Eva und die Physik
von Jürgen Jesinghaus (copyright)
„Weißt du, Jürgen, …“ Eva ist mein Enkelkind. Sie nennt mich Jürgen, weil ich so heiße und weil ich die Bezeichnung Opa nicht ausstehen kann. Der Titel Großvater ist mir zu altväterlich. Er hört sich an, als trüge ich einen Rauschebart. Dabei trage ich alle drei Tage nur einen Drei-Tage-Bart und bilde mir ein, wie George Clooney auszusehen. Ich habe Eva gestattet, nein, ich habe sie gebeten, sie angefleht, mich bei meinem Vornamen zu nennen und zu vergessen, was ihre Mutter predigt, nämlich mich Opa oder Großpa zu schimpfen (was angeblich respektvoller ist).
„Weißt du, Jürgen, warum ich gestern zu spät zum Gitarren-Unterricht gekommen bin?“
„Es gibt tausend Gründe, zu spät zu kommen. Wenn ich sie jetzt aufzähle, dann wird es der 999. oder 1000. Grund sein, der mir erklärt, warum du gestern zu spät gekommen bist. Da ist es bequemer, du …“
„Weil ich in der Badewanne gelegen und in den Spiegel geschaut habe. Auf der Uhr im Spiegel war es zehn vor sechs, und ich dachte, da hast du noch zehn Minuten Zeit zum Dösen, der Unterricht beginnt ja erst um halb sieben. Als ich dann aus der Wanne gestiegen war und auf die Uhr schaute, was glaubst du, wie viel Uhr hatten wir da?“
„Zwanzig nach sechs?“
„Genau! Und darum bin ich zwanzig Minuten zu spät zum Gitarren-Unterricht gekommen. Weil sich im Spiegel die Uhren nicht im Uhrzeigersinn drehen, sondern im Gegenuhrzeigersinn. Und ich frage mich nun, ob die Zeit rückwärts läuft, solange man in den Spiegel sieht.“
Das fragt sie nicht nur sich, sondern auch mich, denn sie steht vor mir wie ein lebendes Fragezeichen. Ich wäge mein Haupt und antworte in dem Augenblick, als meine Tochter das Zimmer betritt:
„Frauen schauen oft in den Spiegel. Vielleicht tun sie es, um jünger zu werden?“
„Vater, hör auf, solchen Unsinn zu reden!“
„Und warum schauen Männer in den Spiegel, Jürgen?“
„Du sollst Opa nicht Jürgen nennen!“
Ich: „Männer schauen in den Spiegel, um sich zu rasieren.“
Eva: „Und wie oft ist das?“
„Alle drei Tage.“
„Und siehst du dann, ob du etwas jünger geworden bist?“
Ich zögernd:
„Nein. Nein. Nein, ich glaube nicht.“
„Ich habe mich heute morgen vor den Spiegel gestellt und darauf gewartet, dass ich jünger werde.“
„Wenn du nur fünf Minuten hineinschaust, wirst du es nicht erfahren. Du würdest ja auch nicht erkennen, ob du älter geworden bist, wenn die Zeiger sich im Uhrzeigersinn drehen. Dazu braucht es in deinem Alter vielleicht ein Jahr, in Mamas Alter fünf …“
„Vater, erzähl keinen Unsinn, setz dem Kind keine Flausen in den Kopf!“
„Die Uhr im Spiegel hat sich rückwärts gedreht. Richtig?“
„Richtig.“
„Und hat sich die Zeit selbst auch rückwärts bewegt? Denk nach! Bist du nicht wirklich zwanzig Minuten zu spät gekommen? In deiner Zeitwelt war es halb sieben und in der Zeitwelt deines Gitarrenlehrers schon zehn vor sieben. Und darum bist du WIRKLICH zwanzig Minuten jünger geworden – oder nicht?“
„Vater, nun hör endlich auf, das Mädchen zu verunsichern! Eva, mein Schatz, dass du zu spät gekommen bist, hat mit einem Irrtum zu tun, mit einer irrtümlichen Wahrnehmung, das beruht auf Psychologie, nicht auf Physik, wie Opa dir einreden will.“
Noch setze ich nicht meine Lächle-das-Kind-an-Maske auf, sondern bleibe ernst.
„Was glaubst du denn, Ev, was passiert, wenn du in den Spiegel schaust – wirst du jünger oder älter?“
Sie studiert mein Pokergesicht und wartet einen Augenblick, dann lacht sie und sagt hastig:
„Ich werde älter.“
Jetzt erlaube ich mir das Schmunzeln und antworte:
„Du wirst schöner mit jedem Tag, den du in den Spiegel schaust. Das kann ein ganzes Leben lang anhalten. Es gibt Menschen, die immer schöner werden, auch wenn sie sechzig Jahre oder älter sind.“
„Du gehörst aber nicht dazu, Jürgen.“
„Nein, ich gehöre nicht dazu. Es sind nur auserwählte Menschen, die immer schöner werden. Du könntest ein solcher Mensch sein. Ja, das könntest du.“
Bevor ich in die Sentimentalität abrutsche, falle ich in einen sachlichen Ton und doziere:
„Die Zeit spiegelt sich nicht in unseren Spiegeln. Sie läuft nicht rückwärts, auch wenn sich die Zeiger im Spiegel rückwärts drehen. Denn dass Zeiger rechts rotieren sollen, um die Zeit zu messen, ist nur eine Verabredung. Man hätte ebenso gut vereinbaren können, dass sie links rotieren, wie es die Mathematiker gerne hätten und auch die Anden-Indianer, wenn sie gefragt worden wären, denn für sie liegt die Zukunft links. Aber – es bleibt eine kleine Ungewissheit, nicht wahr? Es bleiben Fragen offen?“
Ich schaue in Evas Augen und entdecke, gewissermaßen auf der Retina, nicht Angst, nein, das wäre zu viel behauptet, ich erkenne einen Ernst, wie ich ihn sonst nur bei Erwachsenen finde, einen Zweifel, der sich zunächst in der folgenden Frage äußert:
„Wenn sich die Zeit wirklich rückwärts bewegt, was sie, wie wir alle wissen, nicht tut, nicht tun kann und nicht tun soll, was würde dann mit uns passieren? Wir würden immer jünger und jünger und jünger und jünger und …“
„Eva, nerv Opa nicht!“
„jünger und jünger …“
„Wir würden rückwärts geboren. Das heißt, wir würden sterben. Ja. Ob wir nun immer jünger oder immer älter werden – am Ende müssen wir sterben.“
„Das nennst du rückwärts geboren?“
„Es schoss mir durch den Kopf. Ja. Rückwärts geboren ist ein anderes Wort für sterben.“
„Dann ist es mir doch lieber, die Zeit läuft vorwärts, sonst hätte ich ja nur noch zehn Jahre zu leben. Sie läuft doch hoffentlich nur vorwärts?“
Jetzt lese ich doch so etwas wie Angst in ihren Augen, jedenfalls ein Unbehagen.
„Ja sicher. Keine Angst, du wirst lange leben. Unsere Spiegel auf der Erde reflektieren die Zeit nicht, sie vertauschen nur die Richtung im Raum. Wenn ich vor dem Spiegel von Süden nach Norden schreite, kommt mir jemand entgegen, der mir verdammt ähnlich sieht und von Norden nach Süden humpelt. Aber – hat der Professor Einstein nicht gesagt, dass Raum und Zeit zusammenhängen? Die Raumzeit? Hast du das schon einmal gehört? Ja? Professor Einstein und die Raumzeit?“
„Gibt es denn da draußen, weit, weit, weit da draußen, bei den Klingonen und Romulanern, weit da draußen im Universum hinter den Wurmlöchern, gibt es denn da einen Zeit-Umkehr-Spiegel?“
„Wenn man wie das Raumschiff Enterprise mit Warp-Antrieb fliegt, dann kommt man einem solchen Spiegel relativ nahe – das ist die Relativitätstheorie des Professors Einstein. Darum heißt sie so.“
„Wenn ich so alt bin wie du, Jürgen, dann will ich Wurmlöcher entdecken, und dann habe ich keine Angst vor Spiegeln, die die Zeit umkehren. Darum will ich Psychologie studieren.“
„Nein, Eva, du willst Physik studieren.“
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