff und zog die lange Lade heraus. Sie fasste zu, prüfte, verglich die Texte auf dem Rezept und der Packung. – „Richtig!“, dachte sie.
Nächstes Medikament. Die zweite Schublade, ganz oben. Wieder der Griff, die Kontrolle. Falsch! Die andere Größe. Sie suchte, tastete und dann wusste sie es wieder.
„Mist“, dachte sie. „N 2 hat die verschrieben. Gibt’s doch gar nicht. Die machen doch nur N 1.“
Sie nahm das Medikament, ging zum PC und zog die Verpackung über den Scanner. Ja, sie hatte Recht! Nur N 1 und kein N 2.
„Hören Sie! Das muss ich korrigieren. Die Ärztin hat eine Größe aufgeschrieben, die es nicht gibt – sie hat sich wohl vertan; ich muss ihnen die kleinere Packung geben.“
Er nickte, hüpfte ungeduldig auf und nieder. „Hoffentlich baut der nervöse Kerl keinen Unfall“, dachte sie.
„So, das Rezept ist frei. Aber ich muss drei Euro von Ihnen verlangen – wegen dem Bereitschaftsdienst – steht da angeschlagen.“ Sie zeigte auf einen imaginären Punkt an der Tür, wo der Zettel hängen musste.

„Okay, kein Problem“, sagte er und fummelte seine Börse raus. Sie gab ihm die Medikamente, strich das Geld ein, sagte: „Gute Besserung“, öffnete die Kasse und legte die drei Geldstücke ins Fach.
Die Klingel schrillte diesmal lange, viel zu lang. Das war die Länge, das wusste sie, wenn es einen extremen Notfall gab.
„00:23 Uhr!“ Sie sprang auf, vergaß den Kittel, den Dimmer und den sichernden Blick durch das Glas. Vor der Tür stand ein dunkler Schatten. Als sie die Klappe herunter riss, blickte sie in ein von Alkoholsucht gezeichnetes, dunkelrot fleckiges Gesicht mit wild wuchernden Bartstoppeln. Und direkt darunter glänzte der Lauf einer Waffe.
Sie kannte Pistolen und Revolver nur aus Krimis, hatte ein solches Ding noch nie wirklich, echt und bedrohend – eben so aus der Nähe –, gesehen. Das hier, das war Premiere und der Schock größer, als sie es jemals vermutet hätte. Ihr Magen revoltierte und die Beine zitterten so stark, dass sie sich an der Klappe festhalten musste.
„He! Mach nich schlapp, Kleine! Schließ die Tür auf, sonst spielt mein Freund verrückt. Mein Finger wackelt schon ziemlich, kann den kaum ruhig halten; wenn de verstehst, wat ich mein.“
„Ja, ja. Ich verstehe“, brachte sie zitternd heraus und schielte zur Wand.
Direkt neben ihr war der Knopf, der einen stillen Alarm bei der Polizei auslöste. Ihre Hand bewegte sich langsam auf die Wand zu, als müsse sie sich vor Schreck abstützen.
„Wenn de da drauf drückst, drück ich auch; wenn de verstehst, wat ich mein’. Is’ nich’ meine erste Apotheke.“
Ihre Hand zuckte zurück, als habe sie eine heiße Platte berührt; sie drehte den Schlüssel im Türschloss und trat zurück.
„Na also! Ging doch prima, Mädchen. Mach man so weiter. Machst nur dat, wat ich dir befehle. Okay?“, sagte er und drückte die Tür auf.
„Ja, ja. Bitte! Ich mach alles, was sie sagen. Tun Sie bitte das Ding da weg.“ Sie zeigte mit fahriger Hand auf die Pistole, die auf ihren Bauch gerichtet war.
„Nee. Is’ meine Versicherung; wenn de verstehst, wat ich mein’.“
„Ja, ich meine ja nur, wegen ihrer zittrigen Finger.“
„Dann pass einfach auf und schließ die Tür zu – und mach dat verdammte Licht aus.“
„Nein, das geht nicht. Ich mach das nicht aus. Dann ist es stockdunkel hier.“
„Mach et aus!“ Der Lauf der Pistole wanderte etwa zehn Zentimeter höher und das überzeugte sie restlos.
Sie wankte zum Schalter und dreht das Licht aus, schloss für einen Moment die Lider und als sie die Augen wieder öffnete, stellte sie fest, dass es nicht ganz so dunkel war, wie sie befürchtet hatte. Die Reklamebeleuchtung der Nachbargeschäfte warf ein mattes, buntes Farbengemisch durch Schaufenster und Glastür.

„Jetzt die Kasse. Mach auf!“
Sie drückte die Taste „Total“, öffnete die Kasse und zog sie ein Stück weit heraus. „Da hast du dich geschnitten, du Dreckskerl!“, dachte sie und war schon schadenfroh.
„Allet raus, allet! Und keine Tricks; wenn de verstehst, wat ich mein’.“
Sie nickte ergeben und legte die Geldscheine auf die Theke. Es war nicht viel, zehn 5er, sechs 10er und drei 20er Euroscheine – Wechselgeld eben. Dann klaubte sie das Kleingeld aus den Schälchen und legte es neben die Scheine.
„War nur etwas Wechselgeld drin“, sagte sie und ärgerte sich über den entschuldigenden Unterton. „Nachts haben wir nie mehr.

Es wird abends zur Bank gebracht.“
„Scheiße! Willste mich verarschen?“ Er riss die Schublade bis zum Anschlag auf, fegte die kleinen Einlagebecken für das Kleingeld raus, bückte sich, schielte in die dunkle Höhle.
„Mach Licht, sofort!“
Sie drehte den Dimmer auf und schielte zum Schaufenster. „Vielleicht gibt’s ja eine Glücksfee, die einen Nachtbummler vorbei schickt.“
Offensichtlich hatte niemand Lust, in dieser Nacht durch die öde, verregnete Fußgängerzone zu gehen und einen Blick in ein Apothekenfenster zu werfen. „Lieber Gott, schick einen – wenigstens einen einzigen Menschen – und wenn der noch so besoffen ist.“
„Verdammte Scheiße! Wo is’ euer Tresor?“
„Was?“ Sie starrte den Mann an. Seine Augen waren klein, kugelrund und blau. Sie sahen aus wie die von der fetten Sau im Stall ihres Onkels Willi; der war Bauer und züchtete Schweine.
„Haben alle Schweine blaue Augen?“, hatte sie ihn gefragt.
„Weiß nicht; meine jedenfalls haben die. Und wenn du einen Menschen siehst, der Schweineaugen hat, dann lauf schnell weg.“
„Der hat gut reden“, dachte sie. „Wie soll ich hier weglaufen? Und der stinkt tatsächlich so wie Onkel Willis Schweine. – Mensch, wir haben doch kein Geld im Tresor!“
„Wo is’ dat Ding? Erzähl mir nix, hörste? Mein Finger zittert schon ganz mächtig; kann den kaum noch beruhigen. Also los! Wo is’ euer Geld?“ Ein übler Geruch strömte bei diesem heftigen Ausbruch aus seinem Mund.
„Es gibt kein Geld hier. Wofür denn? Die Bank ist nebenan und der Chef bringt immer alles da hin. Wir haben nachts nie Geld hier – ehrlich.“
Sie sah das Flackern in den Augen und ihre Beine zitterten wieder. Ihre Gedanken ließen sich nicht ordnen. „Mist, gibt es denn keinen Ausweg?“
Plötzlich kam es ihr in den Sinn, und ohne nachzudenken sagte sie: „Ich hab heute Geld von der Bank geholt – vom Automaten. Da, hinten, in meiner Handtasche, sind hundert Euro. Die kann ich ihnen geben. Das ist alles.“
„Her mit dem Zaster. Ich nehm auch Kleinigkeiten“, sagte er und sie spürte die Wut, die ihn so gefährlich aussehen ließ.
Sie rannte nach hinten, nahm zwei 50er Scheine aus der Börse – und erblickte das Telefon auf der Küchenanrichte. Heiß wurde es in ihrem Nacken und die Haare standen weg wie bei einem Fieberanfall. Sie lauschte, zögerte, machte einen Schritt auf das Telefon zu und erstarrte mitten in der Bewegung.
„Lass dat sein! Dat überlebste nich’!“
„Gib mir mal ’ne Schere!“ Er schlurfte auf sie zu, sah sie mit einem komischen Blick an; sie fror plötzlich und begriff, dass sie jetzt nichts mehr riskieren durfte.
Er schnibbelte spielerisch, dicht vor ihrem Bauch, mit der Schere herum und schnitt blitzschnell die Telefonschnur durch. „Haste ’n Handy?“
Sie schüttelte den Kopf und hielt ihm die zwei Scheine hin. Achtlos stopfte er sie in die Tasche der zerrissenen Jacke zu dem anderen Geld und sah sie wieder lange an. Dann hatte er einen Entschluss gefasst; sie sah es daran, wie er sich straffte.

„Er wird jetzt gehen“, dachte sie erleichtert.
„Mach dat Licht wieder aus. Wir setzen uns hier in dein Kabuff, dat sieht ja ganz gemütlich aus.“
„Warum?“, fragte sie verzweifelt und hätte fast geweint.
„Wir warten auf Kundschaft. Allet wat du kassierst, lieferste bei mir ab. Und mach keine krummen Dinger! Wenn ich denk, du willst mich verarschen oder verpfeifen, dann macht’s Paff und du fällst um; wenn de verstehst, wat ich mein’.“
„Und wenn keiner mehr kommt?“
„Hä? Wat sachste da?“
„Ist doch möglich. Manchmal kommt kein einziger Kunde – während der ganzen Nacht nicht. Gehen Sie lieber, bevor Sie einer erwischt.“
„Egal. Lass ich drauf ankommen. Sitz ja hier gut und trocken – oder?“
Er hockte sich mitten auf die Liege und winkte mit der Pistole. Sie setzte sich zögernd ans äußerste Ende, fürchtete instinktiv das Schlimmste und ihr wurde schlecht.
„Ich muss aufs Klo. Mir ist schlecht.“
„Nix is’ mit Klo. Willste mich verarschen? Du bleibst! – Ach so! Nee, ich fass dich nich’ an; brauchst keine Bange zu haben. So einer bin ich nich’; kannst mich nich’ reizen.“
Sie sah ihn erstaunt an und bemerkte erstmals ein leichtes Lächeln. Seine Augen bekamen einen Kranz aus Falten und als er den Mund öffnete, sah sie etliche Lücken und braune Stummel. Von seinen aschfahlen Haaren tropfte das Wasser, lief über seine schorfige Stirn. Seine Kleidung war völlig nass, wie sie erst jetzt bemerkte – und er stank schrecklich.
„Meine schöne Liege!“, dachte sie voller Ekel.
„Hab keinen Spaß an euch Weibern; wenn de verstehst, wat ich mein’.“
Seine Augen sahen wirklich aus wie bei Onkel Willis Schweinen; jetzt, als er grinste, noch mehr. Und dann begriff sie: „Er kann mich nicht am Leben lassen! Ich könnte ihn beschreiben und das lässt er nicht zu. Dieser Stinker wird mich umbringen.“ Sie seufzte und blickte auf den Boden. Die Übelkeit war weg, aber die Angst war noch da; noch nie hatte sie eine solche Angst gespürt – Lebensangst.
„Wie heißte? Ich bin Erwin, Erwin der Schreckliche, sagen meine Kumpels.“
Sie zögerte. Konnte es etwas ausmachen, ihm zu sagen, wie sie hieß? Vielleicht, wenn er ihren Namen wusste, konnte er sie nicht mehr umbringen. Sie musste wieder an Onkel Willi denken, der sich weigerte, seinen Schweinen einen Namen zu geben. „Wie soll ich ein Schwein umbringen, mit dem ich auf Du und Du stehe, he?“, hatte er ihr gesagt, als sie die dicke blauäugige Sau Jolante nennen wollte.
„Bettina heiß ich; ich sage der Polizei kein Wort – bitte tun Sie mir nichts.“
Er prustete los, schlug sich auf die dürren Oberschenkel. „Klar, sachste denen allet wat de weißt. Mensch, ich bin doch nich blöd. Kaum bin ich weg, palaverste mit denen und sachst allet, wat dir einfällt. – Also, red kein Blech, ja?“
Sie saßen lange still da, rührten sich beide nicht. Der Regen ließ nach, es tropfte über ihnen und irgendwo plätscherte Wasser vom Dach herunter.
„Wie komm ich hier bloß weg? Der bringt mich um, verdammt!“
„Mach mir mal nen Kaffee; ’ne Maschine habt ihr ja. Aber einen mit Schuss; wenn de verstehst, wat ich mein’. Wird ja wohl Schnaps im Haus sein oder irre ich mich?“
„Nein, nein. Sie irren sich nicht. Herr Börger, also unser Chef, hat immer einen Cognac im Schreibtisch stehen.“
„Na, dat is ´n Wort. Mach voran! Koch Kaffee und hol den Stoff.“
Sie setzte den Kaffee an und während die Maschine leise brodelte und schlürfte, holte sie die Flasche aus dem Schreibtisch; sie war noch fast voll. Sie zuckte zusammen, als die Klingel schrillte.
„Kundschaft!“, rief Erwin der Schreckliche. „Denk dran, ich knall dich ab, hab nix zu verlieren. Ich steh hinter der Ecke und mein Freund guckt auch.“ Er zeigte auf die Pistole und stand auf
„Ja, ich sag schon nichts. Sie können sich darauf verlassen.“
Vor der Tür stand Frau Bungert, eine Frau, deren Alter unbestimmbar war. Das lange Haar hing ihr ins Gesicht. Sie sah müde und grau aus.
Ihre Mutter hatte Darmkrebs im letzten Stadium, weigerte sich aber standhaft, in ein Krankenhaus oder ins Hospiz verlegt zu werden. Seit einigen Wochen bekam sie Morphium, damit die Schmerzen erträglich waren. Frau Bungert hatte ihr stückweise von ihrem täglichen Leiden berichtet. Bei jedem Besuch erzählte sie ein neues Kapitel; sie stand oft wartend da, wenn Bettina andere Kunden bedienen musste.
„Wie ein Fortsetzungsroman, ein böser mit albtraumartigen Szenen“, hatte sie dem Chef gesagt. „Aber sie muss ja mal mit jemandem darüber sprechen.“
Sie öffnete die Klappe und lächelte verkrampft. „Guten Abend, Frau Bungert.“
„Guten Abend. Ich bitte um Entschuldigung. Ich hab’s einfach übersehen. Ich hätte schon heute Vormittag kommen sollen. Mutter geht’s nicht gut, sonst hätte ich bis morgen gewartet.“
„Kein Problem, Frau Bungert; ich bin ja sowieso hier. Wie üblich?“
„Ja, so ist es. Hier ist das Rezept. Es ist hoffentlich bald vorbei. Der liebe Gott mag mir verzeihen, aber ich kann nicht mehr. Es muss bald ein Ende haben.“
„Sie tun mir so Leid. Warten Sie, ich hole es.“ Sie schaute auf das Rezept und kontrollierte die Dosierung. „Drei Mal täglich 200 mg – wie immer.“
Die Drogen lagen nicht in den Schubladen; die Vorschriften verlangten eine sichere Unterbringung. Sie bevorrateten nur die Mittel, die ständig verfügbar sein mussten; im Augenblick ausschließlich Morphium, da es für einige Stammkunden – wie für Frau Bungert – schnell verfügbar sein musste.
„Ich muss eben nach hinten; Sie wissen ja.“
Frau Bungert nickte und lehnte sich an die Tür. Als sie sich umdrehte und zum Hinterzimmer ging, sah sie den schwarzen Lauf auf sich gerichtet.
„Stecken Sie das blöde Ding weg. Mir flattern die Nerven und ich dreh gleich durch“, flüsterte sie.
Der Lauf verschwand und sie ging an Erwin vorbei, ohne zu ihm hin zu sehen. Aber sie roch ihn!
Sie holte den Schlüsselbund aus der Schublade des Chefs und als sie den Ring drehte, den richtigen Schlüssel suchte, da wusste sie es plötzlich! „Ich mach’s! Der wird nicht davon kommen. Wenn der aufwacht, ist er in der Zelle; die Liege da wird ihm weniger gefallen.“
Der Medikamenten-Tresor war hinter einer Wandtäfelung versteckt. Sie schob sie an die Seite, schloss auf, tippte die vierstellige Kombination in das Tastenfeld, zog die Tür auf und griff tastend hinein; sie wusste, wo jedes Mittel seinen Platz hatte.

„Da ham wir ja den Safe, meine Süße!“
Der stinkende Atem strich über ihre Wange; sie zuckte zusammen, stolperte nach hinten und fiel aufschreiend in seine Arme.
„Erwin der Schreckliche, heißt nich’ umsonst so. Mich verarscht keiner – auch du nich; wenn de verstehst, wat ich mein’. Wo is’ der Zaster?“
„Oh, mein Gott! Lassen Sie mich los oder ich schrei ganz laut um Hilfe. Die Frau holt die Polizei und dann ist es vorbei mit Ihnen.“
Sie drehte sich aus seinen Armen und zeigte auf den Schrank. „Sind Sie blind? Oder sind Sie so besoffen, dass Sie nicht mehr sehen können, dass das Medikamente sind?“, schrie sie flüsternd.
„Scheiße!“
„Also! Setzen Sie sich sofort hin, damit ich in Ruhe das richtige Medikament suchen kann.“
Sie drehte sich nicht um. Sein schlurfender Gang und der nachlassende Gestank sagten ihr genug. Sie fasste wieder in den Schrank, steckte ein Päckchen Morphiumtabletten mit 60 mg und eines mit 200 mg in die Kitteltasche und schloss sorgfältig ab.
„Die niedrige Dosis wird reichen; so verfallen, wie der aussieht.“
Ohne auf Erwin den Schrecklichen zu achten, ging sie nach vorne, reichte Frau Bungert das Morphium durch die Klappe und wünschte ihr eine einigermaßen ruhige Nacht.
„Und lassen Sie sich nicht unterkriegen, Frau Bungert. Ich wünsche Ihnen viel Kraft.“ Sie sprach sehr langsam, wühlte dabei in der Kitteltasche, riss mit der rechten Hand die zweite Verpackung auf und pulte eine Tablette aus der Pappe.
„Es kostet heute drei Euro mehr, wegen der Bereitschaft. Sie wissen ja, Frau Bungert.“
„Ja, natürlich. Hier ist das Geld. Es ist passend. Und danke. Sie sind immer so nett“, sagte sie mit leiser Stimme und verschwand in der Dunkelheit.
Sie schloss die Klappe, blickte sehnsüchtig auf den Alarmknopf, und als sie nach hinten kam, stand er da, grinste sie an und hielt die Hand auf. „Dat Geschäft läuft nich’ schlecht, wa? Wenn dat bis morgen früh so weiter geht, bin ich reich.“
Sie legte das Geld in die schmutzige Hand, ging um ihn herum und hielt dabei den Atem an. „Ihr Kaffee ist fertig. Soll ich den Cognac …“
„Schütt ’nen kräftigen Schluck aus der Pulle rein; aber nich’ zu wenig, hörste? So viel, wie für ’nen kräftigen Mann gerade gut is’; wenn de verstehst, wat ich mein’.“
„Du kriegst genau das, was du brauchst“, dachte sie und spürte ein leichtes Schwindelgefühl.
In die große Bürotasse gab sie einen mächtigen Schuss Cognac, griff beiläufig in die Kitteltasche, ertastete die Tablette und ließ sie in die Tasse fallen. Sie löste sich im Cognac sofort auf. Sie goss den Kaffee ein und rührte vorsichtig um.
„Hier, Ihr Kaffee“, sagte sie und hielt ihm die Tasse mit weit vorgestrecktem Arm entgegen.
„Der schlürfte wie die Elefanten im Zoo, wenn sie mit ihrem Rüssel Wasser aus dem Teich saugen“, dachte sie, schloss die Augen und machte sie erst wieder auf, als das Schlürfen aufhörte und während der ganzen Zeit sah sie tatsächlich die Riesentiere vor sich.
Er trank und trank, setzte die Tasse nicht ab, bevor sie leer war.
„Ahh! Dat muss Französischer sein. Wie der schmeckt! Kannst mir gleich noch einen einschütten. Mann, dat is’ bei dem Sauwetter genau dat Richtige. Erwin, wat biste gut. Wat war dat für ’ne Blitzidee, wa? ‚Geh in die Apotheke und erschreck dat Mäuschen’, sagte sich der Erwin und jetzt hat der gute Erwin Kohle, ein trockenes Bett, ’ne freundliche Bedienung und pausenlos den besten Drink, den er sich wünschen kann.“
Während er gähnte, starrte er sie lange und nachdenklich an. Er gab ihr die leere Tasse und warf sich auf die Liege; die Pistole legte er griffbereit auf den Bauch.
„Bist ein braves Mädchen. Voll machen, gleiche Mischung wie vorher“, sagte er mit müder Stimme und schloss die Augen.
Sie blieb regungslos stehen und wartete, atmete ganz flach und lauschte. Lautlos, blind tastend, stellte sie die Tasse hinter sich ab und beobachtete ihn.
Er schloss die Augen, blinzelte sie an, grinste, klappte die Lider wieder zu – und rülpste.
Sie wartete, wagte kaum zu atmen. Seine Augenlider zuckten, blieben aber geschlossen. Die Wirkungsweise des Morphiums war ihr bekannt, sie rechnete fieberhaft nach, wie schnell es bei diesem durch Alkoholsucht geschwächten Körper wirken würde. Sein Atem wurde lauter, hektischer, noch lauter; er röchelte und seine Beine zuckten.
„Lieber Gott, lass jetzt bloß keinen klingeln!“
Als ihre Oberschenkel sich verkrampften, machte sie vorsichtig einen Schritt nach vorne, stieß Erwin mit dem rechten Fuß ans Knie. Keine Reaktion. Sie hob den Fuß noch einmal, trat heftiger zu – er rührte sich nicht.
Sehr vorsichtig zog sie die Kartons von dem flachen Wagen, vermied dabei jeden Lärm und stapelte die Kisten an der Wand.
„Grrr“, machte es von der Liege und seine Beine schlugen heftig aus.
Ihr Puls raste. „Lass ihn nicht wach werden, lieber Gott“, flüsterte sie und beobachtete den wieder ruhig liegenden Mann.
Sie schob den Wagen vor die Liege, ging auf die andere Seite, winkelte den rechten Fuß, hielt sich an der Wand fest und drückte so lange in seinen Rücken, bis er von der Liege stürzte.
„Du hast kein Recht, auf meiner schönen Liege zu pennen, du Drecksack! Du bleibst so liegen, bis sie dich abholen; wenn du verstehst, was ich meine.“
Sie fühlte sich besser – deutlich besser. Das Telefon stand neben dem Kaffeeautomaten und sie schüttete sich einen Kaffee ein, bevor sie zum Hörer griff.
Sie hätte fast die Tasse fallen gelassen. „Mist!“, sagte sie laut und sah sich erschrocken um. „Hab’s völlig vergessen …“ Die Telefonschnur baumelte von der Anrichte herunter.
Leise schlich sie an ihm vorbei, den Blick fest auf die Ausgangstür gerichtet, und griff nach der Handtasche.
Die Telefonzelle!
Erwin stöhnte laut und seine Beine zuckten wild. Wieder dieses „Grrr“.
Sie blieb stehen und sah in sein Gesicht. Er lag noch wie vorher, nur sein Kopf war zur Seite geneigt. Er schien sie anzublicken, seine kugelrunden Augen waren größer, als sie es in Erinnerung gehabt hatte.
„Hallo! – Ausgeschlafen?“, stotterte sie. Sie spürte ihre Blase und glaubte sterben zu müssen.

Er blickte sie an, als überlege er, ob er sie erst erschießen oder vorher aufstehen sollte. Ihre Gedanken schlugen Purzelbäume; voller Panik suchte sie nach einer sinnvollen Erklärung dafür, dass er auf dem harten Wagen und nicht auf der bequemen Liege lag. Dann hatte sie es!
„Sie haben sich so toll gedreht, dass sie glatt runter gefallen sind. Sie sind davon noch nicht einmal wach geworden.“
Er blickte sie stur an, als warte er auf weitere Erklärungen; aber es fiel ihr nichts mehr ein.
„Er bringt mich um!“, dachte sie entsetzt.
Erwin bewegte sich nicht. Die Hände hingen schlaff herunter. Plötzlich begriff sie, dass er sie gar nicht gehört hatte. Sie ging langsam auf ihn zu, um ihn herum, und war sprungbereit.
Sie lauschte und hörte ihr Blut rauschen. Wie in Zeitlupe ging sie in die Knie, streckte die Hand aus. Dicht über seinem Hals stoppte sie, betrachtete ihre zittrigen Finger.
„Ich fall tot um, wenn der sich jetzt bewegt“, dachte sie und legte die Fingerspitzen auf seine Halsschlagader.
Sie fühlte nichts – überhaupt nichts. Sie tastete weiter, rief alle ihre Erfahrungen ab; sie machte das doch nicht zum ersten Mal.
„Nichts!“, sagte sie halblaut und erschrak über ihre raue Stimme.
Mit einem quiekenden Aufschrei fiel sie nach hinten, stieß mit dem Rücken an die Liege.
„Ich hab ihn umgebracht! Oh mein Gott! Ich hab ihn getötet!“
Die Schachtel wollte nicht raus aus der Kitteltasche. Sie zerrte und riss, hielt sie dicht vor ihr Gesicht und dann blieb ihr die Luft weg.
„Scheiße! Scheiße! Die Packungen! Ich hab die Packungen vertauscht. 200 mg Morphium! Erwin hat die hohe Dosis von der Bungert bekommen! Oh, mein Gott!“
Sie zog sich an der Liege hoch, rannte auf die andere Seite des Wagens, kniete, blickte in die blauen Augen, fasste nach dem Puls, stieß Erwin mit der anderen Hand kräftig in die Rippen.
„Wach auf, du Dreckskerl! Das tust du mir nicht an! Ich geh nicht für dich ins Gefängnis! Oh, lieber Gott, mach ihn wach! Bitte!“
Kein Puls; keine Reaktion; auch Gott hatte kein Einsehen – oder fand er die Sache vielleicht ganz in Ordnung?
„Ich wollte das doch nicht; du solltest doch bloß schlafen. Bitte, bitte, wach auf.“
Er schwieg! Sie setzte sich auf den Boden, faltete die Hände und dachte an ihren Freund. Was würde er sagen, wenn er erfuhr, dass sie einen Mann umgebracht hatte?
„Der zieht aus! Ein angehender Jurist und eine Mörderin – unmöglich. Aber vielleicht …“
Sie atmete tief durch, betrachtete das verwüstete Gesicht von Erwin dem Schrecklichen, und wusste plötzlich, was zu tun war.
„Den Triumph kriegst du nicht, du schrecklicher Erwin. Ich pack das schon; wenn du verstehst, was ich meine.“
Sie zitterte zwar immer noch, aber ihr Kopf war jetzt völlig klar. Erwin war gut und praktisch auf den Wagen gefallen, wie sie zufrieden feststellte. Die Beine hingen zwar herunter, aber das würde kein Problem sein. Sie öffnete die Hintertür, die zum schräg abfallenden Parkplatz führte, stellte sie fest und zog den Wagen raus. Der Parkplatz war leer; nur ihr Auto stand dort. Es regnete nicht mehr. Die Luft roch frisch und sauber. Sie schloss die Tür ab und schob den Wagen auf die schräge Fläche.
„Oh, lieber Gott! Das Geld!“
Sie zitterte so stark, dass sie ihre Rechte mit der linken Hand abstützen musste. Langsam krochen ihre Finger in seine Rocktasche. Ja! – Da waren die Scheine. Sie zog sie heraus, wollte sie in ihre Tasche stecken und sah entsetzt zu, wie sie auf den Boden flattern.
„Hilf mir doch einer! Ich schaff das nicht“, dachte sie.
Hektisch sammelte sie die Scheine ein und stopfte sie in die Kitteltasche. Sie griff noch einmal in seine Tasche, fand einen weiteren Schein und fühlte Kleingeld. Sie würgte, als sie zerkaute Kaugummireste, grobe Krümel, undefinierbare, klebrige Dinge und ein gebrauchtes Papiertaschentuch fand. Sie pulte das Geld raus und stopfte den Rest zurück. Dann musste sie sich an den Laternenmast lehnen, erbrach sich und weinte.
Auf dem Parkplatz rollte der Wagen von ganz alleine, sie musste nur bremsen und lenken. Der Asphalt glänzte und die Lampen der Straßenbeleuchtung spiegelten sich; sie ärgerte sich zum ersten Mal über die gute Beleuchtung. An dieser Straße gab es keine Häuser, nur Gärten und Parkplätze für die Geschäfte an der Fußgängerzone.
Unten an der Straße bog sie ab, fuhr etwa hundert Meter weiter, bis zu einem Gartenhäuschen, das dicht an der Straße stand. Sie sah sich immer wieder um, aber hier unten ging um diese Zeit ganz sicher kein Mensch spazieren. Sie fasste seine Beine, drehte ihn, zog und zerrte. Als er vom Wagen stürzte, gab es einen satten Klang.
„Oh! Das war sein Kopf. Was soll’s, der bekommt garantiert keine Kopfschmerzen mehr“, dachte sie.
Nachdenklich betrachtete sie Erwin den Schrecklichen, als er endlich wie ein Sack Mehl am Gartenhäuschen lehnte. „Hab ich nicht gewollt, Erwin. Warst wohl nicht gut bei Kräften, was?“ Sie erlaubte sich ein winziges Triumphgefühl.
„Er sieht irgendwie glücklich aus“, dachte sie. „War sicher ein schöner Tod für ihn.“
Sie sah sich nicht mehr um, schob den Wagen mühsam den Parkplatz hoch und schloss die Tür auf. Es klingelte Sturm! Der Mann vor der Glastür war groß und bullig. Er hämmerte mit der Faust auf das Glas; erst als sie auf die Tür zulief, hörte er auf.
„Wo bleiben Sie denn? Verdammt, Fräulein. Es ist eilig.“
„Entschuldigen Sie – bitte! Stundenlang kommt keiner und ausgerechnet dann, wenn ich auf die Toilette muss, dann klingelt es.“
„Ist schon gut.“
Ihre Nerven vibrierten; in ihrem Kopf summte es. Sie schluckte und riss sich zusammen. Er bekam krampflösende Mittel und fiebersenkende Zäpfchen; seine Frau hatte wohl eine fiebrige Bronchitis. Sie kassierte den Eigenanteil und gab die Medikamente raus. Er war schon weg, als ihr einfiel, dass sie die Bereitschaftsgebühr nicht verlangt hatte.
„Was tue ich jetzt? Zuerst mache ich sauber. Alles muss weg, was der Kerl berührt hat. Er ist nie hier gewesen. Niemand wird dich verdächtigen, Bettina.“
Sie zog das Geld aus der Tasche, ordnete und glättete es auf der Theke, nahm ihr eigenes Geld und steckte es in ihre Börse. Den Rest verstaute sie ordentlich in der Kasse. Sie dachte sogar an die vergessene Bereitschaftsgebühr und legte die drei Euro aus ihrem Portmonee dazu.

Dann ging sie ins Hinterzimmer, goss Kaffee auf die Decke der Liege, riss sie sofort herunter und steckte sie in den Wäschesack. Die Cognacflasche füllte sie mit etwas Wasser auf und stellte sie zurück, dann wusch sie die Tasse sehr gründlich aus.
„Die Wassertropfen! Mist! Die machen Flecken.“
Auf dem dunklen Linoleumboden des Hinterzimmers sah man sehr deutlich die Spuren von Erwins nasser Kleidung; sie würden Flecken hinterlassen. Sie wischte sie mit einem Staubtuch weg, rubbelte gründlich, sogar unter der Liege, und schrie auf, als sie mit ihren Fingerspitzen an einen harten Gegenstand stieß.
„Oh verdammt! Die Pistole!“
Mit spitzen Fingern hob sie die Waffe hoch und atmete tief durch. „Wie konnte ich die … Das wär ins Auge gegangen. Du bist kopflos und machst nur Fehler.“
Mit dem Staubtuch fasste sie die Waffe, steckte sie mit dem Lappen zusammen in die Kitteltasche. Die schwarzen Regenwolken waren völlig verschwunden; sie konnte jetzt sogar die Sterne sehen. Sie raffte den Kittel zusammen und rannte los. Kurz vor dem Gartenhäuschen packte sie das Staubtuch, zog die Pistole raus, wollte ausholen – und sie fiel ihr aus der kraftlosen Hand.
Erwin war weg!
„Nein!“, flüsterte sie. „Das kann nicht sein. Oh mein Gott!“ Ihr wurde schwindelig und dann vernahm sie ein Geräusch.
Er kam auf sie zu! Da! Deutlich hörte sie seine Schritte! Sie flog herum, suchte im Dunkeln nach einer Bewegung. Da war nichts. – Oder doch? Sie hielt den Atem an und lauschte. Nichts. Im Garten raschelte es. Dann flog ein Vogel hoch, rauschte dicht über ihrem Kopf in den Nachthimmel.
„Wie kann der Kerl verschwinden? Der war also gar nicht tot. Oh, verdammt, Bettina, du hast dich nur selbst verrückt gemacht.“
Wieder ein Geräusch – diesmal hinter dem Gartenhaus. „Meine Nerven! Ich dreh durch!“ Sie hob die Pistole vom Boden hoch, wollte sie mit Schwung in den Garten werfen. In dieser Stellung verharrte sie einen Moment, dann ließ sie den Arm langsam sinken.
Der Gedanke war ihr so plötzlich gekommen, dass sie ihn wie eine göttliche Eingebung empfand.
„Warum?“, dachte sie. „Warum muss ich mich wie ein Verbrecher benehmen? Was hab ich eigentlich gemacht? Menschenskind! – Ich bin Opfer und nicht Täter!“ Sie nickte heftig, wie sie es immer machte, wenn sie einen letzten Rest Unsicherheit abschütteln wollte. Jetzt war sie einverstanden mit ihrer Überlegung und hatte nur noch einen Gedanken: „Wie kann ich das alles erklären?“
Mit großen Schritten eilte sie zurück, schloss die Tür zwei Mal ab und legte die Pistole unter die Liege. Sie nahm ihre Handtasche, suchte die Telefonkarte raus, öffnete die Eingangstür und ging raus zur Fußgängerzone.
Das öffentliche Telefon war nur zwanzig Meter von der Apotheke entfernt; es hing in einer hübschen Glas-Stahlkonstruktion.
Sie wählte 110 und als sie die ruhige Stimme hörte, die sie nach Namen und Standort fragte, merkte sie, dass ihre Hände nass vom Schweiß waren. Ihre Stimme vibrierte, als sie dem Beamten eine ungefähre Darstellung des Vorgangs gab; sie folgte dem Rat des Polizisten, sofort wieder in die Apotheke zu gehen, abzuschließen und in Ruhe auf die Kollegen zu warten.
„Unsere Beamten sind schon auf dem Weg.“ Diese Worte wiederholten sich in ihrem Kopf, wirkten auf eigentümliche Weise beruhigend. Sie schloss ab und setzte sich auf die Liege.
„Ein bisschen darf ich ja wohl schwindeln; die halten mich sonst noch für blöd“, dachte sie und fühlte bleierne Müdigkeit.

Als es klingelte, sprang sie auf und rannte zur Tür. Ein Polizeiwagen stand direkt vor dem Fenster. Sie öffnete und als sie das freundliche Gesicht eines uniformierten Mannes sah, schossen ihr die Tränen aus den Augen.
„Ich bin Kommissar Funke, Walter Funke – und das hier ist mein Kollege Schröder“, sagte ein kleiner, drahtiger Mann in Zivil und zeigte auf den Uniformierten. „Und hinter mir, der Riese, das ist mein Boss, Hauptkommissar Hans Bach.“
„Ich heiße Bettina Grund. Entschuldigen Sie; ich heul sonst selten.“
„Macht nichts. Das sind die Nerven. Kommen Sie. Können wir uns setzen?“, fragte der Kommissar und sie zeigte nach hinten.
Sie führte die Männer ins Hinterzimmer, setzte sich auf die Liege und wies auf die Stühle neben dem Schreibtisch. Als alle saßen, steckte sie die Füße weit nach hinten und stieß mit dem Fuß vor die Pistole. Es schepperte vernehmlich und mit überraschtem Gesicht bückte sie sich.
„Oh, mein Gott. Da liegt ja seine Pistole! Himmel, die hab ich total übersehen.“
Die Waffe wurde begutachtet, berochen und in einen Plastikbeutel gesteckt. Kommissar Funke untersuchte die zerschnittene Telefonschnur und setzte sich zu seinem Chef. Beide Männer sahen sie an und lächelten freundlich.
„Dann erzählen Sie mal, Frau Grund. Langsam und ausführlich. Lassen Sie sich ruhig Zeit dabei.“
Sie begann stockend, suchte immer wieder nach Worten, spürte noch einmal die gerade durchgestandenen Ängste.
Allmählich wurde sie schneller, raste zum Schluss durch das Geschehen, als müsse sie eine vorgegebene Zeit einhalten.
„Ich hab das Morphium, also das zu starke, in den Kaffee getan und als er wie tot da lag, hab ich ihn raus gefahren – mit dem Wagen da. Er stank doch so furchtbar. Bestimmt ist er tot, bestimmt hab ich ihn umgebracht – dachte ich. Und dann war er weg, einfach weg.“ Sie sah die Männer an, die sie nachdenklich beobachteten.
„Sie glauben mir nicht.“
„Doch, doch. Erwin der Schreckliche ist kein Unbekannter für uns. Das passt haargenau, was Sie da schildern.“ Er sprach leise, sie konnte ihn kaum verstehen.
„Ich wollte ihn nicht umbringen, ganz bestimmt nicht.“
„Wär nicht schade um den Kotzbrocken“, sagte Kommissar Funke grinsend.
„Na, na! Lass das! Damit spaßt man nicht“, fuhr Hauptkommissar Bach ihn an. „Zeigen Sie uns mal, wo Sie ihn abgelegt haben.“
Das Handy des Hauptkommissars spielte einen verrückten Beatsong.
„Bach.“ – „Na wunderbar.“ – „Das erspart uns eine Menge.“ – „Was will der haben? Spinnt der?“ – „Nein. Gebt ihm Tee!“ – „Dann legt ihr das Stinktier eben ins sichere Nest, fertig. Nein, wartet mal. Könntet ihr den nicht vorher unter die Dusche stellen?“ – „Aber irgendwo wird es doch alte, saubere Klamotten geben.“ – „Na, also!“
„So, Ihr Erwin …“

„Das ist nicht mein Erwin!“
„Natürlich nicht; und er ist nicht tot. Er war nur betäubt durch ihren Cocktail. Als er aufwachte, ist er weggerannt. Jedenfalls haben meine Kollegen ihn vor wenigen Minuten aufgegriffen.“
„Gott sei Dank! Wo – ich meine, wieso …“
„Er taumelte durch den Westpark und fiel immer wieder auf die Nase. Sie schaffen ihn gerade in die Ausnüchterungszelle – nach dem Duschen, damit ihn jemand verhören kann. Die dachten, er wäre sturzbetrunken und müsse zur Ausnüchterung in die Zelle. Jetzt wissen wir ja, was es ist.“
„Übrigens, Frau Grund, wissen Sie, warum er der Schreckliche gerufen wird?“
„Nein – wahrscheinlich wegen seiner Grausamkeit.“
„Oh, nein! Wegen seiner grausamen Stinkerei. Er riecht halt schrecklich; das ist sein Markenzeichen. ‚Mich stört´s nicht. Mein Riechorgan ist kaputt’, sagt der Kerl, wenn ihn einer deshalb anmacht.“
„Furchtbar!“, stöhnte Bettina. „Ich riech ihn in hundert Jahren noch.“
„Wie lange hält das noch an?“, fragte Kommissar Funke.
„Der Gestank? Ich …“
„Nein, nein!“, lachte der Kommissar. „Ich meine die Wirkung des Morphiums.“
„Ach so. – Ich weiß nicht genau. So drei bis fünf Stunden – bei seiner geschwächten Konstitution kann es auch länger anhalten.“
„Na ja, ist ja auch egal. Er bleibt sowieso in der Zelle. Also, Sie brauchen keine Angst zu haben, der schreckliche Erwin ist vorläufig schachmatt.“
„Das ist gut; ich dachte wirklich, ich hätte ihn umgebracht. Der hat den Riesentopf mit Kaffee und Cognac – und dem Morphium – in einem Zug ausgetrunken. Das muss dem geschmeckt haben.“
„Kaffee mit Cognac? Ich fasse es nicht! Und meine Kollegen wundern sich, weil er immer wieder Kaffee mit Cognac verlangt. Frisch aufgebrüht und Französischer Cognac müsse es sein, er sei gute Sachen gewöhnt, sagt er alle paar Minuten“, lachte der Kommissar. „Jetzt versteh ich, was der meint.“

Arnika und Majoran

von Eduard Breimann (copyright)

Notar Heiner Eisenmann musterte die Männer, die vor seinem Schreibtisch saßen und ihre Augen nicht von ihm ließen. „Sehen aus wie Lebemänner, die drei“, dachte er. „Alfons Grundmann hatte Recht, als er sagte, ‚Meine Stiefsöhne sind Geldverschwender und Angeber.’ – Ja, ja. Er hat sie richtig eingeschätzt.“
Konrad, Walter und Herbert Grundmann, alle in den Vierzigern, trugen Anzüge und Hemden vom Edelschneider Brioni. In den Gesichtern, konnte er mühelos ihre zahlreichen Laster ablesen.
„Nun denn, meine Herren“, sagte Notar Eisenmann, „dann wollen wir beginnen. Ich verlese jetzt den letzten Willen des verstorbenen Alfons Grundmann, Ihres Stiefvaters.“
Die Männer verfolgten jede seiner Bewegungen, gleichgültig, ob er den Füllfederhalter aus der Innentasche zog, ein leeres Blatt Papier aus einem Seitenfach entnahm oder – wie jetzt in diesem Augenblick – die Schublade öffnete und eine Ledermappe auf die Mahagoniplatte legte.
*
Er begann die Testamentseröffnung, wie schon viele Male zuvor. Betont umständlich setzte er seine Brille auf, räusperte sich und öffnete die Ledermappe.
Er begann mit der Feststellung, dass dieser Nachlass nach geltendem Recht verfasst und somit gültig sei. Er sei in seiner Gegenwart verfasst worden und von zwei Zeugen unterschrieben.
Die Oberkörper der Brüder strafften sich, als er mit ruhiger Stimme vorlas, was ihm Alfons Grundmann vor sechs Wochen diktiert hatte – nach eingehender Beratung durch ihn, den Freund und Notar der Familie Grundmann.
Kleinere Beträge und Renten auf Lebenszeit gingen an die langjährige Haushälterin, den Verwalter, seinen Sekretär und an den Chauffeur, sowie an die Krankenschwester, die ihn seit einigen Jahren täglich wegen seiner schmerzhaften Arthritis betreut hatte. „Damit möchte ich diesen Personen für ihre langjährige Treue und Verlässlichkeit danken.“
Er hob den Kopf und betrachtete die Gesichter der Brüder, die ihn teilnahmslos anblickten. Das alles langweilte sie offensichtlich; es war wie das Vorspiel zum Hauptakt.
„Weiter! Machen Sie schon“, grunzte Walter Grundmann.
Notar Eisenmann warf ihm einen scharfen Blick zu, räusperte sich, machte eine lange Pause, verschob die Brille ein wenig und las weiter: „Das gesamte restliche Vermögen, bestehend aus den im Anhang aufgeführten Immobilien, Aktien, Barvermögen, Autos und Kunstgegenständen vermache ich der ‚Stiftung Brust-Krebs’ hier am Ort. Meine …“
„Halt! Wie bitte?“, rief Konrad.
Die Brüder sprangen auf, schrieen durcheinander, schlugen auf den Schreibtisch, machten Anstalten, um den Tisch herum zu gehen. Walter Grundmann lehnte sich weit über den Schreibtisch, stierte den Notar an, versuchte das Testament zu greifen.
„Ich bitte Sie, meine Herren. Reißen Sie sich doch zusammen. Herr Walter Grundmann, setzen Sie sich bitte“, rief der Notar und hob abwehrend die Hände. „So geht das nicht, meine Herren.“
„Das darf doch nicht wahr sein! Habt ihr das gehört? Das fechten wir an“, rief Herbert Grundmann seinen Brüdern zu.
„Herr Grundmann!“, sagte der Notar mit ruhiger Stimme. „Ich bitte Sie; benehmen Sie sich doch wie ein zivilisierter Mensch.“
Die Brüder setzten sich widerstrebend und starrten den Notar an. Ihre Backenmuskeln mahlten.
„Ich fahre also fort: Meine Stiefsöhne, Herbert, Konrad und Walter erhalten das Bauernhaus ‚Eifelruh’ und die zugehörigen Ländereien – siehe Anlage. Vorraussetzung ist allerdings, dass sie diesen Hof selber bewirtschaften. Lehnen sie eine Eigenbewirtschaftung ab, erhält die oben genannte Stiftung auch diesen Hof und die zugehörigen Ländereien.“
„Scheiße!“, schrie Herbert Grundmann und sprang schon wieder auf. „Ist das überhaupt das Testament unseres Vaters, was Sie da vorlesen? Wer kontrolliert Sie eigentlich, Herr Eisenmann?“
„Herr Grundmann, meine Geduld ist bald zu Ende. Ich bin ein angesehener Notar – und das seit dreißig Jahren. Noch nie habe ich eine so …“
„Das ist mir scheißegal! Ich will wissen, was hier läuft.“
„Gleich, Herr Grundmann. Wir sind noch nicht ganz fertig.“ Er verlas den formalen Abschluss des Testamentes, das Datum der Erstellung und die Namen der Zeugen, setzte die Brille ab und blickte die Brüder an. Bleich sahen sie jetzt aus, die Anspannung war weg, hatte Ratlosigkeit, ja sogar Entsetzen Platz gemacht.
„Das Datum! Habt ihr’s gehört?“, flüsterte Walter Grundmann.
„Ja, du Idiot!“, knurrte Herbert Grundmann. „Halt den Mund!“
„Ich bitte noch einmal um Ihre Aufmerksamkeit, meine Herren. Bestandteil des Vermächtnisses Ihres Stiefvaters ist dieser Brief, den ich ihnen gleich vorlese. Ich kenne den Inhalt nicht, aber vielleicht klärt das ja einige Ihrer Fragen.“ Er hielt einen braunen Umschlag hoch, der mit einem Siegel verschlossen war.
Die Brüder blickten sich nicht um, als sich die Bürotür öffnete und zwei Männer eintraten. Sie setzten sich auf die Stühle neben der Tür und nickten dem Notar zu.
Die Gesichter der beiden Männer wirkten teilnahmslos und gelangweilt. Der Ältere hielt eine Mappe in der Hand, der andere ein Notizbuch. Notar Eisenmann neigte leicht den Kopf, als er weiter sprach.
„Ich fahre fort. Auf dem Umschlag steht: ‚Nur öffnen, wenn ich nicht’ – das Wort ‚nicht’ ist mehrfach unterstrichen – ‚eines natürlichen Todes gestorben bin.’ Darunter steht: ‚An meine Stiefsöhne Herbert, Konrad und Walter’. Und weiter: ‚Bitte im Zuge der Testamentseröffnung vorlesen und anschließend der örtlichen Kriminalpolizei übergeben’. – So steht es hier“, sagte er mit entschuldigendem Unterton, hob den Kopf und blickte zur Bürotür. „Nach meinem Kenntnisstand ist Herr Alfons Grundmann keines natürlichen Todes gestorben. Deshalb …“
„Was soll das? Er ist verunglückt, ertrunken. Was soll das Gerede von ‚nicht natürlich gestorben’? Ertrinken ist so natürlich wie einen Herzinfarkt bekommen“, fauchte Konrad.
„Das entspricht nicht der geltenden Rechtsprechung. Nicht wahr?“, fragte der Notar, zwischen Konrad und Walter durchblickend, die Herren an der Tür.
„Richtig!“, sagte der jüngere Mann und lächelte.
Nur Konrad drehte sich kurz um, blickte die Männer forschend an. Notar Eisenmann zog ein einzelnes Blatt Papier aus dem Umschlag und strich es auf dem Schreibtisch glatt. Die Brüder reckten ihre Hälse, legten die Köpfe schräg und versuchten etwas zu erkennen.

„Ist von Hand geschrieben; ist seine Schrift. Die erkenn ich auf Anhieb“, flüsterte Herbert heiser den Brüdern zu.
Der Notar lächelte, hob das Blatt, räusperte sich, sah kurz über den Brillenrand und las: „An meine Stiefsöhne. Meine letzten Worte an euch kommen aus dem Jenseits. Ihr habt mir nie zugehört, als ich noch lebte, aber jetzt, da ich tot bin, werdet ihr sicher sehr genau hinhören.
Ihr habt mich zu Lebzeiten belogen und betrogen, so lange ich denken kann. Euer ganzes Leben bestand aus Lug und Betrug.
Immer habt ihr gehofft, dass ich alter Mann früher sterbe als eure junge Mutter. Mit ihr hättet ihr leichtes Spiel gehabt. Das ist nun durch den frühen Krebstod meiner geliebten Frau ganz anders gekommen.
Als ich euch mitteilte, dass ich mein Testament ändern würde, um das gesamte Vermögen einer Krebs-Stiftung zukommen zu lassen, da habt ihr wohl den Verstand verloren.
Erinnerst du dich, Konrad, dass du mich angeschrieen hast: ‚Das wirst du nicht wagen. Vorher bringen wir dich um? Und deine Brüder haben ebenso heftige Drohungen ausgestoßen. Ihr hattet da schon beschlossen, mich zu töten, nicht wahr?
Ja, und ihr habt es also getan! Nicht einer von euch, oh nein. Dazu traut ihr euch untereinander zu wenig. Alle drei habt ihr es geplant und durchgeführt. Alles war euch egal, wichtig war nur, dass das Testament nicht geändert wurde.
Nur eines habt ihr nicht wissen können. Als ich es euch sagte, wohl auch, um mich an eurer Empörung zu ergötzen, waren wir schon mitten im Spiel – nicht am Anfang. Ich ahnte eure Absicht und das Testament war längst geändert, wie ihr heute erkennen musstet.
Ich habe mit meinem Leben gespielt? Oh ja; das ist richtig. Ich war mir dessen bewusst. Ich kenne euch ja schließlich, nicht wahr? Aber ich war alt, hatte alles erreicht, was ich erreichen wollte, alles erlebt, was ich erleben wollte und mein größtes Erlebnis, eure Mutter, war tot. Dazu kamen meine Schmerzen, die jeden Tag zu einem Albtraum machten. Was wollte ich also noch?
Was ihr auch getan habt, um mich zu ermorden, ich glaube fest daran, dass ihr dabei Fehler gemacht habt. Ihr seid zu selbstbewusst, zu selbstverliebt, um euer Tun kritisch zu überprüfen – wie in eurem ganzen Leben.
Ich verabschiede mich von euch mit dem Wunsch, dass ihr genau das erhaltet, was euch zusteht.
Alfons Grundmann“.
*
Totenstill war es geworden. Nur sehr leise war der Lärm von der Straße zu hören. Sie bewegten sich nicht, schienen den Atem anzuhalten. Ihre Gesichter waren erschlafft, die Augen blickten ins Leere.
„Irre! Der war wirklich geisteskrank“, flüsterte Konrad schließlich.
Das wirkte wie ein Signal, ließ die Brüder aufwachen, sich aufrichten, den Gesichtsausdruck wechseln. Empörung und Verachtung machten sich jetzt breit.
„Wenn Sie, Herr Eisenmann, diesen irren Quatsch verbreiten sollten – oder einer Ihrer Angestellten“, sagte Konrad, drehte sich um und sah die Männern neben der Tür drohend an, „dann haben Sie einen Prozess am Hals, der sich gewaschen hat. Dieser Brief gibt genug Anlass, den Geisteszustand unseres Stiefvaters zum Zeitpunkt der Testamentsänderung zu bezweifeln. Wir werden sofort Rechts…“
„Keine Aufregung, meine Herren.“
Ihre Köpfe flogen herum, suchten die Gesichter der beiden Männer, die jetzt hinter ihnen standen.
„Sie sollten das sehr ernst nehmen, was Ihr Stiefvater geschrieben hat. So ernst, wie wir“, sagte der Ältere.
„Wer sind Sie? – Herr Eisenmann, pfeifen Sie gefälligst Ihre Knechte zurück, ja? Unverschämtheit. Werfen Sie die Kerle raus.“
„Das wird kaum gehen, meine Herren“, sagte Notar Eisenmann und lächelte zynisch. „Das sind nicht meine Knechte. Ich bitte um Entschuldigung, aber ich vergaß, Ihnen die beiden Herren vorzustellen. Der Herr rechts“, sagte er und zeigte auf den älteren Herrn mit der Mappe, „ist Staatsanwalt Körner und der andere Herr ist Hauptkommissar Sprockhövel. Die beiden haben eine richterliche Verfügung, die ihnen die Teilnahme an der Testamentsvollstreckung erlaubt.“
„Wie? Was soll das denn heißen?“, fragte Walter.
„Mann! Bin ich hier im Zirkus? Eisenmann, Sie sind unser Anwalt und Notar gewesen. Schicken Sie uns die Abschlussrechnung“, sagte Konrad.
„Herr Eisenmann kann nichts dafür. Ihr Stiefvater war ein kluger Mann. Was schrieb er noch? Sie wären ‚zu selbstbewusst und selbstverliebt’, sie würden Fehler machen. Da hatte er wohl Recht“, sagte Staatsanwalt Körner.
„Sie haben tatsächlich Fehler gemacht, die ein kritischer Mann nicht gemacht hätte“, ergänzte Hauptkommissar Sprockhövel.
„Sie spinnen, aber heftig. Wovon reden Sie, he?“, schrie Herbert. „Wir trauern um unseren Vater und Sie wollen uns …“
„Dass Sie trauern, wagen wir zu bezweifeln. Wie sollten Sie auch? Was uns nur noch gefehlt hat, war das Motiv. Wir konnten es zuerst nicht erkennen. Jetzt aber, das dürfte ihnen klar sein, haben wir ein faustdickes Motiv: Geldgier. Immerhin ein klassischer Grund für Mord.“
„Mord? Sie spinnen doch! Ich glaube, gleich zeigt uns der Notar das Schild ‚Vorsicht Kamera’. Wen sollen wir umgebracht haben? Unseren Vater? Der ist im Rursee ertrunken. Was wollen Sie hier konstruieren? Es hat Zeugen für den Unfalltod gegeben, drei unabhängige Zeugen!“, rief Herbert, holte tief Luft und stierte den Staatsanwalt drohend an. Er hatte seine Sicherheit wiedergewonnen; seine Gestalt hatte sich gestrafft.
Hauptkommissar Sprockhövel öffnete sein Notizbuch und blätterte mit angefeuchtetem Zeigefinger vor und zurück. „Ja, ja, das dachte man. Bis die Krankenschwester Ihres Vaters aus dem Urlaub zurückkam. Da war Ihr Vater allerdings schon beerdigt. Sie hat uns auf etwas aufmerksam gemacht und da erst sind wir aktiv geworden – und das war ja wohl auch nötig.“
„Das war das Geschwätz einer Wichtigtuerin. Darauf verlassen Sie sich? Die hofft doch nur auf Geld, Belohnung oder was weiß ich“, schnaubte Walter.
„Nun, da können wir nicht zustimmen, was, Herr Körner? Die Faktenlage ist anders. Sie sind an dem bewussten Tag schwimmen gegangen – im Rursee. Alle drei, mit Ihrem Stiefvater. Eigentümlich, nicht wahr, meine Herren?“
„Was ist daran eigentümlich?“, fragte Konrad. „Wir sind dort oft baden gegangen, schon seit unserer Kindheit. Vater, unser richtiger Vater, hatte da ein Jagdhaus, das wir heute als Ferienhaus vermieten.“

„Stimmt!“, sagte Hauptkommissar Sprockhövel. „Nur, Alfons Grundmann, der ging bestimmt nicht ins eisig kalte Wasser des Eifelsees. Der nicht. Der hatte schwere Arthritis, sagt seine Krankenschwester – und die weiß, dass er sich vor kaltem Wasser fürchtete, wie der Teufel vor dem Weihwasser.“
„Quatsch“, sagte Walter. „Wir haben ihn überredet. Irgendwer hat gesagt, dass kaltes Wasser gut sei gegen die Schmerzen bei Arthritis. Das wollte er probieren. Deshalb waren wir übers Wochenende gemeinsam im Jagdhaus.“
„Und das ausgerechnet in der Woche, in der seine Krankenschwester im Urlaub war? Und dann ist er so weit raus geschwommen, dass er im kalten Wasser seine Kräfte verlor, vielleicht einen Krampf bekam, und ertrank?“
„Richtig!“, rief Herbert Grundmann. „Sehr richtig! Sie sagen es! Wir haben drei völlig unverdächtige Männer benannt, die bezeugen, dass es so war, dass wir ihn zu retten versuchten und an Land brachten.“
„An Land brachten, ja. Den toten Alfons Grundmann. Den lebenden Mann haben die Zeugen nie gesehen.“
„Was soll das denn schon wieder heißen?“, sagte Konrad.
„Das soll heißen, dass Alfons Grundmann bereits tot war, als er in den Rursee ging – nein, getragen wurde. Sie haben versucht, einen toten Mann zu retten.“
„Kommt“, sagte Herbert Grundmann zu seinen Brüdern. „Lasst die ruhig quatschen. Ich höre mir das nicht länger an. So einen Schwachsinn habe ich noch nie gehört.“
Sie versuchten rechts und links an den Beamten vorbei zu gehen, aber deren ausgebreitete Arme und ein scharfes „Halt!“ von Hauptkommissar Sprockhövel, ließ sie stocken.
„Was ist?“, fauchte Walter. „Ist noch was?“
„Ja, eine Kleinigkeit nur. Genau die, die Sie übersehen, nicht kritisch genug bedacht haben.“
„Es reicht! Was wir damals zu Protokoll gegeben haben, das stimmt. Alles andere ist dummes Geschwätz. Nichts anderes können Sie beweisen, Herr Körner“, sagte Walter.
„Da wär ich mal nicht so sicher, Herr Grundmann. Wissen Sie, meine Herren, dass Sie nicht einmal den sogenannten Pflichtteil bekommen werden? Das ist so bei Kapitalverbrechen, fragen Sie Herrn Eisenmann. Sie kennen ja den Spruch, dass sich Verbrechen nicht lohnt.“
„Sie bluffen! Was wollen Sie denn beweisen? Er ist ertrunken. Richtig? Wir haben gemeinsam versucht, ihn da raus zu holen. Richtig? Aber er war leider schon tot. Richtig? Und das mit dem Testament, das regeln wir auch noch.“
„Es ist nur so, dass wir aufgrund der Aussage der Krankenschwester eine Obduktion veranlasst haben. Das Ergebnis – so was dauert schrecklich lange; wir ärgern uns oft furchtbar darüber – haben wir erst vor gut drei Stunden bekommen.“
„Was soll das bringen? Er ist und bleibt ertrunken. Basta!“, rief Konrad.
„Wohl wahr. Ja, so ist es“, seufzte Hauptkommissar Sprockhövel und schaute die Brüder betrübt an. „Aber hier“, sagte er und zeigte in sein Büchlein. „ Hier! Das müssten Sie einmal lesen. Abenteuerlich! Da hab ich immer gedacht, unser Rurseewasser wäre von der allgemeinen Gewässerverschmutzung verschont geblieben. Scheint aber nicht so zu sein. Man sollte vor dem Baden im See warnen, meinen Sie nicht auch, Herr Körner?“
„Ja“, seufzte dieser. „Betrüblich ist das. – Nein, wäre es, wenn die Laborwerte, die der Herr Hauptkommissar da in seinem Buch hat, von einer Probe aus dem Rursee stammen würden. Tun sie aber zum Glück nicht, meine Herren.“
Konrad, Walter und Herbert Grundmann glotzten verständnislos die Beamten an. Heiner Eisenmann saß immer noch in seinem schweren Sessel und lächelte ganz eigentümlich.
„Diese Wasserprobe“, sagte Staatsanwalt Körner, „die hat unser hochverehrter Pathologe, Dr. Besser, entnommen – aus der Lunge von Herrn Alfons Grundmann. Und wissen Sie, was er fand? Arnika und Majoran! Also, zuerst dachte ich ja, der will mich auf den Arm nehmen, unser alter Doktor. Der macht schon mal seine Scherze mit uns. Aber nein, Arnika und Majoran, sagt der, sind massig da drin, mit Badewasser verdünnt.“
Sie wollten jetzt nicht mehr weggehen. Irgendwie hatten sie das Gefühl großer Gefahr. Sie standen, glotzten und warteten ab.
„Arnika und Majoran, darauf schwor der schmerzgeplagte Mann. Soll schmerzlindernd wirken, wenn man’s hochkonzentriert ins Badewasser tut – sagt wenigstens die Krankenschwester“, erklärte Staatsanwalt Körner.
„Genau, meine Herren“, bestätigte Hauptkommissar Sprockhövel. „Meine Frau kennt das auch. Ist ein altes Rezept. Hausmittel. Ja, da kamen Ihre angeblichen Rettungsversuche wohl etwas spät. Im ehemaligen Jagdhaus Ihres Vaters, das ja dicht an der Stelle liegt, an der Herr Grundmann angeblich ertrank, haben Sie den alten Mann unter Wasser gedrückt, als er mit dem Badezusatz, den seine Krankenschwester ihm zurecht gemixt hatte, Erleichterung gegen seine Schmerzen suchte. Den Toten haben sie ins Wasser des Sees geschleppt und ihn dann vergeblich ‚gerettet’!“
„Und damit, meine Herren, kennen Sie – und wir – die komplette Wahrheit. Das ist Mord, gemeinsam geplant und durchgeführt von Ihnen, den Stiefsöhnen des Opfers“, sagte Staatsanwalt Körner.
Er klappte seine Mappe auf und zog ein Papier heraus. „Das ist ein Haftbefehl für die Herren Konrad, Herbert und Walter Grundmann. – Würden Sie so nett sein, Herr Sprockhövel?“
„Aber ja, gerne“, sagte der und lächelte: „Meine Herren: Sie sind verhaftet.“
Notar Eisenmann stand auf und ging auf die Brüder zu. Er wusste, so etwas würde sich in seinem Leben nicht wiederholen; das musste er beim nächsten Stammtisch zum Besten geben.
„An wen, meine Herren, soll ich nun die Abschlussrechnung schicken?“, fragte er und lächelte sehr freundlich. „Ach, und außerdem: Möchten Sie eine Kopie der letzten Worte Ihres Stiefvaters haben?“

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