Columbo ist tot

von Janek Heinrich (copyright)

Da sehe ich doch letztens, das ist so ungefähr vierzehn Tage her, aus dem Küchenfenster von meinem Leuchtturm.
Es war noch ziemlich früh am Morgen – lass das so halb sechs gewesen sein , aber es war schönes Wetter und da steh ich dann immer ein bisschen früher auf.
Da sehe ich, unten auf dem Poller am Hafenbecken da sitzt einer.
Hein Wernersen – ist ‘n ganz alter Kumpel von mir, wir kennen uns ewig.
Der ist normalerweise für die Strandkörbe zuständig, im Sommer wenigstens.
Ist ein gestandener Bursche, ein Kerl wie ein Großmast, aber jetzt sitzt der da unten so rum, und das macht keinen guten Eindruck – ich kann nicht sagen warum, aber irgendwie…
Na, dann bin ich da mal zu ihm runter.
„Mensch Hein, moin“, sag ich.
„Moin, Janek.“
„Und wie isses, alles gut?“
„Alles Schietkram… irgendwas stimmt nich – ich komm den Deich nicht mehr runter.“
„Wie, du meinst ‘nicht mehr hoch’.“
„Nee nee, ich meine ‘runter’.“
„Wat?“
„Ja“, sagt er, „ich bin heute morgen… also ich bin den Deich rauf und das ging fast gar nicht. Na gut, denk ich, jetzt geht das bergab und dann wird das bestimmt leichter. Aber dann bin ich unten angekommen und fühl mich, als hätte ich einen tausend-Meter-Lauf hinter mir. Mir tat die Brust weh – alles war so eng da… ich hab Sorge, dass das vielleicht die Pumpe is.“
„Ach was“, sag ich, „die Pumpe. Das ist bestimmt nicht die Pumpe, nee, das is was anderes. Das sind verklemmte Blähungen oder so.“
„Tatsächlich?“
„Ja, so was gibt das. Das kannst du haben, da ist der ganze Bauch und alles so voller Luft, und das drückt denn so da hin und da so hoch. Und wenn du das nicht los werden kannst, denn hast du das Gefühl, die Pumpe macht bald schlapp.“
„Sag bloß.“
„Ja“, sag ich, „das Herz ist das nicht – da musst du mal zum Homöopathen hin, der gibt dir da was für.“
„Meinst du?“
„Ja, der Doktor… Sowieso, der is eigentlich kein richtigen Doktor, das is so ein Naturheilfritze, der weiß da was von. Du brauchst dir ja wegen so was nicht gleich die ganze Chemie da in den Kopp zu hauen.“
„Wenn Du das sagst“, sagt Wernersen, „denn versuch ich das doch mal.“

Der Wunderdoktor hat ihn mit ‘Iris-Diagnose’, oder wie das heißt, untersucht und hat ihn auch so überall befühlt und gemeint: „Herr Wernersen da ist alles verbläht und übersäuert. Ich gebe ihnen mal ein paar Tropfen. Dann wird das auch wieder.“
Da war Wernersen ganz fröhlich damit, ist doch klar.
So richtig überzeugt war er allerdings dann doch nicht. Einen Termin beim Hausarzt kann man ja trotzdem mal machen, hat er gedacht, das schadet ja nicht – obwohl… Eigentlich geht unsereins da ja gar nicht hin – ich auch nicht.
Die verschreiben einem doch nur all so einen pharmazeutischen Kram; das ist doch alles Gift. Da nimmst du eine Pille gegen Kopfweh und dann hast du nachher den Skorbut am Mors oder irgend so was – da braucht man nur mal die Packungsbeilage zu beachten.
Hein hat sich einen Termin geben lassen, für ‘ne Woche später.
Er wollte die Tropfen vom Homöopathen nehmen, und denn würde der Doktor da natürlich auch nichts finden. Weil das ja doch alles nur Blähungen sind.
Nun, dann wurde das durch die Tropfen auch ein bisschen besser, und er musste immer so aufstoßen, und das war gut – das klingt nicht vornehm, aber das hilft.

Am nächsten Mittwoch ist er dann zu dem Doktor hin, zu Dr. Kröger.
Der ist wohl ein ganz feiner Kerl, meine Frau geht da ja auch hin, aber Hein meinte der hatte einen Händedruck wie ein Messdiener – so schön zart und wabbelig.
„Da hat der Kröger ja auch schließlich lange für studiert“, hab ich gesagt.

Also Wernersen ist da hin, und dann hat der Doc ihn auch gleich ins Verhör genommen.
„Sie sind ein bisschen zu dick“, hat er gesagt.
„Ich bin doch nicht dick, ich bin kräftig.“
„Rauchen sie denn auch?“
„Jau, rauchen tu ich.“ ( Das war die falsche Antwort.)
„Wie viel?“
„Na, vielleicht so zwanzig Stück. Aber nur ganz dünne Selbstgedrehte.“
„Das ist gefährlich, so in Ihrem Alter…“
„Wieso, ich bin fuffzich.“
„Genau“, sagt der Doktor, „da geht das dann alles los – Risiko, Risiko… zu wenig Bewegung, zu gutes Essen – trinken Sie Alkohol?“
„Oh, Alkohol würde ich das jetzt nicht direkt nennen. Nicht in dem Sinne jedenfalls. Nicht viel und auch nicht regelmäßig.“ (Das war gelogen)
Dann hat der Doktor ihm Blut abgenommen, das konnte Hein ja nun gar nicht ab – das geht mir aber genauso.
Nicht etwa, dass ich da Angst vor hätte, aber wenn die da rein pieken und zapfen dir da das Blut da ab … nee, und vor allem nicht am frühen Morgen; und auf nüchtern Magen schon mal gar nicht.
Dann haben sie ihn an einen Apparat mit solchen Saugnäpfe angeklemmt – EKG heißt das, glaube ich; wieder so eine Abkürzung die keiner versteht. Damit kann man sehen, ob dein Herz auch richtig funktioniert.
Aber da war nichts.
Alles prima, sagt Wernersen, die Sprechstundenhilfe war auch zufrieden mit ihm. Und sie hatte einen sehr kleinen, schwarzen Schlüpfer an, den konnte man durch die weiße Hose sehen – das war wenigstens ein Lichtblick in dieser antiseptischen Stätte.
Ich sah aus, sagt Hein, als hätte mich irgend so ein Krake überfallen – als sie die Saugnäpfe denn wieder abgemacht hatten.
Dann musste er noch zum Ultraschall, aber da war auch alles beisammen da innen drin, und schwanger war er auch nicht.
Nur seine Brust war vollgeschmiert mit so einen Glibber, den man sonst extra beim Erotik – Versand bestellen muss. Da wollten sie ihm aber nichts von mitgeben.

„Gut“, hat der Doktor gesagt, „wir wollen trotzdem lieber nichts riskieren, und darum gehen sie mal nächste Woche noch zum Kardiologen.“
Ein Kardiologe, das ist ein ‘Pumpendoktor’ könnte man sagen.
Wernersen hat ‘ne Überweisung gekriegt und auch schon mal allerhand Medikamente gleich mit.
Ich sag: „Was is das denn alles?“
„Das soll ich jetzt alles hier einnehmen, ich weiß auch nicht – nehm ich ja sonst normalerweise gar nichts von, von dem Zeug …“
„Guck mal“ ,sag ich, „das hier is doch Ameisensäure, oder wie das heißt. Das ist so was wie Aspirin.“
„Ach“, sagt er, „denn is ja gut; denn krieg ich ja auch keine Kopfschmerzen vom Saufen mehr.“ Und grinst.
„Nö“, sag ich, „kannst du ruhig nehmen.“

Er hat immer schön seine Tropfen von dem Homöopathen und das Aspirin genommen und, wollen mal sagen, es ging ihm jetzt nicht wirklich gut; so richtig schlecht aber auch nicht. Zumindest im Halbschatten auf der Terrasse, da hatte er überhaupt keine Probleme.
Nun war eine Woche später den Termin beim Kardiologen, und da war ihm doch schon etwas mulmig. So ein Herzdoktor, da hat man ja noch nie was mit zu tun gehabt .
„Aber“, hat Hein gesagt, „weißt du, ich brauch da eigentlich ja gar keine Angst davor zu haben: Weil, die werden da ja nix finden. Der Kröger hat ja auch nichts gefunden mit sein EKG, und denn wird der andere auch nichts finden. Sind ja nur Blähungen.“
Genau, hab ich gesagt, das denke ich doch auch.
Am Mittwoch Morgen ist er dann um halb zehn da hin. Im Wartezimmer saßen nur alles alte Leute, so Grauköppe.
Gut, ein etwas jüngerer Kerl saß da auch, aber der war so fett, der wog wenigstens hundert-fünfzig Kilo und mehr – da war Wernersen doch erleichtert.
Weil, so alt ist er nicht und so dick ist er auch nicht – und da konnte ihn das alles auch gar nicht betreffen hier.
Die würden gar nichts finden, die Spezialisten.
So nach einer halben Stunde, er hatte die ‘Gala’ kaum ausgelesen, riefen sie ihn auf und er musste zum Doktor rein.
Der fing denn auch den gleichen Quatsch zu fragen an: „Rauchen Sie?… Was wiegen Sie?… Wie groß sind sie?“ – also eben den ganzen Blödsinn nochmal von vorne.
Als ob das irgendwas helfen würde, oder auch nicht.
Na ja, dann musste Hein wieder zum EKG, aber diesmal mit so einem Trimmdich-Fahrrad. Da ist er drauf, und die Sprechstundenhilfe kam dann auch wieder mit den Saugnäpfen an.
Da sollte er jetzt mal strampeln, aber das war kein Problem, das schaffte er so locker wie nur irgendwas, und die junge Dame guckte auch ganz zufrieden auf ihren Monitor. Dann wurde das auf einmal schwerer zu treten, einfach so.
Mensch, denkt Wernersen, komm Junge, das schaffst du – und er hat denn auch mal ‘n bisschen Gas gegeben.
„Moment“, meinte da die Schwester, „mal nicht so übertreiben hier.“
„Ach“, sagt Hein, „das is doch alles kein Problem hier, das schaffen wir doch mit links.“
Dann wurde das Ding wieder schwerer zu treten, ich meine, das war ja nun auch nicht fair.
Als das dann zum vierten mal schwieriger wurde, kriegte er das fast gar nicht mehr gedreht, und sein Herz fing ordentlich an zu wummern – aber das ist ja auch klar bei so einer Belastung.Wir sind solche Bergtouren hier doch gar nicht gewöhnt.
Dann durfte er aufhören und der Doktor kam an, und hat sich das angesehen, und meinte: „Da müssen wir Ihnen wohl mal Blut abnehmen.“
„Nee“, sagt Wernersen, „brauch ich nicht – das hab ich doch letzte Woche erst.“
Da ließ sich der Doktor aber nicht von überzeugen.
Dann durfte Hein sich wieder anziehen.
„Ja Herr Wernersen“, hat der Doktor gesagt, „hier ist der Befund. Da müssen wir was machen, das geht so nicht weiter. Hier, diesen Schein, den müssen Sie mal eben unterschreiben.“
„Wie“, sagt Wernersen, „PTCA,unterschreiben?“
„Mit Ihrem Herzen ist etwas nicht in Ordnung.“
„Was soll damit nicht in Ordnung sein?“
„Das wissen wir eben noch nicht, und darum müssen wir da mal nachsehen.“
„Nachsehehen?“
„Das ist alles nicht weiter wild. Da machen wir einfach einen kleinen Eingriff im Krankenhaus. Sind Sie allergisch gegen Kontrastmittel?“
Wernersen ist allergisch gegen alles, was auch nur im entferntesten mit Krankenhaus zu tun hat.
Der Doktor hatte dann auch schon gleich so einen Zettel parat und da allerhand drauf angekreuzt – Linksherzkatheter, irgendwas mit Konorar… fragmichnich, und denn was von wegen PTCA, und denn noch Stent-Implantation und Laevokardiodingens. Alles, das komplette Programm.
Hein wusste überhaupt nicht, was er davon halten sollte.
Gut, da waren so allerhand bunte Bilder für die Analphabeten drauf; so vom Herzen wie das so aussieht und wo das denn beim Menschen so sitzt – damit man das auch mal weiß…
Und auch so’n paar Querschnitte durch irgendwas; wahrscheinlich durch eine Ader.
Dann kam raus: Die wollten ihm da so einen Draht einführen! Unten von der Leistengegend bis oben zum Herzen hoch. Dahin wo der Dreck die Ader verstopft, und mit ein Ballon wollten sie das da aufblasen, und das sollte denn wohl die Arterie wieder gangbar machen. Und dann sollte da so ein Ding rein, wie ein Hohlraumdübel, damit das dann auch nicht gleich wieder dicht geht; und all so was.
Wernersen war da im Moment völlig überfordert .
„Da muss ich aber erst mal meine Frau nach fragen, was die denn da wohl zu sagt…“
„Ihre Frau fragen? Wenn sie erst mal tot sind, brauchen Sie nicht mehr zu fragen“, meinte da der Doktor. Ein sympathischer Mensch.
Ja, hat Hein da gesagt, denn wollte er sich wieder melden.
„Da brauchen Sie sich nicht wieder melden“, hat der Doktor gesagt, „entweder heute oder morgen.“
„Is das denn so eilig?“
„Ja, das ist so eilig, das muss jetzt passieren.“
„Ich ruf denn an“, hat Wernersen gesagt und fluchtartig den Raum verlassen. Da musste er raus, aus dem Schuppen – erst mal tief Luft holen, eine rauchen.
Er ist nach Hause und war natürlich fertig mit der Welt, kann man sich ja vorstellen. Ich hab ihn dann noch getroffen. Der war ganz blass, hat auch gar nicht viel gesagt.
Wir sind noch ein Bisschen gegangen; Sagt er: „ Weißt du Jan – ich glaub, das machen wir lieber nich, oder?“
Sag ich, ja… das weiß ich jetzt auch nich.
„Ach, ich ruf da an“, sagt er, „und sag das ab, das wird schon. Das is nur ein verklemmtes Bäuerchen, da nehm ich meine Tropfen und denn is gut. Die wollen einen doch nur Angst machen.“
Wenn du meinst, sag ich.

Hein hatte das schon fest beschlossen, da ruft sein Hausarzt ihn an und sagt: „Tja Herr Wernersen, da müssen sie dann ja wohl hin, der Kollege hat mich angerufen.“
Sagt Hein: „Das weiß ich jetzt aber nicht Herr Doktor, ich meine, ich hab noch nich mit meiner Frau gesprochen, wer die Kinder abholt und so. Ich werde mich aber darum kümmern, ganz bestimmt“, und hat dann auch tatsächlich bei dem Kardiologen angerufen.
„Hallo, hier is Hein Wernersen… ich wollte das nur mal eben absagen.“
Ist gut, sagt die Sprechstundenhilfe, dann wissen wir Bescheid – tschüss auch.
Zehn Minuten später ruft der Hausarzt wieder bei ihm an und macht Dampf, macht da richtig Ärger und meint: „Also Herr Wernersen, bei mir brauchen Sie nicht mehr vorbei kommen. Wenn sie übermorgen tot im Garten liegen – denn sind wir beide geschiedene Leute… wenn Sie nicht machen, was man Ihnen sagt.“
Das war ja nun starker Tobak
Gut, also hat Wernersen nochmal angerufen, bei dem anderen Arzt, und sagt: „Ich hab mir das anders überlegt, denn machen wir den Termin eben doch.“
Ja Herr Wernersen, hat die Sprechstundenhilfe gesagt, denn kommen sie man morgen früh, halb zehn, mit nüchternem Magen. Kein Kaffee und kein Tee und kein Nix und so.

Abends hat Hein das seiner Elfriede alles gebeichtet und gesagt: „Hier, pass’ auf, wenn ich morgen nich wieder komm, denn weißt du Bescheid. Ich hab mir das hier mal durchgelesen, so mit den Risiken und Nebenwirkungen – da kannst du so ziemlich alles von kriegen was du dir vorstellen kannst. Wenn ich demnächst im Rollstuhl sitz’ und bisschen blöde aus der Wäsche gucke, dann darfst du dich nich wundern. Dann haben die da Mist gebaut, aber das geht in Ordnung – da hab ich für unterschrieben.“
In dieser Nacht hat Hein gar nicht gut geschlafen. Hat geträumt von langen, gebogenen Drähten, von dicken Schläuchen die vorne so kleine Zähne hatten und die sie ihm überall einführen wollten.Von langen Nadeln und von lüsternen Krankenschwestern, die immer unter sein Nachthemd gepeilt haben – all so was eben.

„Am nächsten Morgen hab ich mein Köfferchen gepackt“, hat Wernersen mir später erzählt, „ noch eben die Kinder zur Schule gebracht, und dann bin ich Richtung Krankenhaus.
Da hab ich auch dummerweise gleich einen Parkplatz gefunden, sonst hätte ich ja noch mal wieder weg fahren können…
Ich bin die Freitreppe rauf zum Eingang hin, und da saß so ein junges Mädel auf einer Bank – und die arme Deern hat geheult wie ein Schlosshund. So was um halb zehn, das war ja schon mal ein schlechtes Omen. Ich meine, ich bin nich abergläubisch, aber ein schlechtes Omen erkenn’ ich trotzdem.
Oben neben dem Haupteingang is die ‘Arme-Sünder-Ecke’, da sitzen die ganzen traurigen Gestalten die sich das Rauchen noch immer nicht abgewöhnt haben.

„Sie brauchen sich nicht anzumelden“, hatte der Kardiologe gesagt, „Sie fahren einfach mit dem Fahrstuhl hoch in den neunten Stock, die wissen da schon Bescheid.“
Also bin ich da hoch gefahren und hab’ geklingelt, und die haben mich da auch gleich rein gelassen. Ich hab meine Papiere vorgezeigt und sollte denn wieder so einen Wisch unterschreiben. Von wegen, dass da wieder keiner an Schuld is, wenn vielleicht doch was schief gehen würde, und so weiter. Das würde ich denen dann auch nicht übel nehmen dürfen, weil das wäre dann ja ‘Künstlerpech’ oder ein ‘künstlerischer Fehler’ oder wie man im Fachjargon dazu sagt.
Dann hat mich eine von den Schwester in ein Krankenzimmer geführt, da standen vier Betten rum, und da waren drei von belegt mit drei alte Kerle.
„Ja“, hat die Schwester gesagt, „dann ziehen Sie sich mal ganz aus, und hier, dieses Hemd, das streifen Sie denn mal über. Ich bin gleich wieder da.“
Das war mir ja doch etwas peinlich.
„Wie, alles ausziehen?“
Ja, haben die anderen Mackers gesagt, alles ausziehen. Nur die Socken darfst du anbehalten.
„Stehen die Weiber hier auf so was, oder wie?“
Da mussten die Burschen ja alle mal Lachen – nur der eine nich, der war noch nicht dran gewesen.
Die andern beiden waren schon durch mit der Untersuchung, und die waren auch ganz fröhlich und erzählten sich was vom Krieg und so – dass der eine bei der Waffen SS damals nich genommen worden war, aber dann doch zur Marine gekommen ist; was ja auch viel besser war. Dann kamen sie auf Afghanistan, und dass das alles da gar kein anständiger Krieg is, und so, und denn auf schwule Politiker, und dass es so was früher nich gegeben hat – da konnte man von Adolf halten was man wollte. Was man sich eben alles so erzählt.
Ich hab mich denn ja auch ausgezogen, und das komische Hemdchen an.
Nee, meinten da die anderen, den Schlitz musst du nach hinten machen, vorne soll das zu. So ein Blödsinn, warum war das hinten offen, da brauchte doch keiner dran.
Das Ding war auch viel zu eng und ein bisschen kurz – ich meine, wer läuft denn schon so rum?
Erst wollte ich ‘n bisschen schummeln und die Unterbüx anbehalten, denn kam aber die Schwester und sagt, nee nee, das muss auch aus da.
Da konnte ich ja nu nichts gegen machen, und hab mich in das freie Bett gelegt.
Dann kam die junge Dame an und hatte einen Rasierapparat dabei. Damit hat sie mir erst mal die Bikinizone rasiert, so was is mir ja noch nie untergekommen.
Ich meine, die war zum Glück nich so wirklich hübsch, sonst hätte das ja man erst richtig peinlich werden können…
Dann wollte sie mir eine Kanüle legen, und meinte, ja – die Adern wären ja auch nicht so richtig gut.
„Wat?“ sag ich, „die Adern die sind prima, die sind noch wie neu. Wenn die mir sonst ‘ne Spritze geben, denn finden die immer sofort eine.“
„Da muss man ja auch immer nur so ein klein bisschen rein“, sagt sie, „aber wir müssen hier ja viel tiefer.“ Dann hat sie mir denn die Nadel gezeigt, und die war bestimmt so lang wie mein Daumen. Mir wurde ein bisschen blümerant, kannst du dir ja wohl vorstellen. Sie hat dann den anderen Arm genommen, weil der eine schon blau wurde, und da einen Anschluss gelegt.
Der Opa neben mir war an der Reihe und wurde raus gefahren, war ‘n bisschen blass der Gute, und hat gesagt: „Wenn ich da heil wieder raus komme, kauf ich mir einen BMW.“ Und ich konnte mir denn erst mal eine halbe Stunde die Decke angucken. Dann brachten sie den Opa wieder und der war erstaunlich gut zu Wege, bei dem war wohl nichts schief gegangen. Aber sie sagen ja auch immer, einer von zehn is dran – weißt du wie viele vor dir waren? Nee, das weißt du nicht.
Dann haben die Schwestern mich da raus gefahren, das war wie im Kino; du liegst platt auf dem Rücken und über dir fährt die Zimmerdecke vorbei. Erst kam eine Leuchtstoffröhre, dann ein Rauchmelder, dann ein Ventilator und wieder eine Leuchtstoffröhre, und so weiter. Dann waren wir beim OP angekommen und die sind da mit einigem Schwung um die Kurve gefahren und fanden das lustig – hatten ja auch keinen Grund bedrückt zu sein.
In dem OP-Saal waren so riesige Apparate aufgebaut, ein paar große Bildschirme und hinter einer Glaswand war wohl die Kommandobrücke, da saßen denn die Ärzte. Dann haben die Schwestern mich ganz ausgezogen – das war dann nicht nur peinlich, dann war das auch noch kalt.
„Herr Wernersen“, sagt eine von den Schwestern, „ Sie sind ja wohl auch ganz schön aufgeregt, ich könnte ihnen da so ein kleines Beruhigungsmittel geben – wenn Sie wollen.“
„Also, wenn das wieder mit ‘ner Spritze zu tun hat“, sag ich, „dann mal lieber nich, dann halten wir das auch so aus. Von wegen: Matrosenherz kennt keine Feigheit…“
„Nee“, sagt die, „Sie haben die Kanüle da ja schon liegen, da können wir Ihnen das einfach so verabreichen.“
Gut, sag ich, denn gib mal ruhig ein Schluck davon, kann ja nicht schaden.
Ich meine, vielleicht war so was ja ganz angenehm. War das auch.
War ein gutes Zeug, muss ich schon sagen, da machte sich bei mir gleich so eine „leck mich am Arsch-Stimmung“ breit. So was müsste man zu Hause haben, wenn die Liebste mal wieder schlechte Laune hat.
Dann kam der Doktor in voller Maskerade, so mit Mundschutz und dicker Brille und hat angefangen da rumzustochern – da hat man aber nichts von gemerkt.
Auf dem Monitor konnte ich richtig das Herz sehen, und im Hintergrund auch die Wirbelsäule, das war interessant. Denn haben sie da immer das Kontrastmittel rein gespritzt und dann hast du das richtig gesehen, wie die olle Pumpe denn pumpt, und die dicken Adern da, wie das alles so arbeitet. Wenn man das Beruhigungsmittel intus hat, kannst du da ganz entspann zusehen. Man sah auch den Draht da rein gehen, und wie der Doktor mit dem Ballon das alles wieder geweitet hat. Denn haben sie diesen Spreizdübel da eingeführt, damit alles auch wieder schön läuft und denn war das damit auch schon erledigt.
Nur noch ein bisschen Blut abwischen, dann haben sie mich zurück in das Zimmer gefahren.
Die anderen Jungs hatten sich schon wieder angezogen – die konnten am gleichen Tag noch nach Hause. Sie sollten nur noch etwas im Zimmer auf und ab gehen um zu sehen, ob das da unten nicht auch wieder aufplatzt. Das kann passieren, und dann ist es natürlich besser, wenn die Schweinerei im Krankenhaus und nicht im Bus passiert – weil, da kann man ja besser aufwischen wegen dem Linoleum und so.
Mich wollten sie da behalten.
Ja, sagte die Schwester, Sie gehen bis morgen auf Station. Sie haben ja den Stent bekommen.
Das fand ich ja nun gar nicht witzig; die ganze Nacht noch im Krankenhaus bleiben – da rumhängen, und auch noch da pennen und so.
Inzwischen hatten sie noch zwei neue Kandidaten gebracht.
Der eine erzählte, er hätte jetzt schon den zweiten Herzinfarkt hinter sich, und den Katheterkram den kennt er schon. Aber er fand das alles gar nicht so schlimm, dann kam er wenigstens mal von zu Hause raus. Seine Frau hatte vor zehn Jahren Hirn-bluten gehabt, und ist seit dem gar nicht mehr ansprechbar, die liegt da nur noch rum und weiß nichts mehr. Er muss sie pflegen, und die Kinder würden sich da auch nicht drum kümmern – da wäre das hier doch mal eine ganz schöne Abwechslung, so im Krankenhaus. Dann nimmt der seine Wasserflasche und ich sehe, dass der Kerl an der rechten Hand nur noch einen Daumen hat – die Finger alle ab. Der hatte wohl auch mal Tischler gelernt.
Der andere hatte so eine große Tätowierung auf der Schulter, ich weiß jetzt nicht wie man so was nennt – war nichts schickes oder so. Mehr so ein Schnörkelkram, so ein „Tribal“; irgendwie barock, wie von Omas Schrankwand abgekupfert. Ansonsten sah der ein bisschen nach Bodybuilder aus, obwohl der auch eigentlich ein alter Sack war. Ganz sportlich und gut in Form, aber siehste ja, hat ihm auch nichts genützt.
Mit dem kam ich dann auch aufs gleiche Zimmer. Hans hieß der, war ein netter Kerl. Da oben auf unserem Zimmer, da war einer, der wohnte da.
Der hatte so eine tiefe und angenehme Stimme, aber das kam von der Kanüle; wo andere Leute einen Kehlkopf haben, da hatte der ein Loch. Es stellte sich raus, der hatte Krebs, und sie hatten ihm schon alles weg genommen, was da weg zu nehmen war.
Ja, sagte der, als nächstes werden die wohl den ganzen Kopf amputieren, wenn da noch mehr Krebs kommt. Er ging nur ab und zu nach Hause um frische Wäsche zu holen, weil Familie hatte er nicht.
Ab nächste Woche kriege ich Bestrahlung, hat er gesagt, und wenn das alles auch nicht hilft, dann kauf ich mir ne Schachtel Kippen und ne Pulle Schnaps und dann gehe ich Aale fangen.

Ich konnte nicht so richtig schlafen, ich meine, ich gehe ja noch nicht mal in ein Hotel oder eine Pension – und denn hier mit zwei fremde Kerle auf einer Bude.
Ich hab mich dann mal runter geschlichen in die Raucherabteilung, da unten neben dem Haupteingang. Das durfte der Oberarzt ja auch nicht sehen – obwohl eigentlich kann dem das doch ganz egal sein. Ich meine, was regen die sich auf – wenn es keine Raucher gäbe, dann würden die ihre komischen Kanülen und Implantate doch gar nicht los werden. Dann würden die doch mit einem Fiesta fahren, oder einem alten Golf; die verdienen doch ein Schweine Geld damit, dass andere Leute krank sind.
Musst du nur mal in die Tiefgarage vom Krankenhaus gehen und gucken was da so alles rum steh – denn weißt du aber Bescheid.
Da unten saßen sie denn, die ganzen armen Mädels und Jungs – das ist denn ja auch schon richtig heftig, wenn du die siehst. Arme ab, Beine ab, keine Haare und solche Beutel hängen da an der Seite raus, und alles…
Da kommt man sich richtig lächerlich vor, mit dem kleinen Draht, den man da an der Pumpe hat. Da gibt es ja ganz andere Fälle – und die saßen da ja auch, die „anderen Fälle“. Nur schmöken taten die alle noch, ganz egal ob Krebs oder Herzinfarkt, oder was weiß ich. Dann fing das an zu regnen, und denn saßen die armen Burschen in der Nässe rum. Könnte man denen nicht mal ein etwas angenehmeres Plätzchen machen? Sterben doch sowieso alle demnächst.
Am nächsten Morgen haben sie uns dann um halb sieben geweckt, was ja auch eigentlich ein ziemlicher Unsinn ist, weil man sich doch erholen soll.
Dann bekam jeder eine Scheibe Graubrot und ein Brötchen, bisschen Butter und Marmelade – aber egal, der Kaffee war gut, und ich wollte nach Hause.
Es kam mir vor, als ob ich wenigstens acht Wochen da gewesen wäre.
So gegen neun musste ich runter in die andere Abteilung und da haben sie mir den Druckverband abgemacht. Da war ich froh, denn das Ding hatte sich wie ein Ziegelstein angefühlt, konnte man kaum mit laufen.
Die Schwester hat ein normales Pflaster aufgeklebt und gesagt, wenn das wieder anfängt zu bluten, dann müssen sie sofort den Krankenwagen anrufen.
Dann durfte ich raus.
Als ich zu Hause angekommen bin, war da keiner. Die Frau auf der Arbeit, die Kinder in der Schule – keine Blumen, kein Empfangskomitee.
Aber ich war noch immer da, damit hatte ich nicht gerechnet.“

Zwei Tage später saßen Hein und ich auf der Bank oben auf dem Deich und sahen uns den Sonnenuntergang an.
„Wusstest du, dass Columbo gestorben ist“, sag ich.
„Nee“, sagt Wernersen, „wie alt ist er denn geworden?“
„Ich weiß nicht genau, aber ein ganzes Stück über achtzig.“
„Der hat doch auch geraucht, oder?“
„Ja, hat er.“
„Siehst du“, sagt Wernersen, „hab ich doch gewusst, dass das da dran nicht liegen kann.

Ein Tunnel nach Amerika

von Janek Heinrich (copyright)

„Seht mal, da drüben“, Tante Gertrud streckte den Arm aus, und ihr kräftiger Zeigefinger deutete über das Meer. „Da hinten, da ist die Ostzone. Da wohnen die… Kommunisten.“ Sie verzog den Mund, als ob sie auf eine faule Miesmuschel gebissen hätte.
Wolli und ich kniffen die Augen zusammen und versuchten etwas zu erkennen, was uns aber nicht gelang.
Wir nickten trotzdem.
„Sind die Kommunisten gefährlich, Tante Gerda?“
Sie beugte sich zu mir herunter. „Oh ja, Janek. Die vergewaltigen Frauen, brennen Häuser nieder und stehlen Wasserhähne. Aber ihr braucht keine Angst zu haben, sie dürfen hier nicht rüber. Die werden sofort erschossen, wenn sie es versuchen.“
„Erschossen? Von uns?“
Sie richtete sich wieder auf, und ihr Schatten breitete eine angenehme Kühle über uns.
„Die erschießen sich gegenseitig.“
Wolli und ich sahen uns an. 
Mit unseren sechs Jahren hatten wir keine Ahnung wovon sie sprach, aber wir waren tief beeindruckt, dass wir in einer so abenteuerlichen Gegend Urlaub machen durften.

Es war im Sommer 1966 und wir waren in Scharbeutz an der Ostsee.
Meine Tante Gertrud, Wolli, der eigentlich Wolfgang hieß, und ich.
Wolli trug eine Kassenbrille, die ihn leicht bescheuert aussehen ließ, und er lebte in Tante Gertruds Kinderheim. Sie war da nur angestellt, aber dass es „ihr“ Kinderheim war, daran hätte niemand zu zweifeln gewagt. 
Sie hatte 15 Kinder in ihrer Obhut, wenigstens zwei (einfache) Erzieherinnen unter sich, und ihr Haar zu einem festen Knoten gebunden.

Wolli war mit drei Jahren vom Jugendamt bei Tante Gertrud einquartiert worden, und im Laufe der Zeit hatte er sich einen besonderen Platz vor dem Fernseher und in ihrem Herzen erkämpft. Darum durfte er auch mit ihr in den Urlaub. 
Mich hatte sie mitgenommen, weil meine Eltern gerade erst ein altes Haus gekauft hatten und jetzt, nach Papas erstem Herzinfarkt, jede Mark zwei mal umdrehen mussten.

In Scharbeutz gab es die Promenade mit ein paar Andenkenbuden und Restaurants. Ein Kino, dass „Tarzan“ mit Johnny Weissmüller zeigte, einige Pensionen und den weißen Steg, der bis heute in die Ostsee ragt.

Wolli und ich bauten enorme Sandburgen, und waren schon nach wenigen Tagen von all den anderen braungebrannten Strandjungs mit strohblonden Haaren nicht mehr zu unterscheiden. 
Wir hatten Freischwimmer-Abzeichen an den Badehosen, der Hosenbund reichte uns hoch über den Nabel und durch die Hosenbeine pfiff der Wind. 
Tante Gerda bewohnte mit Kopftuch, Sonnenbrille und Sommerkleid den Strandkorb. Im Badeanzug habe ich sie leider nie gesehen. 
Sie las anspruchsvolle Boulevardblätter oder döste dem nächsten Milchreis entgegen, während wir Löcher buddelten, die fast bis nach Amerika reichten. 
Wir zerquetschten glibberige Ohrenquallen mit unseren nackten Füßen und hatten Sorge, dass uns eine von ihren berüchtigten Verwandten beim Baden erwischen könnte. „Feuerquallen werden manchmal so groß wie LKW Reifen, und sie mögen blonde Jungen“, hatte uns ein freundlicher Eisverkäufer erklärt.
Eines Tages schlummerte die Tante in ihrem Strandkorb, und ich verwandelte mich in ‘rote Feder’, einen mutigen Strandindianer, der sich unbemerkt anschlich und ihre Sandalen „ausborgte“. 
Ich musste herausfinden, ob das Schuhwerk nicht nur über, sondern auch unter Wasser zu gebrauchen war. Es funktionierte tadellos.
Die Sandalen waren mir zu groß, aber man konnte damit trotzdem prima durchs Wasser waten, und der Sand kitzelte meine Zehen.
Wolli schaute überrascht, sagte aber nichts.
Ich war über meinen gelungenen Versuch hellauf begeistert.
„Tante Gerda“, rief ich. „Hallo, Tante Gerda! Sieh mal, ich hab
Taucherschuhe.“ Wollis Augen wurden groß wie Kamm-Muscheln.
Die Tante schaute auf. 
Sie sah sich auf dem Boden um, stemmte sich dann mit Schwung aus dem Strandkorb hoch und stapfte entschlossen auf uns zu. Wolli verkroch sich in unserer Baustelle.

Der Held des Tages, stand bis zu den Knöcheln im Wasser und sah ihr in freudiger Erwartung entgegen. „Sieh mal Tante, richtige Taucher…“ „KLATSCH!“ 
Die Ohrfeige traf mit einiger Wucht meine linke Wange. Unerwartet, unverdient und schmerzhaft.
„Du spinnst ja wohl,“ sagte sie und fischte meine Erfindung aus dem Wasser. Ohne ein weiteres Wort drehte sie sich um und stampfte mit geschürzten Röcken zurück in Richtung Strandkorb.
Wolli tauchte wie ein Maulwurf aus seiner Kuhle auf.
Ich hielt mir die heiße Backe, aber heulen tat ich nicht.
Er sah mich halb mitfühlend, halb spöttisch von der Seite an.
„Du solltest eigentlich wissen, dass man dem Lieben Gott nicht die Sandalen klaut,“ sagte sein Blick.
Ich nahm meine Schaufel und machte mich wieder an an die Arbeit.
„Unser Tunnel muss fertig werden“, sagte ich, „vielleicht kommen die Kommunisten ja doch hier rüber, dann können wir abhauen.“
„Meinst du echt, die kommen?“
„Ist alles möglich.“
„Der Tunnel ist ganz schön eng, die Tante wird da nicht durchpassen“, sagte Wolli.
Ich sah ihn an und zuckte mit den Schultern.
Wolli lächelte.

Mittags am Golf von Mexico – Eine Sommergeschichte

von Janek Heinrich (copyright)

„iiiiiiiihhh!! Mama, ein Hai!“ der Schrei des Mädchens hätte eine Fensterscheibe zum bersten bringen können, wenn es hier am Strand von Anna Maria Island ein Haus mit Fensterscheiben gegeben hätte.
Natürlich ein „Hai“, dachte Heidi, Heringshai, als sie vorüber schwamm – was denn sonst?
„Mama Hilfe! Mama, Mama…“ das Mädchen versuchte aus dem Wasser zu flüchten, aber obwohl sie einen gewaltigen Wirbel machte, kam sie kaum vorwärts.
„…Mama, er will mich fressen.“
So ein Quatsch, dachte Heidi. Hast du mal auf die Größe meiner Rückenflosse geachtet? Ich bin gerade mal einsfünfundzwanzig lang und wiege kaum dreißig Pfund.
„Er kommt, Mama er kommt. Er frisst mich Mama, er frisst mich auf!“

Wie sollte ich dich wohl auffressen, mit diesen Zähnen? Ich müsste dich lutschen, du blöde Göre. Hör schon auf zu schreien, ich bin nicht der Große Weiße aus dem Kino…
Zwei dicke , bleiche Baumstämme tauchten mit Wucht rechts und links von Heidi ins Wasser.
…und ich fresse keine…AUA! Etwas hatte Heidi mit Wucht am Rücken getroffen und ihre Schwanzflosse wurde gefühllos. Es musste ein Riese sein, der da seine Keule schwang.
„Du Satansbraten! Du willst mein Töchterchen erschrecken?“
Patsch!
„Du blöder Haifisch , Du!“
Watsch!
„Dich werd ich Mores lehren, du mistige Makrele.“
Pusch!
Wie Wasserbomben donnerten die Einschläge um Heidi herum.
„So was machst du nicht mit Edwina Thompson. Und schon gar nicht mit ihrer süßen Petronella.“
Batsch!
Heidi hatte sich bis zu diesem Moment immer für ein besonders flinkes Exemplar ihrer Gattung gehalten, aber sie vermochte es nicht den Schlägen auszuweichen.
Nur ihre empfindliche Nase schützte sie, indem sie den Kopf genau zwischen den Baumstämmen hielt, hierhin fuhr die Keule des Riesen nicht.
Das Wasser um sie herum kochte, brodelte und ihr Angreifer wirbelte so viel Sand auf, dass man die Flosse vor Augen nicht mehr sah.
Auch Edwina konnte nichts mehr erkennen, aber sie wusste, der Fisch war noch da.
Da, genau zwischen ihren Füßen. Sie war außer Atem, aber noch lange nicht am Ende. Konzentriert wie ein Kendo Kämpfer nahm sie den Sonnenschirm und drehte ihn, bis seine Spitze senkrecht nach unten zeigte.
Heidi verhielt sich ganz still, ihr war schwindelig. Die weißen Bäume rechts und links von ihr waren nur verschwommene helle Schatten. Sie sah genauer hin. Da waren blaue und lila Wülste zu erkennen, sie sahen fast aus wie Adern. Adern?
Das sind keine Bäume, dachte Heidi, das sind Beine!
„Ich habe drei Mistkerle von Männern unter die Erde gebracht, und die waren schlimmer als du“, flüsterte Edwina, „und heute Abend“, sie erhob den Schirm zum tödlichen Stoß, “ heute Abend gibt es gegrillten Hai mit KartoffelsalAAAHHH!“
Heidi hatte ihre Zähne in den linken „Baum“ geschlagen.
„Au Verdammt, er hat mich gebissen!“
Heidis Zähne steckten in einer wunderbar weichen, weißen Masse. Keine Knochen, keine Knorpel, keine Sehnen, kein Widerstand – es war ekelhaft.
Edwina riss die Arme in die Höhe, und der Sonnenschirm landete einige Meter weiter in der türkisblauen See. Die Wut über ihre viel zu kleinen Zähne ließen Heidi ihre eigentlich friedliche Gesinnung vergessen – sie setzte nach.
„Ah, du elende Mißgeburt“, fluchte Edwina,“ Petronella hilf mir! Hol den Schirm – schnell.“
Das Mädchen stand am Ufer und rührte sich nicht.
„Petronella, hol den verdammten Schirm. Hörst du !“
Mrs. Thompson hob ihr massiges Bein mitsamt dem Hai aus dem Wasser. Sie wollte das Untier abschütteln, aber Heidi hatte sich an ihr fest gebissen, wie ein Terrier an einem Postboten.
Edwina griff nach Heidis Schwanz.
„Petronella, du unnützes Balg. Ich prügel dich windelweich, wenn du nich sofort herkommst und mir hilfst.“
Das Mädchen bewegte sich nicht.
Heidi hatte eine dicke hellblaue Vene ins Visier genommen. Sie löste ihren Kiefer für einen Moment und schnappte dann mit aller Kraft erneut zu. Ihr Mund füllte sich mit süßem Menschenblut – das war doch schon sehr viel besser.
Mrs. Thompson verlor den Halt und stürzte, wie in Zeitlupe, rückwärts. Ihr mächtiger Hintern teilte die Fluten des Golfes, der sich das allerdings nicht lange gefallen ließ und wieder über ihr zusammen schlug. Edwina schluckte Wasser und verlor ihre Badekappe, aber Heidis Schwanz ließ sie nicht los.
Heidi wand und drehte sich während sich ihre Zähne immer tiefer in den Unterschenkel gruben.
Edwina änderte ihre Strategie. Sie umklammerte den Fischschwanz jetzt nur noch mit der linken Hand, mit der Rechten hämmerte sie auf Heidis Schädel ein.
Heidi hielt fest, und die Wunde an Edwinas Bein wurde größer.
Rote Wolken waberten durchs Wasser. Mrs. Thompson sah das Blut und wurde panisch.
„Petronella! Petronella beweg dich endlich und hilf mir“, rief sie.
Das Mädchen ließ die Schultern sinken und blickte zu Boden.
Ein Mann mit gestreifter Badekappe, krummen Beinen und Nickelbrille war herzu gekommen und stand nur wenige Meter von Petronella entfernt.
Er hatte die Hände hinter dem Rücken verschränkt, den Oberkörper nach vorn gebeugt und blinzelte kurzsichtig in Richtung des Getümmels.
Er wirkte in seiner altmodischen Badehose nicht wie ein Life Guard aus dem Fernsehen, aber Mrs. Thompson hatte keine Wahl.
„He Sie, Sir. Dann helfen sie mir doch bitte mit diesem Mistvieh.“
Sie donnerte eine Rechte aus Heidis Kopf.
Der Mann deutete auf seine kaum behaarte Brust. „Wer, Ich?“
„Natürlich Sie, wer denn sonst? Meine verblödete Tochter rührt sich nicht, und die Jungs von Baywatch sind im Urlaub. Also los Mann, helfen sie mir raus.“
Der Mann scharrte mit den Füßen im Sand und schüttelte den Kopf.
„Ich kann nicht Ma’am, da is ein Hai.“
„Ach, was sie nicht sagen. Da wäre ich alleine ja nie drauf gekommen. Was glauben sie, wer mich hier gerade in die Wade beißt.“
Der Mann sah auf seine Füße und schüttelte noch einmal den Kopf.
„Den meine ich nicht“, sagte er.

„Heidi, Heidi“; sagte Torres Tigerhai und seufzte, „das hätte ich nicht von dir gedacht. Sieh dir bloß mal an, was für eine Schweinerei du hier veranstaltet hast.“
Heidis Kopf dröhnte von den Fausthieben, die sie hatte einstecken müssen.
„Halt`s Maul, Torres“, sagte sie.
Torres sog etwas Wasser durch seine Zahnlücken um die Speisereste zu entfernen.
„Nee nee, alles voll mit ihrem fettigen Blut, und überall schwimmen noch Reste von der Dame herum. Gönn dir was, Mädchen. Einen halben Unterarm habe ich dir noch übrig gelassen.“
„Torres, halt`s Maul.“
„Ihr hässlicher Schädel dümpelt da auch noch irgendwo rum, aber den können sich von mir aus die Aale teilen“, Torres rülpste, „Mann, is mir schlecht.“
Einer von Edwinas dicken Fingern trieb langsam an Heidi vorbei. Sie schnappte danach – er schmeckte nach Sonnencreme.
„Guck mal Heidi, der Alte mit den krummen Beinen. Der ist ganz grün im Gesicht, ich wette zwei zu eins, der macht gleich ein zähflüssiges Bäuerchen. …Siehste, ich hatte recht.“ Torres grinste, „ Bloß gut, dass die Kleine uns nicht in die Quere gekommen ist. Nur Haut und spitze Knochen, da kann man sich übel dran verschlucken, sag ich dir. Ein Vetter von meiner Mutter…“
„Sieh mal Torres“, sagte Heidi.

Petronella, die Tochter der kürzlich verschiedenen Mrs. Thompson, stakste schlafwandlerisch auf das Wasser zu. Bis zu den Knien watete sie in die rötliche Brühe hinein. Sie fischte etwas heraus, das die Größe eines Handballes hatte und von ähnlich bleicher Farbe war.
Die beiden Haie schwammen näher heran, sie waren neugierig.
„Oh hallo Mrs. Thompson“, sagte das Mädchen, „sie sehen heute aber gar nicht gut aus. Was ist ihnen denn bloß widerfahren – sind sie schwimmen gewesen und eine Schiffsschraube hat sie erwischt? Nein?“ Das Mädchen schmunzelte. „Ach so, ein Hai hat sie ins Bein gezwickt. Ein kleiner böser Babyhai“, sie schürzte die Lippen als ob sie zu einem Kleinkind spräche, „Oh, dieses böse, böse Tier. Und Ihre Tochter? Diese nichtsnützige, stumpfsinnige, unbegabte und vor Blödheit stinkende Petronella hat ihnen nicht geholfen? Nein? Sie hat einfach nur da gestanden und keinen Finger gerührt?“ Petronella schüttelte den Kopf, „Nein, das ist wirklich keine Art mit der eigenen Mutter umzugehen. Aber Mrs. Thompson, eigentlich sind sie selbst daran schuld. Wer seine Kinder nicht richtig erzieht, wer zu freundlich und zu milde ist, der darf sich nicht wundern. Das haben sie jetzt von ihrem guten Herzen.“ Das Mädchen seufzte, „ Ach Mrs. Thompson, sie hätten sie öfter schlagen müssen. Mit der Zeitung oder dem Pantoffel auf den Rücken, damit man es nicht sieht. Sie hätten auch viel früher damit anfangen müssen – nicht erst mit drei Jahren.
Und der Kleiderschrank? Viel zu harmlos. Der dunkle Keller hätte es sein müssen, mit dem Hinweis darauf, nicht auf die Spinnen zu treten.“ Petronella zuckte mit den Schultern. „Sie waren zu unentschlossen Mrs. Thompson, ja, ja. In der Kindheit und später in der Jugend erst recht. Sie hätten Petronellas Willen, ihren Stolz und ihr freches Selbstbewusstsein viel früher brechen müssen – nicht erst mit zehn. Sie einfach nur anzuschreien war nicht genug.“ Das Mädchen ließ die Arme sinken und ihr Blick schweifte in die Ferne. Der Schädel tauchte bis zur Hälfte ins Wasser, aber sie hielt ihn an den Haaren fest, damit er nicht fort schwamm.
Heidi verfolgte Petronellas Monolog mit gebannter Spannung, Torres dagegen verdrehte nur gelangweilt die Augen und beschäftigte sich lieber mit seinem Sodbrennen.
Spielerisch zog das Mädchen den Kopf ihrer Mutter aus dem Wasser und ließ ihn dann wieder fast versinken.
„Nein, Mrs. Thompson“, sagte sie, „Sie haben ihre Möglichkeiten an diesem Kind vertan. Und später, in Petronellas Pubertät? Da wäre die Gelegenheit gewesen das Steuer noch einmal herum zu reißen. Sie hätten ihre Tochter viel öfter lächerlich machen müssen, vor allem in Gegenwart Fremder. Aufhänger gab es doch genug. Warum haben sie so selten eine Bemerkung über Petronellas „Silberblick“ gemacht, ihre starke Körperbehaarung bemerkt, oder davon gesprochen wie angenehm ihre Tochter vor der Pubertät gerochen hat? Sicher, sie haben oft für Erheiterung der Gesellschaft gesorgt, wenn sie den „Stacheldraht“ in Petronellas Mund erwähnten, aber war das genug? Nein, Mrs. Thompson, das war es nicht.“
Petronella zog den Kopf ihrer Mutter sanft, ja fast zärtlich an den Haaren durch die Wellen. Das Wasser wurde klarer, das Blut schien ausgewaschen zu sein.
Mit einem Ruck zerrte sie an den Haaren und Edwinas Gesicht tauchte auf.
„Sie haben ihre Chance vertan“ sagte Petronella, „das Schicksal hat ihnen so viele Möglichkeiten gegeben, aber selbst als dieses unnütze Kind nur noch stammelnd und mit heißen Händen durch die Welt ging, haben sie nicht zugeschlagen, den Sack nicht zu gemacht.“ Petronella schnellte unvermittelt hoch und riss Edwinas Kopf an den Haaren aus dem Wasser. Sie schleuderte das bleiche Ding wie ein Hammerwerfer herum und brüllte: „Du hast versagt Mrs. Thompson! Du hast versagt Edwina! Du hast versagt Mutter!“
Bei der letzten Silbe ließ sie los und Edwinas bleicher Schädel flog weit in die Dünung hinaus.
Torres stieß einen anerkennenden Pfiff aus: „ Nicht schlecht Mädchen. Langweiliges Gequatsche, aber ein guter Wurf.“
Petronella sah zu ihm hinüber.
„Bist du das gewesen, hast du meine geliebte Mutter gefressen ?“
„Äh, ja… ich meine“, sagte Torres, „ …ich würde das nicht „gefressen“ nennen, ich habe sie …nur einmal probiert.Genau, eigentlich nur probiert, habe ich sie.“
Das Mädchen stemmte die Hände in die Hüfte, dann legte sie den den Kopf zur Seite und betrachtete den Tigerhai.
„Selber schuld“, sagte sie.

Keine Post aus Portugal

von Janek Heinrich (copyright)

„Nur vierhundert vierundneunzig Euro pro Person. Eine Woche mit Halbpension.“ Dem Mann vom Reisebüro fehlte ein Schneidezahn. „Ein idyllisches Fleckchen, sag ich Ihnen, direkt am Meer, mit Ursprünglichkeit und Meeresrauschen.“
Ulla wäre Lissabon lieber gewesen. Wegen der Kultur.
Ich brauchte Ruhe und Entspannung mit Möwengeschrei.
Wir einigten uns schließlich auf Albufeira an der Algarve. Ein Kompromiss.
Kein verschlafenes Kaff, wie ich es gern gehabt hätte, aber auch keine Großstadt mit „Kultur“. Ich würde die Tage in einem Strand Cafe’ verbringen. Ulla könnte shoppen gehen und unser Geld für tausend Dinge ausgeben, die uns gerade noch gefehlt hatten.
Der Flug verlief angenehm.
Unser Hotelzimmer hatte kaum Kakerlaken, das Frühstück war gut für die Figur, und der Weg bis zum Hafen war, für eine sportliche Katze, kaum der Rede wert.
Ich fand ein Plätzchen unter einer sonnengelben Markise, die zu einem typischen Cafe’ gehörte.Von hier hatte man einen großartigen Blick auf den blendend weißen Strand, die mannshohen Wellen und die salzverkrusteten Oberteile der Senoritas.
Ulla erkundete inzwischen mit großem „OH!“ und „AH!“ die anderen Sehenswürdigkeiten.
Ich trank mehr Kaffee als meinem Magen gut tat, las ein wenig und genoss ansonsten den weiten Blick über das Meer zu meinen Füßen. Von Zeit zu Zeit kam Ulla vorbei. Vollgepackt mit Tüten und Taschen. Alles Sonderangebote, wie man ihr versichert hatte.
So gingen unsere Urlaubstage dahin, in schöner Eintracht – bis auf den Letzten.
Ich saß unter meiner friedlichen Markise und beobachtete eigentlich nichts besonderes, als Ulla verschwitzt neben mir auftauchte.
Sie atmete schwer.
„Hallo Schatz, nimm doch mal die Füße von dem Stuhl, ich will die Tüten abstellen, Danke. Ich muss was trinken. Herr Ober? Eine Botiglia mit Agua, ja? Gracias Senor! Meine Güte, du glaubst ja nicht, was man hier laufen muss, um alles gesehen zu haben. Ich verdurste… Senor, machen sie doch mal etwas dawai mit meinem Wasser,… Dankeschön! Gracias, Senor, mille gracias.“
Ich legte meine Lektüre beiseite. Ulla trank gleich aus der Flasche. „Meine Zeit“ (sie machte ein Bäuerchen) „Wir hätten das Wichtigste beinahe vergessen.“
Ich zog eine Augenbraue hoch: „Das Wichtigste?“
„Ja, natürlich. Heute ist unser letzter Tag und wir haben noch keine einzige Postkarte geschrieben.“
„Tatsächlich?“
„Ja, tatsächlich. Es ist mir eben eingefallen. Hier, sieh mal.“ Sie holte einen beachtlichen Packen Postkarten hervor. „Die müssen wir alle heute noch schreiben.“
„Die alle?“
„Ja, natürlich! Glaubst du etwa, ich fahre bis nach Portugal und schreibe keine Karte?“
„Aber das sind doch bestimmt fünfzig Stück.“
„Ach, du übertreibst, es sind sechsunddreißig. Und die werden wir jetzt an unsere lieben Daheimgebliebenen verschicken.“
Ich schüttelte den Kopf: „Nö!“
„Was soll das heißen?“
„Nö, soll heißen, dass ich keine Karten schreiben will.“
„Du willst keine Karten schreiben?“
„Nö!“
„Du willst unseren Lieben nicht erzählen, wie Schön es hier war?“ „Nö!“
„Ich habe es gewusst! Ich habe es wirklich gewusst. Der Herr fährt bis nach Portugal, nur um hier einen Kaffee nach dem anderen zu trinken und interessiert sich sonst für gar nichts. Nicht für Land und nicht für Leute. Und weigert sich dann auch noch eine läppische Postkarte nach hause zu schicken.“ Sie nahm einen großen Schluck aus ihrer Wasserflasche. Die Leute an den Nachbartischen sahen aufmerksam herüber.
„Eine Karte wäre in Ordnung“, sagte ich, „aber nicht eine ganze Postwurfsendung von sechsunddreißig Stück.“
„Eine würdest du schreiben?“
„Ja, eine würde ich schreiben.“
„O.K. also eine?“
„Ja!“
„Wie gut, dass ich das vorhergesehen habe.“ Sie legte eine Karte auf den Tisch. Das Foto zeigte unsere Bucht.
„Die ist ja schwarzweiß“, sagte ich. Ulla kramte in ihrer Tasche. „Genau, aber weil du ja der Künstler in unserer Familie bist, darum… habe ich dir… ein paar Buntstifte zum Kolorieren mitgebracht.“
Ich liebte eine Wahnsinnige!
„Hier mein Schatz. Ich schreibe fünfunddreißig Ansichtskarten. Du schreibst nur eine. Handkoloriert, für Helmut und Helga Herrmann.“   
„Für unsere Nachbarn?“
„Ganz genau!“ Ulla zückte ihren Kuli, klemmte die Zunge zwischen die Zähne und beschrieb Karte um Karte. Der Kellner schleppte Kaffee und Wasser heran und ich bemühte mich nach Kräften.
Wir wurden etwa gleichzeitig fertig.
Ulla stopfte ihre Karten in eine Einkaufstüte. „Dann lass mal sehen, was mein Künstlergatte zustande gebracht hat.“
Ich zeigte es ihr, und sie war überrascht.
„Was soll das denn sein“
„Was meinst du?“
„Warum haben die Badegäste alle rote Hintern?“
„Sonnenbrand.“
„Und was ist das Schwarze hier?“
„Rauch.“
„Rauch?“
„Ja, die Pommesbude brennt.“
„Und warum hat das Haus da oben rote Fenster?“
„Das ist der Puff, falls Helmut mal herkommen sollte.“
„Und was ist da im Wasser?“
„Haifischflossen, sieht man doch.“
„Warum?“
„Damit seine Frau zuhause bleibt.“
„Und der schöne Strand, was soll das Schwarze denn sein?“
„Ölpest“.
„Und die zwei Eier mit dem Stiel in der Mitte?“
„Atomkraftwerk“.
Ulla seufzte und schüttelte den Kopf. Sie nahm die Karte, zerriss sie, und Hundert kleine Schnipsel regneten auf meinen Kopf.
Armer Helmut, dachte ich. 
Ich hätte dir wirklich gern geschrieben, wie schön es an der Algarve ist.

Zwei Spatzen

von Janek Heinrich (copyright)

Seit einigen Tagen hatten sich die Geräusche in unserem Garten verändert.
Zu dem gewohnten Zwitschern und Singen der Amseln war ein lautes Tschilpen und Schimpfen hinzu gekommen, wie ich es schon seit langer Zeit nicht mehr gehört hatte. Es waren Spatzen.
Ein dicker, der wie aufgeplustert wirkte und ein schmaler mit glänzenden Augen und brauner Stirn.
Sie saßen in den Ästen von unserem Haselstrauch und unterhielten die Umgebung. Das heißt, der Dicke tat das.
Er schimpfte und jubelte ohne Unterbrechung in allen Tonlagen, die einem Vogel wie ihm zur Verfügung stehen, während der andere nur ganz ab und zu einen kurzen Einwurf wagte.
Es war schwer zu sagen, welcher von beiden wohl das Männchen und wer das Weibchen war, auch wenn es Leute gibt, die die Gesprächigkeit immer eher den Frauen zuschreiben.
Ich bin mir da nicht so sicher, zumal dann, wenn ich an jemanden wie unseren „Onkel Schweigsam“ denke. Onkel Schweigsam heißt eigentlich Erich und ist auch nicht wirklich ein echter Onkel von uns.
Er hat irgendwann, in einem unbeobachteten Augenblick, eine Cousine meiner Mutter geheiratet. Eine Unachtsamkeit, die wir uns in der Familie nie wirklich vergeben konnten.
Dabei ist der Onkel kein schlechter Kerl, er raucht nicht, er trinkt nicht und ist freundlich zu jedermann. Das einzige Laster, das er ausgiebig pflegt, ist eine unglaublich nervtötende Gesprächigkeit, der kein Thema fremd und keine Formulierung zu umständlich ist.
Ein Mensch, der selbst aus einem einfachen „hallo“ einen abendfüllenden Vortrag über die Amerikanisierung der Deutschen Sprache im Allgemeinen, und deren Auswirkungen auf den Verdauungsapparat vereinsamter Angorakaninchen im Besonderen hat. Kein schlechter Kerl, wie schon gesagt, aber die Pest, wenn man ihm nicht rechtzeitig aus dem Wege geht.
Böse Stimmen, wie die meines Bruders Benjamin behaupten, dass die CIA Onkel Schweigsam als besonders gemeine Foltermethode gegen verschwiegene Terroristen einsetzen wollte, aus humanitären Gründen dann jedoch darauf verzichtet hat.
Ich glaube, dass Benjamin sich das nur ausgedacht hat, aber wer je auf einer Familienfeier in Onkel Schweigsams Fänge geriet, könnte durchaus anderer Meinung sein.
Solch ein Kaliber war auch der dicke Spatz in unserem Haselstrauch, und darum nannte ich ihn „Quatscher“, den anderen nannte ich „Ping“.
Quatscher und Ping lebten sich schnell ein in unserem Garten, und wenn ich morgens um sieben auf die Terrasse ging um meinen Kaffee zu trinken, dann hatten sie schon längst lautstark das Für und Wider, das Auf und Ab und das Hin und Her, aller mehr oder weniger bedeutsamen Angelegenheiten der Weltgeschichte am Wickel.
Einmal streute ich ihnen Brotkrumen hin, weil ich dachte, so für etwas Ruhe sorgen zu können, aber weit gefehlt.
Genau wie Onkel Schweigsam am kalten Buffet, so konnte auch der dicke Spatz essen und trinken, ohne dass es seinen Redefluss im geringsten gestört hätte.
Ich mochte die beiden trotzdem.
Ich mag Spatzen, und hatte noch vor Kurzem festgestellt, dass man sie viel seltener sieht als früher.
Mich erinnern Spatzen irgendwie an Berliner Hinterhöfe im Frühling, wenn die ersten Sonnenstrahlen die dunklen Schluchten der Häuserwände erhellen und die Fensterscheiben zum Blitzen bringen und man durch die hohen Fenster sieht und sich fragt, wie sie wohl heißen mag, die, neben der man gerade aufgewacht ist.
Es ist nicht gut, sich an diese Dinge zu erinnern, es ist zu merkwürdig, zu melancholisch und auch viel zu lange her. Aber es gibt Geräusche und Gerüche, die zaubern alles wieder zurück, ob man will oder nicht, und tschilpende Spatzen gehören dazu, genau wie die muffigen Wellen, die in Hamburg an die Kaje schlagen wenn Fischmarkt ist und man nicht geschlafen hat und ein Fischbrötchen mit Frühstücksbier verzehrt.
Nicht alles war schlecht, denke ich, das meiste schon.
Den Spatzen ging es gut bei uns, und nur die Katze von Schröders, die sich nachts immer auf meinem Campingstuhl niederlässt, machte mir Sorgen. Es war ihr Revier, mein Garten, wie sie zu denken schien, und ich besorgte eine Wasserpistole.
Ein prächtiges Exemplar mit ordentlich Druck und zwanzig Metern Reichweite.
Ich mag keine Katzen – jedenfalls nicht mehr seit Willi.
Aber Willi war ja auch keine normale Katze.
Willi war ein stämmiger, roter Kater mit einem Schmiss über der Nase und an seinem linken Ohr fehlte ein Stück. „Alte Kriegsverletzung“, wie er bestimmt gesagt hätte.
„Den wollen Sie? Sind Sie sicher?“ hatte damals die Dame vom Tierheim gesagt. 
Willi verbrachte seine Tage auf einer Art Regal im Katzenraum. 
Er lag da ganz entspannt, bis eine von den anderen unter ihm hindurchging, dann holte er aus, verpasste ihr eine und ließ die ausgerissenen Haare durch seine Krallen rieseln. Er hatte große Pfoten, und seine Krallen waren durchaus sehenswert.
In unserem Haus gab es damals noch zwei andere Katzen, die moppelige Kitty, die immer einen etwas leidenden Eindruck machte und Luzi aus dem dritten Stock, der man besser nicht zu nahe kam. Ich war gespannt, wie sich mein roter „Kampfkater“ wohl mit ihnen verstehen würde.
Die Fronten waren schnell geklärt.
Die seufzende Kitty wurde seine Freundin, die er sogar zum Essen zu uns einlud, und mit Luzi lieferte er sich jeden Nachmittag zur Kaffeezeit eine lautstarke Prügelei.
Der Kater und ich verstanden uns prächtig, bis auf eine Sache vielleicht.
Willi mochte keinen Besuch, und fremde „Weiber“ schon mal gar nicht. Das störte mein Liebesleben empfindlich, denn wann immer ich spät abends mit einem„Übernachtungsgast“ bei uns auftauchte, der sich zum Bleiben anschickte, schiss mir der Kater vors Bett. Das veranlasste mich dann, ihn übel zu beschimpfen, am Kragen zu packen und aus dem Fenster zu werfen (wir wohnten im Parterre). Damit war die Romantik im Eimer, und wenn ich den Boden fertig gescheuert hatte, war die Dame still und heimlich verschwunden.
Der Abend war hinüber, ich schon fast wieder nüchtern und der Kater grinste durchs Küchenfenster, so war das.
Ich ließ ihn irgendwann wieder rein, und wir versöhnten uns mit Brekkies und Bier, und kamen überein, dass wir unseren Streit eigentlich nur diesem weiblichen Eindringling zu verdanken hatten. Eines Tages verschwand Willi, und ich rief noch wochenlang nach ihm wenn ich abends nach Hause kam.
Seitdem mag ich keine Katzen mehr.
Heute Morgen ging ich mit ein paar Brotkrümeln zum Haselstrauch.
Nur Quatscher hockte da auf seinem Zweig und hielt seine Volksreden, wie er es immer tat. Auf dem Boden fand ich ein paar graue Federn und ein Ding, das wohl eine Vogelgalle war. Die hatte die Katze übriggelassen.
Der dicke Quatscher pickte meine Frühstückskrümel auf und erzählte in einem fort. Dann flatterte er zurück auf seinen Ast, plusterte sich auf und begann ein neues Thema – einfach so.
Manche Leute merken wirklich nichts.

Pretty potato

von Janek Heinrich (copyright)

Es war Donnerstag in Nürnberg.
Anderswo war es natürlich auch Donnerstag, aber hier, auf dem Platz vor dem Rathaus, wurde der älteste Wochenmarkt Deutschlands abgehalten. Das war das Besondere.
Jede Woche, jeden Donnerstag, seit mehr als tausend Jahren.
Könige waren gekrönt und enthauptet worden, man hatte Päpste gewählt und zum Teufel gewünscht, Hexen verbrannt und Kriege jeder Art geführt.
Der Markt interessierte sich nicht dafür. Er öffnete um sieben und schloss um zwei. Das war Tradition und daran änderte sich nichts.

Die Gesichter der Händler waren vom Wetter zerfurcht, und ihre Stimmen waren ebenso rauh wie ihre Hände.
Sie priesen ihre Waren an, das Kleingeld klimperte, die Würstchen zischten auf dem Rost und das Federvieh hatte dunkle Vorahnungen.
Im Schatten, unter Hubers Obst- und Gemüsestand lag eine leicht verschrumpelte Kartoffel.
Sie hieß Cilena und war am Morgen vom Tisch gefallen.
Cilena genoß die Kühle und den Frieden.
Hier würde sie niemand behelligen. Keine Menschenhände würden sie heute befingern und dann als „zu alt“ zurück legen. Heute nicht.
Nein, heute war ein guter Tag, davon war sie überzeugt.

Pluto, ein reinrassiger Retrievermischling aus gutem Hause, hatte sein betrunkenes Herrchen im Biergarten sitzen gelassen und schnüffelte auf verschlungenen Pfaden allein durch das Gewimmel.
Ja, nichts roch so gut, wie ein Markttag im Sommer.
Vor allem unter und hinter den Ständen, da wo man nicht hin durfte. Bleiche Fischköpfe mit glasigen Augen gab es da, geronnenes Schweineblut und manchmal sogar eine grüne Leberwurst mit leichtem Schimmelpilz.
Plutos Nase konnte sich keinen anderen Himmel vorstellen.

Cilena hing ihren Gedanken nach.
Ach,es gab so vieles, worüber man als Kartoffel in mittleren Jahren nachsinnen musste.
Es waren nicht etwa Themen wie Falten oder Altersflecken, die sie beschäftigten. Oh nein,es waren die großen Fragen um die es ging.
Wie konnte man dem Hunger auf der Welt begegnen, ohne die Kartoffeln zu benachteiligen?
Wie konnte man den ewigen Konflikt mit den Menschen beilegen, die sich doch immer neue Gemeinheiten gegen ihr Volk ausdachten?
Wie konnte man so schaurige Begriffe wie: BRAT-Kartoffeln, Pommes FRITES (eine französische Form der Barbarei), PELL-Kartoffeln oder Kartoffel-BREI ein für alle mal aus dem Wortschatz der Welt verbannen? Die Erinnerung an das Schicksal ihrer mehlig- kochenden Verwandtschaft jagte ihr gerade kalte Schauer über den Rücken,als sie sich einer feuchten Hundeschnauze gegenüber sah.
Ein Monstrum, ein Kartoffelfresser! Es hatte sie entdeckt.
Die schwarze Nase glänzte, schnüffelte und schnaubte, dass es Cilena durch durch Keim und Pelle ging.
Sie sah die Leberwurstreste zwischen seinen Reißzähnen, sah seine Zunge die lüstern aus dem Maul baumelte und roch seinen fauligen Atem.
Unter ihrer bescheidenen Schale war sie noch immer eine köstliche Knolle, und dieses Ding würde sie verschlingen, ganz bestimmt.
Die Welt wurde blendend hell, und Celina wurde ohnmächtig.

Pluto legte den Kopf schief und fragte sich, was er da denn wohl gefunden hatte. Gut riechen tat es jedenfalls nicht. Ein Ball vielleicht? Pluto war kein großer Denker, also stupste er seine Entdeckung probehalber mit der Nase an.
Diese Berührung kam einem Küsschen gleich und augenblicklich
machte es „FUMP!“
Ein Geräusch, wie das Platzen einer kolossalen Kaugummiblase.
Der Obststand wurde in die Höhe gestemmt, Kisten polterten zu Boden, das Gestänge der Überdachung knickte ein und eine Welle von Südfrüchten brandete den Marktbesuchern entgegen.
Den Huberbauern, dem der Stand gehörte, haute es von den Füßen und er krachte rücklings in die Wassermelonen.
Aus den Trümmern erhob sich eine Gestalt.
Sie trug ein Dirndl so rot, wie ein Feuerwehrauto und die Reste einer Pampelmuse klebten in ihrem Haar.
Plutos Kuss hatte Cilena zurück verwandelt in das,was sie eigentlich war: Eine gut erhaltene Bäuerin von knapp fünfundfünfzig Jahren.
“Ja, mi leckts am…“ entfuhr es dem Huberbauern. Er hatte sein Lebtag noch keine Erscheinung gehabt, aber dies war ganz bestimmt eine, das war sicher. Von einer höheren Macht hervorgerufen. Vom lieben Gott, oder vielleicht sogar vom Bayerischen Rundfunk.
Alois Huber lag in seinen Wassermelonen, bekam eine feuchte Hose und den Mund nicht wieder zu. So etwas Schönes wie Celina hatte er zuletzt im Kino gesehen.
Amors Pfeil steckte tief in Alois Stirn und es war ihm egal, dass die Liebe angeblich blind machen sollte,
Hauptsache der Rest funktionierte.

Sie wurden ein Paar, der Alois und die Celina, sie heirateten schon bald im Rathaus zu Nürnberg und Pluto bekam zur Belohnung so viele Weißwürste und so viel Starkbier, dass er auf die Marmortreppen kotzte.
Alois und Cilena wurden glücklich miteinander, und nur manchmal verdunkelte eine kleine Wolke den Himmel über Cilenas Seligkeit,denn Alois war ein großartiger Bursche und ein diensteifriger Liebhaber, aber der Pluto, der küsste eindeutig besser. 

Picknick in Sodom

von Janek Heinrich (copyright)

„Ein Kater ohne Maus ist ein armes Schwein!“ So stand es auf einer grauen Häuserwand in der Ritterstraße 15. Daneben sah man eine schielende Katze, und eine Maus mit knallroten Lippen. Es mag sein, dass es in Paderborn langweilige Straßen gibt, aber die Ritterstraße gehört nicht dazu.
Eine weitere Attraktion befand sich kaum fünfzig Meter weiter. Das „Ladyshape“, ein Fitness Studio in dem Männer keinen Zutritt hatten.
Die Schaufenster waren mit Milchglasfolie beklebt, und man musste schon größer sein als ein Meter fünfundachtzig, um darüber hinweg blicken zu können.

Jürgen war größer als ein Meter fünfundachtzig.
Er ging fast jeden Tag durch die Ritterstraße, er sah jeden Tag das Graffiti mit der schielenden Katze, aber die durchgeschwitzten Damen, denen der tropfende Pferdeschwanz in den Nacken hing, die hatte er noch nie beobachtet.
Jürgen war 36 , wohnte bei seinen Eltern in der Mansarde und wusste nicht, wie gut es ihm ging – wie sein Vater sagte.
Er hatte einen krisenfesten Job im „Bestattungshaus Erich Bohnsack & Sohn“ in der Nähe der Martinskirche.
Jürgen wählte liberal, trank keinen Alkohol und hatte noch nie eine Zigarette oder ein Mädchen angefasst.
Er aß vegetarisch, bekam ausreichend Taschengeld und würde, eines Tages (nachdem er seine Eltern zum Einkaufspreis bestattet hatte) das Geschäft seines Vaters übernehmen.
Obwohl es Jürgen Bohnsack an nichts fehlte, denn er hatte nicht nur Satellitenfernsehen, sondern war auch Vizemeister im Bielefelder Puzzle Club, antwortete er dennoch auf eine Kontaktanzeige, die er auf „Mr. Loverlover.de“, einer Partnerbörse im Internet, gefunden hatte. 
 
„Blonde Akademikerin, 28, schlank, vielseitig interessiert, sucht weltgewandten Ihn mit dem gewissen Etwas.“
Diese Frau hatte von Anfang an keinen guten Einfluss auf ihn. 
Sie machte ihn schon nach dem ersten telefonischen Kontakt zum Lügner. Für sie frisierte er seinen Lebenslauf, korrigierte sein Alter und belog seine Eltern.
Er gab vor, an diesem Morgen nach Essen zu einem Puzzle Turnier zu fahren, aber in Wirklichkeit fuhr er mit dem Zug nach Köln, um Sie zu treffen.
Jürgen war jetzt nicht mehr Jürgen Bohnsack, der Bestattergehilfe aus Paderborn, sondern Jürgen Martin, ein erfolgreicher Broker aus Frankfurt, dem enge, schwarze Anzüge besonders gut standen.
Nachdem der Zug den Rhein überquert hatte, und langsam in die Halle des Kölner Hauptbahnhofs einfuhr, sah Jürgen aus dem Fenster.
Da stand sie, Corinna.
Sie war genau so blond, genau so schlank und genau so hübsch, wie er es sich vorgestellt hatte.
Der Fahrtwind spielte mit ihren Locken und zupfte an ihrem Blümchenkleid.
Jürgen stieg aus dem Zug und ging auf sie zu. Er lächelte und hatte eine Schachtel mit Erfrischungsstäbchen dabei. Frauen mögen Erfrischungsstäbchen.
„Hallo, Sie sind…du bist Corinna, oder?“
„Ja.Und du, du bist der Jürgen.“
„Hier, für dich.“
„Oh, das is aber nett von dir,…danke. Ich hab auch was mitgebracht.“
„So?“
„Hier, ein Picknickkorb mit vielen schönen Sachen drin.“
„Und was machen wir damit?“
„Wir fahren jetzt mit der Bahn in den Stadtwald, und da machen wir es uns schön – Komm!“ Sie hakte sich bei ihm ein und duftete genauso unglaublich gut nach Flieder und Zitronenmelisse, wie die Öllämpchen bei dieser besonders geschmackvollen Beisetzung, die Jürgen im letzten Jahr ausgerichtet hatte.
Die Bahn rumpelte sie bis an die Haltestelle „Dürener Straße/Gürtel“, da stiegen sie aus und schlenderten den restlichen Weg bis zum Ententeich zu Fuß weiter.
„Hier Jürgen, hier ist es schön, hier tun wir die Decke hin, ja?“
Jürgen nickte und hatte Mühe ihr nicht allzu unverschämt in den Ausschnitt zu sehen.
„So, dann wollen wir doch mal sehen, was wir so alles dabei haben.“ Corinna fing an den Korb auszupacken.
Brot, Käse, Weintrauben, eine Leberpastete, saure Gürkchen, etwas klein geschnittenes Gemüse, eine Flasche Bordeaux und zwei Piccolos mit französischem Schaumwein.
Jürgen sah sich um.
Sie waren nicht die Einzigen auf dieser Wiese.
Gleich rechts von ihnen saß eine Frau in mittleren Jahren auf einem Klapphocker. Sie trug einen Strohhut und las in einem Buch. Alle paar Minuten stieß sie einen Seufzer aus, kicherte in sich hinein oder klappte es sogar zu, um das gerade Gelesene mit einem: „Ach du liebe Zeit“, oder „Oh Nein, oh nein, ich lach`mich tot…“ zu kommentieren. Dann betrachtete sie einen Moment den Einband, wischte sich die Tränen aus den Augen und sagte: „Janek, Janek du bist doch der Beste.“
Die anderen Gäste waren anders. Da gab es Männer, die mit anderen Männern auf einer Decke saßen. Männer, die wie Frauen aussahen, und mit Männern, die auch nicht besonders männlich wirkten, herum turtelten. Manche wirkten wie echte Frauen, aber die hatten dann eine Frau dabei, die aussah wie ein Mann. Es gab eine Gruppe Neger, die ihre Heimatmelodie trommelten, Punker mit großen Hunden und einen Karnevalsprinzen der seinen Rausch ausschlief.
Es war nicht, wie in Paderborn.
„So,dann wollen mir erst mal ein Sektchen auf das schöne Wetter… Jürgen, was is mit dir?“
Er deutete in die Runde. „Was ist das?“
Corinna lachte. „Ach, das is hier in Köln ganz normal. Hier kann jeder so jeck sein, wie er will, wir sind da sehr liberal. Hier trink ein Schlückchen und guck nich so.“
Jürgen trank ein ordentliches „Schlückchen“ und beschloss beim nächsten Mal doch lieber die Union zu wählen.
Der Champagner entspannte ihn, und sie machten sich über die Spezialitäten aus dem Körbchen her.
Die Leberpastete lehnte er dankend ab, aber Bordeaux und Käse waren eine köstliche Verbindung. Die ungewohnte Nachbarschaft verschwand aus seinem Blickfeld, und nach einer Weile gab es außer Corinna nichts anderes mehr, was ihn interessierte. Ihre Blicke trafen sich immer öfter und er musste sich wirklich zusammenreißen, um ihr nicht dauernd auf den Mund zu starren.
„Möchtest du noch?“ fragte sie.
„Wie?“
„Wein, meine ich… möchtest du noch welchen?“
„Was?“
„Noch ein Schlückchen, ja?“
„Ich weiß nich…“ sagte er.
„Ja?“
„Nein, ich hätte lieber was anderes…“
„Was anderes? Schlückchen Sekt, oder Wasser?“
„… ein Küsschen hätte ich gern. Das würde mir gefallen, glaube ich.“ Jürgen blickte herausfordernd auf seine Zehenspitzen.
„Ein Küsschen?“
„Ja, …das würde mir gefallen.“
„Da müssten wir aber erst ein paar Krümmel von deiner Schnüss entfernen.“
„Das könnten wir doch machen.. .ich meine, Du könntest das ja vielleicht… machen.“
„Ich soll das machen? Warum?“
„Hab gerade keine Zeit..“ sagte er.
„Du hast kein Zeit?“
„Nein,… ich muss gerade an was besonders Schönes denken.“
„Woran musst du denken?“
„An Dich…“

Corinna ließ die Serviette fallen, die Krümel blieben, wo sie waren und sie kam über ihn wie eine Südseewelle. Weich, feucht, warm und unwiderstehlich. Jürgen hatte dem nichts entgegen zu setzen und sank rückwärts ins Gras.
An seinem Hinterkopf fühlte er etwas weiches – das konnte die Leberpastete sein, oder auch der Camembert, aber das war in diesem Moment nicht wichtig. Wichtig war nur Corinnas Mund, der auf seinem Gesicht eine kühle Spur hinterließ, und wie der eines hungrigen Säuglings nach seinen Lippen suchte.
Sie verbiss sich in seiner Unterlippe, dann war sie plötzlich überall. Wie ein Krake mit acht Armen und Beinen, mit Knien, Händen, Füßen, einer Unzahl von Brüsten und Fingernägeln.
Jürgens freudige Überraschung wandelte sich in Panik.
Er krallte seine Finger ins Gras und bekam einen Krampf in der linken Wade. Er griff in ihre goldenen Locken, um sie von sich weg zu ziehen, was Corinna jedoch falsch verstand, und ihre Anstrengungen verdoppelte.
Jürgen wollte sich geschlagen geben, wollte ein Ende machen und schlug mit der flachen Hand auf den Boden, wie es unterlegene Ringer tun, aber Corinna bemerkte es nicht.
Er schlug mit beiden Händen auf den Rasen, was sie als sicheres Zeichen dafür deutete, dass sie sich auf dem richtigen Weg befand.
Jürgens Hände trommelten auf das frische Grün. Corinna zerriss sein Hemd und bearbeitete seinen Hals.
Jürgen zappelte mit den Beinen, was seine Krämpfe linderte, Corinna aber in keinster Weise irritieren konnte.
Dann gab er auf.
Es hatte keinen Sinn, er war ihr nicht gewachsen,
Er entspannte sich und ließ geschehen, was er nicht ändern konnte.
Wie ein Sommergewitter, dass aus heiterem Himmel hereinbricht und dann genauso schnell wieder verschwindet, war es vorbei.
Corinna schwang sich von ihm herunter, schüttelte ihre Locken und setzte sich in keuscher Anmut zurück auf ihren Platz.
„So, ungefähr?“ sagte sie.

Jürgen setzte sich auf – Applaus brandete ihm entgegen.
„Weiter,weiter. Meeeehr davon!“
„Bütze, Bütze! Los Jung’, los !“
Jürgen blinzelte in die Runde – es waren die merkwürdigen „Nachbarn“. Sie klatschten und grölten und schlugen sich auf die Schenkel.
„Los Jung’, du bis dran! Zieh et Hemd aus und zeich mal wasse kanns.“
„Jenau! Du bis jetzt dran mit Küsschen geben!“
„Ja Jung, kratz dich den Käse vom Kopp un leg los.“
Auch die Dame mit dem Sonnenhut schlug im Takt auf ihre Lieblingslektüre.
Corinna nippte an ihrem Glas und sah ihm merkwürdig schüchtern entgegen.
Schüchtern, aber erwartungsvoll.
Ihre braunen Augen waren wie Strudel, wie Tore in eine andere Welt, von der Jürgen nichts wusste.
Er wollte aufstehen, aber der Schwindel in seinem Kopf ließ seine Beine zu Lakritze werden.
Die Negerband übernahm den Groove der älteren Dame, eine Narrenkappe flog durch die Luft und kreuzte die Flugbahn eines schwarzen Lederkäppis.
Er musste weg
Jürgen kroch auf allen Vieren davon, aber er kam nicht auf die Füße. Er schlingerte und schwankte. Seine Beine versagten den Dienst. Er landete im Duft des Rasens und der Gänseblümchen, die er vorher noch nie so groß gesehen hatte. Das Klatschen und die Rufe tosten und rauschten um ihn herum. Er fühlte sich wie ein Quarterback den man gefoult hatte. 
 
Der Applaus, der Jubel das Getrommel und die begeisterten Pfiffe – es war wie in einem Stadion. Und das waren seine Fans, die ihn anfeuerten – Ihn!
Er war der Quarterback an den sie glaubten!
Er musste es schaffen… und er würde es schaffen.
Für sie, für sich selbst und für Corinna.
Jürgen zog sich das T-Shirt über den Kopf.

Es war spät, als er endlich wieder zu hause ankam.
Als er nach seinem Schlüssel suchte, ging die Außenbeleuchtung an, und die Tür öffnete sich.
„Jürgen?“
„Ja, Mama.“
„Hör mal, wieso kommst du eigentlich erst jetzt… aber wie siehst du denn aus? Und wie du riechst! Hast du etwa…Alkohol getrunken?“
Jürgen drückte sich an ihr vorbei.
„Bin überfallen worden.“
„Überfallen? Hier in Paderborn?“
„ Nein Mama, in Sodom.“ er stieg die Treppe hinauf.
„In Sodom? Also ich verstehe kein Wort… Sodom und Gomorrha?“
„Da auch.“
„Und was hast du da in deinen Haaren?“
„Camembert.“

Das Beste am Sex

von Janek Heinrich (copyright)

Bruno Blümchen hat den falschen Namen.
Er gehört zu den wenigen Leuten, die beim Betreten eines Raumes nicht nur den Kopf einziehen, sondern auch den Oberkörper seitwärts drehen müssen, damit sie nicht in der Türöffnung stecken bleiben.
Bruno ist Steuermann und Besatzung in einer Person auf der „Olga“, dem Kutter von Kapitän Hansen. Mehr Leute braucht Hansen nicht.

Am letzten Samstag saßen wir, wie immer, im „Anker“ und tranken schweigend unser Bier. Manche Leute halten uns Küstenbewohner deshalb für ungesellig und wortkarg, aber das stimmt nicht. Das ist nur ein Gerücht, das die Rheinländer über uns verbreiten.
Bruno und ich saßen also zusammen an einem der gescheuerten Holztische und sahen dem Rauch unserer Zigaretten hinterher. Wir hatten gerade unser sechstes Bier in Arbeit, da legte er mir plötzlich seine Pranke auf den Arm uns sah mich aus wässrigblauen Augen an.
„Jan“, sagte er.
„Hm?“
„ Du bist doch mein Freund, oder?“
„Ja.“
„Jan, mein Freund, soll ich dir mal was verraten?“
„Was?“
„Ich hab’ da was raus gefunden.“
„Ach.“
Er nahm einen kräftigen Schluck, als ob er sich erst Mut antrinken müsste. Dann kratzte er sich am Kinn.
„Ja“, sagte er, “weißt Du eigentlich, was dat Beste am Sex ist?“
„Wie?“
„Ich frage dich, ob du weißt, was das Beste am Sex ist.“
Die Stimmen am Nachbartisch wurden deutlich leiser und ich fühlte mich völlig überrumpelt. Also versuchte ich kein allzu dummes Gesicht zu machen und zuckte mit den Schultern.
Bruno drehte sich zu den Anderen um.
„Wenn ihr hier schon zuhört, dann könnt Ihr mir das ja vielleicht mal sagen.“
„Was sollen wir dir sagen?“
Bruno machte eine ausholende Bewegung und sein Bier schwappte auf die Hose von Karl Martens unserem Krabbenhändler.
„Ich will von euch wissen, was dat Beste am Sex ist, ihr Plattfische!“
Martens holte sein Taschentuch raus und versuchte seine Hose zu trocknen. „Mensch Bruno, was machst du hier für’n Aufstand. Jetzt sieh dir mal meine Hose an. Ich stink’ jetzt ja wie’n ganzer Bierlaster.“
„Dat macht nichts, Karl, normalerweise riechst du wie’n Fischmarkt“, Bruno erhob sich. Er wich der Deckenlampe aus und schwankte rüber zu Martens und den anderen Männern.
„Ich will von Euch wissen…“ sagte er und hob seinen Arm, „was dat Beste am Sex ist!“ Seine Faust donnerte auf die Tischplatte. Der Aschenbecher verteilte seinen Inhalt gleichmäßig auf dem Fichtenholz und die Männer konnten nur mit Mühe ihre Gläser retten.
„Bruno, laß’ uns in Ruhe. Wir sind doch alle viel zu lange verheiratet, um uns an sowas noch zu erinnern“, Bernd Claasen unser Hafenmeister war sichtlich verärgert. Die anderen nickten.
„Also, ich weiß das schon…“, hörte man auf einmal eine dünne Stimme aus dem Hintergrund. Es war Fiete Osterhaus, unser Postbote.
„Wat weißt du?“ sagte Bruno.
„Na, ich weiß da schon was von… von den Sex und so… meine ich.“
„Ach ja?! Dann erzähl uns doch mal, was du so alles weißt.“
Brunos Zeigefinger zielte in Fiete`s Richtung.
Der arme Fiete hatte noch nie eine besonders gesunde Gesichtsfarbe gehabt, aber jetzt sah er aus, wie ne Wasserleiche nach drei Tagen.
Er nippte tapfer an seinem Alsterwasser und sagte: “Ja, also… will mal sagen… wenn die Deern zum Beispiel eigentlich ganz hübsch ist… Und wenn man denn auch vielleicht gerade zufällig hinterm Deich… oder auch inner Scheune… und wenn das dann da so schön warm ist, und die Sonne scheint… und man vielleicht auch noch einen Picknickkorb…“
„Blödsinn!“ sagte Bruno.
Fiete zog sich hinter sein Bierglas zurück und für einen Moment herrschte absolutes Schweigen.
„Dann werde euch jetzt mal aufklären“, sagte Bruno.“Das Beste am Sex ist nämlich: Wenn dabei was schief geht.“
Wir waren sprachlos. Selbst die Ältesten unter uns hatten so einen Blödsinn ihr Lebtag noch nicht gehört.
„Das Beste am Sex ist“, sagte er, “wenn etwas dabei schief geht, und schon nach nur knapp zwei Jahren… sitzt einer neben dir auf‘m Sofa und klaut dein Käsebrot.“ Er wuschelte mir durch die Haare, klopfte mir auf die Schulter und sein Grinsen wurde nur noch von seinen Ohrläppchen aufgehalten. Er warf einen fragenden Blick in die Runde.
„Mensch“; sagte Fiete Osterhaus plötzlich, “Bruno is schwanger!“
„Ach wat“, sagte Bernd Claasen,“ das is ja’n Ding.“

Nenn’ mich einfach “Dolly”

von Janek Heinrich (copyright)

Kühlenkirchen ist nichts besonderes. Nur ein paar niedrige Häuser, die sich direkt an der Bundestrasse 41 aufgereiht haben. Einen Ortskern gibt es nicht, nur eine scharfe Rechtskurve an deren Scheitelpunkt die alte Backsteinkirche steht. Ein wenig besuchtes Gemäuer mit harten Bänken.
Zur Rechten der Kirche befindet sich das Gasthaus „Zum sanften Reh“, eine Örtlichkeit mit ähnlich harten Sitzgelegenheiten, aber einer deutlich größeren Auswahl an alkoholischen Getränken.
Auf der linken Seite des Kirchplatzes die Schlachterei von Erwin Fröhlich, einem Mann, der sein Hobby zum Beruf gemacht hatte und die Bäckerei Kampmann, die aber nichts zur Sache tut.
Hier in Kühlenkirchen lebte Bauer Johann Jensen.
Er war fast fünfzig und sein Hof brachte ihm jedes Jahr weniger ein als im Jahr zuvor. Eines Abends traf Johann den Schlachter Fröhlich in der Dorfschänke und klagte ihm sein Leid.
„Du solltest etwas anderes machen,“ sagte Fröhlich.
„Was meinst du?“
„Ich meine, du solltest Schweine züchten. Das hat Zukunft.
Viele süße kleine Ferkelchen, und ich kaufe dir die dann ab.“
„Ich hab’ überhaupt keine Ahnung von Schweinezucht.“
„Das macht nichts, die Schweine wissen, was sie zu tun haben. Erstmal kaufst du dir einen kräftigen Eber und eine hübsche junge Sau. Du wirst sehen, das ist alles keine Zauberei.“
Jensen hatte wenige Alternativen. Er verkaufte seinen Traktor, verpachtete fast alle seiner Felder und schaffte sich Romeo und Klementine an.
Romeo, ein Eber von knapp sechs Zentnern, hatte mit seiner unglaublichen Potenz schon in ganz Schleswig Holstein für Spanferkel-Nachschub gesorgt. Klementine war noch nicht so lange im Geschäft, aber nach Aussage ihres Züchters hatte sie ganz hervorragende Anlagen. Romeo fand Gefallen an seiner neuen Freundin, und wenn Jensen auf seiner Terrasse saß und dem wilden Quiken und Grunzen nebenan lauschte, dann hörte er auch das Knistern der Scheine, die ihn und seine Frau Martha demnächst nach Mallorca schicken würden.
Klementine wurde schwanger und ließ sich nicht lumpen. Sie brachte zehn rosige Ferkel zur Welt, die noch eine Weile gepäppelt wurden, bevor Meister Fröhlich sie mit einem Lächeln übernahm.
Er bezahlte einen guten Preis, und alle waren zufrieden.
Klementine nicht, aber wen interessieren schon die Gefühle eines Mutterschweins.
Siehst du, Martha“, sagte Jensen zu seiner Frau,“ deine Sorge war ganz unnötig. Wir sitzen hier fein auf der Veranda, die beiden da hinten haben ihren Spaß und das Geld kommt fast wie bei der Frührente.“
Klementine wurde noch drei mal trächtig, dann war plötzlich Schluss.
Romeo hatte jegliches Interesse an ihr verloren.
Er öffnete kaum noch ein Auge wenn sie an ihm vorbei tänzelte, da konnte sie machen was sie wollte – keine Reaktion.
Jensen war besorgt und ging in die Schänke, um sich mit seinem Kumpel Erich zu beraten. Der Wirt war ein guter Zuhörer.
„Der geht da einfach nicht mehr dran. Ich versteh’ das nicht“, sagte Jensen.
„Vielleicht ham sie sich ja auseinandergelebt, so was soll vorkommen.“
„Das ist nich witzig, Erich.“
„Nee, im ernst Johann, das kann doch bei die Schweine auch so sein.“
„Was meinst du?“
„Na, du weißt doch, wie das so ist… und Schweine sind ja vielleicht auch nur Menschen.“
„Du meinst, er findet sie nich mehr so richtig attraktiv?“
„Genau.“
„Und was soll ich da jetzt machen, Lippenstift? Kölnisch Wasser ?
Oder soll ich ihr die Borsten färben?“
„Nee, aber vielleicht ein kleiner chirurgischer Eingriff…“
„Wie?“
„Na, denk doch mal nach. Dein Romeo ist doch auch’n Kerl und wo drauf stehen die Kerle?“
Jensen musste einen Moment überlegen. „Kohlrouladen?“
„Nee, du Dussel. Hier,“ der Wirt griff sich mit beiden Händen an die Brust. „das meine ich: „dicke Dudeln“.
„Ach du spinnst doch. Soll ich etwa bei Klementine ‘ne Brustvergrösserung machen lassen?“
„Genau, mein Alter, genau das meine ich. Hier, trink noch einen.“
In dieser Nacht schlief Jensen noch schlechter als gewöhnlich. Ganz im Gegensatz zu Romeo. Der schnarchte zufrieden vor sich hin, und träumte von allerlei Dingen, von denen Klementine besser nichts erfuhr.
Drei Tage später hatte Jensen genug gegrübelt.
Er rief Dr. Steenhus, den Tierarzt, an. Der Doktor wollte sich tot lachen als er von Johanns Plänen erfuhr. Dann merkte er, dass es Jensen bitter Ernst mit der Sache war und er lenkte ein.
„Jensen, ich verstehe ja, dass ihre Lage im Moment nicht ganz unproblematisch ist, aber…“
„Unproblematisch, Herr Doktor? Mir steht das Wasser bis zum Hals! Und wenn sie mir nich weiter helfen, dann…“

„Aber Jensen, immer mit der Ruhe, ich weiß wirklich nicht, was ich in dieser Situation für Sie tun könnte.“
„Operieren, Herr Doktor. Das könn’ Sie für mich tun.“
„Wie bitte?“
„Ja, Herr Doktor, Sie haben doch alle Möglichkeiten. Sie könnten diese Silikon Dinger besorgen, zwölf Stück müssten das seinem dann eine Narkose, ein paar kleine Schnitte. Sie nähen das ganze zu – und fertig.“
„Jensen, so einfach, wie Sie sich das vorstellen, geht das aber…“
„Doch, Herr Doktor, so einfach geht das. Ich will das ja auch alles bezahlen. Wenn die ersten Ferkel da sind, kriegen sie ihren Anteil.“
Der Doktor dachte eine Weile nach, und da es eigentlich kein großes Risiko gab, willigte er schließlich ein.
Die Implantate besorgte er über einen Kollegen und schon am folgenden Samstag fuhr er zu Jensens Hof.
Klementine wurde betäubt, gründlich gereinigt und Steenhus machte sich ans Werk. Romeo wurde auf die Weide geschickt.
Die Operation verlief bis zur siebten Zitze völlig problemlos. Bei der Achten aber ließ die Konzentration des Arztes für einen kurzen Moment nach und er erwischte eine Arterie. Das Blut schoss ihm entgegen, und Klementine verlor eine ganze Menge davon, bis Steenhus den Schaden wieder behoben hatte. Die zweite Komplikation war wesentlich schwerwiegender.
Ob es sich dabei um einen mutierten Keim, oder um ein unbekanntes Virus gehandelt hatte, konnte man später nur vermuten.
Dr. Steenhus vernähte alle Wunden mit großer Sorgfalt, dann ging er mit Johann ins Haus, um sich zu waschen und einen Kaffee zu trinken.
„Das hat ja wunderbar hingehauen, was Herr Doktor?“
„Ja, wenn man mal von dem kleinen Unfall absieht, schon. Klementine hat eine Menge Blut verloren, aber in ein bis zwei Tagen ist sie wieder einigermaßen auf dem Damm.“
„Dann trinken wir mal’n kleinen Schnaps auf den Schreck, was Herr Doktor?“
„Aber nur einen wirklich Kleinen, bitte.“
Martha setzte frischen Kaffee auf, und es gab Schinkenbrote mit sauren Gürkchen.
Zwei Stunden später rafften sich die Männer auf, um zu sehen, ob Klementines Narkose schon nachgelassen hätte.
Der Stall war leer.
„Wo ist sie hin? Sie dürfte noch gar nicht aufstehen können.“ sagte der Doktor.
„Also, ich hab’die Stalltür zu gemacht – denk ich wenigstens. Was war das denn? Ham Sie das auch gehört?“
Merkwürdige Geräusche, die an wütende Dampfmaschinen erinnerten drangen von der Wiese herüber.
„Das klingt nach kämpfenden Schweinen Johann. Wenn sie zu Romeo auf die Weide gelaufen ist, und der das Blut riecht… Der bringt sie um! Los Jensen, kommen sie. Schnell!“
Johann griff sich eine von den Mistgabeln und beide stürmten aus dem Stall mitten durch Marthas gepflegte Rabatten zur Schweinewiese.
Das Tor war zwei Meter hoch und sie fanden es ordentlich verschlossen. Der Zaun aus Stacheldraht hatte die gleiche Höhe und konnte von keinem Tier durchbrochen werden. Dennoch war Klementine drin.
Der Anblick, der sich den Männern bot, hätte gut in eine römische Arena gepasst. Ein monströser grauer Körper rollte über das zerstampfte Gras und ein zweiter, wesentlich kleiner und hellhäutiger als der Erste, klebte vor seinem Bauch. Die Luft war erfüllt von aufgewirbeltem Staub der in den Augen brannte und von einem grunzenden Gebrüll, das zu keinem irdischen Tier gehören konnte.
„Verdammt, Doktor, der wird sie zerquetschen wie nichts. Das werde ich mir nicht ansehen! Dat blöde Mistvieh!“
Johann machte Anstalten über den Zaun zu steigen, aber der Doktor hielt ihn fest. „Nein, Johann, nein. Bleib hier, du kannst nichts für sie tun. Er würde dich genauso umbringen. Du hast keine Chance gegen einen wütenden Eber der Blut gerochen hat. Bleib’ hier, sage ich!“
„Aber wir müssen ihr doch helfen. Doktor, sie ist verletzt. Ich muss ihn nur ablenken…“
Steenhus legte ihm den Arm um die Schulter.
„Nein Johann, lass den Dingen ihren Lauf. Wir können nichts tun.“
Der Staub um die kämpfenden Körper war inzwischen so dicht geworden, dass man nicht mehr ausmachen konnte,was wirklich geschah. Das grunzende Geschrei wurde unerträglich.
„Doktor, er wird sie fressen, verdammt, er bringt sie um und dann frisst er sie auf!“ Jensen versuchte sich los zu reißen.
„Johann, wir können nichts tun!“
„Vielleicht frisst er sie auch bevor…“
„Johann!“ Die Worte des Doktors hallten plötzlich unnatürlich laut über den Platz. Es herrschte Stille in der Arena. Nur ein erschöpftes Stöhnen drang durch den Dunst der feinen Staubteilchen.

Romeo lag auf dem Rücken und Klementine hockte wie eine nackte Tigerin auf seiner Brust. Sie sah ihm in die Augen, gab einen Laut von sich der fast schon zärtlich klang, dann schlug sie ihre Fänge tief in seinen Hals. Der massige Körper des Ebers zuckte als ob ihn Krämpfe schüttelten, aber er gab keinen Laut von sich. Das einzige was die Männer hörten war eine Art zufriedenes Schnurren von Klementine, und ein schlürfendes Schmatzen, dass ihnen eine Gänsehaut über den Rücken zog.
„Mein Gott, das kann nicht sein… so was gibt es nicht“, entfuhr es dem Doktor. Klementine hob den Kopf und sah zu ihnen herüber.
Ihr Kopf war mit Blut verschmiert, aber sie selbst schien nicht verletzt zu sein. Sie gab einen knurrenden Laut von sich, stieg von Romeos geschundenem Körper herunter und trabte auf das Gatter zu, hinter dem die Männer standen.
Ihr Gang war geschmeidig wie der einer Raubkatze.
Sie wirkte nicht nur gesund und unverletzt, sondern auch größer und kräftiger, als sie es noch vor wenigen Stunden gewesen war. Unter ihrer Haut spannten sich Muskeln und Sehnen, die mit einem normalen Schwein nichts mehr gemein hatten. Die Männer standen wie hypnotisiert hinter dem Tor. Sie fühlten sich hinter dem massiven Gatter einigermaßen sicher, denn Schweine können nicht springen, aber ihre Nackenhaare standen trotzdem senkrecht in die Höhe. Klementine war noch etwa fünf Meter entfernt, als das ganze Ausmaß ihrer Veränderung erkennbar wurde. Es war nicht nur die enorme Muskulatur, sondern auch ihr Gebiss, das sowohl oben, als auch in ihrem Unterkiefer fingerlange Reißzähne zeigte. Ihre Augen hatten ein leuchtendes Orange angenommen, und ihre Pupillen waren senkrechte Schlitze, wie man sie von Reptilien kennt.
Jensen griff den Arm des Arztes. „Los Doktor, weg von hier. Schnell!“
„Was ist das Johann? Was ist mit ihr passiert…“ Steenhus bewegte sich keinen Millimeter. „Komm, Doktor!“ Klementine zog den Kopf zwischen die Schultern und machte einen Buckel.
„..aber, sie kann hier doch nicht…“ sagte der Arzt.
Die Sau schnaufte und der Sand vor ihrer Schnauze staubte zu allen Seiten.
Johann schnappte Steenhus am Kragen und zerrte ihn vorwärts. „Los! los! los! Doktor schnell!“
Klementine sprang.
Der Zaun hätte auch noch einen knappen Meter höher sein können, so mühelos glitt sie über das Hindernis hinweg.
Die stolpernden Männer hatten keine Chance, ihr zu entkommen.
Klementine landete nur wenige Meter hinter ihnen, dann rannte sie die beiden einfach über den Haufen und stürmte den Gartenweg entlang. Jensen und Steenhus hockten benommen im Dreck und versuchten zu verstehen was ihnen gerade passiert war.
„Das war knapp“, sagte Jensen und rappelte sich hoch. Er versuchte den Doktor wieder auf die Beine zu bringen, aber der streckte nur den Arm aus und machte große Augen. „Da, Jensen, sie kommt zurück!“
Er hatte recht.
Klementine kam in gestrecktem Galopp den Weg entlang und hielt auf die beiden zu. Sie bremste in einer Staubwolke und fiel die letzten Meter in einen lässigen Trab. Jensen griff sich eine Mistgabel die am Stall lehnte und hielt sie ihr entgegen.
„Hau ab du Höllenbrut. Hau ab sag ich!“ Jensen stieß mit seiner Forke in ihre Richtung. Klementine wich geschmeidig den eisernen Zinken aus, dann schnappte sie sich den Stiel mit den Zähnen, und brauchte nur einen kurzen Ruck, um Jensen die Waffe zu entreißen. Es knackte und krachte, als der Stiel unter dem Druck ihrer Kiefer zersplitterte. Jensen lehnte sich an die Wand des Schuppens und erwartete mit geschlossenen Augen ihren Angriff.
Klementine wandte sich dem Doktor zu, der wenige Meter weiter im Staub saß. Ihre Augen glühten ihm in einem dunklen Gelb entgegen, und ihre Lefzen troffen vor Erwartung, als sie ihre Reißzähne entblößte. Der Doktor versuchte rückwärts zu flüchten, verhedderte sich aber in Marthas Bohnenranken . Klementine kam näher. Mit einer merkwürdigen Anmut, die einem Model auf dem Laufsteg gut gestanden hätte, und einem Hüftschwung, den man aus einer anderen Branche kennt. Näher, noch näher.
Steenhus hörte auf, an den Ranken zu zerren und ergab sich in dem Gedanken seines letzten Stündleins. Alle sterben irgendwann, es wird schon nicht so schlimm werden, dachte er.
Klementine stand über ihm, und zwei ihrer straffen neuen Zitzen baumelten direkt vor seiner Nase. Sie schienen tatsächlich völlig verheilt zu sein, und die Narben waren so gut wie unsichtbar.
Gute Arbeit – war der letzte Gedanke des Doktors bevor er ohnmächtig wurde.

Das wütende Orange wich aus Klementines Augen und verwandelte sich in ein leuchtendes Blau. Sie schürzte die Lippen über dem Gesicht des Ohnmächtigen und gab ihm einen dicken, nassen, Blutschleim durchzogenen Kuss auf sein linkes Auge.
„Danke, kleiner Doktor, kannst Dolly zu mir sagen“; flüsterte sie mit einem zärtlichen Grunzen. Dann warf sie sich herum, knurrte dem bleichen Johann noch einen letzten Gruß entgegen, und jagte den Gartenweg entlang. Sie hatte noch eine Rechnung zu begleichen – mit einem lächelnden Fleischermeister.

Keine Post aus Portugal

von Janek Heinrich (copyright)

„Nur vierhundert vierundneunzig Euro pro Person. Eine Woche mit Halbpension.“ Dem Mann vom Reisebüro fehlte ein Schneidezahn. „Ein idyllisches Fleckchen, sag ich Ihnen, direkt am Meer, mit Ursprünglichkeit und Meeresrauschen.“
Ulla wäre Lissabon lieber gewesen. Wegen der Kultur.
Ich brauchte Ruhe und Entspannung mit Möwengeschrei.
Wir einigten uns schließlich auf Albufeira an der Algarve. Ein Kompromiss.
Kein verschlafenes Kaff, wie ich es gern gehabt hätte, aber auch keine Großstadt mit „Kultur“. Ich würde die Tage in einem Strand Cafe’ verbringen. Ulla könnte shoppen gehen und unser Geld für tausend Dinge ausgeben, die uns gerade noch gefehlt hatten.
Der Flug verlief angenehm.
Unser Hotelzimmer hatte kaum Kakerlaken, das Frühstück war gut für die Figur, und der Weg bis zum Hafen war, für eine sportliche Katze, kaum der Rede wert.
Ich fand ein Plätzchen unter einer sonnengelben Markise, die zu einem typischen Cafe’ gehörte.Von hier hatte man einen großartigen Blick auf den blendend weißen Strand, die mannshohen Wellen und die salzverkrusteten Oberteile der Senoritas.
Ulla erkundete inzwischen mit großem „OH!“ und „AH!“ die anderen Sehenswürdigkeiten.
Ich trank mehr Kaffee als meinem Magen gut tat, las ein wenig und genoss ansonsten den weiten Blick über das Meer zu meinen Füßen. Von Zeit zu Zeit kam Ulla vorbei. Vollgepackt mit Tüten und Taschen. Alles Sonderangebote, wie man ihr versichert hatte.
So gingen unsere Urlaubstage dahin, in schöner Eintracht – bis auf den Letzten.
Ich saß unter meiner friedlichen Markise und beobachtete eigentlich nichts besonderes, als Ulla verschwitzt neben mir auftauchte.
Sie atmete schwer.
„Hallo Schatz, nimm doch mal die Füße von dem Stuhl, ich will die Tüten abstellen, Danke. Ich muss was trinken. Herr Ober? Eine Botiglia mit Agua, ja? Gracias Senor! Meine Güte, du glaubst ja nicht, was man hier laufen muss, um alles gesehen zu haben. Ich verdurste… Senor, machen sie doch mal etwas dawai mit meinem Wasser,… Dankeschön! Gracias, Senor, mille gracias.“
Ich legte meine Lektüre beiseite. Ulla trank gleich aus der Flasche. „Meine Zeit“ (sie machte ein Bäuerchen) „Wir hätten das Wichtigste beinahe vergessen.“
Ich zog eine Augenbraue hoch: „Das Wichtigste?“
„Ja, natürlich. Heute ist unser letzter Tag und wir haben noch keine einzige Postkarte geschrieben.“
„Tatsächlich?“
„Ja, tatsächlich. Es ist mir eben eingefallen. Hier, sieh mal.“ Sie holte einen beachtlichen Packen Postkarten hervor. „Die müssen wir alle heute noch schreiben.“
„Die alle?“
„Ja, natürlich! Glaubst du etwa, ich fahre bis nach Portugal und schreibe keine Karte?“
„Aber das sind doch bestimmt fünfzig Stück.“
„Ach, du übertreibst, es sind sechsunddreißig. Und die werden wir jetzt an unsere lieben Daheimgebliebenen verschicken.“
Ich schüttelte den Kopf: „Nö!“
„Was soll das heißen?“
„Nö, soll heißen, dass ich keine Karten schreiben will.“
„Du willst keine Karten schreiben?“
„Nö!“
„Du willst unseren Lieben nicht erzählen, wie Schön es hier war?“ „Nö!“
„Ich habe es gewusst! Ich habe es wirklich gewusst. Der Herr fährt bis nach Portugal, nur um hier einen Kaffee nach dem anderen zu trinken und interessiert sich sonst für gar nichts. Nicht für Land und nicht für Leute. Und weigert sich dann auch noch eine läppische Postkarte nach hause zu schicken.“ Sie nahm einen großen Schluck aus ihrer Wasserflasche. Die Leute an den Nachbartischen sahen aufmerksam herüber.
„Eine Karte wäre in Ordnung“, sagte ich, „aber nicht eine ganze Postwurfsendung von sechsunddreißig Stück.“
„Eine würdest du schreiben?“
„Ja, eine würde ich schreiben.“
„O.K. also eine?“
„Ja!“
„Wie gut, dass ich das vorhergesehen habe.“ Sie legte eine Karte auf den Tisch. Das Foto zeigte unsere Bucht.
„Die ist ja schwarzweiß“, sagte ich. Ulla kramte in ihrer Tasche. „Genau, aber weil du ja der Künstler in unserer Familie bist, darum… habe ich dir… ein paar Buntstifte zum Kolorieren mitgebracht.“
Ich liebte eine Wahnsinnige!
„Hier mein Schatz. Ich schreibe fünfunddreißig Ansichtskarten. Du schreibst nur eine. Handkoloriert, für Helmut und Helga Herrmann.“   
„Für unsere Nachbarn?“
„Ganz genau!“ Ulla zückte ihren Kuli, klemmte die Zunge zwischen die Zähne und beschrieb Karte um Karte. Der Kellner schleppte Kaffee und Wasser heran und ich bemühte mich nach Kräften.
Wir wurden etwa gleichzeitig fertig.
Ulla stopfte ihre Karten in eine Einkaufstüte. „Dann lass mal sehen, was mein Künstlergatte zustande gebracht hat.“
Ich zeigte es ihr, und sie war überrascht.
„Was soll das denn sein“
„Was meinst du?“
„Warum haben die Badegäste alle rote Hintern?“
„Sonnenbrand.“
„Und was ist das Schwarze hier?“
„Rauch.“
„Rauch?“
„Ja, die Pommesbude brennt.“
„Und warum hat das Haus da oben rote Fenster?“
„Das ist der Puff, falls Helmut mal herkommen sollte.“
„Und was ist da im Wasser?“
„Haifischflossen, sieht man doch.“
„Warum?“
„Damit seine Frau zuhause bleibt.“
„Und der schöne Strand, was soll das Schwarze denn sein?“
„Ölpest“.
„Und die zwei Eier mit dem Stiel in der Mitte?“
„Atomkraftwerk“.
Ulla seufzte und schüttelte den Kopf. Sie nahm die Karte, zerriss sie, und Hundert kleine Schnipsel regneten auf meinen Kopf.
Armer Helmut, dachte ich. 
Ich hätte dir wirklich gern geschrieben, wie schön es an der Algarve ist.

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