Das zweite Gebot

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

I.

Mitten in Wuppertal, zwischen Elberfeld und Barmen, erhebt sich die Hardt, ein Bergrücken, teils bewaldet, teils bedeckt mit einem Park. Auf halber Höhe steht das Missionsmuseum in der Missionsstraße. Das Institut nennt sich heute Völkerkundemuseum, vielleicht weil Mission aus der Mode gekommen ist, vielleicht auch, weil man sich ihrer damaligen Absichten und Methoden ein wenig schämt. Die Missionsstraße hat jedenfalls ihren Namen behalten.

Mein Großvater mütterlicherseits diente als Kurator in diesem Museum. Keiner konnte so gut wie er die Exponate erklären, und keiner wusste so viele Geschichten zu erzählen über Massai und Zulu, über Ahnen und Geister, über Speere, Schilde und Gewehre, über Palavertrommeln, Bibeln und Urwaldkapellen. Und er war es auch, der sich um meine religiöse Erziehung kümmerte. Seine Erziehung hat nichts gefruchtet. Denn heute gehöre ich keiner Kirche an (ich zahle längst keine Kirchensteuer mehr). Und dennoch. Dass diese Erziehung gar nichts gebracht hätte, ist auch wieder nicht richtig. Sie hat etwas bewirkt, aber nicht das, was mein Großvater beabsichtigt haben mochte – und dadurch unterschied sich seine Erziehung von keiner anderen.

Ich hörte ihn einmal jemanden rügen, der „Gott verdammt“ gesagt hatte. Ich fragte meinen Großvater, was das heißt, das Gottverdammt. Will jemand Gott verdammen? „Nein“, sagte er, „es heißt: Gott verdamme mich.“ Aber damit konnte ich noch weniger anfangen, denn ich würde doch besser Gott verdammen als mich selbst, weil verdammt zu sein, das wusste ich bereits, etwas ganz Schlechtes ist. „Also genau genommen“, fuhr er in seiner Erklärung fort, „heißt es: Wenn etwas nicht zutrifft, was ich behaupte, oder wenn ich nicht halte, was ich verspreche, dann möge Gott mich verdammen. Es ist eine Bekräftigung der Richtigkeit meiner Behauptung oder“, er sprach jedes Wort artikuliert aus, „eine Bekräftigung dafür, dass ich ein Versprechen halte. Und zwar die kräftigste Bekräftigung, die sich denken lässt. Niemand möchte verdammt werden, am wenigsten von Gott, der über die Hölle und die Ewigkeit verfügt. Daher muss man sich seiner Behauptung oder seines Versprechens sehr sicher sein, wenn man sich selbst für das Nichtzutreffen oder die Nichteinhaltung zur ewigen Verdammnis verurteilt.“ Das leuchtete mir nach kurzem Nachdenken ein. Und eben deshalb hielt ich den Ausspruch auch nicht mehr für so schlimm, wie mein Großvater es offenbar getan hatte.

„Das Schlimme dieses Ausspruchs besteht nicht darin, dass ich ein Versprechen bekräftige, sondern dass ich es tue, indem ich Gott in den Dienst meiner Interessen stelle. DAS ist schlimm. Ich lasse ihn wie einen Diener für mich handeln. Ich befehle ihm, etwas in Abhängigkeit von meinen Behauptungen und Willenserklärungen zu veranlassen. Hast du das ungefähr verstanden?“
Nicht so ganz.
„Dann will ich dir eine Geschichte erzählen. Sie hat sich in Afrika zugetragen, in einem Negerdorf nahe einer Missionsstation.“
Aha, jetzt war mein Großvater in seinem Fahrwasser. Übrigens: Damals hieß es noch Neger, nicht Farbiger. Denn Neger bezeichnet einen Menschen dunkler Hautfarbe, weil das Wort vom lateinischen ‘niger’ herrührt, was schwarz oder dunkel bedeutet. Dagegen hört sich Farbiger so an, als hätte ihn jemand mit Regenbogenfarbe übergossen oder als wäre er mit den Olympischen Ringen tätowiert worden.

Dies nun ist die Geschichte meines Großvaters. Er verzichtete auf eine genaue Ortsbestimmung, und zwar aus Rücksicht auf die vielen Missionsgesellschaften und ihre konfessionelle Herkunft, denn eine unter ihnen hätte sich vielleicht in seiner Erzählung wiedererkannt und verletzt gefühlt. Er wollte die Reformierten nicht gegen die Katholiken ausspielen, die Niederländer nicht gegen die Rheinländer, die Betheler nicht gegen die Baseler. Konfessionelle und nationale Unterschiede waren für meine Belehrung auch nicht erforderlich. Nur soviel: Der Ort der Handlung ist Afrika, die Zeit das 19. Jahrhundert.

II.

Der Häuptling Hekima vom Stamm der Luri, ein hochgewachsener Mann, jung für sein Amt (aber nicht zu jung), leitete Sitzungen seines Ältestenrates, ohne selbst viel zu sprechen. Gelegentlich schüttelte er die Holzringe an seinem Arm, Gehör fordernd, und lenkte das Palaver sanft in eine Richtung, die er wünschte. Durch sein außergewöhnliches Gedächtnis war er im Stande, vergessen geglaubte Einwürfe viele Stunden später wieder aufzugreifen, die Sprecher darüber zu befragen und sie zu einer klaren Begründung oder zum Verlassen ihrer Standpunkte zu bewegen, so dass allmählich die Redner zur Vorsicht erzogen wurden. Er war durch seine adelige Familie in das Amt gerückt und besaß alle Tugenden, es zu verwalten. Er herrschte wie ein Benediktinerabt, der nach der goldenen Satzung jeden, auch den geringsten, im Rate zu Wort kommen lässt und erst spät selber redet, um in Kenntnis aller vorgetragenen Ansichten urteilen zu können.

Hier erlaube ich mir eine Zwischenbemerkung. Ein Kurator, der im Dienst der Rheinischen Missionsgesellschaft stand, war gewiss kein Katholik, und die meisten reformierten oder lutherischen Wuppertaler hätten mit der goldenen Regel des Heiligen Benedikts von Nursia nichts anzufangen gewusst, aber der Kurator und vor allem die Missionare kooperierten mit den katholischen Missionen und kannten daher den Heiligen. Draußen im Veld, im Busch oder an den Urwaldflüssen pflegte man nicht, sich zu bekämpfen, man unterstützte sich, so gut es ging, und lieh sich gegenseitig Bücher aus (ich selbst habe mich, anlässlich eines mathematischen Seminars in einem klösterlichen Kongresszentrum, mit der goldenen Regel vertraut gemacht, nachdem ich sie in der Klosterbuchhandlung unter einem Stapel erbaulicher Heftchen für Touristen entdeckt hatte). Zurück zur Geschichte.

Der Missionar Nobelius lebte bei den Luri (so nannte mein Großvater den Stamm, obwohl ich jetzt bezweifle, dass es ihn gibt oder je gegeben hat) und zehrte von ihrer Gastfreundschaft. Er war zum Befremden vieler Erwachsener und zur Belustigung der Kinder damit beschäftigt, die Menschen vom Glauben an Holzfiguren zu befreien und ihnen (wie er es ausdrückte) das Brot der Wahrheit zu reichen. Nobelius hatte die Gaben Hekimas richtig erkannt. Zuerst schätzte er dessen Intelligenz, später fürchtete er sie. Er war fünfzehn Jahre älter als der Häuptling und hatte sich in ein Verhältnis zu ihm hineingedacht, das ihm ein angenehmes Gefühl der Überlegenheit bescherte. Die schweigsame, freundliche Art des Häuptlings bekräftigte seinen Dünkel, mit ihm wie ein Seniorchef verkehren zu dürfen.

Er bewahrte sich das Gefühl der Überlegenheit, obwohl er seinem Hauptziel, der Taufe aller Stammesangehörigen, keinen Schritt näherkam. Merkwürdigerweise ließ ihn Hekima gewähren, obwohl der Fremde keinen Nutzen stiftete. Die Angriffe des Missionars galten den textilen und hölzernen Idolen. Er versuchte, die Menschen des Dorfs davon zu überzeugen, dass Fetische keine Götter seien, sondern nur Puppen, und dass es sich nicht lohne, sie anzubeten – was die Luri niemals getan hatten. Er stieß jedesmal auf Unverständnis, denn nicht einmal die Kinder glaubten, die Idole hätten die Welt erschaffen oder könnten Vögel vom Himmel fallen lassen.

Nobelius ließ es sich keine Warnung sein, als einmal eine Frau ihre Holzfigur umstieß und auf sie spuckte. Er missverstand die Handlung und glaubte, in dieser Dame eine erste Bekehrte gefunden zu haben. Die Dorfbewohner nahmen es für eine leichte Verrücktheit, dass er soviel Eifer darauf verwandte, sie zu lehren, was sie längst wussten (vielleicht waren sie darum so nachsichtig mit ihm). Er predigte ihnen, dass die Götzen nicht sprechen könnten, um wie viel weniger Wunder vollbringen. Er wurde abermals gewarnt, als ihm Hekima vorhielt, dass die Mutter aus Gips mit dem Gipskind auf dem Arm in der Steinkirche bei den Weißen Vätern auch nicht spreche und seines Wissens auch keine Wunder vollbringe, trotzdem knieten die Gläubigen, sogar die Priester, gerade sie, vor ihr nieder und beteten zu ihr, als könnte sie hören und das Gehörte an die Große Luft vermitteln (Große Luft war ein Luri-Ausdruck für Gott). Der Missionar erklärte ihm eindringlich, dass die Anbetung der Gipsmadonna einem Irrglauben entspringe, den ein König seines eigenen Volkes schon vor Jahrhunderten mit Kanonen bekämpft habe (hier verrät mein Großvater doch, dass Nobelius ein Schwede war, ein Lutheraner, aber damals habe ich mir bei der Bemerkung über die Kanonen nichts gedacht). Allerdings bestehe ein Unterschied zwischen Gipsfigur und Götze. Die Statue in der Kirche der Weißen Väter sei zwar keine Göttin, obwohl viel schöner, reiner und edler als eine Luri-Vogelscheuche, sondern nur ein Symbol, und die Gläubigen sprächen durch sie hindurch zu ihrem unsichtbaren Gott, sie täten es, weil es ihnen so leichter fällt, ihre Sorgen vor der Großen Luft auszubreiten.

Die doppeldeutige Einstellung zu Fetischen der Schwarzen und den Bildstöcken der Weißen, die Verurteilung jener und die Verteidigung einer Figur bei den katholischen Weißen Vätern, veranlasste den jungen Häuptling, ein Konzil einzuberufen, an dem die Stammes-Senatoren und der Missionar teilnahmen. Das Konzil dauerte nur drei Tage, während derer die Teilnehmer das Bier der Freundschaft tranken. Aber statt mäßigend auf Nobelius einzuwirken, stürzte ihn der theologische Disput in Verwirrung, und seine Angriffe auf Idole wurden ungeduldiger.

III.

Eines Abends nutzte Nobelius berechnend die Intelligenz des Häuptlings, um ihm eine Falle zu stellen (denn selbst die Klugheit kann einem Menschen zur Falle werden). Der Missionar eiferte über Talismane, Amulette und Idole. Sie könnten nicht hören, nicht sprechen, nicht handeln, nichts außer brennen, und das einzige, was sie könnten, sollten sie gefälligst tun. Er wagte es, an jenem Abend zum ersten Mal, eine Figur an sich zu reißen und Anstalten zu machen, sie ins Feuer zu schleudern. Er befahl einen Halbwüchsigen zu sich und forderte ihn auf, den Götzen anzurufen und ihn zu bitten, die Flammen auszublasen. Wenn das Feuer erlischt, dann setze er den Götzen auf seinen angestammten Platz zurück und werde ihn anbeten. Der Missionar war im Schein der Flammen bedrohlich anzusehen. Er schien es darauf anzulegen, sein Leben als Märtyrer zu beenden, weil er alle Rücksichten fallengelassen hatte. Er schrie die Statue an, als wäre er der einzige, der an ihre Beseelung glaubte (und vielleicht war er es auch).

Der Häuptling trat zu dem Missionar und berührte seinen Arm. Er forderte den Weißen auf, zu seinem Gott, der Großen Luft, zu beten. Das hatte Nobelius vorhergesehen, zumindest gehofft und darauf gebaut, dass Hekima durch seinen Sinn für Fairness die Gleichheit der Waffen fordern würde: Was Nobelius verlangt, das darf Hikema auch. Der Missionar setzte das Gebilde ab, schloss die Augen und faltete die vor Aufregung zitternden Hände. Nein, laut solle er beten, die Große Luft anrufen und dafür sorgen, dass sie antwortet: „Hier bin ich, und ich bin der wahre Gott“. Der Missionar rief den verlangten Text laut über die Köpfe der Versammelten hinweg, um die Gespräche zu übertönen. Erst als die Antwort aus einiger Entfernung herüberscholl, schwiegen sogar die Kinder. Aus allen Richtungen kreischten die Affen.

Am nächsten Morgen fand man den Hilfsgeistlichen des Missionars tot am Ufer des Flamingo-Sees. Der Medizinmann hatte ihn entdeckt und Hikema benachrichtigt. Der Häuptling stellte fest, dass der weiße Mann keinen Speertod erlitten hatte, das heißt, er war keines gewaltsamen Todes gestorben. Im Dorf galt es für ausgemacht, dass Hikemas Ahnen dem Europäer das Lebenslicht ausgeblasen hätten. Der Häuptling begab sich mit den Ältesten zur Station, ließ die Leiche vor die Füße des Missionars legen und sprach nur das eine Wort: „Geh!“

Nobelius und sein Gefolge hatten die Station verlassen. Nur der Arzt blieb bei den englischen Wissenschaftlern, die in die aufgegebene Missionsstation einziehen durften, um erdmagnetische Messungen vorzunehmen. In der Holzkapelle der Station stellten die Luri ihre Ahnenfiguren auf, so dass sich hier europäische und afrikanische Kultur begegneten und einen Tempel der besonderen Art hervorbrachten. Der Arzt kam gelegentlich zum Beten. Er pflegte auch das Grab des Akoluthen, des Gehilfen, der Gottes Stimme sein wollte. Gott hatte seinen Diener, der das zweite Gebot missachtete, mit dem Tode bestraft (aber er würde ihn nicht in alle Ewigkeit verdammen, denn Gott ist gnädig).

Mein Großvater erklärte mir, der europäische Missionsdiener sei vermutlich an einem Schlaganfall gestorben, hervorgerufen durch die Anstrengung des lauten Rufens, oder an einem Herzinfarkt infolge der Aufregung, in die ihn der Missbrauch des göttlichen Namens versetzt hatte.
„Hast du das jetzt verstanden?“ fragte mein Großvater, der Kurator.
„Nein. Warum wurde der Missionar nicht bestraft, sondern nur sein Diener?“
„Ich weiß nicht, ob er nicht doch bestraft wurde – vielleicht sogar mit einer Gnade, die viele schwere Verpflichtungen auferlegt. Weißt du, Kind, die Gerechtigkeit Gottes ist das schwierigste Kapitel der Theologie.“

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