Wenn Onkel Tom erzählt, Teil 3 / Ich, der Regenmacher

von Annemie Fetten-Winklhofer (copyright)

Heißa, war das ein Leben!

Es war Abend. Heimlich hatte ich mich zum Palaverplatz geschlichen. Meine Mutter hatte es zwar verboten. Aber Sam bat mich im Namen all seiner Freunde so dringlich, doch zu kommen, dass ich nicht nein sagen konnte.

Die farbigen Männer, Frauen und Kinder hockten auf der warmen Erde, die noch vom Regen dampfte, rauchten gemütlich ihr Pfeifchen. Ihre dunklen Gesichter strahlten mich freundlich an, und sie tranken verdammt scharfes Zeug, das ich auch kosten musste. Was da aus der Flasche in meinen Schlund floss, war das reinste Feuerwasser.

Auf einmal, zuerst ein leiser Trommelwirbel, der sehr bald zu einem wilden Trommelfeuer anschwoll: Brumberumbumbum, brumberumbumbum, brumberumbumbum. . . . . Die Männer, Frauen und Kinder sprangen hoch, bewegten sich hüftenwiegend, warfen die Arme in die Luft, stampften mit den nackten Füßen auf die feuchte Erde, schnitten Grimassen und zerrten mich fast zu Tode erschrockenen Jungen hinein in das stampfende, schreiende und tobende Getümmel. Wäre ich doch zu Hause geblieben!

Aber zu spät. Angestrahlt wurden wir von vielen Feuern um den Tanzplatz herum, die in den Himmel loderten und laut knisterten. Es dauerte nicht lange, da packte mich auch der wilde Rhythmus. Der Trommelwirbel zog mich in seinen Bann. Ich strampelte mit Armen und Beinen, verdrehte die Augen, schrie und lärmte wie all die anderen farbigen Gesellen. Hurra! Hurra! Hurra!

Bis ich erschöpft niedersank mitten zwischen die schwitzenden Leiber. Sie hörten nicht auf zu tanzen. Sie umzingelten mich mit unerschrockenen Gesichtern. Ich blickte hoch. Meine Augen bettelten: “Lasst mich in Ruhe! Zerstampft mich nicht!” “Hua, hua, hua, hua!”, schrieen sie. Dann war mir, als ginge ich in einer riesengroßen züngelnden roten Flamme unter.

Als ich aufwachte, hockten alle friedlich beisammen. Ich saß auf dem Schoß von Sam’s Mutter, Old Mummy. “Na ja”, sagte sie freundlich, “Tommy, du bist ein schlapper weißer, aber feiner Junge. Wir feiern extra ein großes Fest für dich, weil du unser Held bist. Dein scharfes Messer zerschnitt die größte Wolke am Himmel und hat dem Regen freien Lauf gegeben. Und nun liegst du erschöpft auf meinem Schoß. Armes Häufchen Elend!” Liebevoll betrachtete sie mich. Ich war gerührt und erstaunt. Was war los? Ich hatte nicht das Geringste mit einer Heldentat zu tun.
Aber ich wollte mein hohes Ansehen nicht verlieren. Wieder munter geworden, rief ich froh und laut:: “Heißa!, lasst uns weitertanzen!” Meine Freunde um mich herum schüttelten bedächtig die Häupter: “Nein, Tommy, genug für heute!”

Sie brachten mich huckepack nach Hause. Meine Eltern hatten von all dem nichts mitbekommen. Was für ein Glück!

Und damit ist diese Geschichte erst mal aus.

Wenn Onkel Tom erzählt, Teil 2 / Mein erstes Fahrtenmesser

von Annemie Fetten-Winklhofer (copyright)

Es war wieder einmal ein heißer Sommer über Afrika gezogen. Die Erde war hart und rissig. Unbarmherzig trocknete die Sonne den Boden immer weiter aus. Die Menschen verzweifelten und befürchteten eine Hungersnot. Wenn es doch endlich regnen würde! Der sonst so breite Fluss war beinahe eingetrocknet. Zum Trinken war sein Wasser sowieso nicht geeignet.

Eines Tages wollte ich meinen Freund Sam besuchen. Er wohnte drei Hütten entfernt von meinen Eltern und mir. Als ich dort ankam, saß Sam’s kleine Schwester Dolly vor der Hütte auf der Bank. “Nicht, nicht“, bedeutete sie mir ängstlich, “du darfst nicht hineingehen. Geh wieder nach Hause. Sam darf nicht mit dir spielen.“ Ich muss hier betonen, dass ich ihre Sprache sehr schnell gelernt hatte, wie das so bei Kindern ist. “Was soll denn dieser Quatsch?”, sagte ich empört. Aber die kleine Person mit dem schwarzen krausen Wuschelkopf packte mich ans Bein, als ich trotz ihres Protestes die Hütte betreten wollte und zerrte so fest an mir, dass ich der Länge nach hinfiel. Meine Kniescheibe tat furchtbar weh und blutete stark. Sam stürzte heraus, wollte mir wohl helfen, ließ jedoch jäh die Arme sinken, drehte sich um und verschwand wieder in der Hütte. “Du hast gestern Abend nichts geopfert, was dir lieb und wert ist, damit endlich Regen kommen kann, um die Erde und uns Menschen zu laben!”, zischte Sam’s kleine Schwester mir wütend zu, um ebenfalls zu verschwinden.

Da lag ich nun, versuchte aufzustehen und konnte nicht. Mein Knie knickte immer wieder weg. “Mama!”, schrie ich, “Papa!”, und wusste genau, dass meine Eltern zu Besuch im Nachbardorf weilten. Schließlich rappelte ich mich mit großer Kraftanstrengung hoch und hüpfte auf einem Bein nach Hause. Junge, Junge, hab’ ich geflucht! Ich warf mich auf mein Bett und heulte laut los. Mein bester Freund Sam glaubt an Hokuspokus!

Plötzlich vernahm ich von draußen ein vielstimmiges Gemurmel, das sehr bald zu einem höllischen Spektakel anschwoll. Ich humpelte vor die Tür. Fassungslos starrte ich in dunkle Gesichter. Aus ihren großen Augen schossen tausend Blitze, die mich hätten töten können, wenn es echte gewesen wären. “Was habt ihr, was wollt ihr?”, rief ich entsetzt. Mit blanken Messern fuchtelten sie mir wild vor der Nase herum. “Lasst mich leben, bitte lasst mich leben!”, schrie ich immer wieder. Ich hörte gar nicht auf das, was Sam versuchte, mir zu erklären. Bis ich endlich begriff. “Du musst dein Fahrtenmesser dem Regengott opfern Wir alle geben unsere schönen blanken Messer dem Gott des Regens, damit er die Wolken damit zerschneiden kann und wieder Regen auf unser armes, trockenes Land fällt!“ Was blieb mir anderes übrig? Ich humpelte in die Hütte, holte mein vielgeliebtes Fahrtenmesser und reichte es dem Anführer, der einen großen, goldenen Ring trug. Sam drückte meine Hand ganz fest und sagte: “Bist doch ein guter Freund. Macht nichts, dass du nicht geopfert hast gestern Abend. Dein Messer ist das schärfste aus unserer Siedlung, ritsch, ratsch, wird es die Wolken zerschneiden. Ich erkläre dir alles ein anderes Mal.” Er schloss sich der Gruppe an, die sich laut palavernd von unserem Domizil entfernte. Mein schlimmes Knie hatte keinen interessiert. Es tat so weh!

Sam erzählte mir am nächsten Morgen, dass sämtliche Bewohner der Ansiedlung noch am selben Tag zum Regenberg marschiert waren (die höchste Erhebung weit und breit), wild getanzt und geschrieen hatten und hierbei sämtliche Messer so hoch sie nur konnten, in die Luft geworfen hatten.

Als er mir das alles erzählte, hatte meine Mutter mein schlimmes Knie schon längst verbunden, und mein Vater hatte mir versprochen, mich nie mehr allein zu lassen.

Und stellt euch vor – draußen goss es in Strömen!

Und das hatte nur mein Fahrtenmesser geschafft – wie Sam sagte.

Und nun dieses noch:

Ich, der Regenmacher

Wenn Onkel Tom erzählt, Teil 1 / Das unheimliche Krokodil

von Annemie Fetten-Winklhofer (copyright)

“Onkel Tom, erzähl’ uns eine Geschichte!” Onkel Tom reibt sich seinen Bart, blinzelt in die Sonne und rückt sich auf den warmen Treppenstufen vor dem Haus zurecht. “Aber ja Kinder! Nur müsst ihr mir versprechen, dass ihr mir auch alles glaubt; denn sonst erzähle ich nie mehr eine Geschichte!” Wie sie das beteuern!

„Ihr wisst ja, mein Vater war Diplomat. Als er beruflich nach Afrika musste, hatte er seine kleine Familie mitgenommen. Ich war damals ein kleiner Junge. Meine Eltern wollten das tägliche Leben der Afrikaner kennen lernen. Wir wohnten mitten in einem kleinen Dorf mit den Einheimischen. Unser Zuhause war die größte Bambushütte im Ort. Ich hatte gern mit den dort ansässigen Buben gespielt. Ihre großen Augen glänzten vor Freude, wenn wir uns zum Spielen trafen. Ihre Zähne blitzten in den jungen Gesichtern.

Aber eines Tages, da war was los! Wir waren eine Horde Jungen und spielten an dem großen Fluss, in dem auch schon mal Krokodile auftauchten. Unsere Eltern hatten uns verboten, nahe ans Ufer zu gehen. Aber – es war ja nie was passiert! Wir ließen uns die Sonne auf die Körper scheinen und machten Butterflitschen direkt an der Uferkante. Ihr wisst ja, wie die flachen Steinchen bei richtigem Schwung immer weiter über das Wasser hüpfen. Plötzlich sprang ein Stein nicht mehr weiter. Ruck zuck, hatte ein Krokodil seinen Kopf aus dem Wasser gestreckt, seinen Rachen weit aufgesperrt, und verschluckt war der schöne glatte Stein. Nun, das war kein großes Ärgernis. Aber aus purem Übermut sagten wir: “He, du hungriges Krokodil, gib uns unseren Stein wieder!” Wie konnten wir aber auch ahnen, dass wir es mit keinem gewöhnlichen Krokodil zu tun hatten! Da watschelte wahrhaftig das mächtige Tier an Land. Mit einer brüchigen, unheimlichen Stimme sagte es: “Ich spuck’ den Stein ja gerne aus. Aber was gebt ihr mir dafür?” Meine Freunde und ich hatten so etwas noch nicht erlebt. Dieses sprechende Tier jagte uns eine Furcht ein, wie sie nicht zu beschreiben ist. Die braunen und meine weißen Knie schlotterten um die Wette. “Da ihr mir keine Antwort gebt”, rief das Tier keck, “fresse ich euch alle auf! Oder – gebt mir den weißen Burschen da zum Schmaus, dann lass’ ich euch anderen in Ruhe.”

Meine Freunde sahen sich eine Weile an und dann mich, solange, bis ich ihren Entschluss in ihren großen Augen ablesen konnte. Die dunklen Augen spiegelten wider: “Lieber der Eine als wir alle!”
Mir rutschte mein Herz beinahe in meine Hosentasche. Meine Freunde kletterten wie Äffchen auf Bäume, die hin- und herschwankten. Als ich den flinken, braunen Beinen nachwollte, traten sie mich wieder zurück. Heulend rannte ich von Baum zu Baum in der heißen Sonne Afrikas, und das Krokodil rutschte und platschte hinter mir her mit einer Geschwindigkeit, die ich einem solchen Tier nie zugetraut hätte. Ich schrie und reckte die Arme hoch, bis mir endlich mein bester Freund Sam seine Hand reichte und mich auf seinen Baum hochzog, der beängstigend schwankte. Aber ich war endlich in Sicherheit.

“Ich kann warten”, sagte das Tier heiser, legte sich in den dürftigen Baumschatten und glotzte zu uns hoch. Wie lange, weiß ich nicht mehr. Es verging Ewigkeit um Ewigkeit. Unsere Mägen knurrten um die Wette. Es wurde dämmerig. Unsere Eltern wussten nicht, wo wir waren. Wir zitterten wie Espenlaub.

Plötzlich hatte mein Freund Sam einen guten Einfall. Er schrie so laut er konnte – denn vielleicht war das Krokodil längst unter dem Baum eingeschlafen: “Wir wollen den Stein gar nicht zurückhaben!” Das große, lange, schuppige Tier schnappte hörbar nach Luft. Dann grunzte es: “Das hättet ihr mir auch früher sagen können. Ich hätte mich nicht so lange auf die Lauer gelegt!”

Sprach’s und begab sich dieses Mal schwerfällig zurück in den Fluss und verschwand auf Nimmerwiedersehen.
Wir haben nie wieder so nah am Ufer gespielt!”

Onkel Tom steckt sich sein Pfeifchen an. Während er den blauen Dunst in die freie Natur bläst, sagt er sinnend:

“Die Geschichte von meinem ersten

Fahrtenmesser

will ich euch auch noch erzählen.

Weihnachten schwindelt man nicht – Vom Glück zweier Ausreißer –

von Eduard Breimann (copyright)

„Opa weiß ja eine Menge“, sagte David zu Antonia, „aber das, das? Nee, das glaube ich ihm nicht.“
Er fuhr langsam mit dem Finger über die Schaufensterscheibe des Spielwarengeschäftes Boeker, aber der leichte Beschlag war innen. Langsam zog die riesige Modell-Eisenbahn an ihm vorbei, schleppte Wagons, in die man allerlei wünschenswerte Geschenke gepackt hatte.
Antonia, seine um ein Jahr jüngere Schwester, stand starr vor dem anderen Fenster, hinter dem Puppen, Puppenküchen, Puppenkleider und sogar Puppenwagen auf neue Besitzerinnen warteten. Sie blickte einer Barbiepuppe in die weit geöffneten Augen und wartete darauf, dass die sich endlich bewegten.
„Was glaubst du nicht, David?“, fragte sie leise und ließ die Puppe nicht aus den Augen. „Hast du gesehen, wie sie gezwinkert hat?“
„Wer hat gezwinkert?“, fragte David.
„Die da!“, sagte Antonia. „Sie hat ganz bestimmt die Augen auf und zu gemacht. Zwei Mal.“
„Du spinnst! Und überhaupt: Mädchenzeugs interessiert mich nicht. – Puppen!“
„Spinnst sagt man nicht. Hat sie aber – die Puppe, meine ich. Was glaubst du nicht, David?“
„Mann, du redest quer. – Das, was Opa gestern erzählt hat, als wir im Tannenbusch waren – bei den Tieren.“
„Ich aber. Opa lügt nicht – höchstens manchmal, hat Oma gesagt. Und außerdem nur, wenn nicht Weihnachten ist.“
„Ist es ja noch nicht. Und außerdem meine ich ja gerade das mit Weihnachten. Das, was Opa im Tannenbusch über Weihnachten gesagt hat. Das war geschwindelt. Und schwindeln ist lügen. Opa hat gelogen!“
„Hat er nicht!“
„Hat er doch! Sollen wir wetten?“
„Wetten dürfen wir nicht. Sonst gibt’s Weihnachten nichts auf den Teller, hat Oma gesagt.“
„Zwinkert sie?“, fragte David.
„Oma? – Ach so, die Puppe. Nein, überhaupt nicht mehr. Weil du nie was glaubst. Kannst ja auch mal aufpassen, statt immer nur diese doofen Autos anzuschauen.“
„Ach, Quatsch, du mit deiner blöden Puppe. Wir müssen gehen.“
„Warum?“, fragte Antonia und ließ die Puppe nicht aus den Augen.
„Es ist schon ziemlich duster. Mama wird bestimmt sauer sein, wenn wir nicht sofort zurückkommen – und die Schokolade für den Kuchen braucht sie unbedingt heute noch, hat sie gesagt. Wir gehen.“
„Ja, müssen wir wohl“, seufzte Antonia und warf einen letzten Blick auf die starr blickende Puppe. „Es ist wirklich schon spät; die Geschäfte machen gerade zu. Da vorne, bei Manderscheidt haben sie schon das Licht ausgemacht. – Opa lügt nicht, David!“
„Warum sagst du das? Ist doch schon ok.“
„Ist es nicht. Wenn du jetzt im Tannenbusch wärst, dann könntest du es sehen. Bestimmt.“
„Wenn! – Sind wir aber nicht. Warte mal. – Wenn wir jetzt einfach da hingehen würden? Wenn du nicht so klein wärst und schlapp machen würdest, dann …“
„Ich bin nicht klein, ich bin schon im Kindergarten; ich mache auch nicht schlapp. – Meinst du wirklich?“
„Jaaaa“, sagte David, zögerte und gab sich einen Ruck. „Komm! Ist ja nicht weit. Ich kenn den Weg genau. Über die Bahn, am Friedhof vorbei und immer geradeaus. Sollen wir?“
„Ja, ich weiß nicht. Nicht weit, hast du gesagt? Brauchen wir lange? Kriegt Mama die Schokolade noch früh genug? Geht die nicht kaputt?“
„Ach was. Sie steckt doch in deinem Rucksack? Und es ist kalt, da schmilzt die nicht. Also, da passiert der nix.“
Sie fassten sich an den Händen und liefen los. Es war wirklich schon ziemlich dunkel und nur in den gelben Lichtkreisen unter den Straßenlampen konnten sie einigermaßen den Bürgersteig sehen. Als sie die Schräge zur Eisenbahnbrücke hoch gingen, keuchten sie beide. Unter ihnen rauschte ein Regionalzug durch; tausend helle Fenster huschten vorbei, warfen Lichtflecken wie Blitze auf die Böschung.
„Ist es noch weit, David?“
„Ach was. Da vorne ist schon der Friedhof und dahinter liegt der Tannenbusch.“
„Direkt dahinter?“
„So ungefähr. Warum?“
„Ich hab Angst vor dem Friedhof. Felix, der aus meiner Gruppe, hat gesagt, da wären Gespenster. Solche mit langen weißen Kleidern und spitzen Krallen. Die zögen kleine Kinder in die Gräber – als Futter.“
„Der spinnt.“
„Darf man nicht sagen. Können wir jetzt ganz schnell gehen? Komm wir rennen bis da hinten, da wo der Friedhof aufhört.“
Sie sprinteten los, waren außer Atem, als sie an der Straßenunterführung ankamen.
„Hallo!“, rief David und es klang gespenstisch hohl. „Huuu! Gespenster! Fangt uns doch, wenn ihr könnt.“
„Du bist gemein!“, schrie Antonia und rannte los, bis sie die Sterne wieder sehen konnte.
An der Autobahnunterführung machten sie nicht Halt, riefen nichts und wollten nur noch schnell am Ziel sein. Mit großen Schritten gingen sie auf den schwarzen Waldrand zu, der sich vom nachtgrauen Himmel abhob.
Es war gehörig kalt und David zog sich den Kragen höher. Als sie endlich den Waldrand erreicht hatten, war es total finster. Blasse Sterne flirrten am Himmel, gaben kaum Licht und weiter rechts sahen sie ein helles Leuchten am Himmel, das sich sehr schnell bewegte.
„Da! Hast gesehen? Ein Wunschstern! Wenn man den sieht, kann man sich was wünschen und das geht in Erfüllung“, sagte Antonia. „Ich wünsche mir …“
„Quatsch! Vergiss es. Wunschstern! Das ist ein Flugzeug, das gleich in Düsseldorf landet. Du erzählst Sachen.“
„Ich wünsche mir, dass wir ihn sehen“, flüsterte Antonia und blickte dem Wunschstern nach, der darauf hin rote und grüne Lichter blinken ließ.
Sie fanden einen Fußweg, der nach rechts in den Wald führte. Es roch nach Harz – und es war still. Außer ihren Schritten im winterflachen Gras und den raschelnden Anoraks war kein Laut zu hören.
„Ich hab Angst, David. Komm, wir gehen zurück. Wir sind so weit weg von unserem Haus.“
„Ach was. Jetzt sind wir gleich da. Vielleicht haben wir ja Glück und sehen ihn.“
„Ja, wenn wir ihn sehen, dann hat Opa Recht gehabt. Dann hat er nicht gelogen“, sagte Antonia und wollte nun doch nicht sofort nach Hause.
„Komm, da vorne biegen wir nach links ab, dann noch mal nach rechts – glaub ich –, dann sind wir da“, sagte David ziemlich bestimmt, aber mit leichtem Zittern in der Stimme.
Sie gingen wieder schneller, stolperten über quer liegende Äste, rutschten auf dem feuchten Gras aus, bogen nach links ab, dann liefen sie erneut nach rechts und landeten schließlich auf einer großen Lichtung.
Sie wirkte recht hell nach der Dunkelheit unter den dichten Tannen; die Sterne warfen ein blasses Licht auf den grasbedeckten Boden. Der Weg war zu Ende.
„Wir sind falsch“, klagte Antonia mit weinerlicher Stimme. „Und ich hab schrecklichen Hunger. Meine Beine sind schon ganz zitterig.“
„Mädchen! Ihr macht euch gleich in die Hose, wenn es mal falsch ist. Aber Hunger hab ich auch. Ich hole uns die Schokolade aus dem Rucksack; die essen wir. Mama wird schon nicht schimpfen. – Still! Schau mal da.“
Sie bückten sich hinter einen Strauch, knabberten die dicke Blockschokolade und starrten in die Dunkelheit. Zwei Rehe kamen langsam aus dem Unterholz, staksten zielstrebig auf sie zu. Kurz bevor David keine Luft mehr hatte, weil er den Atem anhielt, drehten die Rehe nach links ab und blieben vor einem Haufen Heu stehen.
Still sahen die beiden den fressenden Tieren zu, wagten nur flach zu atmen. Plötzlich hoben die Rehe gleichzeitig die Köpfe, starrten ins Dunkel und stoben davon. Es polterte und rauschte, dann wurde es wieder still. Still, unendlich still wurde es – bis sie das Geräusch hörten, das die Rehe verscheucht hatte.
Schritte! Schwere, langsame Schritte, Äste knackten.
„David“, jammerte Antonia leise. „David. Ich hab Angst. Wenn das ein böser Mann ist.“
David sagte lieber nichts, denn er war nicht sicher, ob er noch sprechen konnte vor lauter Angst. Eine riesige Gestalt, in einen weiten Umhang gehüllt, trat aus der Schwärze der Bäume hervor, genau auf der anderen Seite der Lichtung.
Ein Sack hing dem Rücken der unheimlichen Gestalt. Langsam kam er auf sie zu und David wurde immer kleiner. Antonia hörte ihn leise wimmern und fühlte, dass seine Hand zitterte.
„Jungs“, raunte sie. „Jungs haben mehr Angst als Mädchen. Ist doch nur ein Mann.“
„Nein. Nie. Entweder ein Waldgeist – oder der Weihnachtsmann.“
„Ich will es wissen“, sagte Antonia laut, stand auf und ging auf die Gestalt zu, die gerade den Sack von der Schulter nahm und etwas auf den Boden schüttete.
„Hallo! Bist du der Weihnachtsmann?“, fragte sie und David legte sich entsetzt flach auf den Boden, das Gesicht in die Ärmel gedrückt.
„He! Na so was! Ein kleines Mädchen allein im Tannenbusch. Wo kommst du denn her?“
„Nein, nicht alleine. Wir, also mein Bruder und ich – ich meine den David, der sich da versteckt – wir wollten nachsehen, ob unser Opa gelogen hat.“
Sie stand dicht vor dem Mann, konnte im schwachen Licht der Sterne so eben noch einen Bart und ein freundliches Lächeln erkennen. Sie atmete tief durch und rief laut in Richtung Busch: „David! Komm raus. Er ist es!“, und sah den Mann neugierig an. „Du bist doch der Weihnachtsmann? Schenkst du den Tieren gerade etwas? Wenn du fertig bist, kommst du dann zu uns Menschen?“
„Langsam. Langsam“, sagte der Mann und seine tiefe Stimme hörte sich genau so an wie die Stimme vom Weihnachtsmann auf Antonias Hörspielkassette. „Zuerst sagt ihr mir mal, wie ihr heißt, wo ihr herkommt und was das mit eurem Opa bedeutet.“
„Also“, sagte David, der inzwischen heran gekommen war und sich etwas hinter Antonia hielt. Er musste sich zunächst kräftig räuspern und den Angstfrosch aus der Kehle vertreiben. „Also, das ist so: Die Antonia und ich, der David, wir wollten nicht glauben, was der Opa gesagt hat über den Weihnachtsmann. Er …“
„Stimmt nicht! Ich hab’s sofort geglaubt. Nur der David nicht. Wir sind darum extra von der Stadt bis hierher gelaufen, weil der David es nicht glaubt“, rief Antonia laut.
„Aha! Und jetzt noch das, was euer Opa gesagt hat.“
„Er hat gesagt, dass der Weihnachtsmann in der Adventszeit, wenn das Gras schon welk ist, die Früchte von den Feldern verschwunden sind, zuerst zu den Tieren kommt. Abends, wenn es schon so früh dunkel wird, kommt er, damit ihn die Menschen nicht sehen. Die Wildschweine, Rehe, Hirsche, Gänse, Enten und die anderen Vögel bekämen von ihm so viele Geschenke, also Futter, weil sie das am liebsten haben – Spielsachen wäre ja Quatsch, hat Opa gesagt –, dass sie im Winter nicht verhungern müssten und was zum Anziehen wär auch blöde und …“
„Ach, du meine Güte! So, so! Das hat euer Opa gesagt? Da hat er wohl Recht, denn …“
„Siehst du!“, schrie Antonia. „Jetzt hörst du’s! – Du bist doch der Weihnachtsmann, weil du das weißt?“
„Jaaaa“, sagte der Mann gedehnt und zögerte; sein Bart wippte und das Weiße in seinen Augen kullerte ganz wild.
„Und ihr seid deshalb einfach losmarschiert? Ohne jemandem etwas zu sagen? Wisst ihr eigentlich, wie gefährlich das ist?“
„Warum?“, fragte Antonia und ihr wurde ganz mulmig. „Wir haben dich doch gesucht und getroffen. Opa hatte doch Recht.“
„Ein Zufall, dass ich mich heute verspätet habe. Ja, und das ist euer Glück. Nun werden wir erst mal eure Eltern anrufen. Wer weiß die Nummer?“
„Ich!“, rief David. „Ich kenn die auswendig.“
Der Mann zog ein Handy aus der Rocktasche und David nannte ihm die Telefonnummer.
„Hallo? Hören Sie, liebe Frau? Ihre Kinder sind bei mir, der David und die Antonia. – Ja. – Alles in Ordnung. Es geht ihnen gut. Sie haben den Weihnachtsmann gesucht. – Ach? Sie haben mich an der Stimme erkannt? – Ja, der bin ich. – Ich bringe sie gleich nach Hause. – Auf Wiederhören.“
„Warum kennt die Mama dich?“, fragte David.
„Weil alle Eltern ihren Weihnachtsmann kennen. Schließlich müssen sie ja wissen, wem sie den Wunschzettel der Kinder geben sollen.“
„Manchmal versteht der David die einfachsten Dinge nicht. – Ist Mama böse?“, fragte Antonia.
„Und ob! Macht das nie wieder, hört ihr?“
„Warum hast du ein Handy? Du bist gar kein Weihnachtsmann“, sagte David enttäuscht.
„Na klar, bin ich der Weihnachtsmann. Meint ihr vielleicht, der Weihnachtsmann dürfte kein Telefon haben? Ha! Wie sollten wir denn sonst unsere Arbeit schaffen, in der kurzen Zeit? Wir müssen uns doch abstimmen.“
„Wer ist wir? Gibt es noch mehr Weihnachtsmänner?“, fragte David.
„Aber natürlich“, sagte der Mann. „Könnt ihr euch denn vorstellen, dass ein einziger Weihnachtsmann all die Geschenke am Heiligen Abend herum tragen und verteilen könnte? Könnte der nicht. Und für die Tiere gibt es sogar extra Weihnachtsmänner.“
„Da hast du bestimmt viel zu tun“, sagte Antonia ganz leise; sie hätte gerne geweint, weil sie verstanden hatte, wie dumm sie gehandelt hatten.
„Darum – wie ihr gerade gesehen habt – bringe ich heute schon den Rehen und Hirschen ihre Weihnachtsgeschenke. So ist das hier im Wald. Was meint ihr wohl, wie es den armen Tieren ginge, wenn ich das nicht machen würde?“
„Und wo holst du das Futter her?“, fragte David, immer noch mit einem leisen Zweifel in der Stimme. „Holste das auch aus dem Himmel wie unsere Sachen?“
„Nein!“, sagte der Weihnachtsmann und lachte so laut, dass alle Bäume ein Echo zurück warfen.
Es war, als ob der ganze Wald lachen würde. „Nein, nein“, sagte er schließlich und musste sich die Tränen aus dem Bart putzen. „Die Menschen schenken es dem Tierpark. Sie spenden Geld und Heu, Stroh und Früchte. Fürs Geld kaufe ich Futter und das alles kann ich dann verteilen. Das ist eine schwierige Aufgabe. Schließlich sollen ja alle Tiere genug bekommen.“
„Aber“, sagte David und deutete mit dem Zeigefinger auf die schmuddlige Hose des Mannes, „auf allen Bildern hat der Weihnachtsmann einen tollen, rotweißen Umhang an – und einen irren Hut auf dem Kopf. Aber du …“
„Ja, denkst du denn, ich könnte diese schwere Arbeit hier im Wald in so einem Prachtmantel erledigen? Die Tiere würden sich ja krumm lachen. Und außerdem fiel mir der irre Hut ständig vom Kopf, wenn ich mich bücken müsste.
„So ist das also“, sagte Antonia zufrieden. „Das gefällt mir. Und noch mehr gefällt mir, dass der Opa kein Schwindler ist.“
„Nein“, sagte David. „Der Opa ist kein Schwindler. Und noch mehr gefällt mir, dass wir auch was gespendet haben, als wir mit Opa hier waren. Vielleicht haben die Tiere auch etwas davon abgekriegt.“
„Ach? Ihr habt das gespendet? Na also. Diese Maiskörner, die ich gerade ausgeschüttet habe, die sind dann wohl von eurem Geld gekauft worden. Ich werde mir das in mein Himmelsbuch eintragen.“
David und Antonia lachten glücklich und wühlten mit den Händen in dem Körnerhaufen.
„Und jetzt geht es nach Hause. Eure Eltern warten schon sehnsüchtig auf euch. Da fällt mir ein, dass ihr auch einen Eintrag im Buch der Sünden bekommen werdet“, sagte der Weihnachtsmann.
„Ich weiß, haben wir auch verdient“, sagte Antonia. „Ich will jetzt nach Hause, sofort. Lieber Weihnachtsmann, wie kommen wir ganz schnell nach Hause? Kannst du uns nicht hinfliegen?“
„Nein, das wohl nicht. Das geht heute nicht. Aber da vorne, ein Stückchen von hier weg, steht der Wagen, mit dem die Leute mir immer das Futter bringen. Mit dem fahre ich euch nach Hause. Aber nur, wenn ihr mir versprecht, nie mehr alleine von zu Hause auszureißen. Tut ihr das?“
„Ja, lieber Weihnachtsmann“, sagten Antonia und David gleichzeitig.
Und so kamen die beiden recht schnell nach Hause, verabschiedeten sich artig vom Weihnachtsmann, bekamen eine ordentliche Schimpferei von Mama und Papa zu hören und durften eine Woche lang nicht nach draußen.
„Opa weiß so viel. Wir sollten in Zukunft lieber glauben, was er erzählt“, seufzte Antonia, die lieber mit ihren Freundinnen draußen gespielt hätte.
„Außerdem war das nie ein Zufall, dass der Weihnachtsmann uns da getroffen hat; ich glaube, die wissen mehr als sie sagen“, erklärte David.
Und Opa wunderte sich, warum der Kuchen am Sonntag ohne Schokoladenüberzug auf den Tisch gestellt wurde.
„Frag lieber nicht“, sagte die Mama von David und Antonia. „Sonst bleibt dir der Kuchen im Halse stecken.“

Mario und das i-Tüpfelchen auf dem Tag des Glücks

von Ulrike Schilling (copyright)

Mario war ein liebenswertes Glückskäferchen mit großen, gutmütigen Kulleraugen. Ein Marienkäfer mit Leib und Seele eben. Er liebte es, im Sonnenlicht über die saftigen wohlriechenden Wiesen zu tapsen, die Halme kitzelten so schön an seinen Fühlern, die dann immer in Schwingung kamen. Mario brauchte das, denn erst wenn seine Fühler, die kleinen feinen Antennen, auf „Volle Kraft voraus“ waren, hatte er die quietschbuntesten Einfälle.
Einmal setzte er sich zur Zierde in eine gerade vom Konditor fertig kreiierte Erdbeertorte. Er hatte gesehen, dass die Menschen Dekorationen liebten. Doch als er da so stolz beim Posing stand, hörte er eine entsetzte Kundin rufen „Iiiieh, ein Käfer, und so was auf meinem bestellten Gebäck! Ich bin empört!“ Sie zeigte mit ihren spitzen billigringbehängten Fingern auf den beleidigten Mario. Ohne mit der Wimper zu zucken hüpfte dieser von der Torte und trollte sich. Die Menschen waren einfach undankbar. Bei seinen tierischen Verwandten hatte er so etwas noch nicht erlebt. Weil er so ein nettes kleines Kerlchen war, und seine Hauptaufgabe es war, allen Lebewesen Glück zu bringen, hatte er viele Freunde im Kabawabaland. Sein bester Freund war Twilli, die verrückte Heuschrecke, die die Augen vorbildlich verdrehen konnte, so dass Passanten spitze Schreie ausstießen, wenn sie ihm zu lange und zu tief in die Äuglein geschaut hatten. Nach einem ausgiebigen Sonnenbad, putzte Mario seine wackeren Beinchen und machte sich auf den Weg zu Twilli, der jetzt sicher bei seiner Morgengymnastik war. Der selbsternannte Trullikabulliweg führte an einem geheimnisvollen großen Glassplitter vorbei, den der eitle Mario immer für einen kritischen Selbstüberprüfungsblick nutzte. Mit Morgentau rieb er sich über Flügel und Köpfchen und strahlte dem Spiegel entgegen, weil seine Flügel und Punkte wie frisch lackiert leuchteten. Stolze 6 Stück an der Zahl waren es schon. Doch- oh Schreck- was war passiert? Da fehlte doch tatsächlich ein Punkt auf seinem sonst so prunkvollen Rücken! Mario erstarrte, tastete, suchte. Nichts. Ein Klagelied jammernd, kam er schließlich völlig erschöpft bei seinem Freund Twilli an. Der streichelte sorgenvoll über Marios Köpfchen und sah ihm in die traurigen Augen. „Uns fällt da schon was ein!“ sagte er aufmunternd. Twilli ließ sich einfach durch nichts entmutigen. Seit neuestem machte er Lagaluga, so eine Art Yoga für Tiere. Und wenn ihm einmal gar nichts einfiel, dann sprang er seinen düsteren Gedanken einfach davon. Um seine Huchsprungtechnik – wie er es nannte, denn er erschreckte sich gerne selber mit Fratzen, zu trainieren, hatte er sich aus ineinander verwobenen Ästen und Blättern ein Springseil gebastelt. „Komm’ schon, Mario!“, hüpf’ ein bisschen mit mir!“ sagte er zu ihm. Am Anfang sprang Mario noch wie ein Mehlsack, doch als Twilli ihn so richtig tüchtig kitzelte, da musste auch er lachen, und er hüpfte und sprang, was das Zeug hielt. Sie fassten einander an den Händen und wirbelten keck durch die Luft. „Was ist das denn?“ rief Twilli plötzlich. „Ein Stein? Nein. Guck’ mal, lieber Mario- da ist ja Dein schwarzer Käferchenpunkt!“. „Hurra !“ schrie Mario freudestrahlend und umarmte seinen Freund herzlich, er wirbelte ihn so lange umher, bis er seine Beine entknoten musste. Schnell nahm er den Punkt und klebte ihn mit etwas Zauberspucke auf die leere Stelle. „Jetzt bin ich wieder ein ganzer Käfer!“ sprach er. Glücklich und zufrieden machten sich die beiden auf zum See der Wünsche, der sich vor ihnen ausbreitete. Das Wasser glänzte sonnenverwöhnt und hatte einen fast transparenten Schimmer. Immer wieder bewunderte Mario sein Spiegelbild darin. Twilli lachte. Und beide freuten sich- ganz besonders über ihre tolle Freundschaft.

Die Geschichte von der Zahnfee

von Steffi Beckmann (copyright)

Es waren einmal Bruder und Schwester. Sie lebten in einem Land zwischen hier und dort. In einer Zeit, keiner weiß sich mehr genau daran zu erinnern. Die beiden waren wirklich liebe Kinder und jeder dem sie begegneten, schloss sie sofort in sein Herz.

Manchmal jedoch, aber wirklich nur manchmal, gerieten sie sich in die Haare. Dann flogen die Fetzen und ihre Kinderzimmer wurden in Windeseile zu einer Raubtierarena.
Man hörte sie toben und schreien, schimpfen und kreischen, dass einem angst und bange wurde. Ihre Mutter verzweifelte fast in solchen Augenblicken und machte sich große Sorgen um die Zwei.

Der Bruder, er war der Ältere von den beiden, hatte schon seit einiger Zeit einen Wackelzahn. Sehnsüchtig wartete er auf den Moment wo dieser ihm endlich ausfallen würde. Ob die Zahnfee dann in der darauf folgenden Nacht wohl käme?
Gar viele Geschichten hatte er schon gehört von der Zahnfee. Eigentlich mochte er sie nicht ganz glauben, jedoch insgeheim hoffte der kleine Junge schon, dass ein klitzekleines Stückchen von den Geschichten, die man sich erzählte, wahr wäre.
Seine jüngere Schwester beneidete ihn um diesen Wackelzahn und nur gar zu gern hätte sie auch einen gehabt.
Im Gegensatz zu ihrem Bruder glaubte sie nämlich ganz fest an die Fee und auch daran, dass diese gewiss kommen würde, um den ausgefallenen Zahn unter dem Kopfkissen hervor zu holen und an seine stelle einen blanken Taler zu legen.
Beide Kinder waren sich jedoch in einem Punkt einig. Die Fee nahm nur die blanken, sauber geputzten Milchzähne mit. An jedem morgen glich daher das Badezimmer nach dem Zähneputzen einem Schlachtfeld. Die Kinder schrubbelten und rubbelten ihre Zähne blitzblank und keines wollte dem Anderen dabei nachstehen. Selbst mit den Zahnbürsten im Mund und der schaumigen Zahncreme erzählten sie sich immer neue Geschichten von der Fee. Immer außergewöhnlicher und phantasievoller. Der Mutter konnte es nur Recht sein, so war sie sich denn sicher, dass ihre beiden Kleinen ihre Zähne wirklich gründlich putzten.
Eines Abends geschah es dann. Als die Familie beim Abendessen saß, schwups fiel der Wackelzahn des Jungen heraus. Nun gab es kein halten mehr. Er jubelte und tanzte, rannte in das Badezimmer und schrubbelte den kleinen Zahn noch einmal blitzblank. Danach nahm er sein Zahndöslein und legte den winzigen Zahn vorsichtig hinein. Er hüpfte in sein Zimmer und versteckte die kleine Dose unter seinem Kopfkissen.
Seine Schwester schaute ihm ein wenig wehmütig dabei zu.
An diesem Abend schliefen die beiden Kinder erstaunlich schnell ein. Es gab kein Zanken, kein Toben, es brauchte keine Ermahnungen von den Eltern. Die beiden waren viel zu sehr damit beschäftigt, sich auszumalen, was wohl in dieser Nacht passieren würde.
Am Morgen darauf, als der kleine junge erwachte schaute er flink unter seinem Kopfkissen nach und siehe da, sein kleiner Zahn war aus dem Zahndöslein verschwunden. Stattdessen lagen viele blanke Taler darin.

Eilig schlüpfte er aus seinem Bett, schlich sich in das Zimmer seiner jüngeren Schwester, kitzelte sie sanft wach und zeigte ihr seinen Schatz. Die Kleine blinzelte ihn verschlafen an. Noch ehe sie recht wach war, bemerkte sie, dass ihr Bruder über und über mit Glitzer und Glimmer bedeckt war. Diesem war das Gefunkel noch gar nicht aufgefallen. Er hatte nur Augen für seine Taler und er malte sich aus, welche seiner kleinen Wünsche damit endlich erfüllt werden könnten.
Sie zog ihn vor den großen Spiegel, reckte sich an sein Ohr und flüsterte: “sicher hat dich die Zahnfee heute Nacht geküsst, als sie deinen Zahn abgeholt hat”. Der kleine Junge schüttelte ungläubig den Kopf. Doch je länger er sich im Spiegel betrachtete und je genauer er sah, wie er glitzerte und glimmerte umso unheimlicher wurde ihm. Dann fiel ihm ein, dass er einen seltsamen Traum hatte in der vergangenen Nacht.
Irgendwer hatte ihm liebevoll über das Haar gestrichen. Ihn dann sanft im Arm gehalten. Ein leises Wispern hatte er gehört und dann ganz zart ein Küsschen gespürt. Nun wusste er, dass konnte nur die Zahnfee gewesen sein, die ihn besucht hatte.
Als die Eltern gemeinsam mit ihren Kindern am Frühstückstisch saßen erzählte der kleine Junge von seinen Erlebnissen der letzten Nacht und zum Beweis zeigte er das Zahndöslein vor. Die Taler klimperten all zu schön. dann geschah etwas sehr seltsames.

Der kleiner Junge beugte sich zu seiner Schwester umarmte sie herzlich küsste sie keck auf die Nasenspitze und verkündete: “sei nicht traurig, dass du noch keinen Wackelzahn hast. Ich teile meine Taler alle mit dir, dann können wir uns beide einen Wunsch erfüllen und du musst nicht erst so lange auf die Zahnfee warten”.
Die Eltern der Geschwister sahen sich beide in diesem Moment lächelnd an. Sie nahmen ihre Kinder in die Arme und drückten sie ganz fest an ihre Herzen.

In diesem Augenblick war es ganz deutlich zu spüren, Familie und Liebe sind etwas sehr kostbares. Wem diese Kostbarkeit geschenkt wurde, der sollte sie hüten wie den größten Schatz der Welt.

Spatz, Ted und der Magier

von Dieter J. Baumgart (copyright)

Sie hatten sich eigentlich nie sonderlich umeinander gekümmert – als sie noch geliebt wurden. Und später, in diesem alten Koffer auf dem Dachboden, da war es auch eher ein gemeinsames Dahindämmern. Jahre vergingen, so schnell wie Wochen und Tage, und der Vulkanfiberkoffer mit den abgestoßenen Kunstlederecken und einem Aufkleber von ‚Marienbad‘ überstand nicht nur einen Umzug ungeöffnet.
“Das ist Opas Koffer”, hieß es gelegentlich, wenn er denn unter dem Wust von altem Zeugs auftauchte. Doch nur zu bald geriet er wieder in Vergessenheit. Opa, der in seinem erlernten Beruf als Möbeltischler großes Ansehen genossen hatte und diesen Koffer schon während seiner Wanderjahre zu schätzen wußte, lebte seit dem Tode seiner Frau im Altersheim am Rande einer Großstadt, die er nie gemocht hatte. “Diesem Steinhaufen”, pflegte er zu sagen, “haben wir unser Dorf geopfert!”
Den aus wirtschaftlichen Gründen notwendigen Verkauf der Werkstatträume an einen Heimwerkermarkt nahm er seinem Sohn persönlich übel. Der hatte sich vom Erlös eine Polsterei eingerichtet, die er schließlich in den achtziger Jahren aus Mangel an Kunden aufgeben mußte. Später verlor er auch seine Anstellung in einer Möbelfabrik, weil die Produktion verlagert wurde, und war nunmehr seit einem Jahr arbeitslos. Auch für seine Frau, die als Kindergärtnerin eine Halbtagsstelle hatte, war abzusehen, wann die Tagesstätte aus Mangel an finanzieller Unterstützung schließen würde. Ihre Kinder, die Zwillinge Petra und Peter, teilten sich Zimmer, Computer und Joystick, was nicht immer ohne Ärger verlief. Doch hielten sich die Zwistigkeiten, dank des von Opa geerbten Fernsehgerätes älteren Datums, in erträglichen Grenzen. Vor diesem Hintergrund nun entwickelten sich die Ereignisse, von denen im folgenden die Rede sein soll.
Der Hausbesitzer hatte im Zuge der Schaffung von neuem Wohnraum beschlossen, den Dachboden ausbauen zu lassen und bei der Gelegenheit auch notwendige Reparaturen durchzuführen. Für die Familie, von der hier die Rede ist, bedeutete das neben einer leichten Mieterhöhung auch den Verzicht auf den bisher genutzten Abstellraum unter dem Dach des Hauses. Und so trug es sich zu, daß des Großvaters Koffer eines Tages wieder in das Licht familiären Interesses geriet. Er wurde geöffnet, was von den in solchen Fällen immer zufällig anwesenden Zwillingen mit wachsender Aufmerksamkeit zur Kenntnis genommen wurde.

“Kuck mal! Spielsachen von Opa!”

Und das hörte sich an, als sei es überhaupt eine absonderliche Vorstellung, daß es von Opa Spielsachen gab. Ganz zu schweigen davon, daß er auch einmal damit gespielt haben könnte.

“Igitt – der stinkt!” rief Petra und hielt Ted in die Höhe.

“Was soll denn das sein?” meinte Peter und deutete mit einem nicht sehr sauberen Finger auf den Magier. Spatz wurde gar nicht zur Kenntnis genommen.
Das aber war der Augenblick, an dem sich die drei Figuren im Koffer ihrer Existenz bewußt wurden. In diesem besonderen Falle allerdings nicht als Spielzeug, sondern als lebende Wesen. Es schien tatsächlich, als befähige sie die vor langen Jahren empfangene Liebe dazu, ihr Schicksal nun in die eigenen Hände zu nehmen. Denn nicht zu Unrecht schätzten sie die neue Situation als bedrohlich ein, was eine umgehende Beratung über die zu unternehmenden Schritte nahelegte. Und da gab es im Augenblick wohl nur eine Möglichkeit: Sie beschlossen, unsichtbar zu werden und entzogen sich so den Blicken und Gedanken der Familie. Das heißt, gedanklich hatten sich wohl weder die Zwillinge noch ihre Eltern mit Spatz, Ted und dem Magier beschäftigt. Für drei alte Figuren aus Stoff und Holz war kein Platz in den Köpfen und auch keine Liebe in den Herzen. Der Koffer wanderte auf den Müll, wo er seine Identität als ‚Opas Koffer‘ endgültig verlor. Der Magier aber, der eine entfernte Ähnlichkeit mit einem Clown hatte, machte sich mit Ted, dem Bär, und Spatz, der Ente, auf den Weg in eine Welt, die sich in mehr als achtzig Jahren verändert hatte, und die sie bald als Wegwerfgesellschaft kennen- und fürchtenlernen sollten.

“Die Welt gehört den Clowns!” munterte der Magier seine beiden Freunde immer wieder auf . Doch von Tag zu Tag fiel es ihm schwerer. Denn wo immer sie sich auch nur kurzfristig zeigten, liefen sie sogleich Gefahr, in der Mülltonne zu landen.

“So geht das nicht weiter”, stellten sie schließlich gemeinsam fest.

“Nein! So geht das tatsächlich nicht weiter!” wiederholte der Magier mit Nachdruck. “Wenn wir sie verändern wollen, dann müssen wir sie in Frage stellen.”

“Aber wir wollen doch nur, daß sie uns liebhaben!” versuchte Spatz, der Feststellung des Magiers ein wenig die intellektuelle Schärfe zu nehmen.

“Eben, darum müssen wir sie in Frage stellen –”, entgegnete Ted, der gern die Gelegenheit wahrnahm, die klugen Worte des Magiers zu wiederholen, ohne sich aber festzulegen, wer denn in Frage zu stellen sei.

“Und wo fangen wir an?” beeilte sich Spatz, auf die gemeinsame Linie einzuschwenken.

“Zuerst einmal müssen wir uns darüber klar werden, wen wir in Frage stellen wollen”, nahm der Magier seinen Gedanken wieder auf. “Die Zwillinge, die Familie oder die ganze Menschheit!?”

“Ich will, daß mich die Zwillinge liebhaben!” entfuhr es Spatz etwas voreilig, und verunsichert wanderte sein Blick zwischen Ted und dem Magier hin und her.

“Wir müssen auch den Rest der Familie im Auge behalten”, gab Ted zu bedenken. “Die beiden Großen haben mehr zu sagen …”

“Und wir müssen die allgemeine Situation in unsere Überlegungen mit einbeziehen”, steckte der Magier das Problemfeld großräumig ab. “Keiner mag uns! Wir sind alt, schmutzig und nichts wert.”

“Stimmt! ‚ne Käthe-Kruse-Puppe bist du nicht!” Ted erntete für diese Bemerkung einen etwas irritierten Seitenblick des Magiers.

“Ich denke, jeder von uns weiß selbst, was er wert ist. Ich jedenfalls bin etwas wert. Die Zwillinge wissen es nur nicht, und das werde ich ändern!” Spatz schaute mutig in die Runde.

Der Magier war sichtlich beeindruckt: “Du hast recht. Fangen wir mit den Zwillingen an. Ich muß mir da etwas einfallen lassen …”

Gewiß, es war schon einige Zeit her, daß der Magier sich etwas hatte einfallen lassen müssen. Damals war Opa so etwa zehn Jahre, so alt wie die Zwillinge jetzt. Und damals hatten die Einfälle des Magiers – nicht selten zu Opas eigenem Erstaunen und seiner Eltern Verwunderung – eine überraschende Wirkung gehabt. Wobei der Magier stets unauffällig im Hintergrund blieb. Auch, wenn Opas Eltern gelegentlich anmerkten: “Rudolf, das ist doch nicht auf deinem Mist gewachsen!?”

“Wir müssen sie verunsichern”, fuhr der Magier fort. “Wir …”

“Die Zwillinge??” fiel ihm Spatz ins Wort.

“Unsinn! Die Anderen –. Die Zwillinge bauen wir auf!” Der Magier dachte daran, wie oft er Opa ‚aufgebaut‘ hatte. Und so machten sich die Drei ans Werk.

In der darauffolgenden Woche – es war Dienstag, und nach der großen Pause stand Sachkunde auf dem Stundenplan – ließen sich die Zwillinge zu Pausenbeginn unbemerkt im Klassenraum einschließen. Während Peter den Flur durch das Schlüsselloch im Auge behielt, klappte Petra die große Wandtafel auseinander und schrieb mit Kreide und in schönster Schönschrift einen Satz auf die Innenseite. Dann klappte sie die Tafel wieder zu, legte die Kreide zurück in die Schale und wartete mit ihrem Bruder zusammen auf das Ende der Pause, um sich dann wieder unauffällig unter die hereinströmenden Mitschüler zu mischen, was schließlich auch problemlos gelang. Kurz danach betrat Bernd Hofbauer, der Sachkundelehrer, den Klassenraum, was ein mäßiges Absinken des Geräuschpegels zur Folge hatte, und betrachtete seine Schützlinge:

“Na, ausgetobt?”

“Jaaa …”, tönte es lautstark aus achtundzwanzig Kinderkehlen.

Es folgte ein prüfender Lehrerblick über die versammelte Schülergemeinde: Ah ja, die Zwillinge! Auf dem Hof waren sie ihm heute gar nicht aufgefallen. Na ja, muß ja auch nicht immer der Fall sein.

“Na gut –. Ihr erinnert euch sicher, daß wir am letzten Freitag über den Meeresspiegel sprachen. – Martin, kannst du das Buch mal wieder zuklappen? – Das ist nett von dir! Also, da gibt es zum einen den theoretischen Meeresspiegel, der dient als Grundlage für alle Höhenmessungen. Zum anderen ist da der natürliche Meeresspiegel. Und der unterliegt Schwankungen von elf Zentimetern bis zu fünfzehn Metern. – Weiß jemand, woran das liegt?”

Sieben Hände wurden hochgestreckt.

“Na? Martin, bitte?”

“Das ist Ebbe und Flut.”

“Richtig, die Gezeiten. – Nun gibt es aber auch ein Meer – ja, eigentlich ist es nur ein größerer See, der liegt nicht etwa, wie alle anderen Seen, höher als die Meere, sondern tiefer. Seine Wasseroberfläche liegt rund vierhundert Meter unter dem Meeresspiegel. Man nennt diesen See auch das ‚Tote Meer‘. – Und damit wollen wir uns heute be…” Bernd Hofbauer hatte die Tafel aufgeklappt und stutzte.

“Aus der Tatsache das niemand weiß, woran das tote Meer gestorben ist, läßt sich nicht das Recht ableiten, andere Gewässer vorsätzlich umzubringen”, war da in schönster Schönschrift zu lesen.

“Hinter Tatsache setzen wir ein Komma, und ‚das‘ wird hier mit zwei ‚s‘ geschrieben …” Dann fehlten dem Sachkundelehrer erst einmal die Worte, und er brachte die entsprechenden Korrekturen an. “Wer hat das an die Tafel geschrieben?”

“Meine Schwester!”

“Stimmt das, Petra?”

“Ja –”, kam es etwas dünn aus der Tiefe des Klassenraumes.

“Hast du das irgendwo gelesen?”

“Nein!” klang es schon etwas fester.

‚Das ist doch nicht auf deinem Mist gewachsen‘, dachte Bernd Hofbauer, aber er sagte es nicht. “Weißt du, manchmal sagt ein einziger Satz mehr aus, als zehn dicke Bücher. – Und ich glaube, daß ist hier der Fall. Ich glaube dir auch, Petra, daß du das nicht abgeschrieben hast. Aber – aber ich bin auch ziemlich sicher, daß du nicht so ganz genau weißt, was du da geschrieben hast.”

“Mhm …”, klang es etwas verlegen, während sich einige Reihen weiter hinten schadenfrohes Kichern breitmachte.

“Und ich bin ganz sicher, daß es da nichts zu lachen gibt. Schon gar nicht da hinten!” Der Sachkundelehrer schien in einer Weise verwandelt, die ihm selbst noch nicht ganz klar war. “Wißt ihr eigentlich, was das ist, H2O –? Wasser, das ist nicht irgend eine Flüssigkeit – Wasser, das ist Leben! Das ist die Grundlage allen Lebens auf diesem Planeten …”, hörte er sich selbst reden. Da war plötzlich etwas, das schien ihm wichtiger, als Wissen zu vermitteln: Verständnis! Und von dieser Stunde an setzte Bernd Hofbauer die Unterrichtsschwerpunkte etwas anders. Es war nicht mehr nur von den großen Flüssen, ihren Einzugsgebieten, ihrer Flora und Fauna die Rede. Auch die Betonkanäle, die einmal Bäche waren, wurden anhand alter Stadtpläne und Straßenbezeichnungen wiederentdeckt. Als Bernd Hofbauer an diesem Tag das Klassenbuch zuklappte, war er sicher, von den meisten seiner Schüler verstanden worden zu sein.

Die letzte Mittwochskonferenz vor den Sommerferien ging dem ersehnten Ende zu, als der Schulleiter sich leise an seinen ‚Biologen‘ wandte:
“Ach, Herr Kollege, kommen Sie doch bitte gleich noch in mein Büro? Ich – ich müßte da noch etwas mit Ihnen besprechen.”

Eine viertel Stunde später dann, bei einer Tasse nicht zu starken Kaffees:
“Nehmen Sie Milch, Herr Hofbauer? … ja, bitte schön. Danke. Nun, kommen wir gleich zum Thema –. Es tut mir leid, Herr Hofbauer, aber aus der Elternschaft ist eine Beschwerde über Sie an mich herangetragen worden. Ich möchte das nicht an die große Glocke hängen – ich denke, wir können das hier erledigen, wenn Sie damit einverstanden sind.”

Der Sachkundelehrer schien ein einziges Fragezeichen.
“Sie werden mich sicher über meine Verfehlungen aufklären?”

“Ich bitte Sie, Herr Kollege! Von Verfehlungen kann hier überhaupt keine Rede sein –. Es geht – nun, einige Eltern nehmen Anstoß an der Art, wie Sie biologisches Wissen vermitteln – oder, so wurde gesagt – werten.”

“Ist diese Kritik klassenübergreifend oder …”

“Nein, es handelt sich um die 4c –. Frau Rottke, die Pflegschaftsvorsitzende, hat sich im Auftrag einiger Eltern an mich gewandt.”

“Würden Sie das, bitte, etwas präzisieren? Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, daß mein Unterricht zu einer solchen Beschwerde Anlaß geben könnte.”

“Herr Hofbauer, – rundheraus gesagt, Ihre Bewertungen des Unterrichtsstoffs werden als etwas überzogen kritisiert.”

“Wenn Sie diese Ansicht teilen, Herr Rektor, dann bitte ich um meine Versetzung!” Bernd Hofbauer wurde förmlich.

“Lieber Herr Kollege, bitte! Wir wollen das nun nicht auf die Spitze treiben! Ich habe eben das wiedergegeben, was mir Frau Rottke als Ansicht einiger – einiger weniger Eltern vorgetragen hat. Ich schätze Sie als Mensch und als Pädagoge. Ich hätte überhaupt keinen Anlaß, Ihr Versetzungsgesuch zu befürworten. Die 4c – sagen Sie – sagen Sie, da sind doch auch die Zwillinge, nicht wahr? Ich weiß – ich weiß! – bitte, lassen Sie mich zu Ende reden –. Also, die 4c hat einige Besonderheiten. Ich weiß nicht, ob es Zufall ist; jedenfalls ist in dieser Klasse eine größere Gruppe von Kindern aus – nun, sagen wir, aus Familien vertreten, denen Umweltfragen nicht sehr am Herzen liegen, und die sich ganz gewiß nicht von ihren eigenen Kindern belehren lassen möchten … Kurz gesagt, ich habe nicht die Absicht, Sie diesen Leuten zu opfern! Aber ich bin da natürlich auch auf Ihren guten Willen angewiesen, Konfliktsituationen zu vermeiden… Und noch eines, bevor Sie dazu Stellung nehmen: Ich würde Sie gern für eine Ferien-AG gewinnen. Sie könnten sich dann die Teilnehmer aussuchen, mit denen Sie arbeiten möchten. Und wenn das klappt, könnte das auch zu einer festen Einrichtung während der übrigen Zeit werden. Nach den Ferien haben wir Frau Blümel als Vollzeitkraft. Und außerdem gibt es für diese Zwecke einen Etat, der bisher kaum in Anspruch genommen wurde. Ich hätte auch nichts dagegen, wenn sich die Inhalte der AG mit dem decken, was Ihnen diese Beschwerde eingebracht hat. Natürlich in vertretbarem Rahmen –. Wir können hier schließlich keinen Nachwuchs für Greenpeace ausbilden … Habe ich mich verständlich ausgedrückt?”

Er hatte.

Daß die Ferien-AG ein Erfolg wurde, versteht sich fast von selbst. Daß die Zwillinge zu den eifrigsten Mitarbeitern gehörten, muß auch nicht ausdrücklich erwähnt werden. Daß aber auch Spatz, Ted und der Magier mit dabei waren, hat damit zu tun, daß alles, was geschieht, irgendwo einen tieferen Sinn hat. Und das kam so: Trotz der kurzen Vorbereitungszeit, die zur Verfügung stand, war das Interesse an der neuen AG unerwartet groß. Noch vor den Sommerferien trafen sich fünfundvierzig Kinder mit ihrem Sachkundelehrer im Vortragsraum der Schule und bemühten sich, Nägel mit Köpfen zu machen. Was dabei herauskam, war ein Plan, der sich sehen lassen konnte: Wer in Urlaub fuhr, sollte Beispielhaftes und Kritikwürdiges sammeln und nach den Ferien berichten. Wer zu Hause blieb, und das waren nicht wenige, hatte zwei Möglichkeiten: Entweder praktischer Naturschutz, zum Beispiel Straßenbäume bewässern und das Aufspüren wilder Müllkippen, oder – und das betraf die handwerklich Interessierten – das Aufarbeiten von alten Spielsachen.

“Denn”, so hatte Bernd Hofbauer seinen Vorschlag begründet, “alte Spielsachen sind keine gewöhnlichen Gegenstände. Sie leben –. Man muß es nur erkennen –. Und dann haben sie viel, sehr viel zu erzählen.”

Der Vater der Zwillinge hatte sich angeboten, diese Gruppe zu betreuen. Auf der Suche nach altem Werkzeug fielen ihm Spatz, Ted und der Magier in die Hände.

“He, ihr Beiden, kommt mal her!” rief er die Zwillinge. “Ich habe Arbeit für eure Gruppe!”

“Opas alte Spielsachen! Mensch, die nehmen wir uns vor.”

“Die waren doch in dem alten Koffer”, erinnerte sich nun auch die Mutter der Zwillinge und musterte die Fundstücke kritisch.

“Nun, ich denke, du kannst den Kindern auch wertvolle Tips geben, was Sauberkeit und Hygiene betrifft.”

“Oh, ich kann euch auch Arbeit beschaffen!” ergänzte die Kindergärtnerin ihren Mann. “Ich glaube, bei uns in der Tagesstätte kommt einiges zusammen.”

“Altes Spielzeug, bitte, keine Barbie-Puppen!” schränkten die Zwillinge ein.

In der Weihnachtszeit trat die Arbeitsgemeinschaft zum erstenmal an die Öffentlichkeit. In den Räumen der Kindertagesstätte fand eine Ausstellung statt, die einen Überblick über die Aktivitäten der Gruppe ‚SPATEM‘ bot. Den Namen hatten sie sich nach langer Diskussion selbst gegeben, nachdem ein Pressebericht die Arbeitsgemeinschaft gewürdigt hatte. Der Vater der Zwillinge, der inzwischen auf Vermittlung von Bernd Hofbauer eine Umschulung zum Sozialarbeiter machte, hielt die Eröffnungsrede.

“SPATEM?” wurde er gefragt, “was ist denn das. Ist das eine Abkürzung?”

“Fragen Sie doch die Kinder”, meinte er und lächelte.

“‚SPATEM‘ ist ‚SPATEM‘! Das sind ganz einfach wir!” gaben die zur Antwort.

Die einzigen, die dazu noch etwas hätten sagen können, saßen beim Basar in der Kindertagesstätte auf einer alten Kommode, vor sich ein Schild “UNVERKÄUFLICH”. Es waren SPAtz, TEd und der Magier.

Und wenn nun jemand meint, das sei ein schönes Märchen, dann ist dem nur hinzuzufügen, daß auch Märchen wahr werden können.

Mondkälbchen

von Karlheinz Lörner (copyright)

Lauscht Omar,
dem Märchenerzähler!

Daß ich auf dem Mond lebe, weiß jedes Kind. Sie sagen zu mir, Omar, du lebst auf dem Mond oder sogar hinter dem Mond. So schreibt man doch keine Gedichte mehr. Aber das macht mir nichts, ich lebe gerne auf dem Mond. Ich will gar nicht die vielen Vorteile aufzählen, die man hier vom erdlichen Standpunkt aus hat. Eins aber ist schon wichtig für mich, ich sehe die Erde nicht mehr, wenn ich auf die Rückseite des Mondes gehe, und besser noch, die Erde sieht mich nicht mehr, niemand auf der Erde.

Dort, hinter dem Mond begegne ich dem Mondkälbchen. Das Mondkälbchen ist wie alle Kälbchen der Welt das Kind einer Kuh. Nur der Vater ist etwas ungewöhnlich. Er ist ein Sternbild, in das sich die Kuh in einer klaren Juninacht verliebt hatte. Das ist auch der Grund, warum das Mondkälbchen einmalig ist. Ich bin mir also sicher, daß ich immer dem gleichen Mondkälbchen begegne, wenn ich über die Rückseite des Mondes spaziere.

Heute ist das Mondkälbchen sehr nachdenklich. Es sitzt auf einem Mondstein und sieht dem Sonnenuntergang zu.
“Sag mal Omar, du bist doch manchmal auf der Erde, um deinen Wein zu holen, sind die Sonnenuntergänge auf der Erde auch so schön wie hier?”
“Sie sind anders.”
“Wie anders.”
“Sie haben mehr Atmosphäre, deshalb sind sie auch nicht so klar.”
“Ich liebe Klarheit.”
“Ich auch.”

Das Mondkälbchen blickt mich mit großen, kugelrunden braunen Augen an. Auch die Kälbchen auf der Erde blicken so. Immer. Das ist auch der Grund, warum ich mich immer so schuldig fühle und mich abwende und weggehe.

Heute war ich auf der Erde in dringenden Angelegenheiten. Verschiedene Sachen gibt es nur auf der Erde. Dazu gehört natürlich Wein und leider auch Liebe. Auf dem Mond kann es keine Liebe geben, weil dort alle Wesen einzeln sind. Es gibt den Mann im Mond, das Mondgesicht, die Mondsichel, das Mondpferd. Alle Wesen auf dem Mond mögen einander. Aber Liebe, Liebe gibt es nur auf der Erde – auch den Haß. Daß das möglich wurde, hat die Erde zwei Geschlechter erfunden. Manchmal suche ich dort nach der Liebe. Doch nie kann ich sie mitnehmen auf die Rückseite des Mondes. Auch die Zeichen für Liebe kann ich nicht mitbringen, denn die Gegenstände zerfallen auf dem Mond. Der Mond läßt keine Gegenstände zu.

Das Mondkälbchen hat mich erwartet. Es steht an der Grenze der Rückseite und blickt über den Rand.

“Warst du wieder auf der Suche nach Liebe, Omar?”
“Ja, aber ich habe Wein gefunden.”
“Was ist Liebe?”

Das habe ich erwartet. Das Mondkälbchen geht mir mit seinen Fragen auf die Nerven, besonders, wenn ich etwas nicht erklären kann. Aber ich weiß schon, was ich machen muß, um drumherum zu kommen. Ich erzähle ihm die Geschichte vom Wein.

“Paß auf, ich erzähl dir die Geschichte vom Wein. Dann verstehst du die Liebe. – Als die Erde die Liebe erfunden hat, ist sie davon ausgegangen, daß immer ein Wesen ein anderes findet. Das mag wohl am Anfang ganz gut gelungen sein. Aber je mehr Wesen die Erde bevölkerten, desto weniger fanden sie einander. Und so kam der Haß in die Welt. Da sah die Erde, daß sie einen Fehler begangen hatte und ließ den Wein wachsen. Der hilft den Einsamen durchs Leben, wenn sie auch immer nach der Liebe suchen. Manche können damit fliegen. So bin ich zum Mond gekommen.”

Ich denke, das reicht. Das Mondkälbchen wird nicht gemerkt haben, daß ich die Liebe nicht erklären kann. Aber ich habe mich getäuscht. Es ist klüger als ich dachte.

“Omar, du solltest der Erde sagen, daß die Wesen zuerst sich selbst lieben sollen. So geht die Liebe nicht verloren.”

Die Antwort hat mich sehr überrascht und ich werde mir den Satz merken bei meinem nächsten Besuch auf der Erde.

Ich habe immer weniger Freude daran, zur Erde zurückzukehren. Der Mann im Mond beobachtet die Erde. Er hat von Natur aus einen Gegenstand, eine Laterne. Es ist so ziemlich der einzige Gegenstand, der nicht sofort zerfällt. Das Zerfallen ist übrigens auch der Grund für meine Erdaufenthalte. Es ist nicht die Liebe, es ist der Wein und den gibt es leider nur in Flaschen und Fässern. Mit der Laterne hat er einen besonderen Durchblick. Er kann auf der Erde alles sehen. Nur erklären kann er es nicht. Darum fragt er mich oft um Rat. Er ist sehr geschwätzig. Er hat einen großen Hund gesehen, der ein Kalb fraß. Ich konnte ihm das nicht erklären. Es paßte nicht in mein Schema.

Das Mondkälbchen hat zugehört. Es fragt mich, warum ich das nicht erklären kann.

“Warum, Omar, der doch in beiden Welten zu hause ist, kannst du mir das nicht erklären?”
“Weil ein Hund kein Kalb frißt sondern es hütet.”
“Aber – es ist doch mit mir verwandt. Ich bin auch ein Kälbchen!”

Das Mondkälbchen ist sichtlich verstört und ich versuche es zu beruhigen.

“Es wird eine Krankheit sein.”
“Was ist Krankheit?”

Das wird schwierig.

“Krankheit ist der Weg in den Tod auf der Erde.”
“Erlöschen die Wesen auf der Erde nicht wie die Sterne”
“Nein, sie leiden vorher.”
“Was ist Leiden?”

Das habe ich erwartet. Jetzt muß ich gleich Gott ins Spiel bringen. Aber das will ich auf jeden Fall vermeiden.

“Leiden ist etwas, was die Wesen der Erde einander zufügen aus Mangel an Liebe.”

Vielleicht hätte ich das mit Gott sagen sollen, vielleicht auch schweigen. Ich vermisse das Mondkälbchen sehr, wenn ich allein die Sonnenuntergänge betrachte.

Kerzenlicht

von Karlheinz Lörner (copyright)

Lauscht Omar,
dem Märchenerzähler!

Sie stand am Fenster und blickte in die Nacht. Immer am Abend in den Tagen vor Weihnachten durfte sie dort im Fenster auf die dunkle Welt hinaus leuchten. Draußen stürmten die wilden Schneemänner durch den Garten mit ihren roten Rübennasen. Der eine trug einen Ritterhelm aus einem Eimer, der andere hatte sechs Limonadendosen als Haare aufgesetzt bekommen, eine Punkerfrisur. Till und Eric hatten sie am Tag vorher im Neuschnee gebaut.

Die beiden Kinder freuten sich schon darauf, daß die Mutter wieder die Streichhölzer aus dem Küchenschrank nahm und die Kerze anzündete. “Das ist für die Armen und Verloren Gegangenen in der Welt,” erzählte sie: “Und wenn sie das Licht sehen, finden sie ihren Weg nach Hause in ein warmes Zimmer, zu ihrer Mama und ihrem Papa und einen Weihnachtsbaum mit lauter bunten Kugeln und vielen Weihnachtskerzen.” Till stellte sich dann immer vor, wie der Bettler auf dem Stadtplatz, der die Mutter immer um eine Mark anbettelte, nach Hause finden würde. Und wie ihn seine Eltern in die Arme nehmen würden und wies Hamburger mit Pommes Frites und viel Ketchup geben würde. Eric dachte beim Einschlafen an die Kerze im Fenster, als er sich in sein warmes Bettchen kuschelte, während die Mutter leise die Kerze löschte.

Auch die Kerze träumte von ihrer großen Aufgabe. Sie freute sich schon auf Weihnachten, denn dort würde sie noch viele Freunde finden. Gemeinsam würden sie dann in die Welt hinausstrahlen vom Weihnachtsbaum und Fensterbrett. Ihre Enttäuschung war groß, als Weihnachten herannahte und die Mutter die Lichtergirlanden aus der Pappschachtel nahm. Es waren nur leblose kleine Knirpse, die auf Knopfdruck ihr kaltes ruhiges Licht in den Raum schickten und die Geschenke beleuchteten. Elektrisches Licht schickt keine Botschaft aus dem Herzen hinaus in die kalte Welt. Darum blieb die kleine Kerze mit ihrer Aufgabe allein. Die Kinder aber hatten sie über dem Weihnachtsbaum und der Eisenbahn, dem Bagger und dem Polizeiauto vergessen.

Das Neue Jahr begann mit einem großen Feuerwerk . Die Raketen stiegen in den Himmel hinauf und die Kunststerne und Feuerräder überstrahlten das freundliche Gesicht des Mondes für ein paar Minuten. Die prächtigen Farben und der Goldregen beeindruckten die kleine Kerze nicht. Sie wußte, daß sie eine viel wichtigere Aufgabe hatte, als vor dem Verlöschen einmal am Himmel zu funkeln.

Irgend wann Anfang Januar begann die Mutter die Weihnachtssachen auf den Dachboden zu räumen. Der Christbaum hatte begonnen, seine Nadeln auf den Teppich zu verstreuen und mußte hinaus auf den Kompost. Till durfte die Christbaumkugeln vorsichtig in Holzwolle packen und der Mutter reichen und Eric legte die Räuchermännchen und die Figuren aus der Weihnachtskrippe in kleine Pappkartons. Nur die kleine rote Kerze blieb übrig. “Mami, darf ich die dicke, rote Kerze vom Fenster behalten?” “Aber nur, wenn du nichts mit ihr anstellst.” Eric packte die Kerze in seine Spielkiste. Dort lag sie und träumte zwischen zwei vergessenen Kasperpuppen, einem Polizisten und einem Krokodil, davon, wie sie eines Tages einen verlorenen Menschen finden und nach Hause führen würde.

Draußen wurde es Frühling und die Narzissen öffneten ihre Augen und suchten nach den Bienen. Osterhasen aus Schokolade standen schon in goldenem Stanniol verpackt in den Regalen. Selten hatte einer von ihnen die Chance, die Festtage zu erleben. Die Mutter mahnte zwar immer, aber Eric liebte es zu sehr, diesen Hasen in die Ohren zu beißen. Wenn beim Hasen aber einmal die Ohren abgebissen sind, sieht er wie ein Affe aus. Darum blieb nichts anderes übrig, daß die beiden Brüder auch den Rest untereinander teilten. Nur noch das goldglänzende Papier erinnerte an den berühmten Eiermaler.

Vor den Osterfeiertagen war noch Tills Geburtstag. Eric empfand Geburtstage als ungerecht. Schließlich hatte Till schon zwei mehr als er gefeiert und außerdem bekam er manchmal Geschenke aus den viel größeren Spielsachenbeständen seines Bruders, während der immer nagelneue Fahrräder und Inline-Skater geschenkt bekam. Die Mutter mahnte ihn: “Überleg dir, was du deinem Bruder schenken willst.”

So kam Eric auf den Gedanken, aus dem Stanniol und Papier einen Mann zu bauen. Und weil die Ohren wie Flügel aussahen, wurde es ein Engel. Da es aber schon ein Engel geworden war, fiel Eric die kleine, rote Kerze in seiner Spielekiste ein. Darum kramte er sie aus ihrem dunkeln warmen Gefängnis unter dem Polizisten heraus und stellte sie auf den goldenen Mann, dorthin, wo er seine Hände vermutete.

Die kleine Kerze erwachte von dem grellen Deckenlicht. Sie hasste es. Sie war zur Feindin der Kunstbeleuchtung geworden, denn sie gab ihr die Schuld an der langen, dunklen Verbannung. Dabei hatten diese Lampen doch kein Leben, kein Feuer. Nur die kleine Kerze besaß diese Flamme, die das Leben ausmachte. Jetzt durfte sie wieder brennen auf dem Geburtstagstisch, mitten unter all den Kuchen und Limonadengläsern eines Kindergeburtstags.

Die Kerze strahlte in ihrem schönsten Glanz über dem Gold und funkelte im Widerschein des Stanniolengels. So stolz war die kleine Kerze und so verliebt, daß sie gar nicht merkte, wie sie dahinschmolz unter ihrer Hitze, um ihrem Geliebten das lebendige Leuchten zu geben. Sie merkte gar nicht, wie schnell Till das Geschenk seines Bruders vergessen hatte, bei den vielen Kindern, die alle seinen neuen Modellbaukasten bewunderten. Das goldene Haar und das goldene Gesicht schienen ihr aus dem Paradies zu kommen.

Als der Kindergeburtstag schon fast zu Ende war und ihr Licht kleiner und trüber wurde, weil der Docht aus Versehen in das flüssige Wachs fiel, brach es ihr fast das Herz, denn sie fühlte unter sich, daß ihr Engel aus Papier war. Würde sie ihn mit ihrer Flamme berühren, dann würde er verbrennen. Und sie weinte bittere, heiße Tränen. Eric rief: “Guck mal, Mama, die Kerze weint!” Die Mutter kam gelaufen: “Du liebe Zeit, die Kerze läuft aus. Jetzt muß ich wieder das Wachs aus der Tischdecke bügeln. Till, blas mal deine Geburtstagskerze aus.” Till füllte seine Bäckchen mit Luft und blies über die kleine Flamme wie ein Frühlingswind.

Da erlosch die kleine Kerze zum letzten Mal in ihrem Leben, denn sie hatte sich ganz verbraucht in ihrer kurzen Liebe. Ihre Aufgabe hatte sie darüber ganz vergessen. Niemals mehr würde sie einem Menschen helfen können, seinen Weg durch die Nacht zu finden. Ihre Traurigkeit kletterte in einem kleinen Wölkchen zur Zimmerdecke und füllte den Raum mit einem zarten Bienenwachsduft.

So ganz und gar war sie vergangen, daß die Mutter sie zusammen mit den Kuchenkrümeln und Servietten in den Mülleimer packte. Die Müllmänner fuhren sie in einem orangefarbenen Wagen zur Müllkippe der Stadt. Neben einer Coladose lag sie und einem verschimmelten Brot auf ihrer letzten Fahrt. Und doch erfüllte sich dort ihr kurzes Leben. Als sie aus der Dunkelheit des Wagenbauches unter den freien Himmel fiel, glänzte über ihr zum ersten Mal die Sonne, das Licht unserer Welt. Und es war der kleinen Kerze, als wenn sich alle Flammen aller Kerzen in ihrem Licht vereint hätten, um alle Menschen aus der Dunkelheit zu führen und sie selbst wäre ein Teil der flammenden Strahlen.

Und sie schmolz im Augenblick dahin.

Zwillinge? – Kein Problem

von Eduard Breimann (copyright)

„Macht euch doch keine unnötigen Sorgen! Ihr seid so ängstlich geworden; so kenn’ ich euch gar nicht.“
„Wir sind nicht ängstlich, nur besorgt – und das ist ja wohl ein Unterschied, mein lieber Sohn. Wenn es Schwierigkeiten gibt, was dann?“, sagte sie und lauschte auf des Brummen im Hörer; Peter telefonierte im Auto, war wohl auf dem Heimweg.
„Hör zu, Mama“, seufzte Peter vernehmlich und sie sah vor ihrem inneren Auge sein ungeduldiges Gesicht, das er immer aufsetzte, wenn er was nicht rüber bringen konnte, „Elke und ich sind ganz sicher. Die Kleinen lieben euch, sind vernünftig und haben noch nie gefremdelt.“
„Aber wenn sie Heimweh bekommen? Wenn sie ihr Stallhäschen und das Meerschweinchen vermissen?“
„Kein Problem. Die beiden sind so vernünftig.“
„Ha!“, rief Konrad, der über die Freisprechanlage zuhörte, „Wie oft waren sie denn schon von zu Hause weg? Zwei ganze Wochen lang? Ohne Eltern? So weit weg? Noch nie!“
„Ach was! Die freuen sich irre auf euch und auf den Urlaub; sie kommen sich so groß vor. Und im nächsten Jahr, wenn sie in der Schule sind, wollen sie bestimmt ihre Ferien bei euch verbringen – wartet mal ab“, rief Peter.
„Wir freuen uns ja auch auf unsere Mäuse; wir möchten nur nicht, dass sie hier unglücklich sind“, sagte Karin. „Wir meinen ja nur … Konrad überlegt sich schon, was er alles mit ihnen unternehmen kann.“
„Na also! Wir sind froh, wenn wir bei dem Umzug die Kleinen nicht zwischen den Beinen haben. Passt auf! Elke kommt am Montag mit der LH 911 um 10:05 Uhr in Köln an. Sie hat ungefähr eine halbe Stunde Aufenthalt und fliegt mit der nächsten Maschine zurück. In der Zeit könnt ihr ja alles mit ihr besprechen, was ihr noch wissen müsst.“
„Wir freuen uns auf Montag“, sagte Karin und war sich nicht ganz sicher, ob das auch ihr wahres Gefühl war.
„Ich bin mal gespannt“, murmelte Konrad – und das sagte er immer, wenn er nicht wusste, wie etwas ausgehen würde.

Der Betrieb war beachtlich. In der Ankunftshalle des Kölner Flughafens knubbelten sich die Menschen; standen in Gruppen oder alleine da, lasen die Anzeigentafel, beobachteten die Ankommenden, die aus den Gates tröpfelten.
Geschäftsleute zogen ihre Trollys – winkten lässig den wartenden Partnern zu; Frauen machten lange Hälse, um ihre Lieben zu entdecken; mehrere Kinder mit Rucksäcken auf den schmalen Schultern wieselten zwischen den Erwachsenen hin und her und rannten plötzlich zu den bodentiefen Fenstern, als ein Kind rief: „Sie startet! Gleich geht sie hoch.“
Auf der Anzeigentafel wechselten die Ankündigungen lautlos. „LH 911 ist gelandet“, las Konrad halblaut. „Jetzt dauert´s nicht mehr lange. Bin gespannt, ob sie uns entdecken und erkennen.“
„Quatschkopf! Erkennen! Wir waren doch erst vor sechs Monaten bei ihnen in München. Meinst du, die hätten uns vergessen?“
„Ich weiß nicht. Die sind doch erst fünf. In dem Alter …“
„In dem Alter behalten die mehr, als dir manchmal lieb ist. Die haben uns nicht vergessen! Denk bloß mal, wie sie sich gestern am Telefon gefreut haben. ‚Nur noch einmal schlafen’, hat Silija gesagt.“
„Ja, ja. Am Telefon; da schwätzt man schon mal was dahin. Die haben sich auf den Flug gefreut, nicht auf uns. Irgendwie ist mir komisch. Vierzehn Tage! Ich bin gespannt …“
„Nicht schon wieder!“, sagte Karin. „Da! Da hinten! Ich seh sie schon. Hinter der Scheibe – da! Jetzt nehmen sie die Koffer vom Band. Meine Güte, was sind die groß geworden. Schau dir nur die langen, krausen Haare an. So weiße Haare hatte ich auch, als ich klein war. – Wo guckst du denn hin? Da! Nicht da – die in den roten Anoraks.“
„Ah! Ich seh sie. Oh mein Gott! Wer ist wer? Die sind ja auch noch völlig gleich angezogen! Na, das wird was geben“, stöhnte Konrad.
„Jetzt kommen sie! Elke! Hier! Hu-hu! – Komm, Konrad! Los! Sie haben uns noch nicht gesehen.“
Sie schoben sich durch die Menschenmenge, die sich zum Ausgang des Gates drängte. Karin hob ihre Rechte und winkte aufgeregt, während Konrad hinter ihr her trottete.

„Die laufen uns schon nicht weg“, sagte er und blickte einem Kofferträger strafend nach, der ihm mit dem kantigen Gepäckstück ans Bein gestoßen war.
„Louisa! Silija! Hier sind wir!“, rief Karin und die kleinen Mädchen hoben die Köpfe, schauten sich suchend um.
Plötzlich ließen sie ihre Kindertrollys fallen, rasten sekundengleich los, umrundeten ein paar Männerbeine und stürzten sich – völlig synchron – auf Karin und Konrad.
„Oma!“ rief das eine und „Opa!“ das andere Mädchen; sie sprangen an ihnen hoch, warfen ihnen die Arme um die Hälse und drückten die warmen Gesichter an ihre Köpfe.
„Hallo – Louisa“, sagte Konrad etwas zögernd in den weißen Wuschelhaarkopf, „schön, dass du da bist.“
„Ich bin aber die Silija“, sagte das Mädchen nur und strahlte ihn an.
„Oh! Hab mich vertan. Ist doch klar; hätte ich ja wohl sehen müssen, was?“, sagte Konrad verlegen.
„Nein, kann man nur schwer erkennen. Louisa hat heute die gleichen Sachen an wie ich.“
Er spürte den leichten Körper, der sich an ihn schmiegte, blickte in das lächelnde Gesicht mit den riesigen blauen Augen und spürte ihre Haare an seinem Hals.
„Was gibt’s Schöneres“, dachte er und war glücklich.
Lächelnd stand Elke da, betrachtete ihre Mädchen und die Gesichter der Schwiegereltern.
„Hallo, ihr beiden. Na? Was sagt ihr zu unseren Mäusen? Sind sie nicht gewachsen?“
„Und ob; wir hätten sie fast …“
„Mama, wo ist mein Hase? Der liegt im Flieger!“, schrie Louisa und ihre großen Augen waren schon feucht.
„Genau! Der liegt im Flieger!“, rief Silija. „Hast ihn liegen gelassen.“
„Hab ich nicht!“, schrie Louisa und die ersten Tränen liefen. „Du hast ihn mir vorher weggenommen und damit gespielt.“
„Hab ich nicht. Doofe Ziege,“
„Selber doof.“
„Oh, Gott. Es geht ja schon los“, dachte Konrad und ließ Silija zu Boden gleiten.
„Wenn du mich nicht hättest, läg der wirklich noch im Flugzeug und würde schrecklich quieken, weil du ihn vergessen hast“, sagte Elke und zog den langbeinigen Hasen hinter ihrem Rücken hervor.
„So, jetzt lass die Oma mal für einen Moment los, kannst sie gleich wieder umarmen, Louisa. – Lasst euch erst mal drücken“, sagte Elke und schloss Karin und Konrad abwechselnd in die Arme.
„Hier sind die Trollys der Mäuse und in dieser Tasche hab ich noch allerhand Sachen eingepackt. Ihr kommt schon zu Recht; und wenn was fehlt …“
„Mach dir keine Sorgen, Elke. Wir kriegen das schon hin“, sagte Karin. „Wie viel Zeit hast du noch?“
„Eigentlich keine“, sagte Elke und wies auf die Anzeigentafel. „Ich muss schon los zur Abflughalle. Ist ja noch ein Stück zu laufen.“
„Jetzt geht’s los“, dachte Konrad. „Jetzt begreifen sie gleich, dass ihre Mama wegfliegt. Das gibt was! Ich bin mal gespannt …“
Aber es kam ganz anders. Der Abschied war eigentlich keiner. Louisa und Silija mussten extra aufgefordert werden, der Mama einen Abschiedskuss zu geben. Mit halb abwesender Miene taten sie ihre Pflicht, hingen dabei an den Händen ihrer Großeltern, als hätten sie Angst, die könnten ohne sie verschwinden.
„Bis in vierzehn Tagen!“, rief Elke, bevor sie von der Rolltreppe nach unten befördert wurde. „Seid artig und macht keinen Aufstand, hört ihr?“
„Na, das war ja einfacher, als ich gedacht habe“ stöhnte Konrad. „Der Anfang ist gemacht.“

„Ich hör was“, flüsterte Karin. „Sag nichts. Wir tun so, als ob wir noch schlafen.“
Nackte Füße platschten auf der Treppe, die vom Dachgeschoss in den ersten Stock führte. Konrad blinzelte leicht, konnte aber im Dämmerlicht nichts erkennen. Langsam schob sich ein kleiner Körper in sein Bett, zog die Bettdecke drüber und schmiegte sich eng an.
„Guten Morgen“, flüsterte ein dünnes Stimmchen. „Seid ihr wach?“
„Nee. Hmm. Oh“, machte Konrad und rieb sich die Augen. „Wen hab ich denn hier im Bett?“
„Die Silija. Und die Louisa liegt bei der Oma.“
„Aha! Habt ihr gut geschlafen in der ersten Nacht?“
„Ja, nur mein Hase, der ist immer aus dem Bett gefallen und hat sich am Kopf weh getan“, sagte Louisa mit mitleidsvoll getönter Stimme. „Der muss sich erst noch gewöhnen, weißt du. Der ist noch ein bisschen dumm.“
„Guten Morgen! Ich bin Susi. Ich hab gut geschlafen“, piepste es an Konrads Ohr. „Ich bin nicht dumm. Ich fall nie aus dem Bett.“
„Susi? Wer ist denn Susi?“
„Hier! Ich bin Susi“, piepste es wieder und flauschige Ohren flatterten Konrad ins Gesicht. „Ich bin ein Dalmatiner und meine beste Freundin ist die Silija.“
„Oh, guten Morgen, lieber Dalmatiner – äh, liebe Susi. Da haben wir ja dieselbe Freundin. Meine heißt auch Silija – und meine andere beste Freundin heißt Louisa.“
„Opa, erzählst du uns eine Geschichte? Eine, wo wir drin sind? Und wo wir mit einem Auto fahren? Eine ganz lange?“, fragte Silija.
„Oh!“, stöhnte Konrad. „Schon am frühen Morgen eine Geschichte? Mein Kopf ist ja noch ganz verschlafen. Den muss ich erst aufwecken – und das geht nicht so einfach.“
„Doch! Bitte, Opa. Ich mach ihn dir wach“, sagte Silija und wackelte mit beiden Händen an seinem Kopf, dass ihm der Schädel brummte.
„Au! Ah! Jetzt ist er wach. Also gut, jetzt kann ich eine Geschichte erfinden.“
Und er erzählte in der Art, wie es Kinder gerne mochten, flüsterte, wenn er Spannung erzeugen wollte, hob die Stimme, als es gefährlich wurde, ließ Autos mit tiefer Brummstimme und Kinder mit hellen und vergnügten Pipslauten sprechen.
„Jetzt muss das Auto aber noch einen Unfall haben“, forderte Louisa mitten in der Geschichte.
„Nein, keinen Unfall!“, konterte Silija. „Oder nur einen kleinen.“
„Na gut“, seufzte Konrad. „Also: Als das Auto gerade um eine kleine Kurve bog, machte es ‚Pfffff’ und der Wagen hoppelte und rumpelte. ‚Wir haben einen Platten’, rief Silija und da stand …“
„Nein, ich hab das gerufen. Ich hatte die Idee mit dem Unfall“, unterbrach Louisa.
„Gar nicht. Ist ja gar kein Unfall. Ich wollte den Plattfuß haben“, rief Silija und schluchzte.
„Jedenfalls ist die Geschichte gerade zu Ende gegangen; mein ganzer Kopf ist leer; hab’ alles erzählt, was drin war.“
„Morgen musst du wieder eine erzählen, ja? Ich weck auch deinen Kopf wieder auf“, sagte Silija und das Schluchzen war weg.
„Na klar, aber nicht so feste wie heute, sonst fliegen alle Geschichten, die da drin sind, wild durcheinander und verhudeln sich.“

„Weißt du noch, was wir für eine Sorge hatten, dass die Mäuse Heimweh bekommen könnten? Morgen ist die Zeit rum und die haben nicht ein Mal nach ihren Eltern gefragt. Kannst du dir vorstellen, wie es hier still wird, wenn sie weg sind?“, sagte Karin, als sie am Abend im Wohnzimmer saßen.
Die Mädchen waren seit einer Stunde im Bett, hatten sich nach der obligatorischen Gutenacht-Geschichte nicht mehr gemuckst.
„Ich bin ja mal gespannt, was die Kinder sagen, wenn sie sich morgen verabschieden müssen“, sagte Konrad und blickte dabei nicht von seiner Zeitung hoch.

Alles hatte sich geändert in diesen Tagen; die Zeitung war vom Frühstückstisch verbannt und wurde erst am späten Abend gelesen, die Schreibtätigkeiten im Büro waren auf ein Minimum reduziert worden, täglich fanden Ausflüge in die Umgebung statt.
„Ich kann sie inzwischen sogar auseinander halten“ murmelte Konrad.
„Na klar, weil ich ihnen immer unterschiedliche Sachen anziehe. Und meinst du, ich hätte nicht mitbekommen, dass du beim Frühstück immer laut ‚Silija’ rufst und aufpasst, wer den Kopf hebt?“
„Und du? Du hast immer noch nicht mitgekriegt, dass Silija die blaue Tasse bekommt und Louisa die rote.“
„Quatsch! Jedenfalls ist es schon etwas Besonderes, solche Zwillings-Enkelkinder zu haben. Jede Maus will genau das bekommen, tun, hören und spielen wie die andere“, seufzte Karin.
„Ja, und trotzdem wollen sie selber immer genau als Einzelperson gesehen werden. ‚Ich will nur das und nicht das, was die Silija will!’, oder ‚Meine Farbe ist rot’ und ‚Das will ich nicht, das mag nur die Louisa!’, sagen sie und lassen sich für nichts in der Welt umstimmen“, ergänzte Konrad.
„Schade, dass die Zeit schon wieder um ist. Hätte nicht gedacht, dass alles so glatt läuft, uns so viel Freude macht“, sagte Karin.
„Ich bin ja mal gespannt …“, begann Konrad.
„Hör auf! Nicht schon wieder. Jetzt brauchst du nicht mehr gespannt zu sein. Auf ihre Eltern und ihr eigenes Bett freuen die sich bestimmt. Und wiederkommen werden sie auch wollen – und sei es nur, dass sie die Fortsetzung deiner Geschichten hören wollen.“
„Ha! Ha! Und unseretwegen etwa nicht?“, fragte er und legte die Zeitung endlich weg.
„Nur unseretwegen. Weswegen denn sonst“, sagte Karin und hob lauschend den Kopf.

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