Das große Ereignis
von Jutta Dogan (copyright)
Man sollte, liest man jetzt öfter, den großen Tag einer Frau mehr ins Licht rücken, ihn feiern: „Nun bist du in die Gemeinschaft der Frauen aufgenommen.“ Nein, nicht die Hochzeit ist da gemeint und auch nicht Geburt des ersten Kindes. Es geht vielmehr um Initiationsriten anläßlich der ersten Menstruation eines jungen Mäddchens. Allerlei Vorschläge werden da zur Gestaltung eines kleinen Festes gemacht, Blumenkranz im Haar und dergleichen. Jedesmal, wenn ich so etwas lese, unter der Haube beim Frisör oder im Wartezimmer des Zahnarztes, in den Zeitschriften, die da so ausliegen, dann muss ich höhnisch lachen. Wie war denn das bei mir?
Jedenfalls ferne jeder Bekränzung mit Blumen.
Berlin, Winter 1945: irgendwann. Soeben war ich 14 geworden und hauste mit meinen Eltern in einem Notquartier mit selbst gebautem Öfchen und Pappe vor den Fenstern bis auf eine kleine genehmigte Glasscheibe drin. Der Direktor meines Vaters hatte in seine ausgebombte Dienstvilla sowieso Leute mit Berechtigungsschein aufnehmen müssen, und so gab er uns und seiner Sekretärin mit Schwester jeweils zwei Zimmer im Oberstock. Die Küche unten war zu teilen, was bei nur einem Elektro- und Gaszähler für drei Parteien und dabei ganz knapper Rationierung von Strom und Gas fast nicht zu schaffen war und in anderen Haushalten auch zu quälendem Dauerstreit führte. Aber wir, die wir allesamt etwas weltfremd waren und außer unseren knappen Lebensmittelrationen sowieso nichts extra zu kochen hatten, kamen irgendwie damit zurecht und so miteinander aus. Am Ende des Krieges hatte meine Mutter auf unseren Berechtigungsschein als Ausgebombte noch durch Vermittlung meiner Großmutter Möbel für zwei Zimmer erhalten, bei einem kleinen Fabrikanten im Vorort.
Er wies sie noch darauf hin, daß es seine letzten seien, aber das Holz sei nicht ausgetrocknet. Nach dem Krieg wurde der Vorort zur Ostzone geschlagen, während wir uns in Westberlin bei den nachrückenden Amis befanden. Nur mit Mühe wurde ein Spediteur gefunden, kein Benzin, und schwierig war es, die Erlaubnis zur Überführung der Möbel von einem zum andern Besatzungsgebiet zu bekommen. Noch ehe ich auf Umwegen aus der Evakuierung zurück nach Berlin gelangte, waren die Möbel zwar da, aber das feuchte Holz machte sich bemerkbar. Eines Nachts krachten die Betten mit großem Getöse zusammen, und meine Eltern fanden sich inmitten der Bretter leicht lädiert wieder. Die schwachen Füße der Betten waren weggebrochen. Die Lagerstätten wurden nun auf irgendwelche Ziegelsteine gestützt, die man erst hatte organisieren müssen, wie alles damals. Zeit hatten meine Eltern dazu; denn die Schulen an denen beide beschäftigt waren, hatten ihre Tore, sofern man von solchen bei den angeschlagenen Gebäuden noch sprechen konnte, noch nicht wieder geöffnet . Seit ich wieder aufgetaucht war, im Herbst 45, und da wir im Winter nur ein Zimmerchen notdürftig anheizen konnten, verbrachten wir die Nächte zu drei Personen in den zwei Betten. Das war keine Ausnahme, und der am meisten Herumgeschubste in jeder Familie mußte auf der Ritze schlafen. Dies Los nahm geduldig meine Mutter auf sich, und die Ritze war noch nicht einmal gepolstert, kein Material für sowas mehr übrig. Unsere Kleidung fiel uns sowieso bald vom Leibe, kein Ersatz mehr da.
Vor diesem Hintergrund also fand nun das große Ereignis statt. Es war ein Sonntag Morgen, was noch ein Glück war. So hatte man mehr Zeit, sich des großen Ereignisses anzunehmen, wenn auch ohne Feier und Blumenkranz. Inzwischen hatten die Schulen nämlich ihren Unterricht, wegen der Kälte stundenweise, wieder aufgenommen, und meine Mutter hätte schlecht zu spät kommen und auch noch den Grund dafür als Rechtfertigung nennen können. Mein Vater hatte es da in der Hinsicht bequemer, der war bis 1947 zur Entnazifizierung als Parteigenosse vorn Unterrichten ausgeschlossen, wie fast alle seiner verbliebenen, männlichen Kollegen. Die meisten waren ja aus dem Kriege nicht wieder gekommen. Entsprechend provisorisch fiel unser Unterricht aus in den sonst von Herren erteilten Unterweisungen in Mathe, Physik und Latein.
Meine Mutter erhob sich also als erste, krabbelte von der Bettritze her über mich aus dem Bett, um ins Badezimmer zu gehen, was eine beschönigende Umschreibung ist für ein feuchtes, ungeheiztes Gelaß mit eiskaltem Wasser, das alle drei Familien benutzten. Als sie in dem Gewand wieder eintrat, das einmal ein Nachthemd gewesen war, streckte ich die Beine in die Luft, um mit Schwung ebenfalls das Bett in Richtung des besagten Badezimmers zu verlassen. Aber so weit karn es gar nicht mehr. Das Lumpengewirr, das mir als Nachthemd diente, gab den Blick auf die Beine bis zum Oberschenkel frei. Ich stiess einen gellenden Schrei aus; denn auf der Innenseite eines Schenkels zog sich eine breite, breiige Blutbahn hinunter. Auch meine Mutter, die versucht hatte, den Notofen mit dem wenigen Heizmaterial anzuheizen, hatte sich umgedreht und betrachtete sich das Schauspiel erschrocken. Das beste Bild aber bot mein schon ziemlich angejahrter Vater. Durch meinen Schrei aufgeweckt, war er hochgeschreckt, sah in meine Richtung und hatte in fassungslosem Erstaunen den Mund stumm geöffnet. Er stierte auf das rinnende Blut. (Ganz nebenbei, und von heute her bedacht, muß so etwas für einen Mann, egal wie alt, ein einmaliges Schauspiel gewesen sein. So etwas bekam man ja normalerweise und dazu noch damals, nie zu sehen.) Natürlich wußten wir alle blitzschnell, worum es sich da handelte. Sogar ich; denn meine Mutter hatte mich vor dem Eintritt in das Internat in Sachsen 1944 „aufgeklärt“, was in einiger Verlegenheit und nur die Blutung erwähnend, geschehen war; sonstige Zusammenhänge überließen Eltern damals dem Zufall, Schulfreundinnen oder dem späteren Leben selbst. Da meine Mutter nicht gewußt hatte, wann im Leben ihrer damals 12- jährigen Tochter dieses Ereignis eintreten würde, hatte sie mich auf alle Fälle schon mal darauf vorbereitet, auch, daß diese umständliche Situation von da an alle 4 Wochen zu erwarten sei.
Und das war es auch, was uns alle drei, zumindest meine Mutter und mich, so in Bestürzung versetzte: Woher nur sollten wir denn in dieser Nottlage, speziell im Nachkriegsberlin, wenige Monate nach dem Krieg und ohne eigentlichen Haushalt, das mötige Material zur Bewältigung dieser lästigen Angelegenueit bekommen? Die Mittel, die es heute dafür gibt und bis kurz vor Kriegsende wohl auch gegeben hatte, waren nicht mehr zu erhalten. Auch wenn man irgendwelche Stoff-Fetzen auftrieb oder irgendwo bei nicht ausgebombten zusammenbettelte, so gab es ohne Waschmittel und heißes Wasser nur schwer Möglichkeiten, diese wieder aufzubereiten.
Daher bedeutete es etwa zwei Jahre lang jeden Monat neue Bedrückung mit der ungewünschten Lage fertig zu werden, von den Schmerzen an zwei Tagen mal ganz abgesehen. Ich mußte neulich lächeln, beim Lesen des bekannt gewordenen und auch verfilmten Buches „Der Engel an meiner Seite“ einer jungen Frau aus Neuseeland. Die beschrieb ähnliche Qualen, aber dort aus Armut, die es zu verbergen galt. Bei viel zu engen Kleidern musste sie stets zu verhindern suchen, daß man etwas von dem dickeren „Darunter” sah oder gar roch.
Auch hier die Erkenntnis, daß es nicht das große Weltgeschehen ist, das unse Bef’inden bestimmt, sondern vielmehr die kleinen Kümmernisse, wenn sie auch allerdings in diesem Falle von einem Weltgeschehen ausgelöst worden waren, nämlich dem total verlorenen Krieg. Man sprach vom Zusammenbruch, und der trat besonders in den Großstädten, kraß zutage: Die Bahn fuhr nicht mehr, Gleise zerstört, die Post arbeitete nicht. Nahrung konnte nicht hergestellt und befördert werden, die Geschäfte waren leer, Ämter hatten geschlossen, und dies alles für Monate und teilweise noch länger.
Selbst eine Regierung war nicht mehr vorhanden, das erledigten die Besatzungsmächte. Erst nach einigen Jahren hatte sich die lage wieder normalisiert.
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