Genervtes Anstehen für Liebe
von Dimil Stoilov (copyright)
Aus: EMPÖREND CHARMANT, RAUBGIERIG SCHÖN, Verlagshaus Hermes, Plovdiv, 1998
Als ich vom Ende der Schlange in der Bäckerei her meine eigene Stimme erkannte, hielt ich sie gerührt für eine Sendung im staatlichen Radio, die mein altes Radiogerät empfangen hatte. Bald machte die Rührung der Überraschung Platz: Die Stimme erhob sich bis zur Decke – wie ein zorniger, wütender Geist aus einer vor Jahren verschlossenen Flasche. Die Vitrinen vibrierten und feiner Staub schimmerte golden in der Mittagssonne.
„Es reicht! Legen Sie den Hörer weg! Beenden Sie dieses endlose Gespräch endlich!“ „Der Neffe…“
„Und der arme Kunde…“
„Er ruft aus Varna an…“
„Von mir aus kann er auch aus Neuseeland anrufen – legen Sie auf! Wir warten schon so lange! Ich verbringe mein Leben in Warteschlangen. In Warteschlangen, he-e-ey…“
Der verstummte menschliche Tausendfüßler wurde munter und rührte sich. Einige in der Schlange pflichtete mir bei, andere entrüsteten sich. Die Verkäuferin knallte den Hörer auf die Gabel und begann mit grimmigem Gesichtsausdruck, französische Baguettes zu verteilen. Plastiktüten, Nylonnetze und Stoffbeutel blähten ihre gierigen Bäuche auf und eilten nach Hause.
Ich brach den Brotknüppel in zwei Hälften und schleifte mich in meine Wohnung: ein schludriges Zimmer im zehnten Stock – eine Einzimmerwohnung. Für mindestens drei Fahrten versammelt, verfolgten geduldige Gesichter die Bewegung des Fahrstuhls an den aufleuchtenden Ziffern. Ich nahm die Treppe – trostvoll, weil ich die fällige Antiinfarkttablette genommen hatte.
Bevor ich mich auf mein Bett schmiss, legte ich die Schallplatte mit Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ auf den vorsintflutlichen Plattenspieler auf – eines der wenigen Dinge, für die ich mir die Mühe gemacht und die ich aus meiner alten Wohnung mitgenommen hatte.
Die Versuche, den dummen Ausbruch in der Bäckerei zu analysieren, lehnten mich über stille Abgründe voller Verzweiflung, zerrissen mich zwischen objektiven Polen einzig vergangener Zeiten, schütteten vor mir haufenweise Menschen aus, die sich in eine Reihe aufstellten. Ja. Mein Leben war von Warteschlangen zernagt. Ein trauriger Fakt – wie der Felsblock des Sisyphos, der den steilen Hang meines Selbstbewusstseins hinauf gestemmt wird. Ja, mein Leben verfügte nicht über vier Jahreszeiten. Nur über eine – die Vergangenheit. In Warteschlangen. Verrückter Schweiß brach auf meiner Stirn aus. Glänzende Scheren eines Flusskrebses zwickten links meinen Brustkorb und suchten nach dem vor Angst erblassten Herzmuskel.
Ich konnte gerade noch die Pferde des Wunsches nach Kontakt mit dem Notarzt zügeln. Jede Viertelstunde schaltete ich die Nachttischlampe an, und der Daumen der einen Hand tastete instinktiv nach der Arteria radialis – mein Gott, was für Kenntnisse – der anderen Hand. Der Puls wollte verdammt noch mal nicht die sechzig Schläge übersteigen. Der Schlaf überging mich die ganze abgründige Nacht lang, und ich konnte nicht begreifen, ob er der Teufel, ob ich der Weihrauch war.
Ich blieb bis zum Morgengrauen wach und war Champion – der unbestritten erste Patient vor dem kardiologischen Sprechzimmer der Sechzehnten Poliklinik. Auf den Kästchen des Millimeterpapiers zeichnete die verrückte Schreibfeder eine ganz normale Herzlinie auf. Man schob mich ins neurologische Kabinett ab – ich hatte geahnt, dass mein Herz mir einen Streich spielen würde. Ein kleiner Doktor zielte nicht nur mit einem Metallhammer auf meine Knie, sondern bestand auch darauf, dass ich demonstrierte, wie mein Zeigefinger die Spitze meiner Adlernase berührte. Offensichtlich war auch das nicht genug, denn er kletterte auf einen Stuhl und starrte eindringlich in meine hervorstehenden Augäpfel, als vermisste er einen Knopf an seinem Hemd, das seine Brust entblößte.
Dann ging die Neugier auf die Geschichte der Herzschmerzen über, auf die Arbeit, die Lebensweise, sogar auf den Sinn des Lebens selbst. Meine Antworten passten zu einem Schüler, der soeben beim Rauchen auf der Toilette erwischt worden war, bis ich mich provoziert fühlte. Ob ich ehrgeizig sei. Ich konnte die verräterische Gesichtsröte nicht zurückhalten. Die Diagnose erklang grausam, ohne Einspruch, ohne Berufungsrecht.
„Natürlich schmerzt Ihr Herz, wie sollte es nicht?! Die Idioten haben sich in letzter Zeit vermehrt. Überall. Man kann sich unmöglich vor ihnen retten. Machen Sie sich dennoch nicht unnötig Gedanken, wenn Ihnen das überhaupt möglich ist. Ruhen Sie sich vollwertig aus. Treiben Sie Sport. Und gehen Sie öfter an die frische Luft.“
Das habe ich mir gemerkt. Der Rest war verwirrter und unverständlicher. Es gab irgendeine Kardioneurose, für die ich sowieso kein alltäglicheres Äquivalent mehr gesucht habe.
Noch am selben Tag reichte ich einen einwöchigen Urlaub ein, und wenige Stunden später deutete ich die Geheimschrift, die die Jahre in den Falten meiner alten Eltern hinterlassen hatten. Ihr verlegenes Lächeln irritierte mich. Sie hatten von der Scheidung erfahren. Die Gründe kannten sie nicht. Mit kindlicher Naivität warteten sie darauf, dass die Zeit reif würde, um sie zu erfahren. Ihre Augen verfolgten mich delikat und scheu, und der feuchte Glanz darin beunruhigte mich, denn ich hatte weder die Kraft, noch den Antrieb, ihn zu trocknen.
Wie sinnlos gekreuzigt lag ich auf den gemähten Weiden oberhalb des Dorfes. Ich versuchte, das Aroma von Minze, Oregano und Thymian zu erkennen; lauschte, wie Grillen klangvoll ihre Beinchen aneinander rieben; sah, wie Schmetterlinge, hingerissen von zufälligen Routen, mit farbigen Deltagleitern meinen Blick kreuzten. Aus den Schatten des Fichtenwaldes quoll nicht nur Frische, sondern auch der Duft von Himbeeren und Farn. Ich war bloß ein liegender Grashalm, und irgendjemand hatte Ohr, Auge und Nase auf mir vergessen.
Am dritten Tag beugte sich mein Vater über das Ohr. Er sprach leise, zögerlich, mehr zu sich selbst – als wäre er in eine Höhle geraten ohne zu wissen, ob die Dunkelheit mit einem Echo antworten würde. Schon lange habe er zwei Tresterfässer herumstehen, und er könnte es zwar allein machen, und er wollte mich auch nicht stören, aber er habe mich kopflos herumtrödeln gesehen. Er sei es nicht gewohnt, mich so entnervt zu erleben und nur wenn ich Lust hätte, dann könnte ich ihm helfen. Ansonsten würde er seine Arbeit auch selbst erledigen, es sei ja nicht viel, und schließlich hätte ich mich ja auch schon früher angeboten, nur nie den richtigen Moment erwischt, also wenn…
Ich legte das ab, was auf dem Grashalm liegengelassen worden war, und richtete mich auf.
„Das geht. Es wird mir eine Freude sein, es zu tun.“ Kaum merklich lächelte der Greis – es war bloß ein zaghaftes Zucken am linken Mundwinkel, doch ich war sicher, dass die stille Freude über die Kommunizierenden Röhren selbst auf meine Mutter übertragen würde.
Mit blauen Plastikeimern leerten wir die Fässer solange, bis es uns möglich war, sie in den Pferdewagen von Vanyo der Mirabelle, meinem Cousin dritten oder vierten Grades, den ich zyklisch alle neun Jahre zu immer wichtigen Anlässen neu kennenlernte, zu laden. Die abgeschütteten Trester gaben wir zurück in die Fässer und luden auch das Feuerholz ein – Äste und Wurzeln, wie schwarze, abgehackte Hände, übersät mit Ekzemen aus Flechten. Auch ohne die Chance, einen Blick von der Seite auf uns zu werfen, kam mir der Zug durch die Dorfstraßen komisch vor: ein Pferd mit kurzen Ohren und hervorstehenden Rippen, Vanyo die Mirabelle auf dem Pferdewagen mit den Fässern, und ich schleppe mich hinterher, die Hand auf dem hölzernen Karrenaufsatz. Jedem, dem wir begegneten, erklärte der Cousin ungefragt, umständlich und begeistert, dass ich ganz aus Sofia angereist sei, und da könne er doch nicht anders als helfen, schließlich seien wir ja verwandt, ein Blut, und bräuchten einander.
Die Schnapsbrennerei – ich kenne sie seit einhundert Jahren – liegt wie auf der Hüfte am Ufer des Dorfbächleins, umringt von Holunder und Brennnesseln. Das Gebäude ist morsch, die türkischen Dachziegel auf dem schiefen Dach sind schon lange bemoost, die Fenster – wie trüb gewordene Augen – störten wohl kaum noch jemanden mit ihren schmutzigen Scheiben. Drinnen, im alchimistischen Zwielicht, brodelte der schmale Raum mit drei Kesseln.
Wir luden die Fässer und das Brennholz aus dem Pferdewagen. Die Verhandlung mit dem Kesselschmied überließ ich der Mirabelle – er hätte es auch ohne meine Vollmacht getan. Längst schon hatte er meine intelligente Hilflosigkeit, die nach Schutz lechzte, enttarnt. Keine fünf Minuten später stand er vor mir, um mir zu versichern, dass alles geklärt sei; ich sollte warten, bis ich an die Reihe kam, und mir keine Sorgen wegen seiner Abwesenheit machen, denn er würde in der Zwischenzeit ein paar Dinge erledigen.
Nachdem die Leute auf der Bank vor der Schnapsbrennerei meine familiäre Zugehörigkeit geklärt hatten, schwelgten sie weiter in süßlichen Erinnerungen an Geschichten vor dem Tertiär, an Nachbarn, Schnäpse, Ernten, Erbschaften und Geld. Es stellte sich heraus, dass ich nach dem Oberst a. D. An der Reihe war, der äußerst männlich an verschiedenen Flaschen nippte. Auch mir reichten sie Flaschen, doch die Schlucke blieben irgendwo vor dem Rachen stecken. Weder im Gespräch konnte ich mich so öffnen wie die anderen, noch konnten meine Trinksprüche mit denen der ehemals militärischen Hoheit mithalten. Hier war ich ein fremder Mensch, so sehr ich mich auch anpassen wollte. Ich war ein zufälliger Mensch in der Schlange vor den Kesseln.
Ich fühlte mich einsam auf der Sitzbank. Meine eigene Dummheit rief eine Rührseligkeit herbei, die mich in die Vergangenheit zurückversetzte. Ich habe mein Leben in Warteschlangen verbracht, doch früher waren sie anders – menschlicher, mehr Intimität war in ihnen und Geduld.
Die Schlangen für Oliven waren schon ein ergreifendes Ritual. Kamen mal irgendwo etwas mehr Menschen zusammen, dann sagten wir: Sie stehen ja an, als warteten sie auf Oliven.
Der Krämerladen besaß eine wellenartige Blechrolltür, die sich nach Ladenschluss wie ein Lid senkte und auf der wir Kinder mit Stöcken erschütternde Symphonien darboten. Ein Funktelegraf verkündete: Die Oliven sind da – und das Geschäft wurde über Nacht friedlich belagert. Die Warteschlange ging um die Rolltür herum und bog sich am Zaun des Nachbarhofes entlang, von wo Dahlien hinaus lugten, die größer waren als Sonnen. Gewöhnlich standen Oma und ich an – wir waren die einzigen, die zu Hause blieben und diese Chance hatten. Man bekam ein Kilo. Wer mehr haben wollte, musste sich erneut anstellen. Tante Mitsa kam langsam wie ein weißes Schiff vom Ende der Straße näher und wurde größer und größer. Als sie den Laden erreichte, bückte sie sich ächzend, um das Vorhängeschloss aufzuschließen, und wir Kinder drängelten uns vor, um die Rolltür nach oben zu schieben.
Drinnen duftete es nach Minze, Bohnenkraut und Lorbeerblättern. Das Öl ruhte im Fass; die Bohnen, das Mehl und der rote Pfeffer füllten ganze Säcke, und der Joghurt lag in Aluminiumschüsseln und wurde mit einem riesigen Löffel geschöpft. In der Schlange tauschte man sich über die gesamte Stadtviertel- und Weltchronik aus: wer studiert, arbeitet, verdient wo, wer ist geboren oder hat geheiratet, wer ist nach Sofia oder ins Ausland gegangen – diejenigen, die es schafften und Erfolg im Leben hatten, waren ein begehrenswerteres Gesprächsobjekt als die Gescheiterten… Oma verließ das Geschäft aufgerichtet und zufrieden, mich an der einen Hand, und in der anderen das heilige Kilo Oliven in einer Papiertüte umklammert.
Abends versammelten wir uns alle am Tisch, schwarze Punkte umrahmten den weißen Schafskäse im Teller, ungeduldige Gabeln spießten diese beweglichen Äugelchen auf und es ging uns so gut, dass man sich wunderte, worüber wir uns so sehr gefreut hatten…
Die Warteschlangen waren anders. Früher waren wir Gefährten, jetzt sind wir Rivalen, früher – Freunde, jetzt – Feinde, früher waren wir eine warme, vertraute Einheit, jetzt – eine knurrende Mehrheit einsamer Inseln. Die Veränderung in mir habe ich nicht bemerkt, ich konnte mich nicht davor bewahren und eine Ausnahme sein. Nur für die Hand meiner Frau musste ich nicht in der Schlange stehen – wir kannten uns seit dem Kindergarten. Ich musste für Arbeit anstehen. Fünf Mal ging ich zum Wettbewerb, bis es ihnen zu peinlich wurde, sich vor mich zu drängen. Ich stand in der Warteschlange für eine Wohnung, ein Auto, einen Reisepass, eine Spezialausbildung, für Benzin oder gewöhnliches Essen… Ich wartete in der Schlange für eine Dozentenstelle am Lehrstuhl für Frühpädagogik. Wir waren zwei Kandidaten. Beide waren wir an der Reihe. Und dann stellte sich heraus, dass ich mich in eine zärtliche Warteschlange für glühende Liebe eingereiht hatte. Frina tauchte auf. Sie tauchte nicht einfach auf – sie brach herein. Ein Orkan. Nein! Drei Taifune zusammen. Meine Exfrau behauptete, dass einzig und allein die Fantasie mir den Pfauenschwanz eines banalen, universitären Vaudevilles verlieh. Sie verstand nichts von Warteschlangen…
„Jetzt lass mich mal von deinen Zigaretten probieren!“ Eine Narbe hatte das Kinn scheinbar nach links verschoben, das Gesicht – unrasiert seit mindestens vier Tagen, im verfilzten Haar – Stroh und Gefieder, und das Drillichhemd – seit Monaten nicht gewaschen. Muntscho. Das dachte ich, doch ich reichte ihm unbewusst die Zigarettenschachtel „Victory“. Er zog zwei Zigaretten heraus, stammelte ein „Dankeschön“ und entfernte sich mit seinen abgenutzten Badeschlappen, zusammengehalten von rostigem Draht. Weil er meine Verwirrung bemerkt hatte, klärte mich der Oberst a. D. Zügig auf: Das sei nicht Muntscho, sondern Strati, und ich sollte nicht so anspruchsvoll mit ihm sein, weil er nicht ganz dicht sei. Vor Jahren habe seine Geliebte in der Stadt geheiratet, und er habe sich vor Trauer in den Blauen Weiher oberhalb des Dorfes gestürzt. Er wäre beinahe ertrunken, wenn nicht irgendein Bengel seine hilflos ausgebreiteten Arme gesehen hätte. Er wurde gerettet, doch seitdem sei ihm die Narbe am Kinn geblieben. Er half dem Schnapsbrenner, um sich wenigstens die Getränke zu sichern.
Eine erschütternde Geschichte, doch auf den polierten Brettern der Bank regten mich weder Muntscho, noch Strati, und auch nicht seine Geliebte auf. Zum Trost ging der Oberst a. D. Weg, um den Kessel aufzufüllen, und ich blieb allein mit der Dunkelheit, die sich zuerst über die Brennnesseln und den Holunder ergoss, und danach die Straße und die Häuser umarmte. Ich kehrte zurück zu den drei Taifunen und den Warteschlangen, die sich in meinem Leben niedergelassen hatten.
Als die Wissenschaft meine Studenten hatte ermüden lassen, fragte ich sie, ob sie die These annehmen würden, dass der Ehebruch das Familienglück dauerhafter macht. Einige waren dafür, andere dagegen. Frina war kein Seitensprung. Als ich begriff, in was für eine lange Schlange ich mich eingereiht hatte, bis ich endlich an der Reihe war, mich an ihr zu erfreuen, tat es nicht weh. Wenn es einen Schmerz gab, dann rührte er vom perversen Wunsch her, derjenige zu sein, der ich immer sein wollte, es aber nie geschafft hatte.
Was büßte Frina schon von ihren Reizen ein, nur weil sie sich einen vorläufigen Plan erstellt hatte? Ist es nicht eher Geschicklichkeit? Erfordert es keine Fähigkeiten? Die Fähigkeiten einer Prostituierten, hatte meine Frau bei der letzten Gerichtsverhandlung unseres Scheidungsprozesses verkündet. Sie verstand das nicht…
Frina winkte vor meinem Auto an einem äußerst düsteren und ausgiebig regnerischen Tag. Alles war perfekt kalkuliert. Ich musste einfach anhalten. Ich musste sie hineinbitten. Ich konnte nicht schweigen. Ich bin kein mürrischer Mensch, schon gar nicht, wenn die Scheibenwischer rhythmisch und eintönig die Wasserstrahlen von der Windschutzscheibe vertreiben, und über das Gesicht des Mädchens Regentropfen statt Tränen rinnen. Ganz zufällig stellte sie sich als Studentin heraus. Ganz erstaunlich – Frühpädagogik. Ich war nicht überrascht – ich war schockiert, als wir uns nach einem einstündigen Gespräch bereits im Auto liebten und der Absatz ihres Schuhs gegen die Autoscheibe klopfte. Ich bildete mir ein, dass ich mit Heldentaten den konkurrierenden Kandidat-Dozenten überholte, für den die studentische Folklore keine Don Juan-Geschichten schonte. Im Auto kam meine sexuelle Stärke Tarzan gleich. Frina war fähig sogar Zeus aus mir zu kreieren. Wir schlüpften in ihr Studentenzimmer, um uns zu lieben – ihre Mitbewohnerin war natürlich abwesend.
Einen Monat später teilte ich meiner Frau mit, dass ich ausziehen würde. Für immer. Ein für allemal. Das Haus und die Kinder würde ich ihr überlassen. Ich war grandioser als King Kong. Großartig war ich. Wie Strati.
Ich erkannte sofort, dass meine Frau mich immer daran gehindert hat, meine wahren Fähigkeiten zu entfalten – nicht nur mit ihren Ambitionen, sondern auch mit ihrer Unterdrückung. Sie hatte tagelang meine Träume kastriert.
Am nächsten Tag, als ich in die Einzimmerwohnung im zehnten Stock eingezogen war, begann ich, ein Lehrbuch über Methodik zu verfassen. Eine Sache, für die ich lange Zeit Materialien gesammelt und Pläne skizziert hatte, um mit der Arbeit anzufangen. Frina las die noch warmen Seiten mit Interesse. Sie erfasste die Nuancen, förderte die erschaffenen Texte, vergötterte mich. Ich stand nicht mehr nächtelang zur Strafe in der Ecke der Einsamkeit. Unser Kampf im Bett oder auf dem Fußboden – stürmisch, erregend und wonnig – endete stets ohne einen Sieger. Ich erinnere mich an ihre Hand – übermütig, sie ergründete den Kitzel in den Ohrwindungen, spazierte durch den Dschungel der Brust und sank immer ungeduldiger und verspielter zur erhitzten Oberfläche des Äquators. Wegen dieser Schlangenhand würde ich mich sogar opfern und Akademiker werden.
Meine Frau verhielt sich erstaunlich ruhig und würdevoll beim Scheidungsprozess. Sie verlor nur einige nicht besonders zärtliche Worte über Frina. Nach der letzten Gerichtsverhandlung gingen wir ins Café neben dem Theater „Träne und Lachen“, um wie alte Freunde einen Kaffee zusammen zu trinken.
Eine Woche später verließ mich Frina. Banal. Ich würde weniger leiden, wenn sie es nicht getan hätte, um ein Familiennest mit meinem Kollegen zu bauen. Zwischenzeitlich war es ihm gelungen, mich in der Schlange für eine Dozentenstelle zu überholen.
Ohne eine sichtbar logische Verbindung, wahrscheinlich noch immer gerührt auf der Sitzbank vor der Schnapsbrennerei sitzend, erinnerte ich mich an längst gelesene Verse: „… wie unberittene Pferde galoppieren Gestalten und Gedanken… weiße und schwarze…“ Es würde mich nicht wundern, wenn ich sie laut ausgesprochen hätte, da ich nicht bemerkt hatte, dass Strati nähergekommen war.
„Was sagste? Aber deine Zigarettchen sind gut.“ Sofort hielt ich ihm die Schachtel „Victory“ hin. „Danke. Als wir heimlich Waffen über das Mittelmeer verschifft haben, habe ich auch längere geraucht, aber deine schmecken auch gut.“ Offensichtlich hatte er vor, mein Interesse mit einem gediegenen Bestseller zu wecken, der dem Schmuggelhandel gewidmet war – nicht ahnend, dass ich Bescheid wusste: Seine längste Route reichte bis zur Stadt mit der ehemaligen Geliebten. Der Mangel an Neugierde ärgerte ihn und er fragte mich überraschend: „Was hast du da eigentlich gemurmelt?“
Er sagte es so natürlich, als würde er Zigaretten aus der Schachtel nehmen, seinen vor Dreck verfilzten Kopf kratzen oder mit seinen instand gesetzten Badeschlappen über den Tonboden patschen.
„Über das Leben.“
Strati hielt eine Limonadenflasche in der Hand, hob sie an seinen Mund, trank einen Schluck und bot sie mir großherzig an:
„Was ist das Leben?“
Ich musste husten, als hätte ich mich an einem Bissen verschluckt. Es war nicht vom Schnaps. Ich klopfte mir selbst auf den Rücken, damit der Husten verging und ich einige Sekunden schinden konnte. Dass die Welt wie eine sich bewegende Materie in Raum und Zeit existierte, würde Strati wohl kaum beeindrucken. Er brauchte etwas ganz einfaches als Erklärung.
„Es ist das, was wir leben; das, was in uns und um uns herum ist…“ Ob er sich solche Fragen gestellt hatte, als sein Kopf auf dem Weg zum Grund des Blauen Weihers war? Warum er eine Antwort wollte, fragte ich bösartig und konnte ihm nicht verzeihen, dass er meine Vereinsamung gestört hatte.
„Lebe ich denn? Ist das ein Leben?“ Die Worte zwangen mich dazu, ihn anzuhören. „Du kannst das Haus auf den Kopf stellen und wirst keinen Krümel finden. Aber ich habe Mäuse. Große Mäuse, ellenlang, und sie halten mich für den Krümel, denn vorgestern, während ich schlief, hat eine mir in den Finger gebissen. Da, man sieht die Narbe noch! Wahrscheinlich wollen sie mich auffressen. Für sie bin ich das Leben, deren Leben. Was sagste?“
Er hatte mich festgenagelt. Ich verstummte. Muntscho, pardon, Strati, dieser verrückte Mensch mit schiefem Kinn und dreckiger Kleidung, dieser hoffnungslose Dorfsäufer stellte die gleichen Fragen, die mir in letzter Zeit keine Ruhe ließen. Lebte ich? Lebten wir? An welcher Schlange gesellschaftlicher Entwicklung standen wir an, dass uns die Verzweigungen und Windungen so müde machten? Warum fehlt uns die Kraft, uns die ganze Wahrheit einzugestehen? Ist es notwendig, stärkende Heilkräuter zu pflücken oder in der Schlange auf einen Bruchteil Wahrheit zu warten? Es ist elementar: Um zu leben, muss ich mich bewegen. Bewegte ich mich? Die Bewegung verlangt nach einem Ziel und nach Hoffnung, dass du es erreichen wirst. Und Liebe, menschliche Nähe und Illusionen. Frinas Verschwinden ist kein Verlust, sondern eine Bereicherung, und ich werde weder den Grund des Blauen Weihers erkunden, noch werde ich den Mäusen der Verzweiflung erlauben, an mir zu nagen. Zunächst werde ich das Lehrbuch beenden, dann werde ich eine Studie über die aktive interdisziplinäre Lehre vorbereiten – ich habe schon eine Absprache mit einem Verlag getroffen. Es würde mich nicht wundern, wenn sich auch eine neue Dozentenstelle ergeben würde, und außerdem gibt es nicht nur in Sofia Universitäten.
Damals, auf der Sitzbank, hatte ich mich fast mit Strati identifiziert, als ich zu sprechen begann. Mir war bewusst, dass ich lauter Unsinn schwatzte, doch ich musste mich mit Zuversicht vollpumpen, um fortzufahren. Ich musste mir zuflüstern, dass ich nicht nur für mich selbst und für die Einzimmerwohnung im zehnten Stock unerlässlich war, sondern ich wünschte mir, dass das eine oder andere Wort auch zu Strati übersprang, denn er war ich.
„Weißt du was du brauchst? Ein weißes Pferd.“ „Ein weißes Pferd?“
„Ja, ein weißes Pferd brauchst du, und zwei Schichten neue Kleidung. Die eine für Feiertage, die andere für Werktage. Das, was du anhast, musst du verbrennen, um dich von der Vergangenheit zu trennen. Die festlichen Kleider müssen weiß sein, und einen weißen Sombrero besorgst du dir, wie in den argentinischen Filmen. Wo du auch hingehst, werden dich alle kennen und sich an dich erinnern. Wenn du das Dorf am einen Ende betrittst, wird sich schon am anderen Ende herumsprechen, dass jener mit dem weißen Pferd und dem weißen Sombrero gekommen ist… Die Leute werden sich über dich freuen…“
„Ein weißes Pferd sagst du?“
„Ganz genau – weiß.“
Einige Male ging Strati von mir weg und kam erneut zurück. Warum, fragte er, sei gerade ein weißes Pferd nötig? Gehe nicht auch ein anderes?
Jetzt sei es ohnehin schwer, an ein Pferd heranzukommen – das kostet viel Geld! Und die Kleidung? Die auch. Und das Pferd braucht noch Heu, also noch mehr Geld. Es stimmte schon: Wenn er das Pferd einmal hätte, dann könnte er hier und da was transportieren, mal einen Hof umpflügen oder etwas anderes erledigen – und dann würde das Geld von allein fließen. Selbst wenn er es sich geliehen hätte, würde er es schnell zurückzahlen können. Die Leute würden ihn kennen und nach ihm verlangen. Ich hätte recht, aber dennoch müsste diese tolle Sache gut durchdacht werden: Welches Sattelzeug sollte es sein, wo sollte das Heu lagern, und wie sollte er die Mäuse vertreiben… Ich war ganz und gar Strati – ich hatte sogar Gift: orangefarbene Reiskörner gegen Mäuse vom Gesundheitsamt …
In diesem Moment erbebte die Schnapsbrennerei. Ein Knall erschallte, als sei in Baikonur das nächste Raumschiff gestartet. Strati schoss durch die klaffende Tür, ich folge ihm instinktiv trotz des Schreckens. In drei heldenhaften Schritten erreichte er den Kessel, wo der Oberst a. D. Verwirrt hockte, und durchmengte mit hastigen Bewegungen das Holz darunter. Dann langte er ebenso schnell und abrupt in den Spalt seiner Drillichhose, und ein dicker Druckstrahl ließ die Holzscheite aufpfeifen. Eine Dampfwolke stieg auf und es roch nach Ammoniak. Strati schüttelte die letzten Tropfen ab, dann zog er sein Drillichhemd aus, hob den Kupferdeckel auf, der seitlich herum rollte, und setzte ihn auf den Kessel. Dann warf er noch irgendeinen Lappen darauf und setzte sich – zu meiner allergrößten Überraschung, aber auch unerwartet für den Oberst a. D., der langsam nüchtern wurde, und für die anderen Männer darin – obendrauf. Niemand wagte es, auch nur ein Wort zu sprechen, denn der Deckel konnte jeden Augenblick wieder an die Decke fliegen. Strati hatte sich wie auf einem Pferd niedergelassen und lächelte erst dann, als durch den Hahn wieder einige Schnapstropfen tränten…
Wenige Minuten später mussten wir diesen seltsamen Reiter auf den Händen zum Feldscher tragen. Sein Hintern war verbrannt und seine Beine angesengt. Obwohl er Schmerzen hatte, strahlte er übers ganze Gesicht, seine Pupillen weiteten sich, als galoppierte jemand darin…
Schon drei Monate lang gehen meine Exfrau und ich gemeinsam ins Theater und ins Kino; zwei Mal haben wir sogar im ungarischen Restaurant zu Mittag gegessen. Vermutlich kommen wir wieder zusammen – für die Kinder ist das besser so. Ich beende gerade das Lehrbuch; nebenberuflich werde ich auch in der Plovdiver Universität unterrichten. In letzter Zeit nerven mich die Warteschlangen nicht mehr, als würden sie immer kürzer und ich käme immer schneller an die Reihe, aber ich mache mir nicht die Mühe herauszufinden, ob das tatsächlich so ist oder nur Einbildung. Ob ich es wohl versäumt habe, mich bei jemandem zu bedanken?
Oben offene, aber unten miteinander verbundene Gefäße (A. d. Ü.) Verweis auf Muntscho in Ivan Vazovs „Unter dem Joch“ (A. d. Ü.) Stadt im südlichen Kasachstan (A. d. Ü.)
Sog. Handwerksarzt beim Heer; auch ungelernte Landärzte (A. d. Ü.)