Waffenbrüder

von Janek Heinrich (copyright)

Wer behauptet, ich sei ein Militarist, nur weil ich bei der Bundeswehr gewesen bin, der ist ein Lügner, denn ich habe immerhin einen sehr persönlichen Beitrag zur Abrüstung des Westens geleistet.
Wer mich dagegen als Feigling bezeichnet und sagt, dass ich meinem Vaterland nicht hätte dienen wollen, der lügt ebenfalls.
Gewollt habe ich, soviel steht fest.

Die Jungs vom Kreiswehrersatzamt hatten mir eine freundliche Einladung geschickt mit der Aufschrift „Persönlich“.
Ein sehr offizielles Dokument.
Sie hielten große Stücke von mir und, obwohl sie mich doch gar nicht richtig kannten, waren sie der Meinung, so stand es da geschrieben, ich würde ganz hervorragend zu ihrer Truppe passen und sollte doch mal vorbei schauen.
Ich fand das nett von denen, dass sie an mich gedacht hatten, aber ich war mir nicht sicher, ob ich ihre Erwartungen auch erfüllen konnte.
Ich erkundigte mich erst mal bei meinen Kumpels am Bahnhof, was denn da wohl so alles auf mich zu kommen würde.
Bruno sagte: „ Bundeswehr ist gut. Bundeswehr muss sein – und vor allem, du hast nen lauen Job da. Du läufst ein bisschen durch die Gegend, schmeißt dich ab und zu mal in den Dreck, aber dann ist auch wieder gut – dann ist Mittag.
Dann machst du ein Schläfchen, danach noch zwei, drei Kniebeugen bis zum Kaffetrinken; anschließend schießt du ein paar Löcher in einen Pappkameraden, danach gibts Abendbrot – deine Vorgesetzten klopfen dir auf die Schulter, weil du alles so gut gemacht hast und schon geht es ab ins Bettchen.“
„Genau“, sagte Gerhard, „da kann man nicht meckern, der ‘Bund’ das ist schon eine schöne Zeit. Also wenn ich mich so zurück erinnere,… Am Wochenende wird gesoffen, oder ein bisschen mit dem Zug gefahren nach Hause, wenn man will.
Und wenn man nicht will, bleibt man eben in der Kaserne, da ist auch ein großer Zaun drum, da braucht man keine Angst zu haben, dass man vielleicht überfallen wird oder so.“
Das klang nicht schlecht: Drei Mahlzeiten am Tag, ab und zu mal ein bisschen spazieren gehen oder Turnen, das würde ich schon schaffen – ich bin nicht für Turnen, aber egal, man konnte ja mal guten Willen zeigen.
„Gibt’s da auch Weiber?“ fragte ich.
„Klar“, sagte Bruno, „ jede Menge. Jeden Dienstgrad den du haben willst, und am Wochenende gehst du in die Dorfdisco. Da warten sie schon auf die schicken Kerle in Uniform.“
„Da stehen die drauf“, sagte Gerd und grinste mir mit seinen fehlenden Schneidezähnen entgegen,„ die haben alle „Top Gun“ gesehen.“
„Und Bier?“ sagte ich „ich meine Bier – gibt es da denn auch ordentlich was zu trinken? Ist das im Preis mit drin, oder muss man das selber mitbringen?“
„Ja, also…“ sagte Bruno, „ also Bier gibt es auch,… am Wochenende in der Kneipe. In der Kaserne eigentlich nicht so regelmäßig.“
Das gefiel mir nicht – was soll man mit Mädchen, wenn man kein Bier hat; dann traut man sich doch nicht.
Ich meine, wenn ich schon für mein Vaterland Kniebeugen machen soll und auf Pappkameraden schießen und noch allerhand andere Mätzchen machen, dann können die doch eigentlich auch für Bier sorgen, oder?
Das ist doch nicht zu viel verlangt.
Mir kamen echte Zweifel, ob das denn alles so das richtige für mich sein konnte.
Ich dachte mir: Nein, vielleicht werde ich den hohen Erwartungen dieser Leute ja doch nicht gerecht – und dann? Dann ist es ihnen nachher peinlich, und dann müssen sie eingestehen, dass sie sich mit mir vertan haben.
Der Gedanke war mir unangenehm.
Nee, da wollte doch lieber meinen Platz jemandem überlassen, der weniger Wert auf Bier mit Mädchen legt als ich, und vielleicht auch bessere Liegestütze zustande kriegt und auch noch etwas genauer auf den Pappkameraden schießen kann.
Erst hatte ich gedacht, ich schicke denen eine Karte, wünsche ihnen alles Gute, und versuche zu erklären, dass ich aus persönlichen Gründen lieber doch zu Hause bleiben will.
Aber ich hatte keinen Stift im Haus, und darum ließ ich es sein.
Ich dachte mir es wäre besser, wenn das ganze einfach in Vergessenheit geraten würde.
Weil: „Tote Hunde schlafen nicht“, wie man so sagt.

Eines Tages standen sie vor meiner Tür und hielten mir einen Zettel unter die Nase.
Sie sagten, sie wären die Feldjäger, und ich soll mitkommen.
Das war so gegen halb elf am Morgen, ich meine da ist man ja noch nicht mal wach – aber sie ließen sich nicht erweichen.
Ich fragte mich natürlich, was die Feldjäger eigentlich mitten in der Stadt zu suchen haben, sollen sie doch auf dem Feld jagen, wenn sie denn unbedingt jagen wollen – aber nein, sie wollten mich mitnehmen, darum waren sie hier; und in die Stadt durften sie auch.
Die grünen Männer waren nicht wirklich unfreundlich, ich durfte mich sogar noch anziehen und rasieren und ein paar Kleinigkeiten einpacken.
Sie waren höflich, aber bestimmt – das einzige was mich störte waren die Handschellen; zumal die Nachbarn dann auch alle gleich aus den Fenstern geguckt haben.
Die haben mir hinterher gepfiffen und einer hat gerufen: „Na du versoffener Sack, jetzt ham se dich doch am Arsch gekriegt. Verteidige mal schön unsern Plattenbau, und zeig mal was du drauf hast.“
Ich fand das nicht nett, muss ich ehrlich sagen – zumal ich nicht mehr trinke als jeder andere.
Die Herren, die mich abführten, ließen sich davon nicht weiter beirren und brachten mich in ihrem Lieferwagen zum Stabsarzt.
Der sollte mich auf Herz und Nieren prüfen.
Da hab ich ihm dann gesagt, also das Herz ist gut, die Nieren wüsste ich nicht, das könnte schon sein, die hätten ja auch immer ordentlich zu tun…
Na, dann sollte ich mal eine Urinprobe abgeben, und er gab mir einen kleinen Messbecher und ich dachte – gut, tu ich ihm den Gefallen. Ich meine, man will ja auch niemanden verärgern.
Ich gab mir richtig Mühe, und es war dann nur etwas problematisch das volle Gläschen ohne zu verschütten auf seinem Schreibtisch abzustellen – ging aber.
Der Doktor hatte da schon mehr Schwierigkeiten, das Glas ohne zu kleckern wieder weg zu nehmen, aber da konnte ich ja nichts dafür.
Wenn der am Morgen nicht zittern will, dann soll er am Abend eben nicht so viel saufen, dachte ich.
Er klopfte so an mir herum und prüfte die Reflexe, er guckte mir in den Hals und auch wo anders – das ging mir etwas zu schnell, ich meine, wir waren uns ja kaum vorgestellt worden.
Er stellte fest, dass ich Plattfüße habe und nahm mir Blut ab, was ich übertrieben fand.
„Ein bisschen zu fett“, sagte er dann.„ aber das kriegen wir schon.“
Das war eine Bemerkung, die er sich hätte schenken können.
Dann saß ich auf dem Flur in Unterwäsche und Socken und wartete auf das Ergebnis der Untersuchung.
An einem Schreibtisch gegenüber saß eine süße Maus mit einem weißen Kittel.
Die grinst mich an und sagt: „ Na, wo willst denn du mal hin?“
„Hin?“ sag ich, „ wo soll ich hin wollen, ich will bald wieder nach Hause. Ich muss mal ein Schläfchen machen, die haben mich mitten in der Nacht aus dem Bett geholt.“
„Nein“, sagt sie , „ich meine zu welcher Einheit du willst, zu welcher Waffengattung.“
Darüber hatte ich mir noch nie Gedanken gemacht.
Ich sag: „Ja, was ist denn da so zu empfehlen?“
„Marine“, sagt sie, „die Marine hat die schönsten Uniformen. Die sehen wirklich schmuck aus, die Bengels.“ Sie ließ eine Kaugummiblase zerplatzen.
„Nein“, sag ich, „ Marine, die haben doch mit Schiffen zu tun, oder?“
„Ja“, sagt sie, „Marine hat mit Schiffen zu tun..“
„Nee“, sag ich, „ das is nix für mich, da wird mir schlecht. Das Geschaukel vertrage ich nicht.“
„Na, dann vielleicht U-Boot“, sagt sie, „die schaukeln nicht. Und vor allem jetzt, wo es doch die Neuen mit Atom-Antrieb gibt.“
Ich sag: „ U-Boot? – das ist doch unter Wasser.“
„Ja“, sagt sie, „ U-Boot hat damit zu tun. Das ist auch unter Wasser.“
„Nein, nein“, sag ich, „unter Wasser, da… da kriege ich ja Budenangst. das geht ganz bestimmt nicht. Ich kann ja auch gar nicht schwimmen.“
Und dann zählte sie mir alle Möglichkeiten auf, die man als aufstrebender Waffenträger so haben kann, und jede Ausbildung und wie spannend das doch alles ist. Aber wir kamen nicht so recht überein, denn es gab an allem etwas, das mir nicht so richtig liegen wollte. Am Ende blieben nur noch die Panzer.
Panzerfahrer, sagte sie, das würde es doch sein.
Panzer! damit durch’s Gelände heizen, das war doch abenteuerlich und das konnte sie sich gut für mich vorstellen; so mit dem „Leopard“, oder mit dem „Ozelot“ , oder dem „Tiger“ die Heide verwüsten, das war doch besser als Paris – Dakkar.
Was immer das auch heißen mochte.
Sie lächelte mich so bezaubernd an, dass ich sagte: „ Ja, das könnten wir versuchen.
Doch, doch… das könnte vielleicht was sein.“
Und so unterschrieb ich auf dem Zettel, und kreuzte an: Panzerfahrer.
Ich hatte schon immer ein besonderes Faible für Kettenfahrzeuge gehabt, und „Panzer-Fahrer“ war ja auch etwas, das mit „fahren“ zu tun hatte, und fahren fand ich immer noch besser als „laufen“ oder „schwimmen“.
Allerdings hoffte ich im Stillen immer noch auf ein medizinisches Ergebnis, dass mich für untauglich erklärte – große Maschinen hin oder her.
Aber zu meiner Überraschung war ich tauglich.
Gut, dachte ich, du bist gesund, das ist schon mal nicht schlecht – dann brachten sie mich in die Kaserne.
Da war es eigentlich… auch nicht so schön, wie ich gedacht hatte; ich musste mit noch fünf anderen auf einem Zimmer schlafen und das war ich nicht gewöhnt.
Es gab da gar keine Frauen, wie Bruno gesagt hatte, es gab roten Tee, und vor allem standen diese Leute immer in aller Herrgotts-Frühe auf.
Das ging ja gar nicht.
Ich stellte fest: Mein Kumpel hatten mich belogen.
Es war viel mehr Laufen, als er gesagt hatte. Viel mehr Liegestütze, als er gesagt hatte, und das Essen war auch für die Hose.
Nicht besser als meine Ravioli zu Hause, und nicht mal richtig warm.
Es dauerte vier Tage – doch, so lange gab ich ihnen.
Ich brachte ein paar konstruktive Verbesserungsvorschläge ein, aber es änderte sich nichts, und so ging ich am fünften Tag zu meinem Vorgesetzten und sagte: „ Hallo, Herr Major …“
„Können Sie nicht anständig grüßen?“ sagte der.
Ich sagte: „Moin“, das gefiel ihm aber auch nicht.
Dann versuchte ich es ihm klar zu machen, und sagte: „ Es ist hier leider doch nicht wirklich so schön, wie ich es mir vorgestellt habe, seien sie da nicht beleidigt; aber ich möchte dann doch lieber den Dienst quittieren – die Probezeit ist ja auch noch nicht vorbei…“
Da schnauzt der mich an: „Stellen sie sich mal gerade hin. Was faseln Sie da für einen Unsinn? Sind Sie denn besoffen, Mann?“
Ich sag: „Nein, das ist ja gerade das Problem.“
Gehen Sie sofort auf ihre Stube, sagt er, gleich ist Appell und wenn Sie da nicht pünktlich auftauchen Soldat, dann werde ich mit ihrem Arsch den Boden wischen… und was er nicht noch alles erzählte.
Also, er hörte mir gar nicht wirklich zu – er verstand einfach mein Problem nicht.
Das betrübte mich dann doch.
Und so vergingen die Tage, und wir machten Leibesübungen, krochen durch den Dreck, kletterten über Zäune und machten uns die Hosen kaputt – als ob so was irgendeinen Feind beeindrucken konnte. Vielleicht hätten die sich ja tot gelacht, wenn sie uns gesehen hätten, ich weiß es nicht.
Dann kamen die Schießübungen, die waren auch nicht ganz so erfolgreich, wie es der der Ausbilder gern gesehen hätte, aber das lag ganz klar am Gewehr.
Das musste man jeden Abend auseinander nehmen und auch wieder zusammensetzen; ich meine, welcher Apparat der was taugt braucht so viel Aufmerksamkeit?
Da haben die Chinesen euch aber einen ziemlichen Schrott angedreht, sagte ich zum Spieß – und ging zwei Tage in den Bau.
Danach behauptete ich, dass meine schlechten Ergebnisse bestimmt mit meinen pazifistischen Genen zu tun hatten – unbewusst wollte ich wohl nicht mal dem Pappkameraden weh tun. Der Armeepsychiater glaubte das auch.
Unser bester Schütze war der Peter, Peter Johannsen, der holte mit einem Schuss mehr Ringe, als ich mit dem ganzen Magazin.
Eines Tages sag ich zu ihm: „Johannsen, warum schießt du eigentlich so gut?“
„Das ist ganz einfach“ , sagt er, „ich stelle mir einfach vor, das da ist mein größter Feind. Na, und dann geb ich’s ihm ordentlich.“
„Was für ein Feind?“
„Na, ein Russe vielleicht.“
„Ich hab nichts gegen Russen.“
„Dann ein Chinese, die Rote Gefahr.“
„Ich hab nichts gegen Chinesen.“
„Dann eben der Typ, der deine Schwester geschwängert hat.“
„Ich bin Einzelkind.“
„Vielleicht ist es der Schweinehund, der deine Freundin vergewaltigen wollte.“
„Ich habe keine Freundin.“
„Dann weiß ich nichts mehr“, sagte Peter.
Ich schoss weiterhin daneben.

Eines Tages führte man uns die Panzer vor, man zeigte uns unseren neuen Arbeitsplatz.
So, sagten sie, da steigt mal ein, dann werdet ihr eingewiesen – und dann geht es auch bald los. Und alle waren sehr aufgeregt – ich erst nicht, aber als ich durch die enge Luke sollte, dann doch.
Ich fragte, ob ich nicht vielleicht auch außen mitfahren könnte, weil es doch etwas wenig Platz für so viele Leute da drinnen war – aber nein, ich musste durch die Luke, und ich musste da rein, und da war es dunkel und laut und sehr warm und roch nach Füßen.
Ich konnte mir nicht vorstellen, wie man sich in diesem Ding für längere Zeit wohlfühlen sollte.
Man konnte auch kein Fenster aufmachen, es gab da keine Fenster.
Ein Vorschlag, den ich bei Gelegenheit dann mal meinem Vorgesetzten unterbreiten wollte: Fenster einbauen.
Dann sieht man auch viel mehr, wie soll man denn richtig schießen, wenn man nichts sehen kann? Die Jungs hatten das nicht drauf, die hatten im Detail doch echt gepfuscht.
Von der ganzen Einweisung blieb mir eigentlich nur im Gedächtnis, dass der Ausbilder auf eine große, rote Lampe zeigte und sagte: „ Diese Lampe darf nicht aufleuchten, dann wird der Motor zu heiß. Und wenn der Motor zu heiß wird, dann geht der kaputt. Und ein Gerät wie dieses hier, kostet fünf Millionen, das ist viel Geld – soviel verdient ihr in eurem ganzen Leben nicht. Also Leute, immer schön darauf achten, auf die rote Lampe.“
Ich weiß auch nicht, woran es gelegen hat, ob mein innerer Pazifist da wieder am Werk war, jedenfalls kam vierzehn Tage später das Manöver und wir durften dann auch mit unseren neuen Panzern ins Gelände.
Und ich dachte: Gut, geben wir mal ordentlich Gas, damit wir das hier auch bald mal hinter uns haben. Und tatsächlich, da leuchtete die rote Lampe auf und ich meinte wohl im Eifer des Gefechts, das sei der Hinweis darauf, dass der Motor seine Betriebstemperatur erreicht hatte und man jetzt nochmal richtig beschleunigen durfte – was ich dann auch tat.
Es war eine beachtlich schnelle Runde, die wir da drehten, und dann gab es einen ganz gewaltigen Knall und es war lauter schwarzer Rauch um uns herum.
„Wir sind getroffen!“ rief ich, „wir sind getroffen. Die Scheiß-Russen haben uns erwischt, (oder wer immer der Feind auch gerade war).“
Ach, was für ein Ärger.
Wir zwängten uns durch die Luke nach draußen, husteten und spuckten auf den Boden. Ich schüttelte den Kopf und sagte zu meinem Ausbilder, der im Laufschritt auf uns zu gestakst kam: „Entschuldigen Sie, das war ein Treffer. Das darf nicht vorkommen. Haben unser Bestes getan, sind extra nochmal etwas schneller in die letzte Runde gegangen, hat nichts genützt – Feind hat uns leider trotzdem erwischt. Melde gehorsamst.“
Es gab danach eine Gerichtsverhandlung und man unterstellte mir, ich hätte mit Absicht den Panzer kaputt gemacht, was natürlich in keinster Weise stimmte, aber die anderen waren da anderer Meinung.
Ich durfte also von da an keinen Panzer mehr anfassen, nicht mal mehr in die Nähe eines Panzers kommen, aber man beförderte mich trotzdem.
Ich bekam eine sehr verantwortungsvolle Position: Ich durfte Nachts das Kasernengelände bewachen.
Ich musste aufpassen, dass keine feindliche Armee uns im Schlaf überraschte, oder ein Spion sich einschlich. Ich wusste, dass dies eine sehr viel sinnvollere Aufgabe war, als Panzer fahren. Es war auch viel anspruchsvoller, denn man musste lernen im Stehen zu schlafen ohne umzufallen.
Das war eine ganz beachtliche Fertigkeit, die mir im Späteren noch bestimmt gute Dienste leisten würde.
Wir exerzierten das jede Nacht, und wurden darin schnell ziemlich gut.
Das dumme war nur, dass unser Ausbilder damit nicht einverstanden zu sein schien. Er entwickelte die Angewohnheit sich in die Büsche zu schlagen um uns zu erwischen. Dann bekamen wir Strafen auf gebrummt und Ausgehverbot.
Es schien ihm wirklich Spaß zu machen – was ich nicht verstand.
Ihr sollt hier nicht pennen, ihr sollt aufpassen und wachsam sein, sagte er, wenn ich jetzt ein feindlicher Spion gewesen wäre, was dann? Dann hätte ich sonstwas anstellen können, und ihr hättet es nicht bemerkt. Also seid wachsam – Verstanden?
„Verstanden“, sagte wir und schlugen die Hacken zusammen.
Ich hatte zwar in der ganzen vergangenen Zeit noch nie einen Feind zu Gesicht bekommen, aber ich befolgte seinen Rat und war von jetzt an wachsam und passte auf. Und das war gut so.
Eines Nachts stand ich also wieder auf meinem Posten, da raschelte etwas im Gebüsch. Das war der Fall des Falles, das war der Grund meines Hierseins, darum hatte man mich hierher gestellt. Da war der Feind! da schlich sich jemand an.
Ich musste ihn sofort erschießen, auch ohne Vorwarnung – wer uns an den Kragen wollte hatte es nicht anders verdient. Ich lud das Gewehr durch und zielte auf den Busch der da raschelte. Aber dann war wieder mein innerer Pazifist zugegen und meinte: He Mann, warum denn immer gleich schießen? Kann man das nicht auch anders lösen? Feinde sind doch irgendwie auch nur Menschen die Befehle haben… usw.
Ich senkte das Gewehr und ging auf das Versteck des Feindes zu und rief: „Wer da? Hände hoch, oder ich schieße!“ und im gleichen Moment drehte ich das Gewehr um, und hieb mit dem Kolben herzhaft zu.
Es gab wieder eine Verhandlung, und wieder wurde ich bezichtigt, irgendetwas falsch gemacht zu haben.
Und ich sagte: „Ich konnte doch nicht wissen, dass der Spieß sich nachts in den Büschen herumtreibt. Ich hätte normalerweise schießen müssen, dann hätten wir jetzt einen Ausbilder weniger und eine Ausbilderwitwe mehr.“
Das sahen sie wieder mal nicht ein und meinten, sie würden mich dann doch lieber entlassen, denn sonst hätten die Chinesen demnächst niemanden mehr den sie angreifen konnten. Das war ungerecht.
Ich hatte meine Pflicht getan.
Was kann ich dafür, dass die ihre Panzer in Shanghai auf dem Fischmarkt kaufen und sich unsere Leute im Gebüsch herum treiben?
Ich war mir keiner Schuld bewusst, nein ich fühlte mich gekränkt.
Und dabei hatte ich mich schon so gut eingelebt, dass ich fest entschlossen war, Berufssoldat zu werden.

Pale Sister

von Janek Heinrich (copyright)

Ich steckte das Photo in meine Jackentasche zurück.
Nur ein Junge der im Sonnenschein einen Apfel aß war darauf zu sehen, mehr nicht.
Meine Güte, dachte ich, wie lange war das jetzt her, dass ich selbst einen echten Apfel gegessen hatte – dreißig Jahre, oder mehr?
Ich schloss das Gartentor hinter mir und ging den Kiesweg entlang – der Rasen könnte auch mal wieder geschnitten werden, dachte ich.

„Guten Tag Commander Smith.“ Die Haustür hatte mich identifiziert und schwang lautlos nach innen.
Ich begab mich, an der Küche vorbei, direkt zum Wohnzimmer. „Hallo Mädels, ich habe da was für euch“, sagte ich in den abgedunkelten Raum hinein aber sie hörten mich nicht.

Meine drei Grazien lagen vor dem Bildschirm.
Sie trugen diese dicken Plastikbrillen die für den 3D – Effekt sorgten und Kopfhörer für den Ton in Surround.
Sie waren bleich wie chinesische Gräfinnen – bleich genug, um zu gefallen; kein Sonnenstrahl durfte sie treffen . Man wollte sich auf dem Schulhof schließlich nicht blamieren
Die Augen hatten rot zu sein, die Lider bläulich, und wer es schaffte seine Haut in blasses Pergament zu verwandeln, hatte gute Chancen auf den „Pale Sister“.
Der ‘Pale Sister’ ist mehr als nur eine Auszeichnung für die Besten, es ist ein Award der über die Namenlosen herrscht – der Traum und das Ziel.
Die Mädchen verglichen oft ihre Unterarme, um zu sehen, bei welcher wohl die Adern und Sehnen am deutlichsten hervor traten und ob sie auch die richtige Farbe hatten.
Es war nicht mehr die Frisur die zählte, nicht groß oder klein, und wenn Dünne auch immer gute Chancen hatten, so konnten trotzdem auch Üppige gewinnen wenn nur eine Krampfader in der richtigen Farbe ihren Busen zierte.
Alles hatte sich überholt. Die Piercings, die Brandings und die Tätowierungen sowieso. Wie albern, wer damit herumlief.
Wie reizlos, wie muffig, wie abgeschmackt.

„Kultur ist das Gegenteil von Natur. Kultur kommt von Kunst. Kunst von künstlich. ‘Künstlich’ ist das Wort! Aus dem freien Geist der Freien geboren“, wie W.C. Cult immer so treffend sagt, „frei in dem Streben nach wahrer Schönheit, ohne göttliches Zutun“.
Viele hatten es versucht. Alle waren gescheitert.
Sie hatten sich bis zur Unerträglichkeit Farbe unter die Haut gejagt. Oder Stahlkugeln. Oder Nägel. Die Zunge gespalten, ein Auge ausgestochen oder die Lippen amputiert. Nur um der Wahrheit, der Individualität willen.
Sie waren Helden.
Sie waren lächerliche Helden, aber sie waren unsere Vorkämpfer und Sie hatten die Idee von „Pale Sister“ erst möglich gemacht.
HumART heißt die Gesellschaft, die den begehrten Preis verleiht und ihr Präsident und Vordenker ist: W.C. Cult.
Ein unscheinbarer kleiner Mann, der immer graue Anzüge trägt die keine Taschen haben, als Zeichen für seine Unbestechlichkeit. Er trägt keine goldenen Ringe und nicht einmal eine teure Armbanduhr, aber diese Unauffälligkeit ist es wohl, die seinen machtvollen Status umso mehr unterstreicht.
Der Preis geht an die ARTigen, wie man sagt. Je weniger die Äußere Erscheinung dem Natürlichen ähnelt, desto ARTiger, desto besser. W.C. Cult spricht jeden Tag zu uns auf ARTV und die Sendung wird rund um die Uhr wiederholt; andere Sendungen gibt es nicht.
Alle zehn Minuten gibt es Werbung und da wird alles feilgeboten, was man braucht um das hohe Ziel zu erreichen. Von Implantaten, über entstellte Gliedmaßen, bis hin zu Medikamenten, die alle möglichen Störungen im Organismus verursachen.
„Gelenkte allergische Reaktionen“, waren bis vor kurzem noch auf jedem Wunschzettel zu finden, aber im Moment heißt die oberste Devise: „ Durchscheinende Haut und Adern in leuchtendem Pastell.“
Die Mädchen klebten jede freie Minute in dämmriger Dunkelheit vor dem 3D- Schirm. Ich war besorgt.

Ich berührte den Taster und die Wände des Wohnzimmers wurden langsam hell.
„Hey, was soll das? Bist du verrückt? Mach’ das Licht wieder aus!“
„Ja, Papa, das Bild wird unscharf.“
Ich lächelte. „Nein, setzt mal die Brillen ab, ich will euch etwas zeigen.“
„Etwas zeigen? Hast du uns was mitgebracht?“
Ich nickte.
Sie warfen ihre Brillen beiseite.„Was ist es? Was hast du uns mitgebracht? Blutdruckpillen? Austrocknungscreme? Antivitamin?“
„Nein, ich habe etwas auf dem Dachboden gefunden. Hier, seht mal.“
„Was soll das sein?“
„Das ist ein Photo von eurem Großvater.“
„Was ist ein Photo?“
„Ein Photo, ist ein Bild.“
„ Das ist kein Bild. Es bewegt sich nicht.“
„Früher war das so.“
„Aber das ist kein Großvater, das ist ein Kind. Ein hässliches Naturkind.“
„Oh nein, seht mal, er steht in der Sonne. Er wird eine ekelig braune Hautfarbe bekommen.“
„Er hat keine Augenringe, keine Narben und keine Implantate. Papa, warum zeigst du uns so was? Sollen wir schlecht schlafen, oder wie?“
„So sehen Menschenkinder eigentlich aus. Damals, zu Opas Zeiten jedenfalls“ sagte ich.
„Die Armen. Gut, das wir nicht mehr so gruselig natürlich sein müssen. Was isst der da eigentlich?“
„Das ist,“ ich griff in meine Jackentasche, „das ist ein Apfel – ein echter. Wollt ihr mal probieren?“
Sie wichen zurück, wie Vampire vor einem Kruzifix.
„Iiihh, Papa, nimm das weg!“
„Nimm es weg, bitte!“
„Das ist Natur, es ist ekelhaft!“
„Schon gut, schon gut“, ich steckte den Apfel in meine Tasche zurück und lächelte.
„Ich muss nochmal los“, sagte ich, „aber wenn ich zurück bin, ist erst mal Schluss mit Fernsehen, O.K.?“
Die Mädchen rollten sich zurück auf die Polster und gaben keine Antwort – sie wollten sich wohl nicht festlegen lassen.
Ich verließ den Raum und drückte auf den Taster damit das Licht wieder gedimmt wurde.
Erst nachdem ich das Haus verlassen hatte, öffnete ich die Klappe in meinem Unterarm. „Zentrale? Hier ZKNS2050. Die Mädchen sind sauber. Alles auf Linie. Muss eine Fehlinformation gewesen sein“.
Das Foto kam zurück in die Schutzhülle. Der Apfel in die Klimabox .
Ich ging ein paar Schritte in den Garten, dann schaltete ich die Tarnkappe aus. Ein Prototyp, aber sie funktionierte – ich würde einen Bericht schreiben müssen.
Ich ging langsam über den Kiesweg und schloss das Tor sorgfältig hinter mir.
Der echte Mr. Smith würde frühestens in einer viertel Stunde nach Hause kommen.

Denkste

von Dieter J. Baumgart (copyright)

Es war einmal ein wildes Schwein,
das war wohl gar nicht gern allein.
Drum kam es häufig zu Besuch
und las ganz still in einem Buch.

Es las darin von andren Schweinen,
von großen und auch vielen kleinen,
und wunderte sich dann und wann,
was Schwein so alles finden kann.

Von Trüffeln war da auch die Rede,
die findet man ganz leicht am Wege.

Ganz einfach, dachte sich das Schwein,
und hob zur Probe mal ein Bein.
Und wühlte hier und auch mal dort,
und mal an einem andren Ort.

Die Menschen dachten: Ei, wie fein,
wir haben wohl ein Trüffelschwein.
Sie liefen hinterher und gruben,
gar viele hübsche kleine Gruben.

Die Fenstergucker

von de Ginder, Die Fenstergucker, Beobachtungen auf Hessisch

Im Covertext heisst es:
Für ein altes, eingespieltes Paar, ist der eigene Fensterplatz
die ideale Loge, über Façetten des Lebens zu philosophieren.
Lesen Sie hier, wie de Ginder den Nerv der Zeit trifft und lernen Sie Hessisch, denn es lohnt sich zu erfahren, wie so der Nagel auf den Kopf getroffen wird.
Diese Ansichten über Dönerfresser, Schwarzawweider, Erwwe, Juchendliche und
vieles mehr, kitzeln den Lachreiz und sind Wahrheiten, die nachdenklich stimmen.

Leseprobe “De Dönerfresser

Sie: Gugg der die Dreckbande an. Vorne bei dene Terke die Döner kaafe und hier die Alufolie und die Serviette hieschmeisse.
Er: Saubande, als könnte die ihr’n Abfall ned bis zum nächste Müllaamer traache

Sie: Ei des mache die doch extra
Er: Provoziern haasd bei dene des Stischwort

Sie: Un die soll’n ämol unser Rente finanziern
Er: Ja dann guud Nacht Rente

Sie: Ham mir sowas gemacht, als mir jung warn?
Er: Nee du, awwer do gab’s jo aach noch kaa Dönerläde

Sie: Ja ham mir dann üwwerhaupt ämol irschend was uff de Bode geschmisse?
Er: Gar nix, mir ham halt noch gewußt, was Aastand iss

Sie: Gugg der se aa, wie se aach ärumlaafe, Hose drei Nummern zu groß, Tornschuh und die Kapp verkehrt ärum uff
Er: Die sinn zu doof ä Kapp rischdisch uffzusetze

Sie: Un wenn’s dunkel werd, werd die Sprühdos ärausgeholt un alles besprüht, was ned weglaafe kann
Er: Wenn die wenigstens Kunstwerke schaffe däde, awwer die Kritzele ja nur ärum
Sie: Do gugg, äm Grimm Peter sein Älteste
Er: Der had noch immer kaa Stell gefunne

Sie: Gugg der’n doch aa, dädst du den eustelle?
Er: Isch däd doch kaan eustelle, der hunnert Ring am Ohr had

Sie: Der sollt sich ämol beim Ringcenter bewerwwe
Er: Ned ämol do däde die den nemme

Sie: Do gugg, do kimmt schon wiedder so en Döner-
fresser
Er: Kannsde direkt druff warte, bis der seun Abfall uff’n Bode schmeisst

Sie: Gugg, wos mescht der dann jetzt?

Er: Wos mescht dann der an unsere Mülltonn?

Sie: Des gibt’s doch ned, der schmeisst sein Dreck bei uns in die Mülltonn
Er: Heh, sie da!

Dönerfresser: Was?
Er: Sie, des geht ja ned, daß sie ihr’n Dreck in unser Müllttonn schmeisse!

Dönerfress: Leck mich!
Er: Wart, dir geb isch gleisch!

Sie: Freschheit!
Dönerfresser zeigt Stinkefinger und geht weiter

Er: Haste des gesehe?
Sie: Des gehört aagezeischt!

Er: So ä verkommenes Subjekt
Sie: Drecksack

Die Fenstergucker
Beobachtungen auf Hessisch
von de Ginder

Verlag Universal Frame
September 2005
Taschenbuch
95 Seiten
Grösse: 18.8 x 12 x 0.8 cm
ISBN 978-3952298121
Euro 11.80 (D)

Weitere Informationen und Bestellmöglichkeiten:
Die Fenstergucker, Beobachtungen auf Hessisch


Wie die Türme der Tower Bridge

von Dimil Stoilov (copyright)

Ihre Brüste seien so groß wie die Türme der Tower Bridge. Das war die kompetente, taktvolle Einschätzung von Petjo der Brechstange aus der achten Klasse. Ausgerechnet dieser aufrichtige Prügelheld und Schulschwänzer war zu solch einer enzyklopädischen Beurteilung der Londoner Sehenswürdigkeiten fähig. Erstaunlich.
Damals, als dieser erschütternd bildliche Vergleich entstand, waren wir noch Siebtklässler und sie zum Glück unsere Mitschülerin. Seit der fünften Klasse schon hatten ihre Türme einen üppigen Kurs eingeschlagen, doch damals waren Spott und Gelächter für all die unwissenden, jungfräulichen Dummköpfe wie mich noch das Äquivalent für Begierde und Wollust. Wir hatten nicht die leiseste Ahnung von den geheimen Windungen des menschlichen Leibes und der menschlichen Seele, und Rubens war auch nicht unser Lieblingsmaler. „Milky“ – ihr Spitzname war volkstümlich erniedrigend. Namensgeber war nämlich der Milchladen „Edelweiß“ neben der Schule, in dem man die Dickmilch in großen kegelförmigen Aluminiumgefäßen verkaufte. Man schöpfte die Dickmilch mit einer großen Kelle aus dem Aluminiumkegel, um sie in Becher abzufüllen. Auf ihrem Weg zur Waage zitterte und wackelte sie in der Kelle, genau wie die Türme von Milky. Besonders während des Sportunterrichts, wenn sie über den Hof laufen musste und ihr weißes T-Shirt immer den Körper überholte.
Lässt man die „Türme“ außen vor, dann erscheint ein schlankes, hochgewachsenes Mädchen, freundlich und sehr ehrgeizig – in allen Fächern war sie Klassenbeste, sogar in Sport. Irgendetwas Altgriechisches verbarg sich in ihrem Gesicht – ihre Nase stach zu sehr heraus, doch die Linie von der Stirn bis zu ihrem Kinn verlief gleichmäßig und ruhig. Mit ihren großen, hellbraunen Augen und schwarzen Haaren sah sie auf eine seltsame Weise edelmütig aus. Es war jedoch nicht ihr Edelmut, der die älteren Jungs begeisterte, und so schallte ihr Lachen mal aus irgendeiner Ecke im Flur, mal aus dem hintersten Teil des Hofes hinter dem Springbrunnen oder unter den drei Maulbeerbäumen. Ihr Lachen war erstaunlich. Zunächst ähnelte es einem Schnurren, dann trippelte es wie zu einem schnellen Reigentanz, bevor es sich schließlich erhob und keuchte, als würde es den Mont Blanc erklimmen, und dann schnurrte es wieder…

Wer den Türmen nähergekommen war, erntete ehrfürchtige, respektvolle Blicke. Er hatte es in die erste Liga der Aufgeklärten geschafft. Doch das war schon bald nicht mehr genug. Als Männlichkeitsbeweis galt es nun, den Vulkan ihres Lachens zum Ausbruch zu bringen. Fast jeder prahlte schon mit dieser Errungenschaft, und Milkys Lachen ertönte nun aus sämtlichen Ecken des Flurs und des Hofes, aber wahrscheinlich machten die anderen Mädchen sie einfach nach, oder wir bildeten uns das schon ein. Es kursierten viele Geschichten darüber, wie man sich ihr näherte, wie sie einen teuflisch ansah und selbst die fremde Hand auf einem ihrer Türme kreisen ließ, bis man darunter die harte Spitze spürte. Es waren bloß Gerüchte, aber Einiges stimmte. Denn in der siebten Klasse kam ich endlich auch zum Zug.
Alles fing damit an, dass ich die Wahl zur Brieftaube gewann. Neugierig pendelte ich also zwischen Milky und Petjo der Brechstange, um die aufregenden Einzelheiten der nächsten Verabredung auszurichten. Das Rätsel um diese ihre Männerwahl konnte ich nie lösen, denn das einzig Sinnvolle, das ich jemals von Petjo gehört habe, betraf die Londoner Brücke und deren Türme. Aber von mir aus…
Mit diskreter Genauigkeit muss ich gestehen, dass Milky täglich mehrere Anwärter mit ihren Nachrichten beglückte. Natürlich war ich nicht ihr persönlicher Briefträger. Aber eines Tages baute sich Petjo die Brechstange an der Imbissbude vor mir auf und raunte mir zähneknirschend zu:
„Hör mal, du Pfeife! Du wirst der einen mit den Tower Bridge-Türmen gefälligst sagen, dass sie mir eine Nachricht schicken soll, verstanden?“
„Verstanden!“, krächzte ich und rannte los – ohne meinen Imbiss. So kam ich unbeabsichtigt zu meinen Botschaftsdiensten, mit denen ich aber scheinbar Pluspunkte sammelte. „Den Mittler“ hatte ich bis dahin noch nicht gesehen, und von Leslie Poles Hartley hatte ich auch nicht die leiseste Ahnung.
Milky wusste meine Diskretion zu schätzen, denn für sie wechselte ich schon mal den Brieftaubenkurs und brachte ihre Botschaften auch zu anderen auserwählten Empfängern. Schließlich war sie von meiner Loyalität so ergriffen, dass sie mich auf eine ihrer Parties einlud. In der geräumigen Wohnung auf der „Vitoshka“ beeindruckten mich weder die Möbel, die Teppiche, das Kristallgeschirr, noch die Bilder oder Fotos – ihr Großvater hatte in Deutschland studiert, ihre Großmutter in Frankreich, bis zu ihren Eltern kam ich nicht mehr. Ich erinnere mich nur, dass ich damals eine Pall Mall geraucht habe – die erste Zigarette in meinem Leben. Ich musste beim dritten Zug fürchterlich husten, trank dann zwei Gläschen Amaretto, ein absolut schales Zeug, und fand mich dann schließlich neben Milky auf dem Teppich sitzend wieder. Aus der Anlage dröhnte gute Musik – Bee Gees, Smokie, Grand Funk und Eagles. Bei „Hotel California“ war Milky irgendwie zärtlich gestimmt, und wie ich so neben ihr saß, packte sie meinen Kopf, drückte ihn gegen einen ihrer Türme und schwang leicht im Takt der Musik mit, die uns „Herzlich Willkommen“ an einem besonders schönen Ort hieß. Mein Ohr versank in ihrer Brust, es fühlte sich an, als würde es auf einer Herdplatte brutzeln, mein Atem stockte, und ich spürte wie die Wärme durch meinen ganzen Körper floss. Meine Gedanken schwebten zu einem exotischen Ort, irgendjemand wies mir den Weg. Unmerklich hatte sich mein ganzer Körper in ein riesiges Ohr verwandelt, das sich in einer gemütlichen Höhle eingekuschelt hatte. Als das Lied zu Ende war, schob mich Milky etwas unsanft beiseite und widmete sich ihren anderen Gästen, doch in mir war die Berührung geblieben. Auch ich gehörte nun zu diesen hoffnungstragenden Auserwählten, die es bis zu den Türmen geschafft hatten. Ich war einfach ein toller Typ!
Milky und ich gingen nur noch einige Monate auf dieselbe Schule. Von „Hotel California“ wusste sie natürlich nichts mehr, doch mein Ohr brummte und errötete immer noch wie eine Herbstsonne. Sie schrieb sich dann in das englischsprachige Gymnasium ein, ich wählte das Deutsche. Nach Jahren liefen wir uns noch ein paar Mal in der Sofioter Universität über den Weg, tranken gemeinsam Kaffee und tauschten Erinnerungen an unsere sorglosen Schuljahre aus. Eine erschütternde Beziehung mit einem Nigerianer hatte sie schon hinter sich. Sie sei sogar ein bisschen verheiratet gewesen, doch schon nach einer Woche habe sie kalte Füße bekommen und sei nach Bulgarien zurückgekehrt, als Jungfrau zweiter Wahl. Sollte sich ihr Selbstbewusstsein unter ihren üppigen Brüsten verstecken, so war es kein Bisschen erschüttert worden durch dieses Abenteuer. Mehr noch – die Türme, delikat entblößt, hatten beeindruckende Ausmaße erreicht und lechzten wie ein seufzender Magnet nach jedem ernstgemeinten Männerblick. Die Ideen, Pläne, Projekte brodelten nur so aus ihr heraus – sie studierte und arbeitete zeitgleich als Übersetzerin in irgendeiner englischen Firma. Sie benahm sich, als gehöre ihr die Welt, in der nicht nur die Männer ihr gefälligst zu Füßen liegen sollten. Ich versuchte nicht einmal etwas über mich zu erzählen, sie interessierte sich offensichtlich auch nicht sonderlich dafür. Für sie war ich eben nur ein rachitisches Gräschen, das sich abseits des Weges zur ruhmreichen Zukunft krümmte.
Einmal bat sie mich innerhalb von zwei Tagen ein zwanzigseitiges, deutschsprachiges Angebot aus der Bauchtechnik zu übersetzen. Sie stellte es so geschickt unschuldig an, dass es am Ende aussah, als hätte ich mit den Fäusten auf dem Boden trommelnd selbst darum gebettelt. Der Gefallen kostete mich eine schlaflose Nacht.
„Ich hätte die Zeit lieber mit dir als mit den trockenen deutschen Bautermini verbracht.“, scherzte ich am nächsten Tag. Ich vernahm das Schnurren und den schnellen Reigen im Lachen, die Türme wackelten wohlgesonnen. Doch es gab kein Erklimmen. Sie bedankte sich herzlich, sie würde es ihr Leben lang nicht vergessen. Ich bezahlte auch diesmal den Kaffee in der Wiener Konditorei.
Zwanzig Jahre lang war sie wie vom Erdboden verschluckt. Ich habe sie weder gesehen noch gehört. Schon lange reizten mich die gut ausgestatteten Frauen nicht mehr, denn ich hatte den Zauber der kleineren, festeren Formen für mich entdeckt. Drei meiner Gedichtbände waren schon erschienen – ein Beweis früherer seelischer Sünden. Widerwillig hatte ich mein Junggesellendasein zu den Akten gelegt. Meine Werbeagentur ging bankrott, ich fand in der Redaktion einer seriösen Zeitung Unterschlupf und beglückte von da an die Leser mit wirtschaftlichen Beobachtungen und Analysen.
Auf der „Vitoshka“ liefen wir uns in die Arme. Sie verließ gerade eine Boutique, beladen mit Papiertüten voller Einkäufe. Ich hatte soeben meine düsteren Wirtschaftsprognosen für den Wohlstand des Durchschnittsbulgaren in den nächsten zwanzig Jahren ausgespien, und meine Seele schmeckte bitter wie der Satz schlecht gemahlenen „Brazilia“- Kaffees. Ich freute mich, sie zu sehen, und später fragte ich mich lange Zeit – warum eigentlich?
Man sah ihr die Jahre nicht an, die Gründe dafür erfuhr ich sogleich. Als Untertanin Ihrer Majestät der Königin von England lebe sie jetzt im Zentrum von London, nördlich vom Hyde Park, ganz in der Nähe der Oxford Street. Die Metro nehme sie immer an der Paddington Station. Sie sah müde von ihrer Einkaufstour aus, die Tüten schienen schwer zu sein, also lud sie mich selbst ins nächste Café ein. Ihr Mann stelle Baumaschinen her, erzählte sie. Alle möglichen Berufe habe sie ausprobiert, nun sei sie Chefin einer Veranstaltungsagentur, außerdem noch Vorsitzende einer Stiftung zur Pflege bulgarisch-englischer Kulturbeziehungen und organisiere Ausstellungen für Bilder, kleine Plastiken, Töpferhandwerk, Holzschnitzereien.
„Die Engländer stehen auf sowas. Aber genug von mir, wie geht es dir, was machst du so?“
Ich kann nicht sagen, was dieses plötzliche Interesse an meiner Person ausgelöst hat. Ich glaube, es war meine höhnische Bemerkung darüber, dass ihr das Töpfern als Handwerk wohl liege, weil es in der Ausführung dem Formen einer weiblichen Figur ähnele. Und es gibt weiß Gott Körper wie den ihren, die immer wieder den Ofen der Leidenschaft entfachen.
Ich erzählte ihr von meiner Menschenliebe, faselte noch anderen Blödsinn und merkte, wie sie meine Erfolge und Misserfolge scannte. Es war ihr nicht begreiflich, wie ich nach meiner Selbständigkeit wieder als Angestellter arbeiten konnte. Mit ihrem Talent und meinen Geschäftsbeziehungen könnten wir doch gemeinsam eine Werbeagentur gründen, deutete sie kurz an. Eifrig packte ich meine Kenntnisse über die bulgarische Werbemarktstruktur aus, dann tauchte die Idee in ihre großen braunen Augen und erlosch gänzlich.
„Kann ich dich um einen Gefallen bitten? Ich habe da so einen Text, den du dir als Fachmann doch mal ansehen könntest. Was meinst du?“
Vermutlich habe ich an dieser Stelle bloß geistig verwirrt gestammelt, dass mich das sehr glücklich machen würde.
„Es ist nichts Anspruchsvolles, nur ein paar zusammengewürfelte Ideen, und wenn es doch was geworden ist, dann würde ich es gern herausgeben. Es ist sehr intim und persönlich. Gewidmet ist es meinen Großeltern, die mich aufgezogen haben, während meine Eltern Arabien bereisten.“
Zum ersten Mal erfuhr ich etwas Intimes und Persönliches von ihr. Aber weinen musste ich zum Glück noch nicht.
„Ich weiß nicht, inwiefern ich dir nützlich sein kann“, trat ich den Rückzug an.
„Nun sei doch nicht so bescheiden. Du hast doch schon drei Bücher veröffentlicht. Eines habe ich im Büro von Petjo gesehen. Weißt du noch, unser Mitschüler?“
Natürlich wusste ich noch. Petjo die Brechstange. Tower Bridge. In seiner kleinen Werkstatt, wo er Unfallautos ausbeulte, hatte er mal meinen zerknitterten Skoda geliftet. In der naiven Hoffnung auf einen kleinen Preisnachlass schenkte ich ihm damals eines der Büchlein. Schon seinerzeit, beim Vordrängeln am Imbissstand, habe er gemerkt, was für ein prima Typ ich sei, sagte er lobend. Und nahm mir jegliche Aussicht auf Rabatt. Später eröffnete er eine Kfz-Werkstatt und einen Autosalon. Eine zweifelhafte Ehre, dass mein Buch nun sein Büro schmückte.
„Versprich mir, dass du es dir ansiehst!“
Ich versicherte, den Text mit der nötigen Strenge, Gerechtigkeit und Ehrlichkeit zu prüfen. Was blieb mir auch anderes übrig? Dieses Mal zahlte sie den Kaffee, und das war gut so.
Schon am nächsten Tag flatterte ein großer weißer Briefumschlang in die Redaktion. Neugierig zog ich ein Blatt heraus und stieß auf eine unleserliche Schrift, niedergekritzelt mit einem schmierigen Bleistift des Typs 3B. Um mir den Abend zu verderben, sah ich mir den gesamten Inhalt des Umschlags erst zu Hause an. Meine düstersten Vorahnungen erwiesen sich als rosafarbene Puffwölkchen im Vergleich zum Unwetter, das mich in Wirklichkeit erwartete. Nach einem mehrstündigen Kampf hatte ich aus drei Seiten voller krakeliger Auswüchse ganze zehn Wörter entziffert. Ich erwartete ihren Anruf wie auf einem Kaktus sitzend.
„Halloo“, das „o“ war lang gezogen, laut und energisch. „Was machst du, schöner Mann?“ Ohne die Antwort abzuwarten fuhr sie fort: „Also, wann sehen wir uns wieder? Ich schlage vor, um sechs „Bei Schwejk“ auf ein Bier mit Bratkartoffeln. Das passt dir doch oder? Also bis bald, ich hab noch viel zu tun!“
Mit lauter schönen Menschen hatte ich selbst genug zu tun! Ich steckte bis zum Hals im Aufklärungsprozess eines Kommunalgeschäfts mit Grundstückskonzessionen. Am liebsten hätte ich entgegnet, dass ich nicht ihr schöner Mann sei, dass ich die Redaktion wie ein frisch erblühter Kaktus ziere, dass ein Treffen gar keinen Sinn habe, und dass ich mit meiner Frau und meiner Tochter eigentlich zur selben Zeit bei „Happy“ Pizza essen wolle. Ich fühlte mich wie ein blöder, pickliger, pubertierender Siebtklässler, dem man irgendwelche Zettelchen in die Hände schiebt und ihn wieder zur gehorsamen Brieftaube macht. Am besten, ich ließ mich an unserem Treffpunkt gar nicht erst blicken.
Um Punkt sechs war ich da. Ich leerte gerade mein großes Bierglas, da kamen sie angewackelt: Zuerst die zwei Türme, dann die Untertanin der Queen höchstpersönlich. Sie trug eine große Papiertüte mit der eingestanzten Aufschrift „Beauty“. Über ihrer Oberlippe hatten sich einige Schweißperlen gebildet. Mit eleganter Geste holte sie ein Päckchen Taschentücher aus ihrer Handtasche. Der Duft von Rosenöl stieg mir in die Nase, als sie mit dem Taschentuch den Tau unter ihrer Nase wegtupfte. Dann wischte sie sich damit über die hohe Stirn, weitete etwas das Dekolleté ihres blauen, geometrisch gemusterten Sommerkleides und steckte ihre Hand in den provokativen Spalt.
„Es ist heiß, nicht?“
Wahrscheinlich um die 30 Grad, erstattete ich mir selbst Bericht.
„Du bist nicht böse oder, schöner Mann? Ich hatte Ärger mit den Mietern meiner Geschäfte auf der „Solunska“. Eine äußerst lästige Angelegenheit. Sie hätten kein Geld, die ewige Ausrede.“ Sie legte ihre Hand auf meine und ließ ihre Finger sanft rauf und runter streichen.
„Wahrscheinlich halten auch die Menschen in England eine Uhr für überflüssig.“
„Du suchst Streit. Das steht dir nicht.“
Ihre Finger strichen weiterhin über meinen Handrücken.
„Ich rufe sofort den Kellner. Bleiben wir beim Bierchen? Und jetzt raus mit der Sprache: Was hältst du von meinem Text?“
„Gar nichts.“
„Wie?“, schluchzte sie überrascht. „Es stimmt schon, die Aufzeichnungen sind ganz anspruchslos…“
„Wir lieben immer die, welche uns bewundern.“
„Was soll das heißen? Ich verstehe dich nicht. Ist es tatsächlich so schlecht? Dann hat es wohl keinen Sinn…“
Ein unruhiger Schatten schlich sich auf ihr gespanntes, helles Gesicht. Zum ersten und letzten Mal beherrschte ich die Situation und eine wohlige Wärme der Schadenfreude durchströmte meinen Körper. Es war nur ein winziger Racheakt dafür, dass ich in diesem Moment das Pizzaessen mit meiner Frau und meiner Tochter versäumte.
„Das stammt von La Rochefoucauld. Ich wollte herausfinden, ob du nicht eher zu La Bruyère tendierst, aber vielleicht ist es falsch, dich mit den Moralisten des 17. Jahrhunderts zu vergleichen.“ Nun lächelte sie beruhigt.
„Ach, darum geht es. Warte, warte, lass mich kurz nachdenken… Ja, ich glaube es ging so: Nur wenige Menschen sind klug genug, hilfreichen Tadel nichtssagendem Lob vorzuziehen.“
Der Punkt ging an sie. La Rochefoucauld. Ich eröffnete ihr die schlichte Wahrheit, dass ich einfach nichts hatte entziffern können. Möglicherweise schauspielerte sie einfach gut, als sich ihre großen Mandelaugen mit Tränen füllten. Eine Dummheit kommt selten allein, also schlug ich ihr drei Varianten vor. Sie könne ihren Text mit der Schreibmaschine abtippen oder ihn mir per E-Mail schicken oder auf Audiokassette aufnehmen. Es stellte sich heraus, dass sie in einigen Tagen schon wieder nach London abreisen musste. Dort bestünde auch nicht die geringste Chance, eine Schreibmaschine mit kyrillischer Tastatur aufzutreiben. Zum Heulen. Und einen eigenen Computer habe sie auch nicht. Great tragedy. Am besten sei die Audiokassette, ich sei ja so klug. Besonders nach der siebten Klasse, fügte ich vorsichtshalber hinzu. Also würde sie mir den Text auf eine Audiokassette diktieren und ich könnte ihn beim Schreiben gleichzeitig redigieren. Auf jeden Fall würde sie das wieder gutmachen. Dann fiel mein Blick auf ihr noch provokanter geöffnetes Dekolleté, und ich spürte die Wärme ihres Oberschenkels unter dem Tisch.
Diesmal erkundigte sie sich überraschend gesellig, ob ich denn Zeit hätte, auch mal „nur so“ zu schreiben, für die Seele. Ich sei mir meiner Seele nicht mehr so sicher, entgegnete ich mit heller Finsternis und schob ihr mein neuestes Buch als Geschenk zu.
„Oooh, toll, das sieht klasse aus. Ich werde es mit Vergnügen lesen.“ Ihr Gackern war unehrlich übertrieben. Ob ich denn an einer Veröffentlichung meiner Gedichtsammlung in England mithilfe ihrer Stiftung interessiert wäre. Zugegeben, da hatte sie mich schon ein wenig an der Angel. Es gibt keinen Textkritzler, der nicht in den Katakomben seines kranken Bewusstseins einige angekettete Narzisse hütet. Und wer würde diese Gelegenheit versäumen und stattdessen seine Gedichte in der Nähschublade verstecken wie Emily Dickinson, dieser Dummkopf. Ich definitiv nicht.
Wir knabberten an unseren Bratkartoffeln mit Käse, benetzten unsere Lippen mit der herben Flüssigkeit der Marke „Männer wissen warum“ und lösten die ungezähmten Pferde der schöpferischen Illusion von ihren Zügeln. Und zu Hause warteten sie auf das Pizzaessen und waren gar nicht erfreut über meine zweistündige Verspätung.

Keine fünfzehn Tage später stellte die Sekretärin des Chefredakteurs verlegen einen Anruf aus London zu mir durch.
„Halloo, halloo, schöner Mann, bist du es? Hier regnet es, und neblig ist es, furchtbar! Wie geht es dir? Und deiner zarten Seele?“ Ich hatte mich schon an die Fragen gewöhnt, die keine Antwort erforderten, und wartete auf die wesentliche Information.
„Deine Idee war genial, ich könnte dich küssen. Die erste Kassette ist schon fertig, ich schicke sie dir zu. Es funktioniert, du wirst sehen. Vielleicht werden es fünf oder sogar noch mehr. Ein Bekannter reist heute nach Bulgarien, er wird dich anrufen, wahrscheinlich schon morgen. Küsschen.“
„Küsschen“, antwortete ich wie ein dämliches Echo.
Der Typ machte mich tatsächlich schon am nächsten Tag ausfindig. Ein Abgeordneter, der hier einige Tage zu Besuch war. Wie verabredet postierte ich mich also um Punkt zwölf neben dem Polizeibeamten hinter dem Parlamentsgebäude und wartete mehr als eine halbe Stunde, bis ich die wertvolle Sendung endlich in Empfang nehmen konnte. Für ihn war ich etwas mehr als ein Amtsbote und wesentlich weniger als eine Vertrauensperson. Solch ein seltsamer Hybrid verlangt wohl eine spezielle Behandlung, also brachte mich der Abgeordnete notgedrungen in die Parlamentsbar und lud mich auf einen Pickwick-Tee ein. Ganz nebenbei erzählte er, wie er fast eine Audienz bei der Queen bekommen habe, er aber dafür ausschließlich mit Personen verkehre, die ihrem Rang beinahe ebenbürtig wären, und das sei mehr als tröstlich. Und noch, dass er das British Museum, das Parlament und Westminster Abbey besucht und Fotos von Big Ben sowie Tower Bridge gemacht habe. Als er von den endlos und überdimensional weisen Gesprächen in Milkys Cottage berichtete, entschied ich mich, die Konnotation der zuletzt genannten Sehenswürdigkeit doch für mich zu behalten. Ich verabschiedete mich rechtzeitig bevor er mein hybrides Wesen ganz entschlüsseln und mir mit seinen ganzen Heldentaten als bescheidener Patriot auf die Nerven gehen konnte.
Ich legte die Kassette ein und setzte mich vor den Computer, doch von einem Erfolgserlebnis keine Spur. Drei Stunden lang spulte ich das Band immer wieder zurück und hatte schließlich eine einzige mickrige Seite geschrieben. Sie sprach ungleichmäßig dumpf, verschluckte Wörter, ganze Ausdrücke konnte ich nicht entschlüsseln, so oft ich die Aufnahme auch anhörte. Zugegeben, mein Zweifinger-Tippsystem begünstigte die Operation nicht besonders.
Ich fing an, diese innige Tätigkeit zu hassen und wartete nur noch unbewusst auf das nächste „Halloo“. Und das ließ nicht lange auf sich warten. Das Schema war dasselbe. Die Sekretärin des Chefredakteurs rief mich mit zittriger Stimme an, um mich mit Neuseeland zu verbinden.
„Halloo! Wie geht es dir, schöner Mann? Hast du die Sendung bekommen? Bist du damit schon fertig?“
Dass ich mich mit dem Teufel eingelassen hatte, ahnte ich immer noch nicht. Ich besaß sogar die Kühnheit, mit ihr zu scherzen, obwohl ich immer noch benebelt von der Information „Neuseeland“ war. Sie halte sich dort auf, weil sie auf irgendeiner Insel in der Nähe als erste das neue Jahrtausend des Planeten begrüßen würde, und so eine Gelegenheit dürfe sie nicht verpassen. Ich hatte nichts gegen das neue Jahrtausend. Auch gegen die darauffolgenden nicht. Ich konnte sie weder aufhalten noch die vergangenen übergehen. Deshalb gestand ich ruhig und ehrlich:
„Es geht wieder nicht. Wenn ich weiterhin allein mit dem Dechiffrieren der Aufnahme zurechtkommen soll, dann möchte ich nicht wissen, aus welchem Teil der Erde du mich das nächste Mal anrufen musst.“
„Was willst du mir jetzt damit sagen?“
„Ich muss jemanden auftreiben, der mir die Texte von der Kassette runterlädt, damit ich sie im Anschluss redigieren kann.“
„Das ist doch kein Problem. Beauftrage einfach jemanden, wir klären alles Weitere dann unter uns.“
„Ich hoffe, dass du wenigstens aus Neuseeland keine sexuellen Absichten mir gegenüber hast.“
„Leg los, schöner Mann, wir rechnen dann nach deiner Art ab. Nach etwa zwei Wochen kannst du mit der zweiten Kassette rechnen. Ciao und Küsschen.“
„Küsschen.“
Ich machte mich gut als Echo. Ein neuseeländisches Echo. Schon beim Auflegen des Hörers wusste ich, wer mir helfen konnte. Nur Mirchen und kein anderer. Vor einiger Zeit hatte sie in ähnlicher Weise Nachrichten von BBC heruntergeladen, außerdem fegten ihre Finger fehlerfrei über die Tastatur. Die Zeitungsredaktion hatte sie schon längst verlassen, weil sie dem Chefredakteur zu alt geworden war – mit 35. Die neuen kurzröckigen Kolleginnen lebten jetzt ihre virtuelle Welt vor den Computern aus, pickten mit zwei lackierten Fingerchen auf die Tasten, und auf ihren hübschen Gesichtchen lächelte ein ungetrübter Heroismus über die glorreiche Leistung. Mirchen war eine liebe Frau – gutmütig, und deshalb betrogen und verlassen mit zwei Kindern. Ich hörte mich ein wenig bei Bekannten um und fand mich schließlich in einer Querstraße von „Vitoshka“ wieder, in einem kleinen düsteren Schuhlädchen, dessen Ware offensichtlich aus der Türkei oder wahlweise aus irgendwelchen privaten Werkstättchen stammte. Wir freuten uns über das Wiedersehen und küssten uns, nicht wenige Nachtschichten hatten wir miteinander verbracht. Von der Aufgabe war sie nicht begeistert, sie hätte das Maschinenschreiben schon fast verlernt, würde jetzt Fernunterricht nehmen und hätte sowieso große Sorgen zu Hause. Ich wusste, dass sie mich nicht wegschicken würde, und das schlechte Gewissen nagte an mir, weil ich mich auf ihre Gutmütigkeit verließ. Eine Woche später stattete ich dem dunklen Schuhlädchen einen zweiten Besuch ab, wo bloß eine verirrte Fliege ihre müden Kreise durch die Luft zog und daran erinnerte, wie fürchterlich die Einsamkeit ist.
„Der Text ist absoluter Müll“, sagte Mirchen, „manche Stellen musste ich zehnfach anhören und konnte sie trotzdem nicht verstehen.“
„Vielleicht ist er Müll, aber ich habe dich nicht als Literaturkritikerin engagiert.“
„Du bist scheußlich. Ich bemitleide dich nur, weil du dich nun damit beschäftigen musst.“
„Das stimmt, darüber will ich noch gar nicht nachdenken.“

Von nun an besuchte ich das dämmrige Lädchen in unregelmäßigen Abständen. Allem voraus ging in der Regel dieses abscheuliche „Halloo“, mal aus New York, mal aus Madrid, Caracas oder Paris. Dann folgten Telefonate über Erkennungszeichen und Treffpunkte, dann Verabredungen mit mir unbekannten Menschen. Gepuderte Kunstwissenschaftler, begabte Chirurgen-Metzger, auf Hochglanz polierte Professoren mit unbestimmter Fachrichtung, Vorsitzende exotischer Assoziationen und aufgeblasene Businessmänner waren darunter, die alle wie die UNO von der Überzeugung besessen waren, sie hätten viel zu wenig Zeit, doch sie waren gequält höflich und beharrlich pünktlich bei jeder Übergabe der brennenden Küsse meiner Freundin sowie des unverwechselbaren kleinen Päckchens mit der nächsten Audiokassette. In der Redaktion bekam ich schnell den Spitznamen Pepo Neuseeländer, und Mirchen, so gut sie auch war, wurde mit jedem meiner Besuche im Lädchen bekümmerter, trauriger und finsterer. Sogar als ich meine Schulden für den riesigen Gefallen beglichen habe – natürlich zum schlechten Freundschaftstarif – schlich sich nur noch ein müdes Lächeln ein, unauffällig wie ein verängstigter Spatz. Offensichtlich war ich blind, denn auch dieses entsetzliche Warnzeichen übersah ich wie einen vorbeiziehenden namenlosen Dorfbahnhof.
Vertieft in die Texte, einwandfrei abgetippt von Mirchen auf schneeweißen DIN A4 Blättern, überkam mich allmählich die paranoide Vorstellung, ich wäre über noch unentdeckte Alexandrinische Schriften gestolpert.
Milky war schon längst eine Frau von Welt geworden, und dafür beneidete ich sie offen und ehrlich. Durch ihre Aufzeichnungen schlüpfte ich einfach so auf die 42ste Straße in New York, in das Restaurant eines Bulgaren, dem man etwas andersartige Neigungen zuschrieb. Ich konnte die Stufen zum Guggenheim-Museum hinauf steigen und in die Pop-Art eintauchen, ich konnte auf der „Rivoli“ spazieren gehen oder die Alpen erklimmen – die österreichischen, schweizerischen und französischen, an einem regnerischen Tag in Basel sein und an einem sonnigen in Nizza, ich konnte vor der Kathedrale in Clermont-Ferrand oder Gap ehrfürchtig erstarren, mein Spiegelbild im See Lafraye oder im Lago Maggiore anschauen. Das Manuskript offenbarte einen kompletten Reiseplan von internationalen Fluglinien, einen Reiseführer voller Museen und Sehenswürdigkeiten. Und ein unverhohlen überhebliches Gefühl, dass der Papst dich aus nur einem halben Meter Abstand wohlwollend angeschaut hat, dass Lady Di bloß fünfzehn Minuten schneller war beim Verlassen des Restaurants, um sich von den Paparazzi bis in den Tod verfolgen zu lassen, dass der bulgarische Präsident ein geachteter Gast in deiner neuen Wahlheimat war und dir vieldeutig gesagt hat: „Wir vertrauen auf unsere Landsleute“, und die besagten Landsleute lassen sich das fällige Osterlamm-Barbecue schmecken, garniert von tiefgründigen „Tafelrunden“, die über die Zukunft der bulgarischen Wirtschaft und Kultur sinnieren.
Hätten wir einen Reiseführer geplant – so wäre alles in Butter. Sogar La Rochefoucauld konnte mich nicht damit beruhigen, dass nichts so ist wie es scheint – weder so gut, noch so schlecht. Die Überwachung und die schwachen philosophischen Versuche eines Menschen, der ständig auf dem Olymp thront, vermischt mit dem Firlefanz der gekünstelten Sprache, servierten mir einen schwer verdaulichen Borschtsch aus Syenitgestein. Für die Redaktion der ersten zehn Seiten brauchte ich Ewigkeiten. In der Zeit hätte ich unter anderen Umständen eine eigene Trilogie geschrieben. Und immer noch war ich mit dem Ergebnis nicht zufrieden, die Unkrautbekämpfung schien mir wirkungslos, die neu gesäten Samen verschönerten nur bedingt den Garten der zuvor wuchernden Exotik.
Mein Blick wurde griesgrämig. Immer seltener spielte ich mit meiner Tochter, immer weniger redete ich mit meiner Frau. Früher reichte einfach unsere Dreisamkeit aus, und vor unseren Augen begann der Weihnachtsbaum der gemeinsamen Glückseligkeit zu funkeln.
Ich bestand nicht darauf Radi, meiner Tochter, bei dem Aufsatz über „Das Muttersöhnchen“ oder „Nach Chicago und zurück“ zu helfen, und das nicht nur aus Ablehnung der schöpferischen Inquisition innerhalb unseres Bildungssystems. Ich eilte auch nicht mehr in die Küche, um die Tomaten, Gurken und das unvermeidliche Sauerkraut für den abendlichen Salat liebevoll kleinzuschneiden – mein bescheidener und einziger Beitrag zu den gemeinsamen Mahlzeiten, zusätzlich zum Tischdecken und der Versorgung mit gekühltem Schnaps. Nein. Ich wollte mich nur noch vor den Computer setzen und die unförmigen Beete harken.
Vorgestern ließ Sonja, meine Frau, vorsätzlich einen tiefen Porzellanteller auf den Boden fallen. Sie sammelte die weißen Scherben mit dem orangefarbenen Kehrbesen auf, erhob ihren Blick zu mir und formte mit ihrem wunderschönen Hals ein diskretes Fragezeichen.
„Hast du dich vielleicht verliebt und brauchst nun Einsamkeit, um eine endgültige Entscheidung zu treffen?“
„Du hast sie wohl nicht mehr alle“, entgegnete ich zivilisiert und versuchte ihr mein ganzes Herz zu offenbaren – genau wie Danko, der etwas in Vergessenheit geratene Held Maxim Gorkis. Gerade eben hatte mich Milky mal wieder mit ihrem tonisierenden „Halloo“ beglückt, um mir mitzuteilen, dass sie es nicht zum Heiligen Grab zu Jerusalem schaffen, dafür aber das Haus der Mutter Gottes besuchen würde, deshalb reise sie auf ihrem Weg in die Türkei durch Bulgarien und bestehe darauf, die Ergebnisse unserer gemeinsamen Arbeit zu begutachten. Sonja stand wieder aufrecht mit dem orangefarbenen Kehrbesen in den Händen und hörte sich meine Ungereimtheiten an, und als ich nichts mehr zu sagen hatte, fügte sie leise hinzu: „Wofür brauchst du das alles?“
„Aber ich habe es dir doch schon erklärt, es geht um Sentiment, eine Reise um die Welt, vielleicht auch um was anderes.“
Ich hatte ihr immer noch nicht meine Hoffnung auf den einen oder anderen Lev gestanden, auch nicht, dass ich die Arbeit von Mirchen bisher aus meiner eigenen Tasche bezahlt hatte. „Du verstehst das einfach nicht…“
„Ja, genau, ich bin auf eine Behindertenschule gegangen und begreife solche komplizierten Zusammenhänge einfach nicht. Wenn du der Meinung bist, dass Radi und ich zu meiner Mutter ziehen sollten, musst du mir das schon klar und deutlich sagen.“
„Wieso sagst du solche Sachen, warum kannst du nicht verstehen…“
Natürlich hörte Sonja mir nicht mehr zu, sondern brachte die weißen Scherben zum Müll. Frauen besitzen wohl ein besonderes Gespür, das sie vor Gewitter warnt, selbst wenn sie sich noch hinter zehn Bergen zusammenbrauen. Ich dagegen suhlte mich weiterhin in Ignoranz.
Am nächsten Abend schneite Milky-Halloo herein. Sonjas Zornfalte hielt meine Freundin nicht davon ab, bei uns einzudringen wie ein Amerikaner in den Irak.
„Oh, Pepi, was für eine schöne Frau du hast, was für eine wunderbare Tochter. Ich freue mich so, die beiden einmal kennenzulernen. Du bist ja ein richtiger Glückspilz, beneidenswert. Hier habe ich ein paar kleine Mitbringsel für euch.“
Radi bekam einen Bären-Schlüsselanhänger, für Sonja war eine elegante Papiertüte mit der Aufschrift „Paris“ bestimmt, deren Inhalt aus einem Flacon Eau de Toilette, einem Shampoo-Fläschchen, einer Miniseife sowie einer Polyethylen-Badehaube in einer Pappschachtel bestand. Den kompletten Kosmetiksatz hatte sie offensichtlich aus einem Hotelzimmer abgestaubt, das auf eine nicht allzu hohe Sternkategorie schließen ließ. Sonja war offensichtlich verstimmt. Mich beglückte Milky mit einem Gemälde von der Tower Bridge in den Maßen 25x10cm, das Werk eines nicht besonders geschickten Straßenkünstlers. Aus reiner Höflichkeit zwitscherten wir unsere Begeisterung über die Geschenke herunter und wiederholten unentwegt, dass das doch nicht nötig gewesen sei. Sonja hatte ihre Badehaube noch nicht entdeckt.

Ohne Zeit zu verlieren, machten Milky und ich es uns im Wohnzimmer bequem, schalteten trotz des mürrischen Gesichtsausdrucks von Radi und des unausgesprochenen Widerstandes meiner Frau den Fernseher aus, breiteten die weißen Zettel wie einen chinesischen Fächer aus und fingen an, über die Änderungen zu diskutieren. Zwei Stunden kämpfte ich mit mir selbst, bis ich mir meine Niederlage eingestehen konnte. Es bestand nicht die geringste Chance, dass die Manuskripte besser würden, mehr noch, es gab nicht mal die Hoffnung, dass sie einigermaßen vernünftig würden. Milky erlaubte keinerlei Intervention, hatte auch nicht die Absicht, einen Teil der Begebenheiten weiter zu entwickeln, obwohl einige davon geradezu nach Verlängerung schrien. Immer wieder passierte es, dass ein einzelner Satz, den ich streichen wollte, plötzlich eine Geschichte verbarg, die sie mir dann erzählte und die hundertmal interessanter war als die Aufzeichnungen.
Radi schlief im Sessel ein und ich trug sie ins Schlafzimmer. Sonja war müde geworden, uns ständig Häppchen und Bier zu servieren. Taktvoll stellte sie die Anthologie der bulgarischen Literaturavantgarde – gewiss eine merkwürdige Lesewahl für diesen Abend – in das mittlere Bücherregal, direkt neben das kürzlich gekaufte Buch „Warum Männer lügen und Frauen weinen“ – das war wohl Absicht – und sagte leise:
„ Ihr habt wahrscheinlich noch viel zu tun, und für mich ist schon Schlafenszeit.“
„Liebes“, ich wusste, dass dieses Wörtchen Sonja zum Kochen brachte, „es tut mir ja so leid, dass ich dir deinen Mann klauen muss, aber morgen Mittag reise ich schon wieder nach Istanbul weiter, und wir müssen hier einfach fertig werden. Du verzeihst mir doch oder?“
„Natürlich“, antwortete Sonja überzeugend. Sie hatte ihre Badehaube noch nicht entdeckt.
Bei Seite fünfzehn angekommen, waren die vorgenommenen Änderungen bloß beschämend kosmetisch und beleidigend künstlich. Eigentlich hatte es keine Bedeutung, aber als Textschaffender hoffte ich bei jedem Manuskript, selbst wenn es als äußerst anspruchslos angekündigt worden war, auf die Verwandlung vom hässlichen Entlein zum anmutigen Schwan. Meine Qualen waren unsinnig. Zum Trost lenkte ich mich mit Milkys lyrischen Weggabelungen ab – immerhin war sie diejenige, die den ganzen Planeten bereist hatte – Wellington, Reykjavik, Caracas, Rabat, Papua Neuguinea, Bhutan, San Marino, Costa Rica. Es zerriss einem das Herz vor Neid.
Um drei Uhr morgens, als auch meine zweite Schachtel Zigaretten leer war, hatten wir doppelt so viele Seiten bearbeitet, was aber kein großer Trost war. Ich schlief schon fast am Tisch ein, so sehr sie auch nach neuen schriftlichen Eroberungen drängte. Ich schlug vor, ihr die Couch für die Nacht herzurichten, da zückte sie blitzschnell ihr Telefon und bestellte sich ein Taxi, das sie direkt ins Sheraton-Hotel bringen sollte. Zu meiner kurzen, ganz kurzen Freude.
Am späten, fast mittäglichen Morgen, nachdem ich mich mühsam mit Streichhölzern zwischen den Augenlidern in die Redaktion geschleppt, und bevor ich den zweiten Schluck meines giftig bitteren Kaffees hinuntergekippt hatte, baute sich wie die Karyatide aus der Korenhalle des Erechtheion im Londoner British Museum Ihre Majestät Milky auf. Auf ihren Schultern schleppte sie einen Ökomantel aus Schneefuchsimitat, die Schichten von Make-up, Cremes und Düften konnte ich nicht bestimmen, aber ihr Überfluss an Energie war unübersehbar.
„Hast du ausgeschlafen, schöner Mann? Eine tolle Frau und Tochter hast du. Also, in einer halben Stunde geht es weiter nach Istanbul, da wollte ich nochmal klären…“
Sie wollte weder meine Antworten hören, noch hatte sie Zeit dafür. Ich hatte nicht die Absicht ihr zu erzählen, dass Sonja direkt nach dem Aufstehen die Badehaube und die ganzen restlichen Hotelkinkerlitzchen in den Müll befördert hatte mit den Worten:
„Die hält uns wohl für Eingeborene aus Untervolta!“
Milky wollte also das Manuskript mitnehmen, um es sich auf dem Weg noch einmal anzusehen. Auf dem Rückweg würde sie es mir wieder mitbringen, und ich sollte in der Zwischenzeit einige Druckangebote einholen. Nach einer Woche, und noch eine später – hier bin ich mit dem Reiseplan durcheinander gekommen – nach ihrer Rückkehr aus London, auf ihrem Weg nach Athen, wo sie ihre Erinnerungen an den Zeustempel, das Lord-Byron-Denkmal und die Akropolis auffrischen musste, bevor sie dann weiterfuhr nach Kreta und Rhodos, würde sie wieder in Sofia vorbei kommen. Dann sollten wir das Projekt abschließen.
Meine Versuche, sie zu unterbrechen, hatten nicht mal einen bescheidenen Erfolg. Das Buch sollte einen verstärkten Umschlag haben, mit einem durchsichtigen Band darum. Das Format – nicht mehr als eine Handbreite und um einiges höher als gewöhnliche Bücher. Das Papier sollte matt sein wie in einem altertümlichen Manuskript, aber mindestens wie in dem Buch von Lindisfarne vor dem Überfall der Wikinger. Für das Titelbild sollte ich einen guten Maler engagieren, der Le Mystère Des Voix Bulgares oder wenigstens das Weltall-Stimmwunder von Valja Balkanska abbilden sollte.
„Das geht nicht so einfach und schnell, wie du dir das vorstellst“, konnte ich schließlich kleinlaut einwerfen.
„Willst du mir jetzt etwa sagen, dass ich nicht auf dich zählen kann? Bis eben hast du dir doch noch auf die Brust getrommelt. Ich habe dir vertraut, obwohl ich tausend andere Möglichkeiten gehabt hätte… Ich habe es nur für dich getan…“
Aus naivem Ehrgeiz schickte ich sie nicht mit ihren restlichen neunhundertneunundneunzig Möglichkeiten zum Teufel, sondern wiederholte nur, dass jeder dieser Arbeitsprozesse bis zur Fertigstellung des Buches nun mal seine Zeit brauche.
„Jede Frist unterliegt menschlicher Ordnung und kann verkürzt werden, ist es nicht so, sag mir, ist es nicht so?“
Einerseits schon, andererseits aber wiederum nicht, murmelte ich zweideutig. Sie kehrte mir schwungvoll mit ihrem prunkvollen Mantel den Rücken und hinterließ nur schwere, verkaterte Erinnerungen und ungute Vorahnungen. Nach ihrer Rückkehr aus der Türkei wurde unser Heim erneut von ihrer Anwesenheit beehrt. Sonja stopfte das Nötigste in eine Reisetasche und flüchtete mit Rada zu ihrer Mutter. Milky fragte mich mit Unschuldsmiene:
„Heute Abend schien mir deine Frau etwas genervt, bin ich zufällig der Grund dafür?“
„Nichts dergleichen“, ersparte ich uns schamlos die Wahrheit. „Sie hatte versprochen ihre Mutter zu besuchen und wollte bloß pünktlich sein.“
Sichtlich erleichtert schöpfte Milky dieses Mal bis vier Uhr morgens meine letzten Kraftreserven aus. Wieder reiste ich durch den Wendekreis des Krebses und des Steinbocks, durch den Süd- und Nordpazifik, durch Ozeane, Inseln und Länder, es war irgendwie lieblich, aber auch leidvoll, wenn ich nur an den Blick dachte, den mir Sonja beim Verlassen der Wohnung zugeworfen hatte. Die letzten Tage bis zur Veröffentlichung des Buches verliefen wie auf einem Schlachtfeld. Milky bombardierte mich mit Anrufen und ständig neuen Ansprüchen. Der Maler, der nicht nur mit bulgarischen, sondern auch mit vielen ausländischen Kunden gearbeitet hatte, musste ihr zehn Entwürfe für den Bucheinband vorlegen, bis sie endlich mit dem Elften zufrieden war. Er gestand mir, dass er in seiner zwanzigjährigen Karriere noch nie einen solchen Fall erlebt und sich einzig und allein für mich geopfert habe. Auf Eierschalen balancierend musste ich mit der Lektorin und dem Mädchen aus der Druckerei verhandeln, weil sich der Zeitrahmen unter Milkys Druck ständig verkürzte. Überall, wo wir auftauchten, ob in der Druckerei oder in der Nationalbibliothek, wo wir eine ISBN beantragen mussten, loderten Skandale auf. Denn niemand war so dumm wie ich, ihre Sonderwünsche auf der Stelle zu erfüllen. Und je näher das Projekt seinem Ende kam, desto seltener erwähnte sie, wie schön es doch wäre, wenn ich sie in London besuchen und sie mich bei der Publikation meines Gedichtbandes in England unterstützen würde.

Das Buch musste unbedingt zum Geburtstag ihres geliebten Gatten erscheinen, was mir endgültig jegliche Manövrierchancen nahm. Eine ganze Kiste mit Harddrinks brachte ich in die Druckerei, und dennoch hing alles bis zum letzten Moment am seidenen Faden. Und das war noch nicht alles. Bei jeder Bezahlung feilschte meine Freundin wie auf dem Basar, als wüsste sie nicht, dass ich meine Beziehungen hatte spielen lassen und die meisten Preise bereits Nachlässe enthielten. Als Einzelkämpferin hätte man ihr das Fell über die Ohren gezogen. Einige Male gingen meine Nerven mit mir durch und ich sagte ihr wörtlich, sie möge bitte ihren wertvollen Text nehmen und ihn im geliebten England drucken lassen. Wie ich denn jetzt sowas sagen könnte, konterte sie mit einem breiten Lächeln und wackelte mit ihrer Tower Bridge, die mich schon lange kalt ließ. Erst recht, als sie mir einen Mindestlohn zahlte, nachdem ich ihr die Unbezahlbarkeit meiner Arbeit verdeutlicht hatte. Unglaublich, aber ich tat es nicht des Geldes wegen, das ich auch noch so zögerlich annahm…
Wie auch immer – das Buch erschien. Klein, hübsch, elegant, schnuckelig, wenigstens äußerlich. Doch das Drama setzte sich fort, denn die frischgebackene Autorin suchte nach Medienpräsenz. Bescheiden versuchte sie anfangs bei diversen Kabelsendern ihr Glück, bis sie es endlich zu BTV schaffte. Die Premiere fand im Saal der Stadtbibliothek statt. Es war klar, wer sie dort präsentieren sollte, auch wenn ich mich aufrichtig dagegen wehrte. Dem Chefredakteur sagte ich, dass ich zu Recherchezwecken in die Bibliothek müsse, was ja immerhin zur Hälfte stimmte.

Im Saal hatten sich an die zwanzig Personen versammelt, ihre elitären Freunde und Verwandten, allesamt sentimental-gerührt gestimmt. Meine Ansprache über die Textqualität war kurz, ich mäßigte meine Abscheu und beschränkte mich auf die Geschichte von der Audiokassette zum Buch. Sie hörten mir sowieso nicht richtig zu, weil sie eigentlich gekommen waren, um ihre prominente Angehörige aus England zu ehren. Die Küsse und Blumen nahmen Überhand und gaben mir die Gelegenheit mich leise aus dem Staub zu machen und unauffällig an meinen Arbeitsplatz zurückzukehren.
Leider nicht ganz so unauffällig wie sich später herausstellte. Einige Medien hatten die Unvernunft besessen, öffentlich über die Veranstaltung zu berichten, und am nächsten Tag teilte mir der Chefredakteur freundlich mit, dass er mich nun nicht mehr brauche.
Tja, so sieht es aus. Meine Frau ist nicht mehr nach Hause gekommen, wahrscheinlich hat sie es vergessen. Von Zeit zu Zeit helfe ich noch irgendeinem manischen Schreiber bei der Veröffentlichung seines Buches und bin auf Abruf für Kleinaufträge verfügbar. Milky hat sich seitdem natürlich nicht mehr gemeldet, was mich auch freut. Das Gemälde des Straßenkünstlers mit der Tower Bridge habe ich Petjo der Brechstange vermacht, und er hat versprochen, beim nächsten Mal mein Auto kostenlos zu reparieren. Seitdem gehe ich Frauen mit großen Brüsten aus dem Weg und hasse mich selbst, wenn mein Blick manchmal doch hartnäckig auf einer weiblichen Kurve verweilt.

Auszug aus: Dimil Stoilov, EIN MANN MIT GUTEM GESCHMACK, erschienen 2005 im Verlagshaus Hermes, Plovdiv, Bulgarien
Übersetzung: Dessislava Georgieva

Nur ein Witz

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

Die Tagung stand unter dem Motto: ´Ist Outsourcing out?´ (mit dem Untertitel ´Is Outsourcing out?´ für anglophone Gäste). An ihr nahmen auch Beamte und Angestellte oberster Bundesbehörden teil. Der erste Redner war David L. Mulholland aus Belfast, Lehrbeauftragter der Universitäten London (UCL), Amsterdam (Vrije Universiteit) und Berlin (HU). Zur Verwunderung des Auditoriums begann er seine Rede auf Deutsch:

„Meine Dame, meine Herren. Sie wollen entschuldigen, dass ich schleckt spreche Ihre Sprache. Um zu testen, dass Sie mich können verstehen, ich will Ihnen erzählen einen Witz. Wenn Sie lacken zu fangen an, ich werde wissen, you got it. Wenn Sie dasitzen like this – hm, hmm, hmmm – ich werde wissen, mein Deutsch zu schleckt für die Pointe von welchem Witz. Well, fährt ein Taxi durch Crumlin Road, welches ist eine Straße in Belfast, Northern Ireland, wichtig zu wissen für die Verständnus, wenn der Fahrer von der Taxi er spürt eine Pressure in seine Nacken. ´Von welcher Konfessioun´, schreit der Mann hinten zu der Fahrer, welcher denkt bei sich: Ich sage Protestant, ist er ein Katholischer und pustet mich weg mit die Gun. Ich sage Katholischer, ist er ein Protestant und pustet mich weg likewise. Therefore, besser ich sage, ich bin ein Djude – und sagt so. Schreit dann der Mann mit die Gun: Well, ich happiest Palästinenser in Ulster! Sie lacken? Dann ich spreche Deutsch, weil Sie können verstehen alles und werde ich jetzt halten meine Deutsch-Rede über das wundervolle deutsche Begriff Outsourcing.“

Der Ministerialrat A., dessen Name hier keine Rolle spielt (und auch sonst nicht), erschien erst zur Kaffeepause, um das Tagungsgeld zu kassieren, und meinte, dass der wichtigste Teil einer Konferenz sowieso erst nach dem Mittagessen stattfinde. Er informierte sich über die Ereignisse des frühen Vormittags, deren wichtigstes Mulhollands Auftritt gewesen sein soll.
„Mulholland kenne ich“, sagte er, „der hat ein Buch geschrieben.“
„Kennen Sie alle Leute, die Bücher schreiben?“
„Ich kenne auch Leute wie Sie.“
„Er spricht Deutsch“, warf ein Dritter ein, „ungewöhnlich für einen Engländer.“
„Nein, ausgeschlossen, ein Engländer spricht kein Deutsch, auch in Deutschland nicht, am allerwenigsten englische Computerspezialisten.“
„Sie waren doch gar nicht dabei! Außerdem ist Mulholland ein Ire und kein Engländer. Er redet Deutsch so, dass man ihn versteht. Er hat die Geschichte von dem Taxifahrer in Belfast erzählt, den ein Gast mit der Pistole bedroht. Der Fahrer soll sagen, welcher Religion er anhängt, und denkt sich, wenn ich sage, dass ich ein Katholik bin, dann erschießt mich der Kerl, weil er ein protestantischer Terrorist von der Sorte ist, wie sie da oben herumlaufen.“
„ … und fahren“
„ … und fahren. Wenn ich aber sage, dass ich ein Protestant bin, dann erschießt er mich auch, weil ihn die IRA geschickt hat, also behaupte ich einfach, ich bin Jude, denkt der Fahrer und sagt, dass er Jude ist, also mosaischen Glaubens. Da freut sich der Gast im Fond und ruft: Ich bin der glücklichste Palästinenser in ganz Nord-Irland.“
„Er hätte doch sagen können, ich bin gottgläubig oder Atheist?“
„Das ist doch gar nicht der Punkt.“
„Der Witz ist witzig, weil er auf komische Weise den Nordirland-Konflikt und den Nahost …“
„Das ist doch wirklich nicht der Punkt, das ist zwar die Pointe, aber nicht der Punkt, auf den es ankommt.“
„Worauf kommt es denn Ihrer Meinung nach an, wenn Sie mir die Frage gestatten?“
„Es kommt darauf an, dass ein Engländer, ein Ire oder ein Schotte …“
„Das ist aber ein gewaltiger Unterschied!“
„Dass ein Alliierter, lassen Sie es mich so ausdrücken, …“
„Die Iren waren im zweiten Weltkrieg neutral!“
„Mein Gott, ist es zu fassen! Wir reden über NORD-Irland, haben Sie das noch nicht kapiert? Also gut: dass ein Nord-Ire vor einem deutschen Publikum einen Witz erzählt, in dem ein Jude mit dem Tode bedroht wird.“
„Der Taxifahrer war doch kein Jude.“
„Woher wollen Sie das denn wissen?“
„Er tat doch nur so, in Wirklichkeit war er Protestant.“
„ … oder Katholik.“
„Hier wird auf jeden Fall ein Christ bedroht.“
„Haben Sie schon einmal daran gedacht, dass Chaim Herzog in Belfast geboren wurde? Wenn der kein Jude ist, wer dann?“
„Das ist doch gar nicht der Punkt! Niemand bestreitet, dass es in Belfast zwei oder auch zwanzig, vielleicht sogar zweihundert Juden gibt!“
„Ja, wer sagt eigentlich, dass der Fahrer ein Christ zu sein hat? Vielleicht war er ein Muselmann, und der Witz besteht darin, dass ein PLO-Terrorist kurz davor steht, ohne es zu wissen, einem frommen Moslem das Licht auszublasen, womit bewiesen wäre, dass Gewalt zu nichts führt.“
„Zu nichts führt! Sie sehen doch, wohin Gewalt führt. Tatsache ist, dass vor einem deutschen Publikum, dazu vor Ministerialbeamten, ein Witz erzählt wird, in dem jemand nur deshalb umgebracht werden soll, weil man ihn für einen Juden HÄLT. Das können Sie doch gar nicht bestreiten.“
„Das glaube ich nicht.“
„Aber das habe ich mit eigenen Ohren gehört!“
„Ich glaube nicht, dass es eine Provokation war.“
„Mit so was können Sie Deutsche gar nicht mehr provozieren.“
„Die meisten haben gelacht.“
„Sie haben halt die Pointe verstanden.“
„Was für eine Pointe, bitte sagen Sie mir, was für eine Pointe!“
„Der Kollege hat es Ihnen doch gerade erklärt: IRA und PLO in einer witzigen Gegenüberstellung. Da ist doch nichts dabei!“
„Was für eine Pointe, frage ich noch einmal: Jemand will einen Menschen umlegen, weil er ihn für einen Juden hält, und Sie haben darüber gelacht. DAS ist für mich die Pointe!“
„Jetzt erlauben Sie mal! Ich lasse mir doch von Ihnen keinen Antisemitismus anhängen!“
„Worauf ich hinaus will, ist …“
„Sie wollen mir was anhängen!“
„Was ich sagen …“
„Können Sie sich denn nicht einigen, es war doch nur ein Witz.“
„Ein Brite …“
„Ein Ire, ein Nord-Ire“
„ … hat ein deutsches Auditorium getestet, und wir haben gelacht über einen billigen antisemitischen Effekt.“
„Antijüdischen, wenn schon, denn schon antijüdischen. PLO-Anhänger sind auch Semiten, wenn ich bitten darf.“
„Aber meine Herren, das führt alles zu weit. Das ist ein weites Feld, wie Fon …“
„Ach hören Sie doch auf! Vielleicht wollte Mulholland nur testen, ob wir uns von semiphoben oder semiphilen Komplexen befreit haben und über etwas lachen können, worüber jeder in Nord-Irland lachen würde.“
„Darüber lachen die Leute in Nord-Irland nicht!“
„Woher wollen Sie das denn wissen?“
„Der Witz ist geschmacklos.“
„Das sagen Sie mal gefälligst unserem verehrten Redner!“
„Ich habe nicht gesagt, dass der Redner geschmacklos ist.“
„Das hat auch keiner behauptet.“
„Ich behaupte, dass der Redner berechnend einen geschmacklosen Witz erzählt hat, und SIE sind darauf hereingefallen!“
„Ich für meine Person habe nicht gelacht.“
„Auf einmal wollen Sie nicht gelacht haben!“
„Weil ich den Witz schon kannte. Den kennt doch jedes Kind. Ich wette mit Ihnen, dass Mulholland den Witz in Frankreich genauso auf Französisch erzählt.“
„Jetzt mal eine Frage: Erzählt er den Witz auf Hebräisch auch in Israel?“
„Nein.“
„Nein?“
„In Tel Aviv kümmert man sich nicht um die IRA, weil man mit der PLO genug zu tun hat, mit der Fatah und der Hamas.“
„Die Hamas gehört aber nicht zur PLO!“
„Sie scheinen wohl alles ganz genau zu wissen! Aber darauf kommt es hier nicht an. Die Pointe ist schwerpunktmäßig der Unterschied zwischen Katholiken und Protestanten.“
„Was sind SIE eigentlich?“
„Regierungsdirektor im Innern.“
„Ich meine, welche Konfession?“
„Ich bin ein Djude.“
„Machen Sie nur Ihre Witze!“
„Ich brauche mich meiner Konfession nicht zu schämen!“
„Dann erklären Sie uns mal das Chanukka-Fest!“
„Es ist das Fest der Armleuchter.“
„Meine Herren, meine Herren! Armleuchter muss ich mich nicht titulieren lassen!“
„Das ist doch typisch deutsch.“
„DAS hat noch gefehlt!“
„Das ist TYPISCH deutsch!“
„Gesamtdeutsch.“
„Hochdeutsch.“
„Sie sind ein typisch deutsches Arschloch!“

David L. Mulholland schlenderte herbei und rührte in einer Tasse.
„Hallo boys! Gefällt es Ihnen bei diese Veranstaltung oder wie Sie sagen würden: bei diese Event? Mein Witz ist very altmodisch, weil – Unionist Party und Sinn Féin machen jetzt eine gemeinsame Regierung in Ulster. Wissen Sie, Chaim Herzog hat mir den Witz erzählt, vor lange, lange Zeit. Und ich kenne keine andere Joke auf Ihre deutsche Sprache. Sorry.”

Spa

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

Das Portal gähnt gegen die Rue des Sources. Über ihm steht in Steinlettern: Spes fallit. Der Nordflügel des Casinos beherbergt ein Restaurant, das man durch einen Nebeneingang von der Straße aus oder über die Terrasse von der Parkseite her betreten kann. Die Terrasse bildet den herrschaftlichen Abschluss des Kurparks. Wer unter der Pergola sitzt, dem liegt die Stadt zu Füßen, der ist, solange er hier bleibt, ein italienischer Conte, ein britischer Lord, ein belgischer Fabrikant – ein vornehmer Mensch. Die Seele, ermüdet vom Rundgang durch die Altstadt, kostet hier das Gefühl getaner Taten und späten Ruhms – bis der Kellner kommt und sagt: Wir öffnen um sechs.

Die Sonne hat ihren Glanz abgestreift und steht nackt eine Hand breit über dem Horizont. Viertel sieben sind alle Tische besetzt. Die Gäste warten auf die Ouvertüre, den Einmarsch der Kellner. Als die Sonne in den Fenstern des Kurhauses noch einmal aufblitzt, treten sie hervor, ihr Gang neigt sich zu den beiden Halbkreisen der Terrasse. Die Kellner in den erdbeerfarbenen Jacken und blauen Hosen tragen fürstliche Livree. Darf denn hier sitzen, wer auf Geld achten muss? Ohne das Aussehen eines Vermögenden ist der Gast allein auf die Höflichkeit des Obers angewiesen. Wie er mit gezücktem Bleistift vor dem Tisch Wache hält und einen durch seine schweigende Anwesenheit anstachelt, schnell eine Wahl zu treffen! Ihm die Zeit zu stehlen, die er im Dienst anderer Gäste benötigt, wäre rücksichtslos. Denn wehe, er sagt „wählen Sie in Ruhe“ und wendet sich ab, dann ist man zum Warten verurteilt. Später wird man ihn anflehen, zahlen zu dürfen, und er wird sich für das Trinkgeld nicht dankbar erweisen, sondern es für eine gerechte Anzahlung dafür nehmen, dass er unsereins hat bedienen müssen.

In der Wartezeit lernt man den Schritt des Tischkellners von dem anderer zu unterscheiden. Man achtet auf die Geräusche seines Nahens, das Klappern der Halbschuhe. Wenn er – den Arm voll Teller – aus dem Hause tritt, keimt die Hoffnung. Allmählich aber wandelt sich Hoffen in Enttäuschung und Enttäuschung in Hass. Der Gast stellt sich vor, wie er die Suppe unter einem Vorwand zurückweist und sich später das Wechselgeld akkurat auszahlen lässt. Dann quält ihn die Eifersucht. Ist der Kellner zu den anderen nicht freundlicher? Schaut er wenigstens herüber? Was glaubt er, wozu man hier sitzt! Um mit dem morschen Brot die Tauben zu füttern? Der Kellner hängt zwar von höheren Gewalten ab, dem Küchenchef, der den Herd nicht früh genug anheizt, trotzdem, er ist ein mächtiger Mann. Auf eigenem Platz kämpft er gegen den Gast.

Der Unmut verweht. Die Eilfertigkeit des Kellners – war sie nicht besonders groß, als er die dampfenden Teller an den Tischen der anderen, die warten müssen, vorbei jonglierte? Noch im Lauf ließ er sich herab, in den Knien federnd, um seine ausgestreckten Arme auf die Höhe des Tisches zu senken, damit er keine Zeit verlöre, Zeit, die dem Gast gehört. Der Kellner ist ein Menschenfreund. Er müht sich, die Faulheit des Küchenchefs auszugleichen und den Gast zufriedenzustellen. So mündet doch noch Hass und Eifersucht in die Liebe zum Kellner. Sie äußert sich in einem gefälligen Neigen zur Seite, damit die Speisen bequemer abgesetzt werden können. Löffelrühren und ein zufriedenes Murmeln begleiten den Mann auf seinem Gang zurück.

Der Ober könnte, wenn er nur wollte, denkt der Gast beim Löffeln, wenn er nur wollte, könnte der Ober die Musik aus dem Bistro jenseits der Straße leiser stellen lassen, von Kellner zu Kellner, aber er tut es nicht! Er ist nicht gezwungen, auf der Terrasse auszuharren. Er kann am Tresen im Innern, wohin die Musik kaum dringt, mit der Buffetdame flirten. Ihn scheint die Musik nicht zu stören, ja er delektiert sie womöglich, ein Mann niederen Geschmacks, wahrscheinlich ein Kraftfahrer, der Kellner geworden ist, weil ihm der Führerschein entzogen wurde. Aber jetzt ist er eine einflussreiche Persönlichkeit, dennoch wird er seinen Einfluss leugnen und in falscher Bescheidenheit behaupten, dass es nicht in seiner Macht liege, die Musik leiser zu stellen. Dabei genügte ein Anruf, denn Kellner kennen sich. Sie bilden in der Innenstadt eine Zunft, gegen die ein Gast nichts ausrichtet. Sie verständigen sich über hundert Ecken, haben das Touristenbüro in ihrer Gewalt und bestimmen das öffentliche Leben. Wenn man einmal auffällt, dann muss man in dieser Stadt Hungers sterben oder sich bestenfalls mit kalter Speise abfinden. Sie haben sogar ihren Patron in der Hand. Es liegt an ihnen, ob sie den Koch empfehlen oder behaupten, die Gerichte seien ungenießbar. Kellner sind gefährlich.

Man müsste den Garcon auf Trab bringen, jetzt da die Hauptspeise verzehrt ist. Man könnte ihn noch einmal um die Karte schicken. Aber was, wenn er mit einem angedeuteten Kopfnicken zu verstehen gäbe, er habe verstanden – und die Karte doch nicht holt? Er hat sie vielleicht vergessen, weil er die Windlichter für den Abend aufstellen muss. Die Sonne hinterm Horizont zieht eine schimmernde Gaze über das Kupferdach des Kurhauses. Im Zwielicht wirken die Kellner wie Kobolde. Sie huschen von einem Tisch zum anderen. Sie wechseln ihre Gestalt: Mal so klein, dass man sie kaum erkennt, mal mit Hilfe des Schattens Giganten, je nach ihrer Stellung zum Restlicht des Himmels, der Windlichter auf den Tischen und der aufblitzenden Scheinwerfer einbiegender Autos. Die ersten Gäste gehen, neue kommen zum Nachtmahlen nach Geschäftsschluss. Sie müssen zuerst bedient werden. Die anderen, die ihre zweite Bestellung aufgeben wollen, haben zu warten, und erst recht einer, der nur nach der Karte schickt, um nachzulesen, wie die Speise heißt, die er verzehrt hat. Trotzdem, die Bedienung hat zu gehorchen. Der Gast ist König.

Wenn man den Geschäftsführer kommen ließe (man müsste wohl selbst in dem Casino-Komplex durch schlecht beleuchtete Flure auf die Suche nach ihm gehen), wenn man den Geschäftsführer fände in einem stuckverzierten Saal, wie er im Lichtkegel einer grünen Tischlampe hinter einem Eichentisch sitzt, über Rechnungen gebeugt, und wenn man sich beklagte über einen Kellner, der jenseits der Stille dieses Saals auf einer Terrasse Gäste bedienen soll, sie aber nicht bedient – was hättest du damit gewonnen? Wäre deine Autorität nicht geschmälert worden durch die verzeihende Art des Geschäftsführers, der dir keinen Stuhl anbietet, sondern dich zwischen Flügeltür und Schreibtisch auf dem Teppich stehenlässt und dir zuhört, als wärst du ein Kind, das sich über die Gouvernante beklagt, weil es noch nicht wissen kann, was gut für es ist? Wenn man den Geschäftsführer verlassen hätte und erfolglos zurück auf seinen Platz gegangen wäre, würde einem dann das Dessert munden, das man hatte bestellen wollen? Der Gast greift im Vorübergehen zur Karte auf der Anrichte neben dem Ausgang. Er tut so, als käme er von höchster Stelle, obwohl er nur auf der Toilette war. Er bildet sich ein, dass die anderen Gäste denken, er komme geradenwegs von der Leitung des Etablissements, die strenge Maßnahmen gegen den Kellner verhängt hat, und greife im Vorübergehen zur Karte, um die Affäre versöhnlich zu beenden. Nun, da man eine Karte besitzt, wird man auch ordern müssen. Es wird zur Strafe nur eine kleine Bestellung sein.

Als der Kaffee bestellt werden soll, ist kein Kellner zu sehen, nur die Portiere vor der Tür, durch die er auftreten müsste, bewegt sich in der Brise, die vom Park herüber weht. Die Geranien auf der Brüstung sind aus Kunststoff, eine späte Entdeckung, die einen trotz des schön illuminierten Abends verbittert und die Welt als Trug erscheinen lässt. Man wird auf den Kaffee verzichten, obwohl er einem gut täte, gerade jetzt, da man den Ärger hinunterspülen will. Vielleicht musste der Kellner zur Klinik fahren, vielleicht liegt seine Mutter im Sterben und er kann deswegen nicht kommen, oder seine Frau erwartet ein Kind, und man wäre der Letzte, der kein Verständnis dafür hat, dass ein werdender Vater seine Pflicht hintanstellt.

Der Ober lugt durch den Spalt im Vorhang. Die Hoffnung keimt. Er ist nicht gestorben, auch seine Mutter nicht, er lebt, er hat sich blicken lassen, wenn auch nur für einen Augenblick, wie ein Gott sich blicken lässt durch einen Schleier, mehr zu ahnen als zu erkennen, aber so, dass jeder an seine Existenz glauben muss. Die Hoffnung blüht. Geranien aus Kunststoff sind haltbarer als natürliche und sehen frischer aus. Man selbst würde als Besitzer anordnen, dass zum Wohl allergischer Gäste Kunststoff-Ersatz beschafft werde.

Der Kellner soll kassieren. Wie lange es dauert, bis er das Handzeichen wahrzunehmen geruht. Die wegwerfende Bestätigung, dass er einen aus den Augenwinkeln gesehen hat: Empörend! Das Mysterium, warum Kellner zuerst das Geschirr abräumen, die Tischdecken ausschlagen und sich danach erst bequemen, die Wünsche der Gäste zu notieren, gehört zu ihrem Beruf wie das Geheimnis der zersägten Jungfrau zu Illusionisten – oder versteckt sich dahinter doch nur die Rache des kleinen Mannes an dem vornehmen Gast? Soll man den Kellner zur Rede stellen: Hat das Abräumen nicht Zeit? Er wird sich beleidigt abwenden, dann den Kaffee bringen, den man mit dem bohrenden Blick im Rücken wird austrinken müssen. Der Kellner würde sich mit den anderen Gästen verbünden, sie besonders höflich bedienen und ihr Wohlwollen gewinnen, und die Damen und Herren würden nicht verstehen, warum es jemand wagt, sich gegen die milde Herrschaft der Diener aufzulehnen. Aller Augen wären, wenn man es gerade nicht sieht, in kalter Geringschätzung auf einen gerichtet – den Verräter an dem Grundsatz, dass alle Menschen gleich geboren sind, und dass der Kellner kein Sklave ist, als den man ihn hingestellt hat.

Was wäre, hätte man ihm vorher das Trinkgeld im stummen Einverständnis zugesteckt, einen Schein in die erdbeerfarbene Tasche gestopft und darauf geschlagen und gesagt: Voila, bringen Sie mir etwas Besonderes und sorgen Sie dafür, dass die Zeit zwischen den Gängen nicht zu lang wird?

Der Playboy

von Lina Fehse (copyright)

Einmal hatte mich mein Freund Thomas richtig auf die Palme gebracht, und ich war fest entschlossen, fremd zu gehen. Mein Nachbar, Jörg, hatte mir das empfohlen. Er selbst stand mir gern zur Verfügung. Aber mit dem besser nicht, er ist ein Quatscher. Ich wollte mit ganz Fremden, was man eine Affaire nennt, haben und unbedingt heute, heute nacht, solange ich Zorn auf Thomas hatte.

Es war kurz nach neun, als ich fertig zurechtgemacht vor dem Spiegel stand. Bettfrisur, hautenge Jeans und Bluse, hohe Stöckelschuhe, damit mich keiner übersieht, kräftiges Make-up auf natürlich, greller Lippenstift. “Pronto”, dachte ich, aber dann knöpfte ich die Bluse noch ein bißchen tiefer, um zu zeigen, daß mir nichts Menschliches fremd ist. “Perfekt!” Ich rief ein Taxi.

Die Adresse stand schon bei mir fest. Eine kleine Disko-Bar mit dem Namen “BLEIB TREU”. In zehn Minuten standen wir vor der Zieladresse. Aber ich wußte nicht, wie ich da ganz allein hinein gehen sollte. Meine Ängste waren umsonst, denn der Türsteher kam gerade heraus und fragte, ob ich nicht reingehen möchte. So kam ich in seiner Begleitung bis zum Bar-Tresen. “Niko, mach’ ein bißchen Platz für die Schönheit”, sagte er zu einem gepflegten, sympathischen Mann und ging. “Und wie heißt Du, Schönheit?” fragte Niko. “Monika, für Freunde Mona”, stellte ich mich vor.

Der Niko hat mich zu einem Drink eingeladen, und dann ich ihn, und so ging es weiter, bis wir beide leicht angetrunken und lustig waren. Ich redete und flirtete ununterbrochen und dachte es läuft ja wie geschmiert nach meinem Plan – bis der Moment der Ernüchterung kam. Denn Niko war vom anderen Ufer. Aus einem guten Gesprächspartner konnte kein guter Bettpartner werden. Meine Laune war auf einmal im Eimer, und ich erzählte Niko von meinem Wunschplan, der nun auch im Eimer war.

“Die Nacht ist noch nicht zu Ende”, beruhigte er mich. “Siehst Du uns gegenüber den braungebrannten Mann in der Lederjacke? Der ist hier Stammgast. Wir nennen ihn den Playboy. Er fährt ein Kabrio, hat ein Haus im Grunewald und geht oft mit einem Mädchen raus, erscheint aber immer wieder allein.” “Vielleicht ist er ein Frauenmörder?” fragte ich ironisch.

“Ob er Leichen im Keller hat, mußt Du schon selbst herausfinden”, lachte Niko, nahm mich leicht am Arm, und wir drängten zur anderen Seite des Tresens. Er stellte sich neben den Playboy. “Komm, Mona Lisa, hier ist ein gemütliches Plätzchen, wo Du noch ein bißchen bleiben kannst. Ich muß leider geh’n”, schrie er fast, damit ihn der Playboy hörte, und verschwand.

“Oh, was für ein wunderschöner Name, Mona Lisa. Und Sie haben auch was Antikes an sich”, sagte der Playboy und machte für mich mehr Platz. Er guckte in mein Dekolleté und lud mich zu einem Drink ein. Ich überlegte schon schnell eine Antwort auf die Frage, was ich beruflich machte. Eine arbeitslose Sekretärin, die Mona Lisa heißt, ist nicht erotisch.

“Sie sind bestimmt ein Fotomodell, ich habe Ihr Gesicht schon irgendwo bewundert”, sagte er. “Ach, man kann nirgendwo hingeh’n, ohne erkannt zu werden”, spielte ich mit. Er redete über Gott und die Welt, war mal von rechts, mal von links um mich rum und überschüttete mich mit Komplimenten. Der Playboy war mir nicht unsympathisch, und ich dachte, das muß wohl zum Fremdgehen reichen. Nach einem endlosen Blick in mein Dekolleté schlug er mir vor, das Ambiente zu wechseln. “Ich heiße Klaus Mullimann und wohne ganz allein in einer Villa im Grunewald. Es gibt kalten Champagner und heiße Musik. Leiste mir ein bißchen Gesellschaft, Mona Lisa, hier ist es so laut, wir werden noch taub,” sagte er in einem Atemzug. Ich war einverstanden. “Du bist eine Heilige, Mona Lisa”, sagte er, und seine Augen glänzten wie bei einem Kater, bevor er den Napf mit dem Fressen kriegt.

Beim Rausgehen zwinkerte mir der Türsteher zu, als wollte er mir zu meinem “großen Los” gratulieren. So saß ich also im Kabrio auf dem Wege zur Sünde und flüsterte leise: “Oh Gott, hilf mir, ich bin in Deinen Händen!” Aber es schien, als seien des lieben Gottes Hände auch ohne mich schon voll genug, und wir kamen ohne Hindernisse an der Villa von Klaus Mullimann an.

Schon stand ich in einem großen Wohnraum mit vielen Fenstern und bewunderte den feinen Geschmack des Besitzers. Der Playboy war stolz durch mein Lob und sagte wie ein Makler, der mir unbedingt die Villa verkaufen wollte: “Der Tag war sehr heiß, deswegen ist es hier so stickig, aber wenn ich jetzt alle Fenster aufmache, kommt direkt aus dem Grunewald eine frische Brise.”

Damit begann seine Arbeit. Er schob die Gardinen zurück, öffnete dann die Fensterflügel, zog die Außenjalousie des ersten Fensters hoch. Dann ging es zum nächsten Fenster, zum übernächsten und weiter zu den folgenden, immer die gleichen Handgriffe wie ein Ritual, um die stickigen Geister rauszutreiben und die reinen Luftgeister hineinzuholen, direkt aus dem Grunewald. Beim letzten Fenster endlich war er rot im Gesicht, verschwitzt und gealtert. Nun erst zog er seine Lederjacke aus und sagte: “Ich muß unter die Dusche, Mona Lisa, Du kannst inzwischen schon den Champagner aus dem Kühlschrank holen, den CD-Spieler anwerfen und es Dir gemütlich machen.”

Nach kurzer Zeit hörte ich ein vornehmes Schimpfen: “Merde, merde, es kommt kein Wasser mehr, gibt es in der Küche welches?” Aber in der Küche kam auch keines. Der Playboy kam aus dem Badezimmer und stand vor mir braun-rot mit weißen Streifen. Man sah, daß er an der Seife nicht gespart hatte. Mit einer Ecke des Saunatuches, das er um seine Hüften gezurrt hatte, rieb er sich die Augen. “Merde, ich werde noch blind, meine Augen brennen so.”

Ich wollte ihm die Flasche Champagner reichen, daß er damit sein Gesicht wäscht. “Du guckst wohl die falschen Filme, Mona Lisa, weißt Du denn nicht was so eine Pulle kostet”, sagte er und suchte nach Mineralwasser, aber in der Kiste befanden sich nur leere Flaschen.

“Donnerwetter”, schrie er, und in diesem Moment donnerte es wirklich. Es kam ein sehr starker Wind ins Wohnzimmer, die Gardinen flogen bis zur Decke wie riesige Vögel, und die Fenster und Jalousien klapperten bedrohlich. Der Playboy eilte, alle Fenster wieder zu schließen. Die Arbeit fing von vorne an. Als er die Hälfte geschafft hatte, regnete es bereits in Strömen.

Ich versuchte witzig zu sein: “Jetzt bekommst Du viel Wasser, Klaus, aber leider nicht aus dem Hahn.” Dies überhörte er.

Ich stand noch immer mit der Flasche Champagner in der Hand. “Was stehst Du da herum wie ein Model beim Fototermin”, schrie er mich an, “siehst Du nicht, es regnet schon ins Zimmer rein. Merde, merde, mein Parkett!” Ich sollte ihm Wischtücher bringen und dann in den Keller gehen, um Mineralwasser zu holen. Er erklärte mir schnell, wo ich was finden würde, und bei seiner Ordnung stellte sich das als kinderleicht heraus.

Bald war ich im Keller und schaute um mich herum. Großer Raum mit großen Regalen wie in einem Supermarkt, Kisten, Flaschen Dosen perfekt eingeordnet wie Soldaten bei einer Militärparade. Ich wollte schon nach dem Mineralwasser greifen, als ich plötzlich ein leises Wimmern hörte. Das war ein Kätzchen. Es kam auf mich zu und strich um meine Beine. Ich hob es hoch. Es war noch sehr jung, dünn wie ein Bleistift und klitschnaß. Es hatte sich vielleicht vor dem Gewitter gerettet und bei seiner schmalen Figur konnte es sich bestimmt in jede Festung reinschleichen. Ich lief nach oben mit der Katze auf dem Arm.

Der Playboy war gerade mit dem Bodenwischen fertig. Ich schrie: “Klaus, ein Kätzchen, ich habe ein Kätzchen gefunden, in Deinem Keller. Es stirbt vielleicht vor Hunger!” Der Playboy ging auf mich zu mit dem Gesicht eines Mörders, seine Augen waren blutunterlaufen. Er faßte mit zwei Fingern das Kätzchen an. “Warum ist die Mieze naß, steht mein Keller unter Wasser. Merde, merde, ich habe Wasser im Keller!” Mit diesen Worten schnappte er die Wischtücher und lief, ohne auf meine Antwort zu warten, wie der Blitz in den Keller runter. Sein Saunatuch rutschte von den Hüften, und zwei rot-braune Pobacken, waren das letzte, was ich von meinem Playboy sah. Ich hörte noch die Kellertür knallen. “Hat er sich eingesperrt?”

Ich packte das Kätzchen in das Saunatuch, das am Boden lag, und lief aus der Villa Mullimann.

Zu meinem Glück fuhr gerade ein freies Taxi vorbei, in das ich steigen konnte. Ich nannte meine Adresse und bat den Taxifahrer: “Schneller, fahren Sie schneller!” “Wernse vafolgt oder hamse wat vabrochen, Frollein?” fragte der. “Nicht direkt, aber das Kätzchen stirbt vor Hunger”, sagte ich und erzählte kurz das Geschehene.

“Ick hab ooch mal so ne Jeschichte jehabt”, gab er zu verstehen. “Ick hab’n Mädel mit zu mir jenomm. Die hat mir besoffen jemacht, bevor wat losjehn konnte. Ick bin einjepennt, und det Mädel is abjehaun mit meine janzen Mäuse. Da stand mir wirklich det Wasser bis zum Hals. Außer Spesen nischt jewesen. Na ja, ick hab’s übalebt.” Da mußten wir beide lachen.

Endlich zu Hause, gab ich dem Kätzchen Milch. Während es schlief, hörte ich den Anrufbeantworter ab. Da waren nur viele Anrufe von Thomas. Und der letzte gefiel mir besonders: “Mona, ich liebe Dich, ich liebe Dich wirklich, willst Du meine Frau werden?”

Ein Jahr später.

Ich bin mit Thomas verheiratet und arbeite als Sekretärin in einer Model-Agentur. Aus meinem wimmernden Kätzchen ist ein großer Kater geworden, der heißt Klaus. Er ist kastriert und lebt glücklich und zufrieden in geordneten Verhältnissen.

Copyright by Lina Fehse – weitere Verwendung nur mit Genehmigung der Autorin.
Aus: Lina Fehse “Männer, Männer” Erzählungen, ISBN 3-8334-1715-3, (im Internet).

Cloe, Sue und Pia

von Eduard Breimann (copyright)

Die meisten Menschen – da bin ich mir sicher – werden nicht ernsthaft bestreiten, dass es zwischen Himmel und Erde etwas gibt, das unser Leben auf geheimnisvolle Weise beeinflusst.
Man kann schließlich nicht alles mit Floskeln wie: „Das ist menschlich“, „Na ja, das Alter“, oder „Das war der liebe Gott“ erklären! Der geborene Kölner hingegen fragt in solchen Fällen sogar fatalistisch: „Wat wellste maache?“
Dazu gibt es ‚nüchterne Menschen’, also, was immer das heißen mag, die für alles und jedes eine logische Erklärung parat haben. Und die werden sich auch durch diese Geschichte nicht eines Besseren belehren lassen. Sie sind, wie wir so schön sagen, ‚unbelehrbar’. Und der betroffene Kölsche sagt gar: „Wat soll dä käu?“
Aber wie, so muss man sich doch als vernünftiger Mensch fragen, lassen sich manche Dinge erklären, wenn nicht tatsächlich Kräfte da sind, die dafür die alleinige Verantwortung tragen?
Wer, bitteschön, hat mir am Samstag vor einer Woche die Karten für die Kölner Philharmonie aus der Anzugtasche genommen, hat sie auf die Garderobe gelegt und mich deshalb an der Einlasskontrolle blass werden lassen? Nun? Meine Frau war´s nicht – und ich schon mal gar nicht!
Wer hat mir das völlig leere Portmonee in die Tasche gesteckt und mich zum Gespött der Kunden beim Bäcker Kraus gemacht?
Wer hat das Halteverbotsschild in der kurzen Zeit meiner Abwesenheit genau neben meinem Auto aufgestellt? Na? Die Politesse etwa? Nein! Die nicht. Und die Arbeiter vom Straßenbauamt haben noch nie so schnell gearbeitet. Also, wer dann?
Und wer, so frage ich Sie, lässt unsere Schlüssel auf geheimnisvolle Weise verschwinden, verlegt ständig Dinge an Orte, wo wir nie – wirklich nie im Leben – waren?
Kinetik, sagen die ‚Nüchternen’ (was nichts mit Verzicht auf das leckere Kölsch zu tun hat), aber erklären können sie uns auch nicht, wer diese ‚Kinetik’ denn benutzt und wie sie funktioniert. Mit regelrechtem Sarkasmus pflegt der Kölsche zu all den verschwunden Dingen zu sagen: „Wat fott es, es fott!“
Genug! Wir, die Wissenden, werden das, was da eines schönen Tages in der Nähe von Köln passierte, schon richtig verstehen. Lassen wir die Ungläubigen bei ihrer trockenen Physik – oder was auch immer das ist – bleiben. Und wir lassen es uns klaglos gefallen, dass der oft zitierte gemeine Kölsche zu uns sagt: „Do häs et Schoss erus!“ oder auch „Do häs se nit all op de Dröht!“ (sinngemäß: „Du bist bescheuert!“, Anm. d. Verf.)
Könnten diese Ignoranten hinter die Kulisse schauen, hätten sie Durchblick und Fantasie, würden sie die folgende Geschichte nicht mit einem überheblichen Lächeln abtun.

Drei besondere Wesen, von nostalgisch angehauchten Leuten auch Feen genannt, spielen in dieser wahren Geschichte die Hauptrolle. Sie sind beileibe nicht die einzigen ihrer Art in dieser Welt, aber wir wollen uns aus Platzgründen auf sie – und einen Aufsehen erregenden Fall – beschränken.
Man kann – nein, man muss – diese drei Damen gemeinsam betrachten; anders geht es nicht. Sie sind eine echte Feeneinheit. Sie machen eben alles miteinander – wie das bei Geschwistern häufig der Fall ist.
Die Feen heißen Cloe, Pia und Sue. Cloe liebt ihre feuerroten Haare – turmhoch aufgeschichtet – und ist zudem groß, worüber sie manchmal verzweifelte Witze reißt.
„Lass dir doch einen Pagenschnitt wie Sue machen. – Einen Haarturm zu tragen, nee, nee! Und das bei deiner Größe!“, sagt Pia manchmal.
Pia ist stolz auf ihre schwarzen Haare mit diesem indianisch-bläulichen Einschlag und trägt sie schulterlang. Sie leidet allerdings ziemlich darunter, dass sie so klein geraten ist – gerade mal einssechzig kann sie vorweisen.
„Lass dir doch Einlegesohlen machen. Oder trag diese Klocks mit fünf Zentimeter hohen Sohlen“, rät ihre Schwester Sue genervt, wenn sie das Gejammer leid ist.
Sue ist strahlendblond mit einem Schuss ins Rötliche und hält den Pagenschnitt für das einzig Wahre. Sie ist sehr mit sich zufrieden, ist sie doch weder zu groß, noch zu klein.
Cloe trägt grundsätzlich bodenlange blaue Kleider, die ständig einen „saudreckigen Saum haben“, wie Sue immer wieder bitter beklagt.
Pia dagegen, trägt – quasi als Kontrastprogramm – stets einen ultrakurzen Minirock, was ihre Schwestern fast täglich zum Naserümpfen veranlasst.
Sue wiederum liebt enge Hosen. „Du hättest besser ein Mann werden sollen“, regt sich Pia deshalb bei Gelegenheit auf; aber ansonsten vertragen sich die Schwestern wirklich gut.
Damit sind allerdings auch schon die wesentlichen Unterschiede der netten Schwestern aufgezählt; der Rest ist bei allen identisch und in seinen Hauptmerkmalen so zu beschreiben:
Sie sind bildhübsch, ewig jung, nicht ortsgebunden, launisch, zauberhaft – im wahrsten Sinne des Wortes -, dazu ideenreich und ständig auf einen sogenannten „Kick“ aus, der ihr Alltagsleben versüßen soll – wie im vorliegenden Fall.

Es war ein ganz normaler Tag. Das Frühstück hatten sie genossen und dehnten und streckten sich wohlig im frühlingswarmen Sonnenschein.
„Ich habe da so eine Idee“, sprach Cloe geheimnisvoll lächelnd, was ihre Schwestern Pia und Sue zu Äußerungen wie: „Lass hören!“, „Sag schon!“ und „Oh, du Biest, du willst es alleine machen“, verleiteten.
Cloe aber tat nicht länger geheimnisvoll – sie machte doch nie was alleine –, sondern flüsterte ihren Schwestern, deren Augen dabei immer runder und größer wurden, ihre „phantastische Idee“ in die niedlichen Öhrchen.
„Meinst du?“, „Wenn das bloß gut geht“, „Oh, mein Gott, das wird ein Spaß“ und – „Wann fangen wir an?“, waren nur einige der spontanen Ausrufe.
Sie fingen tatsächlich sofort an, denn diese drei Damen kannten keinen Tagesrhythmus wie wir ihn pflegen. Also, ein Ausruf: „Aber erst nach dem Mittagsschlaf, Süße“, oder so ähnlich, war hier nicht denkbar.
Sie stellten sich in Höhe des Ortes Köln-Fühlingen auf, der, wie Ortskundige wissen, zu Köln gehört und an der Bundesstraße 9 liegt. Dass sie diese Stelle erwählten, das aber war reiner Zufall. Es hätte, sagen wir mal, zum Beispiel auch die B 1 bei Düsseldorf sein können, oder eine dieser herrlichen Alleen in Brandenburg. Allerdings: Wie diese Geschichte im versnobten Düsseldorf oder im nüchternen Brandenburg ausgegangen wäre, das ist nicht leicht zu erraten.
Da standen sie also – unsichtbar – und warteten. Sie mussten allerdings nicht lange warten, denn, wie die geplagten Benutzer dieser Strecke wissen, ist das eine verdammt stark befahrene Straße.
„Da kommt einer!“, rief Cloe. „Ich fange an – ich hatte immerhin die Idee.“
Es muss noch eine Gemeinsamkeit der drei Damen erwähnt werden: Sie tragen drei völlig gleich aussehende kleine Stäbe bei sich – immer.
„Man kann ja nie wissen, ob man ihn nicht gerade braucht“, pflegte Sue zu seufzen, wenn sich Pia über die Ausbuchtung im Ärmel ihres saloppen Jäckchens beschwerte.

Nun gut. Also, ein Auto – rot, klein, viele Jahre alt und langsam – näherte sich. Da hier ein Überholverbot das flotte und überhebliche Vorbeihuschen untersagt, schleppte dieses Miniauto einen Schweif von – grob geschätzt – hundert schnelleren, schöneren, neueren Wagen hinter sich her; es war die Zeit vor Bürobeginn bei Ford, Bayer und anderen großen Firmen.
„Die nehmen wir alle, ihr Süßen“, rief Pia, schwenkte ihren niedlichen Stab und stellte sich neben Cloe.
„Jawohl! Das reicht für drei flotte Damen“, bestätigte Sue und stellte sich ebenfalls stabschwenkend zu ihren Schwestern.
Was dann kam, fiel zunächst niemandem auf, denn jeder Autofahrer sah ja nur die Rückseite des vor ihm fahrenden Wagens – und seine eigene Frontseite schon mal gar nicht. Und da ja in Deutschland kaum jemand in den Rückspiegel schaut – außer wenn eine Frau am Steuer sitzt und die Frisur prüft oder sich die Lippen schminkt – zuckelte die Kolonne unbeeindruckt in Richtung der großen Parkplätze.
Cloe, Pia und Sue taten ihr Bestes, um keinen unbehandelt entkommen zu lassen. Sie schwangen ihre Stöckchen, zauberten, lachten über ihre Ergebnisse, schlugen sich auf die Schultern bei besonders gelungenen Ergebnissen, bis Cloe müde wurde und feststellte, dass es erst einmal reiche.
„Aber das müssen wir noch mal machen. Versprochen?“, rief Pia, die mehr als fünfzig Wagen behandelt hatte und schon richtig süchtig war.
„Versprochen!“, riefen Cloe und Sue.

Der Parkwächter auf dem Fordparkplatz, war, wie er später dem „Kölner Stadtexpress“ gegen ein kleines Honorar exklusiv verriet, der „erste Mensch, der so was gesehen hat.“
Tatsächlich sah er sich gewohnheitsmäßig jedes Auto an, das es wagte, seinen Parkplatz zu benutzen; immerhin musste derjenige ja eine spezielle Plakette an der Windschutzscheibe tragen.
„Da jibt et Typen! Die fälschen doch glatt die Dinger! Da musste luren („hingucken“, Anm. d. Verf.) wie´n Schießhund!“, erklärte er der Presse später sein genaues Hinsehen.
Jedenfalls dachte er zunächst, es wäre ein Karnevalsgeck, was, wie der Rheinländer weiß, vom 11. November bis Aschermittwoch in Köln fast alles entschuldigt. Aber dann fiel ihm ein, dass er in der Folgewoche seinen Osterurlaub antreten würde.
Er verließ sein Häuschen und ging bedrohlich langsam auf das kleine, uralte Gefährt zu, das er in Gedanken „roter Schrotthaufen“ nannte – und das schon seit etwa drei Jahren.
„Mojn, junge Frau, sagen Se ma; is de jecke Zick („Zeit“, Anm. d. Verf.) usjebrochen?“
Die angesprochene junge Frau hatte erstens Liebeskummer, zweitens Wut auf ihren Chef, drittens war Montag, was wir noch nicht erwähnt haben. Eine schwierige Zeit also für jede Bürokraft – besonders für junge weibliche Sekretärinnen.
„Was wollen Sie?“, sagte sie deshalb schnippisch und dachte an ihren Ex-Freund.
„Ham Se dat noch nich jeschnallt, junge Frau? Oder wollen Se mich veräppeln mit dem Ding?“
Er nahm tatsächlich zunächst an, dass das, was er da erblickt hatte, ein Affront gegen die „Aufsichtsbehörde“ und ihren irdischen Vertreter, den strengen Parkwächter sein müsste – wie er es so oft in seinem Parkplatzwächterleben durchleiden musste.
„Ich verstehe sie nicht. Was wollen Sie von mir?“, sagte sie nun ungeduldig und dachte an ihre Gleitzeit.
„Da! Dann gucken Se doch einfach ma, wat Se da spazieren fahren. Dat is doch kein Aprilscherz nich, oder?“
Und dann – endlich – standen die zwei Menschen vor der Front des kleinen, roten Autos und dachten nach.
„Spinn ich!“, war der verbriefte erste Gedanke der jungen Frau, die, wie der „Kölner Stadtexpress“ schrieb „Inge P.“ hieß, auf die tiefschürfende Frage des Reporters: „Sagen Sie bitte den Lesern unserer Zeitung, was Ihr erster Gedanke war.“.
Jedenfalls war ihr Gesicht eine Offenbarung ihrer chaotischen Gedanken, als sie die völlig veränderte Front ihres geliebten Autos betrachtete.
„Ein Gesicht!“, stammelte sie hilflos, und der Parkwächter, als Jupp S. zitiert – wobei jeder Parkplatzbenutzer wusste, dass das nur Jupp Schmitz gewesen sein konnte – nickte beifällig.
„Und dat Ding griemelt (grinst höhnisch, Anm. d. Verf.) auch noch!“
Sie gingen gemeinsam ein paar Schritte zurück, betrachteten aus der Distanz erneut, erforschten jedes Detail. Es war unbestreitbar ein Gesicht. Ein Auto mit Gesicht!
„Seit wann hat so ne alte Karre ´n Gesicht mit so´nem dämlichen Grinsen?“, fragte Jupp S.
„Das mit der alten Karre will ich nicht gehört haben“, schnaufte Inge P. „Aber ansonsten haben Sie wohl Recht.“
Die Verwunderung konnte, ja, die musste man verstehen, wenn man sich als Autokenner das „Gesicht“ dieses Autos ansah. Da musste man beileibe kein Karosseriebauer sein, um die Stirn zu runzeln.
Ein lächelndes Autogesicht! Leicht verbogener Kühlergrill, ein Mund darin, wie beim herzhaften Lachen geöffnet, geschlitzte Lampen, bräunliche, lange Wimpern –- dick wie Pferdeschwanzhaare – und ein leicht in Falten gelegtes seitliches Frontblech.
Es war, wenn man es unvoreingenommen betrachtete, ein seriöses Lächeln. Aber Jupp S. diagnostizierte mehr ein Grinsen, was ihn ja anfangs empört hatte. Dafür sah Inge P. ein hässliches, hohnlachendes Monster.
„Das war mein Ex! Das ist seine Rache. Na warte! Das kostet!“
„Oder hatten se nen Unfall, junge Frau?“
„Mist! Ich hatte keinen Unfall!“
Inzwischen tat sich etwas auf dem Parkplatz. Einige Autofahrer gesellten sich zu den beiden und bestaunten, diskutierten und stritten über das „Wunder“, wie es einer nannte.
„Kütt dat us Düsseldorf?“
„Idiot!“
„Do bes jeck!“
„Häs de doför Tön?“
„Is dat Mode?“
„Do bes wirklich en ärm Sau!“
„Do künnt mer us der Botz („Hose“, Anm. d. Verf.) springe!“
Als sich die ersten Männer prügeln wollten, beschloss Inge P. die Presse zu informieren.

An diesem einen, sehr früh entdeckten, Autogesicht, mag man sich vorstellen, was auf den Parkplätzen besagter Firmen in den folgenden Stunden los war. Rufe schallten über die Parkplätze, Menschen hasteten von Auto zu Auto.
„He! Guck mal!“
„Da! Noch eins. Ich lach mir ’nen Ast!“
„Scheiße! Meins auch. Und ich hab mir den von Schwiegermutter geliehen.“
Inzwischen war der „Kölner Stadtanzeiger“ nicht mehr alleine auf den Parkplätzen vertreten. Innerhalb Stunden waren auch andere Blätter informiert; von der „Bild“ und der „Welt“ bis hin zur „FAZ“ war alles vertreten.
An Arbeit in den anliegenden Firmen war nicht zu denken. Die Betroffenen stellten sich mit lachenden, oder auch wütenden, empörten Gesichtern, neben ihre lächelnden Autos und ließen sich von den Heerscharen der Presse fotografieren. Besonders gelungen waren die Aufnahmen, auf denen ein Besitzer wütend an das Vorderrad trat und die Fäuste drohend zum Himmel richtete. Es wurde im Herbst als „Foto des Jahres“ gewählt.
Die Kommentare waren im Stil und auch in der Aufmachung sehr unterschiedlich. Einig war man sich nur darin, dass es unerklärbar war.

Cloe, Pia und Sue hatten ihren Spaß. Man muss gerecht sein und anmerken, dass die Gesichter, die Cloe zauberte, wirklich seriös und ordentlich aussahen.
Pia dagegen legte durchweg bewusst ein anzügliches Grinsen – manche sprachen von ‚sündig’ – hinein.
Sues Autos aber hatten, was sich später als absoluter Renner erwies, ausschließlich ein eher jungenhaftes Grinsen.
Die Feen wunderten sich allerdings, nachdem sie eine ganze Woche lang, immer an der gleichen Stelle, ihre Autolachgesichter gezaubert hatten, dass der Verkehr maßlos zunahm. Genauer gesagt, reichte die Autoschlange von Dormagen über Köln-Worringen bis nach Köln-Fühlingen – und das sind etliche Kilometer.
Die Autofahrer warteten geduldig, unterhielten sich und schlossen sogar Wetten ab über den Gesichtstyp, den man bekommen würde. Konnte man endlich durchfahren, winkte man den zahlreichen Zuschauern am Straßenrand freundlich zu.
Hinter dem Ort hielten alle Fahrer – ausnahmslos – an, besichtigten ihr „Carface“, wie das inzwischen im Volksmund hieß. Sie kassierten an Ort und Stelle freudig ihre Wettgewinne oder zahlten zähneknirschend den Einsatz aus.
Schon in den nächsten Tagen wurden Reklameschilder an der ganzen Strecke aufgestellt.
Da warben sie für Autopflegemittel: „Auch für Facecar-Wagen geeignet, wie Fachleute im Labor festgestellt haben!“
Und Autoversicherungen verkündeten: „Bei uns sind die Prämien lächerlich gering. Ihr Auto kann darüber nur lachen!“
Daneben, besonders an der langen Staustelle, brutzelten Bratwürstchen, bot der Ortsbäcker Apfelkuchen „Lachgesicht“ und Berliner „Da kiekste, wa?“ an.
Der Versuch von cleveren Kölner Stadtvätern, das unerklärliche, permanente und beliebte Wunder zu einer städtischen Einrichtung zu erklären und für jedes veränderte Auto Steuern zu verlangen – man hatte schon die Gebühreneinrichtung installiert und den Haushaltsplan verändert –, musste wegen maßlos empörter, protestierender Autofahrer aufgegeben werden.
Am Folgesonntag gab es vor dem Dom tatsächlich eine Protestversammlung mit Rednern aus allen politischen Lagern; manche Extreme drohten dabei dem Stadtrat sogar mit Bürgerkrieg. Und Kardinal Meisner segnete die Facecar-Wagen samt der protestierenden Menge.
„Ein göttlicher Einfall! Wenn überhaupt, dann gehört eine Spende in den Klingelbeutel“, rief der Gottesmann aus. Aber da war keine Begeisterung erkennbar.

Nun war ja wohl klar, dass diese Carface-Geschichte nicht lokal bleiben konnte. In Presse, Rundfunk und Fernsehen ausführlich beschrieben, verbreitete sich die Geschichte bis ins letzte Kuhdorf im Allgäu. Es entstand eine regelrechte „Carfaceologie“, wie fachkundige Psychologen die Hysterie nannten.
Daraus musste sich einfach ein Kult entwickeln, der dann auf allen Partys langatmig besprochen wurde. Blitzschnell bildeten sich Fanclubs, die ihre Mitglieder streng nach Cloe- Pia- und Sue-Gesichtern sortierten, obschon sie ja die Namen der Damen nicht kannten.
Tauschbörsen etablierten sich. Bei ebay überschlugen sich Angebote und Nachfragen. Zeitweise brach der Server des Unternehmens unter der unüblichen Last zusammen.
Dann wurden Patentanträge gestellt von Autofirmen, die ihre fabrikneuen Autos gleich mit täuschend echt aussehenden Gesichtern auslieferten. Natürlich gab es die nur mit einem enormen Aufpreis. „Nicht nur Sie lachen bei diesem Preis! Auch Ihr Auto hat gut lachen!“, lautete trotzdem ein typischer Werbespruch.
Aber diese „Raubkopien“, wie Fans verächtlich sagten, waren bei wirklichen Facecar-Besitzern verpönt.

Was zwar niemand glauben wollte, geschah dann doch: Das Ende des Kultes kam ziemlich plötzlich. Auslöser waren unsere drei Damen, die den Stress satt hatten.
An einem Tag – also nicht unbedingt einem irdischen Tag gleichzusetzen – hatte Cloe die Nase voll.
„Mir reicht´s! Ich will nicht mehr! Mir tun schon beide Arme vom Stabwedeln weh.“
„So ist es“, bestätigte Pia. „Es werden immer mehr. Die nutzen uns aus. Ich hab´ auch keine Lust mehr.“
„Habt ihr gesehen, dass die selber welche machen?”, seufzte Sue.
„Aber nicht so gut wie unsere“, riefen Cloe und Pia empört.
„Wir hören auf! Jawohl!“ Der Beschluss stand – unumstößlich.

Natürlich gab es erst ungläubiges Erstaunen, dann Wut und Gewaltausbrüche auf der B 9. Die Kölner Stadtväter wurden zuerst als Schuldige ausgemacht.
„Bloß weil die nicht kassieren durften, haben die das abgeschaltet.“
„Typisch Sozis!“
Die Ratsherren aber wiesen alle Schuld von sich. „Immerhin ist das eine Bundesstraße. Da kann nur die Bundesregierung dran gedreht haben“, wurde der Oberbürgermeister zitiert.
„Wenn da Steuereinnahmen dran hingen, wär das nie passiert“, maulten Autofahrer, nachdem sie so etwa zehn Mal vergeblich über die sogenannte „Carface-Meile“ gefahren waren.
Jedenfalls verebbte irgendwann die Wut, weil man keinen Schuldigen finden konnte. Die zahlreichen Werbetafeln für Versicherungen, Autopflegemittel und andere Produkte wurden abgebaut, die Gebäck- und Würstchenstände verschwanden – es wurde still wie vor der Carface-Zeit.

Es dauerte noch etwa drei Monate, dann lösten sich die ersten Fanclubs auf, und danach ging es steil bergab. Autos mit Lachgesichtern wurden nicht mehr produziert. „Kein Markt!“, hieß es.
Ford brachte zwar noch ein Sondermodell heraus, dessen Hupe ein lächerliches „Ha-ha-ha“ von sich gab, aber das half nicht. Dafür durfte man in Deutschland einfach zu selten hupen.
Schlimmer wurde es für die Gebrauchten. Niemand wollte gebrauchte Facecars haben; die Preise rutschten in den Keller. Bei ebay konnte man für sage und schreibe einen Euro ein Careface-Schnäppchen machen

Und die drei Damen Cloe, Pia und Sue? Nun ja, genau weiß man´s natürlich nicht. Sie treiben sich halt rum und machen ihren üblichen Schabernack. Über große Aktionen, wie die gerade geschilderte, ist nichts bekannt; aber das will nichts heißen.

Noch Jahre nach dieser Kultzeit – bis zu seiner Pensionierung – begrüßte Jupp S. an jedem Morgen die nette junge Frau, mit der ihn ein Zeitungsinterview verband, und die an jedem Morgen ihren Facecar-Prototyp bei ihm abstellte, mit einem „Mojn, Fräulein! Allet klar? Wat macht dat Dings da, dat Auto? Lachtet noch?“
„Das wird noch lange lachen“, antwortete Inge P., die inzwischen eine neue Liebe und das Gesicht ihres Autos ins Herz geschlossen hatte, stets freundlich.
Und was sprach der Kölner, wenn in der Kneipe das Gespräch auf „dat Ding“ kam? Der zuckte die Achseln und sprach ergeben: „Et kütt wie et kütt.“

Probleme?

von de Ginder (copyright)

Ich habe lange überlegt, was denn nun so eigentlich mein Problem ist – und mir ist zunächst nichts eingefallen, und das war ein ernstes Problem. Doch dann habe ich mich daran erinnert, was mir mein früherer Chef immer gesagt hat. Er sagte nämlich: “DeGinder, wenn wir schon beim Problemesuchen sind – sie sind das Problem.”
Gut, ich habe so meine Probleme mit der Technik, aber wer hat die nicht? So habe ich mir unlängst ein Handy gekauft, damit ich auch während des Sonntagsgottesdienstes immer erreichbar bin oder im Theater. Nur das Problem bei den Dingern ist halt, wenn da so eine süße Melodie erklingt, wo stellt man die wieder ab und warum spielt das Ding plötzlich Beethovens Achte? Ich habe zwar allen meinen Bekannten die Handynummer gegeben, aber bisher hat keiner angerufen, bloß Musik kommt da raus. Es wird wohl besser sein, ich tausche das Ding wieder um – sicher haben die den falschen Chip eingebaut und eigentlich sollte der in einen CD-Player. Ich lach mich kaputt, wenn der Käufer von dem CD-Player anstatt Musik immer ein Klingeln hört.
Mit dem Aufstehen morgens hab ich eigentlich keine Probleme, ich bleib dann einfach so lange liegen, bis meine Blase sagt: “Aber jetzt, sonst verwandle ich dein Bett in ein Wasserbett.” Das Problem liegt eher beim Wachbleiben – ich bin immer müde. Ich bin so müde, daß ich überall einschlafen kann, wenn keiner guckt. Letztens bin ich im Supermarkt eingeschlafen, als ich gerade meine Nase in die Tiefkühltruhe gesteckt habe. Aufgewacht bin ich in der Intensivstation vom Heiliggeist Krankenhaus. Der Arzt hat zu mir gesagt, daß kein Grund zur Beunruhigung vorläge, ich sei über´m Berg – das einzige Problem sei im Moment nur, was die Putzfrau von dem Supermarkt mit meiner abgefallenen Nase gemacht hat.
Ich hatte auch nie Probleme damit, Mädchen anzusprechen, ich hab sie einfach ignoriert – bis Uschi kam, die hat mich urplötzlich mitten auf der Zeil umgerannt. Das Problem war nicht, daß mir beim Sturz drei Zähne zu Bruch gingen, nein, das Problem war, wie ich Uschi wieder los wurde. Es tat ihr nämlich furchtbar leid mit den Zähnen und sie lud mich zu einem Kaffee ein. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, was heißer Kaffee auf abgebrochenen Zahnstummeln für eine Wirkung hat. Sie erzählte mir, daß sie eine Haftpflichtversicherung habe, aber wie sich später herausstellte war das nur eine für ihr Auto und so überredete sie mich, daß ich ihr doch mal kurz vor´s Auto laufen solle. Mir gefiel die Sache gar nicht, aber sie sagte, das sei kein Problem, sie würde nicht so schnell fahren. Damit ich nicht auf meinen Kosten hängen bleiben würde, so willigte ich halt ein, schließlich hatte ich lange genug im DSF diese Stuntshow gesehen, wo die für die Serie “Autobahnpolizei” die unmöglichsten Dinger gedreht haben. Was soll ich sagen, die kommt angeflitzt, ich spring rechtzeitig ab, damit mein Oberkörper über die Kühlerhaube abrollt – nur, hat die A-Säule, das ist der Holm vorne an der linken oder rechten Windschutzscheibe, mich breitlings erwischt. Nun lohnt sich wenigstens der Besuch beim Zahnarzt und wir machen Nägel mit Köpfen – Vollprothese. Das Problem dabei sind aber die Folgekosten, die die Haftpflichtversicherung der Uschi nicht bezahlt – das sind die Coregatabs – schließlich will man ja nicht mir Spinatresten zwischen den Zähnen unter die Leute.
Ich hoffe, ich hab euch jetzt nicht all zu lange aufgehalten, denn ich will wirklich nicht, daß ihr Probleme bekommt, wenn ihr meinetwegen zu spät kommt oder so!

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