Ein Seitensprung auf italienisch

von Lina Fehse (copyright)

oder auf deutsch
ein Seitensprung lohnt nicht immer

Endlich wieder im Urlaub. Wir sind in bella Italia in einem Luxushotel.

Am ersten Tag machten wir es uns bequem am Meerwasser-Pool. Die Matrat­zen der Liegen waren weich, die Bedienung perfekt, nur die Handys nervten. Mein Mann las wie immer. Rechts von ihm quakten zwei Italienerinnen, Mitte vierzig, und wenn sie nicht gerade laut miteinander quakten, quakten sie in ihre Handys.

Ich genoß den schönen Ausblick, zählte die Möwen und beobachtete die Men­schen. Links von mir lag ein ungleiches Paar, das mit uns zusammen ange­kommen war. Er, ein Mann um die sechzig, kleine, feine Figur, ohne Haare auf dem Kopf, dafür um so mehr auf der Brust. Sie, eine große dunkelhaarige Schönheit, Mitte zwanzig. Die beiden quakten nicht, sie gurrten. Ich war neugie­rig, ich verstehe recht gut italienisch.

Aus ihrem Gespräch wurde mir klar, daß er ein mächtiger Mann war, der alles erreicht hatte, was er wollte. Ihm fehlte nur “amore”, die er mit ihr gefunden zu haben schien. Sie kam aus Tunesien und arbeitete schwer auf dem Flughafen. Sie wollte auch etwas erreichen, dachte ich mir. Und natürlich würde ihr der mächtige Signore den Weg zeigen. Die beiden plauderten ununterbrochen, wenn nur nicht dieses Handy gewesen wäre, das fast jede Stunde bei dem Mann klingelte. Was klar zu verstehen war, seine Ehefrau sorgte sich um ihn.

“Si, si, mir geht es schon viel besser”, erzählte er seiner Frau immer wieder, “si, si, hier ist eine verlassene Gegend, aber kochen können sie gut, si, si, si, ich esse vernünftig, si, si, ich schlafe viel, schlafe und schlafe. Si, si mein Blutdruck ist gut. Si, si, si, ciao, Amore, bis bald!” Ich mußte lachen, seine Ehefrau nannte er auch “Amore” wie seine Geliebte, wie praktisch, keine Namensverwechse­lung möglich.

Am dritten Tag unseres Aufenthaltes rief die Ehefrau Punkt 10 Uhr am Vormittag an, als wir gerade am Pool ankamen. Während das Mädchen an seinen Brust­haaren krabbelte, jammerte der Signore nur. Seine Stimme war schwach, aber sein Wille stark, mit der Geliebten noch ein paar Tage zu bleiben.

“Mir geht’s nicht so gut, Amore, si, si, vielleicht der Blutdruck, ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Si, si, ich bleibe hier noch ein paar Tage, Amore, bis bald, si, si, ciao!” Die nächsten Stunden klingelte sein Handy nicht mehr. Ich wunderte mich, gerade wenn es dem Signore schlecht gehen sollte, meldete sich seine Frau nicht. Die Erklärung kam aber schon nach dem Mittagessen, als es am Pool besonders ruhig war.

Eine Rezeptionsangestellte lief aufgeregt in unsere Richtung und flüsterte laut: “Signor Lusconi, Ihre Frau ist angekommen!” Das Pärchen sprang von den Liegen, das Mädchen schmiß ihre Sachen in die Tasche und der Signore drückte ihr die Zimmerschlüssel in die Hand mit der Bitte, schnell alle Spuren zu verwischen und aus dem Hotel zu verschwinden.

Aber es war schon zu spät. Signora Lusconi, in Begleitung eines Gepäckträ­gers, eilte schon zum Pool. Sie war eine kleine, schlanke, sehr elegant angezo­gene Dame mit einem hübschen Gesicht, in dem sich Wut abzeichnete. Sie blickte durch das Mädchen hindurch, das schon am Abhauen war, und begann ihren Ehemann zu beschimpfen: “Porco, simulatore! Dir soll es schlecht gehen? Du konntest nicht schlafen? Wie ich sehe, konntest Du gut schlafen, und das nicht alleine! Ich machte mir doch Sorgen!”

Und dann zeigte die Signora italienisches Temperament. Sie schlug auf ihren Mann mit ihrem kleinen Louis-Vuitton-Täschchen ein. Er schnappte das rote Badetuch von der Liege und sprang wie ein Torero hin und her, um ihren Schlägen zu entgehen. Plötzlich fiel er wie tot zu Boden. Die Signora bekam einen Schreck und schrie: “Dottore, dottore, gibt es hier einen Arzt?”

Natürlich fand sich in so einer feinen Anlage auch sofort ein Arzt, ein hübscher, braungebrannter, kräftiger, junger Mann. Er hob den Signore wie eine Feder hoch und brachte ihn auf seine Liege, dann versuchte er dessen Puls zu fühlen. “Nun tun sie doch schnell etwas, Dottore!” bat ihn die aufgeregte Signora. “Ich bin ein Dentist,” antwortete ihr ruhig der junge Mann. “Ein Dentist! Gibt es denn hier keinen ‘richtigen’ Doktor?” schrie die Signora verzweifelt.

Der Gepäckträger, der immer noch da stand und auf sein Trinkgeld wartete, lief in die Rezeption, um einen ‘richtigen’ Doktor zu holen.

Signora Lusconi kniete sich zu ihrem Mann und klopfte ihm leicht auf die Wan­gen: “Nicht sterben, amore mio, komm’ zu Dir, ich verzeihe Dir alles.” In diesem Moment öffnete Signor Lusconi die Augen. Er sagte nicht: “Wo bin ich?” denn er wußte genau, wo er war und was er zu tun hatte, um seine Ehefrau umzu­stimmen. “Simulatore!” dachte ich.

Kurz danach war das Ehepaar Lusconi vom Pool verschwunden. Ich fragte meinen Mann: “Wie konnte Signora Lusconi erfahren, wo sich ihr Mann genau aufhielt?” Er lachte: “Ein Land mit dem Handy am Ohr, hat keine Geheimnisse.”

Am Abend sahen wir das Ehepaar Lusconi im Restaurant. Sie aßen feierlich und tranken Champagner. Neben dem Tisch standen mehrere Tragetaschen aus den besten Boutiquen: Gucci, Lucci; Russo, Busso; Moschino, Molino und so fort.

Signora Lusconi sah glücklich aus, der Seitensprung ihres Mannes hatte sich gelohnt.

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