Ich küsse die Kammerzofe der japanischen Kaiserin

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

Als Josef Jakuwitsch aufwachte, standen ihm die Bilder seines Traums deutlich vor Augen. Er fragte sich nach drei Sekunden noch, ob er schon in der Wirklichkeit lebe oder nicht. Ihm hatte geträumt, dass er an einem Sonntagmorgen (Glocken läuten) durch eine leere Stadt wandert – Berlin. Nichts erinnert ihn an Berlin, aber der Traum belehrt ihn: du bist in Berlin. Josef betritt einen Platz. Er sieht, wie sich eine Bronzestatue auf ihrem Sockel bewegt. Sie schaut nach unten auf die Stulpenstiefel, dann zur Seite, um den Degen zu prüfen. Josef geht weiter und erreicht eine überdachte Bushaltestelle. An den gläsernen Seitenwänden fällt ihm auf, was er beim letzten Mal, als er hier vorbeigekommen ist, noch nicht gesehen hat: Graffiti, allerdings kärgliche, keine, die er fotografieren möchte. Als er in eine Seitenstraße einbiegt, bemerkt er das Graffito an einem Haus zwischen zwei Fenstern: eine Frau im rotem Kleid. Ihr Gesicht und ihre Schuhe sind schwarz, die Haare kupferrot, Arme und Beine gelb, Kopf nach unten, Beine nach oben, als stürzte sie aus einem Fenster des zweiten Stocks (nur dass entlang der gedachten Fall-Linie kein Fenster existiert). Jakuwitsch will das Bild fotografieren, aber eine Frau lehnt sich aus dem linken Fenster und schneidet mit ihren Händen durch die Luft. Sie will nicht, dass er Aufnahmen macht und ruft: „Josef, hilf mir!“ Da taucht ein Mann im Hintergrund der Straße auf. Jakuwitsch verzichtet auf das Foto und wendet sich gegen den Mann, der seinen Namen trägt und bedrohlich auf ihn zukommt – bedrohlich, aber auch ängstlich.

Schnitt, Szenenwechsel. Ein Traum folgt den Gesetzen der Filmregie: Nahaufnahme, Totale, Schwenks, Schnitte, Infos aus dem Off. Jakuwitsch ist eine lange Freitreppe hinaufgestiegen, eine Jakobsleiter am Kreuzberg oder an der Rixdorfer Höhe, jedenfalls eine Treppe in Verlängerung der Straße, auf der ihm der bedrohliche und ängstliche Mann begegnet ist. Die Jakobstreppe und die Ortsangaben dienten Josef nur als Ergänzung seiner Traumbilder, im Wachzustand erfunden, um dem Traum ein logisches Gerüst zu geben, damit er ihn besser behalten und flüssig erzählen könnte. Aber ganz und gar dem Traume zugehörig war dieses: Josef Jakuwitsch dreht sich um, er streckt eine Digitalkamera in Armeslänge von sich und sieht im Sucher das Gesicht einer rothaarigen Frau vor einem leeren Himmel. Sie will eine Hand vor das Gesicht reißen.

Jakuwitsch entschied sich, etwas zu unternehmen, was (wie er später sagen würde) den Anstoss gab, einen Psychiater zu konsultieren. Er ging in die Küche, nicht gewaschen, ungekämmt, die Zähne nicht gebürstet, so wie er sich selbst nicht ausstehen könnte. An einer Ecke des Küchentischs lag seine Digitalkamera. Er holte den Speicherchip heraus, hastete in sein Arbeitszimmer, bootete den PC und unternahm alles Nötige, um die einzige Bilddatei des Chips auf die Festplatte zu kopieren und über den Bildschirm auszugeben: Das Gesicht einer rothaarigen Frau vor einem leeren Himmel, sie will eine Hand vor das Gesicht reißen. Jakuwitsch erschrak. Er blieb eine geschlagene Minute vor dem Bildschirm sitzen und betrachtete das Foto einer fremden Frau mit kupferroten Haaren, die versucht, ihre Hand vor das Gesicht zu schlagen. Endlich erhob sich Jakuwitsch, griff nach dem Chip, ging schlafwandlerisch durch den Flur in die Küche, drückte die Speicherkarte zurück in die Kamera und spürte dem Gefühl nach, wie sie einrastete, als wäre damit etwas erklärt, als müsste sich jetzt offenbaren, was es bedeutet, ein Traumbild in der Digitalkamera abgespeichert zu haben! Aber nichts erschloss sich ihm.

Er stellte sich unter die Dusche und dachte über Träume nach, darüber, dass man in Träumen fliegen kann, dass sich Statuen bewegen, über alles, was Träume von der Wirklichkeit unterscheidet, ihre Ambivalenz, auch das der Traumwelt eigene Déjà-vu, als hätte man Menschen und Gegenden schon einmal gesehen, wie Josef die Bushaltestelle, die es in Wirklichkeit nicht gibt. Um sich von dem entsetzlichen Gefühl abzulenken, dass ein Traumbild in seine Digitalkamera kopiert worden sein sollte, nein, kopiert worden war, philosophierte er über den Begriff der Wirklichkeit. Vielleicht fände er in seinen Gedanken eine Lösung des Unheimlichen, hoffentlich Erklärlichen, vielleicht würde er bald darüber lachen und sich an den Kopf schlagen über soviel Unverstand, dass er nicht sofort auf die einzig plausible Lösung gestoßen war! Ist ein Traum nicht auch wirklich? Ist er denn kein Zustand meines Gehirns, einer stofflichen Masse, kein Neuronen-Engramm? Wenn man alle Potenzialunterschiede, alle chemischen Zustände und ihr Zusammenspiel grafisch darstellte, was theoretisch möglich ist, ergäbe sich dann kein Bild meines Traums? Wäre es nicht so real wie das auf einem Chip, das auch nichts anderes ist als ein System chemo-physikalischer Zustände, die sich dem Auge über komplizierte Prozesse als das Erlebnis präsentieren, das mich so beunruhigt?

Josef Jakuwitsch hielt nach dem Ledersofa Ausschau und fühlte sich erleichtert, dass in der Praxis von Dr. Eigenbrod keines stand. Deshalb glaubte er, sein Fall sei besonders gelagert und er kein richtiger Patient, sondern ein Gesprächspartner und mehr als das, der Urheber neuer Überlegungen, der Begründer einer revolutionären Theorie über die Psyche des Menschen hinsichtlich der Interaktion von Geist und Materie. Der Psychiater, der ihm den Rücken zukehrte und aus dem Fenster schaute, kannte nun den Traum, nachdem Jakuwitsch ihn zweimal so genau wie möglich geschildert hatte, einschließlich der Behauptung, er sei am Kreuzberg oder an der Rixdorfer Höhe eine Treppe hinaufgestiegen. Eigenbrod warb um Vertrauen, um Partnerschaft, indem er, gegen die Scheiben gerichtet, damit begann, von sich selbst zu erzählen.

„Über Träume, lieber Jakuwitsch, ist das Letzte noch nicht gesprochen worden. Ihr Fall beweist es. Als ich einmal aufwachte, war mir ein Sachverhalt unverrückbar hier oben eingebrannt: Mein Kollege leidet an Krebs. Habe ich das geträumt?“ Eigenbrod wandte sich vom Fenster ab, tat drei Schritte auf einen Sessel zu und ließ sich hineinfallen. „Normalerweise weiß man nach wenigen Sekunden, ob man etwas geträumt hat oder nicht. Nehmen Sie beispielsweise ein erotisches Verhältnis zu einer Traumfrau. Sie wachen auf: habe ich oder habe ich nicht? Nach wenigen Augenblicken wissen Sie, nein, Sie haben nicht, es wäre zu schön gewesen, aber Sie haben nicht wirklich ihre Brust gestreichelt, ihre Beine – und so weiter. Im Fall meines Kollegen allerdings konnte ich mich nicht entscheiden, ob ich seine Krankheit vor dem Urlaub, ich befand mich damals auf einer Kreuzfahrt durch die Karibik, von einem anderen Kollegen erfahren oder sie nur selbst geträumt hatte. Ich war dazu nicht in der Lage, Jakuwitsch, 14 Tage lang nicht! Diese Unfähigkeit, zwischen Traum und Realität zu unterscheiden, ist das nun der Beginn einer Geisteskrankheit?“ Dr. Eigenbrod hielt inne, um Jakuwitsch zu beobachten, und lächelte feinsinnig. „Sie haben sich wahrscheinlich auch schon gefragt, mein Lieber, ob Sie nicht verrückt geworden sind, ob das, was Sie mir vorhin geschildert haben, nicht das Zeichen einer ausgewachsenen Geisteskrankheit ist. Keine Sorge! Hören Sie, wie es mir weiter erging. Ich kehrte zurück und erkundigte mich in der Klinik, meiner damaligen Arbeitsstelle, ob der besagte Kollege über einen Mangel an Wohlbefinden geklagt habe. Nein. Ich fragte den Kollegen selbst, wie es ihm gehe. Den Umständen entsprechend, versetzte er. Was soll das heißen, den Umständen entsprechend? Meine Frau ist mir weggelaufen, sie lebt mit einem anderen Kerl in den neuen Bundesländern. Gott sei Dank, sagte ich. Soll ich Gott dafür danken, dass meine Frau abhanden gekommen ist? fragte er. Und ich : Gottlob sind Sie gesund, das ist die Hauptsache, in unserem Alter muss man vorsichtig sein: Lunge, Darm, Prostata. Da hatte ich meine Bestätigung, die Krankheit war nur geträumt. Aber ein halbes Jahr danach, nur ein halbes Jahr später, da hieß es, der Kollege hat Krebs. Die Lunge. Was sollen wir nun davon halten? Das ist die Materialisation eines Traumes! Hier oben entsteht ein Bild und da draußen macht es sich selbstständig.“
„Dr. Eigenbrod, Sie dürfen es für Zufall halten, dass sich Ihr Traum bewahrheitet hat. Sie können auch behaupten, es sei Ihre Erwartung gewesen, weil Ihr Kollege vielleicht ein starker Raucher ist“
„… war“
„… oder weil er bei einem bestimmten Lichteinfall krank, todkrank ausgesehen hat, aber wie wollen Sie meinen Fall erklären? Ich träume von einer fremden Frau, ich sehe im Traum ihr Bild, und dann finde ich dasselbe Bild wieder in meiner Digitalkamera. Sie müssen zugeben, dass dieser Fall anders gelagert ist als der, den Sie mir freundlicherweise anvertraut haben!“
„Ich kenne einen Professor in Japan, Sabuto Kanagawa von der Universität Tokio, dem soll es gelungen sein, Träume seiner Probanden auf dem Bildschirm sichtbar zu machen, mit vielen Elektroden, verstehen Sie. Wenn man etwas auf dem Bildschirm zeigt, lässt es sich auch speichern, z.B. auf einem Chip wie bei Ihnen. Sie müssen sich materialisierte Traumbilder so vorstellen wie die allerersten Fernsehbilder mit dem elektrischen Teleskopen des Erfinders Paul Nipkow, nämlich als ein Gewaber aus Licht und Schatten. Das erste exogene Traumbild Professor Kanagawas, entstanden bei einem Selbstversuch, zeigt zwei Gestalten, die sich küssen, besser gesagt: zwei Kleckse, die sich zu küssen scheinen. Vor Freude über seine Erfindung hat er in einem Vortrag auf einem internationalen Kongress in Kyoto gestanden, diese Materialisation seines Traums gebe wieder, wie er die Kammerzofe der japanischen Kaiserin küsst. Da man in Japan prinzipiell nicht über das Kaiserpaar berichtet, jedenfalls keine kleinlichen, despektierlich wirkenden Begebenheiten, wurde der Vortrag nicht veröffentlicht, ist daher nicht in ´Nature´ erschienen und deshalb der Weltöffentlichkeit und auch Ihnen nicht bekannt geworden.“
„Woher wissen denn Sie davon?“
„Ich war bei dem Vortrag zugegen, ich weiß es gewissermaßen aus erster Hand. Sagen Sie, ist Ihre Digitalkamera ein japanisches Fabrikat?“
„Aber ja! Meinen Sie, das hätte etwas zu …?“
„Es war nur so eine Idee. Ich bitte Sie, mir Ihren Chip zu überlassen. Ich möchte mich in das Bild vertiefen, vielleicht fällt mir noch eine Lösung ein, und gestatten Sie mir, dass ich mich über diesen hoch interessanten Fall mit meinen Kollegen austausche.“

Drei Tage später erschien das Bild einer rothaarigen Frau, die dabei ist, ihre Hand vor das Gesicht zu schlagen, gestochen scharf auf dem Plasmaschirm des Fernsehgerätes (eines nebenbei bemerkt japanischen Fabrikats), das Josef Jakuwitsch vor drei Wochen gekauft hatte. Die Nachrichten-Sprecherin sagte: „Die Leiche dieser Frau wurde, wie erst heute bekannt geworden, hinter einem Gebüsch am Flakturm Humboldthain entdeckt.“ Jakuwitsch sprang auf. Im selben Augenblick schellte es. Er riss den Kopf herum, zögerte nicht und eilte zur Haustür, er öffnet, davor zwei Zivilisten und hinter ihnen, im Blaulicht eines Mannschaftswagens, drei uniformierte Beamte.
„Sind Sie Herr Josef Jakuwitsch? Dürfen wir eintreten?“
Zwei Fragen, die keiner Antwort bedurften. Die Zivilisten betraten die Wohnung und warteten stehend, bis Jakuwitsch ihnen einen Platz angeboten hatte.
„Die Zusammenarbeit zwischen unserer Pressestelle und der Mordkommission funktioniert nicht immer so, wie es sein sollte. Aber wir haben ja Glück gehabt und Sie noch zu Hause angetroffen. Wir würden Sie gerne als einen Hauptzeugen befragen.“
Jakuwitsch war begierig zu erfahren, wie sein Traumbild in Millionen Haushalte ausgestrahlt werden konnte!

„Ein Psychiater der Bonhoeffer-Nervenklinik hat uns das digitalisierte Foto zugeschickt und uns gebeten, es mit unserer Vermissten-Datei abzugleichen. Und er hat auch eine Erläuterung beigefügt. Seine grob umrissene Theorie lautet: Sie, Herr Jakuwitsch, hätten VOR Ihrem Traum das Bild aufgenommen, seien dann Zeuge eines schockierenden Vorfalls geworden, der bei Ihnen eine Amnesie ausgelöst haben soll. Ihr Erinnerungsvermögen sei in einer Zeitspanne, die wir noch nicht überblicken, peu à peu zurückgekehrt und habe sich zunächst in Traumbildern manifestiert. Deshalb müssen wir Sie bitten, uns Ihren Traum in allen Einzelheiten vorzutragen, morgen 9 Uhr, Polizeipräsidium Tempelhof. Am besten wäre es, wenn Sie ihn heute abend aufschrieben und wir dann morgen darüber sprechen könnten. Lassen Sie nichts aus, fügen Sie nichts hinzu!“
„Herr Dr. Eigenbrod durfte Ihnen diese Datei gar nicht übermitteln. Ist er nicht an seine Schweigepflicht gebunden?“
„Von ihm haben wir gar nichts, sondern, wie ich bereits erwähnte, von einem Kliniker aus Reinickendorf, der die Datei allerdings von Dr. Eigenboot oder -rot erhalten haben will und zwar im Zusammenhang mit einer rein wissenschaftlichen Fragestellung. Herr Dr. Eigen-äh war nur so freundlich, uns Ihre Adresse zu nennen, weil wir gemeint hatten, Sie könnten uns in einer wichtigen Angelegenheit weiterhelfen. Wir möchten gerne alle Fotos in eventuellen Schuhkartons und alle Ihre Bilddateien auf dem Computer sichten. Die Beamten draußen werden nun das gesamte Material mitnehmen. Verlassen Sie bis auf weiteres die Stadt nicht!“

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