Die rosa Tasche

von Jutta Dogan (copyright)

Eigentlich war sie ein kleines Scheusal, aber darauf kam es gar nicht an. Bonbonrosa Lack war einfach auf Pappe aufgetragen, was sich dann herausstellte, als sie allmählich zerfiel, viel später. Von Leder keine Spur. Sie war ja auch nur für ein Kind gedacht, ein Ausgehtäschchen. Viel hatte dafür auch kaum einer ausgeben können, damals, in den dreißiger Jahren, und dazu noch in jener Provinzstadt im Nordosten von Deutschland,umgeben von ländlichem Gebiet.
Da lag die Tasche verlockend im Schaufenster von Kaufhaus Radefeldt, dem einzigen im Städtchen, und außerdem gab es noch Läden allerlei Art. Vornan lag sie, zu mir hin, und ich stand da und bewunderte sie. Daß so etwas für mich sein könnte, kam mir kaum in den Sinn. Dies hier wäre Luxus gewesen, und den gab es zuhause nicht. Ja, zu essen und Kleidung war da, in Maßen, und für den Vater ab und zu ein Buch; und das war schon mehr, als andere hatten. “Mutti, sind wir arm oder reich?” hatte ich meine Mutter gefragt, denn beides kannte ich nicht, diese Ausdrücke kamen nur in den Märchen vor, die sie mir vorlas. “Wir sind so in der Mitte”, beruhigte mich meine Mutter, und es stimmte sogar. Ein Studienrat, der lag so in der Mitte, und das war mein Vater.


Im Moment war sein jüngerer Bruder aus Berlin zu Besuch, Onkel Georg. Und mit dem samt meinem viel älteren Bruder Horst war ich unterwegs, von draußen, dem Joachimsthalschen Gymnasium und Internat her, durch den Wald und am See ins Städtchen Templin hinein, unter dem Tor der Stadtmauer und eine der wenigen Einkaufsstraßen entlang. Georg muß sich ja gelangweilt haben, aus Berlin war der anderes gewöhnt, zumal mit der Freiheit eines Junggesellen. Aber er schien den Bummel zu genießen. Er. liebte seinen Neffen Horst, der schon achtzehn war und mit dem man sich gut unterhalten konnte, wie zwei Kumpel.
Ich war erst fünf, und den beiden fiel es auf, daß ich vor dem Schaufenster stehen geblieben war und träumerisch auf die Tasche sah, man konnte noch nicht mal sagen, begehrlich. Es stand auch kein Festtag an, daß man sie hätte als Geschenk bekommen können. Sie neckten mich. Wir trotteten weiter, und einer der beiden hatte wohl an der vorigen Ecke etwas verloren und blieb für kurze Zeit zurück.
Mit genügend Hunger trafen wir später zuhause zum Abendessen wieder ein. Die Dienstvilla meines Vaters war geräumig, und so war am langen Tisch des Eßzimmers für alle gedeckt, wegen des Besuchs mit besserem Geschirr als sonst.
Aber was war das? Mein Teller wackelte, als ich ihn berührte, etwas Sperriges hob ihn an. Ich blickte darunter, die Tischdecke wölbte sich an der Stelle. Meine Großmutter hatte sie bestickt, aber daran lag es nicht. Es war still geworden um den Tisch, und ich lüftete die Decke vorsichtig. Da lag etwas, ich zog an einem Griff, rosa Lack kam hervor – die Tasche vom Schaufefenster! Ich betrachtete sie ungläubig. Wie war sie hierher gekommen? Alle schienen gänzlich ahnungslos. Onkel Georg und mein Bruder Horst saßen mir gegenüber, sahen sich an und waren unbändig froh – soweit man das von Brandenburgern sagen kann. Allmählich begriff ich, daß dies Täschchen nun mir gehörte, auch ohne Geburtstag als Anlaß. Ich hielt es in Ehren und benutzte es nur zu besonderen Anlässen, bei Kinderfesten oder als ich von Tante Frieda, der älteren Schwester meines Vaters, in Potsdam durch die Schlösser mit ihren Parks geführt wurde.
Von der so harmlos-fröhlichen, Tischrunde lebt kaum noch einer. Als erster blieb der Platz meines Bruders leer, der in Frankreich fiel, denn bald darauf war der Krieg ausgebrochen. Ihm folgte Onkel Georg, der unerwartet nach einer leichten Operation verstarb, lange vor seinen älteren Geschwistern. Von meinen Eltern erreichte jeder ein gutes Alter, aber da lebten wir schon nicht mehr in Templin.
Mein Vater war so angetan von diesem historischen Städtchen, daß er ein Buch über dessen Geschichte verfaßte, das großen Anklang fand und für das er nach seinem Tode mit einer Straße geehrt wurde.
Bei der Einweihung traf ich Elfriede wieder, unser ehemaliges Pflichtjahrmädchen, das bei unserer Tafelrunde damals das Essen auftrug. Sie lud mich ein zu sich und erzählte mir ihr Leben.
Und die Tasche? eines Tages fing sie an zu zerfallen, die Pappe sah zu meinem Erstaunen unter dem abbröckelnden Lack hervor. Aber untröstlich war ich wohl nicht, sie hatte ihre Dienste getan. Ich wurde nun älter, wir lebten dann in Berlin, und ich werde trotz Kriegszeiten eine andere bekommen haben, vermutlich aus Plastik. Jetzt, Jahrzehnte später, besitze ich unzählige, aus Leder mit Applikationen, in mehreren Farbgebungen und für allerlei Zwecke. Aber solch freudige Überraschung wie beim Empfang meiner ersten, der mit rosa Lack, habe ich bei keiner mehr empfunden.

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