Ein komischer Kerl

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

Das Ereignis in der Millennium-Halle war nicht der Grund für Duffenters Suizid-Absichten, aber das auslösende Moment, der eine Tropfen zu viel. Dr. Eigenbrod, ein Psychologe am Anna-Freud-Institut, hat es mir in glühenden Farben geschildert, mit einer Mitteilsamkeit, die einem Mann seines Berufsstandes eigentlich nicht zusteht.

Ferdinand Duffenter, ein Schulfreund von Eigenbrod und mir, besuchte hochgestimmt (er hatte sich Mut angetrunken, Mut, den er brauchte, um seine Wohnung zu verlassen) das Konzert der Sopranistin Elina Trebkowa, einer der seltenen Persönlichkeiten, die nicht nur durch Genie, sondern auch durch warmherzige Ausstrahlung die Menschen beglücken. Nach dem triumphalen Vortrag ihres französischen Repertoires forderte das Publikum Zugaben. Der Theaterdiener hatte ihr bereits den üblichen Strauß Blumen überreicht, Rosen in Gelb und Apricot. Elina kündigte ein Stück der leichten Muse an, aus Leh’rs Giuditta, und sang die Arie: ‘Meine Lippen, sie küssen so heiß’. Sie schleuderte dem Inspizienten ihre Schuhe an den Kopf und wirbelte, die Rosen umarmend, barfuß über die Bühne, hielt inne, sang von heißen Lippen, und dann, ja dann pflückte sie Rosenköpfe, trat an die Rampe und reichte die Blüten einigen Herren in der ersten Reihe ‘ anmutig, wie nur sie es konnte. Bei Duffenter, der nicht in der ersten, sondern in der vierten Reihe saß, soll sie innegehalten und ihn angeschaut haben, ihren Arm schon zum Wurf gebogen, dann aber weitergeschwebt sein. Sie warf die Rose, die nach Duffenters Einbildung für ihn bestimmt war, einem anderen Herrn in den Schoß. Diese vermeintliche Zurückweisung durch eine vergötterte Frau, um derentwillen er sich aus der Sicherheit seiner Wohnung gewagt hatte, stürzte ihn in einen Abgrund aus Selbstmitleid. Die Welt hatte ihn zurückgestoßen. Deshalb wollte er die Welt verlassen.

‘Glaubst Du’, so Eigenbrod zu mir, ‘ich hätte Ferdi davon überzeugen können, dass die Diva keinen dieser Herren persönlich gemeint hat, und dass sie speziell in seinem, Duffenters, Fall ein technisches Problem hätte lösen müssen, nämlich die Rose zielgenau über drei Reihen hinweg zu werfen? Nein! Er beharrt auf seinem egozentrischen Standpunkt, statt froh zu sein, dass sie ihn überhaupt angesehen hat!’

Wie bereits erwähnt, dieser Vorfall ließ das Fass überlaufen. Der tiefere Grund war vielleicht eine enttäuschte Liebe, eine versagte Beförderung oder eine Krankheit. Ich weiß es nicht. Auch Eigenbrod scheint nichts darüber zu wissen, oder er will nicht darüber sprechen. Es ist ja nicht zum Äußersten gekommen, denn eine Hure soll Ferdinand auf den Pfad der Tugend zurückgeführt haben. Auch diese Geschichte hat mir Eigenbrod erzählt, vermutlich ausgeschmückt mit vielen erfundenen Zutaten, und vielleicht ist sogar die ganze Geschichte erlogen. Das würde seine Indiskretion erklären. Allerdings bliebe dann noch die Frage offen, warum er sich unseren gemeinsamen Schulfreund Ferdinand Duffenter zum ‘Helden’ auserkoren hat.

Am Vorabend des Tages, den Duffenter bestimmt hatte, sein Leben zu beenden, kramte er in den Werkzeugen, die sich bei ihm angesammelt hatten. Er war kein geschickter Handwerker, umso mehr baute er darauf, dass neue, immer teurere Werkzeuge das Richtige für ihn täten (aber sie multiplizierten nur seine Ungeschicklichkeit). Er nahm das Teppichmesser, mit dem gehässigen Gefühl, dass es nun endlich zu etwas gut sei, und legte es auf den Tisch. Dann überließ er sich dem Schmerz seiner Seele. Bis nach Mitternacht hockte er vor dem Fernseher, ohne etwas zu sehen. Er versuchte, so lange wie möglich zu schlafen, und stand erst am Nachmittag auf, einigermaßen instandgesetzt und hungrig. Er kochte Tee, aß Zwieback und begab sich in sein Arbeitszimmer, setzte sich vor den Schreibtisch, füllte Überweisungsträger aus und kuvertierte sie. Danach ging er durch alle Zimmer und schloss die Fenster. Vor der Bücherwand blieb er lange stehen. Er suchte seine Lieblingsbücher und steckte sie in eine Aktentasche. Er zog sich freizeitlich an, nahm sein ganzes Bargeld, seine Schecks und Kreditkarten, steckte sie zu den Büchern in die Tasche und ließ das Teppichmesser obenauf fallen. Dann telefonierte er ein Taxi herbei.

Er fuhr in die Stadt. Im belgischen Viertel stieg er aus. Die Häuser stammten noch aus der Gründerzeit. Sie hatten die Bombenangriffe überdauert, und als hätte der Staub, der während vieler Wochen nach den Stadtbränden herabgerieselt war, sich mit der Außenhaut verklebt, so schwärzlich standen sie vor ihm. Der verhangene Tag war in die Straßen gesackt und lag unbeweglich zwischen den Häusern wie eine Art Sandstein aus grauen Körnern, an denen sich die grellrote Botschaft aufrieb, die von jenseits der Kreuzung aus Neonröhren ausgestrahlt wurde und Ferdinand in die willkommene Stimmung versetzte, die er von diesem Tag erwartet hatte. Denn alles, was er sich vorstellte, richtete sich nach den Romanen, in denen verzweifelte Menschen durch die Großstadt irren in der Hoffnung auf eine plötzliche Begegnung, die sie vor dem Tod bewahren würde, dem selbst zugefügten Tod im Hotelzimmer, unter einer Brücke oder in dem schwarzen Fluss. Seine gequälte Seele war voll von Dostojewski und Petersburger Straßen, den Vorbildern der Straßen, durch die er jetzt ging, vorbei an Kneipen und Bars, vorbei am uniformierten Portier der Bar ‘Femina’, der ihn nicht ansprach (selbst ein solcher Mann nahm keine Notiz von ihm).

Duffenter betrat die Kneipe neben der Bar. In einer verqualmten Stube sollten mindestens vier Ausführungen von Marlene Dietrich sitzen, ein Bein hochgezogen, die Hände um das Schienbein verschränkt – und verworfen. Die Theke müsste brechend voll sein, und er würde seine Hand zwischen verschwitzten Leibern durchschieben, um sein Bier zu packen, und er würde sich Platz verschaffen müssen wie ein Hund, der sich um den Schwanz dreht, und dann, inmitten dieser aufregenden Masse von Stoff und Fleisch, inmitten von Gerüchen und Zigarettendunst, inmitten des Stimmengewirrs und des aufreizenden Gelächters, würde er Bier trinken, die Verworfenheit dieses Ortes und seinen eigenen Schmerz genießen und später in Whiskey ersäufen.

Die Kneipe war leer und dunkel. Es dauerte, bis ein Mann aus ‘Privat’ hervorkroch, ein stämmiger Mann in Unterhemd und Hosenträgern, der automatisch einen Putzlappen über die Theke wischte, als gälte es, durch diese Handbewegung seinen Beruf erraten zu lassen. Der Mann warf das Kinn hoch. Duffenter übersetzte es für sich: Was willst du, es ist reichlich früh.
‘Ein Bier bitte.’
Ferdi bekam eine kleine Flasche und ein großes leeres Glas. Der Mann setzte sich auf einen Hocker hinter dem Tresen und begann, aus dem Fenster zu starren. Er misst die Zeit, wie lange du brauchst, die Flasche auszutrinken, dachte Ferdi. Er trank hastig, stellte das Glas hörbar auf den Tresen und sagte so, dass man Festigkeit und Höflichkeit heraushören sollte:
‘Zahlen.’
Der Mann starrte weiter aus dem Fenster. Erst als Ferdi sich vornahm, auf die Höflichkeit zu verzichten, und nur noch: ‘Zaahlen!’ sagte, rutschte der Mann vom Hocker und schlurfte zu ihm. Nachdem er einen festen Stand hinter dem Tresen gefunden und seine Hände aufgestützte hatte, erwiderte er: ‘Vier Euro.’ Duffenter zahlte und verließ grußlos das Lokal.

Für vier Euro müsste ich noch ein Bier gratis kriegen. Chance vertan. Er fühlte sich missachtet, auch hier. Aber das spornte ihn an, machte ihn mutig. Nicht mehr lange würde er sich Missachtungen gefallen lassen! Ferdi ging nicht an dem Portier der Femina-Bar vorüber. Der sollte ihn für keinen geilen und entschlussarmen Menschen halten, der um die Auslagen herumschleicht. Er kam zum Ring. Er streifte durch die Innenstadt – ohne eine Begegnung, niemand sprach ihn an, keiner überfiel ihn, keiner wollte ihn verführen, Neonröhren enthielten keine Botschaft mehr.

Als Ferdi das Caf’ betrat, stand sein Entschluss endgültig fest. Er wusste nur nicht, wie er ihn in die Tat umsetzen sollte. Ferdinand Duffenter erhoffte sich von diesem Caf’ und seinen Personen Aufschluss über die Schritte, die er unternehmen müsste. Die Traurigkeit Petersburger Raskolnikow-Nächte hatte ihn angetrieben, etwas Ungewohntes, ja Verbotenes zu tun, um die letzte Entscheidung in einer von allen Konventionen befreiten Verfassung zu treffen. Die beträchtliche Summe Bargeld, die er bei sich trug, gab ihm die Sicherheit, in das Caf’ zu gehen, dessen Inneres verheißungsvoll verhüllt wurde durch eine geraffte Tüllgardine und einen roten Vorhang. Das in den trüben Tag sickernde Licht hatte ihn bestimmt, nach dem Fußmarsch dieses Etablissement, das seine Gastlichkeit signalisierte, entweder zu betreten oder überhaupt keines mehr an diesem Abend, in dieser Stadt, in diesem Leben. Könnte er sich dazu entschließen, dann brauchte er sich nicht stets mit der Einflüsterung auseinanderzusetzen, er würde doch wieder nach Hause fahren, weiter arbeiten gehen und seinen Schmerz widerkäuen.

Das Innere war warm beleuchtet. Das Licht floss aus Lämpchen wie Wasser aus goldenen Hähnen in einen viereckigen Teich aus Marmor von der Größe eines Tisches, an dem zwei Personen bequem Platz finden. Diese zweite Gaststube hob sich wohltuend von der ersten dadurch ab, dass sich in ihr drei Personen aufhielten, drei Frauen, die miteinander sprachen. Das zwanglose, laute Gespräch wurde unterbrochen, als die Bardame ihren neuen Gast fragte, ob sie ihm etwas anbieten dürfe. Ferdi war von dem sachlichen und zugleich freundlichen Ton angenehm überrascht. Das vornehme Aussehen der Dame, die eine geschlossene, wenn auch fast durchsichtige Bluse trug, hinter der ein schwarzer BH den Blick zur Umkehr zwang, gestattete ihm, länger in der Illusion zu verweilen, dass dieses Caf’ ein Treffpunkt sowohl ehrbarer Gäste als auch fortgeschrittener Weltmänner sei, die das Angebot käuflicher Liebe, wenn es denn an sie herangetragen werden sollte, nicht verschmähen. Und im übrigen war es vielleicht nur ein normales Caf’. Er bestellte ein Kännchen Kakao und nachträglich einen Cognac dazu. Er hatte sich vor einem Barhocker niedergelassen und schaute in den Spiegel, vor dem sich Spirituosen aufreihten. An der rechten Längsseite des gangartigen Raumes (vom Eingang aus gesehen) befand sich die Bartheke und links eine Kette kleiner, sanft beleuchteter Tische. Dort saßen zwei Frauen.

Eine Dame setzte sich an den einzigen Tisch, der an der Schmalseite des Caf’s neben dem Tresen stand und von wo aus sie den Raumes bequem überblicken konnte – und nun auch Ferdi in seinem Schmerz. Sie führte die Konversation mit ihren Freundinnen fort. Sie übersah Ferdi und schien ganz ins Gespräch vertieft zu sein, dessen Gegenstand die Kindererziehung war. Er blickte zu ihr hin. Sie ist keine feine Dame, Lack-Minirock, eher ein Gürtel, und dann die Beine übereinandergeschlagen! Er wandte den Kopf ab und klammerte die Dame aus. Sie kümmert sich ja auch nicht um mich. Vielleicht ist sie eine Verkäuferin, die jetzt Feierabend hat. Darüber dachte Ferdi nach – mit einem Gesicht, als müsste er eine Denksportaufgabe lösen und einem Gremium auseinandersetzen. Sie sprachen über Kinder, das machte sie ihm sympathisch, und als hätte er nun die Lösung seiner Aufgabe gefunden, schaute er auf, frei, fast erlöst, ja bereit, Rede und Antwort zu stehen, wenn sich jemand an ihn wenden sollte. Er sah länger als er wollte zu dem Lack-Mini hinüber. Er glaubte, es tun zu dürfen, weil die Frau ihre Aufmerksamkeit ganz den beiden anderen widmete. Die Brüste waren aus dem weit ausgeschnittenen Wollpullöverchen herausgehoben, glänzten herüber und stellten ohne Zutun ihrer Besitzerin eine Beziehung zu ihm her. Er wusste nicht, wie es weitergehen sollte, und versenkte seinen Blick vorsichtshalber in den Kakao-Fluten. Er war jetzt etwas gekränkt, dass ihn die junge Dame nicht wahrnahm (dein Schicksal, sie wollen nichts von dir wissen).

Er griff nach seiner Tasche unter dem Tisch, öffnete sie, hob ein Buch heraus, begann in ihm zu blättern und dann zu lesen. Was genau er las, wusste er nicht. Er hatte bestimmte Stellen viele Male gelesen, so dass er, wäre er ein Kind, viele Passagen auswendig wüsste. Er befürchtete, jemand, der hereinkäme, würde ihm die Frau wegschnappen. Noch hatte er nicht das Vertrauen, sie könnte wählerisch sein. Und wenn sie es wäre? Warum sollte sie ihn einem anderen vorziehen? Weil die anderen Hurenböcke sind? Nur er, Ferdinand Duffenter, steht vor einer heroischen Tat und darf deshalb die Konventionen sprengen, ein Gott für die Bajadere? Er lachte bitter in sich hinein. Ein jüngerer würde sie wegschnappen. Es sei denn, sie geht nur nach Geld, und Geld ist der Vorteil des Alters vor der Jugend.

Er schloss das Buch und bestellte Zigaretten. Dabei blickte er auf die gewisse Dame, und sie lächelte ihm zu. Zum ersten Mal tauchte die irre Idee auf, sie könnte ihm das Leben retten. Er musste sie haben, sich ihr unterwerfen. Er war tapfer. Er lächelte zurück. Es sah aus wie ein Grinsen, seine Nasenflügel zuckten. Er war froh, dass sein grinsendes Lächeln nur auf das Profil der Schönen traf, die sich wieder am Gespräch der übrigen Damen beteiligte und ihn unbeachtet ließ. Sie war eine Frau, die er lieben könnte. Ferdi nahm und zahlte die Zigaretten und beschäftigte sich damit, die Schachtel vom Zellophan zu befreien. Das Knistern störte ihn (schien ungebührlich die Aufmerksamkeit auf ihn zu lenken) und so arbeitete er daran, das Zellophan-Papier von seinen Fingern abzustreifen, wo es sich festgesaugt hatte. Er knüllte es und schwang das Knäuel in einen Aschenbecher, wo es sich wie ein klares Feuer aufblähte und noch sekundenlang knisterte. Er bezwang auch die Banderole und klappte den Deckel auf. Er zog mit spitzen Fingern eine Zigarette aus der Schachtel, steckte das Stäbchen in den Mund, aber nahm es sofort wieder heraus. Mit einer zierlichen Geste entfernte er einen Tabakfaden von der Zunge. Ferdi blickte zum Wollpullöverchen, ohne es sich befohlen zu haben. Schnell wie ein ungezogener Junge den Befehlen seiner Eltern entwischt, hatte sich sein Blick aus der Umklammerung seiner Vorsätze gewunden. Er tupfte das Mundstück seiner Zigarette auf das Thekenholz.

Als er seine Jacke abklopfte, auf der Suche nach einem Feuerzeug, wie um die Funken seines Tagtraumes abzuschlagen, stand sie vor ihm und hielt ihm das brennende Streichholz entgegen. Er blickte entgeistert und ließ sich Feuer reichen. Es ist ungezogen von mir, ich hätte das Streichholz in die Finger nehmen und es dann selber zur Zigarette führen müssen! Um keinen zweiten Fehler zu begehen, sagte er:
‘Nehmen Sie bitte Platz.’
Sie schwang sich auf den Nachbarhocker und schaute ihm nachdenklich zu, wie er seine ersten Züge machte.
‘Waren Sie schon einmal hier?’
‘Nein.’
‘Warten Sie auf jemanden?’
‘Nein.’
‘Machen Sie immer so viel Worte?’
‘Ach nein.’
‘Was lesen Sie denn?’
‘Gracians Handorakel.’
‘Interessant?’
‘Ach ja, ich glaube. Lesen Sie auch?’
‘Ich komme selten dazu, früher habe ich oft gelesen.’
‘Was denn?’
Er ärgerte sich über seine Frage, weil er glaubte, sie damit in Verlegenheit zu bringen.
‘Amerikanische Literatur.’
Und nur aus Angst, das Gespräch könnte ersticken, fragte er weiter:
‘Was denn zum Beispiel?’
‘Kerouac zum Beispiel, Bukowski zum Beispiel, Auster zum Beispiel.’
Sie kniff die Augen zusammen und schlug die Beine übereinander.
‘Kennen Sie die?’
Er war verblüfft und sagte wahrheitsgemäß:
‘Nein. Ja. Schon mal gehört.’
‘Haben Sie was dagegen, wenn ich Zigaretten und zu trinken bestelle?’
‘Aber warum sollte ich!’
Da fiel ihm ein, dass er würde bezahlen müssen, und fragte:
‘Welche Marke?’
‘Dunhill Blue.’
Er forschte in dem Gesicht der Bardame, die herantrat, um die Bestellung entgegenzunehmen. Er vermutete Spott oder sogar Verachtung. Sie gewährte aber ein gleichgültig-freundliches Gesicht. Seine neue Bekannte orderte und fragte ihn dann:
‘Sie mögen doch Frauen? Oder haben Sie nur Ihre Bücher?’
Ferdi mag Frauen, ja er liebte Frauen. Er verehrte sie.
‘Ja natürlich’, sagte er.

Sie beugte sich vor, die Brüste schimmerten.
‘Könntest du mich auch mögen?’ fragte sie.
‘Mein Gott, ich mag Sie sehr, so sehr, dass ich den Abend mit Ihnen verbringen möchte.’
Sie warf sich zurück, lachte und richtete sich wieder auf.
‘Wenn überhaupt, bin ich eine Göttin, kein Gott. Du bist so herrlich dumm. Du treibst die Preise hoch.’
Aber sie schonte ihr Lachen und sagte:
‘Weil du es bist – ich heiße Thea, 30 Euro das Zimmer, 50 musst du mir schenken. Du hast doch so viel Geld?’
Als er ihr zum Beweis das Portemonnaie hinstrecken wollte, legte sie ihre Finger darauf und schüttelte den Kopf.
‘Du bist ein komischer Kerl, deine Frau muss auf dich aufpassen.’
Er beeilte sich zu sagen, dass er nicht verheiratet sei.
‘Mir ist es egal, mein Schatz, wenn du mir nur sagst, wie du heißt.’

Sie nippten, rauchten und unterhielten sich. Er fragte nach ihrem Hobby (ihren Beruf kannte er nun).
‘Früher Fotografieren, ich habe nur noch eine Sofort-Bildkamera, aber Pornos sind mir zuwider!’ O ja, natürlich, warf er ein, vom bloßen Anblick werde ihm schon schlecht, Hardcore und so ein Zeug, nein! Dann wurde er intim und fragte nach den Eltern.
‘Meine Mutter passt auf das Kind auf. Du musst wissen, ich habe ein Kind.’
Sie blinzelte, zeigte Zähne, hielt sie aber geschlossen und gurrte, dann sagte sie, während sie an seinem Ohr zupfte:
‘Milch gebe ich aber keine. Du hast doch daran gedacht, sag es nur!’
Er wurde rot und wagte es, seine Hand auf ihre Backe zu legen:
‘Jetzt stelle ich es mir vor.’
‘Du bist wirklich komisch, wenn ich mich erst einmal in dich verliebe, mein Schatz, wird es für dich teuer. Mein Vater wohnt in Süddeutschland. Er ist abgehauen und hat meine Alte sitzen lassen, immer dieselbe Litanei, deswegen habe ich meinem Beschäler schon vorher den Laufpass gegeben. Die Männer sind alle zum Kotzen, Anwesende natürlich ausgenommen.’
Sie lächelte verlegen, und für ihn war das Bekenntnis ein Beweis ihres Vertrauens.

Sie ging nun dazu über, ihm zu erklären, wie sie in die Absteige kämen, um es hinter sich zu bringen.
‘Am besten, ich geh voraus und du folgst mir im Abstand. Du siehst dann, wo ich reingehe, und achte darauf, dass dir unterwegs keine Bekannten über den Weg stolpern, sonst verlieren wir uns aus den Augen – und dein schönes Geld ist perdus.’
Sie hielt die Hand auf. Ferdi stutzte und beschloss, ihr zu vertrauen. Er legte einen Geldschein auf ihre Hand. Sie blies den Schein mit spitzem Mund auf die Bartheke und sagte:
‘Erst wenn wir da sind.’
Dann stand sie auf und verließ das Caf’.

Es war dunkel geworden. Ferdi stieß mit niemandem zusammen, als er die Caf’bar verließ. Man kann Thea gar nicht aus den Augen verlieren. Wie die aussieht! Sie sieht wirklich aus wie eine Nutte. Thea wurde angesprochen, aber sie hielt sich nicht auf, sondern schritt unbeirrt weiter, als ob sie über eine Reihe von Säulen ginge, dachte Ferdi. Er war fast auf derselben Höhe mit ihr, als sie die Treppe zu einer hochgelegenen Haustür stieg. Er wechselte hastig die Straßenseite und wäre beinahe den Liebestod unter einem Polizeiauto gestorben. ‘Können Sie es nicht abwarten, nein?’ hörte er hinter sich. Er drehte sich um. Er verstand nicht, was der Polizist, halb so alt wie er, damit sagen wollte. Oder wusste er, weshalb Ferdi an dieser Stelle so hastig die Straße überquert hatte? Duffenter stand mit Thea eine Weile schweigend im Flur. Eine Concierge nahm ihm das Geld ab und fragte, ob er etwas brauche. Ohne seine Antwort abzuwarten, schlurfte sie zurück in ein Zimmerchen, wo das Licht eines Fernseh-Apparates flackerte.
‘Möchten Sie etwas trinken?’
‘Nein, spar dein Geld, vielleicht kannst du es noch brauchen.’
Thea hatte schon den Schlüssel. Sie stieg in den ersten Stock, Ferdi ihren Beinen nach.

Sie schloss die Türe auf und betätigte einen Schalter. Eine Deckenlampe beleuchtete spärlich einen Raum, der mit einem französischen Bett, einem Nierentisch und zwei verschlissenen Sesseln möbliert war. Vor dem Fenster links hing ein rotbrauner Vorhang. Die Ecke zwischen Tür und Fenster war mit Klosett, Bidet und Waschbecken ausgestattet. Thea hatte im Vorübergehen ihre Tasche auf den Tisch fallen lassen und sich dann bäuchlings auf das Bett geworfen. Sie streckte ihre Hand aus, drückte einen Knopf. Die indirekte Beleuchtung unter einem Holzrahmen über dem Bett beruhigte Ferdi (das Deckenlicht hatte ihn schockiert). Sie drehte sich herum, spreizte die Beine, wackelte mit den Knien und sagte zu ihm, der unsicher auf sie zugekommen war:
‘Du hast es eilig, ja? Du bist schon ein komischer Kerl, das erste Mal? Du machst jetzt das große Licht aus, mein Schatz, und dann wirst du mir etwas schenken.’
Sie erhob sich, warf die Schuhe ab und hielt die Hand auf. Er gab ihr das Geld, und sie steckte es, ohne darauf zu sehen, in ihre Tasche. Dann fing sie an, sich auszuziehen. Er beobachtete sie, als wüsste er nicht, wie man sich selbst seiner Sachen entledigt. Als wäre er auf Theas Vorbild angewiesen.

Er stand in Strümpfen da, mit abstehender Rute, und wartete wie ein Patient im Konsultationszimmer.
‘Leg dich hin’, sprach die Ärztin, assistiert von zwei leuchtenden Brüsten. Er legte sich hin, fror ein wenig, und kaum, dass er Zeit gefunden hatte, darüber nachzudenken, ob das Bett frisch bezogen sei, hatte Thea das Gummi übergestülpt. Sie applizierte ihm den Orgasmus, das Augenverdrehen und das Entweichen der Luft aus einer in ungewohnter Weise beanspruchten Lunge. Die Ärztin zapfte den Körpersaft auf eine schnelle, schmerzlose, ja angenehme Weise. Sie fasste das Gummi, zog es herunter, sagte:
‘Du kannst dich jetzt waschen.’
Sie beseitigte das Ejakulat wie den Abfall aus einem Labor. Er schickte sich in den Befehl seiner Ärztin, betäubt, leer und mehr denn je gewiss, dass dieser Abend der letzte seines Lebens sein sollte. Er beeilte sich mit der Waschung. Thea hockte in sich gekehrt auf dem Bidet. Ohne zu wissen, wie es weitergeht, ohne das elektrisierende Raskolnikow-Gefühl, in schmutzigen Straßen ein Hotel, sein Todes-Hotel, zu suchen, ließ er sich auf das Bett fallen, um zu dösen, solange keine weiteren Anweisungen an ihn gerichtet wurden.

Er hörte Wasser laufen. Er hoffte, dass lange nichts geschehen möge. Das Zimmer war überheizt. Es machte ihm nichts aus, nackt dazuliegen. Seine Rute war jetzt das Würmchen an der Angel. Sein Kopf sank zur Seite. Er wachte auf aus einem kurzen Schlaf und sah ihre nackten Beine vor sich. Sie stand ganz nah am Bett. Er glaubte, die Wärme zu spüren, die Hitze aus ihrem Fleisch. Vertraut geworden mit ihr, und weil ihm sowieso alles egal war, schob er sich mit den Schultern zu ihr hin und küsste die Schenkel. In einer anderen Lage hätte er wahrscheinlich ihre Stirn geküsst oder seine Verehrung durch einen verbalen Mummenschanz ausgedrückt. Mit Rosen überhäufen würde ich dich, wenn alles anders gekommen wäre. Da dachte er an Elina Trebkowa und wie sie ihm eine Rose verweigert hatte. Weil er den Blick von den blauen Äderchen abwenden wollte, sah er zu seiner Ärztin empor und stieß den Mund in ihre Haare. Thea unterbrach seine pochenden Küsse, schwang sich auf das Bett und kniete über seinem Gesicht.
‘Du musst mir noch etwas schenken, mein Schatz.’
Er versank in einem aromatischen Sumpf und bildete sich ein, ja er hätte schwören können, dass sie nach einer Weile auch in Atemnot geraten war.

Während Thea sich abermals wusch, blieb er liegen. Er dachte an seine Studentenzeit zurück. Seine Wirtin lebte mit einem Mann zusammen, einem Vertreter in Baumaschinen, der oft besoffen nach Hause kam, manchmal die Nacht wegblieb, weil er mit den Polieren die Sau rausließ. Die Wirtin schien sich daran gewöhnt zu haben. Dann musste sie ins Krankenhaus. Sie würde wochenlang abwesend sein. Darum brachte sie ihre halbwüchsige Tochter in Sicherheit und vertraute dem Lebensgefährten ihre Wohnung und den Studenten Duffenter an. Der Strohwitwer brachte bald eine fremde Frau nach Hause. Ferdi wurde gegen Mitternacht geweckt, durch das Gelächter der beiden, das Rumoren in der angrenzenden Küche, das Knallen des Kühlschranks und lautes Abspielen von Schnulzen. Am nächsten Morgen berichtete der Vertreter in einer blöden glückseligen Art, dass er die Dame gemietet und heute morgen in ein Taxi gesetzt habe. Dann legte er, wie man Spielkarten auffächert, Polaroid-Fotos auf den Tisch, keine Aktfotos, aber Bilder von einer Vulgarität, deren Ferdi sich brennend schämte, als hätte er sie selber gemacht und müsste sich einer höheren Instanz gegenüber dafür verantworten. Die Frau saß in allen möglichen Posen auf dem Sofa, die Arme mal hinter dem Kopf verschränkt, mal gegen die Brust gedrückt, mal lässig auf die Lehne gelegt, stets war der Rock hochgezogen wie verrutscht, und Ferdi wunderte sich über die Strümpfe alter Art, die ein Stück Bein freiließen. Die Fotos waren nicht eigentlich obszön, aber das weiße Gesicht der verblühten, immer noch schönen Frau und die weißen Ringe aus Fleisch zwischen den Strümpfen und der Wäsche, dieses Kalbfleisch-Weiß inmitten des bunten Durcheinanders eines Wohnzimmers, das von Brokatdeckchen, Millefiori-Glas, Papierblumen und Nippes beherrscht wurde, empfand er damals als abstoßend. Er verglich die Dame mit Thea, ohne zu wissen warum.

Es duftete nach Frau, aber es war kein Parfum. Ihm fiel auf, dass nichts nach Parfum roch. Er nahm sich vor, sie danach zu fragen, weil er glaubte, sich jetzt Vertraulichkeiten herausnehmen zu dürfen. Als sie die Ecke verlassen hatte, mit einer geschäftigen und gleichgültigen Miene, erschrak er und fragte sie nicht. Er wusch sich.
‘Darf ich pinkeln?’
Sie lachte und das beruhigte ihn. Es lag etwas wie Vertrauen in dem Einverständnis, pinkeln zu dürfen, fast wie bei Verheirateten.

‘Schenk mir ein Bild von dir’, bat er.
‘Ich habe keins.’
‘Gibt es keinen Fotoapparat, eine Polaroid für alle Fälle?’
‘So was mach ich nicht, kauf dir Pornos. Für tausend Euro mach ich das nicht. So eine bin ich nicht, du kannst mich mal.’
‘Ich will nur ein Bild von dir, nur dein Gesicht. Ich möchte eine Erinnerung, stell dich nicht an’, sagte Ferdi. ‘Wir können es auch auf der Straße machen, oder im Flur, wenn es nur einen Apparat hier gibt.’
‘Ich will dir was sagen, mein Schatz, ich mag nicht, wenn man mich fotografiert, ich gebe mich aus der Hand, verstehst du? Niemand hat ein Bild von mir, außer meiner Mutter, aber was geht dich das an?’
Ferdi schmollte. Er stieg in seine Hosen. Die Untersuchung war beendet, das Doktorspiel vorüber. Thea sah kurzsichtig auf ihn.
‘Du bist komisch’, sagte sie hart, ‘Du schuldest mir 50 Euro für das zweite Mal.’
Er war beleidigt. Er legte einen Hunderter auf den Tisch.
‘Ich schenke ihn dir.’
‘Fünfzig habe ich gesagt’, schrie die Frau, ‘wer hat was von hundert gesagt, du Idiot!’
Ferdi zuckte zusammen. Er nestelte Scheine aus der Tasche, die sich zu fünfzig addierten, legte sie sorgfältig auf den Nierentisch und nahm den Hunderter zurück.
‘Ich habe das nicht so gemeint’, sagte er, als er den Eindruck gewann, er könne jetzt sprechen, ohne angefaucht zu werden, denn Thea hatte sich auf einen Sessel fallen lassen und suchte in ihrem Täschchen. ‘Ich meinte wirklich nur dein Gesicht, ich dachte mir, es wäre schön, wenn ich ein Passfoto von dir hätte.’
Thea murmelte und sah an Ferdi vorbei, als beriete sie sich mit einer Person, die hinter ihm stand. Sie erhob sich, blickte sich im Zimmer um und befahl:
‘Komm jetzt!’

Während sie die Tür zuzog und abschloss, klärte sie Ferdi darüber auf, dass die Miete für die Polaroid 20 Euro koste. Am Treppenabsatz rief sie die Concierge. Die hörte sich den Wunsch an, schlurfte zurück und streckte, als sie wiederkam, Ferdi wortlos eine Kamera entgegen. Die Portiersfrau rauchte und sprach kein Wort. Alles lief nach einem strengen Reglement ab. Thea sagte zu ihr:
‘Lass zehn nach, der junge Mann will das Bild hier machen, an Ort und Stelle.’
Die Alte schüttelte kaum merklich den Kopf, nahm das Geld von Ferdi, steckte es weg und verschwand wie vorhin grußlos in ihrem von Blitzen durchzuckten Fernsehzimmer, wo sie wie eine Krötenhexe in der blauen Tiefe eines verwunschenen Teiches hockte und von Zeit zu Zeit, zum Schweigen verpflichtet, an der Oberfläche auftauchte, um einen verhassten Dienst zu verrichten, zu dem sie nach einem Gesetz, das keine Revision zuließ, verurteilt worden war – so schien es.

‘Mach schon’, sagte Thea. Sie zupfte an ihrem Rockgürtel. ‘Warte noch.’
Sie wühlte in ihrem Täschchen, holte einen Kamm hervor, schüttelte ihr Haar, strich einmal mit dem Kamm darüber, steckte ihn wieder weg und stellte sich kerzengerade an die Wand. Sie ließ die Arme hängen, die Tasche pendelte kurz über den Steinfliesen.
‘Bist du fertig?’
Ferdi ging einen Schritt auf sie zu, bis ihr Gesicht den Rahmen im Sucher ausfüllte. Er verkniff es sich, mehr als nur ihr Gesicht zu fotografieren. Es wäre ein Vertrauensbruch.
‘Eins genügt’, sagte sie. Die Kamera surrte und schob das Bild aus dem Schlitz. Kaum hatte Ferdi es in seine Hand laufen lassen, nahm Thea ihm den Apparat fort und streckte ihn der Alten entgegen, die unbemerkt vor ihrem Zimmer erschienen war.
‘Bist du zufrieden?’
Thea wandte sich zur Haustür. Ferdi sagte in den Flur hinein, ohne dass ihn jemand beachtete: ‘Guten Abend.’ Er fing die schwere Haustüre auf, die Thea losgelassen hatte, ohne sich nach hinten zu orientieren.

Auf der Straße blieb sie stehen und zündete eine Dunhill an. Ferdi stellte sich vor sie hin. Wie verabschiede ich mich von einer – von einer wie ihr? Nutte oder Hure erschien ihm zu abschätzig, schließlich gab es da was. Er traute sich nicht, das, was es da gab, beim Namen zu nennen, denn was er namhaft gemacht hätte, wäre es nicht gewesen.
‘Zeig mal das Bild!’
Gutgläubig reichte er es ihr. Ihm war es recht, dass sie es noch einmal in der Hand hielt. Er würde es dann von ihr als Geschenk empfangen. Thea nahm es, schaute darauf, steckte ihre Zigarette in den Mund und versuchte, das Foto zu zerreißen. Sie knüllte es und lief einige Schritte. Dann bückte sie sich und ließ es über einem Gulli fallen. Mit dem Absatz stopfte sie es durch das gusseiserne Rost. Sie musste an Ferdi, der erstarrt war, vorübergehen, wenn sie zu ihrem Ausgangspunkt, dem Caf’, zurückkehren wollte. Sie hatte erkannt, dass Ferdi nicht gewalttätig war, denn sie kam langsam auf ihn zu, blieb dicht vor ihm stehen, warf die Zigarette halb geraucht fort, und sah ihn an wie eine technische Vorrichtung, deren Funktionsweise sie nicht durchschaute. Dann griff sie seine Hand und drückte sie von oben auf ihre Brust.
‘Du bist ein komischer Kerl’, sagte sie, löste sich und ging an ihm vorüber die Straße hinunter, langsam, wiegend, mit dem Täschchen schlenkernd. Taxi frei.

Als Ferdi aufwachte und begriff, rief er ihr nach:
‘Kommen Sie mit mir, wir bleiben heute zusammen.’
Tatsächlich blieb sie stehen und drehte sich zu ihm. Vorbei alles Wippende. Sie stand wie im Regen und ließ die Tasche baumeln. Ferdi musste einen Augenblick annehmen, er hätte sie überredet. Sie schüttelte aber den Kopf, so leicht, dass er an ein nervöses Zucken seiner Augäpfel glaubte. Da hatte sie ihm schon wieder den Rücken gekehrt und mit jedem Schritt vorwärts versetzte sie die Kugel ihres Unterleibs in Schwingung. Er sah noch, wie sie auf die Fahrbahn auswich, weil jemand aus dem Pulk streunender Männer sie fassen wollte. Sie schlenkerte mit ihrer Tasche, einen Schlag andeutend oder weil sie sich mit einem Ruck ihres Armes aus dem zudringlichen Griff befreite. Ferdi dachte: Ich bring ihn um, wenn er ihr was tut. Er wandte sich auch in die Richtung, in die sie ging, hart an den Männern vorbei, die sich um ihn nicht kümmerten. Er behielt Thea im Auge, so als wäre es der Abschied von jemandem, den er lange kennt. Er stellte sich vor, dass auch sie alleine war.

Nach einer Wanderung über den Ring stand Ferdi wie zufällig, aber kaum unbeabsichtigt, wieder vor dem Caf’. Sein Herz raste. Umsonst bin ich nicht hierher gekommen, dachte er und versuchte, ein Schicksal für seinen Entschluss verantwortlich zu machen. Die Caf’bar war voll Menschen, soviel Frauen wie Männer, aber getrennt von einander, als verböte ein religiöses Gesetz das zwanglose Beisammensein. Ferdi hielt sich an die Bardame, die ihm fragend entgegenlächelte.
‘Ist Thea hier?’
Man merkte ihr an, dass sie unschlüssig war, wie sie seine Frage beantworten sollte.
‘Sie ist nach Hause gegangen.’
Er fragte nicht, wo Thea wohnt. Er wusste, dass die Bardame es ihm nicht sagen würde.
‘Ich bin auch nicht ohne’, sagte eine Frau lustlos wie zu sich selbst.
‘Nein, sicher nicht’, flüsterte er und schaute sie flüchtig an. ‘Ich geh dann jetzt, guten Abend.’
‘Guten Abend’, sagte die Bardame, und dann: ‘Soll ich was ausrichten?’
‘Grüßen Sie Thea von mir.’
Er wollte das Caf’ verlassen, da rief die Dame:
‘Besuchen Sie uns wieder, Thea ist immer donnerstags da, an anderen Tagen manchmal auch.’

‘Vielleicht war es das’, sagte Eigenbrod zu mir, ‘dass er aufgefordert wurde wiederzukommen, der familiäre Umgangston, vielleicht auch, dass die Nutte seine Hand auf ihre Brust gelegt hat, als es nicht mehr nötig war, jedenfalls’, fügte er fast bedauernd hinzu, ‘wurde aus dem Selbstmord nichts.’
‘Du magst Duffenter nicht besonders.’
‘Nicht besonders? Ich hasse ihn.’
‘Was?’
‘Er war ein verdammter Streber – und doch ist er ein Versager geworden.’
‘Von wem redest du jetzt!’

Und gespült zurück

von Willi van Hengel (copyright)

Er wusste immer, dass er einmal der reichste Oberbrucher wird. Und dass ihm irgendwann mal die richtige Idee kommen würde, war ihm auch klar. Nur dass es so einfach sein würde, hätte er nie gedacht. Er wartete auf Klaus, der seinen Besuch für halb neun angekündigt hatte. Klaus fuhr am liebsten Motorrad, da brachte ihn keiner von ab. Und was Klaus am wenigsten leiden konnte, war ein Sozius hinter ihm. Selbst seine eigene Freundin, wenn er denn mal wieder eine hatte, mochte er nicht hinter sich wissen. Was er aber überhaupt nicht ausstehen konnte, war, wenn sie sich an ihm festhielt und von hinten ihre Arme um ihn geschlungen hatte. Wenn Klaus schon mal jemanden mitnahm, dann sagte er gleich, dass er das nicht mochte. Wem er nichts erklären musste, war seine süße Gummipuppe. Deshalb nahm er die auch am ehesten von allen mit. Obwohl er am liebsten immer noch alleine Motorrad fuhr. Und das würde auch so bleiben, bis an sein Lebensende. Das ließ Klaus immer wieder durchblicken. – Dass er damit aber Joschy zu einem reichen und deshalb angesehenen Oberbucher machen würde, konnte natürlich keiner ahnen. Klaus kam wie verabredet gegen halb neun um die Ecke gefahren. Joschy stand schon draußen vor der Tür, es waren schon sechs Minuten nach halb neun, und er hatte heute Lust, in die Kiste zu fahren. Dort war es am diesem Tag immer am schönsten. Es war viel los, aber nicht so überfüllt von so vielen uninteressanten Leuten wie am Wochenende. Mittwochs war Philosophentag. Man freute sich die ganze Woche darauf. Als Klaus um die Ecke gefahren kam, sah Joschy, dass jemand mit einer ganz komischen Farbe hinten drauf saß, ohne sich an Klaus’ Bauch festzuhalten. Sie saß sogar etwas nach hinten gebeugt dort, so dass man Angst haben musste, dass sie rücklings hinunterfallen würde. Sachte brachte Klaus die Maschine zum Stehen. Joschy traute seinen Augen nicht. Er erkannte sie als besagte Puppe mit Helm auf dem Kopf. „Nimm ihr den Helm ab“, sagte Klaus, nachdem er sein Visier hochgeklappt hatte, „und klemm sie zwischen uns“. Joschy zögerte. Er wollte sie erst kennen lernen. „Willst du sie mir nicht vorstellen?“ fragte er ihn. „Sie heißt Evelyn und kann verdammt gut blasen“, antwortete Klaus etwas genervt. Er wollte zur Kiste. Merkte aber auch, dass Joschy sich noch sträubte. Also drehte Klaus sich um, während die Maschine ins Wanken geriet, Joschy aber geistesgegenwärtig nach dem Lenkrad griff und sie wieder ins Gleichgewicht brachte, und zog ihr den Helm aus. – „Sie sieht etwas komisch aus“, sagte Joschy, der sich mit ihrem Mund nicht gleich anfreunden konnte. Klaus stieß einen langen Seufzer aus. – „Evelyn, das ist Joschy, er hatte immer schon Probleme mit Frauen, also sei artig. – Können wir jetzt fahren?“ – „Is’ ja schon gut“, erwiderte Joschy, während er sich den Helm aufsetzte und hinter Evelyn auf dem Motorrad Platz nahm. In der Kiste stellten die drei sich zwei Meter hinter dem Tresen zwischen die Stehtische. Evelyn mit Helm in ihrer Mitte. Jeder, der eintrat und an ihnen vorbeigehen wollte, wunderte sich zunächst darüber, dass jemand den Helm anbehalten hatte. Dann erspähten sie allmählich einen rosaroten Körper, nackt. Und als sie ihr Auge schamvoll darauf fallen ließen, wurde es immer größer. Sie erkannten eine Plastikhaut. Und als Klaus das Visier von Evelyns Helm hochzog und sie den weit offen stehenden Mund wahrnahmen, wurden die einen wütend, die anderen lachten laut auf und verneigten sich vor Evelyn, die ihnen natürlich vorgestellt wurde. Irgendwann an diesem Abend fragte zu später Stunde ein Fremder, der Evelyn unbedingt näher kennen lernen wollte, ob er die Sau mal ausgeliehen haben könnte. Der Kunde konnte kaum noch stehen und hatte nur noch Augen für die Kleine. – „Aber nur für zwei Bier und zwei Cola“, sagte Klaus. Nickend drehte der Fremde seinen Kopf zur Seite, wie Betrunkene es nun mal tun, langsam und bedächtig, und bestellte die Getränke. „Und zehn Euro“, schoss es aus Joschys Mund, der eigentlich gar nicht so war. Deshalb sah Klaus ihn auch so überrascht an, genau so überrascht wie die vielen Leute, die an diesem Abend an ihnen vorüber gegangen waren. – „Klar“, antwortete der Fremde und begann nach seinem Portemonnaie zu suchen. Er legte zehn Euro auf den Tisch. – „Und wie wissen wir, dass du damit nicht abziehst“, fragte Klaus ihn. Da legte der Fremde seine Geldbörse neben die zehn Euro auf den Tisch. – „Ich komm wieder, ehrlich“, stammelte er, „aber ohne Helm“, fügte er hinzu. Klaus nahm Evelyn den Helm ab und sie ließen den Fremden mit ihrer Puppe gehen. Nachdem die beiden ihre Getränke ausgetrunken hatten, sagte Klaus, dass der Typ bestimmt abgehauen sei, weil in seinem Portemonnaie nur noch 22 Euro waren. Pass und Bankkarte waren nicht darin. Da blickte Joschy auf. Nach einer kurzen Denkpause bat er Klaus mitzukommen. Er führte ihn über den Parkplatz in eine gegenüberliegende Hecke aus Koniferen. Er bewegte sich von Pflanze zu Pflanze, bis er plötzlich aufschrie. – „Siehst du, da liegt er.“ Der Fremde war über Evelyn eingeschlafen. Die weiße Haut seines Hintern blinzelte den beiden entgegen. Klaus sah Joschy fragend an. Das veranlasste ihn, einen Ast der Konifere abzubrechen und leicht damit auf die weiße Haut zu schlagen. Keine Reaktion. Etwas strenger. Immer noch keine Reaktion. Dann härter. Erste Regung. Noch härter. Ein erstes Lebenszeichen. Ein Knattern in der Stimme. Ein erstes Wort. Ein Satz fast. – „Eij, was soll das!“ – „Eij, du Penner, steh auf, du bringst unsere Evelyn um. Sie erstickt. Hast du se nicht mehr alle.“ Der Fremde regte und räkelte sich. – „Wollt’ ich nich’, sorry“, entschuldigte er sich, während er aufstand und sein Gleichgewicht zu finden suchte. – „Warst du zufrieden?“ fragte Joschy. – „Toll!“, antwortete der Fremde. – „Okay, ich glaub dir. Hier hast du dein Portemonnaie zurück.“ Der Fremde wurde plötzlich munter. Er bedankte sich überschwänglich, indem er Klaus um den Hals fiel, ihn dann losließ, um Joschy ebenso zu umarmen. Die beiden nahmen es hin. Und während sie dem Fremden hinterher blickten, sagte Joschy ganz trocken: „Der erste Freier!“ Klaus, der nicht hingehört hatte, sagte nur: „Und wer macht sie nun sauber?“ Einige Tage später rief Joschy seinen Freund Klaus an und fragte ihn, ob der ihm Evelyn überlasse. Klaus war froh, die Puppe los zu werden. Er mochte sie nicht mehr anfassen, seitdem dieser Typ sie hatte. Das war der Tag, an dem Joschy seine Chance sah. Mit diesem Tag setzte er seine Idee in die Wirklichkeit um. Nun ließ er die Puppen für sich tanzen. Bis hierher war es immer umgekehrt. Bis sie zuletzt überhaupt keine Achtung mehr vor ihm hatten, und ihn nur noch mit Helm herumlaufen ließen. Und es dauerte nicht lange, da konnte er sich eine zweite Puppe anschaffen, und eine dritte… eine vierte meldete sich fast von alleine. Die nämlich bekam er auch geschenkt, wie die erste, Evelyn, die nach wie vor sein bestes Plastikpferd im Stall war. „Pfand: 50 Euro und gespült zurück!“ Das war sein Werbespruch. Und alles lief wie am Schnürchen. Klar, hin und wieder kam die eine oder andere Puppe nicht wieder. Aber das machte gar nichts. Er hatte ja die 50 Euro als Pfand. Was für ihn aber am Wichtigsten war: Es war nie Evelyn, die wegblieb! Sie kam immer wieder zu ihm zurück! Auch wenn sie mit der Zeit, was nicht ausblieb, älter und verbrauchter wurde, so gab es Freier, die nur sie haben wollten. Mit der Zeit nämlich hatte sie Ecken und Kratzer entwickelt, die den Jungs gut taten. Verdammt gut. Sonst wäre sie nicht so gefragt gewesen. Und das Schönste war, dass sie den glatteren Mädels so einiges beibringen konnte. Joschy wollte eigentlich gar nicht reich werden. Er wollte nur unabhängig sein. Das einzige, was er wollte, war, sich einen weißen Anzug zuzulegen, wo er doch die ganze Zeit schon weiße Schuhe trug. Der weiße Anzug war für ihn wie eine weißer Mercedes mit weißem Lenkrad. Einmal aber war es beinahe vorbei mit seinem Geschäft. Ein Zuhälter aus dem Nachbarort hatte es auf seine Puppen abgesehen. Denn mit der Zeit wurde die eine oder andere Puppe angegriffen, attackiert von fremden Fingern mit fremden Nadeln. Und es wurde immer schwerer für Joschy, das seinen Kunden klar zu machen. Sie blieben mit der Zeit weg. Joschy wusste aber, dass sie niemals echte Haut vorziehen würden. – Joschy war der beste Psychologe der Umgebung. Und er hatte recht. Mit der Zeit kamen alle seine Freier wieder zurück. Da halfen keine Nadelstiche. Irgendwann fuhr Joschy mit Evelyn in ein Geschäft, stellte sie ohne Helm als seine Evelyn vor und bat den Verkäufer mit ausgestreckter Hand diese herrliche Harley Davidson an seinen besten Freund Klaus zu verschicken: mit besten Grüßen von J. und E. – nach 20 Jahren! Der weiße Anzug war zwar etwas verwaschen, und Evelyn brauchte schon seit einiger Zeit nicht mehr zu arbeiten. Die beiden waren aber immer noch verliebt wie am ersten Tag, als Klaus sieben Minuten nach halb neun mit ihr um die Ecke bog und Joschys Leben sich von da an absolut auf den Kopf gestellt hatte.

Der Säugling

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

Der Eintritt in die Badeanstalt, ohne zu zahlen, war für Dumme schwierig und für Faule unmöglich, aber für Besessene wie Benjamin Brosheim, den sie Bébé riefen, nur eine Frage sorgfältiger Planung – und ein Wagnis, trotz ´Lokalverbots´ erwischt und in ein Büro gesperrt zu werden, wo man auf die Polizei oder andere Amtspersonen lange warten muss, bis man sich endlich rechtfertigen darf. Das war ihm einmal zugestoßen, angeblich weil er geklaut hatte. Dabei war es nur eine Anleihe gewesen, die zeitweise Fortnahme einer Dutzendware, die jeder, wenn er etwas Geld besitzt (und wer außer ihm besäße keines), kaufen kann – eines Gummiballs, den zwar der Schwimm-Meister richtig als ´Ball´ bezeichnete, der Beamte aber, dieser Blödian, in seiner Akte unbedingt als ´Sportgerät´ apostrophieren wollte. Bébé hatte sich einen Ball geliehen, nichts weiter. Bei dieser Vorgeschichte (von anderen Geschichten ganz zu schweigen) war also Vorsicht geboten, ein kühler Kopf.

Die zum Freibad gehörige Grünanlage wurde am äußeren, vom Aufsichtsturm am weitesten entfernten Rand durch ein scheinbar undurchdringliches Buschwerk begrenzt, einen Wall aus Feuerdorn und Berberitze. Mitten durch dieses Gestrüpp, das mindestens fünf Meter tief war, zog sich ein Gittermattenzaun. Damit hatte Bébé gerechnet, denn die Gemeindeverwaltung verlässt sich nicht auf die Natur allein, sondern setzt eine künstliche Markierung als Hoheitszeichen, vor dem keine Ausrede mehr gilt. In den Abendstunden bahnte er sich einen getarnten Weg – bis vor ein Knäuel aus Nato-Draht, der mit scharfen Messerchen gespickt war. Erst dahinter erhob sich glatt das Gitter, das man leicht überklettern könnte, wenn man es darauf anlegen dürfte, gesehen zu werden.

Der Messerdraht musste als erstes weg. Die Schere würde sich Bébé im Garten-Center ausleihen. Dazu besorgte er sich den Kittel eines Lehrlings, eines der Jungen, die über Mittag in die Spielothek fahren. Der Kittel war achtlos auf eine Palette geschleudert worden. Er trug das Emblem des Marktes, eine rote Rose oder eine Tomate, für Bébé so gut wie ein Dienstausweis. Bébé machte sich an die Werkzeuge ran, möglichst mit dem Rücken zur Kasse, brachte eine Schere auf den Hof und damit in seinen vorübergehenden Besitz.

Der im üppigen Grün mit Dornen und Stacheln konkurrierende Nato-Draht war an einer Stelle bald durchschnitten und zur Seite gebogen. Die Stäbe des Gitters aber widerstanden dem Druck der Jungenhände. Bei der Lösung dieses Problems half ein Sägeblatt, das er gefunden und gottlob aufbewahrt hatte. Nach stundenlanger Arbeit im Geschrei der Badegäste, die ihn nicht sehen und nicht hören konnten, hatte er durch die Sicherheitsanlage einen Pfad gebrochen, vielmehr eine Röhre, die im Nadelgehölz mündete. Mädchenkiefer und Legföhre formten flache Höhlen, aus denen es duftete. In dieser Geruchsseligkeit hielt er inne und atmete tief durch. Morgen würde er seinen triumphalen Auftritt haben.

Um zehn Uhr, die Zahl der Vormittagsgäste hatte ihr Maximum erreicht, entkleidete sich Bébé und breitete seine Sachen vor den Kiefern aus, gut sichtbar und aufreizend offiziell. Ein heißer Tag. Hochfliegende Wolken schufen eine geräumige Welt. Er war ein freier Mann, und die Werkzeuge zu dieser Freiheit hatte er sich genommen. Er überquerte die Steinplatten des Rundweges und verbrannte sich die Füße. Der Rasen fühlte sich dagegen wässrig kühl an. Bébé schlängelte sich zwischen den Leibern der Liegenden hindurch zur ersten Wasserschranke, einer gekachelten Furt, wo ihm das lauwarme Wasser bis zum Knöchel reichte. Er schaute umher mit dem stolzen Bewusstsein, sich nicht abhängig gemacht zu haben von einem Wechselgeld-Automaten, einer Schlüssel-Maschine und der Herablassung weißbekittelter Frauen, die an seinesgleichen immer herummäkeln. Er hatte sich vor den Geßlerhüten der Zivilisation nicht verbeugt. Das alles stand ihm zu. Jetzt, da es ihm gehörte, da er niemanden hatte zu fragen brauchen, schätzte er alles, was er sah, und fand es gut. Er beobachtete die Menschen, die bäuchlings oder rücklings auf der Wiese lagen. Einige Frauen waren oben ohne und hielten ihre Busen in die Sonne. Ja, Busen, so hätte er es selbst genannt, denn ´Brüste´ erschien ihm gewalttätig, erdrückend, so streng wie die brustbehangene Artemis auf einem Bild in seinem Griechisch-Lehrbuch. Er blickte an sich hinunter und auf das Strahlengeflecht im seichten Wasser über den türkisfarbenen Kacheln, deren Anblick sein Gemüt besänftigte. Er schaute über das Planschbecken, in das drei flache Stufen führten und dessen geschwungene Form ihn an Schatzinsel-Buchten erinnerte. Für seine Fantasie war es eine Kleinigkeit, die schreienden, hüpfenden, ins Wasser schlagenden und ballwerfenden Kinder fortzudenken und sich Eingeborene vorzugaukeln, die vom Horizont herabrudern, dem weißen Strand entgegen.

Der Schwimm-Meister und seine Freundin sind nicht die Schlimmsten, dachte er. Schlimm ist das Personal in der dunklen, nach Chlor riechenden Eingangshalle mit ihren Schaltern und Sperren, als ginge es von dort zur U-Bahn unter die Erde und nicht in das leuchtende Wasser, in dem Sonnenstrahlen schwimmen, gleißende Seeschlangen in einer Lagune, wo die Kinder kreischen und Silberfontänen erschaffen, Eruptionen aus Kristall. Bébé schritt am Becken entlang und wirbelte Wasser empor. Dann stieg er hinein und ließ sich rücklings fallen. Das Wasser beizte ihm die Nase, beinahe hätte ihm die Sonne die Augen ausgestochen. Er rappelte sich hoch und schrie:
„Kurandolifatelissimaschweinidoferhundikatz.“
Das würde keinen Schwimm-Meister zum Einschreiten bewegen.
„Wenn du das nochmal brüllst, tret ich dir in die Eier oder ich geb dir einen Fuffziger!“ hörte er einen Jungen sagen, „was ist dir lieber?“ Bébé grinste.
„Ich werde es nie wieder sagen, du kannst den Fuffziger behalten und tritt dir selbst wohin!“
Er entstieg der Lagune in einem Glitzermantel aus Wasser, das man gegen ihn aufrührte, und schritt königlich über die sandfarbenen Kacheln zum Schwimmerbecken, das blau-rot ausgelegt war und ein irisierendes Licht aussandte. Er sprang trotz Verbots kopfüber hinein und tauchte am anderen Ende wieder auf. Dann legte er sich rücklings auf die Flut, hielt den Kopf weit nach hinten gestreckt und tauchte bis über die Ohren ins Wasser, so dass das Schreien der Kinder verrauschte und nur wie von Ferne zu hören war. Angenehm entrückt starrte er in den Himmel, wo durch das Blau hindurch die Sterne flimmerten. Er grätschte die Beine weit und breitete die Arme nach hinten. So sah er aus wie ein verrückt gewordener Signalmaat im Meer. Etwas packte ihn an den Armen, zerrte an ihnen ungleichmäßig. Bébé wurde aus der wiegenden Dünung, verursacht durch die Leiber, die ihre Bahn an ihm vorbeizogen, an die scharfe Luft gerissen und über die abgerundete Fliesenkante auf den Sandstein des Gehwegs geworfen. Als man ihn freigab, sprang er wütend auf die Beine und hätte einem anderen als dem Schwimm-Meister, der vor ihm stand, mit dem Spann gegen das Schienbein getreten.
„Ist alles in Ordnung, Junge?“
„Was sollte nicht in Ordnung sein?“
„Du sahst aus, als wär was mit deinem Kreislauf, sah nicht gut aus. Dein Bauch ist ja krebsrot. Wasser schützt nicht vor Sonnenbrand. Für heute genug!“

Bébé versuchte, aus dem Blickfeld des Schwimm-Meisters zu schlüpfen. Er schlich zum Selbstbedienungsladen und mischte sich unter die Kundschaft. Da er kein Geld bei sich hatte und sich plötzlich keines finden ließ, drückte er sich, misstrauisch beäugt, an der Kasse vorbei auf die Terrasse, wo er sich auf eine Bank an einen Gartentisch setzte, geschützt durch einen Sonnenschirm. Von hier aus beobachtete er die Familien, wie sie Pommes pickten und Kaffee aus Plastikbechern tranken. Er taxierte die Auslagen der Frauen, das Auseinanderstreben des Fleisches, das nur notdürftig durch Textilien an der Invasion des Raumes gehindert wurde, die kuhligen dicken Schenkel, die gewölbten sommersprossigen Rücken. Er unterbrach seine Betrachtung, um die Reste von Fritten und Ketchup an sich zu ziehen, die ein Mädchen stehen gelassen hatte, um seinen eiligen Eltern zu folgen.
„Nimm es mi-it!“ rief die Mutter. Das Kind kehrte zurück, um den Auftrag zu erfüllen, und erstarrte, als es sah, wie Bébé den Pappteller in Besitz nahm. Sie blickten sich an, und das Mädchen kehrte schreiend um. Bébé ließ den Teller los und hörte, wie die Kleine schrie:
„Er hat es, der Junge hat es schon.“
Die Eltern sahen flüchtig zu ihm herüber.
„Komm jetzt!“ Sie nahmen die Tochter bei der Hand und zogen sie zum Ausgang. Bébé aß, und niemand störte ihn dabei. Er schaute den Kontrast zwischen dem Himmel und dem Metallgrün der Büsche. Die Blätter strotzen vor Energie und überboten die Wildrosen, die wie Kleckse aussahen, an Leuchtkraft.

Brosheim konzentrierte nun seine Aufmerksamkeit auf die Rasen-Nischen, wo Frauen und Kinder lagerten, von Hainbuchen gegen die Sonne behütet. Zwei Frauen hatten ihr Oberteil abgelegt. Die eine saß vornüber gebeugt, umtänzelt von einem Kind in Windeln, und pellte ein Ei. Eine andere lag, isoliert von den übrigen, breit und fest auf der Wiese. Sie hielt die Augen geschlossen. Die Brüste, so leicht verformbar und doch so straff, neigten sich zu beiden Seiten des Leibes, so dass der Oberkörper ein leuchtendes, erkennendes, lockendes Aussehen erhielt, ein Wappen, eine Mauer, auf der eine Botschaft steht, ein Menetekel. Bébé lenkte zwischendurch seine Augen ab und beobachtete, wie die Leute, Kinder führend oder Bälle auftickend, an ihr vorüberzogen, unbeteiligt, als wäre diese Gottesmutter, diese brustbewehrte Artemis, nichts Aufregendes. Die heiße Luft staute sich unter dem Schirm. Bébé schwitzte ohne Bewegung. Er hielt sich still, weil er so an seine Unsichtbarkeit glaubte.

Er wollte wieder ins Becken, um sein Kraul zu verbessern, weil der Tote Mann für heute abgeschrieben war. Er wollte beides, schauen und kraulen. Vom Schauen kriegte er nicht genug, aber er setzte sich selbst ein Maß. Er schlenderte über den Weg wie alle anderen auch, hatte keine Absichten, außer zu kraulen, warf nur manchmal ein Auge auf die liegende Frau. Er schämte sich seiner ausgebeulten Badehose. Der Fliesenweg krümmte sich weg von der Frau, die ihre Augen immer noch geschlossen hielt und sogar lächelte, als wüsste sie alles, als wartete sie darauf, dass Benjamin Brosheim den günstigen Punkt fände und tangential weiterginge. Ob er ihn nun gefunden und zum Ausgangspunkt gemacht hatte und ob er dann gelaufen oder gehechtet war, wie ein Torwart bei der Robinsonade, oder gewieselt oder geflogen, kurzum: welche Art der Fortbewegung er gewählt hatte, wusste niemand zu sagen, die Frau am wenigsten, weil sie bis zu dem Augenblick die Augen geschlossen hielt, als Bébé an ihrer linken Brust zu saugen begann.

Er lag da wie ein Otter, ein Nuckelwal, ein Junge, der nichts als nuckelte und sich sonst jeglichen Hantierens enthielt, das man als sexuell stimulierend auffassen müsste. Die Arme lagen tatenlos an seinem Körper wie die Flossen eines glückseligen Fisches, der von einer Strömung getragen bequem seinem Ziel entgegenfährt. Bébé hörte das Brausen in seinen Ohren, das vom Blut herrührte. Er hörte sonst nichts und sah nichts, weil er die Augen schloss, als die Frau ihre aufriss. Sein spitzer Mund war voll von der Beere der eingeölten Brust. Er zog an ihr. Man hätte ihn totschlagen können, und man würde es wahrscheinlich tun, es war ihm egal. Seltsam, dass die Frau nur kurz ihren Kopf in die Höhe schnellte, ihn aber wieder fallen ließ und dann mit aufgerissenen Augen nach oben starrte, als hätte sie der Schlag getroffen. Die Starre dauerte Sekunden, während derer Benjamin Brosheim Nektar der Befriedigung saugte. Die Frau gurgelte:
„Gott, Gott, ein Kind!“
Nun erst richtete sie sich auf, sah den Halbwüchsigen und schrie:
„Was tust du! Loslassen! Looos-la-ssen.“ Sie stieß ihn gegen die Schläfe, aber Bébé ließ ihre Brust nicht los. Die Frau begann, auf seine Schultern zu schlagen, die Hände wie Fliegenklatschen gebrauchend. Inzwischen waren Leute stehen geblieben, Frauen und ein paar Kinder, die mit höchstem Wohlwollen dem Akt der Sohnesliebe zuschauten. Nur eine ältere Dame bekundete durch Gesten und Bemerkungen, dass sie das Stillen eines so großen Kindes, zumal an diesem öffentlichen Ort, für unpassend hielt. Die Männer drückten sich vorbei. Sie wagten nicht, hinzusehen und hätten sowieso ihren Augen nicht getraut. Die ratlose Frau setzte sich aufrecht und zwang Bébé zu einer knienden saugenden Anbetung des vollendeten Fleisches. Sie griff zu einem Badetuch, das sie unter ihren Kopf gerollt hatte, warf es über Benjamin und verbarg den Akt des Stillens, wie die Leute glauben mochten, und drückte den Kopf des Jungen fest an sich. Sie konnte überdies das Angenehme dieses Vorgangs nicht länger leugnen, ja sie brachte es fertig zu lächeln und zwang damit die Frauen weiterzugehen. Die Kinder blieben noch, bis Bébé zur Seite rutschte und mit dem Gesicht auf dem Rasen einfach liegen blieb. Die Spannung in der Hose hatte sich in einem Brei aufgelöst.

Andere, neue Leute gingen vorüber, ihnen fiel nichts besonderes an den beiden auf. Die Frau bog sich nach vorne, verschränkte ihre Arme vor den Knien und beobachtete die Passanten, ob der Vorfall Unruhe, Empörung, Meldungen ausgelöst hätte und mit dem Erscheinen des Schwimm-Meisters zu rechnen wäre. Nichts geschah. Die Frau musterte ihre Brust und erkannte Spuren saugender Liebe an ihr. Schnell drückte sie die Hand darauf. Dann langte sie nach ihrem Oberteil und legte es an. Der Junge ruhte bewegungslos neben ihr, zugedeckt mit dem Badetuch. Sie berührte ihn und flüsterte:
„Wer bist du?“
Der Junge schlief. Sie sah ihn an. Niemand schien auf sie zu achten. Männer und Frauen zogen vorüber, Kinder liefen zu Häupten und Füßen, ohne sich um sie zu kümmern. Sie begann, ihre Sachen einzupacken, ruhig, als wartete sie auf das Erscheinen einer Kommission, die sie über ihr seltsames Betragen zu vernehmen wünschte. Sie stand auf, hakte den Rock ein, zog die Schuhe an und blieb dann noch eine Weile stehen, ehe sie sich zum Gehen entschloss. Das Badetuch überließ sie dem Jungen, der feste schlief. Mit einem gewissen Bedauern ging sie an der Terrasse vorbei zum Ausgang.

Es war eins auf der Normaluhr des Schwimmbades, als Bébé aufwachte. Es war halb zwei, als er sich genug von der Abwesenheit der Frau überzeugt hatte. Sollte er traurig oder wütend sein? Er breitete das Tuch aus und gab ihr eine letzte Chance, es zu holen. Wenn er aus dem Schwimmbecken zurückkehrte und es noch da läge, würde es ihm gehören. Beschlossene Sache. Er würde nur kurz ins Wasser steigen, um sich und seine Hose frisch zu machen. Dass die Frau ihn verraten könnte, auf diesen Gedanken wäre er nie gekommen. Dass sie ihn verlassen hatte, darüber war er mehr traurig als wütend und mehr wütend als traurig. Und das bekam jemand zu spüren, der ihm versehentlich einen Gummiball auf den Rücken klatschte. Der unerwartete Schmerz brachte ihn außer sich. Er fuhr herum, griff nach dem rotpunktierten Kinderball, der Wasser gesogen hatte, und warf ihn ins Gebüsch. Bedrängt von den Spielern, die ihr moralisches Recht hervorkehrten, indem sie zuerst sich entschuldigten und dann die Rückgabe des Balles einklagten, und zwar so nachdrücklich, dass sich Erwachsene einmischten und den Chor der Rechtschaffenen vergrößerten. Es blieb Bébé nichts anderes übrig, als zu versprechen, er werde zum Gebüsch gehen, sich vorher aber sein Badetuch holen zum Schutz gegen Nadeln und Stacheln. Er stemmte sich aus dem Wasser, fand keine Frau, dafür das Tuch unberührt, wickelte sich darin ein und bewegte sich zu den Büschen. Dort griff er seine Sachen und verschwand.

In dem Gemäuer eines Rohbaus unter einer am Kran hängenden, in der Luftströmung schaukelnden Kreissäge zog er sich an. Sein neues, blaues Badetuch faltete er sorgfältig zusammen und trug es unter dem Arm davon. Das war ein Tag seiner Jugend. Ob er ihn vergessen würde, darüber machte er sich keine Gedanken. Im Internat sagte er nur, er habe eine Frau kennengelernt.

Unter Huren und Legionären

von Michael Kuss (copyright)

Sie hakte den Büstenhalter vorne zusammen. Dann rückte sie ihre Brüste in den mit weißen Spitzen besetzten Körbchen zurecht. Wie eine Obsthändlerin, die ihre Äpfelchen ein bisschen geziert aber kokett und selbstbewusst im Schaufenster drapiert. Ich wunderte mich, dass die BH-Spitzen blütenweiß waren; eher hatte ich vergilbte Schweißränder erwartet.

“C’est la premiére fois? Sie sind zum ersten mal bei einer solchen Frau, Monsieur?” fragte die Frau. “Sie haben noch nie zuvor pour faire l’amour bezahlt?”
“Oui Madame Simone!” Ich war bereits beim Anziehen. Es war meine erste Erfahrung bei einer Berufshure. Nein, gezahlt hatte ich noch nie dafür. Wenigstens nicht so schamlos direkt. Irgendwie zahlen wir schließlich immer; eine Einladung zum Essen, die Blumen und letztendlich auch den Trauschein und seine Folgen.

“Das passiert öfters bei so sensiblen Typen!” sagte die Frau. “Ich kenne das! Sie sind blockiert, Monsieur! Frustriert, weil Sie für die Liebe bezahlen sollen! Das ist gegen Ihre männliche Würde, Monsieur, wissen Sie…!” Sie plapperte freundlich weiter, als wollte sie mir über die Peinlichkeit helfen oder sprachlose Leerräume vermeiden. Ich verstand nur Bruchstücke. Mein Französisch hatte sich zwar stark verbessert, aber dem schnellen provençalischen Dialekt von Marseille konnte ich kaum folgen. Die Geschichte war peinlich genug. Doch das freundliche Geplapper der Französin war tröstlich. Schließlich hätte ich auch an eine geifernde Hyäne geraten können; Pimmel und Psyche wären wohl noch mehr geschädigt worden.

Es hatte einfach nicht geklappt! Ich hatte keinen hoch bekommen! Obwohl ich vor einer halben Stunde mehr liebesbedürftig als geil aber mit einer prallen Hose und der Frau aus der Bar raus und mit ihr hoch in die Absteige in der vierten Etage gestiefelt war. Und jetzt Schlappi auf der ganzen Linie, kaum dass ich ihr die drei Scheine für den Liebesdienst linkisch auf das Nachtschränkchen gelegt hatte. Irgendwie war die Verbindung zwischen Gehirn und Gehänge abgerissen.

Nach harter Wochenarbeit im Hafen war ich an einem Samstagabend auf meiner Suche nach Liebe oder einem anderen Zeitvertreib in einem dieser auf exotisch aufgemotzten Schuppen hinter dem Alten Hafen gelandet. An der Decke Fischernetze und verstaubte Positionslaternen; an der Wand hingen verblasste und eingerissene Farbfotos von Hawaimädchen, denen man zwischen den Beinen mit Kugelschreiber Löcher gebohrt hatte. Hinter der Theke zwei gerahmte Plakate mit Legionärsgesichtern. Die Legionäre strahlten für Frankreich wie gemeißelte Gipsmasken oder eingetrocknete Zahnpastareklame. Die Gesichter waren hart und kernig wie Basaltsteine. Mit einem anderen Text hätte das Poster auch für die Waffen-SS oder die Rote Armee werben können. Aus der Jukebox schmachtete “La Paloma”. Zwei Frauen saßen an der Theke. Sie hatten an der Kleidung gespart, nicht an der Schminke. Sie taten gelangweilt, aber sie taxierten mich. Eine Serviererin stellte mir die Flasche Bier hin. Die Serviererin bewegte lasziv ihren üppigen Hintern, dessen Rundungen sich auf einem geschlitzten Stofffetzen abzeichneten. Das Bier hätte eine Wärmflasche im Winterbett abgeben können.

Ein Legionär und ein Matrose stritten um den Schlitz in der Jukebox, als sei es das Kätzchen einer Jungfrau. Der Seemann wollte noch einmal La Paloma wählen. Der Legionär bestand auf Edith Piaf’s La vie en rose. Die beiden konnten sich nicht einigen. Der Legionär schlug zu. Der Seemann lag am Boden und blutete aus der Nase. Tölpelhaft rappelte er sich auf, schnappte einen Stuhl und wollte sich auf den Legionär stürzen. Der Legionär wich ihm aus. Der Seemann stürzte wieder auf den Boden. Eine der Huren sprang dazwischen und gab dem Legionär eine Ohrfeige. Der Legionär setzte sich an einen Tisch in der Ecke und muffelte verstört in sein Bierglas. Die Hure beugte sich über den Seemann am Boden. Dann rannte sie in’s WC und kam mit einer Rolle Clopapier zurück. Sie riss ein Stück ab und wischte dem Matrosen das Blut aus dem Gesicht. Ihre Brüste waren aus der Bluse gerutscht. Prall baumelten sie über dem Kopf des Matrosen. Der versuchte seinen Mund zwischen die Brüste zu kuscheln. Trunken fingerte er nach den Brustwarzen, wie ein Kind im Halbschlaf nach der Mutter greift. “Nicht hier!” sagte das Mädchen und zog den Matrosen hinter einen Vorhang in ein Nebenkabuff.

Ein besoffener, völlig abgebrannter deutscher Ex-Legionär hatte mir aus seinem Leben erzählt. “Alles verpfuscht!” lallte er. “Meine Alte iss’ne holländische Schlampe! Will mich inne Trinkerheilanstalt bringen! Will sich mein Haus unnern Nagel reißen, die alte Schlampe! Jawoll, mein Haus! Hotel und Restaurant! Dafür hab’ ich mir in Saigon und Algier die Eier abschießen lassen. Pour la patrie! Pour la France…!” Er salutierte, schlug besoffen schlingernd die Hacken zusammen und hielt eine Hand schief an den Kopf. Er formte die Hände zu einem Trichter und trompetete: “Taramtatamtatamtataatata” Seine trüben Augen mit den verquollenen Tränensäcken bekamen Glanz. Besessen und mit einem faszinierendem Irrsinn glotzte er auf das Legionärsplakat hinter der Theke. Da stand der Schwabbelbauch mit grauem, eingefallenem Gesicht vor den gemeißelten Gipsvisagen, die Realität vor dem Ideal, und glotzte blödsinnig aus der Schmuddelwäsche. Plötzlich riss er die Hände wie eine imaginäre Maschinenpistole vor den Bauch und knatterte auf das Plakat.
“Rattatatata!” schrie er. “Alle umlegen, diese Wichser!”
“Lass’ gut sein!” sagte das Barmädchen zu ihm. Sie warf Geld in die Jukebox und wählte. “Vor der Kaserne, vor dem großen Tor…!” Lale Anderson krächzend und in Deutsch. Marseille-Nostalgie pur.

Der Ex-Legionär starrte blödsinnig in sein Glas. “Iss leer!” lallte er und glotzte mich dumm grinsend erwartungsvoll an. Ich bestellte zwei Bier. “Bist’n Kumpel!” sagte er und legte seine Hand auf meine Schulter. “Ick bin der Heinrich! Heinrich Kawutzke! Ehemals Groß-Berrlin! Jetzt Marseille am Arsch der Welt!” Er schlug wieder die Hacken zusammen und schrie ‘Heil Hitler’. Dann wurde er kumpelhaft und legte einen Arm um meine Schultern. “Wenn du mal kostenlos ficken willst, Kumpel, geh’ zu meiner Alten! Jawoll, meine Alte fickt jeden Pimmel, nur mich nicht mehr. Mich lässt diese verdammte Fotze nicht mehr ran..!” Jetzt wurde er trübsinnig, legte die Ellbogen auf den Tresen, vergrub das Gesicht in den Händen und begann zu heulen. Das Barmädchen sagte zu mir: “Lass’ ihn! Il est fou!” und tippte sich an den Kopf.

Der Legionär schlug mit der Faust auf den Tresen. “Ich hatte alle Weiber dieser Welt, Kumpel, alle, sag’ ich dir! Ab-so-lut alle! Kleene Vietnamfotzen in Saigon und zwölfjährige Arabermuschis im Kinderpuff in Algier. Wenn wir kamen, Kumpel, da ließ die Puffmutter den roten Teppich ausrollen, jawoll, den roten Teppich! Wir haben gefickt wie die Weltmeister! Wie die Weltmeister, sach ick dir! Tagsüber haben uns die Araber aus dem Hinterhalt abgemurkst und nachts haben ihre Frauen uns die Gören gebracht! Ha!” Mit dem Unterleib stieß er ein paar imaginäre Bewegungen gegen den Tresen. “Und wenn De Gaulle uns nicht verkauft hätte, ich wäre heute Colonel, Kumpel! Echt! Kannste mir glauben, Kumpel! Aber dann, bei dieser verkommenen holländischen Schlampe muss ich hängen bleiben…! Ich Arsch!” Er rülpste und spuckte auf den Boden. “Jawoll! De Gaulle und diese Schlampe haben mein Leben verpfuscht…” Er quasselte weiter und wiederholte sich. Schließlich hatte ich genug von dem Geschwätz. Ich sehnte mich nach Ruhe und Zärtlichkeit und wollte mich in etwas Warmem und Feuchtem verkriechen, auch wenn es mich einen halben Wochenlohn kosten würde; es gab Schlimmeres. Mit der ruhigsten der drei Frauen war ich nach oben gegangen.

Sie hatte alles versucht! Mit einer Engelsgeduld! Striptease bei Rotlicht! Massagestab! Strapse! Dann sogar Französisch mit filigraner Mundarbeit, obwohl das nicht im Preis vereinbart war. Sie lutschte mir den Schlappi, als wären es Honigbonbons. Sie küsste mir die Brustwarzen wie eine sich verzehrende Liebhaberin. Sie masturbierte sich selbst und ließ mich zuschauen, wie der Vibrator durch die schwarzen Kraushaare und dann kreisförmig um die Klitoris fuhr. Sie streckte mir ihren Hintern hin, und ich sah kleine Perlen tropfen. Es half nichts! Perlen vor die Säue geschmissen! Ich war ein Versager und trauerte mehr meiner verlorenen Männlichkeit als meinen verlorenen Geldscheinen nach. Ich zog mich fertig an, ging zur Tür und sagte “Au revoir, Madame….!”

“Bitte!“ sagte sie zögernd. „Bleiben Sie noch auf eine Zigarette, Monsieur!”
Überrascht und unschlüssig blieb ich an der Tür stehen.
“Kommen Sie, setzen Sie sich! Bitte!” Sie deutete auf das Sofa. “Es war nicht Ihre Schuld! Das kann jedem mal passieren! Morgen sind Sie wieder in Form! Vielleicht ist es nur der Alkohol?! Komm’, Lass’ uns noch ein bisschen reden! Du bist mir sympathisch! Unten ist sowieso nichts mehr los!“ Mit einer verächtlichen Seitwärtsbewegung blies sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Die Bauern aus der Provinz und die Vertreter kommen unter der Woche, niemals am Wochenende“, fuhr sie fort. „Da sind sie bei Mama und den Kindern! Und auf den besoffenen Legionär kann ich verzichten!”

Ich setzte mich. Sie bot mir eine Zigarette an. “Was willst du trinken?” fragte sie. “Cognac oder Whisky?” Sie hantierte an einem Schränkchen herum und kam mit einer Flasche und zwei Gläser an den Tisch zurück. Sie schenkte ein. Dann legte sie eine Schallplatte auf. Eine Frau sang als hätte sie alle Tiefen dieses Lebens schon hinter sich. “Edith Piaf!” erklärte die Frau. Dann summte sie zur Platte: “Non, je ne regrette rien!” und hob ihr Glas. “Santè!” sagte sie. Ich antwortete idiotisch “Prost!” Wir tranken zügig. Die Frau füllte nach. Sie hatte wieder die Netzstrümpfe aber nicht den Slip angezogen. Jetzt hatte ich Lust, ihr unter den Rock zu greifen und zu streicheln was ich warm und nass vermutete, aber das spielte sich nur im Kopf ab; mein zur Ausführung vorgesehenes Organ hatte die Nachricht nicht empfangen.

“Haben Sie keinen -, keinen -”, ich kannte das französische Wort nicht und sagte: “…niemand, der auf Sie aufpasst, …’pas de gardién’…, keinen… Schutzmann?”
“Du meinst, ob ich keinen Luis habe, keinen Macro, keinen Zuhälter?” Sie lachte. Das Lachen klang bitter. “Keine Angst, mein Kleiner! Die Zeiten sind vorbei! Die Kerle suchen sich jüngere Puten, die richtig Geld bringen. Wenn man auf die Vierzig zugeht, hat man seine Ruhe!” Sie schenkte Cognac nach. “Mein Letzter war ein Korse. Er hätte mit mir reich werden können! Aber das Geld ist bis auf den letzten Sous im Wettbüro gelandet und ich unten in der Bar! Jetzt hat er in Toulon zwei Negerinnen laufen. Die Kerle finden immer wieder Dumme!” Sie seufzte und lächelte zugleich.

“Haben Sie Kinder?” fragte ich, um sie vom Thema abzubringen.
“Ich habe einen Sohn!” Ihre raue Stimme hellte sich auf. “Er ist etwas jünger als du, gerade Sechszehn!” Als ich schwieg, sagte sie: “Er ist in einem privaten Internat in der französischen Schweiz. Ist bald vorm Abitur. Ich besuche ihn regelmäßig einmal im Monat. Soll es einmal besser haben…!” Sie stand auf, ordnete die Plüschtiere und die Zierkissen auf dem Sofa und strich die gehäkelte Überdecke glatt.

Wir redeten über ihren Sohn und über ihre Mutter, die schon in der Erde lag und auch im Leben nicht auf Rosenblüten gebettet gewesen war. Und dann über mich und das Leben das ich führe. Die Frau füllte wieder die Gläser.
“Hast du keine Lust, irgendwo sesshaft zu werden?” fragte sie. “Ich meine, irgend eine Arbeit, die Spaß macht, wo das Geld stimmt, ein eigenes kleines Bistro zum Beispiel, und wenn du nach Hause kommst, wartet deine Frau mit dem Essen und mit der Liebe auf dich…!” Sie sah mich an. Ich wich ihrem Blick aus und brummelte vor mich hin.
Sie fragte: “Glaubst du an die Liebe?”
“Ich denke schon…!” sagte ich zögernd.
“Et alors?”
“Sie ist mir noch nicht begegnet!” wich ich aus und suchte nach Worten, mit denen ich das Thema wechseln könnte. Ehe und Familie! Wenn ich dem alten Mädchen meine Geschichte erzähle, würde sie zur Heilsarmee konvertieren.

„Ich würde gerne für jemanden sorgen!“ sagte die Frau. Ihre Stimme wurde schwerer. Sie legte ihre Hand auf meinen Arm und rieb ihre Nase an meinem Ohr. “Immer nur diese kaputten Typen da unten, das ist doch nichts auf Dauer für eine Frau…!” Sie schien langsam betrunken zu werden. „So ein Typ wie du, für den könnte ich noch mal da sein…!“

„Sie haben doch Ihren Sohn!“ sagte ich und kam mir albern vor. Die Frau streichelte meinen Kopf. “Mon petit! Mon pauvre petit! Mein Kleiner! Mein armer Kleiner!“ sagte sie. Ich ließ mich streicheln und sagte: “Das tut gut!” Sie heulte ein bisschen. Als sie die Tränen abtrocknete, verwischte sie die Schminke um die Augen. Sie sah aus wie ein trauriger, alternder Clown, der beim Abschminken sich der Falten um so deutlicher bewusst wird. Ich griff zu der Schachtel. Ich steckte zwei Zigaretten an und reichte ihr eine. Sie hielt mir den Mund hin und ich steckte die Zigarette mit einem Anflug von Zärtlichkeit und Vertrautheit hinein. Mein Finger berührte ihre Lippen. Die Frau lächelte sehnsüchtig und dankbar.

“Ich hab’ Lust auf eine Dusche!” sagte sie. Plötzlich wirkte sie ernüchtert. “Weißt du was, komm’, wir duschen noch zusammen, bevor ich wieder runter zur Arbeit muss…!” Sie deutete auf die Duschkabine in der Zimmerecke.

Ich dachte an meinen abgeschlafften Pimmel, zog mich irritiert aus, schielte auf das Nachtschränkchen, in dessen Schublade meine sauer verdienten Mäuse verschwunden waren und wankte mit Schlagseite benebelt unter die Dusche.

Die Frau kam nach. Sie drückte sich in die enge Plastikkabine, die nachträglich in eine Nische des Altbaus gezwängt war. “Ich habe dir dein Geld wieder in deine Jackentasche gesteckt!” sagte sie. “Keine Leistung, also auch keine Bezahlung! Nimm’ das Geld, lach’ dir morgen im Bistro eine nette Verkäuferin oder eine kleine Sekretärin an, eine die jünger ist als ich, glaube mir, die sitzen herum und warten auf einen Sonntagsprinzen! Lade sie ins Restaurant ein! Aber nicht hier in der Hafengegend! Hoch zum Boulevard Prado musst du! Dort sitzen sie in den schicken Cafes und langweilen sich. Besonders wenn die Männer im Fußballstadion von Olympic sind. Sonntagnachmittag ist die Stunde der einsamen Frauen! Überall auf der Welt! Glaube mir das! Mach’ ihr dann ein paar Komplimente, rede mit ihr, sei nett, du kannst das! Logisch! Kannst du! Ich weiß es! Und du kannst sicher sein, dass sie mit dir im Bett liegt, noch bevor es Sonntagabend ist!”

Das warme Duschwasser perlte über unsere Körper. Während die Frau redete, hatte sie mir den Rücken eingeseift. Ihre Berührungen waren zärtlich erotisch und mütterlich fürsorglich zugleich.
“Du mir auch!” Sie reichte mir die Seife und drehte sich um. Zwei füllige Arschbacken drückten sich gegen meinen Unterleib. Mein Versager begann zu zucken. Das Blut pulsierte hinein, er wurde steifer und lag plötzlich in voller Montur im Schlitz zwischen den beiden ausgeprägten Rundungen der Frau. Sie lachte und sang: “Olala, c’est bien! C’est très bien!”

Sie ging in die Hocke. Über der Höhe ihres Mundes vibrierte stolz mein Männerstolz. Mit der Zunge leckte die Frau über meine Eichelspitze. Das war wie vierter Advent für einen Sechsjährigen. Bald musste Heiligabend und Bescherung sein! Dann hatte sie ihren Mund wie einen Saugnapf genau über den Ausgang gelegt. Sie begann zu saugen. Sehr langsam, unaufdringlich, mit einer mir unbekannten Zärtlichkeit. Weich und doch unmissverständlich fordernd. In meinem Kopf tanzten Ameisen. Es war wie beim Bolero von Ravel. Mit den bekannten Steigerungen. Das waren nicht mehr die unbeholfenen Stümpereien der jungen Anfängerrinnen, die bisher mit mir geübt hatten. Es war mir, als würde sie das Menna von ganz weit aus dem letzten kleinen Fußzeh hervor saugen. Stromstöße vibrierten durch bisher ungeahnte Nischen und versteckte Höhlen meines Körpers, machten an einer Gehirnwindung eine provozierende Pause und setzten dann um so intensiver ihre Loopings fort. Mit einer Hand streichelte die Frau meine Hoden als würde sie ihr eigenes Baby liebkosen; mit der anderen glitt sie langsam zu meinem Hintern. Sie tastete mich ab, steckte vorsichtig, wie versuchsweise, ihren Finger hinein. Erst ein paar Millimeter, erforschend, neckend, wohl auch provozierend, dann aggressiver bis zur Hälfte. Als ich zu stöhnen begann, fragte sie: “C’est bon? N’est pas?!” Ich nickte keuchend und wand meinen Hintern mit diesem neuen aber überraschend schönen Gefühl und sie bohrte den Finger ganz hinein, bis ich mich aufbäumte, bis ich tief in ihren Mund flutschte und von ihm eingeschlossen wurde wie im warmen Fruchtwasser, und ich aufschrie, ein Schrei, der musste doch durchs ganze Haus gellen? und meine Fontänen in ihren Mund, über ihre Lippen und in das träge sprudelnde Duschwasser spritzten.

Als wir abgetrocknet und angezogen waren, rauchte jeder noch eine Zigarette und sie fragte, ob es mir gefallen habe. Es war schön, sagte ich; so außergewöhnlich aufregend. Ich stammelte, weil ich das französische Vokabular zusammensuchen musste. “So schön wie noch nie zuvor in meinem Leben!” Wie soll man dieses Erlebnis in einer fremden Sprache erklären. Selbst auf Deutsch hätten mir die Worte gefehlt.

Dann brachte sie mich vor die Haustür. Ich wollte ihr die Hand geben oder einen angedeuteten Kuss auf die Stirn hauchen und mich wegschleichen. Aber sie schlang ihre Arme um meinen Hals. “Weißt du…”, begann sie, stockte und flüsterte schließlich. “Ich sollte dir so etwas eigentlich nicht sagen. Aber…, du solltest nie mehr, hörst du, nie mehr in deinem Leben zu einer…, ich meine, zu einer Frau gehen, bei der du bezahlen musst!” Sie küsste mich schnell und verstohlen auf den Mund, drehte sich um und schlüpfte in die Bar.

Abgeschlafft schlich ich die schummrig beleuchtete Gasse der Altstadt hinauf zu meinem Hotel. Suchend fingerte ich in meiner Jackentasche nach den drei Geldscheinen, konnte sie aber nirgends finden.

Huren, Henker, Hugenotten   Erinnerung an meine traurigen Huren

Rien ne pas plus (Nichts geht mehr)

von Michael Kuss (copyright)

“Es war ein schöner Abend”, rief Katharina aus dem Badezimmer. “Ist schon ‘ne Weile her, so’n schöner Abend!” Katharina war beschwipst. Sie kicherte und lallte ein bisschen und ich dachte, Mensch Junge, die Voraussetzungen sind nicht schlecht. Vielleicht wird es klappen. Neunzehnter April. Vielleicht wendet sich alles noch und geht in Ordnung! Wenigstens diesmal, an meinem Sechsundvierzigsten Geburtstag…

“Ja!” rief ich zu Katharina. Teils skeptisch und ängstlich, teils hoffnungsvoll. Ich lag bereits im Bett. Wir waren in der Stadt gewesen. Französisches Restaurant. Austern aus der Bretagne. Danach Piano-Bar. Tanz und intime Kuschelecken. Es war recht viel versprechend gelaufen. Wenn nur Katharina wenigstens für fünf Minuten ihre verdammte Prüderie ablegen könnte! Beim Slow hatte ich beide Hände um Katharinas Hintern gelegt, hatte die prallen Rundungen im Griff, ließ einen Finger spielend über die Nische kreisen, die sich zwischen den Pobacken am schwarzen Kleid abzeichnete und hatte dann ihren Unterleib fest und fordernd gegen meinen kleinen Freund gedrückt. Katharina hatte ihren Kopf in meine Halswölbung gelegt – ich konnte mich nicht mehr entsinnen, wann sie das zum letzten mal getan hatte. Jetzt würde sie irgendeine Frivolität sagen, etwas Außergewöhnliches, etwas, was mich anmacht, zum Beispiel “Gefällt dir mein Po?“ oder wenigstens “Ich habe Lust auf dich!”

Stattdessen flüsterte sie mir ins Ohr: “Aber Herrmann, doch nicht hier in aller Öffentlichkeit!” Katharina war, soweit ich mich die Jahre zurück erinnern kann, selten frivol gewesen. Schlüpfrigkeiten waren nicht ihr Fall. Wenn ihr trotzdem mal eine heraus rutschte, war Katharina entweder beschwipst oder besonders gut drauf und das war in letzter Zeit so selten wie Schnee im Juni. Mein kleiner Freund, der beim Körperkontakt immerhin auf Halbmast geklettert war, schrumpfte wieder auf Winzling. Mit einem Wort, einer Geste, hätte Katharina die Situation ändern können. Mit Champagner die Hormonpillen hinunter gespült. Letzter Versuch. Bereits kurz nach Mitternacht nach Hause.

Dann im Bett. Ich fummelte an mir herum. Wird er steif werden? Unruhig strich ich die Vorhaut zurück. Nur schwache Signale. Ich dachte an das andere Pärchen in unserer Schmuseecke und vor allem an die Single-Frau an der Bar. Ich hatte die Augen, den sinnlichen breiten Mund, die Beine und den Hintern der einsamen Mittvierzigerin an der Bar betrachtet und mir vorgestellt, wenn sie mit uns gehen würde, wenn Katharina einverstanden wäre, was einem Lotto-Sechser gleichkommen würde, wenn, dann würde es mit Sicherheit klappen. Vielleicht sollten wir den jahrelangen Eintopf mal gegen neue Rezepte eintauschen. Meine Phantasie schlug Purzelbäume. Katharina würde mich zum Psychiater schicken, wenn ich über meine Phantasien reden würde. Sie kam ins Bett gekrochen. Sie duftete nach Badeseifenfrische und hatte ein durchsichtiges Stöffchen auf der Haut, wie ich es seit Monaten nicht mehr bei ihr gesehen hatte.

Die Stunde der Wahrheit! Nur mich jetzt nicht selbst unter Druck setzen! Langsam angehen lassen! Ich legte den Arm um Katharinas Schultern. Etwa schwerfällig rutschte sie näher, aber sie kam kuschelnd und das gab mir Selbstbewusstsein. Ihre Wärme erregte mich. Für einen Augenblick dachte ich, das ist wie früher, als wir uns noch liebten und fast täglich begehrten. Sind die pingeligen Streitigkeiten der letzten Monate vergessen? Über Bord geworfen, und jetzt werden wir klar Schiff machen, uns streicheln, küssen, anheizen, und Katharina wird mir helfen, mein Problem zu überwinden. Es muss ja nicht immer die totale Erektion sein, der Superpimmel, das höchste Gütesiegel der Männlichkeit. Katharina könnte ihn schlicht und einfach wieder einmal in den Mund nehmen, den kleinen Lümmel liebkosen, als wäre es Sahneeis, auch wenn er nur halb steif ist. Wenn sie sich wieder nur auf den Rücken legt und auf meine Missionarsinitiative wartet, werden unsere Chancen unter Null sinken.

Als ich noch unsicher überlegte, wie ich weiter vorgehen sollte, drückte sie ihren Unterleib gegen mich. Ich war gefragt. Kein Zweifel! Eine Hitzewelle überkam mich. “Wir sollten wieder öfters ausgehen!” sagte ich und fuhr ihr mit der Hand fahrig über den Rücken. Ich wollte Zeit gewinnen. Nur noch ein paar Sekunden, und meine Nerven würden reagieren! Mit der linken Hand fummelte ich nervös an meinem passiven Gehänge herum, die rechte ließ ich über ihre kräftigen Oberschenkel in ihr Heiligtum gleiten, in der flehenden Hoffnung, mein Hirn würde die Signale empfangen. Über meinen Finger spürte ich die weiche, warme Flüssigkeit. Ein gutes Zeichen! Seit Monaten war Katharina nicht mehr nass geworden. Nach ihrer Operation und der Sterilisation vor zehn Jahren ließ sie sich nicht mehr von meiner Zunge nässen. Irgendwie hatte alles im Laufe der Jahre nachgelassen. Wir hatten der Entwicklung taten- und vor allem wortlos zugesehen. Ob mein Problem damit zusammen hängt? Soll ich mir über eine Kontaktanzeige eine perverse Nymphe suchen und mit ihr meine Phantasien austoben und mich aufgeilen und dann zu Katharina ins Bett und in ihre Muschi schlüpfen?

Bei diesem Gedanken erreichte mein kleiner Freund eine beachtliche Größe. Wenn er noch ein kleines bisschen zulegen würde, wenn ich dann die Erektion halten könnte, ich könnte ihn einführen in Katharinas weiche, warme Flüssigkeit, was ihr sicher wieder Spaß machen würde, und dann würde ich mich fallen lassen, endlich wieder einmal ganz tief fallen lassen, und dann ganz unten, ganz weit hinten, würde der Schrei kommen. Der Urschrei, auf den ich wartete, so, wie ich ihn von früher kannte, verdammt noch mal, das lag doch noch keine zwei Jahre zurück…

Ich beugte mich über Katharina und drückte ungeduldig mit meinem Knie ihre Beine auseinander. Sie wollte noch schmusen. “Streichele mir bitte den Rücken!” flüsterte sie. Ich sagte “Ich will dich jetzt gleich!” und sie antwortete “HmmHmm!” und machte die Beine breit.

Wenn ich jetzt warte, wenn ich jetzt den günstigen Augenblick nicht nutze, wo mein kleiner Freund einigermaßen steif ist, wenn ich ihn nicht einführe, damit er Katharinas Wärme spürt und steif bleibt, dann…, ich wurde wieder nervös, versuchte, diesen schlampigen Muskel in Katharina hinein zu bohren, als wolle ich mit Gewalt einen Regenwurm in ein Nadelöhr pfropfen. Katharina zuckte zusammen, sagte “Oh!” und dann “Jaa! Das tut gut!” und ich presste und presste, Katharina hielt dagegen, schob ihren Bauch vor, fummelte nach einem Kissen, schob es unter ihren Hintern, ich verlor mich in warmer Flüssigkeit, Katharina stöhnte, es klang ein bisschen an den Haaren herbei gezogen, aber sie meinte es sicher gut, nur jetzt nicht nachlassen, er wird steifer, hält die Position, ich fasse mit den Händen unter Katharinas Hintern, klammere mich wie ein Ertrinkender an ihre Pobacken, stoße wild und unkontrolliert auf Katharinas Unterleib, warum in drei Teufels Namen hatte ich plötzlich wieder diese Rückenschmerzen, dieses lähmende Schwächegefühl in den Hüften, ich darf nicht aufgeben, nicht in diesem Moment, noch einmal aufbäumen, noch ein paar Kraftreserven von irgendwo hinten, wieso spüre ich nicht Katharinas Gebärmutter, warum keinen Widerstand, ich schlingere mit meinem Weichling wie verloren durch einen warmen See, egal, ich bin schon froh wenn er einigermaßen steif und drinnen bleibt, hin und her, Mädchen, flehe ich innerlich, hilf mir doch ein bisschen, drück’ deine Muskel gegen mich, steck’ mir den Finger in den Hintern, oder sag’ wenigstens ein paar unflätige Sätze, lüge mich an, täusche einen Orgasmus vor, verkürze mir die Zeit, meine Kraft lässt nach, und jetzt, – das darf doch nicht wahr sein -, Schweißausbruch, dieser Scheißpimmel war herausgerutscht, ich griff danach, wollte ihn zurückschieben in die offene, bereite Katharina, ich hielt einen abgeschlafften, nassen Winzling in der Hand, er wurde immer kleiner, mein Ringfinger war ein Riese dagegen, ich ließ mich fallen, rollte zur Seite, plummps! wie ein Sack Kartoffel, lag neben Katharina auf dem Rücken, wortlos, wie immer, hatte wie ein Alibi meinen Finger in Katharinas Muschi gesteckt, fuhrwerkte fahrig darin herum, ein miserables Ersatzwerkzeug, lag daneben, wie ausgepumpt, peinlich, aber das Loch zum verkriechen war nicht da, und so lagen wir schweigend nebeneinander, bis ich zu den Zigaretten griff und Katharina eine anbot.

„Du hast eine Andere!” Katharina hatte an der Zigarette gezogen, den Rauch inhaliert und es hatte eine Weile gedauert, bis dieser Satz herauskam.
“Eine Andere?”
“Eine andere Frau! Was denn sonst?! Oder musst du Zeit gewinnen, um dir eine Antwort zurecht zu legen?” Ich empfand das als aggressiv, fast boshaft; jedenfalls schien es mir kein Ansatz für ein sachliches Gespräch zu sein.
“Nein!” Ich seufzte. Und dieser Seufzer sollte ausdrücken, du gehst mir auf die Nerven mit dieser ewig gleichen Frage, warum können wir nicht über andere, über wirklich wichtige Dinge reden?
“Ich habe keine Andere!” Das stimmte. Mein letzter bescheidener Seitensprung war dermaßen blamabel verlaufen, dass ich es danach nicht mehr versucht hatte. Aber ich dachte oft an andere Frauen, und daran, wie man sich lieben könnte, ohne diesen verdammten Zwang mit dem steifen Pimmel, und das machte die Sache nicht einfacher.

“Ich glaube dir nicht!” Katharina drückte die Kippe aus. “Du gehst mir auch sonst aus dem Weg! Wann bist du denn noch zu Hause?! Heute an deinem Geburtstag hast du dich wieder mal verpflichtet gefühlt! Aber selbst wenn du mich im Arm hältst, bist du nicht bei mir, sondern woanders…! Wo? frage ich mich. Bei welcher Tussi sind deine Gedanken? Du solltest wenigstens Mann genug sein, mir die Wahrheit zu sagen! Dann weiß ich, woran ich bin. Aber so kann das nicht mehr weitergehen! Ich bin Zweiundvierzig…!” Sie drehte mir den Rücken zu.

“Was willst du damit sagen?”
“Du weißt genau, was ich damit sagen will!” Katharina knipste an der Nachttischlampe. Ich wusste es nicht. Der Satz konnte Alles und Nichts bedeuten.
“Die Arbeit!” setzte ich zu einem Erklärungsversuch in der Dunkelheit an. “Der Stress! Die Überstunden! Wir sind nicht mehr die Jüngsten! Ich werde mal zum Arzt gehen!”
Katharina antwortete nicht. Sie verstand nichts, und mir fehlten die Worte und der Mut. Hilflos schwieg ich. Ich hatte das Gefühl, als würden wir ein paar Meter auseinander in getrennten Betten liegen. Tatenlos sah ich zu, wie sich diese unsichtbare Wand der Isolation zwischen uns schob.

Pariser Maifestspiele

von Michael Kuss (copyright)

“Du machst Liebe wie ein richtiger Revolutionär!” keuchte Nadine. Die beiden wälzten sich in den Bettlaken und verständigten sich, wenn sie denn zum Reden kamen, in einer Mixtur aus kreativen Sprachbrocken. Acht Wochen kreuz und quer durch Frankreich hatten sein Französisch nur begrenzt verbessert.
Nadine sagte nicht jenes ominöse Wort, das einige als Gossensprache bezeichnen und im Brockhaus als „Hin und her bewegen“ beschrieben wird. Sie sagte also nicht dieses ominöse Wort, wie er es der Situation angepasst erwartet hatte. Sie sagte stattdessen “Du machst Liebe…, tu fais l’amour…”, wie ein verschämtes Überbleibsel ihrer bourgeoisen Herkunft. Denn ansonsten war ihr neurevolutionäres Vokabular schon deftiger: Bullenschweine, Kapitalistensäue oder Scheißpfaffen kamen ihr raus wie Wasser aus der Leitung; aber das ominöse Wort nannte sie noch „faire l’amour“.

Er schwieg. Durch unbedachte Wortklaubereien wollte er sich dieses phantastische Geschenk als eigentliches Produkt der Revolution nicht vermasseln. Obwohl hier ’wild drauf los ficken’ oder wenigstens „auf Teufel komm raus vögeln“ für seine Begriffe angebrachter war als ’Liebe machen’. Es war die Wildheit ausgehungerter Wölfe, denen man bisher erzählt hatte, ihre Nahrung würde aus Gras bestehen und plötzlich entdecken sie diese Lüge und fressen sich satt. Sie stießen und kratzten, sie leckten und bliesen sich die Seele und die letzte Kraft aus dem Leib. Seit Tagen und Nächten nahezu ununterbrochen. Gestern im Bett Sophies, vorgestern bei Rebecca und dann doch wieder zurück zu Nadine, weil Sophie heute mit Rebecca schlief. Sexualität war aus dem Dunstkreis der Anrüchigkeit gewichen. In Frankreich gab es keinen Oswald Kolle, sondern den Mai 68.

Die Weltrevolution im Quartier Latin, in Nanterre und an der Sorbonne war längst von der Kommunistischen Partei Frankreichs und von De Gaulle erstickt worden. Frust und Wut bei den Genossinnen und Genossen um Daniel “le rouge” saßen tief. Jetzt machte die zierliche französische Studentin mit dem deutschen Proleten erst einmal die Bettrevolution. Sie waren nur kurz am Kühlschrank schlemmen. Käse, Schinken und Mayonnaise aufs Toastbrot, die Marmelade gleich mit den Fingern aus dem Glas gepopelt, vom Nachttisch neue Präservative geangelt, darauf bestand Nadine, sie hatten die halbe Apotheke leer gekauft, beide standen mit rotem Kopf vor der Apothekerin und stammelten ihre Bestellung, dann ging der Clinch in die nächste Runde. Der Schweiß rann ihnen vom Körper, bahnte sich einen Rinnsal zwischen Nadines Brüsten, nässte seine Brusthaare wie einen Schwamm, verkroch sich feucht in den zerwühlten Bettlaken.

“Du-hast-die-rich-ti-ge-Ein-stel-lung-zum-S-Sex!” hechelte Nadine. “Das-ist-näm-lich-eine-Frage-des-po-li-tischen-Be-wusst-seins!” Dann stöhnte sie noch etwas von Freud und Trotzki, und da er beide nicht kannte, war sein Schweigen angemessen.

Er wusste nicht, was seine Geilheit mit seinem politischen Bewusstsein zu tun hatte, kannte nicht einmal den Begriff, sah auch keinen Zusammenhang zwischen Nadines Philosophien und seinem Nimmersatt, aber Nadines Knackarsch an seiner Zunge und ihr voller Mund warm und feucht und ziehend über ihm waren um einiges angenehmer, als vor einer Woche der Barrikadenkampf gegen die Flics im Quartier Latin.

Die Polizeipanzer standen bereits vom Jardin du Luxembourg abwärts, vor der Sorbonne und am Boulevard St. Germain, Ecke Boulevard St. Michel. Die Strahlen der Wasserwerfer zischten unbarmherzig in die Rue Huchette, jene kleine, mit Basaltsteinen gepflasterte Gasse im Studentenviertel, in der er Abwechslung und seichte Abenteuer gesucht hatte und auf die Revolutionäre gestoßen war. Meist junges Volk unter den Demonstranten, eine Menge Frauen dabei. Na schau mal einer an…! Aber das hier hatte mit seinen pazifistischen Ostermärchen, alljährlich zuhause zwischen Regensburg und Passau brav über die Dörfer zelebriert, nichts mehr zu tun. Hier in Paris hatten die Leute Pflastersteine mit Händen, Spitzhacken oder Messer herausgerissen, geschabt, zu Barrikaden aufgetürmt. Sperrmüll wurde heran geschleppt. Sessel und Bettgestelle flogen aus den Fenstern. Der seit Jahren aufgestaute Müll wurde sichtbar. Autos lagen brennend auf dem Rücken. Flammende Käfer und gegrillte Enten im Mai.

Schreie, Rauch, Steine, Polizeilautsprecher, Wasserwerfer, Tränengas! Drüben, auf der anderen Seite vom Pont St. Michael, zwischen den beiden Armen der Seine, war der Justizpalast von einer Polizeikette umgeben. Eine Menschenmenge stürmte dagegen an. Ja haben die Leute denn keine Angst? Keinen Respekt? Was wird hier eigentlich gespielt? Revolution? Bürgerkrieg? Das geht doch nicht einfach so! Da muss man doch vorher bei den Behörden um Genehmigung anfragen! Bei Demos gibt es doch klare Grenzen, die eingehalten werden müssen! In der Zeitung hatte er einen Bericht über Deutschland gelesen. Ein Rudi Dutschke war in Berlin niedergeschossen worden. In Berlin und Hamburg war Aufstand. Berliner Studenten agierten jetzt an Pariser Universitäten. Dutschke hatte in einem Interview Lenin zitiert: “Bevor die Deutschen einen Bahnsteig stürmen um Revolution zu machen, lösen sie erst brav eine Bahnsteigkarte!” Und hier, in Paris, das ist ja das reinste Chaos! Seine Mutter hatte schon immer gesagt, die Franzosen, das ist Schmutz und Unordnung. Wenn seine Mutter wüsste, dass er jetzt mitten drin steckt …, er, der brave Junge aus einem stockkatholischen Dorf an der Donau, umworben von Pariser Studentinnen, ach du liebe Jungfrau Maria, so unkompliziert konnte das Leben sein; Revolution spielen, die Welt verbessern, und dabei noch Frauen abbekommen, von denen man in Niederbayern nur träumt…, ein völlig neues Lebensgefühl

Die Wiedergeburt von Franz Schubert

von Karla Martina Cichy (copyright)

Es war einer der ersten warmen Frühlingstage im Mai. Martin konnte es kaum erwarten, endlich seinen letzten Klavierschüler zu verabschieden, der für heute auf dem Stundenplan stand. Der kleine Nachbarsjunge war zugegeben nicht gerade sein begabtester Schüler, und Martin hatte sich mehr aus Gefälligkeit angeboten, ihm Unterricht zu geben.
Doch nun war der ersehnte Feierabend gekommen, das Wochenende stand bevor. Martin setzte sich mit einer Tasse Milchkaffee auf die Terrasse, welche von diversen Blumenkübeln beinah überquoll, die die zahlreichen Versuche seiner hobbygärtnerischen Frau dokumentierten. Er seufzte erleichtert und genoß die immer noch wärmenden Strahlen der Sonne.
Martin war in Gedanken versunken, was er am Wochenende mit seiner Familie alles unternehmen könnte, als ihn das schrille Klingeln seines altmodischen Telefons aus seinen Planungen riß. Am anderen Ende erklang eine vertraute weibliche Stimme, die Martin sehr lange nicht mehr vernommen hatte…. Eine gewisse Beklommenheit machte sich sofort in ihm breit, und die junge Dame hatte gewiß seine Verlegenheit gespürt: „Emilia, Du? Äh nein, ich meine natürlich Sie, Fräulein Hasselmeier…, Entschuldigung…“ Gottseidank konnte sie nicht sehen, wie Martin langsam einen roten Kopf bekam. Nein, er würde sich niemals ein Bildtelefon zulegen.
„Aber nicht doch Herr Scholz, für Sie immer noch Emilia! Ich bin vor einer Woche aus Südamerika zurückgekommen und wollte mich sogleich bei Ihnen melden. Vielleicht kann ich ja meinen Unterricht fortsetzen?“
„Na selbstverständlich, Emilia!“ ‚Bloß nicht zuviel Freude zeigen’, ermahnte sich Martin. „Wenn ich Dir überhaupt noch etwas beibringen kann… Komm doch einfach am Montag vorbei, wenn Du Zeit hast, gegen 17 Uhr, dann erzählst Du mir von Deinen Erlebnissen in Südamerika, und sicher finden wir einen neuen Termin…“ Emilia stimmte sofort zu, und Martin war ganz außer sich vor Aufregung. Als sie das Gespräch beendet hatten, genehmigte er sich nun endlich den inzwischen kalt gewordenen Milchkaffee und ließ seinen Erinnerungen freien Lauf….

Martin versuchte, sich Emilia Hasselmeier vorzustellen, wie sie vor ziemlich exakt drei Jahren ausgesehen hatte: Ein fünfzehnjähriger frühreifer Teenager, der eher wie zwanzig wirkte…. Sie war sehr schön, rassig und dunkel wie ihre Mutter, welche aus Peru stammte. Wie der Nachname andeutet, hatte ihre Mutter einen Deutschen geheiratet, doch Emilia schlug eindeutig nach ihrer Mutter mit ihren langen schwarzen Haaren und fast ebenso dunklen großen geheimnisvollen Augen. Martin mußte sich eingestehen, dass er immer schon eine Vorliebe für den dunklen Typus Frau hatte, vielleicht lag es daran, dass er – zum Kontrast – als unbekannter Doppelgänger von Brad Pitt durchgehen könnte. ‚Ja, das würde auch vom Alter her passen’, bemerkte Martin traurig, der inzwischen vierzig und damit mehr als doppelt so alt war wie Emilia. Emilia – hatte er sie jemals lächeln oder gar lachen sehn? Bestenfalls etwas, was an das Geheimnisvolle der Mona Lisa heranreichte. Ihr Gesicht hatte einen Ausdruck, als ob sie mit fünfzehn bereits alles Leid der Welt erfahren hätte, und sie erschien ihm wie eine vor Sehnsucht und Verzweiflung überschäumende Träumerin. Sie trug stets Blusen und lange Röcke ganz in schwarz, außerdem so eigenartigen Silberschmuck mit Ornamenten, in die die Gestalten von Schlangen, Spinnen, Totenköpfen und ähnlichem eingearbeitet waren, und die Martin gleichzeitig befremdeten, besorgten als auch faszinierten. Er war allerdings zu befangen, um Emilia daraufhin anzusprechen.
Emilia erwies sich als eine begnadete Klavierschülerin, das Talent wurde ihr offensichtlich in die Wiege gelegt. Aufgrund Ihres Wesens war es nur eine Frage der Zeit, dass Emilia, wie Martin es vorausgesehen hatte, die Romantiker für sich entdeckte. Niemand aus Martins Schüler- oder Künstler-Bekanntenkreis konnte soviel Audruck in diese Stücke legen. Emilia verschmolz förmlich mit den Tasten und ließ all ihren Schmerz und all ihre Sehnsucht in sie hinüberfließen. Bei einem der letzten Schülervorspiele trug sie die Regentropfen-Prelude von Chopin vor. Martin konnte jeden einzelnen bitteren Tropfen auf seiner Haut spüren. Er war gebannt, er war besessen – und es fiel ihm schwer, einen halbwegs vernüftigen Kommentar abzugeben, als Emilia ihren Vortrag beendet hatte. ‚Ja, ich glaube, damals hat es angefangen’, resümierte Martin. Ein zaghaftes Gefühl, was in den nächsten Wochen immer stärker wurde, so stark, dass Martin eine diffuse Angst und erste Gewissensbisse gegenüber seiner Frau überkamen, denn er spürte, dass er in seinem Innern bereits „fremdging“, auch wenn es keine körperliche Annäherung zu Emilia gegeben hatte. Eine zusätzliche Befangenheit legte sich über Martin, als ihm bewußt wurde, dass seine Tochter nur zwei Jahre jünger ist als Emilia.
Doch bevor Martin die Gelegenheit bekam, auszuloten, ob er seinem Gefühl der Verliebtheit nachgehen sollte oder lieber dagegen ankämpfen, überraschte ihn Emilia mit dieser Neuigkeit: „Es tut mir leid, Herr Scholz, aber ich bin gezwungen, meinen Unterricht zum Monatsende abzubrechen. Mein Vater hat einen Diplomaten-Posten in Argentinien bekommen, und Sie wissen ja, die Familie muß ihm folgen….“ Martin erinnerte sich, daß er sich sehr beherrschen mußte, nicht in Tränen auszubrechen. Sah er auch in ihrem Gesicht einen Ausdruck echten Bedauerns? Nun, er hatte es sich jedenfalls eingebildet. Sie würde also ungefähr drei Jahre fortsein, vielleicht auch länger. Am Anfang fiel es Martin wirklich schwer, nicht an Emilia zu denken. Sie verfolgte ihn häufig nachts in seinen erotischen Fantasien. Erst nach ein paar Monaten war es ihm gelungen, dank eines gewissen Verdrängungsmechanismus seine innere Ruhe halbwegs wiederzufinden.

Emilias unvermittelte Rückkehr hatte in Martin das brennende Verlangen wieder zum Leben erweckt. Er konnte sich an kein anderes Wochenende erinnern, an dem er sich den Montag so sehr herbeigesehnt hatte. Martins Bemühungen, dennoch einen unbeschwerten Sonntag mit seiner Frau und seinen Kindern zu verbringen, schlugen fehl. Sabine fragte nicht nur einmal, ob irgend etwas nicht stimme…. Martin wußte, dass es fast unmöglich ist, seiner Angetrauten etwas vorenthalten zu wollen, aber er fand nicht den Mut, um ihr den wahren Grund zu offenbaren.

Am Montag erschien Emilia um genau 17 Uhr. Die Pünktlichkeit hatte sie gewiß von ihrem Vater geeerbt und trotz oder gerade wegen der drei Jahre im Süden offensichtlich nicht verlernt. „Emilia, ich… freue mich ja so, dass… Du zurück bist, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll…“ Was für ein Gestammel, Martin fühlte sich erneut so befangen, dass er keinen klaren Gedanken fassen konnte. Seine Ohren wurden heiß, die Röte stieg in sein Gesicht. Gottseidank stand er etwas im Schatten des Tageslichts. Emilia hob die Mundwinkel zu einem leichten süßlichen Grinsen, oja, sie hatte ihn enttarnt, aber es schien ihr nicht unangenehm zu sein. Sie streckte ihm ihre schmale Hand hin, und Martin betrachtete ihren langen wohlgeformten Körper… „Herr Scholz- oder soll ich Martin sagen? – Sie haben mir auch gefehlt, äh ich meine, die sehr erbaulichen Klavierstunden bei Ihnen, deshalb bin ich ja auch gleich gekommen….“ ‚Nun, sie ist etwas koketter geworden’, dachte Martin, ‚völlig natürlich für ein inzwischen 18jähriges Mädchen.’ Äußerlich hatte sich Emilia kaum verändert, nur dieser seltsame Schmuck war jetzt verschwunden, und damit der allzu morbide Anstrich, der ihn damals so befremdete. Martin war gerührt. „Klar, nenn mich Martin, das ist viel ungezwungener, und jetzt bin ich neugierig, wie ist es Dir ergangen? Einen Moment noch, ich hole uns was zu trinken. Setz Dich doch.“ Er zeigte auf die Couch und eilte dann aus dem Zimmer.
Als Martin mit Wasser und 2 Bechern Milchkaffee zurückkam, saß Emilia bereits an seinem Flügel und war im Begriff, einen Notenband aufzuschlagen, der den Titel „Schubert Impromptus“ trug. „Emilia? Was…“
„Du wolltest doch wissen, wie es in Argentinien war – ich werde es Dir erzählen. Lausche dem Stück und sage mir, was Du siehst!“ ‚Sie ist so selbstverständlich ins „Du“ gewechselt, als wären wir beide uns schon seit langem vertraut’, dachte Martin. Emilia begann mit dem Impromptu Nr. 3 B-Dur aus D 935. Die ersten Takte erklangen, und sofort spürte Martin, dass Emilia streng genommen keinen Unterricht mehr bei ihm benötigte. ‚Sie hat bestimmt viel gespielt in den letzten 3 Jahren…’ Emilia, die das Stück beinah auswendig beherrschte, blickte ihn auffordernd an.
Martin schloß die Augen und fing an, seine Assoziationen in Worte zu fassen, die Satzfragmenten glichen. Er setzte sich dicht neben Emilia und sprach ganz leise, um ihren glänzenden Vortrag besser auf sich wirken lassen zu können: „Eure Familie, wie sie in Buenos Aires empfangen wird, in einem großen stolzen Haus in einer geschäftigen, lauten Metropole, die erhabene erwartungsvolle Stimmung….“ Emilia erwiderte nur ein leises, zustimmendes „Hm“ und konzentrierte sich weiter auf ihren kleinen Auftritt. Nun wechselte das Stück in mehr Lebhaftigkeit… „Du sitzt etwas wehmütig am Strand und beobachtest das Meer, die Wellen, den Horizont….“ Plötzlich erhellte sich Emilias tänzelndes Spiel und mit ihm Martins Gesicht: „Du reitest auf den Wellen, springst ins kühle Nass, planschst mit den Fischen und Quallen um die Wette….“ Martin öffnete die Augen ein wenig und fing einen funkelnden und anerkennenden Blick auf.
Etwa eine Minute später war die Stimmung in eine Richtung umgeschlagen, die Martin irritierte. Er kannte diesen Ausdruck in der Musik, aber dieser hatte seiner Meinung nach nichts Südamerikanisches…. „Emmi, das erinnert mich etwas an Rußland, einen Abend in Moskau, diese ewige russische Schwermut!“ Emilia hielt kurz in ihrem Spiel inne und starrte ihn recht fassungslos an – dieser Martin hat zweifellos einen sechsten Sinn, den sie bei ihm gar nicht erwartet hatte. „Stimmt, ich habe Kolja kennengelernt, Nikolai – den Sohn eines russischen Diplomaten…..aber es gab leider kein Happy End….“, sagte sie gleichzeitig verlegen und mit diesem traurigen Blick, den Martin nur allzuoft an ihr beobachtet hatte. Sie wandte sich wieder den Tasten zu und Martin konnte den schmerzlichen Abschied von Kolja nachempfinden. Er wurde das Gefühl nicht los, dass Emilia dieses Impromptu sehr sorgfältig ausgewählt hatte…. Die bedrückende Stimmung verschwand, und es erschien eine neue Kulisse vor Martins geistigem Auge: „…ein paar lustige kleine Pinguine watscheln über den Strand, die kleine Landzunge an der Atlantikküste Patagoniens, ich habs im Fernsehn gesehen!“ – und als Emilia immer ruhiger und langsamer werdende Klänge dahinzauberte – „jetzt ziehen sie zu ihren Erdlöchern und betten sich zur Ruhe.“ Emilia war gerührt über soviel wunderschöne, beinah kindliche Fantasie und bedauerte, dass Martin nicht mit ihr in Patagonien war. Fast sechs Minuten waren gespielt, als Emilia ihm ein lebhaftes buntes Treiben vermittelte: „Du ziehst mit Freundinnen durch die Stadt, bummeln, shoppen, Straßencafes….“ Die letzten Takte des Impromptus führten Martin wieder zum Anfang der Reise zurück, und doch war es anders: „ Ein Rufen – die Vergangenheit holt Dich ein, Erinnerung, etwa Heimweh?“
Emilia hatte ihren Vortrag beendet. Martin saß dicht neben ihr – er konnte sie nur anschauen, sekundenlang, minutenlang – staunend, fragend, entzückt, verliebt….. „Emmi, Du bist einfach überwältigend, das warst Du früher schon, aber jetzt…“, die Stimme versagte ihm fast, und seine Augen hatten einen flehenden verzehrenden Ausdruck. „Du auch“, erwiderte Emilia ganz leise und versuchte gegen einen Kloß im Hals anzukämpfen, „Deine Assoziationen und Interpretationen, ich kann das nicht glauben, woher wußtest Du…“ „Intuition, vielleicht.“
Die Luft um sie herum war elektrisiert, und Emilia spürte, dass es ihr in der Magengegend ganz flau wurde, ein Gefühl, was sie ansatzweise nur bei Kolja erlebt hatte. Auf einmal griff sie zu ihrem Notenband und blätterte ein paar Seiten zurück. „Jetzt zeige ich Dir, wie ich mich oft gefühlt habe, wenn ich abends einsam in meinem Bett lag und an die Zeit vor meiner Abreise dachte und an mir nahestehende Personen….“ Sie schaute Martin so bedeutungsvoll an, und er war sich ziemlich sicher, dass er gemeint war.

Emilia begann zu spielen. ‚Oh sie hat das Ges-Dur Impromptu aus D899 gewählt, eines meiner Lieblinge. Mit ihrer Ausdrucksstärke stellt sie manchen Profi in den Schatten. Sie ist einfach ein Wunder.’ – Martin betrachtete sie kopfschüttelnd und begann dahinzuschmelzen. Plötzlich schob er seinen Stuhl beiseite, denn eine gewaltige innere Kraft trieb ihn dazu, hinter der engelsgleichen Gestalt seiner Angebeteten niederzuknien und seinen Kopf ganz sanft an Emilias Rücken zu schmiegen. Martin kroch höher, vergrub sich in ihren weichen schwarzen Locken und sog den herrlich frischen Sommerblumen -Duft ihrer Haare ein. Er schob die Lockenpracht ein wenig beiseite, um ihren Nacken mit zaghaften Küssen bedecken zu können. Emilia ließ Martin plötzlich durch ein gewaltiges Crescendo aufhorchen, welches ihre ganze leidenschaftliche Sehnsucht und Erregung verströmte. Eine solche Dynamik hatte er nie zuvor vernommen, dieses Brennen und Beben. „Oh Emilia…“. Martins Atem ging schwerer, er war wie benommen. Wie von selbst griffen seine Hände nach ihrer schwarzen kurzen Rüschenbluse, schoben sie nach oben und suchten sich ihren Weg zu Emilias eher kleinen, wohlgeformten Busen. Sanft drückte er ihre Brüste und ertastete mit den Fingerkuppen die Brustwarzen, welche sich sogleich aufrichteten. Emilias Erregung wuchs, sie atmete schwer und ihr Brustkorb vibrierte. Sie dankte Gott, dass sie das Impromptu aus dem Schlaf beherrschte, denn sonst wäre ihr eine Fortsetzung jetzt unmöglich geworden.
Martins Hände kreisten inzwischen über ihren gesamten Oberkörper, begleitet von heftigen Küssen, die sich über ihren Rücken verteilten. Plötzlich bäumte sich Emilia auf, und Martin gewann gleichzeitig den Eindruck, ihm würde es jeden Moment den Flügel zerreißen. Wie konnte Emilia diesen schwarzen Holzkasten so mit ihrem eigenen Leben erfüllen! Nach ein paar Takten vermittelte Emilias ruhiger werdendes Spiel den Eindruck einer kleinen Verschnaufpause, und Martin haderte mit sich, ob er kurz innehalten sollte, um sich mehr auf den „musikalischen Kunstgenuß“ – wie er es nannte – zu konzentrieren. Martins Leidenschaft hatte die Stimme seines Verstandes beinah zum Schweigen gebracht, doch nun meldete sie sich wieder, nervös blickte er auf den Ring an seiner rechten Hand. Sabines Gesicht tauchte vor ihm auf, umrahmt von einem weißen Schleier, und hatte einen glücklichen, zuversichtlich strahlenden Ausdruck. Er hatte ihr die Treue versprochen, „bis dass der Tod uns scheidet“…
Aber Emilia riß ihn sofort aus seinem Taumel der Ohmacht und Zerrissenheit, das kurze Zwischenspiel schien nur die „Ruhe vor dem Sturm“ gewesen zu sein. Sie konnte sich nicht mehr länger zurückhalten – der Höhepunkt des Impromptus war fast erreicht und die Wogen der Leidenschaft – gewaltige Spannungsbögen zwischen piano und fortissimo – schwappten endgültig über. Die wilde Erregung strömte aus Emilias Körper heraus zu ihren magischen Händen, um mit der gleichen Intensität in den Flügel hineinzufließen… Sie bewegte die Tasten und das Pedal wie in Trance, die Augen fast geschlossen, der Mund halb geöffnet. Emilias Glut schürte Martins Feuer so heftig, dass er um den störenden Klavierhocker herumgriff und Emilias langen schwarzen Rock aus dem dünnen Stoff langsam nach oben gleiten ließ. Warm und weich schob sich Martins linke Hand an der zarten Innenseite ihres rechten Oberschenkel empor, bis er einen schmalen Gummi von Emilias Tangaslip ertasten konnte. Emilias Bein zitterte, und ihrem Mund entrannen kleine, stöhnende Laute. Die letzten Takte kosteten sie doch etliche Mühe, trotzdem war es ihr wichtig – ohne genau zu wissen, warum – auf dem unbequemen Klavierhocker noch eine gewisse pianistische Haltung zu bewahren.
Kaum war der letzte Ton verklungen, umfaßte Martin Emilia mit seinen starken Armen, hob sie in die Höhe und trug sie zu dem bequemen Sofa, welches in der anderen Ecke seines Unterrichtszimmers stand. Er war bemüht, Emilia nicht die zarten dünnen Kleider vom Leib zu reißen, aber er enthüllte sie doch mit einer heftigen Schnelligkeit, die er nie zuvor bei sich erlebt hatte. „Meine kleine Venus, mein dunkler Botticelli-Engel…“ War das jetzt kitschig? Martin wandelte nicht so oft durch Gemäldegalerien, aber es gab natürlich ein paar Kunstwerke, die so bemerkenswert waren, dass in seinen Augen nur Emilia einem Vergleich standhalten konnte. Martin küßte sie jetzt leidenschaftlich und preßte seinen Mund auf ihre vollen Lippen. Bald verschlangen sich ihrer beider Zungen ineinander und wollten sich nie wieder loslassen… Als sie sich doch für einen kurzen Augenblick voneinander befreit hatten, brachte Emilia unter ihrem heftigen Atmen hervor, „ Oh Martin, mir ist so komisch, als ob es mir den Magen umdreht…“ ‚Mancher Mann hätte das vielleicht für eine sonderbare Liebeserklärung gehalten’, dachte Martin, aber er, dem es ähnlich ging, wußte, was dieses Gefühl zu bedeuten hatte. Allerdings fiel ihm keine passende Antwort ein, und so erwiderte er es mit einem zustimmenden, verständnisvollen Nicken. Er streichelte langsam und sanft ihren Bauch und betrachtete dabei ihr Gesicht, wie um sich zu vergewissern, ob es ihr angenehm war. Ihre Blicke und ihr leises „Aahh“ bedeuteten ihm weiterzumachen. Nun fuhr er mit seiner Zungenspitze in ihren Bauchnabel, und Emilia reagierte auf die kitzelnde Erregung mit heftigem Zucken. Martins Zunge umkreiste Emilias Bauchnabel, wanderte cm für Zentimeter tiefer. Sein Mund spürte, wie sich Emilias Bauchdecke hob und senkte. Martins liebkosende Zunge war inzwischen bis in ihren Schoß vorgedrungen, der sich ihm schon bereitwillig geöffnet, ja fast flehend entgegenbäumte. Als Martins Zungenspitze den empfindlichsten Punkt zwischen ihren Beinen getroffen hatte, schrie Emilia auf, fuhr von der Couch hoch und packte Martin. Sie zog an seinem Hemd, zerrte es irgendwie über seinen Kopf und versuchte sich dann an seiner Jeans, unter der schon seit langem sichtbar und fühlbar war, wie sehr sich Martin nach Emilia sehnte… Ein paar Augenblicke später beugte er sich über Emilia und ihre nackten, glühenden Körper fanden und wanden sich in ein Knäuel der Leidenschaft. In ihrer Vereinigung, die sich von einem ersten zaghaften Andante im piano langsam in ein wildes Allegro im fortissimo steigerte, spürten beide, dass die Töne, die sie von sich gaben, eine Fortsetzung der Klänge bedeuteten, welche Emilia mit dem Ges-Dur Impromptu auf dem Flügel hingezaubert hatte. Emilia spielte nun ihr leidenschaftlichstes Schubert-Impromptu auf Martin, und Martin seines auf Emilia. Oder war es ihrer beider ureigenste Komposition?

Als inzwischen zwei virtuose Impromptus verklungen waren, welche von Erregung, Wollust und Befriedigung erzählten, streckte sich Martin zufrieden lächelnd auf der Couch aus und sagte: „Ich danke unserem Herrn!“ Emilia runzelte die Stirn. „ Ich meine natürlich unseren großen Herrn Franz Schubert!“ Zum ersten Mal sah Martin, wie Emilia mit einem wirklich freien Lachen reagierte.

Als Emilia gegangen war, mußte Martin lange über die Bedeutung des Begriffes „Wiedergeburt“ nachgrübeln. An diese Dinge wollte er nie so recht glauben. Aber was Emilia in bezug auf Schubert anging, konnte er eine gewisse Ahnung nicht verleugnen. Allerdings ein Mann, der als Frau wiedergeboren wird? Martin gab sich mit der Erklärung zufrieden, dass die Seele ja eigentlich geschlechtslos sein müßte….

Sie hatten sich nicht aufs Neue verabredet. Die Zukunft ihrer Begegnung stand unausgesprochen im Raum. In den nächsten Tagen wartete Martin ungeduldig darauf, dass Emilia ihn anrief. Als er seiner Nervosität nicht mehr Herr wurde und die Sehnsucht schier unerträglich schien, griff er selbst zum Hörer. ‚Blöd’ sagte er sich – ‚wieso bin ich so selbstverständlich davon ausgegangen dass sie zuerst anruft?’ Martin versuchte es immer und immer wieder, er hatte nur eine Handynummer von Emilia erhalten, umso verwunderter war er, dass er immer nur eine unpersönliche Automatenstimme vernahm, welche ihn anwies, eine Nachricht auf die Mailbox zu sprechen. Martin hatte inzwischen mindestens zehn Nachrichten hinterlassen, immer die gleiche verzweifelte Frage nach einem Wiedersehen, aber es kam keine Antwort. Dreimal fuhr Martin zum Haus ihrer Eltern, wo Emilia wohnte, konnte aber keine Anzeichen dessen erkennen, dass sie zu Hause war. Zuviel Scheu nahm ihn gefangen, um einfach zu klingeln und die Eltern zu fragen.

Zwei Monate nach jenem schicksalshaften Montag im Mai erhielt Martin einen kurzen Brief von Emilia, vorsorglich an die Anschrift der Klavierschule adressiert. Martin sagte sich, dass es keine Rolle gespielt hätte, denn Sabine öffnete seine Post nie unaufgefordert.
„Lieber Martin! Bitte verzeih mir, dass ich mich nicht gemeldet habe. Ich versichere Dir, dass es mir nicht leicht gefallen ist, ich leide genauso wie Du. Ich weiß, Du hast oft versucht, mich zu erreichen….. Martin, wir dürfen uns nicht mehr wiedersehen, die Umstände sind gegen uns. Ich kann Dir das jetzt nicht genauer erklären. Ich werde in wenigen Stunden in eine andere Stadt ziehen, und bei meiner geliebten Tante untertauchen. Bitte versuche nicht, mich ausfindig zu machen. Ich werde Dich immer lieben. Deine Emilia“.
Martin war wie vor den Kopf geschlagen. Die anfängliche Freude über den Erhalt des Briefes nach all der Zeit der Ungewißheit und darüber, dass Emilia seine Liebe erwiderte, wich allmählich Verzweiflung, Enttäuschung, Trauer. ‚…in wenigen Stunden – das heißt, sie ist bereits fort? Der Brief trägt das Datum von vorgestern. Keine Chance mehr, sie vorher noch einmal zu sehen…Genau das hat sie beabsichtigt. Und was für „Umstände“?’ Martin blieb der Inhalt des Briefes ein Rätsel. ‚Ein Rätsel! Ja, das war Emilia schon immer für mich…’. Er spürte Wut in sich aufsteigen: ‚Warum vertraut sie mir nicht? Und was sollte der Hinweis mit der Tante – will sie jetzt, dass ich sie finde, oder nicht? Das ist alles andere als schlüssig….’

Die Wut verflog wieder, aber das Unverständnis über den Verlauf der Geschehnisse wollte nicht aus Martins Innerem verschwinden. Allmählich spürte er, wie er resignierte…. Er sehnte sich noch immer schmerzlich nach Emilia, aber er hatte nun jeglichen Gedanken aufgegeben, ihrer Bitte zuwiderzuhandeln. Denn seine anfänglichen verzweifelten Monologe auf die anonyme Mailbox ihres Handys waren ebenso erfolglos gelieben wie beim ersten Mal und sind inzwischen verstummt.

Im März des folgenden Jahres erhielt Martin einen Brief in einem blauen Umschlag, auf dem wieder kein Absender angegeben war. Er enthielt ein Foto eines vielleicht 2 Wochen alten Babys. Martin schaute auf das kleine Gesichtchen und erschrak. Zögernd holte er ein verblaßtes kleines Foto aus seinem Portemonnaie, das ihn zeigte, als er kaum älter was als dieser Säugling. Die Ähnlichkeit war schon frappierend. ‚Das waren also die „Umstände“ in währsten Sinne des Wortes. Warum bin ich nicht darauf gekommen?’ Martin schlug sich mit der Hand auf die Stirn, dass es schon wehtat. Er hätte schreien mögen und wünschte sich irgend einen Gegenstand herbei, auf den er eine halbe Stunde draufschlagen könnte. Zu dem Foto fand sich folgende Notiz: „Lieber Martin! Am 20. Februar habe ich unseren Sohn zur Welt gebracht – mit 54cm und 4,1kg. Es geht uns gut. Ich glaube, ich brauche Dir nicht zu sagen, welchen Namen der Junge trägt… In Liebe, Deine Emilia.“

Martin betrachtete noch sehr lange das Foto des kleinen Franz. Die Tränen rannen über seine Wangen, Martin zitterte und schluchzte immer stärker, und all die lange angestauten sowie die neuen Gefühle bahnten sich ihren Weg nach außen.
Als sich Martin wieder etwas beruhigt hatte, begann er darüber nachzudenken, wie er mit der neuen Situation umgehen sollte. Noch wußte er nicht, was er tun sollte: Sabine alles erzählen, Emilia und den Kleinen endlich suchen?
Sein Blick fiel auf das Notenregal, in dem der Band mit den Schubert Impromptus lag, welchen Emilia damals bei ihm vergessen hatte. Martin ging mit den Noten zu seinem Flügel, legte das Foto seines Jungen vor sich hin, schlug das Ges-Dur Impromptu auf und ließ seinen Erinnerungen an einen der schönsten und bedeutendesten Tage seines Lebens freien Lauf… Er spielte so zauberhaft wie damals Emilia und endete mit den Worten: „Für Dich, mein wiedergeborener Franz.“

Ein erotisches Missverständnis

von Stella Eva Henrich (copyright)

Der Limburger Dom lag verschlafen in der Nachmittagshitze als Karl das Fenster seines alten Golfes runterkurbelte. Schnell wollte er noch ein Foto der Doppelturmfront mit seiner neuen Digitalkamera schießen, bevor er sich dann direkt auf die Auffahrt der Autobahn Richtung Frankfurt machte. Zu gern hätte er noch einen kleinen Rundgang im Inneren des prächtigen Gotteshauses gemacht, die Fresken und Kreuzgänge besichtigt und die erfrischende Kühle des Gebäudes genossen. Karl faszinierte das monumentale Bauwerk, das Anfang des 14. Jahrhunderts nach beinahe 200 Jahren Bauzeit fertig gestellt war. Die zahlreichen Fensterbögen, die Gewölberippen und schmucken Arkadensäulen ließen ihn auf eine hohe Kunstfertigkeit der Baumeister schließen. Wieder einmal bedauerte er, dass er nicht Archäologie oder Architektur studiert hatte. Gern hätte er sich jetzt in den Park des Doms gesetzt, zwischen die sattgrünen Trauerweiden und einmal tief Luft geholt.

Sheryll holte tief Luft und atmete stoßartig aus. Die Geräusche hörten sich bei ihr fast schon wie kleine Seufzer an. Sie guckte geistesabwesend durch das Zugfenster nach draußen. Die Landschaft raste an ihr vorbei. Es fiel ihr schwer, sich auf ihr Projekt zu konzentrieren. Ihre Gedanken sprangen eher wie kleine Geistesblitze durch die Astralleiterwindungen ihres Gehirns, kreuzten sich an den Synapsen, um sich dann in den Weiten des Großhirns zu verlieren.

Karl verpackte die Kamera rasch in die Tasche auf dem Beifahrersitz und legte den ersten Gang seines Golfs ein. Er warf noch einen letzten Blick auf den linken Turm und gab anschließend Gas. Das Auto knatterte laut. Der Straßenbelag qualmte unter den Rädern. Die Luft flimmerte in der Nachmittagssonne des heißen Sommertages. Karl bremste scharf an der nächsten Straßenkreuzung. Er erschrak, zu spät hatte er die rote Ampel gesehen. Eine Fußgängerin schimpfte laut und gestikulierte Drohgebärden vor seiner Motorhaube. Ängstlich drückte er den Knopf der Fahrertür nach unten. Erst als er die Frau im Rückspiegel erspähte, blickte er wieder etwas entspannter durch das Fenster nach draußen auf die Straße. Spontan beschloss er aus Sorge vor weiteren Überraschungen, auf den Zug umzusteigen. Karl parkte seinen Golf am Limburger Bahnhof und erkundigte sich anschließend hastig bei einem Schaffner nach der nächsten Zugverbindung nach Frankfurt-Flughafen.

Sheryll zuckte zusammen, als die Stimme des Zugbegleiters durch den Lautsprecher ihres Abteils dröhnte. Außerplanmäßig halte der ICE heute in Limburg. Sie verschwand auf die Toilette.

Karl drückte sich mit seinen beiden Taschen durch die engen Gänge des Zuges. Die kühle Luft in den ICE-Waggons erfrischte seine Sinne. Er öffnete die Tür eines Abteils, verstaute sein Gepäck und setzte sich ans Fenster in Fahrrichtung des Zuges. Er schloss die Augen, da die vorbeirasende Landschaft ihn schwindelte. Es dauerte nicht lange, und er war eingeschlafen.

Sheryll tippte mit ihrem linken Fuß gegen sein Schienbein. Sie ärgerte sich, dass der Kerl ihren Platz während der kurzen Zeit ihrer Abwesendheit besetzt hatte. Gegen die Fahrtrichtung konnte sie nicht denken. Sie wollte schleunigst für die verbleibende Zeit der Zugfahrt ans Fenster des Abteils zurück, damit sie sich ihrem Projekt widmen könnte.

Karl lächelte im Schlaf, tat ihr jedoch nicht den Gefallen, aufzuwachen. Sie pustete ihm ihren warmen Atem ins Gesicht, was Karl dazu veranlasste, sich mit der linken Hand über seine rechte Wange zu streicheln. Sofort bemerkte sie seine schlanken langen Finger. Den Nagel des Daumens trug er länger als es Männern gewöhnlich tun. Die restlichen vier Fingernägel waren normal lang gewachsen. Sie warf einen Blick auf den Daumen seiner rechten Hand, der ihr den gleichen Anblick bot. Leise lächelnd begutachtete sie nun sein Gesicht. Die Poren waren sehr fein. Einen Bartwuchs hatte er nicht. Er pflegte seine Haut, das sah sie beim ersten Blick sofort. Keine Unreinheit noch nicht einmal eine Unebenheit vermochte sie in seinem Gesicht auszumachen. Die zerknitterte Hose und das ungebügelte Hemd passten gar nicht zu seiner glatten Haut. Während sie ihn so anstarrte, kam Karl zu sich. Blinzelnd öffnete er die Augen, um sich langsam an das Tageslicht zu gewöhnen.

Sheryll konnte er noch nicht erkennen, er sah nur ihren Schattenriss. Intuitiv lächelte er und wünschte ihr einen guten Tag. Während er sich räkelte, bemerkte er ihren angenehmen Duft, ein Gemisch aus Patchouli, Vanille und Karamell.
Beinahe zeitgleich legten beide ihr rechtes Bein über das linke. Karl berührte mit seiner Fußspitze bei dieser Bewegung ihre Wade. Sie zuckte zusammen, so als habe sie jemand getreten. Karl schaute sie irritiert an, entschuldigte sich sofort für seine grobe Motorik und guckte verlegen aus dem Fenster. Er hielt seine Arme verschränkt vor dem Körper. Sheryll ärgerte sich, dass sie ihn verschreckt hatte. Karl gefiel ihr. Sie warf einen Blick auf die Landschaft und erhaschte dabei im Spiegel der Fensterscheibe sein Gesicht. Auch er sah sie jetzt schemenhaft sich im Glas spiegeln.
Er fasste Mut und richtete seinen Blick direkt in ihre Richtung. Er bemerkte, wie sich ihre Körperhaltung dabei zunehmend verkrampfte. Sie schlug das linke Bein ungelenk über das rechte, kratzte sich am rechten Oberarm und drückte dann mit den Fingern ihrer linken Hand am Hals herum bis sie hektische roten Flecken auf ihrem weit ausgeschnittenen Dekolleté bekam. Ihre Sensibilität trieb Karl das Blut durch die Adern.

Er spürte, wie sich kleine Schweißperlen auf seiner Stirn bildeten. Er atmete tief ein und aus und hatte Schwierigkeiten, seine Erregung vor ihr zu verbergen. Sheryll ärgerte sich. Vor allem über sich selbst. Sie hasste ihre Schamesröte, sie hasste Typen, die Frauen mit ihren Blicken entkleideten und sie hasste Männer, die keuchen, wann immer und wo sie wollen. Ein leichter Hauch von Zorn wehte durch ihren Körper. Wie ein feiner Nebel in der Nacht breitete er sich aus und umhüllte beschützend ihr Herz. Die feinen Härchen auf ihren Unterarmen streckten sich, eine Gänsehaut verdrängte die hektischen Flecken auf ihrem Hals. Karl blieben ihre körperlichen Regungen nicht verborgen.

Er spürte, wie sein Penis hart wurde. Er griff sich kurz in den Schritt, rückte die Hose zurecht, um seine Erektion vor ihr zu verbergen. Sheryll blickte fassungslos aus dem Zugfenster. Einen kleinen Augenblick glaubte sie sogar, ihr bliebe der Atem stehen. Im Geiste spielte sie ihre Handlungsalternativen durch. Sie könnte laut schreien oder ihm eine Ohrfeige verpassen. Sie könnte ihm aber auch feste mit dem Absatz ihres Schuhs auf den Fuß springen. Die Stimme des Schaffners, der über Lautsprecher den nächsten Stopp „Frankfurt Flughafen“ ankündigte, riss sie aus ihren Überlegungen. Entschlossen drehte sie ihren Kopf in seine Richtung, so dass sie Karl jetzt direkt anschaute. Das stechende Funkeln ihrer grünen Augen nahm ihm die Kraft zu atmen. Die Schläfen begannen erst langsam dann immer schneller zu pulsieren. Diese Art von wortloser Erotik hatte Karl noch nie erlebt. Das Blut erwärmte seine Stirn. Rote Blitze tanzten vor seinen Augen und stiegen anschließend aus seiner Schädeldecke empor. Ein warmer Luftzug streifte entlang seiner Wirbelsäule und vermischte sich über seinem Kopf mit der Farbe des Blutes. In seiner Hose wurde es feucht. Karl zuckte kurz mit den Schultern, als er das plötzliche Aufeinandertreffen von Wärme und Kälte bemerkte. Er lächelte sie an. Sheryll blitzte noch immer mit ihren Augen. Karl stand auf, griff nach seinem Gepäck und verabschiedete sich von ihr mit einem knappen zärtlichen „Adieu“. Der Fleck zwischen seinen Beinen störte ihn nicht.

Erbost sprang Sheryll aus ihrem Sitz auf. „Ferkel, Mistkerl, Dumpfbacke“ dachte sie. Im selben Augenblick musste sie lachen. Eine Headline für ihre Print-Werbekampagne „Fleckenteufel“ schoss ihr durch den Kopf. „Hast du keinen, mach dir einen.“ Dazu würde sie einen jungen Mann zeigen, der einer wunderschönen Frau im Zug gegenübersteht. Auf seiner Hose prangt ein heller weißer Fleck.
Immerhin, dachte Sheryll, das Projekt würde ein Erfolg. Dafür hatte sie sich gern als Objekt der Begierde missbrauchen lassen.

Sheryll kletterte am Frankfurter Hauptbahnhof aus dem Zug und sprang in ein Taxi, das sie vor die Haustür ihrer Agentur in Rödelheim steuerte. Das Meeting war bereits ohne sie gestartet, doch ihre Kollegen erwarteten sie hoffnungsvoll. Mit einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen nahm sie in der Runde der Herren Platz.

Blinde Leidenschaft

von Stella Eva Henrich (copyright)

Früh am Morgen war ich aus dem Bett gesprungen, um am Strand die herrliche Sommersonne zu schnuppern. Licht riecht morgens auf Kreta immer ein bisschen feiner als am Mittag. Und obwohl ich ein Morgenmuffel bin, nehme ich diesen Stress immer wieder gern auf mich. Rasch packte ich mein Handtuch und die Sonnencreme in die Badetasche, zog meinen Bikini an und stolperte etwas unbeholfen durch die Lobby des Hotels, in dem ich in diesem Jahr das erste Mal meinen Urlaub auf Kreta verbrachte. Offensichtlich war ich als einzige so früh unterwegs. Auch das Hotelpersonal schlief noch. Denn trotz meiner fehlenden Orientie-rung eilte mir niemand zur Hilfe. In solchen Fällen folge ich stets meiner Nase. Ich konnte die salzige Meeresluft bereits riechen. „Immer der Nase nach“ führte mein Gehirn Regie und lotste mich ohne Umwege an den Strand. Genauso hatte ich ihn mir vorgestellt. Der Sand war fein wie Mehl, sanft kitzelte er mich zwischen den Zehen. In ruhigen Wellen spülte das Meer Wasser heran. Ich setzte mich, um diesen Moment bewusst zu genießen. Auf meiner Zunge breitete sich ein pelziger Belag aus. Er schmeckte wie Börries. Ich liebte es, über seine Haut mit meiner Zunge zu gleiten und ihn dabei zu schmecken. Die geschmeidigen Berührungen meiner Zunge erregten ihn meist stark. Ich hörte, wie er dann den Atem anhielt, spürte, wie er aufmerksam meiner Zunge entlang seines Körpers folgte und anschließend sein Körper begann, leicht zu zittern. Seine Erregungen erregten mich. Gern packte ich ihn dann fest an den Armgelenken und drückte ihm meine Zunge auf seine feuchten Lippen. Gierig sehnte er sich nach meinen Küssen. Die Bilder flimmerten wie ein Film in meinem Kopf als ich das Wasser des Meeres unter meinen Füßen spürte. Es war warm, wärmer als ich vermutete, und gern wäre ich den Wellen ins Wasser jetzt nachgefolgt. Doch es gab für mich kein davonkommen. Ich brauchte festen Boden unter den Füßen. Sicherheit, die mir Börries nie hatte geben können. Meine Welt war stets unsicher, dunkel dort, wo andere Menschen Licht sehen. Nur auf Kreta spürte ich diese Welt der anderen in mir. Ich liebte diese griechische Mittelmeerinsel. Sie gab mir einmal im Jahr das Gefühl, ein Mensch zu sein, der wie alle anderen sehen konnte. Lauwarme Tränen rannen über meine Wangen. Meine toten Augen hatten sie ausgespuckt. Mein Anflug von Traurigkeit verzog sich im nächsten Moment als ich eine fröhliche männliche Stimme von hinten rufen hörte „Soll ich sie eincremen? Ihr Rücken ist ja bereits ziemlich gerötet.“ Ich nickte mit dem Kopf und streckte dem Mann meine Sonnencreme entgegen. Mit geschlossenen Augen gab ich mich dem Fühlen seiner Wärme hin.

Doppelnatur

von Juerg Kilchherr (copyright)

Seht euch um! Hier wird ein grosses Fest vorbereitet, gleich wird es beginnen. Viele Dinge werden gleichzeitig gefeiert: Begierde, Leidenschaft, Glück. Es ist kein Fest, bei dem es darum geht jemanden zu überzeugen, deshalb ist es fröhlich. Alles weist darauf hin, dass es Menschen sind, die den guten Kampf der Liebe kämpfen. Darum lasst uns beginnen.

Erogene Zonen sind geheime Stellungen. Der Schlüssel zum Geheimen liegt auf Antonias und Gustavs Haut. Geküsst und gestreichelt reagiert sie auf Juans Hand sehr empfindlich. Im Verschlingen ihrer Nippel und seiner Brustwarzen finden Juans Lippen Halt auf vier fleischigen Rotpunkten. Die links von ihm sind aufgerichtet, die gehören ihr. Die rechts sind seine, flach, aber hell erleuchtet von Juans Speichel. Er poliert das Rot mit der rauen Unterseite seiner Zunge, schleifet die Nässe über die gespannte Haut des Toros, befeuchtet dabei die wenigen Haare, ein Vorgeschmack auf seine Leistengegend. Alles ab dem Nabel bietet sich ihm ungestraft an. Doch seine Hand lässt ihn vorerst hängen, denn ihr Räkeln verlangt nach ihrer beider Aufmerksamkeit. Als ein Zeichen grosser Zärtlichkeit beginnt Juan Antonias Kopf zu massieren, fährt langsam mit seinen Fingerspitzen über ihre Ohren, Wangen, Augenlinder, streicheln die Lippen und kehrt zu den Ohren zurück. Die Zunge liebkost das Läppchen, dringt mit der Spitze zu den Knorpeln vor. Dieses Geräusch erinnert sie an Bäche, die über Wurzeln springen. Sie kichert. Nicht nur deswegen.
Denn Gustav streichelt unterdessen ihre Kniekehlen, packt dann schnell ein Badetuch, streichelt weiter mit nur einer Hand an der Innenseite ihrer Arme entlang, wirft beide Körperteile nach oben. Bindet sanft mit dem Tuch ihr Handgelenk am Bettpfosten fest. Juan schaut ihn kurz an, nickt. Ihre Lust ist in ihrer Macht. Doch sie hat Vertrauen. Sie sind ein eingespieltes Paar. Allein der Gedanke an eine solche sanfte Fesselung erregt sie sehr stark. Juan berührt ihre Achselhöhlen, schlüpft mit einer Hand unter ihren Körper, wirft sie zur Seite. Ihre gebundenen Hände kreuzen sich, es schmerzt sie leicht. Doch Juans sinnliche Fahrt von Pobacke über Wirbelsäule zum Hals ist Trost, ist Höhenflug. Aber ein Kuss von ihm liegt nicht drin. Den verschenkt Juan an seinen Partner, bevor sich dieser aufmacht mit seinem vor Kraft strotzenden Stachel, die Frau zu töten. Er kriecht in ihre Höhle, aus der beide in ihrem Leben ihre Sehnsüchte und Hoffnungen formen, um die unerträglichen Leere ihres Wesens zu entgegen. Die Vorstellung, dass sein Geschlecht ihren Schlund ausfüllen, sie retten könnte, lässt ihn von neuen beginnen und sie abwarten, bis er es ihr gibt.
Nein, das darf jetzt nicht sein, das geht nicht, denkt Juan. Ein gezielter Griff unterbricht die offenkundige Begierde, die Rhythmik einer Maschine. Das böse Funkeln in Gustavs Augen, das ein Mann erst zum Mann macht, kehrt in eine Art männliche Fraulichkeit um und bietet Juan den Körper selbstlos zum Verzehr an. Ihrer beider Natur fordert ihr Recht und mit der Begierde nach einem anderen Körper bevölkern beide den Raum und rinnen dem Leben wieder einen Sinn ab. Ihre Gedanken werden unfrei. Wiederholt benetzt Juan das wachsende und schwelende mit Speichel. Gustavs matte Augen nehmen nach und nach einen merkwürdigen Glanz an, dann gerät er in Zuckungen, seine Lippen beben und endlich spritzt ein weisser Strahl weissen Schaums aus seinem Teil, der anfangs weitab auf Antonias Brust fällt, dann träge aus einer kleinen Oeffnung nachquilt und dem Schaft nachläuft, welcher aufgehört hat sich zu bewegen und matt daneben gesunken ist.

Juan ist aufgewacht. Im Spiegel an der Decke sieht er Antonia und Gustav eng umschlungen schlafen. Juan ist glücklich. Glücklich, dass es beide in seinem Leben gibt. Doch er weiss noch keinen Weg, um diese Liebe und seine Doppelnatur publik zu machen. Vorerst beugt er sich dem Sittendruck seiner ländlichen Wohngegend, lässt nichts davon nach draussen dringen. Verwandelt aber Abend für Abend sein Haus mit seiner Vorstellung von Liebe.

Kein Gesetz, keine soziale Institution, nur Gefühl verbindet ihn mit Gustav. Es ist gewachsener Mut, seit der ersten Begegnung mit dem Kerl, sich seiner Lust an der Gleichartigkeit nicht zu verschliessen, sie auszuleben. In den eigenen vier Wänden sich dem Gespür für die Besonderheiten und Unterschiede hinzugeben, Variationen erkunden, Krankhaftes und Gesundes trennen, Werden ist nah. Der Gedanke tut gut.

Bei Antonia ist alles anderes.

Sie kennt Juan seit ihrer Kindheit. Er war ihr Nachbar, ihr Spielkamerad, er ist ihr Verlobter. Er ist andalusischer Stierkämpfer.

Lange war da nichts, gab es keine Anzeichen von seiner Doppelnatur.

Eines Abends, es war letzten Herbst gewesen, schon gegen Mitternacht, kehrte Antonia von einer Reportage aus Afghanistan zurück, stand im Flur ein Tramperrucksack mit einer Muschel.

Der sei von einem Typen. Der habe ihn auf der Alhambra angesprochen, erzählte ihr Juan bei Kerzenschein und Gaspacho auf dem Balkon. Der Typ sei auf ihn zugekommen, habe ihm zu seinem letzten Kampf in Pampola gratuliert. Sein Spanisch sei fehlerhaft gewesen. Er heisse Gustav und komme aus der Schweiz, habe er gesagt. Nach seiner Pilgerreise nach Santiago de Compostela, wolle er nun den Süden des Landes kennen lernen. Er sei Fotograf. Er wohne in einem Hotel der Stadt, was sich später als gelogen herausstellte.

Per Zufall sei man sich im Laufe der Woche in den Strassen über den Weg gelaufen. Da sei’s ihm dreckig gegangen. Er sei auf der Bank im Schatten des Parks eingenickt, da hätten Zigeuner ihm sein Bargeld gestohlen und den Schlüssel zum Fach im Bahnhof, klagte er mir und sah mich verzweifelt an.

Du hast ihn einfach mitgenommen? Ja, aber zuerst brachen wir im Bahnhof noch das Fach mit einem Schraubenzieher auf, holten seinen Rucksack mit der Muschel und der Kamera.

Er ist nett, du wirst sehen. Er schläft jetzt im Gästezimmer. Und übrigens, er sieht wie dieser amerikanische Schauspieler, dein Favorit aus, du weist schon.
Echt? Antonia hob ihre Augenbrauen.

Das war vor zehn Monaten. Gustavs Tramperrucksack steht noch immer in der Ecke.

Zuerst dachte Antonia, Juan habe nur einen neuen Kollegen gefunden, den Gustav war wirklich charmant, kameradschaftlich und ein leidenschaftlicher Gesprächspartner mit einer sensitiven Ader. Schon im ersten Gespräch musste sie erstaunt lachen, als er ihr sagte, wie überrascht er sei, dass sie sich mit Politik auseinandersetzte, wo sich doch sonst andalusische Frauen Herzensangelegenheiten zuwandten und die Dummheiten der Politik den Männern überliessen. Sie sei eben eine Frau, die die Lügen der politischen Männer mit Worten strafe, konterte sie. Dann sei sie aber eine Rebellin gewesen, an diesem Ort diesen Weg einzuschlagen, erwiderte Gustav. Sie nickte. Sie hätte das, was die da draussen mit ihr gemacht hätten, nicht ertragen, darum sei sie gegangen und kehre nur wegen Juan zeitweise zurück, antwortete sie.

Sie mochte ihn sofort. Sie war froh über seine Anwesenheit, denn sie war oft weg und Juan wurde schnell schwermütig. Doch es kam anderes. In ihrer Abwesenheit vereinten sich die Männer. Gustav verliebte sich in Juan oder war es Juan gewesen, der ein wenig seine Männlichkeit verlor? Sie haben ihr die Frage nie beantwortet, den ihre Liebe macht ihr Leben zum Fest. Und sie?

Sie hatte die Wahl zwischen seiner Doppelnatur und ihrer Vorstellung von einer Beziehung. Sie wählte das Experiment Aufgang oder Niedergang. Es ist noch kein persönliches Drama geworden, der Spottnoch fern. Die Öffentlichkeit sieht sie noch immer Hand in Hand mit Juan an Anlässen. Was würde sie sein in diesem bürgerlichen Ort? Sie könnte immer nur Frau sein, trotz Studium und Karriere in der fernen Grossstadt, nur seine Frau sein, nicht jemanden sein.

Juan ist einfach ein Trumpf, den es zu verteidigen gab, sagte sie sich, bot der aufstrebende Matador ihr doch Zugang zur Gesellschaft der Machos und war gut für die Karriere.

So blieb sie bei ihrem Verlobten. Sie war eine Gefangene ihrer Hormone. Schnell merkte sie, dass sie im Spiel seiner Doppelnatur nur gewinnen konnte, wenn sie sich ein Stück davon abschnitt. Denn schliesslich war sie es die Männer unsichtbar verband. So versuchte sie weiterhin im Zentrum der Begierde Juans zu stehen und es schmeichelte ihr, dass auch Gustav sie begehrte wie am ersten Frühlingstag.

Sie lag mit Juan auf dem Balkonbett und sahen zu, wie der Sternehimmel dichter und strahlender wurde. Sie fühlte Juan Körper gegen ihre Schenkel und ihre Bauchdecke stossen, dann kam Gustav aus dem Dunkel und küsste sie. Sie spürte seinen Atmen an ihrem Hals und roch den Wind und fühlte, während Juan aufstand, wie Gustavs Glied ruhig, in einer Bewegung mit den Stössen in ihre Vulva drang und gegen den Gebärmuttermund stiess. Beiläufig dachte sie: Wir sind wie Tiere, doch mit der Gleichförmigkeit seiner Stösse verlor der Gedanke an etwas Verbotenes oder nur Unanständiges seine Kraft. Es wuchs ihre Lust und ihre Einsamkeit. Sie nahm sein Zögern wahr, als er den Orgasmus kommen fühlte, legte ihre Hände an seine Arschbacken und stiess ihn sanft weiter in sich, sie macht sich keine Gedanken, sie genoss seine Lust und als sie endlich den aus seiner Tiefe empor strömenden Luftstoss hinter ihren Ohren spürte, öffnete sie die Augen. Da war Juan Schwanz in Gustavs Mund.

Die grosse Liebe durchwühlte nun die Organe und Tiefen von dreien.

Doch welche Liebe meinen sie: Begierde, Leidenschaft oder Glück?

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