Eva und die Physik

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

„Weißt du, Jürgen, …“ Eva ist mein Enkelkind. Sie nennt mich Jürgen, weil ich so heiße und weil ich die Bezeichnung Opa nicht ausstehen kann. Der Titel Großvater ist mir zu altväterlich. Er hört sich an, als trüge ich einen Rauschebart. Dabei trage ich alle drei Tage nur einen Drei-Tage-Bart und bilde mir ein, wie George Clooney auszusehen. Ich habe Eva gestattet, nein, ich habe sie gebeten, sie angefleht, mich bei meinem Vornamen zu nennen und zu vergessen, was ihre Mutter predigt, nämlich mich Opa oder Großpa zu schimpfen (was angeblich respektvoller ist).

„Weißt du, Jürgen, warum ich gestern zu spät zum Gitarren-Unterricht gekommen bin?“
„Es gibt tausend Gründe, zu spät zu kommen. Wenn ich sie jetzt aufzähle, dann wird es der 999. oder 1000. Grund sein, der mir erklärt, warum du gestern zu spät gekommen bist. Da ist es bequemer, du …“
„Weil ich in der Badewanne gelegen und in den Spiegel geschaut habe. Auf der Uhr im Spiegel war es zehn vor sechs, und ich dachte, da hast du noch zehn Minuten Zeit zum Dösen, der Unterricht beginnt ja erst um halb sieben. Als ich dann aus der Wanne gestiegen war und auf die Uhr schaute, was glaubst du, wie viel Uhr hatten wir da?“
„Zwanzig nach sechs?“
„Genau! Und darum bin ich zwanzig Minuten zu spät zum Gitarren-Unterricht gekommen. Weil sich im Spiegel die Uhren nicht im Uhrzeigersinn drehen, sondern im Gegenuhrzeigersinn. Und ich frage mich nun, ob die Zeit rückwärts läuft, solange man in den Spiegel sieht.“
Das fragt sie nicht nur sich, sondern auch mich, denn sie steht vor mir wie ein lebendes Fragezeichen. Ich wäge mein Haupt und antworte in dem Augenblick, als meine Tochter das Zimmer betritt:
„Frauen schauen oft in den Spiegel. Vielleicht tun sie es, um jünger zu werden?“
„Vater, hör auf, solchen Unsinn zu reden!“
„Und warum schauen Männer in den Spiegel, Jürgen?“
„Du sollst Opa nicht Jürgen nennen!“
Ich: „Männer schauen in den Spiegel, um sich zu rasieren.“
Eva: „Und wie oft ist das?“
„Alle drei Tage.“
„Und siehst du dann, ob du etwas jünger geworden bist?“
Ich zögernd:
„Nein. Nein. Nein, ich glaube nicht.“
„Ich habe mich heute morgen vor den Spiegel gestellt und darauf gewartet, dass ich jünger werde.“
„Wenn du nur fünf Minuten hineinschaust, wirst du es nicht erfahren. Du würdest ja auch nicht erkennen, ob du älter geworden bist, wenn die Zeiger sich im Uhrzeigersinn drehen. Dazu braucht es in deinem Alter vielleicht ein Jahr, in Mamas Alter fünf …“
„Vater, erzähl keinen Unsinn, setz dem Kind keine Flausen in den Kopf!“

„Die Uhr im Spiegel hat sich rückwärts gedreht. Richtig?“
„Richtig.“
„Und hat sich die Zeit selbst auch rückwärts bewegt? Denk nach! Bist du nicht wirklich zwanzig Minuten zu spät gekommen? In deiner Zeitwelt war es halb sieben und in der Zeitwelt deines Gitarrenlehrers schon zehn vor sieben. Und darum bist du WIRKLICH zwanzig Minuten jünger geworden – oder nicht?“
„Vater, nun hör endlich auf, das Mädchen zu verunsichern! Eva, mein Schatz, dass du zu spät gekommen bist, hat mit einem Irrtum zu tun, mit einer irrtümlichen Wahrnehmung, das beruht auf Psychologie, nicht auf Physik, wie Opa dir einreden will.“
Noch setze ich nicht meine Lächle-das-Kind-an-Maske auf, sondern bleibe ernst.
„Was glaubst du denn, Ev, was passiert, wenn du in den Spiegel schaust – wirst du jünger oder älter?“
Sie studiert mein Pokergesicht und wartet einen Augenblick, dann lacht sie und sagt hastig:
„Ich werde älter.“
Jetzt erlaube ich mir das Schmunzeln und antworte:
„Du wirst schöner mit jedem Tag, den du in den Spiegel schaust. Das kann ein ganzes Leben lang anhalten. Es gibt Menschen, die immer schöner werden, auch wenn sie sechzig Jahre oder älter sind.“
„Du gehörst aber nicht dazu, Jürgen.“
„Nein, ich gehöre nicht dazu. Es sind nur auserwählte Menschen, die immer schöner werden. Du könntest ein solcher Mensch sein. Ja, das könntest du.“

Bevor ich in die Sentimentalität abrutsche, falle ich in einen sachlichen Ton und doziere:
„Die Zeit spiegelt sich nicht in unseren Spiegeln. Sie läuft nicht rückwärts, auch wenn sich die Zeiger im Spiegel rückwärts drehen. Denn dass Zeiger rechts rotieren sollen, um die Zeit zu messen, ist nur eine Verabredung. Man hätte ebenso gut vereinbaren können, dass sie links rotieren, wie es die Mathematiker gerne hätten und auch die Anden-Indianer, wenn sie gefragt worden wären, denn für sie liegt die Zukunft links. Aber – es bleibt eine kleine Ungewissheit, nicht wahr? Es bleiben Fragen offen?“
Ich schaue in Evas Augen und entdecke, gewissermaßen auf der Retina, nicht Angst, nein, das wäre zu viel behauptet, ich erkenne einen Ernst, wie ich ihn sonst nur bei Erwachsenen finde, einen Zweifel, der sich zunächst in der folgenden Frage äußert:
„Wenn sich die Zeit wirklich rückwärts bewegt, was sie, wie wir alle wissen, nicht tut, nicht tun kann und nicht tun soll, was würde dann mit uns passieren? Wir würden immer jünger und jünger und jünger und jünger und …“
„Eva, nerv Opa nicht!“
„jünger und jünger …“
„Wir würden rückwärts geboren. Das heißt, wir würden sterben. Ja. Ob wir nun immer jünger oder immer älter werden – am Ende müssen wir sterben.“
„Das nennst du rückwärts geboren?“
„Es schoss mir durch den Kopf. Ja. Rückwärts geboren ist ein anderes Wort für sterben.“
„Dann ist es mir doch lieber, die Zeit läuft vorwärts, sonst hätte ich ja nur noch zehn Jahre zu leben. Sie läuft doch hoffentlich nur vorwärts?“
Jetzt lese ich doch so etwas wie Angst in ihren Augen, jedenfalls ein Unbehagen.
„Ja sicher. Keine Angst, du wirst lange leben. Unsere Spiegel auf der Erde reflektieren die Zeit nicht, sie vertauschen nur die Richtung im Raum. Wenn ich vor dem Spiegel von Süden nach Norden schreite, kommt mir jemand entgegen, der mir verdammt ähnlich sieht und von Norden nach Süden humpelt. Aber – hat der Professor Einstein nicht gesagt, dass Raum und Zeit zusammenhängen? Die Raumzeit? Hast du das schon einmal gehört? Ja? Professor Einstein und die Raumzeit?“
„Gibt es denn da draußen, weit, weit, weit da draußen, bei den Klingonen und Romulanern, weit da draußen im Universum hinter den Wurmlöchern, gibt es denn da einen Zeit-Umkehr-Spiegel?“
„Wenn man wie das Raumschiff Enterprise mit Warp-Antrieb fliegt, dann kommt man einem solchen Spiegel relativ nahe – das ist die Relativitätstheorie des Professors Einstein. Darum heißt sie so.“
„Wenn ich so alt bin wie du, Jürgen, dann will ich Wurmlöcher entdecken, und dann habe ich keine Angst vor Spiegeln, die die Zeit umkehren. Darum will ich Psychologie studieren.“
„Nein, Eva, du willst Physik studieren.“

Die Maus im Haus vom Nikolaus

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

Dass Nikolaus der Bischof von Myra war, weiß ja jedes Kind. Selbst dass Myra am Mittelmeer liegt, und zwar in einem Land, das heute Türkei heißt, hat sich herumgesprochen. Und jedem scheint klar zu sein, dass Nikolaus auch ein Haus besaß, das er mit seiner Frau und einer Handvoll Kindern bewohnte. Stimmt was nicht? Ach, Bischöfe haben keine Kinder? In der Spätantike und im frühen Mittelalter durften Bischöfe noch heiraten und Kinder haben. Warum das jetzt nicht mehr so ist? Wer das wüsste! Vielleicht, weil Kindererziehung anstrengt und Frauen so viel reden. Aber das kann es eigentlich nicht sein, denn Männer quatschen auch den ganzen Tag in ihr Scheiß-Handy (Entschuldigung). Also, wir wissen es nicht. Deshalb schick eine Mail an irgendeinen Bischof, zum Beispiel an den Bischof von Wuppertal-Vohwinkel, und schreib ihm, ich hätte gesagt, der Bischof von Myra sei verheiratet gewesen, und frag ihn, warum er nicht heiratet. Zugegeben, das ist eine aufdringliche Frage, die man vielleicht nicht stellen sollte. Allerdings glaube ich, dass Bischöfe heutzutage prinzipiell nicht heiraten. Und das Prinzipielle ist öffentlich. Also frag ruhig! Schreib: Exzellenz! So wird nämlich ein Bischof oder Weihbischof angesprochen. Kennst du übrigens den Witz vom Weiberzoff? Ach, der ist zu albern. Also guut!

Elisabeth kommt von der Schule nach Hause und berichtet, die Reli-Lehrerin habe vom Weiberzoff im Frauenklo gesprochen. Elisabeths Mutter ans Telefon und die Rektorin angerufen! „Geben neuerdings die Grünen und die Linke den Religionsunterricht an Ihrer Anstalt oder ist das noch die Katholische Grundschule, was?“ Die Rektorin giftet zurück: „Ja, das ist immer noch die KGS, obwohl 60 Prozent der Kinder mohammedanisch sind, aber die restlichen 39 Prozent sind dafür doppelt so gut katholisch!“ Später stellt sich heraus, dass die Ordensschwester erzählt hat, es sei der Weihbischof im Frauenkloster gewesen (um die neue Wetterfahne einzusegnen). Das fehlende eine Prozent? Das sind drei Kinder: ein Jude aus Frankfurt, ein Animist aus Kenia und ein Atheist aus dem Rhein-Sieg-Kreis. Wenn drei Kinder ein Prozent ergeben, wie viele Kinder sind in der Schule? Na? Na? 300. Genau! Protestanten? Nein, Protestanten gibt es an der KGS nicht, abgesehen vom Hausmeister, der ist Protestant. Der soll einmal gegen Niedriglöhne protestiert haben.

Wo sind wir stehengeblieben? Bei dem Brief. Also du schreibst den Brief und fragst, warum Bischöfe nicht heiraten dürfen. Früher jedenfalls durften sie es, und in Zukunft werden sie es auch wieder dürfen, da bin ich mir sicher. Nikolaus, der Bischof von Myra, hatte geheiratet und bewohnte mit seiner Familie ein Haus, zwar keine Villa, auch kein Palais wie unverheiratete Bischöfe, aber immerhin ein zweistöckiges Gebäude auf einem Speditionshof. Denn Nikolaus war auch ein Spediteur, also jemand, der heute Trucks, Waggons oder Container-Schiffe besäße oder mieten würde, um Waren zu transportieren, die sich bekanntlich, trotz ebay, noch nicht durch das Internet verschicken lassen. Eines Tages (wenn Bischöfe wieder heiraten dürfen) wird man auch das können, dann aber braucht der Spediteur einen „Beamer“ und einen verdammt guten Ingenieur wie Scotty von der ´Enterprise´, der einen solchen Beamer bedienen kann. Dass Nikolaus auch Spediteur war, wissen wir spätestens seit dem weltberühmten Roman ´Nikolaus, der Mann aus Myra´ des allseits bekannten Schriftstellers – jetzt fällt mir der Name nicht ein.

Was ist denn nun mit der Maus in der Überschrift?! Von der war nämlich noch gar nicht die Rede, obwohl es niemanden überraschen sollte, dass auf einem spätantiken Speditionshof mit seinen Kamelen und Mulis auch Mäuse lebten. Wo Futter angeboten wird, da sind Mäuse, kein Wunder. Das ist das Stichwort! Wunder. Gibt es die überhaupt? Der Frage nähern wir uns ganz behutsam. Am besten, ich fange mit den Kornspeichern an, die ein römischer Kaiser in Myra hatte bauen lassen, um einer Hungersnot vorzubeugen oder seine Soldaten zu versorgen, wenn die Infanterie durch Myra marschierte, die Kavallerie durch die Stadt geritten kam oder die Marines im Hafen anlegten.

Damit die Mäuse nicht das Korn fräßen, musste der Stadtrat von Myra Vorkehrungen treffen, die es den Nagern erschwerten, in die Speicher einzudringen. Vielleicht standen die Kornspeicher auf Stelzen mitten im Wasser, in einem Teich, den auch die Feuerwehr benutzte. Eine Maus hätte also zu den Stelzen schwimmen und daran hochkraxeln müssen. Damit ihr das nicht gelänge, hatten die Kornspeicher-Zimmerleute tellerförmige Steine zwischendurch angebracht, so konnten die Mäuse nicht weiter klettern, es sei denn, sie hätten sich angeseilt und wären wie Bergsteiger an dem Überhang entlang gehangelt. Es kann sein, dass Mäuse, die in der Schweiz geboren wurden, zum Beispiel in St. Niklaus im Oberwallis, solche Fähigkeiten besitzen. Aber am Mittelmeer? Da können die Mäuse windsurfen oder segeln, aber das Alpine beherrschen sie nicht. Trotzdem, um ihnen auch noch die letzte Chance zu rauben, hatte die Stadtverwaltung von Myra ein Übriges getan und Katzen angestellt, deren Aufgabe es war, Tag und Nacht, meistens nachts, rund um das Wasser zu tigern und den Mäusen Angst einzujagen.

Fassen wir zusammen: Eine tapfere Maus hätte sich an den Katzen vorbeischmuggeln, über den Teich schwimmen, an den Stelzen und um die Teller-Steine herum klettern müssen, damit sie ins Paradies käme. Dort wäre sie, wenn alles geklappt hätte, Zeit ihres Lebens geblieben und selig gestorben (denn eine so riskante Reise macht man nur einmal). Das war den myraner Mäusen natürlich bekannt. So etwas sprach sich herum. Keine wollte sich mit einer Katze anlegen oder einen breiten Teich überqueren. Um also an das begehrte Korn zu kommen, hatten sich die cleveren Mäuse etwas anderes ausgedacht. Sie versammelten sich im Hafen und schauten nach Schiffen aus, die Getreide bunkerten oder löschten. Wenn sie ein solches Schiff gefunden hatten, liefen sie über die Festmacher (das sind Trossen, mit denen man Schiffe an der Pier festmacht) bis zu einer offenen Verladeluke. Dort fanden sie dann, wenn sie Glück hatten, was sie suchten und wurden auf diese Weise zu Schiffsmäusen.

In Hungerszeiten sah es auch für die Mäuse schlecht aus. Da war Schmalhans Küchenmeister, und die Mäuse mussten ihren Gürtel enger schnallen. Es hätte sich auch kaum gelohnt, an den Katzen vorbei zu einem Speicher zu schwimmen. Just in einer solchen Hungersnot hatte Nikolaus, um hungernden Menschen zu helfen, bei dem Reeder Anarchos ein ausgemustertes Schiff geliehen, das für den Überseehandel zwar ungeeignet, aber für den Küstenverkehr noch tauglich war. Mit Spendengeldern konnte er Weizen billig einkaufen, denn die Bauern wollten sich von den Preisdrückern der Armee, die Getreide requirierten, nicht übers Ohr hauen lassen. So wurde das Schiffchen von Nikolaus voll. Die Mäuse hatten aufgepasst. Einigen von ihnen gelang es nämlich, an Bord zu klettern und zusammen mit dem Bischof in See zu stechen.

Unter den Mäusen war eine, die hieß Mus Domesticus. Das ist ungefähr so, als würde ich jemanden mit Dr. Homo Sapiens ansprechen, womit ich nicht mehr gesagt hätte, als dass der Herr Doktor ein weiser Mensch ist. Mus (wir nennen den Mäusemann beim Vornamen) spazierte oder lief, je nachdem, wie es ihm zumute war, auf dem Deck hin und her, denn er war eine kecke Maus, aber die Geschichte, dass er Seeräuber vertrieben haben soll, ist eindeutig gelogen.

Als Seeräuber das Schiff geentert hatten und die Besatzung der ´Mondstraße´ (so der Name des Schiffes von Nikolaus) herumkommandierten und ihnen befahlen, sie sollten alles herausrücken, was ihnen lieb und wert sei, da rannte Mus von der Ladeluke zum Hauptmast und kletterte einem Seeräuber, der zufällig dort stand, an seinem linken Bein hoch (oder an seinem rechten). Der schrie wie jemand, der Angst hat, dadurch erschraken die anderen Männer und auch Mus. Er fiel auf die Planken und lief über Deck, erst in die eine, dann in die andere Richtung. Die Piraten gerieten in Panik, sprangen über die Reling und schwammen zu ihrem Piratenschiff zurück. Aber wie gesagt: schlecht gelogen. Man kann über Seeräuber vieles sagen, auch was sie nicht gerne hören, aber so feige sind sie nun auch wieder nicht. Obwohl: gehört viel Mut dazu, beispielsweise ein Kreuzfahrtschiff zu überfallen? Sprich in der AG mit deinem Lehrer darüber, wie man am besten ein Kreuzfahrtschiff kapert! Es würde sich lohnen, denn die Passagiere sind keine Hartz-IV-Empfänger. Darauf möchte ich eine Wette abschließen.

Worauf ich hinaus will, ist Folgendes: Das Schiff des Spediteurs und Bischofs Nikolaus brachte Getreide von Myra in das Erdbebengebiet von Kilikien, wo Wohnungsnot herrschte und der Hunger ausgebrochen war. Dass Nikolaus überhaupt hatte Weizen kaufen und die ´Mondstraße´ damit hatte füllen können und dass er damit ungeschoren über das Mittelmeer gesegelt war, das nennt man das Weizenwunder, denn dieses Unternehmen wurde nicht nur durch Glück begünstigt, sondern vor allem durch die Mildtätigkeit der Spender und durch die Tatkraft des Bischofs und seiner Leute. Woraus man lernt, dass einem Wunder nicht in den Schoß fallen. Sie sind nicht das Resultat von Hokuspokus, Räucherstäbchen und Weihrauch, auch nicht von Gebeten allein. Es heißt nämlich: Hilf dir selbst, so hilft dir Gott. Anders ausgedrückt: Wer eine Prüfung schwänzt, wird keine Prüfung bestehen. Das könnte selbst der liebe Gott nicht bewerkstelligen, denn auch er ist nicht allmächtig. Soviel zu Wundern im Allgemeinen, und jetzt zurück zur Maus.

Mus ist nicht in Kilikien geblieben, obwohl er dort nach der Weizenlieferung satt geworden wäre, nein, er hatte sich auf der ´Mondstraße´ einen Vorrat angelegt und ist auf das Schiff zurückgekehrt, aus keinem anderen Grund als wegen der blinden Schiffskatze namens Felicitas, mit der er sich angefreundet hatte. Es gibt nämlich eine alte Regel auf Schiffen, eine Regel, die sich bis in die Gegenwart erhalten hat: Sehende Katzen jagen Mäuse, egal, ob diese jung oder alt, fromm oder frech sind, hingegen blinde Katzen brauchen keine Mäuse zu jagen. Das Besondere an Felicitas war, dass sie nie seekrank wurde, wie sonst die Katzen. Wenn der Wind pfiff und die Wellen mit dem Schiff kegelten, fühlte sie sich wohl, sie lag im Achterhäuschen und schnurrte. Nur dem Mus wurde dann blümerant (und auch der Nikolaus hatte schon einmal über die Reling gekotzt).

Als Nikolaus mit dem leeren Weizenschiff wieder in Myra anlegte, klemmte er sich die blinde Katze unter den Arm. Er stolperte, weil er Mus, der bei Felicitas lag, nicht tot treten wollte, und fiel hin. Da saß er auf den Planken, die Katze im Arm, rieb sich den Hintern und blickte in die Knopfaugen von Mus Domesticus, der nicht wusste, soll ich lachen oder weinen, soll ich fliehen und Felicitas im Stich lassen oder bleiben, damit mich der ungeschickte Mann womöglich noch totschlägt! Während Mus darüber nachdachte und mit einer für ihn günstigen Entscheidung rang, packte ihn der Nikolaus am Schlafittchen und steckte ihn in seinen Brotbeutel, den er am Gürtel trug. Dann rappelte sich der Bischof auf, ging zum Hafenamt, checkte ein und machte sich auf den Weg nach Hause zu seiner Frau und den Kindern. Die blinde Katze hockte ihm auf der Schulter, die Maus horchte im Brotbeutel nach Geräuschen, die ihr vielleicht verrieten, wohin die Reise ging. Zur Spedition. Dort angekommen, sagte Nikolaus zu den Kindern: „Ich habe euch ein Geschenk mitgebracht.“ Er entließ Mus aus seinem Gefängnis und die Kinder schrien: „Eine Maus, eine zahme Maus, das ist ein wunderbares Geschenk, darauf haben wir gewartet.“ Und Zenia, die Frau vom Nikolaus, bestätigte das: „Darauf habe ich gerade noch gewartet!“

Dein Einwand, ich hätte die Geschichte, wenn sie denn überhaupt eine ist, ebenso gut ´die Katze im Haus vom Nikolaus´ nennen können, ist so falsch nicht, aber ´die Maus im Haus vom Nikolaus´ klingt verrückter und trifft auch des Pudels Kern, weil in dieser Geschichte (wenn sie denn eine ist) mehr von Mäusen als von Katzen gesprochen wird.

Das Silber der Mongolen (eine Kindergeschichte)

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

Das Völkerkunde-Museum in Köln wurde zu Kaiser Wilhelms Zeiten von einem Unternehmer errichtet, der durch den Überseehandel reich geworden war. Er ließ an der neugriechischen Fassade Sandsteinfiguren anbringen: die Bewohner der Weltgegenden, zum Beispiel einen Austral-Neger, der ein Krummholz in der Hand hält und seinen freien Arm um ein Känguru legt, und einen Polynesier, der ein Paddel schultert und mit einer Hand die Augen schirmt, wie um sich gegen die Lichtreklame zu schützen, die abends von der Einkaufsstraße her über die Figurengruppe flackert. In der Nische über dem Portal steht ein Chinese, fast hätte ich gesagt: wie versteinert, denn er wirkt wie ein lebendiger Mensch, der versteinert aussieht. Er birgt seine Hände in weiten Ärmeln und starrt in die Fenster der gegenüberliegenden Bank. Wer das Museum besuchen will, steigt eine breite Treppe hinauf und muss unter dem Chinesen hindurch.

Im ersten Saal des hochgelegenen Erdgeschosses reckt sich ein Sioux-Häuptling vor seinem Tipi. Um ihn herum sitzt seine Familie. Der Indianer blickt über ein gemaltes Weizenfeld, das sich bis zum Horizont dehnt. Er sieht die Weizensilos, schwarz im gemalten Gegenlicht, und das Flugzeug darüber, das eine Fahne aus Kunstdünger hinter sich herzieht. Der Mann in seinem Lederhemd, in der Frisur zwei Federn, um den Hals eine Grizzlyklauenkette, schaut über die Plains, wo es keine Büffel, keine Büsche und keine freien Wasserläufe mehr gibt. In einer anderen Ecke desselben Raumes knien drei Eskimos neben ihren Schlittenhunden auf einer Styropor-Eisscholle. Jeder Jäger hält eine Harpune in der behandschuhten Faust und stiert über eine blaugrüne Lagune auf eine Reihe Kokospalmen.

In der Afrika-Abteilung sitzt ein Häuptling auf seinem Holzthron, der über und über mit Muscheln bestickt ist. Am Arm des Mannes hängt ein kleiner Stuhl als Zeichen seiner Würde. Der Neger-Häuptling thront vor dem Panorama einer Großstadt mit ihren funkelnden Hochhäusern und leuchtenden Autoströmen. Verschwunden sind die Pfade in das Dorf, dem er vorstand, zugeschüttet ist die Straße zur Lehmburg seines Fürsten, der Hof hielt hinter bronzebeschlagenen Toren.

Die Südsee-Abteilung befindet sich hinter fensterlosen Mauern im zweiten Stock. Boote, Werkzeuge und aus Holzstäben gefertigte Seekarten werden durch verborgene Lampen angestrahlt. Im letzten Saal der Abteilung hockt ein Polynesier. Er schreit ohne Stimme und spreizt die Hände gegen eine Fotomontage an der Wand. Sie zeigt einen weißen Pilz aus Wasserdampf, den der Deckenstrahler grell aus dem Halbdunkel herausschneidet und der einen über jedes Maß lauten Knall hervorbringt, so dass man nichts mehr hören kann.

Die Direktorin des Völkerkunde-Museums, Frau Professor Else Eben-Erdig, hatte diese Figuren in „nicht angemessene“ Panoramen stellen lassen und sich dadurch Ärger mit dem Kölner Stadtrat eingehandelt. Im Kulturausschuss wurde heftig darüber diskutiert. Die Lokalpresse publizierte Artikel über das Museum und brachte die Schlagzeilen: “Museum zeigt Schicksal der Ureinwohner, Direktorin im Streit mit der Stadt”. Die unerwartete öffentliche Aufmerksamkeit veranlasste Frau Eben-Erdig, in aller Eile die hochgesteckten Erwartungen zu erfüllen. Sie ließ weitere Ausstellungsstücke aus dem Keller holen und schrieb erläuternde Texte dazu. Außerdem organisierte sie zusammen mit dem Botschafter der Mongolei, der extra aus Berlin nach Köln geflogen kam, eine Sonderausstellung über Silberschmuck, die das handwerkliche Geschick der Asiaten in ein glänzendes Licht rücken sollte. Sie brachte “das Silber der Mongolen” in einem fensterlosen Saal des zweiten Stockwerks unter. Alte Handwerksmeister und junge Verkäuferinnen drückten nun ihre Nasen an das Glas, hinter dem, auf blauen Samt gebettet, die kostbaren Filigrane schimmerten.

Auf einmal interessierten sich viele Menschen für das Museum. Die Besucher durften gegen eine Gebühr ihre Kameras in die Ausstellungsräume mitnehmen. Den Eltern gefiel es, die Kinder mitten unter die Eskimos und ihre Schlittenhunde oder mitten unter die Papua-Neger und ihre Hausschweine zu stellen und für das elektronische Familienalbum zu fotografieren. Frau Eben-Erdig freute sich über den Zulauf an den Wochenenden. Und weil die Stadt kein Geld bewilligte, um die Überstunden zu bezahlen, machte der Neffe von Frau Eben-Erdig, der Student Volker Kunde, an manchen Abenden unentgeltlich Dienst.


Unter den Menschen, die neuerdings ins Museum gingen, waren auch Josef Huddel, genannt „dä Jupp“, und seine Freundin Wilma Wangenbein, genannt „au Backe“. Sie hatten sich für den Besuch einen regnerischen Februartag ausgesucht. Beiden gefiel die Kleidung des Indianerhäuptlings so gut, dass sie davon Fotos schossen. Das Pärchen beschloss, als Indianerin und Indianer auf den Juristenball zu gehen, denn Karneval stand bevor, und sie wollten ihre Kostüme so echt wie möglich aussehen lassen, um die anderen zu beeindrucken, die sich mit Papier- und Plastikkram aus dem Kaufhof verkleiden würden. Dä Jupp hatte vor, sich im Sanitärbereich (sprich Klo) des Völkerkunde-Museums unbemerkt einzuschließen, seinen Anzug gegen die Indianer-Montur zu tauschen und sich am Morgen des Weiberfastnachttages (paradox, wa?) in seinem neuen Kostüm unter die Jecken zu mischen, denn mindestens in der fünften Jahreszeit leben in Köln mehr Jecken als Gescheite (das geben die Kölner selber zu, darum muss man sie für besonders ehrlich halten), so dass er im Gedränge auf dem Ring, wo das Museum steht, als Indianer nicht auffiele – im Gegenteil: trüge er eine Krawatte, würde frau sich sofort auf ihn stürzen.

Es war gegen Abend an einem Tag im März. Herr Kunde saß noch in der Bibliothek des Völkerkunde-Museums (er schrieb an seiner Doktorarbeit). Außer ihm schien noch jemand anwesend zu sein, denn an der Garderobe hingen zwei Mäntel nebeneinander und taten vertraut, als kennten sie sich. Da hörte Herr Kunde ein Geräusch im zweiten Stock. Ist denn noch ein Besucher im Museum? Er musste ohnehin aufstehen, weil er an diesem Nachmittag schon die zweite Kanne Tee ausgetrunken hatte. Er würde beiläufig auch nach dem Rechten sehen. Einen tüchtigen Schrecken bekam er, als er auf dem Flur vor der Tür zum Silberschatz einen Indianerhäuptling in voller Montur antraf: Kopfschmuck, Lederhemd, Klauenkette, Leggings, Mokassins und nicht zu vergessen: den Tomahawk im Gürtel.

„Was machen Sie denn hier?“ rief Herr Kunde. Als hätte er sich die Antwort auf die Frage schon vorher überlegt, sprach der Häuptling ohne zu stocken:
„Ich komme aus der Nordamerika-Abteilung und vertrete mir die Beine, die mir im Stehen eingeschlafen sind.“
Volker Kunde rang nach Worten:
„Das ist ja wirklich ungewöhnlich, in der Tat. Ich kenne Sie gut, aber ich dachte bisher, Sie könnten oder wollten nicht sprechen! Ich werde einmal in die Nordamerika-Abteilung hinabsteigen, um nach Ihrer Frau und den Kindern zu sehen, die Sie vor Ihrem Tipi alleine gelassen haben, so etwas auch!“
„Tun Sie das nur, Herr Professor, tun Sie das“, rief der Häuptling triumphierend, „außerdem ist ja noch der Wolfshund da, der die Gepäckstangen hinter sich herziehen muss und aufpasst, dass den Kindern nichts zustößt.“
Volker Kunde grüßte zum Abschied „bis ein anderes Mal, Häuptling“ und stieg die Treppe hinab. „Was ich noch sagen wollte“, Herr Kunde blieb stehen wie weiland Inspektor Columbo und drehte sich um: „How!“ rief er und legte die flache Innenhand an die Stirn, weil ihm diese Geste indianisch vorkam. Dann verschwand er im Dunkel des Treppenhauses.

Der Indianerhäuptling wartete eine Weile und horchte Herrn Kunde hinterher. Nachdem er lange genug gelauscht hatte, schlich er zur Tür, vor der ein Wächterlöwe „Sitz macht“ und sein Maul aufreißt. Der Häuptling tätschelte ihm die Mähne und flüsterte:
„Dann pass auf, dass der Professor, der Depp, mir nicht nachspioniert.“ Was der Indianer flüsterte, klang so ätzend in der Stille, dass er selber erschrak, als hätte der Wächterlöwe gezischt: Du Depp, wer spioniert?

Die Tür zum Silberschatz war abgeschlossen. Selbstverständlich. Aber der Häuptling hatte vorgesorgt. Eine viertel Stunde brauchte er, dann war die Tür offen. Er stand nun in einem stockfinsteren Saal und wartete eine Minute, bis er sich an die Dunkelheit gewöhnt hatte. Da glaubte er, etwas zu sehen. Etwas musste das wenige Licht, das durch Ritzen und Schlüssellöcher in den Saal gedrungen war, magnetisch anziehen, so dass es an einer einzigen winzigen Stelle geheimnisvoll leuchtete. Er erinnerte sich nicht, so nah an der Tür eine Holz- oder Steinfigur gesehen zu haben, die in der einen Hand einen glänzenden Gegenstand präsentiert und die andere Hand hoch gegen die Zimmerdecke streckt. Er konnte den tintenschwarzen Arm gegen den dunklen Raum nur erahnen. Hastig griff er nach dem Silberding: Was ich habe, das habe ich. Plötzlich schrie er. Der schwarze Arm hatte sich gesenkt und ihm eine Feder aus der Frisur gerissen! Wie von einer Stachelschweinborste gepiekst, sprang der Häuptling zur Seite, stolperte über ein Brett, fiel in einen Bottich und bekam einen nassen Arsch. Dann erscholl ein fürchterliches Lachen. Ein scharfes Licht fuhr durch den Saal, und es war taghell. Direkt vor ihm erhob sich eine schwarze Gestalt, in einen Mantel gehüllt. Sie sperrte die Augen auf und reckte beide Arme in die Luft, bleckte die Zähne und schien sich im nächsten Augenblick auf den Häuptling stürzen zu wollen. Der Indianer erlitt fast einen Herzkasper. Der Saal war kalt, ungemütlich und nahezu leer. Auf einer Kiste im Hintergrund saß Volker Kunde und lachte aus vollem Halse. Nun bewegte sich die schwarze Gestalt auf den Häuptling zu und streckte ihm die Hand entgegen.
„Nein! Nein!“ brüllte der Häuptling entsetzt, „was macht Ihr mit mir?“ Er strengte sich an, aus dem Bottich zu steigen. Es gelang ihm nicht. Da spürte er, wie eine Hand die seine umklammerte.
„Sie müssen etwas nachhelfen“, hörte er eine Frauenstimme. Jetzt erkannte der Häuptling eine schwarze Squaw, die ihn aus seiner feuchten Lage befreien wollte. Sie zog ihn, er stemmte sich empor. Dann stand er endlich wieder auf seinen Füßen und tropfte. Er war in einen Bottich voller Kalkbrühe gefallen. Der Indianerhäuptling schüttelte sich und schlenkerte die Brühe ab. Dabei trat er gegen eine Dose, dass es schepperte.
„Tschuldigen Sie bitte“, stotterte er.
„Was halten Sie denn da in der Hand?“ fragte Volker Kunde, der aufgestanden war und auf ihn zuging.
„Ein kleines Bowie-Messer, nur zum Skalpieren.“
„Was Sie nicht sagen! Es sieht aus wie ein Glasschneider. Eigentlich müsste ich Sie der Polizei übergeben“, meinte Herr Kunde. Er nannte seinen Namen und fuhr fort:
„Vor Ihnen steht meine Braut Ife Matabele, die ich in Uganda kennengelernt habe. Sie ist Völkerkundlerin wie ich.“
„Untersuchen Sie Ihren eigenen Stamm?“ fragte der Häuptling Frau Matabele und zog dabei ein dummes Gesicht.
„Nein, ich erforsche Sie und Ihresgleichen“, war die Antwort.
„Dann sind Sie eine Indianerspezialistin!“
Darüber mussten Herr Kunde und seine Braut lachen.
„Schlagfertig sind Sie, Häuptling! Sehen Sie, wir haben unseren Silberschatz vor kurzem ausgelagert. Wir wollen nämlich den Saal renovieren und eine neue Sicherheitsanlage einbauen. Sie haben nur nach einer leeren Gebäckdose gegrapscht. Vermutlich gehört sie einem Arbeiter, der Mutters Spritzgebäck darin aufbewahrte. Der Silberschmuck aber liegt gegenüber im Tresor der Bank. Sie müssten sich schon nach dort bemühen, gekälkter Büffel. Halt! Wohin?“
„Zur Bank“, rief der Häuptling, der sich davonmachen wollte.

Gerade in diesem Augenblick erschien ein uniformierter alter Mann an der Tür. Mit der einen Hand umklammerte er einen großen Schlüsselbund.
„Ich sah noch Licht, Herr Kunde, da wollte ich Ihnen sofort etwas sehr, sehr Merkwürdiges …“
Weiter kam er nicht. Er hob langsam seinen linken Arm und zielte damit auf den Häuptling, als wollte er auf ihn schießen.
„Aber da ist er ja! Er kann doch nicht von da unten hier herauf …“ Der Mann von der Wach- und Schließgesellschaft drehte sich zur Treppe und wieder zu den Anwesenden:
„Ich wollte sagen, Frau Dr. Matabele, guten Abend, gute Nacht, ich verstehe gar nichts mehr. Ist er denn nicht ausgestopft? Der Indianerhäuptling steht nicht mehr in der Nordamerika-Abteilung!“ Der alte Mann war sichtlich verwirrt.
„Beruhigen Sie sich, Herr Kiekut, das ist ja nicht der Indianerhäuptling aus der Nordamerika-Abteilung, das ist Herr Josef Huddel, wohnhaft in Köln-Kalk, so sieht er jedenfalls aus.“
Der Häuptling zuckte zusammen.
„Wer hat Ihnen das verraten?“
„Sehen Sie, deswegen sollten Sie nicht einfach davonlaufen! Sie haben nämlich Ihre Windjacke im Waschraum neben der Toilette liegen lassen, dummerweise mit Ihrer Brieftasche darin. Berichten Sie aber zunächst Herrn Kiekut und uns, wo Sie den Indianerhäuptling versteckt halten.“
„Im Tipi. Ihm ist nichts geschehen, ganz bestimmt nicht.“
„Wenn das so ist, sollten Sie sich wieder umziehen, sonst erkälten Sie sich. Dann gehen wir gemeinsam in die Nordamerika-Abteilung, Sie stellen den Indianer wieder an seinen angestammten Platz und ziehen ihm seine Sachen an, den gekälkten Hosenboden bitte zur Wand.“

Nachdem das geschehen war und Herr Kiekut erleichtert seinen Rundgang fortgesetzt hatte, saßen die drei, Ife Matabele, Volker Kunde und dä Jupp, im Büro.
„Sie Spaßvogel, erzählen Sie Ife und mir, warum Sie ausgerechnet in einem Völkerkunde-Museum Silberschmuck klauen wollten.“
„Es ging mir gar nicht darum, Silber zu klauen und zu verkaufen. Au Backe, mit der ich …“
„Wie bitte?!“
„Meiner Freundin Wilma, mit der ich das Museum besucht hatte, gefiel der silberne Brautschmuck so gut, dass mir die verrückte Idee kam, ihn für sie auszuleihen, nur zu borgen!“
„Das ist etwas für Ife, sie interessiert sich nämlich für die Bräuche europäischer Eingeborener.“
Ife lachte und ihre Zähne blitzten:
„Ist es bei den jungen Männern Ihres Stammes üblich, vor der Heirat eine Mutprobe abzulegen, in ein verschlossenes Gebäude einzudringen und für die Zukünftige den Brautschmuck zu stehlen?“
Dä Jupp seufzte:
„Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen.“
„Ein Sprichwort bei uns in Afrika sagt: Ein Löwe, der in die Grube gefallen ist, wird ausgelacht, bevor ihm die Jäger das Fell über die Ohren ziehen. Aber haben Sie keine Angst, Sie sehen mit Ihrer übrig gebliebenen Feder im Haar nicht so aus wie ein Löwe, sondern wie ein Huhn, das eine Katze geheiratet hat.“
Dä Jupp nestelte beschämt die Feder aus dem Haar und überreichte sie Ife.

Herr Huddel aus Köln-Kalk durfte das Museum als freier Mann verlassen. Er tat es reumütig und zerknirscht. Volker Kunde aber sah seine Freundin Ife Matabele lange an:
„Das Silber würde keiner Frau, außer vielleicht einer mongolischen Fürstentochter, so gut zu Gesicht stehen wie dir.“ Und in seinen Augen glitzerte es.

poups’ welt

von Frances Pohl (copyright)

der alltag
der block zum mitschreiben liegt schon bereit.
fehlt nur noch frau mama
 in der rolle der hauswirtschafts-lehrerin.
der arme poups kennt dieses prozedere nur zu gut.
ich frage mich was das soll.
 wir leben doch nicht mehr im mittelalter.
meine mutter denkt aber immer noch,
 dass die frau hinter dem herd steht
und der mann das geld nach hause bringt.
womit habe ich das verdient.
 ich bin keine hausfrau und werde nie eine werden.
und so einen typen will ich eh nicht, der auf die pantoffelnummer steht.
wann kapiert sie das endlich.

der alltag
ich bin d’ badman.
der poups hat hunger. groooßen hunger.
eingekuschelt in die bettdecke
sitzt der poups am küchentisch und schmollt.
ich weiß nicht was ich essen will.
 aber ich hab hunger.
am liebsten hätte ich eine küchenfee,
 die mir alles bringt, was ich will.
nur was ist alles was ich will?

der alltag
tür zu. kopfhörer auf.
 musik gaaanz laut aufdrehen.
der poups ist genervt.
 von seinem kleinen bruder.
immer muss ich ihn mitnehmen. überall hin.
 und immer muss ich für ihn da sein.
kleiner bruder hier, kleiner bruder da.
der braucht gar nichts zu machen und er geht mir auf den kecks.
kann er sich nicht unsichtbar machen.
 oder nein.
lieber wäre ich unsichtbar.

der alltag
es ist schon nachmittag.
der poups gammelt den ganzen tag vor dem fernseher rum,
 isst pizza, trinkt cola
und legt die füße auf den tisch.
endlich bin ich mal alleine. 
ohne nervigen kleinen bruder,
 meckernde eltern, bellenden hund.
ach ist das schön, krank zu sein.
zumindest so krank, dass ich leider nicht mit aufs familienfest fahren konnte.
ich will ja niemanden anstecken.
 und ich glaube da wäre ich erst richtig krank geworden.
vor langeweile und aufdringlichen verwandten,
 die immer alles ganz genau wissen wollen.
da ist so ein sonntag doch vieeeeel besser.

die gedanken
manchmal frage ich mich ja, ob es wirklich so toll ist erwachsen zu sein.
zumindest, wenn ich mir so manchen erwachsenen anschaue.
irgendwie lachen die nicht so viel.
und sie sehen oft nachdenklich aus.
 oder traurig. 
oder einfach nur schlecht gelaunt.
muss man mehr nachdenken, wenn man älter wird,
oder machen erwachsene das leben komplizierter als es ist?

die nachbarn
wenn jetzt jemand den poups sehen könnte.
hinter einem auto versteckt beobachtet der poups lennart, wie er auf sein fahrrad steigt.
das war knapp.
bis jetzt habe ich es ja ganz gut geschafft, ihm aus dem weg zu gehen.
aber lange geht das nicht mehr gut.
vielleicht sollte ich mir lieber mal überlegen, was ich sage, wenn ich mit ihm reden muss.
bald fängt ja auch wieder die schule an, und spätestens dann muss ich wohl oder übel.
warum kommt er auch ausgerechnet auf meine schule.

Klingelpetrus

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

Es schellt. Chris Andersen schließt die Tür auf und öffnet sie überfallartig. Vor ihm steht der kleine Martin. “Machst du Klingelmännchen?“ “Ja-a“. Der kleine Martin nickt und lacht von einer Backe zur anderen. “Na denn viel Spaß, ich dachte schon, es wär der Flegel aus dem Internat!“ Türe zu. Abgeschlossen. Es schellt. Türe auf. Niemand zu sehen. Türe zu. Abgeschlossen. Es schellt. Türe auf. Ein Dackel steht davor. Hat der gebellt oder geschellt? Der hat nicht geschellt, der hat gebellt. Türe zu. Mißmutig geht Chris, der Urlaub hat, zum Herd, um die Milch heiß zu machen. Es schellt. Wenn ich diesen Halunken erwische! Türe auf. “Was soll denn die Schellerei!“ Vor der Tür der Stromableser. “Verzeihung, wenn ich ungelegen komme. Ich möchte die Stromuhr ablesen.“ “Sie müssen schon entschuldigen. Wissen Sie, bei mir wird neuerdings Klingelmännchen gemacht.“ Der Stromableser tritt ein. Die Milch kocht über. Herr Andersen ist mit den Nerven fertig.

Es schellt. Chris rennt zur Tür. Er öffnet und erstarrt. Er rührt sich nicht, als hätte ihn gerade jetzt der Spruch der 13. weisen Frau in den Schlaf versetzt. Er sieht am hellichten Tag ein Gespenst, den Flegel aus dem Internat, der immer bei ihm schellt. Das Gespenst verdinglicht sich und spricht sogar zu ihm: “Ich sammle für die diesjährige Weihnachtsfeier im Beethoven-Internat.“ Chris löst sich langsam aus seiner Starre, aber findet noch nicht ganz zu sich. Er sieht sich zur Anrichte gehen, wie er zum Portemonnaie greift und einen Fünfer herauswühlt. Da durchzuckt ihn ein Gedanke. Er würde nicht fünf Euro, sondern seinen einzigen Zehner hergeben. Vielleicht erkaufe ich mir das Wohlwollen des Schellenkriegers und schließe Waffenstillstand! Er nimmt den Zehner, den Fünfer obendrein, und händigt sie dem Schlingel aus. “Wenn Sie hier bitte unterschreiben“, sagt das Gespenst gleichgültig. “Wie heißt du eigentlich?“ “Wer will das wissen?“ “Das Finanzamt. Du mußt mir eine Spendenquittung unterschreiben oder du gibst mir den Zehner zurück!“ “Ich heiße Brosheim.“

Der Krieg geht weiter. Der Angriff überbietet die Verteidigung. Chris Andersen denkt schon daran, nach Fuerteventura zu fliegen, in ein Hotel, wo man selber klingeln kann, und die Bedienung bringt dann heiße Milch aufs Zimmer. Doch Chris bleibt zu Hause und bastelt einen Klingelschalter, der die Klingel abstellt, wenn man auf ihn drückt. So braucht er nicht immer in den Keller zu steigen, um die Sicherung herauszudrehen. Die Verteidigung holt auf. Nur manchmal, wenn die Post kommt, vergißt Herr Andersen, die Klingel wieder anzustellen (einmal mußte er sogar quer durch die Stadt fahren, um ein Paket abzuholen).

Gegen 9 Uhr 40 schaut Herr Ollet auf die Armbanduhr, klappt den Tachometer herunter, wechselt die Fahrtenschreiber-Scheibe aus, zieht mit dem Repetierbügel die mechanische Uhr auf, klappt den Tachometer wieder zu und schließt ihn ab. Dann zündet er den Motor. Es ist viertel vor zehn. Zur selben Zeit bohrt Herr Andersen in der Nase, ein Zeichen von Unschlüssigkeit. Soll er die Klingel abstellen oder besser warten, bis die Post durch ist? Er stellt die Klingel ab, indem er auf den Schalter drückt, den er selbst erfunden hat. Er holt die Morgenzeitung herein, schaut nach links und rechts und dann nach oben. Das Wetter würde sich halten. Türe zu. Abgeschlossen. Es ist jetzt punkt 10 Uhr 50. Chris studiert die Schlagzeilen, obwohl es nichts zu studieren gibt, denn es hat sich wenig verändert. Da schlägt jemand gegen die Haustür. Nein, jemand tritt dagegen! Chris springt auf und zur Türe. Schlüssel umgedreht. Der Flegel vom Internat! Hab ich ihn, kann ich ihn endlich überführen? Der Flegel namens Brosheim schmeißt die Mülltonne um! Sie hätte längst an der Straße stehen müssen, Chris hat die Müllabfuhr vergessen. Und nun liegt der Müll vor seinem Haus auf dem Weg. Herr Andersen rennt dem Jungen hinterher, blind vor Wut, nur den einen Gedanken im Kopf: Diesen Burschen stelle ich! Bremsen quietschen, Räder rubbeln. Zu spät. Eine Menge Leute, ein grünes Polizeiauto, der weiße Krankenwagen, das flackernde Blaulicht. Aus. Vorbei. Es ist 11 Uhr 5.

Herr Andersen fährt mit dem Zug in eine ferne Stadt. Was soll er den Eltern sagen? Der Zug hält und Andersen steigt aus. Der Wind fegt Plastikbecher und Zeitungsseiten durch die Bahnhofstraße. Die Beleuchtung ist abgeschaltet. Die Sonne spiegelt sich in den Felsen des Mondes und streut blaues Licht über das Haus, vor dem Andersen stehen bleibt. Er schellt. Jemand ruft: „Sie sind fortgezogen oder vor Gram gestorben. Vor Gram gestorben, hören Sie? Gestorben!“ Ein Fenster schlägt zu. Nach einer langen Fahrt zurück steht Andersen vor Ellen Finke, der Lehrerin des verunglückten Jungen, und muß ihr sagen, was er verschuldet. Er ist hinter einem Jungen, einem Kind, hergelaufen und hat ihn auf eine befahrene Straße getrieben! Er würde nie mehr aufhören, daran zu denken. Frau Finke ist traurig, aber sie macht Herrn Andersen keine Vorwürfe, sondern weint nur, und nachdem sie aufgehört hat, beginnt sie zu erzählen:

“Er war ein unglückliches und stolzes Kind, ein begabter Junge. Er hatte seine Grundsätze. Dazu gehörte der Grundsatz, die Zahlen so zu schreiben, daß von links nach rechts zuerst die Einer, dann die Zehner und schließlich die Hunderter stehen, denn, meinte er, ich sage vierundsiebzig und schreibe daher 47. Aber, wandte ich ein, du sagst doch zweihundertvierundsiebzig, und er antwortete: Niemals, niemals kommt das über meine Lippen, denn ich nenne die Zahl, die Sie als taramtata bezeichnen, logischerweise vierundsiebzigzweihundert. Ich habe ihm diese unbeugsame Haltung durchgehen lassen, gegen den Willen des Kollegiums und sogar gegen den Willen der Direktorin, denn rechnen, lieber Herr Andersen, rechnen konnte er wie kein zweiter. Er hatte auf dem Flohmarkt einen Magneten aus einem Radio-Lautsprecher erstanden, ich sage bewußt nicht: gekauft. Mit ihm drehte er Politikern eine lange Nase, machte Nachrichtensprecherinnen hohlwangig und ließ dicke Opernsänger platzen. Er brauchte dazu nur den Magneten dicht über die Mattscheibe des Fernsehers zu führen. Nachdem fast jeder Mitschüler solch ein Ding besaß, mußte das Kollegium den TV-Aufenthaltsraum vorübergehend schließen. Aber sagen Sie selbst, lieber Herr Andersen, gibt es eine anschaulichere Methode, die Kinder zu lehren, daß Fernsehbilder durch elektrisch geladene Kügelchen entstehen?“

Die Direktorin steht über dem offenen Grab. Sie trägt ein schwarzes Kleid, das sich über den hohen Busen spannt. Ihr graues Haar ist streng nach hinten gekämmt und in einem Knoten gefesselt. Sie spricht von der Unvertauschbarkeit der Zeitpunkte und von freiwerdender Energie, die einen lebendigen Menschen in einen toten verwandelt. Zwei Ereignisse, das Fahren eines Müllautos und das Laufen eines Kindes, dürften jedoch nie zur selben Zeit und am selben Ort stattfinden, wo doch die Welt so breit und tief und die Zeit so lang ist. Wer hat das Zusammentreffen gewollt? Die Direktorin sieht Herrn Andersen an. Und Herr Andersen wendet sich ab. Er schreitet allein über einen Schotterweg. Die Zypressen verlassen ihn. Der Weg löste sich auf. Chris kämpft sich über einen Sturzacker auf ein Gebirge zu oder eine Wolkenbank, die wie ein Gebirge aussieht. Er weiß nicht, wohin und warum. Bis er an eine Stelle kommt, wo nichts als lauter Acker ist, und jede beliebige Stelle, auf die sich seine Augen richten, die Mitte des Ackers sein könnte. In der Mitte des Ackers sitzt ein Mann.

Chris Andersen erreicht ihn und sagt: “Ich bin schuld an seinem Tod.“ Es schüttelt ihn, daß es aussieht wie eine aufgedrehte Blechpuppe, die über den Küchentisch tanzt. Dabei steht er in einer Ackerfurche voll Wasser. “Nein“, erwidert Petrus, “wir sind schuld, wir haben nicht genug Obacht gegeben.“ “Und Gott? Was sagt der dazu?“ Petrus hockt auf einer blauen Plastiktüte. Seine Füße sind im gelben Wasser versunken. “Ich habe Gott noch nie gesehen“, sagt er leise. Andersen erschrickt. Er will sein Herz mit der Hand festhalten, daß es ihm nicht zerspringt. “Ich bin erst seit zweitausend Jahren da und Gott ist viele Trilliarden Jahre alt. Ich kam aus dem Gebirge zu dir auf den Acker, um dich zu trösten. Ich hebe auf, was weggeworfen wurde, denn ich war selbst der Stein, den der Baumeister verworfen hatte. Ich stehe nicht an der Pforte, wie viele immer noch glauben, ich stehe nicht an der Rampe, um Nützlinge und Schädlinge zu trennen.“ Petrus hebt den Kopf und lächelt Chris an. “Wenn du dort oben stehst, von wo ich gekommen bin, erkennst du am Horizont einen Schatten wie von einer Wolke, die von den Azoren bis zu den Orkney-Inseln reicht. Das ist der Schatten des ersten Engels, des ersten Engels von UNS aus gesehen. Er ist am weitesten von Gott entfernt und taub obendrein. Es heißt, daß er über 13 Milliarden Lichtjahre hinweg dem zweiten Engel vom Mund abliest.“ Petrus winkt Andersen näher heran und seine Stimme wird leiser: “Und weil er taub ist, beherrscht er sein Sprechen nicht. Er gurgelt und röhrt, er schreit wie Katzen in der Nacht, er heult wie geschlagene Hunde, wie Kinder, die sich verbrannt haben, und zwischendurch donnert er wie Geschütze. Ich kann ihn nicht sehen, aber ich muß ihn hören, wenn er verkündet, was er dem zweiten Engel vom Munde abliest.“ Petrus hält sich die Ohren zu und läßt sich auf den Acker fallen. “Warum ist er denn taub?“ schreit Andersen entsetzt und stiert auf den Liegenden. “Er ist taub“, Petrus erhebt sich umständlich, “weil er dem zweiten Engel zu nah gekommen ist. Die Botschaft war so laut!“ “Wie viele Engel sind denn in Reihe geschaltet, um Gottes Botschaft weiterzuleiten?“ “Überabzählbar viele.“ So groß ist Gott, denkt Andersen und weint, und hat doch nicht Obacht geben können!

“Es läßt sich etwas machen“, sagt Petrus nach einer Weile. “Die ganze Geschichte muß umgeschrieben werden. Nicht der Junge ist unter das Auto gelaufen, sondern du! Du bist tot. Alles andere bleibt. Es macht dir doch nichts aus, wo du schon einmal hier bist?“ Nein, jetzt macht es ihm nichts mehr aus, in seinen eigenen Tod einzuwilligen. Wie soll es aber möglich sein, die Beerdigung des Kindes ungeschehen zu machen? War er nicht selbst dabei, als die Direktorin über dem Grab Worte sprach voll unleugbarer Wahrheit? War es vielleicht sein eigenes Grab? Petrus zwinkert mit den Augen und nickt. “Geh“, sagt er und macht mit dem Handrücken eine Bewegung des Abschiebens. Er schickt Andersen auf das Gebirge zu, von dessen Kamm er den Schatten des ersten Engels sehen würde. Lieber ich als der Junge, denkt Chris Andersen, der Schlingel würde sich hier nur verlaufen. Chris watet vorwärts und zieht seine Beine hinter sich her. Er klebt an der Erde. Das Vorankommen strengt ihn an. Aber je weiter er sich vorankämpft, desto heller wird es um ihn. Das Gebirge erstrahlt. Zwei Gestalten von erdrückender Herrlichkeit stehen über ihm. Er sieht die weichen Umrisse zweier Köpfe.

Die Sonne scheint ins Zimmer. Frau Finke und der Schlingel namens Brosheim beugen sich über ihn. “Es tut uns so leid“, flüstert Frau Finke und drückt Herrn Andersen die Hand. “So ein Glück!“ krächzt er. Der Hals ist trocken und zugeklebt. Sollte Herr Andersen übergeschnappt sein, hat er einen Dachschaden? Brosheim stammelt: “Entschuldigen Sie bitte, es war nicht meine Absicht, ich habe das nicht gewollt. Ich habe noch die Kurve kratzen können, aber Sie – voll in das Müllauto rein!“ Brosheim tippt mit dem Finger an den Kopf. Herr Andersen tut es ihm nach und fühlt einen dicken Verband. Frau Finke sieht ihn besorgt an. “Der Arzt sagt, nur die Schwarte war geplatzt, sie mußte genäht werden.“ Chris weint vor Glück. “Komm her, Junge!“ Und er küßt den Jungen umständlich auf die Stirn. “Sie auch!“ Ellen Finke muß sich zu ihm hinabbeugen, und er küßt sie sogar auf den Mund, so wie ein Pascha unter seinem Turban die Lieblingsfrau. Sie wird so rot wie die Abendsonne und stößt ihr Haar zurecht, obwohl ihre Frisur ordentlich gesteckt ist. “Wo liege ich denn hier?“ “Im Petrus-Krankenhaus, Zimmer zweihundertvierundsiebzig“, antwortet Brosheim.

Herr Ollet, der Müllfahrer, wird in den Innendienst versetzt. Die Polizei gibt ihm die Schuld am Unfall. Er habe zu dem fraglichen Zeitpunkt “in einer Zeitung geblättert, die auf dem Beifahrersitz lag, und dadurch die unfallträchtige Situation viel zu spät erkannt und infolgedessen den Bremsvorgang erst eingeleitet, nachdem sich der Unfall schon abgezeichnet hatte.“ Herr Ollet dazu: “Ick bin voll in die Eisen! Un abzeichnen is jut. Radiert ha ick! Radiert mit die Reifen, det se det heut noch sehn. Ick vasteh wat von Bremsen, jlooben se mich, aba wie ick euch beede sah, plötzlich aus dem Wege raus, da traute ick ma einfach nich, von die Bremse zu jehn. Allet meine Schuld. Aba wat se an Koppe jekriecht ham, lieba Herr Andersen, det war man jottseidank nich mein Müllauto pasönlich, det war bloß ein Sack mit ollet Jerümpel, wat an der Peilstange hing oder heeßt det hängte? Also wie jesacht: Meen Beileid und allet Jute. Tschüssi, bis dennewitz.“

Die Sirene

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

Am Samstag um 11 Uhr kramte Herr Sorge seinen Schlüssel aus der Hosentasche und schloß damit seinen Schreibtisch auf. Er holte aus dem Schreibtisch einen anderen Schlüssel und öffnete damit einen roten Metallkasten an der Wand. Dann drückte er den schwarzen Knopf, der in dem Kasten angebracht war, und wunderte sich, weil er nichts hörte. Er drückte ein zweites Mal und hörte wieder nichts. Ratlos bohrte er seinen linken Zeigefinger in das rechte Ohr. Herr Sorge drückte noch einmal auf den Knopf im Kasten, aber wieder hörte er nichts. Darauf eilte er zum Lichtschalter an der Tür und kippte ihn. Schon flackerte die Neonlampe. Der elektrische Strom funktionierte also, und eigentlich hätte die Sirene heulen müssen, die Sirene, die seit sieben Jahren auf dem Dach des Rathauses stand, wo Herr Sorge seit acht Jahren Hausmeister war.

Was ist mit der Sirene los? Herr Sorge ging langsam zu seinem Schreibtisch zurück und ließ sich in den Drehstuhl fallen. Er dachte nach. Nachdem er lange genug nachgedacht hatte, griff er zum Telefon und rief seine Frau an: “Weißt du, was mit der Sirene los ist?“ “Nein“, sagte Frau Sorge am anderen Ende, “ich blättere gerade in der Zeitung, aber ich habe im Lokalteil noch nichts über die Sirene gelesen.“ Herr Sorge legte den Hörer auf und dachte: Die Sirene muß unbedingt heulen, denn die freiwillige Feuerwehr hält eine Übung ab. Vielleicht ist die Sirene kaputt gegangen.

Herr Sorge machte sich auf den Weg zum Büro seines Vorgesetzten, des Amtmanns Hüppe. Er klopfte an und wartete. Er wartete noch eine Weile und drückte dann vorsichtig auf die Klinke. Die Tür war verschlossen. Samstags ist Herr Hüppe nie im Dienst. Das habe ich vergessen, sagte sich Herr Sorge und fuhr mit dem Omnisbus nach Hause. Dort verbrachte er einen unruhigen Abend. Er achtete nicht auf das Fernsehprogramm und verpaßte die feierliche Verleihung des großen Nebenverdienstordens an verdienende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Er dachte immerzu an seine Sirene und konnte die Nacht über kein Auge zutun. Gegen Morgen schlief er endlich ein. Kaum war er eingeschlafen, hörte er von weitem eine Sirene. Zuerst glaubte er, es sei eine Mücke, und im Schlaf schickte er seine Traumbienen aus, damit sie die Mücke davonjügen. Dann ging er zu seinem Zahnarzt, um ihn zu fragen, warum er seinen Bohrer die ganze Nacht über laufen ließ. Als er an der Praxistür schellte, wachte er auf. Der Wecker klingelte, und in der Ferne hörte er die Sirene.

Nach dem Frühstück schickte ihn seine Frau, unausgeschlafen wie er war, in die Kirche. Wir haben ja Sonntag. Die Sirene wurde immer lauter. Als er in die Straße zur Kirche einbog, traute er seinen Ohren nicht und seinen Augen am allerwenigsten. Was er hörte, weißt du bereits. Und was er sah, kannst du dir denken: Die Sirene saß auf der Kirchturmspitze und heulte, die Sirene vom Rathausdach! Herr Sorge wollte zu ihr hinaufrufen. Aber das war zwecklos, denn erstens hätte die Sirene in ihrem eigenen Geheul nichts verstanden und zweitens besaß sie keinen Namen, bei dem Herr Sorge sie hätte rufen können. Er hatte früher nie daran gedacht, der Sirene einen Namen zu geben. Hunde heißen Nero. Deine Tante hat zwei Katzen, die heißen Pontius und Pilatus, und es soll Möwen geben, die Emma heißen. Aber wie heißt eine Sirene? Denk dir einen Namen für Sirenen aus! Inzwischen wollen wir Herrn Sorge in die Kirche gehen lassen.

Als das Portal geschlossen wurde und die Orgel zu spielen anfing, da verstummte die Sirene und Herr Sorge atmete auf. Aber während der Wandlung, mitten im allerheiligsten Geschehen, vernahm er ein leises Summen, das von der Sirene herrührte. Der Pfarrer lächelte Herrn Sorge zu. Für den Pfarrer war das alles ein Wunder, und deswegen brauchte er sich keine Gedanken darüber zu machen. Aber Herr Sorge dachte während der Predigt über seine Sirene nach und kam zu dem Schluß, daß sie den öffentlichen Dienst verlassen habe und, obwohl sie nicht getauft war, in den Kirchendienst eingetreten sei. Er wußte nur nicht, worin der Vorteil für sie lag.

Am nächsten Morgen, also am Montag, fuhr Herr Sorge schon mit dem ersten Omnisbus zum Rathaus. Und tatsächlich: Die Sirene stand nicht mehr an ihrem alten Platz. Sie ist also nicht zurückgekehrt, dachte Herr Sorge. Obwohl Sirenen feste Arbeitszeiten haben und 24 Stunden jeden Tag im Dienst sein müssen, beschloß Herr Sorge, bis 9 Uhr zu warten, ehe er Amtmann Hüppe ins Bild setzte. “Sie scherzen“, rief Amtmann Hüppe, als er von der Sache hörte, “oder Sie haben zuviel Apfelsaft getrunken!“ Dann lief er die Treppe hinunter, Herr Sorge hinterher. Beide standen auf der Straße und starrten in die Luft. “Gibt es da was zu sehen?“ fragten die Leute. “Gar nichts gibt es zu sehen, sehen Sie das nicht? Es ist eine Katastrophe!“ Der Amtmann Hüppe war außer sich. Immer mehr Leute kamen zusammen und sahen nichts.

Endlich wurde die Frau Stadtdirektorin Ferraro benachrichtigt und ins Rathaus gefahren. Auch der Hauptmann der freiwilligen Feuerwehr war bestellt worden, und als er eintraf, den Helm auf dem Kopf, fragte er besorgt, ob man dem Herrn Verteidigungsminister nicht Mitteilung machen müsse, damit er über den Ausfall eines integralen Bestandteils des landesweiten Warnsystems in Kenntnis gesetzt werde. Nach diesem Satz war der Hauptmann verausgabt und wischte sich mit dem Taschentuch über den Nacken. Dabei verrutschte der Helm und polterte auf den Tisch, an dem sie alle saßen: Die Stadtdirektorin Ferraro, der Amtmann Hüppe, der Hauptmann der hiesigen freiwilligen Feuerwehr und der Hausmeister Sorge, der an allem Schuld war. Denn hätte er nichts gesagt, wäre wahrscheinlich niemandem etwas aufgefallen.

Die Köpfe rauchten vom angestrengten Nachdenken. Die Hälse waren trocken vom vielen Redenmüssen. Dann kamen sie überein, die Polizei anzurufen und mit der grünen Minna zur Kirche zu fahren, die Sirene vom Turm herunterzulocken, ins Polizeiauto zu setzen und zum Rathaus zurückzubringen. Man würde ihr schon klarmachen, daß sie ein Integral oder ein Bestandteil ist und daß sie ihren Dienst auf dem Rathaus versehen muß. “Notfalls nehmen wir die Glocken mit“, sagte die Stadtdirektorin, “natürlich nur, wenn der Pfarrer damit einverstanden ist. Im Verteidigungsfall oder wenn es brennt oder irgendwo ein Unfall passiert, können ja die Glocken läuten, so wie früher, als es noch keine Sirenen gab.“ Sie fuhren unter Blaulicht zur Kirche, schubsten sich gegenseitig aus dem Auto und starrten auf die Kirchturmspitze.

“Gibt es da was zu sehen?“ fragten die Leute. Die Stadtdirektorin und ihre Herren sahen sich an. “Nein, nein, nein, das kann nicht sein. Die Sirene sitzt nicht mehr auf der Spitze!“ “Die spinnen,“ sagte ein Junge und tippte mit dem Finger an den Kopf, “auf Kirchtürmen gibt es keine Sirenen, nur Kreuze, goldene Kugeln, Blitzableiter oder Wetterhähne.“ Die vier von der Stadtverwaltung achteten nicht darauf. Sie waren hastig ins Auto gestiegen und brausten zum Rathaus zurück. Als sie dort ankamen, hörten sie von weit weg eine Sirene, aus einer Richtung, aus der früher nie eine Sirene zu hören war, nämlich aus dem Naturschutzgebiet, genau gesagt, von der Burg im Burgwald, wo die Leute am Wochenende spazierengehen, wenn es nicht regnet.

Die Burg gehörte einem Mexikaner. Er hatte in den Vereinigten Staaten von Amerika – und nicht etwa, wie du vielleicht vermutest, in den Vereinigten Staaten von Mexiko – sehr viel Geld verdient und konnte es sich leisten, nach Europa zu fliegen, ein Auto zu kaufen und mit ihm durch fast alle europäischen Länder zu fahren, bis er hierher in die Stadt kam, die Burg besuchte und sie sehr romantisch fand. Der damalige Burgherr, ein Graf und Sägewerkbesitzer, war nach Kanada ausgewandert und hatte Herrn Dobernigel, seinen ehemaligen Chauffeur, damit betraut, die Burg so gut es ging vor dem Verfall zu bewahren. Der Mexikaner ließ sich die Adresse des Grafen geben und flog mit der Siebzehn-Uhr-Maschine nach Kanada. Dort traf er den Grafen, wurde mit ihm handelseinig, kaufte die Burg und trank darauf einen Whisky.

Der Mexikaner behielt Herrn Dobernigel als Kastellan und schickte ihm jeden Monat ein großes Paket mit allerlei Andenken aus den Weltgegenden, die er gerade bereiste: Eine Holzfigur aus Benin mit Kauri-Muschel-Augen, eine Bambusglocke aus dem Kloster Rakuku-Rakugai-Zu, einen Samowar vom Flohmarkt in Paris, eine Ritterrüstung aus dem Gum in Moskau, eine Donnerbüchse aus einem Antiquitätenladen in Frankfurt, einen Messingkompaß aus Sydney, einen hölzernen Flugzeugpropeller aus New York, eine Sammeltasse mit dem Bildnis der Königin Luise aus Berlin und allerlei andere Sachen, die sich ein Globetrotter aufschwatzen läßt. Alle diese herrlichen Gegenstände, unter denen die Bambusglocke, der Holzpropeller und die Sammeltasse das Teuerste waren, mußte der Kastellan im Rittersaal aufstellen oder im Treppenhaus an die Wände hängen. Dann sollte er den Rittersaal an Gesellschaften vermieten und von den Einnahmen den Unterhalt der Burg bestreiten. “Wenn es der Sache dient und die Katze nichts dagegen hat“, sagte sich Herr Dobernigel und vermietete den Rittersaal für 200 Euro an eine Hochzeitsgesellschaft. Jeder, der zur Hochzeit geladen war, mußte ein großes Stück Holz mitbringen. Damit sollte der Kamin im Rittersaal geheizt werden. Einige Hochzeitsgäste hatten sich vom Sperrmüll Tischbeine und Kisten geholt, andere hatten von einer Baustelle Rundhölzer geklaut und sich dabei die Hände an den Nägeln blutig gerissen und ihre Hosen gekälkt, wieder andere waren beim Forstamt gewesen und hatten sich dicke Buchenholzscheite geben lassen. Diejenigen, die kein Holz mitbringen konnten, mußten ihre Mäntel anbehalten, um nicht zu frieren.

Das Feuer knackte im Kamin. An der Topfsäge über der Feuerstelle baumelte schon der Kessel für die Siedewürstchen, in der Fensternische lag ein Faß Bier, in der Ecke glänzte die geschmirgelte Ritterrüstung. An der Wand hing ein Bild von Januarius Zick. Es zeigte eine wunderschöne spanische Dame, die jeden anlächelte, wo er auch stand oder saß. Unter der Decke schwebte der Holzpropeller. In der Propellernabe leuchtete eine Lampe aus Venedig. Die Tafel war gedeckt, auf ihr standen die entkorkten Flaschen und spiegelten sich in dem Samowar. Der Weißwein perlte in den Gläsern. Der Brautvater hob den Dessert-Löffel und schlug damit an die Tasse mit dem Bildnis der Königin Luise, um auf sich aufmerksam zu machen, denn er wollte eine Rede halten. Es war genau ein Uhr. Da heulte auf einmal eine Sirene. Der Löffel fiel in die Tasse, die Braut fiel vom Stuhl. Eine Sirene auf der Burg, das hatte es noch nie gegeben. Da hatten sich einige einen üblen Scherz erlaubt. Wenn das in der Hochzeitsnacht passiert wäre!

Herr Dobernigel lief durch die Burg, treppauf, treppab, über den Wehrgang und runter in den Hof. Da blieb er stehen und wollte es einfach nicht glauben. Auf dem Bergfried mußte die Sirene sein. Er konnte sie nicht sehen, aber sehr gut hören.
“Meine Braut ist in Ohnmacht gefallen wegen Ihrer blöden Sirene. Stellen Sie sofort die Sirene ab!“ kreischte der Bräutigam aus dem Fenster und war puterrot vor Wut. “Wenn es der Sache dient und die Katze nichts dagegen hat“, murmelte Herr Dobernigel, denn das war eine Redensart von ihm.

Aber wie sollte er die Sirene abstellen? Die Eisentüre vom Bergfried war abgeschlossen, damit die Kinder nicht unbeaufsichtigt die Wendeltreppe in die Wachstube hinaufstiegen, von wo eine wackelige Holzleiter auf die Turmplattform reichte. Da oben saß jetzt die Sirene und ließ sich nicht abstellen. Auf einmal schritt der Brautvater über den Hof auf Herrn Dobernigel zu. Er hielt die Donnerbüchse aus Frankfurt in seinen Händen und fragte mit tiefer, bebender Stimme: “Wo ist das Biest, damit ich es abknalle!“ “Aber lieber Herr, beruhigen Sie sich doch. Die Büchse ist nicht geladen, und wenn sie geladen wäre, träfen Sie damit eher den Mond als die Sirene. Ich wußte übrigens gar nicht, daß der Graf eine Sirene hat anbringen lassen.“ “Wie meinen?“ schrie der Brautvater, denn er hatte im Geheule nichts verstanden.

Plötzlich war es still. Es war so still, daß man die Mäuse im Laub rascheln hörte. Die Sirene schwieg. Der Brautvater stand vor Herrn Dobernigel, die Donnerbüchse im Anschlag. Da polterte die grüne Minna in den Hof. Heraus sprang der Polizeiobermeister Powatzke und stürmte auf den Brautvater zu.
“Sie sind verhaftet!“ rief er. Dann fiel er auf die Nase, weil er über die Katzenköpfe gestolpert war. Der Kastellan, also Herr Dobernigel, hob ihn auf und half ihm, die Jacke auszustauben und drückte ihm die Dienstmütze in die Hand. Herr Powatzke guckte streng jeden an, setzte sich die Mütze auf den Kopf und probierte mit dem Zeigefinger, ob sie richtig saß. Der Brautvater fragte leise:
“Warum bin ich denn verhaftet?“ Der Polizeiobermeister wies auf die Büchse und antwortete: “Damit wollten Sie gewiß den Mann erschießen!“ “Aber nein, das ist doch ganz anders gewesen. Es ist alles wegen der Sirene“, wandte Herr Dobernigel ein. “Und wegen der Sirene sind wir gekommen“, rief jetzt die Frau Stadtdirektorin Ferraro, die inzwischen ausgestiegen war und auf Herrn Dobernigel zuschritt. Ihr folgten Herr Sorge, der Feuerwehrmann – seinen Namen habe ich leider vergessen – und der Amtmann Hüppe. “Herr Obermeister, stellen Sie bitte den Motor ab“, sprach die Stadtdirektorin. “Zu Befehl“, sagte Herr Powatzke und humpelte zum Polizeiauto. “Entschuldigen Sie bitte, daß wir unangemeldet hereinschneien. Aber wir haben den Verdacht, daß sich hier die Sirene versteckt hält.“ “Sie hockt da oben auf dem Bergfried, jetzt ist sie mucksmäuschenstill“, erklärte Herr Dobernigel. Der Brautvater zupfte Frau Ferraro, also der Stadtdirektorin, am Ärmel ihres fliederfarbenen Chiffon-Kleides und stotterte: “Kokommen Sie doch bitte in den Riririttersaal und seien Sie meine Gäste.“ Die ganze Gesellschaft marschierte in den Rittersaal, voran die Frau Stadtdirektorin, als letzter der Brautvater mit der Donnerbüchse. Nur der Polizeiobermeister Powatzke blieb in der grünen Minna zurück, um die Sirene zu beobachten und gegebenenfalls zu verhaften. Die Brautmutter umarmte die Stadtdirektorin, Küßchen rechts, Küßchen links. “Ist das ein aufregender Tag, erst heiratet meine Tochter, dann heult die Sirene und jetzt kommen Sie!“ Frau Ferraro gratulierte dem Bräutigam. “Junger Mann“, sagte sie und hieb ihm auf die Schulter. Alle drängten sich um den Tisch. Jeder bekam eine Siedewurst und einen Schlag Kartoffelsalat. Dazu wurde Lahnwein kredenzt. Der Brautvater hatte die Donnerbüchse wieder an die Wand gehängt und seine Frau gebeten, die Tischrede zu halten. Die Brautmutter hob den Löffel und wollte gerade gegen die Tasse mit dem Bildnis der Königin Luise schlagen – da rief die Braut: “Laßt uns endlich mit dem Essen und Trinken anfangen!“ Damit waren alle zufrieden. Der Kastellan brachte Herrn Powatzke eine Siedewurst und einen Schlag Kartoffelsalat ans Auto. Es war ein besonders schöner Nachmittag. An die Sirene dachte niemand mehr.

Herr Sorge kehrte fröhlich heim. Er hatte Spreewasser getrunken und fühlte sich gesund und pudelwohl. Er nahm seine Frau in den Arm: “Unsere silberne Hochzeit feiern wir auf der Burg mit Siedewürstchen und Spreewasser. Der Wein war mir zu sauer, aber die Frau Stadtdirektorin hat mit dem Brautvater getanzt, weil Herr Powatzke ihn aus der Haft entlassen hat.“ “Was du nur immer redest, wenn du vom Dienst kommst. Es wird jeden Tag schlimmer mit dir.“

Bei den Acht-Uhr-Nachrichten bekam Herr Sorge einen tüchtigen Schreck. Die Sprecherin verkündete: “Meine Damen und Herren, der Minister für das Fernmeldewesen, Herr Schimmelpfennig, ist heute zurückgetreten, weil die Sirenen im ganzen Land außer Kontrolle geraten sind.“ Dann begann sie zu schluchzen. Es war das erste Mal in der Geschichte unseres Landes, daß jemand öffentlich den Rücktritt eines Ministers beweinte. Es kommt selten vor, daß ein Minister zurücktritt. Dann sagen sich die Leute: Ihm geschieht recht, irgend etwas wird er schon falsch gemacht haben. Hier lag die Sache aber ganz anders, denn was konnte Herr Schimmelpfennig dafür, daß die Sirenen verrückt spielten? “In Regierungskreisen verlautet“, fuhr die Sprecherin fort, während sie mit dem Handrücken über die Augen wischte und ihre Wimperntusche verschmierte, “daß ein Bit auf dem Wege vom Speicher in das Rechenwerk des Sirenenorganisationscomputers, SORGE genannt, im Datenbus steckengeblieben ist. SORGE ist für die Koordination der Sirenen im Lande zuständig. Bitte behalten Sie Ruhe, wenn unter Ihrer Bettdecke oder auf Ihrem Kopf eine Sirene heult.“ Herr Sorge hielt sich die Ohren zu und schloß dabei die Augen. Meine Sirene ist an keinen Computer angeschlossen, dachte er. Ich bin es, der sie an- und ausschaltet, ich ganz allein. Bei uns gibt es keine Datenbusse, sondern Omnibusse. In denen fahren keine Bits, Quarks oder Piepse, sondern ganz normale Menschen, wie ich einer bin. Wieso heißt der Computer Sorge? Ich heiße Sorge. Ich bin kein Computer. Ich bin unschuldig! Herr Sorge sprang aus dem Sessel. Er wollte den Fernsehapparat ausstellen. Da packte ihn die Sprecherin fest am Handgelenk und hinderte ihn daran. Sie hatte zu weinen aufgehört und zischte: “Du bist schuld, daß mein Minister entlassen wird! Du ganz alleine!“ Und alle Sirenen im Lande fingen an zu heulen, obwohl sie es nicht durften, weil sie die Kinder weckten.

Frau Sorge hielt die Hand ihres Mannes und fragte freundlich: “Was hast du nur?“
Die Sirene auf dem Rathausdach heulte. Herr Sorge schaute verstört auf seine Frau. Hatte er geträumt? Es war sein erster Urlaubstag. Er brauchte heute nicht zum Dienst. Die Sirene hatte ausnahmsweise sein Chef, der Amtmann Hüppe, persönlich angestellt, weil er ausprobieren wollte, wie das geht.

Geteiltes Leid …

von Eduard Breimann (copyright)

„Es ist saukalt! Mindestens zehn Grad unter Null. Zieh den dicken Wollmantel von Opa drüber, Martin.“
„Du nervst, Mama. Wie seh ich aus, wenn ich mit dem Ding im Jugendtreff erscheine? Die schmeißen sich weg vor Lachen.“
„Und wenn schon. Wir haben kein Geld für teure Designer-Klamotten. Papa hat keinen Job und wir können froh sein, wenn wir so über die Runden kommen. Alles ist teuer geworden und wenn ich an die Heizungsrechnung denke! Sei froh, dass Opa uns so gute Sachen hinterlassen hat. Sollen deine Klassenkameraden ruhig lachen. Hauptsache, du liegst nicht mit einer Erkältung im Bett. Dann hab ich nämlich den Ärger und die Arbeit.“
„Und ich brauch keine Mathe-Arbeit zu schreiben.“
„Aha! Dafür würdest du sogar nackt zur Schule laufen, was? Jetzt erst Recht! Zieh ihn an!“
Er murrte und knurrte noch, als sich die Haustür schon mit einem Knall hinter ihm schloss. Der schwere Rucksack, voll gepackt mit Büchern und Heften, passte so gerade noch über den dicken Mantel, der fast bis zu den Hacken herunter hing.
Er schob sein Rad aus dem Keller und stapfte durch den harten Schnee, der sich an der Hauswand türmte. Als er das Rad um die Ecke schob, blieb ihm die Luft weg.
Der eisige Wind stieß in sein Gesicht, trieb ihm die Tränen in die Augen und die Gesichtshaut zog sich schmerzhaft zusammen.
„Scheiße! Mann, die Alte hat Recht. Was für eine Kälte“, dachte er, senkte den Kopf, zog die Schultern zusammen und radelte los.
Der Wirtschaftsweg von Rheinfeld nach Dormagen war im tiefen Schnee kaum von den angrenzenden Feldern zu unterscheiden. Nur hier und da hatte der Wind den Schnee weggefegt. Es begann wieder zu schneien; kleine, hart gefrorene Schneekristalle peitschten in sein Gesicht.
„Verdammt, bin ich froh, dass ich das blöde Ding anhab. Wenigstens frier ich nicht am Körper.“
An der Ecke zum „Im Merheimer Lehm“ bogen seine drei Freunde, Tim, Frank und Klaus auf den Weg ein und klingelten gleichzeitig wie verrückt.
„Hey! Klasse Wetter, was?“, rief Martin, als er sie erreicht hatte. „Wie am Nordpol.“
„Hey. Siehst cool aus, Mann. Haste den von deinem Opa?“, fragte Tim, sein engster Freund.
„Du Poser! Klar ist der von dem. Ich frier wenigstens nicht. Aber du siehst aus wie einer, den sie bei den Eskimos eingekleidet haben.“
Tim trug einen blauen, pummeligen Ski-Anorak, eine knallrote, dicke Pudelmütze und Handschuhe, die fast bis zum Ellenbogen reichten.
„Ha, ha! Selber Angeber! Jedenfalls ist alles neu, was du bei mir siehst. Diese Woche erst in der Rathaus-Galerie gekauft.“
„Los! Wir müssen uns beeilen“, rief Klaus. „Oder machen wir Modenschau?“
Sie fuhren nebeneinander, bremsten ab und zu scharf, um die Schneeglätte für waghalsige Manöver zu nutzen. Fast vergaßen sie die Eiseskälte bei der spaßigen Fahrerei.
Am Andreaskreuz, zwischen kahlen Sträuchern und Bäumen, war etwas, das da sonst nicht war – was da nie und nimmer hingehörte. Martin sah es zuerst. „He, guckt mal. Da sitzt einer. Eh, ist der bescheuert? Bei der Saukälte sitzt der da, als wenn’s Badewetter wär.“
Sie stoppten, stiegen vom Rad und betrachteten den Mann, der vor dem Kreuz auf dem Boden hockte, unter sich nur ein Stück Pappe. Der Mann blinzelte sie aus kleinen Äuglein an, versuchte sogar zu grinsen. Aber das bärtige, verschrumpelte Gesicht ließ kein Lächeln erkennen.
„Habta noch nie nen armen Penner gesehn? Oder warum glotzt ihr so?“
„Frieren Sie nicht?“, fragte Martin.
„Wat sachste? Frieren? Wat soll dat sein? Mensch, Junge, ick schwitz wie ‘n Affe. Siehste dat nich?“
„Komm, wir hauen ab“, riet Tim und Klaus rief: „Wenn der schwitzt, kann der ja seine Jacke ausziehen. Lasst uns fahren.“
Martin betrachtete den Mann, der am ganzen Körper zitterte. Eine dünne Jeansjacke, ein am Hals offenes Hemd – „Da müsste mal einer Knöpfe dran nähen“, dachte er –, eine mehrfach eingerissene Jeanshose und verbogene Lederschuhe, aus denen nackte, dünne Beine schauten, konnten den Mann kaum zum Schwitzen bringen.
„Können wir Ihnen helfen?“, fragte er leise und überhörte die drängenden Rufe seiner Freunde.
„Mir helfen? Junger Mann! Mir kann keener helfen, auch du nich. Wat willste denn machen? Willste mich auf’n Gepäckträger nehmen?“
„Ja, vielleicht. Bestimmt tun Ihnen die Füße weh bei der Kälte.“
„Watte nich sachs. Abba ma im Ernst: Wo willste mich denn hinbringen? Inne Schule? War ick schon ma, vor tausend Jahre. Nu bin ick zu alt dafür. Ansonsten jibt et keenen, der uf mir warten tät un icke selber wüsste och nich wo ick hin machen sollt.“
„Aber kalt ist Ihnen doch. Das mit dem Schwitzen war Quatsch, oder?“
„Martin, komm. Wir müssen!“
„Ja, ja. Einen Moment noch.“ Er blickte in die kleinen Augen des Penners und plötzlich war ihm, als sähe er zwei schwankende, leuchtende Punkte in ihnen. Und in seinem Kopf spielte eine Melodie. Ein Lied lief plötzlich los, das er erst am Vorabend, als er mit seiner kleinen Schwester den Martinsumzug der Regenbogenschule begleitet hatte, gehört und sogar mitgesungen hatte: „Im Schnee da saß ein armer Mann, hat Kleider nicht, hat Lumpen an…“
Martin schluckte, schaute in das Gesicht, das blass und faltig, kraftlos und schwach aussah. Und wie von ganz alleine formte sich die Melodie erneut: „… St. Martin mit dem Schwerte teilt, den warmen Mantel unverweilt.“
„He, Klaus, mach mal meinen Rucksack auf und hole die Bastelschere raus.“
„Was? Spinnst du?“
„Nein. Tu’s einfach“, sagte Martin und drehte Klaus den Rücken zu.
Als der ihm die Schere in die Hand gedrückt hatte, gab er ihm das Rad zum Halten, raffte den bodenlangen Mantel, griff ihn etwa in Taillenhöhe und ohne eine Sekunde zu zögern, schnitt er rundum den Mantel ab.
Als das große Stoffstück zu Boden fiel, packte Martin es, ging zum Penner hin, sah ihn lange an und legte ihm den dicken, windundurchlässigen Mantelstoff um die Schulter. Der Stoff bedeckte den ganzen Oberkörper und als Martin ihn vorne übereinander schlug, sah es aus wie eine riesige Stola.
„He, dat is …“, sagte der Mann und Martin glaubte einen feuchten Glanz in den rotumrandeten Augen zu sehen.
„Bitte“, sagte er nur, drehte weg und schwang sich aufs Rad.
„He! Ich denk ich bin im Theater“, rief Tim und lachte schallend. „Weißt du, wie du aussiehst? Mann, du bist echt bescheuert, Martin. Gibst so einem versoffenen Penner deinen halben Mantel.“
„Ich weiß nicht“, sagte Frank, der bisher geschwiegen hatte. „Ich versteh Martin schon. Ich hätte ihm am liebsten meine Pausenbrote gegeben.“
„Und warum haste nicht?“, fragte Klaus. „Fahr zurück.“
„Nein, wir kommen zu spät zum Jugendtreff. Gibt bloß Stress“, sagte Frank. „Aber ich hätte den Mut nicht gehabt, den Mantel von meinem Opa zu zerschnibbeln. Obschon … Echt Klasse war das. Kriegste jetzt Stress, Martin?“
„Ich denk schon. Aber Opa hätte nichts dagegen gehabt. Das weiß ich genau. Und außerdem sieht mein Kurzmantel jetzt doch ziemlich modern aus, was?“
Die Freunde lachten und in der ersten Pause gab es hundert Jungen und Mädchen, die den eigentümlichen Kurzmantel von Martin bewunderten.

Happy der Geburtstagszwerg

von Steffi Beckmann (copyright)

„Hatschi“ nieste Happy der kleine Geburtstagszwerg und wischte seine Nase am Jackenärmel ab. Fix schaute er sich nach seiner Mutter um. Zum Glück, sie hatte nichts bemerkt. Sonst wäre sicher wieder der Teufel los. Sie mochte es nämlich nicht, wenn er den Ärmel als Schnupftuch gebrauchte.
Ausgerechnet heute musste seine kleine Nase jucken. Dabei konnte er so eine scheußliche Erkältung überhaupt nicht brauchen. Womöglich kratzen ihm die Schnupfenbazillen auch noch seinen Hals ganz rau. „Bloß nicht“ dachte er. Schnell hüpfte er zum Spiegel und streckte seine Zunge ganz weit heraus. „Ahhh“ und noch einmal „Ahhh“ erleichtert zwinkerte er seinem Spiegelbild zu. „Nichts zu sehen, zum Glück“. Er setzte sich wieder an den Tisch und beugte sich über die darauf verstreut, liegenden Einzelteile.
Happy musste sich beeilen um sie zu einem Rennflitzer zusammen zu bauen, denn heute Nacht, wenn im großen Haus alles schlief, sollte der Flitzer als Geschenk auf dem Geburtstagstisch des kleinen Tobias seinen Platz finden.
Tobias wünschte sich schon lang so ein Auto. Seine Mutter sagte erst heute wieder: „Male doch ein Bild und lege es unter die Stufen. Der Geburtstagszwerg kann es dort abholen. Vielleicht erfüllt er ja deinen Wunsch.“
„Pha, Geburtstagszwerge gibt’s gar nicht“ maulte Tobias. „Ich weiß ja, dass der Papa oder du die Geschenke im großen Spielzeugladen abholt. Ich will kein Bild malen.“ Die Mutter strich ihm sanft über sein Haar. „Wirst schon sehen.“ Tobias zog dicke Falten mit seiner Stirn. Das machte er immer so, wenn er angestrengt nachdachte. „Mama, wo wohnen die Geburtstagszwerge?“ fragte er neugierig. Sie überlegte kurz und antwortete:
„Überall dort wo Kinder wohnen gibt es auch eine Geburtstagszwergenfamilie. Jedes Kind hat seinen eigenen Zwerg.“ Tobias zog seine Stupsnase kraus. „Hast du sie schon gesehen?“ wollte er neugierig wissen. „Natürlich nicht. Sie sind sehr scheu und verstecken sich. Nur am Vorabend des Kindergeburtstages, hört man ein leises trippeln und trappeln, wenn der Zwerg flink durch die Zimmer huscht und das Geschenk auf den Geburtstagstisch legt.“ Tobias überlegte. „Und wo genau wohnen sie?“ quengelte er. „Komm mit“ sagte die Mutter „aber sei ganz leise“. Auf Zehenspitzen schlich Tobias hinter ihr her. „Alles Pillepalle“ dachte er. So eine Geschichte wollte er einfach nicht glauben. Beide gingen in die Wohnküche. Die Mutter zeigte geheimnisvoll auf Tante Agathes kleines silbernes Teehäuschen. Tobias kannte es gut. Es stand schon immer an dem gleichen Platz, auf der Fensterbank rechts neben den Blumentöpfen. „Dort“ flüsterte sie, „dort wohnen sie“. Tobias beugte sich ganz dicht zu dem Häuschen. Zu sehen war nichts. Was wäre, wenn die Mutter Recht hatte und die Zwergen Familie tatsächlich hier wohnte? Angestrengt lauschte er, ob nicht vielleicht doch etwas zu hören ist. Schließlich ist schon morgen sein 5. Geburtstag. Wenn der Zwerg ihm wirklich seinen Wunsch erfüllen sollte, dann müsste man ein hämmern und werkeln hören. Oder etwa nicht? „Woher soll er wissen was ich mir wünsche? Das Bild habe ich nicht gemalt und schreiben kann ich noch nicht.“ überlegte Tobias nun doch etwas besorgt. Dann hatte er eine Idee. Ganz nah ging er an das Teehäuschen heran und flüsterte: „Hallo Geburtstagszwerg, wohnst du ehrlich hier? Kannst du mich hören? Ich habe kein Bild gemalt aber ich wünsche ich mir doch so sehr einen blitzenden Rennflitzer. Kannst du mir den morgen bringen? Bitte, bitte, bitte!“
Er hauchte noch schnell ein Luftküsschen in Richtung des Teehäuschens. Sicher ist sicher, vielleicht hilft es ja.

Als Tobias an diesem Abend in seinem Bett lag, dachte er ganz fest an den rot verchromten Rennflitzer. Wie würde er damit um die Ecken sausen alle würden staunen. Als die Mutter ihm seine Schlafdecke noch einmal zu recht rückte und ihm sanft über sein Strubbelhaar strich, war er schon längst eingeschlafen und träumte von Geburtstagszwergen, dem Teehäuschen und seinem blitzenden Rennflitzer.

Stroppi / Teil 2

von Annemie Fetten-Winklhofer (copyright)

Er hat feuerrote spärliche Haare. Ein Beamter schiebt die Tür auf. “Sachte, sachte, meine Herren, kommen Sie herein. Was wollen Sie von uns? Wir sind unschuldig!” sagt der Hannes. Der Kommissar betritt den Raum. “So, so, unschuldig sind Sie? Wessen haben wir Sie denn für schuldig erklärt?” Und der Lange, der Dummerjan, sagt in jämmerlichem Ton aus seinen Daunenkissen vom Bett heraus: “Wir haben den Schmuck nicht gestohlen. Da müssen Sie schon andere suchen.” – “Halt´s Maul,” schnauzt der Hannes, “mein Freund ist aufgeregt,” sagt er an den Kommissar gewandt. Er hat schon einmal schuldlos hinter Gittern gesessen.” – “So, so – – – ” nickt der Kommissar, “Sie leben je recht komfortabel hier.” Er blickt sich in dem luxuriös ausgestatteten Zimmer um. “Ziehen Sie sich an!” schnauzt er den Langen mit der großen Nase an. Der Hannes meint wieder, antworten zu müssen, obwohl er nicht gemeint ist: “Meine reiche Tante in Amerika ist gestorben, und ich habe geerbt. Feine Sache, was?” Lässig schlägt er die Goldtroddel seines edlen schwarzen Bademantels übereinander. “Meine ganze Familie,” murmelt er weiter, “ist sehr reich. Es sind auch Grafen darunter. Mein Vater war auch einer.” – “Ja, den kenne ich. Er wurde auch Graf von Klau genannt. Der Kommissar wird ernst und in scharfem Ton: “Hannes, hör auf zu labern. Rück den Schmuck raus und zieht euch endlich was Ordentliches an!” – “Aber Herr Kommissar, was für einen Schmuckkoffer denn?” Ein weiterer Polizist in Uniform ist dabei, die andere Seite der Zimmerflucht zu durchsuchen. “Macht keine weiteren Dummheiten,” sagt der Kommissar energisch. Es ist besser für euch, ihr kommst ohne Widerspruch mit.” Hannes ist empört. Er schimpft vor sich hin: “Verdammte Sch…., wie komm ich aus dem Schlamassel wieder raus!?” Er mosert und mosert, hält Gott und die Welt und sogar die Polizei für Narren und sich selbst – wie kann man nur? – für einen Ehrenmann. Der Kommissar hat die Hände in die Hüften gestützt und wartet, daß der Hannes sich endlich anzieht. Plötzlich hält der Hannes mit Schimpfen und inne, der Kommissar schnellt herum und stürzt nach nebenan in polterndes und lärmendes Durcheinander. Da liegt der freundliche Polizist, der nachmittags noch mit Stroppi alle nur erdenklichen Laubenkolonien abgesucht hat, auf dem teuren Perserteppich und über ihn ist der Lange gebeugt – wie ist er nur unbemerkt dahingekommen? Sicherlich vom Bad aus, als er vorgab, sich umzuziehen. Der Kerl hält in der hocherhobenen Hand einen schweren Kerzenleuchter und ist im Begriff, auf den am Boden Liegendeneinzuschlagen. Will er den Polizisten töten? “Schlag zu Langer, schlag zu!” schreit der Hannes lauthals. Aber mit geübtem Griff reißt der Kommissar dem Langen den Leuchter aus der Hand. “Au!” schreit der Lange. Es macht klick, und die Handschellen sitzen fest an seinen Handgelenken. Eine jämmerliche Figur im Firstclass-Bademantel gibt er ab. Aber – keiner hat’s bemerkt – dieser kriminelle Hannes, dieser Nichtsnutz rennt mit einem teuren Seidenhemd bekleidet und einer Leinenhose, die er noch im Laufen zuknöpft, den läuferbelegten Gang entlang, stürzt in den Aufzug, der ihn natürlich fahrbereit, mit geöffneter Tür und wie für ihn bestellt aufnimmt und saust hinunter in die Hotelhalle.
Wie ein geölter Blitz flitzt der Hannes an dem erstaunten Portier vorbei durch die Empfangshalle, schwupp, schwupp durch die Drehtür und hast du nicht gesehen, sitzt er schon in seinem Auto, steckt den Schlüssel ins Zündschloß, gibt Gas und weg ist er und verschwindet im Straßenverkehr von Venlo. Er weint, er weint und weint. Die Polizeiautos heulen erst eine halbe Stunde später los. Es gab Pannen, die ich jetzt nicht beschreiben will. Oder doch? Es hat solange gedauert, bis das Kennzeichen des Fluchtfahrzeuges bekannt war. Schlamperei! Und das im Zeitalter der Computer! Der Kommissar sitzt in einem der Fahrzeuge und stellt befriedigt fest, daß wohl die gesamte niederländische und deutsche Polizei auf den Beinen bzw. auf den Rädern ist. “Es ist jetzt nur noch eine Frage der Zeit,” denkt er erleichtert, “dann haben wir ihn.” Hinten im Wagen sitzt der Wachtmeister, den der Lange beinahe erschlagen hätte, der aber Gott sei Dank nur eine dicke Beule am Kopf davongetragen hat. Wichtig ist, daß seine Blessuren nur äußerlich sind. Er ist wieder putzmunter. Voller Ingrimm ballt er seine Hände zu Fäusten. Wie gern würde er sie benutzen und den Langen schlagen, der in Handschellen wie ein Häufchen Elend neben ihm kauert. Der Lange weint über die Ungerechtigkeit auf dieser Welt, und seine große Nase wird zu allem Übel auch noch knallrot.
Und der Hannes schwitzt hinter dem Lenkrad seines Autos. Er fährt blindlings drauflos. Die Grenze in Venlo hat er längst passiert. Wohin, wohin soll er nun fahren? Erst mal Richtung Leverkusener Kreuz. Jetzt will er nach Italien. Holland kann er vergessen. Seine dicke Brieftasche hat er noch retten können bei seiner Flucht aus dem Hotel. Und der Schmuckkoffer – ja, der liegt auf dem Sitz im Auto hinter ihm. Er bekommt wieder Mut. Ha, ha, das ist ja seine Lebensversicherung. Ist ja prima, daß er nicht mehr mit dem Langen teilen muß. Das Schicksal meint es wohl doch gut mit ihm. Er fährt und fährt, tankt ungehindert an einer Autobahntankstelle, wechselt von einer Autobahn auf die andere, huscht an Polizeikontrollen vorbei und bewegt sich schnurstracks Richtung Frankfurter Kreuz auf Niederbayern zu. Dort will er die Nummernschilder austauschen, sich ein neues Outfit zulegen, tja – Italien. Wunschträume des Hannes. In Niederbayern – in Passau will er einen befreundeten Knastbruder Ganoven aufsuchen, von dem er weiß, daß er für Geld Nummernschilder und Ausweise fälscht. Der Morgen dämmert, und nach einer Mütze voll Schlaf auf einem Autobahnparkplatz, nachdem ihm die Augen vor lauter Streß und Übermüdung zugefallen waren, ist der Hannes fast in Passau angelangt, der Stadt mit den drei Flüssen. Aber was interessieren ihn die Schönheiten dieser Stadt? Er wird mit Sicherheit nicht die größte Orgel der Welt im Passauer Dom bewundern oder auf der Innenseite zu “Maria-Hilf” hochkraxeln! Jetzt heißt es für ihn: Überleben! Aber kurz vor den Toren dieser interessanten Stadt muß er tanken. Das rote Kontrollämpchen leuchtet eindringlich auf. Gähnend fährt der Hannes neben der blauen Donau her und steuert eine romantisch gelegene Tankstelle an. Keine Selbstbedienung an dieser Tankstelle! Ein verschlafener alter Mann schlurft an seinen Wagen.

“Sand’s a Urlauber?” fragt dieser freundlich, mit dem Bestreben, einen kleinen Schwatz zustande zu bringen. “Gel, sie san net von hier? A Neusser Kennzeichen?. Jo mei, was es net all gibt! Mein Schwiegersohn ist oaner von der Polizei, a Staatsbeamter. Jo mei, mei Marerl ist halt ein saubers Dirndl gwesen! Mei Schwiegersohn is a net von hier. Mitten in der Nacht haben’s ihn fortgerufen, weil sie einem Verbrecher auf der Spur sind, die in unsere Gegend führt. Hoffentlich passiert da nix! Die vielen Kurven heroben bei uns!” – “Mann, reden Sie nicht so viel! Ich muß weiter!” Der Hannes bezahlt und läßt sich kein Wechselgeld zurückgeben. Ein “Vergelt’s Gott,” kann sich der alte Mann noch abringen, als er ans schrill tönende Telefon in den Kassenraum eilt. “Das wird mein Schwiegersohn sein,” murmelt er vor sich hin. “Verdammt,” flucht der Hannes, denn er kann nicht fort. Der Motor springt nicht an. Er hat wohl zu kräftig Gas gegeben, und der Motor ist abgesoffen. Himmel Herrgott Sakrament! Fluchen kann er schon wie ein Bayer. Er greift unter den Beifahrersitz und zieht den kleinen unscheinbaren Koffer hervor und betrachtet ihn mit glänzenden Augen. Seine Lebensversicherung in Form von unendlich kostbaren Diamanten und Brillanten darf ihm nicht durch die Lappen gehen! Der alte Mann schlufft zurück zum Auto. “War doch nicht mein Schwiegersohn,” verkündet er dem erleichterten Hannes. “Nun schieben Sie mich schon an, Sie sehen doch, daß mein Auto nicht anspringt! Es geht doch bergab auf der Landstraße. Das schaffen Sie wohl!” Der alte Mann schiebt tatsächlich den Wagen hinunter auf die Straße, und schwups springt das Auto an. Aus der Ferne vernimmt der Hannes ein schwaches bedrohlich näherkommendes Tatütata. Eine wilde Jagd beginnt. Mit kreischenden Bremsen nimmt der Hannes die Kurven in dieser frühen Morgenstunde, überholt in einer scharfen Kurve und kann von Glück sagen, daß nichts passiert ist. Das Ortsschild PASSAU hat er längst passiert rast mit 120 Sachen durch die Dreiflüssestadt. Das Panorama dieser Stadt läßt ihn kalt. Er ist so konfus, daß er plötzlich am Dreiflüsseeck stark bremsen muß, um nicht in der Ilz, der Donau oder dem Inn zu landen. Na ja, ab hier ist es ja nur noch die Donau, obwohl der Inn viel breiter und schöner ist. Der Hannes ist am Ende seiner Kraft. Aber er ist nicht ins Wasser gestürzt. “Laß dich lieber erwischen,” denkt er total entnervt, “bevor du grausam ertrinken mußt! Sein Designerseiden ist total durchgeschwitzt. Er steigt aus und läßt sich widerstandslos von dem Schwiegersohn des alten Mannes von der Tankstelle festnehmen und steigt in das grüne Polizeiauto um, das direkt neben ihm gehalten hat, aber der Fahrer hatte klugerweise für die letzten Meter das Polizeiauto früh gewendet, um im Rückwärtsgang heranfahren zu können. Und sein Auto muß nun abgeschleppt werden. Hier kann man nicht drehen und wenden, hier ist alles aus, hier geht alles zu Ende. Und der Hannes muß dem schönen Leben, das er führen wollte, ade sagen und in einen schnöden Alltag umsteigen.
Er tut sich sehr leid, der Hannes. “Ich bin eigentlich ein guter Mensch,” denkt er, “als ich ein kleiner Junge war, habe ich oft alten Frauen die Einkaufstaschen getragen.” Es fällt ihm aber nicht ein, daß er vielen Frauen Handtaschen entwendet hat. Hannes, Hannes, so Menschen wie du müssen von der Straße weg! Wenn du einem auch jetzt leid tun kannst! Ob ihr’s glaubt oder nicht, der Hannes hat noch Träume:
Eine holde Maid huscht zu ihm ins Polizeiauto. Sie lächelt ihn bezaubernd an und schließt mit einem goldenen Schlüssel die Handschellen auf und flüstert zärtlich: “Komm mit.” Die beiden eilen davon bis zum Dreiflüsseeck und holen aus dem Auto das Wunderköfferchen und fahren in ein fremdes, fernes sonniges Land. “Ich bin deine Räuberbraut,” flüstert das Wesen zärtlich. Und ganz plötzlich verwandelt es sich in einen Polizisten in grüner Uniform. “Na Bürschchen,” schreit dieser ihm recht unangenehm ins Ohr, “haben wir dich endlich erwischt?” Der Hannes hat wohl erschöpft und tief geschlafen. Die helle blanke Mittagssonne kitzelt ihm auf der Nase herum. “Bald sind wir an Ort und Stelle,” sagt der Kommissar mit der angenehmen Stimme. Der sitzt hinter dem Steuer des Polizeiautos. Der Hannes hat nicht bemerkt, daß die Wagenbesatzung ausgewechselt wurde. Und wer sitzt neben ihm mit Handschellen an ihn gekettet? Der Lange! Der pennt. Er trägt immer noch den Schlafanzug eines besseren Herrn. Ha, ha, ha!

Nun erzählt Stroppi weiter…
Ich bin früh aufgewacht, langweile mich herum und warte drauf, daß Annegret mit den Klavierstunden fertig wird und daß das grauenvolle Geklimper endlich aufhört. Die Stunden eilen dahin. Ich möchte am liebsten jaulen, so schmerzen mir meine Ohren. Wir wollen zur Polizei, die hoffentlich inzwischen herausgefunden hat, wo meine Ilse mit ihrer Mutter wohnt. Daß diese Halunken mir auch die Hundesteuermarke geklaut haben! Ich fetze Zeitungen. Warum kann ich nicht lesen und kenne den Namen der Straße nicht, in der meine liebsten Menschen wohnen? Ich weiß zwar, wie die Häuserreihe aussieht und wie alles riecht, mehr aber nicht. Ich weiß auch, daß ich nur ein dummer Hund bin. Das Telefon klingelt. Soll ich es einfach wagen, den Hörer abzunehmen? Oder soll ich meine Freundin aus dem Musikzimmer holen? Sie hat bestimmt das Klingeln nicht gehört bei dem schrecklichen Gehämmer auf dem armen Klavier. Ich tänzel an das Tischchen, auf dem das Telefon steht, spring auf den Sessel davor, und mit beiden Vorderpfoten hebe ich den Hörer ab. “Hallo, wer ist da?” – “Halloooo, Stroppi, bist du’s etwa?” Ich erkenne die Stimme des Kommissars, die sehr müde klingt. Der Lacher, der dann den Hörer in meinen Pfoten zittern läßt, klingt nicht mehr müde. “Stroppi, Stroppi, das ist ja ein echter Witz! Der telefonierende Hund! Ha, ha, ha!

Aber hör zu, Stroppi. Erzähle der Annegret, daß wir den Hannes und den Langen geschnappt haben mitsamt dem kostbaren Diebesgut. Die Gauner hatten von dem Schmuck noch nichts veräußern können. Die beiden haben alles gestanden. Und deine Hundemarke hatten die Ganoven im Schmuckköfferchen versteckt. Jetzt können wir feststellen, wo deine Ilse mit ihrer Mutter wohnt. Wir holen euch gleich ab.” Vor lauter Aufregung japse ich nach Luft. “Das ist ‘ne Wucht, Herr Kommissar!” – “Ja, nicht wahr, mein Lieber. Und du weißt ja wohl, daß derjenige, der die Polizei auf die Spur der beiden gebracht hat, von dem Juwelier eine Belohnung von Euro 5.000,–– erhält.” – “Wer mag das wohl sein,” seufze ich, “muß der glücklich sein!”
Kurz nach diesem Anruf werden wir abgeholt, Annegret und ich. Mit Blaulicht sausen wir zur Polizeidienststelle und betreten denselben Raum, in dem wir gestern waren. Derselbe Schreibtisch, dieselben Stühle, und doch sieht heute in meinen Augen alles anders aus. Der Kommissar ist sehr freundlich. “Stroppi, klopf nicht so aufgeregt mit deinem dicken Schwanz auf den Fußboden” – “Ich rieche den Hannes,” belle ich. Die Verbindungstür zum Nebenraum wird geöffnet und hereintreten der Hannes und der Lange. Annegret weicht entsetzt zurück. “O jemine, o jemine!” rufe ich. Fahl wird der Hannes im Gesicht. “Verdammter Köter,” murmelt er, “verpfiffen hat er uns zum Dank, daß wir ihm nur Gutes angetan haben.” Der Lange knirscht mit den Zähnen, daß es nur so knackt. Wie gern würde ich die beiden beißen! “Dreckvieh,” sagt der Hannes und meint mich. Mit einem Satz ist er bei mir und tritt mich vor meinen dicken Hundekopf, und ich sitze in einer russischen Schaukel und falle raus – so ein Gefühl ist das. Meine Bewußtlosigkeit hält nicht lange an. Als ich wieder zu mir komme, liege ich auf Annegrets Schoß. Die beiden Halunken sind nicht mehr im Raum. “Das konnte ich nicht voraussehen,” entschuldigt sich der Kommissar, die beiden haben wir schleunigst von hier fortbringen lassen.” Ich taste mit meiner Pfote an meinen Kopf und stelle fest, daß ich nicht blute. Aber eine dicke Beule ziert mein schönes Hundehaupt. Ich springe vom Schoß meiner Gönnerin herunter und schau mir mal wieder alles aus der Hundeperspektive an. Der Kommissar steht an seinen Schreibtisch gelehnt. Hellgraue Hosenbeine sehe ich. Mein Blick wandert hoch an den langen Beinen, bis er im Gesicht des Kommissars angelangt ist. Er hat braune Augen wie ich und große Ohren wie ich. Plötzlich grinst er. Ich merke, daß er mich in sein Herz geschlossen hat. “Kleiner sonderbarer Hund,” sagt er. Er beugt sich zu mir herunter und tätschelt mein zerzaustes verfilztes Fell. Annegret betrachtet uns vergnügt. “Ich bringe dich höchstpersönlich zu deiner Ilse,” sagt der Kommissar, “sie muß hier in der Nähe wohnen. Die Annegret nehmen wir auch mit. Und dann, und dann, und dann, was glaubst du wohl, wer die 5.000,- Euro bekommt? Nun, nun, der kluge Hund nicht, aber seine Besitzer! Was sagst du dazu?” – “Hurra, hurra, hurra, dann braucht die Ilse keine Zeitungen mehr auszutragen!” Ich heule und jaule vor lauter Glückseligkeit wie ein Schloßhund bei Mondenschein, solange, daß ich mich plötzlich schäme wegen meines Verhaltens. Aber auch die Annegret weint. Und warum glitzern die Augen des Kommissars so verdächtig? Da funkeln wohl waschechte Diamanten.
Glitzer, glitzer…..

Wir sind unterwegs im Auto auf der Suche nach meinem ehemals “festen Wohnsitz”. Ilse, liebe Ilse! Wir kommen!.
Ich denke über mich nach. Ich bin wohl der einzige sprechende Hund auf dieser Erde, d.h., ich bin ein Hund, der die Landessprache der Menschen, die hier leben, verstehen und sprechen kann. Warum das so ist, weiß ich nicht. “Es ist, wie es ist,” sagte Ilses Mutter immer, “und nicht anders,” wenn Fragen zu meiner Eigenart nicht beantwortet werden konnten. Für gute Menschen würde ich durchs Feuer gehen und die bösen würde ich am liebsten immer in die Beine beißen. Viele meiner Artgenossen kläffen mich an, und manch stolzer Schäferhund würde mich am liebsten in der Luft zerreißen. Das ist so. Damit muß ich leben. Ich bin eben anders als die anderen. Im Augenblick hocke ich beinahe glücklich bei zwei Menschen im Polizeiauto, die ich fest in mein kleines Hundeherz geschlossen habe. “Ich glaube, wir bekommen Regen,” sagt plötzlich der Kommissar, “es riecht nach Hund.” Ich schäme mich, denn ich bin der Hund, den er meint. Das ist mein Fell. Ich benutze nun einmal keine Deos. Ich knurre leicht verärgert. “Nun, nun, Stroppi, reg dich gleich auf,” sagt Annegret begütigend. “Auch die nasse Kleidung von Menschen riecht manchmal schlecht.” – “Ich hab’s nicht böse gemeint, mein Bürschchen,” lacht der Kommissar vergnügt, greift mit der einen Hand nach hinten und tätschelt mich, “spiel doch nicht gleich die beleidigte Leberwurst.” Was ist das denn, eine beleidigte Leberwurst? So was hab’ ich ja noch nie gehört! Nun bin ich auch gar nicht mehr verärgert! Das dauert sowieso bei mir nie lange.
Bis jetzt habe ich nicht auf die Gegend geachtet. Wir fahren eine ganze Weile umher. Ich guck durch das Autofenster nach draußen. Dunkle Wolken verdecken den Himmel. Es wird tatsächlich Regen geben. Da – die großen hohen Mietshäuser kommen mir sehr bekannt vor. Da entdecke ich die Haltestelle für den Schulbus! Hurra, bald bin ich wieder zu Hause! Meine Gedanken überschlagen sich. Hinter der Bushaltestelle hält der Kommissar den Wagen an. “So, mein lieber Stroppi,” sagt er, “du gehst allein ins Haus, das ist besser. Wir warten hier, bis du im Haus verschwunden bist. Später melden wir uns bei euch, schade, daß Ilses Mutter kein Telefon hat.” Wie gut der Kommissar mich versteht! “Paß auf dich auf, Stroppi. Den Brief, den ich dir jetzt mitgebe, gibst du nur Ilses Mutter, niemanden sonst. Kannst ihn getrost in deiner Schnauze tragen.” Der Kommissar zieht einen Briefumschlag aus seiner Jackentasche und gibt ihn mir. “In diesem Brief steht was über die ausgelobten 5.000.- Euro. Ilses Mutter wird damit zum Polizeipräsidium gehen und dort alle näheren Einzelheiten erfahren. Außerdem habe ich Annegrets Adresse aufgeschrieben. Ihr wollt doch sicher Freunde bleiben, nicht wahr? Vielleicht besucht ihr den “Onkel Kommissar auch mal. Genug der Worte. Hau ab, Kleiner!” Ich bringe nur ein heiseres Kläffen heraus, während sich die Wagentür öffnet und ich freudig herausspringe. Bei dieser Aktion fällt mir der Brief aus der Schnauze.

Zum Glück kann ich ihn mit meinen Vorderpfoten aufheben, ich klemme ihn zwischen diese und tänzel wie ein dressierter Zirkushund auf den Hinterbeinen über den Bürgersteig. Die zwei im Auto können vor Lachen nicht an sich halten. Tipp, tipp, tipp. Ich laufe ums Haus herum nach hinten auf den mir vertrauten Hof. Mir fällt siedend heiß ein, daß der Kommissar vergessen hat, mir meine Hundemarke wiederzugeben. Macht wohl nichts. Jetzt bin ich wieder zu Hause. Ich höre, wie der Kommissar den Motor anläßt und losfährt. Meine Pfoten sind taub geworden. Ich steck meinen Brief wieder in die Schnauze. Auf allen Vieren zu laufen, ist auf die Dauer einfacher. Ich entdecke das mir bekannte Küchenfenster mit fremder Gardine und ohne Alpenveilchen. Die Hoftür zum Haus ist leicht angelehnt. Das gab’s zu meiner Zeit nicht! Ich spaziere in den Hausflur, in dem es heimelig muffig riecht. Ich atme die vertraute Atmosphäre begehrlich ein. Ich tapse die Stufen hoch und stehe vor “unserer” Wohnungstür, die nicht mehr so aussieht wie in meiner Erinnerung. Sie glänzt und ist viel heller. Ist wohl frisch gestrichen. Jetzt traue ich mich nicht, in gewohnter Weise an der Tür zu kratzen. Einmal lang, zweimal kurz. Ja sicher. Kra – a – a – a – tz, kratz, kratz. “Hallo Ilse, ich bin’s, dein Stroppi!” Nicht meine Ilse öffnet die Tür. Eine mir völlig fremde Frau schwingt drohend einen Kochlöffel. “Du dreckiger Bastard, was willst du denn hier? Von mir kriegst du nichts zu fressen, Hau ab mit deinen krummen Beinen. Ich kann häßliche Hunde nicht ausstehen! Was trägst du da für ein Papier in deiner Schnauze? Zeig her!” Eine Antwort muß ich mir verkneifen, um den Brief nicht fallen zu lassen. Ich klemme meinen Schwanz ein und nehme Reißaus. “Dreckiger Köter,” jetzt ist es eine laute polternde Männerstimme, die hinter mir herbrüllt: “Würdest zu der Sippschaft passen, die hier bis vor kurzem gewohnt hat. Eine alleinerziehende Mutter, die in eine billigere Wohnung ziehen mußte!” Haarscharf fliegt eine leere Bierflasche an meinem Kopf vorbei. Wieder vor dem Haus auf dem Bürgersteig frage ich mich: “Was mache ich mit dem Brief? Was mache ich nur?” Die Autos lärmen und hupen auf der Straße, Fahrräder klingeln. Ein Bus hält. Kinder steigen aus. Aber Ilse ist nicht dabei. Und den Weg zu Annegret finde ich auch niemals zurück. Was soll werden, was soll werden? Ich laufe zurück über den Hof in das Stückchen Garten, daß Ilses Mutter gepflegt hat, scharre ein tiefes Loch unter die Johannisbeersträucher und verstecke erst einmal meinen Brief in der Erde scharre das Loch fein säuberlich wieder zu. Dann renne ich mit der unsinnigen Idee im Kopf, an der Straßenecke könne noch “unser” Wagen auf mich warten, zurück und stelle fest, daß bereits ein anderes Auto diesen Parkplatz besetzt. “Hallo, hallo, Stroppi!” plötzlich ruft jemand meinen Namen. Ich guck mich um. Ein Mädchen aus Ilses Schulklasse hat mich erkannt. “Du bist aber ein dummer Hund, treibst dich immer noch hier herum! Hast du Heimweh?
Gefällt es dir nicht in der neuen Wohnung in der Brabanter Straße 6?” und weg ist die Kleine, d.h., sie steigt in das Auto ihres Vaters ein, der am Straßenrand kurz angehalten hat. Er gibt Gas, und fort sind sie. Was mach ich nur, was mach ich nur? Brabanter Straße 6, dorthin sind sie verzogen. Das kann ich mir gut merken. Aber was habe ich davon? Jetzt fängt es auch noch an zu regnen. Im Nu platscht und platscht es vom Himmel herab. Es bilden sich Pfützen auf dem Bürgersteig. Ich schleife meinen Schwanz durch jede Wasserlache, so traurig hängt dieser herab. Ich lauf und lauf und lauf und achte überhaupt nicht auf den Weg. Menschen eilen hastig an mir vorbei. Autos hupen auf der Straße. Regenschirme schaukeln hin und her. Die Frauen kuscheln sich darunter, als gäb’s die Welt außerhalb dieses Schirms gar nicht mehr. Meine Lebensgeister kehren mit einem Schlag zurück. Ich kenn mich in dieser Gegend, in die ich gedankenlos hineingelaufen bin, nicht mehr aus. Ich komme mir vor wie in einem fremden Land. Jawohl, obwohl ich noch nie im Ausland war. Ich weiß nicht, wie lange ich so ziellos umherirre. Es hat aufgehört zu regnen.
Und nun quatsch ich verrückter Hund mich mal wieder in der dritten Person an:
“Wie – verlaufen hat er sich, der kleine kluge Hund mit dem dicken Kopf? Sprechen kann er? Wer soll das glauben? Das gibt’s nicht! Oder? Er weiß den Namen der Straße, in der seine kleine Ilse wohnt und fragt keinen Passanten nach dem Weg zur Brabanter Straße? Er ist ein Feigling! Wozu hat er seinen dicken Kopf, wenn er nicht denken kann? W o z u ? Das frage ich ihn!”
Ich will wieder vernünftig sein und hör’auf, so mit mir zu reden. Ich habe Angst, Menschen anzusprechen, um vielleicht einen Fußtritt einstecken zu müssen. Mir tun alle meine Knochen weh. Auch Hunde können Rheuma haben! Jawohl! Ich bemerke, daß ich nicht mehr in der lärmenden Innenstadt bin. Einfamilienhäuser säumen die Straße mit einem großen Bürgersteig vorm Haus. Mein Magen knurrt. Wie wäre es, wenn ich mich einfach verhungern lasse? Ob es einen Hundehimmel gibt? Ilse hat mir mal erzählt, daß es nur einen einzigen Himmel für alle Wesen dieser Erde zusammen gibt. Na, wer das glaubt! Alle frechen Köter in einem Himmel! Das gäbe ja ein Gekläffe! Ein hoher, weitausholender mächtiger Kastanienbaum in der Biegung des Bürgersteigs und dem Riesendach seiner großem Blätter ist wohl das Richtige für mein Vorhaben. Wieso weiß ich nicht den Namen der Stadt, in der Annegret wohnt? Oder die wenigstens die Straßenbezeichnung? Ich setz mich unter dieses weitausholende natürliche Dach und warte bewegungslos auf meine Stunde Null. Mein Magen wehrt sich und knurrt anstrengend. Soll er. Ich tu, was ich will. Stunden vergehen. Nichts ereignet sich. Die Menschen, die an mir vorbeihasten, bemerken mich nicht oder übersehen mich einfach.

Meine Verrücktheit überfällt mich wieder: “Da gibt’s einen klitzekleinen dunklen Fleck unter einem Riesen–Kastanienbaum, der sich gleich in Nichts aufgelöst hat. Oder nicht?” – Bevor ich weiter spinnen kann, segelt eine helle Wolke auf mich zu, sie weht in meine verdunkelte Hundewelt hinein. Und die Ilse sitzt darauf! Ach, wie lange habe ich sie nicht mehr gesehen! Diese lustigen Sommersprossen und die blanken braunen Augen, wie habe sich sie vermißt! “Komm Stroppi,” sagt sie sanft, wie es sonst gar nicht ihre Art ist, “steig zu mir auf meine Wolke.” Sie hält in den Händen ein Tablett mit vier langen Knackwürsten. Wie die duften!. Ich will gerade mit einem kühnen Satz auf die Wolke springen, da steht der Lange mit der Schlägerkappe neben mir. Ihm ist ein langer strähniger Bart gewachsen. Er gibt der Wolke einen Schubs, daß sie davonsegelt. Vor Schreck läßt Ilse das Tablett mit den Würstchen fallen. “Stroppi, Stroppi!” schreit sie. Dann segelt sie auf der Wolke davon. Der Hannes hebt die Würstchen auf, und im Nu verspeist er sie. Dann verschwindet er im Nichts. Und mein Magen rumort wohl so laut, daß er mich aus meiner Ohnmacht weckt. Ich reibe mir die Augen. Um mich herum ist es dunkel. Mir ist klar, daß ich nicht tot bin. Ich bin klug genug, um zu wissen, daß dieses Erlebnis nur ein Traum war. Meine kleine Hundewelt hat mich wieder. Und mache vor Freude darüber, daß ich lebe, Luftsprünge unter dem großen Kastanienbaum, außerdem muß ich mal. Der Hunger kneift. Die Straßenlaternen verstrahlen ihr Licht. Ich lauf auf den Bürgersteig. Da oben steht der gute alte Mond, von dem Ilse so viele Geschichten erzählt hat. Eine kleine Wolke verdunkelt ihn jetzt, und meine großen Hundeaugen werden feucht vor lauter Selbstmitleid. Wenn dieser nagende Hunger nicht wäre! Ich renne in einen Garten, rupfe mir ein paar Möhren aus, zerknacke sie mit meinen Zähnen und gebe meinem wilden Tier in mir, dem Hunger, ein bißchen was zu essen. Unter eine Bank lümmel ich mich und versuche, endlich richtig zu schlafen. Gute Nacht!
Ausgeschlafen bin ich nicht. Im ersten Dämmern krieche ich unter der Bank hervor, schüttle mich, und meine Gedanken umkreisen die Futterfrage wie eine hungrige Fliege einen leeren Küchentisch. Ich starre vor Dreck. An meinem Schwanz hängen kleine Lehmklumpen. Ich schlage ihn kräftig gegen die Bank, und der Dreck bröckelt ab. Ich befinde mich hier in einer noblen Wohngegend, und so ein dreckiger kleiner Köter verschandelt das schöne Bild. Das sehe ich ein. Die Vorgärten sind gepflegt. Kurz geschnittene Hecken, duftende Rosen und eine Sonne, die schönes Wetter verspricht, erhellen ein wenig mein einsames Hundeherz. “Bastard, was streunst du denn hier rum? Scher dich weg, Drecksköter!” werde ich von einem Mann in weißen Jeans angeschnauzt. Eine Tüte mit frischen Brötchen hält er in der Hand. Wie das duftet! Ich freß zwar lieber Chappy als Brötchen. Aber jetzt gäbe ich Gott was her für ein frisches knuspriges Brötchen. Ehe mich sein Schuh treffen kann, suche ich das Weite.

Ich überquere die Straße, achte nicht auf die Autos und werde Gott sei Dank nicht überfahren. Die Menschen gehen und fahren zur Arbeit, zur Schule und haben wohl alle ein Zuhause. Nur ein dreckiger kleiner Hund ohne Hundemarke läuft hungrig an den Menschen vorbei, die alle ein Ziel haben. Ich habe auch ein Ziel. Wie soll ich es erreichen? Was mag mir der heutige Tag wieder bringen? Ich kläffe vor mich hin: “Tipp, tipp, topp, hier kommt der kleine Stropp. Ach, der Hund ist so alleine, und er hat so kurze Beine! Tipp, tipp, topp, hier kommt der kleine Stropp!” Geschickt weiche ich manchem Tritt aus. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite hält der Schulbus an. Lärmende Kinder stürzen sich zu den die Türen, die sich automatisch öffnen. Geschrei und Theater. Ein kleiner Junge blickt sich ängstlich um und bleibt zurück. Ich beobachte ihn genau, denn ich habe eine Vorstellung von dem, was er jetzt tun wird. Er legt auf eine Vorgartenmauer ein hell aussehendes Päckchen, das er zuvor aus seiner Schultasche herausgeholt hat. Dann rennt er hinter den anderen her und steigt in den Schulbus ein. Ich weiß, was in dem Päckchen ist! Wie ein geölter Blitz sause ich über die verkehrsreiche Straße – die Autos hupen wild – und ich erreiche unversehrt den gegenüberliegenden Bürgersteig. Ich springe an der Mauer hoch und grapsche das eingewickelte Wurstbrot von der Mauer herunter, stecke mir einen Papierzipfel ins Maul und renne die Häuserreihe entlang, bis ich ein stilles Plätzchen gefunden habe. Selig zerkaue ich die Leberwurstbutterbrote des Jungen, der mit Sicherheit keine Leberwurst mag. Vielen Dank! Lecker, lecker! Nach diesem üppigen Mahl werde ich wieder mutiger. Die Sonne scheint heller, und ich will nicht aufgeben. Ich quatsche einen Polizisten an und frage ihn nach der Brabanter Straße. Bisher habe ich nur gute Erfahrungen mit den Ordnungshütern gemacht. “Guten Tag, Herr Wachtmeister,” kläffe ich höflich. Der Polizist, der gerade mit einem jugendlichen Mopedfahrer beschäftigt ist, dreht sich erstaunt um. “Da ist ja kein Mensch,” sagt er und widmet sich wieder den Fahrzeugpapieren des Mopedfahrers, der keinen Helm trägt. O wei, o wei – da ist sicherlich eine üppige Geldstrafe fällig. “Und das Bürschchen veralbert auch noch einen Beamten!” schnauzt er diesen an. “Nein, ich bin’s, ein Hund,” meine ich mich äußern zu müssen. Ich hab’ja nicht ahnen können, an wen ich hier geraten bin. “Wa – a – –a–?” , der Polizeibeamte ist verblüfft, “das gibt’s doch nicht, ein sprechendes Hundevieh! Und was für eins!” Keine Spur von Mitleid entdecke ich in seinen harten Augen, als er auf mich armseliges Etwas blickt. “Du dreckiger Köter, verhöhnst einen Beamten! Guten Morgen, Herr Wachtmeister!” äfft er mich nach, “ich werde dir Beine machen, du Bastard, du entlaufener Zigeunerhund!” Ich versuche abzuhauen. Es klappt nicht. Ich liege platt wie eine Flunder auf dem Bürgersteig, und die Angst hat mich gelähmt. “Von wegen weglaufen,” sagt der Polizist und schiebt sich seine Mütze aus der Stirn, um sich die Schweißperlen wegzuwischen.

Dann wirft er sein schmutziges Tempotaschentuch einfach auf den Boden und spuckt noch hinterher. So ein unappetitlicher Polizist! “Ich werde dich ins Tierheim bringen. Bist ja ein streunender Köter ohne Hundemarke. So was gehört eigentlich als Seife verkocht. “Ich hab’ eine Hundemarke. Der Kommissar hat nur vergessen, sie mir zurückzugeben. Ich kann Ihnen meine Geschichte erzählen.” – “Halts Maul, du verlogenes kleines Mistvieh! Du gefährdest die öffentliche Ordnung!” Er bückt sich, packt in mein Fell wie bei einem Kaninchen. “Ab mit dir ins Tierheim!” Der jugendliche Mopedfahrer hat inzwischen längst die Gelegenheit wahrgenommen und das Weite gesucht. Sicherlich besorgt er sich einen Schutzhelm. Mein Feind, der Polizist, läßt mich wieder auf die Erde zurückfallen. Menschen hasten an uns vorbei. Woher sollen sie wissen, in welcher Not ich mich befinde? Was geht sie so ein streunender Hund an, der soeben von der Polizei geschnappt worden ist? Ich hätte im Augenblick nicht übel Lust, alle Menschen zu beißen. Das ist nur eine Wunschvorstellung. Ich wäre ja gar nicht in der Lage dazu. Ich wunder mich, daß ich auf meinen vier Beinen überhaupt stehenbleiben kann. “Komm mit!” werde ich angeschnauzt. Das Gesicht des Staatsdieners ist dunkel geworden. Ilse würde wohl meinen, daß es krebsrot ist vor Zorn und Lust, mich zu quälen. Die großen harten Schnürstiefel beängstigen mich sehr. Ich trotte hinter dem Kerl her. Leb wohl, liebe Ilse, jetzt ist alles aus, und was wird aus den 5.000 Euro? Meine Gedanken bringen mich sicher noch vor dem Erreichen des Tierheims um. Tipp, tipp, topp, da läuft der kleine Stropp, Ach, der Hund ist so verlassen, muß ihn dieser Schupo fassen? Tipp, tipp, topp, hier kommt der arme Stropp.
Ehe ich mich versehe, hat mich der Tierpfleger hinter ein hohes Gitter gebracht. “Der Köter kann sprechen,” sagt der Polizist und verschwindet. Der Tierpfleger hat nicht hingehört. Ich werde mich hüten, hier zu quatschen. Wenigstens will der Hüter des Gesetzes kein Geschäft mit mir machen. Rechts und links trennt mich ein hohes Gitter von meinen Artgenossen. Ausreißen kann man hier nicht. Ich bekomme einen vollen Futternapf mit Chappy in meine Behausung geschoben. “Hast bestimmt Kohldampf,” sagt der Wärter mitfühlend. Ich weiß auch, wie das ist.” – Ich vertu mich wieder und sage prompt: “Danke.” Er hat’s wieder nicht mitbekommen. Ich schlinge meinen Napf leer. Mm, Chappy! Der gepflegte schwarze Pudel von nebenan beachtet mich nicht. Ich stecke meine Nase ans Gitter, um mit ihm zu schnuppern. Er knurrt aber nur böse und kraust sein Schnäuzlein. Na, dann eben nicht. Ich verstehe mich nicht mit meinen Artgenossen. Mein Nachbar zur Rechten ist ein großer grimmig aussehender Schäferhund, reinrassig, versteht sich. Er springt bellend an unserem Trenngitter hoch und fletscht angsteinflößend seine starken großen Zähne. Wie komme ich hier raus?
Ich verziehe mich in die hinterste Ecke meines Zwingers. Ich werde Zeuge eines Superauftritts von zwei Ladies. Zwei gestylte Damen – schon älteres Semester – bewegen sich auf ihren hohen Plateausohlen an den Gittern vorbei und sind jetzt bei meinem Nachbarn, dem kurzgeschorenen Pudel, angelangt. Und dieser Pudel tänzelt affig hin und her, auf und ab. Und die Frauen klatschen begeistert in die Hände. “Den nehmen wir, den nehmen wir,” kreischen sie wie aus einem Munde. “Ja,” sagt der Pfleger, der hinzugekommen ist, “da wollen wir erst einmal die Formalitäten erledigen. “O ist der süß, ist der süß!” gurgeln sie noch im Fortgehen. Tja, der hat’s geschafft! Ein herrenloser Hund hat ein neues Frauchen gefunden. Viel Glück! Ich hab ja meine Ilse und muß so schnell wie möglich weg von hier. “Hast du den häßlichen Köter gesehen?” höre ich und weiß, daß ich damit gemeint bin. “Blöde Tussis!” schreie ich hinterher. Sie haben’s vernommen. Woher sollen sie wissen, daß ich derjenige bin, der sie beschimpft hat? Ha, ha! Und auch der Schäferhund wird abgeholt. Aber wohl von seinem Herrchen. Ein junger Mann schließt ihn in seine Arme. “O Rex, da bist du ja endlich,” stammelt er weinend, tut mir leid, daß du die Orientierung verloren hast. Ich passe in Zukunft besser auf dich auf!” Ich merke, daß die beiden sich gut verstehen. Schön so eine Geschichte. Am Abend schiebt ein Junge, etwa so alt wie Ilse, den Futternapf in meine Behausung. “Hat dich niemand haben wollen? Du bist nun mal kein Hund, mit den man angeben kann.” meint er, wie ich glaube, mit innerer Schadenfreude, “mich will auch keiner haben. Ich fütter dich nur, weil ich Geld verdienen muß. Ist wenig genug, aber besser als wie nichts. Wenn ich groß bin, züchte ich reinrassige Hünde und verkaufe sie dann. Jawohl, ich werde ein reichen Mann. Du bist ja nur irgendeine schäbige Promenadenmischung!” Ich verfalle in meinen Fehler und plapper wieder drauflos, nur um anzugeben vor diesem Bengel! “Ich kann aber sprechen,” kommt es aus mir heraus, und ich rede nicht so’n falsches Deutsch wie du – als wie – , wo gibt’s dennso was? Und hier werden Hunde versorgt und keine Hünde, du, du kleiner Angeber!” – “Werd’ nicht frech, mein Hundchen,” antwortet der Junge, der mir eigentlich nicht unsympathisch ist, “wenn ich verrate, daß du sprechen kann´s, bisse reif, wofür weiß ich au’ nich’, aber reif bisse!” Habe ich durch meine Angeberei einen Feind mehr gewonnen? Der Tag war wieder so kurz und doch für mich so voller Ereignisse. Und nichts habe ich erledigen können. Ich will diese Nacht nicht in diesem Käfig verbringen. Der Junge steht vor dem Gitter und schaut mich nachdenklich an. Er hat ein liebes Jungengesicht und steht auf stämmigen Beinen, die in oberhalb der Knie abgeschnittenen Jeans stecken. “Sprechen also kannst du,” meint er, “das ist ja wohl was Einmaliges auf dieser Welt. Bist wohl was Besonderes. Aber mir kannst du nicht imponieren, bist ein schäbiger, armer kleiner Hundemischling, der hier vor lauter Frust eingehen wird, dich wollen die Leute nicht einmal geschenkt haben.

Eines Morgens liegst du dann tot in einer Ecke des Zwingers, wenn ich dir helfe, hier herauszukommen. Ich bin ein Tierfreund!” Ich japse zustimmend, fast unverständlich: “Da freue ich mich aber.” – “Nun denn, ich komm nachher zurück, wenn es richtig dunkel ist und hebe das Kläppchen hoch, durch das immer der Futternapf geschoben wird. Du machst dich so dünn wie du kannst und zwängst dich durch die ™Öffnung und dann ab wie die Post! Schlaf nicht ein. Ich komme ganz gewiß wieder zurück. Du tust mir leid, obwohl du sprechen kannst, oder gerade deshalb. Also nicht verzagen, Manfred fragen.” – “Du bist ein guter Junge,” erwidere ich so leise ich eben kann. Aber bitte, kannst du mir sagen, wo die Brabanter Straße ist?” –”Was willst du denn dort?” –”Ich suche meine Herrin.” – Wie heißt du eigentlich?” – “Stroppi.” – “Hm, Stroppi, wenn du nachher im Dunkeln ausgekniffen bist, suche dir erst einmal einen Platz zum Schlafen, denn in der Dunkelheit findest du den Weg nicht, den ich dir jetzt beschreibe.” Wie sich herausstellt, kann es gar nicht weit sein bis zu meiner Ilse. Ich soll hier über das Grundstück laufen, anschließend durch einen Garten, dann erreiche ich die Straße. Die Straße bzw. der Bürgersteig steigt etwas bergan, dann soll ich immer geradeaus tippeln und an der großen Kirche rechts abbiegen. Das hohe Haus mit den vielen weißen Schildern neben dem Eingang, die auf Arztpraxen hinweisen, soll die richtige Adresse sein. O wei, owei, da habe ich ja noch was vor mir! Manfred weiß das alles so genau, weil in diesem Haus sein Zahnarzt praktiziert. Er geht zurück an den vielen Gitterstäben vorbei. Die übrigen Hunde bellen nicht. Sie kennen ihn wohl. Es dämmert. Es wird dunkel. Ich warte.
Ich warte nicht vergebens. Husch, husch, bin ich verschwunden in der dunklen Nacht. Auf Manfred ist Verlaß. “Vielen Dank, Manfred.” – “Ist schon gut, Stroppi.”
Bange laufe ich den Weg, den Manfred mir beschrieben hat und gelange in kurzer Zeit auf den Bürgersteig, der neben der Hauptstraß0e verläuft. Ich merke, daß es nicht die Straße ist, auf der mich der Polizist heute morgen festgenommen hat. Das beruhigt mich. Wo soll ich die kommende Nacht bleiben? Todmüde bin ich. Tipp, tipp, topp, hier kommt der kleine Stropp. Ach, der Hund ist so alleine, und er hat so kurze Beine. Tipp, tipp, tipp, hier kommt der kleine Stropp. Die Straßenlampen brennen. Autos mit Licht fahren an mir vorbei. Die Autobusse sind fast leer, die an den Haltestellen stehenbleiben, um einen einzigen Fahrgast ein– oder aussteigen zu lassen. Könnte ich doch mitfahren! Dieses Risiko nehme ich nicht auf mich. Die Häuser liegen im Dunkeln, und gemütliches warmes Licht dringt aus vielen Wohnungsfenstern. Menschen schließen die Haustüren auf, und nirgendwo ist mein Zuhause. Meine Müdigkeit ist mit einem Mal verflogen. Ich fühle meine Kräfte wachsen. Ob das gute Fressen im Tierheim ausmacht? Chappy – hm – lecker! Ich will nicht die Nacht irgendwo verschlafen und unendliche Stunden mein Wiedersehen mit Ilse hinauszögern. Ich muß zu meiner Ilse gelangen.
Das wäre gelacht, wenn ich das mit meiner wiedergewonnenen Munterkeit nicht schaffen würde. Meine vier kurzen Beine fühlen sich leicht an wie die eines Windhundes und sie gehören einem kleinen Hund, der reden und sogar singen kann: “Tipp, tipp, topp, hier kommt der kleine Stropp, Ach, der Hund ist so alleine, und er hat so kurze Beine. Tipp, tipp, tipp, hier kommt der kleine Stropp.” Die Marschrichtung habe ich mir genau gemerkt. Wie lange war ich nicht mehr so fröhlich? Keuch, keuch, endlich bleibe ich vor der Kirche stehen, die ich an dem Riesenportal erkenne. Bis zum Kirchturm kann ich nicht hochschauen, wenn ich davorstehe. Ihr könnt auch nicht euren Hals so recken, daß ihr, wenn ich dicht davorsteht, die Kirchturmspitze sehn könnt. Jetzt geht’s aufs Ganze. Bald habe ich das Haus Brabanter Straße 6 erreicht. Ich brauche nicht einmal die Straße zu überqueren. Ich stehe vor dem Haus mit den vielen weißen Praxisschildern, die ich natürlich nicht lesen kann, wohl aber erkennen. Und wieder gibt es eine angelehnte Haustür, die wohl niemand abgeschlossen hat und die ich jetzt mit meinem kleinen Hunderücken aufdrücke. Meine Begeisterung verleiht mir wohl diese Kraft. Da stehe ich nun im dunklen Hausflur, der nach Essen riecht. “Ilse, Ilse,” rufe ich. Eine Wohnungstür hier unten im Flur wird geöffnet. “Wer ruft mich denn da?” antwortet ein zaghaftes Stimmchen, “ich will nur die Haustür abschließen.” Ein kleines Mädchen mit schwarzen langen Zöpfen und mit einem Nachthemd bekleidet knipst das Flurlicht an und entdeckt mich. “Was willst du von mir?” fragt sie mich und ist gar nicht erstaunt, daß ich sprechen kann. “Die Ilse aus der gegenüberliegenden Wohnung hat mir schon viel von dir erzählt. Ich heiße auch Ilse. Bist du der Stroppi?” – “Ilschen, beeil dich schon mit dem Abschließen!” ruft die Mutter aus der Wohnung. Ich will zu meiner Ilse, zu meiner Ilse! Und dieses Ilschen klingelt noch schnell an der gegenüberliegenden Wohnungstür und ruft: “Stroppi ist da! Stroppi ist da!” – “Ilse mach schon!” wieder die Mutter, und Ilschen huscht wie ein guter Geist zurück in die offengelassene Wohnungstür zu ihrer Mutter. Die Wohnungstür, an der Ilschen geklingelt hat, wird sofort aufgerissen, und im Türrahmen stehen zwei Gestalten im Nachthemd, die ich nie vergessen habe: meine Ilse und ihre Mutter! Sind die beiden mager geworden! Ich kann mein Glücksgefühl nicht beschreiben und mehr jämmerlich als fröhlich kläffend springe ich immer wieder an meiner Ilse hoch. Die schreit, weint, nimmt mich auf den Arm und führt mit mir einen wahren Freudentanz auf. “Mein Stroppi lebt, mein Stroppi lebt!” ruft sie immer wieder. Ilses Mutter hat inzwischen die Wohnungstür geschlossen. “Wie schlecht sieht unser Hundchen aus! Wo warst du die ganze Zeit? laß den Stroppi los. Du erdrückst ihn ja sonst!” Unzählige Fragen stürmen auf mich ein. Und ich erzähle den beiden die ganze Geschichte meines ruhelosen Umherirrens. Ilses Mutter streicht über mein glanzloses Fell.

“Armer Kerl,” sagt sie immer wieder. Ilse weint. Ich entdecke meinen alten Freßnapf in der neuen Küche, und sofort fühle ich mich wie zu Hause. Was Eigenes! Ich trink den Wassernapf bis zur Neige leer und dann tu ich mich mal wieder am Chappy gütlich. Hm – lecker! Noch an diesem späten Abend – oder ist es schon Nacht? – duscht mich Ilse gründlich in der Badewanne ab, und dann leg’ ich mich in mein altes Hundekörbchen. Im Einschlafen denke ich: “Hoffentlich ist dieses alles nicht nur ein schöner Traum!”
Als ich am nächsten Morgen erwache, schaue ich zuerst in Ilses liebes Gesicht. Das Mädchen kniet vor meinem Hundekörbchen. Also kein Traum! Ilse erzählt mir, daß heute die großen Schulferien begonnen haben und sie nicht zur Schule muß. Und jetzt wickelt sich alles sehr schnell ab. Ilses Mutter findet heraus, welches Kommissariat wir aufsuchen müssen. Gemeinsam mit dem freundlichen Kommissar, meinem Freund, buddeln wir den Brief dort aus, wo ich ihn versteckt habe. Annegret und Peter sind mit von der Partie. Und diese Freude – Ilse Mutter bekommt die ausgelobten 5.000,- zuerkannt, die ich sprechender Hund letztendlich verdient habe.
Allen, die mich gern haben, muß ich fest versprechen, nie mehr zu reden, wir haben’s erlebt, das führt nur zu hanebüchenen lebensgefährlichen Komplikationen. Euch alle will ich um etwas bitten. Solltet ihr mich mal zufällig irgendwo treffen, knufft und tretet mich nicht. Ich tu euch ja auch nichts. Und zum Sprechen kriegt mich niemand mehr, so wahr ich Stroppi heiße.
Noch etwas muß ich am Ende meiner Geschichte berichten. Ilse und Ilses Mutter haben von dem Geld eine Flugreise nach Mallorca unternommen. Während dieser Zeit hat mich Annegret in ihre Obhut genommen. Es ist schön bei ihr. Nur das Klaviergeklimper geht mir auf die Nerven. Als die beiden von Mallorca zurückkommen, holen Annegret und ich sie vom Flughafen in Düsseldorf ab. Braun gebrannt sind sie. Und ihre Begeisterung von der Schönheit dieser Insel kennt keine Grenzen. Wie sie den Rest des Geldes verwenden, weiß ich nicht, ist mir auch egal. Ich führe mit meinen Lieben ein wundervolles Hundeleben. Und zu Annegrets und Peters Hochzeit sind wir auch eingeladen.
Tipp, tipp, topp, tschüss sagt kleine Stropp. Hat er noch so kurze Beine, ist er längst nicht mehr alleine. Tipp, tipp, topp, tschüss sagt der kleine Stropp.

Stroppi / Teil 1

von Annemie Fetten-Winklhofer (copyright)

Eine spannende Geschichte
erzählt von einem kleinen Mischlingshund
1. Kapitel
Viele Menschen nennen mich herablassend der böse “Köter” oder “Bastard”. Ich weiß, daß das Schimpfworte sind und keine Kosenamen. Aber ich bin ein richtiger Hund und heiße Stroppi. Einige Leute glauben aber wiederum, daß Mischlingshunde sehr kluge Tiere sind! Jawohl, die haben recht. Ihr werdet’s schon noch merken. Für mein Empfinden gibt es nur zwei Sorten von Menschen. Die einen treten oder schubsen mich mit ihren Schuhen, deren Geruch von Schuhcreme und Ledersprays mich manchmal so wild macht, daß ich mich am liebsten darin festbeißen möchte, zerren, ziehen, knurren und reißen. Aber ich beherrsche mich. Zum Glück bin ich gut erzogen, und ich bemühe mich, meiner Herrin keinen Kummer zu bereiten, wenn es mir auch nicht immer leichtfällt. Meine kleine Freundin, deren Hund ich bin, gehört zu der Menschenart, die Tiere liebt. Sie mag meine krummen Dackelbeine, meinen Schäferhundskopf und meinen langen dünnen Schwanz (von wem hab’ ich den wohl?), wie sie mir immer wieder beteuert. Wie oft muß ich mir von Leuten auf der Straße anhören: “Sieh mal, ist der Hund häßlich!” – “Aber wunderschöne Augen hat er,” sagt dann manch kleines Mädchen. Hierauf bilde ich mir was ein und wunder mich selbst, daß so ein häßlicher Hund wie ich eitel sein kann!
Meine kleine Freundin besucht das 4. Grundschuljahr. Kurzgeschnittene helle Haare zieren ihr Haupt. Auf ihrer kleinen Stupsnase und im Gesicht gedeihen die Sommersprossen um die Wette, was recht lustig aussieht. Sie ist ein kleines mageres Ding und trägt meistens blaue Jeans und T–Shirts. Ihre lustigen braunen Augen gucken voller Wißbegierde in unsere Welt. Und ihre Mutter erst mal! Sie ist die liebste Frau, die es überhaupt gibt. Sie hat nämlich der kleinen Ilse erlaubt, mich “Bastard” zu behalten. Halb verhungert war ich, als mich Ilse aus einer Mülltonne vor dem großen Mietshaus, in dem sie mit ihrer Mutter wohnt, befreite, nachdem sie mein Winseln gehört hatte. Sie nahm mich mit in die Wohnung. Sie pflegten und fütterten mich gesund. Das Schöne ist, daß ich bleiben darf. Sogar eine Hundemarke haben sie mir gekauft. Ist das nicht prima? Ich bin ein richtig angemeldeter Hund. Ich habe sogar einen Hundekorb im Wohnzimmer mit einer weichen Decke darin. Ich schlafe wie ein König in seinem weichen Himmelbett. Ha, wie gern ich lebe! Ich liebe mein Leben genauso wie ein stolzer Schäferhund, wie ein sich wichtig vorkommender Boxerhund und wie ein mickriges Schoßhündchen, das dauernd erkältet ist. Da hat neulich doch ein Mann auf der Straße gesagt: “So einen Köter würde ich glattweg erschießen lassen. Dafür noch Steuern bezahlen? Ne!” Hat man Töne! Ich könnte das gleiche ja auch von ihm sagen! Jetzt verrate ich euch mein Geheimnis: Ich bin ein Wunderhund! Jawohl! Ich kann sprechen! Ich verstehe die Menschen und kann genau so reden wie sie. Ihr glaubt das nicht? Fragt Ilse! Aber die sagt sowieso, das sei nichts Besonderes.
Ich laufe mittags oft zum Schulbus und hole Ilse ab. Sie hat mir aber streng verboten zu sprechen, wenn andere Kinder dabei sind. Ich hab’s ihr versprochen und bell’ nur freudig rum, wenn andere Menschen in unserer Nähe sind. Es ist Sommer. Auch ich weiß, was das ist. Es können warme lange Tage sein, und es kann auch mal regnen. Ich mag den Sommer lieber als den Winter.
Heute bleibe ich zu Hause. Ich hole Ilse nicht vom Bus ab. Wir wohnen Parterre. Als Ilse den Schlüssel in der Wohnungstür herumdreht, springe ich ihr begeistert entgegen und an ihr hoch. “Genug Stroppi, genug!” ruft sie fast böse. Ilses Mutter ist berufstätig und kommt erst abends von der Arbeit nach Hause. Ilse wärmt sich das vorbereitete Essen auf und stochert recht lustlos in dem leckeren Essen herum – Sauerkraut, Kartoffelpüree und Bratwurst – hm – lecker! Na siehste, die Bratwurst krieg’ ich. Ein Schnapp – und sie ist weg! “Ich muß Prospekte verteilen, geh’ste mit?” – Was für eine Frage! Natürlich! “Aber benimm dich!” – Was für eine Frage! Natürlich! Ich weiß, daß wir nicht reich sind. Ilses Vater hat ihre Mutter verlassen wegen einer anderen Frau. Als wenn ich Ilse jemals verlassen könnte wegen einer anderen Freundin! Na ja, so sind eben die Menschen! Wir machen uns startklar. Ilse nimmt mich an die Leine – und los geht’s. Treppauf, treppab jagen wir. Aber jeder Haushalt muß einen Prospekt bekommen! Es werden manchmal Stichproben gemacht, ob die Kids nicht einfach die Packen in irgendwelche Abfalltonnen oder hinter die Büsche werfen und dann ihr Geld kassieren. Auf so eine Idee käme Ilse gar nicht erst. Bei der alten Frau Meier bekommen wir beiden sogar etwas zu trinken. Danke schön, und weiter geht’s. Au weia, vor dem großen neuen Bungalow an der Ecke der Gartenstraße kläfft uns am Törchen ein kräftiger Boxerhund an. Er bellt und japst in den gefährlichsten Tönen und schnappt nach mir durch die Eisenstäbe des Törchens. Ich nehme Reißaus, und Ilse geht allein bis vors Haus. Ihr tut der Hund nichts. Sein kurzer Stuppelschwanz wackelt freudig hin und her, als er vor ihr her zur Haustür tänzelt. Irgendwann haben wir’s geschafft und alle Prospekte sind verteilt. Müde gehen wir nach Hause. Das arme Kind muß noch seine Hausaufgaben für die Schule machen. Und ich lasse mir einen Rest Futter im Napf zurück für den nächsten Morgen. Ich habe was Tolles vor. Ich verziehe mich auf den Balkon. Ich will diese Nacht nicht im Körbchen schlafen. Ich schäme mich, weil ich so nutzlos bin und den beiden auf der Tasche liege. Hier auf dem Balkon überlasse ich mich meinen Gedanken. Es spukt richtig in meinem Kopf mit dem Ergebnis, daß ich mir endlich vornehme, morgen auf Arbeitsuche zu gehen. Warum soll es für einen Hund keine einträgliche Beschäftigung geben? Ich kann Rasen mähen, auf kleine Kinder aufpassen, mit den Ohren wackeln und . . . und . . . und . . .
Am nächsten Morgen bin ich sehr früh wach. Außerdem habe ich fast die ganze Nacht nicht geschlafen. Der Rest Chappy von gestern abend ist noch in meinem Freßnapf. Er schmeckt zwar nicht mehr besonders. Aber gehe ich mit leerem Magen zum Arbeitsamt, rieche ich aus dem Maul, und das will ich nicht. Ich möchte einen guten Eindruck machen. Ich will die beiden nicht wecken. So leise wie möglich verziehe ich mich über den Balkon nach draußen. Tipp, tipp, tipp, bald bin ich auf dem Bürgersteig. Tapp, tapp, tapp, meine großen Pfoten tragen mich wunderbar in die Stadt hinein. Ich bleibe auf dem Bürgersteig. Auch wenn ich keine Farben unterscheiden kann wie ihr. Ich weiß, wann die Ampel rot oder grün ist. Das schnelle Lichterspiel oben – Mitte – unten macht mir Spaß, und ich passe auf wie ein Luchs. Busse fahren an mir vorbei. Aber die vielen Autos, die vielen Autos, die sich an den Kreuzungen stauen, kommen mir manches Mal schon recht sonderbar vor. Warum ziehen sich die Menschen die großen Blechhauben über den Kopf und sind auch noch so stolz auf ihre Limousinen? Und sie schimpfen und schimpfen und hupen und hupen. Je größer die Blechlaube ist, desto lauter lärmen sie hinter dem Lenkrad ihres Autos. Na ja, ist nicht mein Ding.

Der letzte Dunst löst sich auf, und der Sonnenball verschönt den weiten großen Himmel über der Stadt. Plötzlich habe ich gute Laune. Ich kläffe ein Lied vor mich hin. Und da ist wieder so ein Schuh, der mich schubsen will. Der Mann, dem der Schuh gehört, lacht gemein. Und für seine schweren Stiefel hat er mich als Opfer auserkoren. Ich kann mich nicht mehr beherrschen. Rrr, rrr, rrr, reiße ich an den Hosenbeinen, indem ich meinen Hundekopf immer hin- und herwerfe. Triumphierend halte ich einen Fetzen im Maul und suche aber jetzt schnell das Weite. Ich renn’ und renn’ und dieser gräßliche Mensch läßt eine Kanonade der übelsten Schimpfworte los. Soll er. Mich kann der nicht meinen. Aber auch die anderen Leute, die sich eingefunden haben, schimpfen hinter mir her. Das sind aber die, die ganz einfach einen überflüssigen “Bastard” in mir sehen. “Haltet ihn, haltet ihn!” schreien sie, als sei ich ein Dieb. Ich renne und jage, bis es still hinter mir geworden ist. Höre wohl vereinzelt noch: “Verrückter Köter!” Das wäre noch mal gutgegangen. Meine Trophäe, den kleinen Stofffetzen, lasse ich aus dem Maul fallen. Ilse würde sich nur aufregen, wenn sie die Geschichte erfahren würde. Die Ampel auf der gegenüberliegenden Seite vor dem Arbeitsamt zeigt Grün. Meine Güte, ist das ein Riesengebäude! Wie die Ameisen hasten die Menschen hinein. Sind das alles Leute, die dort arbeiten? Wenn das so viele sind, kann mir bestimmt einer Arbeit beschaffen! Ich bin voller Zuversicht. Ich überquere die Straße. Vor dem großen Haupteingang stehend, schlägt mein kleines Hundeherz nun doch wild in meiner Brust. Auf einmal habe ich Hemmungen. Und da stehen ich neben dem Eingang zum Arbeitsamt drei unheimliche Typen. Ihre Haare sind kurz geschoren. Sie tragen Nietenstiefel, lassen eine Schnapsflasche kreisen und versuchen alle drei gleichzeitig, eine BILD-Zeitung zu lesen. Sie bemerken mich nicht, als ich auf die Eingangstür zusteure. Die große Glastür ist noch verschlossen. Pech für mich. Mit meinem kleinen Hundekreuz kann ich die nicht aufdrücken. Ich muß mich wohl bemerkbar machen. Ich fasse mir ein Herz. Was jetzt kommt, ist mein Stimmchen: “Verzeihen Sie, daß ich Sie störe. Aber würden Sie so freundlich sein und mir die Tür öffnen?” wende ich an den Mann in der Mitte, der die BILD-Zeitung hält. Dem fällt vor Schreck die Zeitung aus der Hand. Dann schlägt er sich mit der Faust auf die Brust, daß es nur so klatscht. “Habt ihr sowas schon mal erlebt – einen sprechenden Köter?” grölt er, “ich nicht!” Er verbeugt sich übertrieben höflich vor mir und öffnet mir die Tür. Dabei sieht er mich mit seinen stechenden Augen böse an. “Der führt was im Schilde,” geht’s mir durch den Kopf, “paß auf, Stroppi!”
Tapp, tapp, tapp. Ich mühe mich durch einen langen Flur, auf dem viele Menschen auf Stühlen herumsitzen. Die meisten beachten mich nicht, bis eine schrille weibliche Stimme ertönt: “Was will denn der Köter? Hunde sind hier verboten!” R–r–r–r– . . es brodelt in mir. Wie gern würde ich die Hosenbeine von der Frau hin- und herzerren! Stroppi beherrsche dich!
“Mach’, daß du fortkommst!” kreischt sie weiter und will mich treten. Ich kann mir nicht anders helfen, als zu knurren: “Meine Dame, Ihre Jeans sind dreckig, Ihre Beine krumm und außerdem haben Sie schiefe Absätze!” – Da läuft sie schreiend davon, verschwindet hinter einer der vielen Türen und knallt diese mit Karacho zu. Die anderen haben von unserem “Wortgeplänkel” nichts mitbekommen, ich vernehme nur leises Gemurmel – wie: “Laß doch den Hund in Ruh`!” Fernseher stehen auf dem Gang, und die Leute tippen daran herum. Ich frage eine junge Frau: “Was machen Sie da?” Sie lacht und schaut sich suchend nach einem Bauchredner um und gibt mir zur Antwort: “Tja, Bauchredner werden nicht gesucht. Der Computer zeigt die offenen Arbeitsstellen auf. Da ist für euch nichts dabei!” Sie meint, wir seien zu zweit! Ich klär’ sie nicht auf. Je weniger Menschen wissen, daß ich sprechen kann, desto besser ist das für mich. Ich hab Sehnsucht nach Ilse. Wär’ ich doch zu Hause geblieben. Mich machen die vielen Menschen nervös. Ich könnte verzweifeln. Aber da wird eine Tür geöffnet. “Wo ist denn der Köter?” höre ich eine Männerstimme. “Ich weiß es doch nicht,” antwortet die hysterische Frau von vorhin. “Komm nur herein, Wauwauchen,” schmeichelt die angenehme Männerstimme. Graue Hosenbeine nähern sich mir. Ich zottle hinterher, und schreiend zieht die Frau hinter ihrem Schreibtisch ihre Beine hoch bis unters Kinn. Der Mann läßt sich auf seinem Bürostuhl nieder, und ich kann ihm voll ins Gesicht sehen. Sympathisch! Seine braunen großen Augen flößen mir Vertrauen ein. Er hat keine Angst vor mir kleinem struppigen Köter. Ganz bescheiden sage ich: “Ich suche Arbeit. Ich muß Geld verdienen.” Der Mann wundert sich, daß ich sprechen kann. “Ja,” sagt er erstaunt, “wem gehörst du denn?” – “Lieben Menschen,” antworte ich. “Ich würde dir ja sehr gerne helfen. Aber wir vermitteln Arbeit nur an Menschen. Du bist der erste Hund, der Arbeit sucht. So etwas gibt es nicht.” Das sagt er ganz ernst. “Teppiche klopfen, Möbel tragen, Holz hacken und dergleichen kannst du doch nicht. Geh’ schön nach Hause, hilf deiner Familie, indem du ihr keinen Kummer bereitest. Hau ab, lauf zurück, lauf, lauf, lauf!” Wohlwollend gibt er mir einen Klaps auf mein Hinterteil. “Versuche es nicht mehr woanders. Das könnte dir sehr schlecht bekommen!”. Ich knurre böse zu der Frau rüber, die mich auf dem Flur treten wollte und springe an ihrem Stuhl hoch und rrr, rrr, rrr fetze ich ihre Hose. Jetzt ist mir alles egal. Dann lauf ich, was das Zeug herhält durch die noch offen stehende Tür, und Geschrei und Gelächter folgen mir. Wie konnte ich nur auf so eine dumme Idee kommen und zum Arbeitsamt wandern, um eine einträgliche Beschäftigung zu suchen? Manno, man, da stehen so viele Menschen auf dem Flur herum, die alle eine Arbeit suchen und ich blöder Köter. . . . ! Wäre ich doch erst wieder zu Hause! Ich will auch immer brav sein und meiner lieben Ilse jeden Wunsch von den Augen ablesen. Liebe, liebe Ilse, liebe, liebe Ilse! Ich tänzel die paar Stufen herunter und merke, daß ich nötig muß. Und wer steht draußen vor der Tür auf der Treppe? Der Mann mit den stechenden Augen, der sich inzwischen eine dreckige Schirmmütze aufgesetzt hat.

“Schönes Hündchen, braves Hündchen,” schmeichelt er. Ich will an ihm vorbeilaufen. Aber er packt mich. Ich strampel und kläffe. Es hilft nichts. Hau ruck, hat er mir einen Sack über den Kopf gestülpt. Ich zappel und zappel. Sie sind wieder zu dritt. Alle drei Männer lachen schadenfroh. “Bind ihn fester zu,” sagt der eine. Stockfinster ist es jetzt, und ich kann einfach nicht mehr einhalten. Ha, tut das gut! Mir wird richtig warm.
Wie viele Wochen sind seitdem wohl vergangen? Drei oder vier? Ich weiß es nicht. Ich lebe mit den zwei schlechtesten Männern zusammen, die es wohl auf dieser Welt gibt. Zu fressen bekomme ich kaum etwas. Mein Herz zieht sich vor lauter Kummer schmerzhaft zusammen, wenn ich an meine kleine Ilse denke. Ob ich sie jemals wiedersehe? Wäre ich doch nicht fortgelaufen! Aber alle Vorwürfe helfen mir jetzt nicht weiter. Dürr bin ich geworden. Meine Rippen drücken sich durch mein ungepflegtes Fell, daß es zum Erbarmen aussieht. Aber wer sieht mich schon? Nur der Hannes mit der Speckmütze und sein Kumpan, zwei finstere Gesellen. Ich weiß nicht einmal, in welch verlassener Gegend die beiden mit mir hausen. Eine alte verrottete Gartenlaube ist mein “Zuhause”, ausgestattet mit einem Metallbett und mehreren Apfelsinenkisten. Es kommen auch schon mal abends “Kollegen” meines feinen Herrn. Dann wird gesoffen, geschimpft und geprügelt, und ich halte es vor Angst in meiner Ecke nicht mehr aus. Manchen Fußtritt dieser Kerle muß ich einstecken. Aber einen Trick habe ich raus. Ich jaule dann so fürchterlich, daß sie mich vor lauter Schreck in Ruhe lassen. Natürlich spreche ich kein Wort mit Hannes, meinem Gebieter. Aber das ist es ja gerade. Dieser Kerl, der so entsetzlich riecht, möchte ja mit mir sprechenden Hund “Knete” machen, und das will ich wieder nicht. Hier in der Nähe soll bald ein großes Schützenfest mit Kirmes veranstaltet werden. Und der Hannes meint, ich sprechender Hund soll die Sensation auf dem Kirmesplatz werden. Ich spreche nicht, ich spreche nicht, ich spreche nicht! Und wenn er mich totschlägt! Ich werde überhaupt nicht gewaschen und gekämmt. Ich muß mir immer mit meinen großen Pfoten das Fell kratzen. Und dadurch wird’s bestimmt nicht schöner und glänzender! “So, so, du gräßlicher Köter, du wirst reden!” drohend sagt das der Hannes. Er schwingt eine Peitsche hin und her vor meiner Nase. Es ist bereits Mittag, und ich habe noch nichts zu fressen bekommen. Mein Magen knurrt. Ich knurre auch. Von einem lieben Hund habe ich nichts mehr an mir. Der Regen klatscht gegen die kleinen verschmutzten Fenster der Laube und wäscht die Scheiben etwas sauber. “Au!” da hat er mir schon eins übers Fell gezogen. Ich jaule wieder einmal, was das Zeug herhält, zudem tut’s auch sehr weh. Liebe kleine Ilse, komm und hilf mir doch! “Aua, Aua,” ich kann nicht mehr. Die Peitschte saust auf und nieder, und ich winde mich winselnd. “So,” meint der Hannes vergnügt, “du kannst dir überlegen, ob du sprechen willst oder nicht. Totschlagen will ich dich noch nicht. Da habe ich ja nichts von dir.”
Einen angeschimmelten harten Kanten Brot wirft er mir vor die Pfoten. Ich beiße mir die Zähne fast daran aus. Den lieben langen Tage verbringe ich nun in der modrigen Gartenlaube, heulend, zähneklappernd und hungrig. Mein Gebieter, der “Hannes” will Kollegen treffen. Ich weiß, daß sie ein “Ding drehen” wollen. In der dunklen Nacht lärmen sie herein. Ich weiß, daß es Nacht ist. Ich kann in der Ferne drei Sterne am Himmel erkennen und den Mond, wenn ich durch eines der kleinen Fenster schaue. Hannes und seine Freunde werfen einen Sack auf den Fußboden. “Gib acht, du Blödmann,” schimpft der Hannes. Es wird ausgepackt. “Wie gut, daß wir beiden das Ding allein gedreht und die anderen mit Schnaps aus dem Verkehr gezogen haben.” – Tatsächlich, sie sind wieder nur zu zweit. – “Prima geklappt, was? So einen Glasschneider, der überhaupt nicht knirscht, habe ich noch nicht gehabt.” – “Eigene Erfindung,” sagt der dünne lange Mensch mit der Riesennase stolz. “Schaut dein Köter auch nicht zu und verpetzt uns dann?” fragt er besorgt. “Ich hätte das Biest längst vergiftet. Wenn es nicht quasseln will, dann weg damit!” – “Das werde ich auch tun,” antwortet Hannes, “Gift habe ich schon gekauft. Das streue ich ihm morgen ins Futter. Er frißt es bestimmt, so ausgehungert wie der ist! Ich bin’s leid mit diesem reudigen Köter, den ich doch nicht zum Reden bringe.” Böse schaut er in meine Ecke. Er glaubt, daß ich schlafe. Aber ich habe jedes Wort mitgekriegt. Ich puste ein bißchen, und sie glauben, daß ich schlafe. Sie packen im Kerzenlicht glitzernde, glänzende Ringe, Ketten und Uhren aus. “Das Köfferchen, das Köfferchen,” stöhnen sie immer wieder voller Wohlbehagen. “Dieser trottelige Juwelier, ohne sich zu wehren, rückte er den gesamten kostbaren Schmuck sofort heraus und packte ihn sogar noch in den Koffer. Und unsere Gesichtsmasken waren einmalig toll. Wir müssen aber so bald wie möglich verschwinden, und in Holland versetzen wir alles. Ich kenn dort die entsprechenden Leute. Hier können wir nichts mehr tun. Es wäre zu gefährlich. Und morgen muß der Köter das Fahrgeld für unsere “Rutsche” auf der Kirmes verdienen, und danach geht er erst hops. Wehe, er weigert sich weiter zu sprechen, dann setze ich ihn auf glühende Kohlen,” droht der Hannes. “Au fein,” kontert der dünne Kerl. “Wie gut, daß wir unseren Stand schon auf dem Rummelplatz beim Ordnungsamt angemeldet haben.” Ich nehme mir fest vor, ihnen das Fahrgeld oder gar ein Auto zu verdienen, mag kommen, was da wolle! Ich will nicht “hops” gehen, zumindest morgen noch nicht.
Wieder hat der Hannes mich in den stinkenden dunklen Sack gesteckt. Seine Freude war übergroß, als ich endlich mit ihm geredet habe. Er hat mir sogar mein dreckiges drahtiges Fell getätschelt. Und nun sausen wir auf einem geklauten Fahrrad davon. Der zugebundene Sack mit mir als Inhalt liegt auf dem Gepäckständer. Es rumpelt und pumpelt. Ich bin aber keines von den sieben Geißlein, sondern nur ein armer Hund. Ich weiß, diese Höllenfahrt führt auf den Rummelplatz. Irgendwann sind wir angelangt. Ein harter Plumps, der Sack wird losgebunden. Ich krieche heraus wie ein rheumageplagter armer alter Hund, schüttle mich und freue mich, daß ich endlich wieder frische Luft atmen kann.

Ich erlebe alles bewußter als in meinem bisherigen Hundeleben. Die goldene Sonne kitzelt meine nasse Hundenase, der Himmel spannt sich über mir aus und in ihn hinein ragt das Riesenrad und die vielen anderen bunten Karussells. Es herrscht ein hektisches Leben und Treiben auf dem Rummelplatz. Ich zermartere mir mein Hundehirn, wie ich wohl auskneifen kann. Aber der Hannes hält mich kurz und fest an meinem Hundehalsband. Kann er Gedanken lesen? “Ne, ne, Freundchen,” sagt er, “ausgerissen wird nicht!” Ein Gedudel, nicht schön, aber laut. Die Tic – Tac – Toe–Mädels singen sich ihre Kehlen aus dem Leib. Kirmesmusik – Kirmesromantik – Pärchen, die sich küssen, Männer, Frauen und Kinder laufen alle kulinarischen Köstlichkeiten essen auf dem großen Kirmesplatz umher. Nur ich krieg nichts zu fressen.
Zwischen einer Würstchenbude – hm, duftet das lecker! – und einer Schießbude ist unsere Bude aufgebaut. – Jeder Schuß eine Rose! – Jeder Schuß ein Kuß! Wer will noch mal, wer hat noch nicht?! Das Riesenrad schwenkt seine Körbchen hoch in die Runde. Wird den Leuten denn nicht schwindelig? Ich muß wieder an meine Ilse denken. Im vergangenen Jahr saßen wir beide in solch einer Schaukel. Mir war vielleicht schlecht geworden! Ach, könnte ich doch bei meiner Ilse sein! “Träum’ nicht mit offenen Augen. Jetzt wird gearbeitet!” Das ist der Hannes. Er tritt mich wieder einmal in meinen Allerwertesten. Mir ist mein Leben lieb. Ich springe ins Zelt, dort aufs wackelige Podium. Der Hannes hat sich vor dem Zelt an die Kasse gesetzt. Und da steht auch der Lange mit der Hakennase am Eingang, um die Leute einzulassen.
Ich schrei so laut ich schreien kann: “Hier sehen Sie, was Sie noch nie gesehen haben, mich, den sprechenden Hund. Ich kann in die Zukunft blicken und wahrsagen aus Ihren Handlinien. Hereinspaziert, hereinspaziert! Heute kostet der Blick in die Zukunft nur fünf Euro, morgen das Doppelte!” Tatsächlich, die Menschen strömen herbei. Mütter mit ihren Mädchen, die mich an Ilse erinnern. Sie schauen mich bewundernd an. Die Erwachsenen sagen: “Seht nur, was für ein häßliches Tier!” Ich bin der geborene Ballettänzer. Ich tänzel graziös über die wackelige Bühne nach den Klängen, die von der Raupe herüberschallen. “Kann der Hund aber fein tanzen!” Ein kleiner Junge klatscht begeistert in die Hände. Er geht nach vorne, weil er mich streicheln will. Die Mutter zieht ihn entsetzt zurück. “Sieh nur, wie schmutzig der ist!” ruft sie. Und da kann ich nicht anders. Trotzdem mein Fell in diesem Augenblick nicht juckt, kratze ich mich mit meinen dicken Pfoten, daß die Fetzen fliegen. “So!” kläffe ich wütend, “Sie feine Dame, sehen Sie sich mal Ihre Ohrläppchen an, da hängt noch Farbe vom letzten Haarefärben dran! Ihre Haare sind so rot wie die von Pumuckel! Igidegitt! Was sagt man dazu, feuerrote Haare!” Ich streiche mit meiner rechten Vorderpfote über mein großes Hundehaupt und merke, daß sich mein Fell wieder anlegt. Hannes kann sich vor dem Besucherandrang an der Kasse kaum retten. Mein Gezeter hat fast alle Leute vom Platz hierhergelockt. Alle, die da unten im Zelt stehen, lachen und gucken der Frau aufs Ohrläppchen. Sie verschwindet und zieht ihren schreienden Jungen hinter sich her. Hannes steht von seiner Kiste vor dem Eingang auf. “Genug meine Herrschaften, genug! Es gibt noch viele Vorstellungen!” Der Lange läßt keinen mehr rein. Geduldig stehen die Leute in der Schlange warten auf die nächste Vorstellung.
Und nun geht’s weiter. Wie soll ich die vielen Menschen unterhalten? Zu Tode erschöpft bin ich vor lauter Hunger. Die Bühne wackelt. “Bastard, zeig, was du kannst!” gröhlen ein paar Kahlköpfige. Ich verbeuge mich, so gut ich eben kann. “Guten Tag, meine lieben Herrschaften. Ich freue mich, daß Sie so zahlreich erschienen sind. Ich will Sie nicht mit dummen Gerede langweilen. Ich frage Sie, wessen Zukunft soll ich voraussagen? Nein, kommen Sie nicht zu mir herauf, ich komme zu Ihnen!” Als ich von der Bühne hüpfe, werde ich getreten. Doch ich beherrsche mich und zerfetze kein Hosenbein. Eine Frau beugt sich herunter zu mir. Sie riecht nach 4711. Sie trägt einen langen weiten Rock an. Sie streckt mir ihre verarbeitete Hand hin. “Ja,” sage ich aufs Geratewohl, Sie haben Arbeit und sind in einer Fabrik tätig.” – “Er hat recht!” ruft sie entzückt, “in einem Chemiekonzern. Ich wasche Fläschen und Gläschen für Pillen aus.!” – “Sie sind verliebt in einen Arbeiter,” phantasiere ich weiter. Sie müssen sich nur hübscher frisieren, und er wird sie auch nett finden.” – “Danke, danke,” stammelt sie fast taumelig vor Glück und rennt hinaus. Dabei konnte ich ihren Kopf und ihre Frisur gar nicht sehen. So geht es weiter – stundenlang. Ich kann nicht mehr. Ich tanze, schreie und kläffe mich durch den schönen sonnigen Nachmittag in diesem dunklen Zelt. Der Hannes ist sicher schon ein reicher Mann. Am Abend, als die tausend bunten Lichter erglühen, kann ich nicht mehr. Der Geruch vom Würstchenstand nebenan treibt mich zum Wahnsinn. Mir läuft das Wasser im Maul zusammen. Hannes denkt nicht daran, mir etwas zu fressen zu geben. Er und der Lange haben inzwischen Würstchen, Pommes frites, Erbsensuppe und .. und .. und .. verzehrt. Ich kann einfach nicht mehr. “Liebe Leute, liebe Leute,” meine Kehle wird immer heiserer. “Ich bin der einzige Hund, der sprechen und in die Zukunft schauen kann!” Ich betrachte kleine,
große, dicke, dünne, wohlgeformte, häßliche, saubere und schmutzige Hände. Versessen sind die Menschen darauf, sich mein dummes Gerede anzuhören. Einem jungen Mann, der mein Fell zärtlich streichelt, erzähle ich – und ich habe tatsächlich eine Halluzination: “Sie lieben eine Frau mit sehr schönen Augen und zarten Händen. Sie ist sehr musikalisch, und Sie werden Sie immer lieben. Sie müssen es ihr nur endlich einmal sagen!” Ich glaube, ich werde verrückt vor lauter Kohldampf. “Gehen Sie zu ihr, ” kläffe ich. Bestürzt verschwindet der junge Mann. Und jetzt packt mich der Koller. Ich rase durch die Menge, die mir erschrocken Platz macht. “Der Köter hat die Tollwut!” kreischen ein einige Besucher hysterisch. Ich renne draußen an den verblüfften schreienden Menschen vorbei, springe am Würstchenstand hoch, schnappe mir eine heiße Wurst, verbrenne mir das Maul und rase, was das Zeug herhält weg, nur weg. Den Hannes höre ich kreischen: “Haltet das Vieh, haltet das Vieh!” Dann erlöschen Kirmesgedudel und Lichter in meinem Kopf, und ich sinke in eine weiche schwarze Nacht und denke noch: “Nun bist du tot.”

Aber ich erwache wieder. Nach einer Woche, einem Tag oder einer Stunde? Ich weiß es nicht. Aber ich bin so glücklich, daß ich lebe. Meine liebe Ilse, komm’ und hol mich! Mein Kopf ruht weich. Das bin ich nicht mehr gewöhnt. Ich kann ihn kaum heben. Er schmerzt so furchtbar. “Bleib ruhig liegen, mein Hundchen,” sagt eine liebe Frauenstimme. Ich reib mir mit meinen Pfoten die Augen aus. Ist das nicht die hübsche Frau, die auf der Kirmes vor meinem geistigen Auge auftauchte, von der ich dem jungen Mann erzählte? Ja genauso sieht sie aus mit ihren dunklen Locken. Sie streichelt mit ihren zarten Händen mein struppiges dreckiges Fell. “Du kleiner Kerl,” sagt sie, “drei Stunden lang warst du bewußtlos. Ein lieber Freund brachte dich zu mir und erzählte mir, daß du ein ganz besonderer Hund bist und sprechen könntest. Er wollte wohl nur einen Spaß machen. Denn einen sprechenden Hund gibt es nicht.” Sie legt mich vorsichtig in ein weich ausgepolstertes Körbchen, das auf dem dicken Teppich steht. “Natürlich kann ich sprechen,” sage ich prompt. Ich beguck’ mir die Frau nun genau. Sie ist ja eine Schönheit! Viel schöner noch als Claudia Schiffer. Jetzt springt sie begeistert hoch und tanzt mit ihren langen Beinen im Zimmer umher und lacht und ruft: “Ein sprechender Hund, ein sprechender Hund! So was habe ich noch nie erlebt!” Sie gebärdet sich jetzt wie ein kleines ausgelassenes Mädchen. Der Raum ist durch Wandbeleuchtung erhellt. Die Wände sind mit heller Rauhfasertapete tapeziert. Eine Wand wird von einem Bücherregal eingenommen. Die vielen Büchern erinnert mich daran, wie gern Ilse immer gelesen hat, und von neuem überkommt mich mein Elend. Tränen schießen mir in die Hundeaugen. “Ilse,” kläffe ich. Ich weine in mein Körbchen hinein, anstatt dankbar zu sein, daß ich gerettet und dem Hannes entkommen bin. “Nun, Hundchen,” sagt die Frau jetzt, nachdem sie sich beruhigt hat, “gleich wirst du erst einmal gewaschen. Dann fühlst du dich sicher wohler.” – “Ich kann das selbst.” Ein zarter Hauch von Eternity umgibt sie. Ich rieche das gern. Ilses Mutter benutzt das auch und geht sehr sparsam damit um. “Das ist teuer,” hat Ilse mich aufgeklärt. Aber erst einmal führt mich die Frau in die Küche an einen Napf, der mit dem herrlichsten frischesten Chappy gefüllt ist. Ich stürze mich wie ein hungriger Wolf darüber her. Ich werde sogar satt, pupesatt. Zufrieden kuschel ich mich in mein Körbchen. Das Waschen kann noch warten. Es klingelt an der Wohnungstür. Besuch! Ja, und was für ein Besuch! Es ist der nette junge Mann von der Kirmes, dem ich die Handlinien gedeutet habe. Ich komme mir vor wie in einem Märchen. Ist das hier vielleicht auch eins? Ne . . . ! Hoffentlich träume ich jetzt nicht, und ich bin noch beim Hannes im muffigen Kartoffelsack. “Sieh nur,” sagt Annegret – so nennt sie der junge Mann – “dein Freund ist aufgewacht. Und er kann tatsächlich sprechen.” – “Sagte ich doch. Guten Tag, Kerlchen. Da hast du ja noch mal Glück gehabt. Du warst ohnmächtig, als ich dich unter einem Kirmeswagen hervorgezogen habe. Zuerst glaubte ich, du seist tot.” – “Das dachte ich auch,” antworte ich. Und nun erzähle ich den beiden die ganze Geschichte von meiner Arbeitsuche und dem Hannes mit der Schlägerkappe.
Sie hören aufmerksam zu. “Du bist hier in einer ganz anderen Gegend,” sagen sie. “So ein Arbeitsamt, wie du es beschreibst, gibt es hier nicht. Der Hannes mit der Schlägerkappe hat dich weit genug fortgeschleppt, damit du ja nicht zurückfindest nach Hause. Paß auf, gleich wäschst du dich sauber, schläfst eine Nacht hier, und morgen früh gehen wir zur Polizei. Und dann werden wir herausbekommen, wo deine Ilse mit ihrer Mutter wohnt. Machen wir’s so?” und ob!! Mein Freund streicht der Annegret übers Haar. “Ach Peter,” sagt sie, “hoffentlich können wir unserem Hundchen helfen.” – “Ich heiße Stroppi,” verrate ich nun meinen Namen. “Bis morgen,” sagt Peter und verläßt Annegrets Wohnung. Ich mache: “Kläff, kläff.” Ich bin ja schließlich ein Hund. In dieser Nacht schlafe ich gut.
Nicht die Sonne weckt mich am nächsten Morgen, obwohl sie bereits hoch am Himmel steht. Eine laute Stimme hat mich aus dem Schlaf geholt. Ich springe aus meinem Körbchen, kletter auf die Fensterbank und guck nach draußen. Annegret wohnt in der I. Etage. Vor der Haustür auf dem Bürgersteig steht ein Mann. Er verkauft die BILD-Zeitung. Prall gefüllt ist seine Tasche auf dem Gepäckträger seines Fahrrades. “BILD noch nicht im Bilde!” schreit er mit heiserer Stimme. Raffinierter Juwelendiebstahl vom gestrigen späten Abend noch ungeklärt! Es sind 5.000,- Euro Belohnung ausgelobt für Hinweise, die zur Ermittlung der Täter führen. Annegret geht runter und kauft eine Zeitung. Ich erzähle ihr, was in der alten Gartenlaube des Nachts der Hannes und sein Kumpan an kostbaren Klunkern aus ihrem Köfferchen ausgebreitet und sich daran erfreut haben. Das waren die gestohlenen Juwelen, jawohl! Hannes ist der Dieb! Da gibt’s für mich keinen Zweifel. Schnell, schnell zur Polizei!
“Der Köter ist kaputt Hannes, glaub mir,” mit diesen Worten versucht der Lange mit der Hakennase seinen ängstlichen “Freund” zu beruhigen. “Ich selbst habe ihn noch unter einen Kirmeswagen gestoßen, als er schon im Jenseits war. Der kann uns nicht mehr verpetzen!” – “Ja, aber er lag doch nicht mehr dort,” meint Hannes zögerlich. “Mensch, halt die Klappe. Ist doch klar, daß sie das Vieh weggeschafft haben. Schließlich waren viele Kinder auf dem Rummelplatz. Gib schon Gas und mach, daß wir weiterkommen.”
Recht adrett anzuschauen sitzen die beiden in ihrem Leihwagen, ein nobler Opel-Omega. Sie wollen natürlich so schnell wie möglich ins Ausland. Hannes trägt nun eine neue blaugrün karierte Kappe. Beide sind von oben bis unten neu eingekleidet. Kaum wiederzuerkennen sind sie. Stroppi hat ihnen trotz seines zeitigen Abbruchs der Vorstellung auf der Kirmes so viel Geld eingebracht, daß sie sich dieses feine Aussehen leisten können. Auf einem der hinteren Sitze liegt ein schmaler schwarzer Lederkoffer. Ratet mal, was die enthalten. Dumme Frage! Entschuldigung! Ihr wißt das natürlich. Die Sonne steht hoch am Himmel Es geht auf Mittag zu. Die beiden brausen nun über die Autobahn, als sei das für sie die selbstverständlichste Sache der Welt.

Andere Auto jagen hupend an ihnen vorbei. Sie winken netten Damen hinter dem Steuer zu und markieren den dicken Wilhelm. Dabei sind sie ganz gemeine Diebe und Tierquäler. “Heißa, Hannes,” schreit der Lange, “das haben wir doch prima gemacht. Wir brauchen nie mehr zu malochen, uns keine verfallene Gartenlaube mehr zum Pennen suchen. Wir sind feine Leute, jippi!” Die beiden riechen nach aufdringlichem Rasierwasser, und sie träumen von einer schwarz gekachelten Badewanne, in die sie in einem First–class–Hotel steigen wollen. Sie laden im Geiste die schönsten Mädchen zu Champagner und Kaviar ein. “Und eines Tages,” sagt plötzlich der Lange, “trete ich in einer berühmten Band auf und hau auf die Pauke, daß es nur so kracht!” – “Hör auf zu spinnen,” schimpft der Hannes, “guck dich lieber um und paß auf, ob die Polizei hinter uns her ist. Bete, daß wir unbeschadet ins Ausland kommen.”
In diesem Augenblick betreten Stroppi und Annegret das Kommissariat in Neuss. Klavierstunden hat’s vorher noch gegeben bei Annegret zu Hause, und der Stroppi hat jetzt noch Ohrenschmerzen von den vielen falschen Tönen. Ja, die Hunde und ihr feines Gehör! Aber jetzt lassen wir Stroppi wieder zu Wort kommen.
Wir betreten den Flur der Polizeidienststelle. Wir haben ja so viel zu erzählen! Ich kenne den Juwelendieb! Annegret hat sich schick gemacht. Sie trägt einen langen engen Rock und Plateauschuhe mit einer ganz ganz dicken Sohle. Und der Absatz erst mal! Sie sieht prima aus. Ich freu mich wieder meines Lebens. Und wenn ich die Annegret nicht so gerne hätte, würde ich vor lauter Übermut ein Hundetänzchen aufführen. Aber das schickt sich hier nicht. Annegret klopft zaghaft an der ersten Tür rechts an. Auf ein kurzes “Herein” betreten wir den Raum. Hinter einem mächtigen Schreibtisch sitzt ein achtunggebietender Mann mit einer kräftigen Stimme. “Guten Tag!” erwidert er unseren Gruß, “was gibt’s denn? Sie sehen, ich habe keine Zeit. Er deutet auf einen zweiten mit Computer ausgestatteten Schreibtisch, vor dem eine junge Frau emsig irgendwelche eingibt. Annegret lächelt und sagt: “Dieser Kleine, Herr Kommissar, hat Ihnen viel zu erzählen.” – “Ha, ha, ha, ein Hund, der Geschichten erzählt, ist mir in meiner gesamten Laufbahn noch nicht begegnet.” Er lacht laut. “Sind Sie eine Bauchrednerin? Suchen Sie einen Job? Dies ist ein Polizeirevier und keine Jobvermittlung. Ich laß mich nicht gern von jungen Damen auf den Arm nehmen.” – “Doch, doch, ich kann sprechen, wenn es sein muß. Und jetzt muß es sein,” mische ich mich ein. “Ich kann nicht glauben, daß es so etwas wie einen sprechenden Hund gibt,” sagt er verblüfft. “Junge Frau, bitte nehmen Sie Platz”. Annegret läßt sich erleichtert auf einen Stuhl fallen. Ich erzähle dem Herrn Polizeibeamten, der mein volles Vertrauen gewonnen hat, die ganze Geschichte, während dieser immer angestrengt auf Annegrets Mund guckt. ob sich die Lippen wohl bewegen.
Alles, alles, gebe ich preis, meine Arbeitsuche, meine Not in dem finsteren Sack, selbstverständlich von Hannes und dem Langen und den glitzernden Juwelen in der Gartenlaube. Ich komme mir dabei ziemlich dumm vor, denn auf Befragen, in welcher Gegend die fragliche Laube wohl steht, kann ich keine Antwort geben. Annegret bittet den Herrn Kommissar, uns bei der Suche nach meiner kleinen Ilse und deren Mutter behilflich zu sein. Er verspricht es. Aber zuvor muß ich helfen, die beiden Diebe dingfest zu machen. Aber wie? Wie es jetzt weitergehen soll, paßt mir gar nicht. Ich muß erst mal hierbleiben, und Annegret darf nach Hause gehen. “Wir bringen Ihnen den Hund abends wieder,” verspricht unser neuer Freund. Annegrets Daten sind längst in den Computer eingegeben. “Also dann auf Wiedersehen, Stroppi,” sagt sie und streichelt meinen Hundekopf. “Auf Wiedersehen, Herr Kommissar.” Sie verläßt den Raum, und ich bin mit dem Polizeibeamten allein. Ich bin traurig, obwohl er sehr nett zu mir ist. Im Nu steht ein Napf Chappy vor meiner Nase. Hm, lecker. Ich leck mir noch den Bart, als ich mit dem Kommissar und einem weiteren Polizeibeamten in Uniform ins Polizei nach hinten auf die Sitze springe. Tatütatata, wir fahren durch die Gegend und halten an jeder Gartenkolonie an, Lauben, Lauben, aber die eine ist nicht dabei.
Es ist herrlich, im Polizeiauto durch die Landschaft zu
düsen. Rein gar nichts kommt mir bekannt vor. Es gibt bald keinen Schrebergarten mehr, den wir nicht kontrolliert haben. Ich werde müde. Bald bricht die Dämmerung herein. Vielen Autos fahren schon mit Licht. Ich muß an Ilse denken. Wo mag sie sein? Sucht sie mich? Das Auto hält an. Und wieder einmal sind wir vor einer Schrebergartenkolonie angelangt. Die Scheiben im Wagen werden heruntergekurbelt. Ich schnupper und schnupper. Bekannter Geruch? Könnte sein! Viele schnuckelige Gartenhäuschen gibt es hier. Rasenmäher fahren über die Grasflächen, Menschen lachen und scherzen, Männer sitzen auf Bänken und trinken Bier und schauen uns neugierig hinterher, als wir den schmalen Wegen an ihren Gartentörchen vorbeilaufen. “Können wir helfen?” – “Nein, nein, nichts Besonderes,” antwortet der Polizist. Wieso nichts Besonderes? Er will die Menschen nicht ängstlich machen oder gar aufregen, meint der Polizist in Uniform. Der Kommissar ist im Auto sitzengeblieben. Er erinnert mich an Annegrets Freund. Nun haben wir eine alte total baufällige Laube erreicht. “Da kümmert sich schon lange keiner drum, seit der Heini tot ist, die will wohl keiner aus seiner noblen Verwandtschaft haben,” ruft der Mann von gegenüber uns über den Gartenzaun zu. “In diesem Jahr ist da nichts gemacht worden. Kein Mensch kümmert sich um die Bruchbude. Die ist eine Schande für unsere Schrebergartenanlage.” – “Schon gut,” meint der Polizist, “das wollen wir gar nicht so ausführlich wissen. Haben Sie denn nicht . . . . ” –

Ich unterbreche ihn aufgeregt. Mein Schwanz wedelt hin und her. “Das ist sie,” sage ich, “hierrein wurde ich verschleppt, und hier hat’s in der besagten Nacht ganz schön geklimpert. Ich rieche das alte Holz vermoderte Holz. Diese Strolche!” – “Na endlich, Stroppi,” sagt mein freundlicher Polizist. Wir betreten diese Moderhütte. Die Tür knarrt genau wie bei meinem letzten Aufenthalt. Ich frage mich nur, was haben wir davon, wenn wir wissen, daß die Verbrecher hier mit mir gehaust haben. Die Kerle sind doch längst über alle Berge. Eine Männerstimme vom Weg her: “Hallo Wachtmeister, suchen Sie den Mann mit der Speckmütze?” – Und ich kläffe die Antwort: “Ja, ja, der meint bestimmt den Hannes, der mich umbringen wollte.” Ein Mann im Trainingsanzug und einem Dreitagebart blickt über den zerfallenen Zaun. “Das ist bestimmt der Köter, der ein paar Nächte lang so erbärmlich gejault hat. Wissen Sie, den hat man bis auf die Straße gehört.” – “Ich bin kein Köter,” unterbreche ich den Redeschwall, ich bin ein Hund, für den Steuern bezahlt werden.” – “Beruhige dich, Stroppi,” sagt der Polizist tätschelt mein Fell. “Herr Wachtmeister, Sie sind aber ein Witzbold,” meint der Mann am Zaun, “Sie sind ja ein perfekter Bauchredner.” Schon wieder dieser Irrtum. Aber was tut’s? Hoffentlich krieg’ ich nicht die Wut und zerre ihm die Trainingshose vom Leib. Aber mein Freund in der grünen Uniform sagt: “Stroppi ist ein sehr netter, zur Zeit heimatloser Hund. Er könnte der Welt bester Polizeihund werden, wenn er nur wollte!” – “Ich will zu meiner Ilse!” heule ich verzweifelt. “Der Hund kann nichts dazu, daß er reden kann. Diese Gabe ist ihm zum Verhängnis geworden.” – “So?” meint der Gartenfreund perplex, “ne so was, ein sprechender Hund, das glaubt mir kein Mensch!” Aber passen Sie mal auf, Herr Wachtmeister, was ich Ihnen erzähle: “Der Mann mit der Speckmütze und so’n Langer mit einer riesengroßen Nase haben die ganze letzte Nacht hier rumgesoffen und getobt. Sie schrieeen vor Spaß. Sie wußten ja nicht, daß ich in dieser Nacht in meiner gegenüberliegenden Laube geschlafen haben, bzw. schlafen wollte. Von einem Sauköter war die Rede, der überhaupt nicht gehorcht hat. Über Brillis im Goldschmuck haben sie sich lautstark unterhalten, die sie in Venlo in Holland in Geld umsetzen wollen. Und heute morgen sind sie in aller Frühe verschwunden. Da konnte ich endlich einschlafen.” – “Und warum haben Sie nicht die Polizei informiert?” – “Tja, sollte ich? Ich dachte doch, die spinnen nur darum. Und dann hatte ich auch Angst, es passiert ja soviel! Wir gehen zum Polizeiauto zurück. Die Leute gaffen neugierig hinter uns her. Und ich tänzel daher, als sei ich der graziöseste Hund dieser Welt. War die ganze Sucherei nach der Laube nicht sinnlos? Ich weiß es nicht. Wenn die Verbrecher davonkommen, will ich nicht mehr Stroppi heißen, sondern Harras. Und das wäre das Allerärgste, was mir je passieren könnte. Es wird hin- und hergefunkt im Polizeiauto. Der Polizeiapparat ist in Bewegung gesetzt.
In der Polizeidienststelle, in die ich wieder mitgenommen werde, haben die Beamten inzwischen erfahren, daß die beiden Diebe sich heute morgen in einem Kaufhaus sehr auffällig benommen und sich vollständig neu eingekleidet haben. Es wird nach meiner Beschreibung ein Phantombild angefertigt für einen Steckbrief. Na ja, ob der Hannes immer noch die Speckmütze trägt, kann ich nicht wissen. Aber auf dem Bild des Zeichners trägt er eine Kappe. Ich bin ja nur ein Hund und kann mir den Hannes mit Hut nicht vorstellen. Natürlich werden die 5.000,– Euro auch ausgelobt. Annegret holt mich ab vom Polizeirevier ab. Wir fahren in ihrem kleinen Auto ihr nach Hause und bin sehr froh, daß die Polizei mich nicht wieder fahren mußte, obwohl der Kommissar das versprochen hatte. Trotzdem sehne ich mich nach meiner Ilse. Diese gemeinen Kerle. Verschleppt haben sie mich. Nur böse Gedanken haben Platz in ihren Menschenköpfen. Sie hätten mich umgebracht! Vorm Einschlafen denk ich noch mal an die beruhigende Worte des Kommissars: “Mein lieber Stroppi, morgen finden wir bestimmt deine Ilse.” – Bisher habe ich ganz vergessen zu sagen, daß die beiden Halunken mir natürlich als erstes meine Hundemarke mit der Steuernummer abgenommen hatten. Da steh’ ich nun. Wie soll man meine Lieben ausfindig machen?
––––––––––
Weiter erzählt der Mensch, der diese Geschichte kennt und aufschreibt.
Hat Stroppi recht behalten? Wiegen die beiden sich tatsächlich schon in Sicherheit? In den späten Abendstunden heulen die Polizeiautos über die Autobahn Richtung Holland. Und die Diebe? Die liegen seelenruhig in Betten, von und in denen man träumen kann in einem komfortablen 5-Sterne-Hotel in Venlo. “Nun sind erst einmal sicher,” so denken sie. Eine Hehleradresse in Holland haben sie auch. Aber diese Nacht in dem prachtvollen Hotel wollen sie so richtig genießen der Hannes und der Lange. Morgen werden sie den kostbaren Schmuck umsetzen. An Stroppi denken sie nicht mehr. Der ist für sie erledigt. Aber gerade, weil sie sich so sicher fühlen, muß es ja anders kommen. Und mitten in der Nacht klopft’s plötzlich kräftig an ihrer Zimmertür, anhaltend und zermürbend. Sie verhalten sich vor lauter Schreck mucksmäuschenstill in ihren Betten. Der Lange zieht sich die Bettdecke über den Kopf, und der Hannes rennt mit dem Schmuckkoffer im Zimmer hin und her und weiß nicht wohin damit. Die beiden Polizisten vor der Tür werden immer wütender und lauter. “Aufmachen, Polizei! wir brechen die Tür auf, wenn Sie nicht öffnen!” Aufgeregt läuft ein Hotelbediensteter auf dem dicken roten Läufer hin und her. “Wecken Sie die übrigen Gäste nicht,” stöhnt er, “ein Fürstenpaar ist Gast in unserem Hause. Diese Schande, diese Schande! Sie ruinieren unseren guten Ruf!” Aber was hilft’s? Das Gesetz schreitet ein. “Aufmachen, aufmachen!” Nach einer Weile wird die Zimmertür ganz langsam um einen winzigen Spalt geöffnet. Und zum ersten Mal gibt es den Hannes ohne eine Kappe.

Go back to top