Die schwarze Katze

von Eduard Breimann “Die schwarze Katze”, acht Erzählungen

Im Covertext heisst es:
Eduard Breimann erzählt uns von Mördern, Asylanten, Scheinheiligen und Folterern, aber auch von alltäglichen Beziehungen, alten und jungen Menschen, wie du und ich, immer mit einem Realismus der unter die Haut geht.
Diese beste Gegenwartsliteratur spiegelt die Welt in der wir heute leben schattenlos wieder und nimmt uns mit rührender, intensiver Wehmut gefangen.

Leseprobe aus B-Zelle:
Dat Auge da oben in der Ecke. Scheiße! Da sitzt einer im Aquarium und guckt mir dat Fell weg. Mann, Paul – denk nich’ dran; nich’ hingucken – tu so, als wär’s nich’ da. Dat Scheißding kann mich mal … Et glotzt! Et hört nich’ auf, mich anzustieren; diese glitzernde Scheibe – verdammt; ich mach’ einfach die Augen zu.

Die meinen wohl, sie könnten mich platt machen? Nee, nich’ den Paul. Den nich’. Da habt ihr euch verdammt vertan, dat is’ man sicher. Stemm’ meine hundertzehn Kilo gegen euch Hanswürste. Könnt mich ruhig piesacken – mir macht dat nix. Paul is’ härter als ihr alle zusammen. Diamanthart, sagen meine Kumpel. Also, schau’n wir mal, wer den längeren Atem hat.

Et glotzt und glotzt. Wat soll dat eigentlich? Die seh’n doch immer dat selbe Bild; kann ja hier keine Zirkusvorstellung abgeben. Paff! Ich schieß euch ins Auge, ihr Spanner. Da sitzen die in ihrem Aquarium, saufen Kaffee und lachen sich ‘nen Ast über den nackten Knacki.
Die Lampen sind irre hell. Die links, die knackt wie’n Pistolenschuss – so laut. Oder hört dat sich in der kleinen Zelle nur so an? – Kann auch sein. Egal. Is’ ja völlig leer die Zelle – darum. Alle zehn Sekunden knackt die.
Können alles sehen, diese Spanner, diese grünen Spanner. Ob wohl Weiber dabei sind? Bestimmt kommen die Wachteln alle Stunde und beglotzen mich. Oh, verdammte Scheiße! Ich lieg hier in der Papierunterhose, hab’ sonst nix an. çKahle Brust mit Fliege‘ haben wir früher immer gesagt. Soll’n sie glotzen. Macht mir nix.

Bin doch tatsächlich eingepennt; hätte ich nie für möglich gehalten bei der harten Unterlage. Scheiße! Wie lange hab ich gepennt?
Et glotzt und glotzt. Ich streck denen gleich die Zunge raus. Würd’ den Spannern ja gern’ den Vogel zeigen.
Blöde Lampe – knackt immer noch. Hört die nie auf? Macht mich wahnsinnig, dat Scheißding.
Mensch, ob’s schon Nacht is’? Neonröhren, kein Fenster. Wie in einem Bunker. Ha! B-Zelle heißt dat nich’ umsonst – Bunker-Zelle. Harald, dieser abgebrochene Daktari sagt ja immer, dat hätt’ wat mit dem Immunsystem zu tun. Ha, wat haben wir gelacht. Immun wirste hier vielleicht auch – gegen alle Schikanen der Welt. ’Ne Beruhigungs-Zelle ist dat bloß für die Grünen.
Scheiße, mein linker Arm is’ ganz verdreht. Die Fesseln sind verdammt eng; hab die wohl im Schlaf verkantet. Der Rücken schmerzt. Die Decke is’ elend rau und hart – liegt ja auch direkt auf’m Beton. Wer mich jetzt wohl beobachtet?
Wie spät mag dat sein? Wann haben die mich eigentlich weggeschlossen? Warte mal! Dat muss so gegen zehn gewesen sein – oder…? Verdammt! Hab schon kein Zeitgefühl mehr. Wat soll dat noch werden? Die Kumpel sagen, du weißt nich’ mehr ob Sommer oder Winter is’. Aber mir soll’s egal sein. Sommer oder Winter, Tag oder Nacht; wat macht dat schon? Hab’ ich nix mit am Hut. Paul kriegt ihr damit nich’ klein.
Mann, wat bin ich müde! Sollen die doch glotzen – ich penn’ mir noch eins. Geht alles besser im Schlaf. Glotzt man schön. Hoffentlich hört die Knackerei da oben bald auf.
Kann nich’ pennen, Mist! Überall juckt’s mich. Und diese beknackte Lampe. Geh endlich kaputt, du Sauding. Glotzt nich’ so blöde, ihr Arschlöcher im Aquarium.
Leg’ meinen Kopf mal auf die linke Seite, würd’ ja gerne ganz links liegen – wie sonst immer. Die Mist-Fußfesseln lassen ja kaum ‘ne Bewegung zu. Ah, der Rücken. Und kalt is’ mir. Keine Decke – hab’ nichts an, außer diesem Papiermistding. Die spinnen, verdammt! Nich’ zittern, hat mein Kumpel gesagt, sonst frierste noch mehr.
Ach du grüne Scheiße! Wat is’ denn dat? Dat darf doch nich’ wahr sein. Ein Loch als Klo. Nich’ mal ‘nen Bello. Da haben sie nich’ von gesprochen, meine Kumpel – na warte! Mann, wie soll ich denn da drauf … Dat spritzt doch an die Beine. Kein Wasserhahn. Sauerei! Bin doch kein Franzose. Ich guck lieber nach rechts, dann seh’ ich dat Scheißloch wenigstens nich’.
Die Knacklampe macht mich noch wahnsinnig. Wenn ich die Knackerei mitzählen würde, hätt’ ich ‘ne Uhr. Ich lach’ mich tot! Mann, is’ mir kalt. – He, wat tut sich denn da? Ich fass et nich’! Auch dat noch! Mist, dat kommt von der Kälte. Ich muss! Ich muss! Oh Gott – oh Gott! Scheiße! Scheiße!
Lange kann ich dat nich’ mehr anhalten – ich kenn’ mich doch, dat wird ganz schnell immer schlimmer. Wie kann ich denen dat bloß sagen? Kann ja nich’ mal meine Arme richtig bewegen. Ich versuch’s mal mit der Hand. Sieht keiner, oder? Blöde Glotze, jetzt könnteste mal wat von mir rüber bringen.
Ich kann bald nich’ mehr. Beine zusammen kneifen. Luft anhalten. Hilfe, ich will mich nich’ bepinkeln. So wollt ihr mich klein kriegen, ihr Feiglinge? Mist, verdammter!

He, Grüner, wo kann ich hier auf Ampel geh’n? Alarm is’ hier wohl nich’, oder? Mensch, helft mir doch! Kopf hoch heben, ja. So, jetzt guckt mich gefälligst an. Ich sprech’ jetzt zu euch Arschlöchern – ganz langsam, dann könnt ihr’s von den Lippen ablesen. ICH MUSS. ICH MUSS. IHR ARSCHLÖCHER! ICH MUSS!

Die schwarze Katze
Erzählungen
von Eduard Breimann

Verlag Universal Frame
November 2004
Taschenbuch
128 Seiten
Grösse: 18.8 x 12 x 0.8 cm
ISBN 978-3952298107
Euro 11.80 (D)

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