Garfield & Co (1)

von Dieter J. Baumgart (copyright)

Woher er kam und warum ist uns nicht bekannt. Eines Tages jedenfalls stand er vor unserer Tür, freundlich interessiert, als ob er sagen wollte: Voilà, da bin ich, na dann wollen wir mal sehen…
Er hätte auch der Schornsteinfeger sein können, der freundlich den Kamin in Augenschein nimmt, feuchte Stellen im Schornstein ausmacht und gleich ein kostengünstiges Angebot mit Termin „… dann haben Sie für mindestens zehn Jahre Ruhe“ unterbreitet.
Doch nein, im Gegensatz zum Schornsteinfeger, der uns jährlich aufsucht, kam Garfield nur einmal – und blieb. Er säubert und repariert auch nichts, aber er bereichert seitdem unser Leben hier, wie es vor ihm schon andere Tiere, meist Katzen oder Hunde, taten. Garfield allerdings tat noch mehr: Nachdem Generationen von Katzen in Mourèze nur Streit und Mißgunst kannten, haben sich die Zustände unter seinem Einfluß grundlegend geändert.
Als er wie aus dem Nichts auftauchte, hatte er schon seinen Wintermantel an, gelb-orange, mit einer gewaltigen Halskrause, was ihm durchaus etwas löwenartig Majestätisches verlieh. Wir nannten ihn Garfield (James Abram, 20. Präsident der USA), weil es irgendwie zu ihm paßte – was er auch akzeptierte. – Richtig, da gab‘s ja noch einen Garfield, den 1975 von Jim Davis geschaffenen Antihelden einer Comic-Serie gleichen Namens. Nun, ich denke, wir überlassen es unserem Garfield, welchem Namensvetter er sich mehr verbunden fühlt.
Inzwischen kennen wir ihn ein Dreivierteljahr, doch wenn es darum geht, sein Wirken im Dorf zu würdigen, dann wurde der Grundstein dafür schon vor dreieinhalb Jahren gelegt. Damals, es war Herbst, fand sich eines Morgens eine völlig verdreckte, andeutungsweise noch weiße, schwangere Katze vor unserem Haus ein. Halb verhungert ähnelte sie eher einem mit Fell verkleideten Gestell, in dem ein Sack hängt, als einer werdenden Katzenmutter. Ihr erbärmliches Aussehen rührte uns, und wir beschlossen, wenn schon nicht für Unterkunft, so doch zumindest für Nahrung Sorge zu tragen. Zu jener Zeit, ich deutete es schon an, war unser Dorf alles andere als ein Hort des Friedens für Angehörige der immerhin sechzig Millionen Jahre alten Familie der Feliden. Mißgelaunte Einzelgänger und egoistische Familienkater machten einander das Leben schwer, bekämpften und verjagten sich bei jeder Gelegenheit und ohne Grund. Auf diesen Katzenkleinkriegsschauplatz also wurde das grauweiße Bündel verschlagen. Zwar erschien sie den Mourèzer Warlords noch zu unbedeutend, doch ihres Futters war sie nie sicher, und es bedurfte schon unserer ganzen Aufmerksamkeit, damit sie sich halbwegs in Ruhe sattfressen konnte.
Es kam die Zeit ihrer Niederkunft, was wir daran erkannten, daß sie eines Tages noch dünner war und nach dem Futtern gleich wieder verschwand. Einige Wochen später wurde uns dann der Nachwuchs vorgestellt: Schon halbwegs entwöhnt und mit einer Mischung aus Neugier und Furchtsamkeit zeigten sich erst eins, dann zwei und schließlich insgesamt vier kleine Wollknäuel, drei schneeweiße und ein kohlrabenschwarzes. Versuche, an Mutters Milch zu kommen, wurden mit Ohrfeigen geahndet, der Weg zu unserer Haustür war erlaubt, weitere Ausflüge hingegen zogen Strafe nach sich. Das Familienleben spielte sich also vor unserem Hause ab, und zu unserem nicht geringen Erstaunen verwandelte sich das hellgraue Katzengestell innerhalb weniger Tage in eine weiße Diva, die ihre Nachkommenschaft fest im Griff hatte. Nur, wenn es ums Futter ging, für das wir wegen des herannahenden Winters auch weiterhin zuständig waren, hatten die Katzenkinder den Vortritt. Und bald ließen sich auch die einzelnen Charaktere voneinander unterscheiden. Während die drei Weißen mehr oder weniger zusammenhielten, hatte es die Schwarze schwerer, zumal sie sich nicht nur in der Farbe, sondern auch durch ihr wesentlich längeres, seidigeres Fell von ihren Geschwistern unterschied und so des Aussehens wegen zum schwarzen Schaf wurde.
Als wir unser Haus schließlich Mitte Dezember für drei Monate verließen, waren die Katzenkinder selbständig und ihre Mutter konnte sich anderen Aufgaben zuwenden. Eine Vertrautheit mit uns Menschen hatte sich allerdings nicht entwickelt, wurde von uns aber auch nicht forciert. Mitte März des folgenden Jahres gewannen wir dann einen neuen Überblick, stellten allerdings fest, daß sich an den alten Herrschaftsstrukturen nichts geändert hatte, wenngleich auch gelegentlich neue Köpfe in der Riege der Machthaber zu beobachten waren. Einer dieser neuen Köpfe entpuppte sich zu unserer Überraschung als die kleine langhaarige Schwarze, deren Geschwister nur noch selten zu sehen waren und schließlich ganz verschwanden. Inzwischen als Kätzin erkennbar, hatte sie sich Schillers Aussage „Da werden Weiber zu Hyänen“ zu eigen gemacht und mischte dementsprechend in der Mourèzer Katzenmafia mit. Das Jahr nahm seinen Lauf und vom Lebenswandel des einzigen im Dorf verbliebenen Kindes unseres herbstlichen Pflegefalles bekamen wir, abgesehen von gelegentlichem Geschrei, nicht viel mit.
Eines Tages dann war auch sie eindeutig in anderen Umständen und bezog ihr Wochenbett – wohl in Erinnerung an die eigene Kindheit – wieder in unserer Nähe. Ganz in unserer Nähe sogar, denn das Nachbarhaus hatte einen neuen Besitzer und wurde entrümpelt und ausgebaut. Alles, was im Wege war, wanderte zunächst in den ehemaligen Weinkeller, dessen Tür offenstand und der sich somit als komfortable Herberge für die neue Katzenfamilie anbot. Wieder waren es vier neue Gesichter in der immer noch zerstrittenen Katzengemeinde: drei grau Gestromte mit mehr oder weniger großen weißen Flecken und eine ganz Schwarze, Ebenbild ihrer energischen Mutter. Und wieder verfolgten wir mit Interesse, wie sich die verschiedenen Charaktere herausbildeten. Auch die schwarze Enkelin unserer einstigen Kostgängerin sonderte sich bald von der Familie ab, während die drei anderen – die eine mehr, die anderen weniger – erkennen ließen, daß ihnen menschliches Tun und Lassen nicht ganz schnurz war, obwohl wir die Beköstigung bald einstellten. Unmerklich wandelte sich auch das katzige Gegeneinander im Dorf zu einem nicht gerade von gegenseitigem Interesse getragenem Nebeneinander. Die zänkische Mutter entließ ihre Kinder in eine freundlichere Umgebung, änderte sich selbst jedoch nicht, wie wir gelegentlich noch heute feststellen können. Die neue Generation, zu der nun auch junge Katzen gehörten, die bei Familien im Dorf ihr Auskommen hatten, ließ zwar nicht viel Gemeinsinn erkennen, lag aber auch nicht dauernd im Streit miteinander.
So bot sich zu der Zeit, da Garfield die Geschicke seiner jungen Mitkatzen in seine Pranken nahm – und das ist durchaus wörtlich zu nehmen – etwa folgendes Bild: Da war zum einen Bobine (Garnrolle), das Kätzchen unserer neuen Nachbarn, das, weil wir es gelegentlich versorgten, auch bei uns ein- und ausging. Dann gab es da Panache (svw. Federbusch, wegen seines bunten Fells). Beide kannten sich von Jugend an und hatten, wie man vielleicht auch unter Katzen sagt, einen festen Wohnsitz. Dazu kamen zwei der vier Enkel unseres Pflegefalles, ein Kater und eine Kätzin, denen wir, der besseren Unterscheidung wegen und weil sie sowieso immer in unserer Nähe herumgeisterten, schließlich auch Namen gaben, was sie aber nicht weiter interessierte: Pantoufle (Pantöffelchen), das Mädchen, wurde eigentlich schon von unseren Nachbarn ihrer vier weißen Pfötchen wegen so getauft. Beim Kater haben wir uns für Gipsy entschieden, was in diesem Falle kein Synonym für Zigeunerin, sondern nach unserem Sprachgebrauch eine Abkürzung für Gipsbein ist, weil seine rechte Pfote bis zur Schulter weiß ist und, besonders, wenn er durch die Gegend stakt, den Eindruck eines frisch versorgten Bruchs macht.
Das also war der Stand der Dinge, als Garfield das Kommando übernahm. Als erstes stellte er klar, daß er nichts gegen Menschen hat, ja, ihnen ihre wie auch immer gearteten Fehler mit einem Gleichmut nachsieht, der in dieser Konsequenz für uns nicht nachvollziehbar ist. Er klaut wie ein Rabe, aber er macht uns gern die Freude, das Vorhaben zurückzustellen, wenn wir angesichts seines geplanten Raubzugs „Nein, Garfield!“ rufen. Tatsächlich verschiebt er es nur auf einen späteren Zeitpunkt, zu dem wir entweder unaufmerksam sind oder vergessen haben, die Tür zu schließen. Ins Haus kommt er nicht, jedenfalls nicht mit unserer Erlaubnis. Und wenn ich ihn liebevoll hinaus trage, weil er vergessen hat, daß er nicht hinein darf, bleibt er auch vor der Tür, so lange ich in der Nähe bin. Er hat uns beigebracht, einen Teller mit Käseaufschnitt stets fest in beiden Händen und mindestens in Kopfhöhe zu transportieren, wenn wir mit seiner Anwesenheit rechnen müssen. Und wir müssen immer mit seiner Anwesenheit rechnen. Er begrüßt uns morgens, wenn wir vor das Haus treten. Und wenn wir des Nachts gegen ein Uhr von einem Besuch zurückkehren, dann ist es Garfield, der uns schon am Auto empfängt.

Garfield & Co.(2)

Garfield & Co. (2)

von Dieter J. Baumgart (copyright)

Sein Verhältnis zu den Katzen seiner Gemeinde dürfte auch einen Kenner in Erstaunen versetzen. Kriegerische Auseinandersetzungen gibt es nur mit den schon erwähnten Warlords. Sie werden stets zu Garfields Gunsten entschieden, weshalb der Kriegsfall auch immer seltener eintritt. Eine Belästigung seiner Schutzbefohlenen, dazu gehören insbesondere die beiden Enkel unseres Pflegefalles, wird geahndet, als ginge es um ihn selbst. Nicht selten sieht man ihn in engem Fellkontakt mit beiden, die Schwänze übereinander, die mächtige Garfieldpranke fürsorglich auf dem Kopf des Katers oder der Kätzin ruhend. Beide, Pantoufle wie auch Gipsy, verehren Garfield und bewundern seinen Mut im Umgang mit uns Menschen grenzenlos. Einfach liegen zu bleiben, wenn man uns im Wege ist, das erlaubt sich außer Garfield nur noch Bobine. Begrüßungszeremonien zwischen Garfield, Pantoufle und Gipsy sprengen alle Vorstellungen vom allgemeinen Umgang zwischen Katzen. Köpfe reiben, über die Nase lecken, zärtlich ins Ohr beißen, das sind die normalen Ritualien, die überdies Ausdruck wirklicher Freude sind. Es ist beeindruckend, wenn Pantoufle ihren Beschützer einige Stunden nicht gesehen hat und zart wie eine Feder, den Schwanz mit leicht gebogener Spitze in die Höhe gereckt, auf ihn zu schwebt und sich in seine Arme wirft. Worauf der Angebete ihr sanft mit der Zunge über die Nase fährt. Und wenn mit Garfield mal die sprichwörtlichen Pferde durchgehen, seine Liebkosungen etwas derb geraten, dann akzeptiert er eine Ohrfeige mit einer Selbstverständlichkeit, die den Eindruck einer Zurechtweisung gar nicht erst aufkommen läßt. Sein Verhältnis zu Bobine ist da etwas differenzierter. Bobine, die wir von klein auf kennen, die als einzige unser Haus jederzeit betreten darf, ist ein wenig exaltiert und macht auch keinen Hehl daraus. Wenn wir gelegentlich das Haus voller Katzen erwischen und fordern energisch zum Verlassen des Raumes auf, dann weiß Bobine, daß sie nicht gemeint ist. Auch das respektiert Garfield ebenso, wie die Tatsache, daß Bobine keinen engen Körperkontakt wünscht.
Allerdings gibt es Situationen, in denen wir Bobine darauf hinweisen müssen, daß sie nicht der Majordomus ist. Heute, zum Beispiel, war sie im Hause und meinte, Garfield durch Drohgebärden davon abhalten zu müssen, auch einzutreten. Also haben wir ihm den Zutritt gestattet und Bobine klargemacht, daß sie nicht der verlängerte Arm des Gesetzes ist. Wir sind sicher, daß Garfield den feinen Unterschied bemerkt hat. Ganz abgesehen davon, daß er sich von Bobine nicht den Zugang verwehren ließe.
Interessant ist auch das sexuelle Verhalten in unserer kleinen Katzengemeinde, und Altmeister Freud hätte gewiß seine helle Freude daran. Bobine nimmt die Pille und würde sich sowieso nicht mit Garfield einlassen, Gipsy ist zwar Kater, doch von seinem Verhalten Garfield gegenüber unterscheidet er sich kaum von Pantoufle. Pantoufle wiederum hat sich in der „heißen“ Zeit vor einigen Monaten so hemmungslos vor Garfield herum gewälzt, daß ihm gar nichts anderes übrigblieb, als sich ihrer anzunehmen. Das Ganze lief eher nach dem Prinzip na schön, wenn du unbedingt möchtest ab und hatte auch keine länger währenden Folgen. Die sehr zart gebaute Pantoufle hatte offenbar eine Fehlgeburt, von der sie sich aber bald erholte. Zur Zeit sind ihre Beziehungen zu Garfield, wie auch zu Gipsy, rein platonisch und weiterhin überaus herzlich. Natürlich kann es auch sein, daß Garfield sterilisiert ist und Pantoufle von jemand anderem geschwängert wurde. Wir wissen es nicht und möchten uns da auch nicht einmischen.
Vor vierzehn Tagen, zu Beginn der canicule, der Hundstage, schlummerte Garfield unter der Hortensie in einem der Schwalbennester, wie wir die in die Felswand vor unserem Haus gemauerten Pflanzbehälter nennen. Irgendwie saß mir der Schalk im Nacken, und ich dachte, mal sehn was passiert: Behutsam steckte ich den Gartenschlauch in die Erde unter der Hortensie und drehte vorsichtig auf. Garfield schlief, geräuschlos stieg der Wasserspiegel im Felsennest, erreichte und umrahmte schließlich den Kater mehrere Zentimeter hoch. Einzige Reaktion: Er leckte die durchnäßte Vorderpfote, stellte fest, daß es sich um schlichtes Wasser handelt und schlief weiter. Ein Wasserbett bei 35° C im Schatten schien ihm zu behagen. Erst als ihn beim Entfernen des Schlauchs ein feiner Wasserstrahl von oben traf, zog er sich mit triefendem Bauch in die oberen Gefilde zurück.
Die nur schwer zu erschütternde Gemütsruhe Garfields, die keineswegs mit Phlegma zu verwechseln ist, prägt auch den Umgang, den wir miteinander pflegen. Es ist selbstverständlich, daß wir auf ihn Rücksicht nehmen, wenn er irgendwo herumliegt. Ebenso befleißigen wir uns einer ruhigen, freundlichen Sprache, wenn wir mit ihm etwas zu bereden haben oder ihn darauf aufmerksam machen müssen, daß er entgegen unserem Wunsch das Haus betreten hat. Entsprechend werden wir auch nicht angefaucht oder gekratzt. Tatsächlich ist nur eine Situation vorstellbar, in der sich sein Verhalten ins Gegenteil verkehrt, nämlich wenn er nur noch wenige Zentimeter von einem Beutestück entfernt ist, das kann Fisch, Fleisch oder belegtes Brot sein, dem er sich zuvor nahezu unsichtbar und in Zeitlupe genähert hat. Dann fliegen die Fetzen, und wenn ihm einer von uns allein gegenübersteht, dann haben wir schlechte Karten. Wenn die Schlacht dann aber – meist zu unseren Gunsten – geschlagen ist, kehrt umgehend Ruhe ein, denn nachtragend ist Garfield überhaupt nicht. Ja, man kann bei ihm schon von einer gewissen Fairness sprechen.
Der letzte Winter war kurzfristig mit bis zu –16° C übrigens einer der kältesten hier in der Gegend. Und als uns Garfield Mitte März begrüßte, schien sich ein dünner, schwarzer Zweig in seinem buschigen Schwanz verfangen zu haben. Bald stellte sich aber heraus, daß es sich um das letzte Drittel seines Schwanzes handelte, das offenbar, vielleicht infolge einer Verletzung abgefroren war. Wenige Tage später hatte er sich des Anhängsels entledigt, und tatsächlich war es der mumifizierte und kahle Rest seines Prachtstückes. Einige Monate gingen ins Land. Das neue Schwanzende war bald wieder schön umflort, und selbst diese typischen kleinen Bewegungen, die so viel über die momentane katzige Befindlichkeit aussagen, waren weiterhin möglich.
Fast genau ein Jahr später verschwand Garfield wieder. Unauffällig, wie er kam, ging er auch. Sein Wirken aber, die ungewöhnliche Art und Weise, in der er mit uns und seinen Artgenossen umging, werden wir in Erinnerung behalten. Und Garfield wäre nicht Garfield, wenn er nicht auch dafür gesorgt hätte, daß wir ihn nicht vergessen.

Denn das, was er uns zurückließ, war … siehe Fortsetzung: Garfield & Co.(3)

Garfield & Co. (3)

von Dieter J. Baumgart (copyright)

Pantoufle

Dieses überaus zarte, scheue Kätzchen, von dem bisher eigentlich nur am Rande die Rede war, jammerte fast eine Woche herzerweichend und suchte ihren großen Freund überall. Gipsy hingegen hatte sich bald mit dem Alleinsein abgefunden und ging seiner Wege, was Pantoufles Trauer noch verstärkte. Zwar hatte Pantoufle schon in der Ära Garfield keinen so großen Bogen um uns gemacht wie Gipsy, doch es sollte noch Wochen dauern, bis sie uns gelegentlich und eher zufällig mal mit der Schwanzspitze berührte.
„Dummes Vieh“, dachten wir manchmal, „kein Mensch tut dir was. Sei doch nicht so schreckhaft.“
Doch schließlich durften wir sie gelegentlich vorsichtig zwischen den Schulterblättern kraulen, und wenn es bei uns „fischig“ roch, dann vergaß sie sich schon einmal so weit, daß sie uns um die Beine strich. Als sie sich dann sogar – natürlich immer die offene Tür im Blickwinkel – ins Haus wagte, beschäftigten wir uns skizzenhaft mit ihrer Zukunft im Hinblick auf zu erwartende Urenkel unseres Pflegefalles. Sowohl die Erinnerung an das grau-weiße Katzengestell, wie auch das Schicksal, welches Katzenkinder im allgemeinen zu erwarten haben, wogen doch schwerer als der mögliche Schock für Pantoufle und die damit verbundene Abneigung gegen weißgekleidete Menschen. Kurz und gut, wir faßten eine Kastration ins Auge, wobei die Tatsache, daß sie von Woche zu Woche zutraulicher wurde, sowohl unsere Entschlossenheit als auch unser schlechtes Gewissen gegenüber dem ahnungslosen Geschöpf verstärkte. Bei unseren Überlegungen haben wir sehr wohl darüber nachgedacht, daß ein solcher Eingriff bei einem Kater einfacher durchzuführen ist. Nun, es ist keine Frage, wäre Pantoufle ein Kater, hätten wir natürlich ihn kastrieren lassen, um zu verhindern, daß er pro Jahr einige zehn Kätzinnen schwängert und dazu beiträgt, das Elend zu vergrößern. Die Möglichkeit, alle in Frage kommenden Kater in der näheren Umgebung einzusammeln, haben wir allerdings aus naheliegenden Gründen nicht in Betracht gezogen. So servierten wir ab sofort die gelegentlich anfallenden Leckerbissen im Haus und in der Hoffnung, daß Pantoufle auf diese Weise ihre Scheu in den Griff bekommen würde, was sich dann auch bestätigte. Ein Termin beim Tierarzt in der Kreisstadt wurde gemacht, mit widerstrebenden Gefühlen plazierten wir den geliehenen Transportbehälter geöffnet im Haus und warteten gespannt auf die Reaktion.
Nein, Pantoufle rannte nicht in Panik davon, der Behälter schien also keine negativen Gerüche abzusondern. Ganz im Gegenteil: Mit Interesse beschnupperte sie das neue Möbel, ging hinein, drehte ein paar Runden und schaute zufrieden heraus. Das war vormittags. Am nächsten Morgen hatten wir den OP-Termin – mit nüchternem Katzenmagen. Natürlich wollten wir die Patientin in spe nicht unnötig früh einsperren und hofften, daß sie bald genug von selbst kommen würde. Der Abend versprach also spannend zu werden. Eine zünftige Katzentoilette in Form eines Pappkartons mit Sand von draußen stand bereit. Am späten Nachmittag gestand ihr meine Frau noch eine Galgenfrist zu und ich sah den Termin beim Tierarzt schon als erledigt an. Gegen zwanzig Uhr dann zog meine Frau die Notbremse und dünstete Möhren in Butter in der Pfanne an. Der Duft verbreitete sich im Sinne des Wortes in Windeseile in unserem Talkessel, und keine fünf Minuten später erschien unsere Katzendame und schaute nach, was da an Schmackhaftem anlag. Na gut, die Möhren haben wir gegessen, aber natürlich war da ein kleines Leckerli, und beruhigt konnten wir die Tür für die Nacht schließen. Die Reaktion ließ uns aufatmen: Mildes Gejammer, aber kein hysterisches Geschrei. Am nächsten Morgen begrüßte uns eine ausgeschlafene Katze mit einem „na ja, mit mir könnt ihr’s ja machen“ –Gesicht und präsentierte eine benutzte Pappkarton-Toilette. Ohne Widerworte ließ sie sich sanft in den Transportbehälter schieben – womöglich hatte sie schon darin geschlafen – und begann erst zu jammern, als es zum Auto ging. Die viertelstündige Fahrt in die Praxis war auch für uns nicht schön. Der Tag verging und gegen Abend machten wir uns voller Spannung auf den Weg, um die kleine Patientin wieder heim zu holen.
„Pantoufle?“ meinte der Tierarzt und lächelte, „ja, sie war heute die einzige OP-Patientin.“ Dann verschwand er in den hinteren Räumen und sehr bald hörten wir die bekannte Stimme. Ganz schnell nach Hause, Tür zu, Klappe auf und eine aufgeräumte, noch ein wenig wacklige kleine Katze kam langsam zum Vorschein. Allerlei Steine fielen uns vom Herzen: Pantoufle nahm nicht übel, schien das Ganze auch psychisch gut überstanden zu haben und kroch sogar hin und wieder ohne Argwohn in den Transportbehälter. Am nächsten Morgen allerdings forderte sie unwirsch ihre Freiheit zurück. Und wieder wurden wir positiv überrascht: In den folgenden Tagen und Wochen verlor sich ihre Scheu nahezu völlig, sie akzeptierte uns vielmehr als „ihre“ Menschen, legte allerdings auch weiterhin Wert darauf, daß die Haustür offen blieb, um fluchtartig das Weite zu suchen, wenn die Gefahr bestand, daß andere Menschen beabsichtigten, das Haus zu betreten.
Der Winter nahte, und damit auch unsere alljährliche Reise nach Deutschland. Drei Monate mußte Pantoufle nun allein zurecht kommen, und wir waren doch froh, daß sie keine Ambitionen zeigte, einen Job als Hauskatze bei uns ins Auge zu fassen. Unsere Nachbarn versprachen, gelegentlich für Futter zu sorgen. Mehr war allerdings nicht drin, denn nebenan herrschte Bobine als Familienkatze, die schon zu Garfield kein gutes Verhältnis hatte. Pantoufle legte sich also ein ordentliches Winterfell zu und ließ uns Mitte Dezember gleichmütig davonziehen. Natürlich waren wir in diesen drei Monaten mit unseren Gedanken oft in Mourèze und bei Pantoufle. Und natürlich hofften wir, sie im März wieder anzutreffen, aber eine Wette hätten wir nicht riskiert. Freunde, mit denen wir telefonierten, berichteten uns, daß sie bei gelegentlichen Wanderungen in der Nähe unseres Hauses von einem kleinen Kätzchen begleitet wurden, das sich aber keinesfalls streicheln ließ.
Das konnte nur Pantoufle sein, und hoffnungsvoll machten wir uns Mitte März auf den Weg nach Südfrankreich. Ein kalter, aber sonniger Tag empfing uns in Mourèze. Keine Spur von Pantoufle, Koffer auspacken, einräumen, Kaminfeuer in Gang bringen, das Haus aus dem Winterschlaf holen. Und plötzlich stand sie da. Mit einer deutlichen „Ach, sieht man euch auch mal wieder?“ Miene stand sie vor unserem Haus, nahm von uns Notiz und wahrte gleichzeitig Abstand, was Katzen in der Regel meisterhaft verstehen.
Inzwischen sind fast sieben Monate vergangen. Noch zwei Monate und wir machen uns wieder für drei Monate auf den Weg nach Köln. Pantoufle geht es prächtig. Sie akzeptiert, daß es bei uns gelegentlich Besuch gibt, ja, sie kommt neugierig herbei und nimmt sogar freundlich Streicheleinheiten entgegen. Auch die Tatsache, daß ihr hin und wieder Zoulou, ein großer schwarzer Hund, der mit uns befreundet ist, entgegenkommt, wenn sie eben mal hereinschauen möchte, kann sie nicht erschüttern. Für diesen Fall hat sie einen Baum in der Nähe, auf dem sie dann in Ruhe den weiteren Verlauf abwartet. Und wenn Monsieur Pierre mit seinem weißbraunen Setter auf seiner Runde durchs Dorf vorbeikommt, dann ist das schon gar kein Grund zur Aufregung, denn der Setter ist längst jenseits von Gut und Böse und außerdem an einer langen Leine. In diesem Falle genügen zwei Meter Abstand.
Nur das Verhältnis zu Bobine hat sich nicht geändert. Zugunsten von Pantoufle muß allerdings auch angemerkt werden, daß Bobine eine Zicke ist, was ja schon ihr Verhältnis zu Garfield belastet hat. Bobine erweckt, gnatzig, wie sie sein kann, gern den Eindruck, als ob sie bei uns ein- und ausgehen darf und ist in dieser Beziehung leider auch überhaupt nicht lernfähig. Vor drei Tagen geschah es, daß Bobine wieder einmal ganz selbstverständlich ins Haus stiefelte, um sich an den Resten in Pantoufles Napf zu bedienen und überhaupt die Nahrungsvorräte großräumig zu überprüfen.
Ich setzte also die empörte Bobine vor die Tür und im gleichen Moment kam eine ahnungslose Pantoufle um die Ecke. Was geschah, habe ich nicht gesehen, aber drei Tage lang betrat Pantoufle das Haus mit größter Vorsicht, immer in der Erwartung, daß ihr eine wutschnaubende Bobine entgegenkommt. Nun ist es natürlich nicht so, daß Pantoufle, was ihr Verhältnis zu Bobine angeht, generell unter dem Pantoffel steht. Bestimmend ist stets die Ausgangsposition: Wer war zu erst da, beziehungsweise wer hat die größere Wut im Bauch. Wobei die Aggressionen zunächst von Bobine ausgehen. In diesem Zusammenhang ist es schon faszinierend, was Katzen an Verhaltensmustern an den Tag legen, wenn es darum geht, das „Gesicht“ nicht zu verlieren.
Überhaupt hat sich das ehemals schüchterne, kleine Kätzchen Pantoufle erstaunlich „gemausert“. Glücklicherweise liebt sie weiterhin ihre Selbständigkeit, wobei es sein kann, daß sie auch einmal einen oder zwei Tage unterwegs ist. Wir müssen uns keine Sorgen machen, sie ist selbstbewußt und würde sich gewiß nicht von Fremden einfangen lassen. Zu ihren liebenswertesten Eigenschaften gehört, daß sie sich unbändig freuen kann, wenn wir spät in der Nacht nach Hause kommen und sie zufällig in der Nähe ist: Begeistert wälzt und kugelt sie sich zunächst im Sand, um anschließend mit erhobenem Schwanz, unterbrochen von Freudensprüngen, vor uns her zum Haus zu wandeln. Gelegentlich wird auch ausgiebig am Lieblingsbaum gekratzt oder er wird spektakulär erklommen und in zwei Meter Höhe wieder verlassen.
Auf der kleinen Sitzbank, auch „Hempels Sofa“ genannt, im unteren Zimmer unseres Hauses, liegt eine handgewebte Decke aus Afrika. Auf der Decke hat ein kleiner Teppich, so etwa 40 x 60 cm, Platz gefunden. Auf diesem Teppich, und zwar nur auf diesem Teppich, verbringt Pantoufle gelegentlich einige Stunden, putzt sich ausgiebig und macht auch ein Schläfchen, das sich schon mal bis in den späten Abend hinziehen kann. Dann allerdings ruft die weite Welt in der Form unseres Talkessels, und es bedarf nur einer milden Aufforderung, und schon ist Pantoufle auf dem Weg nach draußen – auch bei Regen, Blitz und Donner.
Ich tippe eben den vorstehenden Text ins Notebook, da ruft meine Frau von unten: „Dieter, du bekommst Besuch!“
Es dauert auch nur wenige Sekunden und ich weiß, wer mich da zu später Abendstunde beehrt: Es ist Picasso, der Hund, mit dem uns eine nun schon fast zehn Jahre währende Freundschaft verbindet. Als junger Tunichtgut kam dieser Mischling aus Collie und Pyrenäenschäferhund ins Dorf, suchte sich ein Frauchen, zufällig eine Malerin – die ihn dann kurzer Hand „Picasso“ taufte – und brachte sie durch sein Ungestüm immer wieder in peinliche Situationen. Mit Picasso habe ich oft stundenlange Wanderungen gemacht, die mich die Unterschiede zwischen Mensch und Tier glatt vergessen ließen. Wir haben ihn gepflegt, als er eine schwere Infektion hatte, und ich habe seine Unarten, die eigentlich nur ungestüme Freundschaftsbezeigungen waren, entschuldigt, bis gelegentlich sogar bei uns der Haussegen schief hing. Mit den Jahren wurde er ruhiger, warf nicht mehr alle kleinen Kinder und alten Leute um, nur weil er mit ihnen spielen wollte. Das Frauchen wohnt inzwischen am Ende des Dorfes in einem Haus mit großem Waldgrundstück und Picasso genießt den schönsten Lebensabend, den man einem Hund wünschen kann. Aber hin und wieder steht er bei uns vor der Tür und möchte von mir nach Hause gebracht werden. Und nicht nur wegen der ungezählten wunderschönen Spaziergänge, die wir miteinander machten, ist das für mich eine Ehrensache…
Natürlich bin ich froh, das Pantoufle eben nicht da war. Denn bei Gefahr – und Hund ist nun mal gleichbedeutend mit Gefahr – fühlt sie sich draußen am sichersten. Und Picasso hat auch im hohen Alter noch Spaß am Jagen von Katzen. Das Jahrtausende alte kommunikative Mißverständnis zwischen Hund und Katze beruht auf den völlig gegensätzlichen Gefühlsäußerungen. Wir kennen genügend Katzen und Hunde, die im besten Einvernehmen miteinander leben, weil sie gemeinsam aufgewachsen sind. Pantoufle, Picasso und Zoulou werden wir es nicht vermitteln können. Und selbst der unvergessene Garfield hatte seine Probleme mit diesen entsetzlich lauten, wild mit dem Schwanz wedelnden Gestalten, die da so plötzlich, meist im Gefolge von Menschen, denen ja nun auch nicht immer zu trauen ist, auftauchen.
Nein, wir werden sie nicht alle miteinander einladen können. Es muß auch nicht sein, denn einzeln, jeder für sich, erfreuen sie uns mit ihrer Zuneigung und sind stets gern gesehene Gäste.

Garfield & Co.(4)

Garfield & Co. (4)

von Dieter J. Baumgart (copyright)

Mikesch

Zwei Jahre sind inzwischen vergangen,  Pantoufle ist eine selbstbewußte Katze, die sich in ihrem Revier zu behaupten weiß. Und nicht nur das: Sie weiß auch, was sie will.
Als ihre Mutter vor drei Jahren im Herbst wieder einmal Nachwuchs hatte, entschied sich Pantoufle im darauf folgenden Frühjahr,  eines der drei kleinen Kätzchen zu adoptieren. Nein, gefragt wurden wir natürlich nicht. Warum auch?
Es ergab sich einfach. Die anderen beiden Halbgeschwister hatten sich bald selbständig gemacht und übrig blieb ein zarter weißer kleiner Kater, den Pantoufle unter ihre Fittiche nahm. Die ausgeprägte soziale Ader unserer Katze ist uns bekannt und bisher hatte sie sich ja auch einsichtig gezeigt. Aber diesmal schien sie  entschlossen zu sein, und angesichts unserer winterlichen Abwesenheit hatten wir auch keine vernünftigen Gegenargumente.
Also wurde Kater Mikesch bei uns eingeführt und wuchs heran. Pantoufle hatte einen Spielkameraden, und wir hatten kein schlechtes Gewissen wenn wir verreist waren, denn die Beiden vertrugen sich prächtig.
Doch das sollte sich eines Tages  ändern: Mikesch entwickelte Macho-Allüren und Pantoufle  wagte sich nicht mehr ohne Zustimmung ihres Halbbruders an die geliebten „Katzenbonbons“. So hatten wir eigentlich nicht gewettet und sannen auf Abhilfe mittels vorgezogener Kastration.
Der Tierarzt wurde befragt und meinte, daß es durchaus an der Zeit sei, etwas zu unternehmen. Gesagt, getan, eines schönen Morgens im Frühsommer lieferten wir  den Jungkater in der Praxis ab, um unangemessenen Herrschaftsansprüchen einen Riegel vorzuschieben. Gegen Mittag läutete das Telefon. Der Arzt war am Apparat und informierte uns, daß Mikeschs Ohren ganz offensichtlich Ansätze zu Hautkrebs aufwiesen. Eine Erkrankung von der besonders weiße Katzen in der Region häufig befallen würden.
Auf unsere Frage, was dagegen zu tun sei, meinte er sachlich: „Abschneiden. Er liegt noch in der Narkose, das ist dann ein Abwasch.“
„Ja, aber kann er denn dann noch hören und überhaupt…“, fragte meine Frau einigermaßen geschockt.
„Kein Problem“, hieß es am anderen Ende der Leitung.
Oh, Pantoufle, dachten wir, was hast du uns da eingebrockt. Die Ohren wurden also abgeschnitten.
Allerdings hatten wir keine Vorstellung, was wir da abends nach der Operation in Empfang nahmen. Es war ein Bild des Jammers, und wir waren gar nicht mehr sicher, daß unsere Entscheidung richtig gewesen war. Inzwischen kennen wir eine weiße Katze im Dorf, die von fortgeschrittenem Hautkrebs befallen ist, und wir wissen, wovor wir Mikesch bewahrt haben. Zunächst aber kamen wir mit diesem armen Tier nach Hause. Die Restohren, silbrig-schwarz mit Zinksalbe versorgt, das kleine Köpfchen mit den großen Augen in einer „Tüte“. Pantoufle war entsetzt und ergriff die Flucht. Der kleine Kater knallte mit seinem Kunststofftrichter gegen Tisch- und Stuhlbeine. Eine Woche sollte er das Gerät behalten, und nur zu gut konnten wir Pantoufle verstehen, die ja davon ausgehen mußte, einen Außerirdischen, ein Monster vor sich zu haben. Mikesch litt sehr und versuchte Pantoufle klar zu machen, daß er doch noch immer derselbe sei. Tage später, als er sich mal auf Frauchens Arm selbst im Spiegel sah, wandte auch er sich entsetzt ab.
Einziger positiver Nebeneffekt: der Speisenplan änderte sich. Statt der bisherigen Katzenbonbons, die eigentlich nur eine Geste waren, um die selbständige Futtersuche nicht zu gefährden, gab es jetzt leckere Dosenkost – für Mikesch mit Medikamenten –  mit dem Ergebnis, daß seine Tüte bald seinem Freßnapf ähnelte. Doch schon nach wenigen Tagen überwand sich Pantoufle und leckte vorsichtig das eingeschaufelte Futter, angewidert und gierig zugleich, vom Kragenrand ab.
Die Katzentoilette mit Hygienestreu war eine Fehlinvestition. In der ersten Nacht benutzte Mikesch in seiner Not ein Kissen auf „Hempels Sofa“. Als wir ihm am nächsten Morgen einen Pappkarton mit noch regenfeuchtem Sand von draußen spendierten, war das Problem gelöst. Hätten wir uns eigentlich denken können: Einem frei lebenden Kater Katzenstreu mit Geruch absorbierender Beimischung anzubieten, das war schon eine Zumutung, auf die er noch zurückhaltend reagiert hatte.
Nach einer Woche konnten wir ihn wieder von seiner Tüte befreien. Unsere Vorfreude war groß, und gern hätten wir es ihm auch schon am Abend vorher mitgeteilt. Aber schließlich war der Moment da. Und was sich da unseren Augen bot, das war eine Darbietung der besonderen Art in Sachen Verhaltenskodex bei Katzen: Nicht etwa, daß sie sich um den Hals fielen. Pantoufle kam, sah und staunte: Mikeschs Kopf war nun wieder kleiner und sah nicht mehr wie ein verstopfter Trichter aus. Aber dann wurde geputzt, wozu der Kater natürlich allen Grund hatte, und wir begriffen, was das arme Tier durchgemacht haben mußte.
Doch nicht nur Mikesch leckte sich den Pelz. In drei Meter Entfernung putzte Pantoufle sich zur Gesellschaft mit – mindestens eine Stunde lang. Mikesch noch einiges länger, denn immer wieder fand er Stellen, die intensiv gesäubert werden mußten. Immerhin war es eine Woche Dreck, der da runter mußte.  Endlich hatten die Beiden wieder etwas gemein, und Pantoufle war die Erleichterung an der Schwanzspitze anzusehen.
Eine Woche später wurden dann auch die letzten Fäden aus den Teddy-Ohren gezogen. Und als nach Jod stinkender kleiner Kater trat er eine Viertelstunde später wieder unter die Augen der großen Schwester. Die hatte den neuerlichen Abtransport in der Peddigrohrhöhle schon mißtrauisch zur Kenntnis genommen und begutachtete sichtlich erleichtert das ärztliche Werk. Und auch der intensive Jodgeruch beleidigte die Katzennase nicht. Der Katzenalltag konnte wieder beginnen. Fünf Jahre sind inzwischen vergangen. Noch zweimal mußte Mikesch die Tüte tragen. Nicht wegen der Ohren. Die sind gut verheilt und stehen ihm prächtig. Freunden, welche die Geschichte nicht kennen, stellen wir ihn als südeuropäische Kurzohrkatze vor und ernten großes Interesse an dieser seltenen Rasse. Nein, die Gründe für die neuerlichen Besuche beim Arzt waren andere: Zweimal wurde er offensichtlich von Mardern angefallen, vermutlich auf Grund seines weißen Fells. Beim erstenmal stand er tagelang unter Schock. Wir entdeckten ihn regungslos in einem Gebüsch oberhalb unseres Hauses, wo er schon mindesten zwei Nächte und einen Tag zugebracht haben mußte. Völlig teilnahmslos ließ er sich zum Arzt bringen und kam erst wieder zu sich, als er „betütet“ zu Hause war. Pantoufle nahm das einigermaßen gelassen hin. Das zweite Mal ging es glimpflicher ab, nur ein kleiner Riß im Fell – und Pantoufle freute sich schon auf das köstliche Krankenfutter, von dem ja auch sie profitierte.
Fünf und acht Jahre sind die Beiden nun bei uns. Es ist eine Freundschaft der besonderen Art. Unsere beiden Katzen sind völlig selbständig und natürlich im Haus willkommen, wenn wir auch da sind. Aber wenn wir schlafen gehen, bleiben sie auch im Winter bei –6° Celsius nachts draußen, wo sie eine Auswahl an geschützten Unterkünften haben. Wenn wir vierzehn Tage verreist sind, versorgen sie sich problemlos selbst und freuen sich riesig, wenn wir wieder auftauchen. Und  wenn wir spät in der Nacht von einem Ausflug zurück kommen, steht unser Empfangskomitee mit erhobenen Schwänzen bereit, das dann fällige Leckerli zu verputzen.  Verglichen mit anderen Katzen im Dorf, haben sie hier am Rande des Talkessels ein Paradies. Aber auch wir sind ihnen dankbar für ihre Zuneigung, ihr Vertrauen, das sie uns entgegenbringen. Und auch die Teilhabe am Umgang, den sie miteinander pflegen, ist ein Geschenk für uns.  Sie lieben einander innig, haben hin und wieder ihre kleinen Zwistigkeiten, die aber keine 10 Minuten anhalten und auf eine Weise beendet werden, die uns fasziniert.
Hinzu kommt, daß wir einander unsere kleinen Schwächen nicht übel nehmen. Wenn sie etwas klauen, dann suchen wir die Schuld zu Recht bei uns, schließlich hätten wir die leckeren Sachen wegstellen können. Wenn uns gelegentlich auch Hunde mit ihren Menschen besuchen, dann beobachten unsere Katzen von höherer Warte aus das Geschehen. Und wenn die großen Tiere wieder weg sind, kommen unsere Beiden mit dem typischen „na, alles klar?“ Gesicht wieder und schauen, ob vielleicht irgendwo Interessantes herum liegt.
Hin und wieder denken wir an Garfield, diesen unglaublichen Kater, mit dem das alles begann. Und so ist diese Geschichte auch als eine Hommage, ja, sagen wir ruhig, als eine Art Denkmal für einen ganz besonderen Kater zu verstehen.
Danke, Garfield.

Columbo ist tot

von Janek Heinrich (copyright)

Da sehe ich doch letztens, das ist so ungefähr vierzehn Tage her, aus dem Küchenfenster von meinem Leuchtturm.
Es war noch ziemlich früh am Morgen – lass das so halb sechs gewesen sein , aber es war schönes Wetter und da steh ich dann immer ein bisschen früher auf.
Da sehe ich, unten auf dem Poller am Hafenbecken da sitzt einer.
Hein Wernersen – ist ‘n ganz alter Kumpel von mir, wir kennen uns ewig.
Der ist normalerweise für die Strandkörbe zuständig, im Sommer wenigstens.
Ist ein gestandener Bursche, ein Kerl wie ein Großmast, aber jetzt sitzt der da unten so rum, und das macht keinen guten Eindruck – ich kann nicht sagen warum, aber irgendwie…
Na, dann bin ich da mal zu ihm runter.
„Mensch Hein, moin“, sag ich.
„Moin, Janek.“
„Und wie isses, alles gut?“
„Alles Schietkram… irgendwas stimmt nich – ich komm den Deich nicht mehr runter.“
„Wie, du meinst ‘nicht mehr hoch’.“
„Nee nee, ich meine ‘runter’.“
„Wat?“
„Ja“, sagt er, „ich bin heute morgen… also ich bin den Deich rauf und das ging fast gar nicht. Na gut, denk ich, jetzt geht das bergab und dann wird das bestimmt leichter. Aber dann bin ich unten angekommen und fühl mich, als hätte ich einen tausend-Meter-Lauf hinter mir. Mir tat die Brust weh – alles war so eng da… ich hab Sorge, dass das vielleicht die Pumpe is.“
„Ach was“, sag ich, „die Pumpe. Das ist bestimmt nicht die Pumpe, nee, das is was anderes. Das sind verklemmte Blähungen oder so.“
„Tatsächlich?“
„Ja, so was gibt das. Das kannst du haben, da ist der ganze Bauch und alles so voller Luft, und das drückt denn so da hin und da so hoch. Und wenn du das nicht los werden kannst, denn hast du das Gefühl, die Pumpe macht bald schlapp.“
„Sag bloß.“
„Ja“, sag ich, „das Herz ist das nicht – da musst du mal zum Homöopathen hin, der gibt dir da was für.“
„Meinst du?“
„Ja, der Doktor… Sowieso, der is eigentlich kein richtigen Doktor, das is so ein Naturheilfritze, der weiß da was von. Du brauchst dir ja wegen so was nicht gleich die ganze Chemie da in den Kopp zu hauen.“
„Wenn Du das sagst“, sagt Wernersen, „denn versuch ich das doch mal.“

Der Wunderdoktor hat ihn mit ‘Iris-Diagnose’, oder wie das heißt, untersucht und hat ihn auch so überall befühlt und gemeint: „Herr Wernersen da ist alles verbläht und übersäuert. Ich gebe ihnen mal ein paar Tropfen. Dann wird das auch wieder.“
Da war Wernersen ganz fröhlich damit, ist doch klar.
So richtig überzeugt war er allerdings dann doch nicht. Einen Termin beim Hausarzt kann man ja trotzdem mal machen, hat er gedacht, das schadet ja nicht – obwohl… Eigentlich geht unsereins da ja gar nicht hin – ich auch nicht.
Die verschreiben einem doch nur all so einen pharmazeutischen Kram; das ist doch alles Gift. Da nimmst du eine Pille gegen Kopfweh und dann hast du nachher den Skorbut am Mors oder irgend so was – da braucht man nur mal die Packungsbeilage zu beachten.
Hein hat sich einen Termin geben lassen, für ‘ne Woche später.
Er wollte die Tropfen vom Homöopathen nehmen, und denn würde der Doktor da natürlich auch nichts finden. Weil das ja doch alles nur Blähungen sind.
Nun, dann wurde das durch die Tropfen auch ein bisschen besser, und er musste immer so aufstoßen, und das war gut – das klingt nicht vornehm, aber das hilft.

Am nächsten Mittwoch ist er dann zu dem Doktor hin, zu Dr. Kröger.
Der ist wohl ein ganz feiner Kerl, meine Frau geht da ja auch hin, aber Hein meinte der hatte einen Händedruck wie ein Messdiener – so schön zart und wabbelig.
„Da hat der Kröger ja auch schließlich lange für studiert“, hab ich gesagt.

Also Wernersen ist da hin, und dann hat der Doc ihn auch gleich ins Verhör genommen.
„Sie sind ein bisschen zu dick“, hat er gesagt.
„Ich bin doch nicht dick, ich bin kräftig.“
„Rauchen sie denn auch?“
„Jau, rauchen tu ich.“ ( Das war die falsche Antwort.)
„Wie viel?“
„Na, vielleicht so zwanzig Stück. Aber nur ganz dünne Selbstgedrehte.“
„Das ist gefährlich, so in Ihrem Alter…“
„Wieso, ich bin fuffzich.“
„Genau“, sagt der Doktor, „da geht das dann alles los – Risiko, Risiko… zu wenig Bewegung, zu gutes Essen – trinken Sie Alkohol?“
„Oh, Alkohol würde ich das jetzt nicht direkt nennen. Nicht in dem Sinne jedenfalls. Nicht viel und auch nicht regelmäßig.“ (Das war gelogen)
Dann hat der Doktor ihm Blut abgenommen, das konnte Hein ja nun gar nicht ab – das geht mir aber genauso.
Nicht etwa, dass ich da Angst vor hätte, aber wenn die da rein pieken und zapfen dir da das Blut da ab … nee, und vor allem nicht am frühen Morgen; und auf nüchtern Magen schon mal gar nicht.
Dann haben sie ihn an einen Apparat mit solchen Saugnäpfe angeklemmt – EKG heißt das, glaube ich; wieder so eine Abkürzung die keiner versteht. Damit kann man sehen, ob dein Herz auch richtig funktioniert.
Aber da war nichts.
Alles prima, sagt Wernersen, die Sprechstundenhilfe war auch zufrieden mit ihm. Und sie hatte einen sehr kleinen, schwarzen Schlüpfer an, den konnte man durch die weiße Hose sehen – das war wenigstens ein Lichtblick in dieser antiseptischen Stätte.
Ich sah aus, sagt Hein, als hätte mich irgend so ein Krake überfallen – als sie die Saugnäpfe denn wieder abgemacht hatten.
Dann musste er noch zum Ultraschall, aber da war auch alles beisammen da innen drin, und schwanger war er auch nicht.
Nur seine Brust war vollgeschmiert mit so einen Glibber, den man sonst extra beim Erotik – Versand bestellen muss. Da wollten sie ihm aber nichts von mitgeben.

„Gut“, hat der Doktor gesagt, „wir wollen trotzdem lieber nichts riskieren, und darum gehen sie mal nächste Woche noch zum Kardiologen.“
Ein Kardiologe, das ist ein ‘Pumpendoktor’ könnte man sagen.
Wernersen hat ‘ne Überweisung gekriegt und auch schon mal allerhand Medikamente gleich mit.
Ich sag: „Was is das denn alles?“
„Das soll ich jetzt alles hier einnehmen, ich weiß auch nicht – nehm ich ja sonst normalerweise gar nichts von, von dem Zeug …“
„Guck mal“ ,sag ich, „das hier is doch Ameisensäure, oder wie das heißt. Das ist so was wie Aspirin.“
„Ach“, sagt er, „denn is ja gut; denn krieg ich ja auch keine Kopfschmerzen vom Saufen mehr.“ Und grinst.
„Nö“, sag ich, „kannst du ruhig nehmen.“

Er hat immer schön seine Tropfen von dem Homöopathen und das Aspirin genommen und, wollen mal sagen, es ging ihm jetzt nicht wirklich gut; so richtig schlecht aber auch nicht. Zumindest im Halbschatten auf der Terrasse, da hatte er überhaupt keine Probleme.
Nun war eine Woche später den Termin beim Kardiologen, und da war ihm doch schon etwas mulmig. So ein Herzdoktor, da hat man ja noch nie was mit zu tun gehabt .
„Aber“, hat Hein gesagt, „weißt du, ich brauch da eigentlich ja gar keine Angst davor zu haben: Weil, die werden da ja nix finden. Der Kröger hat ja auch nichts gefunden mit sein EKG, und denn wird der andere auch nichts finden. Sind ja nur Blähungen.“
Genau, hab ich gesagt, das denke ich doch auch.
Am Mittwoch Morgen ist er dann um halb zehn da hin. Im Wartezimmer saßen nur alles alte Leute, so Grauköppe.
Gut, ein etwas jüngerer Kerl saß da auch, aber der war so fett, der wog wenigstens hundert-fünfzig Kilo und mehr – da war Wernersen doch erleichtert.
Weil, so alt ist er nicht und so dick ist er auch nicht – und da konnte ihn das alles auch gar nicht betreffen hier.
Die würden gar nichts finden, die Spezialisten.
So nach einer halben Stunde, er hatte die ‘Gala’ kaum ausgelesen, riefen sie ihn auf und er musste zum Doktor rein.
Der fing denn auch den gleichen Quatsch zu fragen an: „Rauchen Sie?… Was wiegen Sie?… Wie groß sind sie?“ – also eben den ganzen Blödsinn nochmal von vorne.
Als ob das irgendwas helfen würde, oder auch nicht.
Na ja, dann musste Hein wieder zum EKG, aber diesmal mit so einem Trimmdich-Fahrrad. Da ist er drauf, und die Sprechstundenhilfe kam dann auch wieder mit den Saugnäpfen an.
Da sollte er jetzt mal strampeln, aber das war kein Problem, das schaffte er so locker wie nur irgendwas, und die junge Dame guckte auch ganz zufrieden auf ihren Monitor. Dann wurde das auf einmal schwerer zu treten, einfach so.
Mensch, denkt Wernersen, komm Junge, das schaffst du – und er hat denn auch mal ‘n bisschen Gas gegeben.
„Moment“, meinte da die Schwester, „mal nicht so übertreiben hier.“
„Ach“, sagt Hein, „das is doch alles kein Problem hier, das schaffen wir doch mit links.“
Dann wurde das Ding wieder schwerer zu treten, ich meine, das war ja nun auch nicht fair.
Als das dann zum vierten mal schwieriger wurde, kriegte er das fast gar nicht mehr gedreht, und sein Herz fing ordentlich an zu wummern – aber das ist ja auch klar bei so einer Belastung.Wir sind solche Bergtouren hier doch gar nicht gewöhnt.
Dann durfte er aufhören und der Doktor kam an, und hat sich das angesehen, und meinte: „Da müssen wir Ihnen wohl mal Blut abnehmen.“
„Nee“, sagt Wernersen, „brauch ich nicht – das hab ich doch letzte Woche erst.“
Da ließ sich der Doktor aber nicht von überzeugen.
Dann durfte Hein sich wieder anziehen.
„Ja Herr Wernersen“, hat der Doktor gesagt, „hier ist der Befund. Da müssen wir was machen, das geht so nicht weiter. Hier, diesen Schein, den müssen Sie mal eben unterschreiben.“
„Wie“, sagt Wernersen, „PTCA,unterschreiben?“
„Mit Ihrem Herzen ist etwas nicht in Ordnung.“
„Was soll damit nicht in Ordnung sein?“
„Das wissen wir eben noch nicht, und darum müssen wir da mal nachsehen.“
„Nachsehehen?“
„Das ist alles nicht weiter wild. Da machen wir einfach einen kleinen Eingriff im Krankenhaus. Sind Sie allergisch gegen Kontrastmittel?“
Wernersen ist allergisch gegen alles, was auch nur im entferntesten mit Krankenhaus zu tun hat.
Der Doktor hatte dann auch schon gleich so einen Zettel parat und da allerhand drauf angekreuzt – Linksherzkatheter, irgendwas mit Konorar… fragmichnich, und denn was von wegen PTCA, und denn noch Stent-Implantation und Laevokardiodingens. Alles, das komplette Programm.
Hein wusste überhaupt nicht, was er davon halten sollte.
Gut, da waren so allerhand bunte Bilder für die Analphabeten drauf; so vom Herzen wie das so aussieht und wo das denn beim Menschen so sitzt – damit man das auch mal weiß…
Und auch so’n paar Querschnitte durch irgendwas; wahrscheinlich durch eine Ader.
Dann kam raus: Die wollten ihm da so einen Draht einführen! Unten von der Leistengegend bis oben zum Herzen hoch. Dahin wo der Dreck die Ader verstopft, und mit ein Ballon wollten sie das da aufblasen, und das sollte denn wohl die Arterie wieder gangbar machen. Und dann sollte da so ein Ding rein, wie ein Hohlraumdübel, damit das dann auch nicht gleich wieder dicht geht; und all so was.
Wernersen war da im Moment völlig überfordert .
„Da muss ich aber erst mal meine Frau nach fragen, was die denn da wohl zu sagt…“
„Ihre Frau fragen? Wenn sie erst mal tot sind, brauchen Sie nicht mehr zu fragen“, meinte da der Doktor. Ein sympathischer Mensch.
Ja, hat Hein da gesagt, denn wollte er sich wieder melden.
„Da brauchen Sie sich nicht wieder melden“, hat der Doktor gesagt, „entweder heute oder morgen.“
„Is das denn so eilig?“
„Ja, das ist so eilig, das muss jetzt passieren.“
„Ich ruf denn an“, hat Wernersen gesagt und fluchtartig den Raum verlassen. Da musste er raus, aus dem Schuppen – erst mal tief Luft holen, eine rauchen.
Er ist nach Hause und war natürlich fertig mit der Welt, kann man sich ja vorstellen. Ich hab ihn dann noch getroffen. Der war ganz blass, hat auch gar nicht viel gesagt.
Wir sind noch ein Bisschen gegangen; Sagt er: „ Weißt du Jan – ich glaub, das machen wir lieber nich, oder?“
Sag ich, ja… das weiß ich jetzt auch nich.
„Ach, ich ruf da an“, sagt er, „und sag das ab, das wird schon. Das is nur ein verklemmtes Bäuerchen, da nehm ich meine Tropfen und denn is gut. Die wollen einen doch nur Angst machen.“
Wenn du meinst, sag ich.

Hein hatte das schon fest beschlossen, da ruft sein Hausarzt ihn an und sagt: „Tja Herr Wernersen, da müssen sie dann ja wohl hin, der Kollege hat mich angerufen.“
Sagt Hein: „Das weiß ich jetzt aber nicht Herr Doktor, ich meine, ich hab noch nich mit meiner Frau gesprochen, wer die Kinder abholt und so. Ich werde mich aber darum kümmern, ganz bestimmt“, und hat dann auch tatsächlich bei dem Kardiologen angerufen.
„Hallo, hier is Hein Wernersen… ich wollte das nur mal eben absagen.“
Ist gut, sagt die Sprechstundenhilfe, dann wissen wir Bescheid – tschüss auch.
Zehn Minuten später ruft der Hausarzt wieder bei ihm an und macht Dampf, macht da richtig Ärger und meint: „Also Herr Wernersen, bei mir brauchen Sie nicht mehr vorbei kommen. Wenn sie übermorgen tot im Garten liegen – denn sind wir beide geschiedene Leute… wenn Sie nicht machen, was man Ihnen sagt.“
Das war ja nun starker Tobak
Gut, also hat Wernersen nochmal angerufen, bei dem anderen Arzt, und sagt: „Ich hab mir das anders überlegt, denn machen wir den Termin eben doch.“
Ja Herr Wernersen, hat die Sprechstundenhilfe gesagt, denn kommen sie man morgen früh, halb zehn, mit nüchternem Magen. Kein Kaffee und kein Tee und kein Nix und so.

Abends hat Hein das seiner Elfriede alles gebeichtet und gesagt: „Hier, pass’ auf, wenn ich morgen nich wieder komm, denn weißt du Bescheid. Ich hab mir das hier mal durchgelesen, so mit den Risiken und Nebenwirkungen – da kannst du so ziemlich alles von kriegen was du dir vorstellen kannst. Wenn ich demnächst im Rollstuhl sitz’ und bisschen blöde aus der Wäsche gucke, dann darfst du dich nich wundern. Dann haben die da Mist gebaut, aber das geht in Ordnung – da hab ich für unterschrieben.“
In dieser Nacht hat Hein gar nicht gut geschlafen. Hat geträumt von langen, gebogenen Drähten, von dicken Schläuchen die vorne so kleine Zähne hatten und die sie ihm überall einführen wollten.Von langen Nadeln und von lüsternen Krankenschwestern, die immer unter sein Nachthemd gepeilt haben – all so was eben.

„Am nächsten Morgen hab ich mein Köfferchen gepackt“, hat Wernersen mir später erzählt, „ noch eben die Kinder zur Schule gebracht, und dann bin ich Richtung Krankenhaus.
Da hab ich auch dummerweise gleich einen Parkplatz gefunden, sonst hätte ich ja noch mal wieder weg fahren können…
Ich bin die Freitreppe rauf zum Eingang hin, und da saß so ein junges Mädel auf einer Bank – und die arme Deern hat geheult wie ein Schlosshund. So was um halb zehn, das war ja schon mal ein schlechtes Omen. Ich meine, ich bin nich abergläubisch, aber ein schlechtes Omen erkenn’ ich trotzdem.
Oben neben dem Haupteingang is die ‘Arme-Sünder-Ecke’, da sitzen die ganzen traurigen Gestalten die sich das Rauchen noch immer nicht abgewöhnt haben.

„Sie brauchen sich nicht anzumelden“, hatte der Kardiologe gesagt, „Sie fahren einfach mit dem Fahrstuhl hoch in den neunten Stock, die wissen da schon Bescheid.“
Also bin ich da hoch gefahren und hab’ geklingelt, und die haben mich da auch gleich rein gelassen. Ich hab meine Papiere vorgezeigt und sollte denn wieder so einen Wisch unterschreiben. Von wegen, dass da wieder keiner an Schuld is, wenn vielleicht doch was schief gehen würde, und so weiter. Das würde ich denen dann auch nicht übel nehmen dürfen, weil das wäre dann ja ‘Künstlerpech’ oder ein ‘künstlerischer Fehler’ oder wie man im Fachjargon dazu sagt.
Dann hat mich eine von den Schwester in ein Krankenzimmer geführt, da standen vier Betten rum, und da waren drei von belegt mit drei alte Kerle.
„Ja“, hat die Schwester gesagt, „dann ziehen Sie sich mal ganz aus, und hier, dieses Hemd, das streifen Sie denn mal über. Ich bin gleich wieder da.“
Das war mir ja doch etwas peinlich.
„Wie, alles ausziehen?“
Ja, haben die anderen Mackers gesagt, alles ausziehen. Nur die Socken darfst du anbehalten.
„Stehen die Weiber hier auf so was, oder wie?“
Da mussten die Burschen ja alle mal Lachen – nur der eine nich, der war noch nicht dran gewesen.
Die andern beiden waren schon durch mit der Untersuchung, und die waren auch ganz fröhlich und erzählten sich was vom Krieg und so – dass der eine bei der Waffen SS damals nich genommen worden war, aber dann doch zur Marine gekommen ist; was ja auch viel besser war. Dann kamen sie auf Afghanistan, und dass das alles da gar kein anständiger Krieg is, und so, und denn auf schwule Politiker, und dass es so was früher nich gegeben hat – da konnte man von Adolf halten was man wollte. Was man sich eben alles so erzählt.
Ich hab mich denn ja auch ausgezogen, und das komische Hemdchen an.
Nee, meinten da die anderen, den Schlitz musst du nach hinten machen, vorne soll das zu. So ein Blödsinn, warum war das hinten offen, da brauchte doch keiner dran.
Das Ding war auch viel zu eng und ein bisschen kurz – ich meine, wer läuft denn schon so rum?
Erst wollte ich ‘n bisschen schummeln und die Unterbüx anbehalten, denn kam aber die Schwester und sagt, nee nee, das muss auch aus da.
Da konnte ich ja nu nichts gegen machen, und hab mich in das freie Bett gelegt.
Dann kam die junge Dame an und hatte einen Rasierapparat dabei. Damit hat sie mir erst mal die Bikinizone rasiert, so was is mir ja noch nie untergekommen.
Ich meine, die war zum Glück nich so wirklich hübsch, sonst hätte das ja man erst richtig peinlich werden können…
Dann wollte sie mir eine Kanüle legen, und meinte, ja – die Adern wären ja auch nicht so richtig gut.
„Wat?“ sag ich, „die Adern die sind prima, die sind noch wie neu. Wenn die mir sonst ‘ne Spritze geben, denn finden die immer sofort eine.“
„Da muss man ja auch immer nur so ein klein bisschen rein“, sagt sie, „aber wir müssen hier ja viel tiefer.“ Dann hat sie mir denn die Nadel gezeigt, und die war bestimmt so lang wie mein Daumen. Mir wurde ein bisschen blümerant, kannst du dir ja wohl vorstellen. Sie hat dann den anderen Arm genommen, weil der eine schon blau wurde, und da einen Anschluss gelegt.
Der Opa neben mir war an der Reihe und wurde raus gefahren, war ‘n bisschen blass der Gute, und hat gesagt: „Wenn ich da heil wieder raus komme, kauf ich mir einen BMW.“ Und ich konnte mir denn erst mal eine halbe Stunde die Decke angucken. Dann brachten sie den Opa wieder und der war erstaunlich gut zu Wege, bei dem war wohl nichts schief gegangen. Aber sie sagen ja auch immer, einer von zehn is dran – weißt du wie viele vor dir waren? Nee, das weißt du nicht.
Dann haben die Schwestern mich da raus gefahren, das war wie im Kino; du liegst platt auf dem Rücken und über dir fährt die Zimmerdecke vorbei. Erst kam eine Leuchtstoffröhre, dann ein Rauchmelder, dann ein Ventilator und wieder eine Leuchtstoffröhre, und so weiter. Dann waren wir beim OP angekommen und die sind da mit einigem Schwung um die Kurve gefahren und fanden das lustig – hatten ja auch keinen Grund bedrückt zu sein.
In dem OP-Saal waren so riesige Apparate aufgebaut, ein paar große Bildschirme und hinter einer Glaswand war wohl die Kommandobrücke, da saßen denn die Ärzte. Dann haben die Schwestern mich ganz ausgezogen – das war dann nicht nur peinlich, dann war das auch noch kalt.
„Herr Wernersen“, sagt eine von den Schwestern, „ Sie sind ja wohl auch ganz schön aufgeregt, ich könnte ihnen da so ein kleines Beruhigungsmittel geben – wenn Sie wollen.“
„Also, wenn das wieder mit ‘ner Spritze zu tun hat“, sag ich, „dann mal lieber nich, dann halten wir das auch so aus. Von wegen: Matrosenherz kennt keine Feigheit…“
„Nee“, sagt die, „Sie haben die Kanüle da ja schon liegen, da können wir Ihnen das einfach so verabreichen.“
Gut, sag ich, denn gib mal ruhig ein Schluck davon, kann ja nicht schaden.
Ich meine, vielleicht war so was ja ganz angenehm. War das auch.
War ein gutes Zeug, muss ich schon sagen, da machte sich bei mir gleich so eine „leck mich am Arsch-Stimmung“ breit. So was müsste man zu Hause haben, wenn die Liebste mal wieder schlechte Laune hat.
Dann kam der Doktor in voller Maskerade, so mit Mundschutz und dicker Brille und hat angefangen da rumzustochern – da hat man aber nichts von gemerkt.
Auf dem Monitor konnte ich richtig das Herz sehen, und im Hintergrund auch die Wirbelsäule, das war interessant. Denn haben sie da immer das Kontrastmittel rein gespritzt und dann hast du das richtig gesehen, wie die olle Pumpe denn pumpt, und die dicken Adern da, wie das alles so arbeitet. Wenn man das Beruhigungsmittel intus hat, kannst du da ganz entspann zusehen. Man sah auch den Draht da rein gehen, und wie der Doktor mit dem Ballon das alles wieder geweitet hat. Denn haben sie diesen Spreizdübel da eingeführt, damit alles auch wieder schön läuft und denn war das damit auch schon erledigt.
Nur noch ein bisschen Blut abwischen, dann haben sie mich zurück in das Zimmer gefahren.
Die anderen Jungs hatten sich schon wieder angezogen – die konnten am gleichen Tag noch nach Hause. Sie sollten nur noch etwas im Zimmer auf und ab gehen um zu sehen, ob das da unten nicht auch wieder aufplatzt. Das kann passieren, und dann ist es natürlich besser, wenn die Schweinerei im Krankenhaus und nicht im Bus passiert – weil, da kann man ja besser aufwischen wegen dem Linoleum und so.
Mich wollten sie da behalten.
Ja, sagte die Schwester, Sie gehen bis morgen auf Station. Sie haben ja den Stent bekommen.
Das fand ich ja nun gar nicht witzig; die ganze Nacht noch im Krankenhaus bleiben – da rumhängen, und auch noch da pennen und so.
Inzwischen hatten sie noch zwei neue Kandidaten gebracht.
Der eine erzählte, er hätte jetzt schon den zweiten Herzinfarkt hinter sich, und den Katheterkram den kennt er schon. Aber er fand das alles gar nicht so schlimm, dann kam er wenigstens mal von zu Hause raus. Seine Frau hatte vor zehn Jahren Hirn-bluten gehabt, und ist seit dem gar nicht mehr ansprechbar, die liegt da nur noch rum und weiß nichts mehr. Er muss sie pflegen, und die Kinder würden sich da auch nicht drum kümmern – da wäre das hier doch mal eine ganz schöne Abwechslung, so im Krankenhaus. Dann nimmt der seine Wasserflasche und ich sehe, dass der Kerl an der rechten Hand nur noch einen Daumen hat – die Finger alle ab. Der hatte wohl auch mal Tischler gelernt.
Der andere hatte so eine große Tätowierung auf der Schulter, ich weiß jetzt nicht wie man so was nennt – war nichts schickes oder so. Mehr so ein Schnörkelkram, so ein „Tribal“; irgendwie barock, wie von Omas Schrankwand abgekupfert. Ansonsten sah der ein bisschen nach Bodybuilder aus, obwohl der auch eigentlich ein alter Sack war. Ganz sportlich und gut in Form, aber siehste ja, hat ihm auch nichts genützt.
Mit dem kam ich dann auch aufs gleiche Zimmer. Hans hieß der, war ein netter Kerl. Da oben auf unserem Zimmer, da war einer, der wohnte da.
Der hatte so eine tiefe und angenehme Stimme, aber das kam von der Kanüle; wo andere Leute einen Kehlkopf haben, da hatte der ein Loch. Es stellte sich raus, der hatte Krebs, und sie hatten ihm schon alles weg genommen, was da weg zu nehmen war.
Ja, sagte der, als nächstes werden die wohl den ganzen Kopf amputieren, wenn da noch mehr Krebs kommt. Er ging nur ab und zu nach Hause um frische Wäsche zu holen, weil Familie hatte er nicht.
Ab nächste Woche kriege ich Bestrahlung, hat er gesagt, und wenn das alles auch nicht hilft, dann kauf ich mir ne Schachtel Kippen und ne Pulle Schnaps und dann gehe ich Aale fangen.

Ich konnte nicht so richtig schlafen, ich meine, ich gehe ja noch nicht mal in ein Hotel oder eine Pension – und denn hier mit zwei fremde Kerle auf einer Bude.
Ich hab mich dann mal runter geschlichen in die Raucherabteilung, da unten neben dem Haupteingang. Das durfte der Oberarzt ja auch nicht sehen – obwohl eigentlich kann dem das doch ganz egal sein. Ich meine, was regen die sich auf – wenn es keine Raucher gäbe, dann würden die ihre komischen Kanülen und Implantate doch gar nicht los werden. Dann würden die doch mit einem Fiesta fahren, oder einem alten Golf; die verdienen doch ein Schweine Geld damit, dass andere Leute krank sind.
Musst du nur mal in die Tiefgarage vom Krankenhaus gehen und gucken was da so alles rum steh – denn weißt du aber Bescheid.
Da unten saßen sie denn, die ganzen armen Mädels und Jungs – das ist denn ja auch schon richtig heftig, wenn du die siehst. Arme ab, Beine ab, keine Haare und solche Beutel hängen da an der Seite raus, und alles…
Da kommt man sich richtig lächerlich vor, mit dem kleinen Draht, den man da an der Pumpe hat. Da gibt es ja ganz andere Fälle – und die saßen da ja auch, die „anderen Fälle“. Nur schmöken taten die alle noch, ganz egal ob Krebs oder Herzinfarkt, oder was weiß ich. Dann fing das an zu regnen, und denn saßen die armen Burschen in der Nässe rum. Könnte man denen nicht mal ein etwas angenehmeres Plätzchen machen? Sterben doch sowieso alle demnächst.
Am nächsten Morgen haben sie uns dann um halb sieben geweckt, was ja auch eigentlich ein ziemlicher Unsinn ist, weil man sich doch erholen soll.
Dann bekam jeder eine Scheibe Graubrot und ein Brötchen, bisschen Butter und Marmelade – aber egal, der Kaffee war gut, und ich wollte nach Hause.
Es kam mir vor, als ob ich wenigstens acht Wochen da gewesen wäre.
So gegen neun musste ich runter in die andere Abteilung und da haben sie mir den Druckverband abgemacht. Da war ich froh, denn das Ding hatte sich wie ein Ziegelstein angefühlt, konnte man kaum mit laufen.
Die Schwester hat ein normales Pflaster aufgeklebt und gesagt, wenn das wieder anfängt zu bluten, dann müssen sie sofort den Krankenwagen anrufen.
Dann durfte ich raus.
Als ich zu Hause angekommen bin, war da keiner. Die Frau auf der Arbeit, die Kinder in der Schule – keine Blumen, kein Empfangskomitee.
Aber ich war noch immer da, damit hatte ich nicht gerechnet.“

Zwei Tage später saßen Hein und ich auf der Bank oben auf dem Deich und sahen uns den Sonnenuntergang an.
„Wusstest du, dass Columbo gestorben ist“, sag ich.
„Nee“, sagt Wernersen, „wie alt ist er denn geworden?“
„Ich weiß nicht genau, aber ein ganzes Stück über achtzig.“
„Der hat doch auch geraucht, oder?“
„Ja, hat er.“
„Siehst du“, sagt Wernersen, „hab ich doch gewusst, dass das da dran nicht liegen kann.

Ein Tunnel nach Amerika

von Janek Heinrich (copyright)

„Seht mal, da drüben“, Tante Gertrud streckte den Arm aus, und ihr kräftiger Zeigefinger deutete über das Meer. „Da hinten, da ist die Ostzone. Da wohnen die… Kommunisten.“ Sie verzog den Mund, als ob sie auf eine faule Miesmuschel gebissen hätte.
Wolli und ich kniffen die Augen zusammen und versuchten etwas zu erkennen, was uns aber nicht gelang.
Wir nickten trotzdem.
„Sind die Kommunisten gefährlich, Tante Gerda?“
Sie beugte sich zu mir herunter. „Oh ja, Janek. Die vergewaltigen Frauen, brennen Häuser nieder und stehlen Wasserhähne. Aber ihr braucht keine Angst zu haben, sie dürfen hier nicht rüber. Die werden sofort erschossen, wenn sie es versuchen.“
„Erschossen? Von uns?“
Sie richtete sich wieder auf, und ihr Schatten breitete eine angenehme Kühle über uns.
„Die erschießen sich gegenseitig.“
Wolli und ich sahen uns an. 
Mit unseren sechs Jahren hatten wir keine Ahnung wovon sie sprach, aber wir waren tief beeindruckt, dass wir in einer so abenteuerlichen Gegend Urlaub machen durften.

Es war im Sommer 1966 und wir waren in Scharbeutz an der Ostsee.
Meine Tante Gertrud, Wolli, der eigentlich Wolfgang hieß, und ich.
Wolli trug eine Kassenbrille, die ihn leicht bescheuert aussehen ließ, und er lebte in Tante Gertruds Kinderheim. Sie war da nur angestellt, aber dass es „ihr“ Kinderheim war, daran hätte niemand zu zweifeln gewagt. 
Sie hatte 15 Kinder in ihrer Obhut, wenigstens zwei (einfache) Erzieherinnen unter sich, und ihr Haar zu einem festen Knoten gebunden.

Wolli war mit drei Jahren vom Jugendamt bei Tante Gertrud einquartiert worden, und im Laufe der Zeit hatte er sich einen besonderen Platz vor dem Fernseher und in ihrem Herzen erkämpft. Darum durfte er auch mit ihr in den Urlaub. 
Mich hatte sie mitgenommen, weil meine Eltern gerade erst ein altes Haus gekauft hatten und jetzt, nach Papas erstem Herzinfarkt, jede Mark zwei mal umdrehen mussten.

In Scharbeutz gab es die Promenade mit ein paar Andenkenbuden und Restaurants. Ein Kino, dass „Tarzan“ mit Johnny Weissmüller zeigte, einige Pensionen und den weißen Steg, der bis heute in die Ostsee ragt.

Wolli und ich bauten enorme Sandburgen, und waren schon nach wenigen Tagen von all den anderen braungebrannten Strandjungs mit strohblonden Haaren nicht mehr zu unterscheiden. 
Wir hatten Freischwimmer-Abzeichen an den Badehosen, der Hosenbund reichte uns hoch über den Nabel und durch die Hosenbeine pfiff der Wind. 
Tante Gerda bewohnte mit Kopftuch, Sonnenbrille und Sommerkleid den Strandkorb. Im Badeanzug habe ich sie leider nie gesehen. 
Sie las anspruchsvolle Boulevardblätter oder döste dem nächsten Milchreis entgegen, während wir Löcher buddelten, die fast bis nach Amerika reichten. 
Wir zerquetschten glibberige Ohrenquallen mit unseren nackten Füßen und hatten Sorge, dass uns eine von ihren berüchtigten Verwandten beim Baden erwischen könnte. „Feuerquallen werden manchmal so groß wie LKW Reifen, und sie mögen blonde Jungen“, hatte uns ein freundlicher Eisverkäufer erklärt.
Eines Tages schlummerte die Tante in ihrem Strandkorb, und ich verwandelte mich in ‘rote Feder’, einen mutigen Strandindianer, der sich unbemerkt anschlich und ihre Sandalen „ausborgte“. 
Ich musste herausfinden, ob das Schuhwerk nicht nur über, sondern auch unter Wasser zu gebrauchen war. Es funktionierte tadellos.
Die Sandalen waren mir zu groß, aber man konnte damit trotzdem prima durchs Wasser waten, und der Sand kitzelte meine Zehen.
Wolli schaute überrascht, sagte aber nichts.
Ich war über meinen gelungenen Versuch hellauf begeistert.
„Tante Gerda“, rief ich. „Hallo, Tante Gerda! Sieh mal, ich hab
Taucherschuhe.“ Wollis Augen wurden groß wie Kamm-Muscheln.
Die Tante schaute auf. 
Sie sah sich auf dem Boden um, stemmte sich dann mit Schwung aus dem Strandkorb hoch und stapfte entschlossen auf uns zu. Wolli verkroch sich in unserer Baustelle.

Der Held des Tages, stand bis zu den Knöcheln im Wasser und sah ihr in freudiger Erwartung entgegen. „Sieh mal Tante, richtige Taucher…“ „KLATSCH!“ 
Die Ohrfeige traf mit einiger Wucht meine linke Wange. Unerwartet, unverdient und schmerzhaft.
„Du spinnst ja wohl,“ sagte sie und fischte meine Erfindung aus dem Wasser. Ohne ein weiteres Wort drehte sie sich um und stampfte mit geschürzten Röcken zurück in Richtung Strandkorb.
Wolli tauchte wie ein Maulwurf aus seiner Kuhle auf.
Ich hielt mir die heiße Backe, aber heulen tat ich nicht.
Er sah mich halb mitfühlend, halb spöttisch von der Seite an.
„Du solltest eigentlich wissen, dass man dem Lieben Gott nicht die Sandalen klaut,“ sagte sein Blick.
Ich nahm meine Schaufel und machte mich wieder an an die Arbeit.
„Unser Tunnel muss fertig werden“, sagte ich, „vielleicht kommen die Kommunisten ja doch hier rüber, dann können wir abhauen.“
„Meinst du echt, die kommen?“
„Ist alles möglich.“
„Der Tunnel ist ganz schön eng, die Tante wird da nicht durchpassen“, sagte Wolli.
Ich sah ihn an und zuckte mit den Schultern.
Wolli lächelte.

Mittags am Golf von Mexico – Eine Sommergeschichte

von Janek Heinrich (copyright)

„iiiiiiiihhh!! Mama, ein Hai!“ der Schrei des Mädchens hätte eine Fensterscheibe zum bersten bringen können, wenn es hier am Strand von Anna Maria Island ein Haus mit Fensterscheiben gegeben hätte.
Natürlich ein „Hai“, dachte Heidi, Heringshai, als sie vorüber schwamm – was denn sonst?
„Mama Hilfe! Mama, Mama…“ das Mädchen versuchte aus dem Wasser zu flüchten, aber obwohl sie einen gewaltigen Wirbel machte, kam sie kaum vorwärts.
„…Mama, er will mich fressen.“
So ein Quatsch, dachte Heidi. Hast du mal auf die Größe meiner Rückenflosse geachtet? Ich bin gerade mal einsfünfundzwanzig lang und wiege kaum dreißig Pfund.
„Er kommt, Mama er kommt. Er frisst mich Mama, er frisst mich auf!“

Wie sollte ich dich wohl auffressen, mit diesen Zähnen? Ich müsste dich lutschen, du blöde Göre. Hör schon auf zu schreien, ich bin nicht der Große Weiße aus dem Kino…
Zwei dicke , bleiche Baumstämme tauchten mit Wucht rechts und links von Heidi ins Wasser.
…und ich fresse keine…AUA! Etwas hatte Heidi mit Wucht am Rücken getroffen und ihre Schwanzflosse wurde gefühllos. Es musste ein Riese sein, der da seine Keule schwang.
„Du Satansbraten! Du willst mein Töchterchen erschrecken?“
Patsch!
„Du blöder Haifisch , Du!“
Watsch!
„Dich werd ich Mores lehren, du mistige Makrele.“
Pusch!
Wie Wasserbomben donnerten die Einschläge um Heidi herum.
„So was machst du nicht mit Edwina Thompson. Und schon gar nicht mit ihrer süßen Petronella.“
Batsch!
Heidi hatte sich bis zu diesem Moment immer für ein besonders flinkes Exemplar ihrer Gattung gehalten, aber sie vermochte es nicht den Schlägen auszuweichen.
Nur ihre empfindliche Nase schützte sie, indem sie den Kopf genau zwischen den Baumstämmen hielt, hierhin fuhr die Keule des Riesen nicht.
Das Wasser um sie herum kochte, brodelte und ihr Angreifer wirbelte so viel Sand auf, dass man die Flosse vor Augen nicht mehr sah.
Auch Edwina konnte nichts mehr erkennen, aber sie wusste, der Fisch war noch da.
Da, genau zwischen ihren Füßen. Sie war außer Atem, aber noch lange nicht am Ende. Konzentriert wie ein Kendo Kämpfer nahm sie den Sonnenschirm und drehte ihn, bis seine Spitze senkrecht nach unten zeigte.
Heidi verhielt sich ganz still, ihr war schwindelig. Die weißen Bäume rechts und links von ihr waren nur verschwommene helle Schatten. Sie sah genauer hin. Da waren blaue und lila Wülste zu erkennen, sie sahen fast aus wie Adern. Adern?
Das sind keine Bäume, dachte Heidi, das sind Beine!
„Ich habe drei Mistkerle von Männern unter die Erde gebracht, und die waren schlimmer als du“, flüsterte Edwina, „und heute Abend“, sie erhob den Schirm zum tödlichen Stoß, “ heute Abend gibt es gegrillten Hai mit KartoffelsalAAAHHH!“
Heidi hatte ihre Zähne in den linken „Baum“ geschlagen.
„Au Verdammt, er hat mich gebissen!“
Heidis Zähne steckten in einer wunderbar weichen, weißen Masse. Keine Knochen, keine Knorpel, keine Sehnen, kein Widerstand – es war ekelhaft.
Edwina riss die Arme in die Höhe, und der Sonnenschirm landete einige Meter weiter in der türkisblauen See. Die Wut über ihre viel zu kleinen Zähne ließen Heidi ihre eigentlich friedliche Gesinnung vergessen – sie setzte nach.
„Ah, du elende Mißgeburt“, fluchte Edwina,“ Petronella hilf mir! Hol den Schirm – schnell.“
Das Mädchen stand am Ufer und rührte sich nicht.
„Petronella, hol den verdammten Schirm. Hörst du !“
Mrs. Thompson hob ihr massiges Bein mitsamt dem Hai aus dem Wasser. Sie wollte das Untier abschütteln, aber Heidi hatte sich an ihr fest gebissen, wie ein Terrier an einem Postboten.
Edwina griff nach Heidis Schwanz.
„Petronella, du unnützes Balg. Ich prügel dich windelweich, wenn du nich sofort herkommst und mir hilfst.“
Das Mädchen bewegte sich nicht.
Heidi hatte eine dicke hellblaue Vene ins Visier genommen. Sie löste ihren Kiefer für einen Moment und schnappte dann mit aller Kraft erneut zu. Ihr Mund füllte sich mit süßem Menschenblut – das war doch schon sehr viel besser.
Mrs. Thompson verlor den Halt und stürzte, wie in Zeitlupe, rückwärts. Ihr mächtiger Hintern teilte die Fluten des Golfes, der sich das allerdings nicht lange gefallen ließ und wieder über ihr zusammen schlug. Edwina schluckte Wasser und verlor ihre Badekappe, aber Heidis Schwanz ließ sie nicht los.
Heidi wand und drehte sich während sich ihre Zähne immer tiefer in den Unterschenkel gruben.
Edwina änderte ihre Strategie. Sie umklammerte den Fischschwanz jetzt nur noch mit der linken Hand, mit der Rechten hämmerte sie auf Heidis Schädel ein.
Heidi hielt fest, und die Wunde an Edwinas Bein wurde größer.
Rote Wolken waberten durchs Wasser. Mrs. Thompson sah das Blut und wurde panisch.
„Petronella! Petronella beweg dich endlich und hilf mir“, rief sie.
Das Mädchen ließ die Schultern sinken und blickte zu Boden.
Ein Mann mit gestreifter Badekappe, krummen Beinen und Nickelbrille war herzu gekommen und stand nur wenige Meter von Petronella entfernt.
Er hatte die Hände hinter dem Rücken verschränkt, den Oberkörper nach vorn gebeugt und blinzelte kurzsichtig in Richtung des Getümmels.
Er wirkte in seiner altmodischen Badehose nicht wie ein Life Guard aus dem Fernsehen, aber Mrs. Thompson hatte keine Wahl.
„He Sie, Sir. Dann helfen sie mir doch bitte mit diesem Mistvieh.“
Sie donnerte eine Rechte aus Heidis Kopf.
Der Mann deutete auf seine kaum behaarte Brust. „Wer, Ich?“
„Natürlich Sie, wer denn sonst? Meine verblödete Tochter rührt sich nicht, und die Jungs von Baywatch sind im Urlaub. Also los Mann, helfen sie mir raus.“
Der Mann scharrte mit den Füßen im Sand und schüttelte den Kopf.
„Ich kann nicht Ma’am, da is ein Hai.“
„Ach, was sie nicht sagen. Da wäre ich alleine ja nie drauf gekommen. Was glauben sie, wer mich hier gerade in die Wade beißt.“
Der Mann sah auf seine Füße und schüttelte noch einmal den Kopf.
„Den meine ich nicht“, sagte er.

„Heidi, Heidi“; sagte Torres Tigerhai und seufzte, „das hätte ich nicht von dir gedacht. Sieh dir bloß mal an, was für eine Schweinerei du hier veranstaltet hast.“
Heidis Kopf dröhnte von den Fausthieben, die sie hatte einstecken müssen.
„Halt`s Maul, Torres“, sagte sie.
Torres sog etwas Wasser durch seine Zahnlücken um die Speisereste zu entfernen.
„Nee nee, alles voll mit ihrem fettigen Blut, und überall schwimmen noch Reste von der Dame herum. Gönn dir was, Mädchen. Einen halben Unterarm habe ich dir noch übrig gelassen.“
„Torres, halt`s Maul.“
„Ihr hässlicher Schädel dümpelt da auch noch irgendwo rum, aber den können sich von mir aus die Aale teilen“, Torres rülpste, „Mann, is mir schlecht.“
Einer von Edwinas dicken Fingern trieb langsam an Heidi vorbei. Sie schnappte danach – er schmeckte nach Sonnencreme.
„Guck mal Heidi, der Alte mit den krummen Beinen. Der ist ganz grün im Gesicht, ich wette zwei zu eins, der macht gleich ein zähflüssiges Bäuerchen. …Siehste, ich hatte recht.“ Torres grinste, „ Bloß gut, dass die Kleine uns nicht in die Quere gekommen ist. Nur Haut und spitze Knochen, da kann man sich übel dran verschlucken, sag ich dir. Ein Vetter von meiner Mutter…“
„Sieh mal Torres“, sagte Heidi.

Petronella, die Tochter der kürzlich verschiedenen Mrs. Thompson, stakste schlafwandlerisch auf das Wasser zu. Bis zu den Knien watete sie in die rötliche Brühe hinein. Sie fischte etwas heraus, das die Größe eines Handballes hatte und von ähnlich bleicher Farbe war.
Die beiden Haie schwammen näher heran, sie waren neugierig.
„Oh hallo Mrs. Thompson“, sagte das Mädchen, „sie sehen heute aber gar nicht gut aus. Was ist ihnen denn bloß widerfahren – sind sie schwimmen gewesen und eine Schiffsschraube hat sie erwischt? Nein?“ Das Mädchen schmunzelte. „Ach so, ein Hai hat sie ins Bein gezwickt. Ein kleiner böser Babyhai“, sie schürzte die Lippen als ob sie zu einem Kleinkind spräche, „Oh, dieses böse, böse Tier. Und Ihre Tochter? Diese nichtsnützige, stumpfsinnige, unbegabte und vor Blödheit stinkende Petronella hat ihnen nicht geholfen? Nein? Sie hat einfach nur da gestanden und keinen Finger gerührt?“ Petronella schüttelte den Kopf, „Nein, das ist wirklich keine Art mit der eigenen Mutter umzugehen. Aber Mrs. Thompson, eigentlich sind sie selbst daran schuld. Wer seine Kinder nicht richtig erzieht, wer zu freundlich und zu milde ist, der darf sich nicht wundern. Das haben sie jetzt von ihrem guten Herzen.“ Das Mädchen seufzte, „ Ach Mrs. Thompson, sie hätten sie öfter schlagen müssen. Mit der Zeitung oder dem Pantoffel auf den Rücken, damit man es nicht sieht. Sie hätten auch viel früher damit anfangen müssen – nicht erst mit drei Jahren.
Und der Kleiderschrank? Viel zu harmlos. Der dunkle Keller hätte es sein müssen, mit dem Hinweis darauf, nicht auf die Spinnen zu treten.“ Petronella zuckte mit den Schultern. „Sie waren zu unentschlossen Mrs. Thompson, ja, ja. In der Kindheit und später in der Jugend erst recht. Sie hätten Petronellas Willen, ihren Stolz und ihr freches Selbstbewusstsein viel früher brechen müssen – nicht erst mit zehn. Sie einfach nur anzuschreien war nicht genug.“ Das Mädchen ließ die Arme sinken und ihr Blick schweifte in die Ferne. Der Schädel tauchte bis zur Hälfte ins Wasser, aber sie hielt ihn an den Haaren fest, damit er nicht fort schwamm.
Heidi verfolgte Petronellas Monolog mit gebannter Spannung, Torres dagegen verdrehte nur gelangweilt die Augen und beschäftigte sich lieber mit seinem Sodbrennen.
Spielerisch zog das Mädchen den Kopf ihrer Mutter aus dem Wasser und ließ ihn dann wieder fast versinken.
„Nein, Mrs. Thompson“, sagte sie, „Sie haben ihre Möglichkeiten an diesem Kind vertan. Und später, in Petronellas Pubertät? Da wäre die Gelegenheit gewesen das Steuer noch einmal herum zu reißen. Sie hätten ihre Tochter viel öfter lächerlich machen müssen, vor allem in Gegenwart Fremder. Aufhänger gab es doch genug. Warum haben sie so selten eine Bemerkung über Petronellas „Silberblick“ gemacht, ihre starke Körperbehaarung bemerkt, oder davon gesprochen wie angenehm ihre Tochter vor der Pubertät gerochen hat? Sicher, sie haben oft für Erheiterung der Gesellschaft gesorgt, wenn sie den „Stacheldraht“ in Petronellas Mund erwähnten, aber war das genug? Nein, Mrs. Thompson, das war es nicht.“
Petronella zog den Kopf ihrer Mutter sanft, ja fast zärtlich an den Haaren durch die Wellen. Das Wasser wurde klarer, das Blut schien ausgewaschen zu sein.
Mit einem Ruck zerrte sie an den Haaren und Edwinas Gesicht tauchte auf.
„Sie haben ihre Chance vertan“ sagte Petronella, „das Schicksal hat ihnen so viele Möglichkeiten gegeben, aber selbst als dieses unnütze Kind nur noch stammelnd und mit heißen Händen durch die Welt ging, haben sie nicht zugeschlagen, den Sack nicht zu gemacht.“ Petronella schnellte unvermittelt hoch und riss Edwinas Kopf an den Haaren aus dem Wasser. Sie schleuderte das bleiche Ding wie ein Hammerwerfer herum und brüllte: „Du hast versagt Mrs. Thompson! Du hast versagt Edwina! Du hast versagt Mutter!“
Bei der letzten Silbe ließ sie los und Edwinas bleicher Schädel flog weit in die Dünung hinaus.
Torres stieß einen anerkennenden Pfiff aus: „ Nicht schlecht Mädchen. Langweiliges Gequatsche, aber ein guter Wurf.“
Petronella sah zu ihm hinüber.
„Bist du das gewesen, hast du meine geliebte Mutter gefressen ?“
„Äh, ja… ich meine“, sagte Torres, „ …ich würde das nicht „gefressen“ nennen, ich habe sie …nur einmal probiert.Genau, eigentlich nur probiert, habe ich sie.“
Das Mädchen stemmte die Hände in die Hüfte, dann legte sie den den Kopf zur Seite und betrachtete den Tigerhai.
„Selber schuld“, sagte sie.

Hubert

von Janek Heinrich (copyright)

Hubert klingelte zweimal.
Er hatte Schlüssel zu ihrer Wohnung, aber er wollte niemanden erschrecken.
Keine Antwort. 
Auf dem Klingelschild fehlte ihr Name, aber das war egal. 
Hubert hatte schöne braune Brötchen geholt, so, wie Mama sie gern hatte.
„Die Blassen sind für Leute, die keine Zähne mehr haben“, sagte sie immer. Mama hatte ihre Zähne seit fünfundachtzig Jahren. 
Fast vollständig – das hatte kaum jemand.

Hubert hatte von Anfang an nur Schrott im Mund gehabt, ein Erbteil seines Vaters. 
Mama hatte die Angst vor den Bomben der Amis erlebt und Hubert den Bohrer von Dr. med. dent. Erlenhaus.
Die Lampe hatte seine Augen geblendet. Der Bohrer wurde von einem Riemen angetrieben, langsam, sehr langsam. Man konnte die Umdrehungen beinahe mitzählen. 
Durch die gelblichen Gardinen sah man auf den Bahndamm, aber das war egal, denn die Spannung galt dem Nerv, den Dr. Erlenhaus jeden Moment treffen würde.
Die Bomben der Amis trafen durch Zufall. Der Bohrer war präzise, auch wenn der Doktor nicht mehr gut sah und zitterte. 
Er traf ihn, er traf ihn jedes Mal. Erlenhaus war ein guter Zahnarzt. „Purzellin“, stand auf einem Plastikspender, der auf einem Tischen stand und an den Hubert sich selbst nach vierzig Jahren noch gut erinnern konnte.
„Es gibt Humanmediziner und es gibt Zahnärzte,“ hatte Papa einmal gesagt, nachdem er wieder lächeln konnte. 
Man hatte ihm die Parodontose mit einem glühenden Draht weg gebrannt und er hatte seinen Mund an diesem Tag lange mit kaltem Doppelkorn spülen müssen, bevor er endlich schlafen konnte. Dentist Bärmann, (nicht einmal ein Dr.), ein Mensch mit Unterarmen wie ein Pferdeschlächter und mit einem Gemüt, dem dieser Vergleich nichts ausgemacht hätte, hatte ihm diese Kur verpasst. 
„Mach’ jetzt das verdammte Maul auf!“ hatte er Hubert einmal angebrüllt. Sie wechselten daraufhin zu Dr. Erlenhaus. „Der ist nett und vorsichtig,“ hatte Mama gesagt.
Papa wechselte nicht. 
Ihm hatten die Russen im Krieg den halben Arsch weg geschossen. Papa konnte eine Menge aushalten.
Von Omas Tod einmal abgesehen, aber das war erst viel später.  Bärmann hatte mit seinem „Fleischerladen“ gutes Geld verdient. 
Er war einer der wenigen, die sich schon damals eine neue Frau, ein rot-weißes Ledersofa und einen Farbfernseher leisten konnten. Huberts Eltern hatten einen Laden für Radios und Fernseher, aber ein eigenes Gerät hatten sie nicht.
Dentist Bärmann war ein guter Kunde, und wem man einen teuren Fernseher verkauft hatte, dem konnte man wahrscheinlich demnächst auch eine neue Musiktruhe liefern. 
Papa hatte Familie und ihm waren die Spielregeln bekannt.

Man hatte ihn mit siebzehn eingezogen. Ein hübscher Junge, Hubert hatte ein Foto von ihm gesehen. 
„Hübsches Menschenmaterial“ für einen kurzbeinigen Österreicher, der mit seinen bekloppten und verkrüppelten Kumpanen eine arische Weltherrschaft angestrebt hatte.
Ein Granatsplitter? Ein Schrapnell? Keine Ahnung!
Papa war in einem italienischen Lazarett aufgewacht und es dauerte lange, bis ihn eine Schwester überreden konnte etwas zu essen und ein bisschen italienisch zu lernen. 
Seine Liebe zu „Bella Italia“ sollte bis ans Ende seiner Tage reichen.
Sein Bruder Heinrich hatte weniger Glück. Er verbrannte in einem Schützenpanzer vor Stalingrad. 
Die Behörden führten ihn als „vermisst“. Das klang besser.

Mama saß immer auf einem Stuhl an der Wand des Behandlungszimmers, hinter Hubert. Sie drückte ihm die Daumen. Dahinten, am Ende der Welt, wo man selbst keine Löcher in den Zähnen hat, tut man das, auch wenn man nicht weiß warum.
„Wenn ich als Kind mal nachmittags Langeweile hatte,“ erzählte Mama oft, „dann bin ich freiwillig zum Zahnarzt gegangen. Der hat dann gefragt, ob mir was wehtut, aber mir tat nie was weh. Ich hatte keine Löcher, oder so was. Der hat mir dann ein paar Bonbons geschenkt und ich bin nach hause gehüpft. Und wenn meine Mama, die Oma, mich dann gefragt hat, wo ich gewesen bin, hab’ ich gesagt : „Bei Dr. von Gahlen.“ 
Mama erzählte diese Geschichte oft.
Mama war nicht bösartig – nur mit Erfahrungslosigkeit gesegnet.
Es gab andere Dinge, die sie schlimm erwischen sollten.
Huberts Zähne erwischte es zum ersten mal in Omas Bett.
Er war fünf und gerade aus dem Winterurlaub mit seinem Vater zurück, und sie machten Zwischenstation bei den Großeltern.
An diesem Morgen hatte Oma nach dem Aufstehen die Fenster weit geöffnet und dann die Federbetten zum lüften über das Fußende des Bettes geworfen. 
Hubert mochte Omas Bett, weil es quietschte und knarrte, wenn man darauf herum sprang. 
Oma mochte „frische Luft“ und „gute Seife“, wie sie sagte. 
Sie sagte auch „gute Butter“, und „Bohnenkaffee“, wenn sie von ganz normalem Kaffee sprach.
Oma hatte etwas gegen Filtertüten. Sie brühte das Kaffeepulver lieber nach guter alter Sitte, der ganze Hausflur duftete danach und gab ihr recht.
Hubert gefielen die Federbetten über dem Fußende. Es wäre bestimmt so, als ob man auf einer Wolke landete. Man musste nur genügend Schwung holen, die Arme ausbreiten und lächeln. Die Betten hatte ein Tischler namens Koschinski aus massiver Eiche gebaut.
Auf seinem Einschulungsfoto sieht man Hubert, und man sieht seine Milchzähne. Alle schwarz. Wäre er berühmt geworden, man hätte das Fußteil mit dem Zahnabdruck bestimmt ausgestellt.
Er lebte mit seinen schwarzen Zähnen. Die würden bald ausfallen, und Platz machen für die Neuen. 
Die anderen Kinder waren neidisch, sie glaubten, es käme von all den Süßigkeiten, die er immer essen durfte. 
Hubert erzählte niemandem die wahre Geschichte, warum auch? 
Die hässlichen kleinen Dinger fielen tatsächlich bald aus. 
Hubert warf sie weg. Es gab niemanden, der sie hätte aufbewahren wollen. Nicht einmal die Zahnfee.

Jemand tippte Hubert auf die Schulter.
„Herr Lehmann? Gut, das ich Sie treffe, ich brauche den Schlüssel.” Hausmeister Krüsel war ein freunlicher Mensch. “Herr Lehmann, sie wissen, dass wir die Wohnung ihrer Mutter geräumt haben? Das wissen sie doch…“ Er drehte Hubert vorsichtig an der Schulter zu sich herum.
„Herr Lehmann, können sie mich verstehen? Ihre Mutter ist vor drei Monaten verstorben, das wissen sie doch, …? Ich brauche den Wohnungsschlüssel. Herr Lehmann…?“
Hubert sah ihn an.

Keine Post aus Portugal

von Janek Heinrich (copyright)

„Nur vierhundert vierundneunzig Euro pro Person. Eine Woche mit Halbpension.“ Dem Mann vom Reisebüro fehlte ein Schneidezahn. „Ein idyllisches Fleckchen, sag ich Ihnen, direkt am Meer, mit Ursprünglichkeit und Meeresrauschen.“
Ulla wäre Lissabon lieber gewesen. Wegen der Kultur.
Ich brauchte Ruhe und Entspannung mit Möwengeschrei.
Wir einigten uns schließlich auf Albufeira an der Algarve. Ein Kompromiss.
Kein verschlafenes Kaff, wie ich es gern gehabt hätte, aber auch keine Großstadt mit „Kultur“. Ich würde die Tage in einem Strand Cafe’ verbringen. Ulla könnte shoppen gehen und unser Geld für tausend Dinge ausgeben, die uns gerade noch gefehlt hatten.
Der Flug verlief angenehm.
Unser Hotelzimmer hatte kaum Kakerlaken, das Frühstück war gut für die Figur, und der Weg bis zum Hafen war, für eine sportliche Katze, kaum der Rede wert.
Ich fand ein Plätzchen unter einer sonnengelben Markise, die zu einem typischen Cafe’ gehörte.Von hier hatte man einen großartigen Blick auf den blendend weißen Strand, die mannshohen Wellen und die salzverkrusteten Oberteile der Senoritas.
Ulla erkundete inzwischen mit großem „OH!“ und „AH!“ die anderen Sehenswürdigkeiten.
Ich trank mehr Kaffee als meinem Magen gut tat, las ein wenig und genoss ansonsten den weiten Blick über das Meer zu meinen Füßen. Von Zeit zu Zeit kam Ulla vorbei. Vollgepackt mit Tüten und Taschen. Alles Sonderangebote, wie man ihr versichert hatte.
So gingen unsere Urlaubstage dahin, in schöner Eintracht – bis auf den Letzten.
Ich saß unter meiner friedlichen Markise und beobachtete eigentlich nichts besonderes, als Ulla verschwitzt neben mir auftauchte.
Sie atmete schwer.
„Hallo Schatz, nimm doch mal die Füße von dem Stuhl, ich will die Tüten abstellen, Danke. Ich muss was trinken. Herr Ober? Eine Botiglia mit Agua, ja? Gracias Senor! Meine Güte, du glaubst ja nicht, was man hier laufen muss, um alles gesehen zu haben. Ich verdurste… Senor, machen sie doch mal etwas dawai mit meinem Wasser,… Dankeschön! Gracias, Senor, mille gracias.“
Ich legte meine Lektüre beiseite. Ulla trank gleich aus der Flasche. „Meine Zeit“ (sie machte ein Bäuerchen) „Wir hätten das Wichtigste beinahe vergessen.“
Ich zog eine Augenbraue hoch: „Das Wichtigste?“
„Ja, natürlich. Heute ist unser letzter Tag und wir haben noch keine einzige Postkarte geschrieben.“
„Tatsächlich?“
„Ja, tatsächlich. Es ist mir eben eingefallen. Hier, sieh mal.“ Sie holte einen beachtlichen Packen Postkarten hervor. „Die müssen wir alle heute noch schreiben.“
„Die alle?“
„Ja, natürlich! Glaubst du etwa, ich fahre bis nach Portugal und schreibe keine Karte?“
„Aber das sind doch bestimmt fünfzig Stück.“
„Ach, du übertreibst, es sind sechsunddreißig. Und die werden wir jetzt an unsere lieben Daheimgebliebenen verschicken.“
Ich schüttelte den Kopf: „Nö!“
„Was soll das heißen?“
„Nö, soll heißen, dass ich keine Karten schreiben will.“
„Du willst keine Karten schreiben?“
„Nö!“
„Du willst unseren Lieben nicht erzählen, wie Schön es hier war?“ „Nö!“
„Ich habe es gewusst! Ich habe es wirklich gewusst. Der Herr fährt bis nach Portugal, nur um hier einen Kaffee nach dem anderen zu trinken und interessiert sich sonst für gar nichts. Nicht für Land und nicht für Leute. Und weigert sich dann auch noch eine läppische Postkarte nach hause zu schicken.“ Sie nahm einen großen Schluck aus ihrer Wasserflasche. Die Leute an den Nachbartischen sahen aufmerksam herüber.
„Eine Karte wäre in Ordnung“, sagte ich, „aber nicht eine ganze Postwurfsendung von sechsunddreißig Stück.“
„Eine würdest du schreiben?“
„Ja, eine würde ich schreiben.“
„O.K. also eine?“
„Ja!“
„Wie gut, dass ich das vorhergesehen habe.“ Sie legte eine Karte auf den Tisch. Das Foto zeigte unsere Bucht.
„Die ist ja schwarzweiß“, sagte ich. Ulla kramte in ihrer Tasche. „Genau, aber weil du ja der Künstler in unserer Familie bist, darum… habe ich dir… ein paar Buntstifte zum Kolorieren mitgebracht.“
Ich liebte eine Wahnsinnige!
„Hier mein Schatz. Ich schreibe fünfunddreißig Ansichtskarten. Du schreibst nur eine. Handkoloriert, für Helmut und Helga Herrmann.“   
„Für unsere Nachbarn?“
„Ganz genau!“ Ulla zückte ihren Kuli, klemmte die Zunge zwischen die Zähne und beschrieb Karte um Karte. Der Kellner schleppte Kaffee und Wasser heran und ich bemühte mich nach Kräften.
Wir wurden etwa gleichzeitig fertig.
Ulla stopfte ihre Karten in eine Einkaufstüte. „Dann lass mal sehen, was mein Künstlergatte zustande gebracht hat.“
Ich zeigte es ihr, und sie war überrascht.
„Was soll das denn sein“
„Was meinst du?“
„Warum haben die Badegäste alle rote Hintern?“
„Sonnenbrand.“
„Und was ist das Schwarze hier?“
„Rauch.“
„Rauch?“
„Ja, die Pommesbude brennt.“
„Und warum hat das Haus da oben rote Fenster?“
„Das ist der Puff, falls Helmut mal herkommen sollte.“
„Und was ist da im Wasser?“
„Haifischflossen, sieht man doch.“
„Warum?“
„Damit seine Frau zuhause bleibt.“
„Und der schöne Strand, was soll das Schwarze denn sein?“
„Ölpest“.
„Und die zwei Eier mit dem Stiel in der Mitte?“
„Atomkraftwerk“.
Ulla seufzte und schüttelte den Kopf. Sie nahm die Karte, zerriss sie, und Hundert kleine Schnipsel regneten auf meinen Kopf.
Armer Helmut, dachte ich. 
Ich hätte dir wirklich gern geschrieben, wie schön es an der Algarve ist.

Marlboro und Bauernrosen

von Janek Heinrich (copyright)

Fast geräuschlos gleitet ein Nachtzug aus der Halle. 
Der Bahnsteig ist leer, bis auf mich. 
Ich stecke mir eine Zigarette an, und sehe ihm hinterher, die Schlusslichter werden kleiner. 
Es ist Samstag, der 23. August. Ein warmer Abendwind weht um meine Hosenbeine und spült den Duft von Bauernrosen und alten Zeitungen durch die Bahnhofshalle.
Die roten Lichter verschwinden in Dunst und Dunkelheit. 
Nur ein schabendes Pfeifen ab und zu, und das typische ta-tack ta-tack ist zu hören, wenn die Waggons über die Nahtstellen der Gleise fahren.
Ich rauchte nicht gern, es bekommt mir nicht.
Es macht mir Kopfschmerzen und ein gemeines Kratzen im Hals, aber es muss sein, der Cowboy auf dem Plakat gegenüber raucht schließlich auch.
So sieht ein richtiger Mann aus. Mit kleinen Fältchen um die Augen und kräftigen Händen. Mit breiten Schultern und einem Lächeln, das die Kerle auf Abstand hält, und den Damen Herzklopfen macht.
Die Anzeigentafel über mir rattert die nächsten Abfahrtszeiten herunter.

Es ist 23Uhr18.
Der ICE zeigt sich in der Einfahrt. 
Ein Pfeifen und Surren der Schienen begleitet seinen Auftritt. Ich werfe die Kippe auf den Boden, spurte los und renne einige Meter vor der Schnauze her – der Lokführer soll mich sehen. Der Mann im Führerhaus macht große Augen. Er tritt auf die Bremse, er zieht an den Hebeln, aber es ist zu spät. Noch ein, zwei große Schritte, dann werfe ich mich seitwärts, mitten hinein in das Kreischen der Räder.
Der Express berührt meine Brust nur flüchtig, dann begräbt er mich unter Tonnen von veröltem Stahl.
Ich schlage mit dem Hinterkopf, badambadam gegen die Schwellen – dann der Geruch von Urin und Teer – dann Dunkelheit.
Die Vorderachse zerreißt mir den linken Arm, ich werde quer über die Gleise geschleudert und einer der Radreifen schneidet meinen Oberkörper in zwei ungleiche Hälften – das war´s.

Ich komme jeden Abend hierher – immer pünktlich.
Ich stellte es mir vor, immer und immer wieder.
Dann wird mir schlecht.

„Na du Held? Hast wohl’n schwachen Magen, wie?“
Jemand lacht, aber ich bin allein auf diesem Bahnsteig…
„Du Möchtegern-Selbstmörder. Schaffst es wieder nicht, was?“
„Wer…?“ Ich sehe mich um, kann aber niemanden entdecken.
„Hier drüben, Brillenschlange.“
„Wo?“
„Hier auf deinem Lieblingsplakat, Mensch.“
Es ist der Marlboro-Mann. Er bewegt sich nicht, aber er spricht mit mir.
An der Wand neben ihm lehnt eine Leiter, die wohl jemand vergessen hat. Meine Fantasie ist schuld, ich habe zu viel davon.
„Fantasie? Wenn du Fantasie hättest, dann hättest du Micky Maus erfunden, oder so was“, sagt er.
„Ich verstehe nicht…“
„Wie, du verstehst mich nicht. Soll ich lauter reden, kleiner Mann? Hast wohl außer deinem Hirnschaden auch noch was mit den Ohren, wie?“
„Sie reden mit mir“, sage ich.
„Sehr richtig, gut erkannt. Ich rede mit dir, kleiner Mann. Und willst du auch wissen, warum ich das tue? “
„Ja.“
„Well, ich will es dir sagen, Shorty, oh ja, das will ich. Ich rede mit dir, weil du mich ankotzt! Weil ich mir dein langweiliges Theater hier jeden Abend ansehen muß. Deinen „Sterbender Schwan“- Schwachsinn.
Weil du hier auf meinen Bahnsteig kommst um dich umzubringen, aber zu feige bist, es wirklich zu tun, und…“
„Ich bin nicht…“
„Was bist du nicht?“
„Ich bin nicht feige.“
„Ach nein? Was bist du denn dann?“
„Ich habe nur…“ sage ich.
Sein Lachen weht eine leere Chipstüte auf die Gleise.
„Was hast du? Nichts hast du. Weil du kein Mann bist. Du bist gar nichts. Du bist nicht mal ein Mädchen.“
„Ein Mädchen?“
„Klar mein Freund. Wenn du ein Mann wärst, würdest du tun, was ein Mann tun muss. Wenn du ein Mädchen wärst, dann würdest du sagen: „Pfeif doch drauf“, und machen was du willst, aber so?“
„Ich bin ein Mann“, sage ich.
Er lacht und hustet gleichzeitig.
„Nein.“
„Ich bin ein Mann.“
„Bist du nicht.“
„Ich werde es beweisen.“
„Wie willst du es beweisen?“
„Ich werde es tun.“
„Was willst du tun, dich vor den Zug schmeißen?“
„Ich werde es tun.“
„Wann?“
„Morgen…, Morgen Abend.“
„Morgen Abend?“
„Ja.“
„Gut, Shorty, ich werde hier sein.“

Ich drücke die Zigarette sorgfältig im Aschenbecher aus, dann steige ich mit steifen Knien die Treppe hinunter. Nur wenige Leute mit Koffern und Taschen kommen mir entgegen.
Mein Magen fühlte sich an wie ein Knoten aus rostigem Eisen, und hinter meinen Schläfen wütet ein wahnsinniger Trommler.
Bevor ich den Kiosk betrete, betrachte ich mein Spiegelbild in der Fensterscheibe.
Niemand trägt eine beige Windjacke, braune Hosen und schwarze Schnürschuhe die auf Hochglanz poliert sind, weil man seine Schuhe pflegen muss. Niemand. Der Marlboro Mann hat recht.

„Oh hallo, guten Abend, der Herr. Einen kleinen Jack Daniels und einmal „Freiheit und Abenteuer“ wie üblich?“ Die Dame vom Kiosk ist freundlich, sie ist immer freundlich – zu jedem. Wie die Huren am Hafen.
Zigaretten habe ich noch genug, aber ich will ihr nicht widersprechen. Älteren Damen widerspricht man nicht.
„Ja, bitte.“ sage ich.
„Hier bitteschön, der Herr. Das macht dann neun Euro fünfzig.“
Ich hole mein Portemonnaie aus der Hosentasche, nehme einen neuen Zehner heraus und streiche ihn sorgfältig glatt, bevor ich ihn auf die Theke lege. Die Kasse klingelt.
„So, hier sind fünfzig Cent zurück. Vielen Dank.“
Draußen in der Vorhalle singt ein Straßenmusikant: „Johnny be good…“ und drischt auf seine Gitarre ein. Ich sehe mich in dem Kiosk um.
„Ach, den Filzstift da, den hätte ich gerne auch noch“, sage ich.
„Diesen hier?“
„Nein, den dicken roten da hinten.“
„Diesen?“
„Ja, bitte.“
„Dann sind das nochmal dreifünfzig, der Herr.“
„Hier, bitteschön.“
„Vielen Dank“, sagt die freundliche Dame, „ und einen schönen Abend noch.“
Ich nehme meine Sachen und verlasse den Laden.
„Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss“, geht es mir durch den Kopf. „Go Johnny, go!“
Ich steige die altbekannten 68 Stufen zum Bahnsteig wieder hinauf.

„Nanu, kleiner Mann, du wolltest doch erst Morgen kommen?“
Ich gehe auf das Plakat zu und greife in meine Jacke.
„Was hast du da, Shorty? Was hast du vor?“
Ich nehme die Leiter und steige zu ihm hinauf, jetzt sehe ich direkt in sein strahlend blaues Auge.
„Was soll das werden, nimm die Leiter da weg“, sagt er.
Ich nehme den Filzstift und male ihm eine große, runde, rote Nase.
Sehr sorgfältig, dann steige ich runter und stelle die Leiter zurück.
„Was hast du gemacht? Verdammt, ich kann es nicht sehen. Los du kleine Schwuchtel, rede!“
Ein Lächeln zupft an meinen Mundwinkeln
„Ich bin ein Mädchen“, sage ich,“und ich Pfeif` was drauf!“
Tauben flattern durch die Halle.

Ich habe schon lange nicht mehr so gelacht…

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