Das göttliche Kind, (Lukas 2, 46)

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

Als Gott anfing zu denken, gab es die Welt schon. Er fragte sich: Wenn es mich gäbe, wie müsste ich sein? Er hatte keine Beine, keine Arme, keinen Rumpf. Er fing gerade erst an zu denken, eingesperrt im Kopf eines Kindes. Es hockte auf seinen Fersen im Schatten der Mauer, die den inneren Hof des Tempels vom äußeren trennte.

Der Sanhedrin hatte seine Sitzung im Saal des Rates beendet. Die Mitglieder betraten den Binnenhof und kniffen die Augen zusammen. Die Kohanim mischten sich, nach der Gewöhnung an das schräg einfallende Licht, unter die Besucher, die von überall gekommen waren, von der Küste und aus der Wüste. Da erschien der Hohepriester Hannas auf der Treppe zum Saal des Rates und stieg zur Menge hinab. Die Menschen drehten sich zu ihm. Sie wünschten, er möge sie ansehen. Sie hätten ihn gerne berührt. Es wurde leise im Hof. Man konnte nun den Lärm Jerusalems bis hier herauf hören. In die Stille vor dem Grollen der Stadt rief Gott, der zu denken angefangen hatte, diese Frage, die als Schall, als erstes Zeichen seines Daseins, an die Ohren der Schriftgelehrten schlug (darum heißt es, am Anfang sei das Wort gewesen):
„Wenn es mich gäbe, wie müsste ich sein?“
Der Priester Ananias, der dem Kind am nächsten stand, wollte von ihm wissen, was es gerufen habe. Das Kind erhob sich, neigte seinen Kopf vor dem Priester und fragte in abgewandelter Form:
„Wenn es Gott gäbe, wie müsste er sein?“
„Das Kind hat Gott gelästert! Es redet von Gott im Konjunktiv!“ schrie der Priester Ananias.
„Was hat es schon gesagt!“ Der Hohepriester Hannas schritt zu Ananias und besänftigte ihn: „Wenn es Gott gäbe, na und? dann würde er existieren, da es ihn gibt, also existiert er. Das ist der Gottesbeweis, Kollege Ananias, den wir gelernt haben. Er ist unter allen Beweisen noch der beste, obwohl er nichts taugt, wie wir alle wissen.“


„Wie müsste ich sein? Ich will wissen, wie ich zu sein hätte!“ rief das Kind dazwischen, seine wilden, leuchtenden Augen auf den Hohenpriester gerichtet.
„Sprich bitte nicht in der ersten Person Einzahl, nicht in diesem Zusammenhang, das irritiert uns. Der Knabe meint, wer ist Gott, woran erkennt man ihn, wie würde – jetzt verwende ich selbst den Konjunktiv – ein Heide ihn erkennen? Ich antworte dir, mein Kind: An der Weisung, denn Gott ist ein Leuchtturm.“
„Ich habe noch nie einen Leuchtturm gesehen, ich komme aus dem Landesinneren. Als mein Vater und ich in Sepphoris waren, da haben wir Leuchtfeuer gesehen, die Wachfeuer der Soldaten.“
„Und dann habt Ihr gewusst, wo Ihr seid, denn Ihr konntet den Weg sehen in der Nacht. So ist es mit der Weisung: Sie lässt uns den Weg erkennen.“
Nach einer langen Zeit des Schweigens fragte das Kind:
„Bin ich die Weisung?“
Nach wiederum einer langen Zeit des Schweigens versetzte der Hohepriester:
„Die Weisung lautet: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“
„Liebe ich mich?“
Hannas antwortete dem bezwingenden Kind:
„Wie du deine Mutter liebst, so liebst du dich.“

„Liebe ich auch Ananias?“
Der Hohepriester Hannas trat aus der Blickrichtung des Kindes, und der wilde, leuchtende Strahl traf Ananias, der dastand, als hätte ihn ein König angesprochen. „Meinst du mich?“
„Ja, liebe ich dich?“
„Diese Frage kann ich nicht beantworten, beim besten Willen.“
„Kann jemand in der Runde sagen, ob ich Ananias liebe?“
„Nein, das kann keiner von uns, das kannst nur du.“
„Wenn ich Gott wäre, dann liebte ich Ananias.“
„Die andere Richtung gilt aber nicht, denn nicht jeder, der mich liebt, ist ein Gott“, warf der Priester ein. Die Versammlung lachte erst, als jemand dazwischenrief: „Du sagst uns damit nichts Neues.“ Das Kind hob seinen Zeigefinger und dozierte:
„Wer Ananias nicht liebt, der ist nicht Gott.“
Der Hohepriester Hannas bog sanft den Arm des Kindes nach unten und sagte:
„Das ist eine logische Folge, eine Denkfigur, die man auf der hohen Schule lernt. Gehst du denn schon auf eine solche Schule, in deinem Alter?“
„Nein, wir haben nicht genug Geld für eine hohe Schule, mein Vater ist Handwerker. Aber ich lerne schnell, trotzdem weiß ich wenig, fast nichts von allem, was ich wissen müsste, was in meinem Kopf rumort, die vielen Dinge und die Verhältnisse zwischen den Dingen und die vielen, vielen Gedanken über die Verhältnisse. Kann Gott wissen, was zum Pessachfest im nächsten Jahr passiert? Kann er genau beschreiben, was geschehen wird, und sich bei einem Notar darauf festlegen – und dann doch noch etwas daran ändern?“

Hannas sah in die wilden, leuchtenden Augen des Kindes, dann senkte er den Blick auf seine Sandalen und schritt zur Steinbank am Brunnen in der Mitte des Hofes. Bevor er sich setzte, befahl er:
„Die Leute sollen den Hof räumen, dann schließt das Tor!“
Die Tempelwache drängte die Touristen hinaus. Hannas bat die Wache, das Tor von außen zu schließen, und wandte sich wieder an das Kind:
„Warum rede ich überhaupt mit dir?“
„Weil du mich liebst?“
„Die Vollkommenheit Gottes bedeutet nicht, dass er sich der Logik entzieht, sonst könnten wir nicht über ihn sprechen. Er ist vollkommen in der Logik, und das heißt: er kann nicht zugleich allwissend und allmächtig sein, aber, mein Kind, das bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als dass Gott nicht zugleich Nicht-Gott ist.“
Herrisch fuhr er die Schriftgelehrten an, die zu murren begonnen hatten:
„Mehr bedeutet es nicht!“
Er winkte das Kind heran und forderte es auf, sich neben ihn zu setzen. Das Kind folgte dem Wunsch des Hohenpriesters, der es fragte, als es sich neben ihn gesetzt hatte:
„Wissen deine Eltern, wo du dich aufhältst?“
„Meine Eltern sind auch nicht allwissend, aber sie werden lernen, mich zu finden.“
„Ich hoffe nur, in deinem und meinem Interesse, dass es bald geschehen möge und dass du keine weiteren Fragen stellst.“
„Kann ich alle Rätsel lösen?“
„Du nicht.“
„Kann er?“
„Du meinst, ob Gott alle Rätsel lösen kann? Ich denke ja. Er löst alle Rätsel, die du ihm vorlegst, du oder einer von uns oder sonst wer.“
„Er kann aber keine Rätsel erfinden, die er nicht lösen kann.“
„Mein Kind, diese Frage haben wir bereits erörtert.“
„Wir haben nur erörtert, dass ich nicht zugleich allwissend und allmächtig bin.“
„Da Gott vollkommen in der Logik ist, …“
Hannas zog das Kind zu sich heran und flüsterte ihm ins Ohr:
„… kann er nicht allmächtig sein.“
Ein Schriftgelehrter protestierte:
„Wir möchten gerne hören, was du flüsterst.“
„Ich habe dem Kind gesagt, es soll sich die Nase putzen.“
„Du darfst nicht lügen!“ rief das Kind, „er hat gesagt, Ihr ehrwürdigen Herren, ich sei nicht allmächtig.“
Die Herren lachten. Der Hohepriester Hannas schmunzelte.

Das Kind fuhr fort in seiner Fragerei:
„Habe ich die Welt erschaffen?“
„Nein, du hast die Welt nicht erschaffen, keiner von uns Anwesenden, außer vielleicht Ananias, der manchmal so tut, als hätte er es. Du wirst jetzt fragen, ob Gott die Welt erschaffen hat.“
Das Kind nickte und sagte:
„Ich habe so eine Ahnung.“
„Dann sprich.“
„Meine Mutter hat mich gelehrt, auf die Klugen zu hören.“
„Ich alter Mann habe gelernt: Der Weise spricht zuletzt, denn er muss ein Urteil fällen.“
Der Hohepriester blickte in die wilden, leuchtenden Augen des Kindes und wartete. Er nahm sich Zeit und schaute in die Runde, die sich behaglich zurechtgerückt hatte. Das Kind schwieg. Der Hohepriester kehrte sich ihm wieder zu, sah in die wilden, leuchtenden Augen und fragte:
„Bist du der Weise, der eine Entscheidung fällen muss? Soll ich darum anfangen?“
Das Kind nickte und entgegnete:
„Denn du bist der Klügere, allerdings lerne ich schnell, ich bin nicht auf den Kopf gefallen!“
„Das macht es so schwer. Wo war ich stehen geblieben? Ich fange am besten vorne an. Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Lässt sich daraus folgern, dass er die Welt erschaffen hat? Manches Mal möchte ich, es ließe sich nicht daraus folgern, denn die Welt ist in einer üblen Verfassung, aber der Text lässt mir keine Wahl, denn was gäbe es noch in der Welt außer Himmel und Erde? Einen zweiten Schöpfer? Mehrere? Dann wäre unser Herr nicht der alleinige, und so müssen wir wohl in den sauren Apfel beißen, in den Apfel der Erkenntnis, dass Gott die Welt erschaffen hat. Auf den ersten Blick hatte sie ihm gefallen, aber dann erkannte er, dass sie missraten war. Etwas hatte er falsch gemacht – den Menschen.“
Der Priester Ananias beschwerte sich:
„Das kann der Kleine noch nicht verstehen, behellige das Kind nicht damit! Du solltest vorsichtig sein, auch des Kindes wegen, aber in erster Linie unseretwegen – und besonders deinetwegen.“
„Was willst du! Es steht in der Schrift. Er hat die Menschheit, die Tierheit und die Pflanzenwelt vernichtet, bis auf einen und dessen Familie und bis auf einige handverlesene Tiere. Die Menschen müssen ihm nicht gefallen haben.“
„Und warum haben ihm die Tiere und Pflanzen nicht gefallen?“ fragte das Kind.
„Die Sterne haben ihm gefallen.“
„Danach habe ich nicht gefragt! Sterne sind einfach zu machen. Aber bau du eine Fliege! Ich habe es probiert, als ich klein war, da habe ich versucht, aus einer toten Motte eine Fliege zu machen. Wenn es mir gelungen wäre, ich hätte sie nicht ersäuft oder erschlagen!“
„Warum haben ihm die Tiere und Pflanzen nicht gefallen?“ rief der Hohepriester in die Runde. Er wollte die gefährliche Diskussion auf seine Kollegen überwälzen, um sich etwas zu erholen. Das Kind war anstrengend. Er begann, es in sein Herz zu schließen, obwohl es ihm auf die Nerven ging. Jemand erklärte:
„Da er die Menschen umbringen wollte, außer Noah und seiner Familie, von der wir alle abstammen, brauchte er die Tiere nicht mehr. Der, den wir nicht nennen sollten, hatte die Tiere und Pflanzen zum Essen für die Menschen erschaffen und darum einige Tiere gerettet, damit Noah und seine Familie nicht zu verhungern brauchten.“
„Gefällt dir diese Antwort?“ fragte Hannas das Kind.
„Nein.“
„Nein?“
„Tiere haben Angst wie wir, sie freuen sich wie wir, sie fühlen Schmerzen wie wir.“
„Das hat der, den wir nicht nennen sollten, wohl nicht bedacht?“

Am Tor zum Außenhof wurde ein Scharren vernehmbar, dann pochte es. Man hörte Rufe. Das Kind ließ sich nicht beirren und antwortete:
„Er hat nicht darüber nachgedacht. Wenn ihm die Menschen, Tiere und Pflanzen wieder einmal nicht gefallen sollten, …“
Das Rumoren wurde drängender. Das Tor öffnete sich einen Spalt und wurde abermals zugedrückt.
„… dann sollte er nicht die vielen Menschen, Tiere und Pflanzen opfern, …“
Das Tor knarrte in seinen Angeln, wieder öffnete es sich einen Spalt, eine Wache zwängte sich in den Binnenhof und sagte demütig zu dem Hohenpriester, der den Redefluss des Kindes mit einem Handzeichen unterbrochen hatte:
„Draußen ist eine Frau, die will hinein, wir können sie kaum festhalten, sie lässt sich nicht abwimmeln.“
„… sondern“, rief das Kind, so dass der Hohepriester seine Hände auf die Ohren legte, überfordert von dem Schwall der Worte, „er müsste, damit die Menschen, Tiere und Pflanzen gerettet würden, …“
Herein stürzte eine Frau, riss sich von der Wache los, lief auf das Kind zu und schrie:
„Nein!!“
Und das Kind:
„… sich selber opfern!“
Die Frau presste ihre Hand auf den Mund des Kindes. Dann umarmte sie es, drückte es fest an sich. Sie blickte tränenüberströmt auf den Hohenpriester und stammelte:
„Ihr dürft ihm nichts tun! Er ist verrückt!“

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