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	<title>The-Short-Story &#187; Essay</title>
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		<title>Vom Götterfunken zum Do-it-yourself-Produkt</title>
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		<pubDate>Mon, 25 Jul 2011 08:45:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner-Kurt</dc:creator>
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<p>oder<br />
Auf der Suche nach der verlorenen Freude</p>
<p><em>von <a href="http://www.the-short-story.de/?p=42">Dieter J. Baumgart</a> (copyright)</em></p>
<p>Wir schreiben den 7. März. Draußen hat es geschneit, der Tag kommt über ein mittleres Grau nicht hinaus und für morgen sind in Montpellier -5° C angesagt. Der Kamin mampft die dicksten Eichenbrocken wie nichts weg. Ja, gewiß, werden Sie sagen, ist halt Winter. Aber hier gehört er um diese Zeit nicht mehr hin, nicht mit Schnee und fünf Grad unter Null. Jeden Abend trage ich unsere wilden Orchideen Cymbidium einsteinii in den alten Gemeindebackofen und heute werden sie den ganzen Tag drin zubringen. Aus ihrer Heimat, den höher gelegenen Regenwäldern Südamerikas, sind sie Kälte gewohnt, brauchen sie, um ihre wunderschönen Blüten zu treiben. Aber was zuviel ist, ist zuviel. Die Dolden sind schon bereit, sich zu öffnen. Und das wollen wir dieser verunglückten Jahreszeit nicht opfern.<br />
Was das mit dem Thema Freude zu tun hat? Nichts, eben. Aber vielleicht gibt das Abstand. Ich freue mich auf den Frühling, ich habe mich gefreut. Angesichts des Schnees heute ist es bei der Vorfreude geblieben. Sie soll ja die schönste sein – sagt der Volksmund. Aber wenn ich all die Pflanzen sehe, die unter der Schneelast ihre Zweige hängen lassen, dann geht der Vorfreude auch die Puste aus. Wenn morgen die Sonne scheint, ist sie vielleicht wieder da, die Vorfreude.<br />
Die Vorfreude ist ein Versprechen, das selten gehalten wird. Und wenn sie dann doch kommt, die Freude, dann wurde schon soviel Erwartung in die Vorfreude investiert, das aus der Freude die Luft raus ist. Das ist dann auch keine reine Freude mehr.<br />
Überhaupt: die reine Freude, gibt es die eigentlich? Oh ja, aber&#8230; Im Zeitalter der universellen Selbstbedienung machen wir uns eine Freude, und das geht dann nicht selten in die Hose. Denn je mehr wir aufwenden, an Zeit und Geld und was es sonst so alles an Fördermitteln gibt, um so höher werden die Ansprüche an das Produkt Freude. Wir erwarten eine Lieferung frei Haus, die unseren Wünschen, unserer Vorfreude entspricht. Und wenn das Ergebnis nicht befriedigt, dann wird sich geärgert, nach links und rechts geschaut, wo sich auch geärgert wird, man sieht’s nur nicht, und neuer Versuch. Die wahre Freude – das ist sicher – bleibt auf der Strecke.<br />
Die sanfte kleine Schwester der Freude ist das Lächeln. Unauffällig und doch überaus ansteckend widersteht es allen Mißbrauchsversuchen und erstarrt zum Grinsen, wenn es in falsche Gesichter gerät. Ein solcher Selbstschutz wäre der Freude auch zu wünschen. Doch das Problem liegt schon im Ursprung dieser beiden Vertreter der sympathischen Gemütsregungen. Während die Freude nur all zu schnell menschlicher Selbstsucht zum Opfer fällt, ist das Lächeln ein unsichtbarer Schmetterling, der erst auf den Lippen eines infizierten Menschen sichtbar wird. Beide sind wichtige Regulatoren im menschlichen Zusammenleben, beide waren sie zu Beginn selbständig. Die Freude, schon immer etwas vorlauter als das zurückhaltende Lächeln, bezahlte diese Eigenschaft bald mit der Abhängigkeit vom Charakter des jeweiligen Nutzers, sie wurde benutzt.<br />
Doch wann tritt nun die Freude in ein Menschenleben? Bekannt ist, daß der erste Schrei kein Freudenschrei ist. Er dient vielmehr der Inbetriebnahme der Atmungsorgane, kräftigt die Lungenflügel und erheischt allgemein Aufmerksamkeit, was Zuwendung und das Angebot von Nahrung betrifft. Und nun wird es interessant. Denn jetzt kommt die Freude erstmals ins Spiel und erhellt ihren eigentlichen Ursprung. Es ist die Erwartung eines bereits als angenehm registrierten Ereignisses: Die mütterliche Brust. Dieses Ereignis wird noch nicht durch die Augen, sondern durch die Lippen angekündigt. Und hier findet sich schon ein Hinweis auf die Köstlichkeit des ersten Kusses und die Freuden – und Leiden – der Liebe. Dazwischen liegen Jahre des Lernens, denn der Umgang mit der manipulierbaren Freude ist kompliziert und nicht gefahrlos. Kenntnisse über Risiken und Nebenwirkungen müssen im Learning by doing-Verfahren erworben werden. Daß Schadenfreude eine der häßlichsten Variationen ist, stellt sich spätestens heraus, wenn man selbst das Opfer wird. Andere Variationen verändern unmerklich den Charakter, und die Auswirkungen zeigen sich in der Regel, wenn es zu spät ist.<br />
Soweit, so schlecht. Nun sind da neben der eigentlichen, der Lebensfreude, die Menschen einander näher bringt, Achtung und Verständnis für Andere und Anderes beflügelt und im weitesten Sinne Menschlichkeit befördert, die sogenannten kleinen Freuden. Sie sollen hier nicht unerwähnt bleiben, stehen sie doch für das Schmunzeln aus kleinstem, schadensfreiem Anlaß. Sie zu empfinden, setzt lediglich ein verträgliches Maß an Humor und gutem Willen voraus. Die kleinen Freuden sind die Blümchen am Rande des Lebensweges. Man findet sie hin und wieder auch auf kleineren Abwegen, wenngleich die Gefahr, an etwas Unbekömmliches zu geraten, nicht unbedingt von der Hand zu weisen ist.<br />
Es beginnt schon in der frühen Kindheit, wenn die Erwachsenen, vertieft in wichtige Themen, vergessen, den kleinen Erdenbürger in die Heia zu schicken. Der sitzt dann mucksmäuschen still in einer Ecke und lauscht voller Freude nach dem Motto Dabeisein ist alles. Später dann beim ersten Stelldichein, das heutzutage Date heißt, ist es die Freude, wenn die Angebetete nach einer Dreiviertelstunde doch noch erscheint und beim Abschied sogar ein erster Kuß gewährt wird. Nein, nein, ich lasse mich nicht davon abbringen, das gibt es heute auch noch. Es ist nur ein wenig aus der Mode, so etwas zuzugeben – wetten?<br />
Und dann im hohen Alter und bei funktionierendem Langzeitgedächtnis ist es die Erinnerung an diese kleinen Freuden und vielleicht auch die eine oder andere große Freude, die Sie frei von Eigennutz Jemandem machen durften, der sie dann dankbar mit Ihnen geteilt hat. Es ist die Sorte von Freude, die ein Leben lang wärmt.</p>
<p>Provided by <a href="http://www.universal-frame.com/" title="Universal Frame GmbH - Marketing und Public Relation">Universal Frame GmbH &#8211; Marketing und Public Relation</a></p>

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		<title>Adultera</title>
		<link>http://www.the-short-story.de/2010/09/04/adultera/</link>
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		<pubDate>Sat, 04 Sep 2010 19:10:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner-Kurt</dc:creator>
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<p><em>von <a href="http://www.the-short-story.de/?p=359">Jürgen Jesinghaus</a> (copyright)</em></p>
<p>I.</p>
<p>Einem alten Menschen brauche ich nicht zu erklären, dass die meisten Erscheinungen flüchtig sind, selbst solche mit einer zeitweisen Beständigkeit erscheinen einem Greisen ephemer, weil ihn sein Gedächtnis verlässt und er deshalb die Fülle nicht mehr fasst. Außerdem ist die Welt, die Gesamtheit aller Vorstellungen und Verhältnisse, viel zu groß, als dass wir uns ein zutreffendes Bild von ihr machen könnten. Diese Tatsache ist, nebenbei bemerkt, die Quelle aller Missverständnisse und Anfeindungen. Aber es gibt auch Dinge – ein unzureichendes Wort für das, was ich ausdrücken will – Verhältnisse, Ereignisse, Bilder, Träume, Wünsche, Erlebnisse, Dinge eben, die uns ein Leben lang begleiten und endlich ein Teil von uns selber werden.</p>
<p>Ich erinnere mich so genau an einen Sommerabend meiner Kindheit, als wäre er gestern gewesen. Auf dem staubigen Weg zur Kirche, wo wir nicht rufen und nicht bolzen durften, traf ich Vorbereitungen für ein Spiel, das wir „Stöckchen“ nannten. Wir zogen mit dem Finger oder einem Span zwei Kreise, nicht größer als unsere Arme reichten, wenn wir auf den Fersen hockten. Dann stellten wir uns hinein und versuchten abwechselnd, ein Stöckchen in den Kreis des anderen zu werfen. Anerkannte Treffer wurden durch radiale Striche am eigenen Kreis markiert, so dass der Sieger dastand wie in einem Strahlenkranz.</p>
<p>Mein Spielkamerad war noch nicht eingetroffen. Ich hatte bereits einen Span gefunden und war dabei, den ersten Kreis auf den Weg zu ziehen, da schritt ein fremder Mann an mir vorüber, zuerst sein Schatten, dann er selbst, und blieb vor dem Hauptportal der Kirche stehen. Er hob seinen Kopf, schaute zum Relief des Tympanons empor, nahm seinen Hut vom Kopf, wischte sich mit dem Rücken der Hand, die den Hut festhielt, über die Stirn und vertiefte sich erneut in den Anblick, der uns vertraut war und an dem wir nichts Besonderes fanden. Dann schüttelte er den Kopf, als wäre er mit etwas nicht einverstanden. Ich entschloss mich, dem Mann Auskunft zu geben, wenn er es wünschte, stellte mich neben ihn und blickte abwechselnd auf ihn und auf das Tympanon.</p>
<p>Der Herr, der seinen Hut in der Hand hielt, schaute zu mir hinab, lächelte und setzte seinen Weg fort. Mich ließ er unangesprochen in Betrachtung des Reliefs alleine zurück. Was ich sah? Am linken Zwickel der dreieckigen Supraporte kniet ein Mann, streckt seinen Arm aus und zeichnet mit dem Zeigefinger auf den Boden, wie wir Kinder, wenn wir einen Kreis in den Staub ziehen oder ein Stenogramm hinterlassen, beispielsweise einen Pfeil, um mitzuteilen, in welcher Richtung wir zu finden wären. Hinter ihm stehen zwei Männer, in mehr oder minder gebückter Haltung, die je einen Stein mit ihrer Faust umkrallen und dem knienden Mann über die Schulter glotzen. In der Mitte eine Frau, die ihren Kopf neigt, als würde sie sonst an den Scheitelpunkt des Dreiecks stoßen. Schräg hinter ihr, kleiner als sie, aber muskulös, ein Kerl, der sie am Arm packt. Am rechten Zwickel liegt eine Frau auf den Knien und betet. Im Hintergrund, perspektivisch verkleinert, in einigem Abstand zu den Menschen vorne, ein Mann mit einer Zipfelmütze oder Kapuze, vielleicht ein Polizist, der auf die Frau zeigt, als hätte man sie eines Verbrechens überführt. Schön. Das alles kannte ich. Was war Besonderes daran, dass der Fremde davor stehen blieb und den Kopf schüttelte?</p>
<p>Der Fremde, das stellte sich bald heraus, war unser neuer Klassenlehrer, der aus einem Grund, den ich viel später erfuhr, an unsere Schule versetzt worden war (strafversetzt). Der Mann erkannte mich wieder als den Knirps, der mit ihm zusammen das Relief studiert hatte, und tat so, als wäre ich es gewesen, der als erster etwas Außergewöhnliches daran entdeckt hätte. Er fragte mich, für was ich das Bildnis hielte, und ich entgegnete: für einen Mann, der vor seiner Frau kniet und etwas auf den Weg zeichnet. Vielleicht malt er ihr ein Herz in den Staub? Vielleicht will er Stöckchen spielen?</p>
<p>In der Grundschule sind Lehrer Generalisten, die für alles zuständig sind, für Kunst, Religion, Deutsch, Naturkunde und Gesellschaftslehre. Und so kam es, dass der Neue uns Schülern erklärte, ohne weit von seinem Lehrplan abzuweichen, was die Szene im Tympanon darstellt, nämlich Jesus und die Sünderin, eine Geschichte, die im 8. Kapitel des Johannes-Evangeliums nachzulesen sei. Dort erführen wir, dass Jesus der Sünderin, die gesteinigt werden soll, vergibt, wenn sie Reue zeigt. In der Geschichte heißt es auch, dass Jesus etwas in den Sand schreibt, dann aufsteht und sagt: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie. Das tut niemand, weil alle Menschen, auch Lehrer, Sünder sind. Die Ankläger und Schergen gehen einer nach dem anderen fort. Jesus beugt sich wieder hinab und schreibt weiter, als wäre nichts gewesen. „Aber was er geschrieben hat, das weiß kein Mensch, das hat uns der Evangelist Johannes nicht verraten.“</p>
<p>Wir sollten Vorschläge machen, selber Texte erfinden, die Christus geschrieben haben könnte. Das wollte der neue Lehrer, von dem wir nun wussten, dass auch er ein Sünder war, über das Wochenende als Hausarbeit aufgeben (damals existierte noch nicht das bildungsfeindliche Verbot der Hausaufgaben als einer unzumutbaren Wochenendarbeit). Wir seien frei in der Wahl unserer Wörter. Auch ein Wort, gut gewählt, genüge. Der beste Text, das beste Wort werde prämiiert und im Kirchenblatt veröffentlicht. „Ihr dürft Jesus spielen. Lasst euch diese Chance nicht entgehen!“</p>
<p>Ich erinnere mich vage an das Ergebnis der häuslichen Arbeiten. Der häufigste Vorschlag besagte, Christus habe seine mündliche Äußerung vom ersten Stein niedergeschrieben. Darin stimmten die meisten Knirpse mit dem Kirchenvater Augustinus überein, der nämlich dasselbe vermutet hatte. Ich hingegen, eines Kirchenvaters unwürdig, behauptete, Christus habe das getan, was viele Menschen, so auch meine Eltern, beim Telefonieren machen, nämlich gekritzelt. Für diese Antwort wurde ich leise getadelt, aber nicht bestraft, denn uns war Meinungsfreiheit zugesichert worden.</p>
<p>Vom künstlerischen Standpunkt, so unser Lehrer, sei die Figurengruppe ein Kuriosum, eigentlich ein Unding, jedenfalls ungewöhnlich und der Ikonografie hohnsprechend. Denn als die wichtigste Figur in der Johannes-Geschichte habe doch Jesus Christus zu gelten und darum hätte er aufrecht in der Mitte des Tympanons stehen müssen, die arme Sünderin ihm zu Füßen! Diese Sichtweise sei die gewöhnliche, die man erwarten dürfe, und darum habe er damals den Kopf geschüttelt, aber auch den Künstler bewundert und über dessen Mut gestaunt, Jesus auf den Knien abzubilden, am Rocksaum einer Sünderin, die aufrecht steht, wenn auch gesenkten Hauptes. Aber vielleicht liegt ja darin der tiefere Sinn, dass sich der Erlöser vor der gequälten Kreatur demütigt? Nun wüssten wir Bescheid und würden das Kirchenportal und sein Tympanon mit anderen Augen sehen und unser Lebtag nicht vergessen.</p>
<p>II.</p>
<p>Die Frage, was Jesus geschrieben haben könnte, beschäftigte manchmal meine Fantasie, auch später noch, als Halbwüchsigen und sogar als Erwachsenen, jedenfalls immer, wenn mich der Zufall oder eine gezielte Gelegenheit vor die Kirche meiner Kindheit führte.</p>
<p>Als junger Dozent an der Technischen Universität in Charlottenburg lernte ich bei einem Besuch im Alten Museum eine Kunsthistorikerin kennen, Benoite, mit der ich glückliche Jahre in Berlin verbrachte. Nach Begegnungen solcher Art, wie bei Benoite und mir, öffnen sich Menschen gegenseitig, sind neugierig aufeinander und saugen alles auf, was der andere über sich und seine Welt berichtet. Bei uns, glücklicherweise, ereignete es sich erst spät, dass wir in unseren Bekenntnissen Wiederholungen entdeckten und die Endlichkeit, ja die Beschränktheit des Kontinents, der für uns der geliebte Mensch ist, erfahren mussten. Zuerst erfüllt uns diese Entdeckung mit Zärtlichkeit, weil wir nun imstande sind, den ganzen Menschen zu begreifen und ihn zu umarmen. Aber im Laufe der Zeit schleicht sich die Langeweile ein. Und das Gefühl der Heimat, der Liebe zu der Insel, auf die wir uns geflüchtet haben, muss sehr groß sein, um ein halbes Menschenleben zu überdauern.</p>
<p>Bald hörte ich, und ich erinnere mich noch an die selige Überraschung, die ich dabei empfunden hatte, dass sich Benoites kunsthistorische Doktorarbeit um mein von Kindheit an vertrautes Thema dreht: „Die Darstellung der Pericope Adulterae in der bildenden Kunst“. Man sollte nicht glauben, dass ein Mensch über diesen Gegenstand ganze 700 Seiten schreiben kann, die Abbildungen, zugegebenermaßen, mitgerechnet. Das Buch erschien in einem großen deutschen Verlag, und ich bin stolz darauf, das 290te Exemplar von Tausend in Druck gegangenen zu besitzen.</p>
<p>Etliche Künstler haben sich Mühe gegeben (darunter Jacopo Tintoretto, Pieter Brueghel der Ältere und Nicolas Poussin), nicht nur den schreibenden Jesus zu malen, den Faltenwurf seines Rocks, seine Sandalen, seine Haare, seine schlanke, zum Klavierspielen wie geschaffene Hand, sondern auch den Text, den sein Zeigefinger in den Staub des Tempels oder in den Sand des Vorhofs zeichnet. Ich will den Leser nicht mit den vielen Erfindungen der Maler strapazieren, sondern nur zwei Beispiele herausgreifen.</p>
<p>Eine ottonische Buchmalerei, um das Jahr 1000 entstanden, zeigt Jesus, wie er den lateinischen Satz schreibt: terra terram accusat. Das zweite ist ein Fenster der Sint-Jans-Kerk in Gouda um das Jahr 1600. Jesus schreibt, auf dem Glas deutlich erkennbar, den berühmten Satz vom ersten Stein: Wie onder u zonder zonde is, die werpe de eerste steen op (aus einem Grund, den Benoite sich auch nicht erklären konnte, fehlt auf dem Fenster das letzte Wörtchen „haar“).</p>
<p>Wir diskutierten viel: über Gott und die Welt, darüber, wer urteilen und wer verurteilen darf und was Schuld, was Gerechtigkeit sei. Terra terram accusat – die Welt klagt die Welt an, das Irdische verklagt das Irdische. Das Himmlische klagt nicht an? Schwebt die Vorstellung eines Jüngsten Gerichts nicht bedrohlich über den Häuptern frommer Christen, solcher, die dazu neigen, die Schrift wörtlich auszulegen? Wir diskutierten bis in die Nächte, gerecht, wie wir waren, selbstgerecht, Verächter der Gesinnungsethik, Verfechter der Verantwortlichkeit und darum auch Anhänger der Politik, einer zwar besseren Politik als die jeweils praktizierte, aber doch des politischen Handelns. Darum war es für uns selbstverständlich, dass es Menschen aufgegeben ist, Recht zu schaffen, Recht zu sprechen und auch Mitmenschen zu verurteilen. Sich das aufzubürden, bedeutete Verantwortungsethik für uns.</p>
<p>Die andere Form der Ethik war uns verächtlich, nämlich so zu tun, als stünde es Menschen nicht zu, Gesetze aufzurichten, Verträge zu schließen, Urteile zu fällen und Strafen zu verhängen. Als ob es Sache nur des Himmels wäre, Gesetzestafeln unter das Volk zu bringen und Sünder zu verurteilen. Als ob sich ein Staat durch 10 Gebote regeln ließe, wovon die Hälfte, die von Gott handelt, uns als unwichtig galt. Christus ein Gesinnungsethiker? Ein Chiliast, jemand, der das Ende aller Tage für gekommen hält, der kann sehr wohl alles dem Himmel überlassen. Wir glaubten zwar nicht an den Sohn Gottes, aber wir sympathisierten mit ihm. Darum war er für uns kein „Gutmensch“, niemand, der mit überbordender Gesinnung anderen auf die Füße tritt. Wir sagten uns: Er war Politiker. Der konnte schlichten, der konnte entscheiden.</p>
<p>Wer weiß, was er in den Sand geschrieben hat! Niemand aus den ersten Jahrhunderten hat es überliefert. Selbst wenn man die Antwort darauf in den Tonkrügen eines Fellachendorfs fände, was würde sie glaubhafter machen als die Erfindungen der vielen Maler, deren Fantasie den Pinsel geführt und die Schriftzüge entworfen hat? Was man nicht wissen kann, darüber soll man schweigen. Dies oder etwas Ähnliches rät uns der Philosoph Wittgenstein. Aber die Kunst ist frei. Der Maler darf auf Niederländisch, Italienisch und Lateinisch in den gemalten Sand eines gemalten Tempels durch eine gemalte Hand schreiben lassen, was er will. Benoite hat mit ihrem kunsthistorischen Buch über die Adultera-Malerei auch ein Gleichnis der Geschichtswissenschaft gestiftet. Über wie Vieles wissen Historiker nicht Bescheid! Und kommentieren doch Ereignisse, über die sie nichts wissen können, teils geistreich, teils blumig, teils propagandistisch – wie die Maler.</p>
<p>III.</p>
<p>Am Ende meines Lebens, von vielen Pflichten befreit, und so gesund, dass ich noch reisen konnte, erfüllte ich mir einen Wunsch, der mich seit der Begegnung mit Benoite begleitet hatte, nämlich ins Veneto zu reisen, die Kunststadt Venedig zu sehen und das Küstengebiet zwischen der Lagune und Triest zu erkunden. In einem Dorf, dessen Namen ich vergessen habe (und den ich aus meinen Aufzeichnungen herausfischen müsste), in einem Ort nicht weit von Portogruaro entdeckte ich eine Kirche „San Giovanni“, die mich an die Pericope de Adultera erinnerte. Ich betrat das dunkle Gemäuer und erkannte nichts, was einen Kunstbeflissenen begeistert hätte. Die Seitenkapellen waren mit Nacht vollgestopft. Aus Enttäuschung darüber blitzte ich mit meiner Digitalkamera in eine der schwarzen Höhlen hinein, um die Dunkelheit zu zerreißen. Ein Akt des Protestes. Ich verließ die Kirche in gedrückter Stimmung und fühlte mich schuldig, als hätte ich etwas getan, was mir nicht zusteht, als hätte ich einen Vorhang zerrissen und nicht nur für den Bruchteil einer Sekunde die stets nachwachsende Dunkelheit, die keine Narben des Lichts hinterlässt. Im Gasthof gewahrte ich bei der Durchsicht der Bilder des Tages das Ergebnis meines barbarischen Angriffs auf die Seitenkapelle: ein Triptychon mit einem gleißenden Kreis, dem Reflex des Blitzlichts, so dass ich die dargestellte Szene nur erahnen konnte. Aber gut erkennbar war ein Schriftzug.</p>
<p>Am nächsten Tag besuchte ich San Giovanni abermals, diesmal in Begleitung des Küsters, der mich schweigend zur Seitenkapelle führte und dort ein spärliches elektrisches Licht anknipste. Da sah ich die Adultera. Auf dem linken Flügelbild erkannte ich Jesus, wie er einen Text schreibt, der für mich schwer zu lesen war (auf den Kopf gestelltes Latein). Im Mittelbild steht Jesus neben der angeklagten Frau und spricht zu den Schriftgelehrten den Satz, der als ein schmaler, geschwungener Wimpel aus dem Mund des Sprechers weht: Chi di voi e senza peccato, scagli per primo la pietra contro di lei. Der Küster brauchte es mir nicht ins Deutsche zu übersetzen (obwohl er es gekonnt hätte, denn er stammt aus dem nördlichen Friaul), weil mir dieser Text in fast jeder europäischen Sprache geläufig ist. Auf dem rechten Flügelbild Jesus wieder in gebückter Haltung, abermals einen lateinischen Satz vollendend (erkennbar an der wie gemeißelten imperialen Schrift). Ich durfte das Altarbild fotografieren, als Ganzes und in Teilen. Ich bedankte mich durch ein (wie ich fand) großzügiges Entgelt, das ich für die Armen bestimmte, zu denen sich nach Belieben auch der Küster rechnen mochte.</p>
<p>Zu Hause habe ich die Früchte meiner Reise sortiert. Die Fotos aus der Kirche San Giovanni sind auf meinem Laptop gespeichert. Sie lassen sich auf dem Monitor vergrößern, hin- und herwenden und auch auf den Kopf stellen, so dass ich bequem entziffern kann, was Jesus schreibt. Links: DILIGES DOMINUM DEUM TUUM IN TOTO CORDE (liebe Gott, deinen Herrn, von ganzem Herzen) und rechts: DILIGES PROXIMUM TUUM SICUT TE IPSUM (Liebe deinen Nächsten wie dich selbst). Das also ist des Rätsels Lösung! Der unbekannte Maler (der Küster konnte mir nichts über ihn berichten) hatte tiefer erfasst als alle Kirchenväter und wir Kinder (und ganz besonders ich), was Christus mit seinem Finger in den Sand schreibt: Die Summe der Lehre. Links: Das ist die Liebe zu Gott, dass wir seine Gebote halten (du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht falsch bezeugen), ein Fingerzeig an die Frau und die Schriftgelehrten gleichermaßen! Und rechts: Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch. Denn (schreibt Paulus an die Galater) das ganze Gesetz ist in einem Wort erfüllt, in dem &#8216;Liebe deinen Nächsten wie dich selbst&#8217;.</p>
<p>Jesus hätte nichts geschrieben? Doch. Dieses eine Mal, Zitate aus der Thora: die Quintessenz seiner Lehre und der des Moses. Mehr brauchte er nicht zu schreiben. Alles andere ist Beiwerk, war bereits geschrieben worden oder würde durch seine Anhänger aufgezeichnet werden. Meine Geliebte Benoite ist tot. Ich musste sie überleben. Wie gerne hätte ich mit ihr über meine Entdeckung gesprochen! Und wie gerne hätte sie zwei, vielleicht zehn Seiten an ihr Buch gehängt, um in einer Neuauflage einen unbekannten Maler und seine geistreiche Interpretation ins rechte Licht zu rücken! Ich brauchte ein siebzigjähriges Leben, um in dem, was ich als Kind für Gekritzel gehalten hatte, die Summe der Lehre zu erkennen.</p>
<p>Aber warum in den Sand geschrieben? Weil alles in den Sand geschrieben ist.
<p>Provided by <a href="http://www.universal-frame.com/" title="Universal Frame GmbH - Marketing und Public Relation">Universal Frame GmbH &#8211; Marketing und Public Relation</a></p>

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		<item>
		<title>Die Fürstin von Wales</title>
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		<pubDate>Thu, 05 Jul 2007 13:03:22 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[von Jürgen Jesinghaus (copyright) Die Fürstin von Wales (aus dem Tagebuch eines Maniaks, zum 10. Todestag von Diana Frances Spencer) Die Fürstin von Wales starb in der Nacht zum 31. August 1997, im Alter von 36 Jahren, weil der Chauffeur sturzbesoffen das Auto, in dem sie saß, gegen einen Betonpfeiler lenkte. Die Paparazzi sollen schuld [...]]]></description>
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<p><em>von <a href="http://www.the-short-story.de/?p=359">Jürgen Jesinghaus</a> (copyright)</em></p>
<p>Die Fürstin von Wales<br />
(aus dem Tagebuch eines Maniaks, zum 10. Todestag von Diana Frances Spencer)</p>
<p>Die Fürstin von Wales starb in der Nacht zum 31. August 1997, im Alter von 36 Jahren, weil der Chauffeur sturzbesoffen das Auto, in dem sie saß, gegen einen Betonpfeiler lenkte. Die Paparazzi sollen schuld an Dianas Tod gewesen sein, weil sie das Auto auf Motorrädern verfolgt hatten. Das Vorurteil ist so tief in die öffentliche Meinung gegraben, dass es sich nicht mehr einebnen lässt (auch nicht durch die Feststellungen der Staatsanwaltschaft). Nun ereifern sich die Medien gegen sich selbst und prangern die Sensationslust an. Diana, eine schüchterne, verletzliche und durch die Umstände ihrer Scheidung verletzte Frau, wird zur Heiligen &#8211; eine Legende wie Marilyn Monroe (die im selben Alter starb).</p>
<p>Die Welt seufzt in Dimania. Der Platz vor dem Buckingham-Palast füllt sich mit Blumen. Ein Fünfjähriger legt einen Strauß zu den tausend anderen, senkt sein Köpfchen auf die Sprosse einer Absperrung und weint. Ein Punker trägt sein Blumenkissen, blütenbestickt mit der Aufschrift Diana, vor sich her. Ein Mann sagt: „Ich konnte sie nicht leiden, ich habe immer zu Charles gehalten, aber jetzt.“ Jetzt steht er verloren da, angesteckt durch die Trauer des Landes, den Arm voll Rosen. Zwei Greisinnen aus Althorp, dem Stammsitz der Spencers, erklären, Diana könne keinen besseren Platz auf der Welt finden als hier. Und ihre  Bereitschaft, die tote Heilige aus dem Hause Spencer für den Rest ihres Lebens zu betütteln, steht ihnen deutlich ins Gesicht geschrieben. Das Idol wird ihnen, obgleich gestorben, das Alter versüßen und ihnen Auserwähltheit stiften &#8211; auserwählt, nah dem Landgut zu leben, das die zerfetzte Hülle der Fürstin bergen wird. Nur der Hof schweigt. Der Hof ist in Balmoral.</p>
<p>Auch ich in Dimania. Rückblickend gestehe ich, dass ich der hypnotischen Wirkung der Vorgänge erlegen war, obwohl mich weder die Kronprinzessin noch der Hof jemals interessiert hatten, im Gegensatz zu Marilyn Monroe und dem Hause Kennedy. Aber damals, 1962 und 1963, war ich nicht so eingehüllt in ein kollektives Gefühl wie heute. Wenn ich danach suche, worin das Verdienst der Fürstin besteht, dann stoße ich auf ihr Talent, Menschen, denen sie begegnete, Wertschätzung zu zeigen. Kurz nach ihrer Verlobung streifte sie durch London, begleitet von einer Reporterin, die sie über die bevorstehende Heirat mit dem Thronfolger befragte. Lady Di hastete am Bordstein entlang (der Kameramann einige Meter vorneweg) und berührte versehentlich eine entgegenkommende Frau. Diana wandte sich sofort zu ihr und entschuldigte sich. Nur wenige Schritte weiter rief sie ihrer Begleiterin zu: „Be careful“ und wich lachend einem Laternenpfahl aus. Bezeichnend für diesen geringfügigen Auftritt ist zweierlei: Die Schüchternheit, die sich durch den gesenkten Blick verriet (wodurch sie Gefahr lief anzuecken) und ihre Freundlichkeit, die ganz natürlich wirkte (weil sie natürlich war). Damals hätte niemand gewagt, in diesem &#8211; wie soll ich sagen: Zauber &#8211; ihr größtes Kapital zu sehen, das sie gegen die Hofschranzen verteidigen würde und das glänzend genug war, um die verstaubte Monarchie zu überstrahlen.</p>
<p>Die Leute erkannten sich wieder, wenn Di und ihre Söhne Hamburger aßen. In solchen Augenblicken war sie eine schöne Verkörperung des Ideals der Gleichheit, anders als ihr Ex-Mann, der Kronprinz, der manschettenzupfend höfische Distanz herstellte (und doch den Fehler machte, seine sexuelle  Schwachheit öffentlich zu diskutieren). „Sie hat sich nach Liebe gesehnt“, sagt jemand, „und nicht erkannt, dass die Welt sie liebt, das ist traurig.“ Ein Junge aus Kanada war einmal auf sie zugelaufen, hatte die Absperrung überwunden und ihr einen Kuss auf die Wange gedrückt, und anschließend hatte er fassungslos geweint und konnte sein Glück nicht fassen.</p>
<p>Sie ist die Johanna der Engländer, eine Trösterin, der Halt einsamer Menschen. Sie besaß eine durch ihre Stellung emporgehobene, daher weithin sichtbare Gabe, Mitgefühl auf sich zu ziehen und weiterzugeben. Dabei half ihr die Schüchternheit und der erfolgreiche Kampf dagegen im Dienst einer philanthropischen Aufgabe: Sie kümmerte sich um Süchtige, Geschlagene, Kriegsopfer und Ausgestoßene &#8211; eine Schirmherrin. Sie reichte Aidskranken die Hand, besuchte Lepra-Spitäler und die Slums von Kalkutta, sie ging in Bosnien durch Minenfelder &#8211; und immer waren Fotografen dabei. Sie war die meistfotografierte Frau. Die berühmteste Fotografie zeigt sie mit einem krebskranken Kind aus Pakistan. Sie drückt es an sich und hält die Augen geschlossen. Beide leben nun weiter in diesem intimen Bild. Ihre Hilfe für Ausgegrenzte war real, hatte sie jedoch nichts gekostet &#8211; es sei denn, man rechnet ihr die eigenen schlechten Erfahrungen, aus denen sie Verständnis für andere schöpfte, als Opfer an (und was sollte dagegen sprechen). Aber ihr Zauber hätte nichts gegolten, wenn nicht Abstammung und früher Tod als Mitgift dazugekommen wären. An Charakter und Glanz muss das Verhängnis herantreten, dann entsteht ein Shakespearesches Märchen.</p>
<p>Die Eigenschaft, wahr oder nicht wahr zu sein, kommt nur Aussagen zu, weder der Natur noch der Weltgeschichte, auch keinem Menschen. Deshalb wäre es falsch, von einer wahren Diana zu sprechen – außer wir verstehen ihr Leben, wie es uns erscheint, als einen Text, in den wir ein Verlangen und ein Bekenntnis hineingelegt haben, den Mitmenschen verborgen, aber für uns eine Aussage. Wer wollte dann behaupten, es gebe keine wahre Diana?</p>
<p>Die wirkliche Diana bewirkt, dass Tausende die Straße säumen, dass sie aufweinen und Segenswünsche hinausschreien. Wenn ´wirklich´ etwas Vernünftiges bedeutet, dann: dass sie alles das bewirkt, was Skeptiker für einen kollektiven Traum halten. Ob eine Diana ´an sich´ existiert, eine Frau, die sich aus einer objektiven Biografie heraus beschreiben ließe, z.B. aus ihrer unglücklichen Kindheit, ihrem mangelhaften schulischen Erfolg, der Scheidung, ihrer Bulimie, den halbherzigen Suizidversuchen, ihren Affären und ihrer Gabe, Menschen zu berühren, sei es durch Hände oder durch Bilder, ob also eine ´wesentliche´ Diana existiert jenseits der Übereinkunft von Millionen, im Tod der Fürstin einen Verlust zu empfinden, und hinter der nahezu religiösen Kommunion in den Medien und auf den Straßen &#8211; das ist eine metaphysische Frage, die keiner überzeugend beantworten kann. Die wirkliche Diana jedenfalls versammelt Filmstars, Popgrößen und Politiker in der Krönungskirche des Reiches, der Grabeskirche Händels und Newtons. Das ist die wirkliche Diana &#8211; und die wesentliche kennt jeder nur für sich.</p>
<p>Wenn heute, am 6. September, Tausende am Weg stehen, dann ehrt jeder das Bild, das ihn mit der Fürstin verbindet, das ihm selber gehört, an dem sie aber teilhat. Es sind Tausende Bilder, die alle dieselbe Wirkung hervorrufen, den Zusammenklang der Gefühle: Die Menschen, die den Prozessionsweg säumen, umarmen sich und lassen sich gemeinsam überwältigen. Sie weinen oder es schnürt ihnen die Kehle zu, als der Sarg, in ein königliches Banner gewickelt, auf der Lafette an ihnen vorüberrollt, umgeben von den Soldaten, deren Oberste sie war, den Soldaten der Welsh Guards, die kerzengerade unter den Bärenfellmützen, mit verhaltenen kurzen Schritten die Leiche ihrer Chefin zur Westminster Abbey geleiten. Die Glocke schlägt jede Minute.</p>
<p>Angenommen, die Königin wäre nicht vor ihrem Palast stehengeblieben, sondern hinter dem Sarg die Mall hinuntergewankt, eine zerknirschte Frau, sie hätte die Sekretion aller Berichterstatter zum Orgasmus gesteigert. Die Stimmen der Reporter hätten sich überschlagen, die Zuschauer zur Raserei getrieben. Die Königin hätte die Menschen in große widerstreitende Gefühle gestürzt, in einen Malstrom gespült. Sie hätte ihre Monarchie erneuert. Angenommen, der Kronprinz hätte auf die Rede des Earls of Spencer geantwortet und das Leben Dianas, den erfüllten Teil ihres Lebens, zum Vorbild für die Monarchie erklärt, er hätte mit einem Schlag den Earl niedergestreckt (als hätte er ihn im Tower enthauptet) und seinem Königtum den Weg ins nächste Jahrhundert gewiesen (dann wäre es gleichgültig geworden, ob ihm jemals die Krone aufgedrückt wird). Aber die Königin hat sich nicht bewegt, der Kronprinz nicht gesprochen. Das Haus Spencer triumphiert über das Haus Windsor. In Westminster Abbey erklingt das Marilyn gewidmete Lied „Goodbye, Norma Jean“ in der adaptierten Fassung: Goodbye, Englands Rose.</p>

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		<title>Die Kunst, ihr zeitloses Empfinden</title>
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		<pubDate>Sat, 27 Jan 2007 16:46:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner-Kurt</dc:creator>
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		<description><![CDATA[von Willi van Hengel (copyright) Zwischen Ekel und Ekstase. Warum nur ist es so beschwerlich, „bis der Mensch lernt, etwas Kunst in seine Gefühle zu legen“, fragt sich Nietzsche mit dem sein ganzes Werk durchziehenden Gedanken, dass das Leben nur ästhetisch zu rechtfertigen sei. Was aber heißt es nun, etwas Kunst in seine Gefühle zu [...]]]></description>
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<p><em>von <a href="http://www.the-short-story.de/?p=394">Willi van Hengel</a> (copyright)</em></p>
<p>Zwischen Ekel und Ekstase.</p>
<p>Warum nur ist es so beschwerlich, „bis der Mensch lernt, etwas Kunst in seine Gefühle zu legen“, fragt sich Nietzsche mit dem sein ganzes Werk durchziehenden Gedanken, dass das Leben nur ästhetisch zu rechtfertigen sei. Was aber heißt es nun, etwas Kunst in seine Gefühle zu legen bzw. das Leben ästhetisch zu rechtfertigen?  Ist es vielleicht so, dass man in der Kunst anders berührt wird als im gewöhnlichen Sinne? Und ist es der künstlerische Mensch, der am ehesten den Mut aufbringt, eine andere Art von Berührung zuzulassen?<br />
Die Antwort ist zunächst eine einfache. Der Künstler verkörpert eine andere Lebensform, sonst wäre er kein Künstler. Er geht gegen den „normalen Geschmack“ an, mit Vielen übereinstimmen zu wollen. Er geht damit gegen die Grenzen des Schemas an, in dem man sein Leben gemeinhin ausdrückt. Er sucht andere Ausdrucksformen, die diese Grenzen, d.h. das alltägliche Bewusstsein, übersteigen. Konkreter ausgedrückt heißt das, dass er sich der Sprach- und Begriffslosigkeit seiner innersten und ureigensten Gefühle und Empfindungen, in denen er lebt, nicht mit allgemeinen gültigen Begriffen überstülpen will. Er nimmt nuanciert wahr, dass das, was im Leben geschieht, in einem Begriff niemals entsprechend wiedergegeben werden kann. Dieses Zwischen zwischen den Geschehnissen, seinen Empfindungen und der Sprache, die man gebraucht, ist für ihn unüberwindbar. Man kann auch sagen, dass dieses Zwischen der eigentliche Charakter des Daseins ist und es keine Mittel und Möglichkeiten gibt, diesen Spalt einzuebnen.<br />
Der Künstler lebt also unentwegt im Unmöglichen, was ihn immer wieder zu neuen Kreationen antreibt. Es ist unmöglich, eine Entsprechung zwischen seinen Gefühlen und den Ereignissen im Leben zu finden. Dennoch macht er sich daran, diese Unmöglichkeit zu überwinden und vielleicht doch eine Entsprechung zu finden. Er versucht sich an der unmöglichen Möglichkeit und begibt sich somit in eine absurde Lage. Die aber ist der unablässige Quell seines Schaffens bzw. seines Schaffen-Müssens. Er hat keine Wahl! Denn die Absurdität seines Tuns einzusehen, heißt, seinem künstlerischen Impetus weiter zu folgen, ja folgen zu müssen!<br />
In genau diesem Sinne spricht Nietzsche von „Zwang“ bzw. „Zwingen“. Die Unmöglichkeit, das Zwischen zwischen Gefühl und Begriff mit einem adäquaten und eindeutigen Ausdruck zu überbrücken, zwingt ihn immer wieder dazu, es dennoch aufs Neue zu versuchen. Das macht ihn zwar zu einem „Narr“2, zugleich aber auch zu einem Wesen, das den Mut aufbringt, für die negative Wahrheit des Daseins, eben keine Entsprechung zu finden, einzustehen. Im Grunde verkörpert er ja nur den Zwiespalt, den der Mensch überhaupt empfindet.<br />
Das, was der nicht-künstlerische Mensch weniger stark empfindet, nämlich den Zwang, sich zu erschaffen, bringt den Künstler zu sich selbst. Während der nicht-künstlerische Mensch sich ein Lebens- und Weltbild schafft, das einen festen Rahmen und feste Grenzen haben soll, um jegliche Zweifel und Abgründe zu übermalen, lebt der Künstler in seinem lebensnahen Zwiespalt, in seinem Zerrissen-Sein!<br />
Das ist freilich in einem doppelten Sinne zu verstehen. Er stellt den Zwiespalt des Lebens dar, er verkörpert ihn im Grunde, indem er Werke schafft, die mehr oder weniger wie eine Katze um den heißen Brei herumschleichen, weil eine Entsprechung zwischen Gefühl und Begriff nie erreichbar ist. Das aber wäre der Moment absoluten Glücks: die gestillte Sehnsucht, deren Inbegriff Gott heißt. Eine körperlose Gestalt, die alles im Griff hat.<br />
Dagegen schafft der Künstler sich in seinem Werk eine Behausung in seiner eigentlichen Obdachlosigkeit; dies gilt aber nur für die Zeit, in der er kreativ und versunken in seinem Tun ist. Das ist die eine Seite seiner Existenz.<br />
Auf der anderen Seite bereitet er mit seiner Kreativität sein immer wiederkehrendes Scheitern vor. Schließlich weiß er ganz tief in seinem Inneren, dass sein Werk keine Entsprechung ist und er auch keine Form findet, um den Zwiespalt zu überwinden. Er schafft sich also auch in dem Sinne, dass er sein Gebäude wieder einreißen muss. Zwischen Aufbauen und Zerstören zergeht sein Leben.<br />
Man schreibt dem Künstler immerfort eine gewisse existenzielle Depression oder Melancholie zu. Das ist richtig. In dieser Phase ist er zu absolutem Nichtstun verurteilt. Schließlich liegt sein Werk, nachdem es entstanden ist, wie nach einem heftigen Sturm oder Erdbeben brach. Nun aber verhilft ihm der Gedanke der Unmöglichkeit, von dem wir vorhin gesprochen haben, dass es also unmöglich ist, jemals den Zwiespalt des Lebens zu überwinden, wieder auf die Beine. Schließlich ist nichts zu Bruch gegangen, was die Entsprechung verkörpert hätte. Es ist nur eine Illusion zerstoben oder ein Bild aus dem Rahmen gefallen, das nicht mehr taugte, um sich vorzumachen, mit dem Leben eins zu sein.<br />
Wenn die Wahrheit des Lebens eine nur negative ist, dass es also keinen Begriff gibt, der sein Gefühl, gar eine Lebensform einhellig zugibt, dann kann es auch kein Werk geben, das sie (positiv) verkörperte oder wiedergäbe. Es kann gar nichts geben. Außer das Schaffen selbst! Es geht also darum, sich eine Illusion zu verschaffen, in welcher man sich für eine gewisse Zeit aufgehoben fühlt. Beim Künstler ist das freilich auch wiederum zweifach zu verstehen. Einmal im gewohnten Sinne des sich geborgen Fühlens, zum anderen aber dass sich sein existenzielles Geborgensein mit jeder Begriffsfindung sogleich wieder auflöst. So heißt es bei Nietzsche: „Ein Werden und Vergehen, ein Bauen und Zerstören, ohne jede moralische Zurechnung, in ewig gleicher Unschuld, hat in dieser Welt allein das Spiel des Künstlers und des Kindes. Und so, wie das Kind und der Künstler spielt, spielt das ewig lebendige Feuer, baut auf und zerstört, in Unschuld – und dieses Spiel spielt der Aeon mit sich […] thürmt auf und zertrümmert; von Zeit zu Zeit fängt er das Spiel von Neuem an. Ein Augenblick der Sättigung: dann ergreift ihn von Neuem das Bedürfniß, wie den Künstler zum Schaffen das Bedürfniß zwingt.“3 In beidem aber zeigt sich das Leben, weil beides ein Kraftaufwand und damit der einzige „Beweis“ ist, dass man da ist. Und genau das ist es, was das Leben ästhetisch rechtfertigt die Empfindung seiner Kraft und Energie.<br />
Nun sind wir dem Wesen des Künstlers ein gehöriges Stück näher gekommen. Er berührt das Unmögliche und damit das Leben. Er greift in den Zwiespalt, als sei es das Nichts, so wie er nichts begreift von dem, was er macht und woher sein kreativer Drang herkommt. Vielleicht bedrängen uns Kunstwerke deshalb so ungemein. Vielleicht berühren sie uns wegen ihres Ausdrucks der Kraft, mit der der Künstler sich immer wieder aus fest gewordenen Konventionen zu lösen versucht. Insgeheim ist der künstlerische Gestaltungswille wohl auch ein Synonym für die Überwindung der Resignation, nämlich davor zu resignieren, dass es im Leben niemals eine Entsprechung zwischen dem Einen und dem Anderen und damit keine Erlösung gibt, aus dem Spalt jemals heraus zu gelangen.<br />
Vielleicht faszinieren uns Kunstwerke wegen ihres melancholischen Wissens um die Wahrheit des Daseins und ihrer Auflehnung dagegen? Selbst in der kindlichen Zerstörung ist diese Faszination zu spüren, weil auch sie eine Kraft ausdrückt, die dem Leben ganz nah ist.</p>
<p>II.</p>
<p>Es ist also kaum verwunderlich, wenn man behauptet, dass das Leben des Künstlers sich zwischen Ekel und Ekstase abspielt. Es ist das Spiel des Aeon4: Wirklichkeit versus Berührung. Fremdbestimmung versus Selbsterfahrung. Festgewordenes versus die ewige Lust des Werdens.<br />
Ausgangspunkt ist die zaghafte Empfindung der Inspiration. Damit aber endet auch schon alles, zumindest all das, was auf eine begriffliche Beherrschung dieses Zustandes ausgerichtet ist. Inspiration ist, so könnte man sagen, eine andere Art von Wissen oder die künstlerische Erfahrung, in welcher man spürt, dass man niemals der eigentliche Urheber und Schöpfer seiner Werke ist. Es ist also ein Wissen um die Begriffslosigkeit und die Unbeherrschbarkeit dessen, was sich ereignet, während man dabei ist. freilich ist es ein begriffsloses Wissen: eine fast reine Berührung, bei der es um die sprachlose Seite des Lebens geht.<br />
Und während, so wollen wir hier poetisch ausdrücken, der Künstler in den Spalt Wörter, Farben, Linien und Versuche und Töne hineinschüttet, hallt aus seiner unendlichen Tiefe die milchige Stimme, die nichts dartut und nichts anderes zeigt als ihre hautliche Leere. Und eben die berührt er, ohne mehr zu wollen, ja, ohne mehr wollen zu dürfen. Denn sie, die Stimme, die Haut, die Leere, entzieht sich sogleich. Man vermag nicht nach ihr zu greifen, vermag sie nicht zu begreifen. Es führt stets auf das Gleiche hinaus. Und es führt nichts auf das Gleiche hinaus. Es führt überhaupt nicht irgendwo hinaus.<br />
Dennoch, es gibt etwas, was dem künstlerischen Menschen dazu verführt, sein Dasein anders zu verstehen als viele Andere um ihn herum, und sich dem Nicht-Verstehen hinzugeben. Es gibt eine Kraft, der er sich anvertraut, wie nichts und niemandem sonst in seinem Leben. Es ist die Inspiration. Er steigt ihr nach. Er gibt sich ihr hin. Verführt sie und lässt sich von ihr verführen. Ihm bleibt keine Wahl. Er muss es tun. Muss sich ausliefern. Dabei geht es weniger um die Frage nach einem freien Willen oder nicht. Es geht vielmehr um die Kraft, es durchzustehen. Und dann begibt er sich immer mehr in ihre Geheimnisse, in die Geheimnisse der inspirativen Antwortlosigkeit.<br />
Der Künstler ist also alles andere als frei. Er ist gezwungen. Nicht nur in dem Sinne, sich zu einem existenziell ausweglosen Narren zu machen, sondern auch darin, seine Obdachlosigkeit auf der Welt zu bezeigen. Und er ist gezwungen, zu schaffen, sich unentwegt neu zu erschaffen, so wie auch sich zu schaffen im Sinne seiner produktiven Zerstörung, eben so wie er sich fortwährend veranlasst sieht, alles immer wieder in Frage zu stellen. Sein Sein ist, so betrachtet – und wie anders sollte man es tun -, eine erotische Auflehnung. Eros wäre zu verstehen als die Quelle des Kreativen oder als des Willens zur Unbeherrschbarkeit. Wo mehr als in ihm will man sich vergessen? Zu wem mehr fühlt man sich hingezogen, als zu diesem kleinen Fleischkloß auf diesem schnellen Pferd ins Unendliche, ins Sprachlose und Unsichere. Denn was ist unsicherer als unsere eigene Identität? Warum gibt es allenthalben und überall im Leben Verträge in einer Sprache, die Allgemeingültigkeiten wiedergibt und ins überindividuell Sichere zu führen trachtet? Sind wir unserer selbst also nie sicher! Und wo bleibt dabei unsere Persönlichkeit? Denn schließlich drängt alles in uns immer nur danach, einzigartig und unverwechselbar zu sein. Das Persönliche ist Ausdruck des Willens zu einem eigenen Stil. Dafür muss das eigene Leben aber zu einem Thema werden, zu einer großen Sehnsucht und Suche mitsamt der Kraft, seine Grenzen aufzubrechen.<br />
Der erotische Zustand des Schaffens und Umsetzens seiner Phantasie in die Form des Nachvollziehens durch einen Anderen versetzt den Künstler in eine außergewöhnliche Empfindsamkeit. Er ist außer sich. Ekstatisch. Die Grenzen seines Bewusstseins verschwimmen. Die Schuld des Tages vergeht. Der Rausch beginnt. Endlich fühlt sich der Künstler nicht mehr schuldig und verantwortlich für das, was er tut. Endlich streift er das Gefühl, von anderen in Form von Blicken, Regeln und Gesetzen bestimmt zu werden, von sich ab wie eine Schlange ihre altgewordene Haut. Endlich beginnt, so seine inspirative Empfindung, das Leben. Natürlich nur im Alleinsein, ja, in der Einsamkeit. Denn die Anwesenheit eines anderen Lebewesens gebiert wiederum das Gewissen, Grenzen und Gebote der Sprache einzuhalten. So sucht er immerfort einen Raum, der ihn zu seinem Selbst verführt. Es ist der Raum der reinen Phantasie, die noch übersetzt worden ist in eine verständliche Ausdrucksform. Ein Raum der Unschuld. Denn zuletzt ist alles Werdende unschuldig, es kann nicht sprechen und will es auch gar nicht, es kann nur sein! Im Sein nicht-sein. Ist das möglich? Nein, das ist die Unmöglichkeit, die ihn erfasst hat.<br />
Nur zu sein in der Erotik begriffloser Hingabe – wie geht das?<br />
In einem solchen Zustande will man nicht beherrscht werden und auch nicht beherrscht werden. Das ist Eros’ Seele. Sich hingeben und fallen lassen, nicht an die Folgen denken und auch nicht an die Mittel, sie zu erreichen. Immer wieder erfasst zu werden von einer unheimlichen Kraft, die einen ins Leben treibt.<br />
Diese Heimtücke, dieser entblößte Nicht-Sinn ist verbandelt mit dem Schönen. Das ist ja das Begriffslose. Danach treibt es den Künstler letztendlich. Das ist sein unstillbarer Drang. Nun geht aber jeder Kraft, und das ist nun einmal ihr Wesen, immer wieder die Puste aus. Und er stürzt hinab ins Bodenlose, ins Absurde: in die Wirklichkeit. Das verschafft ihm Übelkeit. Und eigentlich, will man ehrlich bleiben, nicht nur Übelkeit, sondern vielmehr als das. Das Dasein ekelt ihn.<br />
Er wird zurückversetzt in die Kausalität der Begriffe. Das aber widerspricht genau seiner Erfahrung des Schönen. Da musste sich nichts erklären. Da musste sich nichts begreifen. Da durfte er so sein, wie er sich fühlte. Da war er – zwar auch nicht in der Wahrheit, aber zumindest nicht in der Lüge!<br />
Und doch muss er, der Künstler, sich gleichwohl wieder „fremd“ bestimmen lassen, nämlich von seiner eigenen Kraft sowie von der Einsicht, dass alles, was er tut, nur der Illusion dient… einer lebensnotwendigen, weil lebenserhaltenden Illusion, in der sich herkömmliches Verstehen darstellt. Der Künstler würde liebend gerne seine dionysischen Zustände als Wahrheit begreifen, das aber ließe ihn sich wieder finden in einer sprachlichen Ordnung, die ja gerade seinem Drang nach Auflösung und Verletzung dieser Ordnung widerstrebt.<br />
Dieser Widerspruch in ihm offenbart seine grundsätzliche Angst. Die Angst nämlich, dass ihn seine inspirative alles bezweifelnde Kraft irgendwann versiegen könnte! Dann bliebe ihm nur der Ekel. Allein im Zustand des Schaffens spürt er diese Angst nicht. Sie schreit erst auf, wenn seine Kraft nachlässt. Und die nachgelassene Kraft, die Kraftlosigkeit heißt, wie wir festgestellt haben, Wirklichkeit. Sie fordert Verstehen, Gewissen und Gehorchen.  Denn in der gesellschaftlichen Wirklichkeit wird man ausgegrenzt, wenn man nicht verständlich erscheint. Es ist der Instinkt der nicht Angetastetwerden-Wollenden, für die der Zweifel nichts bedeuten soll. Für die ihre Identität das Erstrebenswerteste ist, obwohl sie sich gerade damit aufs Unsicherste einlassen. Und diese instinktive Unsicherheit veranlasst sie zu einer Phalanx, die antritt, um sich gegen die Kunst zu wehren. Man gehorcht, wenn man sich selbst nicht hören will. Dies soll kein Plädoyer gegen die Realisten sein, sondern für die Offenheit und Aufmerksamkeit gegenüber den Vorurteilen, die einem die eigene Kehle zuschnüren.<br />
Auf den künstlerischen Menschen bezogen, hieße das: Es geht ihm um die einzigartige Schönheit seiner Berührung mit dem Sein. Dies nicht unentwegt und tief genießen zu dürfen, und zwar über alle Maßen hinaus, macht ihn zynisch, traurig, sarkastisch, ironisch, gehässig, lebensfeindlich, lüstern, interessant, unberührt, unsicher, ungehalten, arrogant, hautlich, zart, liebevoll, stolz, vergangen, sprachlos… Das alles sind Eigenheiten seines Ekels und damit des Wissens, letztlich nichts darstellen zu können, was dem Geschehen des Seins entspricht. In der Realität wird die Kluft zwischen Leben und Begriff, Wirklichkeit und Kunst, Ekel und Ekstase ein weiteres Mal gespiegelt zwischen Innen und Außen. Bei allem, was er tut, empfindet und denkt der Mensch am innigsten das, was nicht zum Vorschein kommt. Sein Verhalten und seine Sprache wollen eher verbergen als offenbaren, was in ihm vorgeht.</p>
<p>III.</p>
<p>Wir wiederholen uns. Mit Absicht. Denn alles wiederholt sich unendlich oft im Leben. Zumindest der Form nach. Die Abfolge zwischen Ekstase und Ekel ist ein sich ewig wiederholendes Geschehen. Für den Künstler bedeutet das die ewige Wiederkehr des Gleichen. Aber nur für ihn. Und auch nur aus dieser Perspektive ist der tiefste Gedanke Nietzsches zu begreifen. Was bedeutet dem künstlerisch veranlagten Menschen überhaupt etwas? Um es kurz zumachen, sowohl in Ekel als auch in Ekstase bedeutet ihm nur das Persönliche etwas.<br />
Der Stolz, Urheber seines Tuns zu sein, entsteht nur im Realisten. Der Künstler dagegen weiß, dass er nicht der eigentliche Urheber seines Werkes ist. Er weiß auch darum, es nicht erklären zu können, warum er kreativ und schaffend ist und es sein muss. Und dieses „Wissen“, das sich nur im Moment des Schaffens als Moment tiefsten Glücksempfindens offenbart, bleibt mit sich allein. Kein Begriff verhilft es heraus aus seiner Einsamkeit. Es gibt dem Künstler das Gefühl des Persönlichen, was bei ihm in erster Linie das Bild einer zerrissenen Persönlichkeit malt. Wenn Nietzsche sagt, dass allein das Persönliche „das Unwiderlegbare“ sei, dann kann es keinen Begriff haben und auch nicht auf den Begriff gebracht werden. Das Persönliche ist letztlich unbestimmbar. Es ist die Stimme zwischen den Zeilen und Buchstaben. Jeder stellt sich bei einem bestimmten Begriff, z. B. Park, etwas anderes vor, assoziiert andere Farben, andere Erinnerungen und damit auch andere Empfindungen: eine Bank, aus Holz oder Plastik, der Rasen, kurz geschnitten oder von der Sommerhitze verbrannt, saftig grün oder verdurstet, oder die Wege aus Steinen, Kies oder Teer, geschwungen vielleicht, vielleicht aber auch eckig und abgegrenzt durch ein Eisengitter oder etwas anderem…  So bleibt letztlich alles streit- und widerlegbar, frei nach dem russischen Sprichwort, dass niemand mehr lügt als ein Augenzeuge &#8211; was aber nicht widerlegt werden kann, ist das Persönliche eines Menschen. Es hieße, ihn als eigenständiges Wesen nicht anzuerkennen, ihn nicht zu respektieren in seiner Einzigartigkeit und beschneiden zu wollen in seiner individuellen Meinung.<br />
Der Mensch ahnt also, um was es dem Künstler geht. Schließlich strebt jeder nach unverwechselbarer Individualität. Das aber gelingt nur, wenn man versucht bleibt, das normative Denken aufzuweichen. Vielleicht ist man ihm gegenüber deshalb so zwiespältig eingestellt. Fasziniert von seinem Anderssein und zugleich abgestoßen eben davon, weil man ihn in seinem völligen Anderssein nicht in den Griff bekommt. Schließlich begehrt der unkünstlerische Mensch nicht das Infragestellen seines Schemas, dessen er sich verschrieben hat. Das Persönliche ist nur wahrnehmbar, aber niemals begreifbar. Es stiehlt sich, sobald man es erfassen will, davon. Eben so muss man sich das Leben des Künstlers vorstellen. Alles, was er hervorbringt, entzieht sich ihm sogleich. Er kann nichts festhalten, weil ihn nichts hält. Sein Gefühl, überall fehl am Platze zu sein, rührt daher, dass seine Seele sich allein zwischen Ekel und Ekstase findet und nur dort, in diesem Niemandsland, zu sich kommt. Es kostet ihm mithin viel Kraft, seinen Ekel zu verbergen. Niemals mit seinem Bewusstsein ganz in der Wirklichkeit zu sein, noch weniger aber im Rausch seines Schaffens, weil die Grenzen des Bewusstsein sich gerade dann verwischen, gibt ihm das Gefühl, nirgendwo hinzugehören. Das aber macht sein Leben zum Selbstzweck. Und genau das ist das Andere an seiner Lebensform. Wer schon empfindet sein Dasein als Selbstzweck außer der Künstler?<br />
Dem gewöhnlichen Bewusstsein ist alles nur Mittel zum Zweck. Und damit kommt es sehr gut zurecht. Denn dort bestehen die Regeln und Gesetze der Kausalität, die aus der Absicht bestehen, alles erklären und damit in den Griff bekommen zu wollen. Wenn das eine so war, musste das andere mit Sicherheit so sein, ließe sich alles erklären. Nur, stellt sich hier die Frage, erreicht es das Innerste, unser wirkliches Empfinden? Spüren wir nicht immer wieder, dass Erklärungen nicht dazu taugen, um Gefühle zu erfassen und zu erklären, um uns dann erholen zu können, tief durchzuatmen.<br />
Vielleicht ist Sprache nur dazu da, um die Anarchie unserer Empfindungen zu verschleiern? Vielleicht ist sie überhaupt nur dazu da, um unsere eigentlichen Gefühle zu verbergen? Kann Sprache überhaupt vermitteln, was Selbstzweck bedeuten könnte? Ist nicht sie es, die uns wirklich bestiehlt?<br />
Genug der Fragen. Oder doch nicht. Vielleicht drückt sich in ihnen unser erotisches Erleben aus? Vielleicht sind wir im Zustand des Fragens oder etwas in Frage Stellens am ausdruckvollsten, am erotischsten?<br />
Die Antwort liegt im Tun, in der Sexualität, im Sichbefriedigen. Hier aber liegt das Anderssein zwischen dem Künstler und dem gewöhnlichen Bewusstsein. Solange das Tun nur Mittel zu etwas ist, bedeutet es dem Künstler nichts. Nur wenn es den Charakter des Selbstzwecks annimmt, ist seine Seele dabei. Und das wiederum ist nur im Rausch möglich. Weil darin die Unmöglichkeit des Seins und seine Absurdität vollends zum Vorschein kommen. Wir haben bereits davon gesprochen, wollen aber noch einmal in aller Kürze darauf zurückkommen. So wie es Glück im Ekel gibt, in dem man sich in seinem Tun anerkannt fühlt, gibt es in der Ekstase nicht nur ein reines Glücksempfinden, sondern auch seine Entladungen, sowohl in einer Art manischer Euphorie als auch in Form tiefer Traurigkeit in einem Strom von Tränen.<br />
Im dionysischen Rausch wird gerade das möglich, was in den Grenzen der Konvention, verpönt ist. Im Rausch wird es möglich, das Unmögliche zu berühren. Es werden Bilder freigesetzt, die nur in dieser Einsamkeit der Ekstase entstehen können. Tiefe Niedergeschlagenheit ebenso wie manische Höhenflüge gehen ineinander über und offenbaren so für kurze Momente die Überwindung der eigentlich unüberbrückbaren Kluft als Überwindung seiner Identität.<br />
Hier findet die Souveränität ihren Ursprung. Sie ist die Überwindung der Identität als die Form von Orientierung im Leben. In der Souveränität wird ein Wille sichtbar, der keine Identität mehr braucht: sprachliche Normregeln vereinigen sich mit individuellen Spielregeln des Sich-Erschaffens. Das soll hier jedoch nur angedeutet bleiben.<br />
Der Selbstzweck des Daseins findet also nur in der Aufhebung seiner Grenzen statt. Man wird seines Bewusstsein und Selbstkontrolle bestohlen. Und damit in allem beschenkt, was das Leben zu geben hat: nämlich die Empfindung seiner Unerfassbarkeit. Genau genommen ist das die Zeit, in welcher man nur seine kreative Kraft und Lust am Werden auslebt und genießt. Es ist sein Eros. Denn es bleibt bei der bloßen Berührung. Gleichwohl ist sie das Höchste, Empfindsamste, Schönste. Man stiehlt sich in der Berührung (fast) davon. Aber nur fast. Denn man wird immer wieder von der Wirklichkeit eingeholt. Der Körper des Anderen, seine Stimme und Haut, sein Atem und Begehren macht das Sexuelle gegenüber der Erotik des wort- und körperlosen Berührens allein wirklich &#8211; und insofern wiederum zu einer Form des Mittels zum Zweck. Man berührt beim sexuellen Verkehr ja weniger sich selbst als die Grenzen des Anderen. Es hat also mit dem rauschhaften Eintauchen in eine andere Welt nichts zu tun. Man begnügt sich dabei mit der bloßen Befriedigung, traut sich aber nicht, seine Aufhebung zu wollen.<br />
Die Vernichtung der Grenzen seines gewöhnlichen Bewusstseins ist die Lust, sich den noch ungeformten Bildern seiner Phantasie zu überlassen. Die Lust ist unendlich, die Phantasie begrenzt. Oder umgekehrt? Das tut nichts zur Sache, denn beide gehen Hand in Hand. Und in ihrer jeweils nachlassenden Kraft findet der Prozess des Verschwindens (aus) der Wirklichkeit seine Begrenzung. Heißt Phantasie nicht, in eine andere Welt abzutauchen, um dort gegen die Regelhaftigkeit des Seins aufzubegehren? Gleichwohl verlangt das Ins-Werk-Setzen der Phantasie wiederum nach Wirklichkeit, nach Verwirklichung. Das wirft den künstlerischen Menschen aus seiner eigenen Welt hinaus und entfacht in ihm Ekel. Dort also der absolute Genuss, hier der Ekel, der das Ende des Spiels mit Bildern, Farben und eigens entwickelten Regeln bezeigt.<br />
Den Künstler zerreißt es und er wird erneut von unten nach oben durch die Oberfläche des Sich-Vergessens gezerrt: in die Welt der normativen Sprache, des Verstehens und der geheimen Sehnsüchte. Es ist die Realität, in der ein Gefühl des Glücks erstrebt wird: in der Anerkennung seines Tuns. Es ist noch grundsätzlicher als die Liebe. Der Moment, in dem der Künstler vom Ende seiner ekstatischen Entgrenzung erfährt, ist der gefährlichste Augenblick seines Daseins. Denn er wird nun gezwungen, seinen Ekel zu verklausulieren. Den Sturz in die Realität muss er auffangen, um nicht zugrunde zu gehen.<br />
Er muss für sich und den Moment seines dionysischen Zustandes eine Ausdrucksform finden, die ihn nicht verrät. Der Ekel, als das Ende einer zügellosen Verschwendung seiner Kraft, beginnt. Der künstlerische Mensch muss sich wieder in der Grammatik des Alltags einfinden. Um sich zu erholen, um wieder aufzutanken, ohne freilich ganz bei sich zu sein. Weit ab vom rauschhaften Tun seiner Phantasie. Weder einem etwas recht machen, noch sich finden. Im Gegenteil. Es erzeugt ganz unverhohlen den Wunsch, sich wieder zu verlieren. Will es erneut anders, ohne Form (noch), ohne Rechtfertigung, ohne Erklärung. Sich entgrenzen, wie aus der eigenen Haut fahren, nur Sein sein. Die Schönheit des Vernichtens seines Gehorsams spüren. Ins Vergessen hineingetaucht, erscheinen plötzlich an der Oberfläche einer neuen Welt seine verborgenen Bilder. Er fühlt sich nicht nur ganz nah bei sich selbst, sondern ernst genommen, wahr genommen, aufgenommen im Chor des Lebendigen. Nun fühlt er sich als Person, nicht mehr nur als Beiwerk oder als Mittel zum Zweck eines Anderen.<br />
Der Ekel dagegen ist das Mittel, um zu überleben in den Strategien des Tages, in der Abgerichtetheit der Sprache und ihrer Kausalität, die die Dinge und Geschehnisse stets aufs Neue ordnet. Da der Künstler sich dabei nicht aufgehoben und damit bei sich fühlt, entfacht sich allmählich und unausgesprochen sein Drang, wieder in seine dionysische Empfindsamkeit zu gelangen. Man kann nun von einem sich selbst begehrenden Begehren sprechen, das den Künstler wiederum beherrscht; diese Beherrschung empfindet er aber nicht als fremdbestimmt und somit nicht als Ekel. Es ist die unstillbare Sehnsucht, sich zu verschwenden und alle Kontrollinstanzen in sich zu verlieren; es ist die Sehnsucht nach dem Unbegreifbaren! Vielleicht ist es die Sehnsucht nach einem sich selbst begehrenden Begehren. Ein sich im Kreis Drehen zwischen Rausch und Wirklichkeit, zwischen Ekstase und Ekel. Beides wird überwunden: das erstere, die Ekstase, durch sich selbst als nachlassende Kraft des Rausches, als nachlassende Kraft des sich Auslebens; der Ekel dagegen wird verbrämt in zynischen oder ironischen Äußerungen seinen Mitmenschen wie sich selbst gegenüber. Sein Zynismus und seine Ironie sind Ausdruck einer Trauerarbeit am Ekel. Schließlich verliert er in diesem Augenblick eine Art Paradies, zwar nicht auf Erden, dafür aber umso mehr im Kopf, im Bauch, im Zustand des Vergessens seiner Identität, jenseits der gewöhnlichen Art, da zu sein.</p>
<p>IV.</p>
<p>Wie wir gesehen haben und lange schon spüren, ist der nicht-künstlerische Mensch nicht weit entfernt vom Künstler. Vielleicht reden wir sogar von zwei Seelen in einer Brust? Bei diesem, dem Künstler, wirkt die eine Seele mehr als die andere, während bei jenem es genau umgekehrt ist. Aber kein Mensch ist nur das eine!<br />
Jeder für sich empfindet eine Sehnsucht auf der einen Seite, so wie die Entladung des Ekels auf seine Weise. Der Eine händelt die Wirklichkeit, der Andere verliert sich in seiner Phantasie. Beide verspüren sie die Sehnsucht, zu verschwinden, nur die Art und Weise unterscheidet sich. Vielleicht hat der Eine etwas mehr Mut, sich dem Unbegreifbaren in sich zuzuwenden. Vielleicht geht er das Risiko des Lebens eher ein. Vielleicht setzt er seinen Geschmack über dem, was gemeinhin gefällt.<br />
Die Antwort wird, wie fast immer, in der Nuance des Nicht-Verstehens liegen und darin, wie man damit umzugehen versteht. Solange der Zwang im Künstler ein spielerischer ist, wird er mit sich weiter spielen. Er setzt seine Identität aufs Spiel. Wie auch umgekehrt das Leben ihn aufs Spiel setzt. Wird aber die Lust am Werden und Schaffen von Weltbildern und neuen Zweifeln versiegen, wird auch er nicht mehr aufbegehren. Dann wird seine Zerrissenheit ihn endgültig zerreißen.<br />
Doch darauf wird es der Künstler ankommen lassen.<br />
Es geht dem Künstler nicht um Freiheit (ihr hängt zu wenig Ekel und zu viel Illusion an), nein, es geht ihm um gar nichts, was mit übergeordneten Begriffen wie Lüge, Wahrheit oder Schuld zu tun hat. Es geht ihm allein um den Schwebezustand zwischen seinen Welten. Es geht um die Versöhnung mit dem unaufhebbaren Zwischen, in dem er seine Ängste erkennen und seine Liebe ausleben kann.<br />
Worin aber können wir uns retten, ohne uns zu verraten?<br />
Ist es die Musik, die Poesie oder die Philosophie, in denen das Empfinden und das Nicht-Verstehen im Mittelpunkt stehen?<br />
Sobald man empfindet, entzieht sich nicht nur die Empfindung, sondern vielmehr noch baut sich der Wille auf, es zu beherrschen. Als wolle man etwas bedeuten. Die Sprache jedoch, mit der man den Anderen ergreifen will, versickert in seiner Subversion, d.h. in seinen undurchsichtigen Vorstellungen von dem, was man sich vorstellt. Im Grunde gehen wir an uns selbst immer nur vorbei. Vielleicht ein Glück? Würden wir uns treffen, wüssten wir vielleicht ebenso wenig mit uns zu reden wie mit einem Fremden, der unser Herz nicht berührt. Nur derjenige, der sein Herz und Seele berühren will, geht alles ein. Ein in die Kunst. Sie macht mit einem, was sie will. Sie ist subversiv, wie das Leben auch. Es ist so, als renne einem das Glück hinterher – und man versuchte alles, um ihm aus dem Weg zu gehen. Wäre es der Moment, in dem man nichts mehr zu schreiben hätte? In dem das Leben sich nicht mehr weiter provozieren ließe?<br />
Er wäre es!</p>

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		<title>Luisenheim, gestern</title>
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		<pubDate>Wed, 20 Sep 2006 18:44:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Werner-Kurt</dc:creator>
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<p><em>von <a href="http://www.the-short-story.de/?p=68">Paola Reinhardt</a> (copyright)</em></p>
<p>Peter wollte nicht mitgehen ins Luisenheim. Er sagte, dass er noch Bücher in die Universitätsbibliothek zurückbringen müsse. Die Leihdauer sei schon überschritten und überhaupt, er kenne meine Oma ja gar nicht. Er hätte sie kennen lernen können! Doch er begriff nicht, wie wichtig mir das war.</p>
<p>Ich traf sie nicht in ihrem Zimmer an, sondern im Park auf der Bank unter der Trauerweide, die aufgeschlagene Tageszeitung in der Hand. Ob sie darin gelesen hatte, oder auch heute nur so tat, konnte ich nicht beurteilen. Auf jeden Fall behauptete sie wieder einmal, es stehe ja doch nichts darin. Dann faltete sie die Seiten zusammen und legte sie in die Ablage des Wägelchens, das ihr als Gehhilfe diente. „Eigentlich brauche ich das Ding ja gar nicht, aber dort drüben bei der Marienstatue ist der Weg recht abschüssig“, sagte sie, als wir beim Fallen der ersten Regentropfen   aufbrachen, um ins Haus zu gehen. Es schien ihr noch immer peinlich zu sein, das Wägelchen in meiner Gegenwart zu benutzen. In Augenblicken wie diesen schämte ich mich fast meiner Jugend und der mühelosen Beweglichkeit meiner Glieder. „Oma hat im letzten halben Jahr viel zu viel abgenommen. Sie besteht nur noch aus Pergamenthaut und Knochen, und ihr Kurzzeitgedächtnis funktioniert auch nicht mehr.“ Originalton Mutter, wenn sie mit gequältem Gesicht von einem ihrer Besuche aus dem Luisenheim zurückkam. Ich nehme ihr diese Bemerkung immer übel, obwohl sie doch stimmt. Aber immerhin gibt es auch eine Reihe von lichten Tagen, in denen Großmama genau weiß, wie es um sie steht und sich wegen ihres löchrigen Gedächtnis schämt. Gestern war ein halbdunkler Tag!</p>
<p>„Nein, ich habe von dir keine Kartengrüße aus Griechenland erhalten“, entgegnete sie auf meine Frage, als wir zusammen  das Hauptgebäude erreichten. Ich schwieg, genauso wie kurz nach der Begrüßung, als ich ihr die Tüte mit den Orangen geben wollte, die sie sich noch bei unserem morgendlichen Telefonat ausdrücklich wünschte. „Aber Kind, du weißt doch, dass ich noch nie gern Orangen mochte!“, protestierte sie vorhin und schob das braune Papier mit Inhalt von sich. Dabei sah sie mich aus wässrig blauen Augen so überlegen und mitleidig an, als sei ich die leicht verwirrte Bewohnerin des Luisenheims, die sich im Leben nicht mehr zurecht finden konnte.</p>
<p>Warum machst du dir ihretwegen eigentlich Sorgen? Deine Oma hat es doch gut dort! Für sie ist das Luisenheim das reinste Schlaraffenland! Alles wird den alten Menschen dort abgenommen. Sie müssen nicht mehr arbeiten, haben keine Sorgen und keine Verantwortung zu tragen, bekommen ihre Mahlzeiten immer pünktlich serviert, sagte Peter, als wir uns vorhin verabschiedeten. Für mich war das der größte Bullschiss, den er je von sich gab. Schlaraffenland?! Ich habe ihm seine eigenen Worte voller Verachtung ins Gesicht zurück gespieen. Er wird nie mehr die Chance bekommen, mich ins Luisenheim zu begleiten. Er hat es gar nicht verdient, meine Großmama kennen zu lernen! Meine geliebte, zerbrechliche, hilflose und doch so starke Großmama, die sich so tapfer damit abfindet, dass man sie mit neunundachtzig Jahren einfach auf ein Abstellgleis geparkt hat. Die reinste Horrorvorstellung, wenn ich daran denke, ich könnte auch einmal im Luisenheim landen. Aber Peter gönne ich es, und wie!</p>
<p>Um zu ihrem Zimmer zu gelangen, muss man einen langen Flur entlang gehen, den ich immer scherzhaft die Flaniermeile nenne. „Meine Tochter besucht mich morgen! Sie wissen doch, immer mittwochs, in der ersten Monatswoche. Das Benzin ist schon wieder teurer geworden. Bald kann sie sich kaum noch etwas leisten, wo sie mich doch jetzt regelmäßig mit einem Teil ihres Gehalts unterstützen muss. Ist mir so peinlich, aber das Sozialamt hat es einfach über meinen Kopf hinweg verfügt. Dabei wäre ich viel lieber in meiner alten Wohnung geblieben, aber &#8230;“ „Ich auch“, fiel Großmama der Frau ins Wort, die neben uns stehen geblieben war. Und dann hörte ich zwei tiefe Seufzer wie aus einem Mund. Die Fremde stützte sich fest auf ihren Gehstock und sah mich neugierig an. „Das ist Katharina, meine Enkelin“, stellte Oma mich vor und gab mir heute einfach den Namen ihrer ältesten Tochter. Dann schob sie das Wägelchen schnell weiter. Es war fast unerträglich heiß geworden! Temperaturen draußen so um die 32 Grad. Auch drinnen unerträglich schwül, trotz der dicken Außenmauern. Die meisten Zimmertüren der Luisenheimbewohner standen offen und man konnte hineinsehen. Nicht hineinsehen!, dachte ich bei jedem weiteren Schritt, denn die in den Betten sahen oft aus wie Gespenster. „Sie haben Besuch? Wie schön! Ich bekomme fast nie welchen. Ach, sollen sie doch bleiben, wo sie sind! Ein Leben lang habe ich meinen Kindern Geld von meinem bescheidenen Einkommen zugesteckt. Aber sie, sie rechnen mir heute sogar vor, wie viel das Obst oder die Flasche Herztonikum kostet, die sie mir gelegentlich mitbringen.</p>
<p>Und meine schmutzige Wäsche muss ich von meinem bisschen Taschengeld hier im Haus waschen lassen. Nach dem Krieg, als die Kinder noch klein waren, habe ich die ihre auf dem Waschbrett sauber rubbeln müssen.“ Ich kenne die alte Frau, die uns dies erzählte, schon von früheren Begegnungen. Sie sah auch gestern wieder ärmlich aus, war schlecht frisiert und trug ausgetretene Schuhe. Großmama nickte ihr abwesend zu, hatte es plötzlich eilig. „Mein auf Wiedersehen“, erwiderte die Fremde mit einem freundlichen Lächeln. „Haben Sie denn keine Ohren! Ich habe guten Tag zu Ihnen gesagt“, herrschte uns ein paar Schritte weiter ein breiter grauer Schatten an. „Sie ist nicht mehr ganz richtig im Kopf“, sagte Oma entschuldigend, obwohl auch sie bei dem rüden Ton der anderen Heimbewohnerin heftig zusammengezuckt war. Feine blaue Äderchen zeichneten sich deutlich auf ihren Handrücken ab, als sie das Eisengestänge ihres Fortbewegungsmittels noch fester umklammerte und bis zum Aufenthaltsraum weiter schob. Dort hielt sie mich plötzlich am Arm fest und deutete ins Innere. „Siehst du den grauhaarigen Mann dort am Fenster, der mit der blauen Strickjacke?“, fragte sie und ihre Stimme klang auf einmal peinlich laut für meine Ohren. „Vor ein paar Tagen stand er plötzlich mitten in meinem Zimmer. Was er wohl von mir wollte?</p>
<p>Oder meinst du, er hätte sich nur verlaufen?“ Oma kicherte. Ich zuckte die Schultern. „Auf jeden Fall schließe ich meine Zimmertür jetzt immer fest zu. Von der Heimleitung wollten sie mir zuerst keinen Schlüssel geben, aber ich habe ihnen keine Ruhe gegeben.“ Als sie daraufhin ein zweites Mal kicherte, zog ich sie mit sanftem Druck weiter. „Hallo Frau Heilmann! Kommen Sie mich doch mal wieder besuchen. Sie können auch gern Ihre Enkelin mitbringen“, rief eine graublonde, sorgsam frisierte Dame aus dem übernächsten Zimmer, das direkt neben Omas Reich lag. Ihre Stimme übertönte mit Leichtigkeit den laufenden Fernseher vor dem sie saß, gut gekleidet mit auffallend schönem Schmuck an Händen und Armgelenken. Sie winkte uns freundlich zu. Oma beachtete sie gar nicht, kramte stattdessen geschäftig in ihrer kleinen Ledertasche und suchte den Schlüssel. „Zu der gehe ich nie wieder! Stell dir vor, der gefällt es doch wahrhaftig hier! Guckt den ganzen Tag über Fernsehen und hat dauernd Besucher“, schimpfte Oma und schloss endlich die Tür auf. Auf dem altmodischen Couchtisch mit den beigefarbenen  Kacheln stand mein Blumenstrauß, den die nette Schwester aus der Teeküche mir vorhin abgenommen hatte. Rosa Rosen, rosa Sommerastern mit viel Grün, weil das doch Omas Lieblingsfarben sind! „Wer die wohl dorthin gestellt hat?“, schimpfte sie.  „Schnittblumen machen doch nichts als Arbeit. Und dann auch noch dieses schäbige Rosa!“ Angewidert nahm sie die Vase und placierte sie auf die Fensterbank. Was sollte ich dazu sagen? Nichts! Starrte stattdessen auf die dunkle Nussbaumanrichte, auf der die bunte Ansichtskarte aus Athen stand Und daneben in Reih und Glied die gerahmten Bilder ihrer Töchter und deren Familien: Tante Theresia und Onkel Hans, Mutter, Vater, Lena und ich. Auch die letzte Aufnahme von Opa Georg und Oma an ihrem Goldhochzeitstag. Schwarzer Anzug, schwarzes Kleid, und beide sahen sie darauf sehr feierlich aus! Wie geht eine alte, einsame Frau im Luisenheim nur mit all diesen Erinnerungen um, musste ich denken. Und dann hörte ich auch schon, wie sie sich wieder einmal wünschte, endlich neben Opa auf dem Westfriedhof zu liegen. Mit diesem Satz konnte ich noch immer nicht umgehen! Nahm sie einfach in die Arme. Und als sie weinte, weinte ich auch.</p>
<p>Schlaraffenland, darunter habe ich mir als Kind immer einen Ort vorgestellt, in dem Milch und Honig in Strömen fließt. Sie können sich jeden Tag an den gedeckten Tisch setzen, diese alten Leute! Bequemer geht es doch gar nicht – und Abwechselung haben sie dort doch auch! Na klar, Peter dieser Klugscheißer wusste Bescheid! Es gibt im Luisenheim fast in jedem Zimmer einen Fernseher und in den Aufenthaltsräumen auch. Ab und zu wird sogar ein Konzert veranstaltet, oder gemeinsam gesungen. Gymnastik wird sogar im Sitzen angeboten, morgens von zehn bis halb elf. Frauen ohne Gichtknoten und zittrige Hände beschäftigen sich zuweilen mit einer Handarbeit. Oder sie basteln  gemeinsam. Die Hände meiner kleinen Oma zittern leider von Tag zu Tag mehr. Und im Speisesaal sabbert und kleckert sie manchmal beim Essen. Sieht sie es bei den anderen lächelt sie mitleidig oder amüsiert sich manchmal sogar darüber. Ja, ihre Haut ist inzwischen dünn und faltig wie zerknittertes Pergament, und ihre Augen sehen trotz der neuen Brille in letzter Zeit immer schlechter. Aber sonst, sonst geht es ihr noch verhältnismäßig gut im Vergleich zu vielen anderen Luisenheimbewohnern, die nur noch lallen können und gefüttert und gepampert werden müssen. Eine von ihnen sagt gebetsmühlenhaft immer nur ein Wort: „Danke“. Den ganzen Tag über „danke“. Es kann schon keiner mehr hören und jeder in ihrer Nähe flieht schon nach kurzer Zeit vor diesem ewigen „danke.“ Ich hatte es mir so gewünscht, dass Peter mich begleiten würde, denn das Luisenheim ist seit langem auch ein Teil von mir. Etwas, das ich beim Verlassen nicht einfach abstreifen kann, wie sich pellende Haut. Doch er hat seine Chance vertan! Manchmal endet eine Liebe eben plötzlich.</p>

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