Die sehr traurige Christbaumkugel

von Pablo Wezel (copyright)

Der Wind schnitt sich durch die kältegequälten Holzbalken des Dachstuhls. Draussen lag der Schnee auf den Ziegeln des Daches und drückte das ganze Haus noch etwas tiefer in den Boden. Es hatte aufgehört zu schneien. Selbst den Schneeflocken schien es zu kalt. Würde man bei diesen Temperaturen draussen sein “Geschäft” erledigen, würde man riskieren, ernsthafte Verletzungen davon zu tragen. Die klirrende Kälte hatte auch vor dem Dachstuhl des alten Hauses keinen Halt gemacht. Die alte, dürre Spinne oben an der Ecke hatte sich schon verdächtig lange nicht mehr gerührt. Allerdings war sie ohnehin schon sehr alt. Hatte sie doch die grosse Renovation damals überlebt. Und die lag schon einige Jahre zurück.
Verdächtig lange nicht mehr gerührt hatte sich auch die graue Schachtel in der hinteren Ecke des Dachstuhls. Irgendwie hatte man sie vergessen. Im Inneren der Schachtel, ummantelt von Dunkelheit und Stille lag eine uralte Christbaumkugel. Manchmal, wenn der Wind die trockenen Balken verschonte, konnte man ein leises Wimmern aus der grauen Schachtel vernehmen. Die Christbaumkugel war sehr traurig und wütend. Verbittert dachte sie oft an die alten Zeiten zurück. Stolz erzählte sie sich selber, wie sie schon bei Fürsten und Zaren an deren Weihnachtsbaum hing. Wie sie den vornehmen Damen die Schamröte ins Gesicht trieb. Wieviel Zigarrenqualm von erfolgreichen Geschäftsmännern und Industriellen sie bereits über sich ergehen lassen musste. Und sich niemals beschwerte. Glänzende Kinderaugen wiederspiegeln, welche den Knigge schon vor ihren ersten Schritten auswendig beherrschten. Sie musste erleben, wie ein russischer Komponist von seiner Geliebten hinterhältig vergiftet wurde. Nach der Auktion des russischen Komponisten landete sie in Wien. Dort musste sie mit ansehen, wie ein gewisser Wolfgang von einem Herren Salieri übergangen wurde. Aus irgendwelchen Kellern lauschte sie den dumpfen Explosionen, als Berlin bombardiert wurde. Auf jüdischen Händen wurde sie nach Prag verschleppt. Dort, am Baume eines italienischen Gewürzhändlers geschah es. Die Christbaumkugel verlor ihr Herz. Sie war wunderschön. Ihr blau-violett schien das ganze Wohnzimmer des Gewürzhändlers zu bereichern. Ihre zarten Rundungen brachten die Christbaumkugel beinahe um den Verstand. Leider hing sie genau auf der gegenüberliegenden Seite des Weihnachtsbaumes. Erst wenn die Herrschaften zu Bett gingen und die Lichter erloschen, konnte sie ihre ganze Schönheit geniessen. Gelähmt von ihrer Grazie, traute sich die Christbaumkugel aber nie, nach ihrem Namen zu fragen. Gute hundert Jahre nach der ersten Begegnung hatte die Menschheit die unterirdische Bahn erfunden. Und eine Bahn, ob nun unterirdisch oder sonst irdisch benötigt bekanntlich einen Bahnhof. Und die Bahnstation fiel auf das Grundstück des Gewürzhändlers. Für genügend Geld war dieser dann leider bereit sein Feld zu räumen. Hastig wurde alles weggeräumt. Die Christbaumkugel sah den Engel in blau-violett niemals wieder. Aber ihr Leuchten erwärmte ihr Herz für alle Zeiten. Danach hing die Christbaumkugel noch einige Male bei verschiedenen Menschen an deren scheinheiligen Bäumen. Aber ihr Glanz war verblasst. All die jungen Kugeln lästerten über sie. Früher nannte sich eine Christbaumkugel noch Dekorationsbestandteil. Aber die heutige Jugend nennt das nur noch rumhängen wenn es draussen cool ist. Im Laufe der Jahre geriet sie mehr und mehr in Vergessenheit. Die Menschen griffen nur noch auf sie zurück, wenn sonst nichts mehr da war. Eine Christbaumkugel die nicht glänzt ist nichts wert. Und das machte sie traurig.
Matt und frustriert lag sie in der grauen Schachtel. Zusammen mit der dürren Spinne, welche sich schon verdächtig lange nicht mehr gerührt hatte. Wäre die Kugel keine Kugel gewesen, hätte sie geweint. Aber Kugeln weinen nicht. Kugeln hängen. Manchmal dachte die Christbaumkugel daran, sich das Leben zu nehmen. Aber wie soll sich eine Kugel die in einer grauen Schachtel auf dem Dachboden liegt das Leben nehmen?
Einige Monate später, die Christbaumkugel wollte sich gerade die Geschichte mit dem Zaren erzählen, bebte auf einmal der Boden unter ihr. Es wurde immer stärker. Jemand packte die graue Schachtel und schwang sie hinunter in das Wohnzimmer. Einfältiger Staub wirbelte umher, als der Deckel aufgehoben wurde. Wäre die Kugel keine Kugel gewesen, hätte sie sicherlich niesen müssen. Erste Sonnenstrahlen drangen in die Schachtel. “Oh Mann, die ist aber matt! Die glänzt ja gar nicht mehr!” lästerte eine Mädchenstimme. Die Christbaumkugel wurde herausgehoben. Sie schämte sich fürchterlich, dass sie nicht glänzte. Wäre ich doch bloss tot, schoss es ihr durch den Kopf.
Plötzlich merkte sie wie sie fiel. Sie wusste es, weil es ein vollkommen neues Gefühl war. Dieses kannte sie nur aus den Gruselgeschichten. Sie fiel. Atemzüge aus Jahrhunderten zogen an ihr vorbei. Dann nahm das Fallen mit einem grellen Klirren ein Ende. Das Letzte was die Christbaumkugel noch sah war ein Mädchen. Sie trug ein blau-violettes Kleid. Und ihre Stimme “Oh schau, innerlich hat sie noch geglänzt. “

Strassenrandsofas

von Pablo Wezel (copyright)

Der laue Sommerabend berieselte mein Herz und liess mich für einen kurzen Augenblick all das vergessen, was nicht gut war. Und das war eine Menge. Ich kniete nieder. Auf der Wiese. Nicht auf dem Asphalt. Das tat weh. Die Wiese hingegen liess meine Knie einige Millimeter tief in sie eindringen. Das war angenehm. Hinter mir, auf dem tiefschwarzen Asphalt peitschten die dummen Autos vorbei. Genau wie mein ganzes Leben an mir vorbeischoss. Ausser viel Lärm nichts hinterlassend. Ich schämte mich für jeden Atemzug den ich nahm. Meine Tochter schoss sich in mein müdes Gehirn. „Männer sind wie Sofas, sagte sie, Man kann sich für keins entscheiden. Manche machen dich einfach nur müde. Andere sind abgrundtief hässlich. Dafür unkompliziert, gutmütig und vor allem unkaputtbar. Manche haben ein gutes Design, entsprechen dem letzten modischen Schrei, sind aber im Gegenzug absolut unerträglich.“ Damals war sie acht Jahre alt. Damals lachte sie noch. Damals hatte sie noch Sauerstoff in ihren Lungen. Ein Fahrzeug bremste hinter mir ab und kam auf meiner Höhe zum Stillstand. Autoreifen machen Pause. „ He sie, brauchen sie Hilfe?, forschte mir eine potente Männerstimme in meinen Nacken. Ich bewegte keinen meiner Muskeln. Hilfe? Hilfe, dachte ich mir. Nein, jetzt brauchte ich keine Hilfe mehr. Jetzt war ich an einem Punkt angekommen, wo man auf den Luxus von Hilfe verzichten konnte. Ja, ich hätte sie brauchen können. Und ich suchte auch nach ihr. Ich schrie nach Hilfe. Aber meine weinenden, ärmeausgestreckten Hilferufe schwebten hoch über die Köpfe der Menschen hinweg in einen stinkenden Abfluss irgendeiner verwahrlosten, öffentlichen Herrentoilette, in welcher der betrunkener Rest von mir an einem Sonntagmorgen, im eigenen Erbrochenen wieder das Bewusstsein erlangte. Leider. Damals hatte ich noch die Kraft um Hilfe zu betteln. Jetzt nicht mehr. Mein ganzes Leben war eine verwahrloste Herrentoilette. Als meine Tochter noch im Besitz ihrer Körpertemperatur war und noch Leben in ihrer jungen Seele hauste, hatte meine Herrentoilette zumindest noch grosse, helle Fenster. Aber als dieser betrunkene Autofahrer das letzte Stück Leben aus ihrem kleinen Körper zerquetschte, mauerten sich meine Toilettenfenster zu und ich sass im uringetränkten Dunkel. Sofas mit Metallfüssen machen grosse Kratzspuren im Parkettboden und bringen bei der Wohnungsübergabe nichts als Aerger mit sich. Der Asphalt war mein Parkettboden. Und ich die Kratzspur. Die Haut hinter ihren Ohren küssen. Nach Hause kommen. Schlechtes Gewissen, wenn man sie mit drohenden Worten ins Bett gejagt hatte, obwohl man selber wusste, dass es noch viel zu früh war. Ich war kein Vater. Ich war nur ein Mensch, der einem anderen Menschen Leben eingehaucht hatte. Sie hatte Zeit für einen Traum. Unser Buch las ich alleine zu Ende. Nein, jetzt brauchte ich keine Hilfe mehr. Ich kniete regungslos vor mich hin. „ Na dann eben nicht, murmelte die Stimme hinter mir. Weibliche Stimmbänder legten einen kichernden Teppich in den Hintergrund. Die Autoreifen hatten ihre Pause hinter sich gebracht und taten nun das einzige, was sie ausser stillstehen sonst noch konnten. Sie drehten sich wieder und entfernten die potente Stimme aus meinem Nacken. „Bekloppter Idiot“, grunzte jemand. Ich war nicht allein. Mein weisser Plastiksack lag neben mir auf der Wiese und erregte die Aufmerksamkeit einer Schnecke. Auf einem roten, lederüberzogenen Designersofa hätte die Schnecke eine glänzige Schleimspur hinterlassen. Auf einem Stoffbezogenen hingegen weniger. Ich zog einen hässlichen Plastikblumenstrauss aus dem Sack und presste ihn an den Holzpfosten vor mir. Mit der anderen Hand wickelte ich eine Schnur darum. Es schien zu halten. Hinter meinem Rücken brauste das Leben vorbei. Hin und wieder. Ich vernichtete den Annäherungsversuch der Schnecke indem ich den Sack aufhob. Mit einem Ruck bescherte ich einer Kerze das Tageslicht und stellte sie am Fusse des Pfostens ab. Ich zündete sie nicht an. Beim nächsten Fahrzeug würde sie ja doch wieder erlöschen. Sie anzuzünden und zu glauben, sie würde standhalten, wäre eben so dumm gewesen, wie der Versuch, in meinem Leben einen Sinn zu entdecken. Ich war ein hässliches, modebewusstes schleimspurüberzogenes Ledersofa mit Metallfüssen. Die Schnecke sah mich vorwurfsvoll an und die Abendsonne war fies-grinsend untergegangen. Beim Hervorziehen der Kerze war mir mein Hemd aus der Hose gerutscht. Ich verkniff mir, es wieder zurückzustopfen. Das hatte ich mein Leben lang getan. Und im Nachhinein brachte mir diese Perfektion rein gar nichts. Als Letztes zog ich eine kleine Schrifttafel aus dem Sack und lehnte sie an den Holzpfosten, hinter die Kerze. Der nun leere Plastiksack gehörte eigentlich in einen Abfalleimer. Oder man hätte ihn auch unter ein hässliches Kunststoffüberzogenes, unkaputtbares Sofa schieben können, damit die viel zu früh erschienenen, bereits vor der Haustüre wartenden Gäste die Unvollkommenheit des Haushaltes nicht registrieren würden. Ich würgte den Sack in meine Hosentasche. Die Schnecke wandte sich beleidigt von mir ab. Ein angenehmer Wind streichelte meine Wangen. Ich stand wieder auf und sah auf herab auf die Wiese. Und tatsächlich. Meine Knie hatten eine Spur hinterlassen. Gras zerdrückt und getötet. Genau wie die Metallfüsse den Parkettboden töten. Ich drehte mich um und blickte auf den dummen Asphalt. Der Wind wurde nun kräftiger und unterstützte mein Vorhaben. Ich ging, vom Wind im Rücken getragen, vorwärts. Betrat den Asphalt. Das Gurgeln eines schweren Fahrzeuges glitt durch meine Gehörgänge. Ich sah Wolkenbilder am Himmel hängen. Dann Schloss ich meine müden Augen. Ich hatte Unrecht. Die Autoreifen konnten noch mehr, als nur stehen bleiben oder sich vorwärts bewegen. Sie konnten auch noch kreischen. Jetzt kam der Wind von vorne. Während mein Hinterkopf unaufhaltsam warm wurde, hörte ich das Lachen meiner Tochter. Behutsam kroch ich zu ihr unter das Sofa.

DUFT

von Tom Delißen (copyright)

Da war ihr Duft, ein Geruch wie aus anderen Dimension. Tatsächlich alles ausfüllend, alles überziehend mit einem wie lilafarbenen Schleiergespinst, so süß, so unvergleichlich.
Sie hob gestikulierend ihren Arm, ihre Achselhöhle fügte, einen flüchtigen Augenblick der Zeit, ein etwas herberes Aroma zu dem exotischen Blumengebinde aus Wohlgerüchen.
Er durchdrang den pinkfarbenen Nebel, suchte ihre Augen. Blau schimmerten sie, wie Onyx, gleich einem tiefen Gebirgssee, das Universum hinter ihnen, Tausende von Sternschnuppen.
Ihre sprudelnden Lippen, rot wie die Kappen der Fliegenpilze, Wortergüsse weich wie warme Wellen wogenden Windes.
Ihre Gesichtszüge ebenmäßig wie blühender Jasmin in der aufgehenden Frühlingssonne.
Er umfasste ihre Ganzheit mit all seinen Sinnen.
Verliebt, das war er.
Ein Paradoxon. Denn er war Maschine. Andreoid. Roboter.
Nicht geschaffen, Gefühle zu leben.
Die Haare, flockig wie leicht schwebende Samenfäden in den Strahlen der Sonne.
Seine hochsensiblen Quantenphotosensoren tasteten den Körper ab, erstellten Gleichklangsanalysen, verglichen gespeicherte Parameter.
Sie schlenderte nun wiegenden Schrittes, mehr trieb sie wie eine wolkenweiche Feder, neben ihm, ihre Silhouette in goldenes Licht getaucht, ein bezauberndes Lächeln gab ihrem Antlitz den Glanz sternenwarmer Lieblichkeit.
Am Gestade angelangt, zog sie sich ohne Scham aus, enthüllte die zarte Frucht ihres Leibes.
Brüste ebenmäßig, kleine pralle Äpfel, flacher Bauch, die Konturen der Scham wie hingehaucht. Schlanke, lange Beine, schmale Zehen.
Haut ohne Makel, angenehm wie Sommerpfirsich.
Er scannte ihren Körper bis in den Nanobereich.
Sofort meldete sein Integralsystem einen faustgroßen Tumor an ihrem Großhirn.

Sanft beugte er sich über sie und küsste unendlich traurig ihren Mund.

Die Ratte

von Tom Delißen (copyright)

Jose schlief schlecht. 
In seinen Träumen vertilgte er riesige Berge von Rinderfleisch, fetttriefend, knusprig. 
Rinderfleisch! Was für ein überdimensionaler Traum! Er hätte seine Sandalen für einen Brocken Maisfladen gegeben. 
Er spürte einen kurzen, stechenden Schmerz in seinem linken Zeh. 
Immer noch schlaftrunken torkelte er aus seinen Hungerträumen in’s Aufwachen.
Ein katzengroßer Schatten am Fußende seiner fadenscheinigen Schlafdecke, eine Ratte. Fast meinte er, sie hätte ihn wecken wollen.
Oft schon hatte er die Angriffe von Ratten abgewehrt, die ihm das bisschen Nahrung stahlen, das er sich für den nächsten Tag aufgehoben hatte, doch noch nie hatte ihn eines dieser Plagegeister angefallen. 
Entsetzt stieß er mit dem Fuß nach dem dunklen Schatten, hörte ein leises, Fiepen. 
Doch er war müde, zu geschwächt, um aufzuspringen, auch die Angst vor diesen Allesfressern war nicht genug, ihn aus seiner Erschöpfungslethargie zu reißen. Er drehte sich um, die Seiten schmerzten. 
Dann, er war fast schon wieder eingenickt, hörte er dieses Wispern neben seinem Ohr, roch einen feuchtmodrigen Duft. 
Als er die Augen öffnete, das Atmen fiel schwer , blickte er genau in die rötlichen Pupillen einer wahrhaftig gigantischen Ratte, die auf seiner Brust saß, graubraun. Sie blickte ihn ohne zu blinzeln an, geradeheraus, ehrlich. 
Er meinte immer noch zu träumen. 
Der Schädel des Nagers, die Schnauze näherte sich seinem Gesicht. 
Seine Barthaare kitzelten ihn an der Oberlippe. 
Diese Äuglein! Er meinte hineinzufallen. Da sprach Weisheit , Erfahrung, Verständnis, doch auch Tücke, unverbrämtes Amüsement. 
”Hola!” 
sagte die Ratte. 
”Was für ein dummes Spiel, nicht wahr?” 
Jose nickte, voll stummen Entsetzens. 
”Hast wohl großen Hunger?” 
Wieder nickte Jose. 
”Komm her, ich will Dich laben.” 
Sie rutschte von seinem Brustkorb; kurz darauf spürte er dieses warme, weiche, so unendlich wohltuende Streicheln an seinen Lippen. 
Unwillkürlich öffnete er den Mund und begann zu saugen. 
Es strahlte wie ein Regenbogen in seinem Kopf. 
Da floss süße, kräftige Nahrung. Er schmeckte jedes Partikel einzeln. Wundervoll! 
Es war Milch, er spürte das Leben in der Flüssigkeit pulsen. 
Leben! 
Er trank von der kleinen Zitze, bis kein warmer Tropfen mehr auf seiner Zunge perlte, dann suchten seine gierigen Lippen die nächste Brustwarze. 
Er war wie losgelöst von allem irdischen Dasein. Der Himmel, göttliche Verzückung. Warme Nahrung. Zum Bersten angereichert mit den wichtigsten Nährstoffen, Vitaminen, Eiweißen. 
Die Ratte besuchte Jose jeden Tag zweimal, jeweils morgens und abends, ließ ihn von ihrer Muttermilch, die nie zu versiegen schien, trinken. 
Joses Gesundheitszustand besserte sich, er gewann an Kraft, sein eingefallenes Gesicht würde etwas fülliger, seine verkümmerten Muskeln begannen sich zu regenieren. 
Es war, als ob ihm Gott endlich eine Mutter geschenkt hätte, – mehr, – eine Familie. Denn nicht lange und die Ratte schickte auch ihre Schwestern und Tanten zu Jose, um dessen Hunger zu stillen. 
Dann, nach vielleicht vier Wochen, führte die Ratte, die ihm das Leben gerettet hatte, ein langes Gespräch mit Jose. 
Sie fand in dem intelligenten Jungen einen aufmerksamen Gesprächspartner der, obwohl er das Ausmaß des besprochenen noch nicht erkannte, Feuer und Flamme war. Von nun hatte das lethargische Dasein ein Ende. 
Dank der Kräfte aus der Muttermilch der Ratten war er nun jeden Tag in den Straßen des Slums unterwegs, sprach mit den von Nahrungsmangel geschwächten Kindern, lud sie ein, in die Räumlichkeiten der stillgelegten Spinnerei, wo er wohnte. Angesichts der Versprechen, die Jose gab, war der Andrang groß. Jose und die Ratten hielten, was sie zugesagt hatten.
Ganze Scharen der grauen Säugerinnen sorgten nun dafür, dass die Kinder nicht hungern mussten. Keines von ihnen lehnte die erquickenden Nahrungsquellen ab, auch wenn da anfänglicher Ekel war.
Jose jedoch plagte, seit er wieder körperlich und geistig auf der Höhe war, die ganze Zeit über, ein beklemmender Gedanke:
Woher stammte letztendlich die Energie, die sie aus den Ratteneutern schöpfen durften?
Der Nager, den er befragte machte keinen Hehl aus der Angelegenheit:
“Wir suchen uns die fettesten Brocken unter den Menschen heraus. Die, denen es zu gut geht, diejenigen die schlemmen und verschwenden, egal ob eine Straße weiter Babys sterben, weil die Mutter sie nicht säugen können.
Wir haben diesen Krieg schon lange begonnen, gegen die humanoide Plage, die den Planeten gnadenlos ausbeutet und dem Untergang weiht.
Jetzt aber sind die Ratten dieser Welt sich einig, dass wir diesen Kampf nur gewinnen können, wenn wir trotzdem mit Menschen zusammenarbeiten. Den Kindern. Die sind unvoreingenommen, unsere Gesinnungsgenossen, sind Kameraden, Helfer, die dasselbe Ziel haben.
Du und Deine Freunde in diesen Favelas hier, sollen die Ersten sein.
Ihr werdet uns, mit der neu gewonnenen Kraft, die ihr aus der Milch unserer Weibchen gewinnt, helfen, an das Fleisch heranzukommen, das es verdient hat, vom Antlitz dieser Erde getilgt zu werden, um als Nahrung für die Elenden und Verhungernden zu dienen.
Nur so kann ein Gleichgewicht wieder hergestellt werden.
Ihr Jungen werdet von den menschlichen Parasiten auf dieser Erde leben, von denen wir uns ernähren, mit deren Eiweiß und Proteinen wir die Milch, die Euch zugute kommt, produzieren. Ihr werdet mit uns zusammen ein neues System auf diesem Planeten installieren, eine Symbiose von Ratte und Mensch.“
Und die Kinder gingen und taten das ihre.

Der Herr Bullerdick

von Tom Delißen (copyright)

Florenz’ Bullerdicks Kindheit gestaltete sich durchaus normal und angenehm.
Sein Vater, ein leitender Beamter in der Stadtverwaltung Hannovers, sorgte für ein harmonisches Familienleben.
Seine Mutter, eine Schriftstellerin, fand man stets über ihre Hefte gebeugt, sie ließ ihm jede Freiheit.
Nicht, dass der junge Florenz das ausgenützt hätte, er war ein ruhiges, introvertiertes Kind, nichts Besonderes, war man geneigt zu bemerken.
Diese Betrachtungsweise sollte sich an jenem Sonntagmorgen des Jahres 2006 grundlegend ändern.
Vater Bullerdick packte schon am Freitag seine Frau und die beiden Kinder, Florenz und die zwei Jahre ältere Schwester Susanne, in seinen Mercedes, um eine Kusine zu besuchen. Sie hatte in ein kleines landwirtschaftliches Anwesen eingeheiratet, das etliche Kilometer hinter Celle lag. 
Florenz betrachtete die vorbeisausende, weite Landschaft und geriet dabei in den Zustand einer sanften Trance, vermeinte die Struktur der Landschaft zu erkennen, ihren Zusammenhang mit der Flora und Fauna. Die Veränderung und Zerstörung durch den Menschen erfasste er mit Schaudern.
Worte für dieses Empfinden hatte der Fünfjährige nicht, so genoss er es einsam für sich selbst, während seine Schwester neben ihm entrückt dem Gedudel von „Tokio Hotel“ lauschte, hin und wieder einen Seufzer ausstieß.
Der ganze Stolz der drallen Kusine Bullerdicks senior war ein Rosenbeet vor der geräumigen Terrasse, auf der sie in der Morgensonne frühstückten.
Niemand konnte später sagen, wie es passieren konnte, doch der junge, ungestüme Stier Josef war aus seinem Gatter entkommen.
Mit wehendem Schwanz, blutunterlaufenen Augen lief er quer durch den Vorgarten, verwirrt und aggressiv auf die am Tisch versammelte, vor Schreck erstarrte Gesellschaft zu. 
Mit rollenden Augäpfeln hielt er vor dem Rosenbeet inne, blickte von Menschen zu den Blumen und begann, das sorgfältig gehegte Arrangement mit seinen Hörnern zu zerstören. Die Dornen der Pflanzen bereiteten ihm selbstverständlich Schmerzen, was ihn in noch größere Wut geraten ließ.
Dem Bauern schließlich gelang es, das Tier zu beruhigen, in den Pferch zurückzuführen.
Die exquisieten Rosenzüchtungen jedoch lagen geknickt, zerrupft, zerstört in die Erde getrampelt. Die dralle Kusine war untröstlich. Sie schluchzte, weinte, konnte das Unglück nicht fassen. Der kleine Florenz Bullerdick erkannte ganz selbstverständlich das Ausmaß der Tragödie für die Tante.
Während die anderen versuchten sie zu beruhigen, in der Aufregung umgeschütteten Kaffee aufwischten, erhob er sich, setzte sich mit seiner Teetasse vor die geschändeten Züchtungen. 
Vollkommen abwesend, den Blick auf etwas gerichtet, das nur er sehen konnte, das wohl irgendwo in der Unendlichkeit schwebte, nahm er den Stiel einer der Blumen, richtete das fast abgerissene, geknickte Holz gerade.
Er tauchte den Zeigefinger in den Tee, benetzte die Bruchstelle und den zerfetzten Blütenstand.
Die Pflanze stand wieder aufrecht, innerhalb einiger Sekunden spross eine Blüte, die sich duftend öffnete.
Unbemerkt von den anderen nahm er sich die nächsten Pflänzlein vor, bestrich hier einen Ast mit der Flüssigkeit aus seiner Frühstückstasse, fügte dort abgerissene Rosenköpfe an, streute Blütenblätter, die von selbst ihren Platz fanden, über das Chaos, setzte einen Stock wieder in die zerwühlte Erde.
Und der Wind flüsterte ihm die Geheimnisse des Weltalls zu, er hörte und verstand.
Nach einer knappen Viertelstunde, die Gesellschaft am Tisch war mittlerweile auf das Tun des Buben aufmerksam geworden, in andächtigem Staunen verstummt, erblühte das Beet in einem Prunk wie nie zuvor.
Florenz erwachte aus seiner Abwesenheit und betrachtete blinzelnd sein Werk.
Wunderschön. Er fühlte eine tiefe Liebe zu diesen Lebewesen.
Die Familie, insbesondere seine Mutter, versuchte, das offenbare Mirakel zu ignorieren.
Man verbuchte es unter „unerklärlich, nie geschehen!“, ging, nachdem man die Blumenpracht noch außerordentlich gelobt und dem kleinen Florenz anerkennend auf die Schulter geklopft hatte, wieder zum Alltäglichen über. Der Junge empfand das, wozu er sich in der Lage gesehen hatte, jedenfalls als phantastisch und wunderbar. Gleichzeitig fühlte er, dass seine Begabung, (es war eine Begabung, – er erkannte es auch mit seinem Kleinejungenverstand) etwas vollkommen Natürliches darstellte, das Natürliche schlechthin. Nur darum konnte er es vollbringen.
Dass die anderen Menschen das ihm Offenbare nicht sehen konnten, viel mehr nicht glauben wollten, war ihm nur recht. Die Liebe zur Natur, die er erkannt hatte, bedeutete für herkömmliche Menschen nichts, sie wirkten eher störend in dieser Sphäre.
 Er vermied es, über das Geschehene zu sprechen. So waren beide Seiten zufrieden.
Natürlich veränderte er mit seinem neu gewonnenen Verständnis auch seine Umgebung.
Sein Kinderzimmer verwandelte sich in ein Treibhaus, die Fünfzimmerwohnung quoll über vor Grün, der paradiesische Vorgarten – ein Objekt des Neides.
So vergingen die Jahre, Florenz Bullerdick wurde als der „Junge mit dem grünen Daumen“ über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt. 
Mit der Pubertät degenerierten, ganz wie seine Mutter es vorhergesehen und wohl auch heimlich herbeigewünscht hatte, seine Fähigkeiten.
Die meisten der exotischen Pflanzen gingen in diesen eineinhalb Jahren ein.
Doch mit den ersten Barthaaren kehrte auch die Stärke seines grünen Daumens wieder..
Florenz versagte in der Schule auf ganzer Linie, an einen Übertritt in eine höhere Institution war nicht zu denken. So kam es, dass sein Herzenswunsch, sein einziges Bestreben bald erfüllt wurde. 
Er fand eine Lehrstelle als Gärtner in einem kleinen Unternehmen in der Vorstadt.
Mit ungeheurem Wissensdurst sog er das Surrogat all der Kenntnisse seines Chefs, eines erfahrenen, über sechzig Jahre alten Botanikers in sich auf.
Sein grüner Daumen erwies sich für den Mann als Quelle prosperierenden Reichtums. Für den ahnungslosen Florenz war es lediglich Arbeit, die ihm großen Spaß bereitete.
Begrüßte er morgens in den Treibhäusern die Pflanzen, so ging ein Rascheln, Murmeln, fast Gekicher durch die Reihen. Spazierte er an ihnen entlang, versuchten vorwitzige Gewächse ihn sanft zu berühren.
Mit Frauen hatte er, bis auf Susanne, seine Schwester, nichts zu tun. Er liebte seine Alkana, Pelagornium, Alchemilla und Abeliophyllum. 
Drei Monate, nachdem er seinen Gesellenbrief in der Hand hielt, verstarb der Chef, der es wohl mit seinem unerwarteten Reichtum etwas übertrieben hatte.
Er vererbte Florenz einen guten Batzen Geld. Mit diesem kleinen Vermögen erstand Florenz ein kleines Bauernhaus im Grünen, weit weg von jeder größeren Ansiedlung.
Es war die Erfüllung seines bisherigen Lebenstraumes. Die Schwester, immer schon vernarrt in ihren jüngeren Bruder, führte ihm den Haushalt.
Hier, in der Einsamkeit der Wälder, Hügel, Felder erkannte Florenz langsam das wahre, gigantische Ausmaß seiner Fähigkeiten. Die Samen der seltensten Pflanzen, vollkommen ungeeignet in diesen kalten Breiten, fingen an zu keimen, sobald er sie berührte.
Die Farben seiner Rosen, Orchideen und Tulpenzüchtungen schier unbegreiflich schön, einzigartig. Wie durch ein Wunder gediehen alle Gewächse unter seinen Augen, selbst auf kargstem Boden.
Materiell kannte das Geschwisterpaar keine Not, seit Susanne einen Amsterdamer Blumenzüchter auf den kleinen Hof eingeladen hatte. Der handelte Florenz als Geheimtipp. Der Verkauf einer einzigen neuen Schöpfung, für Florenz nicht mehr als ein Zucken mit den Augenbrauen, brachte genügend Geld für ein halbes Jahr.
So blieb ihm Muße, sich seiner Bildungsarmut bewusst zu werden.
Er suchte sie zu beheben und fand Gefallen an botanischen Handbüchern, stieg dann um auf Dokumentationen und wissenschaftliche Berichte, schließlich las er philosophische Betrachtungen.
Spinoza, Heidegger, Nietzsche, Kant, Kafka, – er verschlang sie, weil er verstehen wollte.
Doch es gelang ihm nicht. Sein Begreifen war zu archaisch, oder aber es war der Lesestoff, der seinem allumfassenden Verstehen nicht gerecht wurde.
Bullerdick senior starb, die Mutter zog zu ihren Kindern auf den Bauernhof, doch kein Vierteljahr verstrich und sie folgte ihrem Mann in das andere Blau.
Florenz mied nach wie vor die Außenwelt.
Dann trat ein erstaunlicher, neuer Schub in seinem Leben auf.
Er war an diesem Abend mit der Lektüre einer Gutenbergbibel beschäftigt, die er auf dem Dachboden des alten Hauses entdeckt hatte.
Als er die Johannesoffenbarung aufblätterte, entfiel dem uralten Buch eine getrocknete Benedikendistel mit Stängel. Sie schien wie in Zeitlupe zu schweben, landete dann auf dem Kaschmirteppich neben dem Rattansessel, in dem Florenz zur Winterszeit am offenen Kamin seine Lesestunden verbrachte.
Vorsichtig hob er sie auf, betrachtete das tote, ausgedörrte Pflänzlein eingehend, hielt es zwischen Daumen und Zeigefinger, während er mühsam den beklemmenden Text in altdeutscher Schrift las. 
Warum hatten die Menschen so viel Angst?
Während er sinnierend auf das Blümlein zwischen seinen knochigen Fingern blickte, war ihm, als ob es seine Farbe geändert hätte. Täuschte er sich, oder färbten sich die inneren fahlbeigen Blütenblätter jetzt langsam zu einem kräftigen Gelb? Begannen die äußeren Blätter nun ihre Kolorierung in rot-weiße Streifen zu ändern? 
Er schlug die Bibel zu, legte die getrocknete Distel auf den Buchdeckel, rieb sich die Augen. Es blieb dabei. Die getrocknete Pflanze begann sich zu erholen, die Pigmente ihrer Blüten erhielten irgendwoher Nahrung, sie regenerierten sich, ebenso der Stiel, der blassgrün schimmerte. Auch hatte die Distel an Volumen gewonnen. 
Erregt sprang Florenz Bullerdick auf, stieß dabei den Sessel um. Er flüchtete in das Erdgeschoß, ohne sich noch einmal umzudrehen, stürzte in die Küche, wo Susanne an der Arbeitsplatte stand, damit beschäftigt, seinen Lieblingskuchen zu backen.
Schwer setzte er sich an den massiven Holztisch, verbarg das Gesicht in den Händen.
Susanne drehte sich um, lächelte, doch Florenz sah nicht auf.
„Was ist los?“
Er schüttelte nur den Kopf.
Einem plötzlichen Einfall folgend hob er mit dem Taschenmesser einen Halm aus dem Strohdeckchen auf dem Tisch, nahm ihn behutsam zwischen zitternde Finger.
Er versenkte seinen Blick in das Röhrchen aus getrocknetem Gras. Ohne sein Zutun formulierte sein Verstand die Aufforderung: „Lebe jetzt!“
Er flüsterte es.
Und das Unmögliche, dessen Möglichkeit Florenz Bullerdick so große Angst bereitete, geschah. Der Halm begann, von der Mitte her, ein sanftes Grün zu zeigen.

Das Rad der Welt außerhalb des blühenden, vor Pflanzenpracht überquellenden Refugiums, das sich Florenz Bullerdick, weit entfernt von den Belangen des Systems geschaffen hatte, blieb nicht stehen.
Die Menschen brachten einander mit immer subtileren Methoden um, ein Religionskrieg, der sich in Wirklichkeit um die Energiereserven drehte, war von schwelender Glut zur hellen Flamme geworden, Naturkatastrophen erschütterten den Planeten. Jeder Dritte nagte am Hungertuch, entsetzliche Krankheiten wallten über die Kontinente.
An einem warmen Frühlingsmorgen, sie frühstückten im Urwaldhaften Wintergarten, informierte Susanne, die ein Fernsehgerät in ihrem Bereich des Hofes besaß, Florenz mit gequälter Stimme: „Florenz, auch wenn Du mit all diesen schrecklichen Dingen nichts zu tun haben willst. Es ist so, dass wir am Beginn eines entsetzlichen Krieges stehen, der unser aller Ende bedeuten wird.“
In den nächsten Stunden erzählte sie ihm von den Dingen, die sie bewegten, vor denen er immer geflissentlich die Augen geschlossen hatte. 
Genmanipulation, Globalisierung, Energiekriege, Naturkatastrophen, Epidemien, Folter, Kinderarbeit, Hungersnöte, atomare Unfälle, Bomben.
Auswüchse, die ihm wie Metastasen auf der Haut eines Krebskranken erschienen.
 Das an jenem Morgen geführte Gespräch hatte ungeahnte Folgen. Er wollte mehr über die Machenschaften der Menschen erfahren.
Florenz ließ einen Internetanschluss installieren, kaufte sich einen Fernseher.
Keine drei Monate später war seine Entscheidung gefallen.
Florenz Bullerdick beschloss zu reisen.
Wo beginnen?
Am 22. Juli 2050 stieg er aus einem Bus, der mit ihm noch Zwanzig andere Demonstranten vor das weitläufige Gelände des weißen Hauses in Washington gebracht hatte.
Hier war, ohne dass die amerikanische Regierung einzugreifen wagte, ein Zeltlager mit Zehntausenden von Friedensrechtlern entstanden, die gegen die atomare Aggressionspolitik der Weltmächte protestierten.
Herr Bullerdick wusste mit Sicherheit um die Sinnlosigkeit ihres Unterfangens. 
Er hatte sich abseits der Menschenmenge, so nahe wie möglich am Zaun, der den Sitz des amerikanischen Präsidenten umgab, im Schneidersitz niedergelassen. Aus seiner kleinen Umhängetasche zog er einen Leinensack, gefüllt mit Samen des Rizinus communi, eine extrem schnellwüchsige, rote Blüten treibende Pflanze, auch bekannt als Palma Christi. Mit sich selbst murmelnd, die Augen geschlossen, ließ er die braunen Kapseln durch seine Hände rieseln, berührte eine jede.
Ein heiliger Zorn begann in ihm aufzuquellen, er fühlte, wie sich all sein Denken, sein Sein auf diese Wut fokussierte, eine positive Energie schuf, sich auf die Keimlinge übertrug. Einen nach dem anderen warf er durch den Zaun, bis etwa eine Handvoll gesät war.
Er breitete seine Arme aus, legte seine Stirn und die Handflächen auf den Boden, flüsterte: „Lebe jetzt!“
Noch während er aufstand, sich umdrehte, konnte er aus den Augenwinkeln sehen, wie der spanische Rizinus in die Höhe schoss. 
Als er in den Bus stieg, der ihn zum Flughafen, zu seinem Flieger nach Peking bringen sollte, war von dem Parkgelände um das weiße Haus nichts mehr zu sehen.
Eine Wunderpracht aus rotleuchtenden, sternförmigen Blüten stattdessen, üppiges Grün in allen Schattierungen.
Der Herr Bullerdick reiste nach China, Afrika, Asien, Russland, Australien, Südamerika und Kanada. Er hinterließ Zerstörung und neues Leben. Stellte das Übergewicht der Natur wieder her.
Regierungsgebäude, Kasernen, Raketenbasen, Atomkraftwerke verwandelten sich in Urwald. Industrieanlagen wurden zu Schlingengewächs, in den Häfen verschlang die Wasserpest die Containerschiffe. In den Wüsten der Erde verbreiteten sich tief wurzelnde Gewächse, das Klima schlug um. 
Die Erde ein Urwaldparadies.

Florenz legte sich nach seiner langen Fahrt, die ihn an die Grenze seiner Kräfte gebracht hatte, nieder, um zu schlafen.
Er starb mit einem Lächeln auf den Lippen.
Als er dem Schöpfer gegenübertrat, sagte der, freundlich nickend:
„Ah! Der Herr Bullerdick!“

Rübe

von Dieter J. Baumgart (copyright)

Mein Name ist Rübe. – Rübe, der Träumer, werde ich in unserer Siedlung genannt. Ich bin jetzt zweiundzwanzig Jahre alt, und wenn ich bei guter Gesundheit bleibe, was ich natürlich hoffe, habe ich vielleicht noch weitere zwanzig Jahre vor mir. Unsere Siedlung, sie ist fast so etwas wie ein riesiger Tuffstein, liegt etwa auf 50° nördlicher Breite und 6° östlicher Länge. Das Meer sei nicht weit entfernt, sagen einige. Ja, Ich bin ein Träumer. Tagsüber, wenn ich schlafe, höre ich manchmal das Rauschen dieses Meeres, das ich noch nie gesehen habe, von dem ich nur weiß, daß es existiert, wo auch immer. Dieses Rauschen, in meiner Phantasie geht es über in rhythmisches Stampfen, in das heisere Kreischen metallverarbeitender Maschinen, das leiser wird und sich auflöst in elektronische Tonfolgen, die mich frösteln lassen. Wenn ich dann aufwache, weiß ich: Die Schleusen wurden geöffnet, um Trinkwasserbehälter und Reinigungsbecken zu füllen. Die trockene Jahreszeit bricht an, bald werden die Quellen für einige Monate versiegen. Die Nächte werden kürzer und damit auch der Aufenthalt im Freien. Ich bin ein Träumer. Aber diese Geräusche, das Stampfen, das wütende Kreischen, das hat es einmal gegeben. Und diese eigenartigen Tonfolgen, das Summen, das aus der Vibration sich erhebt, ansteigt und sich schließlich in hohen Frequenzen der Wahrnehmung durch das Ohr entzieht, diese Geräuschkulissen einer Welt, die wohl für immer der Vergessenheit angehören wird… Vor acht Jahren etwa, erwachte sie noch einmal zum Leben. Vor acht Jahren erschreckte sie mich in der beklemmenden Atmosphäre der ehemaligen Industrieanlagen östlich unserer Siedlung wohl zum letzten Mal, als ich eine Solaranlage reaktivierte. Diese meist unterirdischen Anlagen, in denen ich mich jetzt befinde und diese Zeilen schreibe, sind etwa drei Sommernächte von unserer Siedlung entfernt. Äußerlich nur an einigen Resten von Klimakuppeln und Filteranlagen erkennbar, überwuchert von den allgegenwärtigen graugrünen Flechten und hartem, dornigem Gestrüpp, hatte dieser Komplex schon bald meine Neugier geweckt und die Phantasie beflügelt. Auf dem Weg hierher bieten zahlreiche Höhlen Unterschlupf, Doch es bleibt gefährlich. Wer die Richtung verfehlt, läuft Gefahr, im ungewohnten Tageslicht zu erblinden. Doch als Zwölfjähriger war ich mir dieser und anderer Gefahren nicht bewußt. War es zunächst die Neugier, die mich durch die zufällig entdeckten Hallen und Gänge, vorbei an Steuereinheiten, Labors und produktionstechnischen Anlagen trieb, so änderte sich das doch bald. Elektrizität hieß das Zauberwort, war das Phänomen, dem ich auf die Spur kommen wollte. Wochen, Monate hatte ich in unserer Bibliothek verbracht, las, verglich, las nächtelang. Doch immer, wenn ich meinte zu begreifen, stand ich vor einem größeren Geheimnis.

“Waren die Menschen damals um so vieles schlauer?” fragte ich meinen Lehrer.

“Nein, ich glaube nicht”, entgegnete er nach kurzem Zögern. “Sie haben nur weniger gefragt.”

Ich habe lange über diese Antwort nachgedacht. Und ich beschloß, die Elektrizität zu suchen, hier, an diesem Ort, wo sie einmal war. Als ich dann – eher versehentlich als bewußt – die Solarstromversorgung in einem Teilbereich aktivierte, war das ein Schock für mich. Die unerwartet einsetzenden elektromagnetischen Abläufe versetzten mich in Angst und Schrecken. Schließlich rannte ich, geblendet von Leuchtdioden und Skalen, hinaus in die Nacht. Wenig später beendete ein paffender Knall das unheimliche Schauspiel. Am ganzen Körper zitternd und mit zerkratzten Beinen hockte ich unter einem Felsen; ein unbekannter, stechender Geruch zog mir in die Nase. Das war meine erste Bekanntschaft mit der Elektrizität. Und wenn mir damals jemand gesagt hätte, daß ich hier einmal sitzen würde, um diese Zeilen zu schreiben… Jahre sollten vergehen, bis mich die Neugier, der Wunsch mehr zu erfahren, tatsächlich zurücktrieb. Was ich erfahren wollte? Ich weiß es nicht. Theoretisch sind uns die Abläufe bekannt, die vor etwa vierhundert Jahren im Chaos endeten. Klimakatastrophe, gefährliche UV-Strahlung bestimmen noch heute alles Leben auf der Erde; ein Albtraum, der Wirklichkeit wurde.

Doch was in den Köpfen der Menschen damals vorging, ob sie sich dessen bewußt waren, was sie in die Katastrophe trieb, blieb uns verborgen. Die überlieferten Textpassagen zum Thema erschöpfen sich in pharisäerhaftem Geschwätz und gegenseitigen Schuldzuweisungen. Gedanken ließen sich wohl auch im Zeitalter der elektronischen Datenverarbeitung nicht aufzeichnen, und wenn doch, sollte es solche Bänder geben, dann wären sie für uns nicht lesbar. Spurensuche also? Aber welche Spuren? Fragen über Fragen. Und ich dachte wieder an die rätselhafte Antwort meines Lehrers: “Sie haben nur weniger gefragt.” Vielleicht, weil sie meinten, alle Antworten zu wissen? War es das, woran sie zugrunde gingen?

Einige hundert Meter von der Stelle entfernt, an der ich meine erste Bekanntschaft mit der Elektrizität machte, befindet sich ein Gebäudekomplex, der teilweise oberirdisch angelegt wurde. Er unterscheidet sich erheblich von den umgebenden Bauten, vom Stil her fast museal, und die Reste einer offenbar später konstruierten Klimakuppel lassen vermuten, daß er aus einer Zeit stammt, in der die Luft noch ungefiltert geatmet werden konnte. Was genau mich bewog, teilweise unter Lebensgefahr durch die fast vollständig von der Natur zurückeroberten Reste einer Industrieanlage zu streifen, kann ich nicht sagen. Tatsächlich war es wohl zu Beginn eher eine ziellose Suche nach etwas, von dem ich keine Vorstellung hatte. War es die Andersartigkeit dieses Teils der Anlage? War es die Hoffnung, in dieser Andersartigkeit den Schlüssel zu finden? Immer wieder zog es mich an diesen Ort, nahm ich den gefahrvollen Weg auf mich, wich den Fragen der anderen aus, denn was hätte ich ihnen antworten sollen. Nicht selten verbrachte ich mehrere Tage hintereinander in der mit Ruinen durchsetzten Wildnis, bis ich schließlich etwas entdeckte, das, wie ich jetzt weiß, endgültig die Weichen stellte und meiner eher von Zufällen geleiteten Suche eine klare Richtung gab. Was ich fand, das war so weit entfernt von dem, was ich zu finden hoffte, daß es mir fast den Atem raubte. Doch was es mir eröffnete, das lag völlig außerhalb meiner Vorstellungen: Ein kleines Observatorium mit einem installierten Teleskop, welches wohl schon vor vierhundert Jahren eine Antiquität war, und vielleicht eben wegen seiner einfachen Bauart die Zeiten überdauert hatte. Das Öffnen und Instandsetzen der völlig zugewachsenen Drehkuppel nahm dann allerdings Monate in Anspruch. Doch jetzt hatte ich ein Ziel. Ich arbeitete wie im Rausch, Nacht für Nacht, bis mich die Morgendämmerung in die tiefergelegenen Gewölbe trieb. Die Gestirne der Nacht, sie sind unsere steten Begleiter. Der Mond, er ist für uns an die Stelle der Sonne getreten, deren Licht die Augen blendet und die Haut verbrennt. Die Sterne, sie sind wieder da, wo sie hingehören: in unerreichbarer Ferne. Oh ja, wir wurden in unsere Schranken verwiesen. Das Klassenziel nicht erreicht, zuviel Intelligenz, zuwenig Klugheit. Wieviel hundert, wieviel tausend Jahre werden wir nachsitzen müssen? Immerhin, wir haben noch eine Chance bekommen. Nutzen wir sie, lernen wir aus dem, was geschah. Schlagen wir uns mit dem verdammten Erbe unserer Vorväter herum. Mit ihrer grenzenlosen Allwissenheit, die doch nur darauf beruhte, daß sie alles beantworteten, ohne auch nur einen Teil der Fragen zu kennen. Nein, es hat keinen Sinn. Mir fehlt der Abstand. Nach dem, was ich hier vorfand, sind die vierhundert Jahre wie weggewischt. Das Teleskop, von dem ich mir den Blick in die Ferne erhofft hatte, es brachte mich zurück in die nächste Nähe. Warum denn in die Ferne schweifen, sieh, das Gute liegt so nah… Das Gute?! Ich brauche Zeit. Ich gehe zurück in die Siedlung.

Ein halbes Jahr später.

Ich kann diesen Bericht nicht in der Siedlung schreiben. Die meiste Zeit verbrachte ich wieder in der Bibliothek, aber mit meinen Aufzeichnungen bin ich nicht weitergekommen, kein Wort habe ich geschrieben. Ich muß zurück an die Quelle, an den Ort des Geschehens, ich muß sie spüren, die Schatten der Vergangenheit. Die Geister, die ich fand, sie lassen mich nicht los. Und so bin ich wieder in der Sternwarte, neben dem Teleskop, das ich vor nunmehr dreieinhalb Jahren entdeckte, und versuche, meine Gedanken von damals nachzuvollziehen. Natürlich galt mein ganzes Interesse zunächst dem Mond, Der Startrampe in den Weltraum, wie er in alten Texten euphorisch genannt wurde. Nachdem das Teleskop einsatzbereit war, konstruierte ich immer wieder neue Linsensysteme, um den Abbildungsmaßstab weiter zu vergrößern. Wegen der eingeschränkten Beweglichkeit des Instruments blieben mir stets nur einige Minuten für die Beobachtung. Wenn dann noch Wolken aufzogen, wurde meine Geduld auf eine harte Probe gestellt. Doch schließlich zeigten sich die ersten Früchte monatelanger Arbeit. Was uns nur aus Büchern bekannt war, sah ich nun mit eigenen Augen: Der Mond war besiedelt. Und bald gliederte sich der ursprüngliche Eindruck von großflächig kreisförmigen oder rechteckigen Bauten immer mehr in filigrane Einzelheiten. Mit dem wachsenden Vergrößerungsfaktor nahm aber auch meine Beklommenheit zu: Was würde ich entdecken? In manchem kleineren Objekt glaubte ich einen Raumanzug zu erkennen. Ja, selbst Bewegungen meinte ich wahrzunehmen. Doch immer wieder stellte sich heraus, daß mir Phantasie und überanstrengte Augen offenbar Streiche gespielt hatten. Andererseits war es keine Frage, daß unter den Kuppeln, in den Gebäuden und unterirdischen Anlagen einige hunderttausend Menschen erstickt, erfroren sein mußten. Doch wissen und sehen sind verschiedene Dimensionen. Meine Gedanken wanderten, wie schon so oft, die annähernd vierhundert Jahre zurück. Sie haben es nicht anders gewollt, versuchte ich mir einzureden. Aber wer waren denn sie? Alle, die damals lebten? Oder nur die Mächtigen, die befahlen, die ja-Sager, die Meinungslosen und auch die, die aus Angst gehorchten? Die Wissenschaftler, die auf alles eine Antwort hatten? Nein – das führt zu nichts. Es ist geschehen, wir haben uns mit dem, was übrig blieb, arrangiert. Wir hatten keine Wahl, Wir wurden nicht gefragt. Und die Menschen damals? Wurden sie gefragt? Haben sie gefragt? Hatten sie überhaupt eine Wahl? War es nicht schon zu spät, als sie ahnten, was kam? Fragen über Fragen. Wir, das sind wohl so etwas über zweitausend Menschen, hier in den Katakomben. Zum Zeitpunkt der Katastrophe waren es vielleicht zwanzig oder fünfzig, die außerhalb der sogenannten Zivilisation in Erdhöhlen lebten, überlebten. Sicher werden woanders auch Gruppen existieren, vielleicht auch Mutanten. Wir wissen es nicht, wollen es nicht wissen. – Ich auch nicht? Und wenn sich auf dem Mond nun doch etwas bewegt? So zwischen Angst und Hoffnung hin und her gerissen, setzte ich meine Beobachtungen fort. Manchmal, bei beständiger Wetterlage blieb ich bis zu vierzehn Tagen in meiner ‘Sternwarte’. Ich hatte mich inzwischen häuslich eingerichtet und Champignonbeete angelegt. Aus einer nahen Quelle versorgte ich mich mit Trinkwasser. Eines Nachts schließlich, schon gegen Morgen, fiel mir bei meinen Beobachtungen ein Umstand auf, der meine Gedanken in eine völlig neue Richtung lenken sollte. Der Mond stand im zweiten Viertel, und die Station LUNA VII, in einigen Büchern auch Mare Woltersdorff genannt, lag genau auf der Tag/Nachtgrenze. Die Aufbauten, Kuppeln und Türme lösten sich eben aus dem mächtigen gezackten Schatten einer benachbarten Kraterwand. Für mich war es immer wieder ein faszinierender Anblick, wenn die Objekte in dieser flachen Beleuchtung plastisch hervortraten. Dunkle Partien wurden von gegenüberliegenden Wänden im Licht aufgehellt, und auch kleinere Details hoben sich von glatten Flächen körperhaft ab. Ich hatte noch in der vergangenen Nacht ein neues, leistungsfähigeres Okular eingesetzt und wollte eigentlich einen Spaziergang über die bizarren Grate der Mond-Appeninen machen, sozusagen Urlaub für die Augen, weg von der krampfhaften Suche nach menschlichen Formen, als ich stutzte.

Schon bei einem der ersten Besuche auf LUNA VII hatte ich relativ kleine Gegenstände, Geräte oder Maschinen bemerkt, jedoch wegen der mangelhaften Auflösung nicht weiter beachtet. Jetzt, mit Hilfe der neuen Linsenkombination, sah ich die Objekte, die sich in Gruppen auf Laderampen, Transportbändern und vor Luftschleusen fanden, um die Hälfte größer. Meine Neugier wurde endgültig geweckt, als ich in einer Förderbandkurve drei dieser Geräte entdeckte, die offenbar beim plötzlichen Stillstand des Bandes herabgefallen waren und nun von den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne gestreift wurden. Hatte ich sie bisher nur von oben gesehen und eher als zusammenhängendes, kettenartiges Objekt identifiziert, so wirkten sie jetzt aus der neuen Perspektive eher etwas antiquiert, nicht so recht in diese Umgebung passend. Andererseits, und das verwirrte mich vollends, kamen sie mir aber auch bekannt vor. Ich hatte sie schon einmal gesehen, vor nicht allzulanger Zeit. Aber der Morgen graute, und ich mußte meine Schlafstelle aufsuchen. Doch ich wurde den Gedanken einfach nicht los, daß es da irgend eine Beziehung geben mußte, eine Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Der Morgen brachte ein ungewöhnlich starkes Gewitter, so sah ich mich bald gezwungen, einen anderen Schlafplatz aufzusuchen, der dann auch trocken blieb. Natürlich wäre es in den Katakomben komfortabler gewesen, geradezu luxuriös, verglichen mit meiner derzeitigen Bleibe. Aber ich hatte eine Fährte aufgenommen, ich hatte den Schlüssel in der Hand. Aber wo war die Tür, zu der er paßte? Irgendwo, hier in der Nähe, auf dem Weg hierher war die Lösung. Erschöpft schlief ich schließlich ein. Gegen Abend weckte mich stetes Tropfen: Durch einen Riß in der Decke kam Wasser und bildete am Boden eine Pfütze. In der Pfütze spiegelte sich im Licht der späten Dämmerung ein Fenster oder ein Lukenausstieg. Mein Blick wanderte zum hinteren Teil des Raumes an die Decke. Richtig, da war eine größere Aussparung. Offenbar hatte der Sturm eine Abdeckung weggerissen, sonst hätte ich die Öffnung ja schon am Morgen sehen müssen. Doch da war noch etwas: Gegen den Abendhimmel hob sich eine charakteristische Silhouette ab. Etwas feiner, filigraner sicherlich, als ich sie in Erinnerung hatte. Doch, ja, die Ähnlichkeit mit den Objekten auf LUNA VII war offensichtlich. Der gleiche, leicht antiquierte Eindruck, nicht primitiv, eher liebevoll gestaltet, Harmonie vor Zweckmäßigkeit. Ich erinnerte mich an Abbildungen von technischen Geräten zu Beginn und Ende des zwanzigsten Jahrhunderts. Fasziniert starrte ich auf das Teil, stellte erfolglos Vermutungen an, welchem Zweck es wohl gedient haben könnte. Ich mußte das Gebäude verlassen, um von außen in die obere Etage zu gelangen. Umgestürzte Fassadenteile erleichterten den Zugang, und nachdem ich mich erfolgreich durch dichte Matten graugrüner Flechten gekämpft hatte, war ich am Ziel. Ich befand mich in einem mittelgroßen Raum, an einer Seite leere Fensterhöhlen, verrottete aber noch erkennbare Einrichtungsgegenstände aus Holz, Glas und Metall – kaum Kunststoffe. Einiges erinnerte mich an die Sternwarte, irgendwie war es die gleiche Atmosphäre, obwohl, ich hätte nicht zu sagen gewußt, warum. Ein schmaler Streifen Mondlicht fiel in den hinteren Teil des Raumes, verlor sich in einer Bodenvertiefung und erschien wieder an der rückwärtigen Wand. Fasziniert folgte ich dem Lichtstreifen mit den Augen. Denn dort, wo er durch die Vertiefung im Boden unterbrochen wurde, erkannte ich die rätselhafte Silhouette wieder. Langsam trat ich näher und betrachtete das geheimnisvolle Gerät. Und beinahe hätte ich laut aufgelacht: Es war ein Rasenmäher! Ich befreite ihn von Schmutz und Ablagerungen und kam aus dem Staunen nicht heraus. Der Rasenmäher war tatsächlich funktionsfähig und entpuppte sich als solide Handarbeit. Die Messerwalze wurde von den Laufrädern angetrieben. Stifte an diesen Rädern sorgten für die nötige Bodenhaftung, und eine einfache Zahnradübersetzung ließ die Messer schon beim langsamen Schieben schnell rotieren. Beim Zurückziehen wechselte das Getriebe in den Freilauf.

Je mehr ich putzte und säuberte, desto deutlicher traten zahlreiche Einzelheiten hervor: Fein gearbeitete Schraubverbindungen, ziselierte Flächen, Schmuckbeschläge aus Kupfer. Was für eine Arbeit! Nur, eine Verbindung mit den Objekten auf dem Mond war natürlich ausgeschlossen, denn dort hatte es wohl zu keiner Zeit Gras gegeben. Doch auch hier, in irdischer Umgebung wirkte das Gerät eher wie ein Museumsstück. Andererseits erinnerte ich mich sehr wohl, daß Rasenmäher im zwanzigsten Jahrhundert eine besondere Rolle gespielt hatten. Und ihre Bedeutung als Statussymbol nahm wohl noch zu, als das Automobil Mitte des einundzwanzigsten Jahrhunderts wegen der klimatischen Probleme in den Hintergrund trat. In Bild- und Textdokumenten wurde für Rasenmäher in den unterschiedlichsten Ausführungen geworben: Ferngesteuert als Roboter, ganz kleine für Puppenkinder, und große, die aussahen, wie als Flugzeug verkleidete Traktoren. War dieses Gerät hier vielleicht eine Liebhaberausgabe für Sammler? Ich wollte mich schon umwenden und gehen, als mein Blick auf die gegenüberliegende Wand fiel. Der Mondlichtstreifen hatte inzwischen ein Bild erfaßt, das dort hing. Irgendwie war ich seltsam berührt: Die Sternwarte ganz in der Nähe, der Rasenmäher und jetzt das Ölbild. Das alles unterschied sich so völlig von dem, was ich bisher vorgefunden hatte. Nirgendwo sonst war mir ein Bild aufgefallen. Die oberirdische Bauweise mit Fenstern, das Ganze offenbar von einer separaten Klimakuppel geschützt, alles Fakten, die diesen Komplex auf merkwürdige Weise von der übrigen Anlage unterschieden. Ja, das wurde mir da zum erstenmal bewußt. Das Gemälde an der Wand zeigte eine Landschaft in schon fast erloschenen Farben, und doch blieb eine Ahnung von dem, was hier einmal gewesen sein mußte, als es noch möglich war, tagsüber und inmitten wild wachsender Pflanzen ungefilterte Luft zu atmen. Ich griff nach dem Bildnis, um es als Schmuck für unsere Bibliothek in der Siedlung mitzunehmen. Doch kaum hatte ich den Rahmen berührt, da brach er auch schon auseinander. Tatsächlich hatte wohl nur noch die Farbe für den letzten Halt gesorgt. Eine Scheinwelt, ging es mir durch den Kopf. Damals bereits, als das Bild seinen Platz an dieser Wand erhielt; vielleicht auch schon, als es gemalt wurde? Vergeblich suchte ich nach den Resten einer Signatur, einem Datum. Wer hatte dieses Bild hier aufgehängt, den Rasenmäher benutzt, den Mond betrachtet? Ein Schauder lief mir über den Rücken. Ich glaube ganz gewiß nicht an Geister, Aber ich bin doch überzeugt, daß es vieles gibt, das wir nicht verstehen, nie verstehen werden, weil sich unsere individuelle Sichtweise naturgemäß nicht für einen Blick auf das Ganze eignet. Der Mondlichtstreifen war inzwischen weitergewandert, hatte sich vergrößert und füllte den Raum. In seinem Widerschein erkannte ich eine kleine Tür in der Wand, dort, wo vorher das Ölbild gehangen hatte. Sie war nicht verschlossen und ließ sich mit einiger Mühe quietschend öffnen. Vorsichtig tastete ich mit einem Metallstab in den Innenraum. Kleine Glasbehälter oder Gläser fielen um, dann stieß ich an die Rückwand. doch nein, es war nicht die Rückwand, sondern offenbar ein größerer Metallbehälter, der sich nach hinten verschieben ließ. Vorsichtig langte ich hinein und zog ihn heraus. Er war offen und enthielt ein Buch mit leeren Seiten. Nun ja, dachte ich, und wollte es eben zurücklegen, als ich bemerkte, daß ich von hinten geblättert hatte. Ich drehte es um – und tatsächlich: Zu Beginn waren einige Seiten beschrieben. Die Schriftzeichen schienen verblaßt, aber noch lesbar. Offenbar ein Tagebuch in französischer Sprache.

Jeder von uns spricht mehrere Sprachen. Diese Tatsache und ein recht guter Bestand an Büchern aus vielen Wissensbereichen bilden die einzige Verbindung, die wir noch zu vergangenen Kulturen haben, und die wir aus vielerlei Gründen pflegen. So hatte ich denn auch keine Schwierigkeiten, die Eintragungen zu lesen. Nach den ersten vier Seiten legte ich das Buch in die Kassette zurück. Eine klare Handschrift, Kein mühevolles Entziffern, die Zeilen gewährten den unmittelbaren Zugang in die Gedankenwelt eines Menschen, der vor mehr als vierhundert Jahren hier gelebt hatte. Ich wußte nun, wer diesen Rasenmäher gehütet, das Bild betrachtet, das Teleskop gepflegt hatte. Die Eintragungen in diesem Tagebuch übertrafen bei weitem alle Vorstellungen, die ich von dieser vergangenen Welt hatte. Es war eine Welt voller Antworten und ohne Verantwortung. “Sie hatten nur weniger gefragt”, die rätselhafte Antwort meines Lehrers kam mir wieder in den Sinn. Jetzt begann ich zu ahnen, zu begreifen, was er meinte. Hier hatte ein Mensch aus jenen Tagen seine Gedanken aufgeschrieben, und ich war mir keineswegs sicher, ob ich das Recht hatte, diese Zeilen zu lesen. Der Zustand der Blätter war schlecht. Einerseits hoffte ich, der Zufall möge mir die Entscheidung abnehmen, ein Windzug, eine unkontrollierte Bewegung, das Buch fällt zu Boden und löst sich auf. Andererseits schien es mir unmöglich, ein solches Dokument ungelesen vorsätzlich zu zerstören. Und so las ich weiter, faßte letztendlich den Entschluß, es zu bewahren, indem ich es abschreibe.

Neben mir steht das Teleskop, Die Armaturen schimmern im Mondlicht; ich habe die Kuppel etwas geöffnet, denn die Schrift ist sehr blaß. Die Seiten werden immer brüchiger, und ich habe Angst, daß es mir unter den Händen zerfällt. Es ist ganz sicher derselbe Mond wie damals, als diese Zeilen geschrieben wurden. Was hat sich denn verändert? Ich werde diesen Gedanken nicht los. Nun ja, die Menschheit hat sich auf ihren Ursprungsplaneten zurückgezogen, es sind einige Milliarden weniger, und sie leben etwas anders. Und sonst? Ich wende vorsichtig das erste Blatt um.

“Für Geneviève”, steht da. Es wurde wieder durchgestrichen, Aber darunter steht es noch einmal: “Für Geneviève.”

Ja, ich muß nun anfangen, genug der Vorrede. Das Abschreiben dieser Zeilen… Ich zögere immer noch. Ich habe den Inhalt gelesen. Das sollte genügen. Wenn ich diese Gedanken weitergebe, viele werden sie deuten, den Urheber bedauern, verfluchen, verachten. Bin nicht ich im Grunde genommen der Verachtenswerte, der die Gedanken eines Toten ans Licht zerrt, Unbeteiligten zugänglich macht? Ist es nicht so? Andererseits sind wir wohl ganz gewiß alle beteiligt, betroffen; es könnte helfen zu verstehen, was damals geschah. Also fange ich an. Am Ende kann ich immer noch entscheiden, was ich damit mache.

4. März 2194

Wie lange ist das jetzt her? Dein letzter Besuch bei uns; ich versuche, mich zu erinnern, zwei Jahre, drei oder noch mehr? “Geneviève ist da!” Ich höre noch die Stimme meines Vaters, hart, unpersönlich, mit tadelndem Unterton. Er mochte dich nicht, und ich glaube, du wußtest das. Du hattest mir richtige Blumen mitgebracht. Mutter sagte: “Gib her, ich stell’ sie in eine Vase”. In Wirklichkeit landeten sie in der Desinfektion. Und ich war auch ein bißchen böse auf dich. Du weißt, daß Mutter in diesen Dingen ein wenig eigen ist, dachte ich, du mußt sie nicht noch provozieren. Vielleicht auch deswegen hatte ich dein kleines Päckchen bald vergessen, nicht nur wegen der vielen anderen Geschenke. Richtig, ja, es war mein sechzehnter Geburtstag; so ist es schon dreieinhalb Jahre her. Als ich dann am nächsten Morgen zufällig dein Päckchen fand, mußte ich erst überlegen. Ich machte es auf, hielt dieses Buch mit leeren Seiten in der Hand und war froh, allein zu sein, nicht erklären zu müssen, daß dies ein Geschenk von dir war. Keiner hätte es verstanden, am wenigsten mein Vater. Ich glaube, Ich hätte mich deiner etwas geschämt. Geneviève, entschuldige, es tut mir leid. “Schreib’ auf, was dir in den Sinn kommt, aber sei ehrlich.” Seltsam, jetzt, nach über drei Jahren fallen mir deine Worte wieder ein. Damals verstand ich nicht, was du meintest. Was soll das, dachte ich und legte das Buch irgendwo hin. Vorhin, als ich zufällig auf dieses Buch, auf dein Geschenk stieß, da war es wie ein warmer Lichtschein in der Nacht, von irgendwoher, aus einer anderen Welt. Aus deiner Welt, die ich nie begriff, weil sie so anders war, und weil ich instinktiv spürte, daß es nicht meine Welt sein konnte. Ist es nicht eigenartig? Jetzt habe ich das Gefühl, mit dir zu reden. Du antwortest nicht – und doch, es beruhigt mich. Mutter ist seit gestern auf der INTER-ROBOT, Vater nimmt auf LUNA VII an einer marktstrategischen Tagung teil. Er hat inzwischen in der interplanetarischen Gesellschaft für Entwicklung und Vertrieb von Verbrauchsgütern eine hohe Position. Mutter ist ganz stolz und ich natürlich auch, denn schließlich ist es ja auch meine Zukunft. Du – du lächelst. Doch ja, ich sehe dich vor mir, ich sehe, wie du lächelst, und dein Lächeln verunsichert mich. Das kommt neuerdings häufiger vor. “Es gibt keine Zufälle”, behauptet Vater. Er muß es wissen. Aber wieso finde ich heute dein Buch, warum schreibe ich… In acht Wochen beginnen die Prüfungen für das Delta-Examen – und ich habe Angst. Wem anders als dir dürfte ich das sagen? Unsinn, das sind dumme Gedanken.

6. März 2194

Im Institut gab es wieder einmal Ärger wegen meiner Stimmbänder: “Cyrus, Junge, Sie müssen was dagegen tun. Mit Ihren Zwischenresonnanzen bringen Sie das ganze Lernprogramm durcheinander. Sprechen Sie mal mit Ihrem Vater darüber.” Das war eine Drohung, das heißt soviel wie: “Sonst spreche ich mit ihm.” Ted Mareks Stimme ließ mich frösteln. Er leitet das HCC, das Hardware Control Center, im Institut und betreut unsere Lehrer. CYBER XIV flippte mal wieder aus, weil meine Stimme belegt war. Also einen Kehlkopf-Generator… Oder NF in die Identification Card, “Nicht förderungswürdig”, das ist so etwas wie ein Ausschluß aus der Menschlichen Gesellschaft. Aber da redet keiner drüber. “Wo ist denn Ihr Sohn, Herr Woltersdorff?” “Ach, der hat vor kurzem eine Aufgabe auf dem Mars übernommen.” Und jeder weiß, was das heißt. Nein, das sind keine guten Gedanken. Es wird Zeit, daß Vater zurückkommt; ich brauche seine Hilfe, seinen Glauben an die Zukunft, daß das alles richtig ist, was wir hier machen.

10. März 2194

Vater ist wieder da. Noch am Space Airport war er mit einem 40-Minuten-Interview auf allen News-Channels. Ich habe mich gleich im IGEVV-Gesundheitszentrum für die Implantation des Kehlkopfgenerators angemeldet. Mutter übrigens auch. Sie hat sich auf der INTER-ROBOT in die neue Generation sprachgesteuerter Robotersysteme verliebt und schon die ganze Haustechnik umgestellt. Der Kehlkopfgenerator war sogar im Kaufpreis eingeschlossen. Ich bin nun sicher, daß es aufwärts geht. Vor vier Tagen noch… Wenn ich das jetzt lese, was ich da geschrieben habe, dann… Es ist einfach alles anders, und es ist gut – für mich jedenfalls gut – ein solches Tagebuch zu schreiben. Ich werde diesen Fehler nicht mehr machen, mich so fallen zu lassen. Es gibt keinen Grund dafür. Ich habe einen guten Start, Vater sagt das auch, und wenn ich erst einmal das Delta habe, dann stehen mir bei der IGEVV alle Türen offen.

16.Mai 2194

Es ist geschafft, bestanden. “Du wirst doch dieses Mädchen nicht zur Delta-Feier einladen?” Ich spüre noch Vaters prüfenden Blick im Rücken; eigentlich war es ja auch keine Frage, eher eine Feststellung. “Nein, Vater, ich weiß auch gar nicht, wo sie ist.” “Das ist gut.” Wie meint er das? Da ist irgend etwas, was ich nicht weiß. Was würde er sagen, wenn er wüßte, daß ich dieses Tagebuch schreibe? Ich weiß es nicht. Es ist einfach unvorstellbar, daß mein Vater es überhaupt zur Kenntnis nähme. Ob er in seinem Leben jemals an sich gezweifelt hat? Aber vielleicht würde er auch sagen: “Gut, mein Junge, da mußtest du durch. Du hast dich richtig entschieden. Du bist mein Sohn.” Ja, das könnten auch seine Worte sein. Es tut mir leid, Geneviéve, aber es ist gut, daß wir uns nicht mehr getroffen haben. Mir ist jetzt klar geworden, daß wir in verschiedenen Welten leben: Du in einer Welt voller Zweifel, ich schau nach vorn. Eines Tages vielleicht, wenn wir uns denn wiedersehen, wirst du verstehen, daß nur, wer in die Zukunft denkt, auch die Gegenwart bewältigt.

28. Mai 2194

Gestern war die Delta-Feier im IGEVV-Informations-Center. Es ist wunderbar, dazu zugehören! Zum Kreis derer, die die Welt verändern, neue Bereiche erschließen, Träume verwirklichen, neue Ziele ins Auge fassen. Vater hielt für uns sechs die Laudatio. Er hat recht, wenn er sagt, daß wir verpflichtet sind, alle Möglichkeiten des technischen Fortschritts zu nutzen. Die Schöpfung ist ein gewaltiger Organismus. Jede Zelle hat ihre Aufgabe. Und wir, die Menschen, sind das Hirn. Wir steuern diesen Mechanismus dank immer wieder neuer Erkenntnisse in noch unerreichte Höhen. Wenn wir erst einmal die Mechanik der vierten Dimension beherrschen… Ideen entwickeln, alles ist möglich, wenn nur der Wille da ist. Das Motto der IGEVV ‘Wecke keine Wünsche, die du nicht erfüllen kannst’ ist ein voller Erfolg geworden. Und Vater, der maßgeblich an diesem Konzept beteiligt war, hat alle Chancen für eine Position an der Konzernspitze. Sein Leitsatz “Jedes unserer Produkte, das auf den Markt kommt, muß ein Bedürfnis wecken, welches wir mit einem neuen Produkt befriedigen können”, wurde einstimmig zur Aussage des Jahres gewählt. Glaub’ mir Geneviève, wir sind auf dem richtigen Weg. Die gesellschaftlichen Krisen vergangener Jahrhunderte, die oftmals alles bis dahin Erreichte in Frage stellten, können sich nicht wiederholen, weil keine Wünsche offen bleiben. Jeder tut, was er möchte, weil jeder das möchte, was er tut. Überall entstehen die neuen großen Naturzentren mit unterschiedlichen Klimazonen. Pflanzen, die schon ausgestorben schienen, leben in geschützter, ungezieferfreier Umgebung, schöner und größer als je zuvor. Moderne Verkehrsmittel verbinden die großen Wohn- und Freizeitanlagen auf diesem Planeten und lassen die Reisezeiten selbst zwischen den entferntesten Orten auf wenige Stunden schrumpfen.

16. Juli 2194

Ein großer Tag für unsere Familie: zum hundertsten Geburtstag meines Urgroßvaters wurde die IGEVV Mondbasis LUNA VII in ‘Mare Woltersdorff’ umbenannt. Karl Friedrich Emmanuel Woltersdorff, ein Name wie ein Denkmal. Seine Arbeitsräume im alten Trakt über den Elektrolabors werden nun auch weiterhin unverändert bleiben. Das hölzerne Mobiliar, das er schon von seinem Vater übernommen hatte, der ‘Ölschinken’, wie Großvater das Landschaftsbild über dem Schreibtisch immer liebevoll nannte. Und vor allem seine ‘Sternwarte’, das vorsintflutliche Teleskop im Obergeschoß. Es ist völlig veraltet, und niemand käme auf die Idee, es zu benutzen. Wahrscheinlich hatte er damit die ersten Aktivitäten auf dem Mond beobachtet. Jetzt steht es da, wie – ja, wie ein Denkmal: Hier ruht die Vergangenheit, die Welt von gestern. Und nicht zu vergessen, das Prunkstück auf einem Podest neben der kunstvoll geschnitzten Treppe nach unten: Der Rasenmäher. Dieser Rasenmäher, der ein Industrie-Imperium begründen sollte. Ob Karl Friedrich Emmanuel Woltersdorff das je geahnt hat? “Über allen Zielen, die wir eines Tages erreichen werden, dürfen wir nie vergessen, woher wir kommen.” Das war seine Devise, die hier in jedem Detail seines Arbeitszimmers zu spüren ist. Ich war noch klein, aber ich erinnere mich an endlose Diskussionen, die er mit Vater hatte. “Ballast abwerfen” war stets das Reizthema. Jetzt sitze ich hier an seinem Schreibtisch, und meine Gedanken wandern hin und her zwischen Vergangenheit und Zukunft. Ballast abwerfen, das heißt doch, sich lösen von dem, was erledigt ist, den Blick nach vorn richten, alle Kräfte sammeln, um neue Ziele zu erreichen. Vorwärts streben. Die Eroberung und Besiedlung von Mond und Mars hat auch das Leben auf der Erde bereichert. Wir sind jetzt überall an die zentrale Klimatechnik angeschlossen, Luftschleusen auf den Raumflughäfen und Magnetbahnstationen verhindern nicht nur das Eindringen von Schadstoffen, sie bieten auch einen nahtlosen Übergang zu den außerirdischen Systemen, weil die lebenserhaltenden Einrichtungen auf Erde, Mond und Mars gleich sind. Alles das haben wir dem wissenschaftlich-technischen Fortschritt zu verdanken, nicht dem Blick zurück. Wen interessiert denn noch, wie wir vor hundert Jahren lebten?

18. Februar 2196

Tatsächlich, das sind ja fast zwei Jahre seit den letzten Eintragungen. Und wenn ich nicht zufällig nach Material über Urgroßvaters Rasenmäher gesucht hätte… “Hinter dem Ölschinken ist, glaub’ ich, noch ein kleiner Tresor”, hatte mir Großvater gestern mit auf den Weg gegeben, “vielleicht findest du da auch noch was.” Alles mögliche hätte ich da vermutet, nur nicht dieses Buch. Aber ich habe es ja wohl selbst da rein gelegt. Es muß doch mit der eigenartigen Atmosphäre in diesen Räumen zu tun haben, hier kommt eben nichts weg. Vielleicht auch deshalb, weil hier kaum jemand herkommt. Ich glaube, Vater weiß gar nicht, daß dieser Trakt noch existiert. Ich habe es jetzt einmal von Anfang an gelesen, daß heißt, viel steht ja nicht drin… Und doch, wenn es nicht meine eigene Handschrift wäre, ich würde nicht glauben, daß auch die ersten Einträge von mir sind. War schon eine gute Idee, die Gedanken, die Ereignisse, die einen bewegen, festzuhalten. Es gibt einen Einblick in die eigene Entwicklung Geneviève? Eine Episode. Vater hatte natürlich recht. Und wenn ich die Notizen weiterführe, dann – ja, warum nicht? Vielleicht sind sie eines schönen Tages doch für jemanden von Interesse, so wie Urgroßvaters Aufzeichnungen – warum eigentlich nicht? Immerhin, ich habe gelernt, die Welt im Ganzen zu sehen, Verantwortung zu übernehmen, Verantwortung für unser Unternehmen und damit auch für den Fortbestand dieser Wirtschaftsordnung. Mit Beginn dieses Monats wurde ich zum Vertriebskoordinator Kunststoffrasen und Rasenmäher berufen. Ein interessantes Arbeitsgebiet; ich habe schon viele gute Ideen, die ich verwirklichen möchte. Vater ist stolz auf mich. Der Konzern hatte einen internen Wettbewerb für Nachwuchsführungskräfte ausgeschrieben. Thema: Verkaufsstrategien.Für mein Konzept habe ich den Titel “Der Rasenmäher – Bindeglied zwischen Mensch und Natur” gewählt. Ein Glücksfall. Meine Arbeit wurde sehr gut beurteilt, und ich bin sicher, daß diese Beurteilung zu meinem Aufstieg beigetragen hat.

26. Februar 2196

Heute machte mir Vater ein Beförderungsgeschenk: Zur nächsten Strategiekonferenz der IGEVV darf ich ihn auf den Mond begleiten. “Junge, dein Konzept wird eines der Leitthemen der Tagung sein.” Ich freue mich wahnsinnig. Mein erster, ganz großer Erfolg! Die Arbeit hat sich gelohnt, und ich möchte eigentlich den einleitenden Text hier wiedergeben, vielleicht ist es auch später in der Rückerinnerung ein wichtiger Baustein in unserer Firmengeschichte.

Der Rasenmäher – Bindeglied zwischen Mensch und Natur “Guten Tag, was macht Ihr Rasen?” Eine Höflichkeitsfloskel, die keiner Beantwortung bedarf? Nein, sicher nicht. Eher ein ganz wesentlicher Teil heutiger, zwischenmenschlicher Beziehungen. Das tägliche Gespräch über den Rasen fördert nicht nur das Naturverständnis, es ist auch ein wesentlicher Teil unserer Firmenkultur. Denn zum Rasen gehört auch der richtige Rasenmäher. Und schon lange überläßt kein verantwortungsbewußter Rasenbesitzer die Rasenpflege, und dazu gehört vor allem der Schnitt, dem Gartenrobot. Schnitthöhe und Schnittzeiten sind Entscheidungen, die die Maschine dem Menschen nicht abnehmen kann. So ist es sicher kein Zufall, daß sich immer mehr Rasenbesitzer in Clubs zusammenfinden, um unter Leitung erfahrener IGEVV-Referenten ihre Probleme zu diskutieren. Und natürlich trägt auch unser reichhaltiges Angebot an Rasenmähern dazu bei, die Freude an dieser sinnvollen Beschäftigung wachzuhalten. Betrachtet man das Thema jedoch einmal aus globaler Sicht, so zeigt sich, daß nicht alle Menschen die Möglichkeit haben, unsere Produkte sinnvoll zu gebrauchen. Die Tatsache, daß die Nutzung unserer Rasenmäher in den Kolonien nur sehr eingeschränkt möglich ist, muß durchaus als Wermutstropfen im ansonsten hochqualifizierten Freizeitangebot gesehen werden. Zwar wird der Kunstrasen, wie er in Mond- und Marssiedlungen schon lange zur Verwendung kommt, ungeschnitten geliefert, um den Besitzern zumindest einmal das Erlebnis des Rasenmähens zu vermitteln. Aber natürlich ist das keine Lösung, zumal der Anblick nicht einzusetzender Rasenmäher immer häufiger zu psychischen Belastungen führt, die wir unseren Kunden ersparen sollten. Getreu unserer Devise, die besagt, daß jedes unserer Produkte ein Bedürfnis wecken muß, das wir mit einem anderen Erzeugnis befriedigen können, müssen wir auf dem Gebiet der Kunstrasenproduktion neueste Erkenntnisse verwirklichen. Unsere Forschungslaboratorien, jeder einzelne Wissenschaftler, jeder Techniker ist gefordert, seine ganze Kraft in die Entwicklung neuer Produkte zu investieren, zum Wohle unseres Unternehmens, wie auch zur ständigen Verbesserung der Lebensqualität auf Erde, Mond und Mars.

4. April 2196

Die Strategiekonferenz wurde verschoben. Und was schon seit Wochen gerüchteweise kursierte, scheint sich zu bewahrheiten. Den IGEVV Chemotechnikern ist die Realisierung eines langgehegten Traumes gelungen: Der nachwachsende Kunststoffrasen ist da! Bereits vor Wochen konnte die Erprobungsphase erfolgreich abgeschlossen werden. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht besonders in den außerirdischen Gebieten, und so kommen auf die geplante Konferenz natürlich neue, organisatorische Aufgaben zu. Ja, das ist tatsächlich ein Meilenstein in der Geschichte der IGEVV, und ich ahne, warum mein Konzept so begeistert aufgenommen wurde. Nun haben sich die umstrittenen Investitionen in die Rohstoffgewinnung auf dem Mars schließlich doch gelohnt, was natürlich Vaters Stellung, der sich schon seit langem dafür einsetzte, erheblich stärkt. Auf jeden Fall wird es auch positive Auswirkungen auf das gesamte IGEVV Produktionsprogramm haben und damit auch mein Ressort stärken. Denn tatsächlich steht eine Umwälzung größten Ausmaßes bevor: Der noch immer gebräuchliche Naturrasen hat schließlich schwerwiegende Nachteile, die häufig zu Störungen in den Schutzeinrichtungen führen. Bei unsachgemäßer Pflege entstehen Faulstoffe, die die Vermehrung von Schädlingen erheblich fördern und somit Boden und Luft verunreinigen. In den letzten Jahren kam es immer wieder vor, daß Menschen mit ausgezeichneten Erbanlagen sterilisiert werden mußten, weil sie sich mit Faulstoffen infiziert hatten. Aber nun haben wir alle Chancen, dieses gefährliche Relikt einer vergangenen Epoche im Umgang mit der Natur durch ein modernes Produkt der IGEVV ersetzen zu können.

19. Juni 2196

Der neue Kunstrasen wird begeistert aufgenommen. Vaters Idee, gleichzeitig einen neuen ‘alten’ Rasenmäher anzubieten, scheint auch ins Schwarze zu treffen. Urgroßvaters Schmuckstück soll dafür Modell stehen; natürlich nur von der Form und vom Aussehen her. Der Antrieb wird neuesten technischen Erkenntnissen entsprechen. So wird es dann meine Aufgabe sein, Vertriebspläne auszuarbeiten und Transportkapazitäten zu ordern. Mond und Mars haben natürlich Vorrang. Eine neue, große Aufgabe!

24. September 2196

Es ist furchtbar –. Gestern traf ich Geneviève. Ich erkannte sie fast nicht mehr. Tiefe Falten und dunkle, fleckige Haut. Sie lebe ‘woanders’, meinte sie. Ich bin nicht sicher, ob sie überhaupt zu mir wollte. Offenbar kam sie durch ein altes Kanalsystem in unser Zentrum. Wo, das wollte sie nicht sagen. Ich werde es melden müssen. Verdammt, ich kann es nicht ändern. Nein, ich verstehe sie nicht, das ist doch menschenunwürdig. Sie will sich nicht registrieren lassen und lebt womöglich noch außerhalb der HB-Zentren von Wildtieren und Pflanzen. “Eure grauenhafte Konservenwelt “, flüsterte sie, “ich hasse sie!” Nein, Geneviève, glaub’ mir, du bist im Unrecht. Schau dich doch selbst an: Ist das die Welt, in der du leben möchtest? Du warst eine intelligente, junge Frau. Du könntest so leben wie wir… Als sie ging, folgte ich ihr heimlich. Kurz vor dem Serviceeinstieg in den Kabelschacht am Informationszentrum drehte sie sich unversehens um: “Ja, laß es zumauern. Ich habe hier nichts mehr verloren!” Sie kann Gedanken lesen, schoß es mir durch den Kopf. Ich sah mich entsetzt um, glücklicherweise war niemand in der Nähe. Mein erster Gedanke war, sofort eine Desinfektion aufzusuchen, aber dann… Nein, ich kann dieses Gesicht nicht vergessen. Konservenwelt! Es ist doch nur zu unserem Besten. Es geht uns gut. Wir haben aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt. Warum begreift sie das nicht. Wir atmen klinisch saubere Luft, erzeugen unsere Nahrungsmittel giftstofffrei. Sicher, wir leben in humanbiologischen Schutzräumen. Aber auf Mond und Mars leben wir doch genau so. Der Weltraum steht uns offen. Natürlich können wir den Weltraum nicht unseren Bedürfnissen anpassen, aber wir können unsere Bedürfnisse dem Weltraum anpassen. Das ist doch eine logische Folgerung, oder etwa nicht? Wenn wir unsere Lebenserwartung weiter steigern, die Antriebssysteme der Raumfähren verbessern, dann werden wir eines Tages auch andere Sonnensysteme erreichen und besiedeln. Natürlich mußten bestimmte Vorstellungen und Verhaltensweisen korrigiert werden. Hemmungslose und unkontrollierte Vermehrung angesichts einer hochentwickelten Gentechnik ist doch wohl ein Aberwitz. Wir haben einer verlogenen Sozialethik, die uns in den Untergang zu ziehen drohte, abgeschworen. Ich erinnere mich an unsere Streitgespräche. Damals habe ich noch nicht so recht begriffen, worum es ging, aber jetzt weiß ich es: Schau dich an, und dann schau mich an! Verdammt, niemand wird gezwungen, in unserer Welt zu leben. Auch du nicht, Geneviève.

25. September

Ich werde dieses Gesicht nicht los. Ich…

Damit endet das Tagebuch. Cyrus Woltersdorff wird sich seiner ‘neuen, großen Aufgabe’ nicht mehr lange gewidmet haben. Und Geneviève? Sie hat das stille Chaos vielleicht überlebt; eventuell sogar hier, in den Katakomben. Ich werde es nicht mehr erfahren, es ist zu lange her. Aber ich weiß, daß es sie gegeben hat, sie und Cyrus. Der durch einen interstellaren Magnetsturm verursachte Zusammenbruch der elektrischen Spannung mag Tage oder Wochen angehalten haben. Die Menschen in den künstlichen Lebensräumen auf Erde, Mond und Mars waren verloren. Nein, sie hatten keine Wahl. Sie hatten schon lange keine Wahl mehr.

Nichts Neues unter der Sonne

von J.P. Brown (copyright)

aus dem Englischen von G.W Dittrich

Im Vergleich zum modernen Menschen waren sie Primaten, auch wenn man in Ihnen, in vielerlei Hinsicht, menschliche Eigenschaften erkennen konnte. Sie waren in der Lage, verschiedene grobe Werkzeuge, Geräte und Waffen herzustellen und besassen sogar eine mündliche Kommunikation, ähnlich unserer Sprache. Aber das Leben war hart und die grösste Gefahr waren räuberische Fleischfresser. Eines Tages fischte Oo-ra unten am Fluss mit einem angespitzten Stock, als er gegen Abend ein hell strahlendes Licht in der Dämmerung sah. Begleitet von einem brüllenden Lärm, blitzte es durch den Himmel. Darauf verschwand es hinter den Hügeln mit ihrer dichten Vegetation und das wütende Geräusch erstarb. Oo-ra nahm seinen Korb mit den gefangenen Fischen und eilte zum gemeinschaftlichen Gehege. Bei seiner Ankunft musste er feststellen, dass seine Gefährtin verschwunden war. Voller Sorge ging er mit einem Freund, dessen Partnerin ebenfalls unauffindbar blieb, in den nächtlichen Dschungel.

In diesen schlimmen Zeiten war das ein gefährliches Unternehmen. Sie konnten von zahlreichen wilden Tieren, giftigen Schlangen, Skorpionen, Raubkatzen und Hunden getötet werden. Doch ihn und seinen Gefährten trieb die Liebe an. Die Morgendämmerung kam, und sie hatten die beiden Weibchen immer noch nicht gefunden. Verzagt eilten sie nach Hause. Bei der Ankunft am späten Vormittag bemerkten sie überglücklich, dass ihre Gefährtinnnen inzwischen in das Lager zurückgekehrt waren. Es schien, dass ihr Verschwinden mit der Himmelserscheinung zu tun hatte, aber keine der Frauen konnte erklären, was ihnen zugestossen war. Oo-ra war nicht sehr beunruhigt darüber. Das Wichtigste war für ihn, dass seine Gefährtin sicher zurück war. Und er war noch glücklicher, als er bald darauf herausfand, dass sie schwanger war. Er sah das als einen Zufall an und ging seinen gewohnten Aufgaben, Nahrung zu beschaffen, nach,. Die beiden Kinder, welche die Frauen bald darauf bekamen, waren ihren Zeitgenossen in jeder Hinsicht weit überlegen. Sie übervorteilten jeden in der Gruppe und beanspruchten führende Rollen und, das schon in jungen Jahren. Der Stamm wuchs schnell und wurde bald in der Region der stärkste, als sich diese zwei Individuen der neuen Rasse vermehrten. Sowohl geistig als auch körperlich waren ihre Nachkommen der von Oo-ra’s Art überlegen. Er selbst war inzwischen alt geworden und bereit, diese Welt zu verlassen. Als er auf seine wunderbaren Kinder und Kindeskinder schaute, fragte er sich in seiner schlichten Art, wie diese Nachkommen wohl die Welt verändern würden.

Und sie änderten diese Welt. Ihre Nachkommen erstarkten und vermehrten sich. Sie bauten Dörfer,Städte,Metropolen. Sie rekrutierten grosse Armeen und führten Krieg. Sie bauten Strassen, Dämme, Monumente. Sie strebten ein höheres Verstehen für die Welt an, in der sie lebten, und gleichzeitig töteten sie mit ihren Armeen gegenseitig ihre Kinder. Und so ging es weiter. Sie begriffen Dinge, die der frühe Mensch nicht kannte, sie lernten zu fliegen und nutzten die neue Technik, um Ihr Steckenpferd, den Krieg, noch furchtbarer zu machen. So warfen Sie Bomben ohne Zahl, bis schliesslich wenige ausreichten, alles zu vernichten. Damit war das endgültige Aus besiegelt.

Am Tag als es begann, war Sam, der Schimpanse, am Zaun des Geheges auf seinem Posten. Zusammen mit einigen anderen Schimpansen lebte er in einem Zoo ausserhalb der Stadt. Diese Stadt war eine der wenigen, die während des grossen Atomkrieges nicht pulverisiert wurde. Vielleicht war es das vorausgesagte Armageddon. Diesen letzten Tag regnete es Bomben, als die Menschheit sich selbst in die Knie zwang. Das Ende begann mit einem Knall,aber das Regieren der Menschheit endete mit dem Gewimmer der Niederlage. Krankheiten und Plagen versprühten diese schrecklichen Bomben. Die Menschheit konnte dieser Schlächterei nicht standhalten. Sam war sich nicht so sicher was eigentlich los war, aber er und die anderen spürten, dass irgendetwas vorsich ging. Aufjeden Fall gab es weniger zu essen, und die Fütterungszeiten wurden unregelmässig.

Eines Nachts betrat eine Gruppe von Männern den Zoo, um Essbares zu plündern. Sie brachen in den Schimpansenkäfig ein und konnten einen Unglücklichen in eine Ecke treiben. Die anderen, zusammen mit Sam, brachen aus und flüchteten ins nahegelegene Feld, um Schutz zu suchen. Im verödeten Land, von den anderen verlassen, war es für diese kleine Gruppe relativ leicht zu überleben. Doch für die verbliebenen Menschen, gabe es bald keine Chancen mehr zu Überleben. Tausend. Plagen trieb sie in die Nichtexistenz. Schliesslich waren sie alle verschwunden, verliessen diese Welt damit Sam’s Art sie erben konnte. Und die Sanftmütigen beerbten sie. Die Welt wurde ein neuer und schöner Platz für Sam und seine Art. Ausser kleiner Streitereien gab es keine grossen Gefahren und an Nahrung fehlte es nicht. Sie hatten Nachkommen und lebten so fort für unzählige Monde.Nicht eine Spur der zerstörerischen Menschen-Gesellschaft war mehr zu sehen und die Erde war wieder ein Paradies.

In diesem Paradies regierte Sam’s Art mit der höchsten, vorhandenen Intelligenz.
Aber neue Jäger und lang vergessene, kleine giftige Feinde kehrten zurück. Dennoch, sie überlebten und gediehen. Sie entwickelten sich zu aufrechten Gestalten und auch ihre Gehirne vergrösserte sich. Mit Gesten und Lauten fingen sie an, zu kommunizieren und erfanden primitive Werkzeuge.Grün umgab sie von allen Seiten, als ihr primitives Leben sich langsam zu Grösserem entwickelte. Unter ihnen war eine kleine Gruppe, die im dichten Dschungel lebte. In dieser Gruppe gab es ein junges Männchen mit dem Namen Ba-ga.

Ba-ga war ein Muster seiner Art. Er war mager, geschmeidig und stark. Zusammen mit anderen jungen Männchen war es seine Aufgabe zu jagen und Nahrung zu sammeln. Im Gegensatz zu ihren Vorvätern, war ihre Nahrung nicht nur vegetarisch,sondern schloss auch Fleisch mit ein. Er hatte eine Vorliebe für ein junges Weibchen aus seiner Gruppe, und nach Erfüllung der erforderlichen Bedingungen wurden sie ein Paar. Als er eines Tages einem kleinen Schwein nachjagte, wurde er müde und lehnte sich gegen einen Dornenbaum.Es war später Nachmittag und er beobachtete den Sonnenuntergang im Westen. Er war gerade dabei, zum Lager zurückzukehren, als er über sich eine grosse Scheibe durch den Himmel schiessen sah. Sie erschien zusammen mit einem hellen Licht und einem Geräusch und verschwand ungefähr in der Richtung seines Lagers. Schnell eilte er zurück, um mit den Anderen das wundersame Ereigniss zu besprechen, das sie sicher auch gesehen hatten. Sein Schreck war gross, als er herausfand, dass seine Gefährtin zusammen mit zwei anderen Weibchen verschwunden war. Ba-ga und ein anderes junges Männchen wurden ausgewählt, sie zu suchen.Die Nacht war lang und dunkel, tödliche Feinde lauerten im Dickicht. Aber sie setzten ihre Suche bis zum späten Vormittag fort, um erst dann in das Camp zurückzukehren und neue Instruktionen zu holen. Bei ihrer Ankunft fanden sie zu ihrer Überraschung die Weibchen sicher und unbeschadet zurück. Allerdings konnten diese nicht erklären, was ihnen zugestossen war. In seiner Freude verlobte sich Ba-ga auch mit einem der anderen Mädchen, die verschwunden gewesen waren.

Seine Freude war noch grösser, als er erfuhr, dass seine zwei Frauen, wie auch das andere Mädchen, schwanger waren. Die Kinder, die von diesen Frauen geboren wurden, waren hübsch, weitaus stärker und klüger; als Bagas Leute. Sie wurden grosse Führer und ihre Kinder begannen die gesamte Welt zu bewohnen. Während Ba-ga den Orion betrachtete, kehrte ein Raumschiff in eine ferne Galaxis zurück, in der Hoffnung, dass das Experiment diesmal erfolgreicher sein werde. Jetzt war Ba-ga alt und dem Tod nahe,aber seine Gedanken waren immer noch stark.Sie waren ähnlich denen,die jemand dachte, der lange vor ihm gelebt hatte, zahlose Jahre. Und ihm wurde bewusst, dass das alles schon einmal geschehen sein musste. Das alles was ist schon mal war und wieder sein wird. Da ist nichts Neues unter der Sonne.

Lunaria

von Reinalde Wahnrau-Sander (copyright)

Wir schreiben das Sternenjahr 25 763, in dem 15 Umlaufzeiten der galaktischen Monde vergangen sind. Heute wird Lunarias Hochzeit im Zeitencomputer des Planeten Arias verzeichnet werden.
Wir sind mit unserem Raumschiff auf dem Arias gelandet. Denn der Arias ist der Heiratsplanet in der 3. Galaxie, in der wir uns gerade befinden. Alle Hochzeiten werden hier gefeiert, weil gerade dieser Planet unseren Vorstellungen nach für Hochzeiten so gut geeignet ist. Silberweiß ist die Farbe, in der eine Eheschließung begangen werden sollte. Das Gestein des Arias besitzt genau diese Farbe. Die Felsen haben glatte Flächen und glänzen und funkeln herrlich silbern im Schein des Sirius. Die Atmo-sphäre des Arias lässt nur die milchweißen Lichtstrahlen der Siriussonne durch. Fast alle Farben wer-den gefiltert. Die kleinen Gesteinsbrocken funkeln wie Diamanten. Die ganze Welt des Arias erstrahlt in silber-weißem Licht. Nur hier und da blitzt es gelblich, grau oder bläulich auf. Das ist gut so. Denn ein wenig Farbe am Hochzeitstag soll Glück und Fruchtbarkeit in einer Ehe bringen, sagte meine Großmutter. Ich selber halte nichts von solchem Aberglauben.
Die Pflanzen auf dem Hochzeitsplaneten Arias sind hoch gewachsene Bäume. Ihre Stämme sind ge-rade aufstrebende Stangen aus unoxidiertem Aluminium mit einem Überzug aus einer Legierung aus Chrom und Argentum. Sie reflektieren das weiße Licht in feinen Strahlen. Von den Kronen der Bäume hängen lange Schleierblätter aus eben demselben Material, die leicht im Wind schaukeln. Diese Bäu-me bilden die Hochzeitskathedrale.
Wir alle, die wir zu der Hochzeitszeremonie geladen sind, sind in weiße Gewänder gekleidet. Unsere Haut ist weiß geschminkt und wir haben unsere Haare mit Mondstaub silbern gefärbt.
Lunaria ist die Braut. Ich kenne sie seit vielen Sternenjahren. Nie habe ich mir vorstellen können, dass sie einmal heiraten würde und dann auch noch in diesem romantischen Rahmen. Immer habe ich gedacht, Gefühle seien ihr fremd, sie bestehe nur aus Verstand.
Lunaria ist eine ehrgeizige Frau. Sie hat sich vom Bordingenieur eines kleinen Raumschiffes, dessen Namen so unbedeutend war, dass ich ihn gar nicht mehr weiß, zum 1. Offizier unserer galaktischen Fähre Urahia II herauf gearbeitet. Immer nur hatte sie ihre Arbeit im Kopf. Und nun plötzlich diese Hochzeit!
Da schreitet Lunaria in die Baumkathedrale. Ihr langes, aus Silberfäden gestricktes Kleid umfließt eng ihren hoch aufgerichteten, schlanken Körper. Ihr Haar ist zu einem silberweißen Strahlenkranz auf-getürmt. Auf jedem Haarstrahl funkelt eine Elektronenbirne. Viele kleine Elektronenlämpchen um-schließen ihre Stirn. Und sie trägt einen Strauß in ihren Händen. Sie trägt tatsächlich einen Braut-strauß, einen Brautstrauß mit irdischen Blumen darin. Das muss man sich mal vorstellen! Sie hat keine Kosten, Zeiten, Wege und Mühen gescheut, um irdische Blumen auf den Arias zu holen, um sich den Luxus, oder soll ich besser sagen den Kitsch, eines Brautstraußes zu leisten. Und diese Blumen sind auch noch frisch!
Kleine weiße und gelbliche Blüten schimmern zwischen silbrigen Blättern. Weiße Federn, Perlen und Schneebeeren werden von Silberdrähten gehalten. Der ganze Strauß ist umgeben von Lunariablät-tern. Es müssen hunderte sein! Was das wohl gekostet hat? Lunaria! So etwas Kostbares! Natürlich müssen es ihrem Namen zur Ehre Lunariablätter sein! Sie trägt den Strauß wie eine Trophäe.
Langsam, jeden Schritt wählt sie mit Bedacht, kommt sie den Weg, den wir ihr zu Ehren säumen, herab geschritten bis zum Altar, an dem die Hochzeitspriesterin auf sie wartet. Doch bevor sie den Altar erreicht, bleibt sie vor jedem der dreizehn Männer stehen, die sie heute heiratet. Sie sind in Silberum-hänge gehüllt und tief verschleiert. Niemand außer der Braut wird je wieder ihre Gesichter, noch ihre Gestalt sehen. Jeder verneigt sich tief vor seiner Braut.
Dann kniet Lunaria vor dem Altar nieder. Die Priesterin segnet sie. Sie erhebt sich und ohne sich um-zudrehen wirft sie den wunderbaren Strauß in die jubelnde Menge. Wie von einem Windstoß getrie-ben fliegt er bis zu mir. Ich fange ihn auf.
Ich werde die nächste Braut sein!

Eine rote Rose für Theresa

von Reinalde Wahnrau-Sander (copyright)

Wahnsinn!
Noch nie habe ich so etwas Schönes gesehen. Ich muss immer wieder hinsehen! Sie lässt meinen Blick nicht mehr los.
„Eine Rose,“ hatte er gesagt, als er sie mir gab. Eine rote Rose!
Sie ist das Wundervollste, das ich je erblickt habe. Rot! Ein leuchtendes, samtenes Rot!
Ich habe bisher noch nie etwas Farbiges gesehen. Denn hier bei uns auf dem Pla-neten Argent gibt es keine Farben, nur hell und dunkel, schwarz, weiß und grau. In unseren alten Märchen wird zwar von Farben und ihrer Leuchtkraft berichtet, aber gesehen hatte ich sie noch nie. Deshalb konnte ich mir auch nie vorstellen, was Farben sind. Wenigstens weiß ich jetzt, wie „rot“ aussieht und „grün“ natürlich auch. Denn die Rose hat grüne Blätter.
Er hat mir zwar von blauem Himmel und türkisfarbenem Wasser erzählt, von gold-gelben Weizenfeldern und violettem Lavendel. Aber so richtig begreifen kann ich es nicht.
Aber nun habe ich eine rote Rose. Wenn ich sie ansehe, wird mir ganz warm ums Herz. Auch das ist etwas Neues für mich. Er hat gesagt, das seien Gefühle. Gefühle gab es bei uns bisher auch nicht. Aber seit er hier ist, scheint vieles anders zu sein. Er kommt vom Planeten Erde. Er sieht nicht viel anders aus als wir. Die Gestalt der Erdlinge und die der Argenter ist sich sehr ähnlich, fast gleich. Nur wir sind farblos. Er hat eine alberne, rötliche Haut, dunkles Haar und dunkle Augen. Das fand ich zuerst, als ich ihn sah, ausgesprochen lächerlich. Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt. Aber mein Aussehen muss ihm ja genauso seltsam vorgekommen sein.
Gestern hat er mir diese Rose geschenkt. Er hat sie mit dem letzten Versorgungs-transport von der Erde kommen lassen. (Wir beziehen fast alle unsere Versorgungsgüter vom Planeten Erde). Extra für mich hat er die Rose bestellt. Als er sie mir überreichte, hat er mit seinen Lippen meine Hand berührt. Er sagte, das sei ein Kuss. Diese Berührung kam so überraschend. Dieser Kuss war so neu. Kam daher die seltsame, heiße Welle, die durch meinen ganzen Körper lief? Wie es sich wohl anfühlt, wenn seine Lippen mich an anderen Stellen meines Körpers berühren? Schon dieser Gedanke erzeugt wieder die Hitze. Nicht unangenehm, aber verwirrend!
Was denke ich da? Ich muss mich auf meine Arbeit konzentrieren! Aber da steht die Rose, die rote Rose, und leuchtet mich an.
„Sie ist eine Pflanze, ein Lebewesen,“ hat er gesagt und in ein Glas mit Wasser ne-ben meinen Arbeitsplatz gestellt. Sie muss das Wasser trinken.
In unseren alten Sagen ist davon die Rede, dass es hier bei uns auf dem Planeten Argent auch einmal Pflanzen gegeben hat. Pflanzen wurzeln im Boden. Aber der störte uns nur beim Abbau unseres wahren Reichtums, des Argentums. Deshalb haben wir schon vor vielen Jahrhunderten den Boden abgetragen und in das Weltall entsorgt. Nun besteht unser Planet nur noch aus dem eigentlichen Planetenkern, aus reinem Silber. Der Planet ist zwar kleiner geworden, aber seine Bewohner reicher. Alles wird bei uns aus Silber hergestellt. Und wir exportieren in die gesamte Galaxis. Na ja, es gibt auch noch andere Werkstoffe, aber die müssen wir importieren, zum Beispiel das Glas. Eine Hohl-kugel aus Glas umgibt unseren gesamten Planeten. Es ist ein ganz besonderes Glas, das sich bei Sonneneinstrahlung abdunkelt, damit das Silber unseres Planeten sich nicht zu sehr aufheizt. Die Hohlkugel ist angefüllt mit einem Gemisch aus Oxygenium und Nitrogenium, das wir in der NIOX, einer speziellen Fabrik, herstellen. Das Oxygenium brauchen wir zum Atmen. Der Erdling hat gesagt, das Gemisch sei der Luft auf der Erde sehr ähnlich. Ich verstehe nicht, warum die Luft an der Erde bleibt, obwohl sie keine Hohlkugel haben.

Ich weiß das alles so genau, weil ich zum Wissenden Volk, der Oberschicht unseres Planeten gehöre. Meine Eltern sind Leitende Ingenieure der AAG, das ist die Argent-Abbau-Gesellschaft, und ich habe auch ein Studium absolviert. Nun mache ich zusammen mit dem Erdling ein Fortbildungsseminar bei der AAG.
Ich dachte, mein Leben sei ausgefüllt mit Studium und Arbeit, bis dieser Erdling kam. Was ich ganz lustig finde, er hat einen Namen. Er heißt David. Insgeheim lache ich immer darüber, wenn er so genannt wird. Wir haben eine Zahlen-Buchstaben-Kombination zur Identifizierung. Meine ist 1 B 277 359 877. Die 1 kennzeichnet das Wissende Volk, zu dem ich gehöre. Das B steht für weibliche Person, und die Zahl dahinter gibt an, die wievielte Person ich seit Beginn der Zählung bin.
Ach ja, weibliche Person. Ich bin nun in die Geschlechtsreife gekommen. Während meiner nächsten fruchtbaren Tage bin ich in die Fortpflanzungsstation bestellt, damit mir ein reifes Ei entnommen werden kann, das die Fortpflanzungsspezialisten dann im Reagenzglas befruchten werden. Da ich zum Wissenden Volk gehöre, darf ich den Samenspender auswählen. Auch habe ich das Privileg zu bestimmen, ob aus dem Embryo ein Individuum wird oder ob er zu Mehrlingen geteilt oder geklont wird. Aber mit dieser Entscheidung kann ich mir noch Zeit lassen, bis die Untersuchungen am Embryo das Intelligenzmaß, die zukünftige physische und psychische Kraft bestimmt haben. Die Frauen des Künstlerischen Volks und des Kaufmännischen Volks dürfen auch zur Fortpflanzung unserer Bevölkerung beitragen. Aber sie können weder den Samenspender auswählen, noch haben sie Einfluss auf die Weiterverwertung des Embryos. Die Frauen des Arbeitenden Volkes sind es nicht wert, dass sie sich fortpflanzen. Arbeiter werden in großen Mengen und nach Bedarf geklont.
Ich muss mich jetzt erst mal für einen Samenspender entscheiden. 1 A 277 359 854 käme in Frage. Er hat eine stattliche Figur. Das gäbe gesunde, kräftige Kinder. Aber die würden gewiss zu Dutzenden zu Arbeitern geklont werden. Soll ich mich für 1 A 277359 862 entscheiden? Er ist so übermäßig intelligent. Daraus würde bestimmt ein kluges Kind, das als Individuum erhalten bleiben könnte.
Die Rose! Da steht sie und duftet. Sie lenkt mich von meiner Arbeit und meinen Pflichten ab. Sie lässt ganz absonderliche Gedanken in meinem Hirn und unbegreifliche Gefühle in meinem Bauch entstehen.
Ach, am liebsten würde ich mit David auf die Erde fliegen, Rosen züchten und Kinder nach der alten, menschlichen Methode bekommen.
Ist das Liebe?

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