Ihn schlugen die Häscher in Bande

von Christa Schmid-Lotz (copyright)

Das Fett zischte in die Glut; grob zerlegt röstete das Schwein vor sich hin. Aus dem Dunkel der Mooshütten trat Berthold in das flackernde Licht. „Da haben wir aber Glück gehabt, dass der Bauer so fest schlief. Hätte auch ins Auge gehen können!“ Veri spießte ein Stück Keule auf und reichte es ihm.„Holder, seit wir vogelfrei sind, können wir ungenierter leben als je zuvor. Ich fürchte den Tod nicht! Aber gegen die Königsschergen werde ich bis zum letzten Zahn kämpfen!“„Wir werden es Zahn um Zahn mit dir tun. Nur…Schorsch liegt da vorne am Eingang der Schlucht und schnarcht den Schlaf des Gerechten. Wenn sie jetzt kommen, sind wir verloren!“
Sie vernahmen ein Murmeln und Trappeln. Augenreibend näherte sich Schorsch mit einer Gruppe von Menschen, die hohlwangig und zerlumpt daherkam, Furcht und Hoffnung auf den Gesichtern.„Willkommen im Reich des Schwarzen Veri und seiner Brüder! Nehmt Platz am Herd unserer bescheidenen Hütte. Holder, bring doch mal das Weinfass und die Truhe mit den Goldmünzen.“Aufgeregt schwatzend ließen sich die Männer, Frauen und Kinder am Feuer nieder. Das Schwein, die Münzen wurden verteilt und bald rülpsten die Festteilnehmer mit glänzenden Augen.„Wer weiß, ob wir noch mal so jung zusammenkommen,“ rief Veri und hob den Becher. „Prösterchen allerseits!“ Schorsch furzte krachend, woraufhin sich Berthold auf die Schenkel klatschte und brüllte: „Hoffentlich hat niemand diesen Kanonendonner vernommen!“
Dann ging alles ganz schnell. Von allen Seiten fiel es über sie herein, sie hatten kaum Zeit, die Arme zur Abwehr zu heben. Die Tagelöhner und Bettler wurden in den Wald getrieben, nicht ohne ihnen ein paar schmerzhafte Lanzenhiebe beizubringen. Drei Hünen hatten sich auf Veri gestürzt und ihn binnen kurzem windelweich geprügelt und in Ketten gelegt. Trotz seiner Schmerzen sah er sich vorsichtig um. Der Holde und Schorsch waren wie vom Erdboden verschwunden.„Schwarzer Veri, Du hast dein Unwesen lang genug getrieben. Du kommst heute noch in den Schurkenturm von Biberach. Morgen früh wird dich das Fallbeil vom Leben zum Tode befördern!“„Schön, dass ich meine Henkersmahlzeit noch einnehmen durfte!“Hinter dem Pferd eines Schergen stolperte er über Wurzeln und Steine, hörte Nachtvögel klagen, atmete den schweren Duft des Waldes.
Ins Turmverließ gestoßen, wurde ihm doch unheilig zumute. Konnten die Kameraden etwas für ihn tun, ihn retten? Er wusste nicht, ob sie wirklich entkommen waren oder erschlagen oder verletzt unter den mächtigen Eichen kauerten. Eine Ratte huschte über seine Füße, er hörte das hungrige Fiepen der anderen. Ein Stockwerk höher heulte ein Mensch in Todesangst. Panik überfiel ihn. Seinen Kopf sollte er verlieren? Ein unrühmliches Ende! Wieviel an Schmerz würde er spüren? Würde das Eisen niederfallen wie das Beil, mit dem er vorhin das Schwein zerteilt hatte? Würde er Knochen knacken hören, das Blut herausschießen sehen? Würden sie alle grinsend um ihn herumstehen, während sein Kopf erstaunt in ihrer Mitte läge? Hätte er noch Gelegenheit, sie anzuspeien?

Schweißgebadet hockte er auf dem kalten Boden, ein Zittern überfiel ihn, dessen er nicht mehr Herr wurde. Sein irrender Blick fiel auf die Öffnung in der Mauer. Mit Mühe konnte ein Mensch sich da hindurchzwängen, aber er würde auf der Erde zerschmettern.Mutter, warum hast du dieses verdammte Leben geboren? Hätte dein Sohn nicht auch ein Bürger werden können, mit den Pfründen, der Taschenuhr und dem Sonntagskirchgang? Oh Gott, du hast mich stürzen lassen wie den gefallenen Engel, jetzt stehe ich am Abgrund und weiß mir nicht mehr weiter!“Von der Fensteröffnung her hörte er einen Laut. Ein oberschwäbischer Rundkopf erschien schemenhaft, es flüsterte:
“Veri, wir haben eine Leiter angestellt. Den Wächter haben wir zum Schnarchen gebracht. In einer halben Stunde kommt die Wachablösung…leg dies Kleiderbündel auf die Pritsche, sie sollen nicht merken, dass du frei bist. Dann sind wir vorerst vor Verfolgung gefeit!“ Veri tat, wie ihm geheißen, zwängte sich durch das Loch und rutschte die Leiter mehr herunter, als dass er kletterte.
Schwülheiß war die Nacht, es war der 10. Juli 1812. Am Horizont zuckten Blitze herauf, das Wolkeninferno stand dunkel drohend über der Stadt. Donner folgte Schlag um Schlag. Scheunen brannten so lichterloh, dass der einsetzende Regen die Flammen nicht mehr löschen konnte. Das Vieh rannte kopflos brüllend im Kreis herum und in den Wald, in dem Baumriesen vereinzelt zu Boden stürzten. Ein Blitz fuhr wie die Strafe Gottes in den Turm, vorbei an den wimmernden Gefangenen, zischte senkrecht durch eine Spalte und setzte das darunter liegende Menschenbündel in Brand. Nur ein Häuflein Asche blieb übrig. Rauchwölkchen kreiselten darüber und im Fenster erschien ein Gehörntes, spießte den Seelenfaden auf seinen Dreizack und fuhr johlend in die Tiefe.
Der Morgen stieg frisch und blank herauf und schien den Bürgern in die entsetzten Gesichter.Eine Exekutionskommission machte sich auf den Weg zum Turm. Überall Äste, Dachziegel, Geruch nach verbranntem Fleisch. Vorm Turm ein Wächter, der sich eine Riesenbeule rieb. Die Wendeltreppe hinauf, ängstlicher trommelten die Herzen. Da…da war es! Der zweite Bewacher tot auf dem Steinboden, auf seinem Rücken schwarzgebrannt ein Loch, das rohe Fleisch trat hervor. Ein Geruch wie Schweinebraten! Und … sie trauten ihren Augen nicht: Auf der Pritsche die Überreste des Schwarzen Veri. Gott und der Teufel waren ihnen zuvorgekommen! Schwärzer konnte er nicht mehr werden! Die Anwesenden bekreuzigten sich.
Ein Weg schlängelt sich weiß durch die Landschaft, die frühe Sonne scheint auf Felder, die grün und golden glänzen. Wolken haben sich zu Gebirgen aufgetürmt, aus denen ein Regenbogen zur Erde herunterleuchtet. Die ersten Hagebutten haben die wilden Rosen in den Hecken abgelöst. Drei Männer schreiten in das Szenario hinein.„Verignand, wir haben es geschafft! Der Vogel ist so frei, wie es niemals ein Mensch gewesen ist!“ Sie beschleunigen ihre Schritte und werden von dem Weiß und Grün, dem Glitzern und dem blauen Horizont aufgesogen. Ein Berg sieht den andern ferne locken, er kann seine Sehnsucht nicht erfüllen; Seen glitzern zum Bade, Menschen an ihren Ufern, die Fülle des Lebens explodiert zum Tode hin.
Aber jetzt noch nicht!

Flächenbrand

von Christa Schmid-Lotz (copyright)

Die Öllampe erhellte das Zimmer nur spärlich; die Flamme tanzte verzweifelt im Glas, als wolle sie aus ihrem Gefängnis entkommen. Hannes öffnete das Fenster und sah die Wolken am Mond vorüberjagen. Durch die Gassen des Städtchens, dessen Häuser sich ängstlich aneinander duckten, pfiff der Wind. Hannes warf die Feder auf den Sekretär, stöpselte das Tintenglas zu, zog seine Stulpenstiefel an und warf einen Blick in den Spiegel. Ein junger Mann blickte ihm entgegen, mit Zopfperücke, Hemd, gelbledernen Halbhosen und Wollstrümpfen bekleidet. Hannes ging die Treppe hinab und öffnete die Tür zur Gaststube.

„Ja, Grüß Gott, Herr Stadtschreiber“, rief ihm der Wirt vom Tresen entgegen. Sein rundes, ernstes Gesicht glänzte vor Schweiß. „Da ist ein ganz schönes Wetterchen im Anzug.“
„Guten Abend, Gustav. Ja, es braut sich was zusammen.“
Hannes setzte sich auf die Ofenbank.
„Bring mir doch bitte einen Riesling.“
In diesem Moment flog die Tür auf. Wilhelm, der Lehrer, stürzte herein und brachte einen Schwall frischer Nachtluft mit. Er ließ sich auf die Bank fallen. Seine Brille war ihm halb von der Nase gerutscht, seine blonde Frisur zerzaust. Er trug die modischen langen Hosen der Sansculottes.
„Ich komme gerade zurück aus Paris. Die Bastille wurde gestürmt. Jetzt geht es dem König und dem Adel an den Kragen!“
Hannes wurde puterrot.
„Ich hab’s gewusst. Das ist das Ende jeder Ordnung!“, sagte er.
„Die Zeiten wechseln, auch wenn du dich noch so sträubst“, meinte Wilhelm.
„Deshalb muss man doch nicht die Welt auf den Kopf stellen. Ich weiß nicht mehr, wo oben und unten ist.“
„Es ist zu spät. Geh nach Paris und schau es dir selber an. Das Volk hungert nach Brot, aber die Damen und Herren am Hof pudern sich mit dem Mehl ihre Perücken.“

Hannes hätte sich am liebsten die Ohren zugehalten. Das konnte nicht sein. Hier hatte jeder genug zu essen. Er beschloss, die Unterhaltung zu beenden.
Gustavs Frau kam mit einer Schüssel, aus der es weinwürzig dampfte.
„Jetzt stärkt euch erst mal mit meinem Hasenragout, dann sehen wir weiter.“
Hannes aß und verabschiedete sich zeitig. In seinem Zimmer setzte er sich auf einen Schemel und zündete die Lampe an. Trübsinnig schaute er auf die Wände, sah das Bett mit dem seidenen Überwurf, den geschnitzten Schrank, die Intarsien des Pultes, wo er zu stehen und seine Berichte zu schreiben pflegte. Jeder zog den Hut vor ihm in der Stadt. Das sollte nun alles ein Ende haben?

Er wusste nicht mehr, wie lange er gesessen und gegrübelt hatte. Plötzlich schreckte er hoch. Da waren Schritte! Sie kamen vom Speicher neben seinem Zimmer. Sein Herz begann heftig zu klopfen.
Hannes holte mit zittrigen Händen seine Pistole aus der Kommode. Er nahm die Öllampe und stieß die Tür seines Zimmers auf. Eisige Luft schlug ihm entgegen. Mit weichen Knien schlich er über die Diele und legte behutsam die Hand an die Klinke. Knarrend öffnete sich die Speichertür. Hannes trat ein, das Stroh knisterte unter seinen Füßen. Er hob die Lampe und sah eine männliche Gestalt, die ihm den Rücken zuwandte. Die Haare standen wirr um den Kopf.
Hannes schlotterte vor Angst. Er richtete die Pistole auf den Unbekannten.
„Halt, stehen bleiben. Was haben Sie hier zu suchen?“, rief er.

Der Mann drehte sich um. Sein Gesicht war fratzenhaft verzerrt. Er kam auf ihn zu. Hannes drückte ab. Es klickte. Nicht geladen! Er sah die Faust des Fremden näherkommen und spürte einen Schlag in den Bauch. Vor Schmerz krümmte er sich zusammen, ging zu Boden und riss dabei die Lampe um. Das Petroleum floss heraus und entzündete sich, bald leckten Feuerzungen in alle Richtungen. Der Unbekannte polterte an ihm vorüber. Hannes wollte um Hilfe schreien, doch der Rauch nahm ihm den Atem. Er kroch den Boden entlang in die Richtung, wo er den Ausgang vermutete. Dann wurde es dunkel um ihn. Als er wieder zu sich kam, lag er auf dem Kopfsteinpflaster der Gasse. Um ihn herum ein infernalischer Lärm; viele Menschen, die aufgeregt durcheinander schrien. Der Himmel war glutrot erhellt. Wilhelms Kopf erschien über ihm, ruß geschwärzt.
„Hannes, du Depp! Was machst denn für Sachen.“
„Habt ihr mich? …?“
„Ja, wir haben dich die Treppe hinuntergetragen. Aber jetzt ist keine Zeit für Erklärungen. „Er war da“, keuchte Hannes. „Ich habe den Teufel auf dem Speicher gesehen.“
„So ein Hennenfurz! Das war sicher ein armer Landstreicher.“
„Wenn ich es doch sage. Er hat das Haus in Brand gesteckt.“
„Jetzt reiß dich zusammen. Steh auf und hilf uns. Das Feuer darf sich auf keinen Fall ausbreiten!“

Ein Bersten und Krachen ertönte. Das Wirtshaus „Sonne“ stand in Flammen; glühende Balken fielen herab und ließen die Menge entsetzt zurückweichen. Jemand schrie:
„Um Gottes willen, holt endlich die Eimer! Das Nachbarhaus brennt auch schon!“
„Die Brunnen sind leer! Wir können nicht mehr löschen!“
„Dann holt Wasser aus dem Fluss!“
Die Bewohner bildeten Schlangen, einige schöpften und reichten die Eimer von Hand zu Hand weiter. Bis die Eimer bei den brennenden Häusern ankamen, war das Wasser zur Hälfte verschüttet. Hannes, Gustav und Wilhelm arbeiteten fieberhaft mit. Inzwischen brannte die gesamte Oberstadt. Der Bürgermeister kam vom Marktplatz heruntergelaufen und brüllte:

„Rette sich, wer kann! Die Stadt ist verloren!“

Hannes lief mit seinen Freunden, dem Bürgermeister und einem Dutzend anderer Menschen zum Tor hinaus, den Berg hinauf, fiel erschöpft ins Gras und warf einen Blick zurück. Da unten sah er seine Heimatstadt liegen, einen Haufen aus Flammen, Rauch, Schutt und Asche.
Über sein geschwärztes Gesicht liefen Tränen herab. Wolken jagten am bleichen Mond vorbei und der Sturm trieb Funkenregen über ihn hinweg.
Hannes richtete sich zu seiner vollen Größe auf.

„Gott, du kannst es nicht zulassen, dass so etwas passiert!“, rief er.„Satan hat Besitz von der Erde ergriffen. Erst hat er die Franzosen gegen ihren König aufgehetzt, dann hat er Feuer, Tod und Verderben über unsere Stadt gebracht.“
Er wandte sich an die Umstehenden.
„Wer noch einen Rest an Ehre in sich hat, der folge mir und eile dem französischen Königshaus zu Hilfe!“

Hannes ging hoch erhobenen Hauptes, mit festen Schritten davon, ohne sich noch einmal umzudrehen. Er war ein hoch geachteter Bürger dieser Stadt und wusste, dass man ihm folgen würde. Sein weißes Hemd war versengt. Die Wollstrümpfe hatten sich wie graue Wülste über die Stiefel gelegt, der Perückenzopf flog lustig wippend hinter ihm her.
Wilhelm lächelte in sich hinein, während er dem Stadtschreiber nachblickte. Dessen gelblederne Halbhosen blitzten noch einmal auf, bevor der Weg um den nächsten Felsen bog und die Dunkelheit alles verschluckte.

Die McWilliamses und die Alarmanlage

von Mark Twain

Die Unterhaltung floss sanft und angenehm dahin, vom Wetter zur Ernte, von der Ernte zur Literatur, von der Literatur zu Skandalgeschichten, von Skandalgeschichten zur Religion; dann machte sie einen wahllosen Sprung und landete beim Thema Alarmanlagen. Zum erstenmal verriet Mr. McWilliams nun innere Anteilnahme. Immer, wenn ich dieses Zeichen auf seinem Antlitz wahrnehme, verstehe ich, hülle mich in Schweigen und gebe ihm Gelegenheit, seinem Herzen Luft zu machen. So sagte er, seine Gefühle nur schlecht beherrschend:
„Ich halte keinen Pfifferling von Alarmanlagen, Mr. Twain, keinen Pfifferling, und ich werde Ihnen erzählen, warum. Als unser Haus fast fertig war, stellten wir fest, dass wir noch etwas Geld übrig hatten, weil der Klempner nichts von ihm wusste. Ich war dafür, den Heiden damit Erleuchtung zu bringen, denn irgendwie habe ich die Heiden schon immer nicht leiden können, aber meine Frau sagte nein, wir wollen eine Alarmanlage haben. Diesem Kompromiss stimmte ich zu. Ich muss Ihnen das erklären: immer wenn ich etwas will und meine Frau will etwas anderes und wir entscheiden uns dafür, was meine Frau will – wie immer -, so nennt sie das einen Kompromiss.
Na schön, der Mann aus New York kam also und baute die Alarmanlage ein; er berechnete dreihundertfünfundzwanzig Dollar dafür und sagte, wir könnten nun beruhigt schlafen. Das taten wir auch eine Zeitlang – etwa einen Monat. Eines Nachts roch es dann nach Rauch, und mir wurde empfohlen, aufzustehen und nachzusehen, was los sei. Ich zündete eine Kerze an und ging zur Treppe. Dort begegnete mir ein Einbrecher, der aus einem Zimmer kam, einen Korb Blechsachen unter dem Arm, die er in der Dunkelheit für reines Silber gehalten hatte.
Ich sagte: ,Mein Freund, in diesem Zimmer ist Rauchen verboten.’
Er antwortete, er sei hier fremd und man könne von ihm nicht erwarten, dass er die Hausordnung kenne; er sagte, er sei schon in vielen Häusern gewesen, die genauso gut wie dies hier seien, und man habe niemals Anstoss daran genommen. Er fügte noch hinzu, soweit seine Erfahrung reiche, hätten solche Verbote für Einbrecher ohnehin noch nie gegolten.
Ich sagte: ,Dann rauchen Sie doch weiter, wenn es so gang und gäbe ist, doch glaube ich, einem Verbrecher etwas zu gestatten, was dem Bischof verweigert wird, ist ein deutliches Zeichen sittenloser Zeiten. Doch lassen wir das: Wie kommen Sie überhaupt dazu, das Haus so heimlich und hinterhältig zu betreten, ohne die Alarmanlage zu betätigen?’
Er war verwirrt und schämte sich, dann sagte er verlegen: ,Ich bitte tausendmal um Entschuldigung. Ich habe nicht gewusst, dass Sie eine Alarmanlage haben, sonst hätte ich sie klingeln lassen. Bitte sprechen Sie nirgends darüber, wo meine Eltern davon erfahren könnten, denn sie sind alt und gebrechlich, und solch ein vermessener Bruch der geheiligten Gewohnheiten unserer christlichen Zivilisation könnte die wacklige Brücke, die düster zwischen der bleichen, schwindenden Gegenwart und den feierlichen grossen Tiefen der Ewigkeit schwebt, allzu grausam zersplittern. Darf ich Sie um ein Streichholz bitten?’
Ich sagte: ,Ihre Gefühlsregungen machen Ihnen alle Ehre, aber wenn Sie mir gestatten, metaphorischer Ausdruck ist nicht Ihre stärkste Seite. Schonen Sie Ihre Schenkel, diese Sorte kann man nur an der Schachtel anzünden, und da auch nicht immer, wenn ich mich auf meine Erfahrung verlassen kann. Aber zurück zur Sache: Wie sind Sie hier hereingekommen?’
,Durch ein Fenster im ersten Stock.’

Genauso war es. Die Blechwaren kaufte ich zum Pfandleihpreis, abzüglich der Inseratgebühren, zurück, wünschte dem Einbrecher eine gute Nacht, schloss das Fenster hinter ihm und zog mich zum Hauptquartier zurück, um Meldung zu erstatten. Am nächsten Morgen liessen wir den Alarmanlagenmann holen. Er kam und erklärte, der Grund, weshalb die Alarmanlage nicht losgegangen wäre, sei der, dass nur das Erdgeschoss angeschlossen sei. Es war einfach idiotisch; wenn man Waffen nur an den Beinen trägt, kann man auch gleich ganz ohne Waffen in die Schlacht gehen. Der Sachverständige schloss also den ganzen ersten Stock an die Anlage an, verlangte dreihundert Dollar dafür und ging seiner Wege.
Einige Zeit später fand ich eines Nachts einen Einbrecher im zweiten Stock. Er war gerade im Begriff, mit einem Berg verschiedenartiger Güter die Leiter hinunterzusteigen. Mein erster Gedanke war, ihm mit einem Billardqueue den Schädel einzuschlagen, aber mein zweiter war, davon Abstand zu nehmen, da er zwischen mir und dem Queuehalter stand. Der zweite Gedanke war ganz klar der gesündere; so liess ich es bleiben und ging zu einem Kompromiss über. Ich erstand die Habe zu den genannten Sätzen, abzüglich zehn Prozent für die Benutzung der Leiter, denn es war meine Leiter. Am nächsten Tag schickten wir noch einmal nach dem Sachverständigen und liessen für dreihundert Dollar den zweiten Stock an die Alarmanlage anschliessen.
Inzwischen hatte die Anzeigetafel ungeheure Dimensionen angenommen. Siebenundvierzig Schilder hatte sie, mit den Namen der verschiedenen Zimmer und Kamine, und sie nahm den Raum eines normalen Kleiderschranks ein. Der Gong hatte die Grösse einer Waschschüssel und war über unserem Bett angebracht. Ein Draht führte vom Haus zum Logis des Kutschers im Stall und zu einem stattlichen Gong neben seinem Kopfkissen.
Wir hätten es ja nun gemütlich haben können, wenn eins nicht gewesen wäre. Jeden Morgen um fünf Uhr öffnete die Köchin auf dem üblichen Wege zur Arbeit die Küchentür, und bums ging der Gong los. Als das zum erstenmal passierte, dachte ich, nun sei bestimmt der letzte Tag angebrochen. Das habe ich nicht im Bett gedacht – nein, sondern draussen, denn die erste Wirkung dieses furchtbaren Gongs ist, dass er einen im Hause herumschleudert, gegen die Wand schmettert, dass man sich zusammenrollt und wie eine Spinne auf der Ofenplatte kräuselt, bis jemand die Küchentür zumacht. Unbestreitbare Tatsache ist, es gibt keinen Lärm, der sich auch nur im entferntesten mit dem entsetzlichen Lärm vergleichen liesse, den dieser Gong macht.
Also, diese Katastrophe ereignete sich regelmässig jeden Morgen um fünf Uhr und kostete uns immer drei Stunden Schlaf; dann weckt es einen nicht nur an bestimmten Stellen; es weckt einen am ganzen Leibe, Gewissen und alles, und hinterher hat man Lust, achtzehn Stunden hellwach zu liegen- achtzehn Stunden so unvorstellbar hellwach, wie man es noch nie erlebt hat. Einmal starb ein Fremder bei uns; wir zogen aus und überliessen ihm jene Nacht unser Schlafzimmer. Hat der Fremde auf das Jüngste Gericht gewartet? Nein, mein Herr; um fünf Uhr am nächsten Morgen stand er höchst bereitwillig und ohne grosse Umstände auf. Das hatte ich gewusst; das hatte ich ganz genau gewusst. Er liess sich seine Lebensversicherung auszahlen, und wenn er nicht gestorben ist, lebt er heute noch – denn es gab genügend Beweise, dass er wirklich tot gewesen war.
Nun, da wir also täglich so viel Schlaf verloren, schwanden wir langsam hinüber in ein besseres Reich. Wir liessen deshalb schliesslich den Sachverständigen wieder kommen. Er zog einen Draht zur Aussenseite der Tür und brachte dort einen Schalter an, mit dem Thomas, unser Bedienter, ständig einen Fehler machte – wenn er zu Bett ging, stellte er die Alarmanlage ab, und bei Tagesanbruch schaltete er sie wieder ein, rechtzeitig, bevor die Köchin die Tür öffnete; so konnte uns der Gong wieder durch das Haus schleudern und manchmal mit dem einen oder anderen von uns ein Fenster einschlagen.

Nach Ablauf einer Woche merkten wir, dass die Sache mit dem Schalter eine Täuschung und Falle war. Auch entdeckten wir, dass die ganze Zeit über eine Einbrecherbande im Hause gewohnt hatte nicht eigentlich, um zu stehlen, denn es war nun nicht mehr viel übrig, sondern um sich vor der Polizei zu verstecken, denn sie waren schon stark in die Enge getrieben. Schlauerweise hatten sie sich gedacht, die Detektive würden niemals auf den Gedanken kommen, dass eine Horde Einbrecher in einem Hause Schutz suchen würde, das, wie nur zu bekannt war, durch die imponierendste und ausgeklügeltste Alarmanlage von ganz Amerika gesichert war.
Wir liessen den Sachverständigen wieder holen, und diesmal haue er einen geradezu blendenden Einfall: Er stellte das Gerät so ein, dass das Öffnen der Küchentür die Anlage ausschaltete. Das war eine prächtige Idee, und er berechnete sie dementsprechend. Aber Sie können sich das Ergebnis schon vorstellen. Jeden Abend zur Schlafenszeit schaltete ich die Alarmanlage ein, da ich kein Vertrauen mehr zu Thomas’ schwachem Gedächtnis hatte. Sobald nun die Lichter verloschen waren, kamen die Einbrecher zur Küchentür hereinmarschiert und schalteten so die Anlage aus, ohne darauf zu warten, dass dies die Köchin am Morgen besorgte. Sie sehen, wie sich unsere Lage verschlimmerte. Monatelang konnten wir niemanden zu uns einladen; im ganzen Haus kein freies Bett, alle von Einbrechern belegt.
Schliesslich sann ich selbst auf Abhilfe. Der Sachverständige folgte meiner Aufforderung und legte eine weitere Erdleitung zum Stall, brachte dort einen Schalter an, so dass der Kutscher die Anlage ein und ausschalten konnte. Das funktionierte erstklassig, und es folgte eine Phase des Friedens, in der wir wieder Gäste einluden und uns des Lebens freuten.
Die Alarmanlage liess jedoch nicht locker und wendete bald einen neuen Kniff an. Im Winter wurden wir eines Nachts von der plötzlich einsetzenden Musik dieses abscheulichen Gongs aus dem Bett geschüttelt, und als wir zur Anzeigetafel gehumpelt waren, das Gaslicht anzündeten und das Wort ,Kinderzimmer’ lasen, fiel meine Frau schnurstracks in Ohnmacht, und ich war ziemlich nahe dran, dasselbe zu tun. Ich ergriff meine Schrotflinte, und solange das entsetzliche Dröhnen anhielt, stand ich da und berechnete die Zeit, die der Kutscher brauchen würde. Ich wusste, dass ihn sein Gong auch aus den Federn geschüttelt hatte und dass er mit der Flinte unterwegs sein würde, sobald er in die Kleider gesprungen wäre. Als ich schätzte, dass er soweit war, schlich ich in das Zimmer neben dem Kinderzimmer, spähte durch das Fenster und sah im Hof unten die schwachen Umrisse des Kutschers, der mit präsentiertem Gewehr auf eine Gelegenheit wartete. Dann sprang ich ins Kinderzimmer und feuerte, und im gleichen Augenblick feuerte der Kutscher auf meine rot aufblitzende Flinte. Beide trafen wir; ich schoss das Kindermädchen lahm, und er schoss mir den Hinterkopf kahl. Wir zündeten die Gasbeleuchtung an und telephonierten nach dem Arzt. Von einem Einbrecher war keine Spur, und niemand hatte ein Fenster aufgemacht. Ein Glas fehlte, aber das war die Scheibe, durch welche die Schrotladung des Kutschers gekommen war. Das war ein hübsches Rätsel – eine Alarmanlage geht von selbst um Mitternacht los, und kein Einbrecher weit und breit!
Der Sachverständige kam auf den üblichen Ruf hin und erklärte, dass es ein ,blinder Alarm’ war. Sagte, es könne leicht behoben werden. So reparierte er das Fenster, verlangte eine anständige Summe dafür und ging.

Was wir im Laufe der nächsten drei Jahre unter blinden Alarmen zu leiden hatten, kann kein Füllfederhalter beschreiben. Während der folgenden drei Monate raste ich immer mit der Flinte zu dem angezeigten Zimmer, und der Kutscher machte sich ständig auf, mich mit seinem Geschütz zu unterstützen. Aber nie gab es etwas, worauf wir hätten schiessen sollen – die Fenster alle geschlossen und gesichert. Am nächsten Tage liessen wir immer den Sachverständigen kommen, und er brachte die jeweiligen Fenster in Ordnung, so dass sie sich eine Woche oder so ruhig verhielten, und vergass nie, uns eine Rechnung zu schicken, die ungefähr folgendermassen aussah:

Draht 2,15 Dollar
Zündkegel 0,75 ”
Zwei Arbeitsstunden 1,50 ”
Wachs 0,47 ”
Band 0,34 ”
Schrauben 0,15 ”
Batterie aufladen 0,98 ”
Drei Arbeitsstunden 2,25 ”
Schnur 0,02 ”
Schmalz 0,66 ”
Ponds Extrakt 1,25 ”
Federn a -,50 2,00 ”
Eisenbahnfahrtkosten 7,25 ”
——————
Summa 19,77 Dollar

Etwas ganz Natürliches stellte sich schliesslich ein – nachdem uns drei- oder vierhundert blinde Alarme aufgeschreckt hatten -, nämlich, wir schreckten nicht mehr auf. Ja, ich stand einfach ganz ruhig auf, als wir vom Gong durchs Haus geschleudert wurden, sah ruhig auf der Anzeigetafel nach, merkte mir das angezeigte Zimmer, schaltete es dann ruhig von der Alarmanlage ab und ging wieder schlafen, als wäre nichts geschehen. Ausserdem schloss ich dieses Zimmer nicht mehr an die Anlage an und liess auch den Sachverständigen nicht holen. Nun, es versteht sich von selbst, dass mit der Zeit alle Zimmer abgeschaltet wurden und das ganze Gerät ausser Betrieb war.
Zu dieser schutzlosen Zeit ereignete sich das schwerste Missgeschick von allen. Die Einbrecher kamen eines Nachts angerückt und nahmen die Alarmanlage mit! Jawohl, mein Herr, mit Haut und Haaren, rissen sie heraus, Zahn um Zahn, Federn, Klingeln, Gongs, Batterie, alles. Einhundertfünfzig Meilen Kupferdraht schafften sie fort; sie haben sie einfach hinausgefegt, mit Kind und Kegel, und uns nicht einmal ein sichtbares Zeichen davon übriggelassen, auf das wir – bei dem wir hätten fluchen können, meine ich.
Das war vielleicht ein Spass, die Anlage wiederzubekommen; aber wir haben es schliesslich geschafft, für Geld. Die Firma sagte, uns fehle nun nichts weiter, als die Anlage richtig einbauen zu lassen mit ihren neuen Patentfedern an den Fenstern, die jeden blinden Alarm unmöglich machten, und mit der neuen Patentuhr, die die Anlage ohne menschliches Zutun jeden Abend ein- und jeden Morgen ausschalte. Das schien ein gutes Projekt. Sie versprachen, mit allem binnen zehn Tagen fertig zu sein. Sie machten sich ans Werk, und wir fuhren in den Sommerurlaub. Ein paar Tage arbeiteten sie, dann fuhren sie in den Sommerurlaub. Worauf die Einbrecher einzogen und ihre Sommerferien begannen.

Als wir im Herbst zurückkehrten, stand das Haus leer wie der Bierkeller eines Grundstücks, auf dem die Maler waren. Wir richteten es wieder neu ein und schickten jemanden, um dem Sachverständigen Beine zu machen. Er kam, beendete die Arbeit und sagte: ,Die Uhr ist jetzt so gestellt, dass sie die Alarmanlage jeden Abend um zehn ein- und jeden Morgen um dreiviertel fünf ausschaltet. Sie haben nichts weiter zu tun, als sie jede Woche aufzuziehen und sonst in Ruhe zu lassen – um die Alarmanlage kümmert sie sich schon selbst!’
Danach kamen drei Monate einer äusserst friedlichen Zeit. Natürlich war die Rechnung gewaltig hoch, aber ich hatte gesagt, ich wolle sie erst bezahlen, wenn sich herausgestellt habe, dass die neue Maschinerie fehlerfrei arbeite. Die ausbedungene Frist betrug drei Monate. Ich bezahlte dann, und gleich am folgenden Tage um zehn Uhr früh dröhnte es Alarm wie zehntausend Bienenschwärme. Der Anleitung entsprechend drehte ich die Zeiger herum auf zwölf Uhr, das Signal verstummte daraufhin. Aber in der Nacht gab es wieder eine Störung, und ich musste die Uhr weitere zwölf Stunden vorstellen, damit sie die Anlage wieder einschaltete. Dieser Unsinn ging noch eine oder zwei Wochen so weiter, dann kam der Sachverständige und baute eine neue Uhr ein, aber es war jedesmal ein Versager. Seine Uhren hatten alle denselben launischen Defekt: sie schalteten die Alarmanlage tagsüber ein und nicht bei Nacht; und wenn man sie mit Gewalt trieb, sich nachts einzuschalten, dann stellte sie die Anlage wieder ab, sobald man ihr nur den Rücken kehrte.
Das also ist die Geschichte von der Alarmanlage – alles genau, wie es sich zugetragen hat; nichts beschönige und nichts aus Bosheit entstellt. Jawohl, mein Herr, und als ich neun Jahre mit Verbrechern im Hause geschlafen und die ganze Zeit eine kostspielige Alarmanlage in Betrieb gehalten hatte, zu deren Schutz, nicht zu meinem, und alles auf meine Kosten – denn sie liessen sich nicht dazu bewegen, auch nur einen verdammten Cent beizusteuern -, da sagte ich einfach zu meiner Frau, dass ich von dem ganzen Schlamassel genug habe. Mit ihrem vollen Einverständnis baute ich deshalb die ganze Anlage aus und verschacherte sie gegen einen Hund, und den Hund erschoss ich.
Ich weiss ja nicht, was sie davon halten, Mr. Twain, aber ich denke, diese Sachen werden ausschliesslich im Interesse der Einbrecher angefertigt. Jawohl, mein Herr, eine Alarmanlage gegen Einbrecher vereint in sich alle unangenehmen Seiten eines Feuers, eines Aufruhrs und eines Harems und entbehre gleichzeitig aller sie ausgleichender Vorzüge, gleich, welcher Are, die gewöhnlich dieser Kombination eigen sind. Auf Wiedersehen, ich steige hier aus.”

Ehe à la Mode

von Katherine Mansfield

Auf dem Weg zum Bahnhof war die Enttäuschung wieder wie ein Schock für William, als er sich erinnerte, dass er den Kleinen nichts mitzubringen hatte. Die armen kleinen Knirpse! Pech für sie, wirklich. Wenn sie ihm zur Begrüssung entgegenliefen, fragten sie immer als erstes: »Was hast du für mich, Vati?«, und er hatte nichts. Er würde ihnen am Bahnhof Süssigkeiten kaufen müssen. Das hatte er allerdings schon an den vergangenen vier Samstagen getan; wie geknickt ihre Gesichter letztesmal ausgesehen hatten, als er wieder die gleichen Schachteln herauszog.
Und Paddy hatte gesagt: »Ich hatte voooriges Mal rote Schleifen.«
Und Johnny hatte gesagt: »Meine sind immer rosa. Rosa kann ich nicht ausstehen.”
Was konnte William aber tun? Es war keineswegs leicht. Früher wäre er natürlich per Taxi in ein gutes Spielwarengeschäft gefahren und hätte da in fünf Minuten etwas ausgesucht. Aber heutzutage hatten sie russische Spielsachen, französische, serbische – Spielzeug von Gott weiss woher. Schon vor über einem Jahr hatte Isabel die Esel und Maschinen zusammengerafft, weil sie so »scheisslich sentimental« oder »so furchtbar schlecht für das Formgefühl der Kinderchen” seien.
»Es ist doch so wichtig”, hatte die neue Isabel gesagt, »dass sie von Anfang an das Richtige lieben lernen. Das spart später doch so viel Zeit. Wirklich, wenn die armen Lämmchen in ihren ersten Jahren dauernd diese Greuel anstarren, kann man schon voraussehen, dass sie später in die Königliche Akademie geführt werden wollen.”
Und sie sagte das so, als ob ein Besuch der Königlichen Akademie für jedermann der jähe, sichere Tod sei.
»Na, ich weiss nicht”, sagte William zögernd, »als ich so alt war wie sie, hab ich immer ein Handtuch mit einem Knoten drin mit ins Bett genommen.«
Die neue Isabel sah ihn an, die Augen schmal, die Lippen geöffnet.
»Lieber William! Davon bin ich überzeugt.« Sie lachte auf die neue Art.
Also kam es trotz allem auf Süssigkeiten heraus, dachte William bedrückt, als er in der Tasche nach Kleingeld für den Taxifahrer suchte. Und er sah die Kleinen, wie sie die Schachteln herumreichten – sie waren so freigebig, die kleinen Knirpse – und wie Isabels feine Freunde sich nicht genierten, sich reichlich zu bedienen.
Wie wäre es mit Obst? William zögerte vor einem Kiosk im Bahnhofseingang. Eine Melone für jeden? Ob sie die auch teilen mussten? Oder eine Ananas für Paddy und eine Melone für Johnny? Isabels Freunde würden ja wohl kaum zu den Mahlzeiten der Kinder nach oben schleichen? Dennoch, als er die Melone kaufte, hatte er das grässliche Bild vor Augen, wie einer von Isabels jungen Dichtern aus irgendeinem Grund hinter der Kinderzimmertür eine der Scheiben verschlang.
Mit seinen zwei unhandlichen Paketen machte er sich auf den Weg zum Zug. Auf dem Bahnsteig drängten sich die Leute. Der Zug war da. Türen knallten auf und zu. Von der Lokomotive kam so lautes Zischen, dass die hin und her eilenden Leute benommen aussahen. William strebte auf einen Ersterklasse Raucher zu, verstaute seinen Koffer und die Pakete, nahm ein dickes Bündel Papiere aus der Innentasche, warf sich auf einen Eckplatz und begann zu lesen.

»Unser Klient ist darüber hinaus der festen Überzeugung… Wir sind gewillt zu erwägen… im Falle dass…« Ah, das war besser. William strich sein glattes Haar zurück und streckte die Beine in den Wagen. Das ihm wohlbekannte dumpfe Bohren in seiner Brust beruhigte sich. »Im Hinblick auf unsere Entscheidung -« Er holte einen Bleistift heraus und strich langsam einen Absatz an.
Zwei Männer kamen herein und stiegen über seine Beine in die andere Ecke. Ein junger Mann schwang seine Golfschläger ins Netz und liess sich ihm gegenüber nieder. Der Zug tat einen leichten Ruck, und los ging es. William blickte auf und sah die heisse, helle Station vorbeigleiten. Ein rotgesichtiges Mädchen raste an den Wagen entlang. Ihr Winken und Rufen hatte etwas Verkrampftes, Verzweifeltes. »Hysterisch”, dachte William teilnahmslos. Dann grinste ein Arbeiter mit verschwitztem, schwarzem Gesicht dem Zug nach. Und William dachte „Drecksleben” und wandte sich seinen Akten zu.
Als er wieder aufsah, waren da Felder und Vieh im Schatten dunkler Bäume. Ein breiter Fluss, nackte Kinder, die im Flachen planschten, glitten in Sicht und waren schon vorbei. Der Himmel schimmerte blass, und ein Vogel schwebte darin wie ein dunkler Schatten im Edelstein.
„Wir haben den Schriftwechsel unseres Klienten genau überprüft . . .« Die letzten gelesenen Wörter riefen ein Echo in seinen Gedanken hervor. »Genau überprüft…« William konzentrierte sich auf die Wörter, aber es war sinnlos; in der Mitte setzte es aus, und die Felder, der Himmel, der schwebende Vogel, das Wasser, alles sagte »Isabel«. So war es jeden Samstagnachmittag. Wenn er unterwegs zu Isabel war, begannen diese unzähligen gedachten Begegnungen. Sie war am Bahnhof, stand ein wenig abseits von allen anderen; sie sass draussen in einem offenen Taxi; sie stand an der Gartenpforte; ging über das trockene Gras; an der Tür oder gerade in der Diele.
Und ihre helle, leichte Stimme sagte: »William ist da« oder »Hello, William!« oder »Nun ist William gekommen«. Er berührte ihre kühle Hand, die kühle Wange.
Isabels erlesene Frische. Es war, als er noch ein kleiner Junge war, sein ganzes Entzücken gewesen, nach einem Regenschauer in den Garten zu laufen und einen Rosenstrauch über sich zu schütteln. Isabel war der Rosenstrauch, blumenblattzart, schimmernd und kühl. Jetzt gab es das nicht mehr – in den Garten laufen, lachen und schütteln. Das dumpfe, hartnäckige Bohren in seiner Brust fing wieder an. Er zog die Beine an sich, warf die Papiere beiseite und schloss die Augen.
»Was ist denn, Isabel? Was ist denn?« fragte er zärtlich. Sie waren im Schlafzimmer, im neuen Haus. Isabel sass auf dem Lackhocker an ihrem Frisiertisch, der mit kleinen schwarzen und grünen Dosen übersät war.
»Was soll denn sein, William?« Sie beugte sich nach vorn, und das feine Haar fiel über ihre Wangen.
»Oh, das weisst du!« Er stand mitten in dem fremden Raum und fühlte sich wie ein Fremder. Daraufhin fuhr sie herum und sah ihn an.
»Ach, William!” rief sie flehend und hielt ihre Haarbürste hoch: »Bitte! Bitte sei nicht so spiessig und so – tragisch. Immer sagst du, siehst so aus, spielst darauf an, dass ich verändert bin. Nur weil ich Menschen gefunden hab, die mir entsprechen, weil ich mehr ausgehe, weil ich ganz versessen bin auf – auf alles, da benimmst du dich, als ob ich« – Isabel warf ihr Haar zurück und lachte – »unsere Liebe erwürgt hätte oder so was. Das ist doch so furchtbar lächerlich” – sie biss sich auf die Lippen -, »das macht mich einfach wahnsinnig, William. Du gönnst mir nicht mal das neue Haus und das Personal.”

»Isabel!«
„Ja, ja, irgendwie stimmt es«, sagte Isabel rasch. „Du denkst, das sind wieder schlechte Zeichen. Ach, ich weiss das. Das fühle ich doch«, sagte sie leise, »jedesmal, wenn du die Treppe heraufkommst. Aber wir hätten doch in dem schäbigen kleinen Loch nicht weitermachen können. Sei doch wenigstens praktisch, William! Ach, da war doch nicht mal genug Platz für die Kinder.«
Nein, das stimmte schon. Jeden Morgen, wenn er vom Gericht kam, fand er die Kinder mit Isabel im hinteren Wohnzimmer. Sie unternahmen Ritte auf dem Leopardenfell, das über die Sofalehne geworfen war, oder sie spielten Kaufladen und benutzten Isabels Schreibtisch als Theke, oder Pad sass auf dem Kaminvorleger und ruderte mit einer Messingfeuerschaufel ums liebe kleine Leben, während Johnny mit der Feuerzange auf Seeräuber schoss. Jeden Abend ritten sie huckepack die enge Treppe zu ihrer fetten alten Nanny hinauf.
Ja, es war wohl ein schäbiges kleines Haus. Ein weisses, kleines Haus mit blauen Vorhängen und Petunienkästen an den Fenstern. William empfing seine Freunde schon an der Tür damit:
»Unsere Petunien gesehen? Eigentlich fabelhaft für London, nicht wahr?«
Aber das Idiotische, das absolut Unmögliche war, dass er nicht die leiseste Ahnung hatte, dass Isabel nicht so glücklich war wie er. Gott, wie blind. Damals hatte er nicht die leiseste Ahnung, wie Isabel das unpraktische kleine Haus in Wirklichkeit hasste, wie sie meinte, die fette Nanny verdürbe die Kinder, wie entsetzlich einsam sie war und sich verzehrte nach neuen Menschen und neuer Musik und neuen Bildern und so weiter. Wenn sie nur nicht auf das Atelierfest bei Moira Morrison gegangen wären – wenn Moira Morrison nicht beim Abschied gesagt hätte: »Ich werde Ihre Frau retten, Sie Egoist. Sie ist wie eine erlesene kleine Titania” – wenn Isabel nicht mit Moira nach Paris gefahren wäre – wenn – wenn …
Der Zug hielt wieder an. Bettingford. Gott im Himmel! In zehn Minuten war er da. William stopfte die Papiere in seine Tasche zurück; der junge Mann gegenüber war schon lange verschwunden. Jetzt stiegen die anderen beiden aus. Die späte Nachmittagssonne beschien Frauen in Sommerkleidern und sonnenbraune barfüssige kleine Kinder. Sie prangte auf einer seidig gelben Blume, die sich mit harten Blättern auf Gestein ausbreitete. Die Luft rippelte durch die Fenster und roch nach See. Ob Isabel wohl auch dieses Wochenende wieder die gleiche Meute bei sich hatte, fragte er sich.
Und erinnerte sich an die Ferientage von damals, nur sie, zu viert mit Rose, dem kleinen Bauernmädchen, das auf die Kinder aufpasste. Isabel im Sweater und mit Zöpfen; sie sah ungefähr wie vierzehn aus. Gott! wie seine Nase sich immer schälte. Und die Berge, die sie vertilgten, und wie lange sie schliefen in diesen riesigen Federbetten, die Füsse ineinander verschlungen … Als William an Isabels mutmasslichen Abscheu angesichts seiner so weitgehenden Sentimentalität dachte, konnte er ein grimmiges Lächeln nicht unterdrücken.

»Hello, William!” Sie war also doch an der Bahn, genau wie er es sich vorgestellt hatte, etwas abseits von den anderen, und – Williams Herz machte einen Sprung- sie war allein.
»Hello, Isabel!” William starrte. Er fand sie so schön, dass er etwas sagen musste. »Du siehst so frisch aus.”
»So?” fragte Isabel. »Ich fahl mich nicht sehr frisch. Komm mit, dein elender Zug hatte Verspätung. Das Taxi wartet.” Sie legte ihre Hand leicht auf seinen Arm, als sie durch die Sperre gingen. »Wir sind alle da, um dich abzuholen”, sagte sie. »Aber wir haben Bobby Kane im Schokoladengeschäft gelassen, er wartet da auf uns.”

»Oh!” sagte William. Das war alles, was er im Augenblick sagen konnte.
Draussen im Glast hielt das Taxi, mit Bill Hunt und Dennis Green, die sich auf der einen Seite rekelten und die Hüte übers Gesicht gezogen hatten. Moira Morrisson, mit einem erdbeerförmigen Riesenhut, wippte auf und ab.
»Kein Eis, kein Eis, kein Eis!” schrie sie vergnügt.
Und Dennis krähte unter seinem Hut hervor: »Nur beim Fischmann zu haben.”
Und Bill Hunt fügte auftauchend hinzu: »Mit ganzen Fischen drin.”
»Oh, wie lästig!” jammerte Isabel. Und erklärte William, sie seien durch den ganzen Ort nach Eis gejagt, während sie auf ihn warteten. »Alles läuft einfach die Klippen in die See hinunter, vor allem die Butter.”
»Wir werden uns mit der Butter salben müssen”, sagte Dennis. »Möge dein Haupt, William, der Salbe nie ermangeln.”
»Hört mal”, sagte William, „wie verteilen wir uns? Ich werde mich vorn zum Chauffeur setzen.”
»Nein, Bobby Kane beim Fahrer”, sagte Isabel. „Du musst zwischen Moira und mir sitzen.« Das Taxi fahr an. „Was hast du in diesen rätselhaften Paketen?”
»Ge-köpf-te Köpfe!” sagte Bill Hunt und schauderte unter seinem Hut.
»Oh, Obst!” Isabel klang erfreut. »William der Weise! Eine Melone und eine Ananas. Zu nett!”
»Nein, warte bitte”, sagte William lächelnd. In Wirklichkeit war er aber ängstlich. »Ich hab sie für die Kleinen mitgebracht.«
»Ach, mein Lieber!” Isabel lachte und schob die Hand unter seinen Arm. »Sie würden sich in Krämpfen winden, wenn sie die ässen. Nein«, sie tätschelte seine Hand -, »du bringst ihnen nächstesmal etwas mit. Ich trenne mich nicht von meiner Ananas.«
»Grausame Isabel! Lass mich riechen!« sagte Moira und warf ihre Arme verlangend über William. »Oh!« Der Erdbeerhut fiel nach vorn: sie klang ganz schwach.
»Dame, verliebt in eine Ananas«, sagte Dennis, als das Taxi vor einem kleinen Laden mit gestreifter Markise hielt. Heraus trat Bobby Kane, lauter kleine Pakete im Arm.
»Hoffentlich sind sie gut. Ich habe sie nach der Farbe ausgesucht. Es sind so runde Dinger dabei, die einfach zu himmlisch aussehen. Und schaut bloss dies Nougat”, rief er hysterisch, »schaut es doch an. Wie ein makelloses Ballett.”
Aber in dem Augenblick erschien der Verkäufer. »Ach, das hab ich ganz vergessen. Nichts davon ist bezahlt”, sagte Bobby angstvollen Blickes. Isabel gab dem Mann einen Schein, und Bobby strahlte wieder. »Hello, William. Ich werde beim Fahrer sitzen.” Und barhäuptig, ganz in Weiss, die Ärmel bis zu den Schultern hochgerollt, sprang er auf seinen Platz. »Avanti!” rief er.
Nach dem Tee gingen die anderen zum Baden, William blieb zu Hause und machte seinen Frieden mit den Kindern. Johnny und Paddy schliefen jedoch. Die rosenrote Glut war verblasst, Fledermäuse flogen schon, und die anderen waren immer noch nicht zurück. Als William die Treppe herunterkam, ging das Mädchen mit einer Lampe über die Diele. Er folgte ihr ins Wohnzimmer. Es war ein langer Raum in Gelb. An die Wand gegenüber hatte jemand einen überlebensgrossen jungen Mann gemalt, der höchst wackelige Beine hatte und ein aufgeblühtes Gänseblümchen einer jungen Frau darbot, die einen kurzen Arm hatte und einen sehr langen dünnen. über Sesseln und Sofa hingen schwarze Stoffbahnen mit grossen Flecken, die nach zerbrochenen Eiern aussahen, und wo man hinsah, schien der Blick auf Aschenbecher voller Zigarettenstummel zu fallen.

William setzte sich in einen der Sessel. Wenn man heutzutage in die Polster griff, stiess man nicht etwa auf ein dreibeiniges Schaf oder auf eine Kuh, der ein Horn fehlte, oder auf eine dicke Taube aus der Arche Noah. Man förderte wieder mal einen broschürten Band mit deckig aussehenden Gedichten zutage. Er dachte an die Akten in seiner Tasche, war aber zu hungrig und zu müde zum Lesen. Die Tür war offen; Küchengeräusche kamen herein. Das Personal redete, als ob es allein im Haus sei. Dann war da plötzlich ein lautes, kreischendes Gelächter und ein ebenso lautes „Sch!”. Sie hatten sich an ihn erinnert. William stand auf und ging durch die Gartentür hinaus, und als er da stand, hörte er die anderen den Sandweg heraufkommen; ihre Stimmen klangen durch die Stille.
»Ich finde, es ist an Moira, ihre kleinen Tricks und Künste anzuwenden.”
Tragisches Stöhnen von Moira.
»Wir sollten für die Wochenenden wirklich ein Grammophon haben, das ,Das Mädchen aus den Bergen’ spielt.«
»Nein, nein!« hörte man Isabels Stimme. »Das ist ungerecht gegen William. Seid nett zu ihm, Kinder! Er bleibt nur bis morgen abend.«
»Überlasst ihn mir!” rief Bobby Kane. »Ich bin als Kümmerer fabelhaft.”
Die Pforte schwang auf und zu. William ging über die Terrasse; sie hatten ihn gesehen. Und Bobby Kane wedelte mit seinem Handtuch, sprang und drehte sich auf dem verdorrten Rasen. »Zu schade, dass Sie nicht mitgekommen sind, William. Das Wasser war göttlich. Und hinterher sind wir alle in die kleine Wirtschaft und haben Schlehenlikör getrunken.”
Die anderen kamen auch ins Haus. »Hör mal, Isabel«, rief Bobby Kane, »soll ich heute abend meinen Nijinskyanzug tragen?«
»Nein”, sagte Isabel, »heute abend ziehen wir uns nicht um. Wir sind alle am Verhungern. William ist auch hungrig. Kommt, mes amis, lasst uns mit Sardinen beginnen.”
»Ich hab die Sardinen gefunden”, rief Moira und lief in die Diele, die Büchse hoch in der Luft.
»Dame mit Sardinenbüchse”, kommentierte Dennis ernst.
»Na, William, wie geht’s denn London?« fragte Bill Hunt und zog den Korken aus einer Whiskyflasche.
»Oh, London hat sich wohl kaum verändert”, antwortete William.
»Das liebe, alte London”, sagte Bobby herzlich und spiesste eine Sardine auf.
Aber gleich darauf war William vergessen. Moira fing an zu erörtern, welche Farbe eigentlich ihre Beine unter Wasser hätten.
»Meine sind ganz, ganz blass champignonfarbig.«
Bill und Dennis assen ausdauernd. Und Isabel füllte Gläser und wechselte Teller und suchte Streichhölzer – und lächelte selig. Irgendwann sagte sie: »Bill, ich wollte, du malst es.”
»Was mal ich?« fragte Bill laut und stopfte sich den Mund voll Brot.
»Uns”, sagte Isabel, »um den Tisch. In zwanzig Jahren würde das phantastisch sein.«
Bill verdrehte die Augen und kaute. »Licht ist falsch”, sagte er grob, »viel zuviel Gelb” und a$ weiter. Und auch das schien Isabel zu entzücken.
Aber nach dem Essen waren alle so müde, dass sie nur noch gähnen konnten, bis es Zeit war, zu Bett zu gehen.
Erst als er anderntags auf das Taxi wartete, fand William sich mit Isabel allein. Als er seinen Koffer in die Diele heruntertrug, liess Isabel die anderen und kam zu ihm. Sie bückte sich und hob den Koffer. »Was für ein Gewicht”, sagte sie und lachte gehemmt. »Lass mich tragen! Bis an die Pforte.«

»Aber warum denn?« fragte William. »Natürlich nicht. Gib her.«
»Ach, bitte, lass mich doch”, antwortete Isabel. »Ich möchte gern, wirklich.” Sie gingen schweigend nebeneinander her. William wusste, dass es jetzt nichts zu sagen gab.
»Da«, sagte Isabel triumphierend, setzte den Koffer ab und blickte eifrig den Sandweg entlang. »Ich hab dich diesmal kaum gesehen, scheint mir«, sagte sie atemlos. »Es ist so kurz, nicht? Ich finde, du bist gerade erst gekommen. Nächstesmal -” Das Taxi kam. »Hoffentlich kümmern die sich in London um dich. Tut mir so leid, dass die Kinder den ganzen Tag weg waren, aber Fräulein Neil hatte alles schon vorbereitet. Sie werden dich vermissen. Armer William, musst nach London zurück.” Das Taxi drehte. »Auf Wiedersehen!« Sie gab ihm einen hastigen kleinen Kuss; fort war sie.
Felder, Bäume, Hecken rauschten vorbei. Sie rüttelten durch den leeren, augenlosen kleinen Ort und dröhnten die steile Strase zum Bahnhof hinauf.
Der Zug war da. William strebte auf einen Ersterklasse Raucher zu, warf sich in die Ecke, kümmerte sich aber diesmal nicht um seine Akten. Er schlug die Arme übereinander gegen das dumpfe, hartnäckige Bohren in seiner Brust und begann, in Gedanken einen Brief an Isabel zu schreiben.

Die Post kam wie immer spät. Sie sassen in Liegestühlen unter bunten Sonnenschirmen vorm Haus. Nur Bobby Kane lag Isabel zu Füssen auf dem Rasen. Es war langweilig, drückend; der Tag hing schlapp wie eine Flagge.
»Glaubst du, dass es im Himmel Montage gibt?« fragte Bobby kindisch.
Und Dennis murmelte: »Der Himmel wird ein einziger langer Montag sein.«
Isabel konnte aber nur an den Lachs denken, den sie gestern zum Abendessen gehabt hatten. Sie hatte zu Mittag Lachsmayonnaise geben wollen, und nun . . .
Moira schlief. Schlafen war ihre neueste Entdeckung. »Das ist so wunderbar. Man schliesst einfach die Augen, das ist alles. Es ist so köstlich.”
Als der alte rotgesichtige Postbote auf seinem Dreirad den Sandweg heraufstrampelte, hatte man das Gefühl, er hätte statt der Lenkstange Ruder haben sollen.
Bill Hunt legte sein Buch hin. »Briefe”, sagte er zufrieden, und alle warteten. Aber – herzloser Postbote – oh, schlechte Welt! es war nur einer da, ein dicker, für Isabel. Nicht einmal eine Zeitung.
»Und der ist nur von William”, sagte Isabel trauervoll.
»Von William – schon?”
»Er schickt dir deinen Trauspruch zurück, als sanfte Mahnung.”
„Sind Trausprüche für alle? Ich dachte, die wären nur fürs Personal.”
„Seiten über Seiten. Seht sie an. Dame, einen Brief lesend”, sagte Dennis.
Mein Lie61ing, teure Isabel. Seiten über Seiten waren das. Als Isabel weiterlas, verging ihr Staunen in einem Gefühl, als ersticke sie. Was hatte William um Himmels willen veranlasst. . . Wie ganz ausserordentlich … Was war denn das … Sie war verwirrt, wurde immer aufgeregter, ganz verängstigt. Das war typisch William. Oder? Das war natürlich lächerlich, absurd. »Hahaha! Ach, du Lieber!” Was sollte sie tun? Isabel warf sich zurück und lachte, bis sie nicht mehr innehalten konnte.
»Los, erzähl”, sagten die anderen. »Du musst es uns erzählen.
»Ich kann’s nicht erwarten”, gurgelte Isabel. Sie setzte sich auf, raffte den Brief zusammen und winkte ihnen damit zu. »Kommt alle heran«, sagte sie. „Hört zu, es ist zu wundervoll. Ein Liebesbrief.«

»Ein Liebesbrief! Wie göttlich aber auch!« Liebling, teure Isabel. Sie hatte noch kaum angefangen, da unterbrach sie schon Gelächter.
»Weiter, Isabel, es ist einzig.«
»Das ist mehr als ein Fund, das ist vollkommen.«
Gott verhüte, dass ich Deinem Glück ein Hindernis sein sollte.
»Oh, oh, oh!«
»Sch! sch! sch!”
Und Isabel las weiter. Als sie geendet hatte, waren sie wie die Verrückten. Bobby rollte sich auf dem Rasen und weinte beinahe.
»Du musst ihn mir geben, so wie er ist, ganz und gar, für mein neues Buch”, sagte Dennis energisch. »Da mach ich ein ganzes Kapitel draus.”
»Ach, Isabel«, stöhnte Moira, »diese himmlische Stelle, wie er dich in den Armen hält!«
»Ich hab immer geglaubt, diese Briefe in Scheidungsprozessen seien erfunden, aber die sind nichts gegen den hier.«
»Lass mich ihn halten. Lass mich ihn lesen, ganz für mich allein”, sagte Bobby Kane.
Aber zu ihrer Überraschung krampfte Isabel ihre Hand um den Brief. Sie lachte nicht mehr. Rasch blickte sie alle an; sie sah erschöpft aus. »Nein, nicht jetzt. Nicht gerade jetzt«, stammelte sie.
Und bevor sie sich erholt hatten, war sie ins Haus gelaufen, durch die Diele, die Treppe hinauf in ihr Schlafzimmer. Sie setzte sich auf die Kante ihres Bettes. »Wie widerlich, gemein, abscheulich, vulgär«, murmelte Isabel. Sie drückte die Knöchel in die Augen und wiegte sich hin und her. Und dann sah sie wieder alle, aber nicht vier, mehr an die vierzig, lachend, höhnend, naserümpfend, die Hände reckend, während sie Williams Brief vorlas. Oh, wie ekelhaft, so etwas zu tun. Wie hatte sie das nur fertiggebracht? Gott verhüte, dass ich Deinem Glück ein Hindernis sein sollte. William! Isabel presste das Gesicht ins Kissen. Aber sie fühlte: selbst das grosse Schlafzimmer hatte sie erkannt als das, was sie war, oberflächlich, eine Schelle, eitel . ..
Dann kamen aus dem Garten unten Stimmen.
»Isabel, wir gehen alle schwimmen. Komm doch!
»Komme du, Gemahlin Williams!”
»Ruft sie noch einmal, bevor ihr geht, ruft sie noch einmal!«
Isabel richtete sich auf. Jetzt war der Augenblick gekommen, jetzt musste sie sich entscheiden. Würde sie mit ihnen gehen oder hierbleiben und an William schreiben? Was, was sollte sie tun? »Ich muss mich entschliessen.« Aber wie konnte das nur eine Frage sein? Natürlich blieb sie und schrieb.
„Titania!« zirpte Moira.
„I – sa – bel?”
Nein, es war zu schwierig. »Ich – ich geh mit ihnen und schreib später an William. Ein andermal. Später. Jetzt nicht. Aber ich werde bestimmt schreiben«, dachte Isabel hastig.
Und lachend, ganz anders als früher, lief sie die Treppe hinunter.

Kinder von heute

von Scholem-Alejchem

Ihr meint die Kinder von heute? ,Kinder habe ich grossgezogen und erhöhet’, wie der Prophet Jesaias sagt. Da soll man sie gebären, sich um ihretwegen abplagen und sich für sie aufopfern! Und wozu? Ein jeder erhofft für sie – je nach seinen Begriffen und seinem Vermögen – das Beste. Mit Brodskij will ich mich selbstverständlich nicht vergleichen, aber ich bin auch nicht verpflichtet, ganz tief zu sinken. Denn ich bin ja nicht der erste beste, und wir stammen, wie mein Weib, sie soll leben, sagt, weder aus einer Schneider- noch aus einer Schusterfamilie. Also, glaubte ich, dass ich mit meinen Töchtern Glück haben werde. Und warum? Erstens hat mich Gott mit schönen Töchtern gesegnet, und ein schönes Gesicht ist, wie man sagt, eine halbe Mitgift. Und zweitens bin ich heute mit Gottes Hilfe nicht mehr der Tewje von einst und darf also die beste Partie, selbst eine aus Jehupez beanspruchen. Wie meint Ihr? Nun gibt es aber den grossen Gott auf der Welt, einen barmherzigen und gnädigen Gott, der grosse Wunder vollbringt, der mir einen Sommer und einen Winter schickt und mich einmal emporhebt und einmal hinunterwirft. Und er spricht zu mir: „Tewje, bilde dir keine Dummheiten ein und lass der Welt ihren Lauf!”… Hört nur, was auf dieser grossen Welt alles passieren kann. Und wer muss jedes Glück auskosten? Natürlich Tewje, der Pechvogel.
Kurz und gut, was soll ich Euch lange aufhalten? Ihr erinnert Euch wohl noch an die Geschichte, nicht auf heute gesagt, die mir mit meinem Verwandten Menachem-Mendel, ausgelöscht sei sein Name und sein Gedächtnis, passiert ist: wie schön wir in Jehupez mit den Halben Imperialen und den Putilower Aktien gehandelt haben – mögen meine Feinde ein solches Jahr erleben! Ich war ja damals ganz ausser mir und glaubte, dass es mein Ende sei, dass es aus sei mit Tewje und aus mit dem Milchhandel!
»Narr!« sagt mir einmal meine Alte: „Was grämst du dich noch immer? Du wirst damit nichts erreichen, denn der Gram verzehrt nur das Herz. Stelle dir lieber vor, dass uns Räuber überfallen und uns alles genommen haben… Mache doch einmal einen Spaziergang”, sagt sie, »nach Anatewka zu Lejser-Wolf, dem Fleischer: er will dich dringend sprechen.« – »Was ist denn los? Was braucht er mich so dringend? Wenn er unsere braune Kuh meint«, sagte ich, „so soll er einen Stock nehmen und sich diesen Gedanken aus dem Kopfe schlagen.« – »Warum denn?« sagte sie zu mir: „Ist denn die Milch, die man von ihr hat, noch der Rede wert?« – »Es ist mir nicht um die Milch zu tun«, sagte ich, „sondern um die Kuh: erstens ist es wirklich eine Sünde, so eine Kuh zum Schlachten zu geben: das wäre einfach ein Verbrechen gegen ein lebendes Wesen. In unserer heiligen Thora steht geschrieben . . .” – „Lass schon gut sein, Tewje! Die ganze Welt«, sagt sie, „weiss, dass du in der Thora bewandert bist! Folge deinem Weib und gehe einmal hinüber zu Lejser-Wolf. Jeden Donnerstag«, sagt sie, »wenn unsere Zeitel zu ihm in den Laden kommt, um Fleisch zu kaufen, lässt er ihr keine Ruhe: ,Sage dem Vater’, sagt er, ,er möchte doch zu mir kommen, denn ich muss ihn dringend sprechen.’ « . . .
Kurz und gut, zuweilen muss man ja, wie es heisst, auch seinem Weibe folgen. Ich überlegte es mir und begab mich eines Tages zu Lejser-Wolf nach Anatewka, drei Werst von unserem Dorfe. Natürlich treffe ich ihn nicht zu Hause. – „Wo steckt er denn?” frage ich eine stubsnasige Frau, die in seiner Wohnung herumsteht. – „Er ist im Schlachthause«, sagte die Stubsnasige, »man schlachtet dort seit heute früh einen Ochsen, aber er muss jeden Augenblick kommen.« . .. Ich bleibe also allein in der Wohnung und sehe mir Lejser-Wolfs Hausstand an: auf alle meine Freunde sei es, unberufen, gesagt! Ein Schrank voll Kupfergeschirr, wie man es auch für hundertundfünfzig Rubel nicht zu kaufen kriegt; ein Samowar und noch ein Samowar, und ein Messingtablett, und noch ein Warschauer Tablett, und ein Paar silberne Leuchter, und vergoldete Weinbecher und ganz kleine Becher, eine gegossene Chanuka-Lampe und noch allerlei schöne Dinge ohne Zahl. ,Schöpfer der Welt!’ denke ich mir: ,Wann erlebe ich einmal die Freude, solche Dinge bei meinen Kindem, sie sollen gesund sein, zu sehen?!… Dieser Glückspilz von einem Fleischer! Es genügt wohl nicht, dass er so reich ist, er muss auch noch bloss zwei Kinder haben, die beide verheiratet sind, und obendrein auch noch ein Witwer sein!’ . . .

Kurz und gut, Gott hat sich meiner erbarmt; die Türe geht auf, und Lejser-Wolf tritt in die Stube. Er ist voller Zorn und wütend auf den Schlächter, der ihn unglücklich gemacht hat: er hat den Ochsen, der so mächtig wie eine Eiche war, trefe gemacht, obwohl die Verletzung an der Lunge kaum so gross wie ein Stecknadelkopf war. In die Erde möge er versinken!
»Grüss Gott, Reb Tewje«, sagte er zu mir: »Warum kommt Ihr nicht, wenn man Euch ruft? Wie geht es Euch?« – »Wie soll es gehen?« sage ich: »Es geht, und es geht«, sagte ich, »und man kommt doch nicht vom Fleck, wie es geschrieben steht: ,Weder von deinem Stachel noch von deinem Honig will ich was wissen’ – man hat weder Geld noch Gesundheit, weder Leib noch Leben.« – »Ihr sündigt mit den Lippen, Reb Tewje«, sagt er zu mir: »Im Vergleich damit, wie es Euch, nicht auf heute gedacht, früher ging, seid Ihr heute doch, unberufen, ein reicher Mann!« – »Was mir dazu fehlt«, sagte ich, »um so reich zu sein, wie Ihr es von mir glaubt, wünsche ich uns beiden zu verdienen… Aber es macht nichts, ich muss auch so Gott danken, wie es im Talmud steht: ,Askekurdo demaskanto dekrarnuso defarsamchto!’ Und dabei denke ich mir: ,Du sollst so gesund sein, Fleischer, wie es im Talmud eine solche Stelle gibt!’ « . . . – »Ihr kommt«, sagt er zu mir, »immer mit dem Talmud! Ihr habt es gut, Reb Tewje, dass Ihr Euch in den kleinen Buchstaben auskennt! Was nützt uns aber alles Klügeln?« sagt er: »Wollen wir lieber vom Geschäft sprechen. Setzt Euch, Reb Tewje!« sagt er zu mir und schreit plötzlich: »Man bringe Tee!« Die stubsnasige Frau erscheint wie aus dem Boden gestampft, packt den Samowar, wie der böse Geist einst den Melamed gepackt hat, und verschwindet mit ihm in der Küche.
»Jetzt«, sagt er zu mir, »wo wir allein und unter vier Augen geblieben sind, können wir vom Geschäft reden. Es handelt sich«, sagt er, »um folgendes: ich wollte schon längst mit Euch darüber sprechen, Reb Tewje, und habe Euch schon vielemal durch Eure Tochter sagen lassen, dass Ihr Euch zu mir bemühen möchtet. Ich habe, nämlich, ein Auge geworfen…« – »Ich weiss”, sage ich, »dass Ihr ein Auge geworfen habt! Aber es ist vergebliche Mühe«, sage ich, »es wird nicht gehen, Reb Lejser-Wolf, es wird nicht gehen…« – »Warum soll es nicht gehen?« sagt er zu mir und sieht mich erschrocken an. – »Um Sabbat herum«, sage ich. »Ich werde nicht zugrunde gehen, wenn ich noch ein wenig warte: der Fluss brennt noch nicht!« – »Warum«, sagt er, »sollt Ihr warten, wenn Ihr die Sache gleich machen könnt?« – »Das war erstens«, sage ich, »und zweitens tut sie mir leid, es wäre ja ein Verbrechen gegen ein lebendes Wesen!« – »Seh ihn nur einer an`’, sagt er, »was er für Umstände macht! Man könnte meinen, dass sie Eure Einzige ist! Ich glaube aber, dass Ihr, unberufen, noch mehr von der Sorte habt, Reb Tewje!« – »Die möchte ich selbst behalten«, sage ich, »und wer sie mir nicht gönnt, der soll seinen Lebtag keine haben . . .” -
»Wer sie Euch nicht gönnt? Wer spricht von gönnen? Im Gegenteil”, sagt er, »weil Ihr lauter Geratene habt, möchte ich eine von ihnen haben. Versteht Ihr mich jetzt? Vergesst nur nicht, Reb Tewje, dass ich damit auch Euch eine Gefälligkeit tue!« – »Gewiss, gewiss«, sage ich, »von den Gefälligkeiten, die Ihr einem tut, kann der Kopf hart werden, und man braucht sie wie ein Stück Eis im Winter. Das weiss ich schon längst«, sage ich, »noch von früher her…« – »Ach!« sagt er zu mir mit zuckersüsser Stimme: »Was vergleicht Ihr das, was früher war, mit dem, was jetzt ist? Früher war es so, und heute ist es so! Heute treten wir doch in verwandtschaftliche Beziehungen zueinander, nicht wahr?« –

»In was für verwandtschaftliche Beziehungen?« sage ich. – »Wir wollen uns doch verschwägern!« – »Wovon reden wir denn eigentlich«, sage ich, »Reb Lejser-Wolf?« – »Das will ich eben Euch fragen«, sagt er, „wovon wir reden, Reb Tewje!« – »Was heisst?« sage ich: »Wir reden doch von meiner braunen Kuh, die Ihr mir abkaufen wollt!« – Da fängt er plötzlich wie verrückt zu lachen an und sagt: »Eine nette Kuh, und auch noch eine braune dazu! Haha-ha!« – »Was habt Ihr denn im Sinn, Reb Lejser-Wolf?« sage ich, »sagt es mir, damit auch ich lachen kann!” – »Wir reden doch von Eurer Tochter«, sagt er zu mir, »von Eurer Zeitel! Ihr wisst doch, Reb Tewje, dass ich, nicht auf Euch gedacht, ein Witwer bin. Nun sage ich mir: was soll ich mein Glück in der Fremde suchen, was soll ich mit Schadchonim und allen bösen Geistern zu tun haben, wenn wir beide in der gleichen Gegend wohnen: Ihr kennt mich, ich kenne Euch, und das Mädel gefällt mir auch: sie ist gar nicht übel und scheint einen stillen Charakter zu haben. Und was mich betrifft, so bin ich, unberufen, nicht unvermögend: ich habe ein eigenes Haus, einige Läden und, wie Ihr seht, einen ganz netten Hausstand. Ich kann mich nicht beklagen: ich habe auch einen Vorrat Felle auf dem Dachboden liegen und etwas Bargeld im Koffer. Was brauchen wir, Reb Tewje, alle die Zigeunerkunststücke? Was sollen wir da viel klügeln? Wollen wir doch gleich handelseinig werden, eins, zwei, drei! Versteht Ihr mich oder nicht?” …
Kurz und gut, als er die Worte gesprochen hatte, war ich im ersten Augenblick stumm, wie einer, dem man eine plötzliche Todesnachricht überbracht hat. Zuerst ging mir der Gedanke durch den Sinn: ,Lejser-Wolf… Zeitel… Er hat ja Kinder, die so alt sind wie sie.’ . . . Aber bald darauf sagte ich mir: ,Gott, dieses Glück! Dieses Glück! Sie wird es doch gar gut haben! Und wenn er auch nicht sehr freigebig ist, so ist das heutzutage eher ein Vorzug: man sagt ja doch: ,Der Mensch ist sich selbst am nächsten’ – wenn man gegen die anderen gut ist, so ist man schlecht gegen sich selbst. Leider ist er nur etwas gar zu ungebildet… Aber, mein Gott, ein jeder kann doch nicht Gelehrter sein! Gibt es denn wenig reiche und vornehme Leute in Anatewka, in Masepowka; und selbst in Jehupez, die den Aleph nicht von einem Kreuz unterscheiden können? Und doch möchte ich soviel gute Jahre erleben, wieviel Ehre diese Leute in der Welt geniessen! Wie es auch in den Sprüchen der Väter steht: ,Wo kein Brot ist, da ist auch keine Thora’, das heisst: die Thora liegt im Kasten und die Weisheit in der Tasche.’…
»Nun, Reb Tewje”, sagt er zu mir, „was schweigt ihr?” – »Was soll ich schreien?« sage ich und stelle mich so, als ob ich noch unentschlossen wäre. „Das ist doch eine Sache, Reb Lejser-Wolf, die gut überlegt sein will! Es ist wirklich kein Spass”, sage ich, »denn sie ist ja das erste Kind, das ich verheirate!« – „Im Gegenteil: weil sie Euer erstes Kind ist«, sagt er, „werdet Ihr, so Gott will, auch die zweite Tochter gut verheiraten, und später, mit der Zeit, auch die dritte! Versteht Ihr mich oder nicht?« – »Amen”, sage ich, „dasselbe wünsche ich auch Euch! Eine Tochter verheiraten ist ja kein Kunststück, möchte nur der Herr«, sage ich, »einem jeden den richtigen Ehegenossen zuschicken…« – »Nein«, sagt er, »ich meine etwas ganz anderes, Reb Tewje: Ihr braucht Eurer Zeitel, Gott sei Dank, keinen Pfennig Mitgift zu geben, und die Hochzeitskosten, die Kleider und alles, was ein Mädel braucht, nehme ich auf mich. Auch Euch selbst«, sagt er, „wird davon etwas in den Beutel abfallen…” „Pfui!” sage ich: »Ihr redet, nehmt es mir nicht übel, wie in Eurem Fleischladen! Was heisst, es wird mir etwas in den Beutel abfallen? Pfui! Meine Zeitel ist doch, Gott behüte, keine Ware, die ich um Geld verkaufe! Pfui!” – »Wenn Ihr sagt Pfui”, sagt er, »so soll es bleiben beim Pfui! Ich habe das Gegenteil gemeint. Wenn es Euch so lieb ist, so kann es mir recht sein.

Die Hauptsache aber ist«, sagt er, »dass es schnell geht! Ich will so bald als möglich eine Hausfrau im Hause haben, versteht Ihr mich oder nicht?« . . . -
»Mir kann es recht sein«, sage ich, „ich will Euch keine Schwierigkeiten machen. Ich muss aber noch mit meiner Alten sprechen”, sage ich, »denn in solchen Dingen hat sie zu entscheiden. Es ist doch wirklich keine Kleinigkeit! Es steht geschrieben: ,Und Rahel erbarmte sich ihrer Söhne’ – Raschi übersetzt es: ,Eine Mutter ist wie ein Topfdeckel.’ Man sollte auch«, sage ich, »auch sie selbst, ich meine Zeitel, fragen. Ihr kennt doch die Geschichte: die ganze Sippschaft hat man zur Hochzeit geladen und die Braut vergessen…« – „Unsinn!« sagt er: »Fragen muss man sie auch noch? Erzählen müsst Ihr es ihr, Reb Tewje: Ihr kommt nach Hause, erzählt ihr die ganze Geschichte und stellt die Chuppe.” – »Sagt das nicht, Reb Lejser-Wolf! Ein Mädel ist doch, Gott behüte, keine Witwe!” – »Natürlich«, sagt er, „ist ein Mädel – ein Mädel und keine Witwe. Darum soll man auch«, sagt er, »beizeiten davon sprechen, weil man die Aussteuer und tausend andere Dinge besorgen muss. Indessen«, sagt er, »wollen wir, Reb Tewje, einen Schluck Branntwein nehmen! Ja oder nein?” . . . – „Von mir aus«, sage ich, „warum auch nicht? Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Es heisst ja: Adam ist ein Mensch, und Branntwein ist Branntwein. Und im Talmud«, sage ich, »steht…” Und ich haue ihm eine Talmudstelle um den Kopf, und noch eine, und eine dritte – natürlich lauter Unsinn, ein Gemisch aus dem Hohelied und dem ,Chad-Gadjo’.
Kurz und gut, wir nahmen einen ordentlichen Schluck, wie Gott es befohlen hat! Die Stubsnasige brachte inzwischen den Samowar, und wir machten uns einen Punsch. Wir unterhielten uns dabei gar freundlich, sprachen von der Partie, von dem und jenem, und wieder von der Partie. »Wisst Ihr auch, Reb Lejser-Wolf«, sage ich, „was für ein Edelstein sie ist?« – »Ich weiss«, sagt er, „glaubt es mir, dass ich es weiss! Wenn ich es nicht wüsste«, sagt er, »hätte ich doch von ihr gar nicht gesprochen!« Und so reden wir miteinander. Ich schrie: „Ein Edelstein, ein Diamant! Ihr sollt sie nur zu schätzen wissen und möglichst wenig den Fleischer herauskehren.”… Und er darauf: „Habt keine Angst, Reb Tewje: was sie bei mir an Wochentagen zu essen bekommt, das hat sie bei Euch selbst an hohen Festtagen nicht gegessen. . .« – »Ach«, sage ich, »spielt denn Essen auch eine Rolle? Der Reiche”, sage ich, »isst keine Dukaten, und der Bettler keine Steine. Ihr seid ein einfacher Mensch«, sage ich, „und werdet ihre Tüchtigkeit gar nicht zu schätzen wissen«, sage ich, „wie sie die Challe bäckt, wie sie den Fisch bereitet, Reb Lejser-Wolf! Ach, wie sie den Fisch bereitet! Man muss dazu besonders begnadet sein.“ … Und er sagt wieder: »Reb Tewje, Ihr seid, nehmt es mir nicht übel, zu alt, Ihr habt keine Menschenkenntnis mehr, Reb Tewje, und Ihr kennt mich nicht!“… Und ich sage darauf: »Auf die eine Waagschale soll man einen Haufen Gold aufschütten und auf die andere meine Zeitel hinstellen! Hört Ihr es, Reb Lejser-Wolf? Und selbst wenn Ihr zweimal hunderttausend Rubel besitzt, seid Ihr nicht ihre Ferse wert!”… – Und er darauf: »Glaubt es mir, Reb Tewje, Ihr seid ein grosser Narr, wenn Ihr auch älter seid als ich.«
Kurz und gut, wir unterhielten uns so wohl eine hübsche Weile und waren schliesslich ziemlich bezecht. Denn als ich nach Hause kam, war es schon recht spät, und ich schwankte ordentlich auf den Beinen … Mein Weib, sie soll gesund sein, merkte sofort meinen Zustand und machte mir einen ordentlichen Krach, wie ich ihn auch wirklich verdiente. – “Still«, sage ich, „rege dich nicht auf, Golde«, sage ich ihr gar fröhlich und habe Lust zu tanzen. „Schreie nicht so, meine teure Seele, uns gebührt ein Masel-tow!” – „Ein Masel-tow? Einen finstern Masel-tow wünsche ich dir!” sagt sie. »Du hast wohl schon die braune Kuh verschachert, hast sie dem Lejser-Wolf verkauft?« – »Noch viel ärger”, sage ich. – »Du hast sie«, sagt sie, »gegen eine andere vertauscht? Hast den Lejser-Wolf, nebbich, angeschwindelt?« – »Noch viel ärger”, sage ich. – „Rede also”, sagt sie, »vernünftig! Wie wortkarg du plötzlich geworden bist!” – »Masel-tow, Golde”, sage ich wieder, „Masel-tow uns beiden, denn unsere Zeitel ist verlobt!« – „Ach SO”, sagt sie, „dann bist du sicher betrunken! Du hast doch einen ordentlichen Schluck genommen?” – „Ich habe mit Lejser-Wolf wohl ein wenig getrunken”, sage ich, „und wir haben uns je ein Glas Punsch gemacht. Aber ich bin noch immer”, sage ich, „bei klarem Verstand. Wisse also, meine geliebte Golde, dass unsere Zeitel in einer guten und glücklichen Stunde Lejser-Wolfs Braut geworden ist!” Und ich erzähle ihr die ganze Geschichte vom Anfang bis zu Ende, wie und wann und warum, und was wir alles besprochen haben, ohne auch das geringste auszulassen.

„Höre einmal, Tewje”, sagt zu mir mein Weib, „so wahr mir Gott helfe”, sagte sie, „habe ich es schon im voraus gewusst, dass Lejser-Wolf dich nicht umsonst gerufen hat. Aber ich wollte daran nicht einmal denken, denn ich fürchtete, dass aus der Sache vielleicht doch nichts wird! Ich danke dir, Gott”, sagt sie, „ich danke dir, herzliebster Himmelsvater! Mag es nur zu einer guten und glücklichen Stunde geschehen sein, mag sie an seiner Seite in Reichtum und Ehren alt werden! Denn seine selige Frume-Ssore – es sei zwischen Lebenden und Toten wohl unterschieden – hat es bei ihm gar nicht gut gehabt! Sie war ja auch – sie möchte es mir vergeben, und ich sollte es lieber bei Nacht gar nicht aussprechen! – eine böse und eigensinnige Frau und konnte sich mit keinem Menschen vertragen. Ganz anders war sie als unsere Zeitel – mögen die Jahre, die sie nicht erlebt hat, unserer Tochter zugute kommen! Ich danke dir, lieber Gott! Nun Tewje”, sagt sie, „was habe ich dir gesagt, du Narr? Braucht noch der Mensch um etwas zu sorgen? Wenn es einem beschert ist«, sagt sie, „so kommt das Glück ganz von selbst ins Haus.« – »Das stimmt”, sage ich, »es steht sogar ausdrücklich in der Schrift…« – »Was taugt mir die Schrift, wo man an die Hochzeit denken muss?! Von der Aussteuer«, sagt sie, »ist noch keine Spur da: sie hat noch nicht einen Faden Wäsche, und nicht einmal ein Paar Strümpfe. Nun braucht sie«, sagt sie, »ein seidenes Kleid für die Trauung, und ein wollenes für den Sommer, und noch eines für den Winter, und noch einige andere Kleider”, sagt sie. »Auch zwei Mäntel muss sie haben: den einen auf Katzenfell für die Wochentage und einen guten mit Schleifen für den Sabbat; dann braucht sie Schuhe mit Quasten, ein Korsett, Handschuhe, Taschentücher, einen Sonnenschirm und die übrigen Sachen, die ein Mädel heutzutage haben muss…« – „Woher hast du«, sage ich, »liebe Golde, alle diese Kenntnisse?« – »Warum soll ich keine haben?” sagt sie. »Komme ich denn nicht mit Menschen zusammen? Habe ich nicht hier bei uns in Masepowka gesehen, wie sich anständige Leute kleiden? Überlasse es nur mir«, sagt sie, »ich werde mit ihm alles besprechen. Lejser-Wolf”, sagt sie, »ist gar kein schlechter Mensch! Er ist ein reicher Mann, und er wird es wohl auch selbst nicht haben wollen, dass die ganze Stadt auf ihn mit den Fingern zeigt. Und wenn man schon Schweinefleisch isst, so soll doch wenigstens das Fett über den Bart rinnen.”. . .
Kurz und gut, wir sprachen so bis zum Morgen. Als es zu tagen anfing, sagte ich: »Packe mir das bisschen Butter und Käse zusammen, mein Weib, und ich werde nach Bojberik fahren. Es ist zwar alles schön und gut, aber sein Geschäft”, sage ich, »soll man auch nicht vernachlässigen! Die Welt ist ja noch immer die gleiche!” In aller Frühe, wenn der Ochs auf die Weide geht, spannte ich mein Pferd vor den Wagen und fuhr nach Bojberik. Wie ich auf den Markt von Bojberik komme, da merke ich es schon: ist es denn möglich, vor Juden etwas zu verheimlichen? Alle wissen es schon, und man ruft mir von allen Seiten »Masel-tow!” zu: »Masel-tow, Reb Tewje! Wann ist, so Gott will, die Hochzeit?« – »Danke, gleichfalls«, sage ich: »Da sieht man es wieder: der Vater ist noch nicht geboren, und der Sohn ist schon über das Dach gewachsen. ..« – „Unsinn!« sagen die Leute: »Es wird Euch nichts nützen, Reb Tewje, Ihr müsst uns schon ein Gläschen spendieren! So ein Glück, unberufen, eine wahre Schmalzgrube!” – »Das Schmalz wird ausrinnen«, sage ich, »und nur die Grube wird übrigbleiben! Aber trotzdem«, sage ich, »will ich kein Schwein sein und mit euch gerne ein Gläschen trinken. Sobald ich mit allen meinen Jehupezer Kunden fertig bin«, sage ich, »spendiere ich euch Branntwein und etwas zum Beissen! Man lebt ja nur einmal, das heisst: jubele und frohlocke, du Bettler!« …

Kurz und gut, als ich so schnell wie immer meine Ware abgesetzt hatte, trank ich mit der Gesellschaft ein paar Gläschen, und wir wünschten uns gegenseitig Glück, so wie es sich gehört. Dann setzte ich mich in den Wagen und fuhr lustig und guter Dinge davon. Ich fahre so durch den Wald, es ist ein herrlicher Sommertag, die Sonne brennt, aber ich fahre im Schatten der Bäume, und die Fichten duften herzerfrischend. Ich liege wie ein Graf in meinem Wägelchen, lasse die Zügel los und sage zu meinem Gefährten: »Sei so gut«, sage ich, »und laufe allein, den Weg sollst du ja schon kennen!« Und dann beginne ich laut zu singen. Es ist mir so festlich zumute, und darum singe ich Stücke aus den Gebeten für die hohen Feiertage und aus dem ,Hallel’. Ich blicke zum Himmel hinauf, und meine Gedanken flattern über die Erde.
,Die Himmel – die Himmel sind Himmel für den Ewigen’ und die Erde – denke ich mir – hat Er den Menschenkindern gegeben, damit sie sich die Köpfe an der Wand einrennen, sich wie die Katzen um die Güter dieser Welt balgen und sich wegen eines Ehrenamtes, wegen eines ,Schischi’ oder eines ,Maftir’ zanken… ,Nicht die Toten rühmen Gott’: – keine Ahnung haben die Leute, wie man Gott für die Wohltaten loben muss, die er uns erweist!… Aber wir, arme Leute, wenn wir auch einen einzigen guten Tag erleben, so loben wir Gott und sagen: ,Ich liebe Ihn’, ich liebe Gott, weil er meine Stimme und mein Gebet erhört hat, weil er mir sein Ohr geliehen hat, als mich die Bande des Todes umfingen, als mich Armut und Unglück erdrückten: Heute geht mir am hell-lichten Tag eine Kuh ein, und morgen schickt mir der Teufel einen Verwandten, einen Pechvogel, einen Menachem-Mendel aus Jehupez, auf den Hals, der mir meinen letzten Pfennig nimmt… Und ich denke mir schon in meiner Übereilung, dass es mein Ende ist, dass die ganze Welt für mich zusammengestürzt ist . . . Jeder Mensch ist ein Lügner – es gibt keine Wahrheit auf der Welt! Was tut aber Gott? Er gibt Lejser-Wolf den Gedanken ein, dass er meine Zeitel, so wie sie steht und geht, nimmt; und darum sage ich zweimal: ,Ich danke Dir!’ Ich will dich lobsingen, lieber Gott, weil du dich deines Tewjes erbarmt hast und ihm zu Hilfe gekommen bist! Nun werde ich Freude an meinem Kinde erleben! Wenn ich sie, so Gott will, besuche, werde ich sie als eine gut versorgte Hausfrau antreffen, deren Speisekammern angefüllt sind mit Schmalz und Eingemachtem für Pessach, und die Geflügelställe mit Hühnern, Gänsen und Enten . . .
Plötzlich beginnt mein Pferd den Berg hinunterzurennen, und ehe ich den Kopf heben und sehen kann, wo ich mich in der Welt befinde, liege ich schon auf der Erde mit allen meinen leeren Töpfen und Kannen, und der Wagen liegt auf mir! Ich erhebe mich mit grosser Mühe, ganz zerschunden und zerschlagen, vom Boden und lasse meinen ganzen Zorn an dem Pferdchen aus. »In die Erde sollst du versinken! Wer hat dich darum gebeten, du Elender, zu zeigen, wie tüchtig du bist und dass du auch bergab laufen kannst? Du hast mich ja beinahe umgebracht«, sage ich, »du Asmodi!” Und ich gebe ihm soviel Peitschenschläge, wieviel es überhaupt fassen konnte. Der Kerl verstand wohl, dass er etwas Übles angestellt hatte, denn er stand mit gesenkter Schnauze da, so dass man ihn hätte melken können. »Dass dich der Teufel!« sage ich zu ihm. Dann bringe ich den Wagen in Ordnung, lese alle Töpfe und Kannen auf und fahre weiter.
»Es ist kein gutes Zeichen«, sage ich zu mir. »Ob bei mir zu Hause nicht irgendein Unglück geschehen ist?«… So fahre ich noch an die zwei Werst, und wie ich schon nicht weit vom Hause bin, sehe ich, dass mir auf der Landstrasse ein weibliches Wesen entgegenkommt. Ich fahre näher heran, schaue schärfer hin – es ist Zeitel! . . . Ich weiss selbst nicht, warum – das Herz blieb mir plötzlich stehen, als ich sie sah. Ich springe vom Wagen und rufe: »Zeitel, bist du es? Was tust du hier?« Sie fällt mir um den Hals und fängt zu weinen an. »Gott sei mit dir«, sage ich, »meine Tochter! Was weinst du?” – »Ach«, sagt sie, »Vater, Vater!«… und sie schwimmt in Tränen. Es wurde mir finster vor den Augen, und mein Herz krampfte sich zusammen. »Was ist denn, Tochter? Was ist denn geschehen?« sage ich zu ihr. Ich umarme sie, streichle ihr das Haar und küsse sie. Sie aber schreit: »Vater, Vater, herzliebster, teurer Vater«, sagt sie und bringt jedes Wort mit Mühe heraus. »Habe Erbarmen”, sagt sie, »mit meinen jungen Jahren!«… Und dann schwimmt sie wieder in Tränen und kann kein Wort mehr aussprechen.

,Ach und weh ist mir!’ denke ich mir. Und nun geht mir ein Licht auf. Was brauchte ich auch nach Bojberik fahren? »Warum musst du gleich weinen?« sage ich zu ihr und streichle ihr den Kopf. »Närrchen«, sage ich, »warum musst du gleich weinen? In jedem Falle«, sage ich, »nein ist nein! Man wird dir doch nicht mit Gewalt eine Lunge und eine Leber an die Nase hängen! Wir wollten«, sage ich, »nur dein Bestes! Aber wenn du es nicht willst, so nicht! Was soll man tun? Es ist wohl«, sage ich, »nicht beschert…« – „Ich danke dir«, sagt sie, »liebster Vater, lange leben sollst du!« Und sie fällt mir wieder um den Hals, fängt mich zu küssen an und schwimmt wieder in Tränen. – »Genug schon zu weinen!« sage ich ihr. »Alles ist eitel, auch Krapfen können einem verleidet werden! Steige in den Wagen«, sage ich, »und wollen wir beide nach Hause fahren! Mutter«, sage ich, »wird sich wohl Gott weiss was denken!«
Kurz und gut, wir stiegen beide in den Wagen, und ich versuchte sie mit Worten zu beruhigen. »Du musst wissen”, sage ich, „dass wir uns dabei nichts Schlimmes dachten! Gott kennt die Wahrheit und weiss, dass wir nichts anderes im Sinn hatten, als unser Kind beizeiten zu versorgen. Wenn aber das Kind nicht will, so will es wohl auch Gott nicht haben! Es ist dir nicht beschert”, sage ich, »meine Tochter, versorgt zu sein und eine reiche Hausfrau zu werden; auch uns ist es nicht bestimmt«, sage ich, »auf unsere alten Tage eine Freude zu erleben als Lohn für alle unsere Mühe! Denn wir waren”, sage ich, »Tag und Nacht an den Karren gespannt, haben keinen glücklichen Augenblick erlebt und wussten nichts als Armut, Bedrängnis und Pech von allen Seiten!“… – »Ach, Vater”, sagt sie zu mir und fängt wieder zu weinen an. »Ich will mir eine Stelle als Magd suchen, ich will Lehm tragen, Erde graben!“… _ »Was weinst du, dummes Mädel?” sage ich zu ihr. »Sage ich dir denn etwas, du Närrchen? Mache ich dir Vorwürfe? Es ist mir nur”, sage ich, »so bitter und finster zumute. Darum versuche ich, mir das Herz zu erleichtern, und setze mich mit ihm, mit dem Schöpfer der Welt, auseinander, wie er mich behandelt. Er ist doch”, sage ich, »ein barmherziger Vater und hat Mitleid mit mir; und doch verfolgt er mich – er soll mich nur für diese Worte nicht strafen! – und rechnet mir alles an; ich soll aber dabei noch schreien: Lebendiger und ewiger Gott! Aber es muss wohl so sein”, sage ich, »denn Er ist oben, und wir sind hier unten, tief in der Erde.
Und darum müssen wir sagen, dass Er gerecht ist und dass auch sein Urteil gerecht ist. Denn wenn ich es mir so überlege, so bin ich doch eigentlich ein Narr! Was schreie ich? Was lärme ich? Was heisst das”, sage ich, »dass ich kleiner Wurm, der ich auf der Erde herumkrieche und den der leiseste Windhauch, wenn Gott will, in einem Augenblick vernichten kann, mich mit meinem närrischen Verstand hinstelle und Ihn belehren will, wie Er seine Welt regieren soll? Wenn Er es so haben will, so muss es wohl auch so sein! Was helfen da alle Klagen? Vierzig Tage”, sage ich, »so steht es in unseren heiligen Büchern geschrieben – vierzig Tage vor der Erschaffung des Kindes im Mutterleibe kommt ein Engel vom Himmel und verkündet: ,Die Tochter von dem und dem ist als Frau für den und den bestimmt!’ – Soll Tewjes Tochter von mir aus Getzel, den Sohn des Sorach, heiraten, und der Fleischer Lejser-Wolf möchte sich bemühen, irgendwo anders eine Braut von seinesgleichen zu suchen! Die ihm bestimmte Braut wird ihm nicht entgehen, und dir”, sage ich, »meine Tochter, möchte Gott recht bald den dir zugedachten Ehegenossen schicken! Amen! Gottes Wille geschehe!” sage ich. »Dass die Mutter nur nicht schreit! Ich werde wohl von ihr einen ordentlichen Krach bekommen!” . . .

Kurz und gut, wir kommen nach Hause, ich spanne mein Pferd aus, setze mich ins Gras vor das Haus und grüble nach, was für ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht ich meiner Frau auftischen soll, um mich aus der Klemme zu retten. Der Tag geht zur Neige, die Sonne sinkt, die Kröten quaken in der Ferne, das Pferd ist angekoppelt und rupft Gras; die Kühe, die eben von der Weide heimgekommen sind, stehen bei den Eimern und warten, dass man sie melkt; das Gras duftet herzerquickend – es ist ein wahres Paradies! So sitze ich da, überlege mir die ganze Sache und denke mir zugleich, wie klug doch Gott seine Welt eingerichtet hat: ein jedes Geschöpf, vom Menschen bis zum Vieh – es sei zwischen ihnen wohl unterschieden! -, muss sich sein Brot verdienen: – umsonst gibt es nichts! Willst du fressen, Kuh? So lasse dich melken, gib Milch, ernähre einen Juden, sein Weib und seine Kinder! Willst du etwas kauen, Pferd? Laufe jeden Morgen mit den Milchkannen nach Bojberik! Und ebenso du, Mensch – es sei zwischen dir und dem Vieh wohl unterschieden! -, willst du ein Stück Brot, so rackere dich ab, melke die Kühe, schleppe die Milchkannen, schlage Butter, mache Käse, spanne dein Pferd ein und fahre jeden Morgen nach Bojberik zu den Sommerfrischlern, bücke dich vor den reichen Leuten aus Jehupez, schmeichle ihnen, krieche einem jeden von ihnen in die Seele hinein, gib dir Mühe, einen jeden zufriedenzustellen und niemand, Gott behüte, zu verletzen!… Bleibt doch immer die Frage offen: Warum? Wo steht es geschrieben, dass Tewje sich um ihretwegen abplagen muss, dass er in aller Frühe, wenn sie noch schlafen, aufstehen muss, damit sie zu ihrem Morgenkaffee frische Butter und frischen Käse haben? Wo steht es geschrieben, dass ich mich abrackern muss, um mir die magere Suppe und etwas Graupen zu verdienen, während sie, die reichen Leute aus Jehupez, sich in der Sommerfrische ausruhen, den ganzen lieben Tag nichts tun und nichts als gebratene Enten, Pasteten und Pfannkuchen essen? Bin ich nicht ebenso Mensch wie sie alle? Wäre es nicht recht und billig, wenn sich auch Tewje in einer Sommerfrische ausruhen könnte? Wo wird man aber dann Käse und Butter hernehmen? Wer wird die Kühe melken? Natürlich werden sie es tun, die reichen Leute aus Jehupez!… Und ich fange selbst über diesen verrückten Gedanken zu lachen an! Wie das Sprichwort sagt: Wenn Gott auf alle Narren hören wollte, so würde die Welt schön ausschauen…
»Guten Abend, Reb Tewje!” höre ich plötzlich jemand sagen. Ich wende mich um und sehe – es ist mein Bekannter, Motel Kamisol, ein Schneidergeselle aus Anatewka. »Gesegnet sei, der da kommt!” sage ich. „Willkommen! Möge auch Messias ebenso bald kommen! Setze dich, Motel, auf Gottes Erde”, sage ich. »Wie kommst du plötzlich her?« _ »Wie ich herkomme? Mit den Beinen”, sagt er zu mir. Er setzt sich neben mich aufs Gras und schaut immer dorthin, wo sich meine Töchter mit den Kannen und Krügen zu schaffen machen. „Ich wollte Euch schon längst besuchen, Reb Tewje”, sagt er zu mir, »aber ich hatte immer keine Zeit; sobald ich mit der einen Arbeit fertig werde, muss ich gleich wieder eine andere beginnen; ich bin jetzt selbständiger Schneider geworden und habe, gottlob, genug zu tun. Alle Schneider sind jetzt mit Arbeit versehen, denn diesen Sommer gibt es jeden Tag eine Hochzeit: Berel Fonfatsch macht Hochzeit, und Jossel Schejgez macht Hochzeit, und Mendel Sajika macht Hochzeit, und Jankel Piskatsch macht Hochzeit, und Moische Gorgel macht Hochzeit, und Mejer Kropiwa macht Hochzeit, und Chajim Loschek macht Hochzeit, und sogar die Witwe Trigubicha macht Hochzeit!”

»Die ganze Welt”, sage ich, »macht Hochzeit, nur ich allein bin noch nicht so weit! Gott hält mich wohl für unwürdig.. .a _ »Nein”, sagt er mir und schaut immer zu den Mädeln hinüber. »Ihr seid im Irrtum, Reb Tewje! Wenn Ihr nur wolltet, so könntet auch Ihr ein Kind verheiraten, denn es hängt nur von Euch allein ab…” _ »Was willst du damit sagen?” sage ich. »Weisst du vielleicht eine Partie für meine Zeitel?” – »Ihr habt es erraten!” sagt er zu mir. – »Ist es wenigstens etwas Passendes?” sage ich und denke mir, dass er Lejser-Wolf, den Fleischer, meint. – »Wie angegossen!« sagt er mir in seiner Schneidersprache und schaut immer zu meinen Töchtern hinüber. – »Wo ist denn die Partie, die du mir vorschlagen wirst?« frage ich ihn. »In welcher Gegend? Wenn sie nach einem Fleischladen riecht”, sage ich, »so will ich nichts von ihr hören!” – »Gott behüte!« sagt er, »sie hat mit einem Fleischerladen nichts zu tun! Ihr kennt den Betreffenden sehr gut, Reb Tewje!« – »Ist es wenigstens”, sage ich, „was Rechtes?” – »Und ob!« sagt er: »Es ist, wie man sagt, ich werde jubeln und frohlocken – wie zugeschnitten und angenäht!« … – »Wer ist denn der junge Mann?” sage ich, „lass es mich hören!” – „Wer der junge Mann ist?« sagt er und schaut immer zu den Mädeln hinüber. »Der junge Mann, versteht Ihr mich, Reb Tewje, das bin ich selbst . . .«
Als er diese Worte sprach, sprang ich auf, wie wenn ich mich verbrüht hätte. Auch er sprang auf, und so standen wir einander gegenüber wie zwei Hähne. – »Bist du verrückt«, sage ich ihm, »oder bist du von Sinnen? Du bist selbst der Schadchen, bist selbst der Gegenschwäher und selbst der Bräutigam? Das heisst eine eigene Hochzeit mit eigenen Musikanten! Ich habe”, sage ich, „noch niemals gehört, dass ein Bursche sein eigener Schadchen ist!” – »Reb Tewje”, sagt er, »wenn Ihr meint, dass ich verrückt bin, so wünsche ich es allen unseren Feinden! Ich bin noch, Ihr könnt es mir glauben, bei gesundem Verstand. Und man braucht dazu gar nicht verrückt zu sein”, sagt er, »um Eure Zeitel heiraten zu wollen! Und wenn Ihr einen Beweis haben wollt, so erinnere ich Euch nur daran, dass Lejser-Wolf, der doch der reichste Mann in unserer Stadt ist, sie wie sie steht und geht nehmen will… Ihr meint, es sei ein Geheimnis? Die ganze Stadt weiss es schon!… Und wenn Ihr mir sagt, dass man so etwas nicht ohne Schadchen machen darf«, sagt er, »so muss ich mich über Euch wundern, Reb Tewje! Ihr seid doch selbst ein Mann, dem man keinen Finger in den Mund stecken darf, denn Ihr würdet ihn abbeissen… Aber was taugen uns die langen Reden? Die Geschichte verhält sich so: ich und Eure Tochter Zeitel haben uns schon längst das Wort gegeben, dass wir uns heiraten werden.« . . .
Wenn mir jemand ein Messer ins Herz gestossen hätte, so wäre es mir viel lieber, als diese Worte zu hören: erstens, wie kommt er, Motel, der Schneider, dazu, Tewjes Schwiegersohn zu werden? Und zweitens, was sind das für Sachen: sie haben sich das Wort gegeben, dass sie sich heiraten werden? – »Und wo bin ich?« sage ich zu ihm. »Ich habe doch auch ein Wort mitzureden, oder werde ich gar nicht gefragt?« – »Gott behüte«, sagt er, »zu diesem Zweck bin ich hergekommen, um mit Euch darüber zu sprechen, denn ich hörte, dass Lejser-Wolf sich um Eure Tochter bewirbt, die ich schon seit mehr als einem Jahre liebe…” – »Selbstverständlich”, sage ich, »wenn Tewje eine Tochter Zeitel hat und du Motel Kamisol heisst und ein Schneider bist, was kannst du für einen Grund haben, sie zu hassen?
- »Nein”, sagt er, »nicht so meine ich es, ich meine es ganz anders: ich wollte Euch nur sagen, dass ich Eure Tochter liebe, dass Eure Tochter mich seit mehr als einem Jahr liebt und dass wir uns das Wort gegeben haben, uns zu heiraten. Ich wollte”, sagt er, »schon einigemal mit Euch darüber sprechen, habe es aber immer aufgeschoben, bis ich mir einige Rubel zusammengespart hätte, um mir eine Nähmaschine anzuschaffen und mich dann so wie es sich gehört auszustaffieren. Denn ein junger Mann, der etwas auf sich hält, braucht heutzutage zwei Anzüge und einige Westen…” – »In die Erde sollst du versinken”, sage ich ihm, »mit deinem Kinderverstand! Was wirst du nach der Hochzeit tun? Am Hungertuche nagen oder dein Weib mit deinen Westen ernähren?” _ »Ach”, sagte er, „ich muss mich über Euch wundern, Reb Tewje, dass Ihr so etwas sagen könnt! Ich meine, dass auch Ihr noch kein eigenes Haus hattet, als Ihr heiratetet. Und es ist, wie Ihr seht, doch gegangen… so oder so, was mit ganz Israel geschehen wird, das wird auch mit Reb Israel geschehen . . . Ausserdem bin ich ja auch Handwerker.” . . .

Kurz und gut, was soll ich Euch lange erzählen? Er hatte mich überredet. Und warum? Wir wollen uns doch nicht betrügen: wie heiraten alle jüdischen Kinder? Wenn man auf solche Dinge schauen wollte, so würden Leute von unserem Stande niemals heiraten können. Aber eines hat mich geärgert, und ich konnte es unmöglich verstehen. Was heisst das: sie haben sich das Wort gegeben? Was ist das plötzlich für eine Welt? Ein Bursche begegnet einem Mädel und sagt: „Wollen wir uns das Wort geben, dass wir uns heiraten werden.”… Das ist doch Unsinn!. . . Als ich aber meinen Motel ansah, wie er mit gesenktem Kopfe wie ein Sünder dastand und es offenbar ganz ernst meinte und gar keine Hintergedanken hatte, überlegte ich mir die Sache: »Wenn ich ordentlich nachdenke, was brauche ich mich so aufzuregen und solche Geschichten zu machen? Bin ich von einer so vornehmen Abstammung, oder gebe ich ihr eine so grossartige Mit gift, oder so wunderbare Kleider zur Aussteuer? Motel Kamisol ist zwar ein Schneider, aber ein braver Bursche, ein Arbeiter, der sein Weib ernähren kann, und ein ordentlicher Mensch. Was kann ich gegen ihn haben? Tewje”, sage ich zu mir, »mache keine faulen Geschichten und sage ,ja’, wie es geschrieben steht: ,Ich habe es dir vergeben, nach deinen Worten’ – dass es nur glücklich abläuft!” …
Ja, was tue ich aber mit meiner Alten? Ich werde doch von ihr ein ordentliches Donnerwetter bekommen, wie man sagt, mit Pferden und Kamelen – volle Schüsseln und Teller! Wie bringe ich ihr die Sache so bei, dass sie zu allem ja sagt?
»Weisst du was, Motel?« sage ich zu meinem Bräutigam: „Gehe nach Hause, und ich werde inzwischen alles Nötige erledigen, werde die Sache mit dem und jenem besprechen, wie es im Buche Esther heisst: ,Und man schrieb niemand vor, was er trinken sollte’ – jede Sache will ordentlich überlegt sein! Und morgen früh, so Gott will, wenn du es inzwischen nicht bereust, werden wir uns wiedersehen.« – »Bereuen?« sagt er zu mir: »Ich soll die Sache bereuen? Mag ich hier auf der Stelle sterben, sollen von mir«, sagt er, »nichts als Knochen übrigbleiben, wenn ich je mein Wort zurücknehme!” … – »Was taugen alle deine Schwüre”, sage ich zu ihm, »wenn ich es dir auch so, ohne Schwüre, glaube? Bleibe gesund«, sage ich, „schlafe wohl und habe lauter gute Träume.«…
Wie er gegangen ist, lege ich mich zu Bett, kann aber keinen Schlaf finden. Der Kopf zerspringt mir beinahe vor Nachdenken, bis ich schliesslich den richtigen Plan gefunden habe. Und was ist das für ein Plan? Ihr werdet gleich hören, was für Einfälle Tewje haben kann!
Kurz und gut, gegen Mitternacht, als das ganze Haus in tiefem Schlafe lag, und der eine schnarchte, der andere pfiff, fing ich plötzlich mit wilder Stimme zu schreien an: »Gewalt! Gewalt! Gewalt!« Selbstverständlich erwachte das ganze Haus und Golde natürlich zuallererst. »Gott sei mit dir, Tewje«, sagt sie zu mir und schüttelt mich: »Wach auf! Was ist dir geschehen, dass du so schreist?” Ich öffne die Augen, sehe mich nach allen Seiten um und sage mit zitternder Stimme: »Wo ist sie hin?« – »Wer? Wen suchst du?” – »Frume-Ssore«, sage ich, »Frume-Ssore Lejser-Wolfs war eben hier…« – »Du redest wie im Fieber«, sagt mir mein Weib: »Gott sei mit dir, Tewje! Frume-Ssore Lejser-Wolfs – es sei zwischen den Lebenden und den Toten wohl unterschieden – ist ja schon längst auf der wahren Welt.« – »Ich weiss”, sage ich, »dass sie gestorben ist, und doch war sie soeben hier, sie stand vor meinem Bett, redete mit mir und packte mich plötzlich«, sage ich, »bei der Gurgel und wollte mich erwürgen!” – „Gott sei mit dir, Tewje! Was redest du für Unsinn?” sagt zu mir mein Weib: »Du hast es wohl geträumt! Spucke dreimal aus, damit sich der Traum zum Guten wendet.«

»Lange leben sollst du, Golde”, sage ich zu ihr, »ich danke dir, dass du mich aufgeweckt hast! Hättest du mich nicht geweckt, so wäre ich wohl auf der Stelle gestorben. Gib mir«, sage ich, »einen Schluck Wasser! Dann werde ich dir den Traum erzählen, den ich gehabt habe. Aber ich muss dich bitten, dass du nicht erschrickst und dir nicht Gott weiss was denkst, denn es steht in unseren heiligen Büchern geschrieben, dass nur der dritte Teil eines Traumes in Erfüllung gehen kann und alles übrige Unsinn ist, eitel Lüge… Vor allen Dingen«, sage ich, »träumte mir, dass bei uns im Hause irgendeine Feier sei; ich weiss nicht mehr, ob es ein Verlobungsmahl oder eine Hochzeit war. Viele Menschen waren versammelt, Männer und Weiber, der Row und der Schächter, und Spielleute… Und plötzlich geht die Türe auf, und Grossmutter Zeitel, sie ruhe in Frieden, tritt ein.” . . .
Als mein Weib das Wort Grossmutter Zeitel hörte, wurde sie blass wie die Wand und sagte zu mir: »Wie sah sie aus und was hatte sie an?” – »Auf alle unsere Feinde sei es gesagt, wie sie aussah«, sage ich, »ihr Gesicht war gelb wie Wachs, und sie hatte natürlich ein weisses Gewand an, ein Totenhemd….,Masel-tow!’ sagte zu mir Grossmutter Zeitel: ,Es freut mich, dass ihr für eure Zeitel, die nach mir benannt ist, einen so feinen und anständigen Bräutigam gefunden habt! Er heisst Motel Kamisol nach meinem Onkel Mordchaj und ist zwar ein Schneider, aber ein sehr anständiger Mensch. . .’ « – »Wie kommt in unsere Familie«, sagt mir Golde, „ein Schneider? In unserer Familie«, sagt sie, »gab es Lehrer, Vorbeter, Schuldiener, Angestellte der Beerdigungsbrüderschaft und sonstige arme Leute, aber, Gott behüte, weder Schneider noch Schuster…” – „Unterbreche mich nicht, Golde!« sage ich ihr: »Deine Grossmutter Zeitel wird es wohl besser wissen… Als ich von der Grossmutter Zeitel einen solchen Masel-tow hörte, sage ich ihr: ,Warum sagt Ihr, Grossmutter, dass Zeitels Bräutigam Motel heisst und ein Schneider ist? Er heisst doch Lejser-Wolf und ist ein Fleischer!’ – ,Nein’, sagt sie, ,nein, Tewje, der Bräutigam deiner Zeitel heisst wirklich Motel und ist ein Schneider, und an seiner Seite wird sie, so Gott will, in Reichtum und in Ehren alt werden.’ – ,Es ist recht, Grossmutter’, sage ich ihr wieder, ,was soll ich aber mit Lejser-Wolf machen? Ich habe ihm ja erst gestern das Wort gegeben!’ – Wie ich dies gesagt habe, sehe ich hin: Grossmutter Zeitel ist verschwunden! An ihrer Stelle steht Frume-Ssore Lejser-Wolfs und sagt zu mir: ,Reb Tewje! Ich hielt Euch stets für einen anständigen Menschen, für einen Mann der Thora! Wie könnt Ihr es nun wünschen, dass Eure Tochter mich beerbt, dass sie in meiner Stube sitzt, meine Schlüssel in die Hand nimmt, meinen Mantel, meinen Schmuck und meine Perlen trägt?’ – ,Was kann ich dafür?’ sage ich zu ihr: ,Euer Lejser-Wolf hat es so gewollt…’ – ,Lejser-Wolf?’ sagt sie zu mir: ,Lejser-Wolf wird ein böses Ende haben, und Eure Zeitel – schade um sie, Reb Tewje! -, Eure Zeitel wird mit ihm nicht mehr als drei Wochen zusammen leben; wenn die drei Wochen ablaufen, werde ich zu ihr in der Nacht kommen und werde sie so bei der Gurgel packen…’ Und mit diesen Worten”, sage ich, »packte mich Frume-Ssore bei der Gurgel und begann mich zu würgen. Und wenn du mich nicht geweckt hättest, so wäre ich jetzt nicht mehr auf dieser Welt!« . . .
Mein Weib spuckte dreimal aus und sagte: »In den Fluss soll es fallen, in die Erde soll es versinken, auf die Dachböden soll es klettern, im Walde soll es ruhen, aber uns und unseren Kindern soll es nicht schaden! Das war ein böser, ein finsterer, ein wüster Traum, er möge dem Fleischer auf den Kopf fallen, auf seine Arme und Beine! Soll er für Motels kleinsten Fingernagel zugrunde gehen, und wenn Motel auch nur ein Schneider ist: wenn er nach meinem Grossonkel Mordchaj benannt ist, so ist er wohl kein geborener Schneider, und wenn Grossmutter Zeitel sich selbst aus jener Welt herbemüht, um uns Masel-tow zu sagen, so müssen wir sagen: Es geschehe in einer guten und glücklichen Stunde! Amen, sela!« . . .

Kurz und gut, was soll ich Euch lange aufhalten? Ich hielt mich in jener Nacht unter meiner Bettdecke stärker als Eisen, um nicht vor Lachen zu zerspringen…. ,Gelobt sei der Ewige, dass er mich nicht als Weib erschaffen hat.’… Ein Weib bleibt doch immer ein Weib. …Selbstverständlich wurde am nächsten Tage die Verlobung gefeiert und bald darauf auch die Hochzeit, wie es im Talmud heisst: ,Wie der Mann, so auch seine Ware.’ Und das junge Paar lebt, gottlob, ganz zufrieden: er ist Schneider, geht in Bojberik von einer Sommerwohnung zur anderen und nimmt Bestellungen an; und sie ist Tag und Nacht im Joch: sie kocht und bäckt und wäscht und putzt und schleppt Wasser; und sie haben trotzdem kaum etwas zu essen. Wenn ich ihnen nicht ab und zu ein wenig Milchware oder ein paar Groschen bringen würde, so ginge es ihnen gar nicht gut. Wenn man aber mit ihr darüber spricht, so sagt sie, dass es ihr, unberufen, glänzend geht. Denn sie hat keinen anderen Wunsch, sagt sie, als dass ihr Motel immer gesund bleibt. Nun geht einer her und rede mit den Kindern von heute! Es ist so, wie ich es Euch am Anfang gesagt habe: Kinder habe ich grossgezogen und erhöhet – plage dich für deine Kinder ab, renne mit dem Kopf die Wand ein, und sie sind von mir abgefallen. Sie sagen, dass sie es besser verstehen. Nein, Ihr könnt sagen, was Ihr wollt, die Kinder von heute sind zu klug! Ich glaube aber, dass ich Euch heute den Kopf noch mehr als sonst vollgeredet habe, nehmt es mir nicht übel! Bleibt gesund und lasst es Euch immer gutgehen!

Die offene Tür

von Saki (H.H. Munro)

Meine Tante wird gleich kommen kommen, Mr. Nuttel«, sagte eine sehr selbstbewusste junge Dame von fünfzehn Jahren. „Bis dahin müssen Sie schon mit mir vorliebnehmen.”
Framton Nuttel war bemüht, etwas Passendes zu sagen. Einerseits sollte es der anwesenden Nichte gebührend schmeicheln, andererseits durfte es jedoch die in Aussicht gestellte Tante nicht ungebührlich übergehen. Jedenfalls verstärkten sich seine Zweifel, ob diese förmlichen Besuche bei einer Reihe ihm vollkommen fremder Menschen der nervlichen Ausspannung, die er für dringend notwendig hielt, dienlich sein würden.
„Ich kann dir jetzt schon sagen, wie die Geschichte ausgehen wird«, hatte seine Schwester gesagt, als er seine Reise in diese ländliche Abgeschiedenheit vorbereitete. „Du wirst dich dort verkriechen, mit keinem Menschen reden – und schliesslich werden deine Nerven durch die Eintönigkeit noch gereizter sein als vorher. Ich gebe dir lieber einige Briefe an die Menschen mit, die ich damals kennenlernte. Soweit ich mich erinnere, waren einige ganz nett.«
Framton überlegte nun, ob Mrs. Sappleton – jene Dame, der er jetzt einen dieser Empfehlungsbriefe überreichen wollte – zu den Netten gehörte.
„Sind Sie hier mit vielen Leuten bekannt?” fragte die Nichte, denn sie war der Ansicht, dass sie sich lange genug gegenübergesessen hätten, ohne ein Wort zu sagen.
„Mit keiner Menschenseele”, sagte Framton. »Meine Schwester wohnte vor vier Jahren im Pfarrhaus und gab mir einige Briefe an ihre Bekannten mit.«
Ein hörbares Bedauern schwang in dieser letzten Feststellung mit.
„Dann werden Sie wohl auch kaum etwas über meine Tante wissen?” fuhr die selbstbewusste junge Dame fort.
„Ich kenne nur ihren Namen und ihre Adresse«, gab der Besucher zu. Dabei versuchte er zu ergründen, ob Mrs. Sappleton verheiratet oder verwitwet wäre. Die Atmosphäre dieses Raumes schien irgendwie auf gewisse männliche Gewohnheiten hinzudeuten.
„Die grosse Tragödie, die meine Tante erlebte, liegt jetzt schon drei Jahre zurück«, sagte das Kind. »Ihre Schwester war wohl zu jener Zeit nicht mehr hier.«
»Die Tragödie?” fragte Framton. Er hatte das Gefühl, dass Tragödien eigentlich gar nicht zu diesem ländlichen Ort passten.
„Vielleicht haben Sie sich schon gewundert, dass die Terrassentür selbst an einem Oktobertag noch so weit offensteht”, sagte die Nichte und deutete auf die breite Tür, die in den Garten hinausführte.
„Ich finde, dass es für diese Jahreszeit noch recht warm ist«, sagte Framton. „Oder hat die Tür etwas mit der Tragödie zu tun?«
„Durch diese Tür verliess – heute genau vor drei Jahren – der Mann meiner Tante mit ihren beiden jüngeren Brüdern das Haus, um wie üblich auf die Jagd zu gehen. Sie kehrten nie mehr zurück. Als sie zu der Stelle im Moor gehen wollten, die für die Schnepfenjagd am günstigsten ist, und dabei das Moor überquerten, versanken sie im Sumpf. Vielleicht erinnern Sie sich noch an jenen schrecklich verregneten Sommer; und durch die grosse Feuchtigkeit gaben einzelne, sonst absolut sichere Stellen im Moor plötzlich unter den Füssen nach, ohne dass man es ihnen ansehen konnte. Ihre Leichen wurden nie gefunden – das war das Schrecklichste.”

Bei diesen Worten verlor die Stimme des Mädchens ihre Selbstsicherheit und bebte vor Grauen. »Meine arme Tante glaubt immer noch ganz fest, dass sie eines Tages doch zurückkommen werden – die drei Männer und der kleine braune Spaniel, der mit ihnen verschwand – und dass sie dann wie immer durch diese Tür hereinkommen. Deshalb bleibt die Tür – Abend für Abend – weit offen, bis es dunkel ist. Die arme geliebte Tante; wie oft hat sie mir dies alles schon erzählt. Ihr Mann trug einen weissen Regenmantel über dem Arm, und Ronnie, ihr jüngster Bruder, sang noch laut:

Aber Bertie, warum hüpfst du so?

Damit wollte er sie immer ärgern, weil sie einmal gesagt hatte, dass ihr dieses Lied auf die Nerven fiele. Wissen Sie: Manchmal – an ruhigen, stillen Abenden wie diesem – überkommt mich das fröstelnde Gefühl, dass die Männer eines Tages doch noch durch die Tür hereinkommen . . .«

Ein Schauder schien sie bei den letzten Worten zu überlaufen. Framton war daher erleichtert, als die Tante in diesem Augenblick geräuschvoll und mit einem Schwall von Entschuldigungen für ihr spätes Erscheinen das Zimmer betrat.
„Vera hat Sie inzwischen gut unterhalten, hoffe ich”, sagte sie.
„Es war sehr interessant”, sagte Framton.
„Die offene Tür stört Sie hoffentlich nicht«, sagte Mrs. Sappleton lebhaft. „Mein Mann und meine Brüder müssen nämlich jeden Augenblick von der Jagd zurückkommen – sie wollten im Moar Schnepfen schiessen. Meine armen Teppiche werden wieder schön schmutzig werden. Aber so sind die Männer nun einmal, oder nicht?”
Vergnügt plauderte sie über die Jagd, über die immer seltener werdenden Schnepfen und über die Aussichten für die Entenjagd im Winter. Für Framton war es einfach entsetzlich. Er machte einen verzweifelten, wenn auch nur zum Teil erfolgreichen Versuch, das Gespräch auf ein weniger gespenstisches Thema zu bringen; dabei merkte er jedoch, dass seine Gastgeberin ihm nur einen Bruchteil ihrer Aufmerksamkeit schenkte, während ihre Augen immer wieder an ihm vorüber zur Tür und zu dem dahinter liegenden Rasen wanderten. Es war wirklich ein unglücklicher Zufall, dass sein Besuch mit diesem tragischen Jahrestag zusammenfiel.
„Die Ärzte sind sich darin einig, dass ich restlose Ruhe brauche und jede seelische Aufregung oder körperliche Anstrengung vermeiden muss”, verkündete Framton. Auch er litt unter der weitverbreiteten Vorstellung, dass sich ein ihm vollkommen Fremder oder zufälliger Bekannter für die letzten Einzelheiten seiner Leiden und Beschwerden sowie ihre Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten interessierte. „In der Frage der Ernährung sind sie allerdings nicht der gleichen Ansicht”, fuhr er fort.
„Ach!” sagte Mrs. Sappleton in einem Ton, der noch im letzten Augenblick ein Gähnen unterdrückt hatte. Plötzlich strahlte sie jedoch auf und zeigte lebhaftes Interesse – aber nicht für das, was Framton erzählte.
„Da kommen sie!« rief sie, „gerade rechtzeitig zum Tee; aber aussehen tun sie, als hätten sie bis zu den Ohren im Sumpf gesteckt!«
Framton überlief ein Frösteln. Mit einem Blick, der sein mitfühlendes Verständnis ausdrücken sollte, wandte er sich der Nichte zu. Aber auch das Mädchen starrte mit entsetzten Augen durch die weit offene Tür. Von namenloser Angst gepackt, drehte Framton sich in seinem Sessel um und sah ebenfalls in die gleiche Richtung.

Durch die zwielichtige Dämmerung kamen drei Männer über den Rasen und direkt auf die Tür zu. Jeder der drei hatte eine Flinte unter dem Arm; der eine hatte sich ausserdem noch einen weissen Regenmantel umgehängt, und dicht hinter ihnen trottete ein müder brauner Spaniel. Lautlos kamen sie näher – und dann sang eine junge rauhe Stimme durch die Dämmerung:

Was ist denn, Bertie, warum hüpfst du so?

Blitzschnell griff Framton nach Stock und Hut; Haustür, Kiesweg und Gartentür waren kaum bemerkte Stationen seines überstürzten Rückzuges. Ein Radfahrer, der gerade die Strasse entlangkam, musste sein Gefährt in die Hecke lenken, um dem drohenden Zusammenprall zu entgehen.
„Da wären wir wieder”, sagte der Mann, der den weissen Mantel umgehängt hatte, und kam durch die Tür. „Ein bisschen dreckig zwar, aber das meiste ist schon trocken. Wer ist denn da eben rausgerannt, als wir kamen?”
„Das war ein sehr merkwürdiger Mensch – ein Mr. Nuttel”, sagte Mrs. Sappleton. „Die ganze Zeit über sprach er nur von seiner Krankheit, und als ihr kamt, rannte er einfach aus dem Zimmer – ohne ein Wort des Abschieds oder der Entschuldigung. Man konnte fast glauben, ihm wäre plötzlich ein Gespenst erschienen.”
„Ich glaube eher, dass es der Spaniel war”, sagte das Mädchen schlicht. „Er erzählte mir nämlich, dass er vor Hunden entsetzliche Angst hätte. Irgendwo in der Nähe des Ganges ist er einmal von einem Rudel verwilderter Hunde auf einen Friedhof gejagt worden; und eine ganze Nacht lang musste er in einem frisch ausgehobenen Grab hocken, während die Bestien knurrend und zähnefletschend über ihm standen und ihr Geifer auf ihn heruntertropfte. Ich kann mir schon vorstellen, dass man dabei die Nerven verliert.«
Die junge Dame hatte das ungewöhnliche Talent, aus einer kurzen Bemerkung einen ganzen Roman zu machen.

Eine Admiralsnacht

von Joaquim Maria Machado de Assis

Deolindo Venta-Grande (Venta-Grande oder Plattnase war ein Spitzname, den er an Bord geerbt hatte) verliess das Marineamt und bog in die Rua da Braganca ein. Es schlug drei Uhr. Deolindo war ein schmucker Matrose, und seine Augen strahlten vor Glück. Seine Korvette war soeben von einer langen Übungsfahrt zurückgekehrt, und Deolindo war an Land gegangen, sobald er Urlaub bekommen konnte. Die Kameraden sagten lachend zu ihm:
»Na, Plattnase! Das wird eine Admiralsnacht werden, was! Nachtessen, Gitarrenspiel und die Arme deiner Genoveva. Genovevas Hälschen . . .«
Deolindo lachte. Es stimmte: eine Admiralsnacht, wie man sagte, eine ausgewachsene Admiralsnacht erwartete ihn an Land. Seine Liebe hatte drei Monate vor der Ausreise begonnen. Sie hiess Genoveva, eine zwanzigjährige Cabocla, eine Halbschwarze, mit verschmitzten schwarzen Augen, ein vorlautes kleines Ding. Sie hatten einander im Hause gemeinsamer Freunde kennengelernt und sich Hals über Kopf ineinander verliebt. Und zwar so sehr, dass sie drauf und dran gewesen waren, eine Torheit zu begehen: er hatte heimlich von Bord gehen und mit ihr in den tiefsten Winkel des Hinterlandes fliehen wollen.
Die alte Inacia indessen, bei der die Kleine wohnte, hatte das Pärchen umzustimmen gewusst, so dass Deolindo nichts anderes übriggeblieben war, als die Kreuzfahrt mitzumachen. Das Schiff sollte acht bis zehn Monate auf See sein. Um sich ihrer gegenseitigen Liebe zu vergewissern, hatten die beiden beschlossen, einander Treue zu schwören.
»Ich schwöre bei Gott, der im Himmel ist. Und du?«
»Ich auch.«
»Sag’s richtig!«
»Ich schwöre bei Gott, der im Himmel ist. Das heilige Licht soll mich in meiner Todesstunde verlassen.«
Der Seelenbund war besiegelt. An der Aufrichtigkeit beider konnte kein Zweifel herrschen; sie weinte wie wahnsinnig, er biss sich auf die Lippen, um seine Ergriffenheit zu verbergen. Schliesslich trennten sie sich, Genoveva sah die Korvette auslaufen und ging mit so bangem Herzen heim, dass sie »das Schlimmste« befürchtete. Aber das Schlimmste blieb aus, glücklicherweise; die Tage gingen vorüber, die Wochen, die Monate, zehn Monate – und dann kehrte die Korvette heim und mit ihr Deolindo.
Da geht er nun die Rua da Braganca entlang, durch Prainha und Saude, bis zur Rua da Gamboa, wo Genoveva wohnt, gleich hinter dem Englischen Friedhof. Das Haus ist kaum mehr als ein Lattenverschlag, die Haustüre von der Sonne gerissen. Sicherlich lehnt dort Genoveva am Fenster und wartet auf ihn. Deolindo will sich eine Begrüssung ausdenken. Eine weiss er schon: »Ich hab’s geschworen und hab’s gehalten.« Er will jedoch eine noch bessere finden. Gleichzeitig fallen ihm Frauen ein, die er überall, auf der ganzen Welt, gesehen hat, Italienerinnen, Mädchen aus Marseille, Türkinnen, viele von ihnen hübsch, wenigstens haben sie so auf ihn gewirkt. Nicht alle, das musste er zugeben, waren nach seinem Geschmack, aber manch eine war es gewesen; trotzdem hatte er nichts von ihnen wissen wollen. Er hatte nur an Genoveva gedacht. Gerade ihr Häuschen, fast so klein wie ein Puppenhaus, und die wackeligen Möbel, alles so armselig und so alt, waren ihm angesichts der Paläste anderer Länder in den Sinn gekommen. Nur dank äusserster Sparsamkeit hatte er in Triest ein Paar Ohrringe erstehen können, die trägt er jetzt in der Tasche, zusammen mit ein paar Kleinigkeiten. Und sie, was hielt sie wohl für ihn bereit?

Vielleicht ein Taschentuch mit seinem Namen und einem Anker in der Ecke, da sie doch so gut zu sticken verstand.
Mittlerweile gelangte er zur Rua da Gamboa, ging am Friedhof vorbei, und schon stand er vor dem verschlossenen Häuschen. Er klopfte, eine ihm wohlbekannte Stimme antwortete, es war die alte Inacia, die ihm unter Freuderufen öffnete. Ungeduldig fragte Deolindo nach Genoveva.
»Red mir nicht von der Verrückten”, erwiderte die Alte. „Ich bin sehr froh über den Rat, den ich dir damals gegeben habe. Stell dir vor, du wärst mit ihr geflohen. Du sässest jetzt schön in der Patsche.”
„Aber was ist denn geschehen? Was ist nur geschehen?”
Die Alte sagte, er solle sich beruhigen, nichts sei geschehen, nicht mehr, als jeden Tag eintreten könne; es lohne sich nicht, darüber in Harnisch zu geraten. Genoveva habe den Kopf verloren…
„Den Kopf verloren? Aber warum, weshalb?«
„Sie geht mit einem Trödler, Jose Diogo. Hast du Jose Diogo, den Stofftrödler, gekannt? Sie hat’s mit ihm. Du kannst dir nicht vorstellen, wie vernarrt die beiden ineinander sind. Besonders sie! Sie ist förmlich durchgedreht. Deshalb haben wir uns auch verzankt. Jose Diogo wich mir nicht mehr von der Schwelle; es wurde geschwatzt und geschwatzt, bis ich sagte, der Ruf meines Hauses sei mir zu gut dafür. Herr des Himmels! Es war wie am Jüngsten Tag. Genoveva machte Augen, als wollte sie mich auffressen, sagte, sie habe noch niemandem einen schlechten Ruf eingebracht, ausserdem brauche sie kein Almosen. Was für Almosen denn, Genoveva? Ich sage ja nur, dass ich dieses ewige Süssholzraspeln an meiner Tür nicht will, schon vom Ave-Maria an… Zwei Tage später war der Krach da und sie auf und davon.«
„Wo wohnt sie jetzt?«
„An der Praia Formosa, bevor du an den Steinbruch kommst, ein neugestrichenes Häuschen.«
Deolindo hatte genug gehört. Die alte Inacia, schon bereuend, zuviel gesagt zu haben, riet ihm noch zur Vorsicht, aber er hatte kein Ohr für Ratschläge, und fort war er. Was er unterwegs dachte, darf ich getrost übergehen, denn er dachte nichts. Die Gedanken wirbelten ihm im Kopf herum wie im Sturm auf See, inmitten eines Getöses von Winden und Kommandopfiffen. Dazwischen blitzte ein Seemannsmesser auf, blutbeklebt und rachsüchtig. Mittlerweile hatte er die Gamboa hinter sich, den Sacco do Alferes und ging die Praia Formosa entlang. Er wusste die Nummer des Hauses nicht, es sollte jedoch in der Nähe des Steinbruchs liegen und neu angestrichen sein; mit Hilfe der Nachbarn würde er es schon finden. Er hatte jedoch nicht mit dem Zufall gerechnet, der Genoveva gerade in jenem Augenblick nähend ans Fenster setzte, als er selber davor auftauchte. Deolindo erkannte sie und blieb stehen; als sie eine Männergestalt sah, hob sie die Augen und erblickte den Seemann.
»Na so was!” rief sie verwundert aus. »Wann bist du denn angekommen? Tritt ein, seu Deolindo!
Sie stand auf, öffnete die Tür und hiess ihn eintreten. Jedem anderen Mann wäre das Herz vor Hoffnung geschwollen, so frank und frei war das Gebaren des jungen Mädchens. Vielleicht hatte die Alte sich geirrt oder gelogen, vielleicht war auch die Liebschaft mit dem Tändler zu Ende. All das ging Deolindo durch den Kopf, nicht klar und überlegt, sondern blitzschnell und kunterbunt. Genoveva liess die Tür offenstehen, hiess ihn Platz nehmen, bat ihn, ihr von der Reise zu erzählen, und fand ihn dicker geworden; von Gemütsbewegung oder Vertraulichkeit keine Spur.

Deolindo sah seine letzten Felle wegschwimmen. In Ermangelung eines Messers würden seine Hände genügen müssen, um Genoveva zu erwürgen, sie war ja nur eine Handvoll Mensch, und während der ersten Minuten dachte er an nichts anderes.
„Ich weiss alles”, sagte er.
„Wer hat es dir erzählt?”
Deolindo hob die Achseln.
»Mag’s sein, wer auch immer”, sagte sie. »Hat man dir auch gesagt, dass ich jemanden liebe?”
»Das hat man mir gesagt.«
»Dann hat man dir die Wahrheit gesagt.«
Deolindo schoss das Blut in die Schläfen; sie aber beschwichtigte ihn mit einem einzigen Blick. Dann sagte sie, sie habe ihm nur aufgemacht, weil sie ihn für einen vernünftigen Menschen halte, und erzählte ihm alles, von ihrer Sehnsucht nach ihm, von dem Drängen des Trödlers und von ihrem Widerstand, bis sie eines Morgens erwacht sei und, ohne zu wissen, wie, den anderen gemocht habe.
»Du kannst mir’s glauben, ich hab viel, viel an dich gedacht. Sinha Inacia soll dir sagen, ob ich nicht lange geweint habe… Aber mein Herz wollte es anders… Es wollte einfach anders… Ich beichte dir alles, so als kniete ich vor dem Priester”, schloss sie lächelnd.
In ihrem Lächeln war kein Spott. Der Ausdruck ihrer Worte war ein Gemisch aus Freimut und Schamlosigkeit, aus Frechheit und Einfachheit; es lässt sich schlecht beschreiben. Ich glaube sogar, Frechheit und Schamlosigkeit treffen nicht das Richtige. Genoveva verteidigte sich nicht wegen eines Irrtums oder Meineids, sie verteidigte sich überhaupt nicht, dazu fehlte ihr jede ethische Voraussetzung. Was sie, kurz gesagt, meinte, war dies: sie hatte lieber bei Deolindo bleiben sollen, sie war mit ihm so glücklich gewesen, sie hatte ja sogar mit ihm fliehen wollen. Da aber der Trödler den Matrosen ausgestochen habe, sei er letzten Endes im Recht und damit müsse man sich abfinden.
Wie findet ihr das?
Nun hielt der arme Seemann ihr ihren Abschiedsschwur vor wie eine ewige Verpflichtung, in Anbetracht derer er zugestimmt habe, nicht zu fliehen, sondern an Bord zu gehen, und wiederholte feierlich:
„Ich schwöre bei GOK, der im Himmel ist. Das heilige Licht soll mich in meiner Todesstunde verlassen.«
Er sagte, er habe sich nur eingeschifft, weil sie geschworen hatte. Mit diesen Worten im Herzen habe er sie verlassen, sei zur See gefahren, habe gewartet und sei wiedergekehrt; sie hatten ihm Kraft zum Leben gegeben. »Ich schwöre bei Gott, der im Himmel ist. Das heilige Licht soll mich in meiner Todesstunde verlassen. . .«
»Du hast recht, Deolindo, so hab ich’s auch gemeint. Als ich schwor, war es mir ernst. So ernst, dass ich bereit war, mit dir ins Innere zu fliehen. Gott allein weiss, dass ich es ernst meinte. Aber es kam anders. Es kam der junge Mann, und ich begann ihn zu lieben . . .«
»Aber man schwört ja gerade, damit man sich nicht in einen anderen verliebt . . .«
»Lass gut sein, Deolindo. Dann hast du also nur an mich gedacht? Mach mir doch nichts vor…«
„Wann kommt Jose Diogo zurück?«
»Heute kommt er nicht mehr.«
»Nein?”
»Nein, er kommt nicht mehr. Er arbeitet heute in Guaratiba, er wird gegen Freitag oder Samstag zurück sein… Warum willst du das wissen? Was hat er dir denn getan?«
Vielleicht hätte jede andere Frau im wesentlichen das gleiche gesagt, aber wenige hätten es so aufrichtig und dabei so ohne Arg, so unbeabsichtigt getan. Man sieht, wie nahe wir hier der Natur sind. Was hat er ihm getan? Was hat ihm der Stein getan, der ihm auf den Kopf gefallen ist? Jeder Physiker kann Ihnen erklären, warum ein Stein fällt.
Deolindo erklärte mit einer Gebärde der Verzweiflung, er wolle ihn umbringen. Genoveva blickte ihn verächtlich an, lächelte leichthin und schnalzte mit der Zunge; als er aber Undank und Meineid ins Feld fahrte, konnte sie ihre Verblüffung nicht langer verbergen. Wieso Meineid? Wieso Undank? Sie hatte ihm doch bereits erklärt und wiederholte es nun: als sie schwor, war es ihr ernst gewesen. »Unsere Heilige Mutter Gottes, die dort auf der Kommode steht, sie kann bezeugen, ob es wahr ist oder nicht!« Wollte er ihr so vergelten, was sie gelitten hatte? Hatte er, der sich auf seine Treue soviel zugute hielt, jeden Tag seiner Reise ausschliesslich an sie gedacht?
Statt einer Antwort steckte er die Hand in die Tasche und förderte das mitgebrachte Packchen zutage~ Sie öffnete es, hielt die Sachelchen eines nach dem anderen ans Licht und stiess schliesslich auf die Ohrringe. Sie waren nichts Besonderes und konnten es auch nicht sein, sie waren sogar reichlich geschmacklos, sahen aber trotzdem aus wie aus Tausendundeiner Nacht. Genoveva nahm sie in die Hand, befriedigt, betört, musterte sie von allen Seiten, hielt sie nahe vor die Augen, dann weit von sich weg und befestigte sie schliesslich an ihren Ohren. Darauf lief sie vor den billigen Spiegel, der zwischen Fenster und Tür an der Wand hing, um zu sehen, wie sie ihr standen. Sie machte einen Schritt zurück, dann einen vor, drehte den Kopf von rechts nach links und von links nach rechts.
»Alles, was recht ist, hübsch sind sie«, sagte sie und machte ihm zum Dank einen Knicks. »Wo hast du sie gekauft?«
Ich glaube nicht, dass er eine Antwort gab, dass er dazu Zeit gefunden hätte, denn sie schoss rasch zwei oder drei Fragen auf ihn ab, eine nach der anderen, so verwirrt war sie darüber, ein Geschenk zum Dank für Treulosigkeit erhalten zu haben. Die Verwirrung dauerte fünf oder vier, vielleicht auch nur zwei Minuten. Bald legte sie die Ohrringe wieder ab, betrachtete sie noch einmal und bettete sie sodann in das Kästchen auf dem runden Tisch, der in der Mitte der Stube stand. Er seinerseits begann zu glauben, dass, so wie er Genoveva in seiner Abwesenheit verloren hatte, der andere, der jetzt abwesend war, sie gleichfalls verlieren könne; sehr wahrscheinlich hatte sie ihm auch keinen gültigen Schwur geleistet
»Vor lauter Schwatzen ist es Nacht geworden«, sagte Genoveva.
Und in der Tat, rasch fiel die Nacht. Schon war das Lepraheim nicht mehr zu sehen, nur undeudich erkannte sie die Meloneninsel, sogar die Ruderboote und Kanus, die vor dem Haus auf dem Trockenen lagen, verschmolzen mit der Erde und dem Sand des Strandes. Genoveva zündete eine Kerze an. Dann setzte sie sich auf die Tür schwelle und bat, er möge ihr doch von den fremden Ländern erzählen, die er bereist habe.
Anfangs liess Deolindo sich bitten, er sagte, er müsse fort, stand auf und machte ein paar Schritte durchs Zimmer. Aber der Dämon der Hoffnung benagte und beschmeichelte das Herz des armen Jungen; so setzte er sich wieder, um zwei oder drei Geschichten von Bord zum besten zu geben. Genoveva hörte aufmerksam zu. Als eine Frau aus der Nachbarschaft, die gerade vorbeikam, sie unterbrach, rief Genoveva, sie solle sich zu ihnen setzen und auch »den schönen Geschichten zuhören, die Senhor Deolindo aus Übersee mitgebracht habe”.

Damit war die gegenseitige Vorstellung beendet. Eine grosse Dame, die bis in die Nacht hinein liest, um ein Buch oder ein Kapitel zu beenden, kann das Leben der Romanfiguren nicht inniger miterleben, als die ehemalige Geliebte des Seemanns die Szenen miterlebte, die dieser schilderte; sie hörte so frei, so gefesselt zu, als gäbe es zwischen ihnen beiden keine anderen Bande als die Wiedergabe erlebter Episoden. Was geht die grosse Dame der Verfasser des Buches an? Was ging das junge Ding der Erzähler erlebter Episoden an?
Schliesslich begann aber die Hoffnung ihn doch zu verlassen, und er stand auf, um sich endgültig zu verabschieden. Genoveva wollte ihn nicht gehen lassen, bevor die Freundin nicht die Ohrringe gesehen hatte, und zeigte sie ihr unter Beteuerungen ihres Wertes. Die Freundin war entzückt, lobte sie überschwenglich, fragte, ob er sie in Frankreich gekauft habe, und bat Genoveva, sie anzulegen.
„Weiss Gott, sie sind bildschön.”
Ich wage anzunehmen, dass sogar der Seemann mit dieser Ansicht übereinstimmte. Es machte ihm Freude, sie von neuem an ihr zu sehen, er fand, sie seien wie eigens für sie verfertigt, ein paar Sekunden lang genoss er das köstliche, seltene Gefühl, ein aussergewöhnliches Geschenk gemacht zu haben, aber es waren eben nur wenige Sekunden.
Als er sich verabschiedete, begleitete Genoveva ihn zur Tür, um ihm nochmals für das schöne Geschenk zu danken, und vermutlich auch, um ihm ein paar zärtliche, belanglose Dinge zuzuflüstern. Die Freundin, die sie in der Stube zurückgelassen hatte, hörte nur folgende Worte: „Mach dir nichts draus, Deolindo”, und die des Seemanns: „Du wirst ja sehen.” Den Rest, ein blosses Gemurmel, konnte sie nicht verstehen.
Deolindo ging am Strand entlang, schleppend, niedergeschlagen; er war nicht mehr der ungestüme junge Mann vom Nachmittag, sondern sah alt und traurig aus wie einer, der „auf halbem Wege umkehrt”. Genoveva trat gleich wieder ins Haus zurück. Sie erzählte der anderen die Geschichte von ihrer Liebschaft mit dem Seefahrer und pries den Charakter Deolindos und seine freundlichen Manieren, worauf die Freundin erklärte, sie fände ihn sehr sympathisch.
„Ja, er ist ein guter Junge”, fiel Genoveva ein. „Weisst du, was er mir soeben gesagt hat?
„Na, was denn?”
„Er will sich unbedingt umbringen.«
„Jesus Maria!”
„Ach was! Der bringt sich nicht um, wetten? Deolindo ist so, er sagt alles mögliche, tut’s aber dann doch nicht. Du wirst sehen, er bringt sich nicht um. Der Ärmste, es ist reine Eifersucht. Aber die Ohrringe sind trotzdem hübsch.”
„Ich habe noch nie solche gesehen.«
„Ich auch nicht”, pflichtete Genoveva bei und hielt sie wieder ans Licht. Dann verwahrte sie sie sorgfältig und lud die Nachbarin zum Nähen ein. „Los, wir wollen ein bisschen nähen, ich will noch mein blaues Hemd fertigmachen . . .
Tatsächlich brachte der Seemann sich nicht um. Am folgenden Tag schlugen ihm seine Kameraden auf die Schulter, beglückwünschten ihn zu seiner Admiralsnacht und fragten ihn nach Genoveva, ob sie noch hübscher geworden sei, ob sie in seiner Abwesenheit viel geweint habe und so weiter. Er antwortete auf alles mit einem befriedigten, verschwiegenen Lächeln, dem Lächeln eines Mannes, der eine grandiose Nacht hinter sich hat. Anscheinend schämte er sich der Wirklichkeit und zog es vor zu lügen.

Eine Frau Im Busch

von Henry Lawson

Das Haus hat zwei Zimmer, es ist aus Rundhölzern, mit Brettern und grober Baumrinde gebaut, der Boden aus rissigen Dielen gelegt. Am einen Ende des Hauses ist ein Küchenanbau aus Rindenholz, grösser als das Haus selbst, einschliesslich der Veranda.
Rundherum ist überall der Busch – Busch ohne klaren Horizont, denn das Land ist flach. Keine Hügelketten in der Ferne. Der Busch besteht aus verkümmerten, dürren wilden Apfelbäumen. Kein Unterholz. Nichts, worauf das Auge ausruhen könnte, ausser dem dunkleren Grün von ein paar Sträuchern, die über dem schmalen, nahezu wasserlosen Flussarm trauern. Neunzehn Meilen sind es bis zum nächsten Anzeichen von Zivilisation – einer Kneipe an der Hauptstrasse.
Der Viehtreiber, ein Siedler, der früher Schafzüchter war, ist mit den Schafen unterwegs. Seine Frau und die Kinder sind hier beim Haus allein zurückgeblieben.
Vier zerlumpte, ausgehungert wirkende Kinder spielen beim Haus. Plötzlich kreischt eines von ihnen:
»Schlange!” Mutter, da is’ ‘ne Schlange!”
Die hagere, sonnenverbrannte Frau stürzt aus der Küche, reisst ihr Kleinstes vom Erdboden hoch, hält es auf ihre linke Hüfte gestützt und greift nach einem Stock. »Wo ist sie?”
„Hier! Jetzt is’ sie im Holzhaufen!” schreit der älteste Junge, ein elfjähriger Lauser mit scharf geschnittenem Gesicht. „Lass sein, Mutter! Ich werd sie erwischen. Geh weg! Ich mach sie zur Schnecke!”
„Tommy, komm her, sonst erwischt sie noch dich! Komm sofort her, wenn ich dich rufe, du Schlawiner!«
Der Kleine kommt widerwillig, er bringt einen Stock, der grösser ist als er selbst. Dann schreit er triumphierend: „Da is’ sie – jetzt is’ sie unters Haus!” und saust mit erhobenem Prügel los. Gleichzeitig reisst sich Alligator, der grosse, schwarze, gelbäugige Hund (eine unbeschreibliche Mischung aller möglichen Rassen), der den Vorfall mit wildem Interesse verfolgt hatte, von der Kette und setzt der Schlange nach. Doch kommt er einen Augenblick zu spät, und seine Nase erreicht den Spalt zwischen den Brettern gerade erst, als der Schwanz der Schlange dahinein verschwindet. Im gleichen Moment saust der Prügel des Jungen hernieder und trifft die oben erwähnte Nase. Alligator ist jedoch wenig beeindruckt davon und fährt fort, das Haus zu unterminieren. Aber nach kurzem Kampf wird er überwältigt und wieder an die Kette gelegt. Sie könnten es sich nicht leisten, ihn zu verlieren.
Die Frau des Viehtreibers bringt ihre Kinder dicht an die Hundehütte, dann hält sie wieder nach der Schlange Ausschau. Sie holt zwei kleine Schüsseln mit Milch und stellt sie nahe bei der Hauswand auf, um die Schlange herauszulocken; aber es vergeht eine Stunde, ohne dass sie sich zeigt.

Es ist kurz vor Sonnenuntergang geworden, und ein Gewitter zieht in der Ferne auf. Sie will die Kinder nicht ins Haus nehmen, denn sie weiss, dass die Schlange darunter ist und jeden Augenblick durch einen Spalt in der Diele heraufkriechen kann. Deshalb trägt sie mehrere Armvoll Brennholz in den Küchenanbau und holt dann die Kinder dorthinein. Die Küche hat keinen Boden, genau gesagt: nur den nackten Erdboden- „Erdgeschoss” nennt man so etwas in diesem Teil des Buschs. In der Mitte des Raumes steht ein grosser, roh gezimmerter Tisch. Sie bringt die Kinder herein und versammelt sie auf diesem Tisch. Es sind zwei Jungen und zwei Mädchen – diese fast noch Babys. Sie gibt ihnen etwas zum Abendessen, und bevor es dunkel wird, geht sie ins Haus und holt ein paar Kissen und Bettzeug – jederzeit gefasst, die Schlange zu sehen oder plötzlich zu berühren. Dann macht sie für die Kinder auf dem Küchentisch ein Bett und setzt sich daneben auf einen Stuhl, um die ganze Nacht zu wachen.
Sie behält die Trennwand zum Haus im Blick; einen grünen Stock von einem jungen Baum hat sie neben sich auf dem Küchenbüfett bereitgelegt. Auch ihren Nähkorb und ein Exemplar des Young Ladies’ Journal hat sie sich herangeholt und den Hund mit in den Raum genommen.
Tommy legt sich nur unter Protest hin, und er sagt, er werde die ganze Nacht wach bleiben und diese gottverdammte Schlange zerschmettern.
Seine Mutter fragt ihn, wie oft sie ihm schon verboten habe zu fluchen . . .
Er hat seinen Prügel mit unter die Bettdecke genommen, und Jacky beschwert sich:
„Mami, Tommy tut mich lebendig häuten mit sei’m Stock! Sag ihm, er soll ‘n wegtun!”
Tommy: »Bist d’ still, du . . .! Willst d’, dass die Schlange dich beisst?”
Jacky ist still.
»Wenn’s dich beisst”, sagt Tommy nach einer Weile, „dann schwillst d’ an, dann stinkst d’, dann wirst d’ rot un’ grün un’ blau, dann tust d’ platzen. Gelt ja, Mutter?”
„Hör mal, mach doch dem Kind keine Angst! Schlaf jetzt!” sagt sie.
Die beiden Kleinen schlafen, hin und wieder beschwert sich Jacky, dass er „verquetscht” wird. Es wird ihm mehr Raum gewährt. Aber Tommy protestiert:
»Mutter, hör dir nur die verdammten kleinen Opossums an! Den Kragen möcht ich ihnen rumdrehn!”
Und Jacky taucht noch einmal verschlafen auf:
„Aber sie tun uns doch gar nichts, die verdammten kleinen Opossums!«
Mutter: „Da hast du’s! Ich hab dir ja gesagt, dass Jacky von dir das Fluchen lernt!” Und doch muss sie lächeln. Jacky schläft langsam ein.
Dann fragt Tommy wieder:
„Wirst du mich wecken, wenn die Schlange rauskommt?”
»Ja. Aber jetzt schlaf!”

Kurz vor Mitternacht. Die Kinder schlafen alle, und sie sitzt still da, näht und liest abwechselnd. Von Zeit zu Zeit gleitet ihr Blick über die Trennwand, und wenn sie ein Geräusch hört, greift sie sofort nach dem Stock. Das Gewitter ist heraufgezogen, der Wind kommt, fegt durch die Risse in der Bretterwand und droht die Kerze auszublasen. Deshalb stellt sie diese an einen geschützteren Teil des Büfetts und befestigt ein Stück Zeitung als Schirm gegen den Wind. Bei jedem Blitz leuchten die Ritzen zwischen den Brettern der Wand wie poliertes Silber auf. Der Donner rollt, und der Regen ergiesst sich in Sturzbächen.
Alligator hat sich in ganzer Länge auf dem Boden ausgestreckt, seine Augen auf die Trennwand gerichtet. Daraus folgert sie, dass die Schlange dort ist. Da sind grosse Risse in der Wand, die sich unter dem Boden des Wohnhauses weiter öffnen.
Sie ist nicht feige. Aber einige Vorkommnisse aus der letzten Zeit haben ihre Nerven strapaziert. Der kleine Junge ihres Schwagers war kürzlich von einer Schlange gebissen worden und daran gestorben. Ausserdem hat sie seit sechs Monaten nichts mehr von ihrem Mann gehört, und sie sorgt sich um ihn.
Er war Viehtreiber gewesen, und er hat sich hier angesiedelt, als sie geheiratet hatten. Die Dürre des Jahres 18.. ruinierte ihn. Er musste den Rest seiner Herde opfern und wieder als Viehtreiber gehen. Aber wenn er zurückkehrt, will er mit seiner Familie in die nahe gelegene Stadt ziehen; inzwischen kommt sein Bruder, der an der Hauptstrasse die Kneipe unterhält, einmal im Monat herüber und bringt Lebensmittel. Die Frau hält noch immer ein paar Kühe, ein Pferd, einige Schafe. Der Schwager schlachtet gelegentlich eines, gibt ihr davon, was sie braucht, den Rest nimmt er als Bezahlung für die Lebensmittel mit.
Sie ist das Alleinsein gewöhnt. Sie hat schon einmal achtzehn Monate lang so allein gelebt. Als Mädchen baute sie die üblichen Luftschlösser, aber alle Hoffnungen und Illusionen aus der Mädchenzeit sind längst vergangen. Die Anregung und Entspannung, die sie braucht, findet sie im Young Ladies’ Journal, und sie hat ihre rechte Freude an den Modezeichnungen.
Ihr Mann ist Australier, und auch sie ist hier geboren. Er ist nicht sonderlich liebevoll, aber trotzdem ein guter Mann. Hätte er die Mittel dazu, würde er sie sicherlich schon längst in die Stadt genommen haben und dort wie eine Prinzessin leben lassen. Sie haben sich daran gewöhnt, so abseits zu leben, zumindest sie hat das. »Warum sich grämen?” sagt sie. „Es hat doch keinen Zweck.” Mag sein, dass er manchmal vergisst, dass er verheiratet ist. Aber wenn er guten Lohn mit nach Hause bringt, gibt er ihr das meiste davon. Als er genug Geld dazu hatte, führte er sie öfter in die Stadt – nahm ein Schlafwagenabteil in der Eisenbahn und stieg in den besten Hotels ab. Er hatte ihr auch einen Zweisitzer gekauft, aber den mussten sie mit alldem anderen opfern.

Die beiden jüngsten Kinder sind im Busch geboren worden, eines, während ihr Mann einen betrunkenen Doktor mit Gewalt herbeischleppte, der ihr helfen sollte. Sie war allein und sehr schwach. Sie hatte Fieber bekommen. Sie betete, dass Gott ihr Hilfe schicken möge. Gott sandte die Schwarze Mary – die »weisseste” Eingeborenenfrau weit und breit. Oder vielmehr: Gott sandte zuerst König Jimmy, und der schickte die Schwarze Mary. Er schob sein schwarzes Gesicht hinter dem Türpfosten hervor, erfasste die Situation mit einem Blick und sagte fröhlich: »Gut, gut, Frau, ich hol meine Alte, is’ unten am Fluss.”
Eines der Kinder starb, während sie hier allein war. Sie ritt neunzehn Meilen weit, um Hilfe zu finden, in ihren Armen das tote Kind.

Es muss gegen ein oder zwei Uhr sein. Das Feuer ist heruntergebrannt, Alligator hat seinen Kopf auf die Pfoten gelegt und beobachtet die Wand. Er ist kein schöner Hund, und bei Licht sieht man zahlreiche alte Wunden, über die keine Haare mehr wachsen. Aber er fürchtet sich vor nichts auf der Erde oder unter ihr. Er nimmt es mit einem Stier genauso auf wie mit einem Floh. Er haft alle anderen Hunde – mit Ausnahme der Känguruh-Hunde -, und er hat eine ausgeprägte Abneigung gegen Freunde oder Verwandte der Familie. Sie kommen ohnedies nur selten. Manchmal freundet er sich mit Fremden an. Er hasst Schlangen und hat viele getötet, aber eines Tages wird er gebissen werden und daran sterben. Die meisten Schlangen-Hunde enden so.
Ab und zu legt die Frau ihre Arbeit beiseite und schaut, horcht und überlegt. Sie denkt über verschiedenes in ihrem Leben nach, denn sonst gibt es wenig, worüber sie sinnieren könnte.
Der Regen wird das Gras wachsen lassen, und das erinnert sie daran, wie sie ein Buschfeuer bekämpfte, während ihr Mann fort war. Das Gras war lang und sehr trocken gewesen, und das Feuer drohte sie zu verbrennen. Sie zog ein Paar alte Hosen ihres Mannes an und schlug mit einem frischen Ast auf die Flammen ein, bis ihr die Schweisstropfen in Strömen von der Stirn auf die geschwärzten Arme niederrannen. Der Anblick seiner Mutter in Hosen erheiterte Tommy gewaltig, der wie ein kleiner Held neben ihr schuftete; aber das aufgeschreckte Baby schrie sehnsüchtig nach seiner Mami. Sie wäre mit dem Feuer nicht fertiggeworden, wenn nicht im letzten Moment vier Buschmänner gekommen wären, die den Brand gesehen hatten. Es war überhaupt ein fürchterliches Durcheinander. Als sie dann das Baby nahm, schrie es wie am Spiess, weil es glaubte, sie sei eine „Schwarze”. Und Alligator, der offenbar dem Kind mehr als seinem eigenen Instinkt traute, führte sich wie wahnsinnig auf und erkannte – da er alt und etwas schwerhörig ist – in der Aufregung zunächst nicht die Stimme seiner Herrin und tobte, bis Tommy ihn mit einem Sattelriemen zur Vernunft brachte. Des Hundes Kummer über seine Täuschung, sein Eifer, es kund und zu wissen zu tun, dass alles nur ein Irrtum gewesen war, zeigten sich so offenkundig, wie sein zottiger Schwanz und sein Zwölfzollgrinsen es deutlich machen konnten. Es war ein herrliches Erlebnis für die Jungen, ein Tag, an den man noch nach vielen Jahren zurückdenken, über den man reden und lachen würde.

Sie denkt daran, wie sie während der Abwesenheit ihres Mannes eine Flut bekämpfte. Stundenlang stand sie im durchnässenden Regenguss und grub eine Überlaufrinne, um den Damm am Fluss zu retten. Aber sie konnte ihn nicht mehr retten. Es gibt Dinge, die auch eine Busch-Frau nicht schaffen kann. Am nächsten Morgen war der Damm gebrochen und ihr Herz beinahe auch, denn sie stellte sich vor, was ihr Mann empfinden würde, wenn er nach Hause kam und sah, dass das Ergebnis jahrelanger Arbeit einfach davongeschwemmt worden war. Da weinte sie.
Sie kämpfte auch gegen die Lungenseuche – gab den wenigen verbliebenen Stück Vieh Arznei und liess sie zur Ader und weinte wieder, als ihre beiden besten Kühe starben.

Und sie kämpfte auch gegen einen wildgewordenen Bullen, der das Haus einen Tag lang belagerte. Sie machte Kugeln und feuerte mit einer alten Schrotflinte durch die Spalten zwischen den Wandbrettern auf ihn. Am nächsten Morgen war er tot. Sie zog ihn ab und bekam siebzehn Shilling und Sixpence für das Fell.
Und sie kämpft auch gegen Krähen und Adler, die es auf ihre Hühner abgesehen haben. Die Art ihrer Kriegführung ist recht originell. Die Kinder rufen: »Krähen, Mutter!”, sie rast hinaus, zielt mit einem Besenstiel auf die Vögel, als sei es ein Gewehr, und sagt laut: „Päng!« Die Krähen ergreifen überstürzt die Flucht, denn sie sind zwar schlau, aber der Schläue einer Frau im Busch sind sie nicht gewachsen.
Gelegentlich versetzt ein Buschmann die Frau in Schrecken. Oder ein übel aussehender Landstreicher lässt ihr das Blut in den Adern gefrieren. Nicht ganz geheuer aussehenden Fremden sagt sie meistens, ihr Mann und ihre zwei Söhne seien unten am Damm bei der Arbeit oder am anderen Ende des Hofes, denn solche Leute sind gerissen und fragen immer als erstes nach dem Boss.
Erst letzte Woche erschien ein Tramp, der verdammt nach einem Galgenvogel aussah. Nachdem er sich überzeugt hatte, dass kein Mann anwesend war, warf er sein Bündel auf die Veranda und verlangte »Futter«. Sie gab ihm etwas zu essen; dann brachte er seinen Wunsch hervor, über Nacht zu bleiben. Es hatte schon zu dämmern begonnen. Sie nahm eine Leiste vom Sofa, band den Hund los und trat dem Fremden entgegen, mit der Latte in der einen Hand und dem Halsband des Hundes in der anderen: »Geh jetzt!” sagte sie. Er sah sie und den Hund an, sagte scheinheilig: »Schon gut, Frau…« – und verschwand. Sie war eine entschlossen aussehende Frau, und Alligators gelbe Augen leuchteten ungemütlich – ganz abgesehen davon, dass das Gebiss des Hundes dem jenes Reptils sehr ähnelte, nach dem er genannt wurde.
Es gibt nur wenige Vergnügungen, an die sie denken kann, wenn sie da so allein am Feuer sitzt und wegen einer Schlange Wache hält. Ihre Tage gleichen einander – einer wie der andere. Aber am Sonntagnachmittag zieht sie sich und die Kinder schön an, putzt das Kleine heraus und unternimmt einen einsamen Spaziergang entlang der Fahrspur durch den Busch, einen alten Kinderwagen vor sich herschiebend. Das tut sie jeden Sonntag. Und sie verwendet so viel Sorgfalt darauf, dass sie und ihre Kinder hübsch aussehen, als wollte sie in der Stadt promenieren. Es ist jedoch weit und breit niemand und nichts zu sehen, und sie begegnet nie einer Menschenseele. Selbst wenn man meilenweit den Buschpfad entlanggeht, kann man sich keine bestimmte Stelle einprägen, es sei denn, man ist ein Buschmann.

Das liegt an der immerwahrenden, idiotischen Gleichheit der verkümmerten Bäume. Das ist die Ode, die Monotonie, die hier in einem Menschen nur eine einzige Sehnsucht wachsen lassen kann: davonzulaufen, so weit fortzufahren, wie Züge rollen, Schiffe segeln können – und weiter noch. ..
Aber diese Frau hat sich an die Einsamkeit im Busch gewöhnt. Als sie jung verheiratet war – sie war fast noch ein Mädchen -, hafte sie den Busch. Doch jetzt käme es sie hart an, von hier fortzumüssen.

Sie freut sich, wenn ihr Mann wiederkommt, aber sie wird nicht überschwenglich deswegen und macht nicht viel Aufhebens. Sie kocht ihm etwas Gutes und zieht die Kinder schön an.
Sie scheint mit ihrem Schicksal zufrieden zu sein. Sie liebt ihre Kinder, hat aber keine Zeit, es ihnen zu zeigen. Sie erscheint ihnen barsch. Diese Umwelt begünstigt nicht die Entfaltung der »fraulichen«, gefühlvollen Seite ihres Wesens.
Es muss schon gegen Morgen sein. Aber die Uhr steht im Wohnhaus. Die Kerze ist fast ganz heruntergebrannt. Sie hat vergessen, dass ihr Vorrat an Kerzen zu Ende gegangen ist. Sie muss etwas mehr Holz holen, um das Feuer am Brennen zu halten. So schliesst sie den Hund mit in den Raum und läuft schnell zum Holzhaufen. Der Regen hat aufgehört. Sie nimmt ein Stück Holz, zieht es heraus, und – krach! – der ganze Holzstoss fällt in sich zusammen.
Gestern hatte sie mit einem herumstreifenden Schwarzen aus dem Hinterland verhandelt, der ihr etwas Holz bringen sollte. Während er am Werk war, ging sie eine verirrte Kuh suchen. Sie war eine gute Stunde weg, und der Eingeborene haue die Zeit nicht tatenlos verstreichen lassen. Als sie wiederkam, fand sie zu ihrem Erstaunen einen ordentlichen Haufen Holz am Kamin vor. Sie gab ihm noch ein bisschen mehr Tabak und lobte ihn dafür, dass er nicht faul gewesen war. Er dankte ihr und ging mit erhobenem Haupt und stolzgeschwellter Brust von dannen. Er war der Letzte seines Stammes. Und er war ein König. Aber den Holzstoss hatte er nur hohl gebaut . . .
Sie hat sich verletzt, und Tränen steigen ihr in die Augen, als sie wieder am Tisch sitzt. Sie nimmt ihr Taschentuch, um die Tränen wegzuwischen – aber sie trocknet trotzdem ihre Augen mit den blossen Fingern: denn das Taschentuch ist voller Löcher, so dass ihr Daumen durch eines und ihr Zeigefinger durch ein anderes gerutscht ist.
Darüber muss sie plötzlich lachen – zur Überraschung des Hundes. Sie hat einen sehr ausgeprägten Sinn für das Komische und Lächerliche. Und irgendwann wird sie das einmal irgendwelchen Leuten im Busch erzählen, damit sie auch was zu lachen haben.
So hatte sie sich schon oft erheitert – ziemlich bescheiden. Einmal setzte sie sich hin, um „sich richtig auszuweinen”, wie sie sagte. Da kam die alte Katze, rieb sich an ihrem Kleid und „weinte” mit. Das brachte sie wieder zum Lachen.

Es muss jetzt kurz vor der Morgendämmerung sein. In dem Raum ist es stickig und warm – das kommt vom Feuer. Alligator beobachtet immer wieder die Trennwand. Plötzlich steigert sich seine Aufmerksamkeit, er rückt ein Stückchen näher heran, und sein Körper zittert vor Erregung. Seine Nackenhaare sträuben sich, Kampflust leuchtet in seinen gelben Augen. Sie weiss, was das zu bedeuten hat, und legt ihre Hand auf den Stock. Das untere Ende einer der Latten der Trennwand hat beiderseits einen grossen Spalt. Ein Paar böser, kleiner, heller, perlenartiger Augen funkelt durch eines dieser Löcher. Die Schlange – sie ist schwarz – kommt langsam heraus, ein kleines Stück nur, und bewegt ihren Kopf auf und ab. Der Hund liegt still, und die Frau sitzt wie gebannt da. Die Schlange kommt ein weiteres Stück heraus. Die Frau hebt den Stock, und das Reptil – als spüre es plötzlich die Gefahr – steckt seinen Kopf durch den anderen Spalt in der Latte wieder hinein und beeilt sich, den Schwanz rundherum nachzuziehen. Alligator springt, und seine Kiefer schnappen zusammen. Er verfehlt, denn seine Schnauze ist lang, und der Körper der Schlange liegt eng in dem Winkel, den die Wandbretter mit dem Boden bilden. Er schnappt wieder zu, als der Schwanz herumkommt. Jetzt hat er die Schlange und zieht sie achtzehn Zoll weit heraus. Wumm, wumm – saust der Stock der Frau auf den Boden nieder. Alligator zieht abermals. Wumm, wumm. Alligator zieht noch einmal und hat die Schlange draussen: ein schwarzes Biest, fünf Fuss lang. Der Kopf hebt sich, um zuzustossen, aber der Hund packt den Gegner fest beim Kragen. Er ist ein grosser, schwerer Hund, aber schnell wie ein Terrier. Er schüttelt die Schlange, als fühle er den uralten Fluch, der durch die Schlange über die Menschheit gekommen sein soll. Der älteste Junge wacht auf, greift seinen Stock, versucht aus dem Bett zu kommen, aber die Mutter zwingt ihn mit eisernem Griff wieder zurück. Wumm, wumm – das Rückgrat der Schlange ist an mehreren Stellen gebrochen. Wumm, wumm – der Kopf ist zerschmettert (und Alligators Nase wieder einmal abgeschürft).
Die Frau hebt mit der Spitze ihres Stockes das verstümmelte Reptil hoch, trägt es zum Feuer und wirft es hinein. Dann stapelt sie Holz auf und sieht zu, wie die Schlange verbrennt. Der Junge und der Hund beobachten es ebenfalls. Sie legt ihre Hand auf den Kopf des Hundes, und das wilde, gefährliche Leuchten schwindet aus seinen gelben Augen. Die jüngeren Kinder sind beruhigt und schlafen bald wieder ein. Aber der Junge, mit schmutzigen Beinen, im Hemd, steht einen Augenblick lang da und starrt nachdenklich in das Feuer. Dann sieht er an der Frau empor, erblickt die Tränen in ihren Augen, wirft die Arme um ihren Hals und sagt:
„Mutter, ich will nie Viehtreiber werden. Verdammt will ich sein, wenn ich’s trotzdem tu!«
Und sie drückt ihn an die Brust und küsst ihn. So sitzen sie beisammen, während die fahle Morgendämmerung über dem grossen, dem endlosen australischen Busch anbricht…

Der Schaukelpferdsieger

von D. H. Lawrence

Es war einmal eine Frau, die schön war und lauter gute Karten in der Hand hatte; doch sie hatte kein Glück. Sie heiratete aus Liebe, und die Liebe wurde zu Asche. Sie hatte nette Kinder; doch dachte sie, sie wären ihr aufgezwungen worden, und sie konnte sie nicht lieben. Sie sahen sie mit kalten Blicken an, als ob sie einen Fehler an ihr entdeckt hätten. Und sofort glaubte sie, da sei ein Fehler in ihr, den sie verstecken müsse. Doch was es eigentlich war, das sie verstecken müsse, das konnte sie nie herausfinden. Trotzdem, wenn die Kinder da waren, spürte sie immer, wie sich ihr innerstes Herz verhärtete. Das machte ihr Kummer, und auf ihre Art war sie um so sanfter und besorgter zu den Kindern, als ob sie sie sehr liebe. Nur sie selber wusste, dass in ihrem innersten Herzen eine harte kleine Stelle war, die keine Liebe empfinden konnte, nein, für niemanden. Alle andern sagten von ihr: »Sie ist solch gute Mutter! Sie liebt ihre Kinder abgöttisch.” Nur sie selbst und ihre Kinder wussten, dass es nicht so war. Sie lasen es einander von den Augen ab.
Es waren ein Junge und zwei kleine Mädchen. Sie wohnten in einem hübschen Haus, mit einem Garten, und sie hatten eine geschulte Dienerschaft und fühlten sich allen Nachbarn überlegen.
Obwohl sie auf grossem Fusse lebten, waren sie in ihrem- Haus immer voller Sorge. Nie war genug Geld da. Die Mutter hatte ein kleines Einkommen, und der Vater hatte ein kleines Einkommen; aber es war bei weitem nicht genug für die gesellschaftliche Stellung, die sie behaupten mussten. Der Vater ging in die Stadt in ein Büro. Doch obwohl er mit guten Aussichten begann, verwirklichten sich diese Aussichten nie. Ständig hing das aufreibende Gefühl über ihnen, das Geld reiche nicht; der Lebensstil jedoch wurde weiter beibehalten.
Schliesslich sagte die Mutter: »Ich will sehen, ob ich nicht etwas verdienen kann.” Aber sie wusste nicht, wo beginnen. Sie zerbrach sich den Kopf, versuchte dies und das, hatte aber nirgends Glück. Das Missgeschick grub ihr tiefe Falten ins Gesicht. Die Kinder wuchsen heran; sie sollten auf Schulen geschickt werden. Mehr Geld musste herbei, mehr Geld musste herbei! Der Vater, der immer sehr gut aussah und einen kostspieligen Geschmack hatte, erweckte den Eindruck, als könne er nie etwas Nützliches tun. Und der Mutter, die sehr auf sich hielt, wollte auch nichts glücken, und ihr Geschmack war genauso kostspielig.
Und so hing allmählich wie eine Verwünschung das unausgesprochene Wort über dem Haus: »Mehr Geld muss herbei! Mehr Geld muss herbei!” Die Kinder konnten es die ganze Zeit über hören, obwohl niemand es laut sagte. Sie hörten es zu Weihnachten, als teures und prächtiges Spielzeug das Kinderzimmer füllte. Hinter dem funkelnden, hochmodernen Schaukelpferd, hinter dem eleganten Puppenhaus begann eine Stimme zu tuscheln: »Mehr Geld muss herbei! Mehr Geld muss herbei!” Und dann hörten die Kinder einen Augenblick zu spielen auf und lauschten. Sie blickten einander in die Augen, um sich zu überzeugen, ob sie es alle vernommen hätten. „Mehr Geld muss herbei! Mehr Geld muss herbei!”

Es tuschelte zwischen den Sprüngen des sich noch bewegenden Schaukelpferdes, und selbst das Pferd, das seinen zähnefletschenden Holzkopf abwärts neigte, hörte es. Die grosse Puppe, die so rosig und geziert lächelnd in ihrem neuen Puppenwagen sass, konnte es ganz deutlich hören und schien daraufhin um so selbstbewusster zu lächeln. Selbst das dumme Hündchen, das des Teddybären Stelle einnahm, wie sah es so erstaunlich dumm drein, und aus keinem andern Grunde, als weil es im ganzen Hause das heimliche Getuschel hörte: „Mehr Geld muss herbei! Mehr Geld muss herbei!”
Doch niemand sagte es je laut. Das Getuschel war überall, und deshalb sprach keiner es aus. Genau wie man niemals sagt: »Ich atme!”, obwohl der Atem die ganze Zeit kommt und geht.
»Mutter”, fragte Paul eines Tages, »warum haben wir kein eigenes Auto? Warum benutzen wir immer das vom Onkel oder sonst ein Taxi?”
»Weil wir der arme Seitenzweig der Familie sind”, sagte die Mutter.
„Bestimmt, Mutter.«
„Grossartig”, sagte sie, einen Ausdruck ihres Mannes benutzend.
Der Knabe merkte, dass sie ihm nicht glaubte, oder vielmehr, dass sie seinen Worten keine Beachtung schenkte. Das verdross ihn, und er beschloss, ihre Aufmerksamkeit zu erzwingen.
Er trollte sich, verträumt und wie Kinder es tun, auf der Suche nach dem Schlüssel zum »Glück«. In Gedanken vertieft und ohne die andern zu beachten, schlich er gewissermassen verstohlen umher auf der heimlichen Suche nach dem Glück. Er wollte Glück haben, er wollte es, er wollte es. Wenn die beiden Mädchen im Kinderzimmer mit ihren Puppen spielten, sass er auf seinem grossen Schaukelpferd und stürmte toll einher, mit einer Wildheit, dass die kleinen Mädchen scheu zu ihm aufblickten. Das Pferd galoppierte ungestüm, das wehende schwarze Haar des Jungen flog in die Höhe, seine Augen hat- ten einen seltsamen Glanz. Die kleinen Mädchen wagten nicht, ihn anzusprechen.
Wenn er seinen tollen Ritt beendet hatte, kletterte er hinunter, stellte sich vor das Schaukelpferd und starrte ihm unverwandt auf den gesenkten Kopf. Das rote Maul stand ein wenig offen, die grossen Augen waren weit aufgerissen und glasklar.
»Jetzt!« befahl er dem schnaubenden Renner stumm, »jetzt trag mich dorthin, wo das Glück ist! Trag mich jetzt hin!”
Und er schlug das Pferd mit der kleinen Peitsche, um die er Onkel Oscar gebeten hatte, auf den Hals. Er wusste, dass das Pferd ihn dort- hin tragen konnte, wo das Glück war, wenn er es nur dazu zwingen würde. Also stieg er wieder auf, begann von neuem den wütenden Ritt und hoffte, schliesslich hinzugelangen. Er wusste, dass er hingelangen könne.
»Du wirst es noch zerbrechen, Paul!” mahnte die Kinderfrau.
»Er reitet immer so. Ich wünschte, er hörte auf”, sagte Joan, die ältere Schwester.
Aber er starrte nur schweigend auf sie hinunter. Die Kinderfrau liess ihn gewähren. Sie begriff ihn nicht. Und überhaupt war er ihr schon über den Kopf gewachsen.
Eines Tages kamen seine Mutter und Onkel Oscar dazu, als er gerade auf einem seiner wilden Ritte war. Er sprach nicht mit ihnen.

„Hallo, du kleiner Jockey! Sitzt du auf einem Sieger?” fragte sein Onkel.
»Wirst du nicht allmählich zu gross für ein Schaukelpferd? Du bist nicht länger ein kleiner Junge”, meinte seine Mutter.
Doch Paul warf ihr nur einen blitzend blauen Blick aus seinen grossen, ziemlich eng stehenden Augen zu. Er pflegte zu niemand zu sprechen, wenn er in voller Fahrt war. Seine Mutter beobachtete ihn besorgt. Endlich brach er unvermittelt ab, zwang sein Pferd zu einem gleichmässigen Galopp und glitt aus dem Sattel.
»Ich bin also dagewesen”, verkündete er wild, und seine blauen Augen blitzten noch, und er stand breitbeinig auf seinen langen, stämmigen Beinen.
„Wo bist du gewesen?” fragte seine Mutter.
„Wo ich hinreiten wollte”, rief er prahlerisch.
„Das ist recht, mein Sohn«, sagte Onkel Oscar. „Hör du nie auf, ehe du am Ziel bist. – Wie heisst dein Pferd?”
»Es hat keinen Namen”, sagte der Knabe.
„Kann wohl auch ohne Namen gut laufen?” fragte der Onkel.
„Ach, es hat verschiedene Namen. Vorige Woche hiess es Sansovino.”
»Oho, Sansovino! Der hat das Ascot-Rennen gemacht! Woher kanntest du den Namen?«
„Er spricht immer mit Bassett über die Pferderennen”, sagte Joan.
Der Onkel war entzückt, als er hörte, dass sein kleiner Neffe über alle Rennen auf dem laufenden war. Bassett, der junge Gärtner, der im Kriege am linken Fuss verwundet worden war und seine jetzige Stelle durch Onkel Oscar erhalten hatte, dessen Bursche er gewesen war, schien auf „dem grünen Rasen” völlig zu Hause. Er lebte für die Rennen – und der Junge mit ihm.
Oscar Creswell erfuhr es alles von Bassett.
„Master Paul kommt und fragt mich, also bleibt mir weiter nichts übrig, als ihm zu antworten, Sir”, sagte Bassett, und sein Gesicht war so furchtbar ernst, als ob er von religiösen Dingen spräche.
„Und setzt er manchmal auch auf ein Pferd, in dem er den Sieger vermutet?«
»Oh, ich möchte ihn nicht verraten, Sir! Er ist ein kleiner Sportsmann, Sir, ein tüchtiger Sportsmann. Wenn Sie ihn lieber selbst fragen könnten? Er hat solchen Spass daran, und vielleicht denkt er, ich hätte ihn verraten, Sir, und nichts für ungut.”
Bassett sprach so ernst wie ein Pfarrer.
Der Onkel ging zu seinem Neffen und lud ihn zu einer Fahrt in seinem Auto ein. „Hör mal, alter Junge, hast du jemals auf ein Pferd gesetzt?” fragte der Onkel.
Der Knabe sah den hübschen Mann scharf an.
»Warum? Meinst du, ich sollte nicht?« wich er aus.
„Ach wo – ich dachte, du könntest mir vielleicht einen Tip fürs Lincoln geben.”
Der Wagen fuhr schneller, hinaus aufs Land, zu Onkel Oscars Landsitz in Hampshire.
„Ehrenwort?” fragte der Neffe.
„Ehrenwort, mein Sohn«, sagte der Onkel.
„Also gut: Daffodil!”

„Daffodil? Bezweifle ich, mein Sohn. Was hältst du von Mirza?”
„Ich kenne nur den Sieger”, sagte der Knabe.
„Und das ist Daffodil.”
„So, so, Daffodil.«
Es entstand eine Pause. Daffodil war eigentlich ein Aussenseiter.
»Onkel?”
»Ja, mein Junge?”
„Du sagst es doch nicht weiter, nicht wahr? Ich hab’s Bassett versprochen.”
„Zum Teufel mit Bassett, alter Junge! Was hat der denn damit zu tun?”
„Wir sind Partner. Von Anfang an waren wir Partner. Onkel, er hat mir meine ersten fünf Shilling geliehen, und ich hab sie verloren. Ich habe ihm auf Ehrenwort versprochen, dass es unter uns bliebe. Und dann hast du mir den Zehnshillingschein geschenkt, mit dem ich zum erstenmal gewonnen habe. Darum dachte ich, du hast Glück. Du sagst’s nicht weiter, nicht wahr?«
Der Knabe blickte den Onkel aus seinen grossen, funkelnden, ziemlich dicht beieinanderstehenden blauen Augen an. Der Onkel rutschte auf dem Sitz umher und lachte unbehaglich
»Meinetwegen, Junge. Ich werd deinen Tip für mich behalten. Also Daffodil. Wieviel setzt du auf Daffodil7″
„Alles, bis auf zwanzig Pfund«, sagte der Junge.
»Die behalte ich als Reserve.”
Der Onkel hielt es für einen guten Witz.
„Also zwanzig Pfund behältst du zurück, du kleiner Phantast? Und wieviel wettest du?«
„Ich wette dreihundert”, sagte der Knabe ernst. »Aber ganz unter uns, Onkel Oscar! Ehrenwort?«
Der Onkel brach in schallendes Gelächter aus.
»Natürlich bleibt’s unter uns, du kleiner Nat Gould!” rief er lachend. „Aber wo hast du denn deine dreihundert?”
„Bassett verwahrt sie für mich. Wir sind Partner.«
»Ach so, ja; und wieviel setzt Bassett auf Daffodil?”
»Ich glaube, er wird nicht ganz so hoch gehen wie ich. Vielleicht setzt er hundertfünfzig.«
»Hundertfünfzig, was? Pennies?” Iachte der Onkel.
»pfund!” sagte das Kind und sah den Onkel erstaunt an. »Bassett hält sich eine grössere Reserve zurück als ich.«
Onkel Oscar schwieg, halb verwundert, halb belustigt. Er ging der Sache nicht weiter auf den Grund, beschloss aber, seinen Neffen zum Lincoln-Rennen mitzunehmen.
»Also, Söhnchen«, sagte er, „ich setze zwanzig für mich auf Mirza und fünf für dich auf welches Pferd du willst. Welches wählst du?”
»Daffodil, Onkel.”
»Nein, doch nicht den Fünfer auf Daffodil!”
»Wenn es mein Fünfer ist, möchte ich es tun”, sagte der Knabe.

»Gut, gut, hast recht. Ein Fünfer für dich und ein Fünfer für mich auf Daffodil.«
Der Junge war noch nie an einem Pferderennen gewesen, und seine Augen sprühten blaues Feuer. Er kniff den Mund zusammen und passte auf. Ein Franzose, der vor ihm sass, hatte sein Geld auf Lancelot gesetzt. Toll vor Aufregung, schwenkte er die Arme und schrie mit seiner französischen Aussprache gellend: »Lancelot! Lancelot!”
Daffodil kam als Erster. Lancelot war Zweiter und Mirza Dritter. Der Knabe war seltsam gelassen, trotz roter Wangen und lodernder Augen. Sein Onkel brachte ihm vier Fünfpfundnoten, vier zu eins.
»Was soll ich damit tun?« fragte er und hielt sie dem Knaben unter die Augen.
»Vielleicht sprechen wir mit Bassett darüber«, sagte der Junge. »Ich glaube, ich habe jetzt fünzehnhundert. Und zwanzig in Reserve. Und dann diese zwanzig hier.«
Sein Onkel betrachtete ihn einen Augenblick prüfend.
»Hör mal, mein Junge”, sagte er. „Das ist doch nicht dein Ernst mit Bassett und den fünfzehnhundert, nicht wahr?«
„Doch, natürlich. Aber es muss unter uns bleiben, Onkel! Ehrenwort?«
„Ja, ja, Ehrenwort, mein Sohn. Aber ich muss mit Bassett sprechen.«
„Onkel, wenn du gern Partner werden möchtest, mit mir und Bassett, könnten wir alle drei Partner sein. Nur müsstest du auf Ehrenwort versprechen, es nicht weiterzusagen. Bassett und ich
haben Glück, und du hast auch Glück; denn mit deinem Zehnshillingschein hab ich ja zu gewinnen angefangen.«
Onkel Oscar nahm Bassett und Paul mit nach Richmond Park, und dort sprachen sie miteinander.

„Die Sache ist so, Sir”, sagte Bassett. »Master Paul liess sich über die Rennen von mir erzählen, Renngeschichten, verstehen Sie, Sir? Und immer wollte er durchaus wissen, ob ich gewonnen oder verloren hatte. Es ist jetzt ungefähr ein Jahr her, als ich für ihn fünf Shilling auf Blush of Dawn setzte, und die verloren wir. Dann drehte sich das Glück – mit den zehn Shilling, die wir von Ihnen hatten. Wir setzten sie auf Singhalese. Und seit der Zeit geht’s schön gleichmässig weiter, wenn man alles in allem nimmt. Was meinen Sie, Master Paul?”
„Wir machen’s, wenn wir sicher sind”, sagte Paul. „Nur wenn wir nicht ganz sicher sind, verlieren wir.«
„Oh, aber dann sind wir vorsichtiger.«
„Aber wann seid ihr sicher?” lächelte Onkel Oscar.
»Master Paul weiss es, Sir«, sagte Bassett leise und fromm. „Es ist, als ob er’s vom Himmel weiss. So wie jetzt mit Daffodil für das Lincoln. Das war bombensicher.”
»Haben Sie etwas auf Daffodil gesetzt?« fragte Onkel Oscar.
»Ja, Sir. Ich habe meinen Schnitt gemacht.«
„Und mein Neffe?” Bassett schwieg hartnäckig und sah Paul an.
»Ich habe zwölfhundert gewonnen, nicht wahr, Bassett? Ich habe Onkel erzählt, dass ich dreihundert auf Daffodil gesetzt hatte.”
„Stimmt”, sagte Bassett und nickte.

„Aber wo ist das Geld?” fragte der Onkel.
„Ich habe es sicher verwahrt und verschlossen, Sir. Master Paul kann’s jede Minute haben, wenn er mich danach fragt.«
„Was, fünfzehnhundert Pfund?«
„Und zwanzig. Und vierzig, heisst das – mit den zwanzig, die er draussen auf dem Rennplatz gemacht hat.”
„Erstaunlich”, sagte der Onkel.
„Wenn Master Paul Ihnen die Partnerschaft anbietet, würde ich an Ihrer Stelle annehmen, Sir, und nichts für ungut”, sagte Bassett.
Oscar Creswell dachte nach.
„Ich möchte das Geld sehen«, sagte er.
Sie fuhren wieder nach Hause, und tatsächlich, Bassett erschien mit fünfzehnhundert Pfund in Noten im Gartenhaus. Die zwanzig Pfund Reserve lagen bei John Glee, als Wetteinlage.
„Da siehst du, Onkel, es ist alles in Ordnung, wenn ich sicher bin. Dann gehen wir drauflos, mit allem, was wir haben. Nicht wahr, Bassett?«
„Jawohl, Master Paul.”
„Und wann bist du sicher?« fragte der Onkel lachend.
„Ach, manchmal bin ich ganz sicher, so wie bei Daffodil”, sagte der Junge, »und manchmal habe ich nur so ein Gefühl, und manchmal hab ich überhaupt keine Ahnung, nicht wahr, Bassett? Dann sind wir vorsichtig, weil wir dann meistens verlieren.«
„Aha, so ist das! Und wenn du sicher bist, so wie bei Daffodil, woher bist du dann so sicher, mein Sohn?«
„Ach – hm -, das weiss ich nicht«, sagte der Junge verlegen. »Ich bin eben sicher, verstehst du, Onkel? Das ist alles.«
„Als ob er’s vom Himmel hätte, Sir«, beteuerte Bassett von neuem.
„Was ihr nicht sagt«, meinte der Onkel.
Aber er wurde Partner. Und als das Leger-Rennen bevorstand, war Paul sicher wegen Lively Spark, das ein ganz unbedeutendes Pferd war. Der Junge bestand darauf, tausend auf das Pferd zu setzen; Bassett entschloss sich zu fünfhundert, und Oscar Creswell setzte zweihundert. Lively Spark wurde erster Sieger, und es war zehn zu eins dagegen gesetzt worden. Paul hatte zehntausend gewonnen.
»Es ist bloss, weil ich ganz sicher war”, sagte er.
Sogar Oscar Creswell hatte zweitausend eingesackt.
„Höre, mein Sohn«, sagte er, „die Geschichte macht mich nervös.”
»Nicht nötig, Onkel«, sagte Paul. »Vielleicht bin ich jetzt auf lange Zeit hinaus nicht mehr sicher.«
»Also, was willst du mit dem Geld machen?” fragte der Onkel.
»Ich hab’s natürlich wegen Mutter gemacht”, sagte der Junge. »Sie sagte, sie hätte kein Glück, weil Vater kein Glück hätte, und da dachte ich, wenn ich nun Glück hätte, würde das Getuschel vielleicht aufhören.”
„Was für ein Getuschel würde aufhören?«

»In unserm Haus. Ich hasse unser Haus, weil es überall tuschelt.«
„Was tuschelt es?”
„Oh – ach -«, der Junge wurde unruhig, »ach, ich weiss nicht. Aber es ist nie genug Geld da, Onkel, weisst du’s?«
„Ich weiss, mein Junge, ich weiss.”
„Und weisst du auch, dass die Leute Mutter immer Briefe schicken, Onkel?«
„Ja, leider.«
„Und dann tuschelt das Haus, wie jemand, der einen hinter dem Rücken auslacht. Es ist scheusslich. Wirklich. Ich dachte, wenn ich Glück hätte-”
„- könntest du es zum Schweigen bringen.«
Der Knabe betrachtete ihn mit grossen blauen Augen, in denen ein unheimliches Feuer loderte. Er sagte kein Wort.
„Und nun?« sagte der Onkel. „Was wollen wir nun tun?”
»Ich möchte nicht, dass Mutter weiss, dass ich Glück hatte”, sagte der Knabe.
»Warum nicht, mein Junge?«
„Sie würde es nicht länger zulassen.«
„Das glaube ich kaum.«
„Oh!” Der Junge wand sich auf seltsame Art: „Ich will’s aber nicht, dass sie es erfährt.”
„Gut, mein Junge, dann werden wir es so einrichten, dass sie es nicht erfährt.«
Es gelang ihnen ganz leicht. Paul händigte seinem Onkel auf dessen Vorschlag hin fünftausend Pfund aus, die bei dem Familienrechtsanwalt hinterlegt wurden. Dieser sollte Pauls Mutter benachrichtigen, dass ein Verwandter ihm fünftausend Pfund übergeben hätte, welche Summe zu je eintausend Pfund während der nächsten fünf Jahre an Mutters Geburtstag ausgezahlt werden sollte.
„Dann hätte sie fünf Jahre hintereinander ein Geburtstagsgeschenk von tausend Pfund”, sagte Onkel Oscar. »Hoffentlich wird es dann nicht später um so schwerer für sie.«
Pauls Mutter hatte im November Geburtstag. Das Haus hatte in letzter Zeit schlimmer denn je „getuschelt”, und selbst trotz seines Glücks hatte Paul es nicht ertragen können. Er sehnte sich sehr danach, die Wirkung des Geburtstagsbriefes zu sehen, der seiner Mutter von den tausend Pfund berichten würde.
Wenn keine Gäste da waren, nahm Paul jetzt die Mahlzeiten mit seinen Eltern ein, da er der Kinderstube entwachsen war. Seine Mutter ging fast täglich in die Stadt. Sie hatte entdeckt, dass sie ein eigenartiges Talent hatte, Pelze und Kleiderstoffe zu entwerfen; deshalb arbeitete sie heimlich im Studio einer Freundin, die bei den führenden Stoffhändlern als erste Künstlerin galt. Für Zeitungsreklamen zeichnete sie Damen in Pelzen und Damen in Seide und Flitter. Diese junge Künstlerin verdiente mehrere tausend Pfund im Jahr; Pauls Mutter jedoch verdiente nur mehrere hundert Pfund im Jahr, und wieder war sie nicht zufrieden. Sie wollte unbedingt in einer Sache
hervorragend sein, und das gelang ihr nicht, nicht einmal mit den Skizzen für Kleiderstoffreklamen.

Am Morgen ihres Geburtstages sass sie unten beim Frühstück. Paul beobachtete ihr Gesicht, während sie ihre Briefe las. Er erkannte den Brief des Rechtsanwalts. Als sie ihn las, verhärtete sich ihr Gesicht und wurde ausdruckslos. Dann bildete sich ein kalter, entschlossener Zug um ihren Mund. Sie versteckte den Brief unter dem Stoss der übrigen Post und sagte kein Wort darüber. „Hast du bei der Post nichts Nettes für deinen Geburtstag gehabt, Mutter?« fragte Paul.
„Ach, so ziemlich«, sagte sie, und ihre Stimme klang kalt und abwesend. Sie fuhr in die Stadt, ohne noch etwas zu sagen.
Aber am Nachmittag erschien Onkel Oscar. Er erzählte, Pauls Mutter habe eine lange Besprechung mit dem Rechtsanwalt gehabt und gefragt, ob nicht die ganzen fünftausend sofort ausbezahlt werden könnten, da sie Schulden habe.
„Was findest du, Onkel?” fragte der Knabe.
„Ich überlasse es dir, mein Sohn.«
„Oh, dann soll sie alles haben. Ich kann mit dem andern Geld noch mehr verdienen”, sagte der Junge.
„Der Vogel in der Hand ist mehr wert als die Taube auf dem Dache, mein Kleiner”, sagte Onkel Oscar.
»Aber beim Grand National weiss ich es sicher oder beim Lincolnshire oder beim Derby. Bei einem von diesen dreien weiss ich es bestimmt ganz sicher«, sagte Paul.
Also unterzeichnete Onkel Oscar das Schriftstück, und Pauls Mutter erhielt die ganzen fünftausend Pfund. Darauf ereignete sich etwas sehr Merkwürdiges. Die Stimmen im Haus wurden auf einmal völlig verrückt, wie ein Chor von Fröschen an einem Frühlingsabend. Einige neue Möbel wurden angeschafft, und Paul erhielt einen Hauslehrer. Er sollte nun wirklich im nächsten Herbst nach Eton auf seines Vaters Schule geschickt werden. Im Winter war das Haus voll Blumen, und aller Luxus tauchte auf, an den seine Mutter in ihrer Jugend gewöhnt war. Und doch – hinter den Zweigen von Mimosen und Mandelblüten und den Stössen schillernder Kissen kreischten und schrillten die Stimmen geradezu in Ekstase: »Mehr Geld muss herbei! O-h-h! Mehr Geld muss herbei! Oh, gleich, gleich! Gleich – muss mehr Geld herbei! Mehr als früher! Mehr als früher!”
Paul erschrak furchtbar. Mit seinen Hauslehrern studierte er weiter an seinem Latein und Griechisch. Aber das emsigste Studium betrieb er mit Bassett. Das Grand National war vorbei: er hatte nichts „gewusst« und hundert Pfund verloren. Der Sommer nahte. Er stand Todesängste wegen des Lincoln aus. Doch selbst für das Lincoln „wusste” er nichts und verlor fünfzig Pfund. Seine Augen sahen verstört und seltsam aus, als ob etwas in ihm bersten wollte.
„Lass es gehen, mein Junge! Mach dir nicht solche Sorgen deswegen!” sagte Onkel Oscar. Aber es war gerade, als ob der Knabe nicht hörte, was sein Onkel sagte.
„Für das Derby muss ich es wissen, für das Derby muss ich es wissen”, wiederholte das Kind immer wieder, und seine grossen blauen Augen brannten wie in einem Wahn.
Seiner Mutter fiel es auf, wie überanstrengt er aussah.
„Du solltest ans Meer gehen! Möchtest du nicht lieber jetzt schon ans Meer gehen, anstatt noch länger zu warten? Ich finde, es wäre besser!” sagte sie und blickte besorgt auf ihn hinunter, und es war ihr merkwürdig schwer ums Herz seinetwegen.
Aber der Knabe schlug seine unheimlichen blauen Augen auf.

»Ich kann unmöglich vor dem Derby gehen, Mutter”, sagte er. „Unmöglich!”
„Warum nicht?« sagte sie, und ihre Stimme klang streng, weil ihr widersprochen wurde. »Warum nicht? Du kannst trotzdem von der See aus ans Derby fahren und mit deinem Onkel Oscar zuschauen, wenn du das gern möchtest. Du brauchst doch nicht hier darauf zu warten. Überhaupt finde ich, du bekümmerst dich viel zu sehr um diese Pferderennen. Das ist ein schlechtes Zeichen. Meine Familie war immer auf Glücksspiele aus, und weil du noch nicht erwachsen bist, kannst du nicht begreifen, wieviel Unheil dadurch angerichtet wurde. Und es wurde Unheil angerichtet. Ich werde Bassett entlassen müssen und Onkel Oscar bitten, nicht mit dir über die Rennen zu sprechen, falls du mir nicht versprichst, vernünftiger zu sein. Geh ans Meer und vergiss es! Du bist ja ein Nervenbündel!«
„Ich tue alles, was du willst, Mutter, nur schicke mich erst nach dem Derby weg”, sagte der Junge.
„Wegschicken? Von wo? Hier von diesem Haus?«
»Ja”, sagte er und blickte sie an.
„Aber, du sonderbares Kind, warum hängst du denn auf einmal so sehr an diesem Haus? Ich wusste nicht, dass du es so liebst!«
Er blickte sie stumm an. Er hatte ein doppeltes Geheimnis, etwas, das er nicht einmal Bassett oder seinem Onkel verraten hatte.
Seine Mutter jedoch, die zuerst ein paar Augenblicke unentschlossen und ein wenig ärgerlich dagestanden hatte, sagte:
„Nun, meinetwegen! Geh dann nach dem Derby ans Meer, wenn du es so willst. Aber versprich mir, dass du dir die Nerven nicht noch mehr ruinierst! Versprich mir, dass du nicht mehr soviel an Pferderennen und Ereignisse denkst, wie du es nennst.«
„O nein”, sagte der Junge obenhin. „Ich werde nicht daran denken. Du brauchst dich nicht zu sorgen. Ich würde mir keine Sorgen machen, Mutter, wenn ich du wäre.«
„Wenn du ich wärest und ich du wäre, dann möchte ich wohl wissen, was wir tun würden«, sagte die Mutter.
„Aber du weisst doch, dass du dich nicht zu sorgen brauchst, nicht wahr, Mutter?«
„Ich wäre furchtbar froh, wenn ich’s wüsste”, sagte sie müde.
»Oh, aber du kannst froh sein. Ich meine, du musst glauben, dass du dir keine Sorgen zu machen brauchst”, beharrte er.
„Muss ich? Dann will ich es mir vornehmen«, sagte sie.
Pauls geheimstes Geheimnis war sein hölzernes Schaukelpferd, das namenlose. Seit er der Kinderfrau und der Erzieherin entwachsen war, hatte er sich das Schaukelpferd in sein eigenes Schlafzimmer oben im Haus stellen lassen.
„Aber du bist doch zu alt für ein Schaukelpferd”, hatte die Mutter eingewandt.
»Ach, weisst du, Mutter, bis ich ein richtiges Pferd haben kann, möchte ich gern irgendein Tier bei mir haben«, hatte die wunderliche Antwort gelautet.
»Findest du, dass es dir Gesellschaft leistet?« lachte sie.
„O ja, es ist sehr gut und leistet mir immer Gesellschaft, wenn ich da bin”, sagte Paul.
So stand also das ziemlich schäbige Schaukelpferd, im Sprung erstarrt, in des Knaben Schlafzimmer.
Das Derby rückte näher, und die Spannung des Knaben wuchs. Er hörte kaum, was man zu ihm sagte; er war sehr schwach, und seine Augen sahen wirklich unheimlich aus. Seine Mutter hatte plötzlich seltsame Anwandlungen von Unruhe seinetwegen. Manchmal spürte sie eine halbe Stunde lang eine jähe Sorge, die fast Angst war. Dann wollte sie sogleich zu ihm stürzen und sich überzeugen, dass es ihm gutginge.

Zwei Nächte vor dem Derby war sie in der Stadt auf einer grossen Gesellschaft, als einer dieser Angstanfälle um ihren Sohn, ihren Erstgeborenen, ihr so ans Herz griff, dass sie kaum sprechen konnte. Sie kämpfte mit aller Macht gegen das Gefühl an; denn sie gab viel auf gesunden Menschenverstand. Aber es war zu stark. Sie musste den Tanzsaal verlassen und nach unten gehen und bei sich zu Hause anrufen. Die Erzieherin der Kinder war furchtbar überrascht und erschrocken, weil man ihr mitten in der Nacht telephonierte.
„Geht es den Kindern gut, Miss Wilmot?«
„0 ja, es geht ihnen sehr gut.«
»Und Master Paul? Wie geht’s ihm?«
»Er ging zu Bett und war wohl und munter. Soll ich nach oben springen und nach ihm schauen?«
»Nein”, sagte seine Mutter zaudernd. »Nein, lassen Sie nur. Es ist gut. Und bleiben Sie nicht auf! Wir werden bald heimkommen.” Sie wollte nicht, dass ihr Sohn gestört würde.
„Gut”, sagte die Erzieherin.
Es war gegen ein Uhr, als Pauls Vater und Mutter vor ihrem Hause vorfahren. Alles war still. Pauls Mutter ging in ihr Zimmer und schlüpfte aus ihrem weissen Pelzmantel. Sie hatte ihrer Zofe gesagt, nicht auf sie zu warten. Unten hörte sie ihren Mann, der sich einen Whiskysoda mischte. Und dann, wegen der seltsamen Angst in ihrem Herzen, schlich sie sich nach oben vor das Zimmer ihres Sohnes. Lautlos ging sie den oberen Korridor entlang. War das nicht ein schwaches Geräusch? Was war es?
Sie stand mit angespannten Muskeln vor seiner Tür und lauschte. Es war ein seltsames dumpfes und doch nicht lautes Geräusch. Ihr Herz stand still. Es war ein tonloses Geräusch und doch wild und gewaltig. Etwas Riesiges. Eine heftige, aber gedämpfte Bewegung. Was war es? Was in Gottes Namen war es? Sie meinte es zu wissen. Sie ahnte, dass sie es wusste. Sie wusste, was es war.
Und doch konnte sie es nicht unterbringen. Sie konnte nicht sagen, was es war. Und es ging weiter und weiter, wie verrückt.
Leise, vor Furcht und Angst wie gelähmt, drehte sie den Türknauf.
Das Zimmer war dunkel. Doch in der Nähe des Fensters hörte und sah sie etwas auf und ab tauchen. Sie starrte furchtsam und entsetzt.
Dann plötzlich schaltete sie das Licht an und sah ihren Sohn in seinem grünen Schlafanzug, der wie toll auf dem Schaukelpferd ritt. Das jäh aufflammende Licht traf ihn, wie er das hölzerne Pferd antrieb, und sie, wie sie da blond in ihrem grünkristallenen Kleid auf der Schwelle stand.
»Paul!” rief sie. »Was machst du denn nur?«
»Malabar ist’s!« schrie er mit mächtiger, fremder Stimme. »Malabar ist’s!”
Seine Augen funkelten sie eine Sekunde lang fremd und sinnlos an, während er innehielt und das Pferd nicht länger antrieb. Dann fiel er krachend zu Boden, und sie, überflutet von der Qual ihres mütterlichen Gefühls, stürzte vor, um ihn aufzuheben.
Aber er war ohne Besinnung, und er blieb ohne Besinnung und bekam ein Gehirnfieber. Er redete und warf sich umher, und seine Mutter sass versteinert neben ihm.
„Malabar! Malabar ist’s! Bassett, Bassett, ich weiss es! Es ist Malabar!”
So schrie der Knabe und versuchte aufzustehen und das Schaukelpferd anzutreiben, das ihn inspirierte

„Was meint er mit Malabar?” fragte die Mutter mit eisigem Herzen.
»Ich weiss es nicht«, sagte der Vater versteinert.
„Was meint er mit Malabar?« fragte sie ihren Bruder Oscar.
»Es ist eins der Pferde, die bei dem Derby laufen«, war die Antwort.
Und gegen seinen Willen sprach Onkel Oscar mit Bassett und setzte selbst tausend auf Malabar: vierzehn zu eins.
Am dritten Tag der Krankheit war die Krise: sie warteten auf den Wechsel. Der Knabe wälzte sich mit seinem langen, lockigen Haar rastlos auf dem Kissen umher. Er schlief nicht, noch erlangte er das Bewusstsein, und seine Augen waren wie blaue Steine. Seine Mutter sass da und spürte ihr Herz nicht mehr, als sei sie wirklich zu Stein geworden.
Am Abend erschien Oscar Creswell nicht; aber Bassett liess fragen, ob er für einen Augenblick, nur für einen kurzen Augenblick, nach oben kommen dürfe. Pauls Mutter war sehr böse über diese Zudringlichkeit, aber dann besann sie sich und willigte ein. Dem Jungen ging es immer gleich. Vielleicht brachte Bassett ihn zur Besinnung zurück.
Der Gärtner, ein gedrungener Bursche mit braunem Schnurrbärtchen und kleinen, scharfen braunen Augen, betrat das Zimmer auf Zehenspitzen, fasste, Pauls Mutter grüssend, an die nicht vorhandene Mütze und stahl sich an das Bett. Mit funkelnden kleinen Äuglein blickte er auf das sich herumwerfende sterbende Kind.
„Master Paul!« flüsterte er. »Master Paul! Malabar kam wirklich als Erster! Ein glatter Sieg! Ich hab getan, was Sie mir sagten. Sie haben über siebzigtausend Pfund gewonnen, ja, und nun haben Sie achtzigtausend! Malabar hat gesiegt, Master Paul!”
»Malabar! Malabar! Habe ich Malabar gesagt, Mutter? Habe ich Malabar gesagt? Glaubst du jetzt, dass ich Glück habe, Mutter? Ich wusste, dass es Malabar ist, siehst du wohl? Über achtzigtausend Pfund! Das nenn ich Glück, Mutter, du auch? Über achtzigtausend Pfund! Ich wusste es! Hab ich nicht gewusst, dass ich’s wusste? Malabar hat gesiegt. Wenn ich so lange reite, bis ich sicher bin, dann kannst du so hoch setzen, wie du willst, Bassett, das sag ich dir. Hast du alles gesetzt, was du hast, Bassett?«
»Ich hab tausend gesetzt, Master Paul.«
„Ich hab’s dir nie erzählt, Mutter: wenn ich mein Pferd reite und hinkomme, dann bin ich sicher, oh, ganz sicher. Ich habe Glück, Mutter, habe ich’s dir nie gesagt?«
»Nein, nie”, sagte die Mutter.
Der Knabe aber starb in der gleichen Nacht.
Und noch während er tot dalag, hörte seine Mutter ihres Bruders Stimme, die zu ihr sprach: „Mein Gott, Hester, über achtzigtausend Pfund kannst du als Gewinn buchen und einen armen Teufel von Sohn als Verlust. Armer Teufel! Armer Teufel! Für ihn ist’s ja doch am besten, dass er aus einem Leben ging, in dem er sein Schaukelpferd reiten musste, um den Sieger herauszufinden.«

Haarschneiden

von Ring Lardner

Ich habe einen Frisörgehilfen, der am Samstag von Carterville herüberkommt, aber sonst schaff ich’s allein ganz gut. Sie sehen ja selbst, unsere Ortschaft hier ist nicht New York City, und ausserdem sind die meisten tagsüber beschäftigt und haben gar keine Zeit, hier hereinzukommen und sich schönmachen zu lassen.
Sie sind hier neu, wie? Es war mir doch, ich hätte Sie noch nie gesehen. Hoffentlich gefällt es Ihnen so gut, dass Sie bleiben. Wir haben hier, wie gesagt, kein New York City oder Chicago, aber es passiert doch allerhand. Nicht mehr so viel allerdings, seit Jim Kendall ums Leben kam. Als er noch lebte, da war vielleicht etwas gefällig! Er und Hod Meyers sorgten für Betrieb; da wurde mehr gelacht als in irgendeinem amerikanischen Ort gleicher Grösse.
Jim war ein Spassvogel, und Hod kam fast an ihn heran. Seit Jim nicht mehr da ist, versucht er allein, Betrieb zu machen, aber das ist eine mühsame Sache, wenn man keinen Partner nicht hat.
Am Samstag war hier immer etwas los. Da ist der Laden bumsvoll, von vier Uhr an. Jim und Hod kamen jeweils gleich nach dem Abendessen, ungefähr um sechs. Jim setzte sich auf den grossen Stuhl dort beim blauen Spucknapf. Wenn schon einer dort sass, ja, dann stand er eben auf, wenn Jim hereinkam, und überliess ihm den Platz.
Man hätte meinen können, es sei ein reservierter Platz, wie es das manchmal im Theater gibt. Hod stand meistens herum oder ging auf und ab, oder von Zeit zu Zeit sass er natürlich auf diesem Stuhl hier, zum Haarschneiden.
Nun, Jim sass also eine Weile da, ohne den Mund aufzumachen, ausser zum Ausspucken, und schliesslich sagte er dann zu mir: „Whitey”, sagte er- mein Name, das heisst, mein Vorname ist eigentlich Dick, aber jeder hier in der Gegend nennt mich Whitey -, „Whitey”, sagte er also jeweils, „deine Nase leuchtet wieder wie eine Rosenknospe. Du hast wohl von deinem Eau-de-Cologne-Wasser getrunken?”
Da sagte ich denn jeweils: „Nein, Jim, aber du siehst aus, als hättest du etwas Ähnliches getrunken.”
Das brachte ihn natürlich zum Lachen, aber dann gab er jeweils zurück: „Nein, ich habe noch nichts Trinkbares nicht gehabt, aber das heisst nicht, dass ich nicht gerne was hätte. Auch wenn’s nur Holzsprit wäre, mir wär’s gleich.”
„Deiner Frau auch”, bemerkte dann Hod Meyers. Das brachte natürlich jedermann zum Lachen, weil Jim und seine Frau nicht gut miteinander auskamen. Sie hätte sich scheiden lassen, aber da bestand keine Aussicht auf Alimente, und allein konnte sich die Frau mit den Kindern nicht durchs Leben schlagen. Sie hatte nie keinen Sinn für Verständnis nicht. Jim war zwar etwas grob, aber innerlich doch ein guter Kerl.
Wenn ich dran denke, wie er und Hod jeweils Milt Shoppard hoch nahmen. Milt haben Sie wohl noch nicht gesehen. Der hat einen Adamsapfel, fast so gross wie eine Melone. Ich war also dran, Milt zu rasieren, und wenn ich mit dem Messer hier den Hals runterfuhr, dann rief Hod jeweils: „He, Whitey, wart mal! Bevor du hineinschneidest, wollen wir Geld zusammenlegen und sehen, wer am genauesten erraten kann, wie viele Kerne drin sind.”
Und Jim sagte jeweils: „Wenn Milt nicht alles allein haben wollte, hätte er eine halbe Melone bestellt statt einer ganzen, dann wäre sie ihm nicht im Hals steckengeblieben.«

Alle meine Kunden mussten natürlich laut lachen, und Milt selber nötigte sich ein Lächeln ab, obwohl es auf ihn gemünzt war. Jim war einfach unwiderstehlich.
Da steht noch seine Rasierschale, grad neben der von Charley Vail. „Charles M. Vail.” Das ist der Apotheker, auch ein Stammkunde von mir. Kommt dreimal die Woche zum Rasieren. Und die Schale neben der von Charley gehörte Jim. „James H. Kendall.” Jetzt braucht er ja keine Schale nicht mehr, aber ich lasse sie aus Pietät dort stehen. Jim war eine ulkige Kruke!
Früher reiste Jim für eine Konservenfabrik drüben in Carterville. Dort wurden Konserven fabriziert. Jim hatte die nördliche Hälfte des Staates und war jede Woche fünf Tage lang unterwegs. Am Samstag kam er jeweils bei mir vorbei und erzählte, was er die Woche hindurch alles erlebt hatte. Einfach köstlich.
Wahrscheinlich war er mehr darauf aus, Schabernack zu treiben, als Bestellungen aufzunehmen. Zuletzt entliess ihn die Fabrik, und er kam geradewegs hierher und erzählte jedermann, er sei entlassen worden, statt zu sagen, er habe die Stellung aufgegeben, wie die meisten getan hätten.
Es war an einem Samstag, der Laden war voll, und Jim stand auf von dem Stuhl dort und sagte: „Meine Herren, ich habe eine wichtige Mitteilung zu machen. Ich habe meine Stellung verloren.«
Nun, man fragte ihn, ob das sein Ernst sei, und er sagte ja, und niemand wusste etwas darauf zu erwidern, bis er schliesslich selber das Eis brach. „Ich habe Konserven verkauft, eimerweise”, sagte er, „und nun bin ich selbst im Eimer.” Er war einfach unwiderstehlich!
Er hatte sich da etwas Lustiges ausgedacht, als er noch reiste. Wenn er mit der Bahn fuhr, und der Zug hielt in irgendeiner Ortschaft, sagen wir, nun, in Benton zum Beispiel, dann schaute er zum Wagenfenster hinaus und las die Ladenschilder
Wenn da zum Beispiel eine Tafel war, ,Henry Smith, Weisswaren’, dann schrieb sich Jim den Namen und die Ortschaft auf, und wenn er dann ankam, wo immer er hinfuhr, dann schickte er eine Postkarte an Henry Smith in Benton, ohne Unterschrift; auf der Karte stand nur, nun, zum Beispiel: ,Frag Deine Frau nach dem Bücherreisenden, der letzte Woche einen Nachmittag bei ihr verbrachte’, oder ,Frag Deine Frau, wer ihr Gesellschaft leistete, als Du das letztemal in Carterville warst.’ Unterschrieben war die Karte mit ,ein Freund’.
Natürlich wusste er nie, was dabei herauskam, aber er konnte es sich lebhaft vorstellen, und das genügte.
Jim hatte keine regelmässige Arbeit mehr, nachdem er seine Stellung verloren hatte, und was er mit Gelegenheitsarbeiten verdiente, das gab er fast alles in den Wirtschaften aus, und seine Familie hätte verhungern können, wenn man die Frau in den Läden nicht hätte anschreiben lassen. Sie versuchte, sich als Damenschneiderin durchzubringen, aber damit wird hierzulande niemand reich.
Wie gesagt, sie hätte sich scheiden lassen, nur dass sie eben sich und die Kinder allein nicht durchbringen konnte, und sie hoffte immer, Jim werde sich eines Tages bessern und ihr mehr als zwei oder drei Dollar die Woche geben.
Eine Zeitlang ging sie jeweils zu Jims Arbeitgeber, wenn er grade einen hatte, und verlangte dort seinen Lohn, aber nachdem sie das ein paarmal getan hatte, kam er ihr zuvor, indem er sich einen beträchtlichen Vorschuss auf seinen Lohn geben liess.

Er erzählte es im ganzen Ort herum, wie er seine Frau überlistet hatte. Eine ulkige Kruke!
Übrigens genügte es ihm nicht, sie überlistet zu haben. Es kränkte ihn, wie sie sich benommen hatte, um ihn um seinen Lohn zu prellen, und er beschloss, es ihr heimzuzahlen. Er wartete ruhig, bis wieder einmal der Zirkus eine Vorstellung ankündigte. Da versprach er seiner Frau und den beiden Kindern, er werde mit ihnen in den Zirkus gehen. An dem betreffenden Tag sagte er ihnen dann, er gehe die Karten besorgen und werde sie am Zelteingang treffen.
Natürlich hatte er nicht die geringste Absicht, dort zu sein oder gar Karten zu kaufen oder sonst was. Er trieb sich den ganzen Tag in den Kneipen herum und an den Billardtischen. Seine Frau und die Kinder warteten unterdessen und warteten, und natürlich ganz umsonst. Geld hatte die Frau keines mit, vermutlich hatte sie überhaupt keins. So musste sie den Kindern schliesslich sagen, es sei nichts damit, und die weinten natürlich und wollten mit Weinen nicht aufhören.
Nun kam da offenbar Dr. Stair dazu, als sie noch weinten, und der fragte, was los sei, aber die Frau war verstockt und wollte es ihm nicht sagen, die Kinder dagegen erzählten es ihm, und er bestand darauf, mit ihnen und der Mutter in den Zirkus zu gehen. Jim erfuhr nachher davon, und von da an hatte er einen Groll gegen Dr. Stair.
Dr. Stair ist erst seit etwa anderthalb Jahren hier. Er ist ein feiner junger Mann, und seine Anzüge sehen aus wie nach Mass gemacht. Zwei- oder dreimal im Jahr fährt er nach Detroit, und wahrscheinlich lässt er sich bei dieser Gelegenheit das Mass nehmen und bezieht dann seine Anzüge von dort. Sie kosten so fast doppelt soviel, aber sie passen besser als von der Stange.
Eine Zeitlang wunderte sich jedermann, was einen jungen Arzt wie Dr. Stair veranlasst haben mochte, hierherzukommen, wo wir doch bereits Dr. Gamble und Dr. Foote haben, die schon seit Jahren hier sind und den Ort unter sich aufgeteilt haben.
Dann sprach es sich herum, Dr. Stairs Mädel habe ihm den Laufpass gegeben, deshalb habe er sich hier vergraben, um zu vergessen. Er selber behauptete, es gehe nichts über eine Praxis an einem Ort wie dem unsern, um sich die nötige Erfahrung als Arzt zu verschaffen; deshalb sei er hergekommen.
Jedenfalls ging es nicht lange, bis er genug verdiente, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, obwohl ich mir habe sagen lassen, er betreibe nie jemand von wegen Schulden, und die Leute hier sind weiss Gott keine pünktlichen Zahler, da kann ich selber ein Lied davon singen. Wenn ich alles hätte, was man mir allein fürs Rasieren schuldet, könnte ich nach Carterville fahren und eine Woche lang in einem erstklassigen Hotel absteigen und jeden Abend in ein anderes Kino gehen. Zum Beispiel, was den alten George Purdy anbetrifft – aber man soll ja nicht alles ausplaudern
Nun, letztes Jahr starb unser Leichenbeschauer. An der Grippe ist er gestorben. Ken Beatty hiess er. Das war der Leichenbeschauer. So musste man einen Nachfolger wählen, und die Wahl fiel auf Dr. Stair. Der lachte zuerst bloss und sagte, er wolle das Amt nicht, liess sich aber doch überreden. Es ist ja nicht ein Amt, nach dem ein Andrang herrscht, und was einer dabei verdient, das reicht gerade fürs Suppengrün. Aber Dr. Stair gehört nun einmal zu denen, die nicht nein sagen können, wenn man ihnen lange genug zusetzt.

Aber ich wollte Ihnen von einem armen Jungen erzählen, den wir hier im Ort haben – Paul Dickson. Er fiel von einem Baum herunter, als er etwa zehn war. Fiel auf den Kopf, und das hat ihm geschadet, und seither ist er nicht mehr ganz richtig. Durchaus harmlos, nur et was schwachsinnig. Jim Kendall sagte, er habe ‘ne Meise, er sagte das überhaupt von jedem, der nicht ganz richtig im Kopf war. Nur sagte Jim jeweils nicht Kopf, er sagte Dez dazu. Das war auch so einer von seinen Einfällen, Dez zu sagen statt Kopf und ‘ne Meise statt schwachsinnig.
Sie können sich vorstellen, dass Jim mit Paul Dickson allerhand lustige Dinge trieb. So schickte er ihn einmal in eine Garage, um einen englischen Schlüssel für Linkshänder zu holen. Natürlich gibt es so etwas gar nicht.
Paul, der Ärmste, war immer etwas misstrauisch, vielleicht gerade von wegen Jim. Er verkehrte mit fast niemand, nur mit seiner Mutter und mit Dr. Stair und einem Mädchen hier im Ort namens Julie Gregg. Das heisst, ein Mädchen ist sie nun auch nicht mehr, so an die Dreissig oder darüber.
Als Dr. Stair hierherzog, glaubte Paul offenbar, er habe an ihm einen wirklichen Freund, und er hielt sich die meiste Zeit in seiner Praxis auf, ausser wenn er nach Hause ging, um zu essen oder zu schlafen, oder wenn er Julie Gregg sah, wie sie einholen ging.
Wenn er beim Arzt zum Fenster hinaussah und sie erblickte, dann lief er hinunter und schloss sich ihr an und trottete neben ihr von einem Laden zum andern. Der arme Kerl war ganz in sie vernarrt, und sie war immer freundlich zu ihm und tat, als sei er willkommen, dabei hatte sie bloss Mitleid mit ihm.
Dr. Stair gab sich alle Mühe, Pauls Zustand zu verbessern, und einmal sagte er mir, er glaube, mit dem Jungen gehe es wirklich besser, manchmal sei er so vernünftig und gescheit wie sonst jemand.
Aber ich wollte Ihnen von Julie Gregg erzählen. Ihr Vater war Holzhändler, kam aber ins Trinken und verlor fast sein ganzes Vermögen, und als er starb, hinterliess er nichts als das Haus und gerade genug Versicherung, dass die Tochter sich dürftig durchschlagen konnte.
Ihre Mutter war kränklich und ging kaum mehr aus. Julie wollte nach dem Tod ihres Vaters das Haus verkaufen und woandershin ziehen, aber die Mutter sagte, sie sei hier geboren und wolle auch hier sterben. Das war hart für Julie, die jungen Leute hier in der Gegend nämlich – nun, sie ist zu schade für sie.
Sie ist auf einer guten Schule gewesen und in Chicago und New York und anderswo, und es gibt überhaupt nichts, worüber sie nicht mitreden kann, während die jungen Leute hier in der Gegend, wenn man denen von etwas anderem spricht als von Gloria Swanson und Tommy Meighan, dann glauben sie, man rede irre. Haben Sie übrigens Gloria in ,Der Tugend Lohn’ gesehen? Da haben Sie etwas verpasst!
Nun, Dr. Stair war noch keine Woche hier, als er eines Tages hier hereinkam, um sich rasieren zu lassen. Ich erkannte ihn, da man mich auf ihn aufmerksam gemacht hatte, und so erzählte ich ihm von meiner Mutter. Sie ist seit einigen Jahren kränklich, und weder Dr. Gamble noch Dr. Foote konnten ihr helfen, wie es schien. Er versprach, sie zu besuchen, aber wenn sie ausgehen könne, sei es besser, sie komme in seine Praxis, da könne er sie gründlicher untersuchen.

So brachte ich sie denn zu ihm, und während ich im Wartezimmer sass, kam Julie Gregg herein. Wenn jemand zu Dr. Stair kommt, bimmelt es bei ihm drinnen, damit er weiss, es ist jemand da.
So liess er denn meine Mutter drinnen und kam heraus, und das war das erste Mal, dass Julie und er sich sahen, und ich glaube, es war, was man Liebe auf den ersten Blick nennt. Allerdings nicht gegenseitig. Dieser junge Arzt war der feinste Mann, den sie je in unserem Ort gesehen hatte; kein Wunder, dass sie hin war. Für ihn war sie bloss ein Fräulein, das zum Arzt wollte.
Sie war in einer ähnlichen Sache da wie ich. Ihre Mutter hatte sich seit Jahren von Dr. Gamble und Dr. Foote behandeln lassen, ohne Erfolg. Als sie von dem neuen Arzt hörte, entschloss sie sich deshalb, es einmal mit ihm zu versuchen. Er versprach, noch am selben Tag vorbeizukommen.
Ich sagte vorhin, es sei Liebe auf den ersten Blick gewesen. Dabei urteile ich nicht nur nach ihrem späteren Verhalten, sondern danach, wie sie ihn damals anschaute. Ich bin kein Gedankenleser, aber es war ganz unverkennbar, dass es sie erwischt hatte.
Nun war Jim Kendall nicht nur ein Spassvogel und ein tüchtiger Trinker, er war ausserdem noch ein Schürzenjäger. Er hat es wohl ziemlich arg getrieben, als er noch für die Konservenfabrik reiste, und auch hier im Ort hatte er ein paar Geschichten gehabt. Seine Frau hätte sich scheiden lassen können, wie gesagt, nur konnte sie eben nicht.
Aber Jim war wie die meisten von uns. Er wollte, was er nicht kriegen konnte. Er wollte Julie Gregg und zerbrach sich fast den Kopf, wie er ans Ziel kommen könnte. Nur hätte er Dez gesagt statt Kopf.
Leider kam er mit seinem Lebenswandel und seinen lustigen Streichen bei Julie nicht an, und dazu kam noch, dass er verheiratet war.
So hatte er denn ebensowenig bei ihr zu bestellen wie, nun, wie ein Karnickel. Das ist auch so einer von seinen Sprüchen. Wenn jemand keine Aussicht hatte, gewählt zu werden oder irgend etwas, sagte Jim jeweils, er habe ebensowenig zu bestellen wie ein Karnickel.
Er machte kein Hehl daraus, wie es um ihn stand. Mehr als einmal hat er hier drin vor allen Leuten erklärt, er sei in Julie verknallt, und wer sie ihm verschaffe, könne dafür sein Haus mitsamt Frau und Kindern haben. Aber sie wollte nichts von ihm wissen, ja sie sprach nicht einmal mit ihm. Als er sah, dass er auf seine gewöhnliche Art nirgends hinkam, beschloss er, es mit handgreiflicheren Mitteln zu versuchen. Eines Abends ging er einfach zu ihrem Haus hin, und als sie die Tür aufmachte, zwängte er sich hinein und packte sie. Es gelang ihr aber, sich loszureissen und in das Nebenzimmer zu fliehen, wo sie sich einriegelte und Joe Barnes telephonierte. Joe ist der Polizeivorsteher. Jim hörte, mit wem sie telephonierte, und verkrümelte sich, bevor Joe hinkam.
Joe war ein alter Freund von Julies Vater; er ging am nächsten Tag zu Jim und setzte ihm auseinander, was ihm bevorstehe, wenn er das je wieder tue.

Ich weiss nicht, wie es kam, dass die Geschichte bekannt wurde. Möglicherweise erzählte Joe Barnes seiner Frau davon, und sie sagte es irgendeiner andern Frau, die es ihrem Mann erzählte. Jedenfalls kam es heraus, und Hod Meyers hatte die Stirn, Jim damit aufzuziehen, hier drin bei mir. Jim stellte es nicht in Abrede, er tat es mit einem Lachen ab und sagte, es sei noch nicht aller Tage Abend; schon viele hätten versucht, ihn für dumm zu verkaufen, aber er habe es ihnen noch immer heimgezahlt.
Inzwischen hatte es sich in der Stadt herumgesprochen, dass Julie auf den jungen Arzt versessen war. Vermutlich hatte sie keine Ahnung, was für eine Veränderung mit ihrem Gesicht vorging, wenn sie mit ihm zusammen war; wenn sie es geahnt hätte, wäre sie ihm aus dem Weg gegangen. Auch ahnte sie nicht, dass es allen schon längst aufgefallen war, wie oft sie unter irgendeinem Vorwand beim Arzt vorsprach oder auf der andern Seite der Strasse vorbeiging und zu seinem Fenster hinaufschaute. Mir tat sie leid und noch andern auch.
Hod Meyers hielt es Jim immer wieder vor, wie der Arzt ihn bei Julie ausgestochen habe. Jim kehrte sich nicht daran; es war unverkennbar, dass er wieder etwas im Schilde führte.
Bewundernswert war die Art, wie er seine Stimme verstellen konnte. Manchmal hätte man meinen können, es sei eine Mädchen stimme, und auch sonst konnte er jeden täuschend nachahmen. Um Ihnen zu zeigen, wie gut er sich darauf verstand, will ich Ihnen erzählen, wie er es mir einmal gemacht hat.
In den meisten grösseren Ortschaften, wissen Sie, wenn einer tot ist und rasiert werden muss, dann knöpft ihm der Frisör, der ihn rasiert, fünf Dollar dafür ab; das heisst, natürlich nicht ihm, sondern dem, von dem er den Auftrag hat. Ich verlange bloss drei Dollar, es macht mir nämlich nichts aus, einen Toten zu rasieren. Tote halten sich bedeutend ruhiger als lebende Kunden. Der einzige Nachteil ist, man hat keine Lust, mit ihnen zu plaudern, und fühlt sich etwas einsam.
Also, ungefähr am kältesten Tag, den wir hier je hatten, im vorletzten Winter, läutete bei mir zu Hause, während ich am Essen war, das Telephon, und als ich es abnahm, war da die Stimme einer Frau, und sie sagte, sie sei Frau Scott; ihr Mann sei gestorben, ich möchte doch kommen und ihn rasieren.
John Scott war einer meiner guten Kunden, wohnte aber sieben Meilen weit auf dem Land draussen. Trotzdem konnte ich nicht gut ablehnen.
Ich sagte deshalb zu, bemerkte aber, ich müsse einen Wagen nehmen, es könne deshalb noch drei oder vier Dollar mehr kosten als das Rasieren allein. Sie, oder die Stimme, sagte, das sei schon recht, und so liess ich mich denn von Frank Abbott hinausfahren, und als ich dort anlangte, wer macht mir die Tür auf? Niemand anders als John Scott selber! Er war ebensowenig tot wie, na, wie ein Karnickel.
Es brauchte keinen Privatdetektiv, um herauszufinden, wer mir den kleinen Streich gespielt hatte. Dergleichen konnte nur Jim Kendall einfallen. Das war eine ulkige Kruke!
Ich erzähle Ihnen das nur, um Ihnen zu zeigen, wie er seine Stimme verstellen konnte, so dass man glaubte, es sei jemand anders. Ich hätte geschworen, es sei Scotts Frau, die mich anrief. Oder jedenfalls eine Frau.

Jim wartete also, bis ihm Dr. Stairs Stimme geläufig war; dann ging er auf Rache aus.
Eines Abends, als er wusste, dass der Arzt in Carterville drüben war, rief er Julie an. Ich bin sicher, sie hielt es für Dr. Stairs Stimme. Jim sagte, er müsse sie unbedingt noch am selben Abend sprechen, um ihr etwas mitzuteilen, was keinen Aufschub leide. Sie war natürlich sehr gespannt und bat ihn, zu ihr zu kommen. Aber er sagte, er erwarte noch ein wichtiges Ferngespräch und ob sie nicht für dies eine Mal ihre gute Kinderstube vergessen und zu ihm in die Praxis kommen könne; es werde sie ja niemand sehen und er müsse einfach mit ihr sprechen. Nun, Julie fiel darauf herein.
Dr. Stair lässt immer ein Nachtlicht bei sich brennen, so dass Julie den Eindruck hatte, es sei jemand zu Hause.
Unterdessen war Jim in seine Stammkneipe gegangen, wo es fröhlich zuging. Die meisten hatten ziemlich getrunken, und es war eine rauhe Bande, auch wenn sie nüchtern waren. Sie machten immer gern mit, wenn Jim etwas ausgeheckt hatte, und als er ihnen sagte, sie sollten mitkommen, es gebe was, da liessen sie die Karten und das Billard und zogen hinterher.
Dr. Stairs Praxis befindet sich im ersten Stock. Grad ausserhalb der Haustür ist eine Treppe, die zum oberen Stock führt. Hinter dieser Treppe im Dunkeln versteckten sich Jim und seine Kumpanen.
Julie kam also vor die Haustür und läutete, ohne dass sich etwas regte. Sie läutete nochmals und hat wohl sieben- oder achtmal geläutet. Dann wollte sie die Tür aufklinken und fand sie verschlossen. Darauf liess Jim etwas von sich hören, und sie wartete einen Augenblick und sagte dann: „Bist du’s, Ralph?” Ralph ist der Vorname von Dr. Stair.
Es kam keine Antwort, und es muss ihr wohl plötzlich aufgegangen sein, dass man sie zum besten gehalten hatte. Fast wäre sie die Treppe hinuntergefallen und die Bande hinter ihr her. Auf dem ganzen Heimweg waren sie hinter ihr her und grölten: „Bist du’s, Ralph?” und „Ach, Ralphie, mein Lieber, bist du’s?” Jim behauptete nachher, er habe es selber nicht rufen können, so habe er gelacht.
Die arme Julie! Es ging lange, lange, bis sie sich wieder hier auf der Hauptstrasse blicken liess.
Natürlich erzählten es Jim und seine Kumpane jedermann im Ort, jedermann ausser Dr. Stair. Ihm wagten sie es nicht zu sagen, und er hätte es vielleicht gar nie erfahren, wenn nicht Paul Dickson gewesen wäre. Der arme Tropf, er war einmal hier im Laden, als Jim sich immer noch damit dicketat, wie er Julie hereingelegt habe. Und Paul verstand gerade genug davon, um mit der Geschichte zu Dr. Stair zu laufen.
Man kann sich vorstellen, dass er hochging und sich schwor, Jim einen Denkzettel zu geben. Aber es war eine heikle Sache; wenn es nämlich herauskam, dass er Jim zusammengeschlagen habe, dann musste Julie davon erfahren, und das hiess, dass sie wusste, dass der Arzt von der Geschichte wusste, und das machte die Sache natürlich nur um so schlimmer. Er musste also behutsam vorgehen.
Ich persönlich würde nie jemand im selben Boot mit mir schiessen lassen, wenn ich nicht sicher wäre, dass der Betreffende mit Schusswaffen umgehen kann. Es war dumm von Jim, seine Flinte einem blutigen Anfänger zu überlassen, geschweige denn einem Schwachsinnigen. Wahrscheinlich ist ihm recht geschehen. Aber wir vermissen ihn hier immer noch. Er war doch eine ulkige Kruke!
Feucht bürsten oder trocken?

Nun, ein paar Tage später war Jim wieder hier im Laden und der Schwachsinnige auch. Jim wollte am nächsten Tag auf die Entenjagd und hatte hereingeschaut, weil er Hod Meyers suchte, der mit sollte. Ich wusste zufällig, dass Hod nach Carterville gefahren war und erst gegen Ende der Woche wieder zurück sein werde. Jim sagte, er gehe nicht gern allein, dann lasse er es lieber bleiben. Darauf tat Paul den Mund auf und sagte, wenn Jim ihn mitnehme, er komme gerne mit. Jim überlegte es sich einen Augenblick und meinte dann, ein Halbschlauer sei schliesslich besser als gar nichts.
Wahrscheinlich hatte er vor, Paul einen Streich zu spielen, ihn vom Boot ins Wasser zu stossen oder so. Jedenfalls sagte er, Paul könne mitkommen. Er fragte ihn, ob er je eine Ente geschossen habe, und Paul antwortete, er habe überhaupt noch nie eine Flinte in der Hand gehabt. So sagte denn Jim, er könne im Boot sitzen und ihm zuschauen, und wenn er brav sei, dürfe er auch ein paar Schüsse abgeben. Sie verabredeten sich auf frühmorgens, und das war das letzte Mal, dass ich Jim lebend sah.
Am nächsten Vormittag hatte ich den Laden noch keine zehn Minuten offen, als Dr. Stair hereinkam. Er schien etwas aufgeregt und fragte mich, ob ich Paul Dickson gesehen habe. Ich sagte nein, aber ich wisse, wo er sei, auf der Entenjagd mit Jim Kendall. Das habe er auch gehört, meinte der Arzt, und es komme ihm seltsam vor, weil Paul ihm gesagt habe, er wolle zeit seines Lebens nie nichts mehr mit Jim zu tun haben.
Er sagte auch, Paul habe ihm erzählt, wie Jim mit Julie umgesprungen sei, und habe ihn gefragt, was er davon halte; er habe geantwortet, wer so etwas tue, verdiene nicht zu leben.
Ich sagte, es sei ja freilich etwas roh gewesen, aber Jim könne nun einmal keinem lustigen Streich nicht widerstehen, wenn er auch noch so roh sei. Innerlich sei er ein guter Kerl, aber eben voller Übermut. Dr. Stair machte kehrt und ging hinaus.
Am Mittag erhielt er einen Anruf vom alten John Scott. Der See, wo Jim und Paul auf die Jagd gingen, gehört zu Johns Gut. Paul war vor ein paar Minuten gelaufen gekommen und hatte gesagt, es sei etwas passiert. Jim hatte ein paar Enten geschossen und dann die Flinte an Paul gegeben und gesagt, er solle es auch mal versuchen. Paul hatte noch nie eine Flinte in der Hand gehabt; er war aufgeregt und zitterte so stark, dass er die Flinte nicht mehr in der Gewalt hatte. Ein Schuss löste sich, und Jim sackte im Boot zusammen, tot.
In seiner Eigenschaft als Leichenbeschauer sprang Dr. Stair in Frank Abbotts Auto und fuhr hinaus auf Scotts Gut, wo er Paul und den alten John am Ufer fand. Paul hatte das Boot ans Ufer gerudert, aber die Leiche hatten sie drin gelassen, bis der Arzt komme.
Dieser untersuchte den Fall und sagte, sie könnten die Leiche gleich in den Ort schaffen, es habe keinen Sinn, sie hierzulassen oder eine Totenschau abzuhalten, es handle sich ganz offenbar um einen tödlichen Unfall.

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