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	<title>The-Short-Story &#187; Kindergeschichten</title>
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		<title>Eva und die Physik</title>
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		<pubDate>Sun, 18 Oct 2009 14:31:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner-Kurt</dc:creator>
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		<description><![CDATA[„Weißt du, Jürgen, ...“ Eva ist mein Enkelkind. Sie nennt mich Jürgen, weil ich so heiße und weil ich die Bezeichnung Opa nicht ausstehen kann. Der Titel Großvater ist mir zu altväterlich. Er hört sich an, als trüge ich einen Rauschebart. Dabei trage ich alle drei Tage nur einen Drei-Tage-Bart und bilde mir ein, wie George Clooney auszusehen. Ich habe Eva gestattet, nein, ich habe sie gebeten, sie angefleht, mich bei meinem Vornamen zu nennen und zu vergessen, was ihre Mutter predigt, nämlich mich Opa oder Großpa zu schimpfen (was angeblich respektvoller ist).]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>von <a href="http://www.the-short-story.de/?p=359">Jürgen Jesinghaus</a> (copyright)</em></p>
<p>„Weißt du, Jürgen, &#8230;“ Eva ist mein Enkelkind. Sie nennt mich Jürgen, weil ich so heiße und weil ich die Bezeichnung Opa nicht ausstehen kann. Der Titel Großvater ist mir zu altväterlich. Er hört sich an, als trüge ich einen Rauschebart. Dabei trage ich alle drei Tage nur einen Drei-Tage-Bart und bilde mir ein, wie George Clooney auszusehen. Ich habe Eva gestattet, nein, ich habe sie gebeten, sie angefleht, mich bei meinem Vornamen zu nennen und zu vergessen, was ihre Mutter predigt, nämlich mich Opa oder Großpa zu schimpfen (was angeblich respektvoller ist).</p>
<p>„Weißt du, Jürgen, warum ich gestern zu spät zum Gitarren-Unterricht gekommen bin?“<br />
„Es gibt tausend Gründe, zu spät zu kommen. Wenn ich sie jetzt aufzähle, dann wird es der 999. oder 1000. Grund sein, der mir erklärt, warum du gestern zu spät gekommen bist. Da ist es bequemer, du &#8230;“<br />
„Weil ich in der Badewanne gelegen und in den Spiegel geschaut habe. Auf der Uhr im Spiegel war es zehn vor sechs, und ich dachte, da hast du noch zehn Minuten Zeit zum Dösen, der Unterricht beginnt ja erst um halb sieben. Als ich dann aus der Wanne gestiegen war und auf die Uhr schaute, was glaubst du, wie viel Uhr hatten wir da?“<br />
„Zwanzig nach sechs?“<br />
„Genau! Und darum bin ich zwanzig Minuten zu spät zum Gitarren-Unterricht gekommen. Weil sich im Spiegel die Uhren nicht im Uhrzeigersinn drehen, sondern im Gegenuhrzeigersinn. Und ich frage mich nun, ob die Zeit rückwärts läuft, solange man in den Spiegel sieht.“<br />
Das fragt sie nicht nur sich, sondern auch mich, denn sie steht vor mir wie ein lebendes Fragezeichen. Ich wäge mein Haupt und antworte in dem Augenblick, als meine Tochter das Zimmer betritt:<br />
„Frauen schauen oft in den Spiegel. Vielleicht tun sie es, um jünger zu werden?“<br />
„Vater, hör auf, solchen Unsinn zu reden!“<br />
„Und warum schauen Männer in den Spiegel, Jürgen?“<br />
„Du sollst Opa nicht Jürgen nennen!“<br />
Ich: „Männer schauen in den Spiegel, um sich zu rasieren.“<br />
Eva: „Und wie oft ist das?“<br />
„Alle drei Tage.“<br />
„Und siehst du dann, ob du etwas jünger geworden bist?“<br />
Ich zögernd:<br />
„Nein. Nein. Nein, ich glaube nicht.“<br />
„Ich habe mich heute morgen vor den Spiegel gestellt und darauf gewartet, dass ich jünger werde.“<br />
„Wenn du nur fünf Minuten hineinschaust, wirst du es nicht erfahren. Du würdest ja auch nicht erkennen, ob du älter geworden bist, wenn die Zeiger sich im Uhrzeigersinn drehen. Dazu braucht es in deinem Alter vielleicht ein Jahr, in Mamas Alter fünf &#8230;“<br />
„Vater, erzähl keinen Unsinn, setz dem Kind keine Flausen in den Kopf!“</p>
<p>„Die Uhr im Spiegel hat sich rückwärts gedreht. Richtig?“<br />
„Richtig.“<br />
„Und hat sich die Zeit selbst auch rückwärts bewegt? Denk nach! Bist du nicht wirklich zwanzig Minuten zu spät gekommen? In deiner Zeitwelt war es halb sieben und in der Zeitwelt deines Gitarrenlehrers schon zehn vor sieben. Und darum bist du WIRKLICH zwanzig Minuten jünger geworden – oder nicht?“<br />
„Vater, nun hör endlich auf, das Mädchen zu verunsichern! Eva, mein Schatz, dass du zu spät gekommen bist, hat mit einem Irrtum zu tun, mit einer irrtümlichen Wahrnehmung, das beruht auf Psychologie, nicht auf Physik, wie Opa dir einreden will.“<br />
Noch setze ich nicht meine Lächle-das-Kind-an-Maske auf, sondern bleibe ernst.<br />
„Was glaubst du denn, Ev, was passiert, wenn du in den Spiegel schaust – wirst du jünger oder älter?“<br />
Sie studiert mein Pokergesicht und wartet einen Augenblick, dann lacht sie und sagt hastig:<br />
„Ich werde älter.“<br />
Jetzt erlaube ich mir das Schmunzeln und antworte:<br />
„Du wirst schöner mit jedem Tag, den du in den Spiegel schaust. Das kann ein ganzes Leben lang anhalten. Es gibt Menschen, die immer schöner werden, auch wenn sie sechzig Jahre oder älter sind.“<br />
„Du gehörst aber nicht dazu, Jürgen.“<br />
„Nein, ich gehöre nicht dazu. Es sind nur auserwählte Menschen, die immer schöner werden. Du könntest ein solcher Mensch sein. Ja, das könntest du.“</p>
<p>Bevor ich in die Sentimentalität abrutsche, falle ich in einen sachlichen Ton und doziere:<br />
„Die Zeit spiegelt sich nicht in unseren Spiegeln. Sie läuft nicht rückwärts, auch wenn sich die Zeiger im Spiegel rückwärts drehen. Denn dass Zeiger rechts rotieren sollen, um die Zeit zu messen, ist nur eine Verabredung. Man hätte ebenso gut vereinbaren können, dass sie links rotieren, wie es die Mathematiker gerne hätten und auch die Anden-Indianer, wenn sie gefragt worden wären, denn für sie liegt die Zukunft links. Aber – es bleibt eine kleine Ungewissheit, nicht wahr? Es bleiben Fragen offen?“<br />
Ich schaue in Evas Augen und entdecke, gewissermaßen auf der Retina, nicht Angst, nein, das wäre zu viel behauptet, ich erkenne einen Ernst, wie ich ihn sonst nur bei Erwachsenen finde, einen Zweifel, der sich zunächst in der folgenden Frage äußert:<br />
„Wenn sich die Zeit wirklich rückwärts bewegt, was sie, wie wir alle wissen, nicht tut, nicht tun kann und nicht tun soll, was würde dann mit uns passieren? Wir würden immer jünger und jünger und jünger und jünger und &#8230;“<br />
„Eva, nerv Opa nicht!“<br />
„jünger und jünger &#8230;“<br />
„Wir würden rückwärts geboren. Das heißt, wir würden sterben. Ja. Ob wir nun immer jünger oder immer älter werden – am Ende müssen wir sterben.“<br />
„Das nennst du rückwärts geboren?“<br />
„Es schoss mir durch den Kopf. Ja. Rückwärts geboren ist ein anderes Wort für sterben.“<br />
„Dann ist es mir doch lieber, die Zeit läuft vorwärts, sonst hätte ich ja nur noch zehn Jahre zu leben. Sie läuft doch hoffentlich nur vorwärts?“<br />
Jetzt lese ich doch so etwas wie Angst in ihren Augen, jedenfalls ein Unbehagen.<br />
„Ja sicher. Keine Angst, du wirst lange leben. Unsere Spiegel auf der Erde reflektieren die Zeit nicht, sie vertauschen nur die Richtung im Raum. Wenn ich vor dem Spiegel von Süden nach Norden schreite, kommt mir jemand entgegen, der mir verdammt ähnlich sieht und von Norden nach Süden humpelt. Aber – hat der Professor Einstein nicht gesagt, dass Raum und Zeit zusammenhängen? Die Raumzeit? Hast du das schon einmal gehört? Ja? Professor Einstein und die Raumzeit?“<br />
„Gibt es denn da draußen, weit, weit, weit da draußen, bei den Klingonen und Romulanern, weit da draußen im Universum hinter den Wurmlöchern, gibt es denn da einen Zeit-Umkehr-Spiegel?“<br />
„Wenn man wie das Raumschiff Enterprise mit Warp-Antrieb fliegt, dann kommt man einem solchen Spiegel relativ nahe &#8211; das ist die Relativitätstheorie des Professors Einstein. Darum heißt sie so.“<br />
„Wenn ich so alt bin wie du, Jürgen, dann will ich Wurmlöcher entdecken, und dann habe ich keine Angst vor Spiegeln, die die Zeit umkehren. Darum will ich Psychologie studieren.“<br />
„Nein, Eva, du willst Physik studieren.“
<p>Provided by <a href="http://www.universal-frame.com/" title="Universal Frame GmbH - Marketing und Public Relation">Universal Frame GmbH &#8211; Marketing und Public Relation</a></p>
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		<title>Die Maus im Haus vom Nikolaus</title>
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		<pubDate>Sun, 23 Nov 2008 19:22:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner-Kurt</dc:creator>
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		<description><![CDATA[von Jürgen Jesinghaus (copyright) Dass Nikolaus der Bischof von Myra war, weiß ja jedes Kind. Selbst dass Myra am Mittelmeer liegt, und zwar in einem Land, das heute Türkei heißt, hat sich herumgesprochen. Und jedem scheint klar zu sein, dass Nikolaus auch ein Haus besaß, das er mit seiner Frau und einer Handvoll Kindern bewohnte. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>von <a href="http://www.the-short-story.de/?p=359">Jürgen Jesinghaus</a> (copyright)</em></p>
<p>Dass Nikolaus der Bischof von Myra war, weiß ja jedes Kind. Selbst dass Myra am Mittelmeer liegt, und zwar in einem Land, das heute Türkei heißt, hat sich herumgesprochen. Und jedem scheint klar zu sein, dass Nikolaus auch ein Haus besaß, das er mit seiner Frau und einer Handvoll Kindern bewohnte. Stimmt was nicht? Ach, Bischöfe haben keine Kinder? In der Spätantike und im frühen Mittelalter durften Bischöfe noch heiraten und Kinder haben. Warum das jetzt nicht mehr so ist? Wer das wüsste! Vielleicht, weil Kindererziehung anstrengt und Frauen so viel reden. Aber das kann es eigentlich nicht sein, denn Männer quatschen auch den ganzen Tag in ihr Scheiß-Handy (Entschuldigung). Also, wir wissen es nicht. Deshalb schick eine Mail an irgendeinen Bischof, zum Beispiel an den Bischof von Wuppertal-Vohwinkel, und schreib ihm, ich hätte gesagt, der Bischof von Myra sei verheiratet gewesen, und frag ihn, warum er nicht heiratet. Zugegeben, das ist eine aufdringliche Frage, die man vielleicht nicht stellen sollte. Allerdings glaube ich, dass Bischöfe heutzutage prinzipiell nicht heiraten. Und das Prinzipielle ist öffentlich. Also frag ruhig! Schreib: Exzellenz! So wird nämlich ein Bischof oder Weihbischof angesprochen. Kennst du übrigens den Witz vom Weiberzoff? Ach, der ist zu albern. Also guut!</p>
<p>Elisabeth kommt von der Schule nach Hause und berichtet, die Reli-Lehrerin habe vom Weiberzoff im Frauenklo gesprochen. Elisabeths Mutter ans Telefon und die Rektorin angerufen! „Geben neuerdings die Grünen und die Linke den Religionsunterricht an Ihrer Anstalt oder ist das noch die Katholische Grundschule, was?“ Die Rektorin giftet zurück: „Ja, das ist immer noch die KGS, obwohl 60 Prozent der Kinder mohammedanisch sind, aber die restlichen 39 Prozent sind dafür doppelt so gut katholisch!“ Später stellt sich heraus, dass die Ordensschwester erzählt hat, es sei der Weihbischof im Frauenkloster gewesen (um die neue Wetterfahne einzusegnen). Das fehlende eine Prozent? Das sind drei Kinder: ein Jude aus Frankfurt, ein Animist aus Kenia und ein Atheist aus dem Rhein-Sieg-Kreis. Wenn drei Kinder ein Prozent ergeben, wie viele Kinder sind in der Schule? Na? Na? 300. Genau! Protestanten? Nein, Protestanten gibt es an der KGS nicht, abgesehen vom Hausmeister, der ist Protestant. Der soll einmal gegen Niedriglöhne protestiert haben.</p>
<p>Wo sind wir stehengeblieben? Bei dem Brief. Also du schreibst den Brief und fragst, warum Bischöfe nicht heiraten dürfen. Früher jedenfalls durften sie es, und in Zukunft werden sie es auch wieder dürfen, da bin ich mir sicher. Nikolaus, der Bischof von Myra, hatte geheiratet und bewohnte mit seiner Familie ein Haus, zwar keine Villa, auch kein Palais wie unverheiratete Bischöfe, aber immerhin ein zweistöckiges Gebäude auf einem Speditionshof. Denn Nikolaus war auch ein Spediteur, also jemand, der heute Trucks, Waggons oder Container-Schiffe besäße oder mieten würde, um Waren zu transportieren, die sich bekanntlich, trotz ebay, noch nicht durch das Internet verschicken lassen. Eines Tages (wenn Bischöfe wieder heiraten dürfen) wird man auch das können, dann aber braucht der Spediteur einen „Beamer“ und einen verdammt guten Ingenieur wie Scotty von der ´Enterprise´, der einen solchen Beamer bedienen kann. Dass Nikolaus auch Spediteur war, wissen wir spätestens seit dem weltberühmten Roman ´Nikolaus, der Mann aus Myra´ des allseits bekannten Schriftstellers &#8211; jetzt fällt mir der Name nicht ein.</p>
<p>Was ist denn nun mit der Maus in der Überschrift?! Von der war nämlich noch gar nicht die Rede, obwohl es niemanden überraschen sollte, dass auf einem spätantiken Speditionshof mit seinen Kamelen und Mulis auch Mäuse lebten. Wo Futter angeboten wird, da sind Mäuse, kein Wunder. Das ist das Stichwort! Wunder. Gibt es die überhaupt? Der Frage nähern wir uns ganz behutsam. Am besten, ich fange mit den Kornspeichern an, die ein römischer Kaiser in Myra hatte bauen lassen, um einer Hungersnot vorzubeugen oder seine Soldaten zu versorgen, wenn die Infanterie durch Myra marschierte, die Kavallerie durch die Stadt geritten kam oder die Marines im Hafen anlegten.</p>
<p>Damit die Mäuse nicht das Korn fräßen, musste der Stadtrat von Myra Vorkehrungen treffen, die es den Nagern erschwerten, in die Speicher einzudringen. Vielleicht standen die Kornspeicher auf Stelzen mitten im Wasser, in einem Teich, den auch die Feuerwehr benutzte. Eine Maus hätte also zu den Stelzen schwimmen und daran hochkraxeln müssen. Damit ihr das nicht gelänge, hatten die Kornspeicher-Zimmerleute tellerförmige Steine zwischendurch angebracht, so konnten die Mäuse nicht weiter klettern, es sei denn, sie hätten sich angeseilt und wären wie Bergsteiger an dem Überhang entlang gehangelt. Es kann sein, dass Mäuse, die in der Schweiz geboren wurden, zum Beispiel in St. Niklaus im Oberwallis, solche Fähigkeiten besitzen. Aber am Mittelmeer? Da können die Mäuse windsurfen oder segeln, aber das Alpine beherrschen sie nicht. Trotzdem, um ihnen auch noch die letzte Chance zu rauben, hatte die Stadtverwaltung von Myra ein Übriges getan und Katzen angestellt, deren Aufgabe es war, Tag und Nacht, meistens nachts, rund um das Wasser zu tigern und den Mäusen Angst einzujagen.</p>
<p>Fassen wir zusammen: Eine tapfere Maus hätte sich an den Katzen vorbeischmuggeln, über den Teich schwimmen, an den Stelzen und um die Teller-Steine herum klettern müssen, damit sie ins Paradies käme. Dort wäre sie, wenn alles geklappt hätte, Zeit ihres Lebens geblieben und selig gestorben (denn eine so riskante Reise macht man nur einmal). Das war den myraner Mäusen natürlich bekannt. So etwas sprach sich herum. Keine wollte sich mit einer Katze anlegen oder einen breiten Teich überqueren. Um also an das begehrte Korn zu kommen, hatten sich die cleveren Mäuse etwas anderes ausgedacht. Sie versammelten sich im Hafen und schauten nach Schiffen aus, die Getreide bunkerten oder löschten. Wenn sie ein solches Schiff gefunden hatten, liefen sie über die Festmacher (das sind Trossen, mit denen man Schiffe an der Pier festmacht) bis zu einer offenen Verladeluke. Dort fanden sie dann, wenn sie Glück hatten, was sie suchten und wurden auf diese Weise zu Schiffsmäusen.</p>
<p>In Hungerszeiten sah es auch für die Mäuse schlecht aus. Da war Schmalhans Küchenmeister, und die Mäuse mussten ihren Gürtel enger schnallen. Es hätte sich auch kaum gelohnt, an den Katzen vorbei zu einem Speicher zu schwimmen.  Just in einer solchen Hungersnot hatte Nikolaus, um hungernden Menschen zu helfen, bei dem Reeder Anarchos ein ausgemustertes Schiff geliehen, das für den Überseehandel zwar ungeeignet, aber für den Küstenverkehr noch tauglich war. Mit Spendengeldern konnte er Weizen billig einkaufen, denn die Bauern wollten sich von den Preisdrückern der Armee, die Getreide requirierten, nicht übers Ohr hauen lassen. So wurde das Schiffchen von Nikolaus voll. Die Mäuse hatten aufgepasst. Einigen von ihnen gelang es nämlich, an Bord zu klettern und zusammen mit dem Bischof in See zu stechen.</p>
<p>Unter den Mäusen war eine, die hieß Mus Domesticus. Das ist ungefähr so, als würde ich jemanden mit Dr. Homo Sapiens ansprechen, womit ich nicht mehr gesagt hätte, als dass der Herr Doktor ein weiser Mensch ist. Mus (wir nennen den Mäusemann beim Vornamen) spazierte oder lief, je nachdem, wie es ihm zumute war, auf dem Deck hin und her, denn er war eine kecke Maus, aber die Geschichte, dass er Seeräuber vertrieben haben soll, ist eindeutig gelogen.</p>
<p>Als Seeräuber das Schiff geentert hatten und die Besatzung der ´Mondstraße´ (so der Name des Schiffes von Nikolaus) herumkommandierten und ihnen befahlen, sie sollten alles herausrücken, was ihnen lieb und wert sei, da rannte Mus von der Ladeluke zum Hauptmast und kletterte einem Seeräuber, der zufällig dort stand, an seinem linken Bein hoch (oder an seinem rechten). Der schrie wie jemand, der Angst hat, dadurch erschraken die anderen Männer und auch Mus. Er fiel auf die Planken und lief über Deck, erst in die eine, dann in die andere Richtung. Die Piraten gerieten in Panik, sprangen über die Reling und schwammen zu ihrem Piratenschiff zurück. Aber wie gesagt: schlecht gelogen. Man kann über Seeräuber vieles sagen, auch was sie nicht gerne hören, aber so feige sind sie nun auch wieder nicht. Obwohl: gehört viel Mut dazu, beispielsweise ein Kreuzfahrtschiff zu überfallen? Sprich in der AG mit deinem Lehrer darüber, wie man am besten ein Kreuzfahrtschiff kapert! Es würde sich lohnen, denn die Passagiere sind keine Hartz-IV-Empfänger. Darauf möchte ich eine Wette abschließen.</p>
<p>Worauf ich hinaus will, ist Folgendes: Das Schiff des Spediteurs und Bischofs Nikolaus brachte Getreide von Myra in das Erdbebengebiet von Kilikien, wo Wohnungsnot herrschte und der Hunger ausgebrochen war. Dass Nikolaus überhaupt hatte Weizen kaufen und die ´Mondstraße´ damit hatte füllen können und dass er damit ungeschoren über das Mittelmeer gesegelt war, das nennt man das Weizenwunder, denn dieses Unternehmen wurde nicht nur durch Glück begünstigt, sondern vor allem durch die Mildtätigkeit der Spender und durch die Tatkraft des Bischofs und seiner Leute. Woraus man lernt, dass einem Wunder nicht in den Schoß fallen. Sie sind nicht das Resultat von Hokuspokus, Räucherstäbchen und Weihrauch, auch nicht von Gebeten allein. Es heißt nämlich: Hilf dir selbst, so hilft dir Gott. Anders ausgedrückt: Wer eine Prüfung schwänzt, wird keine Prüfung bestehen. Das könnte selbst der liebe Gott nicht bewerkstelligen, denn auch er ist nicht allmächtig. Soviel zu Wundern im Allgemeinen, und jetzt zurück zur Maus.</p>
<p>Mus ist nicht in Kilikien geblieben, obwohl er dort nach der Weizenlieferung satt geworden wäre, nein, er hatte sich auf der ´Mondstraße´ einen Vorrat angelegt und ist auf das Schiff zurückgekehrt, aus keinem anderen Grund als wegen der blinden Schiffskatze namens Felicitas, mit der er sich angefreundet hatte. Es gibt nämlich eine alte Regel auf Schiffen, eine Regel, die sich bis in die Gegenwart  erhalten hat: Sehende Katzen jagen Mäuse, egal, ob diese jung oder alt, fromm oder frech sind, hingegen blinde Katzen brauchen keine Mäuse zu jagen. Das Besondere an Felicitas war, dass sie nie seekrank wurde, wie sonst die Katzen. Wenn der Wind pfiff und die Wellen mit dem Schiff kegelten, fühlte sie sich wohl, sie lag im Achterhäuschen und schnurrte. Nur dem Mus wurde dann blümerant (und auch der Nikolaus hatte schon einmal über die Reling gekotzt).</p>
<p>Als Nikolaus mit dem leeren Weizenschiff wieder in Myra anlegte, klemmte er sich die blinde Katze unter den Arm. Er stolperte, weil er Mus, der bei Felicitas lag, nicht tot treten wollte, und fiel hin. Da saß er auf den Planken, die Katze im Arm, rieb sich den Hintern und blickte in die Knopfaugen von Mus Domesticus, der nicht wusste, soll ich lachen oder weinen, soll ich fliehen und Felicitas im Stich lassen oder bleiben, damit mich der ungeschickte Mann womöglich noch totschlägt! Während Mus darüber nachdachte und mit einer für ihn günstigen Entscheidung rang, packte ihn der Nikolaus am Schlafittchen und steckte ihn in seinen Brotbeutel, den er am Gürtel trug. Dann rappelte sich der Bischof auf, ging zum Hafenamt, checkte ein und machte sich auf den Weg nach Hause zu seiner Frau und den Kindern. Die blinde Katze hockte ihm auf der Schulter, die Maus horchte im Brotbeutel nach Geräuschen, die ihr vielleicht verrieten, wohin die Reise ging. Zur Spedition. Dort angekommen, sagte Nikolaus zu den Kindern: „Ich habe euch ein Geschenk mitgebracht.“ Er entließ Mus aus seinem Gefängnis und die Kinder schrien: „Eine Maus, eine zahme Maus, das ist ein wunderbares Geschenk, darauf haben wir gewartet.“ Und Zenia, die Frau vom Nikolaus, bestätigte das: „Darauf habe ich gerade noch gewartet!“</p>
<p>Dein Einwand, ich hätte die Geschichte, wenn sie denn überhaupt eine ist, ebenso gut ´die Katze im Haus vom Nikolaus´ nennen können, ist so falsch nicht, aber ´die Maus im Haus vom Nikolaus´ klingt verrückter und trifft auch des Pudels Kern, weil in dieser Geschichte (wenn sie denn eine ist) mehr von Mäusen als von Katzen gesprochen wird.
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		<title>Das Silber der Mongolen (eine Kindergeschichte)</title>
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		<pubDate>Mon, 03 Nov 2008 19:50:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner-Kurt</dc:creator>
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		<description><![CDATA[von Jürgen Jesinghaus (copyright) Das Völkerkunde-Museum in Köln wurde zu Kaiser Wilhelms Zeiten von einem Unternehmer errichtet, der durch den Überseehandel reich geworden war. Er ließ an der neugriechischen Fassade Sandsteinfiguren anbringen: die Bewohner der Weltgegenden, zum Beispiel einen Austral-Neger, der ein Krummholz in der Hand hält und seinen freien Arm um ein Känguru legt, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>von <a href="http://www.the-short-story.de/?p=359">Jürgen Jesinghaus</a> (copyright)</em></p>
<p>Das Völkerkunde-Museum in Köln wurde zu Kaiser Wilhelms Zeiten von einem Unternehmer errichtet, der durch den Überseehandel reich geworden war. Er ließ an der neugriechischen Fassade Sandsteinfiguren anbringen: die Bewohner der Weltgegenden, zum Beispiel einen Austral-Neger, der ein Krummholz in der Hand hält und seinen freien Arm um ein Känguru legt, und einen Polynesier, der ein Paddel schultert und mit einer Hand die Augen schirmt, wie um sich gegen die Lichtreklame zu schützen, die abends von der Einkaufsstraße her über die Figurengruppe flackert. In der Nische über dem Portal steht ein Chinese, fast hätte ich gesagt: wie versteinert, denn er wirkt wie ein lebendiger Mensch, der versteinert aussieht. Er birgt seine Hände in weiten Ärmeln und starrt in die Fenster der gegenüberliegenden Bank. Wer das Museum besuchen will, steigt eine breite Treppe hinauf und muss unter dem Chinesen hindurch.</p>
<p>Im ersten Saal des hochgelegenen Erdgeschosses reckt sich ein Sioux-Häuptling vor seinem Tipi. Um ihn herum sitzt seine Familie. Der Indianer blickt über ein gemaltes Weizenfeld, das sich bis zum Horizont dehnt. Er sieht die Weizensilos, schwarz im gemalten Gegenlicht, und das Flugzeug darüber, das eine Fahne aus Kunstdünger hinter sich herzieht. Der Mann in seinem Lederhemd, in der Frisur zwei Federn, um den Hals eine Grizzlyklauenkette, schaut über die Plains, wo es keine Büffel, keine Büsche und keine freien Wasserläufe mehr gibt. In einer anderen Ecke desselben Raumes knien drei Eskimos neben ihren Schlittenhunden auf einer Styropor-Eisscholle. Jeder Jäger hält eine Harpune in der behandschuhten Faust und stiert über eine blaugrüne Lagune auf eine Reihe Kokospalmen.  </p>
<p>In der Afrika-Abteilung sitzt ein Häuptling auf seinem Holzthron, der über und über mit Muscheln bestickt ist. Am Arm des Mannes hängt ein kleiner Stuhl als Zeichen seiner Würde. Der Neger-Häuptling thront vor dem Panorama einer Großstadt mit ihren funkelnden Hochhäusern und leuchtenden Autoströmen. Verschwunden sind die Pfade in das Dorf, dem er vorstand, zugeschüttet ist die Straße zur Lehmburg seines Fürsten, der Hof hielt hinter bronzebeschlagenen Toren.</p>
<p>Die Südsee-Abteilung befindet sich hinter fensterlosen Mauern im zweiten Stock. Boote, Werkzeuge und aus Holzstäben gefertigte Seekarten werden durch verborgene Lampen angestrahlt. Im letzten Saal der Abteilung hockt ein Polynesier. Er schreit ohne Stimme und spreizt die Hände gegen eine Fotomontage an der Wand. Sie zeigt einen weißen Pilz aus Wasserdampf, den der Deckenstrahler grell aus dem Halbdunkel herausschneidet und der einen über jedes Maß lauten Knall hervorbringt, so dass man nichts mehr hören kann. </p>
<p>Die Direktorin des Völkerkunde-Museums, Frau Professor Else Eben-Erdig, hatte diese Figuren in „nicht angemessene“ Panoramen stellen lassen und sich dadurch Ärger mit dem Kölner Stadtrat eingehandelt. Im Kulturausschuss wurde heftig darüber diskutiert. Die Lokalpresse publizierte Artikel über das Museum und brachte die Schlagzeilen: &#8220;Museum zeigt Schicksal der Ureinwohner, Direktorin im Streit mit der Stadt&#8221;. Die unerwartete öffentliche Aufmerksamkeit veranlasste Frau Eben-Erdig, in aller Eile die hochgesteckten Erwartungen zu erfüllen. Sie ließ weitere Ausstellungsstücke aus dem Keller holen und schrieb erläuternde Texte dazu. Außerdem organisierte sie zusammen mit dem Botschafter der Mongolei, der extra aus Berlin nach Köln geflogen kam, eine Sonderausstellung über Silberschmuck, die das handwerkliche Geschick der Asiaten in ein glänzendes Licht rücken sollte. Sie brachte &#8220;das Silber der Mongolen&#8221; in einem fensterlosen Saal des zweiten Stockwerks unter. Alte Handwerksmeister und junge Verkäuferinnen drückten nun ihre Nasen an das Glas, hinter dem, auf blauen Samt gebettet, die kostbaren Filigrane schimmerten. </p>
<p>Auf einmal interessierten sich viele Menschen für das Museum. Die Besucher durften gegen eine Gebühr ihre Kameras in die Ausstellungsräume mitnehmen. Den Eltern gefiel es, die Kinder mitten unter die Eskimos und ihre Schlittenhunde oder mitten unter die Papua-Neger und ihre Hausschweine zu stellen und für das elektronische Familienalbum zu fotografieren. Frau Eben-Erdig freute sich über den Zulauf an den Wochenenden. Und weil die Stadt kein Geld bewilligte, um die Überstunden zu bezahlen, machte der Neffe von Frau Eben-Erdig, der Student Volker Kunde, an manchen Abenden unentgeltlich Dienst.<br />
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</div><br />
Unter den Menschen, die neuerdings ins Museum gingen, waren auch Josef Huddel, genannt „dä Jupp“, und seine Freundin Wilma Wangenbein, genannt „au Backe“. Sie hatten sich für den Besuch einen regnerischen Februartag ausgesucht. Beiden gefiel die Kleidung des Indianerhäuptlings so gut, dass sie davon Fotos schossen. Das Pärchen beschloss, als Indianerin und Indianer auf den Juristenball zu gehen, denn Karneval stand bevor, und sie wollten ihre Kostüme so echt wie möglich aussehen lassen, um die anderen zu beeindrucken, die sich mit Papier- und Plastikkram aus dem Kaufhof verkleiden würden. Dä Jupp hatte vor, sich im Sanitärbereich (sprich Klo) des Völkerkunde-Museums unbemerkt einzuschließen, seinen Anzug gegen die Indianer-Montur zu tauschen und sich am Morgen des Weiberfastnachttages (paradox, wa?) in seinem neuen Kostüm unter die Jecken zu mischen, denn mindestens in der fünften Jahreszeit leben in Köln mehr Jecken als Gescheite (das geben die Kölner selber zu, darum muss man sie für besonders ehrlich halten), so dass er im Gedränge auf dem Ring, wo das Museum steht, als Indianer nicht auffiele – im Gegenteil: trüge er eine Krawatte, würde frau sich sofort auf ihn stürzen.  </p>
<p>Es war gegen Abend an einem Tag im März. Herr Kunde saß noch in der Bibliothek des Völkerkunde-Museums (er schrieb an seiner Doktorarbeit). Außer ihm schien noch jemand anwesend zu sein, denn an der Garderobe hingen zwei Mäntel nebeneinander und taten vertraut, als kennten sie sich. Da hörte Herr Kunde ein Geräusch im zweiten Stock. Ist denn noch ein Besucher im Museum? Er musste ohnehin aufstehen, weil er an diesem Nachmittag schon die zweite Kanne Tee ausgetrunken hatte. Er würde beiläufig auch nach dem Rechten sehen. Einen tüchtigen Schrecken bekam er, als er auf dem Flur vor der Tür zum Silberschatz einen Indianerhäuptling in voller Montur antraf: Kopfschmuck, Lederhemd, Klauenkette, Leggings, Mokassins und nicht zu vergessen: den Tomahawk im Gürtel. </p>
<p>„Was machen Sie denn hier?“ rief Herr Kunde. Als hätte er sich die Antwort auf die Frage schon vorher überlegt, sprach der Häuptling ohne zu stocken:<br />
„Ich komme aus der Nordamerika-Abteilung und vertrete mir die Beine, die mir im Stehen eingeschlafen sind.“<br />
Volker Kunde rang nach Worten:<br />
„Das ist ja wirklich ungewöhnlich, in der Tat. Ich kenne Sie gut, aber ich dachte bisher, Sie könnten oder wollten nicht sprechen! Ich werde einmal in die Nordamerika-Abteilung hinabsteigen, um nach Ihrer Frau und den Kindern zu sehen, die Sie vor Ihrem Tipi alleine gelassen haben, so etwas auch!“<br />
„Tun Sie das nur, Herr Professor, tun Sie das“, rief der Häuptling triumphierend, „außerdem ist ja noch der Wolfshund da, der die Gepäckstangen hinter sich herziehen muss und aufpasst, dass den Kindern nichts zustößt.“<br />
Volker Kunde grüßte zum Abschied „bis ein anderes Mal, Häuptling“ und stieg die Treppe hinab. „Was ich noch sagen wollte“, Herr Kunde blieb stehen wie weiland Inspektor Columbo und drehte sich um: „How!“ rief er und legte die flache Innenhand an die Stirn, weil ihm diese Geste indianisch vorkam. Dann verschwand er im Dunkel des Treppenhauses. </p>
<p>Der Indianerhäuptling wartete eine Weile und horchte Herrn Kunde hinterher. Nachdem er lange genug gelauscht hatte, schlich er zur Tür, vor der ein Wächterlöwe „Sitz macht“ und sein Maul aufreißt. Der Häuptling tätschelte ihm die Mähne und flüsterte:<br />
„Dann pass auf, dass der Professor, der Depp, mir nicht nachspioniert.“ Was der Indianer flüsterte, klang so ätzend in der Stille, dass er selber erschrak, als hätte der Wächterlöwe gezischt: Du Depp, wer spioniert?</p>
<p>Die Tür zum Silberschatz war abgeschlossen. Selbstverständlich. Aber der Häuptling hatte vorgesorgt. Eine viertel Stunde brauchte er, dann war die Tür offen. Er stand nun in einem stockfinsteren Saal und wartete eine Minute, bis er sich an die Dunkelheit gewöhnt hatte. Da glaubte er, etwas zu sehen. Etwas musste das wenige Licht, das durch Ritzen und Schlüssellöcher in den Saal gedrungen war, magnetisch anziehen, so dass es an einer einzigen winzigen Stelle geheimnisvoll leuchtete. Er erinnerte sich nicht, so nah an der Tür eine Holz- oder Steinfigur gesehen zu haben, die in der einen Hand einen glänzenden Gegenstand präsentiert und die andere Hand hoch gegen die Zimmerdecke streckt. Er konnte den tintenschwarzen Arm gegen den dunklen Raum nur erahnen. Hastig griff er nach dem Silberding: Was ich habe, das habe ich. Plötzlich schrie er. Der schwarze Arm hatte sich gesenkt und ihm eine Feder aus der Frisur gerissen! Wie von einer Stachelschweinborste gepiekst, sprang der Häuptling zur Seite, stolperte über ein Brett, fiel in einen Bottich und bekam einen nassen Arsch. Dann erscholl ein fürchterliches Lachen. Ein scharfes Licht fuhr durch den Saal, und es war taghell. Direkt vor ihm erhob sich eine schwarze Gestalt, in einen Mantel gehüllt. Sie sperrte die Augen auf und reckte beide Arme in die Luft, bleckte die Zähne und schien sich im nächsten Augenblick auf den Häuptling stürzen zu wollen. Der Indianer erlitt fast einen Herzkasper. Der Saal war kalt, ungemütlich und nahezu leer. Auf einer Kiste im Hintergrund saß Volker Kunde und lachte aus vollem Halse. Nun bewegte sich die schwarze Gestalt auf den Häuptling zu und streckte ihm die Hand entgegen.<br />
„Nein! Nein!“ brüllte der Häuptling entsetzt, „was macht Ihr mit mir?“ Er strengte sich an, aus dem Bottich zu steigen. Es gelang ihm nicht. Da spürte er, wie eine Hand die seine umklammerte.<br />
„Sie müssen etwas nachhelfen“, hörte er eine Frauenstimme. Jetzt erkannte der Häuptling eine schwarze Squaw, die ihn aus seiner feuchten Lage befreien wollte. Sie zog ihn, er stemmte sich empor. Dann stand er endlich wieder auf seinen Füßen und tropfte. Er war in einen Bottich voller Kalkbrühe gefallen. Der Indianerhäuptling schüttelte sich und schlenkerte die Brühe ab. Dabei trat er gegen eine Dose, dass es schepperte.<br />
„Tschuldigen Sie bitte“, stotterte er.<br />
„Was halten Sie denn da in der Hand?“ fragte Volker Kunde, der aufgestanden war und auf ihn zuging.<br />
„Ein kleines Bowie-Messer, nur zum Skalpieren.“<br />
„Was Sie nicht sagen! Es sieht aus wie ein Glasschneider. Eigentlich müsste ich Sie der Polizei übergeben“, meinte Herr Kunde. Er nannte seinen Namen und fuhr fort:<br />
„Vor Ihnen steht meine Braut Ife Matabele, die ich in Uganda kennengelernt habe. Sie ist Völkerkundlerin wie ich.“<br />
„Untersuchen Sie Ihren eigenen Stamm?“ fragte der Häuptling Frau Matabele und zog dabei ein dummes Gesicht.<br />
„Nein, ich erforsche Sie und Ihresgleichen“, war die Antwort.<br />
„Dann sind Sie eine Indianerspezialistin!“<br />
Darüber mussten Herr Kunde und seine Braut lachen.<br />
„Schlagfertig sind Sie, Häuptling! Sehen Sie, wir haben unseren Silberschatz vor kurzem ausgelagert. Wir wollen nämlich den Saal renovieren und eine neue Sicherheitsanlage einbauen. Sie haben nur nach einer leeren Gebäckdose gegrapscht. Vermutlich gehört sie einem Arbeiter, der Mutters Spritzgebäck darin aufbewahrte. Der Silberschmuck aber liegt gegenüber im Tresor der Bank. Sie müssten sich schon nach dort bemühen, gekälkter Büffel. Halt! Wohin?“<br />
„Zur Bank“, rief der Häuptling, der sich davonmachen wollte.</p>
<p>Gerade in diesem Augenblick erschien ein uniformierter alter Mann an der Tür. Mit der einen Hand umklammerte er einen großen Schlüsselbund.<br />
„Ich sah noch Licht, Herr Kunde, da wollte ich Ihnen sofort etwas sehr, sehr Merkwürdiges &#8230;“<br />
Weiter kam er nicht. Er hob langsam seinen linken Arm und zielte damit auf den Häuptling, als wollte er auf ihn schießen.<br />
„Aber da ist er ja! Er kann doch nicht von da unten hier herauf &#8230;“ Der Mann von der Wach- und Schließgesellschaft drehte sich zur Treppe und wieder zu den Anwesenden:<br />
„Ich wollte sagen, Frau Dr. Matabele, guten Abend, gute Nacht, ich verstehe gar nichts mehr. Ist er denn nicht ausgestopft? Der Indianerhäuptling steht nicht mehr in der Nordamerika-Abteilung!“ Der alte Mann war sichtlich verwirrt.<br />
„Beruhigen Sie sich, Herr Kiekut, das ist ja nicht der Indianerhäuptling aus der Nordamerika-Abteilung, das ist Herr Josef Huddel, wohnhaft in Köln-Kalk, so sieht er jedenfalls aus.“<br />
Der Häuptling zuckte zusammen.<br />
„Wer hat Ihnen das verraten?“<br />
„Sehen Sie, deswegen sollten Sie nicht einfach davonlaufen! Sie haben nämlich Ihre Windjacke im Waschraum neben der Toilette liegen lassen, dummerweise mit Ihrer Brieftasche darin. Berichten Sie aber zunächst Herrn Kiekut und uns, wo Sie den Indianerhäuptling versteckt halten.“<br />
„Im Tipi. Ihm ist nichts geschehen, ganz bestimmt nicht.“<br />
„Wenn das so ist, sollten Sie sich wieder umziehen, sonst erkälten Sie sich. Dann gehen wir gemeinsam in die Nordamerika-Abteilung, Sie stellen den Indianer wieder an seinen angestammten Platz und ziehen ihm seine Sachen an, den gekälkten Hosenboden bitte zur Wand.“</p>
<p>Nachdem das geschehen war und Herr Kiekut erleichtert seinen Rundgang fortgesetzt hatte, saßen die drei, Ife Matabele, Volker Kunde und dä Jupp, im Büro.<br />
„Sie Spaßvogel, erzählen Sie Ife und mir, warum Sie ausgerechnet in einem Völkerkunde-Museum Silberschmuck klauen wollten.“<br />
„Es ging mir gar nicht darum, Silber zu klauen und zu verkaufen. Au Backe, mit der ich &#8230;“<br />
„Wie bitte?!“<br />
„Meiner Freundin Wilma, mit der ich das Museum besucht hatte, gefiel der silberne Brautschmuck so gut, dass mir die verrückte Idee kam, ihn für sie auszuleihen, nur zu borgen!“<br />
„Das ist etwas für Ife, sie interessiert sich nämlich für die Bräuche europäischer Eingeborener.“<br />
Ife lachte und ihre Zähne blitzten:<br />
„Ist es bei den jungen Männern Ihres Stammes üblich, vor der Heirat eine Mutprobe abzulegen, in ein verschlossenes Gebäude einzudringen und für die Zukünftige den Brautschmuck zu stehlen?“<br />
Dä Jupp seufzte:<br />
„Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen.“<br />
„Ein Sprichwort bei uns in Afrika sagt: Ein Löwe, der in die Grube gefallen ist, wird ausgelacht, bevor ihm die Jäger das Fell über die Ohren ziehen. Aber haben Sie keine Angst, Sie sehen mit Ihrer übrig gebliebenen Feder im Haar nicht so aus wie ein Löwe, sondern wie ein Huhn, das eine Katze geheiratet hat.“<br />
Dä Jupp nestelte beschämt die Feder aus dem Haar und überreichte sie Ife.</p>
<p>Herr Huddel aus Köln-Kalk durfte das Museum als freier Mann verlassen. Er tat es reumütig und zerknirscht. Volker Kunde aber sah seine Freundin Ife Matabele lange an:<br />
„Das Silber würde keiner Frau, außer vielleicht einer mongolischen Fürstentochter, so gut zu Gesicht stehen wie dir.“ Und in seinen Augen glitzerte es. </p>
<p>Provided by <a href="http://www.universal-frame.com/" title="Universal Frame GmbH - Marketing und Public Relation">Universal Frame GmbH &#8211; Marketing und Public Relation</a></p>
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		<title>poups&#8217; welt</title>
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		<pubDate>Sun, 28 Jan 2007 18:15:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner-Kurt</dc:creator>
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		<description><![CDATA[von Frances Pohl (copyright) der alltag der block zum mitschreiben liegt schon bereit. fehlt nur noch frau mama  in der rolle der hauswirtschafts-lehrerin. der arme poups kennt dieses prozedere nur zu gut. ich frage mich was das soll.  wir leben doch nicht mehr im mittelalter. meine mutter denkt aber immer noch,  dass die frau hinter [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>von <a href="http://www.the-short-story.de/?p=401">Frances Pohl</a> (copyright)</em></p>
<p>der alltag<br />
der block zum mitschreiben liegt schon bereit.<br />
fehlt nur noch frau mama  in der rolle der hauswirtschafts-lehrerin.<br />
der arme poups kennt dieses prozedere nur zu gut.<br />
ich frage mich was das soll.  wir leben doch nicht mehr im mittelalter.<br />
meine mutter denkt aber immer noch,  dass die frau hinter dem herd steht<br />
und der mann das geld nach hause bringt.<br />
womit habe ich das verdient.  ich bin keine hausfrau und werde nie eine werden.<br />
und so einen typen will ich eh nicht, der auf die pantoffelnummer steht.<br />
wann kapiert sie das endlich.</p>
<p>der alltag<br />
ich bin d&#8217; badman.<br />
der poups hat hunger. groooßen hunger.<br />
eingekuschelt in die bettdecke sitzt der poups am küchentisch und schmollt.<br />
ich weiß nicht was ich essen will.  aber ich hab hunger.<br />
am liebsten hätte ich eine küchenfee,  die mir alles bringt, was ich will.<br />
nur was ist alles was ich will?</p>
<p>der alltag<br />
tür zu. kopfhörer auf.  musik gaaanz laut aufdrehen.<br />
der poups ist genervt.  von seinem kleinen bruder.<br />
immer muss ich ihn mitnehmen. überall hin.  und immer muss ich für ihn da sein.<br />
kleiner bruder hier, kleiner bruder da.<br />
der braucht gar nichts zu machen und er geht mir auf den kecks.<br />
kann er sich nicht unsichtbar machen.  oder nein.<br />
lieber wäre ich unsichtbar.</p>
<p>der alltag<br />
es ist schon nachmittag.<br />
der poups gammelt den ganzen tag vor dem fernseher rum,  isst pizza, trinkt cola<br />
und legt die füße auf den tisch.<br />
endlich bin ich mal alleine.  ohne nervigen kleinen bruder,  meckernde eltern, bellenden hund.<br />
ach ist das schön, krank zu sein.<br />
zumindest so krank, dass ich leider nicht mit aufs familienfest fahren konnte.<br />
ich will ja niemanden anstecken.  und ich glaube da wäre ich erst richtig krank geworden.<br />
vor langeweile und aufdringlichen verwandten,  die immer alles ganz genau wissen wollen.<br />
da ist so ein sonntag doch vieeeeel besser.</p>
<p>die gedanken<br />
manchmal frage ich mich ja, ob es wirklich so toll ist erwachsen zu sein.<br />
zumindest, wenn ich mir so manchen erwachsenen anschaue.<br />
irgendwie lachen die nicht so viel.<br />
und sie sehen oft nachdenklich aus.  oder traurig.  oder einfach nur schlecht gelaunt.<br />
muss man mehr nachdenken, wenn man älter wird,<br />
oder machen erwachsene das leben komplizierter als es ist?</p>
<p>die nachbarn<br />
wenn jetzt jemand den poups sehen könnte.<br />
hinter einem auto versteckt beobachtet der poups lennart, wie er auf sein fahrrad steigt.<br />
das war knapp.<br />
bis jetzt habe ich es ja ganz gut geschafft, ihm aus dem weg zu gehen.<br />
aber lange geht das nicht mehr gut.<br />
vielleicht sollte ich mir lieber mal überlegen, was ich sage, wenn ich mit ihm reden muss.<br />
bald fängt ja auch wieder die schule an, und spätestens dann muss ich wohl oder übel.<br />
warum kommt er auch ausgerechnet auf meine schule.</p>
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		<title>Klingelpetrus</title>
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		<pubDate>Fri, 25 Aug 2006 19:51:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner-Kurt</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Es schellt. Chris Andersen schließt die Tür auf und öffnet sie überfallartig. Vor ihm steht der kleine Martin. “Machst du Klingelmännchen?“ “Ja-a“ ...
von <a href=http://www.the-short-story.de/?p=359>Jüren Jesinghaus</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>von <a href=http://www.the-short-story.de/?p=359>Jürgen Jesinghaus</a> (copyright)</em></p>
<p>Es schellt. Chris Andersen schließt die Tür auf und öffnet sie überfallartig. Vor ihm steht der kleine Martin. “Machst du Klingelmännchen?“ “Ja-a“. Der kleine Martin nickt und lacht von einer Backe zur anderen. “Na denn viel Spaß, ich dachte schon, es wär der Flegel aus dem Internat!“ Türe zu. Abgeschlossen. Es schellt. Türe auf. Niemand zu sehen. Türe zu. Abgeschlossen. Es schellt. Türe auf. Ein Dackel steht davor. Hat der gebellt oder geschellt? Der hat nicht geschellt, der hat gebellt. Türe zu. Mißmutig geht Chris, der Urlaub hat, zum Herd, um die Milch heiß zu machen. Es schellt. Wenn ich diesen Halunken erwische! Türe auf. “Was soll denn die Schellerei!“ Vor der Tür der Stromableser. “Verzeihung, wenn ich ungelegen komme. Ich möchte die Stromuhr ablesen.“ “Sie müssen schon entschuldigen. Wissen Sie, bei mir wird neuerdings Klingelmännchen gemacht.“ Der Stromableser tritt ein. Die Milch kocht über. Herr Andersen ist mit den Nerven fertig. </p>
<p>Es schellt. Chris rennt zur Tür. Er öffnet und erstarrt. Er rührt sich nicht, als hätte ihn gerade jetzt der Spruch der 13. weisen Frau in den Schlaf versetzt. Er sieht am hellichten Tag ein Gespenst, den Flegel aus dem Internat, der immer bei ihm schellt. Das Gespenst verdinglicht sich und spricht sogar zu ihm: “Ich sammle für die diesjährige Weihnachtsfeier im Beethoven-Internat.“ Chris löst sich langsam aus seiner Starre, aber findet noch nicht ganz zu sich. Er sieht sich zur Anrichte gehen, wie er zum Portemonnaie greift und einen Fünfer herauswühlt. Da durchzuckt ihn ein Gedanke. Er würde nicht fünf Euro, sondern seinen einzigen Zehner hergeben. Vielleicht erkaufe ich mir das Wohlwollen des Schellenkriegers und schließe Waffenstillstand! Er nimmt den Zehner, den Fünfer obendrein, und händigt sie dem Schlingel aus. “Wenn Sie hier bitte unterschreiben“, sagt das Gespenst gleichgültig. “Wie heißt du eigentlich?“ “Wer will das wissen?“ “Das Finanzamt. Du mußt mir eine Spendenquittung unterschreiben oder du gibst mir den Zehner zurück!“ “Ich heiße Brosheim.“ </p>
<p>Der Krieg geht weiter. Der Angriff überbietet die Verteidigung. Chris Andersen denkt schon daran, nach Fuerteventura zu fliegen, in ein Hotel, wo man selber klingeln kann, und die Bedienung bringt dann heiße Milch aufs Zimmer. Doch Chris bleibt zu Hause und bastelt einen Klingelschalter, der die Klingel abstellt, wenn man auf ihn drückt. So braucht er nicht immer in den Keller zu steigen, um die Sicherung herauszudrehen. Die Verteidigung holt auf. Nur manchmal, wenn die Post kommt, vergißt Herr Andersen, die Klingel wieder anzustellen (einmal mußte er sogar quer durch die Stadt fahren, um ein Paket abzuholen). </p>
<p>Gegen 9 Uhr 40 schaut Herr Ollet auf die Armbanduhr, klappt den Tachometer herunter, wechselt die Fahrtenschreiber-Scheibe aus, zieht mit dem Repetierbügel die mechanische Uhr auf, klappt den Tachometer wieder zu und schließt ihn ab. Dann zündet er den Motor. Es ist viertel vor zehn. Zur selben Zeit bohrt Herr Andersen in der Nase, ein Zeichen von Unschlüssigkeit. Soll er die Klingel abstellen oder besser warten, bis die Post durch ist? Er stellt die Klingel ab, indem er auf den Schalter drückt, den er selbst erfunden hat. Er holt die Morgenzeitung herein, schaut nach links und rechts und dann nach oben. Das Wetter würde sich halten. Türe zu. Abgeschlossen. Es ist jetzt punkt 10 Uhr 50. Chris studiert die Schlagzeilen, obwohl es nichts zu studieren gibt, denn es hat sich wenig verändert. Da schlägt jemand gegen die Haustür. Nein, jemand tritt dagegen! Chris springt auf und zur Türe. Schlüssel umgedreht. Der Flegel vom Internat! Hab ich ihn, kann ich ihn endlich überführen? Der Flegel namens Brosheim schmeißt die Mülltonne um! Sie hätte längst an der Straße stehen müssen, Chris hat die Müllabfuhr vergessen. Und nun liegt der Müll vor seinem Haus auf dem Weg. Herr Andersen rennt dem Jungen hinterher, blind vor Wut, nur den einen Gedanken im Kopf: Diesen Burschen stelle ich! Bremsen quietschen, Räder rubbeln. Zu spät. Eine Menge Leute, ein grünes Polizeiauto, der weiße Krankenwagen, das flackernde Blaulicht. Aus. Vorbei. Es ist 11 Uhr 5.   </p>
<p>Herr Andersen fährt mit dem Zug in eine ferne Stadt. Was soll er den Eltern sagen? Der Zug hält und Andersen steigt aus. Der Wind fegt Plastikbecher und Zeitungsseiten durch die Bahnhofstraße. Die Beleuchtung ist abgeschaltet. Die Sonne spiegelt sich in den Felsen des Mondes und streut blaues Licht über das Haus, vor dem Andersen stehen bleibt. Er schellt. Jemand ruft: „Sie sind fortgezogen oder vor Gram gestorben. Vor Gram gestorben, hören Sie? Gestorben!“ Ein Fenster schlägt zu. Nach einer langen Fahrt zurück steht Andersen vor Ellen Finke, der Lehrerin des verunglückten Jungen, und muß ihr sagen, was er verschuldet. Er ist hinter einem Jungen, einem Kind, hergelaufen und hat ihn auf eine befahrene Straße getrieben! Er würde nie mehr aufhören, daran zu denken. Frau Finke ist traurig, aber sie macht Herrn Andersen keine Vorwürfe, sondern weint nur, und nachdem sie aufgehört hat, beginnt sie zu erzählen:</p>
<p>“Er war ein unglückliches und stolzes Kind, ein begabter Junge. Er hatte seine Grundsätze. Dazu gehörte der Grundsatz, die Zahlen so zu schreiben, daß von links nach rechts zuerst die Einer, dann die Zehner und schließlich die Hunderter stehen, denn, meinte er, ich sage vierundsiebzig und schreibe daher 47. Aber, wandte ich ein, du sagst doch zweihundertvierundsiebzig, und er antwortete: Niemals, niemals kommt das über meine Lippen, denn ich nenne die Zahl, die Sie als taramtata bezeichnen, logischerweise vierundsiebzigzweihundert. Ich habe ihm diese unbeugsame Haltung durchgehen lassen, gegen den Willen des Kollegiums und sogar gegen den Willen der Direktorin, denn rechnen, lieber Herr Andersen, rechnen konnte er wie kein zweiter. Er hatte auf dem Flohmarkt einen Magneten aus einem Radio-Lautsprecher erstanden, ich sage bewußt nicht: gekauft. Mit ihm drehte er Politikern eine lange Nase, machte Nachrichtensprecherinnen hohlwangig und ließ dicke Opernsänger platzen. Er brauchte dazu nur den Magneten dicht über die Mattscheibe des Fernsehers zu führen. Nachdem fast jeder Mitschüler solch ein Ding besaß, mußte das Kollegium den TV-Aufenthaltsraum vorübergehend schließen. Aber sagen Sie selbst, lieber Herr Andersen, gibt es eine anschaulichere Methode, die Kinder zu lehren, daß Fernsehbilder durch elektrisch geladene Kügelchen entstehen?“ </p>
<p>Die Direktorin steht über dem offenen Grab. Sie trägt ein schwarzes Kleid, das sich über den hohen Busen spannt. Ihr graues Haar ist streng nach hinten gekämmt und in einem Knoten gefesselt. Sie spricht von der Unvertauschbarkeit der Zeitpunkte und von freiwerdender Energie, die einen lebendigen Menschen in einen toten verwandelt. Zwei Ereignisse, das Fahren eines Müllautos und das Laufen eines Kindes, dürften jedoch nie zur selben Zeit und am selben Ort stattfinden, wo doch die Welt so breit und tief und die Zeit so lang ist. Wer hat das Zusammentreffen gewollt? Die Direktorin sieht Herrn Andersen an. Und Herr Andersen wendet sich ab. Er schreitet allein über einen Schotterweg. Die Zypressen verlassen ihn. Der Weg löste sich auf. Chris kämpft sich über einen Sturzacker auf ein Gebirge zu oder eine Wolkenbank, die wie ein Gebirge aussieht. Er weiß nicht, wohin und warum. Bis er an eine Stelle kommt, wo nichts als lauter Acker ist, und jede beliebige Stelle, auf die sich seine Augen richten, die Mitte des Ackers sein könnte. In der Mitte des Ackers sitzt ein Mann.</p>
<p>Chris Andersen erreicht ihn und sagt: “Ich bin schuld an seinem Tod.“ Es schüttelt ihn, daß es aussieht wie eine aufgedrehte Blechpuppe, die über den Küchentisch tanzt. Dabei steht er in einer Ackerfurche voll Wasser. “Nein“, erwidert Petrus, “wir sind schuld, wir haben nicht genug Obacht gegeben.“ “Und Gott? Was sagt der dazu?“ Petrus hockt auf einer blauen Plastiktüte. Seine Füße sind im gelben Wasser versunken. “Ich habe Gott noch nie gesehen“, sagt er leise. Andersen erschrickt. Er will sein Herz mit der Hand festhalten, daß es ihm nicht zerspringt. “Ich bin erst seit zweitausend Jahren da und Gott ist viele Trilliarden Jahre alt. Ich kam aus dem Gebirge zu dir auf den Acker, um dich zu trösten. Ich hebe auf, was weggeworfen wurde, denn ich war selbst der Stein, den der Baumeister verworfen hatte. Ich stehe nicht an der Pforte, wie viele immer noch glauben, ich stehe nicht an der Rampe, um Nützlinge und Schädlinge zu trennen.“ Petrus hebt den Kopf und lächelt Chris an. “Wenn du dort oben stehst, von wo ich gekommen bin, erkennst du am Horizont einen Schatten wie von einer Wolke, die von den Azoren bis zu den Orkney-Inseln reicht. Das ist der Schatten des ersten Engels, des ersten Engels von UNS aus gesehen. Er ist am weitesten von Gott entfernt und taub obendrein. Es heißt, daß er über 13 Milliarden Lichtjahre hinweg dem zweiten Engel vom Mund abliest.“  Petrus winkt Andersen näher heran und seine Stimme wird leiser: “Und weil er taub ist, beherrscht er sein Sprechen nicht. Er gurgelt und röhrt, er schreit wie Katzen in der Nacht, er heult wie geschlagene Hunde, wie Kinder, die sich verbrannt haben, und zwischendurch donnert er wie Geschütze. Ich kann ihn nicht sehen, aber ich muß ihn hören, wenn er verkündet, was er dem zweiten Engel vom Munde abliest.“ Petrus hält sich die Ohren zu und läßt sich auf den Acker fallen. “Warum ist er denn taub?“ schreit Andersen entsetzt und stiert auf den Liegenden. “Er ist taub“, Petrus erhebt sich umständlich, “weil er dem zweiten Engel zu nah gekommen ist. Die Botschaft war so laut!“ “Wie viele Engel sind denn in Reihe geschaltet, um Gottes Botschaft weiterzuleiten?“ “Überabzählbar viele.“ So groß ist Gott, denkt Andersen und weint, und hat doch nicht Obacht geben können!</p>
<p>“Es läßt sich etwas machen“, sagt Petrus nach einer Weile. “Die ganze Geschichte muß umgeschrieben werden. Nicht der Junge ist unter das Auto gelaufen, sondern du! Du bist tot. Alles andere bleibt. Es macht dir doch nichts aus, wo du schon einmal hier bist?“ Nein, jetzt macht es ihm nichts mehr aus, in seinen eigenen Tod einzuwilligen. Wie soll es aber möglich sein, die Beerdigung des Kindes ungeschehen zu machen? War er nicht selbst dabei, als die Direktorin über dem Grab Worte sprach voll unleugbarer Wahrheit? War es vielleicht sein eigenes Grab? Petrus zwinkert mit den Augen und nickt. “Geh“, sagt er und macht mit dem Handrücken eine Bewegung des Abschiebens. Er schickt Andersen auf das Gebirge zu, von dessen Kamm er den Schatten des ersten Engels sehen würde. Lieber ich als der Junge, denkt Chris Andersen, der Schlingel würde sich hier nur verlaufen. Chris watet vorwärts und zieht seine Beine hinter sich her. Er klebt an der Erde. Das Vorankommen strengt ihn an. Aber je weiter er sich vorankämpft, desto heller wird es um ihn. Das Gebirge erstrahlt. Zwei Gestalten von erdrückender Herrlichkeit stehen über ihm. Er sieht die weichen Umrisse zweier Köpfe. </p>
<p>Die Sonne scheint ins Zimmer. Frau Finke und der Schlingel namens Brosheim beugen sich über ihn. “Es tut uns so leid“, flüstert Frau Finke und drückt Herrn Andersen die Hand. “So ein Glück!“ krächzt er. Der Hals ist trocken und zugeklebt. Sollte Herr Andersen übergeschnappt sein, hat er einen Dachschaden? Brosheim stammelt: “Entschuldigen Sie bitte, es war nicht meine Absicht, ich habe das nicht gewollt. Ich habe noch die Kurve kratzen können, aber Sie – voll in das Müllauto rein!“ Brosheim tippt mit dem Finger an den Kopf. Herr Andersen tut es ihm nach und fühlt einen dicken Verband. Frau Finke sieht ihn besorgt an. “Der Arzt sagt, nur die Schwarte war geplatzt, sie mußte genäht werden.“ Chris weint vor Glück. “Komm her, Junge!“ Und er küßt den Jungen umständlich auf die Stirn. “Sie auch!“ Ellen Finke muß sich zu ihm hinabbeugen, und er küßt sie sogar auf den Mund, so wie ein Pascha unter seinem Turban die Lieblingsfrau. Sie wird so rot wie die Abendsonne und stößt ihr Haar zurecht, obwohl ihre Frisur ordentlich gesteckt ist. “Wo liege ich denn hier?“ “Im Petrus-Krankenhaus, Zimmer zweihundertvierundsiebzig“, antwortet Brosheim.</p>
<p>Herr Ollet, der Müllfahrer, wird in den Innendienst versetzt. Die Polizei gibt ihm die Schuld am Unfall. Er habe zu dem fraglichen Zeitpunkt “in einer Zeitung geblättert, die auf dem Beifahrersitz lag, und dadurch die unfallträchtige Situation viel zu spät erkannt und infolgedessen den Bremsvorgang erst eingeleitet, nachdem sich der Unfall schon abgezeichnet hatte.“ Herr Ollet dazu: “Ick bin voll in die Eisen! Un abzeichnen is jut. Radiert ha ick! Radiert mit die Reifen, det se det heut noch sehn. Ick vasteh wat von Bremsen, jlooben se mich, aba wie ick euch beede sah, plötzlich aus dem Wege raus, da traute ick ma einfach nich, von die Bremse zu jehn. Allet meine Schuld. Aba wat se an Koppe jekriecht ham, lieba Herr Andersen, det war man jottseidank nich mein Müllauto pasönlich, det war bloß ein Sack mit ollet Jerümpel, wat an der Peilstange hing oder heeßt det hängte? Also wie jesacht: Meen Beileid und allet Jute. Tschüssi, bis dennewitz.“ </p>
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