Der Ausweg
von Eduard Breimann (copyright)
Pater Barnabas, Prior und Leiter der Klosterschule, schaut bedächtig auf die Köpfe, die ihm ihre messerscharf gezeichneten Scheitel zeigen. Die Jungen starren auf ihre Hefte; sie wagen es nicht, die Seiten des Katechismus umzublättern.
Es ist still, lautlos wie sonntags in der altehrwürdigen Klosterkirche, wenn der Abt, Pater Thomas, von der Kanzel auf seine Gemeinde schaut. In dieser schier endlosen Zeit, bevor er seine Stimme erschallen lässt, wirkt alles wie erstarrt.
Erst der Ausruf „Liebe Gemeinde!“ löst diese Starre. So beginnt regelmäßig die Predigt, die wöchentliche Belehrung. Diese Adresse, „Liebe Gemeinde“, lässt keinen Irrtum möglich erscheinen; sie alleine sind gemeint. Sie, die Dörfler, die seit dem Mittelalter zum Kloster Heiliges Herz Jesu gehören.
Nun wissen sie, die da versammelt sind, dass das, was von der Kanzel kommt, nur an sie gerichtet, nur für sie bestimmt ist. Jetzt schließen sich die unkontrolliert geöffneten Münder, lösen sich die verkrampften Hände, machen sich die Blicke los vom Gesicht des Abtes. Man hört sie atmen, vernimmt ihr Räuspern und das unterdrückte Hüsteln.
Die Kinder der Klosterschule sind all das gewohnt, haben gelernt, die Füße nicht zu bewegen und alle Geräusche zu vermeiden, die den Blick des Priors auf sie ziehen könnten, der jeden mit seinen Blicken erfasst. In der zweiten Bank kann man das von Generationen harter Hosenböden polierte Holz der Schulbank erkennen.
Heinrich Burkes Platz ist leer. Pater Barnabas nickt, ergreift die Kladde und schreibt mit kratzender Feder den fälligen Eintrag.
Die Klassentür öffnet sich langsam; ein Junge windet sich um sie herum, drückt sie geräuschlos hinter sich zu. Er ist zu groß für sein Alter und die Hosenbeine sind zu kurz; das flachsblonde Haar ist nass, klebt streng am Kopf.
Sein Blick schwenkt flüchtig über die Köpfe der Mitschüler, die ihn nicht beachten, angestrengt zum Pult schauen, seitdem der Pater schreibt. Der Junge schaut ebenfalls dort hin, betrachtet den Pater, seine breite Nase, das aufgedunsene Gesicht. Der Mann schlägt die Kladde zu, stiert in die Klasse, beachtet den Neuankömmling nicht. Heinrich Burke weiß, dass er stehen bleiben muss.
„Nun, meine lieben Schüler. Wir werden uns mit dem Verstoß gegen das sechste Gebot und dem Thema Anstand und Sitte in der heutigen Zeit beschäftigen. – Und natürlich mit der Frage: Was können wir tun, damit wir von dieser Todsünde verschont bleiben? – Schlagt im Katechismus die Seite sechsundzwanzig auf.”
Die Stille wird ausgefüllt mit neuen Geräuschen. Es raschelt und knistert. Heinrich Burke saugt die Luft durch die Nase, blickt zum Pater und bewegt sich nicht, während seine Kameraden laut aus dem Katechismus lesen und die Fragen des Paters beantworten.
„Wer keusch bleiben will, muss vor allem schamhaft sein. – Wer ist schamhaft?”
Der Junge an der Tür weiß es, murmelt mit fast geschlossenem Mund die fällige Antwort; es bleibt still in der Klasse.
„Nun, es ist ganz einfach: Schamhaft ist, wer die Teile des Körpers, die bedeckt sein sollen, nicht unnötig entblößt, anschaut oder berührt.”
Die Jungen sind einverstanden, nicken, lernen nun alle Regeln der Sitte und des Anstandes kennen, wissen bald, welch schwere Sünde sie auf sich laden, wenn sie im Fluss hinter dem Kloster baden und sich vor den Mädchen aus dem Dorf die nasse Hose herunter pulen.
Sie hören, dass man auf dem Klo nicht die Größe des sonst bedeckten Teils vergleichen soll. Sie sehen ein, dass man nicht durchs Schlüsselloch guckt, wenn die Schwester nackt in der Wanne sitzt und dass erst die kirchliche Trauung vollzogen sein muss, bevor man ein Kind zeugen darf – und dass man das Kind aus einer außerehelichen Verbindung ‚Kind der Sünde’ nennt.
Der Junge an der Tür starrt Löcher in die Luft, pendelt leicht mit dem Oberkörper. Man kann sehen, wie er unter der Last des Tornisters kleiner wird.
„Zum Abschluss gebe ich euch einen wichtigen Hinweis mit auf den Weg. Wie könnt ihr euch vor dieser Unmoral schützen? – Nun?”
Aber niemand kennt ein Patentrezept, das sich für die gerade betrachteten Fälle anwenden ließe.
„Nun. – Ich will es euch sagen: Wer mit unschamhaften Menschen umgeht, fällt leicht in die Sünde der Unkeuschheit. Meidet daher die Nähe solcher Geschöpfe; spielt nicht mit ihnen, flieht sie – immer!”
So einfach ist das also. Das gibt Erleichterung, das lässt sie zustimmen und nicken. Sie wissen sogleich, wen man für einen solchen Fall als passendes Beispiel heran ziehen kann und die akkuraten Scheitel fast aller Jungen drehen sich – wie an der Schnur gezogen – langsam zur Tür.
Sie erkennen, dass es nicht leicht ist, wenn man fast eine Stunde lang auf der Stelle stehen und dabei einen voll gepackten Tornister tragen muss, in den ein Unsichtbarer scheinbar in jeder Minute ein paar zusätzliche Bücher packt. Die Last hat die Schultern des Heinrich Burke nach vorne gezwungen, hat ihm einen Buckel und eingeknickte Knie gemacht. Endlich, dreht sich auch der Pater zur Tür, nimmt mit hochgezogenen Augenbrauen den Jungen zur Kenntnis.
„Aha! Schon wieder du. Bist du nicht aus dem Bett gekommen? Hast du zu lange geduscht? – Nun, wie auch immer. Lasset die Kindlein zu mir kommen, spricht der Herr. Komm also her zu mir, Burke.”
Heinrich Burke geht langsam; seine Beine wirken steif, die Schritte müssen wohl einzeln angefordert werden. An seinem Platz streift er den Tornister von den Schultern, lässt ihn zu Boden gleiten. Als er, unscheinbar und schmächtig, neben dem Mann in Schwarz steht, kichern einige Jungen in den hinteren Reihen.
„Wir haben gerade gelernt: Meidet den Umgang mit unkeuschen Menschen. Der Herr in seiner Güte hat uns den richtigen Weg gewiesen. Nehmt den Burke als mahnendes Beispiel. Ihr wisst, aus welchem Haus er kommt, wie dort das sechste Gebot des Herrn missachtet und deshalb dieses Kind der Sünde gezeugt wurde. Warum nur musste er in unser ehrwürdiges Haus kommen, warum ließ man das zu? Ich wurde ja leider nicht gefragt.“
Ein tiefer Seufzer, ein Blick zu gekalkten Decke. „Aus diesem Jungen konnte nichts werden. Seine Verfehlungen sind uns bekannt. Wer kommt immer wieder unpünktlich? Wer fehlt am Sonntag im Gottesdienst? – Ihr kennt die Antworten.”
Seine Linke tastet nach hinten und greift den zierlichen Stock, der spielerisch von einer Hand in die andere wechselt. Die Schüler beobachten das Stöckchen, das der Pater den ‚verlängerten Finger des Herrn’ nennt; etliche haben sein Wirken schön am eigenen Leib erfahren dürfen.
„Gib mir deine linke Hand, Burke”, sagte der Pater sanft.
Der Junge hebt den Arm, öffnet die Hand, die sich erkennbar sträubt. Aber er weiß, was passiert, wenn er es nicht tut. Der Pater zieht die Hand und den schmächtigen Körper des Jungen an den Talar, der scharf nach Tabak riecht. Heinrich Burke fühlt den Körper des Mannes, ekelt sich wie immer und ihm wird übel, als ihn die Bilder überfallen.
„Im Namen des gnädigen Herrn. Heinrich Burke – für dich gibt es heute zehn für die Verspätung.”
Das Stöckchen tanzt leicht über die Hand, nimmt Maß, pfeift hell, wenn es die Luft schneidet, zeichnet weiße Striemen, macht nasse Augen – und nach dem sechsten Schlag macht es auch, dass sich die Blase leert. Aber Heinrich Burke weint nicht, schreit nicht, zuckt nicht. – Er ist tot, erstarrt und gefühllos; alles in ihm ist aus Eis.
Er denkt an den Frosch, den er gestern hinter dem Schlafsaal der Klosterschule gefangen hat – und an sein schlechtes Gewissen, das ihn quälte, als er das ängstliche Tier im Einmachglas betrachtet hatte. Die Augen waren es. Diese wässrigen Augen, die ihn anklagend anschauten. Er war in der Nacht aus dem Schlafsaal geschlichen und hatte den Frosch ins Gras gesetzt – und geschworen, nie mehr Frösche einzusperren.
Der Atem des Paters geht stoßweise. Burke spürt das Zittern des Oberschenkels, der Hüfte, an die er gepresst wird.
Dann ist es vorbei. Sein Arm sinkt herunter; die Finger sind dick, weit gespreizt. In der ersten Reihe grinsen sie, blicken auf die Pfütze an seinen Füßen.
„Er hat gepisst, Pater“, ruft einer, dem Burke erst gestern einige seiner Fußballbilder, doppelte, geschenkt hat.
Das Eis verschwindet und eine heiße Welle der Scham überfällt ihn, lässt sein Gesicht rot werden. Er blickt in die lachenden Gesichter seiner Mitschüler und wünscht sich tot zu sein.
„Du kannst dich setzen. Wisch das in der Pause auf. Ich warte hier auf dich und helfe dir.“
Seine Hand zittert noch immer, als er Heinrich Burke mit einer fast zärtlichen Bewegung wegschiebt in Richtung Schulbank.
„Und für euch alle: In der nächsten Stunde werden wir das Thema Nächstenliebe besprechen. Der Herr segne euch und behüte euch, meine Kinder.”
Burke geht zu seinem Platz, wuchtet den Tornister auf den Rücken und schaut dem Pater ins Gesicht. Er weiß so sicher, was er jetzt tun muss, dass keine Angst, keine Bedenken Platz in seinem Kopf haben.
„Jetzt ist Schluss!“, sagte sein verstorbener Großvater, wenn das Maß voll war und er etwas nicht mehr hinnehmen wollte.
„Jetzt ist Schluss!“, sagt Burke in das überrascht aussehende Gesicht des Paters. „Ich geh jetzt hier raus. Und nie, nie, nie mehr komme ich wieder. Ich will das alles nicht mehr.“
Auch später, so viele Tage, Wochen und Monate nach diesen Worten, erinnerte man sich an seine glasklare und helle Stimme. An die Stimme, die im Kinderchor des Klosters nicht zu überhören war. Es war das, was allen, die dabei waren, als er den Weg hinaus aus dem Klassenraum, aus der Klosterschule, und überhaupt aus allem, beschritten hatte, in Erinnerung blieb.
Erst nach Tagen, an denen die Fragen, die alle mit dem Wort „Warum?“ begannen und auf die sie keine Antwort geben wollten, verstummt waren, begriffen sie es, ahnten sie den Teil ihrer Schuld.
Der Platz des Burke blieb bis zum Ende des Schuljahres leer. Es war diese leere Schulbank, die ihre Blicke fesselte, die jede Stille unerträglich machte.
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