Garfield & Co. (2)

von Dieter J. Baumgart (copyright)

Sein Verhältnis zu den Katzen seiner Gemeinde dürfte auch einen Kenner in Erstaunen versetzen. Kriegerische Auseinandersetzungen gibt es nur mit den schon erwähnten Warlords. Sie werden stets zu Garfields Gunsten entschieden, weshalb der Kriegsfall auch immer seltener eintritt. Eine Belästigung seiner Schutzbefohlenen, dazu gehören insbesondere die beiden Enkel unseres Pflegefalles, wird geahndet, als ginge es um ihn selbst. Nicht selten sieht man ihn in engem Fellkontakt mit beiden, die Schwänze übereinander, die mächtige Garfieldpranke fürsorglich auf dem Kopf des Katers oder der Kätzin ruhend. Beide, Pantoufle wie auch Gipsy, verehren Garfield und bewundern seinen Mut im Umgang mit uns Menschen grenzenlos. Einfach liegen zu bleiben, wenn man uns im Wege ist, das erlaubt sich außer Garfield nur noch Bobine. Begrüßungszeremonien zwischen Garfield, Pantoufle und Gipsy sprengen alle Vorstellungen vom allgemeinen Umgang zwischen Katzen. Köpfe reiben, über die Nase lecken, zärtlich ins Ohr beißen, das sind die normalen Ritualien, die überdies Ausdruck wirklicher Freude sind. Es ist beeindruckend, wenn Pantoufle ihren Beschützer einige Stunden nicht gesehen hat und zart wie eine Feder, den Schwanz mit leicht gebogener Spitze in die Höhe gereckt, auf ihn zu schwebt und sich in seine Arme wirft. Worauf der Angebete ihr sanft mit der Zunge über die Nase fährt. Und wenn mit Garfield mal die sprichwörtlichen Pferde durchgehen, seine Liebkosungen etwas derb geraten, dann akzeptiert er eine Ohrfeige mit einer Selbstverständlichkeit, die den Eindruck einer Zurechtweisung gar nicht erst aufkommen läßt. Sein Verhältnis zu Bobine ist da etwas differenzierter. Bobine, die wir von klein auf kennen, die als einzige unser Haus jederzeit betreten darf, ist ein wenig exaltiert und macht auch keinen Hehl daraus. Wenn wir gelegentlich das Haus voller Katzen erwischen und fordern energisch zum Verlassen des Raumes auf, dann weiß Bobine, daß sie nicht gemeint ist. Auch das respektiert Garfield ebenso, wie die Tatsache, daß Bobine keinen engen Körperkontakt wünscht.
Allerdings gibt es Situationen, in denen wir Bobine darauf hinweisen müssen, daß sie nicht der Majordomus ist. Heute, zum Beispiel, war sie im Hause und meinte, Garfield durch Drohgebärden davon abhalten zu müssen, auch einzutreten. Also haben wir ihm den Zutritt gestattet und Bobine klargemacht, daß sie nicht der verlängerte Arm des Gesetzes ist. Wir sind sicher, daß Garfield den feinen Unterschied bemerkt hat. Ganz abgesehen davon, daß er sich von Bobine nicht den Zugang verwehren ließe.
Interessant ist auch das sexuelle Verhalten in unserer kleinen Katzengemeinde, und Altmeister Freud hätte gewiß seine helle Freude daran. Bobine nimmt die Pille und würde sich sowieso nicht mit Garfield einlassen, Gipsy ist zwar Kater, doch von seinem Verhalten Garfield gegenüber unterscheidet er sich kaum von Pantoufle. Pantoufle wiederum hat sich in der „heißen“ Zeit vor einigen Monaten so hemmungslos vor Garfield herum gewälzt, daß ihm gar nichts anderes übrigblieb, als sich ihrer anzunehmen. Das Ganze lief eher nach dem Prinzip na schön, wenn du unbedingt möchtest ab und hatte auch keine länger währenden Folgen. Die sehr zart gebaute Pantoufle hatte offenbar eine Fehlgeburt, von der sie sich aber bald erholte. Zur Zeit sind ihre Beziehungen zu Garfield, wie auch zu Gipsy, rein platonisch und weiterhin überaus herzlich. Natürlich kann es auch sein, daß Garfield sterilisiert ist und Pantoufle von jemand anderem geschwängert wurde. Wir wissen es nicht und möchten uns da auch nicht einmischen.
Vor vierzehn Tagen, zu Beginn der canicule, der Hundstage, schlummerte Garfield unter der Hortensie in einem der Schwalbennester, wie wir die in die Felswand vor unserem Haus gemauerten Pflanzbehälter nennen. Irgendwie saß mir der Schalk im Nacken, und ich dachte, mal sehn was passiert: Behutsam steckte ich den Gartenschlauch in die Erde unter der Hortensie und drehte vorsichtig auf. Garfield schlief, geräuschlos stieg der Wasserspiegel im Felsennest, erreichte und umrahmte schließlich den Kater mehrere Zentimeter hoch. Einzige Reaktion: Er leckte die durchnäßte Vorderpfote, stellte fest, daß es sich um schlichtes Wasser handelt und schlief weiter. Ein Wasserbett bei 35° C im Schatten schien ihm zu behagen. Erst als ihn beim Entfernen des Schlauchs ein feiner Wasserstrahl von oben traf, zog er sich mit triefendem Bauch in die oberen Gefilde zurück.
Die nur schwer zu erschütternde Gemütsruhe Garfields, die keineswegs mit Phlegma zu verwechseln ist, prägt auch den Umgang, den wir miteinander pflegen. Es ist selbstverständlich, daß wir auf ihn Rücksicht nehmen, wenn er irgendwo herumliegt. Ebenso befleißigen wir uns einer ruhigen, freundlichen Sprache, wenn wir mit ihm etwas zu bereden haben oder ihn darauf aufmerksam machen müssen, daß er entgegen unserem Wunsch das Haus betreten hat. Entsprechend werden wir auch nicht angefaucht oder gekratzt. Tatsächlich ist nur eine Situation vorstellbar, in der sich sein Verhalten ins Gegenteil verkehrt, nämlich wenn er nur noch wenige Zentimeter von einem Beutestück entfernt ist, das kann Fisch, Fleisch oder belegtes Brot sein, dem er sich zuvor nahezu unsichtbar und in Zeitlupe genähert hat. Dann fliegen die Fetzen, und wenn ihm einer von uns allein gegenübersteht, dann haben wir schlechte Karten. Wenn die Schlacht dann aber – meist zu unseren Gunsten – geschlagen ist, kehrt umgehend Ruhe ein, denn nachtragend ist Garfield überhaupt nicht. Ja, man kann bei ihm schon von einer gewissen Fairness sprechen.
Der letzte Winter war kurzfristig mit bis zu –16° C übrigens einer der kältesten hier in der Gegend. Und als uns Garfield Mitte März begrüßte, schien sich ein dünner, schwarzer Zweig in seinem buschigen Schwanz verfangen zu haben. Bald stellte sich aber heraus, daß es sich um das letzte Drittel seines Schwanzes handelte, das offenbar, vielleicht infolge einer Verletzung abgefroren war. Wenige Tage später hatte er sich des Anhängsels entledigt, und tatsächlich war es der mumifizierte und kahle Rest seines Prachtstückes. Einige Monate gingen ins Land. Das neue Schwanzende war bald wieder schön umflort, und selbst diese typischen kleinen Bewegungen, die so viel über die momentane katzige Befindlichkeit aussagen, waren weiterhin möglich.
Fast genau ein Jahr später verschwand Garfield wieder. Unauffällig, wie er kam, ging er auch. Sein Wirken aber, die ungewöhnliche Art und Weise, in der er mit uns und seinen Artgenossen umging, werden wir in Erinnerung behalten. Und Garfield wäre nicht Garfield, wenn er nicht auch dafür gesorgt hätte, daß wir ihn nicht vergessen.

Denn das, was er uns zurückließ, war … siehe Fortsetzung: Garfield & Co.(3)

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