Pflaumenbäume sind gefährlich
von Jürgen Jesinghaus (copyright)
I.
Professor Teodoro Dasiger hieß bei seinen Studenten „Quasi Eroico“ – vermutlich wegen seines italienischen Vornamens. Wenn sie ihn ärgern wollten oder sich selbst über ihn geärgert hatten, nannten sie ihn Quasi. Aber wenn sie voller Achtung über ihn sprachen, gebrauchten sie den Ehrentitel Eroico. Wie der Spitzname zustande gekommen war, keiner wusste es mehr. Ich will Professor Dasiger der Kürze halber Quasi nennen, auch deshalb, weil ich mir nicht sicher bin, ob Vieles an ihm zu loben wäre.
Quasi hegte bedeutende Gedanken über Informationen und Maschinen, über Probleme seltener Vorkommnisse und chaotischen Verhaltens. Aber er war auch ein Zahlenmaniak, zwar kein Numerologe, nicht von Aberglauben beherrscht, trotzdem, er liebte absonderliche Zahlenspielereien. Er war ein guter Kopfrechner und dennoch ein ernst zu nehmender Mathematiker, dem allerdings nie ein entscheidender Durchbruch, nie eine wichtige Entdeckung gelang, für die er Priorität beanspruchen durfte, jedenfalls nicht auf dem Feld der reinen Mathematik. In der Informatik galt er jedoch als Kapazität.
Seine Zahlen-Besessenheit tat sich darin kund, dass er jeweils den aktuellen Stand der Kreiszahl-Forschung mitteilte – durch höfliche Zuhörer dazu aufgefordert. Er berichtete dann, bis zu wie viel Stellen hinter dem Komma welcher Computer neuerdings (sagen wir Stichtag 30. Juni) die transzendente Zahl Pi ausgerechnet hatte. Das letzte Mal sprach er in diesem Zusammenhang von über einer Billion Stellen hinter dem Komma. Er drohte manchmal damit, in den nächsten zwei Stunden die ersten fünftausend Nachkomma-Stellen von Pi aufzusagen, und erntete ein erstauntes Entsetzen, so dass er jedesmal darauf verzichtete und es daher nie erwiesen wurde, ob er tatsächlich dazu in der Lage gewesen wäre. Wer hätte die Richtigkeit prüfen sollen? Die Vorbereitungen dazu wären für jeden geselligen Abend unpassend gewesen. Und die geselligen Abende waren es, wo er seine kauzigen Rechen- und Gedächtniskünste zum Besten gab.
Auch über Primzahlen konnte er schwadronieren und darüber zum Philosophen werden, so dass viele Party-Gäste ins Gespräch zurückfanden, denn über Philosophie zu reden, macht Spaß, wenn man schon vier Glas Rotwein intus hat. So berichtete er über die größte bis zu einem Stichtag, zum Beispiel dem Tag der deutschen Einheit 2008, gefundene Primzahl (deren es, wie jedes Schulkind weiß, unendlich viele gibt) und bezifferte ihre Länge auf über vier Millionen Zeichen (das habe ich mir eben noch merken können) und erklärte in seiner schnurrigen Weise, wie man sie durch möglichst wenig Symbole darstellt, wie sie dadurch gewissermaßen einen Namen bekommt und aus der Unbestimmtheit ihrer Existenz heraus vor Augen geführt wird, vergleichbar einem aufgespießten Schmetterling oder einem aus dem Meer an Deck gezogenen Fisch. Er meinte, dass man sich von der Größe dieser monolithischen Zahl kein vollständiges Bild machen könne, noch weniger als von Gott (zu dessen Beschreibung er die Erinnerung an den alten Rektor Dr. Goettlicher heranzog) und ferner, dass man nur eine Eins hinzuzufügen brauche, und dieser Einstein von Monolith (er gefiel sich in solchen Wortspielen) zerfalle in lauter Brocken und verwandle sich in einen Haufen Zahlenmüll.
Er brachte niemals selbst das Gespräch auf seine Leidenschaft, nicht direkt, nur andeutungsweise, um andere zu ermuntern, ihn zu fragen. Bei Zusammenkünften, an denen ich teilnahm, gab es immer mindestens einen Eingeweihten, der ihm Zahlenrätsel zur Lösung vorlegte. Manchmal durchschaute ich Quasi, wenn er bekannte Sätze der Zahlentheorie bemühte, zum Beispiel um behaupten zu können, dass die gigantische Zahl vier hoch 44, um Eins vermindert, durch 89 teilbar sei. Es gebe eine Fülle solcher Kuriositäten, zu deren Verständnis keine tiefe Theorie benötigt werde (das sagte er nicht ohne Koketterie).
Er konnte zu jeder Zahl etwas sagen (für die Mathematiker unter uns: zu jeder natürlichen Zahl, wenn sie nicht allzu groß ist). Jede Zahl habe ihre eigene „Individualität“. Das darf uns nicht überraschen, da sich doch jede Zahl von anderen unterscheidet. Was er aber meinte war, jede Zahl habe außer dem trivialen Unterscheidungsmerkmal auch Eigenschaften, die einem Laien nicht ins Auge springen, zum Beispiel 1729. Schön, das ist das Geburtsjahr von Lessing und Moses Mendelssohn, das sollte auch jeder Nicht-Mathematiker wissen. Aber da existiere auch ein mathematisches Charakteristikum, das dem Inder Ramanujam einmal spontan aufgefallen sei: 1729 ist die kleinste Zahl, die sich auf zwei Arten als Summe zweier Dreierpotenzen darstellen lässt. Solche ungewöhnlichen Dinge wusste er über fast jede Zahl zu berichten.
Der Gesprächsstoff konnte nie ausgehen, denn es gibt ja genug Zahlen. Und wenn alles erforscht sein wird, jedes Atom des Weltalls umgedreht und gezählt, jedes Quark gevierteilt oder in noch kleinere Teile zerhauen, dann werden die wahren Zahlenriesen immer noch im Dunkel der Unwissenheit bereitstehen und vergeblich auf ihre Erlösung warten. Denn gegen sie ist das Universum winzig. Ob man ihn einen modernen Pythagoräer nennen dürfe? Er wies diese Bezeichnung ärgerlich zurück und behauptete zur Überraschung derjenigen, die ihn nicht so gut kannten wie ich, dass er Zahlen keine Bedeutung beimesse, dass sie zwar ein wichtiger Teil der Gedankenwelt seien, aber dass sie die übrige Welt nur unvollkommen erklärten. Seine Neigung sei zwar auch immer von der Hoffnung begleitet, auf ein Geheimnis zu stoßen, auf eine gleichsam kleine freigelegte Stelle einer Marmorgöttin im Schlamm unter Wasser, aber auf keinen Punkt, der unser Schicksal berührt. In dieser Behauptung, scheint mir, liegt ein kleiner Widerspruch zu dem Folgenden.
II.
Seine absonderlichste der bis jetzt bekannt gewordenen Leistungen war eine Statistik, die im Aprilheft der Zeitschrift ‘Man and Nature’ erschien und die sich wissenschaftlich mit der Zahl der im europäischen Mittelalter von Pflaumenbäumen herab zu Tode gestürzten Menschen auseinandersetzt. Er hatte eigens dazu ein mathematisches Modell entworfen, in das er außer der Bevölkerungsentwicklung zwischen 476 und 1453 (gegliedert nach Bauern, Städtern, Mönchen und Adeligen) auch klimatische Schwankungen einbezog, „ablesbar an den Wachstumsringen der Bäume“, ferner den Zyklus der Sonnenflecken, das Auf und Ab der Fruchtbarkeit sowie neue Erfindungen landwirtschaftlicher Maschinen, auch die Ausrottung der Ketzer, die Verödung der Baumkulturen durch Kreuzzüge, durch Kriege im allgemeinen, die Wanderung von den Dörfern in die Städte, die Pest-Epedemien des 14. Jahrhunderts und selbstverständlich die normalverteilte Höhe von Pflaumenbäumen. Alles das und noch vieles mehr.
Die Frage: „Was verstehen Sie unter Europa?“ beantwortete Quasi etwa so:
„Nun, das Gebiet der Europäischen Union (Stichtag Silvester 2008) zuzüglich der Schweiz, Norwegens, Islands, der Balkanstaaten und der assoziierten Kleinstaaten, z. B. des Vatikans. Nicht berücksichtigt habe ich Grönland, obwohl ich annehme, dass auch dort, in den wärmeren Zeiten, als die Großinsel grünte und ihren Namen erhielt, mindestens drei Personen durch Pflaumenbäume ums Leben gekommen sind. Daher will ich anregen, und zwar in der nächsten Aprilausgabe, dass man neben der Erlöserkirche in Nuuk ein Denk- und Mahnmal errichte – zum Gedenken an die unbekannten Opfer und zur Ermahnung an künftige Generationen, die infolge der globalen Erderwärmung leichtfertig Pflaumenbäume in Grönland einführen wollen und darum zur Sorgfalt im Umgang mit ihnen angehalten werden müssen.“ „Und was verstehen Sie unter Mittelalter?“ Seine kryptische Antwort darauf lautete: „Vom Zerfall der westlichen Hauptstadt bis zum Zerfall der östlichen.“ Wegen solcher Äußerungen, die er gelegentlich in Aufsätze oder Gespräche einstreute, wurde er mal des Neo-Marxismus´, mal des Gegenteils geziehen oder einen politischen Chiliasten geschimpft, der in bedenklicher Weise, wie ein gewisser Österreicher, seinen Überlegungen Zeiträume von tausend Jahren zugrundelege.
Das Schwanken des Baums im Wind, der Schwindel beim Hinaufgreifen in ein Nest reifer Früchte, der eingeklemmte Fuß in einer Astgabel, der Verlust des sicheren Halts und der tödliche Absturz. Oder die falsche Berechnung der Äste, die Verletzung des Auges durch dornige Auswüchse, das unkontrollierte Greifen, Absturz und Exitus. Quasi verwandelte diese Unfälle in Zahlen und kam zu dem erschütternden Ergebnis, dass 32.117 Bauern, 19.702 Mönche, nur 857 Soldaten (denn sie haben Bauern und Mönche gezwungen, für sie Pflaumen zu pflücken), drei Herzöge und ein französischer König in dem bewussten Zeitraum zu Tode gestürzt seien (unberücksichtigt blieben das Ersticken an Pflaumenkernen und diejenigen Fälle, in denen Personen von umstürzenden Pflaumenbäumen erschlagen worden oder an den Spätfolgen eines Unfalls, z.B. einer Sepsis, zugrunde gegangen waren). Er verglich die Gesamtzahl der Opfer zum einen mit der Einwohnerzahl von Berlin (Stand 2006) und zum anderen mit der Zahl der seit Entstehen des Homo sapiens bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt gestorbenen Menschen, einer Zahl, die er durch Integration der Exponentialfunktion unter Berücksichtigung eines Sicherheitsfaktors, der die Unwägbarkeit der Geschichtsforschung ausgleicht, ermitteln konnte. Und so kam er zu ganz unterschiedlichen Bewertungen, die einerseits den Pflaumenbaum als tödliche Bedrohung und andererseits als Mittel zur homöopathischen Verabreichung des Todes kennzeichnet. Der Pflaumenbaum, so lautete sein Resümee, sei alles in allem keine ernsthafte Gefahr – wenn man ihn meide.
Auf die Aprilausgabe haben nur wenige Leser reagiert, nämlich die Getreuen, die immer auf Aprilscherze hereinfallen und ihre Empörung hinausschreien. Die Zeitschrift ‘Medieval Life’ verweigerte den Abdruck seines Aufsatzes mit der Begründung, Professor Dasigers Arbeit wirke angesichts der Hekatomben des 20. Jahrhunderts und angesichts des gewalttätigen Todes auch und gerade im Mittelalter zynisch und abstoßend. Das verbiete eine Veröffentlichung, auch dann, wenn die Berechnungsmethoden ihre Richtigkeit hätten (was man bezweifeln müsse).
Jemand soll sogar die Zeitschrift ‘Man and Nature’ abbestellt haben. Einem Gerücht zufolge (auf das ich nichts gebe) war es Quasi Eroico selbst, denn die Redaktion habe eigenmächtig Passagen des Aufsatzes gestrichen (und so die Schuld an seiner moralischen Verurteilung auf sich geladen), z.B. die ausführliche Definition des Begriffs Rosengewächs, seine auf dem Studium der Spezialliteratur über Gartenkunst basierende Ausgrenzung von Renekloden und Mirabellen, die wahrscheinlich erst nach dem Sieg der Türken über Kaiser Konstantinos Dragasis in Europa heimisch geworden seien und demzufolge erst in der Neuzeit ihren tödlichen Einfluss auf eine (trotz des Dreißigjährigen Kriegs) stets wachsende Bevölkerung ausgeübt hätten. Er für seinen Teil (so wird Quasi zitiert) betrachte Renekloden nur mit Argwohn, könne sich ihres Genusses jedoch nicht enthalten und koste sie, der Sucht des Essens einmal ausgeliefert, wie die Japaner das Fleisch des Kugelfisches mit schauderndem Vergnügen. Gestrichen worden sei ferner (und das erbittere ihn besonders) die Schilderung seines Versuchs, den jahrelangen Streit mit seiner Gattin über die Frage, ob Zwetschgen Pflaumen seien oder nicht, für sich zu entscheiden.
Halb im Scherz, halb im Ernst warf man ihm seine lächerliche Akribie vor: die minutiöse Begrenzung des Zeitraums Mittelalter, sozusagen vom Neujahrstag 476 bis zur Silvesternacht 1453, weiter die Zahl der Todesfälle, die er nicht zu Tausenden gebündelt habe, wodurch er eine Genauigkeit vortäusche, die auch ein besseres Modell als seines niemals würde erreichen können. Andererseits schrecke er nicht davor zurück, über Generationen hinweg zu integrieren, aus der Masse der Individuen eine glatte Funktion zu machen – wie mit dem Schmiermesser einen glänzenden Strich durch die Butter. Seine globale Betrachtungsweise vertrage sich nicht mit der atomistischen, die sich auf Einzelheiten berufe, gewissermaßen auf den blauen Staub der Pflaumenschale.
Ja, gebe es etwas Globaleres als die Atomistik? Sei je die Welt als Ganzes einfacher erklärt worden als durch Leukipp und Lukrez? Und der blaue Staub! Bei so viel Individuen, den Staubpartikeln, entstehe da nicht automatisch der Eindruck eines glatten Ganzen, der Bläue? Erstens müsse man alles, was man genau weiß und scharf definieren kann, auch in eben derselben Schärfe berücksichtigen, um der gefährlichen Fehlerfortpflanzung wenig Nahrung zu bieten, zweitens habe sein Respekt vor dem Individuum ihn bewogen, ihren Tod nicht in statistischen Tausender-Kolonnen aufzuzeigen. Hinter jedem Sturz vom Pflaumenbaum verberge sich eine Tragödie, Turbulenzen in der Familie des Verstorbenen, ja weitere Todesfolgen, die er bewusst außer Acht gelassen und dem Pflaumenbaum nicht zugerechnet habe.
In einem Fall verberge sich sogar eine Tragödie von historischem Ausmaß, nämlich im Fall oder besser gesagt im Sturz des Königs, dessen Name sein Rechenmodell verständlicherweise nicht habe auswerfen können, aber dessen Tod wahrscheinlich die Geschicke Frankreichs und damit Europas beeinflusst habe, ob zum Guten oder Schlechten, müsse dahingestellt bleiben. Und ganz abgesehen davon: „Zahlen, ob zu Tausenden zusammengefasst oder nicht, Zahlen bleiben Zahlen. Auf Zahlen kommt es nicht an. Der Sinn eines Modells liegt nicht in seinem numerischen Ergebnis, sondern darin, dass es einen zwingt, die eigene Vorstellung von erklärungsbedürftigen Sachverhalten zu präzisieren und auf Widersprüche zu prüfen, die sich unsichtbar dicht unter dem Blätter- und Blütenteppich der blumenreichen Alltagssprache versteckt halten.“
Auf einem Empfang fragte ich ihn einmal, ob man in dem Modell das katastrophale Ergebnis durch Abwandlung einiger endo- oder exogener Parameter mildern könne, und ich hörte Quasi antworten, fast dröhnend, seine Stimme schien getragen vom Interesse der Umstehenden, die auf mich blickten, teils kühl herablassend, teils lächelnd, andeutend, dass es sich vielleicht um eine gute Frage handele (man müsse nur erst die Antwort abwarten): „Durch Abholzung aller Pflaumenbäume im sechsten Jahrhundert, ferner durch ein striktes, von religiösen Vorschriften untermauertes Verbot ihrer Neuanpflanzung. So hätte man, eingedenk sporadischen Ungehorsams in unwegsamen Bergtälern, die Zahl der Toten auf eine Quantité négligeable reduzieren können. Deshalb wäre es klug gewesen, den Pflaumenbaum als unreines Geschöpf hinzustellen, als ein Gewächs, das Legenden zufolge, die eigens dafür hätten erdichtet werden müssen, der Heiland, als er noch auf Erden wandelte, habe verdorren lassen wie den unschuldigen Feigenbaum im Markus-Evangelium.“
Ich fragte weiter, ob er denn zugebe, dass in sich widerspruchsfreie Modelle existierten, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben? Quasi lächelte mich an wie ein Lehrer, der einen Schüler examiniert und findet, dass er mitarbeitet. Für gute Lehrer sind Einwürfe der Schüler ohnehin willkommener als Antworten, denen man nicht anmerkt, ob sie aus dem Verstand oder nur aus dem Gedächtnis herrühren. „Nein, nein. Denn erstens sind sie selbst ein Stück Wirklichkeit, zweitens werden sie von einem Stück bereits vorhandener Wirklichkeit akzeptiert, von einem Computer nämlich, sonst wären sie nicht lauffähig und erst recht nicht widerspruchsfrei. Ich gebe allerdings zu, dass es widerspruchsfreie Modelle gibt, zu Hauf, die nicht unseren Absichten dienen und nicht unsere Erwartungen erfüllen. Sie erweisen sich gerade deshalb als ein Stück Wirklichkeit, weil die Wirklichkeit etwas ist, was unseren Wünschen nicht dient, sonst würden wir sie als besondere Qualität nicht wahrnehmen. Ohne schmerzliche Erfahrungen müssten wir glauben, die Welt bestehe nur in unserer Einbildung.“
Er präsentierte schließlich sein Pflaumenbaum-Modell als ein didaktisches Vorhaben, das leider missglückt sei, weil die einzige Zeitschrift, die es veröffentlicht hatte, die interessantesten Teile, nämlich die exemplarische Lösung von Riccati-Gleichungen, seine ausführliche Behandlung großer dünnbesetzter Matrizen und seine Bemerkung über Kalmanfilter fortgelassen habe (also war doch etwas an dem Gerücht!). „In welchem Modell, das sage mir einer, kann man so ungeniert so viele Techniken des Modellbaus erörtern wie in meinem? Ein SINNVOLLES Modell biete gar nicht so viele Möglichkeiten wie das meinige, in dem ich große Zeiträume und seltene Vorkommnisse, chaotische Ereignisse, politische Schrecknisse, militärische und soziale Katastrophen habe berücksichtigen dürfen. Mein Pflaumenbaum-Modell ist die Mutter aller anthropo-sozio-biologischer Modelle.“
Quasi Eroico atmete tief und nahm ein Glas aus den Händen eines Adepten, der es die ganze Zeit gehalten und seine Aufmerksamkeit nur dieser Eventualität gewidmet hatte. Quasi führte das Glas in einem Bogen an seinem Gesicht entlang, als wollte er seine Nase nur riechen lassen, was er seinem Gaumen vorenthielt.
„Nehmen Sie die englische Sprache, unsere Umgangssprache. So schlecht ist es nicht, dass wir unsere Beiträge in Englisch publizieren müssen, denn so werden wir gezwungen, unsere Gedanken – noch deutsch in statu nascendi – einer Metasprache zu unterwerfen. Wie oft sind wir nicht Opfer eines bildhaften Ausdrucks, der uns eine Schlussfolgerung nahelegt, die durch die Sache nicht begründet ist, und der in einer Fremdsprache anders lautet und uns eine andere fruchtbare Assoziation verschafft, uns jedenfalls vor einem Irrtum bewahrt. Wir können also sagen, was durch die englische Sprache gefiltert wurde und geläutert herauskommt, hat einen ersten Test bestanden. Aus dem gleichen Grund sollten Angelsachsen ihre Theorien in Deutsch, besser noch in Ungarisch, am besten in Chinesisch veröffentlichen – oder aber, das leuchtet Ihnen, meine Damen und Herren, vermutlich sofort ein, mit Hilfe einer Kunstsprache, also einer Computersprache, z.B. Occams – zu Ehren des Philosophen, der Endgültiges über Theorien und Modelle gesagt hat, nämlich, dass man zu ihrer Entwicklung nicht mehr Annahmen als erforderlich heranziehen soll.“
„Ja, aber, aber, an diesem Anspruch gemessen, ist Ihr Modell, äh, äh …“
„Sie haben völlig Recht.“
„Und wozu denn das Ganze?“
„Ich will Sie lehren, mehr Respekt vor Pflaumen zu haben als vor Statistiken. Eine Statistik, die die Methode ihres Zustandekommens nicht offenlegt, taugt sowieso nicht das Schwarze unter dem Fingernagel eines Chirurgen.“