Der kopflose Reiter

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

1.

Gernot Apostel hat die akademische Welt lächerlich gemacht, weil er ohne Medizinstudium als Arzt auftrat und sogar als Klinikleiter vorgeschlagen wurde. Man ist ihm auf die Schliche gekommen, aber viel zu spät, als dass sich die Gelehrtenrepublik vor dem Spott hätte retten können. Apostel übersetzt man am besten mit „der Kleine von der Post“, weil er Postangestellter war. „Der Kleine“ darf als Koseform verstanden werden, denn Apostel hat nicht nur für Empörung, sondern auch für Erheiterung gesorgt. Hat er jemandem geschadet – außer den akademischen Talar– und Troddelträgern? Ich will das offen lassen, muss aber hinzufügen, dass Gernot Apostel zwar ein Hochstapler, aber kein Ideologe war, kein verrannter Wirrkopf, kein Fundamentalist, keiner wie Rainer Kanberg.

Die Boulevard–Presse und das Fernsehen hatten Apostel herausgestellt und zum Ruhm verholfen. Er war in Talkshows aufgetreten, bevor er sich abermals auf die Anklagebank setzen musste, wo ihm milde Richter gegenüber thronten, denn Apostel war klug genug, deutschen Richtern nicht ohne hieb– und stichfesten Doktortitel und nicht ohne zweites Staatsexamen die Stirn zu bieten, um ihnen Gesetze auszulegen. Er war eitel, ja, gebildet, naja, aber nicht dumm und, wenn er nur wollte, sehr charmant. Apostel hatte (aus Gründen der Strafminderung) einem stationären Aufenthalt in der Psychiatrischen Abteilung der Charité zugestimmt, wo er seiner Leidenschaft, den Doktor zu spielen, nicht gänzlich entsagen konnte.

Er schellte und befahl dem Pfleger, der eintrat:
„Schließen Sie das Fenster – bitte!“
„Sie lassen mich zum dritten Mal rufen. Was hält Sie davon ab, das Fenster selbst zu schließen? Sie sind nicht bettlägerig, Sie sind bestens angezogen, Sie brauchen daher Blicke aus den gegenüberliegenden Fenstern nicht zu fürchten.“
„Ich bin nicht zum Spaß hier!“
„Bin ich es?“
„Ich bin hier, weil man mich verfolgt, weil ich stündlich mit einem Angriff auf meine Person, mit einem Schuss aus dem Hinterhalt rechne – und weil mir alle Welt einreden will, ich litte unter Einbildungen. Gehen Sie jetzt bitte langsam und auffällig durch das Zimmer zum Fenster, so dass man Sie gut erkennt und auf gar keinen Fall mit mir verwechselt. Dann schließen Sie es – bitte!“
„Herr Apostel, Sie simulieren. Sie tun nur so, als hätten Sie nicht alle Tassen im Schrank.“
„So spricht kein Psychiater. Denn kein Psychiater würde sagen, Sie hätten alle Tassen im Schrank! Sie sind keiner. Was sind Sie?“
„Ersatzdienstleister.“
„Das hätte ich mir denken können. Einen Psychiater braucht man nicht lange zu bitten, einem das Fenster zu schließen. Der würde ohne Widerspruch alles schließen, Türen, Fenster und Vorhänge, so dass man nicht einmal mehr hinausschauen könnte. Mir missfällt, dass Sie mich im Glauben lassen wollten, Sie seien jemand, ein Arzt, dabei sind Sie ein Niemand. Sie wischen anderen den Arsch ab.“
„Und schließe Fenster für andere. Die einen fürchten, es fliegt etwas herein, die anderen, sie könnten hinausfallen. Dostojewskij zum Beispiel hatte Angst, es zöge ihn hinaus, wenn er an einem offen Fenster stünde. Er kroch auf dem Bauch zum Fenster, um es von unten zuzustoßen, damit ihn nicht die Sehnsucht packt, hinunterzuspringen und sein Leben dem süßen Augenblick des Fliegens preiszugeben.“

„Sie brauchen mir nicht zu beweisen, dass Sie eine höhere Schulbildung besitzen. Ich war Amtsarzt, ich war Oberarzt, wenn ich wollte, bekäme ich einen Lehrstuhl für Philosophie. Glauben Sie nicht, dass sich jemand beklagen würde, wenn ich auf einem philosophischen Lehrstuhl säße! Mit Sloterdijk und Precht habe ich schon öffentlich diskutiert in der Reihe ‘Philosophie gestern, heute, morgen’. Sie sind leicht impressibel. Ihnen gefällt das Bild von einem Mann, der auf dem Bauch zum Fenster kriecht. Sie haben es erzählen hören, vielleicht auf der Abschlussparty Ihrer Abiturklasse. Der Deutschlehrer hat das siebte Bier intus, jetzt möchte er sich von einer ganz anderen Seite zeigen, jetzt beweist er Ihnen, dass er eine Seele hat, nicht nur ein Notizbuch, nicht nur ein Reclamheftchen und nicht nur einen Heftordner voller Text-Interpretationen, jetzt kehrt er die Tiefe heraus, den russischen Menschen, jetzt zeigt er Ihnen den Hiatus zwischen Philologengeschwätz und Weltliteratur, die Abgründe, die Schizophrenie, die Zerrissenheit des modernen Menschen, Dostojewskij als den modernen Menschen. Zwei Glas später erzählt der Herr Oberstudienrat Ihnen, dass ihn seine Frau mit dem besten Freund betrügt, dem Religionslehrer, und noch ein Glas später fängt er an zu heulen. DAS hat Ihnen gefallen! Und jetzt kommen Sie mir damit, um mich zu beeindrucken. Wissen Sie eigentlich, wem Sie imponieren wollen?“

„Das weiß jeder hier. Sie genießen eine narzißtische Persönlichkeitsstörung.“
„Das Urteil steht Ihnen nicht zu! Sie sind kein Arzt. Ich wollte nicht hierher, es war nicht meine Idee. Meine Psychologen haben mir dazu geraten, nicht weil ich es nötig hätte, sondern um Abstand zu gewinnen, um in Ruhe und Anonymität nachzudenken. Das ist bei Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens wie mir gar nicht so einfach. Die Presse hat meinen Aufenthaltsort verraten und mich den gedungenen Mördern ausgeliefert. Bilde ich mir ein, dass mein Name in den Zeitungen steht? Nein. Bilde ich mir ein, dass ich in der Zeitgeschichte eine Rolle spiele? Nein. Meine Krankheit ist es, verkannt zu werden! Daran sollten Sie arbeiten. Studieren Sie Pharmazie und entwickeln Sie ein Medikament gegen Verkennung! Das würde vielen Menschen helfen, vor allem mir persönlich. Meine Rolle in der Zeitgeschichte ist verkannt worden. Ich sage nur das eine Wort mit P: Politik. Ich bin Geheimnisträger, ich könnte Bände füllen. Soll ich Ihnen Namen nennen? Lieber nicht, damit würde ich Sie gefährden. Es genügt, dass meine Person Gefahren ausgesetzt ist. Als ich aufwachte, sah ich Lichtreflexe auf meinem Bett und dann auf der Wand und dann wieder auf dem Bett, an der Wand, auf dem Bett, an der Wand, auf dem Bett. Ich sehe nach draußen, verdeckt durch den Vorhang, und erkenne eine Frau, die das gegenüberliegende Fenster auf- und zumacht, auf und zu.“
„Das war die Reinigungskraft.“
„So genau sollte es ja aussehen! Wenn etwas genau so aussieht, wie Sie es erwarten, dann seien Sie auf der Hut! Wenn alles hundertprozentig stimmt, dann ist die Gefahr am größten. Wenn alles nach Plan läuft, dann springt der Zug aus dem Gleis.“

2.

Apostel betrat das Ordinationszimmer, stellte sich als „der Neue“ vor und bat den Patienten, einen Herrn namens Wieland Wohlthat, in einen ruhigeren Raum, obwohl der, wo Wohlthat wartete, zum Park der Charité hinaus lag und für großstädtische Verhältnisse nicht ruhiger hätte sein können. Die Herren eilten in Apostels Zimmer. Wieland setzte sich auf einen Wink des vermeintlichen Arztes, der sich auf dem Besucherstuhl niederließ und die Beine übereinanderschlug, in ein Plastiksesselchen am Fenster. Durch das Oberlicht drangen Geräusche der S–Bahn. Apostel fragte seinen Gast nach der Vorgeschichte und den bisherigen Befunden. Dann begann Wieland Wohlthat seinen Bericht über das seelische Leiden, das ihn umtrieb, das ihn nicht schlafen ließ und wie ein Alb mit feurigen Augen über ihm stand, wobei die feurigen Augen nicht im Kopf des Albs zu suchen seien, sondern – am Himmel vielleicht?

„Sie meinen, der Alb hat Augen, aber nicht im Kopf, sondern am Himmel?“
„Der Alb hat keinen Kopf und doch hat er Augen, aber wo? Bevor er sich auf mich setzt, lange davor, nämlich ganz am Anfang, sehe ich einen normalen bedeckten Himmel, und dann eine Landschaft, eine Steppe und dahinter einen Wald. Nun überkommt mich die Ahnung, dass etwas passiert, darin unterscheidet sich die Landschaft von allen anderen, an die ich denke – durch die Ahnung von etwas Unaussprechlichem, Erhabenem, aber auch Fürchterlichem, und dann schaue ich auf den Waldrand. Der Himmel verfinstert sich. Da bricht ein Reiter zwischen den Bäumen hervor. Er hat keinen Kopf. Er sitzt im Sattel wie festgeschnürt, wie der tote Cid, den man auf das Pferd gebunden hat, um den Mauren zu zeigen: der Cid ist noch da, es gibt ihn noch, Ihr habt Grund, euch zu fürchten. Aber mein Reiter lebt und ist kopflos. Er passagiert wie bei einem Dressur-Ritt über die Steppe, deshalb der Eindruck des Erhabenen. Vor meinen Augen reitet er zum Rand des Gesichtsfeldes. Dann sehe ich ihn nicht mehr, aber ich fühle, dass er Kehrt gemacht hat und sich in einem Bogen nähert. Es wird dunkler, und ich spüre, wie er näher und näher kommt und wie mit der Dunkelheit seine Gegenwart wächst, und dann ist er da und springt auf mich, kopflos wie er ist, und sieht mich an. Mit welchen Augen, frage ich Sie?“

„Mit den Augen Ihres Vaters. Ein typischer Fall von Kastrationsangst. Sie haben Angst, Ihren Kopf zu verlieren, Ihr bestes Stück, an das Sie immer denken, daher Kopf, obwohl Sie Penis meinen. Der Anfang ist gemacht – dadurch, dass Sie sich mir geöffnet haben. Nun kann ich Ihnen sagen, dass Ihr Alb nicht so außergewöhnlich ist, wie Sie vielleicht befürchten. Weichen Sie dem Gedanken an den kopflosen Reiter nicht aus. Beim nächsten Mal versuchen Sie, ihn zu rufen, bevor er aus dem Wald kommt. Tun Sie so, als erschiene er auf Ihren Befehl, und wenn er galoppiert, gehen Sie auf ihn zu, greifen Sie nach ihm! Übernehmen Sie die Kontrolle!“ Apostel redete sich in Rage, ein Prediger, der Leuten eintrichtert, wie schön das Leben sei und wie wichtig sie selbst, sie müssten sich nur selber mögen, sich annehmen, sich durchsetzen, „nein“ sagen können, etwas wagen, etwas Außergewöhnliches zustande bringen, positiv denken, kreativ sein – und so in einem fort die Sprüchlein der Ratgeber-Autoren auf den Bestsellerlisten. Apostel war schon besser gewesen (das wusste er selbst), damals als man ihn zum Klinikdirektor hatte machen wollen. Nun fehlte ihm die Übung. Trotzdem. Das Wagen-Sie-etwas und das Seien-Sie-kreativ sollte Folgen haben.

3.

Durch die halboffene Tür eines Saales in der Psychiatrie hörte er Schleifgeräusche und Stimmen von Arbeitern. Wohlthat schlenderte den Gang entlang und blieb erst stehen, als die Geräusche verstummten. Er drehte sich um und sah die Handwerker auf den Flur treten und in die entgegengesetzte Richtung davongehen. Das bewog ihn, seinen Kopf in den Saal zu stecken, um zu erfahren, was in ihm geschähe. Wie erschrak Wohlthat angesichts des Bronzekopfes an der Wand gegenüber dem Podium! Die Büste des Professors Karl Bonhoeffer erschien ihm wie das Gegenteil, nein, wie die Ergänzung seines kopflosen Reiters. Angespornt durch das Gerede Apostels, verzichtete er auf jede Überlegung und folgte der Flex, die noch mit dem Stromkreis verbunden auf dem Boden lag, als einem Fingerzeig der göttlichen Kreativität, hob sie auf und schliff den Eisenstift entzwei, der Professor Bonhoeffers Haupt auf dem Postament festgehalten hatte.

Ohne anzuklopfen drang Wohlthat in Apostels Zimmer, vielleicht weil er glaubte, es sei ein öffentlicher Raum, und warf einen schweren, von einer Textiltasche umhüllten Gegenstand auf das Bett, dass es krachte. Nach einer Verschnaufpause hob er den Gegenstand an, senkte ihn auf den Fußboden und schob ihn unter das Bett.
Dann setzte sich Wohlthat auf denselben Sessel, wo er am Morgen seine Beichte abgelegt hatte, und schlief ein.

Apostel zuckte zusammen beim Betreten seines Zimmers. Er fasste sich schnell, schüttelte den Schläfer, weckte ihn und fragte nach dem Grund des unangemeldeten Besuchs. Wohlthat, zerrissen zwischen Angst und Stolz und begierig nach Anerkennung, erzählte, was er getan hatte. Apostel schalt ihn und befahl, über alles reinen Mund zu halten, auch über das morgendliche Gespräch, dann werde er ihm – vielleicht – helfen können, denn die Entdeckung der Untat könne für Wohlthat üble Folgen haben: Zwangsjacke, Stromstöße! Er möge sich nicht darauf verlassen, dass die Psychiatrie in der ehemaligen DDR das Niveau des Westens erreicht habe, und besser damit rechnen, dass sie auf dem Niveau der Nazizeit stehen geblieben sei – und was das bedeutet, könne sich auch ein geistig „anders befähigter“ Mensch, um nicht zu sagen ein geistig Behinderter, an den fünf Fingern einer Hand abzählen!

4.

Es wurde schon angedeutet, dass Kanberg ein ganz anderer Mensch war als Apostel. Trotzdem hatten sie einen Berührungspunkt, die Psychiatrie, speziell die Kastration (die „Enthauptung“ im Apostolischen Sinne). Kanberg hasste die Psychiatrie, aber darum schätzte er Apostel, weil er glaubte, dass er sie lächerlich gemacht und ihr dadurch geschadet habe. Warum Kanberg die Psychiatrie mit Hass verfolgte? Vielleicht war er Scientologe, vielleicht selbst ein Opfer der Psychiatrie, deren Methoden auch bei rationalen Köpfen manchmal auf Kritik stößt. Aber Kanberg war kein diskursiver Kritiker, er war ein Fanatiker, der jede Meinung, die von seiner abwich, mit Beschimpfungen ahndete und – natürlich – mit Vergleichen, die einen Zweifler seines Glaubens zum Nazi stempelten.

Apostel, dem sich Kanberg schon angedient hatte, machte sich die Bekanntschaft zunutze und wollte ein Fax, möglichst mit offiziellem Kopf (das war er sich schuldig), an Kanberg schicken, um mit ihm – bezüglich einer psychiatrischen Frage von größter Wichtigkeit – einen Termin zu vereinbaren. Dass Apostel an die Adresse und die Fax-Nummer gekommen war, muss niemanden wundern, der mit seiner Karriere halbwegs vertraut ist.

„Schwester Angelika, Sie und ich wissen, dass ich kein Patient im klinischen Sinne bin, sondern ein ruhebedürftiger Mann, der hier Erholung suchen wollte. Daraus ist leider nichts geworden. Die einzige Augenweide in diesem tristen Umfeld sind Sie. Wenn Sie nicht hier wären, würde ich mir das Leben nehmen.“
„Sie brauchen gar kein Süßholz zu raspeln, Herr Apostel! Man hat mich vor Ihnen gewarnt. Ihre Frauengeschichten kann man im Internet nachlesen.“
„Die Presse hat sich an mir versündigt. Schade, dass Sie darauf hereinfallen und mit dazu beitragen, meinen Ruf zu ruinieren. Da gibt es nur eine Wiedergutmachung.“
„Ich gehe abends mit Ihnen essen, das meinen Sie doch.“
„Ich habe etwas ganz anderes gemeint, obwohl ich der Letzte wäre, der Ihr Angebot ausschlagen würde. So direkt komme ich Ihnen nicht. Ich will auf Ihre Freundin hinaus.“
„Du lieber Gott! Ich glaube, ich gehe am besten!“
„Es ist anders als Sie denken, ich bin sowieso ganz anders, als die meisten denken. Das ist mein Schicksal. Die Wiedergutmachung, von der ich sprach, ist nur ein klitzekleiner Gefallen.“
„Ich bin doch keine Kupplerin. Wenn ich auf Sie nicht hereinfalle, soll meine Freundin es auch nicht müssen.“
„Dass Sie immer nur auf das Eine zurückkommen! Frauen scheinen immer nur an das Eine zu denken. Ich glaube, Sie wollen mich nicht verstehen. Lassen wir das.“
„Was ist es denn?“
„Lassen wir das.“
„Nein, sagen Sie. Wenn ich Ihnen helfen kann.“
„Es geht um Liebe. Aber um eine ganz andere, als Sie meinen. Ich müsste nämlich mal vom Büro aus faxen. Ihre Freundin arbeitet im Büro, das weiß ich.“
„Woher denn? Ich habe es Ihnen nicht auf die Nase gebunden.“
„Sie bringen mich in Verlegenheit, aber Sie erfahren es ja doch. Ich habe mich bei Ihrer Freundin nach Ihnen erkundigt, weil Sie mir SEHR sympathisch sind. Aber das gehört jetzt nicht hierher. Nein, meine Mutter. Sie ist das Objekt der Liebe. Sie weiß, dass ich mich hier aufhalte, das hat Sie schon aus der Presse erfahren. Ich habe ihr gesagt, dass ich nicht zur Erholung hier bin, nicht als Patient, wie einige Blätter behaupten, sondern in der Hierarchie zu tun habe. Da möchte ich nun gerne ein Fax an sie schicken, dem man ansieht, dass es aus der Verwaltung kommt, verstehen Sie? Das entspricht in einem höheren Sinne sogar der Wahrheit, wenigstens insofern, als ich kein richtiger Patient bin. Ich wollte Sie nur bitten, bei Ihrer Freundin anzufragen, ob ich ein Fax aus ihrem Büro abschicken darf. Ein bescheidener Wunsch, und gar nicht so großartig wie der, mit Ihnen essen zu gehen. An so etwas wage ich überhaupt nicht zu denken.“
„Dabei bleibt es dann aber!“
„Nur beim Essen?“

5.

„Das vierte Mal. Ich sollte gar nicht mehr zu Ihnen kommen. Wie ich sehe, ist das Fenster geschlossen!“
„Es geht hier nicht um irgendwelche Fenster, mein Lieber. Ich möchte Sie bitten, mir ein Telefon auf das Zimmer zu bringen.“
„Wo soll ich jetzt ein Telefon abklemmen? Ich weiß nicht einmal, ob es sich in diesem Zimmer aufstecken lässt.“
„Schon mal was von Handy gehört?“
„Ich habe keins.“
„Kein Handy, keine Ahnung von Telefonanschlüssen, aber wissen, dass Dostojewskij auf dem Bauch zum Fenster kriecht! Lassen Sie mich dann bitte aus einem der Büroräume heraus anrufen. Sie können meinetwegen daneben stehen bleiben, obwohl es eine vertrauliche Angelegenheit ist, wegen derer ich telefonieren muss.“

„Hier Doktor Apostel. Spreche ich mit Kanberg? Sagen Sie einfach Apostel. Sie erinnern sich? Ein Fax? Aha? Ja! Natürlich. Keine Ursache. Ich schlage vor, dass wir uns hier in der Nähe treffen. Sagen wir morgen gegen eins? Wir sollten uns beim Essen austauschen. Keinen Tisch mehr, um diese Zeit, in Berlin Mitte? Mein Lieber, unterschätzen Sie meinen Einfluss nicht! Nein, ich weiß, Sie haben es nicht so gemeint. Ich lasse einen Tisch reservieren, Platz vor dem Neuen Tor, gegenüber vom Hauptquartier der Grünen Partei. Sie haben was gegen Grüne, gegen die Biologie, gegen Biowissenschaften im Allgemeinen? Doch nicht im Ernst! Die Biologie als Anfang allen Übels? Das müssen Sie mir in Ruhe erklären, von der Seite habe ich es noch gar nicht betrachtet. Ich mache jetzt Schluss. Meine Patienten. Wir sehen uns morgen.“

6.

Apostel war mit der Welt nicht zufrieden, aber mit sich selbst, und besonders heute, weil er gestern ohne aufzufallen über Fax und Fon das Treffen mit Kanberg organisiert hatte, mit einem Mann, der ihm sympathisch war, denn Kanberg bewunderte ihn als den Psychiater neuen Glaubens, als den Feind der „faschistoiden Schulmedizin“. Apostel musste jetzt, kurz vor eins, seinem Pfleger erklären, warum er sich anschickte, das Haus zu verlassen – eine demütigende Prozedur.

„Es gefällt mir nicht, Herr Apostel, dass Sie außer Haus gehen wollen. Zugegeben, Sie sind freiwillig hier, ein freier Mann. Ich kann Sie nicht gewaltsam festhalten. Es ist nur wegen des Versicherungsschutzes. Wenn Ihnen draußen etwas passiert, gibt man uns die Schuld.“
„Dann haben Sie also Angst, dass mir etwas zustoßen könnte? Demnach wäre ich doch hochgradig gefährdet? Gestern haben Sie behauptet, es sei nicht an dem! Draußen rechnet niemand mit mir. Es hat sich, auch dank Ihrer Indiskretion der Presse gegenüber, leider herumgesprochen, dass ich mich in Ihrer Anstalt aufhalte. Hier drinnen fühle ich mich einer größeren Gefahr ausgesetzt als draußen in der Anonymität der Großstadt, unter den vielen Leuten, die sich gegenseitig ignorieren und wo jeder jedem gleichgültig ist.“

Apostel erschien 15 Minuten nach der vereinbarten Zeit, sein „akademisches Viertel“, das ihm zustand. Kanberg wartete vor der Tür des Restaurants auf dem Platz vor dem Neuen Tor. Übrigens, ich brauche das Äußere Kanbergs und Apostels nicht zu schildern, weil es in ihren Physiognomien nichts zu lesen gibt, was dem Verständnis dieser Geschichte weiterhülfe. Nur soviel: Sie haben nichts Bedeutendes an sich, kein Charisma, aber auch nichts Entstellendes, nichts Dunkel-Abstoßendes, nein, sie waren normal. Was heißt das schon – normal? Allerweltsleute, der normale Wahnsinn.

Der Psychiater neuen Glaubens komplimentierte Kanberg in das Innere und setzte sich an einen Tisch neben der Garderobe. Apostel hatte keine Plätze bestellt. Er hatte sich darauf verlassen, dass es welche geben würde, und behielt Recht. Hochstapler werden vom Glück begünstigt. Glück ist eine Eigenschaft von ihnen: das Glück nutzen zu können, es scheinbar anzuziehen, weil sie angehäuftes Wissen richtig zu kombinieren verstehen. Darum wirken Hochstapler angenehmer als Ideologen.

Apostel ließ Kanberg neben sich Platz nehmen und schaute sich um.
„Ein Grünen-Treffpunkt. Glauben Sie bloß nicht, das wären alles Unschuldige. Unter ihnen gibt es welche, die träumen von der Reinheit des Bodens. Nicht jeder meint den Verbraucherschutz, wenn er gegen die Globalisierung und für die lokalen Märkte streitet! Schauen Sie sich um. Mittags kommen manchmal ein paar Obergrüne hierher, und dann achten Sie darauf, wie viel Fleisch sie in sich hineinstopfen. Die glauben auch nicht an das, was sie predigen.“
„AUCH nicht an das? Wer glaubt denn sonst noch nicht, was er predigt? Mich können Sie schwerlich damit meinen.“
„Ich habe Sie auch noch nicht predigen hören – bis auf den Ansatz gestern am Telefon, wo Sie den Biowissenschaften, wenn ich Sie richtig verstanden habe, die Schuld an den Zuständen geben.“
„Biologie ist faschistoid. Was ist nicht im Namen der Biologie alles verbrochen worden. Und im Namen der Medizin!“
„Gibt es irgendeine Wissenschaft, der Sie keine Schuld am Faschismus geben?“
„Ich befinde mich im Besitz von Beweisen, die Sie überzeugen werden, dass die Medizin und vor allem die Psychiatrie Menschen, die von der gesellschaftlichen Norm abweichen, ins Elend stürzen. Sie sind ein Psychiater, der mit seiner Zunft über Kreuz liegt. Ich betrachte Sie nach allem, was ich von Ihnen gehört habe, als einen Wissenschaftler neuen Typs. Ich betreue Menschen, die der Psychiatrie zum Opfer gefallen sind, Menschen, die von Verbrechern entmündigt, zu Objekten gemacht und eingesperrt wurden.“

Nach diesem Erguss hielt Apostel es für angebracht, seine Sache vorzutragen. Er habe Kanberg etwas anzubieten, den Kopf des „weltberühmten Neurologen“ Bonhoeffer. Damit ließen sich Kampagnen machen – GEGEN die faschistoide Heterosexualität, gegen den faschistischen Fußball und die moderne Kunst, aber auch FÜR etwas, z.B. für das königliche Spiel. Denn sei Schach etwas anderes, als im Geiste den Vater zu ermorden, damit man ungestört der Mutter beiwohnen kann? Also ein Kampf gegen Kastration und für die freie Liebe? Allerdings, umsonst könne er die Trophäe nicht besorgen! Die Selbstkosten der gefährlichen Aktion müssten schon dabei herausspringen. Er nannte eine Summe. Darauf ging Kanberg ein. Er ereiferte sich, Bonhoeffer sei ein Nazi gewesen, der Zwangssterilisationen verfügt habe, ein Wissenschaftsgötze, der selbst heute noch verehrt werde. Apostels Angebot komme gerade zur rechten Zeit. Ihm, Kanberg, falle schon etwas ein, er habe da jemanden für ein Happening, ihm schwebe vor, wie die Kunst Hand in Hand mit der wahren Wissenschaft einherschreitet.
„Und deshalb akzeptiere ich Ihr Angebot. Niemand erfährt etwas über die Rolle, die Sie dabei spielen. Ich weiß nicht, wie Sie es anstellen, aber ich weiß, dass es sich um keinen ordinären Diebstahl handeln wird, sondern um ein moralisches Entwenden, eine Korrektur durch das Gute. Diese moralisch gerechtfertigte Aktion, Herr Apostel, wird Ihren Ruhm zementieren. Wir würden gerne die Psychiatrie der Charité nach Ihnen benennen: Gernot-Apostel-Klinik, als Zeichen einer alternativen, einer humanen Psychiatrie im Geiste der …“
„Nach Empfang der Büste zahlen Sie auf ein Konto, das ich Ihnen nennen werde, denken Sie daran!“

7.

Die schwierigste, aber auch wichtigste Persönlichkeit, über die ich hier spreche, ist der Psychiater und Neurologe Karl Bonhoeffer. Von ihm wurden Büsten geformt, nach ihm Kliniken und andere Einrichtungen benannt. Umstritten „schwankt sein Charakterbild in der Geschichte.“ Denn während der Hitler-Diktatur hatte er sich nicht dem Widerstand angeschlossen wie andere Verwandte, wie sein Sohn Dietrich, sondern weiterhin psychiatrische Gutachten erstellt. Darum mochte er mitverantwortlich dafür sein, dass Menschen zwangssterilisiert worden waren, obwohl er, ein Gegner der Zwangssterilisation, keine Menschen verstümmelt hatte. Man wirft ihm vor, er sei Wegbereiter der Nazi-Morde gewesen, weil er vor der Machtergreifung Vokabeln verwendet habe, die zu Recht in Misskredit geraten sind. Das Gleiche wird man eines Tages auch von denen sagen, die heute über Gentechnik diskutieren, über die moderne Variante der Eugenik. Zwar handelt es sich „nur“ um pflanzliches und tierisches Erbgut, in das die Gentechnik wertend eingreift, aber die Welterfahrung lehrt uns, dass eines Tages diese Technik, die uns heute vielversprechend erscheint, missbraucht wird, missbraucht durch die Einteilung der Menschen in „taugliche“ und „untaugliche“, und sei es auch nur im Hinblick auf Studierfähigkeit, die man eines Tages aus dem Genom herauszulesen wähnt. Nach einer Katastrophe werden die Überlebenden leicht erklären können, wer die Wegbereiter waren.

Wie viele Menschen, die nicht die Kraft zum offenen Widerstand gegen ein Verbrecherregime aufbringen, hat 1933 Bonhoeffer, damals bereits 65, eine Form des „Widerstandes“ gewählt, die wohlfeil ist. Er hat Funktionen in der Medizin–Bürokratie beibehalten, „um Schlimmeres zu verhüten“. Diese Form des Mitmachens, um Schlimmeres zu verhüten, führt zu Streitereien über einen Mann, dem man zugute halten darf, dass sein Sicheinlassen dazu diente, Familienangehörige, die sich dem Widerstand angeschlossen hatten, zu schützen.

Das alles berührte Kanberg nicht. Er hatte sein Hass-Objekt. Nun würde er sich in Szene setzen (darin gleichen sich Hochstapler und Ideologe). Kurz nach dem Treffen im Restaurant auf dem Platz vor dem Neuen Tor fuhr er mit einem Kleinlaster durch die Einfahrt zur Mensa auf das Gelände der Charité und nahm eine schwere, bauchige Textiltasche in Empfang, die ihm ein Mann überreichte, der ihn, noch während der Übergabe, laut aufforderte, das Areal zu verlassen, das Auto habe hier nichts verloren, es gefährde die Sicherheit der Patienten. Ein Pfleger musste Apostel beruhigen. Der Transit beliefere doch nur die Mensa, die Melone sei für die Küche bestimmt gewesen!

8.

Fritz Hellental war aus Israel nach Deutschland ausgewandert. Er pflegte zu sagen, es sei sicherer, bei den Nachfahren von Mördern zu leben als mit Selbstmördern (womit er offenbar die Palästinenser meinte). Er war ein bekannter Künstler, einer der malte und bildhauerte. Fritz bevorzugte Schweißapparat und Flex. Den Meißel benutzte er, um mit kräftigen Hieben Bleche zu spalten. Er hatte Skulpturen geschaffen, Denkmäler, die nicht allein der Erinnerung dienen, sondern auch der Ermahnung, darum gab es Kritiker, die seine Kunst als „gut gemeint“ und „politisch korrekt“ diskreditierten. Das hielt Fritz nicht davon ab, ein Denkmal aus Bronze zu entwerfen, eine riesige Pickelhaube, die aussah wie eine Pagode und die sich darum vielseitig deuten ließ, z.B. als Transformation vom Militarismus zur Meditation, von Bellizismus zum Pazifismus. Die Friedrichshain-Kreuzberger Bezirksregierung verhinderte die Aufstellung der Skulptur, weil sich kein geeigneter Platz finden lasse und weil man das Nationaldenkmal auf dem Kreuzberg nicht abreißen wolle, nur um für die Pickelhaubenpagode Platz zu schaffen. Die Neuköllner Bezirksregierung teilte vorsorglich mit, man denke nicht daran, das Jahn-Denkmal in der Hasenheide zu beseitigen, auch für einen Hellental nicht. Das würde sonst bei US-amerikanischen und australischen Turnvereinen einen Tsunami der Proteste auslösen.

Für einen Künstler aus Israel bedurfte es keiner Quellenstudien, um rasch davon überzeugt zu werden, dass ein getaufter Psychiater, dem „die Gnade der späten Geburt“ nicht zuteil geworden war, ein Nazi-Verbrecher zu sein habe. Jedenfalls brauchte Kanberg nicht lange zu drängen, um Hellental dafür zu begeistern, aus der gestohlenen Büste Bonhoeffers eine Anklage gegen das Verbrechen der Zwangssterilisation zu schaffen. Rechtliche Bedenken, hätte Fritz sie gehabt, wären durch den Paragraphen 950 BGB ausgeräumt worden. Der besagt nämlich dem Sinn nach: Wer durch Umbildung eines Stoffes eine neue bewegliche Sache herstellt, erwirbt das Eigentum daran. Fritzen sollte es egal sein, er würde sich im Zweifelsfall an Kanberg halten. Und so sägte, hämmerte und schweißte er eine neue Sache, deren Besitz ihm zufiel. Um erkennbar zu machen, dass die künstlerische Transformation an einem deutschen Professor geschähe, krönte Fritz die umgestaltete Büste mit einer Pickelhaube. Dieses Kunstwerk, „Kastrierungsgedanke kommt mit Pickelhaube“, das Paragraph 950 zufolge ihm gehörte (für das er allerdings gemäß Paragraph 951 noch keine Entschädigung gezahlt hatte), schenkte er Rainer Kanberg und dessem Verein, nicht bedenkend, dass seine Transformation möglicherweise zu einer Wertminderung der alten Sache geführt haben könnte und dadurch dem Schutz des Paragraphen 950 entzogen wäre.

9.

Kanberg wollte die transformierte Büste, die durch juristisches Blendwerk in seinen Besitz übergegangen war, auf einer Wanderausstellung präsentieren. Geldinstitute, Ärztevereinigungen und Bildungseinrichtungen boten Ausstellungsräume an und sagten ihre Teilnahme zu. Kanberg gab nun Presseerklärungen heraus und behauptete, ein ausländischer Geheimdienst habe die Bonhoeffer-Büste aus der Gernot-Apostel-Klinik verschwinden lassen und in den Orient entführt, wo sie in den Strudel der Weltgeschichte geworfen worden war, denn nur so könne er sich erklären, dass sie transformiert und mit einem neuen Rechtstitel versehen in Berlin wieder aufgetaucht sei. Der Ideologe scheute vor keiner Überspanntheit zurück (darin anders als ein Hochstapler, der glaubwürdig zu lügen weiß). Er verleumdete Karl Bonhoeffer als „Nazi-Unrechtsarzt der allerersten Garnitur“ und merkte nicht, dass er über keine Steigerung mehr verfügte, um Verbrecher wie Mengele und Wirths zu beschreiben. Dass die Nazis zwei Söhne und zwei Schwiegersöhne Karl Bonhoeffers ermordet hatten, spielte für Kanberg keine Rolle. Er versteifte sich auf seinen Götzen, nun, da er auch ein – entstelltes – Bildnis von ihm vorzeigen konnte.

Das „Kick-off-Event“ (ohne Englischtümelei ging es auch bei Kanberg nicht) ereignete sich auf einer Bühne in einem Theater, das nicht am Kurfürstendamm steht. Der Zuschauerraum war zu einem Drittel voll, aber im Foyer drängelten sich viele Menschen. Die Menge teilte sich, hereingetragen wurde die transformierte Büste. Ah und Oh! Jemand wuchtete sie auf einen Blumenständer, der auf dem Proszenium bereitstand. Dann trat Kanberg vor den Vorhang und begrüßte sein Publikum, das nach Empörung lechzte und leidenschaftlich dem Guten anhing (das kostete nichts, der Eintritt war frei). Nun predigte er über eine Wissenschaft, die Vernichtungsfeldzüge gegen Devianten führe, wies öfters auf Hellentals Kunstwerk, kritisierte opferbezogene Denkmäler und wünschte sich täterbezogene.

Als er dem Auditorium das Geheimdienst-Märchen auftischen wollte, sprang die Türe auf. Polizisten in Zivil eilten durch den Mittelgang. Ihr Anführer hielt einen Ausweis empor, erklomm die Bühne, drängte den verstummten Kanberg beiseite und gab Fingerzeige. Daraufhin umarmte jemand die entstellte Büste, hob sie vom Blumenständer und reichte sie in den Zuschauerraum hinab, wo sie jemand übernahm. Der Anführer erklärte knapp, er sei vom Landeskriminalamt und beschlagnahme Diebesgut. Er wolle die Veranstaltung nicht weiter stören und wünschte einen guten Tag. Einige im Publikum fingen an zu lachen. Sie hielten es für einen Teil, den weitaus besten, der Kanbergschen Inszenierung. Proteste erhoben sich erst, als die Polizisten den Zuschauerraum verlassen und das Foyer geräumt hatten.

Im Laufe der Tage schwoll die Empörung über die Polizeiaktion und schlug hohe Wellen – bis in die Rechtsanwaltskanzleien, wo die mit dem Fall befassten Anwälte spätestens nach dem Studium der Paragraphen 950 und 951 nasse Füße bekamen. Berliner Zeitungen reagierten verschnupft auf den Eingriff in die Kunst- und Meinungsfreiheit. Sie verkündeten Kanbergs verschrobene Lehre, weil Journalisten wenig Zeit zum Recherchieren und gar keine Zeit zum Nachdenken finden.

Der Intendant mokierte sich über den Theaterdonner der Polizei, erkannte aber schnell das dramaturgische Potenzial des Vorfalls und trägt sich nun mit dem Gedanken, ein Stück über Hochstapelei und Ideologie aufzuführen – über zwei Kräfte, die Netze spinnen, in denen sich Wissenschaftler, Künstler, Journalisten und Beamte verfangen. Das wäre ein Stück nach Schillers Geschmack – in einer Schaubühne als moralischer Anstalt dem eigenen Publikum den Spiegel vorzuhalten: So doof seid Ihr.

Dem Theaterdirektor fehlt nur ein Autor, aber der Titel steht schon fest: „Der Krawattenmörder“. Dieser Titel, so belehrte mich die Inspizientin (mit der ich damals ein Verhältnis hatte), sei doppeldeutig. Einmal spiele er auf das Abschneiden von Krawatten an, auf den Mord an ihnen, also auf die Kastration – dabei sah sie mir tapfer und blank in die Augen – und zum anderen bezeichne Krawattenmörder einen Menschen, der vom Sitzungssaal aus, wo man Krawatten trägt, den Tod von Menschen beschließt. Ob ich mir vielleicht zutraute, einen Text zu schreiben? „Bin ich Thomas Bernhard?“ fragte ich. „Um Ausreden nie verlegen, das bist du!“ „Hitchcock hätte vielleicht einen Film daraus gemacht.“

Sie wollen wissen, wer die Polizei ins Rollen gebracht hat? Apostel, der nicht länger auf seine Aufwandsentschädigung warten wollte. Kanberg konnte schlecht etwas dagegen unternehmen, nachdem er behauptet hatte, ein ausländischer Geheimdienst habe die Büste entwendet und über das Meer ins Morgenland verfrachtet. Wieland Wohlthat wurde bald aus der Psychiatrischen entlassen. Er hat sich zum Schachspieler gemausert und schon zweimal den dritten Platz bei der Vereinsmeisterschaft gewonnen.

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