Der Konfirmationskaffee
von Jutta Dogan (copyright)
Kaffee ist schon mal übertrieben, den gab’s nicht, irgend eine Plurre wohl stattdessen.
Denn meine Konfirmation fand statt im Frühjahr 1946 und dazu noch in Berlin. Was bedeutete, eine unversorgte Großstadt nach dem Krieg.
Zum Konfirmationsunterricht hatten wir den Winter über in Mänteln in der kalten Sakristei der St. Annenkirche in Dahlem gesessen. Zur Feier hatten Verwandte irgendwelche Reste in Schwarz hervorgeholt, so daß Oma daraus ein Kleid für mich zaubern konnte, mit einem Spitzenkragen von Tante Frieda als Krönung. Die Schuhe weiß ich nicht mehr, schwarze nicht, vermutlich die weinroten aus geflicktem Stoff mit drei abgelaufenen Holzleisten als Sohlen, von der letzten Kriegszuteilung.
Zum Nachmittag hatte sich ein kleiner Kreis von Geladenen eingefunden, enge Verwandte. lch sehe uns noch um den ausgezogenen Tisch sitzen, den Direktor Kappus in das halb leere Zimmer gestellt hatte, das er in seiner Dienstvilla nebst einem kleinen als Schlafkammer für uns drei abtreten mußte. Ziemlich dunkel war’s drin trotz des Frühlingstages draußen. Denn die Villa war zwar nicht zerbombt, aber doch angeschlagen, die Fenster zerborsten, die Mauern bröckelnd. Es wurde statt Fenster nur eine Scheibe genehmigt, in die Pappe einzusetzen.
Zwischen zusammengeborgtem Geschirr prangte nun einsam ein kleiner Kuchen, den Oma mitgebracht hatte. Denn in der Ostzone am Rande Berlins, Birkenwerder, wo sie wohnten, gab’s noch eher ein bißchen was. Daß der steinhart war, weil Butter fehlte, störte nicht, er lag mehr symbolisch da. Mutti hatte herausgetüftelt, in wie viele schmale Scheibchen sie den schneiden mußte, damit es für alle reichte. Jeder wußte, man durfte nur einmal zugreifen. Die erste Störung dieser Anordnung trat schon ein, als es unten klingelte und Pfarrer Dreß eintrat, um zu gratulieren. Das ist zwar gut gemeint und üblich, aber hier war er nicht willkommen. Denn man hatte den Eindruck,als wolle er sich bei den zwölf Konfirmanden überall durchessen. Die, die noch Porzellan zum Tauschen hatten, konnten vielleicht auch etwas mehr anbieten. Immerhin ließ er als Geschenk die Bibel da, die ich noch heute habe, mit dem Konfirmationsspruch Joh.l,l: Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Der Pfarrer ging bald wieder. Tante Else hatte auf ihr Stückehen Kuchen für ihn verzichtet. Denn sie arbeitete im Ostsektor als Kohlenschipperin für die Russen, konnte da öfter mal was stibitzen und gegen Essen eintauschen.
Aber der größte Störfaktor war denn doch Onkel Georg, der jüngere Bruder meines Vaters, ein egoistischer Junggeselle. Er kam wie üblich zu spät, griff jedoch hurtig zu seinem Stück Kuchen. So gestärkt, hielt er eine schwungvolle Tischrede. Aber – welche Unverschämtheit! – dann griff er noch mal zu, das letzte Stück! meine Mutter hatte ihres noch drauf gelassen bis dahin. Er schmatzte zufrieden, und – während ihn alle entsetzt anstarrten – brummelte er zu ihr hin:
“Na, freut es dich nicht, wie es mir schmeckt?”
Drucken
[...] zu lesen: Die Beerdigungsbluse Der Konfirmationskaffee Der Volksfeind Das grosse Ereignis Granatsplitter Janz Berlin is eene Wolke Mein erstes selbst [...]