Die Maus im Haus vom Nikolaus

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

Dass Nikolaus der Bischof von Myra war, weiß ja jedes Kind. Selbst dass Myra am Mittelmeer liegt, und zwar in einem Land, das heute Türkei heißt, hat sich herumgesprochen. Und jedem scheint klar zu sein, dass Nikolaus auch ein Haus besaß, das er mit seiner Frau und einer Handvoll Kindern bewohnte. Stimmt was nicht? Ach, Bischöfe haben keine Kinder? In der Spätantike und im frühen Mittelalter durften Bischöfe noch heiraten und Kinder haben. Warum das jetzt nicht mehr so ist? Wer das wüsste! Vielleicht, weil Kindererziehung anstrengt und Frauen so viel reden. Aber das kann es eigentlich nicht sein, denn Männer quatschen auch den ganzen Tag in ihr Scheiß-Handy (Entschuldigung). Also, wir wissen es nicht. Deshalb schick eine Mail an irgendeinen Bischof, zum Beispiel an den Bischof von Wuppertal-Vohwinkel, und schreib ihm, ich hätte gesagt, der Bischof von Myra sei verheiratet gewesen, und frag ihn, warum er nicht heiratet. Zugegeben, das ist eine aufdringliche Frage, die man vielleicht nicht stellen sollte. Allerdings glaube ich, dass Bischöfe heutzutage prinzipiell nicht heiraten. Und das Prinzipielle ist öffentlich. Also frag ruhig! Schreib: Exzellenz! So wird nämlich ein Bischof oder Weihbischof angesprochen. Kennst du übrigens den Witz vom Weiberzoff? Ach, der ist zu albern. Also guut!

Elisabeth kommt von der Schule nach Hause und berichtet, die Reli-Lehrerin habe vom Weiberzoff im Frauenklo gesprochen. Elisabeths Mutter ans Telefon und die Rektorin angerufen! „Geben neuerdings die Grünen und die Linke den Religionsunterricht an Ihrer Anstalt oder ist das noch die Katholische Grundschule, was?“ Die Rektorin giftet zurück: „Ja, das ist immer noch die KGS, obwohl 60 Prozent der Kinder mohammedanisch sind, aber die restlichen 39 Prozent sind dafür doppelt so gut katholisch!“ Später stellt sich heraus, dass die Ordensschwester erzählt hat, es sei der Weihbischof im Frauenkloster gewesen (um die neue Wetterfahne einzusegnen). Das fehlende eine Prozent? Das sind drei Kinder: ein Jude aus Frankfurt, ein Animist aus Kenia und ein Atheist aus dem Rhein-Sieg-Kreis. Wenn drei Kinder ein Prozent ergeben, wie viele Kinder sind in der Schule? Na? Na? 300. Genau! Protestanten? Nein, Protestanten gibt es an der KGS nicht, abgesehen vom Hausmeister, der ist Protestant. Der soll einmal gegen Niedriglöhne protestiert haben.

Wo sind wir stehengeblieben? Bei dem Brief. Also du schreibst den Brief und fragst, warum Bischöfe nicht heiraten dürfen. Früher jedenfalls durften sie es, und in Zukunft werden sie es auch wieder dürfen, da bin ich mir sicher. Nikolaus, der Bischof von Myra, hatte geheiratet und bewohnte mit seiner Familie ein Haus, zwar keine Villa, auch kein Palais wie unverheiratete Bischöfe, aber immerhin ein zweistöckiges Gebäude auf einem Speditionshof. Denn Nikolaus war auch ein Spediteur, also jemand, der heute Trucks, Waggons oder Container-Schiffe besäße oder mieten würde, um Waren zu transportieren, die sich bekanntlich, trotz ebay, noch nicht durch das Internet verschicken lassen. Eines Tages (wenn Bischöfe wieder heiraten dürfen) wird man auch das können, dann aber braucht der Spediteur einen „Beamer“ und einen verdammt guten Ingenieur wie Scotty von der ´Enterprise´, der einen solchen Beamer bedienen kann. Dass Nikolaus auch Spediteur war, wissen wir spätestens seit dem weltberühmten Roman ´Nikolaus, der Mann aus Myra´ des allseits bekannten Schriftstellers – jetzt fällt mir der Name nicht ein.

Was ist denn nun mit der Maus in der Überschrift?! Von der war nämlich noch gar nicht die Rede, obwohl es niemanden überraschen sollte, dass auf einem spätantiken Speditionshof mit seinen Kamelen und Mulis auch Mäuse lebten. Wo Futter angeboten wird, da sind Mäuse, kein Wunder. Das ist das Stichwort! Wunder. Gibt es die überhaupt? Der Frage nähern wir uns ganz behutsam. Am besten, ich fange mit den Kornspeichern an, die ein römischer Kaiser in Myra hatte bauen lassen, um einer Hungersnot vorzubeugen oder seine Soldaten zu versorgen, wenn die Infanterie durch Myra marschierte, die Kavallerie durch die Stadt geritten kam oder die Marines im Hafen anlegten.

Damit die Mäuse nicht das Korn fräßen, musste der Stadtrat von Myra Vorkehrungen treffen, die es den Nagern erschwerten, in die Speicher einzudringen. Vielleicht standen die Kornspeicher auf Stelzen mitten im Wasser, in einem Teich, den auch die Feuerwehr benutzte. Eine Maus hätte also zu den Stelzen schwimmen und daran hochkraxeln müssen. Damit ihr das nicht gelänge, hatten die Kornspeicher-Zimmerleute tellerförmige Steine zwischendurch angebracht, so konnten die Mäuse nicht weiter klettern, es sei denn, sie hätten sich angeseilt und wären wie Bergsteiger an dem Überhang entlang gehangelt. Es kann sein, dass Mäuse, die in der Schweiz geboren wurden, zum Beispiel in St. Niklaus im Oberwallis, solche Fähigkeiten besitzen. Aber am Mittelmeer? Da können die Mäuse windsurfen oder segeln, aber das Alpine beherrschen sie nicht. Trotzdem, um ihnen auch noch die letzte Chance zu rauben, hatte die Stadtverwaltung von Myra ein Übriges getan und Katzen angestellt, deren Aufgabe es war, Tag und Nacht, meistens nachts, rund um das Wasser zu tigern und den Mäusen Angst einzujagen.

Fassen wir zusammen: Eine tapfere Maus hätte sich an den Katzen vorbeischmuggeln, über den Teich schwimmen, an den Stelzen und um die Teller-Steine herum klettern müssen, damit sie ins Paradies käme. Dort wäre sie, wenn alles geklappt hätte, Zeit ihres Lebens geblieben und selig gestorben (denn eine so riskante Reise macht man nur einmal). Das war den myraner Mäusen natürlich bekannt. So etwas sprach sich herum. Keine wollte sich mit einer Katze anlegen oder einen breiten Teich überqueren. Um also an das begehrte Korn zu kommen, hatten sich die cleveren Mäuse etwas anderes ausgedacht. Sie versammelten sich im Hafen und schauten nach Schiffen aus, die Getreide bunkerten oder löschten. Wenn sie ein solches Schiff gefunden hatten, liefen sie über die Festmacher (das sind Trossen, mit denen man Schiffe an der Pier festmacht) bis zu einer offenen Verladeluke. Dort fanden sie dann, wenn sie Glück hatten, was sie suchten und wurden auf diese Weise zu Schiffsmäusen.

In Hungerszeiten sah es auch für die Mäuse schlecht aus. Da war Schmalhans Küchenmeister, und die Mäuse mussten ihren Gürtel enger schnallen. Es hätte sich auch kaum gelohnt, an den Katzen vorbei zu einem Speicher zu schwimmen. Just in einer solchen Hungersnot hatte Nikolaus, um hungernden Menschen zu helfen, bei dem Reeder Anarchos ein ausgemustertes Schiff geliehen, das für den Überseehandel zwar ungeeignet, aber für den Küstenverkehr noch tauglich war. Mit Spendengeldern konnte er Weizen billig einkaufen, denn die Bauern wollten sich von den Preisdrückern der Armee, die Getreide requirierten, nicht übers Ohr hauen lassen. So wurde das Schiffchen von Nikolaus voll. Die Mäuse hatten aufgepasst. Einigen von ihnen gelang es nämlich, an Bord zu klettern und zusammen mit dem Bischof in See zu stechen.

Unter den Mäusen war eine, die hieß Mus Domesticus. Das ist ungefähr so, als würde ich jemanden mit Dr. Homo Sapiens ansprechen, womit ich nicht mehr gesagt hätte, als dass der Herr Doktor ein weiser Mensch ist. Mus (wir nennen den Mäusemann beim Vornamen) spazierte oder lief, je nachdem, wie es ihm zumute war, auf dem Deck hin und her, denn er war eine kecke Maus, aber die Geschichte, dass er Seeräuber vertrieben haben soll, ist eindeutig gelogen.

Als Seeräuber das Schiff geentert hatten und die Besatzung der ´Mondstraße´ (so der Name des Schiffes von Nikolaus) herumkommandierten und ihnen befahlen, sie sollten alles herausrücken, was ihnen lieb und wert sei, da rannte Mus von der Ladeluke zum Hauptmast und kletterte einem Seeräuber, der zufällig dort stand, an seinem linken Bein hoch (oder an seinem rechten). Der schrie wie jemand, der Angst hat, dadurch erschraken die anderen Männer und auch Mus. Er fiel auf die Planken und lief über Deck, erst in die eine, dann in die andere Richtung. Die Piraten gerieten in Panik, sprangen über die Reling und schwammen zu ihrem Piratenschiff zurück. Aber wie gesagt: schlecht gelogen. Man kann über Seeräuber vieles sagen, auch was sie nicht gerne hören, aber so feige sind sie nun auch wieder nicht. Obwohl: gehört viel Mut dazu, beispielsweise ein Kreuzfahrtschiff zu überfallen? Sprich in der AG mit deinem Lehrer darüber, wie man am besten ein Kreuzfahrtschiff kapert! Es würde sich lohnen, denn die Passagiere sind keine Hartz-IV-Empfänger. Darauf möchte ich eine Wette abschließen.

Worauf ich hinaus will, ist Folgendes: Das Schiff des Spediteurs und Bischofs Nikolaus brachte Getreide von Myra in das Erdbebengebiet von Kilikien, wo Wohnungsnot herrschte und der Hunger ausgebrochen war. Dass Nikolaus überhaupt hatte Weizen kaufen und die ´Mondstraße´ damit hatte füllen können und dass er damit ungeschoren über das Mittelmeer gesegelt war, das nennt man das Weizenwunder, denn dieses Unternehmen wurde nicht nur durch Glück begünstigt, sondern vor allem durch die Mildtätigkeit der Spender und durch die Tatkraft des Bischofs und seiner Leute. Woraus man lernt, dass einem Wunder nicht in den Schoß fallen. Sie sind nicht das Resultat von Hokuspokus, Räucherstäbchen und Weihrauch, auch nicht von Gebeten allein. Es heißt nämlich: Hilf dir selbst, so hilft dir Gott. Anders ausgedrückt: Wer eine Prüfung schwänzt, wird keine Prüfung bestehen. Das könnte selbst der liebe Gott nicht bewerkstelligen, denn auch er ist nicht allmächtig. Soviel zu Wundern im Allgemeinen, und jetzt zurück zur Maus.

Mus ist nicht in Kilikien geblieben, obwohl er dort nach der Weizenlieferung satt geworden wäre, nein, er hatte sich auf der ´Mondstraße´ einen Vorrat angelegt und ist auf das Schiff zurückgekehrt, aus keinem anderen Grund als wegen der blinden Schiffskatze namens Felicitas, mit der er sich angefreundet hatte. Es gibt nämlich eine alte Regel auf Schiffen, eine Regel, die sich bis in die Gegenwart erhalten hat: Sehende Katzen jagen Mäuse, egal, ob diese jung oder alt, fromm oder frech sind, hingegen blinde Katzen brauchen keine Mäuse zu jagen. Das Besondere an Felicitas war, dass sie nie seekrank wurde, wie sonst die Katzen. Wenn der Wind pfiff und die Wellen mit dem Schiff kegelten, fühlte sie sich wohl, sie lag im Achterhäuschen und schnurrte. Nur dem Mus wurde dann blümerant (und auch der Nikolaus hatte schon einmal über die Reling gekotzt).

Als Nikolaus mit dem leeren Weizenschiff wieder in Myra anlegte, klemmte er sich die blinde Katze unter den Arm. Er stolperte, weil er Mus, der bei Felicitas lag, nicht tot treten wollte, und fiel hin. Da saß er auf den Planken, die Katze im Arm, rieb sich den Hintern und blickte in die Knopfaugen von Mus Domesticus, der nicht wusste, soll ich lachen oder weinen, soll ich fliehen und Felicitas im Stich lassen oder bleiben, damit mich der ungeschickte Mann womöglich noch totschlägt! Während Mus darüber nachdachte und mit einer für ihn günstigen Entscheidung rang, packte ihn der Nikolaus am Schlafittchen und steckte ihn in seinen Brotbeutel, den er am Gürtel trug. Dann rappelte sich der Bischof auf, ging zum Hafenamt, checkte ein und machte sich auf den Weg nach Hause zu seiner Frau und den Kindern. Die blinde Katze hockte ihm auf der Schulter, die Maus horchte im Brotbeutel nach Geräuschen, die ihr vielleicht verrieten, wohin die Reise ging. Zur Spedition. Dort angekommen, sagte Nikolaus zu den Kindern: „Ich habe euch ein Geschenk mitgebracht.“ Er entließ Mus aus seinem Gefängnis und die Kinder schrien: „Eine Maus, eine zahme Maus, das ist ein wunderbares Geschenk, darauf haben wir gewartet.“ Und Zenia, die Frau vom Nikolaus, bestätigte das: „Darauf habe ich gerade noch gewartet!“

Dein Einwand, ich hätte die Geschichte, wenn sie denn überhaupt eine ist, ebenso gut ´die Katze im Haus vom Nikolaus´ nennen können, ist so falsch nicht, aber ´die Maus im Haus vom Nikolaus´ klingt verrückter und trifft auch des Pudels Kern, weil in dieser Geschichte (wenn sie denn eine ist) mehr von Mäusen als von Katzen gesprochen wird.

Du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen Trackbackauf Deiner Seite einrichten. Drucken Drucken


3 Kommentar(e) zu “Die Maus im Haus vom Nikolaus”

  1. 29.November 2008 | 17:42

    Schöne und nachdenkliche Geschichte wenn es eine ist!

  2. J.F.
    2.Dezember 2008 | 21:58

    Ich weiss nicht, ob der Autor seine Geschichte einmal selbst gelesen hat. Für einen philosophisch, geschichtlich und sprachlich interessierten Menschen schmerzhaft.
    Die heutige, jüngere Generation (studierende eigene Kinder) würde dieses wortwörtlich als (entschuldigen Sie bitte diese Ausdrucksweise) als “bullshit” bezeichnen.
    Traurig, so etwas zu publizieren.

  3. Jürgen Jesinghaus
    4.Dezember 2008 | 20:51

    An J.F.: Würde es Ihnen viel Mühe bereiten, Ihr Pauschal-Urteil zu konkretisieren? Die Leser wüssten gerne, wo in dieser Kindergeschichte die philosophischen, geschichtlichen und sprachlichen Belange zu kurz kommen. Ich möchte nichts weniger, als philosophisch, geschichtlich und sprachlich interessierten Kindern Schmerzen zu bereiten. Mir ist besonders an Ihrem Urteil über die sprachliche Qualität gelegen, da doch Ihre studierenden eigenen Kinder so feine Wörter wie “bullshit” im Instrumentenkasten ihrer Ausdrucksmöglichkeiten bereit halten, um sich philosophisch, geschichtlich und sprachlich korrekt äußern zu können, damit es niemandem mehr weh zu tun braucht.

Geben Sie Ihre Meinung ab ...