Nachkriegskarrieren

von Jutta Dogan (copyright)

Da nach dem regelrechten Zusammenbruch des deutschen Reiches beim Kriegsende 1945 die meisten Institutionen nicht mehr arbeiteten, zum Teil zerstört waren, die Wirtschaft nicht funktionierte, waren auch die Berufstätigen, die etwa für Post und Bahn oder Firmen gearbeitet hatten, stellungslos. Finanziell war das zunächst kein Verlust, weil die meisten bei Ende des Krieges allerlei Ersparnisse angesammelt hatten. Man hatte kaum noch etwas ausgeben können mangels Waren, und bis zur Währungsreform 1948 galt das alte Geld, die Mark, noch weiter. Das Leben war billig, wenn man von Schwarzmarktpreisen für Lebensmittel absah. Aber Mieten und Preise für die Waren auf Lebensmittelkarten – soweit es auf die überhaupt etwas gab – waren niedrig. Trotzdem kümmerten sich die meisten Menschen um eine Arbeit,weil man dann die bessere Lebensmittelkarte bekam und ja auch niemand wußte, wie lange dieser Zustand des Chaos, ohne staatliche Autorität, dauern würde. Die Alliierten bemühten sich zwar um Herstellung einer gewissen Ordnung, setzten auch bald provisorisch “unbelastete” Leiter in Ämter, aber ein geplanter Aufbau konnte im Westen vor der Währungsreform 1948 und in Berlin etwas später nach der Luftbrücke 1949 nicht beginnen. Auch um diese Zeit wurde in Bonn eine Regierung unter Bundeskanzler Adenauer genehmigt.
Unsere weit verzweigte Verwandtschaft stammte überwiegend aus Berlin und Umgebung, und so wurden bei gelegentlichen Treffen mit Galgenhumor die neuesten Nachrichten über die Tätigkeiten einzelner Mitglieder ausgetauscht.


1.Tante Else,
die ältere Schwester meiner Mutter, wurde als Postbeamtin noch nicht gebraucht, denn ein Postwesen mußte erst wieder aufgebaut werden. So folgte sie freiwillig einem Aufruf der Russen, sich zum Kohlenschippen zu melden, denn sie wohnte in Pankow. Für eine gepflegte Dame von über 40 war dieser Entschluß kühn, aber weise. Man bekam die Schwerarbeiterkarte für Lebensmittel, einen Eimer Kohle pro Woche als Deputat und durch Diebstahl noch weitere dazu. Nämlich schippte man auf dem Güterbahnhof, auf dem die Waggons in Lastwagen umgeladen wurden, ab und zu etwas über den Zaun und schlich sich nach der Arbeit dorthin, um ein paar Stückchen aufzulesen. In der Dunkelheit des Winters ging das, bis auf die Todesgefahr durch die russischen Bewacher des Geländes, die ohne Warnung schossen. Mit der Kohle konnte man alles Beliebige eintauschen und war gut gestellt. Am meisten störte Else nur, daß sie den feinen Kohlestaub aus den Hautritzen und unter den Nägeln Tag für Tag neu herausschrubben mußte, es gab ja kein warmes Wasser.
Sobald die Post wieder arbeitete und allmählich ihre Leute einstellte, konnte Else an ihren Schalter zurückkehren.

2. Auch Onkel Richard,
ein etwas entfernter Verwandter von Vaters Seite, war bei der Post beschäftigt gewesen, im gehobenen Dienst. Er war ein bereits älterer, würdiger Herr, und wir mußten lachen bei der Vorstellung, daß er jetzt als Roter Radler durch Berlin fuhr, um Waren und Nachrichten auszutragen. Denn einen Fuhrbetrieb gab es auf lange Zeit noch nicht. Später wurde er dann pensioniert, ging in ein Altersheim, weil seine Frau Justine gestorben war. Er sorgte für eine neue Überraschung, da uns eine Verlobungsanzeige erreichte. Er war schon über 80, als er eine zierliche alte Dame kennenlernte. Eine Heirat war nicht beabsichtigt, sie wollten nur aller Welt ihre Verbindung kund tun: immer mit Stil.

3. Achim,
ein ehemaliger Schüler meines Vaters und nun ein Freund geworden, eigentlich Rechtsanwalt, hatte sich als Wachmann bei den Amerikanern verdingt; das war ein begehrter Posten. Man wurde auf Dollarbasis bezahlt, wobei die noch immer sparten, erhielt Essen dort und gelegentlich Zigaretten. Die rauchte man nicht etwa, sie waren ein willkommener Tauschartikel.
Als die Wirtschaft wieder aufblühte, brauchte man Anwälte, aber nicht jedem gelang es, wieder Fuß zu fassen. Seine Frau, eine verwöhnte Dame,war enttäuscht und verließ ihn.

4. Georg
Elegant löste der jüngere Bruder meines Vaters, Georg, ein promovierter Wirtschaftswissenschaftler, das Problem der Arbeitslosigkeit. Denn in seinem Beruf bestanden erst später wieder Aussichten. Er, ohne Familie und mit kulturellen Interessen, schrieb Drehbücher für Herrn Zengerling, einen kleinen Filmproduzenten. Dessen Firma befand sich in Kleinmachnow, einem Vorort von Berlin und schon in der Ostzone, aber vor dem Mauerbau waren die Grenzen durchlässig. Er hatte von den Russen eine Lizenz und etwas Material für Märchenfilme erhalten, anderes war zunächst nicht erlaubt. Als Schneewittchen konnte er gleich seine schöne junge Frau verwenden, ich habe sie noch kennengelernt. Neben dem ältlichen Ehemann machte sie einen resignierten Eindruck. Eines Tages kam Georg feixend zu uns: Schneewittchen war weg! Und zwar gleich, bis nach Rußland hin, mit einem Offizier. Ob sie ihre Flucht im schäbigen Nachkriegsrußland wohl später bedauert hat? Zengerling verlegte sich nun auf Kulturfilme, inzwischen waren die erlaubt. Der über das Kloster Maulbronn, wieder auf Grundlage von Georgs Vorarbeiten, wurde preisgekrönt und lief jahrelang als Vorfilm vor der “Trappfamilie” in den Kinos.
Berlins Oberbürgermeister Reuter wurde aufmerksam gemacht auf den gewandten Georg. Er erteilte ihm den Auftrag, für die Stadt Berlin zu werben auf Reisen durch Westdeutschland. Denn die politische Situation blieb jahrelang im Ungewissen. Fotomaterial wurde ihm gestellt,aber es ergab sich das Problem der Übernachtungen. Hotels gab es kaum zunächst, denn die Alliierten hatten die wenigen intakten Quartiere für sich beschlagnahmt. Erst später bauten sie sich genügend eigene. Aber Georg fand immer einen Ausweg. “Er übernachtet bei den ATVern”, verkündete Frieda, die ältere Schwester, stolz. Er war nämlich als Student im Akademischen Turnverein gewesen, hatte Listen von denen in ganz Deutschland, und sie waren verpflichtet, einander zu helfen, auch wenn sich nicht alle kannten. In mancher Stadt, die auf Georgs Reiseroute lag, waren seine Vereinsbrüder wohl noch nicht mal unglücklich über die Einquartierung, die ja nur kurz dauerte und Unterhaltung bot: Georg war ein glänzender Plauderer. In Westdeutschland war auch mancher – es waren ja Akademiker – nicht so knapp dran wie die Westberliner noch an der Zeit, und konnten ihn bewirten.
Ich habe noch einen Nachruf aus der Zeitung, in der Georg als „Berliner Bär“ gepriesen wird.
Er starb ganz plötzlich an einer harmlosen Operation und konnte seinen Posten in einem der neugegründeten Bonner Ministerien nur kurz wahrnehmen.

5.Ein Schulfreund von mir, Fritz,
bekam in der Ostzone eine Stelle als Kartoffelschäler bei den Russen, womit für den l4jährigen natürlich die Verpflegung gesichert war. Das Dorf, in dem er zum Kriegsende bei Verwandten untergekommen war, hatte kein Gymnasium, geschweige denn ein humanistisches, auf dem er in Berlin gewesen war. Eines Tages merkte er, daß er den schulischen Anschluß verloren hatte, machte Nägel mit Köpfen und ließ sich zum Koch ausbilden. Später gelang es ihm, zu seinem Vater in den Westen zu fliehen,er übernahm ein Restaurant, schließlich ein Hotel. Als wir schon alle älter waren, kam es zu einigen Klassentreffen, wir waren inzwischen über ganz Deutschland verteilt. Eines fand auch bei ihm im Schwarzwald statt, und ich hatte den Eindruck, daß sein Los schwerer war als das der anderen, die nach Studium einen “white collar job” ausübten, und reich ist er offensichtlich dabei auch nicht geworden.

6. Mein Vater
In dem allgemeinen Aufbruch erhob sich sogar mein zunächst deprimierter Vater im Frühjahr 1946 von seiner Lagerstatt, auf der er den kalten Winter verbracht hatte. Er nahm das Angebot unseres Pfarrers an, als Bote für die Gemeinde tätig zu sein, denn er wollte ihm helfen. Andere Arbeit durften ehemalige PGs (Parteigenossen) nicht annehmen. Da auch der inzwischen von den Amerikanern eingesetzte Bürgermeister unseres Bezirks, meinen Vater als früheren Lehrer seines Sohnes kannte und schätzte, ließ er ihn als Boten ins Rathaus überwechseln. Das war eine sichere Stelle, denn man wußte nicht, wie lange dieser Zustand der Unterbeschäftigung andauern würde. Sämtlicher Schriftverkehr zwischen den Ämtern in Berlin wurde per Boten abgewickelt, so lange es noch keinen Wagenpark für sie gab. Die Boten konnten sich dabei, der U-Bahn bedienen, als diese wieder streckenweise in Betrieb genommen wurde, aber es blieben noch weite Laufstrecken übrig. Da mein Vater immer gern gelaufen war, lag ihm diese Tätigkeit, abgesehen von der noch immer knappen Verpflegung und mangelndem Schuhwerk.
Ab Herbst 1946 jedoch wendete sich das Blatt eher, als gedacht. Da allmählich auf Betreiben der Alliierten eine Verwaltung in jeder Hinsicht wieder aufgebaut werden sollte, bis hin zum Schulwesen (es gab nur provisorischen Unterricht) wurden überall die Experten gebraucht, nämlich weitgehend die ehemaligen Parteigenossen. In sogenannten Spruchkammerverfahren wurden diese “entnazifiziert”, nachdem sie ihre Papiere eingereicht und Zeugen benannt hatten, die ihre Harmlosigkeit bestätigen würden. Es erwies sich dabei als lebenswichtig, daß man trotz Ausbombung, Flucht oder Vertreibung niemals seine Papiere verlor!
Mein Vater wurde samt vielen anderen in diesen Monaten als Mitläufer eingestuft und Anfang 1947 wieder in den Schuldienst übernommen.
Nachdem wir 1950 nach Jahren im Notquartier nun eine Wohnung bekamen, ging es mit unserer kleinen Familie wieder bergauf. Meine Eltern waren beide als Lehrer tätig, wir galten als “westliche Doppelverdiener”: der Aufschwung der 50er Jahre hatte auch uns erfaßt!

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