Der Fleck

von Dieter J. Baumgart (copyright)

‘Es war einmal’ – so fangen alle Märchen an.
Aber dies ist eine wahre Geschichte.
Es war also wirklich einmal – ein Fleck.
Und wie die meisten Flecken, so hatte auch der, dem dieser Bericht gewidmet ist, ein bewegtes Leben.

Gleich in welcher Form er sich zeigte, rund, länglich oder eiförmig, stets war er unerwünscht, wurde – wenn möglich – sofort entfernt; wobei neben Papier und nassen Lappen häufig auch übelriechende Flüssigkeiten und andere Materialien zur Anwendung kamen.

Zugegeben: Hin und wieder, zumal wenn er auf einer vorgeblich reinen Weste sein Dasein fristete, hatte er schon so manche Karriere gestoppt. Dabei war er durchaus umgänglich und gelegentlich sogar schmackhaft.
Doch er teilte mit vielen seiner Leidensgenossen das gleiche Los: Nirgendwo durfte er sein, überall vertrieb man ihn und scheute gelegentlich nicht einmal davor zurück, ihn mitsamt dem befleckten Gegenstand zu vernichten.

Wie die meisten Flecken, so hatte auch der, von dem hier die Rede ist, seine geheimen Wünsche.

Gerne wäre er einmal Leberfleck an irgend einer schönen Stelle gewesen. Und in ganz kühnen Träumen wähnte er sich als Sonnenfleck, hoch oben am Firmament.
Aber stets, wenn er wach wurde, sah er sich als Fett-, Ei- oder Schmierfleck an einer offensichtlichen Stelle, was seine sofortige Entfernung zur Folge hatte.
All seine Kreativität nutzte ihm nichts, denn er landete entweder bei phantasielosen Leuten oder auf Stellen, wo ‘man’ sich keine Flecken leisten konnte.

Gewiß, manchmal hatte er Glück, wenn er sich an Stellen niederließ, an denen er nicht sogleich bemerkt wurde, weil schon Hunderte von seinesgleichen versammelt waren. Doch irgendwo hat schließlich auch ein Fleck den Wunsch und ein gewisses Recht auf Eigenständigkeit. Und so war er stets froh, durch Vernichtung der Anonymität der Massenbefleckung zu entgehen.

Angesichts solcher existentiellen Probleme war es nur zu verständlich, wenn er wehmütig der Zeiten gedachte, da man noch die Chance hatte, als Tintenfleck auf einem wichtigen Dokument womöglich ins Museum zu kommen. Aber wer schrieb denn noch mit Tinte.
Und seit der Videowelle wurden auch die Chancen, als Fettfleck in ein gutes Buch zu kommen, immer spärlicher.
Wen nahm es da Wunder, wenn der eine oder andere Fleck angesichts dieser Welle von äußerlicher Reinlichkeit um den stofflichen Fortbestand der Gattung fürchtete und alternative Existenzmöglichkeiten in Betracht zog.

Doch das alles sollte sich eines schönen Tages ändern.

Unser Fleck hatte sich vorgenommen, einen neuen Start als Kaffeefleck zu wagen.
Sozusagen in der vorgeburtlichen Phase seines neuen Daseins, schwamm er in einer dieser typischen, silbrigen Büro-Thermoskannen und vertraute sich wieder einmal einem ungewissen Schicksal an, das auch alsbald seinen Lauf nahm.

Die erwähnte Kanne geriet in Bewegung, vollführte einen Landeanflug über einem mit Papieren aller Art belegten Schreibtisch aus hochwertigem Naturmaterial, stoppte das Vorhaben kurzfristig, um eine ebenfalls über dem Tisch schwebende Tasse zu befüllen, und – plitsch – da war es auch schon geschehen: Naß und braun zierte der Fleck, von dem hier die Rede ist, ein blütenweißes Blatt Papier im Format DIN A 4, je nach dem wie man es betrachtete, rechts oder links, oben oder unten.
Na ja, dachte unser Fleck, während er vor sich hin trocknete, das war es dann wohl. Ab in den Papierkorb, zu Cocadose, Apfelsinenschalen und Tipp-Ex.

Doch nichts geschah, alles blieb ruhig. Kein Aufstöhnen, kein gequetschtes „Verdammt!“
Selbst das Schicksal, wie auch immer es geartet sein mochte, hielt den Atem an.
Und doch war da etwas in der Luft. – Ja, der Fleck spürte förmlich, wie der Blick des mutmaßlichen Schreibtischinhabers auf ihm ruhte.

Es war ein Blick aus kühlen grauen Augen, umgeben von Falten, die das Leben gezeichnet hatte.
J.W.A. – wir können auf den ausgeschriebenen Namen verzichten, weil er ohnehin in allen bibliographischen Verzeichnissen bedeutender Persönlichkeiten des öffentlichen wie des kulturellen Lebens vertreten ist –, J.W.A. also betrachtete den Fleck.

J.W.A., dem sowohl die deutsche wie auch die englische Sprache eine bedeutende Wortneuschöpfung verdankt – bekanntlich wurde der Begriff ‘Kreaktivität’, englisch ‘creactivity’, von ihm geprägt – J.W.A. also schenkte seine ganze Aufmerksamkeit dem Neuankömmling.

Das geistige Umfeld, das sich zu dieser frühen Morgenstunde in den Hirnen einiger Mitarbeiter J.W.A.s manifestierte, erschauerte förmlich angesichts der geballten Kreaktivität, die hinter der Stirn des Meisters spürbar wurde.
Und selbst auf den Fleck übertrug sich eine Ahnung von dem, was sich der Nachwelt als wesentliche Epoche in der Entwicklung der Bildenden Künste darstellen sollte.
Es war, wie Generationen späterer Kunstschüler ihren Lehrbüchern entnehmen konnten, es war die Geburtsstunde des ‘Flecktionismus’, von losen Mäulern auch ‘Fleckfieber’ genannt.

Doch was war geschehen?

Das Standardwerk, das sich mit der neuen Kunstrichtung befaßt, J.W.A.s ‘Reflecktionen’, schildert die Schaffensperiode des Großmeisters in ausgesprochen lebendiger, anschaulicher Form.
Doch wir wollen die Wurzeln freilegen.
Wie konnte ein simpler Kaffeefleck derart in die Geschichte der Kunst eingehen?

Um das zu begreifen, müssen wir erst einmal gedanklich an J.W.A.s Arbeitstisch zurückkehren.
Denn hier hatte zweifellos der Zufall Regie geführt.
Der eigentliche Schöpfungsakt begann, darin sind sich die Kunsthistoriker einig, mit der Wahrnehmung des Flecks durch J.W.A.
Eine besondere gedankliche Konstellation mag den Meister bewogen haben, einen Graphic-Pen zur Hand zu nehmen und ihn – und das ist das Faszinierende an diesem Vorgang – an den Konturen des inzwischen getrockneten Fleckes anzusetzen.
Und so geschah es, daß drei Buchstaben, die Signatur des Meisters, den Fleck buchstäblich zum Kunstwerk erhoben.

Doch fast sollte ein weiterer Zufall alles wieder zunichte machen.

Es mutet an wie die nackte Ironie des Schicksals, daß sich – so wird berichtet – die doppelflügelige Ateliertür öffnete und Herbert H. Hintermann, Kunstsammler und Mäzen, in den Raum stürmte.
Die Blätter auf dem Arbeitstisch wirbelten durcheinander.
Der Fleck war weg!

J.W.A. und Herbert H. Hintermann waren bei ihrem Lieblingsthema ‘Kunst und Kapital’.
Und wieder wollte es der Zufall, daß Herbert H. Hintermann ein Blatt aus dem Wust von Papieren fischte, um eine seiner bestechenden Zahlenkolonnen aufmarschieren zu lassen. Das Blatt, das er schließlich in der schmalen Hand hielt, war befleckt – und signiert.

Herbert H. Hintermann stutzte, nahm die Brille (Feingoldrahmen, 0,5 Dioptrien) zur Hand und japste schließlich: „Das ist ja kolossal!!“

Beide Herren begaben sich augenblicklich, unter Mitnahme des Fleckes und unter Zurücklassen der Meisterschüler, in die Bibliothek , um sie erst zu später Nachtstunde wieder zu verlassen.

Wir überspringen die Jahre, in denen Anerkennung und Kritik einander die Waage hielten oder in wildesten Äußerungen überboten.
Nicht zuletzt dank der kapitalen Unterstützung Herbert H. Hintermanns konnte sich der Flecktionismus schließlich nicht nur in der Kunstszene etablieren, er wurde zum Markstein in der Entwicklungsgeschichte der abendländischen Kunst.

Der Fleck übrigens, von dem hier vorwiegend die Rede war, dieser Fleck, der davon träumte, einmal Sonnenfleck zu sein, er hängt nun in einem eigens nach Plänen von J.W.A. erbauten Museum.

Und das ist doch auch schon was.
Oder etwa nicht?

Das Gesetz

von Dieter J. Baumgart (copyright)

Es war einmal ein Gesetz – das einzige zu seiner Zeit –,
und alles, was es aussagte, war „Ja“ und „Nein“. Das verstand jeder, und alle waren gleich vor diesem Gesetz.
Allerdings setzte sich bald die Ansicht durch, daß das Gesetz – das einzige zu jener Zeit – sich selbst ein Armutszeugnis ausstelle, wenn es sich, trotz der Vielfalt sprachlicher Ausdrucksmöglichkeiten, auch weiterhin nur der Worte Ja und Nein bediene.
Das war unerquicklich, zumal Aussagen darüber, ob nicht vielleicht doch dieser oder jener Mitmensch vor dem Gesetz gleicher sei als andere, auf der Grundlage dieses – des einzigen – Gesetzes nicht zu erlangen waren.
Das sollte sich erst ändern, als die Diener des Gesetzes auf die Wörtchen „Wenn“ und „Aber“ stießen und begannen, die trockenen und in ihrer Aussage unveränderbaren „Ja“ und „Nein“ ein wenig aufzupeppen.
Fortan waren sie nicht mehr Diener, sondern Beherrscher des Gesetzes und aller weiteren, die erlassen wurden.
Die Frage, wer nun um wie vieles gleicher ist vor den Gesetzen, hält seitdem unermeßliche Scharen von Damen und Herren in Lohn und Brot.

Kommentar

Genug der Gesetze! Es ist nicht verboten, auf die Schloßtreppe zu scheißen, und trotzdem tut es niemand.
Johann Wolfgang von Goethe

Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.
Matthäus 5, 37

Diebisch

von Urte Skaliks (copyright)

Gerade eben habe ich die Wiederholung des „großen Bellheim“ gesehen, den ich beim erstenmal verpasst habe. Zweimal muß man das nicht sehen, bisschen viel Hin und Her mit all den Finanz-Intrigen. Aber diese hübschen Nebenhandlungen haben doch was: die diebischen Angestellten, so perfekt karikiert – hat es da eigentlich nie Proteste einer Gewerkschaft gegeben? Vielleicht finde ich dazu etwas im Internet. Aber das Klauen ist im Film eben nur Nebensache, und es wird listigerweise nie aufgeklärt, obwohl der Zuschauer ständig damit rechnet. Der Oberdieb stürzt sich ahnungslos in die Selbständigkeit, heißt: in die Arme von Kredithaien. Und sein eben sanierter Chef, an die eigenen kleinen Anfänge erinnert, gibt ihm Zuversichtliches auf den Weg: „Sie werden es schon schaffen.“
Das alles erinnert mich an etwas, eine Episode in unserem Kaufhaus K., wo man in der Stadtmitte so gern parkt. Eine Freistunde, Bummeln zwischen Kleiderständern, Damen-abteilung, lange Hosen, kurze, Röcke, Blusen, Schals, die Finger gleiten durch Seide, knisternde Kunstfasern, Baumwolle, mal hier, mal da, prüfen, das Gefühl soll entscheiden. Kaum andere Kunden, leise Musik, gute Luft. Ich schweife hin und her, geruhsam, unentschlossen, einigermaßen gleichgültig, ohne direkte Kaufabsicht, nur dass sich halt mal was ergeben könnte. Da fällt mir ein junger Mann auf, der auch mal hier, mal da an den Kleiderständern und an den Textilien herumfingert. Und – schaut er nicht sichernd zu mir her? So ganz peu à peu wird er mir doch sehr verdächtig. Hin- und Hergucken, von beiden Seiten, immer wenn der andere gerade wegschaut. Minuten vergehen, ich mache mir Sorgen, vergesse meine eigene indifferente Suche. Ein Dieb, keine Frage. Ich halte nach einer Verkäuferin Ausschau – gar nicht so einfach, eine zu erspähen. Ach bitte, gucken Sie doch mal da vorn, der junge Mann, kommt mir doch ziemlich verdächtig vor. Keine Sorge, das ist bloß unser Hausdetektiv, sie lacht, der hat heute wenig zu tun, keine Kunden, wissen Sie. Ach so, na dann.
Viel später, gar nicht so lange her, sehe ich eine Zeitungsnotiz: Dieb gefasst, das Kaufhaus K. am K.-Platz musste sich von einem Detektiv trennen … großes Warenlager in seiner Wohnung … gestohlene Textilien. Da sieh mal einer an. Ob das wohl derselbe war, der mich so kritisch beäugt hat? Wie kriegen die so was wohl raus? Bock zum Gärtner und so. Bellheim-Mitarbeiter warnten ihren Kollegen vor der Selbständigkeit: seine Angestellten würden ihn beklauen noch und noch. Naja, und Kunden? Jedenfalls, der Seidenschal von damals, den ich dann, sagen wir mal, mitgenommen habe, steht mir immer noch sehr gut.

Klirren im Kopf

von Urte Skaliks (copyright)

Etwas hat in meinem Kopf geklirrt, deshalb bin ich aufgewacht. Das kann doch nicht sein. Aber doch. Wie es war? Ein Klirren eben, ein helles dünnes Klirren. Zuerst dachte ich: eine zersplitternde Weihnachtskugel, so eine, wie es sie nur früher gab, heute sind sie doch unzerbrechlich. Weihnachten kommt ja auch erst. Etwas von früher, eine frühere Weihnachtskugel, etwas ist zerklirrt. Aber klangen diese Weihnachtskugeln so, wenn sie zerbrachen? Oder eher Glas, anderes Glas? Wenn ich es recht bedenke, ja, Glas, Glück und Glas. Kennen die Menschen heute noch das Sprichwort? … wie leicht bricht das? Glas wie von früher. Und es klirrt nicht selbst – oder doch? –, sondern erst wenn es aufkommt, wenn es unten auftitscht, hell klirrendes dünnes Glas, dünnes Glasglück, altes Glück, denke ich schon wieder. Und es braucht ein Echo, freie Luft, zum hellen Klirren. Welches Glück, welches Glas im Kopf, welches ist da zersplittert? Klirren im Kopf, Unsinn, das gibt es nicht. Glasklare Gedanken, zarte Gedankengefäße, zerbrechlich, dünn zusammengehalten, lautlos durchflossen. Wird es splitternd klirren, wenn dereinst die zarten Lebensgespinste bersten?
Noch sind sie es nicht, und doch hat es geklirrt, und ich bin erwacht und dachte an Glück. Und Glück wird immer neu: Leben.

Der gefährliche Harry Potter

von Urte Skaliks (copyright)

Man liest in der Tageszeitung, es sei in einer Stadt verboten worden, Kindern die Bücher über Harry Potter in der Bibliothek auszuleihen, ja, es sei sogar ein Buch rituell verbrannt worden. Hexenverbrennung sozusagen oder was? Was finden diejenigen an „Harry Potter” gefährlich, die vor einer Gefahr warnen wollen? Ich möchte behaupten, dass diese Leute die Bücher vorher nicht gelesen haben. Furcht vor Hexenglauben wird genannt. Ist Harry Potter gefährlich?

O ja, er ist gefährlich – man kann daraus lernen, dass man sich als Kind oft sehr elend und abgelehnt fühlen kann und vielleicht in den Schrank gesteckt wird und aber doch in Wirklichkeit etwas ganz Besonderes sein kann; dass man allein ist und doch einmal Eltern gehabt hat, die einen über alles geliebt haben, so sehr, dass sie für einen das Leben hingegeben haben; dass man auserwählt sein kann und dass man sich trotzdem noch sehr bemühen muss, um durch das Leben zu kommen; dass es Mächte gibt, denen man sich ausgeliefert sieht oder auf die man vertrauen kann, die einem schaden oder die einem helfen können; dass man auch ganz alleine darauf kommen kann, die Kräfte zu nutzen, die man hat: das zu tun, was man am besten kann, um aus Schwierigkeiten herauszukommen. …
Das ist gefährlich: Kinder könnten lernen zu erwarten, dass man sie achten soll und dass sie sich selber achten dürfen.

O ja, er ist gefährlich – man kann aus Harry Potter lernen: dass es Erwachsene gibt, die Kindern sehr wohlgesonnen sind; dass es andere gibt, die Kinder verachten oder quälen oder vernichten wollen und das auch tun; dass es Böse gibt und Gute und andere, die man schwer durchschauen kann, bei denen man sich nicht sicher sein kann, oder solche, die nur trocken und mit erhobenem Zeigefinger ihrer vorgeblichen Pflicht nachgehen, so dass man sie oft austricksen muss und seine eigene Welt haben muss; dass es andere Erwachsene gibt, die auch ganz anders leben, als man erwartet hatte und dabei viel glücklicher sind, solche, – die auch mal Quatsch verstehen und das nicht so ganz gewünschte, ja sogar das scheinbar schlimme Tun, – die fröhlich und ungekämmt oder ungeschickt sein können, – die auch mal mit dem „Muggelgeld” und der „Muggelkleidung” nicht zurechtkommen – und die unglücklich oder glücklich sein können und das auch zeigen; dass es welche gibt, die ohne Bedingungen, ohne Fragen einfach liebevoll auf der Seite der Kinder sind und ihnen Achtung und Liebe entgegenbringen, – die an sie glauben und ihnen vertrauen…
Das ist gefährlich: Kinder könnten lernen zu erwarten, dass es viele Weisen zu leben gibt und dass man andere anerkennen darf.

O ja, er ist gefährlich – man kann aus Harry Potter lernen, dass man Freunde und auch Feinde haben kann; dass sich manche zusammengruppieren und andere triezen und ausschließen und quälen wollen; dass man ohne Freunde gar nicht zurechtkommt und ohne sie nicht mal überleben kann; dass man sich auch mit Freunden manchmal missverstehen kann und manchmal nicht mehr miteinander reden mag oder überhaupt nicht reden mag und dass man sich versöhnen und wieder verstehen kann; dass es Missgunst und Zwietracht gibt; dass es Helfen und Mitgefühl für andere gibt und wie gut das tut…
Das ist gefährlich: Kinder könnten lernen zu erwarten, dass Freunde das Wichtigste im Leben sind.
O ja, er ist gefährlich – man kann aus Harry Potter lernen, dass man mit Zauberei ganz gewiss nicht einfach durch das Leben kommt, sondern dass man ganz viel tun muss, um seine Ziele zu erreichen; dass das Zaubernlernen keine einfache Hexerei ist; dass man üben muss und üben und üben; dass man dabei ganz oft auf die Nase fällt und dann mühsam kuriert werden muss; dass man manchmal sogar sehr unglücklich sein kann, auch wenn gesagt wird, dass man etwas Besonderes sei; dass man eigentlich nie ein Held ist; dass man immer wieder etwas dafür tun muss, um zu überleben; dass man immer neu nachdenken muss und manchmal ein anderer einem helfen muss, einen Weg zu finden, ja, dass es am Ende gar nicht darauf ankommt zu siegen, sondern darauf, dass man einem anderen geholfen hat, auch wenn man sich noch so sehr auf den Sieg gefreut hatte, und auch wenn der andre ein echter Gegner war…
Das ist gefährlich: Kinder könnten lernen, dass es wichtig ist, sich anzustrengen und dass trotzdem etwas anderes wichtiger sein kann als: der erste zu sein.

O ja, er ist wirklich gefährlich – man kann aus Harry Potter lernen, dass die Menschen sich all ihre Technik als Ersatz für die alten Zauberkünste haben erschaffen müssen: dass man im Zauberreich seine Post durch Eulen eulenwendend verschickt und dass man auf einem Besen fliegend Quidditch spielen kann; dass Menschen sich verwandeln und verzaubern und verfluchen können; man kann mit Harry in der glatten Häuserwand einen Eingang in die ganz andere Welt sehen lernen, das Gleis 93⁄4 entdecken und in stundenlanger Bahnfahrt endlich die Schule Schweinewarze* erreichen; man kann lauter heimliche und unheimliche Räume und Gänge finden, die auch mal nicht mehr da sind, wo sie vorher waren; kann schlimme Wunden in Nullkommanichts heilen sehen, kann eine strikte Bürokratie mit Zauber-Schulfächern und Prüfungen kennenlernen; sich über die immer nur Böses ahnende Wahrsage-Lehrerin wundern, die sich immerzu selbst widerspricht und doch glaubt, immer Recht gehabt zu haben, und die kaum einer noch ernst nimmt; liebenswerte oder unheimliche, lustige oder traurige, komische, verschlagene und trickreiche Geister antreffen, – und redende Bilder mit Personen, die sich bewegen und auch mal aussteigen und ein anderes Bild ganz woanders besuchen; man darf in ein fremdes Gedächtnis einsteigen, der absonderlichen Dienstbarkeit der Elfen begegnen, die glücklich ihren Herren dienen und sich nun partout nicht zu Freiheit und Bezahlung überreden lassen wollen; man erfährt, welche schrecklichen Machtkämpfe es in der Zauberwelt gibt und dass diese Welt wahrhaft kein gemütlicher Ort ist; und man kann schauerliche Zauberer voll in ihrer schauerlichen Aktion sehen und in der höchsten Not den rettenden singenden Phönix. All solchen merkwürdigen Kram kann man da lernen…
Das ist gefährlich: Kinder könnten lernen, ihre Phantasie zu entwickeln.

***

Also soviel Gefahr durch Harry Potter? Vergleichen wir einmal:

Die oben zitierte Presse warnt vor Hexenglauben – schwarzen Messen undsoweiter. Das sind schreckliche Dinge in unserer realen Welt, die leider nicht geleugnet werden können. Bedauerlicherweise hat es sie immer gegeben: Es gibt irrational denkende, glaubende, handelnde Menschen – kranke Menschen und solche, die sie in ihren Bannkreis ziehen und zu ebensolchem Denken, Glauben und Handeln überreden: indem sie sie von sich abhängig machen und sie durch psychischen Terror beeinflussen. Gegen solchen kriminellen Wahnsinn muss man mit allen Mitteln angehen, ob er nun in psychischer Krankheit oder in dem Irrsinn fehlgeleiteten Sektenglaubens seinen Ursprung nimmt.

Die dunklen – und die lichten – Seiten der menschlichen Seele sind immer, in Märchen und in Sagen und in Religionen, zu Symbolgestalten verdichtet worden, die Menschen haben sie für sich greifbar, begreifbar, haben sie sich vertraut zu machen versucht und sie in ihren erzählten Schicksalen auch zu bannen versucht: das Gute und das Böse gegeneinander antreten lassen und meist das Gute siegen und auferstehen lassen – „durch Nacht zum Licht”. Und so konnten wir als Kinder nach den spannenden Geschichten immer wieder beruhigt und getröstet aufatmen, wenn wieder mal der Bösewicht eingesperrt, die Hexe verbrannt war. Im Horror vieler „moderner” (Fernseh- und Video-) „Märchen”, Geschichten und Reportagen siegt oft nicht mehr das, was wir für etwas „Gutes” gehalten hätten, – oder es findet vor unseren Augen, was schlimmer ist als in der Phantasie, soviel Horror statt, dass die Angst sich am Ende nicht auflösen kann, dass sie bleibt oder sich nur in Alpträumen, in Hass und Abwehr und gewalttätigen Aggressionen entladen kann. Was wird in diesen „modernen” Geschichten gelernt? Es wird gelernt: Gewöhnung an blinde ungebremste Aggression, Gewalt, Bedrohung. Und gewiss werden also immer wieder Figuren aus den verfügbaren Szenarien unserer „Kulturen”, Sagen, Märchen, Religionen, Videos, aber auch aus der Weltgeschichte, von geistig verwirrten Menschen für ihre abnormen Phantasien und Taten benutzt – das kann man nicht den Quellen vorwerfen. (Die Psychiatrie ist voll von größenwahnsinnigen Napoleons).

Sollte also in Zukunft jemand Gestalten aus Harry Potter für seinen privaten Horror benutzen, – so wäre das rein zufällig das, was ihm die aktuelle Kultur anbietet; ohne Harry Potter hätte er sich anderer Symbole bedient.

***
Aber was ist denn nun mit dem Bösen bei Harry Potter? Mit den Hexen und Zauberern und dem Unnennbaren, absolut Bösen, dem Lord Voldemort („Todesflug”)?

Soll man eine Welt voller tödlicher Gefahren zeigen? Soll man zeigen, wie Gefahren nach den geltenden poetischen Regeln mit Mut und Zagen, mit Erfindungsreichtum und Tapferkeit überwunden werden oder wie einmal ein Held untergeht? Wie Betrug und Lüge oder wie Wahrheit siegt? Welcher böse Machtkampf zwischen Mitarbeitern des Zauberer-Ministeriums tobt? Was alles bei einem Turnier passiert, das das gegenseitige Verständnis unter den argwöhnischen Magiern verschiedener Länder fördern sollte? Wie das Kennenlernen beim „Turnier” die Magier der verschiedenen Länder gegen das alle bedrohende Böse vereinigen soll? „…angesichts der Rückkehr Lord Voldemorts sind wir so stark, wie wir einig, und so schwach, wie wir gespalten sind” (Bd.4, S. 755). Ja, soll man denn das zeigen? Solche Dinge passieren ja doch nicht in unserer richtigen Wirklichkeit, denn die ist ja doch nicht so – oder was?

***

Wer alle diese Gefahren, die zuerst und die zuletzt geschilderten, sehen kann, der mag es wohl verstehen: warum Kinder die Geschichten so spannend und sympathisch finden und den Harry Potter so gerne lesen:

Sie lesen Harry Potter, aber sie lesen auch das Märchen ihres eigenen Elends und ihres Heldentums: Harry wird so wenig geachtet und ist doch etwas so Besonderes. Harry hat sogar seine Eltern verloren (wer hat schon die besten Eltern von der Welt?) und weiß sich doch noch von ihnen getragen. Er fühlt sich oft nicht genug geliebt und wird doch geliebt. Er fühlt sich oft einsam, aber er hat auch Freunde. Er hat oft Angst, er weiß oft nicht, was richtig wäre oder was er tun soll. Er ist schwach und kann sich doch mächtige Helfer aufrufen – oder sie finden ihn -, und so entkommt er immer neuen Gefahren. Er müht sich in der Schule ganz furchtbar und ist sich doch nicht sicher, ob er es schafft. Harry darf weinen: Warum sollten die Leser es nicht auch dürfen? Und dass so manche der erwachsenen Zauberer so böse sind – sollte man nicht etwa gar frühzeitig lernen, auf der Hut zu sein – in unserer so guten Welt?

Und was also lernen sie aus Harry Potter an Gefährlichem wirklich? Ich glaube, sie spüren, dass dort – trotz aller Gefahren und Bewährungsproben – eine Welt, eine Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit, existiert, erreichbar über Gleis 93⁄4, die in der sogenannten normalen Realität – eben verborgen ist. Es ist keine Flucht, die sie antreten, sondern es ist eine Entwicklung, auf die sie sich einlassen, – allerdings ohne es zu wissen, denn sie lesen ja einfach nur eine spannende Geschichte, so wie sie auch Märchen gelesen haben.

Und warum lesen die Erwachsenen H.P. so gerne? Weil sie immer so schrecklich erwachsen sein müssen. Und weil es da nicht immer so gut ausgeht. Und weil sie so oft gedemütigt worden sind. Und weil sie noch ein bisschen Kinder sind und ein bisschen lernen wollen. Was denn lernen? Was oben steht. Oder dies – noch so eine gefährliche Sache: „Es ist jedoch meine Überzeugung, dass die Wahrheit immer der Lüge vorzuziehen ist … „ (Bd. 4, S. 754) oder: „Noch hat es keinen Sinn, sich Sorgen zu machen, dachte er (…) was kommen musste, würde kommen … und wenn es da war, würde er den Kampf aufnehmen müssen” (S. 767).

Und es ist ja alles nicht wirklich gefährlich, denn nicht wahr, wir wissen ja, wohlig zurückgelehnt lesend, dass es über Harry noch mindestens drei weitere Bücher geben wird, – also was soll die Aufregung: Er wird weiterleben! (Auch am Schluss, denn wer wird dann noch seine Zauber brechen können?).
*) Schweinewarze, engl.: Hogwarts. In dem hervorragenden Text bleiben die englischen Namen meist unübersetzt, und dadurch entgeht deutschen Lesern einiges von der Ironie des Buches, die sicher auch Kinder zu schätzen gewusst hätten.

Brief an eine ratlose Mutter

von Urte Skaliks (copyright)

Darf ich Sie heute einmal so ansprechen, als seien wir uns schon etwas besser bekannt? Es geht Ihnen heute wieder einmal gar nicht gut. Ihre Tochter zieht sich zurück, will nicht mit Ihnen sprechen. Sie sehen, wie sie sich quält. Sie schläft nicht, sie mag nicht essen oder gibt alles wieder von sich, sie verbarrikadiert sich in ihrem Zimmer, sie kommt in Panik angelaufen und mag doch nicht sagen, was sie hat. Sie klammert sich an, sie scheint schier zu verzweifeln, aber sie ist patzig, sie stößt Sie, ihre Mutter, oder auch ihren Vater zurück. “Laßt mich in Ruhe!”

Dann die Gedanken in Ihrem Kopf – immer die gleichen Fragen:
“Warum ist sie so – so abweisend, so verbockt? Manchmal könnte ich sie einfach so schütteln, damit sie zur Vernunft kommt. Aber ich weiß schon, dann komme ich überhaupt nicht mehr an sie heran.
“Ich kenne meine Tochter doch ganz genau, sie hat doch Vertrauen zu mir, wir haben uns doch immer so gut verstanden. Sie hat – hatte mir doch immer alles erzählt. Aber das war einmal.
“Sie hatte doch Vertrauen zu mir – aber hat sie es noch? Kenne ich sie jetzt noch? Ich kenne mich überhaupt nicht mehr mit ihr aus. Was hat sich denn bloß geändert? Und wann hat das angefangen?
“Ist das einfach so ein schwieriges Alter? Sind die anderen Mädchen denn genauso? Sicher, wir waren früher auch mal zickig, hatten unsere kleinen Geheimnisse. Etwas ganz für sich haben – das wollten wir auch, ein bißchen dagegen sein, wenn die Eltern uns Vorschriften machten. Die Freundinnen waren uns wichtiger geworden, was sie meinten, was sie anzogen, wie sie sprachen. ‚Seid nicht so bockig’ – wie oft haben sie das zu uns Kindern gesagt.
“Aber jetzt meine Kleine – ist sie gar nicht bloß verbockt? Sie deutet sogar an, sie wolle sich umbringen. Ist da etwas Schlimmes gewesen, mit dem sie sich herumschlägt, von dem ich nichts weiß? Ich denke immer gleich an das Schlimmste. Ihre Schulnoten? – Die sind aber nicht mal soviel schlechter geworden, da macht sie sich keine Sorgen, das kann es nicht sein. Wir setzen sie da nicht unter Druck. Drogen? – Aber in dem jungen Alter? Oder ist da jemand, der sie quält? In der Schule ist der Ton auch immer rauher geworden, das liest man überall. Aber sie fahren doch immer zu mehreren hin.
“Oder neuerdings – der schrecklichste Gedanke: Mißbrauch? Aber wer? Bei uns doch nicht! Hier leben die Kinder doch noch in so einer behüteten Umgebung, die Familie hält doch so gut zusammen, dörfliches Umfeld, werden noch an den Bus gebracht, wenn es stürmt und schneit, jeder kennt jeden.
“Und sie hat doch auch alles. Kann man auch des Guten zuviel tun? Haben wir sie zu sehr verwöhnt? Oder ich, habe ich sie zu sehr verhätschelt? Mein Mann meint, sie spielte sich bloß auf, und ich müsse mal andere Saiten aufziehen. Sonst werde sie dem Ernst des Lebens nicht gewachsen sein. Der Ernst des Lebens? Mir scheint, der ist schon längst da. Ja, das ist jetzt schon die Härte. Schlimmer kann es im Moment doch gar nicht mehr werden. Oder ist das vielleicht eine Krankheit, was sich da abspielt?
“Ich habe mich doch immer nur auf die Kinder eingestellt, extra aufgehört zu arbeiten, mit Freundinnen Probleme gewälzt, Erziehung, Erziehung, immer unser großes Thema. So viele Bücher darüber gelesen, und das nützt mir jetzt alles nichts. Und ich dachte noch vor kurzem, ich sei eine gar nicht so schlechte Mutter. Ich stehe vor einem Rätsel.
“Etwas muß fundamental falsch gelaufen sein. Was habe ich bloß falsch gemacht? Was soll ich bloß tun? Kann ich überhaupt was tun? Ich brauche Hilfe.”

So oder ähnlich mag das in Ihrem Kopf kreisen – Sorgen, Fragen, Rätsel, Enttäuschung, Hilflosigkeit, auch wohl Schuldgefühle. “Habe ich was verpaßt? Etwas Wichtiges nicht bemerkt? Wo liegt der Knackpunkt? Vor allem, wie kann ich dem Kind helfen? Es stellt sich nicht an, das stimmt nicht, das Kind hat was, etwas hat es völlig aus der Bahn geworfen.”

Was können Sie als Mutter tun? Sie denken schon, daß Sie Hilfe benötigen, Sie und Ihre Tochter, alle beide, oder sogar die ganze Familie. Das wird wohl so sein, und darauf werde ich gleich noch eingehen. Aber zuerst wollen Sie vielleicht erfahren, was Sie sofort noch selbst tun können? Ein Brief allein kann sicher kaum helfen, aber trotzdem … Erinnern Sie sich einmal mit mir an einige Gefühle aus Ihrer eigenen Kindheit.

Erinnern Sie sich, wie das war, wenn jemand sich einmal richtig Zeit für Sie nahm? Wenn einer wirklich zuhörte – das war doch immer etwas ganz Besonderes. Auch als Kind wollte man doch immer schon “verstanden” werden, und wie oft fühlten Sie sich vielleicht zurückgewiesen: “Keine Zeit. Muß das denn jetzt sein? Geh ein bißchen spielen! Was hast du denn jetzt schon wieder?” Haben Sie es nicht früher als Kind einmal erlebt, wie gut es tat, wenn Ihnen mal nicht sofort dazwischengeredet wurde? Wenn Ihnen jemand zuhörte? Oder auch wenn einer nicht immer alles sowieso besser wußte? Wenn mal nicht versucht wurde, Ihnen Ihre Gefühle auszureden? Was mag es aber bedeuten, wenn ein Kind von sich aus dies zurückweist, – gehört zu werden?

Ich habe immer wieder einmal erwachsene Menschen, Mütter und Väter, Lehrerinnen und Lehrer und auch Studenten gefragt, was ihre schlimmsten und ihre besten Kindheits – Erinnerungen waren. Da habe ich viel darüber erfahren, was Kindern gut tut und was ihnen gar nicht gut tut.

Die schlimmsten Erinnerungen Erwachsener gehen immer darum: Da hat mich ein Erwachsener gedemütigt, hat mich vor allen bloßgestellt, hat an allem was zu kritisieren gehabt, hat niemals etwas an mir anerkannt.
Da hat mir ein Lehrer nicht geglaubt, als ich wirklich recht hatte, und danach mußte ich ihn eben anlügen, um mich zu schützen.
Da hat mir der Vater nicht zugetraut, daß ich etwas konnte, und dann konnte ich es auch nicht, weil ich so aufgeregt war.
Da hat mir jemand etwas abverlangt, das meine innersten Gefühle verletzte, und das ist mir noch Jahre nachgegangen.
Da hat mir ein Stärkerer etwas angetan, gegen den ich mich nicht wehren konnte, und ich habe lange zu keinem Menschen mehr Vertrauen fassen können.
Da ist mir immer wieder jemand über den Mund gefahren, und da bin ich für lange Zeit verstummt.
Da fühlte ich mich schwach und elend und hatte Angst, und ich wollte mich verkriechen und wußte nicht wohin.
Und mein Groll und mein Mißtrauen sind gewachsen und gewachsen.

Und was waren die besten Erinnerungen? Sie waren das genaue Gegenteil dazu:
Da hat mir der Vater zugetraut, daß ich etwas schaffen konnte, und ich habe es geschafft, obwohl ich mich schrecklich anstrengen mußte, und dann habe ich mich so gefreut und habe mir wieder mehr zugetraut.
Da hat mir der Lehrer geglaubt, obwohl ich schon öfter mal gelogen hatte, und ich habe ihn nie mehr angelogen.
Da hat mich die Mutter dafür anerkannt, daß ich etwas gut gemacht hatte, auch wenn es gar nicht mal so schwer war und andere es eigentlich für selbstverständlich hielten, da wurde ich richtig glücklich und habe mich später besonders angestrengt.
Da hat jemand meine Angst respektiert und mich nicht zu etwas gezwungen, das ich nicht wollte, und da habe ich die Angst ganz allmählich überwunden.
Da hat mir jemand einfach so zugehört, und da lernte ich … ja, was lernte ich nicht alles!

Der große polnische Arzt Janusz Korczak, der mit den Kindern seines Waisenhauses im KZ in den Tod gegangen ist, obwohl er sich hätte retten können, hat die “Achtung vor dem Kinde” in seiner Charta der Menschenrechte der Kinder zu verankern versucht. “Achtung” – das ist es, was Kinder zuerst einmal brauchen.

Was soll man denn aber tun und was lassen? Das ist eine schwere Frage für die ratlose Mutter, den hilflosen Vater, es ist das Problem, das die Eltern haben, – es ist nicht ein Problem des “verschlossenen” Kindes. Ich denke, die Erinnerungen der oben genannten Mütter und Väter können uns viele Hinweise dafür geben, was man tun und was man nicht tun soll.

Die erste und wichtigste Botschaft für Eltern kann wohl ganz einfach mit einem Wort genannt werden: dasein. Oder mit vielen gleichbedeutenden Worten: sich Zeit nehmen für das traurige Kind – so wie für einen lieben Gast, sich als Erwachsener zurückhalten, nicht alles sofort besser zu wissen glauben, “zuhören”, auch wenn das Kind gerade nichts sagen will, es so “annehmen”, wie es ist oder sich zeigt, es erfühlen, – eben einfach für es dasein, es mal in den Arm nehmen, wenn es das erlaubt. Das “einfache” Wort DASEIN enthält dann viele scheinbar schwere Aufgaben für die Eltern, – ich sage, nur “scheinbar” schwere, weil ich glaube, daß die meisten Menschen das Gemeinte schon ganz gut aus ihrer Kinderzeit kennen, – weil sie es erlebt oder weil sie es entbehrt haben. Diese Zuwendung dann geben zu können, fällt Menschen oft schwer, weil der Alltag immer wieder so vieles fordert, das vorzugehen scheint.

Wenn Sie dies gelesen haben, werden sich an manchen Stellen auch Schuldgefühle geregt haben. Sie haben ja schon so vieles mit Ihrem Kind versucht, vielleicht haben Sie sich auch gegenseitig schon sehr verletzt. Dann ist es oft schwer, sich wieder unbefangen in die Augen zu sehen. Wenn Ihr Kind solche Hilferufe sendet, wie Sie sie gehört haben, dann brauchen Sie noch mehr und weiter gehende Hilfe. Es sind Alarmzeichen, bei denen Fachleute Ihnen zur Seite stehen müssen.

Es ist nie einfach, die Scham zu überwinden und professionelle Hilfe zu suchen. Aber Sie können, wie viele andere Menschen in vergleichbarer Lage, zu einer Beratungsstelle für Lebens- und Familienfragen oder in eine Kinderklinik mit Psychologen und Ärzten gehen und sich Rat holen. Diesen Fachleuten ist nichts an Ihren Sorgen unbekannt. Sie kennen viele Familien mit ähnlichen Problemen und Fragen. Man weiß dort, welche Entwicklungsprobleme die Kinder heute oft haben, welche Ursachen dahinterstecken können. Nach denen muß man gemeinsam suchen, und dann kann man herausfinden, was man miteinander tun kann, – welche Wege aus der Verzweiflung führen können.

Nun noch was ganz Banales: Sie müssen hartnäckig sein, damit man Sie nicht erstmal auf eine lange Warteliste setzt. Es ist Ihnen ja sehr ernst, es ist ja für Sie sehr dringlich – für besonders große Sorgen gibt es immer Termine außer der Reihe!

Ich wünsche Ihnen viel Mut und viel Glück mit Ihrem Mut. Ihre Brigga

Brief an die schweigenden Kinder. Hallo, liebes Mädchen, lieber Junge,

von Urte Skaliks (copyright)

Du wunderst Dich sicher über diesen Brief und über die Anrede. Bist Du auch eins von den vielen Kindern, die nicht sagen können, was ihnen so schwer auf der Seele liegt? Ich habe von vielen Müttern gehört, daß sie sich große Sorgen machen, weil ihr Kind so viel Kummer hat und weil sie ihm so wenig helfen können.
Ich habe auch schon mit vielen Jungen und Mädchen gesprochen, die sich Sorgen machen. Deshalb möchte ich Dir ein paar Dinge erzählen, die Dich vielleicht interessieren: über Kinder, wie Du eins bist, starke Kinder, die sich sehr in ihren Kummer vergraben hatten und niemandem etwas davon sagen mochten. Sie redeten immer nur innerlich mit sich selbst und drehten sich dabei wie im Kreis. Da kommt man dann schwer wieder raus.
Auch Du bist ja so ein starkes Kind. Du schaffst es schon seit längerer Zeit, etwas, das für Dich sehr wichtig sein muß, für Dich zu behalten. Niemand soll es erfahren. Aber es macht Dich fast schon krank. Du hast düstere Gedanken deswegen.
Manchmal schweigen Kinder, weil ihnen etwas so schrecklich erscheint, daß es niemand wissen soll. Gedanken, die sie haben, oder etwas, das geschehen ist. Vielleicht glauben sie, es sei schrecklicher als alles, was irgendein Mensch erlebt hat, weil es sie so verzweifelt macht.
Ich kenne das, weil ich auch so ein Kind war, das schon mit zehn Jahren alles nur mit sich selbst ausmachen wollte. Gerade über das, was mich wirklich belastete, habe ich nicht gesprochen. Nun habe ich natürlich keine Ahnung, was Dich so sehr beschäftigt, was Dich quält. Aber daß ein Kind sich manchmal so alleine fühlt, daß es nicht mal der Mutter etwas sagen kann, das kennen ganz viele Kinder. Sie schweigen über das, was ihnen am wichtigsten ist. Sie schweigen über ihre größten Sorgen. Du wirst Harry Potter kennen: Der hat keine Eltern mehr und zuerst auch keinen Freund. Er fühlt sich ganz abgelehnt, bis er dann seine Freunde findet.
Vielleicht denkst Du auch, kein anderer könnte verstehen, was Du fühlst und erlebst? Und schon gar kein Erwachsener? Denn was wissen Erwachsene schon von Kindern? Was wissen sie davon, was Kinder wirklich erleben? Als ich noch ein Kind war, habe ich immer gedacht, nur Kinder hätten Gefühle. Da mußte ich sehr stark sein. Vielleicht hatten aber die Erwachsenen ihre Verzweiflung nur so gut versteckt gehalten? Fast alle Menschen kennen das nämlich. Sie meinen, daß sie über manche Dinge nicht sprechen können. Einige können aber darüber schreiben.
Als ich älter wurde, hatte ich dann immer noch Gefühle. Überhaupt alle erwachsenen Menschen haben welche und fühlen sich manchmal stark und manchmal schwach oder ängstlich. Daß die Großmütter Gefühle haben, das weißt Du sicher. Und die können sie meist auch ausdrücken, weil sie keine Angst mehr davor haben. Und dann machen die Sorgen und die ängstlichen Gedanken auch nicht mehr krank.
Aber Du – hast Du Dir vielleicht vorgenommen – oder Dir versprochen, daß Du nichts über Deine Gefühle oder das Geschehene sagen willst? Aber nun merkst Du, wie schwer das ist? Du kannst vielleicht nicht mehr ruhig schlafen und nicht mehr lachen, weil es Dich so sehr ängstigt? Weil das Starksein so anstrengend ist?
Oder hast Du vielleicht sogar einem anderen Menschen versprechen müssen, daß Du etwas verschweigen wirst? Sicher hast Du gelernt, daß man ein Versprechen halten muß. Aber ob Du es Dir nun selbst versprochen hast oder jemand anderem: Ein Versprechen, das einen krank macht, das muß man eben nicht halten! Das wäre nämlich ein Mißverständnis: weil niemand so ein Versprechen verlangen darf. Du bist viel zu wichtig, als daß irgendwer Dich so ausnutzen dürfte!
Heißt das jetzt, ich will Dir sagen, man soll ein Versprechen nicht halten? Nein, das verstehst Du schon. Welche Versprechen muß man halten? Wenn man etwas ganz freiwillig versprochen hat und dadurch nicht unter Druck geraten kann, dann soll man es halten. Wenn aber nur ein anderer den Vorteil davon hat, dann gilt es nicht. Wenn man sich nicht frei entscheiden konnte, wenn man unter Angst und Zweifeln etwas geheimzuhalten versprochen hat, dann gilt das Versprechen nicht. Es gilt auch nicht, wenn man nur aus Freundlichkeit nachgegeben hat und es in Wirklichkeit gar nicht wollte oder nur so halb wollte. Das eigene Gefühl dabei ist ganz wichtig.

Und dann noch: Über etwas zu schweigen, das kannst Du sogar nicht einmal Dir selber versprechen. Denn könnte es nicht sein, daß sich gerade durch Sprechen mit anderen die Lösung findet? Die Lösung, die das Schweigen überflüssig macht? Die Lösung, die das Leben wieder fröhlich macht? Das habe ich inzwischen gelernt. Aber man muß eben die richtigen Menschen finden, mit denen man reden kann. Solche, die gut zuhören können. Solche, die Dich nicht zu etwas überreden wollen.
Und übrigens – das Starksein, das Dir so wichtig ist? Stark sein ist wirklich was Gutes. Aber auch stark sein muß man nicht immer. Wenn das auch manche Leute anders sehen, – man muß wirklich nicht immer stark sein, schon gar nicht als Kind. Dafür sind erst mal Erwachsene da, und auch die können sich von andern helfen lassen.
Niemand soll Dich zwingen zu reden, wenn Du nicht wirklich reden willst. Aber Du sprichst doch sowieso immer mit Dir selber, fragst Dich und suchst nach Antworten, und da drehst Du Dich vielleicht auch immer im Kreis und findest nicht raus? Du darfst Dir ruhig hinaus helfen lassen.
Ich wünsche Dir, mir, uns allen, daß es Dir bald wieder besser geht. Deine Brigga

Bäume betrachten im Winter

von Urte Skaliks (copyright)

Ich liebe es, im Winter die klaren Strukturen der unbelaubten Baumkronen vor dem Himmel zu sehen. Kürzlich aber sah ich aus dem Fenster im Obergeschoß in den kahlen Baum unter mir und entdeckte etwas, das mir von unten nie aufgefallen war. Die drei großen Äste der Zwerg-Ulme ragen in die Runde um den Stamm, und die kleineren und die feinen und feinsten Äste verzweigen sich so voneinander fort, dass jeder einzelne zwischen oder unter und über den anderen gerade seine Lücke findet. Nirgends berühren oder stören sich die Äste, und sie haben das auch nicht getan, als sie noch belaubt waren. Im Sommer sieht die Ulme mit ihren flachen Blätterkissen fast wie eine Schirm-Akazie oder eine Pinie aus.
Wie sonderbar, dachte ich, dass sie alle voll ausgebildet und verzweigt sind und sich doch nicht in die Quere kommen. Der Bauplan des Baumes hat ihnen vorgegeben, wie sie wachsen sollen.
Da erinnerte ich mich an die beiden nebeneinander im Garten stehenden Pflanzen, die mich schon länger erstaunt hatten. Da hatte die Zirbelkiefer ihre Äste am Ende leicht abgewinkelt, wo sie in das Rund eines ausladenden Jasminbusches hätten hineinwachsen müssen. Wenn die Blätter abgefallen sind, kann man oft solche Kompromisse sehen, wo die Bäume zu dicht stehen.
In unserem Dorf hat man vor Jahrzehnten einmal zwei Linden nahe nebeneinander vor ein Haus gepflanzt, die heute gewaltig groß sind. Jeder Baum hat nur an der äußeren, dem anderen abgewandten Seite eine Krone ausgebildet, eine halbe Krone also, in der Mitte aber nur wenige schwächere Äste. Fast jeder auf dem Land kennt solche Zwillingsbäume. Es können auch Buchen sein. Im Sommer denkt man von ferne, man habe nur einen einzigen Baum vor sich, bis man die beiden Stämme erkennt. Manchmal sind es sogar zwei Stämme, die aus einer Wurzel kommen. Seltener gibt es die sehr nah zusammen stehenden, bei denen noch große Äste ineinander verwachsen. Zuweilen trifft man auch auf Drillinge, bei denen der mittlere nur ganz schwach ausgebildet ist. Wenn sie nicht alle frühzeitig und zuzeiten immer wieder gründlich beschnitten werden und dann aber ganz künstlich aussehen.
Außer diesen aber kennen wir auch alle die einzeln stehenden gewaltigen Eichen und Linden und Buchen mit ihrer vollen Krone, in einer welligen Ebene gelegen, in allen Jahreszeiten fotografiert und als Poster zu kaufen. Diese Bäume mußten nie auf einen Zwilling Rücksicht nehmen. Sie konnten alles werden, was ihrem Keim an ihrem Standort möglich war – aber sie konnten es nur allein.
Das gibt aber nun zu denken. Sollten manche dieser Regeln etwa auch für Menschen gelten? Aber kann ein Mensch „ganz allein er selbst” werden? Menschenkinder brauchen jemand neben sich und trotzdem Raum.
Schlußendlich läßt sich festhalten, daß die beschriebenen Konstellationen sich wohl eher nur bedingt als Entsprechungen zum Menschenleben verstehen lassen. Fernerhin ist zu bedenken: Menschen können sich fortbewegen. Und doch … eben nur, wenn sie sich fortbewegen können.
Aber es war ja nur die Rede von Bäumen.

Der Weg zum Paradies

von Heidi Muell (copyright)

Die riesige Düse des Jets saugte mich an und schien mich zu verschlucken.

Als ich wieder zu mir kam, fand ich mich auf einer einsamen Lichtung stehend, die von Mischwald umgeben war. In der Ferne hörte man einen Vogel schreien, der Wind strich raschelnd durch das Blattwerk der Bäume – ansonsten war es ganz still. Ein schmaler Pfad schlängelte sich durch den Wald. Neugierig und verwundert ging ich ihn entlang, bis ich zu einer Häusergruppe kam, bestehend aus vielleicht sieben oder acht Häusern. Langsam näherte ich mich dieser Siedlung.

Vor dem ersten Haus saß eine Frau auf der Bank und war mit Stricken beschäftigt. Ich traute meinen Augen nicht – denn ich erkannte meine Großmutter in dieser Frau – ganz klar und deutlich. Sie war es, nur wesentlich jünger und frischer, als ich sie je erlebt hatte. Ich erinnerte mich an die schreckliche Krankheit, die sie jahrelang zu tragen hatte, Parkinson, und die weder für sie noch für die Menschen ihrer Umgebung, die meine Oma pflegten, alles andere als leicht gewesen war.

Jetzt saß sie da und strickte mit sicheren Fingern – ich sah sie, aber sie sah mich nicht.

Vor dem zweiten Haus sah ich eine Gruppe Kinder spielen, im Alter etwa von 4 bis 14 Jahren, drei Jungen und drei Mädchen. Ich blieb lange stehen, um ihrem Spiel zuzuschauen – fassungslos, denn so etwas kannte ich nicht: wie Kinder durchweg friedlich miteinander spielen und sich einander mit Respekt begegnen – und das jetzt immerhin schon länger als eine halbe Stunde – das war für mich unbegreiflich. Jegliche Erfahrung, die mein Leben bisher gesäumt hatte, sprach dagegen. Nicht einmal fünf Minuten wären vergangen, bevor diese Kinder sich verbal und non-verbal gegenseitig die Köpfe eingeschlagen hätten. Ich kam zum nächsten Haus. Erst jetzt fiel mir auf, dass zwischen den einzelnen Häusern keinerlei Begrenzungszäune oder ergleichen angelegt waren, die Gärten liefen fließend ineinander über. Ich dachte an den Krach, den wir daheim mit Müllers hatten, die peinlich genau darauf bedacht waren, dass wir auch ja keinen Strauch zu dicht an die Grundstücksgrenze setzten und damit die Möglichkeit schafften, ihren eigenen Garten eines Tages durch herüberwachsendes Geäst zu verunstalten.

Als nächstes sah ich, wie ein Mann an einer Leinwand arbeitete und ein farbenfrohes leuchtendes Bild malte. Ganz versunken schien er in diese Arbeit zu sein.

Im hintersten Haus spielte ein etwa 15-jähriger Junge auf seiner Violine, und ich konnte nicht anders als eine Weile stehen zu bleiben und dem melodischen Klang zu lauschen.

Plötzlich sprach mich von der rechten Seite jemand an und legte mir dabei seine Hand auf die Schulter: “Willkommen!” – “Wer sind Sie?” fragte ich etwas unsicher. – “Ich bin der Engel des Paradieses. Was du hier siehst, das ist ein Stück des Paradieses, zu dem viele Menschen auf der Erde unterwegs sind. – “Diese Menschen scheinen vollends glücklich und zufrieden zu sein”, meinte ich, “arbeiten die denn gar nichts? Wovon leben sie?” – “Oh”, erwiderte der Mann, “glaube nicht, dass es hier so etwas wie Mangel oder gar Langeweile gäbe. Jeder beschäftigt sich mit dem, was er am allerliebsten tut. Aber der Fluch der Arbeit existiert nicht mehr. Siehst du nicht die vielen Obstbäume und Gemüsebeete und all die Felder? Alles, was die Menschen zum Leben brauchen, wächst hier. Und wenn du genau hinschaust, wirst du erkennen, es gibt auch kein Unkraut und keinerlei Schädlinge.”

Es war beeindruckend.

“Warum sehe ich diese Menschen dort – aber sie scheinen mich nicht zu sehen?” wollte ich wissen.

“Weil du nicht wirklich hier bist – noch nicht. Erinnerst du dich an deinen Unfall beim Flugzeug? Du bist nicht getötet worden – du liegst im Koma – und dadurch hast du die Chance, all das jetzt kennen zu lernen, vor der Zeit.”

“Und hier kommen alle Menschen hin, die gestorben sind?” fragte ich.

“Oh, nein, beileibe nicht.” antwortete der Mann zu meiner Rechten, der sich als Engel vorgestellt hatte. “Hier kommen nur diejenigen Menschen hin, die in ihrem Leben bedingungslose Liebe gesucht und gegeben haben.”

Ich dachte an meine Oma. Oh ja, sie war eine herzensgute Frau gewesen, immer auf das Wohl ihrer Lieben bedacht.

“Perfekt war niemand von diesen Menschen zu seinen Lebzeiten – aber jeder hatte die Liebe in seinem Herzen wohnen und war darauf bedacht, diese Liebe weiterzutragen an andere Menschen, denn jeder Mensch braucht Liebe. Perfekt werden sie erst hier, denn alle unguten und lieblosen Einflüsse der Welt, auch alle Mühen und Beschwerden, existieren hier nicht mehr.”

“Und die anderen Menschen?” wagte ich vorsichtig zu fragen. “Wo halten die sich auf, wenn sie gestorben sind?” Mir fiel alles Schäbige ein, dass schäbige Menschen auf Erden vollbracht haben – aller Betrug, Korruption, Machtgier, Gewalt, alles Böse.

“Die sind nicht hier”, antwortete der Mann, “sie würden sich hier auch nicht wohl fühlen, denn all das, an das sie sich in ihrem Leben geklammert haben, trägt hier keine Bedeutung mehr. Sie würden ersticken, wären sie hier.”

“Wo sind sie aber?” beharrte ich auf meiner Suche nach einer Antwort.

“Schmoren sie in der Hölle, während das hier das Paradies ist?”

“Nein”, erwiderte der Engel. “Sie sind an einem anderen Ort, der von hier aus nicht zugänglich ist. Dort ist es genau umgekehrt: Sie können da all ihre Lieblosig- und Boshaftigekit aneinander ausüben, und alles, was Liebe atmet, ist ihrem Einflussbereich entzogen.”

Ich dachte über diese Worte nach.

Der Mann fügte hinzu: “Es dreht sich alles um die Macht der bedingungslosen Liebe. Wo diese da ist, wird sie vollendet werden – wo diese fehlt, wird alles andere schmelzen wie eine Schneeflocke in der Sonne.”

“Was beinhaltet bedingungslose Liebe?” wollte ich wissen.

“Es ist die Herzenshaltung, die bereit ist Liebe zu geben, ganz gleich ob sie Liebe zurück erhält oder nicht – ohne jeglichen Hintergedanken, ohne jede Berechnung. Auf der Erde findet man in den Herzen der Menschen, die auf dem Weg hierher sind, bisweilen nur einen kleinen Funken davon – hier im Paradies jedoch wird dieser Funke voll entfacht und erwächst zum Lebensprinzip – so, wie du es hier beobachten kannst.”

Plötzlich war mir, als befände ich mich wieder in der Düse des Jets. Ich erwachte langsam aus meinem Koma – und begann von der Stunde an, meine Umwelt und mich selbst mit ganz anderen Augen zu sehen.

Der Amoklauf

von Heidi Muell (copyright)

Der Gang ist leer, die Türen verschlossen – es herrscht Stille um mich herum. Hinten am schwarzen Brett steht ein Schüler und scheint irgend etwas zu suchen. Zwei Jahre ist es her – ich stand oft da vor dem Brett, genau wie er. Ich gehe langsam durch den Gang, an den vielen verschlossenen Türen der Klassenzimmer vorbei. In meinem Kopf taucht ein Bild auf.

“Du Nichtsnutz! Du bist so doof wie du lang bist! Aus dir wird nie etwas werden!” Und hinter mir spottendes, unterdrücktes Lachen meiner Mitschüler. Ich gehe weiter. Wie oft bin ich durch diesen Gang, diese Flure geschritten? Unzählige Male! Hinter den Türen höre ich Stimmen – Lehrer, die ihrem vermeintlichen Job nachgehen. Unterrichten. Erziehen. Erziehen? Lehrer, die ihre besonderen Lieblinge haben. Lehrer, die Leute wie mich auf dem Kieker haben. Wir, wir haben keine Chance bei ihnen. Sie haben ihr Urteil über uns längst gefällt. Wir können machen, was wir wollen – einmal unten durch, immer unten durch. Der Geruch des Schulhauses bringt ein Würgen in meinen Hals. Ich versuche es runterzuschlucken.

Plötzlich höre ich hinter einer der Türen die mir sehr vertraute Stimme. Das ist er! Er befriedigte seine Lustgefühle daran, seine Schüler zu tyrannisieren. Er tut es noch, ich höre es ganz deutlich. Die Hände, die ich in den Manteltaschen verborgen habe, ballen sich zu Fäusten. Er hatte im Sekretariat meine Eltern angerufen, während ich weinend und wimmernd daneben stand, Angst und Schrecken in meinen Augen. Die Tür war offen – alle Mitschüler und Lehrer, die vorbei gingen, konnten seine laute und deutliche Stimme vernehmen und schienen plötzlich lange Ohren zu bekommen. Ich bekam stattdessen rote Ohren. OK, ich hatte Mist gebaut. Aber warum musste das jeder erfahren? Warum sprach er in einem derart abfälligen Ton über mich zu meinem Vater, als sei ich ein Stück Dreck? Ich habe das nicht mit Absicht getan! Ich wollte das nicht! Es ist einfach so passiert! Aber niemand glaubt mir! “Ihr Sohn ist nicht tragbar für unsere Schule!” brüllte er. Neugierige Blicke. Verachtende Blicke. Triumphierende Blicke. Zuhause würde mich eine deftige Tracht Prügel erwarten. Es war nicht das erste Mal. Und nicht das letzte Mal. Ich wurde schließlich der Schule verwiesen – einen wie mich wollte man nicht haben. Nun stehe ich hier, in demselben Gang, höre den Tonfall desselben Paukers. Meine rechte Faust umschließt einen harten Gegenstand in der Manteltasche. Ich brauche jetzt nur meinen Mut zusammen zu nehmen, die Tür öffnen, den Revolver aus meiner Manteltasche herausholen, auf ihn zielen – und dann würde alles umgekehrt sein. Dann würde ER voller Angst und Schrecken sein – und das Lustgefühl würde auf MEINER Seite sein, wenn ich endlich abdrückte. Es würde ein herrlicher, ein ergötzender Moment sein……

Er wird niemanden mehr tyrannisieren können. Mein Herz schlägt bis zum Hals. Meine linke Hand greift zur Türklinke, will sie herunterdrücken. Plötzlich fällt mein Blick unvermittelt zur Decke über der Tür. Ich halte inne. Eine Spinne hat sich dort ein Netz gebaut und ist dabei, sich ein Stück weit abzuseilen. Mein Blick bleibt an dem Spinnennetz kleben – und andere Bilder tauchen vor mir auf. Fette Schlagzeilen in der Boulevard-Presse: “Ex-Schüler schießt unschuldigen Lehrer und Familienvater brutal nieder!” – “Lehrer kaltblütig von gewalttätigem Schüler ermordet”. Sondersendungen im Fernsehen. Wie brutal ist unsere Jugend? Wie können sich hilflose Lehrer schützen? Jeder dieser Gedanken und Bilder scheint mich in dieses Spinnennetz da oben hineinzuziehen.

Schließlich finde ich mich vollkommen hilflos in dem Netz wieder, alle ergötzenden und herrlichen Gefühle wie weggeblasen – während der verhasste Pauker triumphierend auf mich zu krabbelt und mich mit widerwärtigem und verspottendem Grinsen umspinnt und genüsslich verspeist.

Ich nehme die Hand von der Klinke, wende mich Richtung Ausgang und verlasse die Schule.

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