Mein erstes selbst verdientes Geld

von Jutta Dogan (copyright)

Ich ging den spärlich beleuchteten Gang zwischen den beiden Internatshäusern 111 und IV entlang, ein Tunnel mit Heizkeller. Am einen Ende lag die Wohnung von Nachtwächter Günther, am andern
die von Hausmeister Laak.
Und da wollte ich jetzt hin. Denn es sollte heute Hochzeit gefeiert werden, der älteste Sohn von seinen sieben Kindern. Rosi, die Jüngste, war mit ihren fünf Jahren meine gleichaltrige Spielgefährtin. Ja, eine Braut zu sehen, lieblich mit Schleier und Myrtenkranz, das war etwas Traumhaftes. Vielleicht würde ich eines Tages, später mal, auch eine sein. Im Moment aber war ich blaß und spillerig, reichlich davon entfernt, und in meinem einfachen Spielkleid auch nicht würdig
angezogen.
Ich klingelte und verlangte schüchtern, die Braut zu sehen. Die wurde gerufen, denn die Laaks kannten mich, nur sie kam von woanders. Ich staunte die junge Frau an, und sie lächelte mir huldvoll zu. Dann fiel ihr etwas ein, sie ging ein paar Schritte zurück und griff in ein Schälchen. Darin befanden sich einige kleine Münzen. Sie drückte mir etwa drei Groschen in die Hand. lch dankte beglückt und ging. Es war nicht wegen des Geldes, dafür hatte ich noch wenig Sinn,aber die mildtätige Zuwendung meiner Fee hatte mich beeindruckt.
Mit Geld konnten wir Kinder noch nicht viel anfangen. Denn, kurz mal über die Straße laufen und vielleicht beim Bäcker ein paar Süßigkeiten erstehen, das ging hier nicht. Das Städtchen Templin lag etwas entfernt, und wenn mich meine Mutter mal mit dahin nahm, kaufte sie mir womöglich eine Zuckerschnecke, ich selber zahlte noch nicht.
Den ganzen Vormittag hielt ich meinen kleinen Geldschatz mit der linken Hand umklammert, während ich noch hierhin und dorthin ging. Allmählich hatte sich aus dem Gemisch vom schmuddelig benutzten Geld und dem Schweiß meiner Handinnenfläche ein bräunlicher Brei gebildet.
Strahlend hielt ich meiner Mutter dieses Gemisch entgegen, als ich gegen Mittag nach Hause kam. Zuhause, das war oben in der Dienstvilla meines Vaters, dem Studienrat und Leiter von Alumnat IV. Ich begriff gar nicht, warum meine Mutter, die sonst so Gütige, über meine Erzählung “not amused” war.
Ihr Kind mit Arme-Leute-Groschen bedacht, wie peinlich. Was sollten die Leute denken?

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Ein Kommentar zu “Mein erstes selbst verdientes Geld”

  1. 12.Dezember 2008 | 20:38

    [...] Der Konfirmationskaffee Der Volksfeind Das grosse Ereignis Granatsplitter Janz Berlin is eene Wolke Mein erstes selbst verdientes Geld Die rosa Tasche Nachkriegskarrieren Pariser [...]

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