Granatsplitter
von Jutta Dogan (copyright)
“Zwei Leichtmetallsplitter gegen einen aus Schwermetall”, schlage ich vor. “Na ja”, sagt Wolfgang, “aber bald werden die nicht mehr so selten sein, die sind billiger: Willst du mal meinen besten Splitter sehen? Neulich, bei dem Alarm bis 4 Uhr früh, so daß am nächsten Tag die Schule ganz ausfiel, da ging er dicht neben mir nieder, als wir über den Hof zum Keller rannten. “Ja, ich weiß, wir rechnen immer, je nach Länge des Alarms fängt die Schule am nächsten Tag früher an. Wolfgang freut sich dann, denn in der Oberschule kommt er nicht so gut mit. Ich bin zwei Jahre jünger und komme jetzt erst hin, aber auf die Rückertschule, für Mädchen. Wir sitzen in seinem Zimmer, das genau unter meinem liegt, sie haben die gleiche Sechszimmerwohnung wie wir. Bis vor kurzem wohnten noch etliche jüdische Familien da, und nur durch die Auswanderung von Dr. Zuckermann in die USA haben wir unsere Wohnung erhalten.
Wolfgang holt eine pappene kleine Schmuckschachtel von seiner Mutter aus der Schublade und öffnet sie. Auf rosa Watte prangt ein zackeriger, grauschwarzer Granatsplitter von der FLAK, den Fliegerabwehrkanonen. “Es ist Phosphor”, sagt er andächtig und streicht mit dem Finger über das herrlich leuchtende Gelb an den Rändern. Erst später werden wir gewarnt, daß es die Haut zerfrißt. “Wieviel willst du für den haben?” frage ich vorsichtig. “Den gebe ich nicht her”, erwidert er bestimmt und packt ihn wieder ein. Währenddessen betrachte ich meinen gelegentlichen Spielgefährten. Eigentlich sieht er nicht ganz so aus wie die Abbildungen auf den Schautafeln im Biologieunterricht in Rassenkunde: Ohren, Nase und Lippen sind nicht so groß, aber er ist ja auch erst 13.
“Seine Mutter war eine Rose Wolf”, hat Tante Frieda zu meiner erschrockenen Mutter gesagt, “wir waren zusammen in der Banklehre. “Und der Blockwart, dessen Praxis seit seiner Entscheidung, der Partei beizutreten, jetzt wieder besser läuft, berichtete meinem Vater bei einem seiner vorgeschriebenen Hausbesuche bei uns: “Sie haben Glück”, hat sein Vorgesetzter zu Herrn Regierungsrat Hardtrodt gesagt, “daß Sie im ersten Weltkrieg einen Arm verloren haben. Als Schwerkriegsbeschädigter werden Sie wegen Ihrer Weigerung, sich von der Frau scheiden zu lassen, nicht entlassen, nur nicht mehr befördert. Er soll noch betont haben, daß seine Frau doch Christin sei, aber das zählt nicht.” Da Frau und Sohn durch ihn in einer sogenannten ‘geschützten’ Ehe leben, dürfen sie auch in den Luftschutzkeller und müssen nicht im Vorflur bleiben, wie es die Vorschrift für Juden bestimmt. Neulich, denke ich, war ich bei seinem Geburtstag eingeladen, mit allerlei Jungen aus seiner Klasse, dabei auch der Sohn vom General Kluge. Dann wird der wohl nächstes Jahr absagen müssen? Aber das Problem erledigt sich von selbst. Da ist Wolfgang schon nicht mehr auf der Oberschule. Meine Mutter sagt verlegen zu mir: “Du, Wolfgang hat die Schule verlassen müssen, weil es doch jetzt neue Regelungen gibt. Er hat eine Lehre bei einer Knopf- und Posamentenfirma begonnen, weil seine Eltern meinen, dann kann er später immer noch Kaufmann werden.” Natürlich habe ich nichts Eiligeres zu tun, als ihn beim nächsten Treffen lauernd zu fragen, warum er denn nicht mehr zur Schule geht. “Och”, sagt er, “ich lerne jetzt etwas, das ist doch viel schöner.” Eifrig zeigt er mir seine Ordner, die im Theorieunterricht der Berufsshule geführt werden. Mir tut es leid, daß ich gefragt habe, gar zu emsig sind meine Bemühungen, Normalität vorzutäuschen.
Neulich, beim Tauschen, das waren übrigens die letzten Granatsplitter, die ich zu sehen bekam. Zu viel Unterricht fiel aus, zu gefährlich wurden die Luftangriffe in Berlin, so daß ich im Frühjahr 1943 in die Kinderlandverschickung (KLV), wie es beschönigend hieß, nach Österreich gelangte. Wolfgang sah ich nie wieder, aber trotzdem ist die Geschichte noch nicht ganz zu Ende. Während unserer Abwesenheit wurde bei einem Luftangriff im Sommer 1943 das ganze Haus zerstört von mehreren Spreng- und Brandbomben, und im Keller wurden dabei einige Bewohner verschüttet und erstickten. Nach dem Kriege wurde dann ein anderes Haus neu erbaut, statt des einst prächtigen Eckhauses am Bayerischen Platz nun ein billigeres der 50er Jahre. Meine Eltern suchten kurz nach dem Kriege im Keller der Ruine nach unserer Kiste, denn jeder hatte eine mit Wertsachen unterstellen können, und wir hatten unseren größten Schatz hinein getan, die Porzellansammlung. Ein Vorfahr meines Vaters nämlich war als taubstummer Maler in der Königlich Preußischen Porzellanmanufaktur tätig gewesen, und so besaßen wir einige wertvolle Stücke. Am meisten bewundert wurde stets die Ahnfrau, die schöne Gemahlin des Künstlerp, die er auf einer riesigen Tasse portraitiert hatte, mit Madonnenscheitel im dunklen Haar und vor einem roten Vorhang prangend. Die Apothekerin unten im Haus hatte ihren Laden notdürftig wieder hergerichtet, und bei ihr fragten meine Eltern an, als sie nichts fanden. Sie hatte ein Gerücht gehört, daß Herr Regierungsrat Hartrodt getönt hätte: “Dies hier hat einem Nazi gehört”, und sich folglich diese Kiste als eine Art privater Wiedergutmachung mitgenommen. Jetzt hatte sich das Blatt gewendet.
Mein Vater, als Studienrat und Erzieher der deutschen Jugend genötigt, in die Partei einzutreten, war nach dem Krieg vorübergehend außer Dienst, zudem hausten wir lange in einem Notquartier. Die Hartrodts dagegen wurden als ODF, Opfer des Faschismus bevorzugt, so mit der begehrten besseren Lebensmittelkarte und einer frei gewordenen ordentlichen Wohnung, sogar in der Nähe. Dort wurden meine Eltern nun vorstellig und wollten sich bedanken, daß sie unsere Kiste ‘in Verwahrung genommen’ hätten. Aber bereits an der Tür wurden sie kühl abgewiesen. Wird sich nun Wolfgang am Bildnis meiner Ahnfrau auf der Prunktasse ergötzen?
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