Der Volksfeind
von Jutta Dogan (copyright)
“Vati ist ein Volksfeind”, teilte ich meiner überraschten Mutter am Frühstückstisch mit. Er selbst war schon gegangen, zu seinem Unterricht als Studienrat am Arndtgymnasium in Berlin-Dahlem.
“Wie kommst du denn darauf,” erwiderte sie alarmiert, denn Volksfeinde wurden “abgeholt” und kamen ins KZ. So wie meine Klavierlehrerin,weil sie ihren Schülern Hitlerwitze erzählt hatte.
Meine Mutter wandte ein: “Aber Vati ist doch neulich erst in die Partei eingetreten. “Ja, ich erinnerte mich, als Erzieher der Jugend war er dazu aufgefordert worden, schließlich hatten wir bereits den Winter 1942/43, da mußte man Farbe bekennen. Außerdem konnte er dadurch den Verdacht entkräften, er sei noch immer ein Liberaler wie bis 1933, als alle diese Parteien verboten wurden.
“Nun,”berichtete ich, “heute nacht hörte ich ein Geräusch aus Vatis Arbeitszimmer und stand auf. Ich lugte durch die Schiebetür. Er hatte das Ohr dicht am Radio, aus dem ankündigend eine Trommel schlug und dann unter vielen Nebengeräuschen eine Stimme. Hier sei BBC, und sie brächten jetzt Nachrichten von der Lage an den Fronten. Der Sprecher sagte es auf deutsch. Ich ging dann zurück ins Bett. Es ist doch aber verboten,Feindsender zu hören.”
Meine Mutter antwortete ausweichend.
Als ich mittags aus der Schule kam und nach meinem Vater das Essen bekam, nahm meine Mutter den Faden vom Morgen wieder auf. Ich selbst hatte gar nicht mehr daran gedacht … Also Vati, weißt du, mit dem englischen Sender, der BBC, äh, das war nämlich so: Hm, als Lehrer für Geschichte muß er sich das mal anhören, was die so lügen.Dann kann er es mit der Wahrheit aus unserem Heeresbericht vergleichen: Tja,so ist das.”
Ich hatte gelegentlich flüstern hören, daß sie dort andere Fakten angaben als unsere, ungünstigere. Denn um die Zeit waren unsere Truppen bereits überall im Rückzug begriffen. Der wurde in unserem Deutschlandfunk beschönigend als Frontbegradigung dargestellt und die Verlustzahlen vermindert angegeben, oft erst nach Tagen korrigiert. Die Bevölkerung sollte durch die deprimierende Wahrheit nicht beunruhigt werden, denn in der Heimat stiegen die Belastungen durch heftiger werdende Bombenangriffe ebenfalls. Daher war es bei hohen Strafen verboten, “Feindsender” zu hören.
Ich war erst 11 Jahre alt, bemerkte aber die Verlegenheit meiner Mutter , und sie tat mir fast leid. Mein Vater selbst, der sonst so redegewandte, sprach mit mir nicht über seinen “Verrat am deutschen Volk”, aber ich hörte auch die nächtlichen Geräusche aus dem Radio nie wieder.
Es konnte nämlich damals passieren, daß Kinder ihren Eltern Schaden zufügten,indem sie solche Überschreitungen der Verbote woanders berichteten, sei es aus Naivität oder Bosheit (Rache für Strafen etwa).
Ja so war das damals. Das Traurige ist, dass es leider in viel zu vielen Orten der Erde immer noch so ist.