Das Erlebnis des Marschalls von Bassompierre

von Hugo von Hofmannsthal

Zu einer gewissen Zeit meines Lebens brachten es meine Dienste mit sich, dass ich ziemlich regelmässig mehrmals in der Woche um eine gewisse Stunde über die kleine Brücke ging (denn der Pontneuf war damals noch nicht erbaut) und dabei meist von einigen Handwerkern oder anderen Leuten aus dem Volk erkannt und gegrüsst wurde, am auffälligsten aber und regelmässigsten von einer sehr hübschen Krämerin, deren Laden an einem Schild mit zwei Engeln kenntlich war, und die, sooft ich in den fünf oder sechs Monaten vorüberkam, sich tief neigte und mir so weit nachsah, als sie konnte. Ihr Betragen fiel mir auf, ich sah sie gleichfalls an und dankte ihr sorgfältig. Einmal, im Spätwinter, ritt ich von Fontainebleau nach Paris, und als ich wieder die kleine Brücke heraufkam, trat sie an ihre Ladentür und sagte zu mir, indem ich vorbeiritt: »Mein Herr, Ihre Dienerin!” Ich erwiderte ihren Gruss, und indem ich mich von Zeit zu Zeit umsah, hatte sie sich weiter vorgelehnt, um mir so weit als möglich nachzusehen. Ich hatte einen Bedienten und einen Postillon hinter mir, die ich noch diesen Abend mit Briefen an gewisse Damen nach Fontainebleau zurückschicken wollte. Auf meinen Befehl stieg der Bediente ab und ging zu der jungen Frau, ihr in meinem Namen zu sagen, dass ich ihre Neigung, mich zu sehen und zu grüssen, bemerkt hätte; ich wollte, wenn sie wünschte, mich näher kennenzulernen, sie aufsuchen, wo sie verlangte.
Sie antwortete dem Bedienten: er hätte ihr keine erwünschtere Botschaft bringen können, sie wollte kommen, wohin ich sie bestellte.
Im Weiterreiten fragte ich den Bedienten, ob er nicht etwa einen Ort wüsste, wo ich mit der Frau zusammenkommen könnte. Er antwortete, dass er sie zu einer gewissen Kupplerin führen wollte; da er aber ein sehr besorgter und gewissenhafter Mensch war, dieser Diener Wilhelm aus Courtrai, so setzte er gleich hinzu: da die Pest sich hie und da zeige und nicht nur Leute aus dem niedrigen und schmutzigen Volk, sondern auch ein Doktor und ein Domherr schon daran gestorben seien, so rate er mir, Matratzen, Decken und Leintücher aus meinem Hause mitbringen zu lassen. Ich nahm den Vorschlag an, und er versprach, mir ein gutes Bett zu bereiten. Vor dem Absteigen sagte ich noch, er solle auch ein ordentliches Waschhecken dorthin tragen, eine kleine Flasche mit wohlriechender Essenz und etwas Backwerk und Äpfel; auch solle er dafür sorgen, dass das Zimmer tüchtig geheizt werde, denn es war so kalt, dass mir die Füsse im Bügel steif gefroren waren, und der Himmel hing voll Schneeflocken.
Den Abend ging ich hin und fand eine sehr schöne Frau von ungefähr zwanzig Jahren auf dem Bette sitzen, indes die Kupplerin, ihren Kopf und ihren runden Rücken in ein schwarzes Tuch eingemummt, eifrig in sie hineinredete. Die Tür war angelehnt, im Kamin lohten grosse frische Scheiter geräuschvoll auf, man hörte mich nicht kommen, und ich blieb einen Augenblick in der Tür stehen. Die Junge sah mit grossen Augen ruhig in die Flamme; mit einer Bewegung ihres Kopfes hatte sie sich wie auf Meilen von der widerwärtigen Alten entfernt; dabei war unter einer kleinen Nachthaube, die sie trug, ein Teil ihrer schweren dunklen Haare vorgequollen und fiel, zu ein paar natürlichen Locken sich ringelnd, zwischen Schulter und Brust über das Hemd. Sie trug noch einen kurzen Unterrock von grünwollenem Zeug und Pantoffeln an den Füssen. In diesem Augenblick musste ich mich durch ein Geräusch verraten haben: Sie warf ihren Kopf herum und bog mir ein Gesicht entgegen, dem die übermässige Anspannung der Züge fast einen wilden Ausdruck gegeben hätte, ohne die strahlende Hingebung, die aus den weit aufgerissenen Augen strömte und aus dem sprachlosen Mund wie eine unsichtbare Flamme herausschlug. Sie gefiel mir ausserordentlich; schneller, als es sich denken lässt, war die Alte aus dem Zimmer und ich bei meiner Freundin.

Als ich mir in der ersten Trunkenheit des überraschenden Besitzes einige Freiheiten herausnehmen wollte, entzog sie sich mir mit einer unbeschreiblich lebenden Eindringlichkeit zugleich des Blickes und der dunkeltönenden Stimme. Im nächsten Augenblick aber fühlte ich mich von ihr umschlungen, die noch inniger mit dem fort und fort empordrängenden Blick der unerschöpflichen Augen als mit den Lippen und den Armen an mir haftete; dann wieder war es, als wollte sie sprechen, aber die von Küssen zuckenden Lippen bildeten keine Worte, die bebende Kehle liess keinen deutlicheren Laut als ein gebrochenes Schluchzen empor.
Nun hatte ich einen grossen Teil dieses Tages zu Pferde auf frostigen Landstrassen verbracht, nachher im Vorzimmer des Königs einen sehr ärgerlichen und heftigen Auftritt durchgemacht und darauf, meine schlechte Laune zu betäuben, sowohl getrunken als mit dem Zweihänder stark gefochten, und so überfiel mich mitten unter diesem reizenden und geheimnisvollen Abenteuer, als ich von weichen Armen im Nacken umschlungen und mit duftendem Haar bestreut dalag, eine so plötzliche heftige Müdigkeit und beinahe Betäubung, dass ich mich nicht mehr zu erinnern wusste, wie ich denn gerade in dieses Zimmer gekommen wäre, ja sogar für einen Augenblick die Person, deren Herz so nahe dem meinigen klopfte, mit einer ganz anderen aus früherer Zeit verwechselte und gleich darauf fest einschlief.
Als ich wieder erwachte, war es noch finstere Nacht, aber ich fühlte sogleich, dass meine Freundin nicht mehr bei mir war. Ich hob den Kopf und sah beim schwachen Schein der zusammensinkenden Glut, dass sie am Fenster stand: Sie hatte den einen Laden aufgeschoben und sah durch den Spalt hinaus. Dann drehte sie sich um, merkte, dass ich wach war, und rief (ich sehe noch, wie sie dabei mit dem Ballen der linken Hand an ihrer Wange emporfuhr und das vorgefallene Haar über die Schulter zurückwarf): „Es ist noch lange nicht Tag, noch lange nicht!« Nun sah ich erst recht, wie gross und schön sie war, und konnte den Augenblick kaum erwarten, dass sie mit wenigen der ruhigen grossen Schritte ihrer schönen Füsse, an denen der rötliche Schein emporglomm, wieder bei mir wäre. Sie trat aber noch vorher an den Kamin, bog sich zur Erde, nahm das letzte schwere Scheit, das draussen lag, in ihre strahlenden nackten Arme und warf es schnell in die Glut. Dann wandte sie sich, ihr Gesicht funkelte von Flammen und Freude, mit der Hand riss sie im Vorbeilaufen einen Apfel vom Tisch und war schon bei mir, ihre Glieder noch vom frischen Anhauch des Feuers umweht und dann gleich aufgelöst und von innen her von stärkeren Flammen durchschüttert, mit der Rechten mich umfassend, mit der Linken zugleich die angebissene kühle Frucht und Wangen, Lippen und Augen meinem Mund darbietend. Das letzte Scheit im Kamin brannte stärker als alle anderen. Aufsprühend sog es die Flamme in sich und liess sie dann wieder gewaltig emporlohen, dass der Feuerschein über uns hinschlug, wie eine Welle, die an der Wand sich brach und unsere umschlungenen Schatten jäh emporhob und wieder sinken liess. Immer wieder knisterte das starke Holz und nährte aus seinem Innern immer wieder neue Flammen, die emporzüngelten und das schwere Dunkel mit Güssen und Garben von rötlicher Helle verdrängten. Auf einmal aber sank die Flamme hin, und ein kalter Lufthauch tat leise wie eine Hand den Fensterladen auf und entblösste die fahle widerwärtige Dämmerung.

Wir setzten uns auf und wussten, dass nun der Tag da war. Aber das da draussen glich keinem Tag. Es glich nicht dem Aufwachen der Welt. Was da draussen lag, sah nicht aus wie eine Strasse. Nichts Einzelnes liess sich erkennen: es war ein farbloser, wesenloser Wust, in dem sich zeitlose Larven hinbewegen mochten. Von irgendwoher, weit her, wie aus der Erinnerung heraus, schlug eine Turmuhr, und eine feuchtkalte Luft, die keiner Stunde angehörte, zog sich immer stärker herein, dass wir uns schaudernd aneinanderdrückten. Sie bog sich zurück und heftete ihre Augen mit aller Macht auf mein Gesicht; ihre Kehle zuckte, etwas drängte sich in ihr herauf und quoll bis an den Rand der Lippen vor: es wurde kein Wort daraus, kein Seufzer und kein Kuss, aber etwas, was ungeboren allen dreien glich. Von Augenblick zu Augenblick wurde es heller und der vielfältige Ausdruck ihres zuckenden Gesichts immer redender; auf einmal kamen schlürfende Schritte und Stimmen von draussen so nahe am Fenster vorbei, dass sie sich duckte und ihr Gesicht gegen die Wand kehrte. Es waren zwei Männer, die vorbeigingen: einen Augenblick fiel der Schein einer kleinen Laterne, die der eine trug, herein; der andere schob einen Karren, dessen Rad knirschte und ächzte. Als sie vorüber waren, stand ich auf, schloss den Laden und zündete ein Licht an. Da lag noch ein halber Apfel: wir assen ihn zusammen, und dann fragte ich sie, ob ich sie nicht noch einmal sehen könnte, denn ich verreise erst Sonntag. Dies war aber die Nacht vom Donnerstag auf den Freitag gewesen.
Sie antwortete mir: dass sie es gewiss sehnlicher verlange als ich; wenn ich aber nicht den ganzen Sonntag bliebe, sei es ihr unmöglich; denn nur in der Nacht vom Sonntag auf den Montag könnte sie mich wiedersehen.
Mir fielen zuerst verschiedene Abhaltungen ein, so dass ich einige Schwierigkeiten machte, die sie mit keinem Worte, aber mit einem überaus schmerzlich fragenden Blick und einem gleichzeitigen fast unheimlichen Hart- und Dunkelwerden ihres Gesichts anhörte. Gleich darauf versprach ich natürlich, den Sonntag zu bleiben, und setzte hinzu, ich wollte also Sonntag abend mich wieder an dem nämlichen Ort einfinden. Auf dieses Wort sah sie mich fest an und sagte mir mit einem ganz rauhen und gebrochenen Ton in der Stimme: »Ich weiss recht gut, dass ich um deinetwillen in ein schändliches Haus gekommen bin; aber ich habe es freiwillig getan, weil ich mit dir sein wollte, weil ich jede Bedingung eingegangen wäre. Aber jetzt käme ich mir vor wie die letzte, niedrigste Strassendirne, wenn ich ein zweites Mal hierher zurückkommen könnte. Um deinetwillen hab ich’s getan, weil du für mich der bist, der du bist, weil du der Bassompierre bist, weil du der Mensch auf der Welt bist, der mir durch seine Gegenwart dieses Haus da ehrenwert macht!” Sie sagte: „Haus”; einen Augenblick war es, als wäre ein verächtlicheres Wort ihr auf der Zunge; indem sie das Wort aussprach, warf sie auf diese vier Wände, auf dieses Bett, auf die Decke, die herabgeglitten auf dem Boden lag, einen solchen Blick, dass unter der Garbe von Licht, die aus ihren Augen hervorschoss, alle diese hässlichen und gemeinen Dinge aufzuzucken und geduckt vor ihr zurückzuweichen schienen, als wäre der erbärmliche Raum wirklich für einen Augenblick grösser geworden.

Dann setzte sie mit einem unbeschreiblich sanften und feierlichen Tone hinzu: „Möge ich eines elenden Todes sterben, wenn ich ausser meinem Mann und dir je irgendeinem andern gehört habe und nach irgendeinem anderen auf der Welt verlange!” und schien, mit halboffenen, lebenhauchenden Lippen leicht vorgeneigt, irgendeine Antwort, eine Beteuerung meines Glaubens zu erwarten, von meinem Gesicht aber nicht das zu lesen, was sie verlangte, denn ihr gespannter suchender Blick trübte sich, ihre Wimpern schlugen auf und zu, und auf einmal war sie am Fenster und kehrte mir den Rücken, die Stirn mit aller Kraft an den Laden gedrückt, den ganzen Leib von lautlosem, aber entsetzlich heftigem Weinen so durchschüttert, dass mir das Wort im Munde erstarb und ich nicht wagte, sie zu berühren. Ich erfasste endlich eine ihrer Hände, die wie leblos herabhingen, und mit den eindringlichsten Worten, die mir der Augenblick eingab, gelang es mir nach langem, sie so weit zu besänftigen, dass sie mir ihr von Tränen überströmtes Gesicht wieder zukehrte, bis plötzlich ein Lächeln, wie ein Licht zugleich aus den Augen und rings um die Lippen hervorbrechend, in einem Moment alle Spuren des Weinens wegzehrte und das ganze Gesicht mit Glanz überschwemmte. Nun war es das reizendste Spiel, wie sie wieder mit mir zu reden anfing, indem sie sich mit dem Satz: “Du willst mich noch einmal sehen? so will ich dich bei meiner Tante einlassen!” endlos herumspielte, die erste Hälfte zehnfach aussprach, bald mit süsser Zudringlichkeit, bald mit kindischem gespieltem Misstrauen, dann die zweite mir als das grösste Geheimnis zuerst ins Ohr flüsterte, dann mit Achselzucken und spitzem Mund, wie die selbstverständlichste Verabredung von der Welt, über die Schulter hinwarf und endlich, an mir hängend, mir ins Gesicht lachend und schmeichelnd wiederholte. Sie beschrieb mir das Haus aufs genaueste, wie man einem Kind den Weg beschreibt, wenn es zum erstenmal allein über die Strasse zum Bäcker gehen soll. Dann richtete sie sich auf, wurde ernst – und die ganze Gewalt ihrer strahlenden Augen heftete sich auf mich mit einer solchen Stärke, dass es war, als müssten sie auch ein totes Geschöpf an sich zu reissen vermögend sein – und fuhr fort: „Ich will dich von zehn Uhr bis Mitternacht erwarten und auch noch später und immerfort, und die Tür unten wird offen sein. Erst findest du einen kleinen Gang, in dem halte dich nicht auf, denn da geht die Tür meiner Tante heraus. Dann stösst dir eine Treppe entgegen, die führt dich in den ersten Stock, und dort bin ich!” Und indem sie die Augen schloss, als ob ihr schwindelte, warf sie den Kopf zurück, breitete die Arme aus und umfing mich, und war gleich wieder aus meinen Armen und in die Kleider eingehüllt, fremd und ernst, und aus dem Zimmer; denn nun war völlig Tag.

Ich machte meine Einrichtung, schickte einen Teil meiner Leute mit meinen Sachen voraus und empfand schon am Abend des nächsten Tages eine so heftige Ungeduld, dass ich bald nach dem Abendläuten mit meinem Diener Wilhelm, den ich aber kein Licht mitnehmen hiess, über die kleine Brücke ging, um meine Freundin wenigstens in ihrem Laden oder in der daranstossenden Wohnung zu sehen und ihr allenfalls ein Zeichen meiner Gegenwart zu geben, wenn ich mir auch schon keine Hoffnung auf mehr machte, als etwa einige Worte mit ihr wechseln zu können.

Um nicht aufzufallen, blieb ich an der Brücke stehen und schickte den Diener voraus, um die Gelegenheit auszukundschaften. Er blieb längere Zeit aus und hatte beim Zurückkommen die niedergeschlagene und grübelnde Miene, die ich an diesem braven Menschen immer kannte, wenn er einen meinigen Befehl nicht hatte erfolgreich ausführen können. „Der Laden ist versperrt«, sagte er, „und scheint auch niemand darinnen. Überhaupt lässt sich in den Zimmern, die nach der Gasse zu liegen, niemand sehen und hören. In den Hof könnte man nur über eine hohe Mauer, zudem knurrt dort ein grosser Hund. Von den vorderen Zimmern ist aber eines erleuchtet, und man kann durch einen Spalt im Laden hineinsehen, nur ist es leider leer.«
Missmutig wollte ich schon umkehren, strich aber doch noch einmal langsam an dem Haus vorbei, und mein Diener in seiner Beflissenheit legte nochmals sein Auge an den Spalt, durch den ein Lichtschimmer drang, und flüsterte mir zu, dass zwar nicht die Frau, wohl aber der Mann nun in dem Zimmer sei. Neugierig, diesen Krämer zu sehen, den ich mich nicht erinnern konnte, auch nur ein einziges Mal in seinem Laden erblickt zu haben, und den ich mir abwechselnd als einen unförmlichen dicken Menschen oder als einen dürren gebrechlichen Alten vorstellte, trat ich ans Fenster und war überaus erstaunt, in dem guteingerichteten vertäfelten Zimmer einen ungewöhnlich grossen und sehr gut gebauten Mann umhergehen zu sehen, der mich gewiss um einen Kopf überragte und, als er sich umdrehte, mir ein sehr schönes tiefernstes Gesicht zuwandte, mit einem braunen Bart, darin einige wenige silberne Fäden waren, und mit einer Stirn von fast seltsamer Erhabenheit, so dass die Schläfen eine grössere Fläche bildeten, als ich noch je bei einem Menschen gesehen hatte. Obwohl er ganz allein im Zimmer war, so wechselte doch sein Blick, seine Lippen bewegten sich, und indem er unter dem Aufundabgehen hie und da stehenblieb, schien er sich in der Einbildung mit einer anderen Person zu unterhalten: einmal bewegte er den Arm, wie um eine Gegenrede mit halb nachsichtiger Überlegenheit wegzuweisen. Jede seiner Gebärden war von grosser Lässigkeit und fast verachtungsvollem Stolz, und ich konnte nicht umhin, mich bei seinem einsamen Umhergehen lebhaft des Bildes eines sehr erhabenen Gefangenen zu erinnern, den ich im Dienst des Königs während seiner Haft in einem Turmgemach des Schlosses zu Blois zu bewachen hatte.
Diese Ähnlichkeit schien mir noch vollkommener zu werden, als der Mann seine rechte Hand emporhob und auf die emporgekrümmten Finger mit Aufmerksamkeit, ja mit finsterer Strenge hinabsah.

Denn fast mit der gleichen Gebärde hatte ich jenen erhabenen Gefangenen öfter einen Ring betrachten sehen, den er am Zeigefinger der rechten Hand trug und von welchem er sich niemals trennte. Der Mann im Zimmer trat dann an den Tisch, schob die Wasserkugel vor das Wachslicht und brachte seine beiden Hände in den Lichtkreis, mit ausgestreckten Fingern: er schien seine Nägel zu betrachten. Dann blies er das Licht aus und ging aus dem Zimmer und liess mich nicht ohne eine dumpfe zornige Eifersucht zurück, da das Verlangen nach seiner Frau in mir fortwährend wuchs und wie ein um sich greifendes Feuer sich von allem nährte, was mir begegnete, und so durch diese unerwartete Erscheinung in verworrener Weise gesteigert wurde, wie durch jede Schneeflocke, die ein feuchtkalter Wind jetzt zertrieb und die mir einzeln an Augenbrauen und Wangen hängenblieben und schmolzen.

Den nächsten Tag verbrachte ich in der nutzlosesten Weise, hatte zu keinem Geschäft die richtige Aufmerksamkeit, kaufte ein Pferd, das mir eigentlich nicht gefiel, wartete nach Tisch dem Herzog von Nemours auf und verbrachte dort einige Zeit mit Spiel und mit den albernsten und widerwärtigsten Gesprächen. Es war nämlich von nichts anderem die Rede als von der in der Stadt immer heftiger um sich greifenden Pest, und aus allen diesen Edelleuten brachte man kein anderes Wort heraus als dergleichen Erzählungen von dem schnellen Verscharren der Leichen, von dem Strohfeuer, das man in den Totenzimmern brennen müsse, um die giftigen Dünste zu verzehren, und so fort; der Albernste aber erschien mir der Kanonikus von Chandieu, der, obwohl dick und gesund wie immer, sich nicht enthalten konnte, unausgesetzt nach seinen Fingernägeln hinabzuschielen, ob sich an ihnen schon das verdächtige Blauwerden zeige, womit sich die Krankheit anzukündigen pflegt.
Mich widerte das alles an, ich ging früh nach Hause und legte mich zu Bette, fand aber den Schlaf nicht, kleidete mich vor Ungeduld wieder an und wollte, koste es, was es wolle, dorthin, meine Freundin zu sehen, und müsste ich mit meinen Leuten gewaltsam eindringen. Ich ging ans Fenster, meine Leute zu wecken, die eisige Nachtluft brachte mich zur Vernunft, und ich sah ein, dass dies der sichere Weg war, alles zu verderben. Angekleidet warf ich mich aufs Bett und schlief endlich ein.
Ähnlich verbrachte ich den Sonntag bis zum Abend, war viel zu früh in der bezeichneten Strasse, zwang mich aber, in einer Nebengasse auf und nieder zu gehen, bis es zehn Uhr schlug. Dann fand ich sogleich das Haus und die Tür, die sie mir beschrieben hatte, und die Tür auch offen, und dahinter den Gang und die Treppe. Oben aber die zweite Tür, zu der die Treppe fahrte, war verschlossen, doch liess sie unten einen feinen Lichtstreif durch. So war sie drinnen und wartete und stand vielleicht horchend drinnen an der Tür wie ich draussen. Ich kratzte mit dem Nagel an der Tür, da hörte ich drinnen Schritte: es schienen mir zögernd unsichere Schritte eines nackten Fusses.

Eine Zeit stand ich ohne Atem, und dann fing ich an zu klopfen: aber ich hörte eine Mannesstimme, die mich fragte, wer da draussen sei. Ich drückte mich ans Dunkel des Türpfostens und gab keinen Laut von mir: die Tür blieb zu, und ich klomm mit der äussersten Stille, Stufe für Stufe, die Stiege hinab, schlich den Gang hinaus ins Freie und ging mit pochenden Schläfen und zusammengebissenen Zähnen, glühend vor Ungeduld, einige Strassen auf und ab. Endlich zog es mich wieder vor das Haus: ich wollte noch nicht hinein; ich fühlte, ich wusste, sie würde den Mann entfernen, es müsste gelingen, gleich würde ich zu ihr können. Die Gasse war eng; auf der anderen Seite war kein Haus, sondern die Mauer eines Klostergartens: an der drückte ich mich hin und suchte von gegenüber das Fenster zu erraten. Da loderte in einem, das offenstand, im oberen Stockwerk, ein Schein auf und sank wieder ab, wie von einer Flamme. Nun glaubte ich alles vor mir zu sehen: sie hatte ein grosses Scheit in den Kamin geworfen wie damals, wie damals stand sie jetzt mitten im Zimmer, die Glieder funkelnd von der Flamme, oder sass auf dem Bene und horchte und wartete. Von der Tür würde ich sie sehen und den Schatten ihres Nackens, ihrer Schultern, den die durchsichtige Welle an der Wand hob und senkte. Schon war ich im Gang, schon auf der Treppe; nun war auch die Tür nicht mehr verschlossen: angelehnt, liess sie auch seitwärts den schwankenden Schein durch. Schon streckte ich die Hand nach der Klinke aus, da glaubte ich drinnen Schritte und Stimmen von mehreren zu hören. Ich wollte es aber nicht glauben: ich nahm es für das Arbeiten meines Blutes in den Schläfen, am Halse, und für das Lodern des Feuers drinnen. Auch damals hatte es laut gelodert. Nun hatte ich die Klinke gefasst, da musste ich begreifen, dass Menschen drinnen waren, mehrere Menschen. Aber nun war es mir gleich: denn ich fühlte, ich wusste, sie war auch drinnen, und sobald ich die Türe aufstiess, konnte ich sie sehen, sie ergreifen und, wäre es auch aus den Händen anderer, mit einem Arm sie an mich reissen, müsste ich gleich den Raum für sie und mich mit meinem Degen, mit meinem Dolch aus einem Gewühl schreiender Menschen herausschneiden! Das einzige, was mir ganz unerträglich schien, war, noch länger zu warten.Ich stiess die Tür auf und sah: In der Mitte des leeren Zimmers ein paar Leute, welche Bettstroh verbrannten, und bei der Flamme, die das ganze Zimmer erleuchtete, abgekratzte Wände, deren Schutt auf dem Boden lag, und an einer Wand einen Tisch, auf dem zwei nackte Körper ausgestreckt lagen, der eine sehr gross, mit zugedecktem Kopf, der andere kleiner, gerade an der Wand hingestreckt, und daneben der schwarze Schatten seiner Formen, der emporspielte und wieder sank.
Ich taumelte die Stiege hinab und stiess vor dem Haus auf zwei Totengräber: der eine hielt mir seine kleine Laterne ins Gesicht und fragte mich, was ich suche, der andere schob seinen ächzenden, knirschenden Karren gegen die Haustür. Ich zog den Degen, um sie mir vom Leibe zu halten, und kam nach Hause. Ich trank sogleich drei oder vier grosse Gläser schweren Weins und trat, nachdem ich mich ausgeruht hatte, den anderen Tag die Reise nach Lothringen an.
Alle Mühe, die ich mir nach meiner Rückkunft gegeben, irgend etwas von dieser Frau zu erfahren, war vergeblich. Ich ging sogar nach dem Laden mit den zwei Engeln; allein, die Leute, die ihn jetzt innehatten, wussten nicht, wer vor ihnen darin gesessen hatte.

Der Polizist und der Choral

von O. Henry

Auf seiner Bank im Madison-Park rutschte Soapy unruhig hin und her. Wenn die Wildgänse nachts schreien, wenn Frauen ohne Sealmäntel plötzlich nett zu ihren Männern werden und wenn Soapy unruhig auf seiner Parkbank hin und her rutscht, dann weiss man, dass der Winter vor der Tür steht.
Ein welkes Blatt fiel Soapy in den Schoss. Das war die Visitenkarte von König Winter. Dieser Herr meint es gut mit den Stammgästen des Madison-Parks und kündigt ihnen rechtzeitig seinen alljährlichen Besuch an. An den Strassenecken überreicht er seine Karte dem Nordwind, dem Hausdiener in der Villa ,Zur freien Natur’, damit sich deren Bewohner bereit machen können.
Soapy erkannte, dass es für ihn an der Zeit war, sich zu einem Einmannhaushaltsausschuss zusammenzuschliessen, um Vorkehrungen gegen die bevorstehende Kälte zu treffen. Das war der Grund, weshalb er unruhig auf seiner Bank hin und her rutschte.
Soapy hatte keine übermässig hochfliegenden Pläne für den Winter. Er dachte dabei nicht an Kreuzfahrten im Mittelmeer, an schlaffördernde südliche Landstriche oder Kahnfahrten in der Bucht von Neapel. Drei Monate auf der Gefängnisinsel, das war alles, was sein Herz begehrte. Drei Monate gesicherter Unterkunft und Verpflegung und gleichgesinnter Gesellschaft, Schutz vor Winterstürmen und Blauröcken, das erschien Soapy als Erfüllung aller Wünsche.
Schon seit Jahren war das gastfreundliche Blackwell-Gefängnis sein Winterquartier. Wie seine glücklicheren New Yorker Mitbürger jeden Winter ihre Fahrkarte nach Palm Beach oder der Riviera kauften, so traf er seine bescheidenen Vorbereitungen für seine alljährliche Flucht auf die Insel. Und jetzt war es wieder soweit. In der vergangenen Nacht war es drei Samstagszeitungen, die er unter seinem Mantel, über seine Knöchel und auf seinem Schoss ausgebreitet hatte, nicht gelungen, die Kälte abzuhalten, als er auf seiner Bank neben dem plätschernden Springbrunnen des alten Parks geschlafen hatte. Daher tauchte die Insel gross und verlockend in seiner Vorstellung auf. Er verachtete die Vorsorge, welche die Stadt im Zeichen der Nächstenliebe für ihre bedürftigeren Bürger getroffen hatte. Nach Soapys Auffassung war das Gesetz wohltätiger als die Philanthropie. Es gab eine Unmenge städtischer und karitativer Einrichtungen, an die er sich hätte wenden können und die ihm eine einfache Unterkunft und Verpflegung gewähren würden. Aber wenn jemand einen so stolzen Sinn wie Soapy hat, dann fühlt er sich durch Almosen verpflichtet. Man muss zwar nicht mit barer Münze, aber mit demütiger Gesinnung für jede Spende seitens der Philanthropie bezahlen. Wie Cäsar ohne Brutus undenkbar ist, so gab es auch kein Nachtlager vom Wohlfahrtsamt ohne vorausgehendes Bad, keinen Laib Brot ohne private und persönliche Untersuchung. Weshalb es besser ist, ein Gast des Gesetzes zu sein, das sich zwar an bestimmte Vorschriften hält, aber sich nicht ungebührlich in die Privatangelegenheiten eines Gentlemans einmischt.
Nachdem Soapy sich für das Inselgefängnis entschieden hatte, ging er sofort daran, seinen Wunsch in die Tat umzusetzen. Dazu gab es verschiedene einfache Möglichkeiten. Die angenehmste bestand darin, in einem teuren Restaurant ein opulentes Mahl einzunehmen und sich dann nach dem Eingeständnis der Zahlungsunfähigkeit ruhig und ohne Aufsehen einem Polizisten übergeben zu lassen. Ein entgegenkommender Amtsrichter erledigte dann schon das übrige.

Soapy erhob sich von seiner Bank, verliess den Park und überquerte das glatte Asphaltmeer an der Stelle, wo der Broadway und die Fifth Avenue zusammenfliessen. Er schritt den Broadway hinauf und blieb vor einem eleganten Cafe stehen, in dem sich jeden Abend die erlesensten Erzeugnisse der Weintraube, der Seidenraupe und des Protoplasmas ein Stelldichein geben.
Soapy hatte genügend Selbstvertrauen vom untersten Westenknopf an aufwärts. Er hatte sich rasiert, er trug einen anständigen Rock, und die saubere schwarze Patentkrawatte hatte ihm eine Missionsdame am Thanksgiving Day geschenkt. Wenn er, ohne aufzufallen, bis zu einem Tisch im Restaurant gelangte, war ihm der Erfolg gewiss. Der Teil seiner Figur, der über dem Tisch sichtbar sein würde, konnte beim Kellner keinen Anstoss erregen. Eine gebratene Wildente, dachte Soapy, wäre gerade das richtige – dazu eine Flasche Chablis und hinterher einen Camembert, einen Mokka und eine Zigarre. Eine Zigarre zu einem Dollar dürfte wohl reichen. Die Gesamtsumme würde nicht so hoch ausfallen, dass sie einen allerhöchsten Racheakt von seiten der Geschäftsleitung des Cafes heraufbeschwören würde, und immerhin konnte er mit dem Fleisch im Magen satt und glücklich die Reise in sein Winterquartier antreten.
Aber als Soapy im Eingang des Restaurants erschien, fiel der Blick des Oberkellners auf seine ausgefranste Hose und seine abgetretenen Schuhe. Kräftige Hände drehten ihn auf der Stelle herum, beförderten ihn wortlos und rasch auf den Bürgersteig und wendeten so das unehrenhafte Schicksal von der bedrohten Wildente ab.
Soapy liess den Broadway hinter sich. Es hatte den Anschein, als sollte sein Weg zur ersehnten Insel nicht gerade mit leiblichen Genüssen gepflastert sein. Er musste sich eine andere Möglichkeit ausdenken, ins Gefängnis zu gelangen.
An einer Ecke der Sixth Avenue stach ihm ein elektrisch beleuchtetes Schaufenster mit raffinierter Auslage hinter der Glasscheibe besonders ins Auge. Soapy nahm einen Pflasterstein und schleuderte ihn durch die Scheibe. Mehrere Leute eilten um die Ecke herbei, vorneweg ein Polizist. Soapy blieb ruhig stehen, die Hände in den Taschen, und lächelte beim Anblick der Messingknöpfe.
»Wo ist der Mann, der das getan hat?” forschte der Beamte aufgeregt.
»Können Sie sich nicht vorstellen, dass ich etwas damit zu tun haben könnte?” fragte Soapy nicht ohne Sarkasmus, aber freundlich, wie man eben das grosse Glück begrüsst.
Der Polizist weigerte sich sogar, Soapys Aussage anzuerkennen.

Leute, die Fenster einschlagen, bleiben nicht am Tatort zurück, um mit den Hütern des Gesetzes zu plaudern. Sie nehmen Reissaus. Da erblickte der Polizist einen Mann, der einen halben Häuserblock weiter hinter einem Wagen herlief. Mit gezücktem Gummiknüppel nahm er die Verfolgung auf. Soapy schlenderte, die Seele voller Abscheu, nach seinem doppelten Misserfolg davon.
Auf der anderen Seite der Strasse lag ein nicht sehr anspruchsvolles Lokal. Es hatte sich auf grosse Mägen und kleine Geldbeutel eingestellt. Sein Geschirr war ebenso dick wie die Luft, seine Suppe so dünn wie die Tischwäsche. In dieses Lokal gelangte Soapy unbehelligt mit seinen anstössigen Schuhen und seiner verräterischen Hose. Er nahm an einem Tisch Platz und verzehrte ein Beefsteak, Apfelpfannkuchen, Krapfen und eine Pastete. Und dann verriet er dem Kellner, dass er weit davon entfernt sei, auch nur einen Heller zu besitzen.

„Na, beeilen Sie sich und holen Sie einen Polypen”, sagte Soapy. »Und lassen Sie einen Gentleman nicht warten.”
„Dazu brauchen wir keinen Polypen”, entgegnete der Kellner. Seine Stimme klang weich wie ein Butterkuchen, und sein Auge leuchtete wie die Kirsche in einem Manhattan-Cocktail. „He, Con!”
Zwei Kellner warfen Soapy auf das harte Pflaster, auf das er genau mit seinem linken Ohr auftraf. Er erhob sich, wie ein Zimmermannszollstock Glied um Glied aufgeklappt wird, und klopfte sich den Staub von den Kleidern. Die Verhaftung schien nur noch ein Wunschtraum zu sein. Die Insel war sehr weit entfernt. Ein Polizist, der zwei Türen weiter vor einer Drogerie stand, lachte und ging die Strasse hinab.
Soapy wanderte fünf Strassen weiter, bis er den Mut aufbrachte, nochmals etwas für seine Festnahme zu unternehmen. Diesmal bot sich die Gelegenheit dergestalt, dass er sie leichtsinnigerweise bei sich eine bombensichere Sache nannte. Eine junge Frau von unauffälligem und angenehmem Äussern stand vor einem Schaufenster und betrachtete mit grösstem Interesse Rasiertiegel und Tintenfässer in der Auslage, während zwei Schritt vom Fenster entfernt ein grosser Polizist mit strengem Gesichtsausdruck an einem Hydranten lehnte.
Soapy beschloss, die Rolle des verachtungswürdigen und schändlichen Schürzenjägers zu spielen. Die gepflegte und elegante Erscheinung seines Opfers und die Allgegenwart des diensteifrigen Polypen bestärkten ihn in der Hoffnung, dass er bald den angenehmen amtlichen Griff auf seinem Arm spüren werde, der ihm das Winterquartier auf der fernen kleinen Insel sicherte.
Soapy zupfte die Patentkrawatte der Missionarin gerade, zog seine eingelaufenen Manschetten hervor, schob seinen Hut keck in den Nacken und näherte sich der jungen Frau. Er warf ihr herausfordernde Blicke zu, musste plötzlich husten und sich räuspern, lächelte, grinste und probierte frech das ganze unverschämte und verabscheuungswürdige Repertoire des Schürzenjägers durch. Mit halbem Auge sah Soapy, dass der Polizist ihn unverwandt beobachtete. Die junge Frau wich ein paar Schritte zurück und richtete dann wieder ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Rasiertiegel. Soapy folgte ihr, trat kühn an ihre Seite, zog seinen Hut und sagte: »Sieh da, mein Schatz! Hast du keine Lust, mitzukommen und in meinem Hof zu spielen?”

Der Polizist schaute noch immer. Die bedrängte junge Frau brauchte nur einen Finger zu rühren, und Soapy wäre praktisch schon auf dem Weg zu seiner Inselzuflucht. Er glaubte bereits die behagliche Wärme der Polizeiwache zu spüren. Die junge Frau blickte ihn an, streckte eine Hand aus und fasste Soapy am Rockärmel.
„Klar, Süsser”, sagte sie munter, »wenn du mir eine Kanne Bier spendierst. Ich hätte dich schon längst angehauen, aber der Polyp hat uns dauernd beobachtet.«
Mit der jungen Frau, die sich an ihn wie Efeu an eine Eiche anklammerte, schritt Soapy bedrückt an dem Polizisten vorbei. Er war offenbar zur Freiheit verdammt.
An der nächsten Ecke schüttelte er seine Begleiterin ab und rannte davon. Er hielt erst in dem Viertel inne, wo in der Nacht die leichtfertigsten Strassen, Herzen, Schwüre und Libretti anzutreffen sind. Frauen im Pelz und Männer in Paletots bummelten vergnügt in der Winterluft. Eine jähe Furcht erfasste Soapy, dass irgendein furchtbarer Zauber ihn vor der Inhaftierung gefeit habe. Diese Vorstellung versetzte ihn in eine leichte Panikstimmung, und als er auf einen weiteren Polizisten stiess, der würdevoll vor einem hellerleuchteten Theater auf und ab ging, griff er nach dem erstbesten Strohhalm in Form des ,ungebührlichen Benehmens’.

Auf dem Bürgersteig fing er an, mitheiserer Stimme und so laut er nur konnte, wie ein Betrunkener zu grölen. Er tanzte, heulte, tobte und versuchte auf jede erdenkliche Weise, den Himmel zum Einsturz zu bringen.
Der Polizist schwang seinen Gummiknüppel, kehrte Soapy den Rücken und sagte zu einem Passanten: „Das ist einer von den Burschen aus Yale. Sie feiern die Abfuhr, die sie dem Hartford College verpasst haben. Laut, aber harmlos. Wir haben Anweisung, sie gewähren zu lassen.«
Enttäuscht hörte Soapy mit seinem unergiebigen Krachschlagen auf. Wollte kein Polizist Hand an ihn legen? In seiner Vorstellung erschien die Insel als unerreichbares Arkadien. Er knöpfte seinen Rock zum Schutz gegen den schneidenden Wind zu.
In einem Zigarrenladen erblickte er einen gutgekleideten Mann, der sich an einer frei schwebenden Flamme eine Zigarre anzündete. Seinen seidenen Regenschirm hatte er beim Eintreten an der Tür abgestellt. Soapy ging hinein, ergriff den Schirm und schlenderte langsam mit ihm davon. Der Mann an dem Zigarrenanzünder folgte ihm hastig. »Mein Regenschirm«, sagte er bestimmt.
»Ach, wirklich?« fragte Soapy spöttisch und fügte damit zum Diebstahl noch Beleidigung. „Nun, warum rufen Sie denn keinen Polizisten? Ich habe ihn doch genommen. Ihr Regenschirm! Warum rufen Sie keinen Polypen? Da steht doch einer an der Ecke.«
Der Schirmbesitzer verlangsamte seine Schritte. Soapy tat ein Gleiches und hatte das dunkle Gefühl, dass ihm auch diesmal das Glück nicht hold sein würde. Der Polizist betrachtete die beiden voller Neugier.
»Natürlich«, sagte der Schirmbesitzer, »das heisst – nun, Sie wissen doch, wie solche Versehen passieren – ich – wenn es Ihr Schirm ist, dann entschuldigen Sie bitte – ich habe ihn heute morgen in einem Restaurant mitgehen lassen – wenn Sie ihn als den Ihren erkennen, nun – ich hoffe, dass Sie. . .«

„Natürlich ist es meiner«, sagte Soapy boshaft.
Der Exschirminhaber zog sich zurück. Der Polizist beeilte sich, einer grossen Blondine im Abendmantel vor einer Strassenbahn, die noch zwei Häuserblocks entfernt war, über die Strasse zu helfen.
Soapy wanderte in östlicher Richtung durch eine Strasse, die wegen Reparaturarbeiten aufgerissen war. Er schleuderte den Schirm wütend in eine Grube. Er murmelte Verwünschungen gegen die Männer, die Helme und Gummiknüppel tragen. Aber weil er in ihre Fänge geraten wollte, schienen sie ihn wie einen König zu behandeln, der nichts Unrechtes tun kann.
Schliesslich erreichte Soapy eine der Avenuen im Osten, die nur noch spärlichen Glanz und Trubel aufzuweisen haben. Er lenkte seine Schritte zum Madison-Park, denn das Heimweh bleibt bestehen, auch wenn das Heim nur eine Parkbank ist.
Aber an einer ungewöhnlich stillen Ecke hielt Soapy inne. Dort stand eine alte Kirche, stillos, verbaut und giebelreich. Durch ein violett bemaltes Fenster schimmerte ein sanftes Licht, bei dem wahr scheinlich der Organist seine Finger über die Tasten gleiten liess, um sich zu vergewissern, dass er den Choral für den nächsten Sonntag beherrschte. Denn an Soapys Ohr drangen süsse Töne, die ihn rührten und ihn verzaubert an die gewundenen Stäbe des Eisengitters bannten.

Der Mond stand am Himmel, glänzend und heiter, nur wenige Fahrzeuge und Fussgänger waren auf der Strasse, Sperlinge tschilpten verschlafen in den Dachrinnen – einen Augenblick lang wirkte das Ganze wie eine Szene auf einem Dorffriedhof. Und der Choral, den der Organist spielte, hielt Soapy am Eisengitter fest, denn er hatte das Lied in früheren Zeiten einmal gut gekannt, als es in seinem Leben noch so etwas wie Mütter und Rosen und Ehrgeiz und Freunde und reine Gedanken und reine Kragen gegeben hatte.
Das Zusammenwirken von Soapys empfänglichem Gemüt und den Einflüssen, die von der alten Kirche ausgingen, rief eine plötzliche wunderbare Wandlung in seinem Herzen hervor. Er erkannte mit jähem Entsetzen den Abgrund, in den er hineingetaumelt war, die sinnlos vertanen Tage, die unwürdigen Begierden, die gescheiterten Hoffnungen, die ungenützten Fähigkeiten und die niedrigen Motive, die sein Leben ausgemacht hatten.
Und im selben Augenblick gab sich sein Herz bebend diesem neuen Gefühl hin. Ein plötzlich erwachter starker Impuls trieb ihn dazu, den Kampf mit seinem aussichtslosen Schicksal aufzunehmen. Er würde sich aus dem Sumpf erheben, er würde wieder ein Mann sein, er würde das Böse besiegen, das von ihm Besitz ergriffen hatte. Er hatte Zeit, denn er war noch verhältnismässig jung. Er würde seine alten ehrgeizigen Pläne wieder zu neuem Leben erwecken und sie verfolgen, ohne zu wanken. Diese feierlichen und doch so lieblichen Orgeltöne hatten einen Aufruhr in ihm entfacht. Morgen würde er sich in die lärmerfüllte Innenstadt begeben und Arbeit finden. Ein Pelzimporteur hatte ihm früher einmal eine Stelle als Fahrer angeboten. Er würde ihn morgen aufsuchen und wegen der Stelle fragen. Er würde wieder etwas in der Welt darstellen. Er würde. . .

Soapy spürte, wie sich eine Hand auf seinen Arm legte. Er wandte sich schnell um und blickte in das breite Gesicht eines Polizisten.
»Was machen Sie hier?« fragte der Beamte.
»Nichts«, entgegnete Soapy.
»Dann kommen Sie mal mit”, sagte der Polizist.
»Drei Monate Inselgefängnis«, sagte der Amtsrichter am nächsten Morgen im Gerichtssaal.

Die Geschichte von dem Jungen, der Katzen zeichnete

von Lafcadio Hearn

Es lebten vor langer, langer Zeit in einem kleinen Dorfe in Japan ein Bauer und seine Frau. Das waren gute, aber arme Leute, die eine Reihe Kinder hatten und es schwer fanden, sie alle zu ernähren. Der älteste Sohn war schon mit vierzehn kräftig genug, seinem Vater zu helfen, und die kleinen Mädchen lernten, kaum dass sie gehen konnten, ihrer Mutter zu helfen.
Aber das jüngste Kind, ein kleiner Junge, schien für schwere Arbeit nicht geschaffen. Er war sehr gescheit – gescheiter als alle seine Brüder und Schwestern, aber er war ganz schwach und klein, und die Leute sagten, er werde nie sehr gross werden. Deshalb dachten seine Eltern, es wäre für ihn besser, Priester zu werden als Bauer. So gingen sie eines Tages mit ihm zum Dorftempel und fragten den guten alten Priester, der dort lebte, ob er ihren kleinen Jungen als Gehilfen haben und ihm alles beibringen wolle, was ein Priester wissen müsse.
Der alte Mann sprach freundlich mit dem Jungen und stellte ihm ein paar schwere Fragen. Doch der gab so gescheite Antworten, dass der Priester sich bereit fand, den kleinen Kerl als Gehilfen anzunehmen und ihn zum Priesteramt auszubilden.
Der Junge lernte schnell, was der Priester ihm beibrachte, und war in den meisten Dingen sehr gehorsam. Aber er hatte einen Fehler. Er zeichnete gern Katzen während des Unterrichts und zeichnete Katzen sogar dorthin, wohin man Katzen überhaupt nicht zeichnen darf.
Immer, wenn er allein war, zeichnete er Katzen. Er zeichnete sie auf die Ränder der Bücher des Priesters und auf alle Wandschirme im Tempel. Der Priester sagte ihm mehrere Male, das sei nicht recht, aber der Junge hörte nicht auf, Katzen zu zeichnen. Er zeichnete sie, weil er nicht anders konnte. Er hatte, was man das Genie eines Künstlers nennt, und aus ebendiesem Grunde war er zum Priesterschüler nicht ganz geeignet – ein guter Priesterschüler sollte aus Büchern lernen.
Eines Tages, als er gerade einige sehr gute Katzenbilder auf einen Papierschirm gezeichnet hatte, sagte der Priester streng zu ihm: »Mein Junge, du musst diesen Tempel sofort verlassen. Aus dir wird nie ein guter Priester werden, aber vielleicht ein grosser Künstler. Lass mich dir noch einen letzten Ratschlag geben, und sieh zu, dass du ihn nie vergisst: Meide grosse Plätze zur Nacht, halte dich an kleine!”
Der Junge wusste nicht, was der Priester damit meinte, wenn er sagte: Meide grosse Plätze zur Nacht, halte dich an kleine! Während er sein kleines Bündel mit Kleidern schnürte, überlegte er und überlegte, konnte aber die Worte nicht verstehen und hatte Angst, den Priester noch einmal anzusprechen, ausser ihm auf Wiedersehn zu sagen.
Er verliess den Tempel in grosser Sorge und wusste nicht, was er tun sollte. Wenn er stracks nach Haus ginge, würde ihn sein Vater sicher bestrafen, weil er dem Priester ungehorsam gewesen war. Deshalb hatte er Angst, nach Hause zu gehen. Da fiel ihm plötzlich ein, dass im nächsten Dorf, zwölf Meilen entfernt, ein sehr grosser Tempel war. Er hatte gehört, dass eine Reihe von Priestern in diesem Tempel waren, und so entschloss er sich, zu ihnen zu gehen und sie zu fragen, ob sie ihn als Priesterschüler haben wollten.
Der grosse Tempel war zwar inzwischen geschlossen worden, doch davon wusste der Junge nichts. Der Grund für diese Schliessung war folgender: Ein böser Dämon hatte den Priestern Angst eingejagt und sie vertrieben und danach von dem Tempel Besitz ergriffen. Später waren ein paar tapfere Krieger nachts in den Tempel gegangen, um den bösen Dämon zu töten; aber keiner hat sie je lebend wiedergesehen. Niemand hatte dem Jungen von diesen Dingen erzählt. Der ging daher den langen Weg zu dem Dorfe und hoffte, freundlich von den Priestern aufgenommen zu werden.

Als er in das Dorf kam, war es schon dunkel, und jedermann war bereits zu Bett gegangen. Er aber sah den grossen Tempel auf einem Hügel am Ende der Hauptstrasse liegen, und er sah, dass im Tempel Licht war. Leute, die diese Geschichte erzählen, sagen, dass der böse Dämon Licht machte, um einsame Wanderer zu verlocken, nach Unterkunft zu fragen. Der Junge ging stracks zu dem Tempel und klopfte an. Aber drinnen rührte sich nichts. Er klopfte wieder und wieder, doch niemand kam. Schliesslich drückte er sacht gegen die Tür und stellte zu seiner Freude fest, dass sie nicht verriegelt war. Da ging er hinein und sah eine Lampe brennen – sah aber keinen Priester.
Er dachte, ein Priester werde sicher bald kommen, setzte sich nieder und wartete. Da fiel ihm auf, dass alles im Tempel grau von Staub und dicht mit Spinnenweben bedeckt war. Er dachte bei sich, die Priester würden sicher gern einen Schüler haben, um den Tempel sauberzuhalten. Er konnte jedoch nicht verstehen, weshalb die Priester alles hatten so staubig werden lassen. Was ihn aber am meisten erfreute, waren ein paar grosse weisse Wandschirme, auf denen sich gut Katzen malen liessen. Obwohl er müde war, sah er sich sogleich nach Schreibzeug um, fand es auch, rieb Tusche an und begann Katzen zu malen.
Er malte ziemlich viele Katzen auf die Wandschirme, und dann wurde er sehr, sehr müde. Er wollte sich gerade neben einen der grossen Wandschirme niederlegen, als er sich plötzlich der Worte erinnerte: Meide grosse Plätze zur Nacht, halte dich an kleine!
Der Tempel war sehr gross, und er war ganz allein. Als er da an diese Worte dachte – obwohl er sie nicht ganz verstehen konnte -, fing er zum erstenmal an, sich ein wenig zu fürchten. Und er beschloss, sich nach einem kleinen Platz umzusehen, um dort zu schlafen. Er fand auch einen kleinen Raum mit einer Schiebetür, ging hinein und schloss sich ein. Dann legte er sich nieder und schlief ganz fest ein.
Tief in der Nacht wurde er von einem ganz schrecklichen Lärm geweckt – einem Lärm wie von Kampf und Geschrei. Es klang so fürchterlich, dass er sogar Angst hatte, durch einen Spalt des kleinen Raumes zu gucken. Er lag ganz still und hielt den Atem an vor lauter Angst.

Das Licht, das im Tempel war, ging aus, aber die greulichen Geräusche hörten nicht auf und wurden noch greulicher. Der ganze Tempel begann zu beben. Nach langer Zeit trat Stille ein. Doch der Junge fürchtete noch immer, sich zu bewegen. Er rührte sich nicht, bis die Strahlen der Morgensonne durch die Ritzen der kleinen Tür in den Raum fielen.
Dann verliess er sein Versteck sehr vorsichtig und sah sich um. Als erstes sah er, dass der ganze Boden des Tempels voll von Blut war. Und dann sah er, tot inmitten des Tempels liegend, eine ungeheure abscheuliche Ratte – einen Rattendämon -, grösser als eine Kuh!
Aber wer oder was hatte sie wohl getötet? Kein Mensch oder auch kein anderes Lebewesen war zu sehen. Doch plötzlich fiel dem Jungen auf, dass die Schnauzen all der Katzen, die er am Abend zuvor gezeichnet hatte, rot und nass von Blut waren. Da wusste er, dass der Dämon von den Katzen getötet worden war, die er gezeichnet hatte. Und dann erst verstand er auch, weshalb der weise alte Priester zu ihm gesagt hatte: Meide grosse Plätze zur Nacht, halte dich an kleine!
Später wurde aus dem Jungen ein sehr berühmter Künstler, und noch heute zeigt man in Japan den Reisenden einige der Katzen, die er gezeichnet hat.

Der Statthalter von Judäa

von Anatole France

L. Älius Lamia stammte aus einer vornehmen römischen Familie. Er ging schon in jungen Jahren nach Athen, um dort Philosophie zu studieren. Dann kehrte er nach Rom zurück und führte in seinem Haus auf dem Esquilin mit anderen jungen Wüstlingen ein ausschweifendes Leben.
Eines Tages wurde er angeklagt, mit Lepida, der Frau des Konsulars Sulpicius Quirinus, sträfliche Beziehungen zu unterhalten, und da er schuldig befunden wurde, schickte Tiberius Cäsar ihn in die Verbannung. Er war damals gerade vierundzwanzig Jahre alt. Während der achtzehn Jahre, die seine Verbannung dauerte, bereiste er Syrien, Palästina, Kappadozien, Armenien und hielt sich lange in Antiochia, Cäsaräa und Jerusalem auf. Als Tiberius gestorben und Gajus römischer Kaiser geworden war, setzte er es durch, nach Rom zurückkehren zu dürfen. Sogar ein Teil seines Vermögens wurde ihm wieder ausgeliefert.
Das Unglück hatte ihn weise gemacht. Er mied jeden Verkehr mit Frauen von zweifelhaftem Ruf, bewarb sich nicht um öffentliche Ämter und Auszeichnungen und lebte völlig zurückgezogen in seinem Haus auf dem Esquilin. Er begann alles aufzuzeichnen, was er auf seinen vielen Reisen gesehen und erlebt hatte, um, wie er zu sagen liebte, in den Leiden der Vergangenheit seine Zerstreuung für die Gegenwart zu finden. Unter diesem friedlichen, beschaulichen Leben, unter dem emsigen Studium der Schriften Epikurs fühlte er allmählich mit schmerzlichem Erstaunen, dass er alt wurde. In seinem zweiundsechzigsten Jahr begann er an Rheumatismus zu leiden und suchte die Bäder von Bajä auf, die damals von den reichen, vergnügungssüchtigen Römern viel besucht wurden.
Er hatte etwa eine Woche einsam und zurückgezogen inmitten der glänzenden Gesellschaft gelebt, als er eines Tages Lust bekam, die Hügel zu durchstreifen, die, mit Weinlaub bekränzt wie Bacchantinnen, sich am Fluss entlangziehen. Auf einer Höhe angelangt, setzte er sich am Rand eines schmalen Weges unter einem Baum nieder und liess seinen Blick über die herrliche Landschaft schweifen. Zur Linken dehnten sich endlose graue Felder bis zu den Ruinen von Cumä hin, zur Rechten ragte das Kap Misenum wie ein spitzer Dorn ins Meer hinein. Vor ihm, gen Westen, lag das reiche Bajä mit seinen Gärten und Villen. Die Säulenhallen und weissen Marmorterrassen reichten bis an das blaue Meer hinab, in dessen Fluten Delphine spielten.
Lamia zog eine Pergamentrolle aus den Falten seiner Toga, streckte sich auf dem Boden aus und begann zu lesen. Plötzlich schreckte ihn der Zuruf eines Sklaven wieder auf, der ihn aufforderte, einer vorüberkommenden Sänfte Platz zu machen. Als die Sänfte näher kam, sah er auf ihren Kissen einen Greis ruhen. Er hatte den Kopf mit der mächtigen Adlernase und dem vorspringenden Kinn auf die Hand gestützt und blickte stolz und finster um sich.
Lamia wusste auf den ersten Blick, dass er das Gesicht schon kannte. Aber des Namens konnte er sich nicht gleich entsinnen. Dann plötzlich stürzte er voll freudiger Überraschung auf die Sänfte zu und rief: »Pontius Pilatus, den Göttern sei Dank, dass sie mir die Gnade gewähren, dich wiederzusehen!”
Der Greis gab seinen Sklaven ein Zeichen, zu halten, und blickte Lamia durchdringend an.
„Pontius, mein teurer Gastfreund”, fuhr dieser fort, »haben die zwanzig Jahre mein Haar so gebleicht und meine Wangen so gefurcht, dass du deinen Älius Lamia nicht wiedererkennst?”
Bei diesem Namen stieg Pilatus aus der Sänfte, so rasch es ihm die Schwerfälligkeit seines Alters erlaubte. Dann küsste er Lamia zweimal auf die Wange.

„Es ist mir eine grosse Freude, dich wiederzusehen”, sagte er. „Ach, dein Anblick erinnert mich an jene längst vergangenen Zeiten, da ich Statthalter von Judäa war. Es sind jetzt dreissig Jahre, dass ich dich zum erstenmal in Cäsaräa sah. Ich freute mich, dir die Leiden deiner Verbannung etwas erleichtern zu können, und du, Lamia, folgtest mir aus Freundschaft in das trostlose Jerusalem, wo die Juden mir das Leben verbitterten. über zehn Jahre warst du mein Gast, wir sprachen zusammen von Rom und trösteten einander – ich dich über dein Unglück, du mich über meine glänzende Stellung.”
Lamia schloss ihn von neuem in seine Arme: „Du hast nicht alles gesagt, Pontius: Du sprichst nicht davon, dass du deinen Einfluss bei Herodes Antipas zu meinen Gunsten aufbotest und mir deine Börse freigebig zur Verfügung stelltest.«
„Lass uns davon nicht weiter sprechen”, entgegnete Pontius, „du sandtest mir später von Rom aus eine Summe, durch die deine Schuld mit Wucherzinsen getilgt war.«
„Pontius, was du an mir getan hast, kann nicht mit Gold aufgewogen werden. Aber jetzt sage mir: Haben die Götter deine Wünsche erfüllt? Ist dir das Glück zuteil geworden, das du verdienst? Erzähle mir von deiner Familie, deinem Vermögen, deiner Gesundheit!”
“Ich habe mich auf meine Güter in Sizilien zurückgezogen, wo ich jetzt Getreide baue und es verkaufe. Meine älteste Tochter, meine treue Pontia, lebt bei mir, seit sie Witwe geworden ist, und führt mir den Haushalt. Mein Geist ist immer noch ungebrochen, den Göttern sei Dank, mein Gedächtnis hat nicht gelitten. Aber das Alter bringt mancherlei Schmerzen und Gebrechen mit sich. Eine schmerzhafte Gicht quält mich schon lange. Deshalb bin ich hierhergekommen, um auf den phlegräischen Feldern Linderung für meine Leiden zu suchen. Die Ärzte wenigstens behaupten, von dieser glühenden Erde steigen scharfe Schwefeldämpfe auf, die beruhigend auf die Schmerzen wirken und den Gliedern ihre Geschmeidigkeit wiedergeben.”
„Mögen sie dich von deinen Leiden befreien, Pontius! Aber trotz deiner Gicht und ihren qualvollen Beschwerden siehst du kaum älter aus als ich, obgleich ich in Wirklichkeit um zehn Jahre jünger bin. Es freut mich, dich so rüstig zu sehen. Aber warum, du Teurer, hast du vor der Zeit der öffentlichen Tätigkeit entsagt? Warum hast du dich, nachdem du Judäa verliessest, in die freiwillige Verbannung auf deine Güter zurückgezogen? Erzähle mir deine Schicksale von jener Zeit an, als ich aufhörte, der Zeuge deiner Taten zu sein. Du bereitetest dich damals darauf vor, einen Aufstand der Samariter zu unterdrücken. Seitdem habe ich dich nicht wiedergesehen. Erzähle mir, wie jener Feldzug verlief, mich interessiert alles, was dich betrifft.«
Pontius Pilatus schüttelte traurig das Haupt.
»Mein angeborenes Pflichtgefühl”, sagte er, „trieb mich dazu, mein Amt nicht nur mit Fleiss, sondern auch mit Liebe zu verwalten. Aber der Hass verfolgte mich, Ränke und Verleumdungen haben mein Leben in der Fülle seiner Kraft gebrochen und seine Früchte verdorren lassen, ehe sie gereift waren. Du fragst nach dem Aufstand der Samariter. Komm, wir wollen uns hier auf den Hügel setzen. Ich will dir alles in kurzen Worten erzählen. Es steht noch so deutlich vor mir, als ob es gestern gewesen wäre. Ein Mann aus dem Pöbel, der die Gabe der Rede besass, die übrigens in Samaria nicht selten ist, bewog die Samariter, sich bewaffnet auf dem Berge Garizim zu versammeln, der in diesem Lande für eine geheiligte Stätte gilt. Er versprach, ihnen die geheiligten Gefässe zu zeigen, die in alten Zeiten ein Heros oder Halbgott namens Moses hier vergraben haben sollte. Auf diese Verheissung hin empörten sich die Samariter. Aber ich war noch gerade zur rechten Zeit benachrichtigt worden, um ihnen zuvorzukommen, und liess den Berg von meinen Soldaten besetzen.

Diese Vorsichtsmassregel war sehr notwendig, denn die Rebellen belagerten schon den Flecken Tyrathaba am Fusse des Berges Garizim. Ich trieb sie auseinander, und damit war der Aufruhr im Entstehen unterdrückt. Um mit möglichst wenigen Opfern ein Exempel zu statuieren, liess ich die Rädelsführer hinrichten. Aber du weisst ja, Lamia, was für einen Druck Vitellius, der Prokonsul von Syrien, auf mich ausübte. Er regierte seine Provinz nicht für Rom, sondern gegen Rom, er war der Ansicht, die Provinzen seien nur dazu da, um von den Tetrarchen ausgenutzt zu werden. Die Samariter beklagten sich bei ihm. Sie sprachen so, als ob ihnen nichts ferner läge, als dem Cäsar nicht gehorchen zu wollen. Ich hatte sie gereizt, und nur um sich gegen meine Gewalttätigkeiten zu wehren, hatten sie sich bei Tyrathaba versammelt. Vitellius lieh ihren Klagen sein Ohr, übertrug die Verwaltung von Judäa seinem Freund Marcellus und befahl mir, mich vor dem Kaiser zu rechtfertigen. Mit zorn- und hasserfülltem Herzen schiffte ich mich ein. Als ich an der italienischen Küste landete, erfuhr ich, Tiberius sei plötzlich auf Kap Misenum gestorben. Ich wandte mich nun an Gajus, seinen Nachfolger. Er war ein klarer Kopf und kannte die syrischen Angelegenheiten. Aber jetzt, Lamia, magst du mit mir die hartnäckige Grausamkeit des Schicksals bewundern, das meinen Untergang beschlossen hatte. Gajus’ bester Freund und ständiger Gefährte, schon von Kindheit an, war der Jude Agrippa, der immer in seiner Umgebung lebte. Gajus liebte ihn über alles, und Agrippa begünstigte Vitellius, weil Vitellius der Feind des Antipas war, den Agrippa mit seinem Hass verfolgte. Der Kaiser gehorchte seinem geliebten Ratgeber und weigerte sich sogar, mir Audienz zu gewähren. Ich musste mich in die unverdiente Ungnade ergeben. Ich bezwang meinen Schmerz und zog mich auf meine Güter in Sizilien zurück, wo ich gewiss vor Gram gestorben wäre, wenn meine geliebte Pontia mich nicht getröstet hätte. Ich habe meine Äcker bebaut und das üppigste Getreide der ganzen Provinz erzeugt. Mein Leben geht zur Neige. Die Nachwelt wird zwischen mir und Vitellius richten.”
“Pontius”, antwortete Lamia, „ich bin überzeugt, du bist nach bestem Gewissen und ausschliesslich im Interesse Roms gegen die Samariter vorgegangen. Aber hast du dich bei dieser Gelegenheit nicht vielleicht doch allzusehr von deinem ungestümen Tatendrang hinreissen lassen, der dich von jeher beseelte? Du weisst doch, damals in Judäa habe ich, der Jüngere, dich oftmals zur Milde und Nachsicht ermahnt.”
»Milde gegen die Juden!” rief Pontius Pilatus. „Du hast lange unter ihnen gelebt, aber du kennst sie dennoch nicht, diese Feinde der Menschheit. Sie sind stolz und dabei von niedriger Gesinnung, sie verbinden die schmachvollste Feigheit mit einer unbesiegbaren Hartnäckigkeit, man vermag auf die Länge weder Liebe noch Hass für sie zu empfinden. Ich habe meinen Geist an den Grundsätzen des göttlichen Augustus gebildet, Lamia. Ich war mir über meine Pflichten klar, ich habe mich von Anfang an bemüht, Weisheit und Mässigung zu üben. Ich rufe die Götter zu Zeugen an, dass ich nie in meiner Milde starrköpfig war. Aber was hat es mir geholfen? Ich schwöre dir bei den unsterblichen Göttern, während meiner ganzen Regierung habe ich nicht ein einziges Mal die Gesetze und die Gerechtigkeit verletzt. Aber jetzt bin ich ein alter Mann. Meine Feinde, meine Ankläger sind tot. Ich werde ungerächt sterben, und wer wird mich der Nachwelt gegenüber verteidigen?”
Er schwieg und seufzte tief. Lamia entgegnete: „Was braucht es uns zu kümmern, was die Menschen von uns denken? Wir haben keine anderen Zeugen und keine anderen Richter als uns selbst. Pontius Pilatus, begnüge dich mit dem Zeugnis, das du selbst für dich ablegst, begnüge dich mit deiner eigenen Achtung und der Achtung deiner Freunde. Übrigens kann man ein Volk nicht nur durch Milde beherrschen.”

„Lassen wir das jetzt”, sagte Pontius. »Ich muss mich beeilen, die Schwefeldämpfe sind nur wirksam, solange die Erde noch von den Sonnenstrahlen durchwärmt ist. Leb wohl. Aber da ich nun endlich einen Freund wiedergefunden habe, möchte ich den glücklichen Zufall auch ausnützen. Älius Lamia, gewähre mir die Freude, morgen abend mein Gast zu sein. Mein Haus liegt am äussersten Ende der Stadt am Meeresufer. Du wirst es leicht an der Säulenhalle erkennen, die mit einem Gemälde geschmückt ist, das Orpheus mit seiner Lyra unter den wilden Tieren des Waldes darstellt. Also auf morgen, Lamia!” Damit bestieg er wieder seine Sänfte. »Morgen wollen wir weiter über Judäa plaudern.”
Am nächsten Tag um die Abendzeit begab Lamia sich zum Hause des Pontius Pilatus. Es waren nur zwei Lagerstätten für das Gastmahl bereitet. Auf dem Tisch standen silberne Schüsseln mit gebratenen Vögeln, Austern vom Lukriner See und Lampreten aus Sizilien. Beim Essen unterhielten Pontius und Lamia sich über ihre Krankheiten, deren Symptome sie ausführlich aufzählten, und über die verschiedenen Heilmittel, die man ihnen empfohlen hatte. Dann sprachen sie ihre Freude über das Zusammentreffen in Bajä aus und rühmten die Schönheit des Strandes und die milde Luft. Lamia war entzückt von der Anmut der Kurtisanen, die mit langen gestickten Schleiern und reichem Goldschmuck am Ufer wandelten. Aber der alte Statthalter beklagte es, dass für den eitlen Prunk und die von Menschenhand gewirkten Spinnengewebe, die aus den Ländern der Barbaren kamen, so viel römisches Geld an fremde Völker, ja selbst an die Feinde des Reiches hinausgeworfen wurde. Dann sprachen sie von den grossen Bauten, die hier in der Gegend aufgeführt worden waren, von der gewaltigen Brücke, die Gajus zwischen Puteoli und Bajä errichtet, und von den Kanälen, die Augustus hatte graben lassen, um das Wasser vom Meer in den Lukriner und den Averner See zu leiten.
»Auch ich«, sagte Pontius seufzend, „auch ich wollte einmal das Wohl des Landes durch nützliche Bauten fördern. Als mir zu meinem Unheil die Regierung von Judäa übertragen wurde, entwarf ich den Plan zu einem Aquädukt von zweihundert Stadien Länge, der Jerusalem mit reinem Wasser versorgen sollte. Ich hatte alles berechnet und ausgedacht, die Arbeiter und Architekten waren schon bestellt, und die Arbeit sollte beginnen. Aber weit entfernt davon, sich über das gewaltige Werk zu freuen, das zur Gesundung ihrer Stadt beitragen sollte, stiessen die Bewohner von Jerusalem ein entsetzliches Geheul aus. Sie rotteten sich zusammen, sie erhoben ein grosses Geschrei über Gotteslästerung und Schändung, dann stürzten sie sIch auf die Arbeiter und rissen die eben gelegten Grundsteine wieder auseinander. Hast du, Lamia, jemals ein Volk von roheren Barbaren gesehen? Und doch gab Vitellius ihnen recht, und ich musste das Werk unvollendet lassen.”
„Es ist eine grosse Frage«, sagte Lamia, „ob man die Menschen zu ihrem Glück zwingen darf.”
Aber Pontius Pilatus fuhr fort, ohne auf ihn zu hören: „Einen Aquädukt auszuschlagen – welch eine Torheit! Aber die Juden verabscheuen alles, was von den Römern herrührt. Wir gelten in ihren Augen für unreine Wesen, jede Berührung mit uns betrachten sie wie eine Beschmutzung. Du weisst ja, sie wagten nicht, meine Behausung zu betreten, aus Angst, sich dadurch zu besudeln, und ich musste alle gerichtlichen Handlungen unter freiem Himmel ausüben. Sie fürchten und verachten uns. Aber ist Rom nicht die Mutter aller Völker, ruhen sie nicht alle an ihrem Busen wie saugende Kinder?

Unsere Adler haben Frieden und Freiheit bis an die äussersten Enden der Welt getragen. Wir sehen in den Besiegten nicht unsere Feinde, wir lassen ihnen ihre Sitten und ihre Gesetze. Ist Syrien nicht erst zu Ruhe und Wohlstand gelangt, seit Pompejus es unterworfen hat? Die Römer hätten ihre Wohltaten um Geld verkaufen können: haben sie aber jemals die Schätze aus den goldstrotzenden Tempeln der Barbaren mit fortgeführt? Haben sie etwa die Grosse Mutter in Pessinus, Jupiter in Morimente oder Kilikien beraubt oder den Judengott in Jerusalem? Antiochia und Palmyra brauchen ihre Schätze nicht mehr vor den Arabern der Wüste zu hüten, und sie bauen jetzt der göttlichen Majestät des Cäsar Tempel. Nur die Juden hassen uns und trotzen uns. Man muss ihnen den Tribut gewaltsam entreissen, und sie verweigern den Heeresdienst.«
„Die Juden”, entgegnete Lamia, »hängen fest an ihren alten Gebräuchen. Sie vermuteten – ohne allen Grund, das gebe ich zu-, dass du ihre Gesetze umstossen und ihnen andere Sitten aufzwingen wolltest. Wenn es dir auch Schmerz bereitet, Pontius, dass ich so rede: aber du hast nicht immer den rechten Weg eingeschlagen, um diesen unseligen Irrtum von ihnen zu nehmen. Ohne dass du es wolltest, hast du mit Vorliebe ihren Argwohn erregt, mehr als einmal habe ich selbst gesehen, wie schlecht du deine Verachtung ihres Glaubens und ihrer religiösen Zeremonien verbargst. Die Juden haben sich nicht wie wir zu einer hohen Anschauung der göttlichen Dinge aufgeschwungen, aber man muss anerkennen, in diesen aus Urzeiten stammenden Mysterien, die sie feiern, liegt etwas Ehrwürdiges.«
Pontius Pilatus zuckte die Achseln. „Nein”, sagte er, „sie haben keine gründliche Kenntnis von dem Wesen der Götter. Sie beten zu Jupiter, aber ohne ihm Namen oder Gestalt zu geben. Sie wissen nichts von Apollo, von Neptun, Mars, Pluto oder von irgendeiner Göttin. Und doch glaube ich, dass sie früher einmal Venus verehrt haben; denn heute noch bringen die Frauen Tauben zum Opfer dar, und du weisst ja ebensogut wie ich, dass die Verkäufer in den Vorhallen des Tempels solche Vögel paarweise feilbieten. Man teilte mir sogar einmal mit, dass nun irgendein rasender Mensch die Verkäufer samt ihren Käfigen umgestossen hatte. Die Priester beklagten sich darüber wie über eine Heiligtumsschändung. Ich denke mir, der Brauch, Turteltauben zu opfern, muss ursprünglich Venus zu Ehren eingeführt worden sein. Warum lachst du, Lamia?”
»Ich lache”, sagte Lamia, „über eine komische Idee, die mir eben unwillkürlich durch den Kopf schoss. Ich dachte, wenn nun dieser Jupiter der Juden eines Tages nach Rom kommen und dich mit seinem Hass verfolgen würde! Warum auch nicht? Wir haben von Asien und Afrika schon viele Götter übernommen. Es sind in Rom schon Tempel zu Ehren der Isis und des bellenden Anubis erbaut worden. Und weisst du nicht, dass unter Tiberius’ Regierung ein junger Adliger sich für den gehörnten Jupiter der Ägypter ausgab und auf diese Weise die Gunst einer vornehmen Dame gewann, die zu fromm war, um den Göttern irgend etwas zu verweigern? Wer weiss, Pontius, ob der unsichtbare Jupiter der Juden nicht eines Tages in Ostia landet.”
Bei dem Gedanken, von Judäa könnte ein Gott kommen, glitt ein flüchtiges Lächeln über die strengen Züge des Statthalters. Dann antwortete er ernst: »Wie sollten die Juden es fertigbringen, ihre heiligen Gesetze anderen Völkem aufzuzwingen, wo sie sich selbst untereinander um der Auslegung dieser Gesetze willen zerfleischen. Sie spalten sich in mindestens zwanzig Sekten, du hast es ja selbst gesehen, Lamia, wie sie sich auf den öffentlichen Plätzen, jeder mit seiner Schriftrolle in der Hand, gegenseitig beschimpfen und an den Bärten reissen oder wie sie irgendeine von prophetischem Wahnsinn ergriffene Jammergestalt umringen und zum Zeichen der Trauer ihre schmutzigen Kleider zerfetzen. Sie begreifen nicht, dass man in aller Ruhe über göttliche Dinge disputieren kann, obgleich sie für uns alle immer dunkel und verhüllt bleiben.

Denn das Wesen der Unsterblichen ist verborgen, und wir vermögen es nicht zu erkennen. Ich halte es immerhin für weise, an die Vorsehung der Götter zu glauben. Aber die Juden haben keine Philosophie und dulden keine andere Meinung. Im Gegenteil, wenn jemand über die Gottheit eine Ansicht äussert, die nicht mit ihren Gesetzen übereinstimmt, so verdient er in ihren Augen die jämmerlichste Todesstrafe, und weil kein Urteil ohne Zustimmung des Prokonsuls oder des Statthalters vollzogen werden darf, seit sie unter römischer Herrschaft stehen, drängen sie den römischen Magistrat, jeden Augenblick ihre Todesurteile zu unterschreiben, sie erfüllen das Prätorium mit ihrem blutdürstigen Geschrei. Hundertmal habe ich sie gesehen, wie sie sich haufenweis, reich und arm durcheinander, einmütig um ihre Priester geschart, wie Rasende um meinen elfenbeinernen Sessel drängten, mich an der Toga oder nur an den Riemen meiner Sandalen zerrten, um den Tod irgendeines Unglücklichen von mir zu verlangen, dessen Schuld ich nicht einsehen konnte und den ich höchstens für ebenso wahnsinnig hielt wie seine Verfolger. Was sage ich, hundertmal! Jeden Tag kam es vor, zu allen Stunden. Aber ich musste ihr Gesetz erfüllen wie das unsere, denn Rom hatte mich nicht zum Zerstörer, sondern zum Hüter ihrer Bräuche eingesetzt. In der ersten Zeit suchte ich ihnen Vernunft beizubringen, ihre unglücklichen Opfer dem Tode zu entreissen. Aber meine Milde erbitterte sie nur noch mehr, sie kämpften um ihre Beute wie hungrige Geier. Ihre Priester berichteten dem Cäsar, dass ich ihre Gesetze verletze, und ihre Beschwerden, die Vitellius noch unterstützte, zogen mir strenge Rügen zu. Wie oft habe ich Lust gehabt, wie die Griechen sagen, Kläger und Angeklagte gemeinschaftlich zu den Raben zu schicken. Glaube nicht, Lamia, dass meine Gefühle gegen dieses Volk nur ohnmächtige Rache und greisenhafter Zorn sind. In mir haben sie Rom und den Frieden besiegt. Ich sehe es kommen, früher oder später müssen wir sie vernichten, weil wir sie nicht beherrschen können. Glaube mir, sie sind immer noch nicht unterworfen, der Aufruhr gärt in ihren erhitzten Seelen, und eines Tages wird ihr Hass gegen uns losbrechen, ein Hass, gegen den die Wut der Numider und die Drohungen der Parther nur Kinderlaunen sind. Sie hegen im stillen die unsinnigsten Hoffnungen und grübeln in ihrer Verblendung darüber nach, wie sie uns verderben können. Und das wird niemals anders werden, solange sie auf Grund ihrer Weissagungen an den Fürsten glauben, der aus ihrer Mitte hervorgehen und die Welt beherrschen soll. Man wird mit diesem Volk nicht fertigwerden, bis es aufhört zu existieren. Jerusalem muss von Grund auf zerstört werden. Vielleicht wird es mir trotz meines Alters gegeben sein, den Tag zu erleben, da seine Mauern in Staub sinken, seine Häuser in Flammen aufgehen und Salz gestreut wird an dem Platz, wo der Tempel gestanden hat. An diesem Tage werde ich gerechtfertigt dastehen.”
Lamia machte einen Versuch, dem Gespräch eine mildere Wendung zu geben.
„Pontius”, sagte er, „ich verstehe deinen unauslöschlichen Grimm und deine düsteren Vorahnungen vollkommen. Gewiss, du hast den Charakter der Juden von seiner schlimmsten Seite kennengelernt. Aber ich habe als unbefangener Beobachter in Jerusalem gelebt, mich unter das Volk gemischt, und glaube mir, ich habe manche Tugenden bei diesen Menschen gefunden, die dir verborgen geblieben sind. Ich habe milde, gütige Juden kennengelernt, mit schlichten Sitten und gutem Herzen. Ja, du selbst, Pontius, hast mehr als einmal gesehen, wie einfache Männer aus dem Volk unter den Knüppeln deiner Soldaten den Geist aufgaben und wie sie, ohne ihren Namen zu nennen, für eine Sache starben, die sie für die richtige hielten. Solche Menschen haben unsere Verachtung nicht verdient. Ich spreche so zu dir, weil ich finde, dass man in allen Dingen masshalten soll; aber ich gestehe, ich habe niemals besondere Sympathie für die Juden empfunden. Die Jüdinnen hingegen gefielen mir sehr. Ich war jung damals, und die schönen Syrerinnen brachten mein Blut in heftige Wallung. Ihre roten Lippen, ihre feucht schimmernden Augen, ihre langen, verschleierten Blicke durchschauerten mich bis ins Mark. Mit ihrem gemalten und geschminkten Gesicht, ihrem nach Myrrhe und Narden duftenden Körper bieten sie den Männern seltene und köstliche Genüsse.«

Ungeduldig hörte Pontius ihm zu. Dann sagte er: „Ich war nicht der Mann dazu, in die Netze der Jüdinnen zu geraten, und da du mich darauf gebracht hast, Lamia – ich habe dein ausschweifendes Leben niemals gebilligt. Wenn ich es dich damals nicht fühlen liess, dass ich dein Vergehen mit der Frau des römischen Konsulars für eine schwere Schuld ansah, so geschah es nur, weil du deinen Fehltritt schwer genug büssen musstest. Die Ehe gilt bei den Patriziern als heilig, diese Institution ist eine der wichtigsten Stützen Roms. Was Sklavinnen oder ausländische Frauen betrifft, so haben die Beziehungen, die man mit ihnen anknüpft, keine weitere Bedeutung, wenn der Körper dadurch nicht an eine schmachvolle Weichlichkeit gewöhnt wird. Du hast zuviel den niederen Priesterinnen der Venus geopfert, Lamia, und ich mache dir vor allem zum Vorwurf, dass du nicht nach dem Gesetz geheiratet und dem Staat Kinder geschenkt hast. Das ist die Pflicht jedes guten Bürgers.”
Aber der einst Verbannte hörte längst nicht mehr auf den alten Statthalter. Er leerte den Becher Falernerwein und lächelte irgendeinem unsichtbaren Bilde zu. Dann sprach er in sehr gedämpftem Ton, der sich allmählich belebte: „Es liegt etwas so Schmachtendes in dem Tanz syrischer Frauen. Ich habe in Jerusalem eine Jüdin gekannt, die in einer elenden Spelunke beim Schein einer kleinen qualmenden Lampe auf einem elenden Teppich tanzte. Dabei reckte sie die Arme empor, um ihre Zimbeln zu schlagen. Die Hüften schön geschwungen, den Kopf zurückgeworfen, gleichsam niedergezogen von der Last des schweren, rötlichen Haares, den wollustverschleierten Augen, glühend, begehrlich und schlank, hätte sie Kleopatra selbst vor Neid erblassen machen können. Ich bewunderte ihre barbarischen Tänze, ihren etwas rauhen und doch so wohlklingenden Gesang. Sie duftete nach Weihrauch und schien in ständigem Halbschlaf zu leben. Ich folgte ihr überallhin. Ich mischte mich unter die rohe Menge von Soldaten, Strolchen und Maklern, die sie zu umringen pflegte. Dann verschwand sie eines Tages, und ich habe sie nie wiedergesehen. Lange Zeit suchte ich nach ihr in allen verdächtigen Strassen und Spelunken. Es war schwerer, sich ihrer zu entwöhnen als des griechischen Weins. Ein paar Monate später erfahr ich zufällig, sie hätte sich einer kleinen Zahl von Männern und Frauen angeschlossen, die einem jungen Galiläer folgten, der umherzog und Wunder tat. Er hiess Jesus und war aus Nazareth. Später wurde er wegen irgendeines Verbrechens gekreuzigt. Ich weiss nicht mehr, was es war. Erinnerst du dich noch an diesen Mann, Pontius?”
Pontius Pilatus runzelte die Brauen. Er fuhr mit der Hand über die Stirn, als ob er sich auf etwas zu besinnen suchte. Nach einer kurzen Pause murmelte er: „Jesus? Jesus – aus Nazareth? – Nein, ich erinnere mich nicht mehr.”

Krambambuli

von Marie von Ebner-Eschenbach

Vorliebe empfindet der Mensch für allerlei Dinge und Wesen. Liebe, die echte, unvergängliche, die lernt er – wenn überhaupt – nur einmal kennen. So wenigstens meint der Herr Revierjäger Hopp. Wie viele Hunde hat er schon gehabt, und auch gern gehabt; aber lieb, was man sagt lieb und unvergesslich, ist ihm nur einer gewesen – der Krambambuli. Er hatte ihn im Wirtshause zum Löwen in Wischau von einem vazierenden Forstgehilfen gekauft oder eigentlich eingetauscht. Gleich beim ersten Anblick des Hundes war er von der Zuneigung ergriffen worden, die dauern sollte bis zu seinem letzten Atemzuge. Dem Herrn des schönen Tieres, der am Tische vor einem geleerten Branntweingläschen sass und über den Wirt schimpfte, weil dieser kein zweites umsonst hergeben wollte, sah der Lump aus den Augen. Ein kleiner Kerl, noch jung und doch so fahl wie ein abgestorbener Baum, mit gelbem Haar und spärlichem gelbem Barte. Der Jägerrock, vermutlich ein Überrest aus der vergangenen Herrlichkeit des letzten Dienstes, trug die Spuren einer im nassen Strassengraben zugebrachten Nacht. Obwohl sich Hopp ungern in schlechte Gesellschaft begab, nahm er trotzdem Platz neben dem Burschen und begann sogleich ein Gespräch mit ihm. Da bekam er es denn bald heraus, dass der Nichtsnutz den Stutzen und die Jagdtasche dem Wirt bereits als Pfänder ausgeliefert hatte und dass er jetzt auch den Hund als solches hergeben möchte; der Wirt jedoch, der schmutzige Leuteschinder, wollte von einem Pfand, das gefüttert werden muss, nichts hören.
Herr Hopp sagte vorerst kein Wort von dem Wohlgefallen, das er an dem Hunde gefunden hatte, liess aber eine Flasche von dem guten Danziger Kirschbranntwein bringen, den der Löwenwirt damals führte, und schenkte dem Vazierenden fleissig ein. – Nun, in einer Stunde war alles in Ordnung. Der Jäger gab zwölf Flaschen von demselben Getränke, bei dem der Handel geschlossen worden – der Vagabund gab den Hund. Zu seiner Ehre muss man gestehen: nicht leicht. Die Hände zitterten ihm so sehr, als er dem Tiere die Leine um den Hals legte, dass es schien, er werde mit dieser Manipulation nimmermehr zurecht kommen. Hopp wartete geduldig und bewunderte im stillen den trotz der schlechten Kondition, in der er sich befand, wundervollen Hund. Höchstens zwei Jahre mochte er alt sein, und in der Farbe glich er dem Lumpen, der ihn hergab; doch war die seine um ein paar Schattierungen dunkler. Auf der Stirn hatte er ein Abzeichen, einen weissen Strich, der rechts und links in kleine Linien auslief, in der Art wie die Nadeln an einem Tannenreis. Die Augen waren gross, schwarz, leuchtend, von tauklaren, lichtgelben Reiflein umsäumt, die Ohren hoch angesetzt, lang, makellos. Und makellos war alles an dem ganzen Hunde von der Klaue bis zu der feinen Witternase: die kräftige, geschmeidige Gestalt, das über jedes Lob erhabene Piedestal. Vier lebende Säulen, die auch den Körper eines Hirsches getragen hätten und nicht viel dicker waren als die Läufe eines Hasen. Beim heiligen Hubertus! dieses Geschöpf musste einen Stammbaum haben, so alt und rein wie der eines deutschen Ordensritters.

Dem Jäger lachte das Herz im Leibe über den prächtigen Handel, den er gemacht hatte. Er stand nun auf, ergriff die Leine, die zu verknoten dem Vazierenden endlich gelungen war, und fragte: „Wie heisst er denn?” – „Er heisst wie das, wofür Ihr ihn kriegt: Krambambuli”, lautete die Antwort. – „Gut, gut, Krambambuli! So komm! Wirst gehen? Vorwärts!” – Ja, er konnte lang rufen, pfeifen, zerren – der Hund gehorchte ihm nicht, wandte den Kopf dem zu, den er noch für seinen Herrn hielt, heulte, als dieser ihm zuschrie: »Marsch!” und den Befehl mit einem tüchtigen Fusstritt begleitete, suchte aber sich immer wieder an ihn heran zu drängen. Erst nach einem heissen Kampfe gelang es Herrn Hopp, die Besitzergreifung des Hundes zu vollziehen. Gebunden und geknebelt, musste er zuletzt in einem Sacke auf die Schulter geladen und so bis in das mehrere Wegstunden entfernte Jägerhaus getragen werden.

Zwei volle Monate brauchte es, bevor Krambambuli, halb totgeprügelt, nach jedem Fluchtversuche mit dem Stachelhalsband an die Kette gelegt, endlich begriff, wohin er jetzt gehöre. Dann aber, als seine Unterwerfung vollständig geworden war, was für ein Hund wurde er da! Keine Zunge schildert, kein Wort ermisst die Höhe der Vollendung, die er erreichte, nicht nur in der Ausübung seines Berufes, sondern auch im täglichen Leben als eifriger Diener, guter Kamerad und treuer Freund und Hüter. „Dem fehlt nur die Sprache”, heisst es von andern intelligenten Hunden – dem Krambambuli fehlte sie nicht; sein Herr zum mindesten pflog lange Unterredungen mit ihm. Die Frau des Revierjägers wurde ordentlich eifersüchtig auf den „Buli”, wie sie ihn geringschätzig nannte. Manchmal machte sie ihrem Manne Vorwürfe. Sie hatte den ganzen Tag, in jeder Stunde, in der sie nicht aufräumte, wusch oder kochte, schweigend gestrickt. Am Abend, nach dem Essen, wenn sie wieder zu stricken begann, hätte sie gern eins dazu geplaudert.
„Weisst denn immer nur dem Buli was zu erzählen, Hopp, und mir nie? Du verlernst vor lauter Sprechen mit dem Vieh das Sprechen mit den Menschen.«
Der Revierjäger gestand sich, dass etwas Wahres an der Sache sei; aber zu helfen wusste er nicht. Wovon hätte er mit seiner Alten reden sollen? Kinder hatten sie nie gehabt, eine Kuh durften sie nicht halten, und das zahme Geflügel interessiert einen Jäger im lebendigen Zustande gar nicht und im gebratenen nicht sehr. Für Kulturen aber und für Jagdgeschichten hatte wieder die Frau keinen Sinn. Hopp fand zuletzt einen Ausweg aus diesem Dilemma; statt mit dem Krambambuli sprach er von dem Krambambuli, von den Triumphen, die er allenthalben mit ihm feierte, von dem Neide, den sein Besitz erregte, von den lächerlich hohen Summen, die ihm für den Hund geboten wurden und die er verächtlich von der Hand wies.
Zwei Jahre waren vergangen, da erschien eines Tages die Gräfin, die Frau seines Brotherrn, im Hause des Jägers. Er wusste gleich, was der Besuch zu bedeuten hatte, und als die gute, schöne Dame begann: „Morgen, lieber Hopp, ist der Geburtstag des Grafen…”, setzte er ruhig und schmunzelnd fort: »Und da möchten hochgräfliche Gnaden dem Herrn Grafen ein Geschenk machen und sind überzeugt, mit nichts anderm soviel Ehre einlegen zu können wie mit dem Krambambuli.” – „Ja, ja, lieber Hopp.« Die Gräfin errötete vor Vergnügen über dieses freundliche Entgegenkommen und sprach gleich von Dankbarkeit und bat, den Preis nur zu nennen, der für den Hund zu entrichten wäre. Der alte Fuchs von einem Revierjäger kicherte, tat sehr demütig und rückte auf einmal mit der Erklärung heraus: „Hochgräfliche Gnaden! Wenn der Hund im Schlosse bleibt, nicht jede Leine zerbeisst, nicht jede Kette zerreisst, oder wenn er sie nicht zerreissen kann, sich bei den Versuchen, es zu tun, erwürgt, dann behalten ihn hochgräfliche Gnaden umsonst- dann ist er mir nichts mehr wert.”
Die Probe wurde gemacht, aber zum Erwürgen kam es nicht; denn der Graf verlor früher die Freude an dem eigensinnigen Tiere. Vergeblich hatte man es durch Liebe zu gewinnen, mit Strenge zu bändigen gesucht. Er biss jeden, der sich ihm näherte, versagte das Futter und – viel hat der Hund eines Jägers ohnehin nicht zuzusetzen – kam ganz herunter. Nach einigen Wochen erhielt Hopp die Botschaft, er könne sich seinen Köter abholen. Als er eilends von der Erlaubnis Gebrauch machte und den Hund in seinem Zwinger aufsuchte, da gab’s ein Wiedersehen unermesslichen Jubels voll. Krambambuli erhob ein wahnsinniges Geheul, sprang an seinem Herrn empor, stemmte die Vorderpfoten auf dessen Brust und leckte die Freudentränen ab, die dem Alten über die Wangen liefen.

Am Abend dieses glücklichen Tages wanderten sie zusammen ins Wirtshaus. Der Jäger spielte Tarok mit dem Doktor und mit dem Verwalter, Krambambuli lag in der Ecke hinter seinem Herrn. Manchmal sah dieser sich nach ihm um, und der Hund, so tief er auch zu schlafen schien, begann augenblicklich mit dem Schwanz auf den Boden zu klopfen, als wollt er melden: „Präsent!« Und wenn Hopp, sich vergessend, recht wie einen Triumphgesang das Liedchen anstimmte: „Was macht denn mein Krambambuli?”, richtete der Hund sich würde- und respektvoll auf, und seine hellen Augen antworteten:
»Es geht ihm gut!«
Um dieselbe Zeit trieb, nicht nur in den gräflichen Forsten, sondern in der ganzen Umgebung, eine Bande Wildschützen auf wahrhaft tolldreiste Art ihr Wesen. Der Anführer sollte ein verlottertes Subjekt sein. Den „Gelben” nannten ihn die Holzknechte, die ihn in irgendeiner übelberüchtigten Spelunke beim Branntwein trafen, die Heger, die ihm hie und da schon auf der Spur gewesen waren, ihm aber nie hatten beikommen können, und endlich die Kundschafter, deren er unter dem schlechten Gesindel in jedem Dorfe mehrere besass.
Er war wohl der frechste Gesell, der jemals ehrlichen Jägersmännern etwas aufzulösen gab, musste auch selbst vom Handwerk gewesen sein, sonst hätte er das Wild nicht mit solcher Sicherheit aufspüren und nicht so geschickt jeder Falle, die ihm gestellt wurde, ausweichen können.
Die Wild- und Waldschäden erreichten eine unerhörte Höhe, das Forstpersonal befand sich in grimmigster Aufregung. Da begab es sich nur zu oft, dass die kleinen Leute, die bei irgendeinem unbedeutenden Waldfrevel ertappt wurden, eine härtere Behandlung erlitten, als zu andrer Zeit geschehen wäre und als gerade zu rechtfertigen war. Grosse Erbitterung herrschte darüber in allen Ortschaften. Dem Oberförster, gegen den der Hass sich zunächst wandte, kamen gutgemeinte Warnungen in Menge zu. Die Raubschützen, hiess es, hätten einen Eid darauf geschworen, bei der ersten Gelegenheit exemplarische Rache an ihm zu nehmen. Er, ein rascher, kühner Mann, schlug das Gerede in den Wind und sorgte mehr denn je dafür, dass weit und breit kund werde, wie er seinen Untergebenen die rücksichtsloseste Strenge anbefohlen und für etwaige schlimme Folgen die Verantwortung selbst übernommen habe. Am häufigsten rief der Oberförster dem Revierjäger Hopp die scharfe Handhabung seiner Amtspflicht ins Gedächtnis und warf ihm zuweilen Mangel an »Schneid« vor, wozu freilich der Alte nur lächelte. Der Krambambuli aber, den er bei solcher Gelegenheit von oben herunter anblinzelte, gähnte laut und wegwerfend. Übel nahmen er und sein Herr dem Oberförster nichts. Der Oberförster war ja der Sohn des Unvergesslichen, bei dem Hopp das edle Weidwerk erlernt, und Hopp hatte wieder ihn als kleinen Jungen in die Rudimente des Berufs eingeweiht. Die Plage, die er einst mit ihm gehabt, hielt er heute noch für eine Freude, war stolz auf den ehemaligen Zögling und liebte ihn trotz der rauhen Behandlung, die er so gut wie jeder andre von ihm erfuhr.
Eines Junimorgens traf er ihn eben wieder bei einer Exekution.

Es war im Lindenrondell, am Ende des herrschaftlichen Parks, der an den „Grafenwald” grenzte, und in der Nähe der Kulturen, die der Oberförster am liebsten mit Pulverminen umgeben hätte. Die Linden standen just in schönster Blüte, und über diese hatte ein Dutzend kleiner Jungen sich hergemacht. Wie Eichkätzchen krochen sie auf den Ästen der herrlichen Bäume herum, brachen alle Zweige, die sie erwischen konnten, ab und warfen sie zur Erde. Zwei Weiber lasen die Zweige hastig auf und stopften sie in Körbe, die schon mehr als zur Hälfte mit dem duftenden Raub gefüllt waren. Der Oberförster raste in unermesslicher Wut. Er liess durch seine Heger die Buben nur so von den Bäumen schütteln, unbekümmert um die Höhe, aus der sie fielen. Während sie wimmernd und schreiend um seine Füsse krochen, der eine mit zerschundenem Gesicht, der andere mit ausgerenktem Arm, ein dritter mit gebrochenem Bein, zerbläute er eigenhändig die beiden Weiber. In einer von ihnen erkannte Hopp die leichtfertige Dirne, die das Gerücht als die Geliebte des »Gelben” bezeichnete. Und als die Körbe und Tücher der Weiber und die Hüte der Buben in Pfand genommen wurden und Hopp den Auftrag bekam, sie aufs Gericht zu bringen, konnte er sich eines schlimmen Vorgefühls nicht erwehren.
Der Befehl, den ihm damals der Oberförster zurief, wild wie ein Teufel in der Hölle und wie ein solcher umringt von jammernden und gepeinigten Sündern, ist der letzte gewesen, den der Revierjäger im Leben von ihm erhalten hat. Eine Woche später traf er ihn wieder im Lindenrondell – tot. Aus dem Zustande, in dem die Leiche sich befand, war zu ersehen, dass sie hierher, und zwar durch Sumpf und Gerölle, geschleppt worden war, um an dieser Stelle aufgebahrt zu werden. Der Oberförster lag auf abgehauenen Zweigen, die Stirn mit einem dichten Kranz aus Lindenblüten umflochten, einen ebensolchen als Bandelier um die Brust gewunden. Sein Hut stand neben ihm, mit Lindenblüten gefüllt. Auch die Jagdtasche hatte der Mörder ihm gelassen, nur die Patronen herausgenommen und statt ihrer Lindenblüten hineingesteckt. Der schöne Hinterlader des Oberförsters fehlte und war durch einen elenden Schiessprügel ersetzt. Als man später die Kugel, die seinen Tod verursacht hatte, in der Brust des Ermordeten fand, zeigte es sich, dass sie genau in den Lauf dieses Schiessprügels passte, der dem Förster gleichsam zum Hohne über die Schulter gelegt worden war. Hopp stand beim Anblick der entstellten Leiche regungslos vor Entsetzen. Er hätte keinen Finger heben können, und auch das Gehirn war ihm wie gelähmt; er starrte nur und starrte und dachte anfangs gar nichts, und erst nach einer Weile brachte er es zu einer Beobachtung, einer stummen Frage: – »Was hat denn der Hund?«
Krambambuli beschnüffelt den toten Mann, läuft wie nicht gescheit um ihn herum, die Nase immer am Boden. Einmal winselt er, einmal stösst er einen schrillen Freudenschrei aus, macht ein paar Sätze, bellt, und es ist gerade so, als erwache in ihm eine längst erstorbene Erinnerung. . .
»Herein”, ruft Hopp, »da herein!” Und Krambambuli gehorcht, sieht aber seinen Herrn in allerhöchster Aufregung an und – wie der Jäger sich auszudrücken pflegte – sagt ihm: „Ich bitte dich um alles in der Welt, siehst du denn nichts? Riechst du denn nichts? .. . O lieber Herr, schau doch! riech doch! O Herr, komm! Daher komm!. ..” Und tupft mit der Schnauze an des Jägers Knie und schleicht, sich oft umsehend, als frage er: „Folgst du mir?”, zu der Leiche zurück und fängt an, das schwere Gewehr zu heben und zu schieben und ins Maul zu fassen, in der offenbaren Absicht, es zu apportieren.

Dem Jäger läuft ein Schauer über den Rücken, und allerlei Vermutungen dämmern in ihm auf. Weil das Spintisieren aber nicht seine Sache ist, es ihm auch nicht zukommt, der Obrigkeit Lichter aufzustecken, sondern vielmehr den grässlichen Fund, den er getan hat, unberührt zu lassen und seiner Wege – das heisst in dem Fall recte zu Gericht – zu gehen, so tut er denn einfach, was ihm zukommt.
Nachdem es geschehen und alle Förmlichkeiten, die das Gesetz bei solchen Katastrophen vorschreibt, erfüllt, der ganze Tag und auch ein Stück der Nacht darüber hingegangen sind, nimmt Hopp, ehe er schlafen geht, noch seinen Hund vor.
»Mein Hund”, spricht er, »jetzt ist die Gendarmerie auf den Beinen, jetzt gibt’s Streifereien ohne Ende. Wollen wir es andern überlassen, den Schuft, der unsern Oberförster erschossen hat, wegzuputzen aus der Welt? – Mein Hund kennt den niederträchtigen Strolch, kennt ihn, ja, ja! Aber das braucht niemand zu wissen, das habe ich nicht ausgesagt… Ich, hoho!… Ich werd meinen Hund hineinbringen in die Geschichte… Das könnt mir einfallen!” Er beugte sich über Krambambuli, der zwischen seinen ausgespreizten Knien sass, drückte die Wange an den Kopf des Tieres und nahm seine dankbaren Liebkosungen in Empfang. Dabei summte er: „Was macht denn mein Krambambuli?”, bis der Schlaf ihn übermannte.
Seelenkundige haben den geheimnisvollen Drang zu erklären gesucht, der manchen Verbrecher stets wieder an den Schauplatz seiner Untat zurückjagt. Hopp wusste von diesen gelehrten Ausführungen nichts, strich aber dennoch ruh- und rastlos mit seinem Hunde in der Nähe des Lindenrondells herum.
Am zehnten Tage nach dem Tode des Oberförsters hatte er zum erstenmal ein paar Stunden lang an etwas andres gedacht als an seine Rache und sich im „Grafenwald” mit dem Bezeichnen der Bäume beschäftigt, die beim nächsten Schlag ausgenommen werden sollten.
Wie er nun mit seiner Arbeit fertig ist, hängt er die Flinte wieder um und schlägt den kürzesten Weg ein, quer durch den Wald gegen die Kulturen in der Nähe des Lindenrondells. Im Augenblick, in dem er auf den Fusssteig treten will, der längs des Buchenzaunes läuft, ist ihm, als höre er etwas im Laube rascheln. Gleich darauf herrscht jedoch tiefe Stille, tiefe anhaltende Stille. Fast hätte er gemeint, es sei nichts Bemerkenswertes gewesen, wenn nicht der Hund so merkwürdig dreingeschaut hätte. Der stand mit gesträubtem Haar, den Hals vorgestreckt, den Schwanz aufrecht, und glotzte eine Stelle des Zaunes an. Oho! dachte Hopp, wart, Kerl, wenn du’s bist! Trat hinter einen Baum und spannte den Hahn seiner Flinte. Wie rasend pochte ihm das Herz, und der ohnehin kurze Atem wollte ihm völlig versagen, als jetzt plötzlich – Gottes Wunder! – durch den Zaun der »Gelbe” auf den Fusssteig trat. Zwei junge Hasen hingen an seiner Weidtasche und auf seiner Schulter, am wohlbekannten Juchtenriemen, der Hinterlader des Oberförsters. Nun wär’s eine Passion gewesen, den Racker niederzubrennen aus sicherem Hinterhalt.
Aber nicht einmal auf den schlechtesten Kerl schiesst der Jäger Hopp, ohne ihn angerufen zu haben. Mit einem Satz springt er hinter dem Baum hervor und auf den Fusssteig und schreit: „Gib dich, Vermaledeiter!” Und als der Wildschütz zur Antwort den Hinterlader von der Schulter reisst, gibt der Jäger Feuer… All ihr Heiligen – ein sauberes Feuer! Die Flinte knackst, anstatt zu knallen. Sie hat zu lang mit aufgesetzter Kapsel im feuchten Wald am Baum gelehnt- sie versagt.

Gute Nacht, so sieht das Sterben aus, denkt der Alte. Doch nein – er ist heil, sein Hut nur fliegt, von Schroten durchlöchert, ins Gras.
Der andre hat auch kein Glück; das war der letzte Schuss in seinem Gewehr, und zum nächsten zieht er eben erst die Patrone aus der Tasche . . .
»Pack an!” ruft Hopp seinem Hunde heiser zu: „Pack an!” Und:
»Herein, zu mir! Herein, Krambambuli!” lockt es drüben mit zärtlicher, liebevoller- ach, mit altbekannter Stimme. ..
Der Hund aber
Was sich nun begab, begab sich viel rascher, als man es erzählen kann.
Krambambuli hatte seinen ersten Herrn erkannt und rannte auf ihn zu, bis – in die Mitte des Weges. Da pfeift Hopp, und der Hund macht kehrt, der »Gelbe” pfeift, und der Hund macht wieder kehrt und windet sich in Verzweiflung auf einem Fleck, in gleicher Distanz von dem Jäger wie von dem Wildschützen, zugleich hingerissen und gebannt . . .
Zuletzt hat das arme Tier den trostlos unnötigen Kampf aufgegeben und seinen Zweifeln ein Ende gemacht, aber nicht seiner Qual. Bellend, heulend, den Bauch am Boden, den Körper gespannt wie eine Sehne, den Kopf emporgehoben, als riefe es den Himmel zum Zeugen seines Seelenschmerzes an, kriecht es – seinem ersten Herrn zu.
Bei dem Anblick wird Hopp von Blutdurst gepackt. Mit zitternden Fingern hat er die neue Kapsel aufgesetzt- mit ruhiger Sicherheit legt er an. Auch der „Gelbe” hat den Lauf wieder auf ihn gerichtet. Diesmal gilt’s! Das wissen die beiden, die einander auf dem Korn haben, und was auch in ihnen vorgehen möge, sie zielen so ruhig wie ein paar gemalte Schützen.
Zwei Schüsse fallen. Der Jäger trifft, der Wildschütze fehlt.
Warum? Weil er – vom Hunde mit stürmischer Liebkosung angesprungen – gezuckt hat im Augenblick des Losdrückens. „Bestie!” zischt er noch, stürzt rücklings hin und rührt sich nicht mehr.
Der ihn gerichtet, kommt langsam herangeschritten. Du hast genug, denkt er, um jedes Schrotkorn wär’s schad bei dir. Trotzdem stellt er die Flinte auf den Boden und lädt von neuem. Der Hund sitzt aufrecht vor ihm, lässt die Zunge heraushängen, keucht kurz und laut und sieht ihm zu. Und als der Jäger fertig ist und die Flinte wieder zur Hand nimmt, halten sie ein Gespräch, von dem kein Zeuge ein Wort vernommen hätte, wenn es auch statt eines toten ein lebendiger gewesen wäre.
„Weisst du, für wen das Blei gehört?”
„Ich kann es mir denken.”
»Deserteur, Kalfakter, pflicht- und treuvergessene Kanaille!”
„Ja, Herr, jawohl.«
„Du warst meine Freude. Jetzt ist’s vorbei. Ich habe keine Freude mehr an dir.«
„Begreiflich, Herr”, und Krambambuli legte sich hin, drückte den Kopf auf die ausgestreckten Vorderpfoten und sah den Jäger an.
Ja, hätte das verdammte Vieh ihn nur nicht angesehen! Da würde er ein rasches Ende gemacht und sich und dem Hunde viel Pein erspart haben. Aber so geht’s nicht! Wer könnte ein Geschöpf niederknallen, das einen so ansieht? Herr Hopp murmelt ein halbes Dutzend Flüche zwischen den Zähnen, einer gotteslästerlicher als der andre, hängt die Flinte wieder um, nimmt dem Raubschützen noch die jungen Hasen ab und geht.

Der Hund folgte ihm mit den Augen, bis er zwischen den Bäumen verschwunden war, stand dann auf, und sein mark- und beinerschütterndes Wehgeheul durchdrang den Wald. Ein paarmal drehte er sich im Kreise und setzte sich wieder aufrecht neben den Toten hin. So fand ihn die gerichtliche Kommission, die, von Hopp geleitet, bei sinkender Nacht erschien, um die Leiche des Raubschützen in Augenschein zu nehmen und fortschaffen zu lassen. Krambambuli wich einige Schritte zurück, als die Herren herantraten. Einer von ihnen sagte zu dem Jäger: „Das ist ja Ihr Hund.« – »Ich habe ihn hier als Schildwache zurückgelassen«, antwortete Hopp, der sich schämte, die Wahrheit zu gestehen. – Was half’s? Sie kam doch heraus, denn als die Leiche auf den Wagen geladen war und fortgeführt wurde, trottete Krambambuli gesenkten Kopfes und mit eingezogenem Schwanz hinterher. Unweit der Totenkammer, in der der »Gelbe” lag, sah ihn der Gerichtsdiener noch am folgenden Tage herumstreichen. Er gab ihm einen Tritt und rief ihm zu: »Geh nach Hause!” – Krambambuli fletschte die Zähne gegen ihn und lief davon, wie der Mann meinte, in der Richtung des Jägerhauses. Aber dorthin kam er nicht, sondern führte ein elendes Vagabundenleben.
Verwildert, zum Skelett abgemagert, umschlich er einmal die armen Wohnungen der Häusler am Ende des Dorfes. Plötzlich stürzte er auf ein Kind los, das vor der letzten Hütte stand, und entriss ihm gierig das Stück harten Brotes, an dem es nagte. Das Kind blieb starr vor Schrecken, aber ein kleiner Spitz sprang aus dem Hause und bellte den Räuber an. Dieser liess sogleich seine Beute fahren und entfloh.
Am selben Abend stand Hopp vor dem Schlafengehen am Fenster und blickte in die schimmernde Sommernacht hinaus. Da war ihm, als sähe er jenseits der Wiese am Waldessaum den Hund sitzen, die Stätte seines ehemaligen Glückes unverwandt und sehnsüchtig betrachtend – der Treueste der Treuen, herrenlos!
Der Jäger schlug den Laden zu und ging zu Bett. Aber nach einer Weile stand er auf, trat wieder ans Fenster – der Hund war nicht mehr da. Und wieder wollte er sich zur Ruhe begeben, und wieder fand er sie nicht.
Er hielt es nicht mehr aus. Sei es, wie es sei … Er hielt es nicht mehr aus ohne den Hund. – Ich hol ihn heim, dachte er, und fühlte sich wie neu geboren nach diesem Entschluss.
Beim ersten Morgengrauen war er angekleidet, befahl seiner Alten, mit dem Mittagessen nicht auf ihn zu warten, und sputete sich hinweg. Wie er aber aus dem Hause trat, stiess sein Fuss an denjenigen, den er in der Ferne zu suchen ausging. Krambambuli lag verendet vor ihm, den Kopf an die Schwelle gepresst, die zu überschreiten er nicht mehr gewagt hatte.
Der Jäger verschmerzte ihn nie. Die Augenblicke waren seine besten, in denen er vergass, dass er ihn verloren hatte. In freundliche Gedanken versunken, intonierte er dann sein berühmtes: »Was macht denn mein Krambam . . .” Aber mitten in dem Worte hielt er bestürzt inne, schüttelte das Haupt und sprach mit einem tiefen Seufzer: »Schad um den Hund.«

Im offenen Boot

von Stephen Crane

Keiner Kümmerte sich um die Farben am Himmel. Ihre Augen hafteten starr an den Wogen, die auf sie zuschossen. Die Wogen waren schiefergrau, bis auf die Kämme, die weisslich schäumten; und jeder der vier Männer kannte die Farben der See. Der Gesichtskreis verengte sich und wurde wieder weit, er sank und er stieg, doch immer war seine Kreislinie von Wellen zerfetzt, die spitzig wie Klippen aufragten. Manch einer sollte wohl eine Badewanne besitzen, die grösser als das Boot ist, das da über die Wogen ritt. Diese Wogen türmten sich ganz unsinnig und unmenschlich schroff und steil auf.

Der Koch hockte auf dem Bootsboden und starrte krampfhaft auf die sechs Zoll Bordwand, die ihn vom Ozean trennten. Seine Ärmel hatte er an den fetten Unterarmen in die Höhe gekrempelt, und die Zipfel seiner offenstehenden Weste baumelten herunter, als er sich bückte, um das Boot auszuschöpfen. Wer weiss wie oft sagte er: „Grosser Gott! Das wär beinah schiefgegangen!”

Der Maschinist, der mit dem einen der beiden Ruder steuerte, richtete sich manchmal hastig auf, um sich vor dem Wasserschwall zu retten, der übers Heck flutete. Es war ein dünnes, kleines Ruder, und oft schien es, als würde es gleich durchbrechen. Der Berichterstatter, der das andere Ruder durchs Wasser riss, sah auf die Wogen und wunderte sich, dass ihm so etwas zugestossen war.

Der Kapitän lag verwundet im Bug; er steckte noch tief in jener Niedergeschlagenheit und Gleichgültigkeit, die – zumindest zeitweise – selbst die Tapfersten und Zähesten überfällt, wenn, allem zum Trotz, die Firma Bankrott macht, die Armee geschlagen wird, das Schiff sinkt. Wer über ein Fahrzeug gebietet, dessen Sinn ist tief in den Spanten eines Schiffs verwurzelt, und dieser Kapitän hier hatte noch immer ein grimmiges Bild vor Augen: sieben bei Morgengrauen zu ihm auf gewandte Gesichter und später den Stumpf einer Marsstenge mit einem weissen Ball daran, die auf den Wellen hin- und herschlug und tief und tiefer sank und hinab. Von da an schwang in seiner Stimme, obschon sie fest war, tiefe Trauer mit als sei sie über alle Worte und Tränen hinaus.

„Halt etwas mehr nach Süden, Billie!” sagte er.

„Etwas mehr nach Süden, Sir”, wiederholte der Maschinist im Heck.

In diesem Boot sass man wie auf einem bockenden Mustang, und ein Mustang ist ja – um im Bilde zu bleiben – auch nicht viel kleiner als so ein Dingi. Es bäumte sich und stieg und schlug wie ein Gaul hinten aus. Jedesmal wenn eine Woge kam und das Boot sich ihr entgegenhob, glich es einem Pferd vor einer viel zu hohen Hürde. Wie es überhaupt solche Wogenmauern überklettern konnte, bleibt ein Rätsel. Nachdem es zornmütig über den Kamm gestampft war, glitt und raste und platschte es den langen Wasserhang zu Tal und befand sich schaukelnd und tänzelnd vor der nächsten drohend überhängenden Wand.

In einem zehn Fuss langen Dingi bekommt man eine Vorstellung, was die See in bezug auf Wogen zu leisten vermag. Jedesmal wenn eine schiefergraue Wasserwand näher rückte, versperrte sie den Ausblick auf alles andere, und man hätte leicht denken können, gerade diese Woge sei der letzte Wutausbruch des Ozeans und die letzte Kraftanstrengung der ergrimmten Wasser. Es lag eine fürchterliche Eleganz im Vorrücken der Wellen, wie sie da nahten – stumm – bis auf das Zischen ihrer Kämme.

Im fahlen Licht mögen die Gesichter der Männer grau gewesen sein. Die Augen haben wohl seltsam geglitzert, während sie achteraus stierten. Das Ganze hätte, von einem Altan herab betrachtet, zweifellos gespenstig malerisch ausgesehen. Aber die Männer im Boot hatten keine Zeit, es so zu sehen. Die Sonne stieg stetig himmelan, und sie wussten, dass heller Tag war, weil die See vom Schiefergrau in ein smaragdenes Grün überging.

In abgerissenen Sätzen stritten sich der Koch und der Berichterstatter um den Unterschied zwischen einer Rettungsstation und einer Schutzhütte. Der Koch hatte gesagt: »Gleich nördlich vom Leuchtturm an der Moskitobucht ist eine Schutzhütte, und sobald die Leute uns dort sichten, kommen sie schon mit ihrem Boot und retten uns.«

„Schutzhütten haben keine Mannschaft”, entgegnete der Berichterstatter. „Meines Wissens werden dort nur Kleider und Lebensmittel für Schiffbrüchige aufbewahrt. Mannschaften gibt’s da nicht!”

»Gibt’s doch!” erwiderte der Koch.

»Gibt’s nicht!” entgegnete der Berichterstatter.

„Und jedenfalls sind wir noch gar nicht da!” rief vom Heck her der Maschinist.

„Vielleicht ist’s auch keine Schutzhütte, die ich meine, sondern eben eine Rettungsstation”, sagte der Koch.

„Und jedenfalls sind wir noch nicht da!” rief der Maschinist.

WENN DAS BOOT vom Kamm einer Woge schnellte, fuhr der Wind den barhäuptigen Männern jedesmal durchs Haar, und der Gischt klatschte auf sie nieder. Jeder Wogenkamm war wie ein Berggipfel, von dem aus die Männer einen Augenblick die gärende, blanke und sturmzerfetzte Wasserwüste überschauen konnten. Sicher war es prachtvoll, sicher war es grossartig, dieses Lichterspiel der ungestümen See.

„Verdammt gut, dass der Wind landwärts steht!” rief der Koch. »Denn sonst wären wir schlimm dran.”

»Stimmt”, sagte der Berichterstatter.

Der emsige Maschinist nickte nur.

Der Kapitän im Bug aber musste auflachen, und es klang gleichzeitig humorvoll und bitter und schwermütig. „Und jetzt, Kinder, glaubt ihr, dass ihr jetzt besonders fein dran seid?”

Worauf die andern nichts zu erwidern hatten. Sie fanden es wohl kindisch oder töricht, jetzt einen besonderen Optimismus zur Schau zu tragen. Andrerseits wäre es in solcher Lage unangebracht gewesen, hätten sie offen von Hoffnungslosigkeit gesprochen. Deshalb schwiegen sie.

»Aber immerhin”, meinte der Kapitän und wollte sie beruhigen, „werden wir schon an Land kommen.”

Doch in seiner Stimme klang etwas mit, was sie bedenklich stimmte; daher sagte der Maschinist: „Ja, wenn der Wind hält!”

Der Koch schöpfte Wasser und rief: „Ja, wenn uns die Brandung nicht zusammenschlägt!”

Möwen flattern nah und fern. Manchmal liessen sie sich behaglich aufs Wasser nieder, neben braunen Seetangfeldern, so dass die im Boot sie beneideten, denn ihnen bedeutete die Wut der See ebensowenig wie einem Volk Steppenhühner tausend Meilen landeinwärts. Öfters kamen sie ganz nahe und starrten die Männer mit ihren schwarzen Knopfaugen an. Dann wirkten sie mit ihrem unablässigen Glotzen unheilvoll und nicht ganz geheuer, und die Männer schrien ihnen ärgerlich zu, sie sollten sich fortscheren. Eine Möwe kam geflogen und wollte sich offenbar auf dem Kopf des Kapitäns niederlassen. Sie flog mit dem Boot mit und flatterte höchstens kurz beiseite. Die schwarzen Augen hatte sie beharrlich auf den Kopf des Kapitäns gerichtet.

„Scheussliches Biest!” rief der Maschinist dem Vogel zu. Der Koch und der Berichterstatter stiessen giftige Flüche aus. Der Kapitän hätte am liebsten mit dem Ende der dicken Fangleine nach ihr ausgeholt, doch jede übertriebene Bewegung hätte das schwerbelastete Boot zum Kentern gebracht, deshalb scheuchte er sie nur mit der offenen Hand sanft und vorsichtig fort. Als sie endlich von ihrem Vorhaben abliess, atmeten die andern auf, weil ihnen der Vogel unter diesen Umständen wie ein grässlicher Unglücksbote vorkam.

Und die ganze Zeit ruderten der Maschinist und der Berichterstatter. Sie sassen auf der gleichen Bank, und jeder zog sein Ruder durch.

Dann nahm der Maschinist beide Ruder, danach der Berichterstatter, dann der Maschinist und nach ihm wieder der Berichterstatter. Sie ruderten und ruderten. Der heikelste Augenblick war es stets, wenn der sich im Heck Ausruhende wieder an der Reihe war, den andern abzulösen. Es wäre bestimmt leichter gewesen, einer Henne die Eier unter dem Leib wegzustehlen, als hier im Beiboot die Plätze zu wechseln. Zuerst glitt der Mann im Heck mit seiner Hand am Dollbord entlang. Danach liess der Mann auf der Ruderbank seine Hand über das andere Dollbord gleiten. Alles vollzog sich bei grösster Achtsamkeit. Während die beiden aneinander vorbeischlüpften, hielten die anderen Männer scharf nach der nächsten Woge Ausschau, und der Kapitän rief: „Obacht jetzt! Ruhig!”

Die braunen Tangmatten, die von Zeit zu Zeit erschienen, waren wie Inseln und wie Stückchen Land. Sie trieben offenbar in keiner bestimmten Richtung. Es war ganz so, als ob sie stets auf der gleichen Stelle blieben. Daran konnten die Männer im Boot erkennen, dass sie sich dem Lande näherten.

Der Kapitän richtete sich, als das Boot einen besonders hohen Wellenberg erklomm, behutsam im Bug auf und rief dann, er habe den Leuchtturm in der Moskitobucht gesehen. Gleichzeitig behauptete auch der Koch, ihn gesichtet zu haben. Der Berichterstatter handhabte gerade die Ruder, und begreiflicherweise wollte auch er den Leuchtturm sehen; doch sass er mit dem Rücken gegen die Küste, und die Wogen waren so mächtig, dass er eine Zeitlang keine Gelegenheit fand, den Kopf umzudrehen. Doch endlich kam eine Welle, die sanfter als die andern war, und als sie auf ihrem Kamm thronten, musterte er geschwind den westlichen Horizont.

»Sehen Sie ihn?” fragte der Kapitän.

»Nein”, erwiderte der Berichterstatter langsam, „ich habe überhaupt nichts gesehen.”

„Blicken Sie noch mal hin!” sagte der Kapitän und wies die Richtung. „Genau dort ist er!”

Auf dem nächsten Wogenkamm tat der Berichterstatter, wie ihm geheissen war, und diesmal erhaschte sein Auge ein kleines feststehendes Etwas am Rande des schwankenden Gesichtskreises. Es glich durchaus einer Nadelspitze. Nur ein besorgter Blick konnte eine so winzige Andeutung eines Leuchtturms ausfindig machen.

„Glauben Sie, wir schaffen’s, Herr Kapitän?”

„Wenn der Wind hält und das Boot nicht voll Wasser schlägt, wird es uns wohl glücken”, erwiderte der Kapitän.

Das kleine Boot, das von jeder sich auftürmenden Woge hochgehoben und von den Gischtkämmen giftig übersprüht wurde, rückte weiter voran. Hin und wieder brandete eine grosse Wasserplache, einer weissen Flamme gleich, ins Boot hinein.

»Schöpfen, Koch!” befahl der Kapitän gelassen.

»All right, Käptn!” rief munter der Koch.

EINE GEHEIME BRÜDERLICHKEIT hatte sich hier auf See zwischen den Männern angesponnen. Keiner redete darüber. Doch jeder fühlte sich davon angerührt. Da waren sie, ein Kapitän, ein Maschinist, ein Koch und ein Berichterstatter, und waren Freunde, die merkwürdig fest miteinander verkittet waren. Der verwundete Kapitän lehnte gegen das Wasserfass im Bug und sprach nie anders als mit leiser und ruhiger Stimme; doch hätte er keine Mannschaft finden können, die williger und schneller gehorchte als die zusammengewürfelte der drei Männer im kleinen Boot. Und es geschah nicht nur aus blosser Erkenntnis dessen, was für das allgemeine Wohl am besten sei. Bestimmt war auch eine Kameradschaft da, die der Berichterstatter, den der Umgang mit Menschen zynisch gemacht hatte, für sein schönstes Erlebnis hielt. Doch keiner sprach es aus, dass dem so war. Keiner redete darüber.

„Ich wünschte, wir hätten ein Segel”, bemerkte der Kapitän. „Wir könnten es mit meinem Mantel versuchen, an ein Ruder gespannt, damit ihr beiden euch mal ausruhen könnt.” Der Koch und der Berichterstatter hielten also das Ruder mit dem ausgebreiteten Mantel wie einen Mast hoch. Der Maschinist steuerte, und das kleine Boot machte mit seiner neuen Takelung gute Fahrt. Manchmal musste der Maschinist scharf beidrehen, wenn eine See ins Boot zu schlagen drohte, doch im übrigen war die Seglerei ein guter Einfall.

Der Leuchtturm war unterdessen langsam grösser geworden. Er nahm jetzt beinahe Farbe an und hob sich wie eine kleine graue Silhouette gegen den Himmel ab. Endlich konnten die Männer im tanzenden Boot vom Kamm einer jeden Woge Land sichten, ein langer schwarzer Schatten auf der See – und dünner als Papier. „Wir müssen etwa gegenüber von New Smyrna sein”, sagte der Koch, der diese Küste schon oft auf Schonern befahren hatte. »Übrigens glaub ich, Käptn, dass sie die Rettungsstation schon vor einem Jahr oder so aufgegeben haben.” »Wirklich?” sagte der Kapitän.

Der Wind flaute allmählich ab. Der Koch und der Berichterstatter brauchten sich nicht mehr so zu plagen, um den Mantel hochzuhalten.

Da das kleine Boot nicht länger Fahrt machte, torkelte es furchtbar über die Wogen hin. Der Maschinist und der Berichterstatter griffen wieder zu den Rudern.

Ein Schiffbruch pflegt völlig unerwartet einzutreffen. Falls man sich darin üben und ihn immer erst dann eintreffen lassen könnte, wenn alle sich tüchtig drauf verstehen, dann gäbe es weniger Verluste durch Ertrinken. Von den vier Männern hatte schon zwei Tage, ehe sie das Beiboot bestiegen hatten, keiner richtig die Augen zugemacht, und bei dem aufregenden Herumklettern auf Deck eines sinkenden Schiffes hatten sie auch vergessen, ausreichend zu essen.

Der Berichterstatter fragte sich erstaunt, wieso Menschen mit Vergnügen ein Boot rudern konnten. Es war kein Genuss; es war eine Höllenstrafe, eine Muskelqual und eine Rückentortur. Er erklärte den Bootsinsassen, was er von diesem Vergnügen hielte, und der Maschinist mit seinem müden Gesicht lächelte verständnisinnig. Übrigens hatte er schon vor dem Schiffbruch im Maschinenraum Überstunden gemacht.

»Lasst es jetzt leichter angehn, Jungen!” sagte der Kapitän. »Überanstrengt euch nicht! Wenn wir durch die Brandung müssen, braucht ihr eure ganze Kraft, denn zuletzt müssen wir schwimmen. Lasst euch Zeit!”

Allmählich hob sich das Land aus der See. Aus einem schwarzen Strich wurde es zu einem schwarzen und einem weissen Strich: zu Bäumen und Sand. Schliesslich sagte der Kapitän, er könne an Land ein Haus erkennen. »Das ist bestimmt die Schutzhütte”, meinte der Koch. „Jetzt werden sie uns bald sehen und ausfahren, um uns zu

holen!”

Der Leuchtturm in der Ferne stieg in die Lüfte. „Der Wärter dort sollte uns jetzt entdecken, falls er durchs Fernrohr blickt”, meinte der Kapitän. „Sicher wird er gleich die Rettungsmannschaft alarmieren!”

„Von den andern Booten ist wohl keins an der Küste gelandet und hat vom Schiffbruch erzählt”, sagte der Maschinist, und seine Stimme klang leise. „Sonst wäre ja das Rettungsboot schon auf der Suche.”

Langsam, herrlich schön stieg das Land aus der See. Der Wind kam wieder auf. Er war von Nordosten nach Südosten umgesprungen. Endlich drang den Männern im Boot ein neuer Laut ans Ohr. Es war das gedämpfte Donnern der Brandung. »Etwas nach Norden halten, Billie!“ sagte der Kapitän.

»Etwas nach Norden, Sir”, wiederholte der Maschinist.

Darauflhin wandte das kleine Boot seine Nase abermals in den Wind, und ausser dem Ruderer beobachteten alle das Aufsteigen der Küste. Bei diesem Anblick schwanden Zweifel und bange Furcht aus den Herzen der Männer. Vielleicht waren sie in einer Stunde schon an Land?

Ihre Wirbelsäulen hatten sich jetzt völlig daran gewöhnt, das Gleichgewicht im Boot zu wahren, so dass sie nun wie Zirkuskünstler das wilde Füllen von einem Boot ritten. Der Berichterstatter hatte geglaubt, er sei bis auf die Haut durchnässt, doch in der Brusttasche seiner Jacke entdeckte er vier völlig unversehrte Zigarren. Nach einigem Suchen förderte einer drei trockene Zündhölzchen zutage, und daraufhin schaukelten die vier Obdachlosen keck in ihrer Nussschale weiter und pafften ihre dicken Zigarren, während ihnen die Gewissheit der nahe bevorstehenden Rettung aus den Augen leuchtete. Jeder nahm einen Schluck Trinkwasser.

»KOCH”, BEMERKTE DER KAPITÄN, »an deiner Schutzhütte kann ich allerlei Lebenszeichen sehen.”

»Stimmt”, erwiderte der Koch. »Komisch, dass sie uns noch nicht entdeckt haben!”

Vor den Augen der Männer dehnte sich ein breiter, niedriger Küstenstrich. Es waren Dünen, von dunklerem Pflanzenwuchs gekrönt. Manchmal sahen sie den weissen Saum einer Welle, wie sie den Strand hinanleckte. Ein winziges Haus zeichnete sich als schwarzer Würfel gegen den Himmel ab. Im Süden erhob sich der schlanke Leuchtturm als kleiner grauer Stift.

Strömung, Wind und Wellen trieben das Boot gen Norden. »Komisch, dass sie uns nicht sehen!” sagten die Männer.

Das Brüllen der Brandung klang hier gedämpfter, doch war es trotzdem noch ein gewaltiges Donnern. Während das Boot über die hohen Roller glitt, hockten die Männer da und lauschten auf das Gebrüll. „Da gehen wir bestimmt unter”, sagten alle.

Hier soll anstandshalber erwähnt werden, dass es innert zwanzig Meilen keine Rettungsstation gab; doch das wussten die Männer nicht, und infolgedessen ergingen sie sich in schmutzigen, schimpflichen Bemerkungen über die schlechten Augen der Männer in den amerikanischen Rettungsstationen. Mit dem guten Mut war es vorbei. Ihr gereiztes Gemüt malte sich alle möglichen Arten von Unfähigkeit und Blindheit und sogar von Feigheit aus. Dort lag die Küste eines volkreichen Landes, und es wurde immer bitterer für sie, dass kein Lebenszeichen von dort zu ihnen herüberdrang. »Tja”, sagte der Kapitän zu guter Letzt, „dann werden wir unser Heil wohl selbst versuchen müssen. Wenn wir zu lange hier draussen warten, hat keiner von uns mehr genügend Kraft zum Schwimmen, nachdem das Boot weggesackt ist.”

Und daraufhin hielt der Maschinist, der am Ruder sass, das Boot schnurstracks auf die Küste zu. Alle spannten die Muskeln an. Alle überlegten fieberhaft.

„Falls wir nicht alle an Land gelangen…”, sagte der Kapitän, „… falls wir nicht alle an Land gelangen, dann wisst ihr wohl, Jungen, wem ihr Nachricht über mein Ende schicken sollt?”

Sie tauschten nun schnell Adressen und Ratschläge aus. Was ihre Gedanken betrifft, so bargen sie ein gut Teil Zorn. Sie mochten etwa so wiedergegeben werden: Wenn ich ertrinken soll… wenn ich ertrinken soll, weshalb dann, im Namen aller sieben verrückten Meergötter, die die See beherrschen, muss ich erst bis hierher kommen und Sand und Bäume wiedersehen? Wenn die Vorsehung beschlossen hat, mich zu ertränken, weshalb hat sie’s nicht gleich zu Anfang schon getan und mir all die Plage erspart? Die ganze Geschichte ist Wahnsinn… Aber nein, das kann nicht ihr Ernst sein, mich hier zu ertränken. Das wagt sie nicht. Nicht nach all der Plakkerei! – Und dann hätte der Mann vielleicht Lust bekommen, mit der geballten Faust himmelwärts zu drohen: Ertränke mich nur, du, dann kannst du was erleben!

Die Wellenberge, die sich jetzt heranwälzten, waren noch fürchterlicher. Immer schien es so, als wollten sie sich gleich überschlagen und das kleine Boot in brodelndem Gischt unter sich begraben. Die Küste lag noch in weiter Ferne. Der Maschinist kannte sich mit Brandungen aus und rief hastig: „Jungens, länger als drei Minuten kann’s nicht mehr so weitergehen, und um zu schwimmen, dafür sind wir noch zu weit draussen. Soll ich wieder seewärts drehen, Sir?”

„Ja, nur zu!” rief der Kapitän.

Dem Maschinisten gelang es wie durch ein Wunder, mit ein paar schnellen und geschickten Ruderschlägen das Boot mitten in der Brandung zu wenden und es wohlbehalten aufs Meer hinauszusteuern. Vielsagendes Schweigen herrschte im Boot, während es über die zerfurchte See tieferen Gewässern entgegentorkelte. Dann sprach eine Stimme mit düsterem Ton: »Jedenfalls müssen sie uns an der Küste gesichtet haben.”

»Was sagst du zu den Rettungsonkeln? Sind das nicht Vollidioten?”

„Vielleicht glauben sie, wir frönen hier unserem Privatsport. Vielleicht glauben sie, wir wollen fischen. Vielleicht halten sie uns für Dummköpfe.”

Es wurde ein langer Nachmittag. Die Strömung wechselte und zwang sie nach Süden, doch Wind und Wellen drängten gen Norden. Und der Maschinist ruderte, und danach ruderte der Berichterstatter. Dann ruderte der Maschinist. Es war eine aufreibende Angelegenheit. Der menschliche Rücken ist nur ein beschränkter Raum, doch kann er zum Schauplatz unzähliger Muskelstörungen, -verrenkungen, -verzerrungen, -stauungen und andrer Schmerzen werden.

»Hat dir das Rudern früher Spass gemacht, Billie?” fragte der Berichterstatter.

»Nein, zum Teufel!” rief der Maschinist.

Wer die Ruderbank mit dem Platz am Bootsboden vertauschte, litt so an körperlicher Erschöpfung, dass er nichts mehr tun wollte. Kaltes Seewasser schwappte im Boot hin und her, und er lag mittendrin. Manchmal schlug eine besonders lärmende Woge ins Boot hinein und durchnässte ihn auch noch von oben her. Doch das alles verdross ihn nicht im geringsten. Selbst wenn das Boot gekentert wäre, hätte er sich bestimmt ganz gemütlich ins Meer fallen lassen, als glaube er, es sei eine grosse, weiche Matratze.

»Halt! Da ist ein Mann auf dem Strand.”

»Wo?”

»Da! Seht ihr ihn? Seht ihr ihn?

»Ja, stimmt. Jetzt geht er weiter.”

„Jetzt bleibt er stehn. Seht doch, er blickt her!”

»Er winkt uns zu!”

»Tatsächlich! Donnerschlag!”

»Oh, jetzt sind wir gut dran! Jetzt sind wir gut dran! In einer halben Stunde ist ein Boot bei uns!”

„Er geht weiter. Er rennt. Er läuft zum Haus hinauf!

Der ferne Strand schien tiefer als das Meer zu liegen, und ein scharfer Blick war nötig, um die kleine schwarze Gestalt auszumachen. Der Kapitän sah einen treibenden Stock, und sie ruderten darauf zu. Durch einen wunderlichen Zufall war ein Handtuch ins Boot geraten, das banden sie nun an den Stock, und der Kapitän winkte damit. Der Ruderer wagte nicht, sich umzudrehen, und war daher gezwungen, Fragen zu stellen.

»Was macht er jetzt?”

„Er steht wieder still.”

„Winkt er uns?”

„Nein, jetzt nicht. Aber vorhin hat er’s getan.”

„Seht bloss mal, da kommt noch ein Mann!”

„Seht bloss mal den an!”

„Ach, der sitzt ja auf einem Fahrrad! Jetzt trifft er den andern. Sie winken uns beide! Seht nur!”

»Da kommt etwas den Strand herauf. Was zum Kuckuck ist denn das?”

„Das sieht ja wie ein Boot aus.”

„Nein, es hat Räder.”

„Ja, stimmt. Oh, das ist das Rettungsboot. Die werden auf Rädern bis ans Wasser gefahren.”

„Nein, zum… zum… Es ist ein Omnibus. Ich erkenn’s ganz deutlich. Siehst du’s denn nicht? Ein grosser Hotelomnibus.”

„Mein Gott, ja, hast recht! Vielleicht sammeln sie die Rettungsmannschaft, he?”

„Leicht möglich. Seht mal da! Ein Mensch winkt mit einer kleinen schwarzen Flagge. Er steht auf dem Trittbrett vom Omnibus. Jetzt kommen die beiden andern Burschen an. Jetzt reden sie alle zusammen.”

„Das ist gar keine Flagge, was? Das ist seine Jacke. Ja, natürlich, ‘s ist seine Jacke. Er hat sie ausgezogen und schwenkt sie um den Kopf. Seht bloss, wie wild er sie schwenkt!”

„Oh, hört mal, das ist gar keine Rettungsstation. Das ist bloss der Omnibus von einem Winterkurort, der hat ein paar Hotelgäste hergebracht, damit sie uns beim Ersaufen zuschauen können.”

„Was will denn bloss der Idiot mit der Jacke? Was gibt der denn für Signale?”

„Sieht so aus, als wollt er uns sagen, wir sollen nach Norden halten. Vielleicht ist da eine Rettungsstation.”

„Nein. Er denkt, wir fischen hier. Winkt uns bloss so zum Spass, verstehst du?”

„Was will er nur?«

„Gar nichts will er. Macht’s bloss zum Spass.”

„Wenn er uns wenigstens Signale geben würde, wir sollten’s noch mal mit der Brandung versuchen oder auf die See rausfahren und warten oder nach Norden oder Süden fahren oder uns davonscheren, das hätte doch ‘n Sinn. Aber schaut euch den an! Steht einfach da und schwenkt seine Jacke wie ein Wagenrad herum! Der Hornochse!”

„Da kommen noch mehr Leute!

„Ja, ein ganzer Haufen!”

»Der Mensch winkt immer noch mit seiner Jacke.”

„Möcht mal wissen, wie lange der das durchhält. Schwenkt die Jacke schon seit der Minute, wo er uns gesehen hat. Ist ja verrückt. Weshalb holen sie denn keine Männer, die ein Boot heranschaffen? Weshalb unternimmt der Bursche nichts?”

„Ach, es wird schon was geschehn.”

„Jetzt, wo sie uns gesehen haben, schicken sie im Nu ein Boot her!”

Ein fahles Gelb stahl sich in die Luft über dem Landstrich. Die Schatten auf der See wurden langsam dunkler. Der Wind brachte Kälte mit, und die Männer begannen zu frösteln.

„Heiliger Bimbam!” sagte einer, „sollen wir hier die ganze Nacht herumtrödeln?”

„I was, die ganze Nacht brauchen wir nicht hier draussen zu bleiben. Sei bloss nicht bange! Sie haben uns jetzt gesehen, und bald sind sie hier und fischen uns auf.”

Die Küste hüllte sich in Dämmerung. Der Mann, der die Jacke schwenkte, wurde allmählich eins mit dem Dunkel, das bald auch den Omnibus und die Gruppe von Leuten verschluckte. Wenn der Gischt wild über das Dollbord sprühte, fuhren die Seefahrer zurück und fluchten, als hätte glühendes Eisen sie gesengt.

„Könnt ich bloss den Schafskopf mit der Jacke erwischen! Dem möcht ich eine überziehen, weil er alles so verdammt lustig fand!”

Und inzwischen ruderte erst der Maschinist, dann ruderte der Berichterstatter, und dann ruderte wieder der Maschinist. Mit grauem Gesicht und zusammengekrümmt, mühten sie sich umschichtig und ganz mechanisch an den bleischweren Rudern ab. Die Umrisse des Leuchtturms vor dem südlichen Horizont waren verschwunden, doch dann erschien dicht über den Wassern ein blasser Stern. Das Land war verschwunden; nur der tiefe, schwermütige Brandungsdonner deutete es noch an.

Wenn ich schon ertrinken soll… wenn ich schon ertrinken soll, weshalb, im Namen aller sieben verrückten Meergötter, die die See beherrschen, musste ich dann erst bis hierher kommen und Sand und Bäume wiedersehen?

Der geduldige Kapitän musste den Ruderern von Zeit zu Zeit Kommandos zurufen. „Gegen die See! Gegen die See!”

»Gegen die See, Sir!” Die Stimme klang leise und matt.

Alle lagen stumpf und dumpf im Boot, ausgenommen der Mann am Ruder, dessen Augen noch gerade eben imstande waren, die hohen schwarzen Wogen wahrzunehmen, die auf heimtückisch leise Art angerückt kamen.

Der Koch lag mit dem Kopf auf dem einen Dollbord, und er stierte teilnahmslos auf das Wasser unter seiner Nasenspitze. Schliesslich brummelte er verträumt: „Billie, was für Pasteten isst du am liebsten?”

EINE NACHT AUF SEE im offenen Boot ist eine lange Nacht. Als sich das Dunkel schliesslich endgültig niedersenkte, wurde der Lichtschimmer, der im Süden aus der See stieg, zu warmem Gold. Am nördlichen Horizont erschien ein neues Licht, ein feines bläuliches Glimmern über dem Saum des Wassers. Diese beiden Lichter waren das einzige Mobiliar der Welt. Sonst waren nur noch die Wogen da.

Zwei Männer kauerten im Heck, und so prächtig stand es um die Entfernungen in diesem kleinen Boot, dass der Ruderer seine Füsse wenigstens teilweise warm halten konnte, indem er sie zwischen die Körper seiner Gefährten steckte. Manchmal schlug trotz aller Achtsamkeit des Ruderers eine Woge ins Boot hinein, eine eisige Nachtwoge, und das kältende Wasser durchnässte sie von neuem. Einen Augenblick krümmten sie sich und ächzten, und dann schliefen sie wieder ihren Totenschlaf.

Der Maschinist plagte sich an den Rudem, bis ihm der Kopf vornübersank und der Schlaf ihm die Augen schloss. Und trotzdem ruderte er noch. Dann rüttelte er den schlafenden Berichterstatter. „Willst du mich ein bisschen ablösen?” bat er sanft.

„Sicher, Billie”, erwiderte der Berichterstatter, der langsam zu sich kam und sich hochsetzte. Vorsichtig wechselten sie die Plätze, und der Maschinist hockte sich neben dem Koch ins Wasser und war sofort eingeschlafen.

Die wilde Gewalt der See hatte nachgelassen. Die Wogen kamen jetzt ohne das giftige Fauchen einher. Die Aufgabe des Mannes am Ruder bestand darin, das Boot geradeaus gegen die See zu halten, so dass die schrägen Wasserwände es nicht umwerfen und die vorbeischiessenden Wogenkämme es nicht mit Gischt füllen konnten.

Der Berichterstatter wandte sich mit leiser Stimme an den Kapitän. Er war nicht sicher, ob der Kapitän überhaupt wach war, obschon der Unbeugsame immer zu wachen schien. »Soll ich auf das Licht im Norden zu halten, Herr Kapitän?”

Gelassen erwiderte die Stimme: „Ja, etwa zwei Strich backbords halten!”

Dann schien auch der Kapitän eingenickt zu sein, und der Berichterstatter hielt sich für den einzigen überlebenden Menschen auf der Wasserwüste der weiten Meere. Der Wind, der über die Wellen strich, jammerte mit einer Stimme, die klang trauriger als der Tod. Da zischte es hinter dem Boot lärmend vorbei, und eine glimmende Phosphorspur durchfurchte die schwarzen Wasser wie eine blaue Flamme – als sei ein riesiges Messer hindurchgefahren.

Dann war alles still. Plötzlich zischte es wieder auf, und wieder blitzte der bläuliche Streif vorbei, doch diesmal längsseits des Bootes und so nahe, dass er das Ding fast mit dem Ruder hätte erreichen können. Der Berichterstatter sah, wie ein Schatten, eine riesige Rückenflosse, durchs Wasser huschte und den kristallenen Schaum aufwirbelte und eine lange, glimmende Spur hinterliess.

Der Berichterstatter warf einen Blick über seine Schulter auf den Kapitän, dessen Gesicht abgewandt war: er schien eingeschlafen zu sein. Die anderen schliefen bestimmt. Aller Anteilnahme beraubt, fluchte er leise ins Wasser hinein.

Voraus oder achtern, backbords oder steuerbords, nach längeren oder kürzeren Pausen zischte das lange, funkelnde Band vorbei, und deutlich war das Schwirren der dunklen Rückenflosse zu hören. Die Anwesenheit dieses beharrlichen Begleiters flösste dem Berichterstatter nicht das gleiche Grauen ein, als wenn er ihm auf einem Bootsausflug begegnet wäre. Er blickte nur düster aufs Wasser und fluchte verbissen vor sich hin.

Immerhin wünschte er trotzdem, er wäre nicht gar so allein mit dem Ding. Er wünschte, einer seiner Gefährten würde aufwachen und ihm Gesellschaft leisten. Doch der Kapitän lehnte reglos am Wasserfass, und der Maschinist und der Koch auf dem Bootsboden lagen in tiefstem Schlaf.

WENN ICH SCHON ertrinken soll… wenn ich schon ertrinken soll, weshalb musste ich dann erst bis hierher kommen und Sand und Bäume wiedersehen?

In solch einer grausigen Nacht konnte ein Mensch wohl auf den Gedanken kommen, die sieben verrückten Meergötter hätten es darauf abgesehen, ihn zu ertränken, obzwar es eine himmelschreiende Ungerechtigkeit wäre. Wenn es einem Menschen zu Bewusstsein kommt, dass die Natur ihn nicht wichtig nimmt, sondern zu glauben scheint, das Weltall büsse durch seine Beseitigung nichts ein, dann möchte er erst einmal Steine in den Tempel schleudern. Würde die Natur sichtbar in Erscheinung treten, er würde sie mit Spott überhäufen.

Dann spürt er vielleicht das Verlangen, einer Verkörperung gegenüberzutreten und flehentlich zu rufen: Aber ich liebe mich doch!

Ein ferner kalter Stern in Winternächten – das ist die Antwort, meint er, die sie ihm gibt. Von nun an weiss er um das Tragische seines Loses.

Auf unerklärliche Weise kam dem Berichterstatter ein Vers in den Sinn. Er hatte sogar vergessen, dass er ihn vergessen hatte, diesen Vers.

Von der Legion lag sterbend einer in Algier;

an pflegenden Händen gebrach es und Frauentränen hier;

doch ein Kamerad stand bei ihm, und er nahm seine Hand

und sprach: „Nie seh ich wieder mein teures Heimatland.”

In seiner Jugend hatte der Berichterstatter es nie als besonders wichtig angesehen, dass ein Soldat von der Fremdenlegion sterbend in Algier lag. Es bot keinerlei Anlass zum Kummer. Es war unwichtiger als eine abgebrochene Bleistiftspitze.

Jetzt aber sah der Berichterstatter den Soldaten ganz deutlich. Er lag auf dem Sand und hatte die Beine still und starr ausgestreckt. Während er die blasse Linke auf die Brust presste, um das fliehende Leben aufzuhalten, quoll ihm das Blut zwischen den Fingern hervor. Der Berichterstatter zog die Ruder durch, und eine tiefe und vollkommen unpersönliche Einsicht ergriff ihn. Es tat ihm leid um den Soldaten der Fremdenlegion, der sterbend in Algier lag.

Das Ding, das zuerst dem Boot folgte und wohl gewartet hatte, war des Säumens offenbar überdrüssig geworden. Man hörte das Schäumen der aufgerissenen Flut nicht mehr; die lange Funkenspur war nicht mehr zu sehen. Manchmal drang dem Berichterstatter das Dröhnen der Brandung ins Ohr, und dann riss er das Boot herum, dem offenen Meer entgegen, und ruderte hastiger. Der Wind wurde stärker; und manchmal sprang eine Woge jäh wie eine zornige Wildkatze vor, und man sah das Schimmern und Sprühen eines sich überstürzenden Wogenkammes.

Der Kapitän im Bug rührte sich und setzte sich auf. “Hübsch lange, die Nacht”, sagte er zum Berichterstatter. Er blickte zur Küste hinüber. „Die Lebensretter lassen sich Zeit!”

„Haben Sie den Hai gesehen, der ums Boot lungerte?

»Ja, den habe ich gesehen. War ein riesiger Bursche!”

»Hätte ich doch gewusst, dass Sie wach waren!”

Etwas später beugte er sich nach unten und rief: „Billie!” Langsam und allmählich sammelte der Maschinist seine Gliedmassen. „Billie, willst du mich ablösen?”

»Klar”, sagte der Maschinist.

Sowie der Berichterstatter das eisige Behagen des Seewassers im Bootshoden spürte, sank er auch schon in tiefen Schlaf. Der Schlaf tat ihm so not, dass es ihm nur wie eine Sekunde schien, als er bereits seinen Namen rufen hörte, aber von einer Stimme, die im letzten Stadium der Erschöpfung sprach. »Willst du mich ablösen?”

„Natürlich, Billie.”

Das Licht im Norden war geheimnisvollerweise verschwunden, aber der Kapitän war hellwach und gab dem Berichterstatter den Kurs an.

Im Laufe der Nacht steuerten sie das Boot noch weiter aufs Meer hinaus, und der Kapitän wies den Koch an, das Boot vom Heck aus mit einem Ruder immer gegen die Seen zu halten. Er sollte rufen, sobald er das Donnern der Brandung hörte. Dadurch kamen der Maschinist und der Berichterstatter dazu, sich beide gleichzeitig auszuruhen.

„Wir müssen den Jungen Gelegenheit geben, wieder in Form zu kommen”, sagte der Kapitän. Sie rollten sich zusammen und verfielen wieder in einen totenähnlichen Schlaf. Das drohende Prasseln von Wind und Wasser berührte sie so wenig, als wären sie Mumien gewesen.

„Jungen”, rief der Koch, und wie ungern er es tat, das hörte man seiner Stimme an, „wir sind schon recht nah herangetrieben. Ich glaube, einer von euch muss den Kahn wieder in See bringen.” Der Berichterstatter ermunterte sich und hörte das Krachen der sich überschlagenden Wogenkämme.

Als er wieder am Ruder sass, gab ihm der Kapitän einen Schluck Whisky mit Wasser, so dass ihm die Glieder nicht länger vor Kälte zitterten. „Wenn ich je wieder an Land komme und einer zeigt mir auch nur die Photographie von einem Ruder…

So kam es zu einem kleinen Gespräch.

„Billie… Billie. . . willst du mich ablösen?”

»Klar”, sagte der Maschinist.

AES DER BERICHTERSTATTER die Augen wieder öffnete, zeigten See und Himmel das gleiche Grau der Morgendämmerung. Nach einer Weile glitten Karmin und Gold über die Wasser. Endlich erschien in aller Pracht der junge Tag, mit einem Himmel von reinem Blau, und auf den Kämmen der Wogen flammte Sonnenschein.

Auf den fernen Dünen standen viele kleine schwarze Hütten, und eine hohe weisse Windmühle ragte daraus hervor. Weder Mensch noch Hund, noch Fahrrad waren am Strand zu sehen. Die Hütten lagen wie ein verlassenes Dorf da.

Die Seefahrer musterten die Küste. „Falls keine Hilfe kommt«, meinte der Kapitän, „sollten wir’s lieber gleich versuchen, durch die Brandung zu schwimmen. Wenn wir lange warten, werden wir zu schwach, um uns selbst zu helfen.” Die andern gaben schweigend ihr Einverständnis. Das Boot hielt auf die Bucht zu. Der Berichterstatter dachte, weshalb denn keine Menschenseele je auf den hohen Turm der Windmühle kletterte und seewärts blickte. Der Turm verkörperte die Gelassenheit der Natur gegenüber den Kämpfen des Einzelwesens. Sie erschien ihm jetzt weder grausam noch wohltätig, weder treulos noch weise. Sie war eben gleichgültig, nichts als gleichgültig.

„Also, Kinder”, sagte der Kapitän, „bestimmt schlägt es sofort voll Wasser und sinkt. Wir können nichts weiter tun als so weit wie möglich in die Brandung hineinfahren und dann, wenn es sinkt, gleich heraustürmen und auf den Strand zu schwimmen. Und jetzt ruhig Blut, und springt nicht eher, als bis es wirklich absackt!”

Der Maschinist ergriff die Ruder. Über die Schulter hinweg musterte er die Brandung. „Käptn”, sagte er, „ich glaube, es ist besser, ich wende und bring uns achtern rein!”

„Gut, Billie”, sagte der Kapitän. „Achtern also!” Der Maschinist wendete; der Koch und der Berichterstatter, die im Heck sassen, mussten nun über die Schulter blicken, wenn sie den verlassenen, öden Strand betrachten wollten.

Die ungeheuren Brandungswogen hoben das Boot so hoch, dass die Männer wieder die weissen Laken der Wellen sehen konnten, die den schrägen Strand hinaufleckten. „Sehr nah kommen wir nicht heran”, sagte der Kapitän. Der Berichterstatter wusste, dass die anderen keine Angst hatten, doch die wahre Bedeutung ihrer Blicke blieb ihm unklar.

Was ihn selber betraf, so war er zu matt, um sich ernstlich mit dem Kommenden zu befassen. Seine Gedanken waren zu sehr von den Muskeln beherrscht, und den Muskeln war alles einerlei. Es flog ihm nur durch den Kopf, dass es eine Gemeinheit wäre, müsste er hier ertrinken.

„Denkt also daran, dass ihr richtig klarkommt vom Boot, wenn ihr springt!” mahnte der Kapitän.

Seewärts überschlug sich plötzlich mit Donnergetöse der Kamm einer ungeheuren Woge, und der hohe weisse Gischtwall kam brüllend auf das Boot zu.

„Ruhe jetzt!” rief der Kapitän. Die Männer schwiegen. Sie wandten die Augen von der Küste ab, der gischtenden Woge entgegen, und warteten. Das Boot glitt die Neigung hinan, tanzte auf dem wirbelnden Kamm, schwang sich hinüber und schoss den langen Rücken der Woge hinab. Etwas Wasser war ins Boot geraten, und der Koch schöpfte es aus.

Aber schon überschlug sich die nächste Woge. Der kreiselnde, kochende weisse Gischt strudelte von allen Seiten hinein.

Das kleine Boot war wie betrunken von dieser Ladung Wasser und torkelte und schmiegte sich tiefer in die See.

„Schöpfen, Koch! Schöpfen!” rief der Kapitän.

„Jawohl, Käptn!” erwiderte der Koch.

„So, Jungens”, rief der Maschinist, „die nächste erwischt uns bestimmt. Passt auf, dass ihr klarkommt beim Hinausspringen!”

Die dritte See rollte heran, riesenhoch, ergrimmt, unerbittlich. Sie verschluckte im Nu das ganze Boot, und fast gleichzeitig hüpften die Männer in die See. Ein Stück Korkgürtel hatte im Boot gelegen, das presste der Berichterstatter mit der Linken an die Brust, als er über Bord sprang.

Das Januarwasser war eisig, und sofort dachte er, dass es kälter sei, als er es hier an der Küste Floridas erwartet hatte. Es war traurig, dass das Wasser so kalt war, ja, es war tragisch. Diese Tatsache verwirrte und mischte sich so mit dem, was er über seine eigene Lage empfand, dass es ihm beinahe ein hinreichender Grund zum Weinen schien. Das Wasser war kalt!

Als er an die Oberfläche kam, gewahrte er nicht viel mehr als das tosende Wasser. Danach erblickte er seine Gefährten in der See. Der Maschinist war allen voran. Er schwamm kräftig und schnell. Ein wenig linker Hand vom Maschinisten bauschte sich der grosse Rücken des Kochs, und weiter rückwärts hing der Kapitän mit der unverletzten Hand am Kiel des gekenterten Bootes.

Eine Küste hat immer etwas merkwürdig Festes an sich. Der Berichterstatter wusste, dass es bis zu ihr ein langer Weg war, daher paddelte er sachte weiter. Das Stück Rettungsgürtel lag unter ihm, und mehrmals schoss er den Hang einer Woge hinab, als liege er bäuchlings auf einem Schlitten.

Doch dann gelangte er an eine Stelle, wo das Vorankommen schwierig wurde. Er hielt nicht an, um zu untersuchen, was für eine Strömung ihn wohl erfasst habe, aber er kam auch nicht weiter.

Als der Koch viel weiter links vorbeiglitt, rief ihm der Kapitän nach: „Dreh dich auf den Rücken, Koch! Dreh dich auf den Rücken und nimm das Ruder!”

„Jawohl, Sir!” Der Koch drehte sich auf den Rücken, paddelte mit dem Ruder und kam wie ein Kanu voran.

Dann torkelte auch das Boot links am Berichterstatter vorbei, mit dem Kapitän, der sich mit einer Hand am Kiel festhielt. Wenn das Boot nicht so verrückte Sprünge gemacht hätte, würde er wohl wie ein Mann ausgesehen haben, der sich reckt, um über einen Bretterzaun zu spähen. Der Berichterstatter staunte, dass der Kapitän sich immer noch daran anklammern konnte.

Sie trieben vorüber, dem Strande schon näher – der Maschinist, der Koch und der Kapitän -, und ihnen nach folgte das Wasserfass und hüpfte munter über die Wogen.

Nur der Berichterstatter blieb in den Klauen des seltsamen neuen Feindes – einer Strömung. Die Küste mit ihrem schrägen weissen Sandstrand und der grünen Anhöhe, die von friedlichen kleinen Hütten gekrönt wurde, breitete sich wie ein Bild vor ihm aus. Ganz nahe lag sie jetzt vor ihm, und doch hatte er nur einen bildhaften Eindruck, wie wenn man in einer Gemäldegalerie eine Landschaft aus Holland oder der Bretagne betrachtet. Er dachte: Ertrinke ich? Ist das möglich? Ist das möglich? – Das Einzelwesen muss den eigenen Tod wohl als das Ende alles Naturgeschehens ansehen.

Doch später wirbelte ihn vielleicht eine Woge aus der tödlichen Strömung, denn plötzlich spürte er, dass er wieder vorankam, der Küste entgegen. Ein Weilchen danach merkte er, dass der Kapitän sein Gesicht von der Küste ab- und ihm zugewandt hatte und laut seinen Namen rief: „Hierher, ans Boot! Hierher, ans Boot!”

Während er sich abmühte, den Kapitän und das Boot zu erreichen, kam ihm der Einfall, dass es, wenn man richtig erschöpft sei, eine wunderbare Sache ums Ertrinken sein müsse, nach allem Kampf und Streit eine grosse Erleichterung, und er war froh darüber. Er wollte nicht leiden. Auf einmal sah er einen Mann den Strand endlanglaufen und sich dabei mit erstaunlicher Geschwindigkeit auskleiden. Rock, Hose, Hemd, alles flog wie durch Zauberei davon.

„Hierher, ans Boot!” rief der Kapitän.

„Ich komme!” Während der Berichterstatter weiterpaddelte, sah er, wie der Kapitän hinabrutschte und das Boot losliess. Dann widerfuhr dem Berichterstatter ein kleines Wunder: eine grosse Welle packte ihn und schleuderte ihn leicht und atemraubend schnell über die ganze Bootslänge hinweg, so dass es weit hinter ihm zurückblieb. Es kam ihm gleich selber wie ein wahres Wunderwerk der See vor.

Der Berichterstatter stiess auf Grund; das Wasser reichte ihm nur bis an die Hüften; aber in seinem geschwächten Zustand konnte er nicht länger als eine Sekunde stehen. Die Wogen schlugen ihn zu einem Häufchen Unglück zusammen, und der Sog zerrte ihn vom Lande fort.

Dann sah er, wie der Mann, der sich im Laufen entkleidet hatte, ins Wasser stürmte. Er zog den Koch an Land, und dann watete er auf den Kapitän zu; doch der Kapitän winkte ihm ab und wies auf den Berichterstatter. Er war nackend, nackend wie ein Baum im Winter, doch um den Kopf hatte er einen Glorienschein, und er strahlte wie ein Heiliger. Der Berichterstatter spürte einen Ruck an der Hand, ein lang anhaltendes Ziehen und kräftiges Hochheben, und sagte: „Besten Dank!” Doch der Mann schrie plötzlich: „Was ist das?” Er deutete hastig mit dem Finger. Der Berichterstatter rief: „Schnell, hin!”

In einer Untiefe lag der Maschinist, mit dem Gesicht nach unten; seine Stirn berührte den Sand, von dem zwischen jeder Brandungswoge alles Wasser ablief.

Der Berichterstatter wusste nicht, was dann noch geschah. Als er festen Boden erreichte, schlug er lang hin, mit allen Gliedern den Sand berührend, wie wenn er vom Dach eines Hauses gefallen wäre. Aber der Aufprall behagte ihm sehr.

Wie er später erfuhr, war der Strand im Nu von Männern mit Decken, Kleidern und Flaschen bevölkert wie auch von Frauen, die Kannen mit Kaffee und all die Heilmittelchen brachten, an die sie wie ans Evangelium glauben. Der Willkommen des Landes an die Seefahrer war warm und hochherzig; doch ein stiller, tropfender Körper wurde langsam den Strand entlang getragen, und ihm konnte das Land kein anderes Willkommen bieten als die kalte und düstere Gastfreundschaft des Grabes.

Als die Nacht kam, schäumten die weissen Wogen im Mondschein vor und zurück, und der Wind trug den Schall von des Meeres starker Stimme den Männern an Land zu, und sie wussten: jetzt konnten sie die Stimme deuten.

Das Untier

von Joseph Conrad

Als ich von der regengepeitschten Strasse hereinhastete, tauschte ich in der Bar ,Zu den drei Krähen’ einen Blick und ein Lächeln mit Miss Blank. Dieser Austausch trug sich mit äusserster Schicklichkeit zu. Es erschüttert einen zutiefst, wenn man bedenkt, dass Miss Blank, sofern sie noch am Leben ist, jetzt über sechzig Jahre alt sein muss. Wie die Zeit vergeht!

Da sie meinen fragend auf die Trennwand aus Glas und gefirnisstem Holzwerk gerichteten Blick bemerkte, war Miss Blank so freundlich, mir aufmunternd zu erklären: »Nur Mr. Jermyn und Mr. Stonor in der Gaststube, mit noch einem Herrn, den ich noch nie gesehen habe.”

Ich ging zur Zimmertür. Eine Erzählerstimme auf der anderen Seite erhob sich gerade zu solcher Lautstärke, dass die abschliessenden Worte in all ihrer Scheusslichkeit deutlich zu hören waren.

»Dieser Wilmot schlug ihr regelrecht den Schädel ein, und es war saubere Arbeit obendrein!”

Als ich die Tür zur Gaststube öffnete, fuhr dieselbe Stimme in derselben grausigen Tonart fort:

»Ich war froh, als ich hörte, dass ihr endlich jemand den Garaus gemacht hatte. Wenn es mir auch leid um den armen Wilmot tat. Dieser Mann und ich waren früher einmal dicke Freunde gewesen. Natürlich war das sein Ende. Ein klarer Fall, wie es nur je einen gegeben. Da blieb kein Ausweg. Nicht der geringste.«

Die Stimme gehörte dem Herrn, den Miss Blank noch nie gesehen hatte. Er stand, die langen Beine gespreizt, auf dem Kaminteppich. Jermyn beugte sich vor und hielt sein Taschentuch ausgebreitet vor das Kamingitter. Er blickte düster über seine Schulter hinweg, und als ich mich hinter einen der kleinen hölzernen Tische schob, nickte ich ihm zu. Auf der anderen Seite des Feuers sass Mr. Stonor, in einen geräumigen Windsorlehnstuhl gezwängt. Es gab nichts Kleines an ihm ausser seinem kurzen weissen Backenbart. Eine Herrenhandtasche von gewöhnlicher Grösse wirkte wie ein Kinderspielzeug auf dem Boden neben seinen Füssen.

Ich nickte ihm nicht zu. Er war zu gewaltig, als dass man ihm in dieser Gaststube hätte zunicken können. Er war ein Senior-Trinity Lotse und geruhte, nur während der Sommermonate seinen Dienst im Kutter zu versehen. Abgesehen davon hatte es keinen Sinn, einem Monument zuzunicken. Und er war wie ein solches. Er sprach nicht; er rührte sich nicht. Er sass nur da und hielt reglos seinen prachtvollen alten Kopf in die Höhe – und überstieg fast Lebensgrösse.

Es war alles höchst vortrefflich. Mr. Stonors Anwesenheit reduzierte den armen alten Jermyn auf ein blosses schofles Häufchen Mensch und liess den gesprächigen Fremden im Tweedanzug auf dem Kaminteppich lächerlich knabenhaft erscheinen. »Ich war froh”, wiederholte er nachdrücklich. »Sie mögen darüber erstaunt sein; aber schliesslich haben Sie nicht das durchgemacht, was ich mit ihr durchgemacht habe. Ich kann Ihnen sagen, so was vergisst man nicht so leicht. Natürlich kam ich ungeschoren davon – wie Sie sehen. Wenn sie auch alles tat, um mir den Lebensmut zu rauben. Es fehlte verdammt wenig, und sie hätte den feinsten Kerl, den Sie sich denken können, ins Irrenhaus getrieben. Was sagen Sie dazu – wie?«

Keine Wimper zuckte in Mr. Stonors mächtigem Gesicht. Monumental! Der Sprecher blickte mir gerade in die Augen.

»Es macht mich krank, wenn ich daran denke, wie sie umherzog und Menschen mordete.«

Jermyn brachte das Taschentuch ein wenig dichter an das Kamingitter und brummte. Es war einfach eine Angewohnheit von ihm.

»Sie hatte ein Haus«, erklärte er. »Ein grosses, hohes, hässliches weisses Ding. Schon meilenweit entfernt sah man es aufragen.«

~»Ja, das stimmt«, bestätigte der andere bereitwillig. »Es war des alten Colchesters Idee gewesen, obwohl er immer damit drohte, sie zu verlassen. Er könne den Spektakel, den sie vollführe, nicht länger ertragen. Er hätte sie aufgegeben, machte ich meinen, nur – und das wird Sie vielleicht überraschen – wollte seine Gemahlin nichts davon hören. Komisch, was? Aber bei Frauen weiss man nie, wo man dran ist, und Mrs. Colchester mit ihrem Schnurrbart und ihren wuchtigen Augenbrauen konnte für so energisch gelten wie nur eine. Sie hätten sie nur hören sollen, wie sie ,Quatsch!’ schnauzte oder ,Possen und Unfug!’ Wahrhaftig, sie wusste, wo sie es gut hatte. Sie hatten keine Kinder und hatten niemals irgendwo ein Hauswesen gegründet. Wenn sie in England waren, behalf sie sich damit, in einem billigen Hotel oder einer Pension abzusteigen. Ich kann mir schon denken, wie sehr es ihr behagt hat, zu der Bequemlichkeit zurückzukehren, an die sie gewöhnt war. Sie wusste sehr wohl, dass sie bei keinem Wechsel etwas zu gewinnen hatte. Wie dem auch sei, aus dem einen oder anderen Grund erschien es der guten Frau nur wie ,Quatsch’ und ,Possen und Unfug’. Ich hörte selbst einmal, wie der junge Mr. Apse im Vertrauen zu ihr sagte: ,Ich versichere Ihnen, Mrs. Colchester, langsam fange ich an, sehr unglücklich zu sein wegen des Namens, den sie sich macht.’ – ,Oh’, erwiderte sie mit ihrem tiefen, kurzen, heiseren Lachen, ,wenn man all dem dummen Gerede Beachtung schenken wollte’, und dabei zeigte sie Apse all ihre hässlichen falschen Zähne. ,Es gehört schon mehr dazu als das, wenn ich mein Vertrauen in sie verlieren soll’, sagte sie.«

Hier liess Mr. Stonor ohne jede Veränderung seines Gesichtsausdrucks ein kurzes, höhnisches Lachen hören. Es war sehr eindrucksvoll, doch mir entging der Scherz. Ich blickte von einem zum andern. Der Fremde auf dem Kaminteppich hatte ein unangenehmes Lächeln.

„Und Mr. Apse schüttelte Mrs. Colchester beide Hände, so erfreut war er, ein freundliches Wort über diesen ihren Liebling zu hören. All diese Apses, jung und alt, waren ja vollkommen vernarrt in dieses abscheuliche, gefährliche -”

»Entschuldigen Sie«, unterbrach ich ihn, denn er schien sich ausschliesslich an mich zu wenden, »von wem, um alles in der Welt, sprechen Sie eigentlich?”

»Ich spreche von der Apse-Familie«, antwortete er höflich.

Ich stiess daraufhin fast einen Fluch aus. Doch gerade da schob die ehrbare Miss Blank ihren Kopf herein und sagte, die Droschke stehe vor der Tür, wenn Mr. Stonor den Elf-Uhr-drei erreichen wolle.

Sogleich erhob sich der Seniar-Lotse zu seiner gewaltigen Leibesgrösse und begann, sich in seinen Mantel zu schieben. Der Fremde und ich eilten ihm spornstreichs zu Hilfe. Wir mussten unsere Arme sehr hoch aufrecken und uns grosse Mühe geben. Mit einem „Danke schön, meine Herren« tauchte er in dem Mantel unter und drückte sich in grosser Eile durch die Tür.

Wir lächelten einander freundlich an.

»Sind Sie Seemann?« fragte ich den Fremden, der an seinen Platz auf dem Kaminteppich zurückgekehrt war.

»Ich war es bis vor ein paar Jahren, als ich mich verheiratete«, antwortete er. »Ja, als ich das erstemal zur See fuhr, war es auf ebenjenem Schiff, von dem wir gerade sprachen, als Sie eintraten.”

»Welches Schiff?« fragte ich verdutzt. »Ich hörte Sie von keinem Schiff reden.«

»Ich habe Ihnen gerade den Namen genannt, mein werter Herr«, antwortete er. »Die ,Apse-Familie’. Sicherlich haben Sie von der grossen Schiffsreederei Apse & Söhne gehört. Sie hatten eine ziemlich grosse Flotte. Da gab es eine ,Lucy Apse’ und die ,Harold Apse’ und ,Anne’, ,John’, ,Malcolm’, ,Clara’, ,Juliet’ und so weiter – Apses ohne Ende. Jeder Bruder, jede Schwester, Tante, Kusine, Frau – und auch Grossmutter, soviel ich weiss – der Firma hatte ein nach ihm oder ihr benanntes Schiff. Gute, solide, altmodische Fahrzeuge waren das, die gebaut waren, um zu tragen und zu dauern. Nichts von Ihren modernen, arbeitsparenden Vorrichtungen gab es auf ihnen.«

„Dieses letzte Schiff”, fuhr er fort, »die ,Apse Familie’, sollte wie die andern werden, nur noch stärker, noch sicherer, noch geräumiger und bequemer. Ich glaube, sie sollte in alle Ewigkeit halten. Sie liessen sie aus gemischten Materialien bauen – Eisen, Teak- und Grünharzholz -, und ihr Riss war, wenn man will, berühmt. Wenn je ein Schiff mit Stolz in Auftrag gegeben wurde, so dieses. Alles sollte vom Besten sein. Der Kommodore der beschäftigten Kapitäne sollte es befehligen, und die Räumlichkeiten für ihn legten sie wie ein Haus an Land an, unter einem grossen, hohen Poopdeck, das fast bis zum Hauptmast reichte. Kein Wunder, dass Mrs. Colchester ihren Alten das Schiff nicht aufgeben liess.

Was war das für ein Getue, während sich das Schiff in Bau befand! Lasst uns dies ein wenig fester machen und jenes ein wenig schwerer; und sollte man nicht das dort durch etwas Dickeres ersetzen. Die Schiffshauer machten das Spiel mit, und so wuchs sie vor aller Augen zu dem plumpssten, schwersten Schiff ihrer Klasse heran, ohne dass sich irgend jemand dessen bewusst ward. Sie sollte 2000 Bruttoregistertonnen gross werden oder auch ein wenig mehr; auf gar keinen Fall weniger. Doch was geschah? Als sie vermessen wurde, stellte sich heraus, dass sie nur 1999 und etwas gross war. Der alte Mr. Apse soll so verärgert gewesen sein, dass er sich ins Bett legte und starb. Der alte Herr war fast sechsundneunzig Jahre alt, so dass sein Tod vielleicht doch nicht so überraschend kam. Immerhin war Mr. Lucian Apse fest davon überzeugt, dass sein Vater hundert Jahre alt geworden wäre. So können wir ihn an die Spitze der Liste setzen. Als nächster kam der arme Teufel von einem Schiffsbaumeister dran, den dieses Untier, als es die Gleitbahn hinunterrutschte, erfasste und zerquetschte. Sie nannten es den Stapellauf eines Schiffes, aber ich habe Leute sagen hören, dass es, nach dem Gejammer und Geschrei und Gerenne ringsherum zu urteilen, eher den Eindruck machte, als hätte man einen Teufel auf den Fluss losgelassen. Es zerriss alle Strebeseile wie Bindfäden und sauste wie wild auf die wartenden Schlepper zu. Ehe man sich versah, schickte es schon den ersten von ihnen auf Grund und bewirkte, dass ein anderer drei Monate in Reparatur liegen musste. Eine der Trossen ging verloren, und dann plötzlich – man konnte nicht eigentlich sagen, warum – liess sich das Schiff mit der anderen so geduldig wie ein Lamm aufbringen.

So war das Schiff. Man war nie sicher, was es als nächstes aushecken würde. Es gibt Schiffe, die schwierig zu handhaben sind, doch im allgemeinen kann man sich darauf verlassen, dass sie sich vernünftig benehmen. Bei diesem Schiff jedoch wusste man nie – was man mit ihm auch anfangen mochte-, wie es ausgehen würde. Es war ein verruchtes Biest. Oder vielleicht war es einfach verrückt.”

Er brachte diese Behauptung in so ernstem Ton vor, dass ich mich eines Lächelns nicht erwehren konnte. Er hörte auf, an seiner Unterlippe zu nagen, und wandte sich mit Lebhaftigkeit an mich.

»Wie! Warum nicht? Warum sollte es da in seinem Bau, in seinen Linien nicht etwas geben, vergleichbar – dem Wahnsinn. Warum sollte es nicht auch ein wahnsinniges Schiff geben – ich meine, wahnsinnig auf Schiffsart, so dass man bei ihm unter gar keinen Umständen sicher sein kann, ob es auch tut, was jedes andere Schiff ohne weiteres für einen tun würde. Es war unberechenbar. Wenn es nicht verrückt war, so war es das bösartigste, heimtückischste, wütendste Untier, das je auf dem Wasser schwamm. Ich habe es in einem schweren Sturm zwei Tage herrlich dahinfahren und am dritten – gleich zweimal am selben Nachmittag – schnell aufluven sehen. Das erstemal schleuderte es den Rudergast glatt über das Steuerrad, doch da es dem Schiff nicht ganz gelingen wollte, ihn umzubringen, versuchte das Untier es nach drei Stunden noch einmal. Es kippte nach vorn und hinten ab, zerriss alles Tuch, das wir gesetzt hatten, jagte allen Matrosen einen panischen Schrecken ein und ängstigte selbst Mrs. Colchester dort unten in ihrer schönen Heckkajüte, auf die sie so stolz war. Als wir die Mannschaft musterten, fehlte ein Mann. Natürlich über Bord gespült, ohne dass er gesehen oder gehört worden wäre, der arme Teufel! Und mich wundert nur, dass nicht mehr von uns draufgingen.

So war es immer. Immer. Bei der kleinsten Verärgerung begann es, Seile, Trossen, Kabeltaue wie Zwirnsfaden zu zerreissen. Es war schwer, plump, unhandlich – aber das erklärt nicht eigentlich jene ihm innewohnende Macht, Unheil zu stiften.” Er sah mich fragend an. Aber natürlich vermochte ich nicht zuzugeben, dass ein Schiff verrückt sein kann.

»In den Häfen, in denen das Schiff bekannt war«, fuhr er fort, »bekamen es die Leute schon bei seinem Anblick mit der Angst. Es machte ihm gar nichts aus, von einem Kai zwanzig Fuss solider Steinwand abzureissen oder das Ende eines hölzernen Piers fortzufegen. Es muss Meilen von Ketten und Hunderte von Tonnen Ankergewicht verloren haben zu seiner Zeit. Wenn es auf irgendein armes, harmloses Schiff stiess, war es eine Höllenarbeit, bis man es wieder frei gemacht hatte. Und dabei kam es selber nie zu Schaden – höchstens zu ein paar Kratzern. Sie hatten es sehr stark haben wollen. Und das war es. Stark genug, um ins Polareis vorzustossen. Und wie begonnen, so trieb das Schiff es weiter. Von jenem Tag an, da es vom Stapel lief, liess es kein Jahr verstreichen, ohne jemanden zu töten. Ich glaube, die Retder machten sich grosse Sorge deshalb. Doch sie waren eine hartnäckige Sippschaft, diese Apses; sie wollten nicht zugeben, dass mit der ,Apse-Familie’ irgend etwas nicht stimmte. Sie hätten nicht einmal den Namen geändert. ,Possen und Unfug’, wie Mrs. Colchester zu sagen pflegte. Sie hätten es zumindest auf Lebenszeit in irgendein Trockendock sperren sollen, weit stromaufwärts, und es nie wieder Salzwasser riechen lassen dürfen. Ich versichere Ihnen, mein werter Herr, dass es unweigerlich auf jeder Reise irgend jemanden tötete. Es war regelrecht verschrien. Das Schiff war weit und breit dafür bekannt.«

Ich gab meiner Verwunderung Ausdruck, dass ein Schiff mit solch mörderischem Ruf je eine Mannschaft fand.

»Dann wissen Sie nicht, wie Matrosen sind, mein werter Herr. Tollkühnheit! Das eitle Verlangen, abends vor allen ihren Kameraden damit prahlen zu können: ,Wir haben gerade auf der ,Apse-Familie’ dort drüben angeheuert. Zum Teufel mit dem Schiff. Es soll uns nicht bange machen.’ Reine Absurdität, wie sie den Seeleuten ähnlich sieht! Eine Art Neugierde. Nun, ein wenig von alledem, ohne Zweifel. Aber ich sage Ihnen, das Untier hatte seine eigene Faszination.

Jermyn, der anscheinend alle Schiffe auf der Welt gesehen hatte, fiel mürrisch ein:

“Ich sah es einmal aus genau diesem Fenster, wie es den Fluss herauf geschleppt wurde; ein grosses, schwarzes, hässliches Ding, das wie ein grosser Leichenwagen daherkam.”

»Nicht wahr? In seinem Aussehen lag etwas Finsteres”, sagte der Mann im Tweed und sah freundlich auf den alten Jermyn herab. »I~ verspürte immer ein Grauen vor ihm. Es jagte mir einen höllischen Schrecken ein, als ich vierzehn Jahre alt war, am allerersten Tag – nein, in der allerersten Stunde, da ich auf dem Schiff war. Vater hatte mich hingebracht, um mir Lebewohl zu sagen, und sollte mit uns bis Gravesend fahren. Ich war sein zweiter Junge, der zur See ging. Mein grosser Bruder war damals schon Steuermann. Wir kamen gegen elf Uhr vormittags an Bord und fanden das Schiff bereit, aus dem Hafenbecken, Heck voraus, auszulaufen. Es hatte noch’ nicht drei Schiffslängen zurückgelegt, als es bei einem kleinen Ruck, den der Schlepper
ihm gab, um es ins Schleusentor zu bringen, einen seiner tollen Tänze aufführte und der Zugleine – einer neuen, sechs Zoll dicken Trosse – solches Gewicht entgegensetzte, dass es denen vorne unmöglich war, die Trosse rechtzeitig nachzulassen, woraufhin diese riss. Ich sah, wie das gerissene Ende hoch in die Luft flog, und im nächsten Augenblick stiess dieses Untier achtern seitlich mit solcher Wucht gegen den Molenkopf, dass alles auf Deck durcheinandertaumelte. Das Schiff nahm keinen Schaden. Es nicht! Doch einer der Schiffsjungen, den der Steuermann in die Takelung des Besanmastes geschickt hatte, um dort etwas auszufahren, stürzte auf das Poopdeck – wumms – direkt vor mich hin. Er war nicht viel älter als ich. Wir hatten uns erst vor wenigen Minuten zugelächelt. Er muss unachtsam beim Festhalten gewesen sein, nicht ahnend, dass ihm solch ein Stoss versetzt würde. Ich hörte seinen überraschten Schrei – oh! -, hoch und zittrig, als er fühlte, dass er den Halt verlor, und blickte gerade no~ rechtzeitig hinauf, um zu sehen, wie er beim Herabstürzen in sich zusammensackte.

Er fiel zwei Fuss vor mir herunter und schlug sich den Schädel an einer Belegklampe auf. Machte keinen Muckser mehr. Mausetot. Oh! Mein armer Vater war erstaunlich weiss um die Nasenspitze, als wir uns in Gravesend die Hand schüttelten. ,Ist dir auch wohl bei der Sache?’ sagt er und sieht mich eindringlich an. ,Ja, Vater.’ – ,Ganz sicher?’ – ,Ja, Vater.’ – ,Nun, dann leb wohl, mein Junge.’ Er gestand mir später, dass er mich, hätte ich nur ein halbes Wort geäussert, auf der Stelle mit nach Hause genommen hätte. Ich bin das Baby in der Familie – wissen Sie«, fügte er mit einem versonnenen Lächeln hinzu.

Ich quittierte diese interessante Mitteilung mit einem mitfühlenden Murmeln. Er schwenkte nachlässig die Hand.

»Es hätte einem Burschen restlos die Lust nehmen können, in die Takelung zu entern, wissen Sie – restlos. Das war jedoch nicht das Schlimmste, was das Untier von einem Schiff fertigbrachte. Ich diente auf ihm drei Jahre meiner Lehrzeit, und dann wurde ich für ein Jahr auf die ,Lucy Apse’ versetzt. Für mich, der i~ kein anderes Schiff kennengelernt hatte als die ,Apse-Familie’, war die ,Lucy’ wie eine Art Wunderfahrzeug, das aus eigenem Antrieb tat, was man von ihm wollte. Nun, ich beendete das letzte Jahr meiner Lehrzeit auf jenem fröhlichen kleinen Schiff, und dann, gerade als ich dachte, ich könnte es mir einmal an Land drei Wochen ordentlich wohl sein lassen, erhielt ich beim Frühstück einen Brief, in welchem ich gefragt wurde, wann ich mich frühestens als Dritter Steuermann auf der ,Apse -Familie’ einfinden könne. Ich versetzte meinem Teller einen Stoss, der ihn bis zur Mitte des Tisches rutschen liess; Papa blickte von seiner Zeitung auf; Mutter hob verdutzt die Hände, und ich ging ohne Hut in unseren kleinen Garten hinaus, in welchem ich dann eine Stunde lang immerfort rund herumging.

Als ich wieder hineinkam, war die Mutter aus dem Esszimmer gegangen, und Papa hatte seine Stellung nach dem grossen Lehnstuhl verlegt. Der Brief lag auf dem Kaminsims.

,Das Angebot ist sehr ehrenvoll für dich, und es ist sehr freundlich von ihnen, dir ein solches zu machen’, sagte er. ,Und wie ich sehe, ist auch Charles zum Ersten Steuermann des Schiffes für eine Seereise ernannt worden.’

Auf der Rückseite befand sich ein von Mr. Apse persönlich geschriebenes Postskriptum dieses Inhalts, das ich übersehen hatte. Charley war mein grosser Bruder.

,Mir ist es nicht sehr angenehm, dass zwei meiner Söhne auf ein und demselben Schiff sind’, fahr mein Vater in seiner bedächtigen, feierlichen Art fort. ,Und ich möchte dir sagen, dass ich mich nicht scheuen würde, Mr. Apse einen Brief in diesem Sinne zu schreiben.’

Der liebe alte Papa! Er war ein wundervoller Vater. Was hätten Sie getan? Die blosse Vorstellung zurückzukehren (und als Offizier obendrein), um von diesem Untier geplagt und geschunden und Tag und Nacht in Trab gehalten zu werden, machte mich schon krank. Aber es war kein Schiff, dem man füglich hätte aus dem Weg gehen können. Ausserdem hätte sich auch die lauterste Entschuldigung nicht vorbringen lassen, ohne Apse & Söhne tödlich zu beleidigen. Das war der Grund, weshalb man auch vom Totenbett noch ,Stehe jederzeit zur Verfügung’ hätte antworten müssen, wollte man sich ihr Wohlwollen erhalten. Und genau das antwortete ich – telegraphisch, um es sogleich hinter mich zu bringen.

Die Aussicht, Crewkamerad meines grossen Bruders zu sein, heiterte mich beträchtlich auf, wenn sie mich auch ein bisschen ängstlich stimmte. Schon als ein kleines Kind, so lange ich denken kann, war er sehr gut zu mir gewesen, und ich betrachtete ihn als den feinsten Kerl auf der ganzen Welt. Und das war er auch. Kein besserer Offizier ist je über das Deck eines Handelsschiffes geschritten. Er war ein feiner, kräftiger, aufrechter, sonnengebräunter junger Bursche, mit leicht gelocktem braunem Haar und einem Adlerauge. Er war einfach prächtig. Wir hatten einander schon viele Jahre nicht mehr gesehen, und auch diesmal hatte er sich, obwohl er bereits seit drei Wochen in England war, noch nicht zu Hause blicken lassen, sondern verbrachte seine Freizeit irgendwo in Surrey, wo er Maggie Colchester, der Nichte des alten Kapitäns Colchester, den Hof machte. Ihr Vater, ein alter Freund Papas, war im Zuckerhandel tätig, und Charley machte sich ihr Heim zu einer Art zweitem Elternhaus. Ich fragte mich, was mein grosser Bruder wohl von mir denken würde.

Er empfing mich mit laut schallendem Gelächter. Er schien meinen Eintritt als Offizier für den grössten Jux zu halten. Zwischen uns bestand ein Altersunterschied von zehn Jahren, und ich war ein Kind von vier Jahren, als er erstmals zur See ging. Ich war überrascht zu sehen, wie ungestüm er sein konnte.

,Jetzt werden wir ja sehen, aus was für Holz du gemacht bist’, rief er. Er boxte mir gegen die Rippen und drängte mich in seine Koje. ,Setz dich, Ned. Ich freue mich über die Gelegenheit, dich bei mir zu haben. Ich will dir den letzten Schliff geben, mein junger Offizier, vorausgesetzt, dass du die Mühe wert bist. Und zunächst einmal lass dir gesagt sein, wir werden nicht dulden, dass das Untier auf dieser Fahrt wieder jemanden umbringt. Wir wollen ihm das Handwerk legen.’

Ich sah, dass er es tödlich ernst meinte. Er redete grimmig von dem Schiff, sagte, wir müssten auf unserer Hut sein und dürften diesem hässlichen Biest nie erlauben, uns mit einem seiner verdammten Streiche zu überrumpeln.

Er gab mir eine regelrechte Vorlesung über besonderes seemännisches Verhalten zur Anwendung auf der ,Apse-Familie’; dann wechselte er den Ton und holte weit aus, quasselte den wildesten, komischsten Unsinn, bis ich mich vor Lachen nicht mehr zu halten vermochte. Ich sah sehr wohl, dass er vor Ausgelassenheit ein wenig übergeschnappt war. Mein Kommen konnte nicht der Grund dafür sein. Nicht in diesem Masse. Aber mir wurde alles klar, als ich ein oder zwei Tage später erfuhr, dass Miss Maggie Colchester auf dieser Reise mitfuhr. Ihr Onkel hatte sie mit Rücksicht auf ihre Gesundheit zu einer Seereise eingeladen.

Ich weiss nicht, was ihr fehlte. Sie hatte prächtige Farben und unglaublich volles blondes Haar. Sie machte sich nicht einen Pfifferling aus Wind oder Regen oder Gischt oder Sonnenschein oder grünem ‘Meer oder was immer sonst. Sie war ein blauäugiges, fideles Mädel vom besten Schlag, doch die Keckheit, mit der sie sich meinem Bruder gegenüber Frechheiten herausnahm, erschreckte mich. Ich rechnete immer damit, alles werde in einem fürchterlichen Streit enden.

Aber erst nachdem wir bereits eine Woche in Sydney gelegen hatten, geschah etwas Entscheidendes. Eines Tages schob Charley während der Tischzeit der Mannschaft den Kopf in meine Kajüte. Ich lag ausgestreckt auf dem kleinen Sofa und rauchte friedlich.

,Komm mit an Land, Ned’, sagte er in seiner barschen Art.

Ich sprang selbstverständlich auf und lief hinter ihm das Fallreep hinunter und die George Street hinauf. Er schritt wie ein Riese aus, und ich keuchte an seiner Seite. Es war verflixt heiss. ,Wohin, um alles in der Welt, rennst du nur, Charley?’ erkühnte ich mich zu fragen.

Hierhin’, sagte er.

,Hier’ war ein Juweliergeschäft. Ich konnte mir nicht erklären, was er dort wollte. Es erschien mir wie ein verrückter Einfall. Er schob mir drei Ringe unter die Nase, die sehr klein aussahen auf seiner grossen braunen Handfläche, und brummte: ,Für Maggie! Welchen?’

Mich packte ein gelinder Schrecken. Ich brachte keinen Laut hervor, doch ich deutete auf einen, der weiss und blau glitzerte. Er schob ihn in seine Westentasche, bezahlte mit einer Menge Goldstücke und stürmte davon. Als wir an Bord zurückkamen, war ich völlig ausser Atem. ,Gratuliere, Alter’, keuchte ich. Er versetzte mir einen Schlag auf den Rücken. ,Gib dem Bootsmann was für Befehle du willst, wenn die Leute Wache wechseln’, sagte er, ,ich nehme mir für heute nachmittag Urlaub.’

Dann verschwand er für eine Weile vom Deck, trat jedoch bald darauf wieder mit Maggie aus der Kajüte. Und nun schritten diese beiden in aller Öffentlichkeit und vor den Augen der Matrosen das Fallreep hinunter, um an diesem scheusslichen, glühendheissen Tag mit wirbelnden Staubwolken einen Spaziergang zu machen. Sie kamen etliche Stunden später wieder an Bord und blickten sehr gelassen drein, schienen aber nicht die leiseste Ahnung zu haben, wo sie gewesen. Jedenfalls gaben sie beide beim Tee auf Mrs. Colchesters Frage diese Antwort.

Wie Sie sich denken können, wurden die teuflischen Neigungen des fluchheladenen Schiffes niemals an Bord erwähnt. Zumindest nicht in der Kajüte. Nur einmal auf der Heimreise war Charley so unbesonnen, etwas zu sagen wie: diesmal solle aber die gesamte Mannschaft heimgebracht werden. Kapitän Colchester blickte sogleich sehr verdriesslich drein, und dieses alberne, hartgesottene alte Weib schnauzte Charley an, als habe er etwas Unanständiges gesagt. Ich war selber sehr verwirrt; und was Maggie betraf, so sass sie völlig verständnislos da und riss ihre blauen Augen weit auf. Selbstverständlich quetschte sie noch am selben Tag alles aus mir heraus. Sie war eine Person, der man schlecht etwas vorlügen konnte.

,Wie fürchterlich’, sagte sie ernst. ,So viele arme Burschen. Ich bin nur froh, dass die Reise fast zu Ende ist. Ich werde jetzt keinen Augenblick mehr Ruhe finden, Charleys wegen.’

Ich versicherte ihr, Charley sei in Ordnung. Da brauche es schon mehr als die Tücken dieses Schiffes, um einen Seemann wie Charley unterzukriegen. Und sie gab mir recht.

Am nächsten Tag erreichten wir den Schlepper vor Dungeness; und als die Trosse befestigt war, rieb sich Charley die Hände und sagte mit verhaltener Stimme zu mir: ,Wir haben ihm ein Schnippchen geschlagen, Ned.’

,Sieht so aus’, sagte ich und grinste ihn an. Es war herrliches Wetter und das Meer so glatt wie ein Mühlteich. Wir fuhren den Fluss ohne die Spur einer Schwierigkeit hinauf, ausser einmal, als vor Hole Haven das Untier plötzlich ausscherte und beinahe einen Lastkahn erfasste, der dicht neben der Fahrrinne vor Anker lag. Doch ich war achtern auf Posten, überwachte die Steuerung, und diesmal überrumpelte sie mich nicht. Charley kam auf das Poopdeck herauf und sah sehr besorgt drein. ,Mit knapper Not klargekommen’, sagte er.

,Macht nichts, Chadey’, antwortete ich munter. ,Du hast es gebändigt.’

Wir sollten bis hinauf zum Hafenbecken geschleppt werden. Der Flusslotse kam unterhalb Gravesend an Bord, und das erste, was ich ihn sagen hörte, war: ,Sie können ebensogut Ihren Backbordanker gleich innenbords nehmen, Herr Steuermann.’ Dies war ausgeführt worden, als ich nach vorne ging. Auf der Spitze des Vorderdecks sah ich Maggie, die sich an dem Getriebe freute, und ich bat sie, achtern zu gehen; aber sie nahm selbstverständlich keine Notiz von mir. Dann erblickte Charley sie, der mit dem Hauptgeschirr alle Hände voll zu tun hatte, und schrie mit lauter Stimme: ,Geh von der Vorderdeckspitze herunter, Maggie. Du bist da im Weg.’ Als Antwort schnitt sie nur eine komische Grimasse, und ich sah, wie der arme Charley sich umdrehte, um ein Lächeln zu verbergen. Ihr Gesicht war gerötet vor Aufregung, wieder nach Hause zu kommen, und ihre blauen Augen schienen elektrische Funken zu sprühen, wenn sie auf den Fluss blickte. Ein Kohlenschiff war gerade vor uns eingeschwenkt, und unser Schlepper musste eiligst seine Maschine absteüen, um nicht mit dem Schiff zu kollidieren.

Aber ich hatte nicht mehr Zeit genug, ihren Namen zu schreien. Vermutlich hörte sie mich gar nicht. Die erste Berührung des Kabeltaus mit dem Ankerarm warf sie herunter; im Nu stand sie wieder auf den Beinen, aber sie stand auf der verkehrten Seite. Ich hörte ein entsetzliches, knirschendes Geräusch, und dann kippte der Anker um und reckte sich wie etwas Lebendiges auf; sein grosser, roher Eisenarm fasste Maggie um die Hüfte, schien sie in einer fürchterlichen Umarmung zu umschliessen und schwang mit ihr über und hinab, unter einem grässlichen Geklirr, dem schwere, dröhnende Schläge folgten, die das ganze Schiff von Bug bis Heck erschütterten – weil der Ringstopper standhielt!

»Wie entsetzlich!” rief ich.

„Ich träumte noch Jahre danach von Ankern, die Mädchen erfassen”, sagte der Mann im Tweed ein wenig hitzig. Er schauderte. „Mit einem kläglichen Schrei sprang ihr Charley fast im selben Augenblick nach. Aber, gütiger Gott! er sah in dem Wasser keinen Schimmer ihrer roten Baskenmütze. Nichts! überhaupt nichts! Im Nu waren ein halbes Dutzend Boote um uns, und er wurde in eines hineingezogen. Ich liess zusammen mit dem Hochbootsmann hastig den anderen Anker hinunter und brachte das Schiff irgendwie zum Stehen. Der Lotse hatte den Verstand verloren. Er schritt auf dem Vorderdeck auf und ab, rang die Hände und murmelte vor sich hin: ,Jetzt tötet es schon Frauen, tötet Frauen!’ Man konnte kein anderes Wort aus ihm herausbringen.

Die Dämmerung brach herein und dann eine pechschwarze Nacht; und während ich über den Fluss spähte, hörte ich einen leisen, traurigen Anruf: ,Schiff ahoi!’ Zwei Gravesender Fährleute kamen längsseits. Sie hatten eine Laterne in ihrem Boot, blickten an der Schiffswand empor und steuerten wortlos auf die Leiter zu. Ich sah in dem Lichtfleck dort unten einen Wust aufgelöster blonder Haare.”

Er schauderte abermals. „Nach dem Gezeitenwechsel war der Leichnam der armen Maggie an einer jener Ankerbojen vorbeigetrieben”, erklärte er. „Ich kroch achtern, halb tot vor Entsetzen, und es gelang mir, eine Rakete in den Himmel zu schiessen – um den anderen Suchenden auf dem Fluss ein Zeichen zu geben. Dann schlich ich mich wieder nach vorn, wie ein Köter, und hockte die Nacht über auf dem Ende des Bugspriets, um mich so weit wie möglich abseits von Charley zu halten.”

„Der arme Kerl!” murmelte ich.

„Ja. Der arme Kerl”, wiederholte er sinnend. „Dieses Untier liess sich nicht von ihm – nicht einmal von ihm – um seine Beute bringen. Doch er machte das Schiff am nächsten Morgen im Hafen fest. Das tat er. Wir hatten kein Wort gewechselt – nicht einen einzigen Blick, was das anbelange. Ich wollte ihn nicht anblicken. Als das letzte Tau festgesetzt war, griff er sich mit den Händen an den Kopf und starrte vor sich hin, als versuche er, sich auf etwas zu besinnen. Auf dem Hauptdeck wartete die Mannschaft auf das Wort, das die Reise beenden sollte. Vielleicht suchte er sich darauf zu besinnen. Ich redete statt seiner. ,Das mag genügen, Leute.’

Nie wieder sah ich eine Mannschafe so leise von einem Schiff gehen. Die Männer krochen, einer nach dem anderen, über die Reling und achteten darauf, dass sie ihre Seemannskisten nicht zu laut anschlugen. Sie blickten zu uns herüber, doch keiner hatte den Mut, zu uns zu kommen, um dem Steuermann zum Abschied die Hand zu schütteln, wie das sonst üblich ist.

Ich folgte ihm über das ganze leere Schiff, hin und her, hierhin und dorthin. Kein lebendiges Wesen weit und breit, ausser uns beiden; denn der Schiffshüter hatte sich in der Kombüse eingeschlossen – beide Türen verriegele. Plötzlich murmelte der arme Charley mit irrer Stimme: ,Ich bin fertig hier’ und schreitee- ich folge ihm auf den Fersen – das Fallreep hinunter, den Kai entlang, durch das Hafentor zum Tower Hill hinauf.”

Der Mann im Tweedanzug nickte mir bedeutungsvoll zu.

„Ah! Diesem Untier war nicht beizukommen. Es hatte den Teufel im Leib.”

„Wo ist Ihr Bruder jetzt?” fragte ich und rechnete damit zu hören, dass er tot sei. Doch er befehligte einen schnittigen Dampfer vor der chinesischen Küste und kam jetzt nie mehr nach Hause.

Jermyn stiess einen tiefen Seufzer aus und hob das Taschentuch, da es nun genügend getrocknet war, behutsam an seine rote und beklagenswerte Nase.

»Es war ein reissendes Tier”, begann der Mann im Tweedanzug von neuem. »Der alte Colchester setzte seinen Willen durch und trat von seinem Posten zurück. Und ist es zu fassen? Apse & Söhne schrieben ihm einen Brief, in dem sie ihn baten, sich seinen Entschluss noch einmal zu überlegen! Alles nur, um den guten Namen der ,Apse-Familie’ zu retten! Der alle Colchester ging daraufhin in das Kontor und erklärte, dass er den Befehl wieder übernehmen wolle, doch nur um das Schiff in die Nordsee hinauszufahren und es dort zu versenken. Er war beinahe von Sinnen. Sein Haar war bisher von einem dunklen Eisengrau gewesen, doch innerhalb von vierzehn Tagen wurde es schneeweiss.

Sie nahmen den Erstbesten, dessen sie habhaft werden konnten, aus Furcht vor der Schmach, dass die ,Apse-Familie’ keinen neuen Kapitän finden könne. Er war eine fröhliche Haut, glaube ich, aber er hielt auf ihr aus, grimmig und unerbittlich. Wilmot war sein Zweiter Steuermann. Ein fahriger Bursche, der sich mit seiner grossen Verachtung für alle Mädchen brüstete. Tatsache ist, dass er im Grunde schüchtern war. Doch wenn eine nur ermunternd den kleinen Finger hob, war der arme Kerl nicht mehr zu halten.

Es wird berichtet, man habe einmal ein Mitglied der Firma die Hoffnung äussern hören, dass das Schiff bald verlorengehe. Aber nicht dieses Schiff. Es sollte ewig halten. Es hatte eine Spürnase, sich von Untiefen fernzuhalten.”

Jermyn brummte beifällig.

»Ein Schiff nach dem Geschmack eines Lotsen, was?” spottete der Mann im Tweed. »Nun, Wilmot schaffte es. Er hatte das Zeug dazu, doch sogar er hätte es vielleicht nicht fertiggebracht, wäre nicht die grünäugige Gouvernante oder Nurse (oder was immer sie war) der Kinder von Mr. und Mrs. Pamphilius gewesen.

Diese Leute waren Passagiere auf dem Schiff von Port Adelaide bis zum Kap. Nun, das Schiff lief aus und ankerte einen Tag lang draussen. Der Kapitän – die gesellige Haut- hatte eine Schar Gäste aus der Stadt zu einem Abschiedslunch eingeladen, wie er es gewöhnlich tat. Es wurde fünf Uhr nachmittags, ehe das letzte Küstenboot vom Schiff abstiess, und das Wetter sah hässlich und dunkel aus im Golf. Er hätte keinen Grund gehabt, in See zu stechen. Da er jedoch jedermann gesagt hatte, er laufe noch selbigen Tages aus, hielt er es für schicklich, dies auch zu tun. Doch da ihm auf all diese Festlichkeiten hin keineswegs der Sinn danach stand, die Meerenge in der Dunkelheit und mit flauem Wind anzugehen, gab er Befehl, das Schiff bis zum nächsten Morgen unter niedrigerem Topsegel und Klüver so dicht am Wind, wie es nur anging, die Küste entlangschleichen zu lassen. Dann suchte er seine Lagerstätte auf. An Deck befand sich der Erste Steuermann, dem das Gesicht von heftigen Regenböen rein gewaschen worden war. Wilmot löste ihn um Mieternacht ab.

Die ,Apse-Familie’ hatte, wie Sie gehöre haben, ein Haus auf ihrem Poopdeck. . .”

„Ein grosses, hässliches, weisses Ding, das hoch aufragte”, murmelte Jermyn traurig ins Feuer.

»Richtig: eine Überdachung für die Kajütstreppe und gleichzeitig eine Art Kareenraum. Der Regen goss in Strömen auf den schläfrigen Wilmot nieder. Das Schiff schaukelte gerade langsam südwärts, dicht am Wind, die Küste etwa drei Meilen luvwärts. Es gab nichts, wonach man hätte Ausschau halten müssen in diesem Teil des Golfs, und Wilmot ging um das Haus herum? um den Regenböen im Lee jenes Kartenraums auszuweichen, dessen Tür sich nach dieser Seite hin öffnete. Die Nacht war schwarz wie ein Fass Kohlenpech. Und er hörte eine Frauenstimme, die ihm zuflüsterte.

Dieses verdammte grünäugige Mädchen der Pamphilius hatte die Kinder natürlich längst zu Bett gebracht, aber anscheinend selber keinen Schlaf finden können. Sie stahl sich hinauf in den Kartenraum wohl um sich Kühlung zu schaffen.

Als ihr Flüstern an Wilmots Ohr drang, war es vermutlich, als hätte jemand im Hirn des Kerls ein Streichholz angezündet. Ich weiss nicht, wie es zugegangen war, dass sie sich so eng aneinander angeschlossen hatten. Ich denke mir, dass er sie schon mehrmals an Land getroffen hatte. Ich vermochte nichts darüber in Erfahrung zu bringen, denn als Wilmot mir die Geschichte erzählte, stiess er- bei jedem zweiten Wort irgendeine fürchterliche Verwünschung hervor. Wir waren uns am Kai in Sydney begegnet, und er hatte eine Schürze aus Sackleinwand vorgebunden, die ihm bis zum Kinn reichte. In der Hand hielt er eine grosse Peitsche. Ein Fuhrknecht. War froh, überhaupt eine Arbeit gefunden zu haben, um nicht Hungers sterben zu müssen. Dahin war es mit ihm gekommen.

Da stand er also, den Kopf durch die Tür gestreckt und aller Wahrscheinlichkeit nach an die Schulter des Mädchens gelehnt- der wachhabende Offizier! Der Rudergänger erklärte später bei seiner Zeugenaussage, er habe verschiedene Male gerufen, dass die Lampe im Kompasshäuschen ausgegangen sei. Es beunruhigte ihn nicht, da er Befehl haue, das Schiff ,dicht am Wind zu halten’. ,Ich fand es komisch’, sagte er, ,dass das Schiff in den Böen immer wieder vom Strich abfallen sollte, aber ich luvte es jedesmal wieder an, so dicht ich konnte. Es war so dunkel, dass ich nicht die Hand vor den Augen sehen konnte, und der Regen prasselte mir wie aus Kübeln auf den Kopf.’

In Wirklichkeit war der Wind bei jeder Bö ein wenig weiter nach achtern umgesprungen, bis das Schiff nach und nach direkten Kurs auf die Küste hatte, ohne dass sich eine Menschenseele an Bord dessen bewusst gewesen wäre. Wilmot selbst gestand, dass er etwa eine Stunde lang nicht in die Nähe des Standardkompasses gekommen sei. Er hatte gut gestehen! Das erste, woran er sich erinnerte, war, dass der Mann im Ausguck vorne Zeter und Mordio schrie.

Er habe sich aus der Umhalsung losgerissen, berichtete er, und zurückgerufen: ,Was sagen Sie?’

,Ich glaube, ich höre vor uns Brecher, Sir’, brüllte der Mann und kam mit den übrigen Männern der Wache achtern gerannt, in ,dieser fürchterlichsten, alle Sicht nehmenden Sintflut, die je vom Himmel niederging’, sagte Wilmot. Ungefähr eine Sekunde lang war er so entsetzt und verdutzt, dass er sich nicht zu besinnen vermochte, auf welcher Seite des Golfs das Schiff sich befand. Er war kein guter Offizier, aber er war dennoch ein Seemann. Sogleich riss er sich zusammen, und die richtigen Befehle sprangen ihm ohne weitere Überlegung auf die Lippen. Sie mussten das Ruder hart in den Wind eindrehen und das Haupt- und Besantopsegel kllen lassen.

Es hat den Anschein, als flatterten die Segel tatsächlich. Er konnte sie nicht sehen, aber er hörte sie über seinem Kopf knattern. ,Zwecklos! Das Schiff liess sich zu langsam abdrehen’, fuhr er fort, während sein Gesicht zuckte und die verdammte Fuhrmannspeitsche in seinen Händen zitterte. ,Es schien unbeirrbar voranzustreben.’ Und das Knattern der Segel über seinem Kopf hörte auf. In diesem kritischen Augenblick sprang der Wind abermals in einer Bö weiter achtern herum, blähte die Segel und warf das Schiff mit grossem Schwung auf die Klippen leewärts vor dem Bug. Das Schiff hatte es zu weit getrieben mit seinem Spielchen. Seine Zeit war gekommen – die Stunde, der Mann, die schwarze Nacht, der heimtückische Windstoss – die richtige Frau, um ihm ein Ende zu machen. Das Untier verdiente nichts Besseres. Seltsam sind die Wege der Vorsehung. Es gibt da eine Art dichterischer Gerechtigkeit -” Der Mann im Tweed sah mich scharf an.

»Das erste Felsenriff, über das es fuhr, riss ihm den Loskiel ab. Ratsch! Der Kapitän, der aus seiner Koje stürzte, stiess in der Kajüte auf ein wahnsinniges Frauenzimmer in rotem Flanellmorgenrock, das hin und her rannte und wie ein Kakadu kreischte.

Der nächste Aufprall schleuderte das Mädchen sauber unter den Kajütstisch. Er setzte ebenfalls den Achtersteven in Bewegung und riss das Ruder los, und dann raste das Untier einen geneigten, felsigen Strand hinauf und riss sich den Rumpf auf, bis es plötzlich liegenblieb und der Hauptmast sich wie ein Fallreep über den Bug neigte.«

»Jemand verlorengegangen?« fragte ich.

»Niemand ausser jenem Wilmot«, antwortete der Herr, der Miss Blank unbekannt war und sich nach seiner Mütze umsah. „Und sein Fall war schlimmer als Ertrinken. Jedermann kam richtig an Land. Der Sturm erfasste das Schiff erst am nächsten Tag, haarscharf aus Westen, und zertrümmerte dieses Untier in erstaunlich kurzer Zeit. Es war, als sei es bis ins Herz hinein verrottet gewesen.”… Er änderte den Ton. »Der Regen hat nachgelassen. Ich muss mich auf mein Fahrrad setzen und schleunigst zum Essen nach Hause fahren. Ich wohne in der Herne Bay – machte mich heute morgen zu einer kleinen Tour auf.«

Er nickte mir freundlich zu und ging mit wiegendem Schritt hinaus.

»Wissen Sie, wer er ist, Jermyn?« fragte ich.

Der Nordseelotse schüttelte mürrisch den Kopf. „Stellen Sie sich vor, auf so dumme Weise ein Schiff zu verlieren! Oh, liebe Zeit! Oh, liebe Zeit!” brummte er trübsinnig und hielt wieder sein feuchtes Taschentuch wie einen Vorhang ausgebreitet an das glühende Kamingitter.

Beim Hinausgehen wechselte ich (peinlich korrekt) einen Blick und ein Lächeln mit der ehrbaren Miss Blank, dem Barmädchen der ,Drei Krähen’.

Kinder und alte Leute

von Ivan Cankar

Jeden Abend, bevor sie zu Bett gingen, unterhielten sich die Kinder miteinander. Sie setzten sich auf den Sims des grossen Ofens und gaben all das von sich, was ihnen in den Sinn kam. Durch das trübe Fenster schaute das Dämmerlicht mit traumverhangenen Augen. Aus jeder Ecke schwebten schweigende Schatten und trugen wundersame Geschichten bei sich.

Was ihnen auch einfiel, sie sprachen davon. Aber ihnen fielen nur hübsche Geschichten ein, voll Sonnenschein und Wärme und durchwoben mit Liebe und Hoffnung. Die ganze Zukunft war ein langer heller Feiertag, ohne Fastenzeit zwischen Weihnachten und Ostern. Drüben, irgendwo hinter dem geblümten Vorhang, strömte alles pulsierende und glänzende Leben still vom Licht ins Licht. Worte wurden gewispert und nur halb verstanden. Keine Geschichte hatte einen Anfang noch einen Aufbau. Keine Geschichte hatte ein Ende. Manchmal sprachen alle vier Kinder auf einmal, aber keins verwirrte das andre. Alle starrten verzaubert in ein himmlisches Licht, in dem jedes Wort klar und lauter war, in dem jede Geschichte ein deutliches und lebendiges Gesicht hatte und jedes Märchen seinen herrlichen Schluss.

Die Kinder waren sich so ähnlich, dass in dem blassen Zwielicht das Gesicht des Jüngsten, des vierjährigen Toncek, nicht von dem der Lojzka, die zehn Jahre alt und die Älteste war, unterschieden werden konnte. Alle hatten schmale und magere Gesichter mit grossen weit offenen Augen – nach innen gekehrten Augen.

Diesen Abend langte etwas Unbekanntes von einem unbekannten Ort her heftig nach dem himmlischen Licht und brach mitleidslos in die Feiertage, die Geschichten und Legenden ein. Mit der Post war die Nachricht gekommen, dass der Vater auf italienischem Boden gefallen war. Etwas Neues, Fremdes, ganz Unverständliches wuchs vor ihnen auf. Es stand dort, war gross und mächtig, aber hatte weder Gesicht noch Augen, noch Mund. Es gehörte nirgends dazu, nicht zu dem lärmenden Treiben vor der Kirche und auf den Strassen, auch nicht zu dem warmen Dämmerlicht und zu den Geschichten.

Es war nichts Vergnügtes, aber darum auch nichts besonders Trauriges, war unlebendig, hatte ja keine Augen, dass es durch den Blick das Warum und Woher verriete, und auch keinen Mund, um es durch Worte zu erklären. Das Denken blieb vor dieser riesigen Erscheinung demütig und schüchtern wie vor einer schwarzen Mauer regungslos stehen. Es trat an die Mauer heran und starrte stumm und stumpf.

„Aber wann wird er zurückkommen?« fragte Toncek erstaunt.

Lojzka sah ihn ärgerlich an: »Wie kann er zurückkommen, wenn er gefallen ist?”

Alle überkam das Stillsein. Sie standen vor dieser grossen schwarzen Mauer und konnten nicht hinter sie sehen.

»Ich gehe auch in den Krieg”, verkündete unerwartet der siebenjährige Matic, als ob er rasch auf den richtigen Gedanken gekommen sei. Das war offensichtlich das, was gesagt werden musste.

»Du bist zu klein”, mahnte mit tiefer Stimme Toncek. Toncek war vier Jahre alt und trug noch Kleider.

Milka, die Dünnste und Schwächste von ihnen, die in das grosse Umhängetuch ihrer Mutter eingepackt war und dem Bündel eines Wanderers glich, fragte von irgendwoher aus dem Schatten sanft und piepsig: »Wie ist der Krieg denn? Erzähl uns, Matic, erzähl uns diese Geschichte.”

Matic erklärte: „Also, Krieg ist so. Die Menschen erstechen sich gegenseitig mit Messern, schlagen sich mit Schwertern nieder, erschiessen sich mit Gewehren. Je mehr du stichst und niederschlägst, um so besser ist es. Niemand sagt etwas dagegen, weil’s nämlich so sein muss. So ist der Krieg!«

»Aber warum”, beharrte Milka, »erstechen sie sich gegenseitig und schlagen sie sich nieder?”

»Für den Kaiser”, sagte Matic; und alle waren still.

Vor ihren Augen erschien im dunklen Licht etwas sehr Mächtiges, was im Ruhmesglanz strahlte. Sie sassen regungslos, sie wagten kaum auszuatmen – wie beim Segen in der Kirche.

Dann sammelte Matic wieder rasch seine Gedanken, wahrscheinlich um die Stille, die so schwer auf ihnen lag, zu vertreiben. »Ich gehe auch in den Krieg- gegen den Feind!”

»Wie ist der Feind? Hat er Hörner?” fragte plötzlich die dünne Stimme von Milka.

»Natürlich hat er. Wie könnte er sonst der Feind sein!” Toncek gab seiner Antwort Nachdruck, sie klang ernst und beinah ärgerlich.

Und nun wusste nicht einmal Matic, was richtig war. »Ich glaub nicht, dass er – er die hat”, sagte er langsam, zögernd.

»Wie kann der Hörner haben? Er ist ein Mensch wie wir”, liess sich Lojzka unwillig vernehmen. Dann, noch einmal überlegend, fügte sie hinzu: »Er hat nur keine Seele.”

Nach einer langen Pause fragte Toncek: »Aber wie fällt ein Mensch im Krieg? So, rückwärts?” Und er machte das vor.

»Sie töten ihn, bis er tot ist”, erklärte Matic kühl.

»Vater hat versprochen, mir ein Gewehr mitzubringen.”

»Er kann doch kein Gewehr mitbringen, wenn er gefallen ist”, fiel Lojzka rauh ein.

»Und sie haben ihn getötet – tot?”

»Tot.”

Durch die jungen und weit offenen Augen schauten Stille und Traurigkeit in die Dunkelheit, in etwas Unbekanntes, für Herz und Verstand Unbegreifliches.

Zur gleichen Zeit sassen auf der Bank vor dem Bauernhaus der Grossvater und die Grossmutter. Die letzten roten Strahlen der Sonne glühten durch die Blatter im Garten. Der Abend war still bis auf unterdrücktes, anhaltendes Weinen, das aus dem Stall kam und schon ganz heiser wurde. Es war wahrscheinlich das Schluchzen der jungen Mutter, die dorthin gegangen war, um das Vieh zu füttern.

Die zwei alten Leute sassen gebeugt nahe aneinander und hielten sich die Hande, -was sie seit langer Zeit nicht mehr getan hatten. Sie blickten mit tränenlosen Augen in das himmlische Abendrot und sprachen nicht.

Das vernagelte Fenster

von Ambrose Bierce

Unweit der heutigen Grossstadt Grossstadt Cincinnati dehnte sich im Jahre 1830 ein riesiger, fast unberührter Urwald. Die gesamte Gegend war spärlich von Menschen aus dem Grenzgebiet besiedelt, jenen ruhelosen Geistern, die – kaum dass sie aus der Wildnis leidlich bewohnbare Hütten gezimmert und eine Stufe des Wohlstandes erlangt hatten, die wir heute mit Armut bezeichnen würden – schon wieder, durch eine geheimnisvolle Unrast dazu angetrieben, alles im Stich liessen und weiter westwärts vordrangen, um auf neue Gefahren und Entbehrungen zu stossen bei dem Bemühen, die dürftige Bequemlichkeit wiederzugewinnen, der sie sich freiwillig begeben hatten. Viele von ihnen hatten bereits die Gegend verlassen, um sich in den entfernteren Niederlassungen anzusiedeln; zu den Bleibenden aber gehörte einer, der schon zuallererst dort mit angekommen war. Er lebte allein in einem Blockhaus, das der riesige Wald auf allen Seiten umgab. Von der Düsterheit und dem Schweigen des Waldes schien er ein Teil geworden zu sein, denn niemand hatte ihn je lächeln sehen oder ein überflüssiges Wort sprechen hören. Seine geringen Bedürfnisse befriedigte er, indem er in der Stadt am Fluss Raubtierfelle verkaufte oder tauschte; auf dem Land nämlich, auf das er nötigenfalls ein unbestreitbares Recht hätte geltend machen können, baute er überhaupt nichts an. Es gab Anzeichen dafür, dass er den Boden hatte kultivieren wollen – auf einigen Morgen in unmittelbarer Umgebung des Hauses waren einst alle Bäume gefällt worden; halb verborgen standen noch die vermoderten Stümpfe unter den nachwachsenden Pflanzen, denen es vergönnt war, die von der Axt angerichtete Verheerung wiedergutzumachen. Allem Anschein nach hatte die Begeisterung des Mannes für den Ackerbau mit immer schwächer werdender Flamme gebrannt und war schliesslich in der Asche der Reue erloschen.

Das kleine Blockhaus mit seinem hölzernen Rauchfang, dem mit Querbalken beschwerten Dach aus verzogenen Schindeln und der „Lehmfüllung” in den Ritzen besass eine einzige Tür und genau gegenüber ein Fenster. Dieses war jedoch mit Brettern vernagelt, und niemand konnte sich an eine Zeit erinnern, in der das nicht der Fall gewesen wäre. Auch wusste niemand, warum es dergestalt verschlossen war. Eine Abneigung des Besitzers gegen Luft und Sonne war gewiss nicht die Ursache; denn wenn ein Jäger an diesem einsamen Platz vorbeikam- was sich selten genug ereignete -, traf er den Einsiedler für gewöhnlich auf der Türschwelle an, wo er sich sonnte, vorausgesetzt, dass ihm am Himmel die Sonne lachte. Ich glaube, es gibt unter den heute Lebenden nur wenige, die je das Geheimnis dieses Fensters kennengelernt haben; aber ich gehöre zu ihnen, wie Sie sehen werden.

Der Mann soll Murlock geheissen haben. Seinem Aussehen nach mochte er siebzig Jahre alt sein; in Wirklichkeit aber war er um die Fünfzig. Er war nicht nur durch die Jahre gealtert; etwas anderes hatte dabei mitgespielt. Sein Haar und der lange Vollbart waren weiss, die grauen, glanzlosen Augen eingesunken, und das Gesicht war so eigentümlich von Falten gezeichnet, dass es aussah, als bestünden sie aus zwei sich kreuzenden Systemen. Murlock war gross und hager; die Schultern hielt er gebeugt, als trüge er eine schwere Last. Ich selbst habe ihn nie gesehen; alle diese Einzelheiten hat mir mein Grossvater erzählt, von dem ich auch die Geschichte des Mannes erfahren habe, als ich noch ein Junge war. Grossvater hatte ihn gekannt, als er in jenen vergangenen Tagen in seiner Nähe lebte.

Eines Tages war Murlock in seiner Hütte tot aufgefunden worden. Damals gab es dort noch keine Leichenbeschauer und Zeitungen, und ich vermute, man hat angenommen, dass er eines natürlichen Todes gestorben war; andernfalls wäre mir das erzählt worden, und ich würde mich daran erinnern. Ich weiss nur, dass sein Leichnam – wahrscheinlich in einem Gefühl für das einzig Richtige und Angemessene – neben der Hütte an der Seite seiner Frau beerdigt wurde, die ihm schon vor so vielen Jahren vorangegangen war, dass die örtliche Überlieferung kaum einen Fingerzeig für ihr Vorhandensein bewahrt hatte. Damit endet das letzte Kapitel dieser wahren Begebenheit. Allerdings wäre noch hinzuzufügen, dass ich mir viele Jahre danach in Begleitung eines ebenso beherzten Kerls einen Weg zu jener Stätte bahnte und mich so nahe an die verfallene Hütte heranwagte, dass ich einen Stein danach werfen konnte, worauf ich wegrannte, um dem Geist zu entrinnen, der – wie jeder einigermassen beschlagene Junge dort herum wusste – an dem Ort spukte. Aber es gibt noch ein vorhergehendes Kapitel – nämlich das, was mir mein Grossvater erzählt hat.

ZU DER ZEIT, als Murlock seine Hütte baute und kräftig die Axt führte, um sich eine Farm auszuhauen – dabei sorgte er mit der Flinte für den Lebensunterhalt-, war er jung und stark und voller Hoffnung. In dem Lande des Ostens, aus dem er kam, hatte er, wie üblich, ein junges Mädchen geheiratet, das seiner aufrichtigen Verehrung in jeder Weise würdig war und bereitwillig und leichten Herzens die Gefahren und Entbehrungen seines Loses teilte. Ihr Name ist uns nicht überliefert; auch über die Vorzüge ihres Gemüts und ihrer Erscheinung schweigt sich die Tradition aus, und dem Zweifler bleibt es freigestellt, seine Zweifel zu hegen. Gott aber verhüte, dass ich mich daran beteiligte! Wie gross das Glück und die Zuneigung der beiden war, verbürgte vollauf jeder Tag, den der Witwer noch lebte; denn was hätte wohl seinen wagemutigen Geist an ein solches Leben fesseln können, wenn nicht die Anziehungskraft eines seligen Angedenkens?

Als Murlock eines Tages aus einem entlegenen Tal des Urwaldes von der Jagd zurückkehrte, lag seine Frau fiebernd darnieder und phantasierte. Meilenweit gab es keinen Arzt, auch keinen Nachbarn. Überdies war sie nicht in einer Verfassung, in der er sie hätte allein lassen können, um Hilfe zu holen. Deshalb sah er sich vor die Aufgabe gestellt, sie selbst gesundzupflegen, doch am Ende des dritten Tages wurde sie bewusstlos und starb, wahrscheinlich ohne auch nur eine Spur des Bewusstseins je wiedererlangt zu haben.

Durch das, was wir über eine Natur wie die Murlocks wissen, können wir es wagen, die skizzenhafte Darstellung meines Grossvaters in einigen Einzelheiten zu ergänzen. Nachdem er sich von ihrem Tod überzeugt hatte, war Murlock noch vernünftig genug, sich zu erinnern, dass man für Tote Anstalten zu einem Begräbnis treffen muss. Bei der Erfüllung dieser heiligen Pflicht handelte er hier und da sinnlos, machte manches falsch, und anderes wiederum, bei dem ihm kein Fehler unterlief, tat er immer wieder. Sein gelegentliches Versagen bei der Verrichtung irgendeiner einfachen, herkömmlichen Tätigkeit erfüllte ihn mit dem Erstaunen eines Betrunkenen, der bemerkt, dass vertraute Naturgesetze plötzlich nicht mehr gelten. Er war auch überrascht, dass er keine Tränen vergoss, und schämte sich ein wenig deshalb; denn sicher ist es lieblos, wenn man Tote nicht beweint. „Morgen”, sprach er vor sich hin, »morgen muss ich den Sarg bauen und das Grab schaufeln; und dann werde ich sie vermissen, wenn ich sie nicht mehr sehe, aber jetzt- sie ist tot, natürlich, aber es ist schon in Ordnung – es muss wohl irgendwie seine Ordnung haben. Es kann ja nicht alles so schlimm sein, wie es aussieht.«

Er stand im schwindenden Dämmerlicht über ihren Körper gebeugt, ordnete ihr Haar und legte die letzte Hand an ihr bescheidenes Grabgewand. Er tat es ganz mechanisch, in seelenloser Achtsamkeit. Und immer war er im Unterbewusstsein davon überzeugt, dass alles in Ordnung wäre, dass sie nach wie vor bei ihm weilen würde und somit alles klar sei. Er hatte bislang keinen Kummer gekannt, und seine Leidensfähigkeit war noch nicht durch Erfahrung gewachsen. Sein Herz vermochte nicht alles zu erfassen, und seine Vorstellungskraft reichte nicht aus, um sich einen richtigen Begriff zu machen. Er erkannte nicht, dass er so hart getroffen war; diese Erkenntnis sollte ihm erst später kommen und ihn dann nie mehr verlassen. Der Schmerz ist ein Künstler, der viele Mittel zur Verfügung hat, so verschiedenartig wie die Instrumente, auf denen seine Totenlieder erklingen, und zaubert auf einigen die hellsten, schrillsten Töne hervor und auf anderen leise, tiefe Klänge, deren Schwingungen widerhallen wie langsamer, ferner Trommelschlag. Manche Menschen werden dadurch aufgerüttelt, andere betäubt. Den einen trifft er wie ein Pfeilschuss und macht ihn doppelt empfindsam für alles, den anderen wie ein Keulenschlag, der beim Auftreffen sein Gefühl lähmt. Wir können annehmen, dass Murlock auf diese Weise betroffen wurde, denn – und hier befinden wir uns auf festerem Boden als dem der blossen Vermutung- kaum hatte er sein frommes Werk getan, als er schon neben dem Tisch, auf dem der Leichnam lag, auf einen Stuhl niedersank. Er bemerkte, wie farblos ihr Profil gegen die zunehmende Dunkelheit abstach; er legte seine Arme auf den Tischrand und liess den Kopf darauf sinken. Auch jetzt fand Murlock noch keine Tränen, er war nur unsagbar erschöpft. In dem Augenblick drang durch das offene Fenster ein langgezogener Klagelaut wie der Schrei eines Kindes, das sich in der Tiefe eines immer dunkler werdenden Waldes verirrt hat. Doch der Mann rührte sich nicht. Sein Wahrnehmungsvermögen schwand, als der unheimliche Schrei, diesmal näher, ein zweites Mal zu hören war. Vielleicht war es ein wildes Tier, vielleicht ein Traum; denn Murlock war eingeschlafen.

Der ungetreue Wächter erwachte, wie es ihm später scheinen wollte, nach einigen Stunden; er hob den Kopf und lauschte gespannt – warum, wusste er nicht. Ohne besondere Erschütterung erinnerte er sich an alles, was ihm widerfahren war, und nun strengte er seine Augen an, um in der undurchdringlichen Finsternis neben der Toten etwas zu sehen – was, wusste er auch nicht. Seine Sinne waren hellwach, er hielt den Atem an, das Blut stockte ihm, als wollte er die Stille nicht stören. Wer hatte ihn aufgeweckt oder was, und wo steckte es?

Plötzlich erbebte der Tisch unter seinen Armen, und im selben Augenblick hörte er oder glaubte er einen leichten, leisen Tritt zu hören – da wieder -, als wenn jemand barfuss auf dem Fussboden lief!

Er war durch den Schreck ausserstande, zu schreien oder sich zu rühren. Notgedrungen wartete er ab, wartete eine scheinbare Ewigkeit da in der Finsternis, von einer Furcht gepackt, die man in ihrer ganzen Entsetzlichkeit erleben und doch überleben kann. Vergebens versuchte er den Namen der toten Frau zu rufen, vergebens die Hand über den Tisch auszustrecken, um sich zu vergewissern, dass sie da war. Der Hals war ihm wie zugeschnürt, Arme und Hände schwer wie Blei. Dann geschah etwas ganz Entsetzliches. Irgendein schwerer Körper schien sich mit solcher Gewalt gegen den Tisch zu werfen, dass dieser heftig gegen Murlocks Brust stiess und ihn beinahe nach hinten umgeworfen hätte, und im selben Augenblick hörte und fühlte er, wie etwas mit so ungestümem Aufprall zu Boden fiel, dass das ganze Haus erzitterte. Dann folgte ein Getümmel und ein unbeschreibliches Durcheinander von Geräuschen. Murlock war aufgesprungen. Durch ihr Übermass hatte die Furcht die Herrschaft über ihn verloren. Er warf die Hände auf den Tisch. Es war nichts mehr da!

Hier war ein Punkt erreicht, bei dem Schrecken in Wahnsinn übergehen kann, und Wahnsinn treibt zum Handeln. Ohne bestimmte Absicht, nur aus dem unberechenbaren Einfall eines Verrückten heraus, stürzte Murlock zur Wand, tastete ein wenig umher, ergriff sein geladenes Gewehr und feuerte es ziellos ab. Im Licht des Mündungsblitzes, der den Raum hell erleuchtete, sah er, wie ein gewaltiger Puma die tote Frau zum Fenster schleifte, seine Zähne in ihren Hals verbissen! Dann herrschte noch schwärzere Dunkelheit als zuvor und Stille. Als er wieder zu Bewusstsein kam, stand die Sonne hoch am Himmel, und der Wald erscholl vom Gesang der Vögel.

Der Leichnam lag am Fenster, wo ihn die Bestie liegengelassen hatte, als sie von Abschuss und Mündungsfeuer des Gewehrs verscheucht worden war. Die Kleidung war in Unordnung, das lange Haar aufgelöst, und die Gliedmassen lagen verrenkt da. Von dem furchtbar zerfleischten Hals rührte eine Blutlache her, die noch nicht völlig geronnen war. Das Band, das er um die Handgelenke gebunden hatte, war zerrissen. Die Hände waren fest zu Fäusten geballt. Zwischen den Zähnen steckte ein Stück vom Ohr der Bestie.

Der Rabe Ralf

von Christian Morgenstern

Der Rabe Ralf
will will hu hu
dem niemand half
still still du du
half sich allein
am Rabenstein
will will still still
hu hu

Die Nebelfrau
will will hu hu
nimmts nicht genau .
still still du du
sie sagt nimm nimm
s’ist nicht so schlimm
will will still still
hu hu

Doch als ein Jahr
will will hu hu
vergangen war
still still du du
da lag im Rot
der Rabe tot
will will still still
du du

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