Kalte Erde

von Paola Reinhardt (copyright)

Das leise Geräusch des Motors summte durch die Felder. Lea hätte es am liebsten verscheucht wie ein lästiges Insekt, das die Weite und die Stille um sie herum störte. Sie öffnete das linke Seitenfenster und lächelte, als sie die rapsgelb zitternden Felder roch. Nach dem vorhergegangenen Regen verströmten sie einen so intensiven Geruch, wie Lea ihn noch nie wahrgenommen hatte. Am liebsten hätte sie den Wagen angehalten, aber der Bahnübergang, den sie gerade überquerte, war wohl nicht der richtige Ort dafür. Durch die Frontscheibe sah sie ein Stück Himmel von einem klaren seidigen Blau. Es erinnerte sie an den Sari der jungen Inderin, die ihr vor einer halben Stunde auf dem Wochenmarkt begegnet war. Und für den Bruchteil von Sekunden glaubte Lea sogar noch jetzt, das Aneinanderklirren der Goldreifen zu hören, die die schmalen Handgelenke der Fremden geschmückt hatten.
Für Jakob hatte sie dort spanische Erdbeeren gekauft. Vielleicht gelang es ihr ja, ihn damit zu versöhnen, wenn er die leere Garage entdeckte. Er wollte nicht, dass sie mit dem Auto fuhr und schon gar nicht hierher. Deshalb war er ja extra mit ihr in die nahe Stadt gezogen, damit sie vergessen sollte. Ihre Hand fuhr nervös über die linke Wange bis hinauf in die Haare, durchkämmte sie flüchtig. Immer wieder, immer wieder. Eine Geste, die sie häufig automatisch ausführte. Von der sie wusste, ohne sie abstellen zu können. Im Augenblick gelang es ihr jedoch recht gut, die belastenden Gedanken zu verscheuchen und die Weite der Landschaft am Fuß des kleinen Hügels zu genießen, den sie gerade in Jakobs Auto hinunterfuhr.
Die Birken rechts und links der Straße trugen bereits jetzt im April ihr Maigrün und die junge Saat der Kornfelder zeigten einen kräftigen Wuchs. Im Hintergrund die grauen Ausläufer der Egge, etwas weiter der Fernsehmast, auf den Höhen des Teutoburger Waldes nahe Bielefeld gelegen.
Kurz hinter dem schlichten Holzkreuz, das die Autofahrer an einen zurückliegenden Verkehrsunfall erinnern sollte, bog Lea in eine Linkskurve ein, die zu einem Wirtschaftsweg führte. Nach etwa dreihundert Metern parkte sie das Auto in einer Einbuchtung, hinter der sich eine alte Holzbarriere befand, unter die sie ohne Schwierigkeiten hindurch kriechen konnte. So wie sie es oft getan hatte, wenn sie hier mit Marlene spazieren ging.
Der Wind hatte hier draußen viel mehr Platz als in der Stadt, um sich auszutoben. Er blies ihr die langen Haare ins Gesicht und ließ Gänsehaut auf ihren Armen wachsen. Lea fror. Für diesen Ausflug war sie mit einer Strickjacke einfach zu dünn angezogen. Dafür würde Jakob sie aber nachher nicht so schnell vermissen, wenn er vom Joggen heimkam und ihren Mantel am Garderobenhaken hängen sah. Lea lächelte, und dieses kleine triumphierende Lächeln blieb noch eine Weile in ihrem Gesicht, während sie den schmalen Grasweg entlang der gestutzten Koppelweiden ging, an die ein Bach grenzte, der in diesem Frühjahr ungewöhnlich viel Wasser mit sich führte. Sogar auf den angrenzenden Wiese standen noch immer große Lachen von den letzten Regengüssen, und wenn sie sich keine nassen Füße holen wollte, so musste sie das schmutzig braune Wasser vorsichtig umgehen.

Plötzlich verdunkelte sich der Himmel über der einsamen Spaziergängerin und ein Schwarm Raben ließ sich laut krächzend auf dem angrenzenden Acker nieder. Kurz darauf noch ein zweiter und dann noch ein dritter. Inzwischen mussten es weit über hundert Vögel sein. Mit ihren langen, plumpen Körpern und den starken Schnäbeln wirkten sie beinahe bedrohlich auf Lea, die sogar einen Augenblick lang überlegte, schnell wieder umzukehren. Auch immer mehr Grauwolken waren am Horizont aufgezogen, hatten sich zusammengeballt und verkündeten Regen.
Auf einmal erhoben sich die Raben unter lautem Gekrächze, ließen sich dann aber zu Leas Verwunderung auf ein anderes Feld ganz in der Nähe nieder. Von weitem wirkten sie gleich weniger bedrohlich, fast wie eine Federdecke, die sich schützend über den Boden ausgebreitet hatte.
Die Erde war kalt, in die sie Marlene gelegt hatten. Warum sagte ihr denn niemand, wo sich die Stelle befand, damit sie etwas Warmes darüber legen konnte. Hatte sie als Mutter nicht ein Recht darauf, es zu wissen? Schließlich hatte das Kind doch fast vier Monate in ihrem Bauch gelebt, bevor der Arzt es ihr weggenommen hatte. Ob die Raben ihr vielleicht ein Zeichen geben wollten?
„Marlene!“
Lea rannte auf das dunkle Feld zu, stolperte dabei über einen Maulwurfhaufen und fiel hin. Ihr braunes Haar bedeckte das weiße Gesicht mit den hellblauen Augen und hinderte sie am Sehen. Ärgerlich strich sie es mit ihren nassen schmutzigen Händen zurück. Immer wieder, immer wieder, bis es ihr fest am Kopf klebte. Weinend rief dabei immer wieder nach Marlene und schlug wie wild auf den Sandboden ein.

Da beugte sich jemand zu ihr herunter und eine Hand berührte vorsichtig ihre Schultern.
„Komm steh auf, Lea, ich helfe dir!“, sagte Jakob. „Steh auf und komm mit mir nach Hause, sonst ist Marlene sehr traurig. Sie ist nicht hier, sondern an einem Ort, wo es ihr gut geht. Das habe ich dir doch schon das letzte Mal gesagt, als du sie hier gesucht hast. Warum glaubst du mir nicht?“
Verwundert blickte Lea zu ihrem Mann hoch. Dann ließ sie sich ohne Gegenwehr von ihm hoch helfen. Sie lächelte, als sie dicht vor ihm stand, legte ihre Arme um seinen Hals und sah ihn mit einem Blick an, der ihn bis ins Herz traf und ihn immer wieder dazu brachte, seine Bemühungen, ihr zu helfen, nicht aufzugeben.
„Ja, jetzt erinnere ich mich wieder, Jakob. Bist du mir sehr böse, dass ich es vergessen hatte? Ich habe dir Erdbeeren auf dem Markt gekauft. Erdbeeren aus Spanien. Dort scheint immer die Sonne und die Erde ist nicht so kalt wie hier. Was meinst du, sollten wir Marlene nicht lieber dorthin bringen?“

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