Der Kuppler

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

Was wissen wir über Chinesen? Eben. Darum habe ich die Ausstellung im Alten Museum besucht. Ich erinnere mich nicht genau an das Thema (Schätze der Himmelssöhne oder so ähnlich), aber ich erinnere mich daran, dass ich von einer Gruppe junger Mongolen oder Chinesen empfangen wurde (den Anschein hatte es), denn sie standen im Halbkreis auf dem Rasen im Lustgarten und sangen: „Oaaah“ und „Eiiih“. Beim tiefen Oaaah beugten sich die Sänger nach vorn, beim hohen Eiiih nach hinten. Sie fassten sich an den Schultern, winkelten ihre Beine und gaben mir und anderen Ankömmlingen Proben ihrer Sangeskunst.

Und ich erinnere mich sehr gut an eine Museumsbesucherin, die in Verzückung geriet angesichts eines Bronzegefäßes, dessen Griff die Form eines Drachens hat, der die Außenwand hochklettert und sein lechzendes Gesicht der Höhlung entgegenreckt. Die Dame rief: „O, wie süß! Wie er hochkrabbelt, um auch was zu kriegen!“ Ich wähnte, sie habe es mir zugerufen, weil ich zufällig neben ihr stand. Ich schloss mich ihr an, weil ihre Begeisterung meinem Herzen einen Hupfer, einen Aussetzer und wieder einen Hupfer beschert hatte. Wir drifteten gemeinsam durch die Ausstellung, von der ich nicht mehr viel in Erinnerung behalten habe, nur noch eine Knoblauchknollen-Vase, auf der sich ein roter Drache im blau-grünen Blätterwerk räkelt. Meine Begleiterin: „O, wie süß! Wie er sich räkelt, weil er so glücklich ist!“

Auf der Freitreppe wollte ich ihr einreden, wir müssten das Gesehene noch eingehend besprechen. Die chinesische Kunst eigne sich nicht als Deuterin gesellschaftlicher Veränderungen, zu konservativ – nicht wahr? Oder sei die kaiserliche Sammlung nur einseitig zusammengetragen worden? Wie sie darüber denke. Das buddhistische Sonnenrad habe eine verstörende Wirkung auf mich ausgeübt, und sie dürfe mich jetzt mit den vielen Impressionen nicht alleine lassen!
„Wie auch immer“, sagte sie, „hier haben Sie meine Handy-Nummer. Aber rufen Sie nicht eher an, als bis Sie das chinesische Zimmer im Charlottenburger Schloss besucht haben! Ich will jetzt alleine die vielen Eindrücke verarbeiten. Wenn sich alles gesetzt hat, sehen wir weiter. Okay? Okay?“

Mir blieb nichts anderes übrig, als zum Charlottenburger Schloss zu fahren. Und ich sage Ihnen was: Wenn man kein Auto hat, ist das gar nicht so einfach. Zuerst mit der S-Bahn (wo sie neuerdings nur alle zwei Stunden fährt), dann mit dem Bus. Was soll‘s. Ich nahm also an einer Schlossführung teil. Die Führerin, die häufig „sozusagen“ einstreute, erzählte dies und das, auch einiges Herzergreifende über die Königin Luise, und wir erreichten endlich das Porzellan-Kabinett im Westflügel.

Die Hohenzollern unterhielten verwandtschaftliche Beziehungen zur Seemacht Holland und importierten chinesisches Porzellan aus Amsterdam. Der frischgebackene König in Preußen (wohlgemerkt IN Preußen), Friedrich I., putzte „sozusagen“ seine Sommerresidenz heraus und gab mit dem weißen Gold mächtig an. Soweit so gut. Dann erklärte unsere sozusagen Führerin, dass viel Porzellan im zweiten Weltkrieg zerschlagen worden sei. Ach was! Im wörtlichen Sinne sozusagen. Ich blickte verstohlen zu den chinesischen Touristen hinüber und dachte, eigentlich müsse China Wiedergutmachung einklagen, denn die Deutschen waren schlechte Treuhänder der chinesischen Kunst. Da berichtete unsere Führerin, dass die Kulturrevolution in China einen großen Teil der eigenen Hinterlassenschaften, also der chinesischen, zerstört habe. Beijing (alias Peking) und Berlin versuchten seit Jahren, ihre Keramik-Bestände wieder aufzufüllen und Chinoiserien weltweit einzukaufen. Da half beiden ein denkwürdiger Zufall: Ein Unterwasser-Archäologe entdeckte im Indischen Ozean ein vor 200 Jahren gesunkenes Schiff voller Steinzeug, chinesischen Porzellans. Er barg es und versteigerte es in Amsterdam. Berlin und Beijing boten gegeneinander und deckten sich ein. „So spielt die Geschichte sozusagen.“ Die Deutschen und Chinesen zerschlagen Porzellan, und das Meer sorgt dafür, dass nicht alles verloren geht. Warum ich Ihnen das erzähle? Steckt es nicht voller Ironie? Ich erzähle es aber auch, weil während der Führung zweimal das Wort Amsterdam gefallen ist.

Nach dem Besuch fuhr ich mit dem Bus zum Ernst-Reuter-Platz. Dort stieg ich aus und wanderte die Straße des 17. Juni entlang in Richtung Tiergarten. An jenem Tag war die nördliche Seite mit Verkaufsständen zugestellt: Kunsthandwerker, Trödelhändler, Antiquitätenverkäufer und Antiquare hielten ihre Waren feil. Ein Stand zog mich an. Die Verkäuferin, eine in bunte Wolle gekleidete Italienerin oder Rumänin von etwa 40, pries ihre Steine und Scherben, die vor ihr ausgebreitet lagen. Eine Auslage fiel mir besonders auf, eine in Silber gefasste rundgeschnittene Porzellanscherbe, scheinbar chinesischer Herkunft. Auf das rauchige Porzellan sind mit satter Farbe – preußischblau – in zwei Spalten je zwei Zeichen gepinselt. Der glasierte Untergrund besitzt die Farbe des Himmels, während sich der Nebel lichtet (sagte die Verkäuferin). Die Sonne hat ein centgroßes Loch in den Himmel gebrannt. So sieht es aus. Die weiße Stelle, die wie die Sonne durch den Nebel schimmert, rühre von einer Pfeilspitze her. Die poetische Händlerin erzählte mir dazu die Geschichte von dem mongolischen Krieger, der einen Pfeil durch ein geschlossenes Fenster, dessen Scheibe aus Papier besteht, auf eine Vase abschießt, ohne sie zu zerstören. Er tut es, um einer gefangenen chinesischen Prinzessin, die er heimlich liebt, zu imponieren, ihr seine Treffsicherheit zu beweisen, seine Männlichkeit, seine Tauglichkeit, seine ritterliche Tugend. Und die italienische (oder rumänische) Standbesitzerin erklärte mir ferner, die Scherbe stamme aus der Ming-Zeit und sei infolgedessen ungefähr 500 Jahre alt, wenn man der Schätzung das arithmetische Mittel zwischen Beginn und Ende der Ming-Dynastie zugrunde lege.

Diese Erklärung weckte sofort mein Misstrauen, denn der Begriff Ming-Zeit ist der einzige historische, den man einem Europäer über die Geschichte Chinas abverlangen darf, und wer eine chinesische Antiquität zu verkaufen vorgibt, wird sie aus jener Zeit stammen lassen. Ich fragte, das Medaillon hin- und herwendend, nach der Bedeutung der Schriftzeichen, und sie antwortete, gut vorbereitet auf eine Frage, die jeder Kunde stellt: „Es heißt, ein langes Leben in Gesundheit und Zufriedenheit.“ Ich sah sie von unten her an (obwohl ich größer bin als sie) und meinte: „Es heißt womöglich: zwei Sack Reis und eine Peking-Ente zu zahlen an den Mandarin, der nicht alles glaubt.“ Sie lächelte wissend, so dass zwischen uns eine Kumpanei der Augen entstand. Dann sprach sie den kaufentscheidenden Satz: „Diese Scherbe kommt aus Amsterdam, dort werden echte Scherben gehandelt.“ Das entschied, und ich griff seufzend in die Börse. „Weil Ihr Verkaufsargument so überzeugt“, sagte ich und setzte alles daran, sie glauben zu machen, dass ich nur ihretwegen die gelungene Fälschung kaufte. „Es heißt wirklich das, was ich Ihnen gesagt habe, die Fassung ist aus spanischem Silber.“ Als wäre das eine Garantie für die Echtheit!

Als ich in der U-Bahn saß (für diejenigen, die es genau wissen wollen: in der U6 zum Halleschen Tor) und das Schmuckstück aus meinem Taschentuch wickelte, um es in Ruhe zu studieren (und nicht unter den Augen einer intellektuellen Verkäuferin, einer Arztgattin vielleicht, die nach Selbstverwirklichung strebt, oder einer arbeitslosen Lehrerin), fiel mir ein, dass die Brosche höchstwahrscheinlich unecht ist und darum die Schriftzeichen genau die Bedeutung haben, die sich für Geschenke so gut eignet. Ich fühlte mich im Nachhinein ein bisschen als Opfer meiner eigenen Dummheit.

Jetzt durfte ich meine Museumsbekanntschaft anrufen, jetzt endlich, da ich meine Prüfung in Charlottenburg bestanden hatte und außerdem ein Geschenk für sie parat hielt. Ich lud sie in das China-Restaurant Rathausstraße ein und überreichte ihr feierlich – als Beweis meines ungeheuchelten Interesses an der chinesischen Kultur – die erworbene Brosche, nicht ohne zu erwähnen, dass die IN SPANISCHES SILBER gefasste Scherbe aus der Ming-Zeit stamme und die Schriftzeichen die Bedeutung hätten: Ein langes Leben in Gesundheit oder so ähnlich. Meine neue Flamme war von der Echtheit des Silbers überzeugt und darum auch von der Echtheit der Scherbe (umso mehr als sie weder den Ort des Erwerbs noch den Preis erfahren hatte), so dass sie entschieden die Übersetzung anzweifelte und mich einen charmanten Flunkerer nannte, worauf ich mir was zugute hielt. Benoite (so heißt meine Freundin, sie hat eine französische Großmutter) heftete die Brosche auf ihren Pullover, dort wo sie den Ausschnitt zusammenraffen konnte. Der Pullover passte zufällig gut zu den Blautönen des Porzellans und auch zu der Kette aus schwarz lackierten Holzzylindern, die ihr am Hals baumelte.

Benoite fragte die Bedienung nach dem Sinn der Schriftzeichen und zeigte dabei spitz auf ihren vorgereckten Hals. Das Mädchen wurde rot, und ich vermutete eine Sensation, eine neue, überraschende Übersetzung der kalligraphischen Zeichen, vielleicht etwas Obszönes, aber die junge Frau bekannte nur, sie könne, obwohl Chinesin, die Zeichen nicht deuten, sie sei in Deutschland zur Schule gegangen. Benoite versicherte ihr, dass sie ohne eine fachkundige Übersetzung keinesfalls eine Bestellung aufgeben werde! Das Mädchen eilte in die Küche und kam mit Porzellanschüsselchen voll heißen Reisweins zurück. Es vertröstete uns damit, dass Madame, die das Etablissement leite, nach ihrem Friseurbesuch den Wunsch der Kundin befriedigen werde. Daraufhin bestellte ich die Reistafel für zwei Personen. Benoite verschwand für zehn Minuten oder auch für zwölf, denn die Zeit ihrer Abwesenheit kam mir ziemlich lange vor. Als sie zurückkehrte, erlebte ich eine heitere, frisch geschminkte Benoite, in sich ruhend wie eine Schwangere, göttinnengleich.

Madame erschien nach der Frühlingsrolle, ernst, auf das Schlimmste gefasst, und stellte sich als Geschäftsführerin vor. Sie versprach, ihre geringen Kenntnisse ganz in den Dienst der kostbaren Gäste zu stellen. Benoite wiederholte ihr Ansinnen und blieb die ganze Zeit über, während derer Madame die Brille entfaltete und gegen die Nase drückte, in ihrer die Büste betonenden, vorgestreckten Haltung sitzen. Madame entzifferte: „Sie ist Wunsch nach Gesundheit und bittet langes Leben herbei.“ Danach versteckte Benoite ihre Lämmer unterm Pullover und sagte: „So ein Zufall.“ Wir bedankten uns unisono und Madame entfernte sich lächelnd (hintergründig). Benoite ließ sich nicht davon abbringen, dass ich die Übersetzung nur ihretwegen gut erfunden hätte, und meinte:
„Sie haben entweder verdammtes Glück oder die Geschäftsführerin bestochen, jedenfalls ist Ihnen nicht zu trauen.“
Darauf ich: „a) habe ich Madame heute zum ersten Mal gesehen, b) zum ersten Mal seit langer Zeit, c) stimmt alles, was ich über die Schriftzeichen gesagt habe, und d) stammt es aus zuverlässiger Quelle, nämlich e) aus Amsterdam, wo es f) ein Chinesenviertel gibt.“
„a), b), c), d), e), f) – Sie sind ein pedantischer Lügner, der nicht an Zufälle glaubt. Ich glaube viel lieber an den Zufall, an einen sehr unwahrscheinlichen obendrein, denn er ist ein gutes Omen für die Erfüllung der Segenswünsche, du Dummkopf.“ Es war das erste Mal, dass sie mich duzte.

Zuerst dachte ich: Wahrscheinlich hat meine Verkäuferin mit der Übersetzung des Textes Recht, denn Madame kommt zu demselben Ergebnis – und dann kann es nur eine Fälschung sein. Hoffentlich laufen nicht zu viele mit der gleichen Scherbe und demselben Text durch Berlin! Da dämmerte es mir. Benoite meinte zwar, ICH hätte Madame bestochen. Dabei verhielt es sich genau umgekehrt! Warum war sie so lange fortgeblieben? Eine Frau, und erst recht eine Frau wie sie, kann ruckzuck ihre Lippen und Brauen nachziehen, das dauert keine Ewigkeit, das machen Frauen im Handumdrehen. Nein. Sie hat Madame instruiert, sie möge in etwa den Text wiederholen, den Benoite von mir erfahren hatte! Na warte!

Ich rief sie an: „Ich kenne einen, der kennt einen, der einen Sinologen kennt. Neunzehntes Semester. Ich habe ihn für übermorgen eingeladen und in Aussicht genommen, ihm eine bezaubernde Dame vorzustellen, eine Dame, die sich für chinesische Vasen und dergleichen interessiert und für Kalligraphie, weil ihr alles, was schön ist, am Herzen liegt.“
„Blablabla. Was willst du mir eigentlich damit sagen?“
„Dass du bitte übermorgen zu mir kommst und zwar mit deiner chinesischen Brosche. Der Sinologe, ein reizender Mann, wird sich Mühe geben, den wahren Text darauf zu entziffern.“

Nach einer entnervenden Diskussion willigte Benoite ein zu kommen, weil ich sonst sowieso keine Ruhe gegeben hätte. Meinen Bekannten, einen jungen Dozenten von der TU, habe ich ordentlich ins Bild gesetzt:
„Du machst dich in Wikipedia kundig und lernst alles, was dort über Chinesen steht, die Dynastien, die Schriftarten. Du prägst dir ein, dass Gelb die kaiserliche Farbe ist. Du sagst immer Beijing, niemals Peking! Du holst dir „den letzten Kaiser“ von Bertolucci aus der Videothek. Betone, dass Drachen Glücksbringer sind, und komm mir ja nicht mit dem Heiligen Georg und seiner Drachentöter-Scheiße. Benoite kann Leute nicht ausstehen, die was gegen Drachen haben. Du kennst den Film mit Dennis Quaid? Dragonheart? Daraus darfst du meinetwegen erzählen, wie der Drache gen Himmel gefahren ist, um die Menschen von da oben aus zu beschützen. Das würde ihr gefallen. Kein Wort über deutsche Kolonien, über den Boxer-Aufstand und die gelbe Gefahr, kein Wort über den Germans-to-the-front-Quatsch, kapiert? Dir das einzuprägen, kostet dich einen schlappen Tag. Wenn du das für mich tust, lade ich dich ein, mit Benoite und mir essen zu gehen. Du darfst dir ein Restaurant nach deinem anspruchslosen Geschmack aussuchen. Wir sind weltoffen und gehen notfalls auch in ein bayerisches Lokal, um naturtrübes Bier zu trinken. Also, reiß dich zusammen! Und jetzt kommt das Wichtigste. Du sagst, wenn wir dich nach der Bedeutung der Schriftzeichen fragen: Zwei Sack Reis für den Mandarin. Kannst du dir das merken? Stotter ein bisschen, du musst die Schriftzeichen nicht auf Anhieb entziffern. Tu mir einen Gefallen: Sei einfach gut!“

So wollte ich mich an ihr rächen. Ich wollte ihre List übertrumpfen. Als es aber soweit war, was sagte dieser tiefsinnige Trottel von Schein-Sinologe? Er sagte, nachdem ich ihn hochoffiziell nach der Bedeutung der Schriftzeichen am Hals meiner Freundin gefragt hatte (die nebenbei bemerkt indigniert alles über sich ergehen ließ), er sagte, ohne lange zu überlegen, ohne seine Stirn in Falten zu legen, er sagte: „Ich liebe dich – es heißt eindeutig: ich liebe dich, Be-, äh, Begnadete des Himmels, ja, kein Zweifel, so heißt es: ich liebe dich. Ja.“ Und wie reagierte Benoite? Sie springt auf, umhalst mich und schreit: „O, wie süß! Ich wusste es, ich wusste es“ und küsst mich. Es war das erste Mal, dass sie mich küsste.

Zwei Tage später fragte sie mich, was ich dem jungen Mann versprochen hätte, damit er genau das sagt, was er gesagt hat. Und ich:
„Dass er mit uns essen darf – in einem Restaurant seiner Wahl.“
„Und?“
„Nächste Woche zu einer Zeit, die dir passt – ins Adlon. Diese jungen Leute haben jeglichen Sinn für Bescheidenheit verloren.“

Du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen Trackbackauf Deiner Seite einrichten. Drucken Drucken


Noch keine Kommentare. Seien Sie doch der Erste?

Geben Sie Ihre Meinung ab ...