Janz Berlin is eene Wolke

von Jutta Dogan (copyright)

(Für Unkundige: will sagen, Wohlgefühl,” Heut machen wa ne Sause”, ” Wat kost die Welt?”)

„Wo gehen wa heute ahmt hin?“ „Wie wärsn mit Walterchen, dem Seelentröster?“ „Au ja, da warn wa noch nie.“
50er Jahre, Studentin. Aufm Fasching ‘nen älteren Herrn kennengelernt, der Alfredo genannt werden möchte. Heißt natürlich nur Alfred, Berliner Geschäftsmann. Ob ich nicht noch ‘ne Freundin hätte? Tja, mit zwei hübschen jungen Mädchen am Arm, das schwebt ihm so vor. Warum nicht, er ist bieder und spendabel. Da kommt Marianne gern mit. Mal ausgehn, Wein trinken, süße Lokälchen kennenlernen, so nennt sie das immer. Unsere jungen Freunde können uns solche Abwechslungen der aufblühenden Nachkriegszeit noch nicht bieten.
Wir fragen uns durch, Alfredo hat natürlich schon ein Auto, irgendwo abgelegen soll das Lokal liegen, in der Hasenheide, einem ärmeren Vorstadtviertei. Da, eine rosa Leuchtreklame: „Ball der einsamen Herzen.“ Drin ist schon Betrieb. Solide, gehobener Stil. Empfangsdame weist an, Tische in offenen Nischen. Kellner erscheint, geordert. Die Attraktion des Hauses ist „die Post“. An jedem groß numerierten Tisch befindet sich ein Schreibblock, Stift und eine offene Röhre mit Kapsel daneben. Man erspäht irgendwen an einem anderen Tisch und schreibt dem ein mehr oder weniger geistreiches Briefchen etwa: „Wie wärs mit einem Tänzchen, schöne Frau?“ oder: „Noch so allein heut abend, der Herr?“
“Darf ich …” Die Episteln erreichen den Adressaten nicht etwa gleich, nein, bei Walterchen geht es gesittet zu, das Lokal gibt’s schließlich schon seit Jahrzehnten. Alle Briefchen passieren erst mal eine Kontrollstelle, Schmuddelbriefe werden gleich dort vernichtet. Die anderen werden weiter geleitet zum Empfänger, Absenderdertisch steht drauf.
Wir bringen Alfredo bei, daß diese Kontakte dazu führen könnten, auch mal mit anderen zu tanzen. Bald steht ein junger Schwede vor mir, mich auf die Tanzfläche zu führen. Denn das Lokal ist geräumig, eine Halle mit bekannt guter Kapelle lädt ein zu abendlicher Beschwingtheit. Die Bewegung macht Appetit, Alfredo wird genötigt, ein kleines Essen zu spendieren; ist alles gar nicht so billig hier. Sein Gesicht verzieht sich schmerzlich, als ein Briefchen aus der Röhre auf unseren Tisch katapultiert wird mit dem scherzhaften Inhalt: „Ist der Herr der Vati?“ Marianne und ich glucksen, aber Alfredo findet das gar nicht so komisch und befindet, nun könne man eigentlich gehen. Er kenne da noch ein feines anderes Lokal, in Ku-Damm-Nähe, gehört einem seiner Freunde.
Ein Zug durch die Lokale – auch nicht schlecht.
Eines Tages, Jahre später, ich habe Berlin längst verlassen, lese ich in einer überregionalen Zeitung, dass Walterchens Lokal geschlossen werden mußte. Er selbst ist sowieso schon lange tot. Der Zuspruch hatte in den letzten Jahren nachgelassen. Das gutbürgerliche Publikum, auf diese harmlose Art Bekanntschaft suchend, war mehr und mehr ausgeblieben.
Die Zeiten hatten sich eben geändert.
(Und meine beiden Begleiter von damals? Den Alfredo haben wir noch eine Weile gekannt und manch netten Abend mit ihm verbracht. Auf die Weise lernten wir etliche „süße Lokälchen“ kennen. Aber eben diese wurden meiner Freundin Marianne später zum Verhängnis. Sie ließ sich von wechselnden Kavalieren immer öfter einladen; hat sich später allmählich zu Tode getrunken, mit 50 gestorben.)

Ein Kommentar zu Janz Berlin is eene Wolke

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