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	<title>The-Short-Story &#187; Fiktion</title>
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		<title>Die sehr traurige Christbaumkugel</title>
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		<pubDate>Wed, 25 Jun 2008 15:14:25 +0000</pubDate>
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<p><em>von <a href="http://www.the-short-story.de//?p=1070">Pablo Wezel</a> (copyright)</em></p>
<p>Der Wind schnitt sich durch die kältegequälten Holzbalken des Dachstuhls. Draussen lag der Schnee auf den Ziegeln des Daches und drückte das ganze Haus noch etwas tiefer in den Boden. Es hatte aufgehört zu schneien. Selbst den Schneeflocken schien es zu kalt. Würde man bei diesen Temperaturen draussen sein &#8220;Geschäft&#8221; erledigen, würde man riskieren, ernsthafte Verletzungen davon zu tragen. Die klirrende Kälte hatte auch vor dem Dachstuhl des alten Hauses keinen Halt gemacht. Die alte, dürre Spinne oben an der Ecke hatte sich schon verdächtig lange nicht mehr gerührt. Allerdings war sie ohnehin schon sehr alt. Hatte sie doch die grosse Renovation damals überlebt. Und die lag schon einige Jahre zurück.<br />
Verdächtig lange nicht mehr gerührt hatte sich auch die graue Schachtel in der hinteren Ecke des Dachstuhls. Irgendwie hatte man sie vergessen. Im Inneren der Schachtel, ummantelt von Dunkelheit und Stille lag eine uralte Christbaumkugel. Manchmal, wenn der Wind die trockenen Balken verschonte, konnte man ein leises Wimmern aus der grauen Schachtel vernehmen. Die Christbaumkugel war sehr traurig und wütend. Verbittert dachte sie oft an die alten Zeiten zurück. Stolz erzählte sie sich selber, wie sie schon bei Fürsten und Zaren an deren Weihnachtsbaum hing. Wie sie den vornehmen Damen die Schamröte ins Gesicht trieb. Wieviel Zigarrenqualm von erfolgreichen Geschäftsmännern und Industriellen sie bereits über sich ergehen lassen musste. Und sich niemals beschwerte. Glänzende Kinderaugen wiederspiegeln, welche den Knigge schon vor ihren ersten Schritten auswendig beherrschten. Sie musste erleben, wie ein russischer Komponist von seiner Geliebten hinterhältig vergiftet wurde. Nach der Auktion des russischen Komponisten landete sie in Wien. Dort musste sie mit ansehen, wie ein gewisser Wolfgang von einem Herren Salieri übergangen wurde. Aus irgendwelchen Kellern lauschte sie den dumpfen Explosionen, als Berlin bombardiert wurde. Auf jüdischen Händen wurde sie nach Prag verschleppt. Dort, am Baume eines italienischen Gewürzhändlers geschah es. Die Christbaumkugel verlor ihr Herz. Sie war wunderschön. Ihr blau-violett schien das ganze Wohnzimmer des Gewürzhändlers zu bereichern. Ihre zarten Rundungen brachten die Christbaumkugel beinahe um den Verstand. Leider hing sie genau auf der gegenüberliegenden Seite des Weihnachtsbaumes. Erst wenn die Herrschaften zu Bett gingen und die Lichter erloschen, konnte sie ihre ganze Schönheit geniessen. Gelähmt von ihrer Grazie, traute sich die Christbaumkugel aber nie, nach ihrem Namen zu fragen. Gute hundert Jahre nach der ersten Begegnung hatte die Menschheit die unterirdische Bahn erfunden. Und eine Bahn, ob nun unterirdisch oder sonst irdisch benötigt bekanntlich einen Bahnhof. Und die Bahnstation fiel auf das Grundstück des Gewürzhändlers. Für genügend Geld war dieser dann leider bereit sein Feld zu räumen. Hastig wurde alles weggeräumt. Die Christbaumkugel sah den Engel in blau-violett niemals wieder. Aber ihr Leuchten erwärmte ihr Herz für alle Zeiten. Danach hing die Christbaumkugel noch einige Male bei verschiedenen Menschen an deren scheinheiligen Bäumen. Aber ihr Glanz war verblasst. All die jungen Kugeln lästerten über sie. Früher nannte sich eine Christbaumkugel noch Dekorationsbestandteil. Aber die heutige Jugend nennt das nur noch rumhängen wenn es draussen cool ist. Im Laufe der Jahre geriet sie mehr und mehr in Vergessenheit. Die Menschen griffen nur noch auf sie zurück, wenn sonst nichts mehr da war. Eine Christbaumkugel die nicht glänzt ist nichts wert. Und das machte sie traurig.<br />
Matt und frustriert lag sie in der grauen Schachtel. Zusammen mit der dürren Spinne, welche sich schon verdächtig lange nicht mehr gerührt hatte. Wäre die Kugel keine Kugel gewesen, hätte sie geweint. Aber Kugeln weinen nicht. Kugeln hängen. Manchmal dachte die Christbaumkugel daran, sich das Leben zu nehmen. Aber wie soll sich eine Kugel die in einer grauen Schachtel auf dem Dachboden liegt das Leben nehmen?<br />
Einige Monate später, die Christbaumkugel wollte sich gerade die Geschichte mit dem Zaren erzählen, bebte auf einmal der Boden unter ihr. Es wurde immer stärker. Jemand packte die graue Schachtel und schwang sie hinunter in das Wohnzimmer. Einfältiger Staub wirbelte umher, als der Deckel aufgehoben wurde. Wäre die Kugel keine Kugel gewesen, hätte sie sicherlich niesen müssen. Erste Sonnenstrahlen drangen in die Schachtel. &#8220;Oh Mann, die ist aber matt! Die glänzt ja gar nicht mehr!&#8221; lästerte eine Mädchenstimme. Die Christbaumkugel wurde herausgehoben. Sie schämte sich fürchterlich, dass sie nicht glänzte. Wäre ich doch bloss tot, schoss es ihr durch den Kopf.<br />
Plötzlich merkte sie wie sie fiel. Sie wusste es, weil es ein vollkommen neues Gefühl war. Dieses kannte sie nur aus den Gruselgeschichten. Sie fiel. Atemzüge aus Jahrhunderten zogen an ihr vorbei. Dann nahm das Fallen mit einem grellen Klirren ein Ende. Das Letzte was die Christbaumkugel noch sah war ein Mädchen. Sie trug ein blau-violettes Kleid. Und ihre Stimme &#8220;Oh schau, innerlich hat sie noch geglänzt. &#8220;
<p>Provided by <a href="http://www.universal-frame.com/" title="Universal Frame GmbH - Marketing und Public Relation">Universal Frame GmbH &#8211; Marketing und Public Relation</a></p>

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		<title>Strassenrandsofas</title>
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		<pubDate>Wed, 25 Jun 2008 15:12:45 +0000</pubDate>
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<p><em>von <a href="http://www.the-short-story.de//?p=1070">Pablo Wezel</a> (copyright)</em>                                                  </p>
<p>Der laue Sommerabend berieselte mein Herz und liess mich für einen kurzen Augenblick all das vergessen, was nicht gut war. Und das war eine Menge. Ich kniete nieder. Auf der Wiese. Nicht auf dem Asphalt. Das tat weh. Die Wiese hingegen liess meine Knie einige Millimeter tief in sie eindringen. Das war angenehm. Hinter mir, auf dem tiefschwarzen Asphalt peitschten die dummen Autos vorbei. Genau wie mein ganzes Leben an mir vorbeischoss. Ausser viel Lärm nichts hinterlassend. Ich schämte mich für jeden Atemzug den ich nahm. Meine Tochter schoss sich in mein müdes Gehirn. „Männer sind wie Sofas, sagte sie,  Man kann sich für keins entscheiden. Manche machen dich einfach nur müde. Andere sind abgrundtief hässlich. Dafür unkompliziert, gutmütig und vor allem unkaputtbar. Manche haben ein gutes Design, entsprechen dem letzten modischen Schrei, sind aber im Gegenzug absolut unerträglich.“ Damals war sie acht Jahre alt. Damals lachte sie noch. Damals hatte sie noch Sauerstoff in ihren Lungen. Ein Fahrzeug bremste hinter mir ab und kam auf meiner Höhe zum Stillstand. Autoreifen machen Pause. „ He sie, brauchen sie Hilfe?, forschte mir eine potente Männerstimme in meinen Nacken. Ich bewegte keinen meiner Muskeln. Hilfe? Hilfe, dachte ich mir. Nein, jetzt brauchte ich keine Hilfe mehr. Jetzt war ich an einem Punkt angekommen, wo man auf den Luxus von Hilfe verzichten konnte. Ja, ich hätte sie brauchen können. Und ich suchte auch nach ihr. Ich schrie nach Hilfe. Aber meine weinenden, ärmeausgestreckten Hilferufe schwebten hoch über die Köpfe der Menschen hinweg in einen stinkenden Abfluss irgendeiner verwahrlosten, öffentlichen Herrentoilette, in welcher der betrunkener Rest von mir an einem Sonntagmorgen, im eigenen Erbrochenen wieder das Bewusstsein erlangte. Leider. Damals hatte ich noch die Kraft um Hilfe zu betteln. Jetzt nicht mehr. Mein ganzes Leben war eine verwahrloste Herrentoilette. Als meine Tochter noch im Besitz ihrer Körpertemperatur war und noch Leben in ihrer jungen Seele hauste, hatte meine Herrentoilette zumindest noch grosse, helle Fenster. Aber als dieser betrunkene Autofahrer das letzte Stück Leben aus ihrem kleinen Körper zerquetschte, mauerten sich meine Toilettenfenster zu und ich sass im uringetränkten Dunkel. Sofas mit Metallfüssen machen grosse Kratzspuren im Parkettboden und bringen bei der Wohnungsübergabe nichts als Aerger mit sich. Der Asphalt war mein Parkettboden. Und ich die Kratzspur. Die Haut hinter ihren Ohren küssen. Nach Hause kommen. Schlechtes Gewissen, wenn man sie mit drohenden Worten ins Bett gejagt hatte, obwohl man selber wusste, dass es noch viel zu früh war. Ich war kein Vater. Ich war nur ein Mensch, der einem anderen Menschen Leben eingehaucht hatte. Sie hatte Zeit für einen Traum. Unser Buch las ich alleine zu Ende. Nein, jetzt brauchte ich keine Hilfe mehr. Ich kniete regungslos vor mich hin. „ Na dann eben nicht, murmelte die Stimme hinter mir. Weibliche Stimmbänder legten einen kichernden Teppich in den Hintergrund. Die Autoreifen hatten ihre Pause hinter sich gebracht und taten nun das einzige, was sie ausser stillstehen sonst noch konnten. Sie drehten sich wieder und entfernten die potente Stimme aus meinem Nacken. „Bekloppter Idiot“, grunzte jemand. Ich war nicht allein. Mein weisser Plastiksack lag neben mir auf der Wiese und erregte die Aufmerksamkeit einer Schnecke. Auf einem roten, lederüberzogenen Designersofa hätte die Schnecke eine glänzige Schleimspur hinterlassen. Auf einem Stoffbezogenen hingegen weniger. Ich zog einen hässlichen Plastikblumenstrauss aus dem Sack und presste ihn an den Holzpfosten vor mir. Mit der anderen Hand wickelte ich eine Schnur darum. Es schien zu halten. Hinter meinem Rücken brauste das Leben vorbei. Hin und wieder. Ich vernichtete den Annäherungsversuch der Schnecke indem ich den Sack aufhob. Mit einem Ruck bescherte ich einer Kerze das Tageslicht und stellte sie am Fusse des Pfostens ab. Ich zündete sie nicht an. Beim nächsten Fahrzeug würde sie ja doch wieder erlöschen. Sie anzuzünden und zu glauben, sie würde standhalten, wäre eben so dumm gewesen, wie der Versuch, in meinem Leben einen Sinn zu entdecken. Ich war ein hässliches, modebewusstes schleimspurüberzogenes Ledersofa mit Metallfüssen. Die Schnecke sah mich vorwurfsvoll an und die Abendsonne war fies-grinsend untergegangen. Beim Hervorziehen der Kerze war mir mein Hemd aus der Hose gerutscht. Ich verkniff mir, es wieder zurückzustopfen. Das hatte ich mein Leben lang getan. Und im Nachhinein brachte mir diese Perfektion rein gar nichts. Als Letztes zog ich eine kleine Schrifttafel aus dem Sack und lehnte sie an den Holzpfosten, hinter die Kerze. Der nun leere Plastiksack  gehörte eigentlich in einen Abfalleimer. Oder man hätte ihn auch unter ein hässliches Kunststoffüberzogenes, unkaputtbares Sofa schieben können, damit die viel zu früh erschienenen, bereits vor der Haustüre wartenden Gäste die Unvollkommenheit des Haushaltes nicht registrieren würden. Ich würgte den Sack in meine Hosentasche. Die Schnecke wandte sich beleidigt von mir ab. Ein angenehmer Wind streichelte meine Wangen. Ich stand wieder auf und sah auf herab auf die Wiese. Und tatsächlich. Meine Knie hatten eine Spur hinterlassen. Gras zerdrückt und getötet. Genau wie die Metallfüsse den Parkettboden töten. Ich drehte mich um und blickte auf den dummen Asphalt. Der Wind wurde nun kräftiger und unterstützte mein Vorhaben. Ich ging, vom Wind im Rücken getragen, vorwärts. Betrat den Asphalt. Das Gurgeln eines schweren Fahrzeuges glitt durch meine Gehörgänge. Ich sah Wolkenbilder am Himmel hängen. Dann Schloss ich meine müden Augen. Ich hatte Unrecht. Die Autoreifen konnten noch mehr, als nur stehen bleiben oder sich vorwärts bewegen. Sie konnten auch noch kreischen. Jetzt kam der Wind von vorne. Während mein Hinterkopf unaufhaltsam warm wurde, hörte ich das Lachen meiner Tochter. Behutsam kroch ich zu ihr unter das Sofa.       </p>
<p>Provided by <a href="http://www.universal-frame.com/" title="Universal Frame GmbH - Marketing und Public Relation">Universal Frame GmbH &#8211; Marketing und Public Relation</a></p>

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		<title>DUFT</title>
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<p><em>von <a href="http://www.the-short-story.de/?p=333">Tom Delißen</a> (copyright)</em></p>
<p>Da war ihr Duft, ein Geruch wie aus anderen Dimension. Tatsächlich alles ausfüllend, alles überziehend mit einem wie lilafarbenen Schleiergespinst, so süß, so unvergleichlich. Sie hob gestikulierend ihren Arm, ihre Achselhöhle fügte, einen flüchtigen Augenblick der Zeit, ein etwas herberes Aroma zu dem exotischen Blumengebinde aus Wohlgerüchen. Er durchdrang den pinkfarbenen Nebel, suchte ihre Augen. Blau schimmerten sie, wie Onyx, gleich einem tiefen Gebirgssee, das Universum hinter ihnen, Tausende von Sternschnuppen. Ihre sprudelnden Lippen, rot wie die Kappen der Fliegenpilze, Wortergüsse weich wie warme Wellen wogenden Windes. Ihre Gesichtszüge ebenmäßig wie blühender Jasmin in der aufgehenden Frühlingssonne.<br />
Er umfasste ihre Ganzheit mit all seinen Sinnen. Verliebt, das war er. Ein Paradoxon. Denn er war Maschine. Andreoid. Roboter.<br />
Nicht geschaffen, Gefühle zu leben.<br />
Die Haare, flockig wie leicht schwebende Samenfäden in den Strahlen der Sonne. Seine hochsensiblen Quantenphotosensoren tasteten den Körper ab, erstellten Gleichklangsanalysen, verglichen gespeicherte Parameter. Sie schlenderte nun wiegenden Schrittes, mehr trieb sie wie eine wolkenweiche Feder, neben ihm, ihre Silhouette in goldenes Licht getaucht, ein bezauberndes Lächeln gab ihrem Antlitz den Glanz sternenwarmer Lieblichkeit. Am Gestade angelangt, zog sie sich ohne Scham aus, enthüllte die zarte Frucht ihres Leibes. Brüste ebenmäßig, kleine pralle Äpfel, flacher Bauch, die Konturen der Scham wie hingehaucht. Schlanke, lange Beine, schmale Zehen. Haut ohne Makel, angenehm wie Sommerpfirsich.<br />
Er scannte ihren Körper bis in den Nanobereich. Sofort meldete sein Integralsystem einen faustgroßen Tumor an ihrem Großhirn.<br />
 Sanft beugte er sich über sie und küsste unendlich traurig ihren Mund.</p>

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		<title>Die Ratte</title>
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		<pubDate>Mon, 31 Jul 2006 14:02:44 +0000</pubDate>
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<p><em>von <a href="http://www.the-short-story.de/?p=333">Tom Delißen</a> (copyright)</em></p>
<p>Jose schlief schlecht.  In seinen Träumen vertilgte er riesige Berge von Rinderfleisch, fetttriefend, knusprig.  Rinderfleisch! Was für ein überdimensionaler Traum! Er hätte seine Sandalen für einen Brocken Maisfladen gegeben.  Er spürte einen kurzen, stechenden Schmerz in seinem linken Zeh.  Immer noch schlaftrunken torkelte er aus seinen Hungerträumen in’s Aufwachen.<br />
Ein katzengroßer Schatten am Fußende seiner fadenscheinigen Schlafdecke, eine Ratte. Fast meinte er, sie hätte ihn wecken wollen. Oft schon hatte er die Angriffe von Ratten abgewehrt, die ihm das bisschen Nahrung stahlen, das er sich für den nächsten Tag aufgehoben hatte, doch noch nie hatte ihn eines dieser Plagegeister angefallen.  Entsetzt stieß er mit dem Fuß nach dem dunklen Schatten, hörte ein leises, Fiepen.  Doch er war müde, zu geschwächt, um aufzuspringen, auch die Angst vor diesen Allesfressern war nicht genug, ihn aus seiner Erschöpfungslethargie zu reißen. Er drehte sich um, die Seiten schmerzten.  Dann, er war fast schon wieder eingenickt, hörte er dieses Wispern neben seinem Ohr, roch einen feuchtmodrigen Duft.  Als er die Augen öffnete, das Atmen fiel schwer , blickte er genau in die rötlichen Pupillen einer wahrhaftig gigantischen Ratte, die auf seiner Brust saß, graubraun. Sie blickte ihn ohne zu blinzeln an, geradeheraus, ehrlich.  Er meinte immer noch zu träumen.  Der Schädel des Nagers, die Schnauze näherte sich seinem Gesicht.  Seine Barthaare kitzelten ihn an der Oberlippe.  Diese Äuglein! Er meinte hineinzufallen. Da sprach Weisheit , Erfahrung, Verständnis, doch auch Tücke, unverbrämtes Amüsement.  &#8221;Hola!&#8221;  sagte die Ratte.  &#8221;Was für ein dummes Spiel, nicht wahr?&#8221;  Jose nickte, voll stummen Entsetzens.  &#8221;Hast wohl großen Hunger?&#8221;  Wieder nickte Jose.  &#8221;Komm her, ich will Dich laben.&#8221;  Sie rutschte von seinem Brustkorb; kurz darauf spürte er dieses warme, weiche, so unendlich wohltuende Streicheln an seinen Lippen.  Unwillkürlich öffnete er den Mund und begann zu saugen.  Es strahlte wie ein Regenbogen in seinem Kopf.  Da floss süße, kräftige Nahrung. Er schmeckte jedes Partikel einzeln. Wundervoll!  Es war Milch, er spürte das Leben in der Flüssigkeit pulsen.  Leben!  Er trank von der kleinen Zitze, bis kein warmer Tropfen mehr auf seiner Zunge perlte, dann suchten seine gierigen Lippen die nächste Brustwarze.  Er war wie losgelöst von allem irdischen Dasein. Der Himmel, göttliche Verzückung. Warme Nahrung. Zum Bersten angereichert mit den wichtigsten Nährstoffen, Vitaminen, Eiweißen.  Die Ratte besuchte Jose jeden Tag zweimal, jeweils morgens und abends, ließ ihn von ihrer Muttermilch, die nie zu versiegen schien, trinken.  Joses Gesundheitszustand besserte sich, er gewann an Kraft, sein eingefallenes Gesicht würde etwas fülliger, seine verkümmerten Muskeln begannen sich zu regenieren.  Es war, als ob ihm Gott endlich eine Mutter geschenkt hätte, &#8211; mehr, &#8211; eine Familie. Denn nicht lange und die Ratte schickte auch ihre Schwestern und Tanten zu Jose, um dessen Hunger zu stillen.  Dann, nach vielleicht vier Wochen, führte die Ratte, die ihm das Leben gerettet hatte, ein langes Gespräch mit Jose.  Sie fand in dem intelligenten Jungen einen aufmerksamen Gesprächspartner der, obwohl er das Ausmaß des besprochenen noch nicht erkannte, Feuer und Flamme war. Von nun hatte das lethargische Dasein ein Ende.  Dank der Kräfte aus der Muttermilch der Ratten war er nun jeden Tag in den Straßen des Slums unterwegs, sprach mit den von Nahrungsmangel geschwächten Kindern, lud sie ein, in die Räumlichkeiten der stillgelegten Spinnerei, wo er wohnte. Angesichts der Versprechen, die Jose gab, war der Andrang groß. Jose und die Ratten hielten, was sie zugesagt hatten.<br />
Ganze Scharen der grauen Säugerinnen sorgten nun dafür, dass die Kinder nicht hungern mussten. Keines von ihnen lehnte die erquickenden Nahrungsquellen ab, auch wenn da anfänglicher Ekel war.<br />
Jose jedoch plagte, seit er wieder körperlich und geistig auf der Höhe war, die ganze Zeit über, ein beklemmender Gedanke:<br />
Woher stammte letztendlich die Energie, die sie aus den Ratteneutern schöpfen durften?<br />
Der Nager, den er befragte machte keinen Hehl aus der Angelegenheit:<br />
“Wir suchen uns die fettesten Brocken unter den Menschen heraus. Die, denen es zu gut geht, diejenigen die schlemmen und verschwenden, egal ob eine Straße weiter Babys sterben, weil die Mutter sie nicht säugen können.<br />
Wir haben diesen Krieg schon lange begonnen, gegen die humanoide Plage, die den Planeten gnadenlos ausbeutet und dem Untergang weiht.<br />
Jetzt aber sind die Ratten dieser Welt  sich einig, dass wir diesen Kampf nur gewinnen können, wenn wir trotzdem mit Menschen zusammenarbeiten. Den Kindern. Die sind unvoreingenommen, unsere Gesinnungsgenossen, sind Kameraden, Helfer, die dasselbe Ziel haben.<br />
Du und Deine Freunde in diesen Favelas hier, sollen die Ersten sein.<br />
Ihr werdet uns, mit der neu gewonnenen Kraft, die ihr aus der Milch unserer Weibchen gewinnt, helfen, an das Fleisch heranzukommen, das es verdient hat, vom Antlitz dieser Erde getilgt zu werden, um als Nahrung für die Elenden und Verhungernden zu dienen.<br />
Nur so kann ein Gleichgewicht wieder hergestellt werden.<br />
Ihr Jungen werdet von den menschlichen Parasiten auf dieser Erde leben, von denen wir uns ernähren, mit deren Eiweiß und Proteinen wir die Milch, die Euch zugute kommt, produzieren. Ihr werdet mit uns zusammen ein neues System auf diesem Planeten installieren, eine Symbiose von Ratte und Mensch.“<br />
Und die Kinder gingen und taten das ihre.</p>

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		<title>Der Herr Bullerdick</title>
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		<pubDate>Mon, 31 Jul 2006 14:02:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner-Kurt</dc:creator>
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<p><em>von <a href="http://www.the-short-story.de/?p=333">Tom Delißen</a> (copyright)</em></p>
<p>Florenz’ Bullerdicks Kindheit gestaltete sich durchaus normal und angenehm. Sein Vater, ein leitender Beamter in der Stadtverwaltung Hannovers, sorgte für ein harmonisches Familienleben. Seine Mutter, eine Schriftstellerin, fand man stets über ihre Hefte gebeugt, sie ließ ihm jede Freiheit. Nicht, dass der junge Florenz das ausgenützt hätte, er war ein ruhiges, introvertiertes Kind, nichts Besonderes, war man geneigt zu bemerken. Diese Betrachtungsweise sollte sich an jenem Sonntagmorgen des Jahres 2006 grundlegend ändern. Vater Bullerdick packte schon am Freitag seine Frau und die beiden Kinder, Florenz und die zwei Jahre ältere Schwester Susanne, in seinen Mercedes, um eine Kusine zu besuchen. Sie hatte in ein kleines landwirtschaftliches Anwesen eingeheiratet, das etliche Kilometer hinter Celle lag.  Florenz betrachtete die vorbeisausende, weite Landschaft und geriet dabei in den Zustand einer sanften Trance, vermeinte die Struktur der Landschaft zu erkennen, ihren Zusammenhang mit der Flora und Fauna. Die Veränderung und Zerstörung durch den Menschen erfasste er mit Schaudern. Worte für dieses Empfinden hatte der Fünfjährige nicht, so genoss er es einsam für sich selbst, während seine Schwester neben ihm entrückt dem Gedudel von „Tokio Hotel“ lauschte, hin und wieder einen Seufzer ausstieß. Der ganze Stolz der drallen Kusine Bullerdicks senior war ein Rosenbeet vor der geräumigen Terrasse, auf der sie in der Morgensonne frühstückten. Niemand konnte später sagen, wie es passieren konnte, doch der junge, ungestüme Stier Josef war aus seinem Gatter entkommen. Mit wehendem Schwanz, blutunterlaufenen Augen lief er quer durch den Vorgarten, verwirrt und aggressiv auf die am Tisch versammelte, vor Schreck erstarrte Gesellschaft zu.  Mit rollenden Augäpfeln hielt er vor dem Rosenbeet inne, blickte von Menschen zu den Blumen und begann, das sorgfältig gehegte Arrangement mit seinen Hörnern zu zerstören. Die Dornen der Pflanzen bereiteten ihm selbstverständlich Schmerzen, was ihn in noch größere Wut geraten ließ. Dem Bauern schließlich gelang es, das Tier zu beruhigen, in den Pferch zurückzuführen. Die exquisieten Rosenzüchtungen jedoch lagen geknickt, zerrupft, zerstört in die Erde getrampelt. Die dralle Kusine war untröstlich. Sie schluchzte, weinte, konnte das Unglück nicht fassen. Der kleine Florenz Bullerdick erkannte ganz selbstverständlich das Ausmaß der Tragödie für die Tante. Während die anderen versuchten sie zu beruhigen, in der Aufregung umgeschütteten Kaffee aufwischten, erhob er sich, setzte sich mit seiner Teetasse vor die geschändeten Züchtungen.  Vollkommen abwesend, den Blick auf etwas gerichtet, das nur er sehen konnte, das wohl irgendwo in der Unendlichkeit schwebte, nahm er den Stiel einer der Blumen, richtete das fast abgerissene, geknickte Holz gerade. Er tauchte den Zeigefinger in den Tee, benetzte die Bruchstelle und den zerfetzten Blütenstand. Die Pflanze stand wieder aufrecht, innerhalb einiger Sekunden spross eine Blüte, die sich duftend öffnete. Unbemerkt von den anderen nahm er sich die nächsten Pflänzlein vor, bestrich hier einen Ast mit der Flüssigkeit aus seiner Frühstückstasse, fügte dort abgerissene Rosenköpfe an, streute Blütenblätter, die von selbst ihren Platz fanden, über das Chaos, setzte einen Stock wieder in die zerwühlte Erde. Und der Wind flüsterte ihm die Geheimnisse des Weltalls zu, er hörte und verstand. Nach einer knappen Viertelstunde, die Gesellschaft am Tisch war mittlerweile auf das Tun des Buben aufmerksam geworden, in andächtigem Staunen verstummt, erblühte das Beet in einem Prunk wie nie zuvor. Florenz erwachte aus seiner Abwesenheit und betrachtete blinzelnd sein Werk. Wunderschön. Er fühlte eine tiefe Liebe zu diesen Lebewesen. Die Familie, insbesondere seine Mutter, versuchte,  das offenbare Mirakel zu ignorieren. Man verbuchte es unter „unerklärlich, nie geschehen!“, ging, nachdem man die Blumenpracht noch außerordentlich gelobt und dem kleinen Florenz anerkennend auf die Schulter geklopft hatte, wieder zum Alltäglichen über. Der Junge empfand das, wozu er sich in der Lage gesehen hatte, jedenfalls als phantastisch und wunderbar. Gleichzeitig fühlte er, dass seine Begabung, (es war eine Begabung, &#8211; er erkannte es auch mit seinem Kleinejungenverstand) etwas vollkommen Natürliches darstellte, das Natürliche schlechthin. Nur darum konnte er es vollbringen. Dass die anderen Menschen das ihm Offenbare nicht sehen konnten, viel mehr nicht glauben wollten, war ihm nur recht. Die Liebe zur Natur, die er erkannt hatte, bedeutete für herkömmliche Menschen nichts, sie wirkten eher störend in dieser Sphäre.  Er vermied es, über das Geschehene zu sprechen. So waren beide Seiten zufrieden. Natürlich veränderte er mit seinem neu gewonnenen Verständnis auch seine Umgebung. Sein Kinderzimmer verwandelte sich in ein Treibhaus, die Fünfzimmerwohnung quoll über vor Grün, der paradiesische Vorgarten – ein Objekt des Neides. So vergingen die Jahre, Florenz Bullerdick wurde als der „Junge mit dem grünen Daumen“ über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt.  Mit der Pubertät degenerierten, ganz wie seine Mutter es vorhergesehen und wohl auch heimlich herbeigewünscht hatte, seine Fähigkeiten. Die meisten der exotischen Pflanzen gingen in diesen eineinhalb Jahren ein. Doch mit den ersten Barthaaren kehrte auch die Stärke seines grünen Daumens wieder.. Florenz versagte in der Schule auf ganzer Linie, an einen Übertritt in eine höhere Institution war nicht zu denken. So kam es, dass sein Herzenswunsch, sein einziges Bestreben bald erfüllt wurde.  Er fand eine Lehrstelle als Gärtner in einem kleinen Unternehmen in der Vorstadt. Mit ungeheurem Wissensdurst sog er das Surrogat all der Kenntnisse seines Chefs, eines erfahrenen, über sechzig Jahre alten Botanikers in sich auf. Sein grüner Daumen erwies sich für den Mann als Quelle prosperierenden Reichtums. Für den ahnungslosen Florenz war es lediglich Arbeit, die ihm großen Spaß bereitete. Begrüßte er morgens in den Treibhäusern die Pflanzen, so ging ein Rascheln, Murmeln, fast Gekicher durch die Reihen. Spazierte er an ihnen entlang, versuchten vorwitzige Gewächse ihn sanft zu berühren. Mit Frauen hatte er, bis auf Susanne, seine Schwester, nichts zu tun. Er liebte seine Alkana, Pelagornium, Alchemilla und Abeliophyllum.  Drei Monate, nachdem er seinen Gesellenbrief in der Hand hielt, verstarb der Chef, der es wohl mit seinem unerwarteten Reichtum etwas übertrieben hatte. Er vererbte Florenz einen guten Batzen Geld. Mit diesem kleinen Vermögen  erstand Florenz ein kleines Bauernhaus im Grünen, weit weg von jeder größeren Ansiedlung. Es war die Erfüllung seines bisherigen Lebenstraumes. Die Schwester, immer schon vernarrt in ihren jüngeren Bruder, führte ihm den Haushalt. Hier, in der Einsamkeit der Wälder, Hügel, Felder erkannte Florenz langsam das wahre, gigantische Ausmaß seiner Fähigkeiten. Die Samen der seltensten Pflanzen, vollkommen ungeeignet in diesen kalten Breiten, fingen an zu keimen, sobald er sie berührte. Die Farben seiner Rosen, Orchideen und Tulpenzüchtungen schier unbegreiflich schön, einzigartig. Wie durch ein Wunder gediehen alle Gewächse unter seinen Augen, selbst auf kargstem Boden. Materiell kannte das Geschwisterpaar keine Not, seit Susanne einen Amsterdamer Blumenzüchter auf den kleinen Hof eingeladen hatte. Der handelte Florenz als Geheimtipp. Der Verkauf einer einzigen neuen Schöpfung, für Florenz nicht mehr als ein Zucken mit den Augenbrauen, brachte genügend Geld für ein halbes Jahr. So blieb ihm Muße, sich seiner Bildungsarmut bewusst zu werden. Er suchte sie zu beheben und fand Gefallen an botanischen Handbüchern, stieg dann um auf Dokumentationen und wissenschaftliche Berichte, schließlich las er philosophische Betrachtungen. Spinoza, Heidegger, Nietzsche, Kant, Kafka, &#8211; er verschlang sie, weil er verstehen wollte. Doch es gelang ihm nicht. Sein Begreifen war zu archaisch, oder aber es war der Lesestoff, der seinem allumfassenden Verstehen nicht gerecht wurde. Bullerdick senior starb, die Mutter zog zu ihren Kindern auf den Bauernhof, doch kein Vierteljahr verstrich und sie folgte ihrem Mann in das andere Blau. Florenz mied nach wie vor die Außenwelt. Dann trat ein erstaunlicher, neuer Schub in seinem Leben auf. Er war an diesem Abend mit der Lektüre einer Gutenbergbibel beschäftigt, die er auf dem Dachboden des alten Hauses entdeckt hatte. Als er die Johannesoffenbarung aufblätterte, entfiel dem uralten Buch eine getrocknete Benedikendistel mit Stängel. Sie schien wie in Zeitlupe zu schweben, landete dann auf dem Kaschmirteppich neben dem Rattansessel, in dem Florenz zur Winterszeit am offenen Kamin seine Lesestunden verbrachte. Vorsichtig hob er sie auf, betrachtete das tote, ausgedörrte Pflänzlein eingehend, hielt es zwischen Daumen und Zeigefinger, während er mühsam den beklemmenden Text in altdeutscher Schrift las.     Warum hatten die Menschen so viel Angst? Während er sinnierend auf das Blümlein zwischen seinen knochigen Fingern blickte, war ihm, als ob es seine Farbe geändert hätte. Täuschte er sich, oder färbten sich die inneren fahlbeigen Blütenblätter jetzt langsam zu einem kräftigen Gelb? Begannen die äußeren Blätter nun ihre Kolorierung in rot-weiße Streifen zu ändern?  Er schlug die Bibel zu, legte die getrocknete Distel auf den Buchdeckel, rieb sich die Augen. Es blieb dabei. Die getrocknete Pflanze begann sich zu erholen, die Pigmente ihrer Blüten erhielten irgendwoher Nahrung, sie regenerierten sich, ebenso der Stiel, der blassgrün schimmerte. Auch hatte die Distel an Volumen gewonnen.   Erregt sprang Florenz Bullerdick auf, stieß dabei den Sessel um. Er flüchtete in das Erdgeschoß, ohne sich noch einmal umzudrehen, stürzte in die Küche, wo Susanne an der Arbeitsplatte stand, damit beschäftigt, seinen Lieblingskuchen zu backen. Schwer setzte er sich an den massiven Holztisch, verbarg das Gesicht in den Händen. Susanne drehte sich um, lächelte, doch Florenz sah nicht auf. „Was ist los?“ Er schüttelte nur den Kopf. Einem plötzlichen Einfall folgend hob er mit dem Taschenmesser einen Halm aus dem Strohdeckchen auf dem Tisch, nahm ihn behutsam zwischen zitternde Finger. Er versenkte seinen Blick in das Röhrchen aus getrocknetem Gras. Ohne sein Zutun formulierte sein Verstand die Aufforderung: „Lebe jetzt!“ Er flüsterte es. Und das Unmögliche, dessen Möglichkeit Florenz Bullerdick so große Angst bereitete, geschah. Der Halm begann, von der Mitte her, ein sanftes Grün zu zeigen. <br />
Das Rad der Welt außerhalb des blühenden, vor Pflanzenpracht überquellenden Refugiums, das sich Florenz Bullerdick, weit entfernt von den Belangen des Systems geschaffen hatte, blieb nicht stehen. Die Menschen brachten einander mit immer subtileren Methoden um, ein Religionskrieg, der sich in Wirklichkeit um die Energiereserven drehte, war von schwelender Glut zur hellen Flamme geworden, Naturkatastrophen erschütterten den Planeten. Jeder Dritte nagte am Hungertuch, entsetzliche Krankheiten wallten über die Kontinente. An einem warmen Frühlingsmorgen, sie frühstückten im Urwaldhaften Wintergarten, informierte Susanne, die ein Fernsehgerät in ihrem Bereich des Hofes besaß, Florenz mit gequälter Stimme: „Florenz, auch wenn Du mit all diesen schrecklichen Dingen nichts zu tun haben willst. Es ist so, dass wir am Beginn eines entsetzlichen Krieges stehen, der unser aller Ende bedeuten wird.“ In den nächsten Stunden erzählte sie ihm von den Dingen, die sie bewegten, vor denen er immer geflissentlich die Augen geschlossen hatte.  Genmanipulation, Globalisierung, Energiekriege, Naturkatastrophen, Epidemien, Folter, Kinderarbeit, Hungersnöte, atomare Unfälle, Bomben. Auswüchse, die ihm wie Metastasen auf der Haut eines Krebskranken erschienen.  Das an jenem Morgen geführte Gespräch hatte ungeahnte Folgen. Er wollte mehr über die Machenschaften der Menschen erfahren. Florenz ließ einen Internetanschluss installieren, kaufte sich einen Fernseher. Keine drei Monate später war seine Entscheidung gefallen. Florenz Bullerdick beschloss zu reisen. Wo beginnen? Am 22. Juli 2050 stieg er aus einem Bus, der mit ihm noch Zwanzig andere Demonstranten vor das weitläufige Gelände des weißen Hauses in Washington gebracht hatte. Hier war, ohne dass die amerikanische Regierung einzugreifen wagte, ein Zeltlager mit Zehntausenden von Friedensrechtlern entstanden, die gegen die atomare Aggressionspolitik der Weltmächte protestierten. Herr Bullerdick wusste mit Sicherheit um die Sinnlosigkeit ihres Unterfangens.  Er hatte sich abseits der Menschenmenge, so nahe wie möglich am Zaun, der den Sitz des amerikanischen Präsidenten umgab, im Schneidersitz niedergelassen. Aus seiner kleinen Umhängetasche zog er einen Leinensack, gefüllt mit Samen des Rizinus communi, eine extrem schnellwüchsige, rote Blüten treibende Pflanze, auch bekannt als Palma Christi. Mit sich selbst murmelnd, die Augen geschlossen, ließ er die braunen Kapseln durch seine Hände rieseln, berührte eine jede. Ein heiliger Zorn begann in ihm aufzuquellen, er fühlte, wie sich all sein Denken, sein Sein auf diese Wut fokussierte, eine positive Energie schuf, sich auf die Keimlinge übertrug. Einen nach dem anderen warf er durch den Zaun, bis etwa eine Handvoll gesät war. Er breitete seine Arme aus, legte seine Stirn und die Handflächen auf den Boden, flüsterte: „Lebe jetzt!“ Noch während er aufstand, sich umdrehte, konnte er aus den Augenwinkeln sehen, wie der spanische Rizinus in die Höhe schoss.  Als er in den Bus stieg, der ihn zum Flughafen, zu seinem Flieger nach Peking bringen sollte, war von dem Parkgelände um das weiße Haus nichts mehr zu sehen. Eine Wunderpracht aus rotleuchtenden, sternförmigen Blüten stattdessen, üppiges Grün in allen Schattierungen. Der Herr Bullerdick reiste nach China, Afrika, Asien, Russland, Australien, Südamerika und Kanada. Er hinterließ Zerstörung und neues Leben. Stellte das Übergewicht der Natur wieder her. Regierungsgebäude, Kasernen, Raketenbasen, Atomkraftwerke verwandelten sich in Urwald. Industrieanlagen wurden zu Schlingengewächs, in den Häfen verschlang die Wasserpest die Containerschiffe. In den Wüsten der Erde verbreiteten sich tief wurzelnde Gewächse, das Klima schlug um.  Die Erde  ein Urwaldparadies.</p>
<p>Florenz legte sich nach seiner langen Fahrt, die ihn an die Grenze seiner Kräfte gebracht hatte, nieder, um zu schlafen. Er starb mit einem Lächeln auf den Lippen. Als er dem Schöpfer gegenübertrat, sagte der, freundlich nickend: „Ah! Der Herr Bullerdick!“</p>

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