Besuch von Harry Eppendorf

von Paola Reinhardt (copyright)

Alida schreckte an diesem Morgen mit einem kurzen Schrei aus ihrem Traum hoch, der sie minutenlang mit einer alten Bahnhofsuhr konfrontiert hatte. Der überlaut tickende große Zeiger war kurz vorher mit einem gewaltigen Gongschlag auf die Zwölf gesprungen und hatte sich dabei demonstrativ über den kleinen gelegt, der bereits dort stand.
Ein Traum, es ist ja nur ein Traum, dachte Alida erleichtert, als sie ihr Daunenlaken in den Händen spürte, an das sie sich noch immer festgeklammert hielt. Ihr Herz klopfte so stark, als wollte es durch die Haut springen. Völlig benommen stand sie auf, zog die Jalousien hoch und sah, wie sich die Sonne langsam durch ein diffuses Wolkengebilde ihren Weg bahnte. Noch gelang es ihr nicht, ihr volles Licht zu entfalten. Aber es würde ein schöner Tag werden, das konnte man schon jetzt sehen.
Alida ging zu ihrem Bett zurück, setzte sich aufrecht vor das hinter den Rücken geschobene Kopfkissen und begrüßte den frühen Morgen mit einem antrainierten Lächeln, das ihr heute allerdings schwer fiel. Papier und Kugelschreiber für ihre täglichen Morgenseiten lagen griffbereit auf der Konsole neben dem Doppelbett, von dem die eine Hälfte seit ungefähr zwei Jahren nicht mehr benutzt wurde. Ein Umstand, den Alida allerdings nicht bedauerte. Daher hegte sie auch nicht den Wunsch, dies in absehbarer Zeit zu ändern.
Mit ihrer schwungvollen Schrift setzte Alida an den oberen Rand des Papiers das aktuelle Datum: 10.7.2008. Darunter schrieb sie in großen Buchstaben: Träume sind Schäume! Dann unterstrich sie diesen Satz und setzte ein dickes Ausrufzeichen dahinter. Anschließend begann sie sich alles von der Seele zu schreiben, was ihr gerade so einfiel und sie dazu verdammt hätte, mit angehäuftem Seelenmüll in den neuen Tag zu starten.
Scheiß-Traum! Ich weiß beim besten Willen nicht, was er zu bedeuten haben soll! Am besten, ich vergesse ihn. Also weiter im Text: „Das erste Vogelkonzert ist zu Ende. Schade. Die Gefiederten legen gerade eine Pause ein. Die Rotbuche müsste unbedingt im Wuchs gestutzt werden, sonst ragt sie zu sehr aus der Hecke Gruppe heraus. Man könnte meinen, sie wäre bevorzugt gedüngt worden. Haha! Das Rasenschneiden werde ich wohl auf den Abend verschieben müssen. Das Gras ist noch nass vom Tau. Ob mein Verleger wohl endlich das fällige Honorar für meinen letzten Roman überwiesen hat? Es ist Anfang Juli und die Abrechnung ist seit März überfällig. Hoffentlich hat der Verlag keine Insolvenz angemeldet. Auf meinem Konto sieht es zurzeit echt mies aus. Ich könnte wirklich jeden Cent gebrauchen. – Aha, jetzt geht das Vogelkonzert anscheinend doch weiter. Allerdings so leise, als wollten die Gefiederten die Nochschläfer kurz vorm Klingeln ihrer Wecker nicht stören. Was bewegt manche Menschen bloß dazu, so lange in den Betten liegen zu bleiben? Ich bin immer heil froh, wenn die Nacht vorbei und es endlich draußen wieder hell wird!“ Auch dahinter setzte Alida ein dickes Ausrufzeichen.
Jetzt unterbrach sie den Schreibfluss und trank einen Schluck Wasser aus dem bauchigen Glas, das neben dem Papierstapel stand. Es war inzwischen lauwarm geworden. Aber bestimmt gesunder, als eiskaltes Wasser auf nüchternen Magen. Ihren roten Lieblingskugelschreiber noch in der Hand, mit dem sie im Laufe der letzten Jahre schon einige Morde begangen hatte, reckte und dehnte sie sich nun erst einmal ausgiebig. Auf einmal war mit dem Gongschlag zwölf dieser Traum wieder präsent, als sei sie gerade erst daraus erwacht.
Alida erschrak. Sollt er vielleicht doch eine Bedeutung haben? Ach was, sie glaubte weder an Horoskopen noch an Hellseherei, auch nicht an Vorahnungen. Alles, womit sie diesen Traum in Verbindung bringen konnte war dieser Western mit Grace Kelly und Cary Cooper: Zwölf Uhr mittags. Sie hatte ihn mindestens drei Mal gesehen. Aber nicht gestern Abend.
„Schluss aus! Man darf sich nie zu lange bei einer Frage aufhalten, die man nicht lösen kann. Das verdirbt einem die Laune“, sagte Alida und sprang aus dem Bett Selbstgespräche gehörten seit langem zu ihrem Alltag, genauso wie die selbst gewählte Einsamkeit. Jetzt begannen die Routinearbeiten des Alltags: Kaffee kochen, Brötchen vom Gesterneinkauf aufwärmen, Tisch decken, Blumen gießen, frühstücken, die regionale Tageszeitung lesen und die drei Sudoku Rätsel darin lösen. Pünktlich um sieben Uhr würde sie, wie an jedem Morgen, an ihrem Schreibtisch sitzen und auf gute Einfälle für ihren neuen Krimi warten. Dieses Mal wollte es einfach nicht so recht voran gehen. Die ersten hundert Seiten hatte sie schon etliche Male umgeschrieben. Wahrscheinlich steckte sie gerade in einer Schreibblockade. Das sollte sogar bei Top Autoren vorkommen.
Alida sprang aus dem Bett. Ihr Kugelschreiber landete dabei achtlos auf dem grünen Veloursboden neben den bequemen Gummischlappen in der kitschig rosa Farbe, die sie nie angezogen hätte, wäre sie neben einem Mann aufgewacht.
„Keine Angst, das passiert mir so schnell nicht wieder! Ich habe es schließlich mehrfach getestet und dabei herausgefunden, dass Männer und Treue einfach nicht zusammen passen.“ Sie lachte und ging nach nebenan ins Bad, um die Jalousien hoch zu ziehen. Die Nachbarin, etwa dreißig Meter von ihrem Haus entfernt, ebenfalls eine Frühaufsteherin wie sie, begutachtete bereits in ihrem Garten das Wachsergebnis der letzten Nacht bei den Salat-, Tomaten- und Erdbeerenpflanzen. Wie üblich trug sie dabei ihren nachtblauen Satinmorgenmantel. Ihr weißer Pagenkopf leuchtete durch das Grün des Spalierobstes. Sie war eine harmlose alte Frau, die schlecht sehen und hören konnte und ein ausgesprochener Fan ihrer Kriminalromane war. Alida lächelte.
Als das Wasser der Toilettenspülung unter ihr rauschte, entschloss sie sich, auch in den Wohnräume den Morgen hereinzulassen. Mit einem fast feierlichen Schwung ließ sie kurz darauf die beigefarbenen Stoffbahnen zur Seite rauschen. Alida liebte den Blick auf die Terrasse mit den rosa blühende Oleanderbäume, die während der momentan anhaltenden Hitzeperiode täglich gewässert wurden mussten. Daran schloss sich der Rasen mit der dichten Laubhecke im Hintergrund, die sie vor neugierigen Blicken schützte.
Die Morgenluft war noch kühl, aber rein wie der junge Tag. Alida machte ein paar Atemübungen, drehte sich danach zehn Mal nach rechts, dann nach links im Kreis herum und beschloss, dass ihre Morgengymnastik heute damit beendet sei.
„Ich gehe jetzt die Zeitung holen“, sagte sie in die Stille der Diele hinein, die sie im Anschluss daran durchquerte. Plötzlich stockten ihre Füße. Hinter den dicken Glasscheiben der Haustür stand ein alter Mann, der ganz offensichtlich zu ihr wollte. Seine Augen, halb verdeckt von schweren Lidern, sahen sie über die randlose Brille hinweg prüfend an, als wollte er sich vergewissern, ob sie auch die Person sei, die er suchte.
Alida blieb einen Meter von ihm entfernt hinter dem schützenden Holz der Tür stehen und betrachtete ihn eingehend: Sein dichter Bart zeigte über der Oberlippe noch die leichten Spuren einer früheren dunkleren Farbe. Die restlichen Barthaare waren grau und leicht gekräuselt, genau wie sein Kopfhaar, das oben schon leicht schütter wirkte. Es stieß im Schulterbereich auf den Sakkokragen seines schwarzweiß gestreiften Anzugs, dessen Qualität erkennen ließ, dass es sich bei dem Fremden nicht um einen Vertreter des gewohnten Zeitungsboten handeln konnte. Sogar die drei tief eingegrabenen Falten auf seiner Stirn, von denen die eine wie ein leichtes V wirkte, waren von ihrer Position aus deutlich sichtbar.
Erst jetzt sah Alida den Brief in seiner rechten Hand, für den er offensichtlich den richtigen Adressaten suchte. Ihre Hand lag schon auf der Türklinke, als sie beschloss, den Fremden mit einer Geste auf den neben der Tür angebrachten Postkasten zu verweisen. Schließlich war er groß genug, eine Menge Briefe aufzunehmen. Doch dann zuckte es belustigt um ihre Lippen. Alida, du hast doch nicht etwa Angst vor einem alten Mann, dachte, dache sie. Und im Bewusstsein der Überlegenheit eines sportgestählten Körpers wischte sie alle Bedenken zur Seite. Ja, sie ignorierte sogar die Tatsache, dass sie nicht einmal einen Morgenrock über das weiße Nachthemd mit den Mohnblüten trug. Sie drehte den Schlüssel im Schloss einfach rechts herum. Die Tür öffnete sich mühelos.
„Guten Morgen“, sagte der Alte.
„Guten Morgen“, erwiderte Alida.
„Mein Auftraggeber hat mich angehalten, Ihnen diesen Brief persönlich zu überreichen. Allerdings hatte ich nicht damit gerechnet, Sie schon um diese Zeit anzutreffen. Ich hätte natürlich auch noch auf Sie gewartet.“
Alida antwortete ihm nicht darauf. Der Abstand zwischen ihrer Hand und der seinen, in der sich der Briefumschlag befand, betrug nur wenige Zentimeter, als ihr Herz plötzlich wie wild zu rasen begann und das Blut schneller durch die Adern zu pumpte. Ein feiner Tabakgeruch stieg ihr in die Nase. Wahrscheinlich hatte der Absender des Briefes beim Schreiben eine Zigarre geraucht. Wer hatte ihr wohl etwas so Dringendes mitzuteilen, dass er schon morgens in der Früh einen Boten zu ihr schickte. Sollte das vielleicht eine Antwort auf die angemahnte Honorarabrechnung sein, für die sich der Verleger auf eine originelle Art bei ihr entschuldigen wollte?
„Mein Name ist Harry Eppendorf“, sagte der Fremde und unterbrach ihre Gedanken.
„Wie ich heiße wissen Sie ja, sonst hätten Sie mich nicht gefunden“, erwiderte Alida kühl.
„Ja. Allerdings frage ich mich, ob sie nicht ein wenig leichsinnig sind, einem Fremden um diese Uhrzeit die Tür zu öffnen?“ Dann lachte der Mann kehlig und verhalten wie über einen ausgeleierten Witz.
„Warum, ich habe keine Angst“, erwiderte Alida. Und um ihre Aussage zu bekräftigen, fügte sie spontan hinzu: „Wenn Sie einen Kaffee mit mir trinken möchten, dann lade ich Sie dazu ein. Ich wollt mir gerade einen aufbrühen.“ Während sie dies sagte, war sie sich durchaus der grotesken Situation bewusst, in der sie sich befand. Doch der vermehrte Adrenalinausstoß in ihrem Blut, übertönte die vorsichtige Warnung in ihrem Kopf.
„Gern“, erwiderte der Mann, der sich Harry Eppendorf nannte, schob die Tür noch ein wenig mehr zur Seite und folgte ihr in den Wohnbereich. Dort angekommen, setzte er sich ohne eine weitere Aufforderung abzuwarten auf einen der Stühle, die um den langen Esszimmertisch mit der anthrazitfarbenen Rauchglasplatte standen. Alida zog indessen den Morgenmantel über, der noch auf einen der eckigen Sessel hing. Er war genau so farbenfreudig wie ihr Nachthemd.
„Margeritten, selbst gepflückt auf einer Wiese?“, fragte der Alte, als sie zurückkam und deutete dabei auf die runde Glasvase, die mitten auf dem Tisch stand.
„Ja“, antwortete Alida. Dann ging sie in die Küche, um die Kaffeemaschine mit Wasser zu füllen und gab anschließend vier gehäufte Dosierlöffel Kaffeepulver in den Filter. Sie stellte die Maschine an und die Dose mit dem gemahlenen Kaffee in den weißen Hängeschrank zurück. Aus einem anderen holte sie zwei weiße Tassen und Unterteller und dann noch die Dosensahne aus dem Kühlschrank. Kurz darauf war der Kaffee auch schon in die Glaskanne gelaufen und konnte eingegossen werden. – Draußen zwitscherten die Vögel jetzt frech und unbekümmert ihr Morgenlied.
„Ja, so trinke ich ihn gern, nicht zu stark und nicht zu schwach“, stellte Harry Eppendorf nach dem ersten Schluck anerkennend fest. Interessiert sah er sich dabei im Zimmer um als suche er ein bestimmtes Detail, das er auf dem ersten Blick noch nicht wahrgenommen hatte.
Vielleicht ist er gar nicht so harmlos wie er aussieht, überlegte Alida plötzlich, die ihn dabei aus den Augenwinkeln beobachtete. Auf jeden Fall schien er kein gesprächiger Typ zu sein. Der intellektuelle Ausdruck in seinem Gesicht hatte sie angezogen und nun war sie enttäuscht, keinen Gesprächspartner sondern nur den Überbringer einer simplen Nachricht vor sich zu haben. Am liebsten wäre sie ihn auf der Stelle wieder losgeworden.
Nun fiel ihr Blick auf den längliche Briefumschlag, der noch immer dort lag, wo sie ihn hingelegt hatte. Vor ihr auf dem Tisch. Alida nahm ihn in die Hand und betrachtete ihn eingehend. Ihr Name war mit einem Füllhalter auf die Vorderseite geschrieben worden. Offenbar bevorzugte der Absender eine breite Feder. Die Anfangsbuchstaben fielen auffallend groß aus und die Unterlängen lang und eckig.
„Ich glaube, Ihnen steht heute noch ein aufregender Tag bevor“, sagte Harry Eppendorf plötzlich mit klarer akzentuierter Stimme, die sich fast feindselig anhörte.
„Aha. Wenn Sie wahrsagen können, dann erzählen Sie mir doch ein bisschen mehr über mich?“, spöttelte Alida und hielt ihm die Innenfläche ihrer rechten Hand entgegen. Harry Eppendorf ging ohne weiteres darauf ein und betrachtete eingehend die unterschiedlichen Linien und Verzweigungen darin.
„Ich sehe, dass Sie momentan unter einem enormen Druck stehen, ohne sich dies eingestehen zu wollen. Leiden Sie auch manchmal an Verfolgungswahn?“
„Nein!“, schrie Alida und fügte dann schnell etwas gefasster hinzu: „Ach, das ist doch alles Humbug. Ich glaube nicht an solche Mätzchen. Und außerdem dürfte ein guter Wahrsager seinem Klienten natürlich keine Angst machen.“
„Oh, wenn ich Ihnen Angst eingejagt habe, so tut es mir leid. Aber Sie müssen ja nicht glauben, was ich sage“, erwiderte Harry Eppendorf.
In diesem Moment kehrte Mimi, die schwarz-weiß gefleckte Katze, von ihrem nächtlichen Ausflug zurück und huschte durch die offene Terrassentür. Ihr Miauen klang erstaunt, als sie den Fremden witterte. Dann setzte sich neben Alidas Stuhl und hielt den Kopf hochgereckt und die Ohren gespitzt.
Harry Eppendorf versteifte sich augenblicklich auf seinem Stuhl, streckte seine blankgeputzten Schuhe mit den leichten Spitzen von sich, und für einen kurzen Moment sah es fast so aus, als wollte er Mimi einen Tritt damit versetzen.
Alida war bei dieser Geste zusammen gezuckt.
„ Ich mag keine Katzen“, sagte der Alte. „Ihre Haare lösen bei mir eine Allergie aus, die sich oft in Atemnot ausdrückt.“
„Verstehe“, erwiderte Alida irritiert.
Der Fremde wurde ihr allmählich unheimlich, denn er erinnerte sie in diesem Augenblick an einen Mann, an den sie nicht erinnert werden wollte.
Harry Eppendorf war inzwischen aufgestanden. Seine Schultern wirkten ein wenig eingefallen, als habe er früher einmal Sport getrieben, dies aber in den letzten Jahren stark vernachlässigt, so dass die Muskeln inzwischen leicht verkümmernt waren. Die Ärmel seines dunklen Blazers, unter dem er ein graues Strickhemd trug, reichten bis zu den dunkel behaarten Handrücken, auf dem deutlich blaue Adern hervortraten. Der Zeigefinger seiner rechten Hand trug eine leichte gelblichbraune Färbung und verriet den starken Raucher.
Alida hatte sich ebenfalls von ihrem Platz erhoben, nahm die Katze auf den Arm und streichelte sie. Doch Mimi, die Eigenwillige, sprang sofort wieder hinunter und verschwand fast panikartig, als hätten ihre feinen Nerven längst die atmosphärische Veränderung im Raum gespürt.
„Benötigen Sie eine Quittung?“, wandte sich Alida an den Mann und wedelte mit dem Brief in ihrer Hand.
„Eine Quittung? Nein! Wofür? Ich habe Ihnen doch nur einen leeren Umschlag überreicht.“ Harry Eppendorf griff in seine Brusttasche und zog eine goldene Taschenuhr hervor.
„Ach, sie ist mal wieder stehen geblieben, zeigt genau 12 Uhr an. Dabei müsste es inzwischen doch bereits sieben Uhr sein“, sagte er im Ton eines Selbstgesprächs.
Da war er wieder dieser Traum! Diese Uhr mit dem großen Zeiger, der mit einem Gongschlag auf Zwölf gesprungen war. Eine feine Gänsehaut kroch über Alidas Arme und von dort weiter bis hoch zum Nacken.
„Meine Zeit ist um. Ich muss gehen. Danke für den Kaffee. Schade, dass wir uns nicht unter anderen Umständen kennen gelernt haben. Ich glaube, ich hätte sie sogar gemocht“, sagte Harry Eppendorf.
Seine grauen Augen, die den Glanz der Jugend schon lange verbraucht hatten, wirkten plötzlich lauernd, als müsste er vor ihr auf der Hut sein. Und dann hörte sie, wie sich seine Schritte mit einer Geschwindigkeit entfernten, die sie dem Alten nie zugetraut hätte. Kurz darauf fiel die Haustür laut hinter ihm ins Schloss.
„Ich muss verrückt gewesen sein, als ich diesen Harry Eppendorf herein gelassen habe, was meinst du, Mimi?“, fragte sie die Katze, die inzwischen zurückgekommen war. Doch Mimi gab keinen Laut von sich. Da kniete Alida nieder und streichelte mit zitternden Händen das weiche Fell. Doch Mimi fauchte laut und zog ihr mit den scharfen Krallen eine rötliche Spur durch das Gesicht.
„Bist du verrückt geworden, Katze!“, schimpfte Alida. Doch Mimi nahm keine Notiz von ihr, rollte sich auf dem Boden zusammen, als sei sie völlig unschuldig an dem Geschehen.
„Das wirst du noch bereuen!“, schrie Alida außer sich vor Wut und stampfte mit dem Fuß auf, so dass Mimi sich blitzschnell entschloss, das Weite zu suchen. Alida schickte ihr einige Flüche hinterher, bei dem sich ihr ebenmäßiges Gesicht mit den tief dunkelblauen Augen und den vollen Lippen zu einer wütenden Grimasse verzerrte.
„Ich glaube, ich habe dieses Gesicht des Mannes, der sich Harry Eppendorf nannte, schon irgendwo einmal gesehen. Aber wo und wann?“, sagte sie laut. Doch dann lächelte sie. „Ruhig Blut Alida, verliert jetzt nur nicht die Nerven! Schließlich kann dir der Alte den Mord an Mark doch nicht nachweisen. Niemand!“
„O doch“, erwiderte der Mann, der plötzlich im Rahmen der Terrassentür stand und fügte hinzu: „Harry Eppendorf, Kriminalhauptkommissar Harry Eppendorf, kurz vor dem Ruhestand. Daher war es mir auch sehr wichtig, den ungeklärten Fall Mark Bongart zum Abschluss zu bringen.“
Hinter den Scheiben der Terrassentür sah Alida plötzlich fremde Männer in gelben Gummistiefeln, die sich auf ihrem Grundstück mit Spitzhacken und Schaufeln zu schaffen machten. Und etwas abseits von ihnen stand die alte Damen von nebenan, als habe sie ein Recht hier zu sein.
„Sie könnten uns die Suche erspare und sich das Warten, wenn Sie uns sagen, wo Sie ihn begraben haben“, sagte der Kriminalkommissar und hielt ihr erneut einen weißen Briefumschlag entgegen.
Alida starrte ihn fassungslos an. Diese Mal würde er nicht leer sein, sondern einen Durchsuchungsbefehl enthalten, das wusste sie ganz genau.
„Unter der Rotbuche“, entgegnete Alida leise. Dann ging sie langsam zum Tisch zurück und trank den letzten Schluck aus ihrer Kaffeetasse. Er war längst kalt geworden, aber er schmeckte köstlich, nach einer Freiheit, die sie bereits verloren hatte.

Verschobene Rache

von Angela Brown (copyright)

Sheriff Dockery sah die Leiche minutenlang wortlos an. Dann schob er seinen Cowboyhut in den Nacken, kaute an seinem Kugelschreiber (eine Angewohnheit die jeden in seiner Umgebung verrückt machte) und lief um die Liege herum, die normalerweise dazu benutzt wurde um Patienten vom OP zur Station zu transportieren. Jetzt lag einer der beiden Chirurgen, Dr. Sheffield, quer darüber drapiert und in seinem Rücken steckten zwei Skalpelle. Seine haarigen, muskulösen Arme hingen fast bis auf den Boden. Dockery dachte an den Sommer, als seine 15-jährige Tochter eine Blinddarmoperation brauchte und er zweifelte, ob Dr. Sheffield der richtige für seinen kleiner Engel war. “Hast du seine Hände gesehen, Lissy? Groß wie T-Bone Steaks und die Finger sehen aus wie Würstchen.” Aber seine Frau, praktisch wie immer, hatte sich nicht beirren lassen. “Ich habe keine Lust nach Asheville zu fahren”, hatte sie ihm gesagt. “Dr. Sheffield hat einen guten Ruf.” Und es war wirklich alles gut gegangen. Shana war zwei Tage später wieder zu Hause. Und jetzt war Dr. Sheffield tot. Sein Gesicht hatte einen erstaunten Ausdruck, so als hätte er mit allem gerechnet, nur nicht mit zwei Messern im Rücken.
Vom Schwesternzimmer am anderen Ende des OP kam lautes Schluchzen. Wahrscheinlich Schwester Melissa, die den Toten gefunden hatte, als sie um sechs Uhr morgens den OP Nummer Zwei für eine Gallenblase fertig machen wollte.
Der Sheriff fluchte leise. “Das ist nicht unser typischer Mordfall, Ricky”, sagte er zu seinem Deputy der Tabak kauend neben ihm stand. “Wer hat etwas gegen einen Arzt hier in Murphy? Wir sind froh, für jeden, den wir in unser Krankenhaus locken können.”
“Er hat mir im vorigen Jahr die Kugel von dem Morrow aus dem Arsch operiert”, war alles was Ricky einfiel.
“Schließ die Tür, stell dich davor bis die Leute von Asheville kommen. Bis dahin geht hier niemand rein.”
Dockery verließ den Operationssaal und lief zur Tür hinter der immer noch lautes Weinen zu hören war. Auf dem Flur lief ihm ein aufgeregter Krankenhausleiter entgegen. Herbert Bucker fingerte nervös an seiner Brille herum und sah den Sheriff verzweifelt an.
“Das ist eine Katastrophe”, sagte er dreimal hintereinander. “Dr. Sheffield war unser fähigster Chirurg. Jetzt haben wir nur noch Dr. Ritter.”
Die Brille sass endlich so, wie er es wollte. “Ein sehr guter Chirurg, keine Frage. Aber Dr. Sheffield brachte uns das meiste Geld. Und das sechs Monate vor meiner Pensionierung.”
Dockery dachte, dass es wirklich sehr unhöflich von dem Toten war, sich ausgerechnet jetzt ermorden zu lassen. Er hatte genug von den Tiraden des Mannes, den er immer für einen Weichling gehalten hatte. Buckner war schon in Murphy so lange der Sheriff zurückdenken konnte. Er machte seine Arbeit gut, keine Frage. Sein Vertrag wurde jedes Jahr verlängert. Aber er war kein Mann, sondern ein Waschlappen eben. Seit zwanzig Jahren schon leitete er den Club der Vogelschützer, den er selbst gegründet hatte. Anstatt wie die meisten Männer hier ihre Zeit mit Jagen und Fischen zu verbringen, lief er bei jeder Gelegenheit durch den Wald und suchte nach verletzten Vögeln, die er dann bei sich zu Hause gesund pflegte.
Der Aufenthaltsraum der Schwestern war klein, nicht mehr als eine Besenkammer mit einem Tisch und vier Stühlen. Auf einem der Stühle sass Melissa und ließ sich von ihren Kolleginnen trösten.
“Mein Gott”, schluchzte sie. “Ich habe gestern abend noch mit ihm gesprochen. Da war er noch so lebendig. Bis morgen, Melissa, hatte er gesagt.”
“Um wie viel Uhr war das?” fragte der Sheriff.
Melissa sah ihn einige Augenblicke verwirrt an. Sie bemerkte den Sheriff erst jetzt. “Gegen zehn Uhr. Ich bin gegen zehn Uhr nach Hause gegangen.”
“Etwas spät für eine Operation.” Dockery waren die vielsagenden Blicke nicht entgangen, die die anderen Krankenschwestern sich zuwarfen.
“Nun, der letzte Eingriff war gegen sieben Uhr fertig. Aber Dr. Sheffield wollte mit mir noch den nächsten Tag besprechen und dann bestellte er Pizza und dann redeten wir noch ein bisschen über Fort Louderdale. Wir kommen beide von dort her……” Sie zuckte hilflos mit den Schultern. “Und jetzt ist er tot.”
Mehr war im Moment aus Melissa nicht rauszukriegen. Sie fing wieder an laut zu heulen und Dockery gab’s auf. Er würde später noch einmal mit ihr reden.
*
“Wann haben Sie ihren Mann das letzte Mal gesehen?” Der Sheriff nahm dankbar die Tasse Kaffee an, die die kubanische Witwe von Dr. Sheffield ihm reichte.
Die Frau dachte kurz nach. “Gestern morgen”, sagte sie mit ihrem melodischen spanischen Akzent. “Er war wie immer. Um sieben Uhr aufstehen, eine halbe Stunde joggen, eine halbe Stunde Gewichte. Mein Mann war ein Gewohnheitstier. Veränderungen machten ihn verrückt.”
Dockery bemerkte, wie schnell Isabella Sheffield von ihrem Mann in der Vergangenheit sprechen konnte.
“Kam er oft spät nach Hause?”
Isabella zog verächtlich die Lippen nach unten. “Auch darin war mein Mann ein Gewohnheitstier. Seit zwanzig Jahren die selbe Geliebte.”
“Schwester Melissa?” Dockery sah sie ungläubig an und verglich in Gedanken diese attraktive Kubanerin mit der plumpen Krankenschwester.
Isabella lachte bitter. “Ja, genau die. Das fing vor über zwanzig Jahren an. Damals wohnten wir noch in Florida. Als er die Stelle hier annahm, dachte ich es wäre endlich zu Ende. Bis mir bei einem Rundgang im Krankenhaus die neue OP Schwester vorgestellt wurde. Sie war schon drei Monate vor uns hier angekommen.”
“Sie sehen mich überrascht. Warum würde ein Mann eine Frau wie Sie mit einer Frau wie Melissa betrügen?”
Isabella zuckte die Schultern. “Das habe ich mich schon hundert Mal gefragt. Die beste Antwort die ich habe ist, dass selbst Rumba und Pina Colada mit der Zeit langweilig werden. Und dann sehnt sich ein amerikanischer Mann nach seiner Mutter, Apfelkuchen und Milch.”
“Und das hat sie nicht gestört?”
“Was hätte ich tun sollen? Mich scheiden lassen? Wieder nach Fort Louderdale zurück gehen? Ich bin dreiundfünfzig Jahre alt. Ich habe zu viel Zeit in diese Ehe investiert.”
“Wo waren sie gestern abend?”
Isabella zuckte leicht zusammen und lächelte dann. “Ich verstehe, ich bin die Hauptverdächtige. Ich war ausgegangen. Mit einem Freund – Dr. Ritter. Wenn ich die Affaire meines Mannes auch hinnehme, dann heißt das noch lange nicht dass ich gerne allein bin.”
*
Eine Woche später kam endlich ein Durchbruch. Das Labor in Charlotte war am Apparat. Ein einziger Daumenabdruck auf den sonst sterilen Mordwaffen. Ein Daumenabdruck, der eindeutig zu einer Melissa Teems gehörte. Ob dieser Name dem Sheriff etwas sagte.
Dockery fiel fast vom Stuhl. “Melissa Teems? Das ist die OP Schwester.”
Der Mann am anderen Ende kicherte. “Ihr Fingerabdruck ist auf der Mordwaffe. Keine Zweifel.”
“Wieso ist sie überhaupt in einer Kartei? Vorbestraft?”
“Nein, überhaupt nicht. Aber sie hat als Achtzehnjährige einen Armeedienst absolviert. Sie ist in der Militärkartei.”
Nachdem Dockery aufgelegt hatte starrte er minutenlang auf die graue Wand vor ihm. Melissa Teems – das passte einfach zu gut. Sie hatte kein Alibi, gab zu, dass sie die letzte war, die Sheffield lebend gesehen hatte. Sie hatte ein Verhältnis mit ihm. Sie war sehr emotional.
*
“Aber warum sollte ich ihn denn ermorden?” sagte sie schon zum zehnten Mal in den letzten dreißig Minuten. “Wir haben uns doch geliebt.”
“Vielleicht war dir ein Verhältnis nicht mehr gut genug. Vielleicht wolltest du mehr. Nach zwanzig Jahren kann man eigentlich mit einer Ehe rechnen. Du bist die einzige, die weiß warum.”
“Nein”, sie schüttelte ihren Kopf so heftig, dass ihre blonden Locken in alle Himmelsrichtungen fielen. “Nein. Das ist überhaupt nicht wahr. Ich hätte nie darauf bestanden, dass er seine Frau verläßt. Er hat mir gesagt, dass er sich das finanziell nicht leisten kann. Und ich verstehe das. Wir haben uns oft genug gesehen…”
Sie sah den Sheriff und seinen Deputy bittend an. “Sie müssen mir glauben.” Ihre veilchenblauen Augen füllten sich mit Tränen, dann weinte nur noch still vor sich hin und schaute auf ihre Hände. Kleine, weiße Porzellanhände, denen man eher zutraute, dass sie Schokoladenplätzchen backten. Irgendwie konnte er sich nicht vorstellen, dass diese Hände zwei Skalpelle in den Rücken eines Mannes stoßen konnten.
Die Tür öffnete sich und einer seiner Deputies trat ein. Melissa bemerkte ihn nicht einmal.
Er trat hinter den Schreibtisch und flüsterte dem Sheriff etwas ins Ohr. “Bist du sicher?” fragte Dockery. Der Deputy nickte.
“Melissa. Ich glaube es ist besser, wenn du dir einen Anwalt nimmst.”
“Einen Anwalt”, flüsterte die Krankenschwester und wurde bleich. “Aber ich habe doch nichts getan.”
“Melissa. Wir haben in deinem Spind eine Schwesternuniform gefunden. Mit großen Blutflecken. Ich muss dich leider wegen Mordes verhaften.”
Ricky sprang von seinem Stuhl, als hätte er nur auf dieses Stichwort gewartet. Er riss die fast ohnmächtige Melissa hoch und bog ihre Arme auf den Rücken.
“Aber ich arbeite doch im OP. Da kommt öfter Blut an meine Hosen”, rief sie noch. Dann zog Ricky sie aus dem Raum.
Als er alleine war, steckte Dockery sich endlich eine Zigarette an. Es war eigentlich nicht erlaubt, das Sheriffsbüro war rauchfreie Zone, aber das störte ihn im Moment nicht. Seine Welt war wieder in Ordnung. Morde in Murphy waren immer schnell gelöst. Immer war Eifersucht, Rauschgift oder Familienzwist der Grund für die Tat. Und immer fand man den Täter in der nächsten Umgebung des Opfers. Ehemann erschießt Ehefrau. Bruder ersticht Bruder. Sohn erdrosselt Mutter. Und jetzt Geliebte ersticht verheirateten Mann. Eine kleine Variante, aber trotzdem immer noch nach dem Schema.
Er schaute auf die Uhr. Schon kurz nach fünf. Seit einer Woche hatte er schon keine warme Mahlzeit mit seiner Frau gegessen. Sie und die Kinder aßen immer um sechs und er war kaum vor zehn Uhr nach Hause gekommen. Aber jetzt hatte er frei. Jetzt konnte er mit seiner Frau und den Kindern am Küchentisch sitzen, Hackbraten und Käsenudeln essen, und froh sein, dass seine kleine Welt noch heil war. Dann würde er eine Dose Bier aufmachen und sich entspannen. Und vielleicht konnte er Lissy dann auch noch zeigen, wie froh er war, mit ihr verheiratet zu sein. Seine praktische, verlässliche Lissy auf die er sich immer verlassen konnte.
*
Sheriff Dockery streckte seine Beine unterm Schreibtisch aus und nahm einen Schluck Kaffee während er die Zeitung Lass. In drei Tagen begann der Mordprozess gegen Melissa Teems. Er seufzte leise. Sie würde wohl verurteilt werden. Die Beweise waren einfach zu viel. Das Blut auf ihrer Kleidung, das einwandfrei zu dem Toten gehörte, der Fingerabdruck. Ein Motiv, kein Alibi. Warum hatte sie nicht auf ihren Anwalt und den Staatsanwalt gehört und gestanden. Eine Tat aus Leidenschaft, sechs oder sieben Jahre, dann wäre die Sache überstanden. Aber sie behauptete steif und fest, dass sie nichts mit dem Mord zu tun hatte.
Die letzten neun Monate in Untersuchungshaft waren hart für sie gewesen. Dockery erinnerte sich an das letzte Mal, als sie wegen eines Antrags ihres Anwalts hier in einer Zelle übernachtet hatte. Ihre ehemals blonden, lustigen Locken waren weiß und strähnig gewesen und ihre vollschlanke Figur hatte sie auch verloren. Sie würde es nicht leicht haben im Frauenknast.
Ein leichtes Klopfen an der Tür störte ihn in seinen Gedanken. “Herein”, rief er und Jenny, die ältliche Postbotin trat ein.
“Einschreibebrief für den Sheriff persönlich”, rief sie und hielt ihm einen Umschlag hin. Dockery unterschrieb und sah sich den Brief an. Kein Absender, aber in Raleigh abgestempelt. Ein einziges Blatt fiel heraus, vollgeschrieben mit einer pendantischen, engen Schrift. Während Dockery es Lass, fühlte er wie sich seine Nackenhaare sträubten.
“Lieber Sheriff Dockery, sicher sind sie überrascht von mir zu hören. Sie hatten nie viel von mir gehalten und ich nicht von Ihnen. Zu einfältig, immer den einfachen Weg gehend, so lösen Sie ihre Fälle. Aber vielleicht muss man das auch in Murphy, wo immer ein Cousin Bobby Jo seine Verwandtschaft umbringt. Ich habe in der Zeitung gelesen, dass die arme Melissa nächste Woche ihren Prozess bekommt. Was soll ich sagen? Sie haben den falschen Mörder. Ja, genau. Ich habe den Arzt auf dem Gewissen. Hätten Sie mir nicht zugetraut, oder? Ich habe es meiner Frau versprochen und jetzt ist sie glücklich. Sehen Sie, unser geschätzter Chirurg hat nämlich unsere einzige Tochter auf dem Gewissen. Das war vor fünfzehn Jahren gewesen als ich für sechs Monate auf den Galapagosinseln war um Vögel zu studieren. Meine Tochter ging gesund ins Krankenhaus um einen Leistenbruch zu operieren und verblutete unter seinem Messer. Der Herr hatte es eilig zu seinem Golfspiel zu fahren und überließ das Zusammennähen seiner Assistentin, einer einfachen Krankenschwester. Schwester Melissa sagte natürlich, dass er es selbst gemacht hätte. Sie wissen ja, dass die beiden ein Verhältnis hatten. Und so haben sie jetzt beide gebüßt. Sheffield für den Tod meiner kleinen Amy und die Teems dafür, dass sie für ihn gelogen hat.”
Dockery steckte sich gedankenlos eine Zigarette an. Er konnte kaum glauben, was er da las.
“Wir sind dann nach Murphy umgezogen und ich habe jahrelang gedacht, dass ich meine Rache nie bekomme. Aber dann, eines Tages bewirbt dieser Mörder sich um eine Stelle in meinem Krankenhaus. Das war ein Wink des Schicksals. Eine höhere Macht hat ihn in meine Hände gegeben. Er wusste natürlich nicht, wer ich bin. Vielleicht hat er die ganze Geschichte damals in Florida auch schon vergessen. Aber wir haben nichts vergessen. Den Fingerabdruck von Melissa auf das Skalpell zu bekommen, war einfach. Die Frau ist viel zu naiv und hat mir die Mordwaffe auch noch selbst gegeben. Und das mit dem Blut auf ihrer Hose war auch nicht schwer. Wo ein Wille ist…. Machen Sie sich nicht die Mühe nach uns zu suchen. Wir sind weit weg von Murphy. Dort wo ich ganz neue Arten von Vögeln studieren kann und meine Frau endlich Zeit für einen Garten hat. Es wird uns niemand finden. Mit freundlichem Gruß, Herbert Bucker. P.S. Ich hoffe doch, dass sie Melissa Teems jetzt frei lassen, sie hat ihre Strafe schon abgebüßt. Ich bin schließlich kein Unmensch.”

Loslassen!

von Susanne Henke (copyright)

“Wenn wir uns beeilen, schaffen wir es noch zur nächsten Verteilung der Dictionnaries.” Den Messeplan auf den Knien ausgebreitet, unterstützt Frauke den optimistischen Aufwärtstrend ihrer Stupsnase mit dem Zeigefinger. Hendrik schlüpft zurück in seine Schuhe, bereut sofort, dass er der Versuchung, seinen Fußen ein wenig Frankfurter Luft zu gönnen, nicht widerstanden hat. Die Ausbeute von Fraukes dreistündigem Raubzug sprengt längst das Fassungsvermögen seines Rucksacks. Die Schnüre der großformatigen Umhängetaschen schneiden ihm ins Fleisch. Neidisch schaut er auf den kleinen Jungen, der von seiner Mutter im Bollerwagen durch das Bücherparadies kutschiert wird. Frauke strahlt ungebrochen Landfrauenfrische aus. Anti-Ageing-Creme braucht sie nicht, ihr Gesicht ist gut gegen Falten gepolstert, auf ihren Wangen leuchtet natürliches Rouge. Kaum haben sie den Eingang zur Halle 3 passiert, werden sie mitgerissen von der Lawine Leselustiger, aus der fünf schwarze Zipfel hervorragen. Mit geballter Fülligkeit bahnt Frauke sich eine Schneise durch die jungen Harry-Potter-Fans. Hendrik ist nicht schnell genug. Ein Zauberstab bohrt sich in seine Rippen.
Könnte er sich doch damit zurück in sein Studierzimmer hexen, in den perfekt seiner Körperform angepassten Ohrensessel und die Lektüre des neuen Wissenschaftsmagazins fortsetzen. Die Stille seines Refugiums, das auch für Frauke tabu ist, genießen.

Der Anzug der Mitarbeiterin am Stand des Sprachverlags schlottert um sie herum, als hätte sie seit Tagen nichts mehr zu essen bekommen. Zittrig und absturzgefährdet wirkt ihr Lächeln angesichts der Meute, die sich um das Werbematerial balgt. Fraukes kleiner Mund formt sich zu einem überraschten “Oh”. Sie schiebt Hendrik zurück in den Gang.
“Das dauert zu lange. Ich will einen guten Platz bei Ludger Langs Lesung.”

Hell leuchtet das Logo des “Rat&Tat”-Verlages, dem Frauke einige ihrer Einsichten, vom Ikebana-Kurs über die neueste ernährungswissenschaftliche Mode bis zur Erstellung von Horoskopen, verdankt. Nie würde er die Phase vergessen, in der sie jedermanns Ohren unter die Lupe nahm und mit einer Charakteranalyse glänzte, die sie, ohne zu zögern, eine Woche später nach intensivem Studium von “Was die Kopfform verrät” widerlegte.
“Loslassen!” heißt das Werk ihres aktuellen Favoriten, dessen Konterfei auf dem Buchrücken Hendrik in den vergangenen Tagen beim Frühstück angelächelt hat.
Überlebensgroße Versionen des gleichen Fotos flankieren die Bühne, schauen herab auf die ungeduldigen Ratsuchenden, die im caféhausähnlichen Zuschauerraum des Originals harren.
“Da vorne!”, juchzt Frauke und prescht vor zu ihrem Platz in der ersten Reihe. Aus ihrer Tasche fischt sie zwei Lang-Bücher, zettelgespickt und zerlesen das eine, frisch aus der Folie das andere. Des Meisters Zeilen hat sie persönlich über die Messe getragen. Ein roter Fleck ziert ihren Hals. Seine Form erinnert an Sylt, doch anders als die Insel wächst er. Sie greift nach einem Flyer zum Frischluftfächeln, hält inne. Ein Wochenendseminar mit Lang zum Schnäppchenpreis von 1000 Euro. E-Mail-Coaching für nur 100 Euro monatlich, Einzelberatung vom Guru persönlich auf Anfrage. Flugs füllt Frauke die Anmeldung aus.
Hendriks Protest verhallt ungehört im Begrüßungsapplaus.
Ludger Lang erinnert ihn an den Autohändler, der ihm den “garantiert garagengepflegten” Wagen aufgeschwatzt hat, den er zwei Monate später vom ADAC direkt zum Schrottplatz schleppen lassen konnte. Mit federnden Schritten, den Oberkörper leicht nach vorne geneigt, tigert er auf der Bühne auf und ab.
“Liebe Freundinnen und Freunde, ihr wollt euer Leben ändern?”
Zaghaftes Nicken, begleitet von einem schwachen, mehrstimmigen “Ja”.
“Ich höre euch nicht. Das könnt ihr besser!”
Nicken bis zum Schleudertrauma, das “Ja” ist noch nicht synchron, aber kräftiger.
“Dieses Buch wird euer Leben verändern!”
Seine Stimme klingt, als hätte er ein Stück Kreide mit Öl hinuntergespült. Gurkenhobel könnte er auch gut anpreisen.
“Der Erfolg ist in euch – ihr seid der Erfolg!”
“Meidet Menschen, die euch negativ beeinflussen!”
Mit ausgestrecktem Zeigefinger bohrt er dem Publikum seine Weisheiten ins Hirn. Fraukes Brillengläser beschlagen. Die ersten springen auf, drängen nach vorn – die verbitterte Geschiedene neben dem freigesetzten Manager, der hyperaktive Versicherungsvertreter neben der strebsamen Sekretärin. Hendrik zieht seine Jacke fester um sich.
Lang stoppt seine Wanderung, schaut seinen Jüngern tief in die Augen.
“Wollt ihr frei sein?”
“Ja!”
“Wollt ihr reich sein?”
Mit diesem “Ja!” kann er zufrieden sein.
“Macht euch frei und werdet reich!”
Er streckt dem Publikum das Buch entgegen, tippt auf den Titel.
“Das ist der Schlüssel!”
“Lasst los, was euch gefangen hält!”
“Entrümpelt euer Leben!”
“Fangt sofort damit an – jetzt gleich!”
Die Geschiedene löst den Haarknoten, befreit sich aus ihrer Kostümjacke. Der Manager zerfetzt sein Filofax.
Frauke, sprungbereit wie beim Schlussverkauf, lauert auf den Startschuss für die Signierstunde, boxt ihren Nebenmann unsanft in die Rippen, erstürmt das Podium und schiebt Lang ihre “Loslassen!”-Exemplare mit einem Blick unter den Füller, den Hendrik noch nie an ihr gesehen hat.
Dass der Meister durch sie hindurch sieht, merkt sie nicht, saugt seinen Anblick auf wie ein Junkie seinen Stoff, bewegt sich erst als ihr Hintermann sie zur Seite schubst. Sie springt vom Podest, zerrt Hendrik am Arm:
“Los, wir können den Fünf-Uhr-Zug noch erwischen. Gleich heute abend fangen wir an. Als erstes entrümpeln wir dein Studierzimmer. Da muss alles raus!”

Sie hetzen über den Bahnhof zum letzten Gleis. Dicht gedrängt warten Messemüde auf die Einfahrt des Zuges. Das Buch fest umklammert bahnt Frauke sich an der äußersten Bahnsteigkante ihren Weg. “Achtung, auf Gleis 11 fährt ein der Intercity aus Stuttgart!”
Frauke drückt den signierten Lang fester an sich, hat kein Auge für den kleinen Jungen, der sich nach seinem Eis bückt. Sie stolpert, rutscht aus. Hendrik packt sie am Ärmel, hält sie über dem Abgrund. Knallrot leuchten die Lettern des Buchtitels vor ihrer Brust. Wie von selbst öffnet sich Hendriks Hand.

Hendrik lehnt sich zurück. Der Sessel steht jetzt am Kamin. Knisternd verzehren die Flammen Ludger Langs Einladung zum Aufbauseminar. Sein Buch begleitet Frauke auch auf ihrer letzten Reise.

Jakob

von Paola Reinhardt (copyright)

„Das Ende der Liebe, das Ende der Träume …“ Lena zuckte zusammen, als sie die alte Schlagermelodie aus dem Transistorradio eines Mitpassagiers hörte. Wann hatte sie dieses Lied das letzte Mal gehört? War das nicht vor zwanzig Jahren in dem kleinen Lokal in der Nähe des Leuchtturms, als sie zum ersten Mal mit Jakob auf der Insel Ferien machte? Zu diesem Zeitpunkt hatten sich ihre Gedanken allerdings bereits mit Alfred und einer gemeinsamen Zukunft beschäftigt. Sie war ihm ein paar Tage vorher rein zufällig auf der versandeten Strandpromenade begegnet. Er hatte sie angesprochen, sie hatten sich unterhalten und kurz danach ihren Spaziergang gemeinsam fortgesetzt. Während sie entlang der Dünen wanderten, erzählte er ihr von seiner Fabrik in Herne, dem Reet gedeckten Haus auf Sylt und seinem Winterdomizil in den Schweizer Bergen. Für ihn war es Liebe auf den ersten Blick gewesen, wie er ihr später verriet. Nicht für sie. Doch reich zu sein erschien ihr damals verlockender als verliebt. „Ach Jakob, ich habe doch immer nur dich geliebt, das musst du mir glauben“, dachte Lena in einem Anflug von Wehmut. „Alfred war doch nur …“ Erschrocken brach sie ihr stummes Bekenntnis ab und umklammerte mit beiden Händen das metallene Gitter der Reling. Ihre Haut spannte sich über den weißen Knöcheln der Finger, und einen Moment lang hatte sie das Gefühl zu schwanken. „Land in Sicht“, sagte der schmallippige Tourist neben ihr, der sich seit der Einschiffung an ihre Fersen geheftet hatte. Leider sah er völlig unbedeutend aus, wie ein Beamter von der Bahn oder dem Finanzamt mit baldiger Aussicht auf Ruhestand. Obwohl der stoppelkurze Schnitt seiner dichten grauschwarzen Haare und die leicht getönte Sonnenbrille so gar nicht zu seinem langweiligen Outfit passte. Wahrscheinlich kaufte er seine Garderobe in einem Warenhaus von der Stange, denn sie entbehrte jedes modischen Schicks. „Ja, Land in Sicht“, wiederholte Lena und knipste ihr Gewohnheitslächeln aus, sobald sich ihre Blicke für einen kurzen Augenblick trafen. Im Laufe der letzten Jahre hatte sie sich angewöhnt, Fremden gegenüber vorsichtig, wenn nicht gar argwöhnisch zu sein. Schnell steckte sie die feingliedrigen Hände mit den kostbaren Ringen in die Taschen ihres schwarzen Kaschmirmantels, drehte sich um und ging zu ihrem Platz im Unterdeck zurück. Doch auch hier fühlte sie sich schon nach kurzer Zeit erneut beobachtete und ohne von ihrer Zeitung hochzusehen, wusste sie auch von wem. Du bist zu argwöhnisch, Lena, versuchte sie sich zu beruhigen. Vielleicht verspürt dieser Mann ja nur Langeweile und würde sich gern mit dir unterhalten. Oder du gefällst ihm als Frau. Ja, warum eigentlich nicht! Schließlich war sie mit ihren zweiundfünfzig Jahren noch nicht zu alt, um auch das in Betracht ziehen zu können. Lena überblätterte den Sportteil der Zeitung und kam zu der Programmvorschau des Fernsehens. Ihre rechte Hand zitterte ein wenig, während sie weiter las. Heute Abend gab es schon wieder einen Krimi im Ersten und noch auf fünf anderen Kanälen. Was den Leuten nur an Krimis gefiel? Ein Mord war doch schließlich kein Vergnügen!

Zwanzig Minuten später, als sie von Bord der Fähre ging und ein wartendes Taxi herbeiwinkte, verspürte sie beim Anblick der Insel weder Sentimentalität, noch Erinnerungsfreude, sondern nur eine prickelnde Unruhe, die sie eigentlich hätte warnen müssen. Es ist nicht mehr die Insel von damals, dachte Lena enttäuscht und betrachtete während der Fahrt die Windräder zu ihrer rechten Seite, die sie fast bis zum Ort begleiteten. Das Hotel von damals, gleich hinter dem Deich, hatte sich in den letzten Jahren rein äußerlich nicht verändert. Der Herr an der Rezeption zeigte das übliche roboterhafte Lächeln, als er ihr die Schlüssel für das reservierte Zimmer aushändigte. Doch Lena dachte nicht daran, es zu erwidern und nickte nur kaum merklich mit dem Kopf. Freundlichkeiten dem Personal gegenüber muss man sorgsam dosieren und nicht verramschen, hatte Alfred kurz nach der Hochzeit zu ihr gesagt und daran hielt sie sich noch heute.

Das Zimmer mit Meeresblick entsprach nicht ganz ihrer Vorstellung von einem selbstverständlichen Luxus, an den sie sich während ihrer zweiten Ehe schnell gewöhnt hatte. Doch wenigstens der Service schien zu funktionieren, denn ihre Koffer standen bereits vor dem großen Doppelbett. Lena beachtete sie nicht weiter, sondern zog es vor, erst einmal den Inhalt der Minibar zu überprüfen, obwohl sie seit ihrem letzten Syltbesuch immer eine Flasche ihres Lieblingswhiskys im Handgepäck trug. Damals hatte das junge Mädchen vom Room-Service sie wegen der Lücken in der Minibar so mitleidig angesehen, als sie zum Auffüllen des Bestandes kam. Eine Unverschämtheit! Schließlich war sie doch keine Trinkerin und außerdem verdiente das Hotel nicht gerade schlecht an diesen kleinen Fläschchen, für die Gäste einen völlig überhöhten Preis zahlen mussten. Lena spürte, wie ihre Hände zitterten, als sie den Knoten ihres roten Schals löste, den sie sich während der Überfahrt um die halblangen schwarzen Haare gebunden hatte. Achtlos warf sie ihn auf den Boden und öffnete hastig die rote Guccitasche. Sie nahm die Flasche heraus, schraubte den Verschluss auf und nahm einen kräftigen Schluck vom Whisky. Gleich würde es ihr bestimmt wieder besser gehen! Als ihr Blick danach zufällig in den Spiegel über der dunkelbraunen Kommode mit den altmodischen Messingbeschlägen fiel, erschrak sie. Ihr Gesicht sah blass, ja fast grau aus. Wie soll das noch werden, wenn schon das beginnende Alter so grausam ist, dachte sie wehmütig. Es hatte sich zuerst mit winzigen Fältchen in ihr Gesicht geschlichen und sich dann allmählich wie ein feines Spinnennetz darin verbreitet. Lena seufzte. Leider hofierten die Spiegel sie in letzter Zeit immer seltener. Zeigten ihr eigentlich nur noch bei Kerzenlicht, oder nach dem Besuch einer Kosmetikerin das Gesicht einer strahlenden Frau. In anderen Momenten half ihr nur noch der Alkohol über den Verlust der Jugend und ihrer großen Liebe hinweg. Erneut öffnete sie ihre Reisetasche. Der gute alte Whisky, er tröstete sie auch in den Nächten, wenn die Schlaftabletten nicht mehr wirkten, oder dieser Traum sie marterte und aufweckte. Jetzt war die Flasche leer. Sie musste gleich morgen für Nachschub sorgen! Einen Augenblick lang überlegte Lena, sich noch an der Minibar zu bedienen. Doch dann ging sie mit einem entschlossenen Gesichtsausdruck unter die Dusche, schminkte sich anschließend sorgfältig, steckte die Haare hoch, zog den blauen Hosenanzug und eine rote Bluse über die schwarze Seidenunterwäsche. Der Verschluss ihrer Kette hakte zunächst, als Lena sie schließen wollte. Die großen Perlen waren ein letztes Geschenk von Alfred und zogen häufig begehrliche Blicke auf sich. Auch die ihrer Bridgepartnerin, gegen die sie nur aus diesem einzigen Grund hin und wieder gewinnen konnte. Lena schloss die Zimmertür hinter sich, ging zum Fahrstuhl und glitt sacht ins Parterre. Den richtigen Platz im Speisesaal ließ sie sich auch heute ein großzügiges Trinkgeld kosten. Während sie gelangweilt die Speisekarte studierte, grüßte der einzelne Herr vom Nebentisch freundlich zu ihr herüber. Augenblicklich fühlte Lena eine leichte Benommenheit, die noch wuchs, nachdem sie den Mann im schwarzen Hemd und grauen Anzug wiedererkannt hatte. Der Ober hinter ihr musste seine Frage noch einmal wiederholen, bis sie endlich in der Lage war, den richtigen Wein zu bestellen. Doch auch der schaffte es später nicht, sie in eine bessere Stimmung zu versetzen. Und als ein anderer Kellner ihr die gedünstete Seezunge servierte, fühlte sich Lena nicht in der Lage, den Fisch mit Genuss zu verspeisen. Beilagen und Nachtisch verschmähte sie gänzlich. Dafür bestellte sie entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit eine zweite Karaffe Wein. Um den zudringlichen Blicken des Fremden zu entgehen, sah sie sich Hilfe suchend im Speisesaal um. Doch außer sechs oder sieben älteren Ehepaaren und zwei betagten alten Damen, konnten sie keine weiteren Gäste entdecken. Lena, es ist Ende Oktober, was hast du um diese Zeit an Abwechselung erwartet, dachte sie ernüchtert. Erneut spürte sie die Blicke des Fremden auf sich gerichtet, der im Gegensatz zu ihr über einen guten Appetit verfügte. Fröstelnd stand Lena auf, zog ihren warmen Mantel an und verließ das Hotel.

Draußen atmete sie tief die kühle Abendluft ein und sah den grauweißen Wolkenbergen nach, die der Wind respektlos vor sich her trieb. Die Sonne hatte ihre Verneigung vor dem Meer nicht überlebt und nur einen feuerroten Widerschein am Horizont hinterlassen. Er wirkte bedrückend auf die einsame Frau, die sich hastig auf den Weg zum Strand machte. Da nur die erste Strecke entlang der Dünen gepflastert war, veränderte sich schon bald der Klang ihrer hohen Abätze. Er wurde lauter und dumpfer, als sie über die Holzbretter weiter schritt. Dann hörten auch die irgendwann auf und es blieb Lena nichts anderes übrig, als in Strümpfen weiter durch den Sand zu gehen, oder umzukehren. Doch sie ging weiter, immer weiter wie ferngesteuert, bis zu der Stelle, die in diesen Träumen eine so wichtige Rolle spielte. „Ach Jakob, weißt du eigentlich, wie sehr ich dich in all den Jahren vermisst habe? Zugegeben, zuerst war ich froh, als ich dich los war und Alfred um meine Hand anhielt. Aber später habe ich oft um dich geweint. Deswegen finde ich es auch unverschämt von dir, dass du mir immer noch diese Albträume bereitetest. Es ist doch nichts mehr daran zu ändern. Tot ist tot! Also hör endlich auf, dich wie ein Alb auf meine Brust zu setzen und mir Angst einzujagen. Manchmal sitzt sogar Alfred neben dir und ihr lacht mich beide aus. Das ist zu viel, das halten meine Nerven einfach nicht mehr aus! Ich habe nicht mehr die stärksten, nach all diesen Jahren. Das könntest du dir eigentlich denken!“ Lena erschrak vor ihrer eigenen Stimme, blieb stehen und drehte sich erschrocken um. Aus dem leichten Nebelschwaden, der vom Meer herüberschwankte, tauchte plötzlich eine dunkle Gestalt auf. Und in dem Augenblick, als sie näher kam, schrie die Frau entsetzt auf. Dabei war es weder Jakob noch Manfred, sondern nur dieser Fremde von der Fähre, der Mann aus dem Speisesaal. Ob er wohl ein Dieb war, der reiche Witwen verfolgte, um sie auszurauben? Bei diesem Gedanken fasste Lena beinahe erleichtert nach den Perlen um ihren Hals und lächelte. Von ihr aus konnte er auch ihre Ringe und Armbänder haben und dann auf Nimmerwiedersehen verschwinden! Jetzt stand er direkt vor ihr und seine Augen hinter den Brillengläsern sahen sie fast ein wenig verliebt an. Aber nicht etwa wie ein Verehrer, sondern wie ein Jäger, der ein lang gesuchtes Wild fest im Visier hat und weiß, dass es ihm nicht mehr entkommen kann. „Was ist damals wirklich auf dem Boot passiert?“, fragte der Mann und Lena erschauerte unter dem harten Klang seiner Stimme. Plötzlich wusste sie, wo sie die schon einmal gehört hatte. Vor einem Jahr in Hamburg im Gerichtssaal. Er war der Staatsanwalt und sie die Angeklagte. Doch das Gericht hatte sie freigesprochen und ihr geglaubt, dass sich Alfred im Champagnerrausch ein wenig zu weit über die Reling gebeugt und dann im aufgewühlten Meer ertrunken war. Leider gab es an diesem stürmischen Tag keine Schwimmweste und keinen Zeugen an Bord. Genau wie damals bei Jakob. Lenas Körper schüttelte sich in einem ausweglosen Zittern, das zuerst an den Füßen begann und schon nach kurzer Zeit bis hinauf zur Kopfhaut seine Wirkung zeigte. Dieser Mann würde sie bestimmt mit immer neuen Fragen quälen. Er würde fragen und fragen, solange bis ihr der Kopf davon zu platzen drohte. Und irgendwann würde sie dann einfach gestehen, Alfred umgebracht zu haben, damit sie endlich Ruhe vor ihm und ihrem Gewissen hatte. Denn im Grunde war es doch völlig egal, ob sie für einen vermeintliches oder ein echtes Verbrechen büßen musste. Mord war Mord! Und es ließ sich verdammt schlecht leben mit dem Mord an Jakob.

Flucht nach vorne

von Christa Schmid-Lotz (copyright)

Dimitri hat mir erzählt, dass ein Fremder ins Dorf gekommen sei, ein Deutscher. Es kann nichts Gutes bedeuten.
Die Dunkelheit fällt schnell herab, wie immer hier im Süden. Nachdem der letzte Fischer gegangen ist, drücke ich Dimitri ein paar Euro für das Thunfischsteak in die Hand und gehe zu meiner Strandhütte. Es ist so finster, dass ich mir den Weg mit der Taschenlampe suchen muss. Etwas Glitzerndes liegt im Sand. Der Schreck lähmt mich vom Scheitel bis zur Sohle: es ist Martins silbernes Feuerzeug. Es lag immer neben ihm auf dem Tisch, und er hatte sich seine Zigaretten damit angezündet, die Hände schützend um die Flamme gelegt. Zitternd greife ich danach, es brennt wie Feuer in meiner Hand. Ich werfe es in hohem Bogen ins Meer; es verschwindet mit einem leisen Platschen.

Ich schließe die Tür, ziehe mich aus, versuche zu schlafen. Die Flucht ist zu Ende, denke ich, er hat mich aufgespürt in meinem Versteck. Mir ist heiß, ich werfe das Bettzeug auf den Boden. Alles hatte ich hinter mir gelassen, war mit Bahn, Flugzeug und Bus in dieses Land gekommen, hatte die etwas träge, selbstverständliche Lebensart dieser Menschen in mich aufgesogen, hatte versucht, sie zu imitieren. Doch der Albtraum war nicht zu überwinden gewesen. Immer wieder kochte die Vergangenheit hoch, so sehr ich mich bemühte, das Licht dieser Landschaft, die Heiterkeit ihrer Menschen in mich eindringen zu lassen. Wohin ich auch gehe, die Bilder in meinem Kopf sind da.
Als ich damals im Zug saß, war ich etwas zur Ruhe gekommen. Es waren alte Waggons aus der früheren DDR. Die Fenster konnte man noch öffnen; der Fahrtwind blies mir die krausen Gedanken weg. Ich bin frei, dachte ich, jetzt kann mir nichts mehr passieren. In dem Land, in das ich fuhr, waren wir glücklich gewesen, in einer Zeit, als das Leben noch lebenswert war.

Meine Lider werden schwer. Plötzlich falle ich in ein Loch, meine Füße zucken. Ein Knall schreckt mich auf. Mein Herz klopft heftig. Ich springe aus dem Bett, ziehe mir das Kleid über den Kopf. Die Läden klappern. Es ist der Wind, denke ich. Vorsichtig öffne ich die Tür. Wolken ziehen schnell vorüber, die abendliche Brise hat sich zu einem Sturm ausgewachsen. Mit weichen Knien gehe ich hinaus, höre die Grillen durch das Tosen und das nun lautere Donnern der Brandung hindurch, sehe die Schatten der Pinien über den Strand zucken. Eine Gestalt steht am Rand des Waldes und schaut zu mir herüber. Ich renne zurück ins Haus.
Hier bin ich nicht sicher, bin es niemals gewesen. Hektisch schaue ich mich um nach einem Versteck. Draußen knirschen Schritte durch den Sand, ich höre sie ganz deutlich. Der Schlüssel klappert leise und fällt klirrend auf den Boden. Wie ein Embryo kauere ich mich zusammen, die Arme um die Schultern geschlungen, den Kopf auf dem Boden. Ob er ein Messer hat? Die Haut zwischen meinen Schulterblättern vibriert, zieht sich schmerzhaft zusammen wie ein winziger Hohlraum. Wie lange wird es dauern, bis ich den Einstich spüre? Die Kälte des Steinfußbodens kriecht in mein Hirn, macht es eisig klar, lässt die schrecklichen Bilder wieder auferstehen.
Es wird dunkel um mich.
Langsam komme ich zu mir. Die Sonne scheint durch die Ritzen der Fensterläden. Mühsam erhebe ich mich und trete vor die Tür. Der Sturm hat sich gelegt, kleine Wellen kräuseln das Meer. Es ist niemand da gewesen, das Unwetter hat mir die nächtlichen Geschehnisse suggeriert. Mein Magen knurrt. Ich gehe in die Küche, öffne den Kühlschrank: er ist leer. Warum musste ich mir dieses gottverlassene Nest aussuchen? Ich werde von hier verschwinden müssen, lieber heute als morgen. Oben im Kafenion hängt ein Busfahrplan.
Mit dem kleinen Rucksack auf dem Rücken breche ich auf ins Dorf. Es ist gut, in Bewegung zu sein. Die Sonne steht schon hoch; es ist brüllend heiß. Der Weg führt durch einen Olivenhain. Jeder meiner Schritte wirbelt Staub auf. Steil geht es den Berg hinauf, der Pfad führt schwindelerregend an einem Abgrund entlang, dessen Rand mit Ginster und Krüppelkiefern bewachsen ist. Weit unten glitzert das Meer. Ich wische mir den Schweiß von der Stirn. Schließlich erreiche ich das Dorf und betrete den einzigen Laden. Der Vorhang aus Perlenschnüren klingelt, so dass ich zusammenzucke. Ich kaufe Brot, Schafskäse und Milch, gehe hinüber zum Kafenion. Alte Männer sitzen an ihren Tischen, unterhalten sich und trinken Ouzo. Wenn ein Auto vorbeifährt, drehen alle ihre Köpfe in eine Richtung. Der Wirt läuft mit einem Messingtablett herum, auf dem er Wassergläser und Mokkatassen balanciert, ohne einen Tropfen zu verschütten. Die Menschen leben hier mit einer Selbstverständlichkeit, die ich niemals haben werde. Der Bus nach Athen fährt erst Morgen früh, doch das ist nicht sicher, Abfahrtszeiten sind hier niemals sicher.
Wieder zurück zum Strand. Vielleicht haben meine Nerven mir einen Streich gespielt, und ich habe das Feuerzeug damals selber eingesteckt und hier verloren. Aber ich bin zu unruhig, um länger bleiben zu können. Noch eine Nacht in diesem Haus überlebe ich nicht.
Gehetzt setze ich Fuß vor Fuß, schaue mich immer wieder um. Der Mittag lastet schwer über der Landschaft, der Himmel wabert; die Grillen haben ihr grelles Zirpen beendet. Da sehe ich eine Gestalt stehen, mitten auf dem Weg. Mein Herz macht einen Satz; ich spüre den Schweiß eiskalt die Schenkel hinunterrinnen.

Es ist Dimitri. Vor Erleichterung sinke ich auf einen Stein.
Waren Sie im Dorf?, fragt er. Seine Olivenaugen blitzen.
Ich habe eingekauft. Morgen fahre ich zurück nach Deutschland.
Das ist schade. Warum müssen Sie gehen?
Ich fühle mich nicht mehr sicher. Haben Sie den Fremden noch einmal gesehen?
Oben im Dorf sagen sie, er sei abgereist.
Danke, Dimitri, Gott sei Dank. Heute Abend komme ich wieder vorbei.
Kalispera.
Kalispera, Dimitri.

In dem kleinen Hafen neben Dimitris Kneipe sind die Fischer mit ihren Booten beschäftigt. Sie ziehen einen Thunfisch auf die Mole. Er ist sehr groß, wirft seinen schweren Körper verzweifelt hin und her, bäumt sich auf, kracht gegen die Planken. Er will sich nicht in sein Schicksal ergeben. Einer der Männer nimmt sein Messer und schneidet ihm blitzschnell die Kehle durch. Blut spritzt und besudelt die groben Schürzen der Fischer. Das ist ein Zeichen, denke ich mit aufkommender Panik. So war es auch mit dem Feuerzeug gewesen: jetzt erinnere ich mich, es lag auf dem Tisch in unserer Wohnung, und ich hatte es automatisch eingesteckt. Schnell laufe ich durch den heißen Sand zu meinem Haus. Ich werde packen und die Nacht in Dimitris Kneipe verbringen. Wenn der Mann nun doch nicht abgereist ist? Du kannst nicht ewig davonrennen, denke ich. Die Tür ist nicht verschlossen; ich ahne nichts Gutes, doch einmal muss ich dem ins Auge sehen. Jemand sitzt auf meinem Bett.
Aber es ist nicht Martin. Der Mann steht auf.

„War gar nicht leicht, Sie zu finden“, sagt er. „Ich nehme Sie vorläufig fest wegen Mordes an Ihrem Gatten, Martin Grossmann.“

Ein perfekter Plan

von Eduard Breimann (copyright)

„Ich glaube, Männer kann man nur für das Eine gebrauchen“, sagte die Frau, und lenkte das Auto schwungvoll von der stillen Parkstraße in die Auffahrt des freistehenden Hauses.
„Wie kommst du darauf? Aber wenn du das schon sagst, Helen, was soll ich dann erst sagen? Mein Kurt will ja noch nicht mal mehr das Eine“, sagte die Frau auf dem Beifahrersitz und löste den Sicherheitsgurt.
„Ach, quatsch doch keinen Stuss. Dass glaubst du doch selber nicht, Silvia. So wie du aussiehst, möchte dich doch jeder Kerl haben – für das Eine, wenigstens.“
„Ha, ha! Und für sonst tauge ich wohl nichts, was? – Und übrigens: Du kannst ja kaum mitreden. Deiner ist doch ein Göttergatte“.
„Hast du bei unserem Bummel auch nur eine Sekunde lang an deinen Mann gedacht, Silvia?“
„Nee, du hast Recht. Aber es war ja auch ein toller Nachmittag, Helen. Könnte ich täglich machen; bummeln, shoppen, gemütlich Kaffee trinken.“
„Und flirten, liebe Silvia!“ Helen lachte übermütig. „Vergiss die Flirterei nicht, du leichtlebiges Weib.“
„Nicht so laut! Hier haben sogar die Bäume lange Ohren – und erzähl’s auch nicht in der Montagsrunde. Versprich’s! – Sofort!“
„Ja, ja. Ehrenwort. Solange du dabei bist, sag ich nichts.“
„Ekel! Denk mal, was los war, als du Kurt von meinem sündhaft teuren Mary Joe BH erzählt hast.“
„Konnte ja nicht wissen, dass dein Mann keine Ahnung vom Preis der Verpackung hat. Dass er vom Inhalt nichts versteht …“
„Helen! Wer sagt denn so was?“
„Du! Erinnere dich!“
„Was du alles behältst. – Mensch, ich freu mich schon auf Montag. Fährst du – oder soll ich fahren?“, fragte Silvia.
„Mir wär’s recht, wenn du fahren könntest. Ich weiß nicht, ob Fred den Wagen schon am Montag, oder erst am Dienstag zur Inspektion bringt. Würde es dir was ausmachen?“, fragte Helen.
Silvia nahm die Tragetasche vom Rücksitz des Cabrios und zog den Hausschlüssel aus der Handtasche.
„Quatsch! Du weißt, wie gerne ich fahre. Mein Golfchen muss ja bewegt werden, sonst wird er noch ganz steif.“
„Na, na! Grüß’ deinen Erbsenzähler von mir. Tschüss, Silvia!“
„Ja, mal sehen. Also, am Montag um zehn; ich hupe zwei Mal kurz. Ein schönes Wochenende – und grüß’ Fred von mir. Tschüss!“, rief Silvia dem Wagen nach, der bereits auf die Straße abbog.
Helen winkte lässig, während sie mit quietschenden Reifen losbrauste; ihre langen blonden Haare flogen hoch, wirbelten im Fahrwind.

Sie warf den Hausschlüssel auf das Garderobenschränkchen und schleuderte die Schuhe mit kräftigen Schlenkern quer durch den Flur. Barfuß lief sie die Treppe rauf ins Schlafzimmer, schüttete den Inhalt der Tragetasche mit dem Aufdruck ‚Mode-Prinz’ aufs Bett, schnitt die Preiszettel ab und zog sich blitzschnell aus.
Den BH warf sie in den Schrank, drehte sich lächelnd vor dem Spiegel und nickte zufrieden. Ihre Brüste waren fest und rund, ihre Taille ohne das kleinste Fettpolster.
Sie streifte das rote Top über. Es passte zu ihren schwarzen Haaren und dem hellbraunen Teint und ließ den Bauchnabel frei; er zeigte genau zwei Zentimeter der gebräunten Haut.
Mit gespreizten Fingern fuhr sie sich durch die kurz geschnittenen Haare, zog den angefeuchteten Zeigefinger über die Augenbrauen, riss die Augen weit auf, betrachtete sich von Kopf bis Fuß und lächelte zufrieden.
„Siehst noch ganz gut aus, Silviamaus! Sollen sich die Weiber doch das Maul zerreißen. Mit fünfundvierzig noch so auszusehen, ist ja wohl nicht selbstverständlich.
Sie dachte an ihre kuchensüchtigen Freundinnen, deren Taillen sich ballonartig ausdehnten und die sie regelmäßig verführen wollten. „Du brauchst doch nicht zu hungern, liebe Silvia. Mensch, deine Figur müsste man haben“, sagte sie mit gespitztem Mund und mit verstellter, affektierter Stimme zu ihrem Spiegelbild und grinste.
„Die haben doch keine Ahnung! Etliche Kubikmeter Jogurt, unzählige Zentner Äpfel und Kiwis, Hektoliter Mineralwasser, ständiger Frust, Hunderte Batterien für die Badezimmerwaage – und Tausende Versuchungen!“
Sie strich sich sanft über den gut geformten Brüste, die schmale Taille und die schlanken Oberschenkel. „Kurt ist ein Ignorant, blind für das da und das da und … und ein nie schmelzender Eisblock“, dachte sie.
„Wozu das alles?“, fragte sie halblaut und blickte das Gesicht, das ihr aus dem Spiegel zusah, mit gespielter Verzweifelung an. „Wenn ich an den Verkäufer bei Mode-Prinz denke. Mensch hat der Stielaugen gemacht, als ich mit Jeans und BH aus der Kabine gekommen bin! Hab den ganz schön geil gemacht, den Jungen!“
Sie schrie auf, als ihr Blick auf die Uhr fiel. „Oh mein Gott! Schon nach vier und Kurt kommt gleich. Ich muss kochen, verdammt, verdammt! Heute ist ja Freitag, da kommt der doch schon um fünf.“
Sie zog sich hastig um, warf Jeans und Top zurück in die Tragetasche, verstaute sie auf dem Schrankboden unter abgelegten Pullovern, raste die Treppe runter und stürzte barfuß in die Küche.

„Hallo. – Haaaallo!“ Die Stimme klang dumpf, wie aus einer Gruft. Noch einmal: „Hallo!“, schon etwas energischer.
Silvia stand am Herd, eingehüllt in Kochschwaden, den Geräuschen brutzelnder Hähnchenschenkel und wirbelnder Schlagzeuge. Sie mochte diesen Wirbel, die Victor Gaskin so berühmt gemacht hatte. Der CD-Player stand direkt über ihr zwischen Eieruhr und der Morgentasse mit dem Spruch: „Guten Morgen, meine süße Maus“. Die hatte Kurt ihr geschenkt, als er noch dreißig Kilo weniger wog.
Kurt hasste Musik und ihre Überzeugungsversuche waren regelmäßig vergeblich.
„Jazz ist etwas ganz besonders; hör dir doch wenigstens mal ein einziges Stück an, Kurt“, hatte sie ihn erst am letzten Sonntag gebeten, aber er hatte nur böse geknurrt.
„Bleib mir mit dieser Negermusik vom Hals. Überhaupt! Diese ständige Dudelei geht mir auf den Wecker. Stell das Ding bloß nicht an, wenn ich im Haus bin.“
„Ach Kurt! Manchmal merkt man dir die zehn Jahre doch an, die du älter bist als ich“, hatte sie schnippisch geantwortet. Seitdem hörte sie die Musik nur noch, wenn er nicht im Haus war.
„I’m on my way …“. Sie hatte es schon Dutzende Male gehört, summte wie üblich mit und wiegte sich dabei in den Hüften.
Sie war zufrieden, mochte ihr Leben; alles war gut – fast alles. Das mit Kurt war halt so, so … Man konnte jedenfalls nicht alles haben. Sie seufzte, lauschte dem Trompetensolo von Louis Hayes.
„Was dem alles entgeht. – Nicht nur musikalisch.“
„Hallo! Silvia! Verdammt! Oh, mein Gott, diese Scheißmusik!“, ertönte es im Hintergrund.

Freitags war Hähnchenschenkeltag. Hähnchenschenkel, Salzkartoffeln mit einer leichten Geflügelsoße und Eisbergsalat; das festgelegte Essen für den ersten Freitag im Monat; es war – wie immer – alles pünktlich fertig. Sogar heute, trotz verspätetem Beginn.
Kurt legte schon seit Jahren den Speiseplan fest, hatte unumstößliche Vorschriften für Speisefolgen und die jeweiligen Mengen, für Zutaten und Getränke erlassen. Ihr war es Recht; das Einkaufen war einfach, ließ sich per Anruf beim Tingelbügel an der Ecke leicht erledigen.
„Silvia! Hörst du schlecht? Verdammt! – Hallo!“, klang es zwar noch immer dumpf, aber schon wesentlich energischer.
Da gerade der Deckel auf der Pfanne das Brutzelgeräusch dämpfte und der Anfang von „Sweet Emma“ sehr leise war, hörte sie den diesmal Ruf.
„Kurt? – Kurt! Was ist? Warte, – ich komme!“
Sie stellte den CD-Player ab, öffnete im Laufen die Schleife und warf die Schürze achtlos auf die Garderobe im Flur.
„Ich komme schon! – Was ist los, Kurt?“
Die Flurtür zur angebauten Garage war weit geöffnet. Sie stutzte einen Augenblick, konnte sich nicht erinnern, sie offen gelassen zu haben.
Unten in der Garage stand Kurt, schräg – matt und hinfällig – angelehnt an seinem Wagen. Sie erblickte ein weißes Taschentuch, das er mit zittriger Hand über die Stirn gleiten ließ; sein Arm fiel erschlafft herunter.
„Kurt! Um Himmels willen! Was ist mit dir? Hast du was?“
„Hast du was?“, äffte er sie nach. „Ich kann ja ruhig sterben. Hauptsache du hörst deine Negermusik. Ich ruf’ schon seit Ewigkeiten um Hilfe.“
Sie sprang die drei Stufen herunter, stürzte auf ihn zu, fasste mit beiden Händen den Oberkörper ihres schwankenden Mannes, versuchte ihn zu stützen.
„Hör auf! Du bringst mich vollends um.“
„Was hast du denn? Hast du einen Unfall gehabt?“ Sie schielte auf die Motorhaube des schwarzen 7er BMW. Alles glänzte; kein Staubkorn war zu sehen; keine Schramme verschandelte den schönen Lack.
„Nichts kaputt. – Hätte mich auch gewundert“, dachte sie.
Kurts Gesicht sah eigentlich auch ganz normal aus, wie sie mit prüfendem Blick feststellte. Massiger Kopf auf dicken Hals, leicht gerötete, pralle Wangen, blassblaue Eisaugen unter dem militärisch kurzen Haaransatz.
„Es geht schon wieder los. Verdammt!“ Sie spürte Ungeduld aufsteigen.
„Jetzt sag schon was, Kurt. Brauchst du einen Arzt?“
„Keinen Arzt. Bist du verrückt? Hilf mir lieber die Treppe hoch.“ Er legte den rechten Arm auf Silvias Schultern. Sie sackte in die Knie und stemmte sich mühsam hoch.
„Nicht so feste, Kurt! Ich breche zusammen“, stöhnte sie, griff unter seinen linken Arm, versuchte den massigen Körper zu stützen. Er wankte los, schlackerte hilflos mit der Taschentuchhand und stolperte die Stufen hoch.
„Leg dich erst mal auf die Couch, dann sehen wir weiter.“
Das Stöhnen klang bedrohlich, als er sich auf die Couch fallen ließ und dabei mit der freien Hand zwei Kissen auf den Boden fegte.
„Oh, mein Gott!“
Er schoss hoch, sah sich hektisch um. „Was ist?“
„Riechst du’s nicht? Ich hab’ die Hähnchenschenkel auf dem Herd“, rief sie.
Matt, resignierend, fiel Kurt zurück, als sie raus rannte. „Diese Weiber“, stöhnte er so laut, dass sie es gerade noch hörte.
Wütend schob sie Deckel von Pfannen und Töpfen, ließ es klappern und scheppern; ein wenig tat ihr das gut; sie wusste, wie er die Küchengeräusche hasste. „Wenn die Köche im Hotel Vierjahreszeiten so einen Lärm machen würden, verließen die Gäste panikartig das Restaurant. Liegt nur daran, dass du dein Fach nicht beherrscht.“.
„Das hast davon, du Stänkerer. Ist ja egal, wirst ja heute doch nichts essen können. Verdammt, muss die ganze Haut abkratzen. So ein Mist, elender!“
Sie lief ins Wohnzimmer zurück. „Alles stinkt in der Küche“, sagte sie und pustete auf die heißen Fingerkuppen und starrte auf die leere Couch. Sie hob die beiden Kissen hoch und blickte sich suchend um. „Kurt? – Kurt! Was machst du da?“
Er stand im angrenzenden Esszimmer am Getränkewagen und goss sich einen Cognac ein. „Was ist denn? Was soll die Panik? Meine Güte! War ein böser Schwächeanfall; da hilft Cognac am besten, wie du weißt. Geht mir schon wieder besser, deutlich besser sogar.“
„Das ist jetzt in knapp vier Wochen der dritte Anfall, der sich blitzschnell in Luft auflöst. Verdammt, was soll das?“, dachte sie. „Kurt! Ich falle immer wieder auf diesen Scheiß rein. Weißt du, was du mir zumutest?“, sagte sie anklagend.
„Was willst du damit sagen? He? Langsam, langsam, mein Mädchen. Ich simuliere nicht. Mir war hundeelend und schlecht. Ich dachte, ich hätte schon wieder einen Infarkt gehabt.“
„Schon wieder, ha! Du und deine Infarkte. Hinterwandinfarkte, nicht wahr? Die ganze Übelkeit kommt nur von deiner irren Raserei. Du fährst auf der Autobahn, als wenn’s ums Überleben ging. Dabei geht es dir nur um Nervenkitzel und Angeberei.“
„Quatsch! Was hat das damit zu tun? Du verstehst nichts. Auto fahren ist meine Passion; das bringt mich nicht um. Wie ist das jetzt mit dem Abendessen? Ich habe Hunger.“
„Ich brech’ zusammen! Gerade stirbt der Mann noch, ich will den Notarzt holen, und der Kerl schreit nach Hähnchenschenkeln.“
„Wegen dem bisschen Übelkeit willst du kein Abendessen machen? – Der Cognac wirkt schon. Und heute ist Hähnchenschenkeltag! Sag bloß …“
„Oh, Mann! Du bist ein Albtraum, ein echter Albtraum.“
„Du hast, wie immer, keine Ahnung, Silvia. Sofort einen Cognac, hat mir der Betriebsarzt gesagt. Hilft wie ein Wundermittel.“
„Das merke ich! Na, mir soll’s egal sein. Ich habe alles fertig – nur die Hähnchenschenkel gibt’s heute halt ohne Knusperhaut.“
„Mist!“
„Das kommt von deiner blöden Simuliererei. Gewöhn dir das ab.“

Das „Kleine Café“ war, wie immer montags, voll besetzt. Nur Frauen im mittleren und gehobenen Alter saßen an den wenigen Tischen.
Silvia und ihre Freundinnen hockten an ihrem achteckigen Stammtisch, aßen Kuchen, tranken Kaffee und redeten alle gleichzeitig, wenn der Mund nicht gerade mit was anderem beschäftigt war.
„Du glaubst nicht, wie der mich in den letzten Wochen nervt, Helen. Mal steht er am Morgen nicht auf, weil er Schweißausbrüche hat und einen Kreislaufkollaps vermutet, mal stirbt er mir im Bad, weil er sich beim Rasieren geschnitten hat und angeblich verblutet. Ein anderes Mal muss ich ihn von der Garage ins Haus tragen, weil er einen bösartigen Hinterwandinfarkt hat, den leider niemand feststellen kann. ‚Hinterwandinfarkt war das, mein Kind. Da können die Weißkittel noch so viel untersuchen. Den finden die nie.’ sagt er, wenn ich das bezweifele. Wenn der so weiter macht, wandere ich aus.“
„Nimm´s nicht so tragisch, Silvia. Wohin willst du denn verschwinden? Egal, wo hin du auswanderst, überall sind Männer. Und sie sind alle gleich. Männer sind so! Du müsstest mal meinen Fred sehen, wenn ihn ein leichter Schnupfen befällt.“
„Aber Kurt war sonst nie so. Das hat erst spät angefangen. Du hättest ihn früher mal hören sollen. ‚Ha! Diese Weicheier! Rennen wegen jedem Bisschen zum Arzt. Schwächlinge!’ Jedenfalls muss das einen Grund haben – da bin ich mir sicher.“
Sie löffelte den Sahnerest vom Teller und machte ein schuldbewusstes Gesicht. „Morgen habe ich wieder ein Kilo mehr drauf. Bloß, weil ich einmal schwach geworden bin.“
„Hör auf! Du hast es doch nicht nötig, bei deiner Figur, Silvia.“ Anne grinste sie an und alle Frauen nickten zustimmend – auch Helen.
„Blöde Weiber!“, dachte Silvia und lächelte in die Gesichter der kuchenlöffelnden Freundinnen.
Sie trafen sich alle vierzehn Tage montags im „Kleinen Café“ und veranstalteten bei reichlich Kaffee und Kuchen eine ‚Petzstunde’, wie Silvia und Helen das nannten. Sehr zum Ärger von Kurt, der vor Wut schnauben konnte, wenn die Sprache auf den Montag im Café kam.
„Kurt, du kannst machen, was du willst, diese Montage sind heilig“, hatte sie am Samstag gesagt, als er ihr vorschreiben wollte, den Dachboden aufzuräumen. „Ich muss wissen, was hier im Viertel los ist. Außerdem: In der Runde erfahr ich sofort, wenn du eine Freundin hast.“
„Quatschweiber, seid ihr. Ich und eine Freundin! Du spinnst! Wenn ich mal pensioniert bin, ist Schluss mit der Quasselbude. Dann hört das auf mit diesem Gerüchteverbreiten. – Als hättet ihr nichts Anständiges zu tun.“
„Jedenfalls genießt mein Fred es, wenn ich ihn mal alleine lasse. Er sortiert seine Briefmarken, surft im Internet und versucht bei Ebay billig was für seine Sammlung abzustauben. Dein Kurt liegt aber wohl schon mit der Stoppuhr auf der Lauer, was?“, fragte Helen und die sechs anderen Frauen bekamen lange Ohren.
„Zum Glück hat der noch fünf Jahre, mein Kurt, aber dann wird’s eng“, antwortete Silvia und nickte betrübt.
Helen und die anderen Frauen nickten verständnisvoll. „Ich weiß, woran du denkst. Armes Mädchen“, seufzte Kirsten Stein. „Bei meinem wird’s wohl ähnlich sein. Vielleicht sollte ich dem mal was über Briefmarkensammeln erzählen.“
„Übrigens!“, sagte Helen, um ein anderes Thema anzuschneiden. „Die Blonde, die hinten am Ende der Storchenstraße wohnt, die hat’s faustdick hinter den Ohren.“
Ihr Blick machte allen klar, dass sie genau wusste, was da so faustdick hinter niedlichen Ohren steckte – und womöglich noch einiges mehr.
„Meinst du die große Blondine mit dem ausgestopften Busen? Die, die immer so mit dem Hintern wackelt, dass unser Dackel neidisch wird?“, fragte Ina Kruse – nur um diesen Scherz landen zu können.
Die Frauen kreischten auf, prusteten laut. Das Gelächter wollte nicht enden, und als Helen aufstand und das Hinterteil übertrieben schwenkte, brach eine neue Lachwelle los.
„Ach so! Die meinst du?“, rief Silvia. „Brockes heißt die, sie hat angeblich einen Geliebten.“
„Genau! Die meine ich. Passt auf! Einen Italiener hat die – mindestens zwanzig Jahre jünger. Heißblütig und unersättlich. Stellt euch vor: Wenn ihr Alter, dieser Brockes, morgens aus dem Haus geht, steht der schon mit runtergelassener Hose hinter den Büschen.“
„Nein!“, kreischte die Runde.
„Angeblich bezahlt die den dafür.“ Erneut, allgemeines Gekreische.
„Nein! Das gibt’s doch nicht!“
„Was ich euch sage!“
Sie hatten eine Menge zu tratschen und zu lachen an diesem Tag, und als Silvia am frühen Abend den Golf in die Garage fuhr, fiel ihr der Italiener mit der runtergelassenen Hose wieder ein. Sie wackelte versuchsweise mit dem Hinterteil, schwenkte die Handtasche und sprintete die Garagentreppe rauf. Sie lachte noch, als sie in den Flur trat und die Schlüssel auf den Garderobenschrank warf.

„Na, du scheinst ja gute Laune zu haben!“
„Kurt! – Mann, hast du mich erschreckt. Wieso bist du schon hier? Ist dir nicht gut? Hattest du wieder einen Hinterwandinfarkt?“
„Rede nicht so einen Stuss! Willst du mich lächerlich machen?“
„Natürlich nicht, Kurt. Was soll der Ton?“ Ihr Lachen war weg, und nichts Spaßiges wollte ihr im Augenblick einfallen.
„Sei gefälligst ernst, ja? Ich habe mit dir zu reden.“
„Ach Gott! ‚Ich muss mit dir reden!’ So beginnen in den Soaps immer die blödsinnigsten Auseinandersetzungen. Kommt jetzt so was?“
„Verdammt! – Komm ins Wohnzimmer. Ich meine es ernst.“ Er ging mit gebeugten Schultern vor ihr her und ließ sich schwer in den Fernsehsessel fallen.
„Das habe ich schon längst begriffen; Spaß hört sich anders an.“ Sie schlenderte bewusst langsam – auch ein wenig besorgt – hinterher und setzte sich sprungbereit auf die Sesselkante.
„Also! Was gibt’s Weltbewegendes? Fahren wir überraschend erstmals seit zwanzig Jahren in Urlaub? Möchtest du – noch überraschender – jetzt doch ein Kind von mir haben?“
„Silvia, es reicht! Dein ewiger Sarkasmus geht mir auf den Geist. Auch wenn du es nie begreifen wirst, in dieser Welt gibt es auch noch andere Dinge als Cafébesuche, Geschwätz, Langeweile und Faulenzerei.“
„Das musste kommen. Klar! Mach es nicht so spannend. Ist was mit deiner Gesundheit? Du solltest doch in dieser Woche zur Untersuchung? Haben sie den Hinterwandinfarkt endlich gefunden?“
„Mit dir kann man nicht ernsthaft reden.“
„Hinterwandinfarkte sind etwas Ernstes, sehr sogar – wenn man einen hat.“
„Ich geb´s auf! Aber was ich dir jetzt sage, wirft dich aus dem Sessel: Also – ich werde ab dem nächsten Ersten ein AAler sein.“
„Äh – du wirst was?“
„Ein Mitglied der AA! Weißt du nicht, was das ist?“
„Doch, doch! Ich bin doch nicht blöd. Du musst zum Arbeitsamt, weil du arbeitslos wirst.“

„So heißen die nicht mehr. Agentur für Arbeit, nennen die sich jetzt.“
„Na eben, Arbeitsamt, sag ich doch.“
„Mehr sagst du nicht dazu? Wo ist der Aufschrei, wo bleibt dein Entsetzen? Du fragst nicht einmal warum.“
„Warum frage ich das nicht? Hast du mir schon einmal auch nur einen Zipfel von deinem Beruf oder deiner Arbeit gezeigt? Ich weiß gerade mal, dass du als REFA-Fachmann bei Bolten & Garner arbeitest. Aus! Mehr sagst du nicht. Da fragst du, warum ich mich nicht interessiere? Also gut – warum wirst du plötzlich arbeitslos?“

„Weil ich schwer krank bin. Weil ich meinen Job nicht mehr packe. Darum! Ich habe mich frühpensionieren lassen – müssen.“
„Oh, Kurt! Ist das wahr? Hast du mit deinem Hausarzt gesprochen? Was sagt Dr. Krüger dazu?“
„Krüger! Diese Flasche! Der hat doch nie was bei mir gefunden.“
Sie betrachtete ihre makellos lackierten Fingernägel, hob den Blick und sah ihn ganz langsam, von den Socken bis zur hohen Stirn, an. Sie kannte ihn zu gut und wusste, dass da noch mehr kommen würde. Seine Mitteilungen kamen immer als kleine Päckchen, nie als Ganzes.
„Was noch?“
„Es gibt künftig weniger Geld. Wir werden unser Leben neu organisieren müssen, finanziell meine ich. Das teure Haus – noch nicht abbezahlt. Dein Lebensstil – grenzenlos freizügig. Also, ich muss erst mal abwarten, was am Monatsende rauskommt – dann sehen wir weiter.“
„Das hört sich sehr bedrohlich an.“
„So ist es auch. Bedrohlich! Aber du kannst dich auch freuen. Ich bin ab dem nächsten Ersten immer bei dir. Wir frühstücken zusammen, planen alles gemeinsam, machen alles zusammen. Ein neues, schönes Leben liegt vor uns.“
„Das ist ja noch bedrohlicher als das mit dem Geld“, dachte sie und ahnte, dass es mit der Freiheit vorbei war.

Er war da – ständig. Das Radio und der CD-Player waren schon seit dem zweiten Tag aus der Küche verbannt, standen jetzt im Bügelzimmer, das er nie betrat.
Er hatte eine Zusammenstellung der zu erwartenden Einkünfte bekommen und war damit stirnrunzelnd durchs Wohnzimmer getigert; so lange, bis sie ihn besorgt gefragt hatte, ob es so schlimm sei, dass er den Verstand verloren habe.
„Schlimm? Schlimmer! Katastrophal! Dafür arbeitet man ein Leben lang, macht sich kaputt und krank. Man sollte sie alle erschießen.“
„Wen – alle? – Und, was heißt das für uns – für mich?“
„Alle diese Scheißkerle, die was damit zu tun haben – bis rauf nach Berlin. Was das für uns heißt? Eine Menge! Ich werde alles neu einteilen müssen – nachdem ich alles untersucht habe. Du hast das Glück, dass ich als REFA-Fachmann den Blick für richtige, perfekte Arbeitsabläufe – und für kostenoptimales Verhalten habe. Mir entgeht nichts!“
„Oh mein Gott!“

„Wo willst du hin?“
„Ich muss etwas mit Helen besprechen; bin in einer guten Stunde zurück.“
„Moment mal! Ich hatte vor, mit dir den Einkaufcheck zu machen.“
„Was heißt denn das? Wen oder was willst du checken? Warum gerade jetzt?“
„Weil wir den nächsten Großeinkauf erledigen müssen. Darum! Checken will ich Angebote, Preise und die Qualität der Produkte.“
„Was? – Ich verstehe nichts mehr. Meine Einkaufsliste für die nächsten vierzehn Tage liegt doch auf der Anrichte in der Küche. Die ist fast immer gleich und liefern tut das alles – nach telefonischer Bestellung – der Supermarkt Tingelbügel am Straßenende – frei Haus übrigens.“
„Das ist vorbei. Ein für alle Mal vorbei. Wir lassen uns die Preise nicht von so einem Tingeldings diktieren. Es gibt viele billige Läden in der Stadt. Ich habe auf dem PC deine Liste eingetippt – einige überflüssige Sachen sind selbstverständlich entfallen – und eine Checkliste erstellt. Wir fahren heute alle Läden in der Stadt ab – die Adressen habe ich aus den Gelben Seiten – und stellen fest, wer was am billigsten liefert. Na? Was sagst du? Das ist perfekt, meine Liebe. Ein erster perfekter Plan – und weitere werden folgen.“
„Oh, mein Gott! Das ist Wahnsinn – der pure Wahnsinn. Bisher war das doch alles in Ordnung. Warum jetzt plötzlich nicht mehr?“
„Weil wir sparen müssen, mein Kind! Wir haben ein Drittel weniger monatliche Bezüge, bekommen keine Gratifikation und kein Weihnachtsgeld mehr.“
„Was ist mit der Abfindung von hundertundzwanzigtausend? Die zählt nicht?“
„Das Geld wird angelegt für schlechte Zeiten, Rentenaufbesserung und so weiter. In zwei Jahren brauche ich außerdem einen neuen BMW. Den gibt’s nicht für lumpige zwanzigtausend Euro, meine Liebe.“
„Für deinen neuen Wagen müssen wir sparen? Dafür touren wir bei der Hitze durch die Stadt, spielen Pfandfinder und schreiben Preise auf einen blöden Zettel? Dann bestellst du unseren Bedarf eventuell bei zwanzig Läden, ja?“
„Bestellen? Holen, meine Liebe! Einkaufen! Wir fahren rum und besorgen alles nach dieser perfekten Liste.“
„Oh, mein Gott! Was hast du mit mir vor, Kurt? Was läuft hier? Drei Mal wollte ich Helen treffen, drei Mal hattest du mit mir genau zu diesem Zeitpunkt angeblich wichtige Sachen zu besprechen. Erst war es die Kilometerleistung meines Golfs im Jahr, umgerechnet auf jeden Tag, dann meine Telefonrechnung, aufgeteilt in Gespräche mit meinen Eltern und meinen Freundinnen – und schließlich die blödsinnige Aufstellung meiner Ausgaben bei Cafébesuchen. Es reicht, Kurt!“
„Das tut es noch längst nicht – leider! Du fährst jetzt mit mir und damit Ende der Diskussion.“

„Nein, Helen, hör zu! Ich kann nicht so lange sprechen. Kurt kommt gleich aus dem Keller; er zählt unsere Vorräte durch. Wir müssen es so machen, dass du mich künftig anrufst; ich gebe dir das Geld wieder. – Ja, machst du das?“
„Ich werde dir eine Telefonrechnung erstellen. Ha! Mit Einzelnachweis! Du hast sie nicht mehr alle, Silvia!“
„Quatsch, Helen, natürlich bekommst du das ersetzt. Kurt ist so genau; der lässt sich diesen Einzelnachweis doch jeden Monat erstellen. Du glaubst nicht, wie ich seit drei Monaten hier lebe. Hölle! Wahnsinn!“
„Sollen wir auf Trommeln umsteigen?“
„Hä?“
„Vergiss es. Halte durch! Alles wird gut!“
„Ja, Helen, ich versuch´s. Tschüss“, seufzte sie, legte auf und ging zur Kellertür.
„Kurt? – Kann ich dir helfen, Kurt?“
„Nein, nein“, ertönte es dumpf. „Hab schon alles erfasst. Wahnsinn! Was du hier unten an Dosen gehortet hast. Das reicht für einen dritten Weltkrieg. Deine Gefriertruhe läuft über. Wir werden erst mal aufbrauchen, was du angesammelt hast. Ich mache mit dieser Bestandsliste einen Essensplan für die nächsten sechs bis sieben Wochen.“
„Arschloch!“
„Was?“
„Ach so, habe ich gesagt.“

„Heul doch nicht Silvia – davon wird’s auch nicht besser. Komm, wir gehen ein Stück durch den Tannenbusch, tratschen dir den Kummer von der Seele.“
„Wenn das man so einfach ginge, würde ich nur noch tratschen.“ Sie hing sich bei Helen ein und drückte sie fest an sich.
„Wenn ich dich nicht hätte, würde ich das nicht überleben. Es ist so grässlich, so würdelos. Ich bin bloß noch der dumme Lehrling, den der Meister schulen, rügen und zurechtweisen darf. Ich halte das nicht mehr aus.“
„Du wirst es aushalten. Gewöhn dich daran, lass den Idioten doch wurschteln und schnüffeln – und sieh zu, dass du ihn betrügst. Du bist doch clever genug dazu. Der will doch betrogen werden.“
„Mit dem heißblütigen Italiener!“
„Ha, ha! Nee, anders. Mit den Dingen, die er dir aufzwingt – aber von mir aus auch mit einem Italiener“. sagte Helen mit ernstem Gesicht.
„Ach, ich weiß nicht. Meine ganze Lebensfreude ist weg. Was habe ich denn noch? Weißt du was? Ich habe mir überlegt, dass ich einfach abhauen könnte. Ich miete mir eine Zweizimmerwohnung in Köln, suche mir einen Job und lass Kurt bezahlen. Später reiche ich die Scheidung ein und bin fein raus.“
„Du bist fein in der Scheiße, wenn du das machst, meine Liebe. Er wird den besten Anwalt auf dich hetzen und dir alle Konten sperren. Es wird Jahre dauern, bis du Geld siehst. Glaub bloß nicht, dass du seine Sparkonten jemals zu Gesicht bekommst; eher sieht sie das Finanzamt. Nach der Scheidung bekommst du – von einem Arbeitslosen – nur Brosamen. Taschengeld! Wie willst du bis dahin überleben? Du hast nichts gelernt, kannst nur einen Haushalt führen und sonst nichts.“
„Ich werde eben Hausmädchen – oder so was. Hauptsache raus!“
„Du verlässt euer schönes Haus mit dem schönen Möbeln, den herrlichen Garten und ziehst in eine dunkle, schmuddelige Bude unterm Dach. Der Hausherr fasst dir unter den Rock und die Herrin haut dir den Kochlöffel aufs Haupt. Nee, nee. Das ist doch Quatsch mit Soße!“
„Ich geh zum Sozialamt, hol mir Stütze.“
„Ach du meine Güte! ALG II heißt das jetzt. Du gehst also betteln, ja? Du isst Abfälle und trockenen Brötchen, die dir der Bäcker schenkt – aus Mitleid. Du schläfst unter der Brücke und trinkst billigen Fusel. Brrr!“
„Du bist gemein!“
„Ja sicher – und du bist blöde. Was fehlt dir denn jetzt wirklich? Mach doch das Beste daraus.“
„Meine Freiheit fehlt mir, das Schwätzen mit dir. Keine Cafébesuche mehr. – Übrigens! Fallt ihr jetzt auch über mich her? – Oh Gott! Natürlich tut ihr das! Ihr widerlichen Weiber habt ein neues Opfer gefunden – und ein so saudummes noch dazu. Los! Erzähl! Was sprecht ihr über mich?“
„Nichts! Rein gar nichts – fast nichts. Nur – sie schimpfen über deinen Mann und überlegen, wie man dir helfen kann.“
„Lüg mich nicht an! Sag’ es offen und ehrlich. Ich kann damit umgehen. Reden sie auch über meinen Wackelarsch?“
„Nein!“ Helen lachte laut auf. „Nein, dazu ist er zu klein und zu niedlich. Aber darüber, dass du dir das gefallen lässt, da reden sie schon – und auch darüber, dass Kurt dir nicht die Wahrheit gesagt hat.“
„Was? Was hat er mir verschwiegen? Ich hab’s geahnt! Er hat also doch eine Freundin! – Ich hätte es wissen müssen. Darum tut sich bei uns nichts mehr. Dieses elende, miese Schwein!“
„Halt! Dazu ist der doch zu doof und frigide obendrein. Der kann doch einen Pferdeschwanz am blonden Mädchenkopf nicht von einem am dicken Pferdearsch unterscheiden. Nein, er ist gezwungen worden, in den Frühruhestand zu gehen. Er kam nicht mit bei dem neuen REFA-Verfahren, das in Berlin entwickelt wurde, sagt Fred. Und der muss es wissen, er sitzt doch bei Bolten & Garner im Personalwesen. Da dein Mann schon fünfundfünfzig ist, haben sie ihm das Frührentner-Modell aufgedrückt; du weißt schon.“
„Ach, herrje! Das hat er nicht verkraftet, dieser tolle Mann und hat mir den furchtbar Kranken mit dem Hinterwandinfarkt vorgespielt. Na warte! Ich werde ihm was erzählen.“
„Wirst du nicht! Du weißt jetzt, was er in Wahrheit ist: ein Versager. Das macht dich stark. So einer will dir, die doch immer alles super gemacht hat, jetzt Vorschriften machen? Das ich nicht lache! Du lachst jetzt gefälligst auch, hörst du?“
„Ja, Helen, ich könnte dich küssen.“ Sie lachte gequält und drückte ihr Gesicht an Helens Kopf.
„Werde jetzt bloß nicht lesbisch wegen diesem Dämlack.“

Sie lag mit offenen Augen und lauschte; er schnarchte melodisch und sanft wie immer. Sie konnte sonst ganz gut dabei einschlafen; es wirkte auf sie wie ein Schlaflied bei einem Baby. Neuerdings aber regte es sie furchtbar auf; sie stieß ihn manchmal hastig an, freute sich, wenn er sich verschluckte und wild grunzte. Meistens war danach einige Zeit Ruhe, aber irgendwann ging’s wieder los.
„Ich hasse ihn! Er ist ein Widerling; fett, träge – feist sogar – und schnarchen tut er auch noch. Mit Sex hat er gleich gar nichts am Hut. Andererseits … Ein Glück, verdammt! Da kann ich ja sogar noch froh drüber sein.“
Sie dachte an den jungen Mann bei ‚Mode-Prinz’, dessen knackigen Po sie heimlich bewundert hatte. Und dann erblickte sie an der nachtgrauen Schlafzimmerdecke wieder das feiste Gesicht ihres Kurts, der auf seine Stoppuhr blickte und die Stirn in Falten legte.
„Ich könnte ihn umbringen! Wie war das noch in dem Film ‚Tote Männer küsst man nicht’? Da hat sie ihm einfach ein Kopfkissen auf den Schnarchschnabel gelegt, hat sich draufgesetzt und so lange gesungen, bis er tot war. Hat mir irre gut gefallen, damals. Was hat die noch gesungen? Mein Gedächtnis! Was würde ich denn dabei singen? Ach Mist, ich geb´s auf. Ich hätte nie den Mut dazu; das können die bloß im Fernsehen und im Kino.“

„Ich muss mit dir reden, Silvia.“
Kurt lehnte in der Haustür und beobachtete sie, sah zu, wie sie auf den Knien über den Rasen kroch und Löwenzahn ausstach.
„Oh Gott! Schon wieder was Neues?“ Sie richtete sich mühsam auf.
„Nichts, was dich aufregt, aber es ist wichtig.“
„Ich halte den Scheiß bald nicht mehr aus“, murmelte sie, warf das Messer wütend in den Eimer und stand auf.
„Was?“
„Ich sagte, ich bringe das noch eben in den Müll.“
„Aha – aber beeile dich!“
Sie schnappte sich den Eimer und trug ihn in die Garage. Die Abfalltonnen standen an der Rückwand. Sehr langsam schüttete sie das Unkraut in die Tonne und lehnte sich an die Wand.
„Ich halte es wirklich nicht mehr aus; ich dreh’ noch durch. Jetzt spreche ich schon laut, was ich denke. Silvia – reiß dich zusammen!“
Sie ging rein, ohne sich zu waschen, setzte sich ihm gegenüber, drückte die Beine eng aneinander, faltete die Hände auf den Knien und sah ihn matt an. „Dann also los. Was willst du?“
„Ich habe einen perfekten Plan gemacht. Du hast dich sicher gewundert, warum ich in den letzten Wochen deine Arbeitsgänge so neugierig verfolgt habe. Ich habe ja wirklich nichts ausgelassen.“
„Das kann man wohl sagen. Sogar aufs Klo bist du mir nachgegangen.“
„Na, na! Aber was du nicht weißt: Ich hatte in der ganzen Zeit eine Stoppuhr in der Hosentasche.“

„Und ob ich das wusste. Was solltest du auch ansonsten immer in deiner Hosentasche rum fummeln.“
„ Aha. Jedenfalls ist jetzt alles klar. Alle deine Arbeitsgänge, die Leerläufe und unsinnigen Rennereien, das ewige Zeitungslesen, die Tratscherei am Telefon, das Hocken vor der Glotze – alles habe ich gestoppt. Sekundengenau!“
„Nein!“
„Doch!“
„Wozu denn das?“
„Zur Optimierung, zur Verbesserung deiner Arbeitsabläufe. Wir REFA-Fachleute kennen das aus dem Eff-Eff. Also, kurz und gut, ich habe deine Wochenarbeit in ein Ablaufkorsett gegossen – optimiert versteht sich. Hier! Das ist natürlich nur ein erster Ansatz. Da lässt sich noch was rausholen. Aber fang erst mal damit an. Ich glaube, du sparst mindesten dreißig Prozent deiner Kraft und Zeit.“
„Neiiiin! Ich will nichts mehr davon hören!“, schrie sie und dachte, sie würde gleich tot umfallen.
„Du musst! Du kannst dich nicht weigern. Wir müssen daran arbeiten, damit wir mehr Zeit für uns haben – verstehst du?“
„Nein, versteh ich nicht, will ich nicht verstehen. Du bist einfach unerträglich! In der Firma konnten sie dich nicht mehr gebrauchen, und jetzt willst du in unserer Zweipersonenfirma den großen Fachmann spielen?“
„In meiner … Was? Was … Wer erzählt dir so was? Etwa diese Helen, dieses Quatschweib, diese Tratsche, die über jeden herzieht? Die lügt dir die Hucke voll, und du glaubst der alles. Ich habe dir gesagt, warum ich in den Ruhestand gehen musste.“
„Ja, hast du! Und ich sage dir: Du bist ab sofort gekündigt! Ich schmeiße dich raus! Du gehst ohne Abfindung, ohne Sozialplan! Ich will nichts mehr von dir hören!“
„Bist du fertig? Nicht aufregen, mein Schatz. Den Schock habe ich oft erlebt, wenn wir in Wildwuchsarbeiten Ordnung gebracht haben. Das hört auf, das legt sich – warte nur ab.“
„Nichts legt sich. Nichts! Es reicht! Mein Haushalt! Meine Arbeit! Mein Leben! Du hältst dich da raus!“
„Nicht aufregen, sag ich. Hier – lies nur mal die erste Seite. Du wirst begeistert sein.“
Automatisch griff sie zu, blickte auf das Blatt; ihre Hand zitterte, alle Zeilen auf dem Papier verschwammen vor den Augen. Mühsam entzifferte sie die ersten zwei Zeilen:
„8.00 Uhr aufstehen (Anmerkung: Duschen nur samstags oder vor Feiertagen!)“
„8.30 Uhr frühstücken. Im Wechsel Tee und Kaffee.“
Sie schrie laut auf, blickte wie irre um sich, griff den dicken Bernsteinaschenbecher – das Geschenk der Firma für Kurt, als er fünfundzwanzig Jahre hinter sich gebracht hatte – und warf ihn mit voller Wucht auf ihn. Der wirbelnde Aschenbecher flog knapp an seinem Kopf vorbei und knallte mitten in die Butzenscheiben des Wohnzimmerschranks.
Es klirrte, schepperte, rummste und krachte, als das gute Tafelservice sich in Einzelstücke zerlegte, als der gelbbraune Ascher von der Hinterwand abprallte und auf die Fliesen knallte. Kurt starrte sie fassungslos an.
Irgendwie tat ihr das gut – glaubte sie wenigstens. Also ergriff sie den kupfernen Kerzenleuchter und warf ihn ebenfalls. Sie zielte wieder nicht richtig; der Leuchter segelte in den Fernseher. Das wirkte nicht ganz so spektakulär wie zuvor, denn diesmal gab es keine Scherben.
Jetzt wachte Kurt auf, fühlte sich offensichtlich doch getroffen. Er schrie auf, stürzt sich auf sie und fiel ihr in den Arm, fasste ihre Hand, mit der sie gerade die Blumenvase greifen wollte.
„Halt! Du bist ja irre! Aufhören! Sofort aufhören!“
Sie drehte sich aus seinen Armen, lief heulend die Treppe hoch ins Schlafzimmer, schloss sich ein, warf sich aufs Bett und drückte den Kopf ins Kissen.

Sie ließ ihn an der Tür rappeln, bis er aufgab. Schließlich schlief sie ein, wurde wach, weil sie mal musste, heulte während sie auf dem Klo saß, und heulte noch mehr, als sie ins Wohnzimmer taumelte und die Scherben sah. Kurt war nicht zu sehen.
„Mein schönes Service! Alle haben mich darum beneidet. Dieser Idiot! Warum musste der mich so reizen? Er ist schuld an meinem Ausraster.“
Sie schlich zurück, schlief wieder ein und wachte erst am frühen Morgen auf. Vorsichtig suchte sie alle Zimmer ab, aber er war weg – ohne Frühstück, wie es schien – und der BMW war auch nicht da. Sie schlang hastig eine Scheibe Schwarzbrot runter und packte einige Sachen in einen kleinen Reisekoffer.
Im Flur blieb sie stehen, zögerte einen Augenblick und schaute nachdenklich auf den Spickzettelblock neben dem Spiegel. Hier hinterließen sie wichtige Nachrichten, meldeten Abwesenheiten und die wahrscheinlichen Zeiten fürs Wiedereintreffen.
„Quatsch! Der kann mich mal!“
Sie lief die Stufen runter in die Garage und startete ihren Golf. Während der Fahrt schaute sie ständig nervös in den Rückspiegel, suchte den schwarzen BMW. Sie war erst erleichtert, als sie vor Helens Haustür stand.
„Es ist aus, Helen. Aus, aus, aus! Und erzähl’ mir keine rührseligen Geschichten. Ich habe fertig! Gestern hab ich ihn mit dem schweren Aschenbecher – du weißt schon, der aus Bernstein – beworfen!“
„Oh! – Ist er tot?“
„Quatsch! Mein Service ist kaputt!“
„Das gute Porzellanservice? Oh, mein Gott! Furchtbar; es war fast so schön wie meines. Musste das sein?“
„Ja, es ging nicht anders; das mit dem Service tut mir auch Leid. Es ist ganz allein seine Schuld; er hat mich bis zur Weißglut gereizt. Kann ich bei euch wohnen? Nur für ein paar Tage – bis ich was gefunden habe. Ich kann nicht mehr mit diesem Ungeheuer in einem Haus leben.“
„Silvia, ich weiß nicht – komm erst mal rein. Fred ist auch da, er hat heute frei.“
„Mist!“ Sie nahm den Koffer aus dem Auto und folgte Helen ins Wohnzimmer.
„Asyl! Asyl!“, rief sie mit leidender Stimme und gab Fred die Hand. „Ich hoffe auf einen positiven Bescheid.“
„Ach, du Scheiße!“, stöhnte Fred. „Das hat gerade noch gefehlt. Erst ruft um sieben Uhr heut früh – stell dir das mal vor! – Helens Mutter an. ‚Ihr habt doch Platz? Ich muss für einige Tage Urlaub machen, bin total fertig, kann keinen klaren Gedanken mehr fassen. Papa betrügt mich!’ So ein Schwachsinn! Und jetzt du noch. Das ist zu viel! Ich zieh ins Hotel.“
„Entschuldigt! Ich wusste ja nicht, dass ihr hier ein überlaufenes Asylheim für verstoßene Frauen habt. Bleib du lieber hier, Fred; ich geh ins Hotel.“
„Halt! Fred, das geht doch nicht. Ich rufe Mutter an, die kann eine Woche später kommen. Die soll erst mal mit Papa reden; das ist doch alles ein Witz. Mit siebzig geht der doch nicht mehr fremd.“
„Was weißt denn du? Denkst du, Männer in dem Alter wollten nicht mehr?“
„Wollen schon, aber können?“
„Helen, Mutter ist jetzt fertig, nicht in einer Woche. Du kennst sie doch, die redet nie alleine mit Papa darüber; das musst du vermitteln. Außerdem! – Sie wird ernst machen, und dich enterben; das hat sie dir schon einmal bei einer Absage angedroht – lass es nicht so weit kommen.“
„Fred hat Recht, Helen.“

„Setz dich erst mal und erzähl. Vielleicht gibt’s ja noch eine andere Lösung.“
Sie weinte ein bisschen, aber nicht zu viel; sie hasste verschmiertes Make-up. Fred lachte laut auf, als er von Kurts Optimierungs-Bemühungen hörte. Silvias plastische Schilderungen ließen selbst Helen grinsen.
„Lacht ihr ruhig! Mir ist zum Heulen zu Mute. Letzte Woche hat er festgelegt, dass ich erst die oberen Fenster putze, ganz zum Schluss die Kellerfenster, da das Wasser erst da unten richtig schmutzig würde. Danach muss ich die Fliesen schrubben – mit demselben Wasser, weil das zuviel kosten würde. So geht das mit allen Dingen; er bestimmt, was gemacht wird, wann, wie und wie oft. Ich überlege schon, ob ich aufs Klo darf, wenn ich mal muss.“
„Ist das denn so schlimm? Was fehlt dir denn, Silvia?“
„Das fragst du, Helen? Was würdest du denn sagen, wenn dein Fred so übergeschnappte Dinge machen würde? Mir fehlt die Freiheit; ich habe keine Luft mehr zum Atmen.“
„Wie ist er denn – ich meine man bloß – wie läuft es denn bei euch sonst so?“, fragte Fred mit frechem Grinsen.
„Fred, das geht zu weit! Halte deinen Babbel! Du denkst nur an das Eine”, rief Helen und drohte ihrem Mann mit der Faust.
„Lass ihn ruhig, Helen, er hat doch Recht; das gehört auch dazu. Also, nix ist damit, Fred. Absolut nix! Wenn ich mich vor ihm ausziehe, sortiert er die Unterwäsche nach Fein- und Kochwäsche. Letztere nach dunkel und hell. Meinst du, der sieht meinen Körper an? Ha! Ansonsten könnte ich auch eine Schaufensterpuppe sein. Aber wer weiß! Vielleicht machte er gerade einen Plan dafür – mit Stoppuhr und Checkliste.“
„Ach, du meine Güte! Bei deinem Aussehen und deiner tollen Figur. Wer hat schon solche Beine wie du?“
„Fred! Halt deine Klappe! Was geht dich Silvias Figur an?“, schrie Helen empört. „Und was sollte das mit den Beinen heißen?“
„Ach, Helen! Männer sind so. Große Klappe und nichts dahinter. Also, das ist noch längst nicht alles. Hört zu: An jedem Montag fahren wir alle Geschäfte ab und vergleichen die Preise. Gestern hat er mir einen perfekten Plan vorgelegt – auf fünf Seiten – nach dem ich künftig arbeiten muss. Sogar die Zeiten fürs Nachrichtenschauen hat er bestimmt; ich muss ‚Tagesschau’ statt ‚Heute-Nachrichten’ sehen, weil ich um sieben den Plan noch nicht abgearbeitet hätte. Als er mir diesen ‚Perfekten Plan’, wie er ihn nennt, vorgelegt hat, da bin ich geplatzt. Ich habe leider mein gutes Porzellan statt Kurts dicken Schädel zerschlagen. Ich habe ihm gesagt, er soll verschwinden – und jetzt ist er tatsächlich weg.“
„Na also! Warum willst du abhauen? Lass ihn doch machen, was er will“, sagte Helen.
„Was aber, wenn er wiederkommt? Nachher prügelt er mich noch.“
„Ach was, der ist doch nie fähig, dich zu schlagen.“
„Da bin ich mir nicht mehr sicher. Wenn’s in seinen perfekten Plan passt … Ihr meint also, ich soll einfach ausharren?“
„Ja, und du solltest noch mehr tun. Nimm es gelassen, was der Kurt da veranstaltet. Das legt sich wieder. Es ist das Frühpensionierungs-Syndrom, das haben alle – mehr oder weniger“, sagte Fred, während er aufstand.
„Ich muss los! Ich will joggen; du gehst nachher zur Anna?“, fragte Fred.
„Ja – ich denke, ja“, sagte Helen verlegen.
„Anna? Triffst du dich mit der Schnepfe von gegenüber? Ich dachte, du fändest die doof und eingebildet?“, rief Silvia.
„Ach, weißt du, Silvia, – es ist so … Also, wenn man sie näher kennt, ist sie ganz nett. Du kommst ja nie mehr. Mit wem soll ich denn schwätzen?“
„Alle verlassen mich; ich sinke – ich geh unter.“
„Quatsch! Warte ab, das kommt alles wieder ins Lot.“
„Ich seh überhaupt kein Land mehr. Trotzdem – ich höre auf euch. Ich fahr zurück – und wenn er ins Haus will, erschieße ich ihn.“
„Oh, mein Gott! Womit denn? Mit Wattebäuschchen?“
„Ha, ha! Wartet nur ab.“
„Mach keinen Blödsinn! Hörst du? Der Frauenknast ist furchtbar; da ist dein Kurt Gold gegen, Silvia.“

Er kam gegen Abend, tat so, als wenn nichts passiert wäre, sagte nichts über den Streit. Sie erschoss ihn nicht, fragte ihn nicht, wo er den ganzen Tag verbracht hatte. Um sieben Uhr schaltete sie trotzig die Heute-Nachrichten an.
„Hast du nichts anders zu tun?“
„Nein!“
„Du verstehst nicht, dass ich es gut mit dir meine.“
„Nein!“
„Wir müssen uns einmal richtig aussprechen. Ich erklär dir Schritt für Schritt, warum ich hier einiges ändern muss. Verstehst du?“
„Nein!“
„Kannst du noch was anderes sagen als nein?“
„Nein!“
„Eines Tages wirst du verstehen; du brauchst eben länger als andere. Das ist nicht schlimm. Mach dir deshalb keine Sorgen, mein Schatz. Gemeinsam kriegen wir das schon hin – und genießen in aller Ruhe unseren Lebensabend.“
Sie gab keine Antwort, schluckte schwer und blieb sitzen. Sie schaltet den Fernseher nach den Nachrichten aus und ging wortlos ins Bett. Sie lag lange wach, dachte, sie könne nie mehr einschlafen. Als Kurt sich auszog, schloss sie die Augen und stellte sich schlafend.
Sie lauschte seinen Atemgeräuschen und hasste ihn ganz furchtbar.
„Der liebt seinen BMW mehr als mich; der sollte besser diesen Angeberwagen heiraten. Mit dem dicken Schlitten protzen, das ist ihm wichtig, langsamere Autos scheuchen, über die Fahrer von Kleinwagen mitleidig lächeln, das ist sein ganzes Vergnügen. Oh, wie ich das alles hasse!“
Sie stellte sich vor, wie Kurt über die Autobahn zur Stadt raste. Er drückte die schwarz behaarten, breiten Hände auf das Lenkrad, hupte anhaltend, grinste überheblich, als er den Vorausfahrenden – dem er wie üblich an der Stoßstange klebte – zu einem hastigen Ausweichmanöver verleitete. „Ich hasse dich, du elender Angeber!“, dachte sie.
Schadenfroh ließ sie auf beiden Fahrspuren zwei dicke Lastwagen fahren, die ein mühsames, lang anhaltendes Überholmanöver veranstalteten. Kurts schwarzer BMW galoppierte wie ein unbändiges Fohlen heran. Sie ließ ihn hupen, andauernd, nervtötend – und vergeblich. Aber es reichte ihr noch nicht; da musste noch was mehr sein. „Na warte! Jetzt zeig ich’s dir!“
Er musste verzweifelt aussehen – wie damals, als der neue Wagen auf Glatteis weggerutscht war und er den Zusammenstoß nur knapp verhindert hatte.
Diesmal musste er so hilflos und wild drein schauen, weil die Bremsen nicht funktionierten. Sie ließ ihn wild am Lenkrad drehen, wollte ihn erst auf den LKW auffahren lassen, aber dann jagte sie den Wagen eine steile Böschung runter und vor einen mächtigen Baum, den sie im letzten Augenblick noch da hinstellte.
Lautlos schlang sich das wunderbar gepflegte, lackschadenfreie Auto um den mächtigen Stamm. Aus der offenen Tür des völlig zerdepperten Wagens hing Kurt. Die Augen standen weit offen, und das blutige Gesicht sah ziemlich schmutzig aus.

„So könnte er sterben – schnell und schmerzlos! Man ist ja kein Unmensch!“ Sie erschrak, als ihr auffiel, dass sie laut gedacht hatte; kurz danach schlief sie schon und der Traum überfiel sie mit voller Wucht.
Kurt lag unter dem Auto und kontrollierte mit einer Checkliste unsichtbare Teile. Das Autoradio spielte laut und dröhnend „Somewhere“. Sie tanzte auf der Motorhaube, hatte die Arme verzückt zum Himmel gestreckt. Mit einem lauten Schrei sprang Kurt auf, schlug mit einem Hammer auf das Radio ein.
„Nein!“, wollte sie rufen, aber die Lippen klebten aufeinander.
Kurt riss sie herunter, warf sie zu Boden, schob sie unter das Auto und zeigte ihr eine ganze Reihe ölige schwarze Schläuche, die vom Bodenblech herunter hingen und sich wild ringelten. Sie schauderte vor den gespaltenen Zungen; gelbe Augen glotzen sie an. Kurt nahm einen glitschigen Schlauch und legte ihn um ihren Hals; er zischelte, drehte sich und drückte zu.
Sie schrie – nein, sie versuchte zu schreien, bekam den Mund nicht auf. Verzweifelt drehte sie sich weg, aber Kurt hielt sie fest. Als ihr die Luft knapp wurde, die Panik am schlimmsten war, wachte sie auf. Sie fühlte den kalten Schweiß zwischen den Brüsten und im Gesicht.
„Du hast einen Albtraum gehabt!“ Kurts Stimme klang verschlafen und er schnarchte sofort wieder leise ins Kissen.
„Hm“, sagte sie trotzdem und drehte sich zur Seite.

In jeder der folgenden Nächte lag sie wach, ließ den BMW mal gegen einen Baum, mal gegen einen anderen Wagen krachen. Immer hing Kurt aus der Tür, und immer waren die Eisaugen starr auf sie gerichtet. Nach einer Woche begann sie zu überlegen, ob man so einen Unfall nicht herbeiführen könne.
„Mist! Ich weiß nicht mal, wo so ein Bremsschlauch versteckt ist. Unter der Haube wahrscheinlich – oder? Ob ich mal in der Werkstatt nachfrage? Lieber nicht! Das könnte mich verdächtig machen. Aber wie …“
Mitten in der Nacht stand sie auf, schlich zur Toilette und setzte sich auf den geschlossenen Deckel. Sie dachte lange nach, wurde rot bei ihren Gedanken, kniff sich in den Oberarm und war entschlossen. Sie huschte Barfuß in die Garage.
Der BMW knackte zur Begrüßung, und sie lehnte sich verschreckt an die Wand. Sie machte kein Licht, tastete sich zum Wagen, zog sich am Metall um das Auto herum, bis sie die Beifahrertür gefunden hatte. Das Geräusch der sich öffnenden Wagentür war irrsinnig laut. „Was sage ich, wenn Kurt plötzlich da oben steht?“
Fahrig und zitternd suchte sie den Griff des Handschuhfachs. Die dicke Mappe mit der Bedienungsanleitung und den Serviceunterlagen lag oben auf allen anderen Sachen.
Sie ging leise zurück, legte die Mappe auf den Küchenschrank und schob sie hinter die Zinnkannen. Völlig erschöpft und frierend legte sie sich wieder ins Bett.

Kurt stand breitbeinig auf der Garageneinfahrt. Die Hosenbeine des Overalls steckten in den gelben Gummistiefeln; auf dem Kopf trug er eine gelbe Sportmütze mit dem Aufdruck „Shell“.
Der Wasserschlauch lag ruhig in der rechten Hand, die linke stemmte er in die Hüfte. Das Wasser spritzte aufs Autodach, fegte die Schaumschlieren herunter. Die Wagenpflege war seine regelmäßige Samstagsbeschäftigung, die erst endete, wenn es Zeit fürs Abendbrot war.
Sie stand hinter der Gardine und beobachtete ihn. Noch bestand keine Gefahr, dass er ins Haus kam. In dieser wichtigen Reinigungsphase war er höchstens durch den nicht mehr auszuhaltenden Druck der Blase vom Auto weg zu bekommen.
Sie las das Inhaltsverzeichnis der Bedienungsanleitung, fand „Bremsen“, „Brems-Flüssigkeit“, „Brems-Leuchten“, „Brems-Kontrollleuchten“ – und keine Brems-Schläuche. Sie blätterte vor, schielte ständig aus dem Fenster und las quer über die Seiten.
„Da! Das liest sich gut!“
„Brems-Flüssigkeit“ war also lebenswichtig. Man musste überprüfen und nachfüllen lassen. Schön sah der Behälter aus, der angeblich an der linken Seite im Motorraum untergebracht war.
„Treffer! Den findet doch ein Blinder!“ Sie beobachtete, wie Fred den Wasserschlauch einrollte.
Aus dem Gefäß mit der Bremsflüssigkeit ringelten sich zwei Schläuche. Das war’s! Das mussten sie sein!
„Ich hab’s – und ich mach’s.“
Sie legte die Bedienungsanleitung wieder auf den Schrank, kramte in der unteren Schublade, fand die Taschenlampe und legte die Küchenschere daneben. Morgen würde Kurt über die Autobahn in die Stadt fahren und den Wagen zur Inspektion bringen. Er fuhr immer über die Autobahn; sie war zwar nur zehn Kilometer lang, aber da gab er richtig Gas, holte alles aus dem Wagen raus.
„Da gebe ich dem Wagen so richtig die Sporen. Der braucht das ab und zu“, sagte Kurt, wenn sie ihn darauf hinwies, dass es die viel kürzere Landstraße zur Innenstadt gab.
Der Schock kam ganz unerwartet; ein eisiger Schreck fuhr ihr in die Knochen. „Mist, Mist! Der putzt gleich den Innenraum und saugt das Handschuhfach aus. Was mache ich bloß?“
Kurt kam aus der Garage, zog den Staubsauger hinter sich her, öffnete die Beifahrertür und beugte sich ins Auto. Panik befiehl sie, die Knie zitterten.
Ohne nachzudenken, öffnete sie das Fenster und beugte sich raus. „Kurt! Telefon! Deine Firma!“
„Scheiße! Was mache ich bloß für einen Mist“, rief sie, rannte ins Wohnzimmer, legte den Hörer neben das Telefon, sprintete in die Küche und grabschte auf dem Schrank herum, bis sie die Mappe fühlte. Sie hörte ihn im Flur poltern – er zog die Stiefel aus.
„Ja? Hier Berger. Kurt Berger am Apparat.“
Sie rannte los, durch den Flur, in die Garage, durch die geöffnete Tür raus und war schon am Wagen. Die Seitentüren standen weit auf. Sie schob die Mappe in das Fach und richtete sich erleichtert auf. Langsam ging sie zurück und pfiff dabei – ziemlich falsch – „Blue Daniel“. Im Flur kramte sie in der Garderobenschublade, legte die Kleiderbürste von links nach rechts.
„Silvia! Wer war denn da dran?“
„Wieso? – Warte mal – Müller! Richtig, Müller hieß er. Wollte dich dringend sprechen. Warum fragst du?“
„Der Arsch hatte schon aufgelegt. Na warte, wenn der wieder anruft.“
Er verschwand in der Garage, und sie legte die Bürste wieder von rechts nach links.

„Gute Nacht.“ Sie hatte eine belegte Stimme, spürte ihr Herz klopfen und drehte sich von Kurt weg.
„Gute Nacht. Schlaf gut, Silvia.“
Sie wollte bis nach Mitternacht warten, lag verkrampft und angespannt, lauschte auf seinen Atem, starrte mit offenen Augen in die Schwärze, war völlig gedankenlos – und plötzlich wurde es ihr klar. Sie fühlte die Enttäuschung, die schwindende Anspannung. Dabei hatte sie überhaupt nicht an den BMW gedacht – da war sie sich sicher. Trotzdem schob er sich einfach vor ihr Gesicht und grinste sie überheblich an.

Es konnte nicht klappen! Es war alles kindischer Quatsch. Fred musste aus der Garage raus, ungefähr einen Kilometer durch bebautes Gebiet fahren; danach erst kam die Autobahn.
„Mist, verdammter Mist! Der kann doch nicht ohne zu bremsen bis zur Autobahn fahren. Warum ist mir das nicht früher eingefallen?“, dachte sie und weinte ein bisschen.
„Du bist ein Schaf, Silvia. Du dümmste verhinderte Ehegattenmörderin aller Zeiten!“ Sie lag noch lange wach, nur den Traum mit Kurts verunglückenden BMW, den wollte sie jetzt nicht mehr sehen.

„Ich bin ein Wrack, Helen! Ich geh nicht mehr zum Frisör, ich fresse Kuchen, Sahne und Schinken. Mein Gewicht habe ich seit Monaten nicht mehr kontrolliert – wozu auch? Ich trage meine alten – meine uralten – Klamotten. Weißt du was? Erinnerst du dich, als wir – warte mal, ich glaube, vor sechs oder sieben Monaten – letztmals in der Stadt zusammen eingekauft haben?“
„Bei Mode-Prinz, stimmt´s? Du hast damals ziemlich geflirtet.“
„Richtig! Das irre enge Top und die knackigen Jeans! Du meinst den Verkäufer, der meinen BH auffressen wollte – so hat der wenigstens geglotzt.“
„Sah aber gut aus, der Junge. An dem Tag hatten wir einen ziemlichen Spaß.“
„Ja, genau! Die Klamotten liegen noch in der Einkaufstüte. Ich habe sie noch nicht einmal rausgeholt. Es geht zu Ende mit mir!“
„Quält er dich so sehr? Hast du dich noch nicht an seine Marotten gewöhnt oder hat er einen neuen Tick entwickelt?“
„Einen neuen Tick? Na klar! Die neueste Marotte ist jetzt das Stromsparen. Nein, falsch! Er sagt: ‚Du musst die funktional richtige Beleuchtung haben, mein Kind!’ Stell dir vor: ‚Mein Kind’, sagt der Idiot! Der rennt von Zimmer zu Zimmer, hat einen Lichtmesser oder wie das Ding heißt und eine Liste dabei. Er misst, schreibt, schüttelt den Kopf, schraubt Birnen raus, dreht Neue rein, misst wieder – so geht das seit Tagen. Jetzt hat er entdeckt, dass ich in der Küche zu schwach beleuchtet bin. Der ist selber zu schwach beleuchtet, Helen.“
„Ach du meine Güte! Na sei froh, dass er dich nicht im Dunkeln arbeiten lässt – bei seinem Sparfimmel.“
„Ja, muss ich wohl. Der hat sogar verlangt, dass ich mich kürzer fasse, wenn ich anrufe. ‚Bemüh dich, kürzere Sätze zu sprechen! Und frag nie was, wenn du angerufen hast. Du kriegst minutenlange Antworten.’ So einen Mist fordert der, stell dir das bloß vor.“
„Kannst du denn jetzt ungestört sprechen?“
„Er ist in der Stadt, kauft eine spezielle Lampe mit Strahlern für Energiesparbirnen. Da soll ich eine auf den Herd richten, eine auf die Arbeitsplatte und die andere jeweils abschalten. Da kommt er, ich höre den Wagen. Ich muss Schluss machen. Tschüss, Helen! Halt! Ruf mich wieder an, ja? Tschüss!“

„Weißt du, wie viele Kilometer du in einem Monat mit deinem Golf fährst?“
„Nein, sollte ich das wissen?“
„Erwarten könnte man das schon – wenn auch nicht unbedingt von dir, mein Kind. Also, ganze 120 Kilometer! Was sagst du dazu?“
„Was soll ich dazu sagen? 120 Kilometer sind 120 Kilometer. Wenn ich die laufen müsste – mein lieber Mann -, dann hätte ich was zu tun.“
„Weißt du, was mich jeder Kilometer kostet, den du fährst?“
„Nein, will ich auch nicht wissen. Übrigens, wieso kostet er dich so viel? Haben wir keine Gemeinschaftskasse mehr? Du vergisst außerdem, dass es noch andere Werte gibt, als diese Kilometer: Freiheit, Beweglichkeit, Bequemlichkeit, Freude, Unabhängigkeit. Das müsstest du doch am besten wissen – du bist doch der Autogeile.“
„Ich fahre auch mehr als zwanzigtausend Kilometer im Jahr. Vergleich dich nicht mit mir! Autogeil will ich übrigens nicht gehört haben.“
„Dann eben verrückt! Ja, du bist autoverrückt!“
„Das ist mir egal! Wir brauchen jedenfalls nur noch ein Auto. Klar?“
„Was? Du willst also dein Auto abgeben?“
„Ha, ha! Dein Scherz war keiner. Du gibst dein Auto ab.“
„Du meinst das nicht wirklich, oder?“
„Doch! Dein Auto kommt weg!“
„Dann bring ich dich um!“
„Sag, was du willst, ich habe deinen Golf bereits dem Händler für viertausend Euro angeboten. Morgen ist er weg – garantiert! Wir zahlen doch keine Steuern und Versicherungsprämien für das Rumstehen. Außerdem gewinnen wir Platz in der Garage für die Gartengeräte.“
„Nein! Wenn du das machst, bringe ich dich wirklich um – oder ich zerdeppere dir dein Auto. Denk an den Aschenbecher!“
„Du sollst nicht immer so emotional sein, Kind. Kein Mensch nimmt dir so einen Mist ab, also sag ihn auch nicht. Wozu willst du einen eigenen Wagen? Du solltest dich daran gewöhnen, dass wir künftig alles gemeinsam machen. Wir kaufen zusammen ein, wir fahren am Wochenende zusammen an den Fühlinger See, wir gehen zusammen ins Kino. Das machen Eheleute so, wenn der Mann pensioniert ist.“
„Ich hasse dich! Ich hasse dich! Ich hasse dich!“, schrie sie und rannte schluchzend aus dem Zimmer.

Er stand in der Küche auf der Stehleiter und drehte die Birnen der alten Lampe raus, schraubte die Fassung ab und zog die Abdeckung herunter. Nachdenklich betrachtete er die Drähte, die steif gespreizt aus der Decke hingen. Silvia lehnte mit verschränkten Armen an der Tür und dachte: „Idiot!“
„Geh mal in die Garage und mach die Sicherung aus, ja?“
„Welche Sicherung?“
„Himmel! Weiber sind doch für nichts zu gebrauchen.“
Er stieg von der Leiter und zog sie mit in die Garage. Der Sicherungskasten stand offen; er hatte wohl bereits daran rumgefummelt.
„Hier! – Nein, warte. – Hier! Das sieht doch ein Blinder. Da steht dran: ‚Licht Erdgeschoss’. Den Schalter kippt man nach unten. – So! – Dann ist die Sicherung aus. Verstanden?“
„Ja.“
„Jetzt brauchst du nur zu warten, bis ich rufe ‚Sicherung ein’. Dann drückst du ihn wieder nach oben, den Schalter. Klar?“
„Ja, ich glaube. – Kurt?“
„Was noch? Was glotzt du mich so an?“
„Schau dich mal an, Kurt. Dein Gesicht ist puterrot und du hast den Schweiß auf der Stirn stehen. Wenn du dich weiter so aufregst, kriegst du einen Herzinfarkt.“
„Quatsch nicht! Meine Pumpe tut’s noch lange. Die Ruhe hier tut mir gut. Mach dir keine Hoffnung.“
Es dauerte. Sie setzte sich auf die Motorhaube des BMW und stierte den Sicherungskasten an. Weiter hinten im Raum sah sie zwei Ölflecke auf dem Boden. An der Wand hing der farbig gestaltete Plan für Ölwechsel, ASU, TÜV und Inspektionen.
„Mein schöner Golf, mein Golfchen. Dieser elende Hund hat dich einfach verkauft – einfach so. Das verzeih ich ihm nie!“
Leises Fluchen, nur ganz schwach hörbar, deftige Flüche, Bohrgeräusche, noch lautere Flüche, erneute Bohrgeräusche – Stille.
Kurt stand in der Tür und starrte sie fassungslos an. Das Gesicht war vom grauen Staub gesprenkelt; die Shellmütze hing verrutscht über einem Ohr; sein Mund stand offen; die Augen quollen ihm aus dem Kopf.

„Silvia! Gehst du wohl von meinem Wagen runter? Sofort runter! Bist du irre? Ich glaub´s einfach nicht! Setzt sich das Weib auf die Motorhaube. Die beult ein! Wenn das dein Wagen wäre und ich würde das machen. Mann, oh Mann!“ Sein Gesicht war dunkelrot und er schnappe nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen.
„Kurt, du siehst nicht gut aus. Hör lieber auf und ruh dich aus.“
„Weiber! Haben von nichts Ahnung, aber immer große Klappe. Beweg dich!“
„Ich meine es ernst, Kurt. Du kriegst einen weiteren Hinterwandinfarkt, wenn du dich nicht abregst.“
„Wie soll ich mich bei so einer Frau abregen? Komm, schau dir an, was die mir angedreht haben; diese Idioten – die sind bescheuert!“
Sie ging missmutig hinter ihm her in die Küche. Er hielt sich am Schrank fest und zeigte nach oben.
„Da! Die neue Lampe! – Die bauen vielleicht einen Mist! Die Kabel sind viel zu kurz, ich muss sie erst verlängern. Verstehst du?“
„Nein!“
„Dachte ich mir. Also, du kannst inzwischen die Waschmaschine ausräumen oder die Betten beziehen – guck in den Plan, was gerade dran ist. Ich rufe dich, wenn ich so weit bin, dass du die Sicherung einlegen kannst.“
Sie ging ins Schlafzimmer, setzte sich auf die Bettkante und betrachtete ihr Gesicht im großen Schrankspiegel; es sah blass und müde aus; sie hatte dunkle Schatten unter den Augen.
„Das kommt von den schlaflosen Nächten und dem Ärger mit Kurt.“
Dann verschwamm alles und sie sah den geöffneten Sicherungskasten, die flitzende Scheibe, den Digitalzähler und die vielen Schalter, die alle eine Zuordnung hatten.
„Da kann sich einer aber mal schnell vertun.“
„War es der dritte von links? Nein, falsch, – der vierte von rechts, oder?“
„Silvia! – Silviaa! Verdammt, wo steckst du?“
Der Sicherungskasten war verschwunden und sie erblickte wieder ihr Gesicht; es machte ihr Angst.
„Ich komme ja schon!“, rief sie und stand auf.
„Mach die Sicherung aber erst rein, wenn ich’s sage. Ok?“, rief er aus der Küche. Sie sah im Vorbeigehen nur die blaue Arbeitshose und die weißen Socken.
„Wie kommt der an weiße Tennissocken?“, dachte sie stirnrunzelnd.
„Silvia! Ich höre nichts!“
„Ja!“
„Du weißt noch genau, welche es ist?“
„Ja, ja! Bin doch nicht blöd!“
„Na, hoffentlich! – Sicherung ein!“ Sie legte den vierten Schalter von rechts auf „Ein“.
„Mist! Verdammte Scheiße! Sicherung aus!“
„Ja! Ist aus!“ Vor ihren Augen drehten sich die Schalter wie auf einem Karussell, wurden immer schneller. Ihre Hand griff in diesen wirbelnden Strom, zögerte, zuckte zurück und drückte dann entschlossen zu. Sie legte den dritten Schalter von rechts auf „Aus“.
Zunächst ganz leise – noch stockend – sang sie: „Heile, heile Gänschen, ist bald wieder gut.“ Dann schon flüssiger: „Kätzchen hat ein Schwänzchen …“
Die Schalter kamen zur Ruhe. Es summte leise im Kasten und in ihrem Kopf; es war ihr, als höre sie Roy McCurdy, dessen Saxofonsolo stets ganz leise begann.
„Haaaaaaarrrch!“ Der Schrei wollte nicht aufhören. Es polterte, schepperte und klirrte.
Totenstille – lange, sehr lange diese summende Stille, in der sie auf Zehenspitzen stand, lauschte und schließlich ihr Lied wieder fand. „… ist bald wieder gut! Heile, heile Mausespeck – in hundert Jahr’n ist alles weg! – In hundert Jahr’n ist alles weg!“
Sie lauschte angestrengt; Roy McCurdy blies im Sicherungskasten immer noch sein Solo und in der Küche sprang der Kühlschrank an.
„Furchtbar laut ist der. Ich werde wohl bald einen Neuen kaufen müssen.“ Sie ging langsam hoch.
„Kurt? Kurt?“
Er lag auf dem Rücken, auf den Kaffeetassen, die sie nach dem Frühstück noch nicht weggeräumt hatte.
„Noch ein Service kaputt!“
Sie betrachtet Kurt von den weißen Socken bis zum Kopf, der über der Tischkante herunter hing, seinen verschwitzten Hals freilegte; die Shellmütze lag auf dem Boden.
Ihr Blick blieb an seinem Gesicht hängen. Die Eisaugen waren weit aufgerissen, blickten sie an. Er lächelte! Das ganze Gesicht war zu einem hübschen Lächeln verzogen. Die Arme hingen an den Seiten des Tisches schlaff herunter.
„Kurt? – Hast du dir weh getan? – Machst du wieder so ein Scheißspiel mit mir? – Hinterwandinfarkt? – Kurt? – Sag was!“, forderte sie mit energischem Ton von dem lächelnden Gesicht.
Als Kurt sich nicht rührte, nahm sie den linken Arm, suchte mühsam die Stelle, an der sie den Puls vermutete, und schaute nachdenklich in die eisblauen Augen. – Kein Puls!
„Oh! – Meine Güte! Das ist ja ein Ding. Kurt, das stand nicht in deinem perfekten Plan, was?“
Sie holte aus der Küchenschublade die Taschenlampe und leuchtete in die starren Augen. Nichts! Die Pupillen veränderten sich nicht. Sie kniff in seinen Handrücken und kitzelte ihn hinter dem linken Ohr; er war sehr kitzelig! – Nichts! Aber es roch! Es roch ganz schrecklich!
„Meine Güte! Er wird doch nicht? Ich glaube doch; er hat … Puh! Er ist wirklich tot! – Jetzt mal ganz langsam Silvia – ganz, ganz bedächtig. Was mache ich zuerst?“
Sie ging in die Garage und legte den dritten Schalter von rechts wieder auf „Ein“.
Als sie über Notruf den Unfall meldete, stotterte sie aufgeregt, vergaß die Adresse, legte mitten im Gespräch auf.
„Ja, ja! – Ach, die Adresse! – Entschuldigen Sie bitte, ich habe die Adresse vergessen; Parkstraße 49, Kurt Berger. – Ja, ich bin seine Ehefrau – Silvia. Ja, ich mache die Tür auf.“
Sie hatten innerhalb weniger Sekunden zurückgerufen. Sie atmete tief durch, ging nochmals in die Küche und leuchtete lange in Kurts Augen. Keine Regung! Helen war direkt nach dem ersten Klingeln am Apparat.
„Er ist tot!“
„Aha! Wer ist tot? Sprich nicht immer in Rätseln, Silvia!“
In ihrem Kopf drehten sich riesige Schwungräder, wollten sie mitreißen. Sie schoss durch ein Wechselbad der Gefühle, spürte Entsetzen, ein komisches Glücksgefühl, Zufriedenheit und Angst.
„Ich hole dich am Montag ab – zum Treffen im ‚Kleinen Café’. – Ich komme mit dem BMW.“
„Wow! Sag mal, bist du jetzt übergeschnappt oder was? Was sagt denn dein Kurt dazu? Wieso bringst du plötzlich den Mut auf, ihn zu fragen? Silvia? – Ist alles in Ordnung mit dir?“
„Mit mir – ja, soweit ja. Ich hab’s doch gerade gesagt: Er ist tot. – Tot! – Tot! Begreif doch endlich!“
Der Schrei am anderen Ende der Leitung war so laut, so schrill, dass Silvia den Hörer ein Stück vom Öhr weg hielt.
„Fred! Freeed! Komm sofort ans Telefon! – Silvia ist dran. Sie sagt, Kurt sei tot. Mir ist ganz schlecht vor Schreck; sprich du mit ihr.“
„Silvia? Hallo! Hier ist Fred. Helen dreht durch. Was ist denn los?“
„Kurt ist tot. Er liegt mausetot auf dem Küchentisch.“
„Hast du ihn geschlachtet?“
„Fred! Bist du verrückt?“

„Wieso liegt dein Mann sonst auf dem Küchentisch? Was macht er da?“
„Er liegt da, weil er von der Leiter gestürzt ist, als er beim Lampeninstallieren eine gewischt gekriegt hat. – Also, ich nehme das mal an; er hat wohl einen Stromstoß abgekriegt.“
„Davon stirbt doch ein erwachsener Mann nicht! Das gibt es nicht!“
„Kurt schon. Der schon. Du weißt doch – das Herz! Er sah den ganzen Tag abwechselnd grau und dunkelrot aus – und er fühlte sich nicht wohl.“
„Oh, mein Gott! Bist du sicher, dass er tot ist?“

„Ja, bin ich. Ich hab’ im Fernsehen gesehen, was man machen muss. Alles stimmt; er ist tot. Es war ein Unfall, ein total dämlicher Unfall noch dazu. Gleich kommt der Notarzt. – Ich muss aufhören. – Ich melde mich später noch einmal.“
„Halt! Halt, Silvia! Brauchst du Hilfe? Sollen wir kommen?“
„Ja, nein, – ich weiß nicht … Wenn ihr Kurt mal auf dem Tisch liegen sehen wollt? Ach, macht, was ihr wollt. Ich muss auflegen.“
Sie stellte sich im Flur vor den Spiegel und legte sich angestrengt Falten auf die Stirn.
„Meine Güte! Wie seh ich aus! Was sollen die bloß von mir denken.“
Die alte, an den Knien ausgebeulte, verwaschene Jeans, der sackartige, verfusselte Pullover, die ungekämmten, leicht fettigen Haare. Dazu das blasse, müde Gesicht. Sie schüttelte den Kopf, fand sich potthässlich, uralt und abscheulich.
Sie lauschte angestrengt. Draußen war alles still – aber in der Küche knackte es. „Er wird doch nicht?
Sie rannte in die Küche und blickte in die eisfarbenen Augen; die langen Beine mit den Tennissocken hingen da wie zuvor. „Rühr dich bloß nicht vom Fleck!“ Sie rast die Treppe rauf.
Die Tragetasche lag noch unter den Pullovern. Sie schüttete Top und Jeans auf das Bett, zog sich hastig um, warf die alten Sachen in den Kleiderschrank, rannte ins Bad, wusch sich kalt, bürstete die Haare, sprühte etwas Haarspray drauf, warf noch einen kritischen Blick in den Spiegel, blieb unzufrieden, zuckte mit den Achseln und lief wieder nach unten.
Kurt blickte sie lächelnd und bewundernd an; da schoss es ihr blitzartig durch den Kopf! Sie wurde starr vor Schreck. Alles hatte sie falsch gemacht. Alt, müde, geschockt, elend musste sie aussehen – und nicht sexy!
„Oh mein Gott! Was werden die von mir denken!“ Sie hastete zum Flurspiegel und verzog das Gesicht zu einer weinerlichen Grimasse.
„Wie sieht man geschockt und traurig aus? Mist!“ Sie verstrubbelte die Haare. Weit weg hörte sie einen Heulton. „Oh, verdammt! Sie kommen!“
Sie quetschte mit beiden Fäusten das Gesicht, machte sich rote und weiße Flecken, verzog die Nase. Sie wollte traurig sein, spürte nichts und dachte an die kleine Katze, die sie im vorigen Jahr überfahren hatte – das niedliche weißbraune Kätzchen, die niemandem gehört hatte. Sie hatte ihr so Leid getan! Damals hatte sie geweint. Sie schnüffelte leicht – und einige Tränen füllten die Augen.
„Das reicht nicht!“
Sie lief in die Küche; ein übler Geruch erinnerte sie; sie warf einen schnellen Blick in Kurts Gesicht, spritzte sich ein paar Tropfen Wasser ins Gesicht, warf nochmals einen Blick auf den unbeweglichen Kurt, im Flur einen in den Spiegel und hörte schon die jaulenden Signaltöne vor der Einfahrt.
„Genug! Das muss reichen.“
An der Tür klingelte es Sturm. Uniformierte Polizisten, Sanitäter und Notarzt stürmten an ihr vorbei ins Haus.
„Wo?“, rief einer, der einen metallenen Notfallkoffer in der Hand trug.
Ihr blasses, fleckiges, tränennasses Gesicht sah mitleiderregend aus – und niemand beachtete es. „In der Küche – geradeaus!“ Ihr Kopf schmerzte und sie lehnte sich an die Wand. Sie hörte undeutliche Geräusche aus der Küche und dann einen Handy-Klingelton.
Langsam schlich sie ins Wohnzimmer und setzte sich. Die Cognacflasche stand neben einem benutzten Cognacschwenker auf dem Getränkewagen; Kurt hatte sich wohl zwischendurch ein Glas gegönnt – wie so oft in letzter Zeit.
„Den könnte ich jetzt auch gebrauchen. – Aber wie sieht das aus? Im Fernsehen trinken die Mörderinnen auch immer, um ihre Nerven zu beruhigen. Lieber nicht! Silvia – du bist eine Mörderin! Mein Gott, du hast es getan!“
Es klingelte Sturm und sie öffnete die Haustür, ohne hinzusehen. „Kommen Sie herein“, sagte sie geistesabwesend.
„Guten Tag! Frau Berger? Morus, Hans Morus. Ich bin vom 1. Kommissariat, also K 1, zuständig für unnatürliche Todesfälle.“
„Oh! Unnatürliche …“
„Keine Angst, wir müssen jeden Todesfall untersuchen, der nicht von den Ärzten als natürlich abgesegnet wird.“
Sie blickte dem hageren Mann erstmals ins Gesicht. Er war noch jung, hatte einen Stoppelbart und lächelte unschuldig. Die verwaschenen Jeans und das karierte Hemd passten nicht zu ihrem Bild von einem Kommissar; sie blickte ihn mit verschleierten Augen an. „Hat unser Hausarzt das gesagt? Unnatürlich?“
„Nein, nein. Nur die Umstände haben meine uniformierten Kollegen veranlasst, uns zu rufen. Wie heißt er denn, ihr Hausarzt.“
„Krüger, Dr. Ewald Krüger heißt unser Hausarzt – aber der ist nicht hier.“
„Macht nichts, den finde ich schon.“ Er schrieb etwas in ein Miniatur-Blöckchen, das er aus der Hemdenbrusttasche zog, und ging schreibend in die Küche.
Sie schlich ihm nach, spürte ein mulmiges Gefühl in der Magengegend, dachte wieder an den Cognac, stellte sich an den Schrank und sah den Männern zu. Niemand kümmerte sich um sie!
Der Kommissar sprach mit einem uniformierten Polizisten, dann länger mit dem Notarzt. Er schrieb und schrieb, leckte an seinem streikenden Kugelschreiber und schrieb weiter.
„Wo ist der Sicherungskasten?“
Sie zuckte zusammen, warf ihm einen schnellen Blick zu und ging wortlos voran in die Garage. Er folgte in einigem Abstand und sah sich aufmerksam um; sie zeigte mit zittriger Hand auf den Sicherungskasten. Er nahm ein rotes Taschentuch aus der Jeans und zog den Deckel auf. Plötzlich hatte er eine Lupe in der linken Hand, stellte sich auf die Zehenspitzen und betrachtete jeden Sicherungsschalter; dann schloss er den Kasten wieder.
„Hat ihr Mann die Sicherungen heute einmal ausgeschaltet?“
„Oh! Ich glaube – ich weiß nicht. Er wollte mich nie dabei haben, wenn er im Haus was repariert hat. Ich hätte keine Ahnung und meine ständige Fragerei rege ihn auf, sagte er immer. Ich habe oben – im Schlafzimmer – aufgeräumt.“
„Hm.“
Er schrieb, leckte den Kugelschreiber und schrieb.“
„Wie erreiche ich diesen Dr. Krüger?“
„Die Nummer steht im Büchlein – da, neben dem Telefon.“
Sie hörte zu, verstand undeutlich, dass Dr. Krüger sofort kommen sollte.
„Hatte ihr Mann eine Erkrankung? War er akut krank?“
„Sein Herz – er sagte immer, er hätte einen Hinterwandinfarkt gehabt. Deshalb konnte er auch nicht mehr arbeiten – hat er gesagt.“
„Ah! Und wie war er heute? Gab’s Anzeichen für eine Verschlechterung?“
„Ja, schon, eigentlich schon. Ich hab’ ihm gesagt, er soll das Arbeiten lassen und sich ausruhen – und sich nicht so aufregen. Aber er hat nicht gehört.“
„Aufregen? Haben Sie ihn aufgeregt?“

„Nein, nein! Es war nur, weil die neue Lampe zu kurze Kabel hatte. Er war dunkelrot vor Wut – wo die doch so teurer gewesen war, die neue Sparlampe.“
Sie stand wieder in der Küche und hörte das Murmeln der Stimmen, das sie an den Bach erinnerte, der im Park, dicht neben dem Spazierweg herlief. Der beruhigte sie immer, wenn sie sich über Kurt aufgeregt hatte und Helen ihr Leid klagte. Aber dies hier, das regte sie noch mehr auf. Sie konnte nichts verstehen und niemand achtete auf sie; sie schien überflüssig zu sein.
Ihr Ärger wuchs; immerhin war sie eine Hauptperson. Schließlich wurde sie regelrecht wütend, seufzte sehr laut, lehnte sich schräg an den Schrank, wartete einen Augenblick, seufzte wieder – noch lauter – und sackte sehr langsam in die Knie.
„Menschenskind! Geben sie der armen Frau doch was, Dok! Verdammt, immer zuerst die Lebenden! Wie oft soll ich das sagen?“ Der Polizist mit den Jeans sah wütend aus, zeigte auf sie und schüttelte den Kopf.
Zwei Sanitäter hoben sie hoch, stützten sie, führten sie ins Wohnzimmer und ließen sie in den Sessel gleiten. Der Arzt war sehr jung, sah ein bisschen aus wie der Mann bei Mode-Prinz.
„Oh, ist mir übel, Herr Doktor.“ Sie stöhnte herzerweichend, während er ihr den Puls fühlte, sah ihm mit verdrehten Augen zu, als er eine Spritze aufzog und ihr den Arm abband. Der Einstich schmerzte und Nebel waberte vor dem Gesicht des Doktors; dann war sie wirklich ganz weg.
„Hören Sie mich? Hallo, Frau Berger! Hallo! Sind wir wieder da? Wie geht es uns?“
„Waren Sie früher bei Mode-Prinz, Herr Doktor?“, fragte sie mit sanftem Augenaufschlag.
„Sie kommt! Sie ist noch etwas durcheinander, aber sie ist wieder wach. Mensch, Frau Berger, Sie haben uns einen Schreck eingejagt. Sie waren plötzlich bewusstlos“, sagte der Kommissar und las in seinen Notizen.
„Das ist der Schock“, sagte der Arzt und fühlte noch einmal ihren Puls; er hatte sehr weiche und warme Hände.
Es klingelt und sie wollte aufspringen, aber ihre Beine waren wie Gummi.
„Bleiben Sie sitzen! Das wird Ihr Dr. Krüger sein.“
Es war Dr. Krüger. Er war schon der Arzt ihres Vaters gewesen, hatte sie bei der Hausgeburt, die so nicht geplant war, zur Welt gebracht und nannte sie immer ‚Kindchen’. „Was machst du denn für Sachen, Kindchen?“
„Ich nicht, Herr Doktor. Der Kurt macht Sachen – der hat was angestellt.“
Er knurrte und verschwand in der Küche. Der Polizist mit der engen, verwaschenen Jeans ging schnell hinter ihm her und redete dabei auf ihn ein.
Der Notarzt räusperte sich und machte Anstalten, den beiden zu folgen. „Diese Amateurhandwerker! Ohne die Sicherung raus zu drehen, fummeln sie an den Stromleitungen rum. Arme Frau! Sie brauchen jetzt Ruhe.“ Die junge Stimme des Arztes wirkte so sympathisch und ihr wurde ganz anders.
„Stirbt man denn einfach so, Herr Doktor, wenn man eine gewischt kriegt?“
„Ach wo! Eigentlich nicht – es sei denn, man ist schwer herzkrank. Dann kann es sein, dass der Schlag einen Infarkt auslöst. Ist mir schon vorgekommen.“
„Kurt hat immer gesagt, er hätte schon einen Infarkt gehabt; ich hab das nie geglaubt. Der Arme!“
Der Arzt drückte tröstend ihren Oberarm und ging wieder in die Küche. Sie lehnte sich zurück und schloss die Augen. Plötzlich sah sie Kurt auf sich zuwanken. Er hatte ein Kabel in der Hand und ein fieses Lächeln verzerrte sein Gesicht.
„Weiber sind zu blöd für einen Mord. Ha! Nicht mal das kannst du; alles muss ich alleine machen.“
„Haben Sie jemanden, der auf Sie aufpasst?“, fragte eine Stimme und sie öffnete entsetzt die Augen. Vor ihr stand der uniformierte Polizist.
„Ja“, sagte sie matt. „Rufen Sie Helen Schobel an. Die Nummer steht im Büchlein – da vorne, neben dem Telefon.“
„Sie kommt sofort.“ Der Polizist war schnell zurück. „Mein Kollege und ich warten so lange. Wir können sie ja nicht alleine lassen.“
„Mein Mann! Was ist jetzt mit ihm?“
„Es war kein Unfall!“, sagte der für unnatürliche Todesfälle zuständige Kommissar. Er lehnte im Türrahmen und schrieb in seinem Heftchen. Der Kuli funktionierte ohne Lecken!
„Kein Unfall? Oh, mein Gott! Was – was war es denn dann? Mord?“
„Nein, nein. Beruhigen Sie sich. Ihr Hausarzt und der Notarzt sind sich ganz sicher; es war ein Infarkt.“
„Nichts mit Stromschlag? Aber …“
„Ein Infarkt kommt ungerufen, zu allen möglichen Zeiten. Bei ihrem Mann eben, als er bei der Arbeit war. Krüger sagt, er wäre seit einem Jahr ein Infarktkandidat gewesen; war aber nie zu belehren. Hatte wohl auch schon mal einen kleinen Hinterwandinfarkt.“
„Oh – das hat Kurt auch immer gesagt.“
„Nur gelebt hat er nicht danach. Hat ihn erwischt, als er an der Lampe rumgepfuscht hat. War wirklich Pfuscharbeit, was er da vorhatte. Nicht isolierte Drahtverbindungen! Lag aber nicht am Strom; der Infarkt hatte andere Gründe. Ihr Hausarzt stellt gerade den Totenschein aus.“
„Kurt war aber ein guter Handwerker. Sie sollten … Man soll Toten doch nichts Schlechtes nachsagen.“

„Jeder, wie er kann. Es gibt außerdem keine Anhaltspunkte für einen unnatürlichen Tod, nichts, was eine Obduktion rechtfertigen würde. Meine Arbeit ist hiermit beendet. Ich muss Sie lediglich bitten, keine Feuerbestattung vorzunehmen. Sonst müssten wir in jedem Fall obduzieren.“
„Nein, nein! Ich verbrenne den Kurt doch nicht! Der kommt ins Grab, wo schon sein Vater und seine Mutter liegen. Da ist Platz genug. Was soll ich mit Kurt machen? Er ist ganz schmutzig – und riecht. Soll ich ihn waschen?“
„Nein, nein; das brauchen sie nicht. Ihr Dr. Krüger hat ein Bestattungsunternehmen angerufen. Die kommen gleich und holen ihren Mann ab. Für so was sind die zuständig.“
„Gott sei Dank! Aber die schrecklichen Tennissocken sollen die sofort wegwerfen, ja? Können die den Küchentisch auch mitnehmen?“ Sie blinzelte verlegen in das freundliche Polizistengesicht.
„Wohl kaum; notfalls geben Sie ihn zur Müllabfuhr, wenn Sie’s gar nicht anders aushalten. Abwaschen? Reinigen?“
„Nein – furchtbar – ich würde ihn immer zwischen den Tassen liegen sehen.“

Helen und Fred stürmten die Einfahrt hoch, als gelte es ein Leben zu retten. In der Haustür trafen sie mit den uniformierten Polizisten zusammen, die ihnen empfahlen, Frau Berger nicht aufzuregen und sie, wenn möglich, ins Bett zu bringen.
„Silvia! Mensch, was ist los? Wo ist der Kurt? Liegt er noch auf dem Küchentisch?“
Silvia winkte mit schlaff erhobener Hand ab. „Nein, Gott sei Dank! Die haben ihn schon abgeholt – in einem schwarzen Sarg! Und mit einem Mercedes! Wo Kurt doch so auf BMW stand. Stell dir das vor, Helen!“
Während Fred in die Küche ging, um den ‚Tatort’, wie er grinsend sagte, zu besichtigen, hockte sich Helen zu Silvia auf die Couch und hielt ihre Hand fest.
„Armes Ding! Was der Kerl dir alles zumutet. Wie geht es dir? Soll ich dir was bringen?“
Sie wusste nicht, ob sie etwas wollte, fühlte sich leer und einer neuen Ohnmacht nahe. „Nein, nichts. – Ich hab’ ihn nicht umgebracht, Helen! Der Jeans-Polizist ist sich ganz sicher. Wirklich nicht! Selbst dafür war ich zu blöde; der Kerl hat sich einfach so aus dem Staub gemacht. Nicht einmal die Küchenlampe hat er vorher fertig gemacht. Haut einfach ab, das Ekel.“
„Wieso ‚nicht umgebracht’? Hattest du so was vor? Sag bloß, du wolltest ihn wirklich …?“
„Quatsch! Ist mir nur so raus gerutscht. Nein, nein! War ein blöder Scherz. Jedenfalls war er wohl wirklich schwer herzkrank und wir haben es alle nicht geglaubt.“
„Soll ich die Lampe fertig machen?“, rief Fred aus der Küche.
„Oh ja! Mach das, Fred! – Halt! Aber mach vorher die Sicherung raus. Einer genügt! Und stell das Fenster weit auf, hörst du?“
„Ich denke, es war ein Infarkt?“, fragte Helen erstaunt.
„Schon, aber … Könnt ihr vielleicht einen Küchentisch gebrauchen, Helen? Für den Keller oder so?“

Mein liebes Kind…weißt du, das war so:

von Annemie Fetten-Winklhofer (copyright)

Zechen – Fördertürme – Staub – Bergleute
Ach Kind, weiße, dein Opa, dat war noch so´n richtiger Malocher, damals in den Fünfziger Jahren. Da waren noch 48 Wochenstunden Pflicht – auch samstags und sonntags mussten die Kumpels innen Pütt, die Kohle raufholen. Die brachte Geld! Die Fördertürme durften nicht stille stehn. Dat war haate Knochenarbeit, wenn die Kumpels unter Tage in der siebten Sohle die Kohle locker machten und auf die Loren schippten. Und schwatt waren die, schwatt, wenn die wieder oben waren und in den Kauen unter die Duschen gingen. Die schwarzen Augenränder kriegten die mit Wasser und Seife nicht weg. Aber dat alles wurde gut bezahlt! Viele Männer arbeiteten unter der Erde im Pütt. Die schwarzen Diamanten – so sachte man damals – braucht heute keiner mehr. Kameradschaft war bei denen kein Fremdwort. Kuck mal hier, ich hab´noch die Grubenlampe von deinem Opa im Büfett! Dat war ihr einziges Licht unter der Erde. Ihre Lampen trugen die Bergleute um ihren Hals, wenn sie durch die von ihnen in den Stein geschlagenen unterirdischen Gänge robbten. Diese Lampe halte ich in Ehren!
Und wat haben die sich unter Tage alles erzählt! Dat weiß ich. Dein Opa hatte viele Witzkes und auch Zoten vonne 7. Sohle mit nach Hause gebracht. Dein Oppa hatte immer gesagt: “Da unten ohne Sonnenlicht sind wir ganz andere Menschen als über Tage. Wir frozzeln und reißen die gemeinsten Witze – auch über die Weiber – .” Aber wir Frauen hatten damit nix zu tun. Angst hatte ich immer um ihn. Wie oft ist ein Streb unter der Erde zusammengebrochen und hat Männer lebendig begraben. Ne weiße, die Erde bewegt sich ja manchma, da halfen die besten Abstützstempel nichts, wenn´s los ging! Und dann diese Steinstaublunge, die er sich geholt hat vom ständigen Einatmen des Kohlenstaubs da drunten unter der Erde. Atemschutz trugen die nicht, wohl einen Schutzhelm. Ja sicher. Es ist auch schon mal auf Zeche Prinz Regent ein Förderkorb abgestürzt und in die Tiefe gesaust. Gott sei Dank, war dein Opa da nicht drin! – Kind du sagst überhaupt nichts!” – “Ach Oma, erzähl doch weiter, ich hör´dir so gern zu!” – “Nun gut – dann musst du mir aber auch gleich von dir erzählen!” – “Ja sicher.” – “Ach mein Mädchen, Mitte Vierzig wurde dein Oppa Invalide! Weißt du, Silikose war wat Schlimmes! Diese Krankheit hat er sich unter Tage geholt vom ständigen Einatmen des Kohlenstaubs. Hat dein Opa gehustet und gespuckt – auch nachts. Aber von der Invalidenrente konnten wir gut leben. Die Knappschaft zahlt gut – auch heute noch!
Jetzt ist dein Opa schon lange tot. Er war kaum über Fünfzig. Aber er war noch so´n richtigen Kumpel, auch für mich! So einen findse nich no mal. Und den Fusel, den er hin und wieder brauchte zum Steinstaubherunterspülen hab ich ihm gegönnt! Dat war nich so einer, der immer inne Kneipe ging! Er trank sein Pülleken Schabau zuhause hinterm Kohleküchenherd. Jeden Tag hab ich den mit seinen vielen Ringen blank gescheuert. Dann war ich immer richtig stolz, wenn er glänzte. Dat es aber auch die Herde nicht mehr gibt! Immer stand ´ne Kanne heißen Kaffee auf der strahlend glänzenden Herdplatte. Der Herd heizte die ganze große Wohnküche mit dem großen Tisch in der Mitte, an dem wir alle saßen, aßen Mensch ärger dich nicht spielten – und meistens hat deine Mutter auch ihre Schularbeiten an dem Tisch gemacht. Ich hab ihr oft dabei geholfen. Später, als sie dann auf die Oberschule ging, natürlich nicht mehr. Mensch, war dat gemütlich! Wenn dein Oppa gut gelaunt war, hat er deiner Mutter Geschichten erzählt. Die saß dann aufm Fußbänksgen neben deim Oppa und konnte nie genuch kriegen. Manchmal glühte die Herdplatte vom vielen Prokeln mit dem Stocheisen. Ich hatte mich immer gefragt, wo er wohl die vielen Geschichten hernehme.
Die Kohlen krichten wir ja umsonst vonne Zeche. Wennt draußen nebelig war, konntesse nich rausgehen, da wurdesse ganz schwarz. Wenn die Wäsche draußen im Garten auffe Leine hing bei Tiefdruck, konntesse die noch mal waschen in der Waschküche mit dem großen Waschkessel. Da wurde die Wäsche noch sauber! Die wurde richtig gekocht. Nicht nur bei 90 Grad wie das heute bei den elektrischen Waschmaschinen üblich ist! Unn wenn ich den Nachtisch zum Abkühlen auffe Fensterbank raus gestellt habe und kein Tuch drübergelegt hatte, dann waren hinterher schwarze Brösel drauf, die hiessen bei uns „Bochumer Zucker“. Aber et war schön hier im Ruhrpott – damals, wenn die Zechenschlote qualmten. Da wusste man, hier wird malocht. Arbeit hatte jeder, wenn auch nicht bis zur gesetzlichen Altersgrenze, dat ging ja nicht mit der Silikose! Aber heute – bin ich eine alte Frau und Witwe dazu. Ich bin froh, dass ich vonne Knappschaft ´ne gute Rente bekomme!
Weiße, dein Opa liegt schon lange unter der Erde, und ich alte Frau hab ihn immer noch lieb! Kannst du das verstehen? Komm, bring die Gießkanne in dein Auto und lass uns die Blumen auf Oppas Grab gießen!
Weiße, dein Oppa fuhr immer mit dem Fahrrad auffe Zeche. Oft hab ich ihm den Henkelmann mit warmen Essen hingebracht, auch mit´m Rad! Damals gab´s nich viele Autos auf den Straßen. Höchstens son Prokurist vonner angesehenen Firma hatte eins auf Firmenkosten.
Und heute bringst du mir, mein liebes Kind, warmes Essen im Henkelmann mit deinem Auto und verdienst noch gar kein Geld, du studierst ja!
Wat hat deine Mutter denn gekocht?
Übrigens: Wat studiersse eigentlich?
Dein Oppa hätte auch das Zeug dazu gehabt. Aber weisse – können ja nicht alle – oder . . . . ?
Wie ist das heute?
Erzähl du doch mal deiner Großmutter von dir!”
“Ja Oma, jetzt hab ichs aber eilig!”

Taxi

von Annemie Fetten-Winklhofer (copyright)

Heute bin ich glücklich und zufrieden – und eine reiche Geschäftsfrau.
Wie ich das erreicht habe? Nun, astrein ist meine Geschichte nicht. Ich will sie trotzdem erzählen.
Das hing alles mit den beiden Koffern zusammen. Aber erst einmal packte ich meinen Koffer. Ich wollte mit meinem Freund Herbert übers Wochenende verreisen. Ich wollte nicht viel mitnehmen auf diesen kurzen Tripp. Pullover, mein schönstes Kleid, Wäsche und Kosmetiksachen wanderten in meinem schicken schwarzen Lederkoffer. Einmal ausspannen – mit Herbert in einem Firstclass-Hotel mitten in München absteigen und die noble Welt schnuppern.
Die Bahnfahrt wird ätzend mit dem 25-Euro-Wochendticket – hin und zurück kostet das nur so viel (oder so wenig) -– billig, billig! Herbert sagt, man müsse sparen, wo man nur kann. Dreimal müssen wir unterweg umsteigen. Es herrscht Gedränge auf den überfüllten Bahnsteigen, und Randale liegt jedes Mal in der Luft. Kind und Kegel mit Sack und Pack, randalierende Jugendliche, brave Bürger – alle sind unterwegs. Anscheinend gibt´s keine Autos mehr. Ich wäre viel lieber mit dem EC gefahren . Herberts alte Nuckelpinne hält sich mal wieder in der Autowerkstatt auf. Irgendwann und endlich kommen wir in München an. Wir sausen mit der U-Bahn zu unserem Hotel. – – Und – und – und – schon auf den Stufen zum Hotel – bekatzbuckelt von einem Mann in Livree – beginnt das schöne Leben für dieses eine Wochenende. Mein teurer schwarzer Lederkoffer, auf den ich so stolz bin, wird mir förmlich aus der Hand gerissen, und der junge hübsche Hotelboy steigt mit mir in den feudalen Lift, nachdem wir uns an der Rezeption angemeldet haben. Wir fahren hoch in den dritten Stock. Der Boy trägt selbstverständlich meinen Koffer. Wir schreiten über einen mit dickem roten Teppich ausgelegten Flur. Er stellt meinen Koffer in meinem prächtigen Hotelzimmer ab und streckt nicht seine Hand aus fürs Trinkgeld. Das find ich gut.
Ich muss gestehen, bis jetzt habe ich nicht darüber nachgedacht, warum Herbert nicht mit uns in den Lift gestiegen ist. Das ging alles so schnell. Ich hab ihn gar nicht mehr gesehen! Sicher ist er gleich hier. Ich schleudere mit einer gelernten Kopfbewegung meinen roten (echten) Schopf in den Nacken, mache meine schönsten Augen, schau dem Pagen in seine schmachtenden Guckerl und drücke ihm einen Fünfeuroschein in die Faust, die sich nun doch öffnet. “Danke, gnädige Frau!” Ach wie schön!
Wo bleibt Herbert nur? Jetzt werde ich nervös. Der Junge ist fort, undich trete ans Fenster und streife die schweren Samtstores. Die Sonne geht glutrot über München unter. Auf der Straße vor dem Hotel herrscht reges Treiben, Autos hupen, Ampeln wechseln ständig die Farben. Und nun entdecke ich Herbert vor dem Hotel. Mir wird schlecht, meine Knie werden weich, hoffentlich falle ich nicht in Ohnmacht! Herbert wird auf offener Straße in Handschellen abgeführt und in ein Polizeiauto gestoßen. Warum drücken die Jungs in der grünen Uniform immer die vermeintlichen Straftäter am Kopf in die grüne Minna? Peng – . Das habe ich bisher schon unzählige Male in den Krimis gesehen und mich gefragt: “Warum machen die das so?” Und jetzt steck ich selbst mitten drin im Krimi. Live im Krimi? Nein – ich nicht! Ich hab nichts verbrochen. Die Hotelrechnung haben wir im Voraus bezahlt – halbe – halbe. Unter uns gesagt, ich kenne Herbert erst seit zwei Wochen. Er ist schon ein toller Hecht – attraktiv, groß, schlank, Waschbrettbauch – und er verfügt über ein sicheres Auftreten. Im Augenblick sieht es nicht so aus. Sein schönes schwarzes Haar ist zerzaust Kein Wunder! Die grüne Minna düst los. Der Menschenauflauf verteilt sich. Die Rücklichter des Polizeiautos leuchten rot auf im letzten Abendsonnenschein. Die Stadt München begibt sich in eine leichte Kühle nach einem heißen Sommertag. Ich bin allein in meinem Hotelzimmer, und zwar so allein wie ich es in meinem ganzen bisherigen Leben noch nicht war. Habe ich einen Schock? Ich bewege mich wie eine Marionette. Wer mag die Fäden ziehen? Herbert hat den genau gleichen Koffer wie ich auf unsere Kurzreise mitgenommen. Die Beamten trugen seinen Koffer ins Auto. Bin ich traurig? Ich weiß es nicht. Herbert schaute sowieso immer nach anderen Frauen. Das Hotelzimmer ist bezahlt, und mein Ticket für die Bundesbahn gilt auch für die Rückreise. Wie gut, dass Herbert es nicht in seiner Tasche behalten hat. Sagt mir hier denn niemand Bescheid? Vielleicht ist alles nur ein Irrtum, das mit den Handschellen und so . . . . . Ich packe einfach meinen Koffer aus. Gedacht, getan. Ich will warten.
N e i n – n e i n – ich fall nicht um! Es ist überwältigend, was sich da vor meinen Augen tut! So viele gebündelte Tausendmarkscheine anzusehen, ist schon was Sensationelles! Wie im Traum. Ich reibe meine Augen, schließe sie, öffne sie wieder. Realität! Obenauf liegt ein Zettel: Zwei Millionen! Da konnte wohl jemand sein Glück – und jetzt ist es sein Unglück – nicht fassen! Lottomillionär ist Herbert nicht! Mir ist klar, dass unsere Koffer aus Versehen vertauscht worden sind. Das viele Geld kann nur aus dem Bankraub von Buxtehude stammen!
Ein Singsang in meinem Kopf: “Vertauschte Koffer, jetzt bin ich reich. Was soll ich tun? Ich muss übern Teich!” Die Melodie von “Verlorene Liebe, verwunschener Traum, es welken die Herzen wie Blätter am Baum.” Ich muss fort! Ich muss fort! In Windeseile bin ich an der Rezeption. Ich hab Angst. “Ich reise ab,” sage ich kühl. “Jawohl, gnädige Frau, gefällt es Ihnen bei uns nicht?” – “Sicher. Aber ich habe einen nicht voraussehbar gewesenen dringenden Termin, den ich unbedingt wahrnehmen muss.” – “Dann gute Reise!” – “Ein Taxi bitte.!” Der Hotelboy trägt meinen Koffer, den ich ihm zitternd überlasse, zum beigen Mercedes. “Nein nicht den Koffer in den Kofferraum, ich nehme ihn mit nach vorne.” Ich nehme das kostbare Stück an mich, und schon sitze ich neben dem Taxifahrer, der eine Ausstrahlung hat – ein Flair! Von dem träumen sicherlich alle Frauen und Mädchen aus München. Bestimmt ist der verheiratet. “Gnä Frau, wollen´s zum Hauptbahnhof oder zum Flughafen?” Und jetzt gehe ich aufs Ganze. Wie das aussieht, verrate ich nicht. Er ist nicht verheiratet! Er findet mich toll. Er ist süß. Er ist mein Traummann! Liebe auf den ersten Blick von beiden Seiten!
Wir zählen sehr bald beide im Taxi das Geld nach und nicht viel später fliegen wir beiden – ohne Gepäck – irgendwohin, wo uns keiner jemals finden wird. Auf Wiedersehen! Ob wir glücklich werden?
Ja – wir sind es geworden. Wo wir leben, verrate ich nicht.

Zwei Kinder mit roten Haaren haben wir in die Welt gesetzt. Die haben es gut, das heißt, sie haben es besser, als wir es in unserer Jugend hatten. Wir haben ein weltweites Taxiunternehmen ins Leben gerufen. Die zwei Millionen haben wir investiert, die sich sehr bald verdoppelten und verdreifachten. Mein Mann hat es gern, wenn ich “mein geliebter Taxifahrer” zu ihm sage. Noch heute nach Jahren zählen wir gerne Geld.
Wir sind gut angesehen in unserem Gastland.
Dem Herbert von damals konnte man nichts nachweisen. Er wurde sehr bald aus der Untersuchungshaft entlassen und verdient als Callboy sein Geld.
Hab ich ein Glück gehabt in meinem Leben!
Amen.

Ein Mann und eine Frau

von Annemie Fetten-Winklhofer (copyright)

Außer Atem erreichte sie ihr Auto, schloss die Tür auf, warf den Schlüssel auf den Sitz, verriegelte die Tür von innen und zog sie zu. Geschafft. Sie atmete heftig, klemmte sich hinters Steuer und griff den Schlüsselbund vom Beifahrersitz. Mit zitternden Händen brachte sie den Zündschlüssel ins Schloss. Ihre Plateausohlen rutschten von der Kupplung, die Knie versagten den Dienst. Das wutverzerrte Gesicht ihres Verfolgers presste sich ans Seitenfenster. Seine Fäuste trommelten wild an die Scheibe. Eingeengt hockte sie unter der Blechhaube. Ihr Herz pochte wild. Sie rang nach Luft. Sie bekam den Wagen nicht in Gang. Sie trat mit Vehemenz auf das Gaspedal, immer wieder. Abgesoffen! „Du Hure! Du Schandweib!“ Die Fäuste prasselten drauflos. Bemerkte denn niemand was? Ihr Wagen stand im Parkhaus am Rheinufer in Düsseldorf auf dem Frauenparkplatz nahe der Eingangstür zum 3. Parkdeck. Außer ihr und diesem Mann befand sich in diesem Moment kein Mensch auf dem Deck.„Lieber Gott, lieber Gott, so hilf mir doch!“ hämmerte es in ihrem Kopf. Ihr Handy klingelte. Ihre Hände waren nicht frei. Sie drehte den Zündschlüssel, bis die Batterie leer war und in den letzten Zügen röhrte. Ein schadenfrohes gellendes Gelächter ließ sie schaudern. Aus und vorbei? „Komm steig aus, treiben wir’s im Aufzug!“ grölte der ausgerastete Mann.

Dann war’s vorbei. Sie konnte nicht mehr aussteigen. Eine junge attraktive Frau saß zusammengesunken hinter dem Steuer ihres AUDI. Ihr Kopf war auf die Hupe gefallen. Die Lippen waren tiefblau gefärbt. Ein Mann verschwand in Windeseile im Aufzug. Der lang anhaltende, ohrenzerreißende Hupton zog die Aufmerksamkeit eines Wachmanns auf sich und dieser entdeckte schließlich den AUDI mit der leblosen jungen Frau. Im Nu bildete sich eine Menschansammlung. Wo waren sie, als diese Frau Hilfe brauchte? War Fremdeinwirkung im Spiel? Das Fahrzeug wurde mit Gewalt geöffnet. „Herzversagen“ stellte der herbeigerufene Notarzt nüchtern fest.. Die Polizei sperrte das gesamte 3. Parkdeck ab. Kurze Zeit später wurde ein Zinksarg die vielen Treppen heraufgetragen und in den vor dem Parkhaus stehenden Leichenwagen befördert. Gaffer hatten sich eingefunden. Sie zerstreuten sich, als sich der Leichenwagen entfernte.

Einige Tage später folgte ein tief trauernder Mann dem Sarg seiner Frau, die in einem Parkhaus in der Altstadt an akutem Herzversagen verstorben war. Dieser Mann war schnell genug von besagtem Parkdeck verschwunden. Keine Menschenseele hatte bemerkt, wie er zuvor seine schwer herzkranke Frau attackiert hatte. Ihre Klaustrophobie hatte ihr dann wohl den Rest gegeben. Die Obduktion ergab, dass eine Fremdeinwirkung nicht in Frage kommen konnte. Geschafft! Er wird das ansehnliche Vermögen seiner Frau erben. Er konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, als er an seinen Auftritt im Parkhaus dachte. Er wusste genau, wie seine Frau ihn verabscheute, hasste und sich in Todesangst vor seinen ständigen Angriffen hineingesteigert hatte. Das hat sie nun davon! Warum wollte sie auch unbedingt die Scheidung? Aber eigentlich hätte er nicht gedacht, dass es so leicht sein würde.
Weinend stand er am offenen Grab und warf rote Rosen in das stumme, dunkle Loch.

Der Rest des Lebens

von Annemie Fetten-Winklhofer (copyright)

Ich heiße Richard Block, bin 30 Jahre alt, arbeitslos und sitze zur Zeit im Knast.
Ich frage mich: „Ist das alles nur ein Albtraum?“ Meine Nachbarin, dieses gehässige Weib, liefert mich einfach an die Bullen aus für nichts und wieder nichts. Und dann gibt sie noch zum Besten, dass sie genau beobachtet hätte, dass ich am 20. Juli 2003 gegen 15.00 Uhr im unteren Bereich des Montanushofes inmitten einer Menschenmenge in meine Gesäßtasche gegriffen, einen metallenen Gegenstand herausgezogen und geschossen hätte. Das war genau der Zeitpunkt, an dem Hubert Albers erschossen wurde. Und jetzt sitze ich in Untersuchungshaft auf der Ulmer Höhe in Düsseldorf. Alle Indizien sprechen gegen mich. Mein Pflichtverteidiger rät mir, ein volles Geständnis abzulegen.
Und so lief mein Besuch im Montanushof ab:
Am Sonntag, dem 20. Juli 2003, war meine kleine Welt noch in Ordnung. Bei herrlichem Wetter strömten die Menschen von nah und fern herbei, um bei der Wiedereröffnung des Montanushofes dabei zu sein. Getränke gratis, Überraschungen, Attraktionen für die Kinder waren angekündigt worden. Ab 14.00 Uhr war ich dort. Das Ganze wirkte wie ein großer, bunter Bazar. Ich traf noch einen alten Kumpel. Gegen 15.00 Uhr fuhr ich mit dem gläsernen Fahrstuhl nach unten in den Eingangsbereich. Kinder sausten ausgelassen durch das Gebäude. Es war brüllend heiß geworden. Hier unten entdeckte ich den Landrat und den Bürgermeister unserer kleinen Stadt. Sie betrachteten einige Gemälde, die vor dem Frisörsalon ausgestellt waren. Ich ging näher an sie heran. „Wenn ich Gemälde sehe, entspanne ich mich und erfreue mich an den Kunstwerken.“ „Sie malen doch auch, Herr Landrat“, entgegnete der Bürgermeister. „Ihre Gemälde hängen überall in der Verwaltung aus.“ Der Landrat lächelte geschmeichelt. Zwei Männer in den besten Jahren, die es zu was gebracht haben, hielten small talk. Und ich armer Hund bin arbeitslos, weil meine Firma Pleite gemacht hat. Trotz des ohrenbetäubenden Lärms vernahm ich hinter mir zwei männliche Stimmen, und erst, als ich ein metallenes Klicken vernahm, wurde ich hellhörig. „Pass ja auf, dass du den Richtigen triffst in diesem Durcheinander, Frantischek“, zischte ein blonder, gut aussehender Mann im sportlich eleganten Outfit dem neben ihm stehenden, dicken, kleinen Glatzkopf zu. „Was denkst du denn? Ich bin doch kein Anfänger!“ rief dieser dem auf den Ausgang Zustrebenden nach. Ich angelte nach einem, sich in der Auflösung befindenden Schokoriegel in meiner Jeans-Gesäßtasche und schob mir die süße, braune Masse in den Mund. Und da peitschten auch schon 2 Schüsse los. Bruchteile von Sekunden blieb die Welt stehen. Dann schlug die Starre um in Panik. Geschrei: „Die Kinder, schafft die Kinder fort!“ Neben dem Landrat war ein Mann zu Boden gestürzt. Nein, nicht der Bürgermeister, nur irgendein Besucher. Aus seiner rechten Schläfe sickerte Blut. Ist der Mann tot? Es war zu spät. Der Dicke mit der Glatze war verschwunden. Hektische Bewegung kam in die Menschenmenge. Wie eine gackernde Hühnerschar rannten die Leute auf die Stelle zu, wo am Boden lang hingestreckt der Mann lag, den die Kugeln getroffen hatten. Hysterisches Geschrei: „Schrecklich! Schlimm!“ Aber auch: „Nichts wie weg hier! Der Schütze ist vielleicht noch unter uns!“
Alle Handys traten in Aktion. „Platz da!“, schrieen die Sanitäter und bahnten sich mit einer Bahre den Weg durch das Spalier der Gaffer. Vergebens. Der Notarzt stellte den Tod fest. Der Ort des Geschehens wurde von der Polizei abgesperrt, die Menschen aufgefordert, das Gebäude zu verlassen. „Die sind ja alle schnell zur Stelle“, meinte meine plötzlich wie aus dem Nichts aufgetauchte, gehbehinderte Nachbarin. Sie wohnt auf derselben Etage mit mir im Haus in der Schillerstraße 15. Ich hatte sie vorher nicht bemerkt. Sie fuchtelte mit ihrem Krückstock wie besessen in der Luft herum. „Ich weiß, wer’s war!“, kreischte sie los. Sie zielte mit dem Stock auf mich, so dass ich in Deckung gehen musste. „Hier ist der Verbrecher! Ich habe genau gesehen, wie er geschossen hat!“ Die Menschen, die im Begriff waren, den Montanushof zu verlassen, hielten an und bildeten eine gefährliche Mauer um uns herum. „Halten Sie den Mund! Was fällt Ihnen ein?“, versuchte ich ihren Redefluss zu bremsen. „Von wegen!“ Der Stock fuhr wild auf und nieder. Sie krakeelte so lange, bis zwei Uniformierte sich den Weg zu uns bahnten. Sie fischten tatsächlich eine Pistole aus dem hinter mir stehenden Abfallbehälter und hielten mir das Ding triumphierend unter die Nase. „Sie sind verhaftet!“ Im Nu schlossen sich Handschellen um meine Handgelenke. Ich wurde abgeführt. Draußen vor dem Eingang standen der Kleinbus von der Spurensicherung, ein Leichenwagen und ein weiteres Polizeiauto. Mich stieß man mit dem Kopf in das Polizeiauto. Ich sah noch, wie man einen Zinksarg heraustrug. Es war nicht die brütende Sommerhitze, die mir den Schweiß den Rücken herunterjagte. Es war kalter Angstschweiß. Eine ganze Staffel von Polizisten war weiter damit beschäftigt, den Montanushof zu räumen. Der Tag hatte so schön begonnen. Und nun war etwas ganz Schlimmes passiert in dieser unseren Stadt, an diesem attraktiven Tag. Ein Mord war geschehen! Und ich sollte der Mörder sein! Der arme Kerl, der erschossen wurde, wer war das? Ich zerfloss nur in Selbstmitleid.
Bei meiner polizeilichen Vernehmung konnte ich eine ziemlich genaue Beschreibung der beiden Männer abgeben, deren kurzen Dialog ich mitbekommen hatte. Man glaubte mir kein Wort. Jedoch wurde ein ziemlich genaues Phantombild erstellt. Aber nur, um die Männer evtl. befragen zu können, ob auch sie als Zeugen gegen mich aussagen können.

Der Tag danach – Montagmorgen
Um 7.30 Uhr in der Frühe bremst vor dem Polizeipräsidium in Neuss das Auto des Kommissars Günter Adel. Sein dichtes graues Haar ist kurz geschnitten. Seine Augen funkeln vor Tatendrang. Er springt aus dem Auto. Leichter Nieselregen verdampft auf dem Asphalt des Parkplatzes. Er betritt das Gebäude. In der Anmeldung steht der Landrat und blättert im Erft-Kurier. Das Titelblatt nimmt ein Riesenfoto ein. Eine weißhaarige, alte Frau mit zusammengekniffenen Lippen stellt es dar. Die knallige Überschrift lautet: „Alte Dame konnte den Mörder aus dem Montanushof dingfest machen.“ Der Landrat ist leger gekleidet. Die beiden Männer gehen in die Kantine, einen Kaffee zu trinken. „Der Mord in Grevenbroich ist ja wirklich total verrückt.

Wo ist das Motiv bei diesem festgenommenen Habenichts?“
„Ja, diese schnelle Aufklärung ist einfach zu glatt, Peter“, entgegnet der Kommissar. „Dafür, dass du herausfindest, welche Motive im Spiel waren, wirst du ja bezahlt, mein lieber Günter“, meint der Landrat trocken. Der Landrat verabschiedet sich bald wegen wichtiger Termine. Er steht unter Polizeischutz. Der Kommissar jongliert seine Tasse Kaffee in das Büro seines Mitarbeiters, Hermann Kruse. Der junge eifrige Beamte sitzt übernächtigt an seinem Schreibtisch hinter dem Computer. „Ihm gebührt irgendwann ein Lob“, sinniert der Kommissar. Er überfällt ihn förmlich mit Fragen. „Habt ihr den Ermordeten durch den Computer laufen lassen? Wir können nicht ausschließen, dass er vorbestraft war. Ist er?“ „Nein. Er ist nur 35 Jahre alt geworden, geschieden und lebte allein in einem Reihenhaus in Grevenbroich auf dem Usedomweg. Seinen PKW haben die Kollegen sicher gestellt. Richard Block, der Täter, ist ein arbeitsloser Techniker. Vielleicht ist er gedungen worden und sollte für Geld den Bürgermeister oder den Landrat töten.“ Fragen über Fragen. „Auf der Waffe waren keine Fingerabdrücke. Also trug er Handschuhe. Er ist nicht vorbestraft“, beendet Hermann Kruse seinen Redefluss. Es klopft an der Tür. Ohne auf ein Herein zu warten, betritt Ute Langenhagen das Büro. „Ich bin vom Lokalsender“, stellt sie sich vor. Die Blicke der beiden Männer irren zwischen dem zu engen T-Shirt und den blauen Augen hin und her. „Ist der Mordfall vom Montanushof wirklich aufgeklärt? Gibt es Einzelheiten, über die wir berichten können? Hatte der Mörder überhaupt ein Motiv?“, spult sie herunter. „Die Untersuchungen sind noch nicht abgeschlossen“, antwortet der Kommissar kurz angebunden. „Wir sollten uns im Auge behalten“, flötet die Schöne und drückt ihre Visitenkarte dem immer noch wie hypnotisiert dasitzenden Hermann Kruse in die Hand und rauscht hinaus. “Man sieht sich!“ „Kennen Sie die?“ „Nein. Natürlich nicht!“
Der nächste Tag – Dienstagvormittag
Am Grenzübergang Schwanenhaus in Kaldenkirchen halten zwei Zollbeamte gegen 10.00 Uhr einen schwarzen BMW mit Neusser Kennzeichen an.

Die schlenkernde Fahrweise des mit beiden Armen herumfuchtelnden, weizenblonden Fahrers, Henry Mey, der sich wohl heftig mit seinem glatzköpfigen Beifahrer, Frantischek Hofer, streitet, hat zur Folge, dass der attraktive Mann sich einem Alkoholtest unterziehen muss. Ergebnis: Negativ. Auch der Beifahrer muss aussteigen, während der jüngere Zollbeamte das Fahrzeug durchsucht. Überrascht entdeckt er eine Schachtel Patronen im Handschuhfach. Sie entsprechen dem Kaliber der Waffe, mit der am Sonntag in Grevenbroich ein Mann erschossen wurde. Eine Ahnung glimmt in den dunklen Augen des jungen Mannes auf, während sein Kollege noch mit den Fahrzeugpapieren beschäftigt ist. „Ja, das Phantombild“, geht es ihm durch den Kopf, „diese Ähnlichkeit.“ Er hat eine Idee.

Er tut einfach so, als hätte er die Patronen nicht bemerkt und fotografiert vorsorglich den Inhalt des Handschuhfaches. Die beiden Typen sind ihm nicht geheuer. Er befestigt eine Miniwanze unter dem Handschuhfach, die wohl kaum entdeckt werden kann. Bevor die beiden Männer zur Weiterfahrt aufgefordert werden, unterrichtet der junge Zöllner seinen Kollegen über seine Vorgehensweise und erhält dessen Zustimmung. „Gute Weiterfahrt! Und entschuldigen Sie die Unterbrechung!“ Der alte BMW setzt sich in Bewegung. Der Dicke chauffiert.
„O Gott Frantischek, was bist du nur für ein widerliches, dämliches Wesen“, sagt der neben ihm sitzende Henry Mey, als er das Handschuhfach öffnet und dann auf das bloße schwitzende Haupt des Fahrers starrt. „Du kannst dem lieben Gott auf Knien danken, dass diese Vollidioten die Patronenpackung nicht gefunden haben!“ Er kurbelt sein Fenster herunter und wirft die Schachtel hinaus. Schweißtriefend hockt der Dicke hinter dem Steuer. „Was ist, wenn ich, sollte es jemals dazu kommen, einfach sage, dass du geschossen hast?“ Der lange Blonde kann nur höhnisch erwidern: „Du Idiot hast alles vermasselt. Den Landrat solltest du killen und nicht so einen harmlosen, dahergelaufenen Nobody. Das Kopfgeld kannst du abschreiben. Du kannst nur hoffen, dass der Kerl, der verhaftet wurde, auch brummen muss.“ „Da mache ich mir keine Gedanken. Die Alte hat so toll ausgesagt, da kann ja gar nichts schief gehen.“ Die beiden ungleich aussehenden Männer beschuldigen sich gegenseitig lauthals mit Vorwürfen und verstricken sich immer mehr in ein astreines Geständnis. An der Maas wendet der BMW. An ihr eigentliches Vorhaben trauen sie sich nach dem heutigen Vorfall an der Grenze nicht heran. Sie wollten sich mit einem Rauschgifthändler treffen. Per Handy sagt Herbert Mey den Termin ab. Ja, und was die beiden sich in ihren allerschlimmsten Albträumen nicht vorstellen können, wird für sie zur traurigen Gewissheit. Sie haben in ihrer Streitsucht nicht bemerkt, dass sie auf ihrer Fahrt durch Venlo von einem weißen Renault verfolgt worden sind. Die Zöllner haben gute Arbeit geleistet und ihre Beobachtungen an die richtige Stelle weitergeleitet. Das zänkische, unbeabsichtigte Geständnis der beiden Verbrecher haben zwei Kripobeamte bis ins Detail mitgehört.
Und wie geht`s weiter?
Die beiden Verbrecher sitzen sehr bald in einem Polizeifahrzeug und werden gratis mit Blaulicht und in Handschellen über die Autobahn befördert. Die Männer baden in Angstschweiß und beschimpfen sich gegenseitig. In Neuss biegt das Fahrzeug ab. In halsbrecherischem Tempo, mit rotierenden Reifen stoppt der Wagen vor dem Polizeipräsidium. Die zwei Beamten führen die Verbrecher direkt ins Dienstzimmer des Kommissars, der schon ungeduldig wartet. So ein Pech aber auch! Bei der Leibesvisitation von Herbert Mey fällt den Beamten ein gelber, mit Zahlen und Zeichen beschriebener Spickzettel in die Hände. Herbert Mey verfärbt sich. Mit flinken Fingern haut Hermann Kruse, der Computerspezialist, in die Tasten. Nachdem der Computer abgestürzt und wieder in Betrieb gebracht wird, öffnet sich nach langem Hin und Her eine Web-Seite, die da lautet: http://www.mach-jeden-kalt.de. Einen fast todwunden Schrei gibt Frantischek Hofer von sich, als er erfahren muss, dass sein Kumpan bereits 20.000 EURO kassiert hat, von denen er nach Erledigung des Auftrages nur 5.000 abbekommen sollte. „Abführen!

Abführen! Abführen!“, tobt der Kommissar außer sich.
Neusser Computer-Experten werden fündig und verhaften die Homepage-Betreiber in einem Schnellverfahren, das einmalig ist. Diese Seiten gibt es nun nicht mehr im Internet. Die Betreiber sitzen. Es stellt sich heraus, dass irgend so ein selbst ernannter geistig verwirrter Künstler aus Köln die Homepage-Betreiber beauftragt hat, den Landrat zu töten, weil dessen Kunstwerke im Gegensatz zu seinen trivialen Bildern über die Grenzen Nordrhein-Westfalens hinaus Anerkennung finden. Auch dieser Möchtegern-Künstler wird verhaftet.
Für Richard Block öffnet ich das Gefängnistor. „Und heute beginnt der Rest meines Lebens“, erkennt er tief aufatmend.

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