Die Sternenprinzessin

von Paola Reinhardt (copyright)

In den hellen Nächten, wenn der Mond sein blasses Licht zur Erde sendet, glänzen am Firmament viele tausend Sterne. Jeder von ihnen hat seinen ganz bestimmten Platz und darf diesen nie verlassen. So sieht es der uralte Himmelsplan vor.

Da war einmal ein ganz besonders schönes Sternlein, der überstrahlte mit seinem Glanz all die anderen. Jeden Abend schaute es mit großen, sehnsüchtigen Augen hinunter auf die Erde und konnte sich gar nicht satt sehen an den gewaltigen Meeren, den Flüssen und Bächen, stillen Seen, zerklüfteten Bergen und endlosen Sandwüsten.
Es bestaunte auch die grünen Wälder, die lebhaften Städte, die beschaulichen Dörfer, die vielfältigen Tierrassen und die kleinen und großen Menschen, die anscheinend auf dieser Welt das Sagen hatten.

Manchmal konnte der Stern sogar durch die hell erleuchteten Fenster in ihre Wohnungen schauen. Dort saßen die Menschen oft gemütlich beieinander und plauderten, oder schauten gebannt auf einen kleinen Kasten, den sie Fernseher nannten. Ganz besonders interessant sah es bei ihnen zu Weihnachten aus. Zu Anlass schmückten
die Menschen grüne Tannen mit bunten Kugeln, Lametta und Kerzen und beschenkten sich gegenseitig. Und alle waren an diesem Tag besonders nett zueinander. Mütter und Großmütter erzählten den Kindern oft alte Märchen, oder lasen ihnen aus dicken Büchern Geschichten von Huckleberry Finn und Oliver Twist vor. Oder sie sahen sich
gemeinsam den Film vom kleinen Lord an, der mit seiner Mutter von Amerika nach England reiste und dort das harte Herz seines griesgrämigen Lord Großvaters eroberte. Die über Zehnjährigen zogen sich oft mit einem neuen „Harry Potter“ in eine stille Ecke
zurück.

Leider konnte das Sternlein ihre Unterhaltungen und ihre Musik nicht immer verstehen, denn die Entfernung zur Erde betrug schließlich viele, viele Lichtjahre. Doch die Menschen schienen ihm so interessant zu sein, dass sein Wunsch, einmal auf die Erde zu reisen, von Jahr zu Jahr größer.

Eines Abends fasste sich das Sternlein ein Herz und bat den Mond: „Lieber, guter, alter Mond, ich möchte einmal auf die Erde zu den Menschen. Bitte, lass mich reisen!“

Doch der Mond schüttelte nur unwillig seinen Kopf. Er war so stolz auf sein schönstes Sternlein und wollte es daher nicht verlieren. Außerdem hatte er es in all den Jahren sehr lieb gewonnen. Doch das Sternlein konnte zuweilen sehr hartnäckig sein und wurde immer wieder beim Mond wegen eines Anliegens vorstellig.

„Glitzerchen“, sagte er eines Tages traurig, „hör zu, du weißt doch, dass kein Stern jemals wieder hinauf zum Himmel gelangen kann, wenn er einmal auf der Erde war. Also gibt schon Ruhe und schlag dir deinen Wunsch aus dem Kopf. Du bleibst hier oben bei mir und den anderen Sternenschwestern und strahlst, wie es sich für einen
richtigen Stern gehört. Hast du mich verstanden?“

Das Sternlein gab keine Antwort und schmollte statt dessen, bevor es sich allmählich in sein Schicksal ergab. Doch eines Nachts erblickte Glitzerchen direkt unter sich ein großes weißes Schloss. Leise betörende Musik klang bis hinauf zum Himmel und zwei nachtdunkle Augen starrten es unentwegt an. Sie gehörten einem jungen Mann, groß
und schlank, der eine weiße Uniform trug, die mit goldenen Kordeln und Litzen verziert war. Sein schwarzes Haar glänzte im Schein der vielen künstlichen Lichter, die den Park und das Schloss illuminierten. Glitzerchen lächelte und glaubte, noch nie einen schöneren Menschen gesehen zu haben. Da sah es, wie der Prinz in Begleitung den Saal verließ und nach draußen auf die Terrasse ging. Da hörte es eine laute Stimme:

„Mein Prinz, warum seid Ihr so traurig und fern dem Fest, das man Euch zu Ehren gibt. Die schönsten Prinzessinnen, die attraktivsten Filmstars und Models wurden von Eurem Vater, dem König eingeladen, damit ihr Euch unter ihnen eine Frau aussuchen sollt. Doch Euch schein keine zu gefallen.“

„Stimmt, verehrter Minister, obwohl sich der Hof mit der Auswahl der Damen sehr viel Mühe gegeben hat. Aber sie sind mir alle viel zu eitel, pressegeil und oberflächlich. Schönheit allein genügt mir nicht! Ich brauche eine Frau, die gut ist und warmherzig zu unserem Volk, so wie es meine Mutter war.“ Und schwärmerisch fügte er hinzu: „Sie
müsste mein Herz beim ersten Anblick berühren.“ Er machte eine Pause und zeigte dann hinauf zum Himmel. „So wie dieser strahlende Stern dort oben mit seinem warmen Glanz.“

Das Sternlein errötete und strahlte noch ein wenig wärmer als sonst über dieses wunderschöne Kompliment. Leider tauchte in diesem Augenblick eine Menge Fotografen und Reporter im Park auf mit klickenden und surrenden Kameras, die den Prinzen umlagerten und ihn interviewen wollten. Alle redeten sie durcheinander, so
dass Glitzerchen kein einziges Wort mehr verstehen konnte. Enttäuscht sah es, wie der Prinz vor ihnen ins Schloss flüchtete. Dicke Samt-und Brokatvorhänge versperrten kurz darauf den Blick durch die Fenster.

Der Mond hatte alles mit angehört und machte sich so seine Gedanken. In der nächsten Zeit beobachtete er seinen Lieblingsstern noch sorgfältiger als vorher. Und voller Wehmut sah er, dass wie dieser jeden Abend ein wenig früher am Himmel auftauchte, um Ausschau nach dem Prinzen zu halten. Diese Eigenmächtigkeit brachte allmählich den gesamten Sternenplan durcheinander und die Sterne der Milchstraße und die des großen und kleinen Bären hatten sich schon bei ihm über das eigenmächtige Verhalten seines Lieblingssterns beschwert. Dabei war die Ballmusik doch längst verklungen und das Schloss lag tief verschneit und einsam am Rande der großen Stadt. Im Stillen hoffte der Mond jedoch darauf, dass sich der Prinz inzwischen doch in eine der vielen
schönen Frauen verliebt hatte und bald heiraten würde. Dann hörte sein Lieblingssternlein gewiss endlich damit auf, von diesem Menschen zu träumen!

Doch da hatte er sich gewaltig geirrt! Ohnmächtig musste der Mond mit ansehen, wie seine Sternenprinzessin von Tag zu Tag trauriger wurde. Darüber war er sehr beunruhigt, denn wenn ein Stern traurig ist, wird er blass und blasser, bis er eines Tages ganz erlischt.

Angst, ja fast Panik erfasste den Mond, und er sann angestrengt darüber nach, was er wohl dagegen unternehmen konnte. Leider fiel ihm bei allem Kopfzerbrechen keine Lösung ein. So entschloss er sich eines Abends schweren Herzens den Wunsch des Sternleins zu erfüllen.

„Glitzerchen, ich habe genug von deinem traurigen Gesicht. Los, mach dich fertig für den Flug zur Erde“, brummte er den Tränen nahe.

Da hättet ihr das blasse Sternlein einmal sehen sollen! Sofort begann es wieder wie früher zu leuchten und zu strahlen, ja, er glitzerte und funkelte nur so vor Freude. Und vor lauter Dankbarkeit fiel er dem Mond um den Hals und tanzte übermütig um ihn herum.

Dem Prinzen, der gerade auf die Terrasse hinausgetreten war, fiel dieser seltsame Sternentanz natürlich sofort auf. Wie geblendet starrte er hoch zum Himmel. Plötzlich sah er eine Sternschnuppe direkt auf sich zukommen. Wenn ein Stern vom Himmel fällt, darf man sich etwas wünschen und dieser Wunsch, so heißt es, wird in Erfüllung gehen. Das wusste natürlich auch der Prinz und lächelte voller Vorfreude.

Im nächsten Augenblick stand vor ihm eine wunderschöne junge Frau mit langen blonden Haaren, strahlend blauen Augen, und einer elfengleichen Figur. Sie trug ein glitzerndes goldenes Kleid, das über und über mit Perlen und Edelsteinen bestickt war. Nie zuvor hatte der Prinz ein schöneres Geschöpf gesehen. Gleichzeitig ging von dieser
Frau soviel Liebreiz und Güte aus, dass ihm richtig warm ums Herz wurde. Er neigte sich tief über ihre zarte Hand und küsste sie.

„Prinzessin, niemand hat mir Eure Ankunft gemeldet. Wann seid ihr hier eingetroffen und von woher kommt ihr?“, fragte er verwundert und mit leicht zitternder Stimme.

Da lachte Glitzerchen. „Aber mein Prinz, denkt doch an die Sternschnuppe und an Eueren Wunsch. Er ist gerade in Erfüllung gegangen. Ich bin direkt vom Himmel gefallen.“ Die Sternenprinzessin erzählte dem staunenden Prinzen auch, wie sie ihn an jenem Ballabend belauscht und sich in ihn verliebt hatte. Und von dem guten, alten Mond, der ihr schließlich den Flug zur Erde genehmigte, berichtete sie ebenfalls. Da nahm der Prinz die schöne Sternenprinzessin überglücklich in seine Arme und küsste sie. Eng umschlungen wanderte das Paar danach durch den winterlichen Park und bemerkte weder die Kälte noch die anbrechende Nacht. Und noch bevor die Turmuhr zwölf schlug, hatte der Prinz seiner Traumfrau einen Heiratsantrag gemacht. Und die sagte überglücklich „ja.“

Schon bald wurde die Hochzeit gefeiert und das Volk jubelte dem jungen Paar begeistert zu. Am Hof und überall im Land wurde natürlich gerätselt, wo und wie der Prinz seine schöne Braut wohl kennen gelernt hatte. Doch die Zwei verrieten ihr Geheimnis nicht.

Nur einer kannte ihre Geschichte. Doch der konnte schweigen. Manchmal, wenn das Paar verliebt durch den Schlosspark wanderte und zum Himmel hochblickte, dann hatten sie für einen Augenblick lang das Gefühl, als würde der gute, alte Mond ihnen verständnisvoll zublinken, bevor er hinter einer Wolke verschwand.

Du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen Trackbackauf Deiner Seite einrichten. Drucken Drucken


Noch keine Kommentare. Seien Sie doch der Erste?

Geben Sie Ihre Meinung ab ...