Pariser Seidenwäsche
von Jutta Dogan (copyright)
Bei Bert Brecht gibt es ein Gedicht über den Krieg, in dem der Soldat seiner Frau aus jedem von uns im 2. Weltkrieg eroberten Land etwas schickt, bis schließlich aus Rußland das letzte „Geschenk“ kommt, der Witwenschleier. Aber noch waren wir erst in Frankreich, auf dem Siegeszug. Aus Polen hatte er mir eine wunderschöne Strickjacke gesandt, dunkelgrüne Wolle, rnit dicken Kirschen,, rot, und hellgrünen Blättern ebenfalls in Wolle, drauf gestickt. Zwar war sie noch etwas groß, aber nach zwei Jahren paßte sie, und ich trug sie, bis die Löcher im Ellbogen gar nicht mehr durch Stopfen zu schließen waren.
Es ist mein neunter Geburtstag, ich öffne ein Päckchen aus Frankreich. Heraus hole ich ein zartes Gebilde, nein zwei. Reine Seide gewirkt, rosa, an den Rändern handgestickte Blümchen mit Ranken in Pastell. Mein Vater scbaut verblüfft, meineMutter sagt begütigend: „Er hat es nicht besser gewußt. Seine Kameraden werden alle so was gekauft haben, um es ihren Frauen zu schicken. Und weil er keine hat, schenkt er es eben seinem Patenkind!“ Es ist nämlich eine Garnitur Seidenwäsche, und der Spender, ein junger preussischer Offizier, der Inbegriff für Askese und Korrektheit in der Kleinstadt, aus der wir alle kommen. Beide scheinen belustigt.
Ich probiere sie an, sie ist um vieles zu groß. Aber das macht nichts, f’ür mich ist die Garnitur ein Traum. Wovon? Ich weiß es nicht. Ein Hauch von Luxus in der karg gewordenen Welt des Krieges. Vielleicht auch eine Ahnung davon, eines Tages begehrenswert zu sein.Und sie ist einfach wunderschön. Nie wieder habe ich eine solche gesehen, zart fliessend, die traumhafte Stickerei, seIbst wenn mir Jahre später andere Männer als ein Patenonkel noch welche schenken werden Überall hin schleppe ich sie mit, erst im Luftschutzköfferchen In Berlin, wo wir jetzt wohnen häufen sich die Fliegerangriffe, später werden wir auch ausgebombt, und ich muß Notwendiges mitnehmen. Und dabei dies, das Überflüssige, meine· Mutter sagt nichts dazu. In die Kinderlandverschickung nach Kärnten geht es mit, ich lagere es nie bei der Wäsche, sondern bei den „Schätzen“, die verbleiben. Auf der Flucht später im Osten wird meine Habe immer dürftiger,
aber die Garnitur ist noch dabei. Eines Tages, lange nach dem Krieg probiere ich sie endlichch mal an, da ist sie zu klein geworden. Irgendwann später verliere ich dann das Interesse, erschenke sie gar. Denn inzwischen ist das eingetroffen, wofür sie mir als Verheißung diente: In meinem Leben ist nun doch ein Hauch von Luxus eingezogen. Nicht für immer, aber doch sporadisch: eine exklusive Essenseinladung, Begegnungen mit interessanten Männern, ein exotisch duftendes Parfum, eine exqusites Schmuckstück, Reisen und zeitweise sogar ein Leben in fremden Ländern.
Nichts davon wird sich als dauerhaft erweisen, aber ich habe doch einen Zipfel von meinem Traum erhascht.
Und er, der Spender? Er hat uns noch einmal besucht im Heimaturlaub. Er betrachtete wohlgefällig meine blonden Zöpfe und hielt mir einen schimmernden Uniformknopf hin: „Nun beweise mal, daß du schon eine kleine deutsche Frau bist und nähe mir den wieder an. „Bestürzt schaue ich drein und meine Mutter rafft seine Offiziersjacke an sich und näht ihn mehr schlecht als recht wieder an. Auch sie ist verlegen, hat sie es doch versäumt, mich im rechten Sinne aufzuziehen. Es bleibt dem Hans-Wilhelm erspart, nach dem Kriege erfahren zu müssen, daß ganze Scharen junger Frauen eigene Wege gehen, ihr Lebensziel nicht mehr darin sehen, dem Manne zu dienen. Denn er kam nicht wieder, das Brechtsche Gedicht hatte ihn eingeholt, in – Rußland.
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